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Fw: [SZ, jW] Irokesen und Demokratie: Wie herrschaftslose - CL-Netz

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http://www.cl-netz.de/read.php?id=51497
Anarchie
Greenhouse/JPBerlin <greenhouse ät jpberlin.de>
1. Nov 2005 19:36
Fw: [SZ, jW] Irokesen und Demokratie: Wie herrschaftslose Gesellschaften
die Amerikanische Revolution inspirierten
http://www.sueddeutsche.de/sz/2005-08-08/politik/
SZ vom 08.08.2005 - Süddeutsche Zeitung
Fortschrittliche Barbaren
Der Einfluss der Indianer auf die amerikanische Gesellschaft
Der indische Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen beklagte einmal ein "implizitesElement von Rassismus in der
ausschließlichen Reduktion der westlichen Zivilisation auf diegriechische", und das insbesondere in Bezug auf die
Begründung der Demokratie. Japan,China, Afrika, die islamischen Philosophen und nicht zuletzt Indien hätten mit einer
vom"Westen" nicht zur Kenntnis genommenen eigenen Tradition zu einer Kultur der Toleranz unddes Dialoges
Wesentliches beigetragen.
Er hätte als Beispiel auch die nordamerikanischen Indianer zitieren können:"Irokesen und Demokratie" lautet der Titel
einer spannenden Untersuchung der Frage, ob dieIndianer Geist und Buchstaben der historischen Verfassung von 1787
mit beeinflusst haben. Schon dieFrage selbst ist eine massive Herausforderung an das gängige Selbstverständnis
Einmöglicher indianischer Beitrag gilt als völlig indiskutabel. Dabei berufen sich diewenigen Verfechter dieser Hypothese
auf keinen geringeren als Benjamin Franklin, dem die ihnbeeindruckende Föderation der "sechs Irokensenstämme" zum
Vorbild für dasföderalistische Konzept des Bundesstaats gedient habe.
Der gelernte Ethnologie und historisch gebildete Soziologe Thomas Wagner macht einenüberzeugenden Umweg, um
die Einflussthese zu überprüfen. Sein Ausgangspunkt ist dieinnere Verfassung der indianischen Gesellschaften, ihre
politische Struktur, deren "regulierteAnarchie" er auf den politologischen Begriff der "egalitären
Konsensdemokratie"bringt: im Wesen herrschaftsfeindlich, intern auf friedliche Verhandlungslösungen angewiesen,im
Geschlechterverhältnis symmetrisch und pluralistisch hinsichtlich der Akzeptanzunterschiedlicher tribaler Identitäten.
Das Verhältnis der nordamerikanischen Kolonisten zu den Indianern sei während der 150Jahre vor und auch noch in
den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit keineswegsüberwiegend feindselig gewesen, vielmehr habe die
intime Erfahrung bei ihnen jenedemokratisch-egalitäre, "anti-autoritäre" Haltung mit erzeugt, die sich dannrevolutionär
gegen England richtete. In der Indianer-Folklore fand die junge Gesellschaft ihreerste nicht-europäische Identität: Eine
selbstbestimmte freie Lebensform war möglichund alles andere als utopisch - wobei es nicht wenige Überläufer gab, die
indianischeFreiheit dem Leben in der Kolonialgesellschaft vorzogen. Die Begegnung der Amerikaner mit der"politischen
Kultur" akephaler (staatenfreier) Gesellschaften, von Wagner reichhaltig undfaszinierend, wenngleich nicht durchweg
überzeugend belegt, wirkte untergründig langenach. Die positiven Impulse sind zwar direkt für die säkulare Erfindung
derföderalistischen Verfassung nicht nachweisbar - aber die These bekommt aus der Sicht Wagnerseine nicht zu
leugnende Plausibilität.
Für die amerikanische Mehrheit waren die Indianer seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhundertsfeindselige Wilde und
Barbaren: Sie hatten den taktischen Fehler gemacht, sich im Krieg von 1812 mitden Engländern zu verbünden, und die
zunehmend selbstbewusste politische Gesellschaftbrauchte sie nun nicht mehr zur Herausbildung eines eigenständigen
Amerikanismus. Aber positiveLangzeitwirkungen gab es dennoch. Eine der interessantesten ist die Bedeutung, die die
frühenethnologischen Irokesenstudien für die amerikanische Frauenbewegung im 19. Jahrhunderterlangten. Der
Gleichheitsnachweis für Frauen bei den Indianern bedeutete für dieFeministinnen eine entschiedene Ermutigung und
explizite Rechtfertigung für ihreradikaldemokratischen Forderungen.
Am Schluss verrät uns Wagner sein politisches Erkenntnisinteresse: dass nämlich "dieSelbstorganisationsformen
akephaler Gesellschaften vielerorts ein regelmäßigunterschätztes Befriedungs- und Demokratisierungspotential
enthalten". Hinter derarrogant-professionellen Zurückweisung jeglichen indianischen Einflusses auf die Gestalt
deramerikanischen Republik verberge sich letztlich "die auch in jüngerensozialwissenschaftlichen Diagnosen wieder
offenbare Fixierung auf die Pazifizierungskraftstaatlicher Institutionen, wie sie in der Diskussion im Kontext der
amerikanischen Intervention inAfghanistan (2001/2002) wieder deutlich wurde".
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So mündet diese zunächst so ganz und gar fachspezifisch daherkommende akademische Arbeitsehr aktuell im
ansatzweisen Entwurf eines die scheinbar erledigte Indianergeschichtetranszendierenden Paradigmenwechsels für eine
andere, im Sinne auch des eingangs zitiertenAmartya Sen kulturübergreifende, entstaatlichte Friedensmethodik.
EKKEHART KRIPPENDORF
THOMAS WAGNER:
Irokesen und Demokratie.
Ein Beitrag zur Soziologie interkultureller Kommunikation.
LIT Verlag, Münster 2004.
398 Seiten, 29,90 Euro.
ISBN 3825868451
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
----------------------------------------------------------------------http://www.jungewelt.de/2005/10-29/004.php
jW 29.10.2005 | Thema
Thomas Wagner
Kooperation im Konsens: Irokesen und Demokratie.
Teil I: Wie das Beispiel herrschaftsloser Gesellschaften die demokratische Bewegung derAmerikanischen Revolution
inspirierte
Im Winter des Jahres 1880/81 studierte Karl Marx die Gesellschaft der Irokesen. Seine Quelle wardas 1877 in New
York und London erschienene Buch »Ancient Society or Researches in the Linesof Human Progress from Savagery
through Barbarism to Civilisation« (dt.: Die Urgesellschaft.Untersuchungen über den Fortschritt der Menschheit aus der
Wildheit durch die Barbarei zurZivilisation). Als Autor zeichnete ein gewisser Lewis Henry Morgan. Friedrich Engels
entdeckte imschriftlichen Nachlaß seines am 14. März 1883 verstorbenen Freundes ein 98 Seiten starkesHeft mit
kommentierenden Auszügen. Daraus geht hervor, daß sich Marx im Detail fürdie kollektive Eigentumsordnung und die
konsensuale Demokratie der nordamerikanischen Indianerinteressierte. Im typischen Kauderwelsch der Exzerpthefte
notierte Marx: Die Irokesen »kanntennichts von majorities u. minorities in the action of council«.[1] Wenn wir mit dem
HistorikerGeorg Knepler die Assoziation freier Produzenten als unausgeführtes Kernstück derMarxschen Theorie
betrachten,[2] überrascht die Tatsache, daß die produktive Auswertungund systematische Erweiterung des Wissens
über herrschaftslose Gesellschaften in dermarxistischen Forschung bis heute ein Desiderat blieb. Damit hat sie selbst
teil an jenerAnarchieverdrängung, die für den Mainstream der gegenwärtigen Sozialwissenschaftencharakteristisch
ist.[3] Dabei sind die von Knepler beschriebenen Kooperationsformen mit derEntstehung der ersten
Klassengesellschaften nicht verschwunden, sondern bereichern alsegalitäre Traditionen indigener Gemeinschaften und
immer wieder neu entstehende horizontalePraxen unterdrückter Klassen weltweit die Kulturen des Widerstands gegen
Herrschaft. DerUS-Bürgerrechtler Ward Churchill empfahl daher den amerikanischen Marxisten, imSchulterschluß mit
dem indianischen Widerstand für ihre eigenen Doktrinen und einangemessenes Verständnis ethnischer Konflikte zu
lernen.[4]
Mit dem seit 1994 andauernden Aufstand der Zapatisten in der mexikanischen Provinz Chiapas scheintsich Churchills
Hoffnung auf eine Erneuerung der Linken durch radikaldemokratische Impulse indigenerGemeinschaften zu bestätigen.
Indem städtische Guerilleros die langwierigenKonsensverfahren der Indianer volksverbunden zu praktizieren erlernten,
haben sie eine politischeLernbewegung in Gang gesetzt, die bis in die urbanen Zentren kapitalistischer
Hegemoniehineinreicht. Karl Marx wußte durch seine Morgan-Lektüre, daß schon einmal eineweltgeschichtlich
bedeutsame Revolutionsbewegung durch indianische Vorbilder inspiriert worden war.Die Revolutionäre des
amerikanischen Unabhängigkeitskrieges knüpften aufvielfältige Weise an die kolonialzeitliche Erfahrung mit ihren
indianischen Nachbarn undVerbündeten an. Marx notierte dazu knapp: »D. Iroquois recommended to the forefathers
derAmericans (Engl.) 1755 a union of the colonies similar to their own. They saw in the commoninterests u. common
speech der several colonies elements for a confederation.«[5]
Egalitäre Konsensdemokratie
Während Marx sein Wissen über die Konföderation der Irokesen ausschließlichaus der Literatur bezog, kannte der
hochrangige englische Kolonialbeamte Cadwallader Colden(1688-1776) die Indianer aus eigener Anschauung. Um der
Krone die Bedeutung ihrer indianischenVerbündeten im Konflikt mit der französischen Kolonie zu veranschaulichen,
schrieb er
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unter dem Titel »The History of the Five Indian Nations. Depending on the Province of New-Yorkin America« (1727) eine
in England und Amerika vielgelesene Geschichte des Irokesenbundes, dener darin als schlagkräftige Konföderation von
herrschaftslosen Republiken vorstellte.Benjamin Franklin (1706-1790) schätzte das Buch, und der im vorrevolutionären
Nordamerikavielgelesene Sozialphilosoph Adam Ferguson (1723-1816) belegte in seinem »Versuch überdie Geschichte
der bürgerlichen Gesellschaft« (1767) mit ihm seine Ansicht, daß essich beim viel diskutierten »Naturzustand« nicht um
einen Kampf eines jeden gegen jeden,sondern immer schon um einen Gesellschaftszustand handelt, in dem die
Menschen sich auch ohnePolizei und Zwang in geordneter Weise selbst regieren können. Damit griff er einer
bekanntenFormulierung vor, mit der Friedrich Engels gut 120 Jahre später in seiner Schrift »DerUrsprung der Familie,
des Privateigentums und des Staates« (1884) im Anschluß an Morganund Marx die irokesische »Gentilgesellschaft«
skizzierte: »Ohne Soldaten,Gendarmen und Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter,
ohneGefängnisse, ohne Prozesse geht alles seinen geregelten Gang. (...) Alle sind gleich und frei -auch die Weiber.«
Der Irokesenbund läßt sich in politischer Hinsicht knapp als mehrstufiges undvielschichtiges politisches Arrangement
von Verwandtschaftsgruppen, Arbeits- und Kriegskollektiven,Zeremonialbünden sowie sich gegenseitig kontrollierender
Frauen- und Männermachtskizzieren. Ökonomisch grundlegend sind der Kollektivbesitz an Land und Arbeitsmitteln,
diegemeinschaftliche Produktion und die normativ geforderte und rituell gestützte egalitäreUmverteilung des
erwirtschafteten Reichtums. Zahlreiche Versammlungen auf der Ebene der Haushalte,der größeren
Verwandtschaftsgruppen, die sich wiederum zu Hälften vereinigten, derSiedlung und schließlich der Stammesnation
verhandelten grundsätzlich mit dem Ziel deseinmütigen Konsenses. Die Inhaber eines der vielen gesellschaftlichen
Ämter, insbesondereaber die männlichen wie weiblichen Führungspersönlichkeiten und»Häuptlinge« hatten keine
Möglichkeit, ihre Entscheidungen gewaltsamdurchzusetzen, mußten um die Zustimmung ihrer Gefolgschaften ringen. In
der Regel war ihreAufgabe die konsensfähige Bündelung von Argumenten für eine von möglichst allenBeteiligten
tragbare Entscheidung. Wer nicht zustimmen wollte oder konnte, war daran nicht gebunden.Die fünf Gründungsnationen
der Onondaga, Cayuga, Seneca, Oneida und Mohawk bildetenzusammen einen Rat der fünfzig Bundeshäuptlinge, der
die Grundzüge deregalitären Konsensdemokratie auf das Konföderationsmodell ausdehnte und auf dieBeziehungen zu
weiteren Indianerstämmen sowie die englischen Kolonien zu erweitern versuchte.
Herrschaftsfreie Institutionen
Der ethnologische Kenntnisstand über die komplexe Gesellschaftsstruktur der Irokesen undanderer egalitärer
Gesellschaften belegt, daß ein herrschaftsloses Zusammenleben auchgrößerer Gruppen von Menschen möglich ist. Der
soziale Zusammenhalt wird dabei nichtmit zentraler Herrschergewalt, sondern durch die Selbstorganisation von
genealogisch fundiertenVerwandtschaftsgruppen und mit Hilfe egalitärer Allianzsysteme organisiert. Der
SoziologeChristian Sigrist hat daher bereits in den sechziger Jahren die von Ralf Dahrendorf wiederaufgewärmte These
von der Universalität von Herrschaft empirisch widerlegt. In seinerbereits klassischen Studie »Regulierte Anarchie« aus
dem Jahr 1967 gewann er aus dennoch im Rahmen britischer Kolonialherrschaft entstandenen Studien der
»Socialanthropology« wichtige Bausteine für eine herrschaftskritische Demokratietheorie.[6]Heute findet er die bei den
häufig patriarchalischen afrikanischen Gesellschaften untersuchtenGrundzüge herrschaftsfreier Selbstorganisation bei
den Irokesen als Geschlechteregalitätbestätigt. Grund und Boden ist Kollektivbesitz. Ökonomische Überschüsse
werdenumverteilt, um dauerhafte Besitzasymmetrien zu verhindern. Dazu helfen verschwenderische Feste.Sigrist
spricht von einem ausgeprägten »Teilzwang«. Wer durch eigeneTüchtigkeit oder Glück Besitz anhäuft, nicht teilen will
und sich über seineMitmenschen erhebt, wird gemieden, geächtet oder auf andere Weise kollektiv bestraft.
Sozialgeschätzt werden die ökonomisch Erfolgreichen nur dann, wenn sie ihrenÜberschuß freigiebig wegschenken und
beweisen, daß sie den weniger Erfolgreichennicht ihren Willen aufzwingen wollen. Das soziale Leben richtet sich nach
Gleichheitsnormen, die inErzählungen, Musik, Spielen, Körperschmuck und Architektur auch symbolisch
dargestelltwerden. Gleichheitsnormen bilden die Grundlage für die Ausrichtung der Erziehung und dieOrganisation von
Gruppen. Dazu gehört das Prinzip der symmetrischen Opposition vonVerwandtschaftsgruppen, Arbeitskollektiven und
rituellen Gemeinschaften. Die egalitäreMachtteilung und Balance der gesellschaftlichen Kräfte steht dabei im
Vordergrund und bestimmtim Falle der Irokesen auch die spezifische Form der Außenbeziehungen.
Indianisch- englische Diplomatie
Die irokesischen Verhandlungsführer banden vom Ende des 17. Jahrhunderts bis zum Beginn
desUnabhängigkeitskrieges (1775) beinahe ein ganzes Jahrhundert lang die englischen Kolonien inein komplexes
System diplomatischer Beziehungen ein. Uns heute noch geläufige, aber längstbanalisierte diplomatische Formeln
(»das Kriegsbeil begraben«, »den Friedensbaumpflanzen«) sind sprachliche Überbleibsel eines ausgefeilten
diplomatischen Rituals, dasdie Indianer den von langwierigen Konsensfindungsprozessen der Gegenseite mitunter sehr
genervtenkolonialen Gesandten abverlangten und dessen rhetorische Figuren durch die zahlreichen von
BenjaminFranklin gedruckten und herausgegebenen Schriftprotokolle der Indianerverträge Eingang in dieamerikanische
Literatursprache fanden. Die metaphernreiche Sprache der Waldlanddiplomatie war
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Ausdruck eines nichtkonfrontativen Verhandlungs- und Entscheidungsstils, dessen Resultate nur untergroßer
Publikumsbeteiligung und immer wieder erneuten Konsultationen mit der»Basis« von der indianischen Seite als
tragfähig erachtet wurden. Beide Seiten,wiederum aufgefächert in divergierende Einzelinteressen zuweilen autonom
handelnder einzelnerStämme oder Kolonien, verfolgten stets eigennützige ökonomische und machtpolitischeZiele, die
diplomatisch austariert wurden, um eine gemeinsame Politik gegenüber derfranzösischen Kolonie und deren
indianischen Alliierten zu organisieren. Den Zeitgenossen vorOrt erschien es zu dieser Zeit längst nicht ausgemacht,
daß die Rolle des Irokesenbundesals Major player in Nordamerika nur ein Intermezzo sein müsse. Indem sie
geographischeGegebenheiten, ihre Mittlerposition zu den westlichen Indianerstämmen sowie ihrVerhandlungsgeschick
nutzten, gelang es den Irokesen bis zum Ende der englischen Kolonialherrschaftihre politische Autonomie gegenüber
den imperialen Machtansprüchen der französischenund englischen Monarchien zu behaupten. Eingefaßt in die
unzerstörbar vorgestellteBundeskette (Covenant Chain) indianisch-englischer Diplomatie entfaltete sich im Grenzgebiet
zumWesten mehrere Jahrzehnte hindurch ein für beide Seiten vorteilhafter ökonomischer undpolitischer Austausch, in
dem zahlreiche persönliche Freundschaften und Familienbeziehungengeknüpft wurden, eine gemeinsame
diplomatische Sprache entstand, aber die Indianerallmählich von europäischen Gebrauchsgütern und Waffen abhängig
zu werdenbegannen. Solange Frankreich jedoch eine ernsthafte Bedrohung für die englischen Koloniendarstellte, also
bis zum Ende des für England entschiedenen »French and Indian War«(1754-1763), vermochten die Irokesen, die
Interessen der europäischen Kontrahentengegeneinander auszuspielen. Während Frankreich sehr daran gelegen war,
die Neutralität derIndianer zu erkaufen, blieben die englischen Kolonien auf deren militärische
Unterstützungangewiesen. Selbstbewußt empfahlen die Unterhändler des Irokesenbundes ihren englischenAlliierten,
sich nach ihrem Vorbild zu einer schlagkräftigen Konföderationzusammenzuschließen, um künftig mit einer Stimme
sprechen zu können.
»Stadtindianer«
In der kulturellen Zwischenzone der Waldlanddiplomatie verschmolzen Elemente aus europäischenund indianischen
Traditionen zu einem Pool neuer symbolischer Formen, aus dem sich dieaufständischen Kolonisten bedienten, als sie
sich nicht mehr als Engländer in Überseedefinierten, sondern sich vom englischen Mutterland als eingeborene
Amerikaner abzugrenzen begannen.Georg Knepler hat für die Untersuchung solcher Austauschprozesse den Begriff
Transkulturationvorgeschlagen. Die aus den Indianerverhandlungen bekannten Versatzstücke diplomatischerRhetorik
kehrten nebst dem aus kolonialen Werkstätten und Manufakturen stammenden Tomahawk,greller Kriegsbemalung und
prächtigem Federschmuck als symbolpolitische Munition zurück.Die Irokesen und andere Indianerstämme wurden
Chiffren einer neuentdeckten amerikanischenFreiheit, gehörten nun zum folkloristischen Symbolrepertoire revolutionärer
Bruderschaftenwie der Sons of Saint Tammany oder der Sons of Liberty, deren Mitglieder indianische Kleidunganlegten,
irokesische Rituale nachahmten und in einem ersten Höhepunkt indianistischer Revolteals tomahawkschwingende
»Mohawks« der Tee-Party (1773) gegen die englische Steuerpolitikprotestierten, indem sie vor Anker liegende Schiffe
enterten und Tee im Wert von 10000 PfundSterling demonstrativ ins Hafenbecken von Boston warfen. Gut zwei
Jahrzehnte zuvor waren dieirokesischen Ratschläge hinsichtlich der Vereinigung der englischen Kolonien auf
einbemerkenswertes Echo in der intellektuellen Führungsschicht gestoßen. Der vielseitigbegabte Benjamin Franklin,
zwischenzeitlich auch als Indianerdiplomat aktiv, hatte für eineKonföderation der Kolonien schon bald konkrete Pläne
zur Hand. Mit deutlich ironischemUnterton schrieb er 1750: »Es ginge schon mit seltsamen Dingen zu, wenn sechs
Nationenunwissender Wilder fähig sein sollten, die richtige Staatsform für eine solche Union zufinden, und sie zudem in
einer solchen Weise zu praktizieren, daß sie Jahrhunderteüberdauert und absolut unzerstörbar erscheint - und eine
solche Union nicht auch fürzehn oder zwölf englische Kolonien anwendbar wäre, für die es außerdem weitnotwendiger
ist.« Auch Thomas Jefferson (1743-1826) sah im Irokesenbund eine demokratischeAlternative zur Monarchie. Der
spätere dritte Präsident der USA, bis heute Stichwortgebereiner radikaldemokratischen und zuweilen auch
kapitalismuskritischen Unterströmung imamerikanischen Denken, zog die Herrschaftslosigkeit indianischer Nationen der
zeitgenössischen»Herrschaft der Wölfe über die Schafe« vor, wenngleich er sie nicht eins zueins auf einen
bevölkerungsreichen Flächenstaat übertragen zu können glaubte.
Nach dem gewonnenem Unabhängigkeitskrieg gegen England (1783) beriet vom Mai bis September1787 in
Philadelphia eine 55köpfige Delegation der bislang in einem losen Staatenbundverbundenen Kolonien über eine
Revision des bis dahin gültigen Regelwerks derKonföderation. Ihre Vollmacht überschreitend, ratifizierte die fast
ausschließlichaus Angehörigen der Oberschicht und der ökonomischen Elite zusammengesetzte
Versammlungschließlich eine zentralistische Bundesverfassung, die dem Volk die Möglichkeit derdirekten Einwirkung
auf die Bundespolitik entzog. Im vorangehenden Verfassungsstreit hielten dieGegner der Bundesverfassung
(Anti-Federalists) an der Überzeugung fest, daß einerepublikanische Staatsform eine überschaubare Größe des
Staatsterritoriums, einegeringe Bevölkerungszahl und eine wirksame Eindämmung der sozialen Ungleichheit
erfordere.James Winthrop fand in den Indianern einen anschaulichen Beleg für die Möglichkeit einerdemokratischen
Volksregierung. Während die Federalists die Bundesmacht mit einer ständigenArmee zu bewehren suchten, entgegnete
der Anti-Federalist John Francis, daß die»republikanischen Indianer« sich auch ohne stehendes Heer vortrefflich
gegenäußere Feinde zu wehren gewußt hätten.
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* Thomas Wagner ist Autor der ersten umfassenden Studie zur US-Debatte um den Einfluß derIrokesen auf die
Verfassung: »Irokesen und Demokratie. Ein Beitrag zur Soziologieinterkultureller Kommunikation.« Münster: Lit-Verlag
2004, 400 S., kt., 21,90 Euro
1 Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam: The Ethnological Notebooks of KarlMarx
(herausgegeben, transkribiert und kommentiert v. Lawrence Krader. Assen 1974, S. 150,162-166,168, 170f; vgl. Lucas,
Erhard: Die Rezeption Lewis H. Morgans durch Marx und Engels, in:Saeculum, V. 15, 1964, S. 153-176
2 Vgl. Knepler, Georg, Macht ohne Herrschaft. Die Realisierung einer Möglichkeit, Berlin 2004,S. 39
3 Vgl. Haude, Rüdiger/Wagner, Thomas, Herrschaftsfrohe Diskurse. Strategien und Tendenzensozialwissenschaftlicher
Anarchieverdrängung, in: dies.: Herrschaftsfreie Institutionen.Studien zur Logik ihrer Symbolisierungen und zur Logik
ihrer theoretischen Leugnung, Baden-Baden1999, S. 23-49
4 Die von Churchill herausgegebene Anthologie »Marxism and Native Americans« (1982) isterst zehn Jahre später in
deutscher Übersetzung erschienen: Churchill, Ward (Hg.): Dasindigene Amerika und die marxistische Tradition, Bremen
1993
5 »Die Irokesen empfahlen den Vorvätern der Amerikaner (Engländer) 1755 einen Bundder Kolonien, ähnlich ihrem
eigenen. Sie sahen in den gemeinsamen Interessen und dergemeinsamen Sprache in den verschiedenen Kolonien
Elemente für eine Konföderation.«
6 Vgl. Sigrist, Christian: Regulierte Anarchie. Untersuchungen zum Fehlen und zur Entstehungpolitischer Herrschaft in
segmentären Gesellschaften Afrikas, Hamburg 1994. Den Vertrieb desBuches besorgt heute der Münsteraner
Lit-Verlag.
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