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Kroatien – doch mit „GR“ wie Griechenland? - Österreichisch

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I schwerpunkt I expertenforum I wdf-intern I service I
LEADERSHIP 9 • 2011
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Kroatien – doch mit „GR“ wie Griechenland?
Am 1. Juli 2013 soll es so weit sein. Kroatien wird das 28. Mitgliedsland der EU. Doch ist Kroatien schon reif
ist für die EU? Nun, aus heutiger Sicht und als langjähriger Kenner des Landes, der politischen und wirtschaftlichen Landschaft wage ich die Behauptung, dass Kroatien unzählige Hausaufgaben nicht abgeschlossen hat. Diese Einschätzung wird auch von vielen Repräsentanten der EU, allerdings nur unter vorgehaltener
Hand und unter der Auflage „… bitte zitieren Sie mich nicht!“ bestätigt. Warum also diese Erweiterung?
Sowohl die EU als auch die kroatische
Regierung haben sich schon zu weit aus
dem Fenster gelehnt. Im Falle eines
Aufschubs würden beide das Gesicht verlieren. Für Kroatien ist der Beitritt allerdings ein Glücksfall. Dann ist der Weg zu
EU-Geldern offen, um die Staatsfinanzen
zu retten, so wie z.B. bei anderen Nicht€-Ländern praktiziert und um an weitere Fördermittel zu gelangen.
Kroatien mit knapp 4,5 Millionen Einwohner, also nur 0,9% der Gesamtbevölkerung der EU-27, sollte „verkraftbar“
sein, das können wir, die Nettozahler
doch leicht bewältigen und diese „paar
Millionen“ doch einfach integrieren,
oder? Die jüngsten Ereignisse zeigen,
dass aber auch ein Land mit nur ca. 2,2%
EU-Bevölkerungsanteil die gesamte Gemeinschaft in Geiselhaft nehmen kann.
Gott sei Dank ist Kroatien noch weit weg
vom €, damit ersparen wir uns einiges,
kurzfristig betrachtet.
die neue Regierung ihre Arbeit operativ
aufnimmt. Erst dann kommen die längst
notwendigen Reformen. An erster Stelle ist die Abwertung der Kuna zu erwarten. Diese wird wohl 10% - 15% betragen
(müssen). Sehr schmerzhaft für die Wirtschaft und bitter für die Bevölkerung. Banken haben aus Refinanzierungsgründen
seit Jahren ausschließlich € und CHF
Fremdwährungskredite erteilt. HRK-Kredite wurden und werden nicht vergeben.
Schon jetzt stöhnen Kreditnehmer über
den Höhenflug des CHF, haben umgeschuldet und sind mit noch längeren Laufzeiten und trotzdem hohen Monatsraten
konfrontiert. €-Kreditnehmer sind bisher
davon verschon geblieben, aber mit der
nächsten Welle werden auch diese „zur
Kassa“ gebeten und die CHF Kreditnehmer nochmals. Zinsen für Fremdkapital,
heute schon schwer darstellbar, wird in
Kalkulationen kaum noch unterzubringen
sein. Die aktuell bereits schwache Kaufkraft der Bevölkerung wird weiter fallen.
Seit langem ist Kroatien ökonomisch
paralysiert. Überfällige Reformen werden
nicht angegangen, schließlich stehen
gegen Jahresende Wahlen und das EUReferendum vor der Tür. Bis zum 2.
Quartal 2012 wird auch nicht viel passieren, so lange wird es nämlich dauern, bis
In welchen Sektoren liegt Kroatiens Zukunft? Kroatien ist kein Industrieland, hat
weder eine nennenswerte Schwerindustrie (für die 3 Werften wurde mit Zustimmung der EU ein Sonder-Programm
entwickelt), noch eine Leichtindustrie.
Auch auf technologischem Gebiet ist
Kroatien nicht nennenswert darzustellen.
Die tatsächlichen Ressourcen liegen in
der Landwirtschaft und im Tourismus. Der
von kroatischer Seite so hochgelobte Tourismus an der Adria beschränkt sich allerdings auf ca. 3 Monate, eine Ausweitung auf 6 bis 8 Monate wäre ohne weiteres möglich. Das Tourismusministerium verkündet jährlich mit Stolz Nächtigungssteigerungen, verschweigt jedoch
die seit Jahren rückläufigen Umsätze.
Landwirtschaft: Die verfügbare Agrarfläche beträgt 1,3 Millionen ha (AT: 1,37 Millionen ha), ist durch Umweltschäden
kaum belastet und wenig kontaminiert.
Trotzdem weist Kroatien einen geringen Selbstversorgungsgrad aus, die jährlichen Lebensmitteleinfuhren betragen ca.
2 Mrd. US$, mit seit Jahren steigender
Tendenz. Der Obst- und Gemüseanbau ist
nicht nennenswert, weder in Bezug auf
Mengen noch auf Qualität. Die Produktivität, nicht nur in der Landwirtschaft, liegt
bei ca. 33% bis 50% gegenüber Vergleichszahlen aus der EU. Das Meiste
wird importiert, dies ist billiger als die heimische Produktion und weist zumeist
eine bessere Qualität aus. Bis auf wenige Ausnahmen bestehen keine nennenswerten lebensmittelverarbeitenden Unternehmen. Von den insgesamt 190.000
registrierten landwirtschaftlichen Betrieben und weiteren zigtausenden Kleinbauern werden viele im Zuge des EU-Beitritts
ihre Existenz verlieren, da sie sich trotz
vielfacher Warnungen und Angeboten
nicht auf den gemeinsamen Markt vorbereiten. Laut Weltbank leben 14,2% der Bevölkerung von der Landwirtschaft, das
statistische Amt weist nur 5,2% aus,
denn es zählt nur die unselbständig Erwerbstätigen. Das bestehende LW-Subventions(un)wesen erlaubt ein Leben
ohne großer Anstrengungen und entspricht eher einer Sozialhilfe, dies wird sogar von der Regierung, allerdings nur unter vorgehaltener Hand, bestätigt.
Ein weiteres Fass ohne Boden ist das Pensionssystem. Auf 1,22 Erwerbstätige
kommt 1 (!) Pensionist. Dies hat aber
nichts mit einer überalterten Bevölkerung,
diese ist vergleichbar mit der Struktur in
Österreich, sondern ausschließlich mit
politischer Gestaltung zu tun. 17,7% sind
älter als 65 und 15% jünger als 14 Jahre.
16% des staatlichen Budgets geht für Zuzahlungen in den Pensionsfond auf. Die
Arbeitslosenrate beträgt rund 20% und es
bestehen kaum Aussichten auf neue Arbeitsplätze, im Gegenteil. Die Schattenwirtschaft wird von offizieller Seite für
2011 auf 29,5% des BIP geschätzt.
Investitionen werden durch die staatliche
Administration und Gesetze erschwert.
Beispiele: Bewilligungsdauer für ein
Bio-Masse-Werk, unabhängig ob es sich
um ein kleines Projekt für Beheizung von
eigenen Glashäusern oder eine große Industrieanlage handelt, kann bis zu vier
Jahren betragen, mit ungewissen Ausgang. Die Eintragung einer GmbH kann
je nach Gespanschaft in wenigen Tagen
aber auch erst nach mehreren Monaten
erfolgen.
Grundbuch: Seit Jahren ungeklärten
Grundstücksangelegenheiten und überlastete Gerichte. Ca. 150.000 Bauobjekte wurden ohne Baubewilligung, aber zumeist mit Kenntnis der zuständigen Behörde erster Instanz errichtet – und oft
mit deren Unterstützung aufgeschlossen
(Strom, Wasser, Kanal). Die Regierung
sucht krampfhaft nach praktikablen Lösungsmöglichkeiten zur Legalisierung
von zumindest einem Großteil der Liegenschaften.
Im Korruptionsindex findet sich Kroatien
im Länderverbund mit Georgien und Kuwait, knapp besser als Griechenland
aber schlechter als Kuba oder die Türkei.
Zahlungsziele im B2B betragen bis zu 360
Tagen mit entsprechendem Ausfallsrisiko. Viele Firmen schulden Löhne über einen Zeitraum von mehreren Monaten
und wie man hört, wird nicht immer der
volle Lohn den staatlichen Abgaben unterzogen. Die schrumpfende Wirtschaftsleistung hat sich auch im ersten Quartal
2011 fortgesetzt. Handlungsbedarf besteht ebenso im Bildungswesen. Selbst
kroatische Medien klagen ganz offen
über die geringe Qualifikation von heimischen Managern, jene welche die Wirtschaft gestalten sollen und berichten
täglich über neu aufgedeckte Korruptionsfälle, oft mit politischem Hintergrund.
Business Möglichkeiten kurzfristig: Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung,
Tourismus, Know-how Transfer (erneuerbare Energien, Management, Produktivitätssteigerung, Umweltschutz), Dienstleistungen.
Business Möglichkeiten mittelfristig: Anlagenbau (Bio-Energie, Windkraft, Photovoltaik, Umweltschutz).
Tips: Kapitalisierung durch Eigenmittel;
Top-Management ausschließlich durch
österreichische Mitarbeiter sicherstellen; hoher Grad an Controlling erforderlich; L&L durch realisierbare Garantien
absichern; rasche Erfolge sind kaum
möglich, langer Atem erforderlich; vor einem Einstieg Feasibility-Studie durch
österreichische Berater mit langjährigen Vorort Kontakten und persönlichem
Netzwerk erstellen lassen. <<
Zur Person
Friedrich Jakupec ist seit 21 Jahren in den CEE-Ländern aktiv, seit 1995 als
selbständiger Consultant und „Umsetzer vor Ort“. Davor war er als Geschäftsführer bei namhaften österreichischen Unternehmen tätig. In den
letzten Jahren ist der geschäftliche Fokus vor allem auf Kroatien und Serbien ausgerichtet. Herr Jakupec beherrscht neben Englisch auch mehrere
Ostsprachen. Kontakt: 0676 346 346 3
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