close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

1 Wie ein Laib Brot oder ein Tonteller Essay über den - Contrapunkt

EinbettenHerunterladen
Wie ein Laib Brot oder ein Tonteller
Essay über den chilenischen Dichter Pablo Neruda und seinen
Grossen Gesang
Von Georg Geiger
Aracataca, so hiess eines jener unzähligen Dörfer nahe der
kolumbianischen Karibikküste, wo zu Beginn des 20.Jahrhunderts
das Bananenfieber grassierte, nachdem die United Fruit Company
riesige Plantagen angelegt hatte. Die zahllosen Aracatacas
stehen sinnbildlich für das unheilvolle Wirken der United
Fruit Company in ganz Lateinamerika. Mit dem Namen des USKonzerns verbinden sich Umweltvergehen, politische Umstürze
und Unterdrückung von Arbeitnehmerrechten. In seinem Roman
„Hundert Jahre Einsamkeit“ hat der kolumbianische
Schriftsteller Garcia Marquez detailliert das unheilvolle
Wirken des nordamerikanischen Multis in seinem Heimatland
beschrieben. Und der chilenische Dichter Pablo Neruda widmet
ihm in seinem Hauptwerk „Canto General“ ein eigenes Kapitel
mit dem nüchternen Titel „Die United Fruit Co.“
„die United Fruit Company
reservierte sich das Gehaltvollste,
meines Kontinents Zentralküste,
Amerikas lieblichen Gürtel.
Sie taufte ihre Ländereien
in ‚Bananen-Republiken’ um,
und über den ruhenden Toten,
den besorgten Helden,
die die Hoheit errungen,
die Freiheit und die Fahnen,
errichtete sie die Opera buffa:“
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges machte sich Pablo Neruda
mit seinem monumentalen Grossen Gesang auf die Suche nach der
kulturellen Identität eines ganzen Kontinents, der sich seit
500 Jahren der europäischen und später der US-amerikanischen
Ausbeutung und Diskriminierung ausgesetzt sah. Das
Freiheitsepos durchläuft in 15 Gesangszyklen mit über 15 000
Versen die Geschichtsepochen Lateinamerikas vom
vorkolumbianischen Paradieszustand über die Conquista durch
die Spanier ab 1492 und die Befreiungskriege des
19.Jahrhunderts bis in die Gegenwart mit dem mörderischen
Zusammenspiel zwischen einheimischer Elite und ausländischem
Kapital.
1
Dichtung ist Aufstand
In den 50-er Jahren des 20.Jahrhunderts war die Welt
bekanntlich in zwei sich bekämpfende Gesellschaftssysteme
getrennt, die beide von der Ueberlegenheit ihres Projektes
überzeugt waren. Der kommunistische Senator Neruda, der den
„Canto General“ auf der ständigen Flucht vor der chilenischen
Polizei schrieb, die ihn auf Grund des abrupten politischen
Kurswechsels des damaligen Präsidenten Gonzalez Videla zu
verhaften suchte, sah sein poetisches Werk als Teil jenes
weltweiten Kampfes der Systeme: „Dichtung ist Aufstand“,
stellt er in seinen Memioren „Ich bekenne, ich habe gelebt“
fest,und diesen Kampf hat Neruda nie anders verstanden „als
dass er ende“ mit dem Sieg der Unterdrückten: „Nach harter
Lehre durch die Aesthetik und dem Suchen durch die Labyrinthe
des geschriebenen Worts hindurch bin ich der Dichter meines
Volkes geworden.“
Das „Volk“ war zu dieser Zeit noch eine feste Grösse für das
Gute, das den Kampf gegen den übermächtigen Feind trotz der
alles überschattenden Weltkriegsgefahr siegreich bestehen
würde: „Ich schreibe in dem Bewusstsein, dass über unseren
Köpfen, über all unseren Köpfen, die Gefahr der Bombe schwebt,
der Atomkatastrophe, die niemanden und nichts auf der Erde
übriglassen würde. Doch das trübt meine Hoffnung nicht.“
Heute, im Jahre 2008, ist der Kalte Krieg vorbei, der
Kommunismus zusammengebrochen, der Wettlauf der Systeme
beendet. Doch die Dinge sind deshalb nicht einfacher geworden.
Der Triumph des kapitalistischen Westens hat nicht zum Ende
der Geschichte und somit zum Ende von Krieg und Gewalt
geführt. Die United Fruit Company ist zwar 1984 in Chiquita
Brands International umbenannt worden und bemüht sich seither,
das schwarze Image des Vorgängerkonzerns abzustreifen. Heute
legt das Unternehmen Wert darauf, von Umweltorganisationen
zertifiziert zu werden und auf seinen Bananenplantagen mit
hohen Umweltstandards und Arbeitnehmerrechten zu glänzen.
Umso mehr überrascht die Nachricht von Mitte März vergangenen
Jahres, dass Chiquita vom US-Justizministerium mit einer
Strafe in der Höhe von 25 Mio Dollar belegt wurde, weil das
Unternehmen in Kolumbien zwischen 1997 und 2004 rund 2 Mio
Dollar Schutzgeld vor allem an die berüchtigten
paramilitärischen „Einheiten zur Selbstverteidigung
Kolumbiens“ (AUC), aber auch an die Linksguerilla FARC gezahlt
hatte. Chiquita zahlte sogar noch weiter, nachdem die USRegierung die AUC 2001 als Terrororganisation eingestuft
hatte. Im Jahre 2004 hat Chiquita seine kolumbianischen
2
Bananenplantagen nach dem Schutzgeld-Skandal für mehr als 51
Mio Dollar an ein einheimisches Unternehmen verkauft.
Die Schocktherapie
Ist die Aktualität des „Canto General“ also vorbei ? Liefert
er zu einfache Antworten auf die heutigen Herausforderungen ?
Ist er in der Vertonung von Mikis Theodorakis aus dem Jahre
1974 noch singbar in einer Welt, in der die Volksmassen der
westlichen Industrienationen mit jedem Kauf eines
fernöstlichen Produkts dem heimischen Sozialstaat, den man
sich im Kalten Krieg erkämpft hat, eine Absage erteilen und
als sog.KonsumentInnen auch gar nicht wissen wollen, unter
welchen Verhältnissen Menschen in der kommunistischen
Volksrepublik China die Weihnachtsgeschenke für sie
herstellen? 80 Prozent der in der Schweiz gehandelten
Spielwaren kommen aus einer einzigen chinesischen Provinz mit
der Fläche kleiner als Rumänien und der Bevölkerungszahl
Russlands, Guangdong, wo 10 000 neue Fabriken die Kinderzimmer
Europas füllen, wo die ArbeiterInnen sieben Tage à 16 Stunden
Fliessband am Stück zu bewältigen haben und wo der
Monatsverdienst im Schnitt bei 60 Euro liegt. Ganz zu
schweigen von der fehlenden Sozialversicherung, dem
grauenhaften Essen, den Doppelstockbetten mit 12 Personen in
einem Raum, den Räumen ohne Klimaanlage und den fehlenden
Schulen für die Kinder der FabrikarbeiterInnen.
Als Plädoyer der Völker Lateinamerikas gegen den YankeeImperialismus kann der „Canto General“ nicht mehr unbedarft in
die heutige Zeit versetzt werden. Nerudas Anlehnung an die
kommunistische Weltbewegung war reichlich blauäugig. Der 1973
zwei Wochen nach dem Pinochet-Putsch in Chile verstorbene
Autor musste sich nicht mehr den Herausforderungen des Jahres
1989 stellen. Doch es gibt ein anderes historisches
Koordinatensystem, welches die Brisanz von Nerudas politischer
Empörung unterstreicht und welches eine erschreckende
Kontinuität globaler ausbeuterischer Machtmechanismen zu Tage
treten lässt.
Die kanadische Publizistin Naomi Klein stellt in ihrem
neuesten Buch „Die Schock-Strategie – Der Aufstieg des
Katastrophen-Kapitalismus“ das Jahr 1973 an den Anfang ihrer
Ueberlegungen. Der Putsch in Chile vom 11.September 1973
begründet ihrer Ansicht nach eine neue Epoche, die durch 1989
nicht verschwand, sondern sich eher noch verdeutlichte. Es war
das erste Beispiel für eine Verbindung von politischer Gewalt
– Putsch und Folter – mit marktradikalen, neoliberalen
Reformen, deren katastrophale Ergebnisse heute weltweit
3
bilanziert werden müssen: „Wie man eine grosse Krise oder
einen Schock ausnutzt, lernte Friedman Mitte der siebziger
Jahre, als er den chilenischen Diktator General Augusto
Pinochet beriet. Nach Pinochets blutigem Militärputsch
befanden sich die Chilenen nicht nur in einem Schockzustand,
das Land war auch durch eine schwere Hyperinflation
traumatisiert. Friedman empfahl Pinochet einen Umbau der
Wirtschaft im Schnellfeuertempo – Steuerkürzungen, Freihandel,
Privatisierung von Dienstleistungen, Einschnitte bei den
Sozialausgaben und Deregulierung. Und dann mussten die
Chilenen auch noch mit ansehen, wie ihre öffentlichen Schulen
durch private ersetzt wurden, die sich über Gutscheine
finanzierten. Es war der extremste kapitalistische Umbau, der
irgendwo jemals versucht worden war, und er wurde als die
Revolution der Chicagoer Schule bekannt, da so viele von
Pinochets Wirtschaftsexperten bei Friedman an der University
of Chicago studiert hatten. Friedman sagte voraus, dass das
Tempo, die Plötzlichkeit und die Bandbreite der Veränderungen
psychologische Reaktionen in der Oeffentlichkeit provozieren
würden, die ‚die Anpassung erleichtern’. Für sein
schmerzhaftes Vorgehen prägte er den Ausdruck: wirtschaftliche
‚Schockbehandlung’. Wann immer in den Jahrzehnten seither
Regierungen einen umfassenden Wechsel zur freien
Marktwirtschaft durchgesetzt haben, war die Schockbehandlung
oder ‚Schocktherapie’ die Methode der Wahl.“
Ein Evangelium unserer Zeit
Eines ist klar: Der „Canto General“, den die Chorgemeinschaft
Contrapunkt im Herbst dieses Jahres im Basler Volkshaus nun
zum dritten Mal singen wird, ist nicht mehr derselbe wie die
Schweizer Erstaufführung vom November 1981 in der
Matthäuskirche, denn wir sind nicht mehr der Jugendchor von
damals und die Welt ist auch eine andere geworden. Gleich
geblieben ist die Textauswahl aus Nerudas Werk und auch die
Musik des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis könnte
wohl immer noch so umschrieben werden, wie es der inzwischen
verstorbene Schriftsteller Jürg Weibel am 11.November 1981 in
der Basler Zeitung so eindrücklich versuchte: „Die Musik von
Theodorakis vereint volksmusikalische Elemente aus den Anden
und Griechenlands mit sakralen Klängen und vor allem mit der
Ruhe und Schwere von Kirchenchorälen, die manchmal entfernt an
gregorianische Gesänge erinnerten. Beschwingtere
Wechselgesänge zwischen Chor und Alt oder Bariton wurden
abgelöst durch Passagen, in denen die dumpfe indianische
Trommel zusammen mit der Pauke das erdbezogene Gefühl im
Menschen symbolisierte, während darüber die hellen Altstimmen
4
des Chors zu schwierigen Tonsprüngen ansetzten, die das Leben
über der Erde in den höheren Zonen der Vegetation
versinnbildlichend anzeigten. Das Ensemble der begleitenden
Instrumente Gitarre, E-Gitarre, Bouzouki, Bass, zwei Pianos
und Perkussion schuf jene wichtige Spannung, die den Stimmen
des Chors sowie der Einzelsänger sowohl mehr Resonanz verleiht
als sie auch von einem Gesang in den andern hinüberträgt.“
Unsere Ohren hören nicht mehr die gleiche Musik wie vor 27
Jahren, denn wenn sich die Kunst allzu direkt in den Dienst
der Politik stellt, so werden wir heute schneller
misstrauisch, und dies aus guten Gründen. Für Theodorakis war
das alles noch viel einfacher. So äusserte er sich
folgendermassen über die Entstehung des „Canto General“:
„Natürlich war das ein Wunsch, der schon lange in mir keimte.
Canto General ist für mich so etwas wie ein Evangelium unserer
Zeit. Neruda offenbart darin seine kämpferische Seele. Diese
Dichtung erfasst die geschichtlichen Ereignisse seines Landes
mit einer verblüffenden Unmittelbarkeit. Diese Dichtung sollte
den Menschen helfen, Krisenzeiten zu überwinden, sie sollte
helfen, das Recht auf der Welt durchzusetzen. Neruda stellte
sie bewusst in den Dienst der Weltrevolution, der Revolution
der Völker für Freiheit, Unabhängigkeit, Demokratie.“
Ein Dichter der freien Natur
Was sagt uns Neruda heute? Was spricht uns von seiner
Literatur an, was lesen wir heute gelassen kritischer? Und
warum führen wir sein Werk trotz alledem wieder auf? Lassen
wir uns bei der Beantwortung dieser Frage von Thomas Mann
leiten, der im Zusammenhang mit dem Dichterfürsten J.W.Goethe
meinte: „Er ist einer der ganz Grossen, aber er ist wie wir.“
In der ungarischen Ortschaft Ormansag, so weiss der
italienische Germanist Claudio Magris in seinem Donaubuch zu
berichten, soll ein Kandidat für das Amt des Richters, der von
der zuständigen Kommission befragt wurde, ob er lesen und
schreiben könne, geantwortet haben: „Lesen und schreiben kann
ich nicht, aber singen!“ Singen wiederum war nicht so sehr
Nerudas Ding, dafür umso mehr das Schreiben, das für ihn das
Normalste, das Alltäglichste und das Schönste im Leben war:
„Der Dichtung am ähnlichsten ist ein Laib Brot oder ein
Tonteller oder ein wenn auch von ungeschickter Hand liebevoll
bearbeitetes Stück Holz“, meint er in seinen Memoiren. Es gibt
darin eine wunderbare Stelle, in der er sich an seine Kindheit
und an sein erstes Gedicht erinnert:
„Ich gehe hinaus aufs Feld und wandere, wandere. Verirre mich
auf dem Nielol-Hügel. Ich bin allein, habe die Tasche voller
5
Käfer. In einer Büchse trage ich eine frischgefangene behaarte
Spinne. Droben sieht man den Himmel nicht. Der Urwald ist
immer feucht, ich rutsche aus; plötzlich schreit ein Vogel, es
ist der Gespensterschrei des Chucao. Von meinen Füssen steigt
eine erschreckende Warnung auf. Nur die CopihueSchlingpflanzen sind erkennbar wie Blutstropfen. Ich bin ein
winziges Wesen unter den Riesenfarnen. Vor meinem Mund fliegt
eine Ringeltaube mit trockenem Flügelschlag vorüber. Weiter
oben verspotten mich andere Vögel mit heiserem Gelächter.
Mühsam finde ich meinen Weg. Es ist schon spät.
Mein Vater ist noch nicht da. Er kommt erst um drei oder vier
Uhr morgens. Ich gehe in mein Zimmer hinauf. Ich lese Salgari.
Der Regen entlädt sich wie ein Katarakt. In einer Minute
füllen Nacht und Regen die Welt. Hier bin ich allein und
schreibe Verse in mein Rechenheft. Am nächsten Morgen stehe
ich früh auf. Die Pflaumen sind grün. Ich springe auf die
Hügel hinauf. Ich habe eine Tüte mit Salz bei mir. Ich
erklimme einen Baum, richte mich bequem ein, beisse behutsam
ein Stück aus einer Pflaume, salze sie ein. Ich esse sie. Und
so hundert andere. Ich weiss, dass es zu viele sind.“
Diese Szene hilft, den 1904 im Süden Chiles geborene Sohn
eines Lokomotivführers und einer früh verstorbenen
Volksschullehrerin etwas besser zu verstehen, der eigentlich
Neftali Ricardo Reyes Basualto hiess und schon als
Sechzehnjähriger das Pseudonym Neruda von einem heute
halbvergessenen tschechischen Autor übernahm: Die Natur
erlebte er in einer Mischung aus Ueberwältigung, Ehrfurcht,
Inspiration und Abenteuer. Sein ganzes dichterisches Werk ist
geprägt von der Auseinandersetzung mit der unermesslich
fruchtbaren und furchtbaren Kraft der Natur, die zu bändigen
ihm nur in der Welt der literarischen Metaphern für kurze
Augenblicke gelang. „Bis heute bin ich ein Dichter der freien
Natur, des kalten Urwalds, den ich damals verlor“, meint er an
einer anderen Stelle in seiner Autobiographie. Das zeigt sich
auch an vielen Stellen im „Canto General“. Neruda begegnet der
Natur nicht mit Ungeduld, wie das Bertolt Brecht von sich
selbst gesagt hat. Er nimmt sich die Zeit, um auf die Tiere,
das Wetter, das Meer, den Regen, ja vor allem den Regen, die
Berge und die Pflanzen zu schauen, und das mit Neugier,
Sorgfalt und profundem Wissen. Wunderschön, das 12.Kapitel
„Botanik“ im 7.Gesang des „Canto General“: Eine einzige Hymne
an die Pflanzen, an den wohltuenden Bolder, den mannshohen
Beifuss, den wartenden Goldfingerhut, den magischen Zimtbaum,
das ländliche Delgadilla-Gras, die unenträtselbare
Doccapflanze, den glänzenden Klatschmohn, die augenfällige
Sumpfpappel, das schutzlose Pfefferkraut und die schlafende
Steineiche.
6
Doch aus der Grossen Mutter Natur wird ein ohnmächtiges Opfer,
das sich beim Einmarsch des spanischen Konquistadors Gonzalo
Jimenez de Quesado im Jahre 1536 nicht mehr wehren kann:
„Sie kommen schon, sie kommen, nun kommen sie,
o mein Herz, sieh die Segelschiffe,
die Schiffe auf dem Magdalena,
die Schiffe des Gonzalo Jimenez,
sie nahen schon, schon nahen die Schiffe,
Fluss, halte sie an, schliess
Deine verschlingenden Ränder,
versenke sie in dein Pulsen,
entreisse ihnen die Habsucht,
schleudere deinen Feuerrüssel auf sie...“
Alle dem Fluss innewohnenden Kräfte werden nun aufgerufen zum
Widerstand: Die bluthungrigen Wirbeltiere, die augenfressenden
Aale, der gepanzerte Kaiman, der feurige Jaguar, die
Blutfliegen und die Krebse. Doch vergeblich. Die Eindringlinge
gelangten bis ins Innerste des Landes und überhörten das
„Halte ein“ des hoheitsvollen Flusses. Uebrig blieb ein
geplünderter Kontinent und eine geschundene Natur, die zum
Sorgenkind geworden war: „Der Urwald lag im Sterben.
Erschrocken hörte ich sein Wehklagen, als wäre ich hierher
gekommen, um die ältesten Stimmen wahrzunehmen, die nie mehr
ertönen würden.“ Mit diesen Worten beschreibt Neruda in seinen
Memoiren den Regenwald rund um ein unbewohntes Sägewerk, das
er 1950 auf der Flucht vor der Polizei als Versteck aufsuchte
und wo früher Eisenbahnschwellen für Schweden hergestellt
wurden. Mensch und Natur gingen durch die Aktivitäten der
„Advokaten des Dollars“ vor die Hunde. Und wenn Neruda im
5.Gesang „Der verratene Kampfplatz“ im Kapitel „Die Standard
Oil Co.“ das globale Wüten multinationaler Konzerne
beschreibt, so liesse sich das darin beschriebene Geschehen
leicht in den heutigen Irak oder ins Nigerdelta ansiedeln:
„Sie kaufen Länder, Völker, Meere,
Polizeigewalten, Abgeordnete,
entlegene Gebiete, in denen
die Armen ihren Mais so hüten
wie die Geizigen das Gold:
die Standard Oil scheucht sie auf,
steckt sie in Uniformen, weist ihnen,
wer der feindliche Bruder ist...“
Neben der politischen Weitsicht, was die globalen Mechanismen
der Ausbeutung der Länder der südlichen Hemisphäre durch die
7
reichen westlichen Industrienationen anbetrifft, gibt es noch
eine andere, feinere, weniger offensichtliche Sprengkraft in
Nerudas Beschreibung der Natur. Die Huldigung der unbändigen
Naturkräfte hat schon fast etwas Spirituelles an sich. Der
Mensch steht fasziniert und demütig vor dem Zauber der Natur
und fühlt sich dabei nicht als Zuschauer oder Eroberer,
sondern als Teil des Ganzen:
„Türme von Vögeln und Federn
und ein Wirbel helltönender Einsamkeit
erhoben sich aus den Schluchten,
während in der feuchten Geborgenheit
zwischen den krausen Mähnen
der Riesenfarne die erblühte Topa-Topa-Blume
ein Rosenkranz von gelben Küssen war.“
In dieser Naturbeschreibung steckt eine politisch absichtslose
Aesthetik,die dazu dient, die den Menschen weit übersteigende
Kraft des Organischen in Worte zu fassen. In Nerudas Sprache
finden wir eine Art intuitives ökologisches Bewusstsein, das
wir auch heute im Zeitalter der Klimaerwärmung und des
Treibhauseffektes pflegen sollten. Seine Sprache widersteht
immer wieder der Entfremdung, vor allem auch, wenn er die
Kraft des Lebens als erotische Kraft schildert. Dabei verwebt
er den Eros des einzelnen Menschen unauflöslich mit der
Gesellschaft und mit der ganzen Umwelt, in der die Menschen
leben. So beginnt etwa das Kapitel „Kleines Amerika“ in der
späten Liebeslyrik-Sammlung „Die Verse des Kapitäns“ von 1952
mit den Worten:
„Beschau ich auf der Karte
die Form Amerikas,
Liebe, so sehe ich dich:
Die Kupfergebirge auf deinem Haupt,
die Brüste, Schnee und Weizen,
dann deine schlanke Taille,
flinke Füsse, pulsierend, sanfte
Hügel und Wiesen,
und im Frost des Südens schliessen deine Füsse
die Geographie zwiefachen Goldes.“
Im Banne der mystischen Glaubensgemeinschaft
Im Bereich des Politischen erscheint Neruda heute als eine
sehr zwiespältige Figur. Er hat sich leider nicht mehr mit der
Empfehlung des italienischen Autors Claudio Magris
auseinandersetzen können,der die Herausforderungen des
politischen Kampfes in der unheilvollen Hitler-Stalin-Zeit
8
folgendermassen bilanziert: „Ein politischer Kampf impliziert
keine mystische Glaubensgemeinschaft, die alles enthält und
erfasst, sondern ist ein Tagwerk, das die Erde nicht ein für
allemal erlöst, das Fehlern und Irrtümern ausgesetzt ist, die
man zu korrigieren bereit sein muss.“
Gerade dazu war Neruda nicht bereit. Das wird in seiner
Autobiographie dort deutlich erkennbar, wo er die Anfänge der
Arbeit am „Canto General“ schildert: „Die Berührung mit
Spanien hatte mich gestärkt, und ich war gereift. Die bitteren
Stunden meiner Dichtung mussten ihren Abschluss finden. Der
schwermütige Subjektivismus meiner „Zwanzig Liebesgedichte“
und die schmerzliche Leidenschaft von „Aufenthalt auf Erden“
gingen ihrem Ende zu. Mir schien, als wäre ich einer
unterirdischen Ader auf der Spur, nicht im unterirdischen
Gestein, sondern zwischen den Blättern der Bücher. Kann
Dichtung unseresgleichen nützen? Kann sie die Kämpfe der
Menschen begleiten? Lange genug war ich auf dem Gelände des
Irrationalen und Negativen gewandelt. Ich musste einhalten und
den Weg des Humanismus finden, der verbannt war aus der
Zeitgenössischen Literatur und doch so tief verwurzelt im
Trachten der Menschen.
Ich machte mich an meinen ‚Grossen Gesang.’
Dafür benötigte ich einen Arbeitsplatz. Ich fand ein Steinhaus
am Ozean,in einem völlig unbekannten Ort namens Isla Negra.“
Mit dem irrationalen und negativen Gelände ist wohl Nerudas
literarisches Schaffen während seiner Zeit als chilenischer
Honorarkonsul in Rangun, Colombo, Batavia und Singapur
zwischen 1927 und 1932 gemeint: „Aus diesen Gründen
beeindruckte mich der Osten als eine grosse, unglückselige
menschliche Familie, ohne dass ihre Riten und ihre Götter sich
in meinem Bewusstsein niederschlugen. Ich glaube daher nicht,
dass meine Dichtung von damals etwas anderes spiegelte als die
Einsamkeit eines in eine gewalttätige Welt verpflanzten
Ausländers.“
Schade, dass Neruda diese am eigenen Leib erfahrene Einsamkeit
als so nichtig erachtet, wo doch gerade die schlichte
Schilderung seiner Not tief bewegt, wenn er etwa in
„Aufenthalt auf Erden“ schreibt:
„Nichts Ueberstürztes ist, nichts Frohes, nicht eine stolze
Form, /
offenkundige Armut weisend, alles tritt zutage,
das Licht der Erde bricht nicht wie Glockenruf
aus ihren Lidern, wie Tränen eher:“
9
Es wirkt auch nicht lebensverachtend, wenn er an einer anderen
Stelle gesteht:
„Es geschieht, dass ich überdrüssig meiner Füsse,
meiner Nägel bin,
und meines Haars und meines Schattens!
Es geschieht, dass ich müde bin, Mensch zu sein!“
Und auch in „Ich bekenne, ich habe gelebt“ kommt er nicht drum
herum, bewegende kleine, aber nachhaltig wirkende Begegnungen
in der Fremde zu schildern: „Schritt für Schritt lernte ich
die Insel kennen. Eines Nachts durchquerte ich all die dunklen
Vorstädte von Colombo, um an einem Festmahl teilzunehmen. Aus
einem dunklen Haus drang die Stimme eines Kindes oder einer
Frau, die sang. Ich liess die Rikscha halten. An der
armseligen Tür überfielen mich Ausdünstungen. Ceylons
unverwechselbarer Geruch: ein Gemisch aus Jasmin, Schweiss,
Kokosöl, Rotem Jasmin und Magnolien. Die dunklen, in der Farbe
und dem Geruch der Nacht verschwommenen Gesichter luden mich
ein hereinzukommen. Ich setzte mich still auf die
Matten,während die geheimnisvolle menschliche Stimme, die mich
zum Bleiben veranlasst hatte, weitersang, eine Kinder- oder
Frauenstimme, zitternd und schluchzend, die bis zum Unsagbaren
aufstieg, plötzlich abbrach,hinabstieg bis sie dunkel wurde
wie die Finsternis, sich mit dem Duft des Roten Jasmin
vermengte, sich zu Arabesken wand und jäh abfiel – mit all
ihrem kristallinen Gewicht -,als habe der höchste der
Wasserstrahlen den Himmel berührt, um gleich wieder in die
Jasminblüte zurückzustürzen.
Lange Zeit sass ich so, starr vom Zauber der Trommeln und der
betörenden Stimme, dann zog ich weiter, trunken vom Rätsel
einer unauslotbaren Empfindung, eines Rhythmus, dessen
Geheimnis sich aus der ganzen Erde löste. Einer tönenden, in
Schatten und Duft gehüllten Erde.
Die Engländer sassen bereits am Tisch, in Schwarz und Weiss
gekleidet.
‚Verzeihen Sie. Ich habe unterwegs angehalten, um Musik zu
hören’, erklärte ich.“
Sicher: Menschlich, sprachlich, gesellschaftlich, kulturell
isoliert und in erbärmlicher ökonomischer Armut fühlte sich
Neruda im Fernen Osten verlassen und verloren. Es musste etwas
geschehen. Nachdem er 1932 endlich nach Chile zurückkehren
konnte, kam er 1934 nach Spanien, zuerst nach Barcelona und
dann im Februar 1935 nach Madrid. „Die eineinhalb Jahre bis
zum Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges sind die
erfolgreichsten und schönsten in seinem Leben. Er fühlt sich
wie neu auf der Welt, nimmt alles begierig auf, was sich ihm
10
bietet an Kunst und Kultur, an literarischer Theorie und
politischer Verwirklichung, an Politik und Ideologie“,
schreibt Karsten Garscha in seinem Artikel aus Anlass des
100.Geburtstages von Pablo Neruda. Nun macht er sich als
Schriftsteller international einen Namen und wird von der
Generation der spanischen Dichter um Federico Garcia Lorca und
Rafael Alberti als einer der Ihren begrüsst. Er trennt sich
von seiner ersten Frau, der Holländerin Maria Antonieta
Hagenaar, die er 1930 auf Java geheiratet hat und lebt von nun
an mit der Argentinierin Delia del Carril zusammen.
Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges und die Ermordung
des verehrten Dichterfreundes Garcia Lorca erschütterten
Neruda bis ins Mark und waren verantwortlich für seine
politische Radikalisierung: „Wenn ich auch mein Parteibuch
erst viel später, in Chile, erhielt, als ich offiziell in die
Partei eintrat, empfand ich mich doch während des
Spanienkrieges schon endgültig als Kommunist.“ Im letzten
Kapitel des „Canto General“ fasst Neruda nochmals die
Hauptantriebskräfte seines Schaffens zusammen, wie sie sich
wohl schon in den 30-er Jahren in Spanien abgezeichnet haben:
Kraft und Zorn.
„Hier endet dieses Buch. Es ging
aus dem Zorn hervor wie eine Glut, wie flammende
Wäldermassen, und ich wünsche,
dass es fortdauern möge wie ein roter Baum,
der seinen hellen Feuerkreis verbreitet.
Doch nicht Zorn allein fandest du
in seinem Geäst: nicht nur das Leid
suchten seine Wurzeln, sondern die Kraft,
und Kraft bin ich aus denkendem Stein,
Freude vereinter Hände.“
Eines, wenn nicht vielleicht das eindrücklichste Gedicht, das
Neruda je verfasst hat, schildert diese zornige Politisierung.
Es heisst „Erklärung einiger Dinge“ und es macht deutlich, wie
Neruda von den gewaltsamen Ereignissen geradezu überwältigt
wurde, sodass auch seine Sprache ins Stocken gerät angesichts
der Ungeheuerlichkeit der Ereignisse:
„Und eines Morgens brachen Flammen aus allem,
und eines Morgens stiegen lodernde Feuer
aus der Erde,
verschlangen Leben,
und seither Feuer,
Pulver seither,
11
und seither Blut.“
Verständlich,dass Neruda nach diesem Schock, der vom Ausbruch
des Zweiten Weltkrieges abgelöst wurde, die Literatur in den
Dienst des antifaschistischen Kampfes zu stellen versuchte.
Bedauerlich aber ist es trotzdem, dass er sich deswegen sogar
im „Canto General“ pathetisch von seiner literarischen
Jugendzeit distanzieren muss:
„Was tatet denn ihr, Gideaner,
ihr Intellektualisten, Rilkeaner,
Mystifizierer, unwahre existenzialistische
Gaukler, surrealistische,
im Grab entflammte
Blüten Mohns, europäisierte
Modekadaver,
bleiche Maden im Käse
des Kapitalismus, was tatet denn ihr
gegenüber der Herrschaft der Angst,
angesichts jenes dunklen Menschenwesens,
jener mit Füssen gestossenen Bescheidenheit,
jenes im Kot versunkenen
Hauptes, dieses Seins
harter zertretener Leben?“
1945,zu Beginn des Kalten Krieges, wird Neruda in Chile zum
kommunistischen Senator gewählt. 1949 wird er zum Mitglied des
kommunistischen Weltfriedensrates ernannt und 1953 erhält er
in Moskau den Stalinpreis. Nun hat er sich ganz dem
stalinistischen Machbarkeitswahn des Neuen Menschen
verschrieben, was sich im 9.Gesang „Holzfäller,wach auf“ des
„Canto General“ in einer peinlichen und entwürdigenden
Lobeshymne auf Josef Stalin niederschlägt:
In drei Räumen des alten Kreml
lebt ein Mensch mit Namen Josef Stalin.
Spät verlöscht das Licht in seinem Zimmer.
Die Welt und sein Vaterland geben ihm keine Ruhe.
Andere Helden brachten wohl ein Vaterland hervor,
er überdies aber half, das seine zu entwerfen,
zu erbauen
und zu verteidigen.
Sein ungeheures Land ist darum Teil von ihm selbst,
und er kann nicht ausruhn, weil es nicht ausruht.“
Pablo Neruda hat sich nie selbstkritisch mit dieser
unheilvollen mystischen Glaubensgemeinschaft, dem Scheitern
des politischen Projekts „Kommunismus“ und dessen furchtbarem
12
Führer auseinandergesetzt. So bemerkt er in seinen Memoiren
dazu lediglich: „Für uns Kommunisten war die Einsicht, dass
der Feind in manchen Aspekten des Problems Stalin recht hatte,
eine private Tragödie.“
Zum Glück gibt es auch im „Canto General“ etliche Stellen, wo
sich Neruda diesem politischen Machbarkeitswahn entzieht,
etwa, indem er den 9.Gesang mit den Verszeilen enden lässt:
Ich komme nicht, etwas zu lösen.
Ich kam hierher, um zu singen
und auf dass du mit mir singst.“
Diesseits der Schwelle von 1989 lässt sich leicht reden über
die politischen Fehler, die während der bleiernen Zeit des
Kalten Krieges begangen wurden. Bleiben wir bei unserer Kritik
des politischen Opportunisten Neruda, was sein Verhältnis zum
Stalinismus betrifft, aber hüten wir uns davor, ihn deshalb
als Mensch, Poet und Politiker pauschal zu verurteilen
Die Architektur des Schreibens
Auf Isla Negra fand Neruda wie bereits erwähnt ein Haus direkt
am Meer, als er sich an den „Grossen Gesang“ machte. „Schmale
Türen und Durchgänge, gewölbte Holzdecken, Riemenböden,
Flaschenschiffe, Bugfiguren, mit Schnitzereien verzierte
Pottwalzähne, Sand in Flaschen, eine Muschelsammlung: Nerudas
Vorliebe fürs Nautische ist in diesem Haus besonders
auffällig. Der touristische Rummel ist beträchtlich. Neruda
und Matilde Urutia sind im Garten beigesetzt.“ So beschreibt
Georg Sütterlin in der NZZ vom 10.November 2007 das Haus, das
Neruda 1937 bezog. Auch in La Sebastian steht ein verwinkeltes
Haus von Neruda voller Nischen, Absätze und Stufen. „Die Enge
dees fünfstöckigen Turmhauses wird durch eine grandiose
Panoramasicht auf Unterstadt, Hafen und die weite,
geschwungene Bucht wettgemacht.“ Das Haus wurde von der
Militärregierung Pinochets geplündert und konfisziert, heute
ist das Haus im Besitz der Neruda-Stiftung und steht seit 1992
dem Publikum offen.“ In La Chascona in Santiago de Chile steht
jenes Haus, das Neruda 1953 für seine dritte Frau Matilde
Urutia baute. Auch hier wieder dasselbe architektonische
Muster: „Neruda hat das Anwesen weitgehend selber entworfen,
es verrät eine Vorliebe für verwinkelte Räume, enge
Durchgänge, niedrige Decken und übergrosse Fenster“, schreibt
Sütterlin.
13
So wie Neruda gebaut und gewohnt hat, so hat er geschrieben:
Mit unendlich viel Liebe fürs Detail, für das liebevolle
Sammeln der Dinge dieser Welt, und mit einem pathetischen Hang
für den grandiosen Ausblick, ohne dabei der Blick für das
Kleine zu verlieren, wie in seinen Memoiren deutlich wird:
„Bauern und Fischer meines Landes haben seit langem die Namen
der kleinen Pflanzen, der kleinen, nun namenlosen Blumen
vergessen. Nach und nach haben sie sie vergessen, und die
Blumen haben langsam ihren Stolz verloren. Sie gerieten
unansehnlich durcheinander wie die Steine, welche die Flüsse
aus dem Andenschnee bis an die unbekannten Küsten mit sich
führen. Bauern und Fischer, Bergbauarbeiter und Schmuggler
sind ihrer eigenen Rauheit treu geblieben, dem unablässigen
Sterben und Auferstehen ihrer Pflichten, ihrer Niederlagen.
Düster ist es, Held noch unentdeckter Gebiete zu sein; wahr
ist, dass in ihnen, in ihrem Gesang nur das namenloseste Blut
leuchtet und die Blumen, die keiner kennt.
Unter diesen ist eine, die mein ganzes Haus überwuchert hat.
Es ist eine blaue Blume von langer, stolzer, glänzender und
widerstandsfähiger Gestalt. Auf ihrer äussersten Spitze
balancieren die vielfältigen kleinen infra- und ultrablauen
Blüten.Ich weiss nicht, ob es allen Sterblichen vergönnt sein
wird, das erhabenste Blau der Welt zu betrachten. Soll es nur
wenigen offenbart bleiben? Wird es verschlossen bleiben,
unsichtbar für andere Menschenwesen, denen irgendein blauer
Gott diese Betrachtung verwehrt hat? Oder handelt es sich hier
um meine eigene Freude, genährt in der Einsamkeit, verwandelt
in Stolz und darauf versessen, diesem Blau, dieser blauen
Welle, diesem blauen Stern im verlassenen Frühling zu
begegnen?“
Noch am Tag des 11.September 1973 geht der krebskranke Neruda,
der die Ermordung seines Freundes Salvador Allende nur um
knappe zwei Wochen überleben wird, seinen alltäglichen
Beschäftigungen im Hause nach, und wir erkennen in den
Schilderungen von Curt Meyer-Clason im Nachwort von „Ich
bekenne, ich habe gelebt“ eben jenen Grossen wieder, der so
ist wie wir alle: „Am 11.September schaltet Neruda um sieben
Uhr morgens das Radio ein. Er war Frühaufsteher, das Ehepaar
frühstückte um halb acht, dann wurden alle Zeitungen gelesen;
von elf bis zwei wurde gearbeitet, Mittagessen um halb drei,
danach Siesta; später kamen Freunde, ein jeder trieb sich nach
Belieben im Haus oder Garten herum; Neruda liebte lange
Lektüren, gegen Abend gemeinsamer Apéritif, Abendessen,
ausgedehnte Gespräche; Nachtruhe nicht vor zwei Uhr. Neruda
war Feinschmecker, er ass, trank, lachte gern, Matilde war
eine erfinderische Kochkünstlerin. Nichts, niemand konnte
Neruda bei der Arbeit stören, das Haus wimmelte von Tieren,
14
Federvieh, Hunden. Frühmorgens sangen im Schlafzimmer die
Kanarienvögel. ‚Schreiben ist für mich eine Arbeit wie
Schuhemachen, man tut sie nie besser, nie schlechter.’“
15
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
7
Dateigröße
30 KB
Tags
1/--Seiten
melden