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Erste Vorlesung Gedichte Konstanze Fliedl Wie - Universität Wien

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Erste Vorlesung Gedichte Konstanze Fliedl Wie verstehe ich ein Gedicht? Ein Gedicht bringt zentrale menschliche Zustände zur Sprache. Am beliebtesten Liebe (Büchner) und Tod (Celan) Sind Gedichte zeitlos oder zeitlos schön? Neologismen = Wortneubildungen Reime: Reim ist eine Übereinstimmung der Laute oder des letzten Vokals. Es gibt Kreuzreim, Paarreim, Stabreim, Schweifreim usw. Assonanz = beim Reim stimme nur Vokale überein zB Havel und Gabel Waise = Zeile ohne Reimentsprechung (wird mit X makiert) Paul Celan – Du liegst im großen Gelausche Paul Celan ist ein Anagramm für Antschel, er starb 1970. Das Gedicht wurde zuerst ohne Titel gedruckt am 22 ‐23.12.1967 (weißt auf Schneepart hin). Freund von Celan war Peter Szondi, schrieb Sekundärliteratur über Celan – erklärte interpretierte sein Gedicht. Celan war vertraut mit Büchner Werken und ein Bewunderer Büchners. 1 Du liegst im großen Gelausche, a 2 umbuscht, umflockt weißt auf Schneefall hin b 3 Geh du zur Spree, geh zur Havel, Flüsse Berlin, gesehen bei seinem Besuch c 4 geh zu den Fleischerhaken, Lager Plötzensee * d d 5 zu den roten Appelstaken schwed. Spezialität, rote lackierte Stäbe als Tischgesteck 6 aus Schweden – Schweden vl Land in dem es noch Weihnachten gibt e in dem die Welt noch in Ordnung ist 7 Es kommt der Tisch mit den Gaben, Weihnachten, Geschenke c 8 er biegt um ein Eden – er sah Dokumentation über ** e 9 Der Mann ward zum Sieb, die Frau Liebknecht mit Schüssen durchlöchert f 10 musste schwimmen, die Sau Luxemburg in Landwehrkanal ertrunken f 11 für sich, für keinen, für jeden – Aktion brachte nichts, usw e 12 Der Landwehrkanal wird nicht rauschen, a X 13 Nichts 14 stockt. Aus Dantons Tod *** b *Lager Plötzensee – dort wurden Gefangene, aber auch Verräter auf den Fleischerhaken aufgehängt, Celan sah bei seinem Besuch diese Haken weil sie noch erhalten waren. Claus Graf Schenk von Stauffenberg war bei einem Anschlag auf Hitler (mit Bombe) beteiligt und auch er wurde bei diesen „Fleischerhaken“ aufgehängt. ** Dokumentation über Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, sie waren zentrale Gestalten der Arbeiterschicht und Mitbegründer der KPD. Im Jänner 1919 wurden sie von der Kavallerie verschleppt ins Eden‐Hotel, dort verhört und misshandelt. Liebknecht wurde erschossen im Tierpark und Luxemburg im Landwehrkanal ertränkt. Das Hotel Eden war als Paul Celan in der Stadt war noch erhalten und zu einem Appartementhaus umgewandelt worden; bei der Stadtbesichtigung ist er anscheinend daran vorbeigefahren, und abgebogen. ? *** Dantons Tod – Stück von Georg Büchner, im 4 Akt, 8 Szene spricht Lucile davon das alles auf der Welt stocken sollte, tut sie aber nicht, es gibt eine Indolenz. Schichtung von Orten und Zeiten im Gedicht: Orte: Eden – Paradies, verlorener Ort des Heilens Eden – Hotel, Appartement, Ort des Unheils Berlin – von Flüssen umgeben Schweden – Weihnachten wird von dort importiert, keine NS‐Vergangenheit Zeiten: Allgemein um die Weihnachtszeit – geschrieben, herausgebracht, Handlung 1944 – Nazi‐Diktatur, Ermordung der Verschwörer (Zeile 4) 1919 – Jahr des Unheils, Ermordung von politischen Gegnern (Luxemburg, Liebknecht) 1967 – geografische Zeit, Entstehungszeit (Dezember) 1793 – „Nichts stockt“ nimmt Bezug auf das Werk Dantons Tod von Georg Büchner, dieses Drama spielt 1793 – Camille Demoulin? Unterschiedliche Deutungsarten: a. Motivverknüpfung:‐ Szondi ging davon aus, Friede‐Krieg, Weihnachten‐ Aggressivität Oxymoren = Metaphern die gegensetzliche Begriffe vereint, schwarze Milch – Todesfuge Strukturelle Verbindung der Motive – rotes Blut, rote Appelstecken b. Tempuswechsel 1 – 8 : Präsens (imaginäre Gegenwart) 9 ‐11 Präteritum 12 – Futur 14 – Präsens c. Lyrisches „Ich“ des Gedichtes Imaginärer Dialogpartner (Anrede an fiktives DU) oder auch Selbstanrede, sich selbst Anweisungen geben ZB Geh du, DU liegst, Geh zu ‐> korrespondierende Stelle Für sich – alleine sterben, für ihre eigene Überzeugung Für keinen – niemand hat etwas davon Für jeden – alle haben etwas davon Geschichtliches scheitern & utopischer Erfolg Das ICH wechselt zu einem ICH das für alle gelten könnte. Ende des Gedichtes: NICHTS STOCKT ‐ Gedicht endet damit, daher stockt doch etwas – das Gedicht, man hält an und stockt beim Lesen, wenn der Landwehrkanal nicht stockt, stockt doch das Gedicht – der Gedichtfluss – Sprachfluss soll zeigen das die Erinnerung noch nicht vergessen ist. Muss man all dies wissen? Wenn man biografisch, historisch nichts weiß daher „naiv“ ist, verfehlt man dann den Charakter des Gedichts? Peter Szondi – hat Gedicht für uns aufgeschlüsselt, Ausschließlicher Bezug auf historisches und biografisches wäre Verrat an Autor und Gedicht Hans‐Georg Gadermer: „Auch wer weiß woran der Dichter gedacht hat, weiß es nicht wirklich.“ Wer nicht noch mehr versteht als das was der Dichter zu sagen hat, versteht nicht genug. Rekonstruktion – zu der sind wir alle aufgerufen!! Kein Leser weiß Garnichts, der fiktive Nullpunkt der Uninformiertheit Marlies Janz: Kritisiert Gardamer wegen Voraussetzung fürs Ergebnis. Gardaman – konservative Celan‐Rezeption Jans – sozialkritische Interpretatio– Plädoyer für soziales Verhalten– „Schweden, ein Eden für Jeden“ Schweden eine in Deutschland unverwirklichte, soziale Utopie! Zuletzt setzt ein Gedicht kein Wissen voraus, es zielt aber auf Wissen ab. Man muss nichts Ephemeres, Privates wissen, man muss sogar wenn man es weiß wegdenken. Man muss sich von den Gedichten etwas sagen lassen. Zweite Vorlesung ‐ Fliedl 15.10.08 Ludwig Tieck – Glosse (1816) Glosse, Glosa = ein Gedicht über die Liebe das selbst reflexiv, ist eine Gattungsbezeichnung aus dem 15. Jhd (Romantik). Dezime einer Glosse: a b b a a c c d d c Ludwig Tieck hatte eine tiefe Freundschaft zu Wilhelm Heinrich Wackenroder und nach dessen Tod schrieb er einen ersten Entwurf der Glosse – 1 bis 6 Zeile dabei Trauer um seinen Freund 7 bis 10 Zeile sind das Motto vom Glossenroman: Liebe denkt in süssen Tönen, a ♀ b ♂ Denn Gedanken stehn zu fern, Nur in Tönen mag sie gern b ♂ Alles, was sie will, verschönen. a ♀ ♀ = „weiblicher“ Reim; ♂ = „männlicher“ Reim; frz. grand (m.), grande (f.) abba = umarmender Reim Weiblicher Reim hat die Betonung auf der vorletzten Silbe ‐> „Tönen“ Männlicher Reim hat die Betonung auf der letzten Silbe ‐> „fern“ __ = lange Silbe / U = kurze Silbe / ´XX = Trochäus = – U „figura etymologia“ = Wörter werden vom selben Wortstamm gebildet Liebe denkt in süssen Tönen, Denn Gedanken stehn zu fern, Nur in Tönen mag sie gern Alles, was sie will, verschönen. „ Epanalepse“ = wenn gleiches Wort mehrmals vorkommt in einem Reim/Gedicht/Absatz Liebe denkt in süssen Tönen, Denn Gedanken stehn zu fern, Nur in Tönen mag sie gern Alles, was sie will, verschönen. Diese erste Form der Glosse für seinen Freund Wilhelm Heinrich Wackenroder wurde von vielen Leuten bearbeitet: Sophie Bernhardi‐Tieck (sie fügt die Blumensprache hinzu, Blumen Worte und Gedanken alle können die Liebe nicht erreichen, aber Musik doch.) Blumen, ihr seyd stille Zeichen, a Die aus grünem Boden sprießen b b Düfte in die Lüfte gießen So das Herz zur Lieb’ erweichen. a Dennoch mögt ihr nicht erreichen a So das Herz, den Schmerz versöhnen, c Enden alles Leid und Stöhnen c Dass ihr könntet als Gedanken d In den grünen Blättern schwanken: d c Liebe denkt in süßen Tönen. [...] Bienenreim = wenn innerhalb einer Zeile gereimt wird (Düfte in die Lüfte gießen) August Wilhelm Schlegel: Tonbeugung = Abweichung vom vorgegebenen Plan (zB immer lange Vokale und dann kurz in seinem Gedicht.) Ziffern, Worte sind können die Liebe nicht erreichen, nur Töne und vl Licht. Friedrich Schlegel war der jüngere Bruder von August Wilhelm Schlegel. Süße Liebe denkt in Tönen, ♀ Denn Gedanken stehn zu ferne, ♀ Nur in Tönen mag sie gerne ♀ Alles, was sie will, verschönen. ♀ Er hat bei seiner Form der Glosse die männlichen Reime umgewandelt in weibliche. Ludwig Uhland war ein Gegner dieser Glosse‐Reimung. Er schrieb selbst ein Gedicht/Glosse in dem er dieser Art Dichtung verspottete. Ein Ausschnitt: Zwar versteh ich wohl das Schema Dieser abgeschmackten Glossen, Aber solch verzwicktes Thema, Solche rätselhaften Possen Sind ein gordisches Problema. Es war in der Romantik häufig so dass gemeinsame Projekte gemacht wurden. Doch dies ist das einzige Projekt bei dem 4 Autoren beteiligt waren. Glossieren: Spondeus: − − Molossos: − − − Aftermuse = Nachmache Alle wollten damit ausdrücken das sich Liebe nicht in Worten ausdrücken lässt aber in Musik, Tönen welche ja wiederum in Worte gefasst sind lässt sie sich ausdrücken = Paradox Sprache und Poesie: Poesie sollte in Musik verwandelt werden. Abweichung von Logik und Syntax stört nicht, es ist nicht wichtig ob es Sinn ergibt. Die Inhaltslosigkeit ist egal. Glosse (Zunge) = Musikalisierung der Sprache, Liebe ist auch Metapher für die Beziehung der Reimwörter zueinander. Erotik wird auf die Form des Gedichtes übertragen. Liebe bedeutet beim Romantiker ein Gefühlspotenzial und keine Objektliebe. Es geht um die Verschönung von Sprache, Wort, Tönen und allem. Verschönung = estätizieren. Ziel ist eine Empfindung (gut oder schlecht) nicht das Liebesglück. Dritte Vorlesung Fliedl 22.10.2008 Friedrich Gottlieb Klopstock (1724‐1803) – der Zürichsee (Ode) Gefühle vernünftig ausdrücken; Entstehungsgeschichte: 30. Juli 1750 ‐> Fahrt über den Zürichersee; Ausflug mit Freunden an den See; schöne Erinnerungen Martin Opitz: „Buch von der deutschen Poeterey“ (1624) Prinzip der Alternation = strenger Wechsel von betonter und unbetonter Silbe Sein Buch ist eine Poetik, dh in diesem Buch steht eine Vorlage für die Dichtung geregelter Wechsel zw. Jambus und Trochäus Vor dem 18 Jhd eine zwingende Reimbildung – geregelter Wechsel Trochäus Jambus Zu Klopstocks Zeiten, ca. 1 Jahrhundert später war es dann wichtig das Antike Medium ins deutsche zu übertragen – ohne Reimbildung, unverfälscht Metrisches Schema? Die Ode ist eine Dichtung zur Siegbegleitung; es entwickelt sich zur Dichtung der Erhabenen. Odenarten: 1. asklepiadeische Ode Diese Ode beginnt immer mit einer langen Silbe. 2. sapphische Ode – Infos dazu? 3. alkäische Ode Diese Ode beginnt mit einer unbetonten Silbe. Gedichtaufbau „der Zürichersee“ – es geht um Freude als Gruppenereignis Das Gedicht hat 19 Strophen. Strophenaufbau: 1+ 7 // 7 + 1 // 3 1 + 7 (2 + 5) Strophen: I – Anrede an die Natur II + III – Anrede an die Freude IV‐VIII – Kahnfahrt und Freudenfeier – Tempuswechsel ins Präteritum Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht, Inversion (=Umstellung), Positiv, Apostrophe(=personifizierte Natur) schöner ‐ eine Reihe Komparativ beginnt Metonymie – schöpferischer Mensch Das den großen Gedanken Deiner Schöpfung noch einmal denkt. Von des schimmernden Sees Traubengestaden her, Oder, flohest du schon wieder zum Himmel auf, Komm in rötendem Strahle Auf dem Flügel der Abendluft, Komm, und lehre mein Lied jugendlich heiter sein, Süße Freude, wie du! gleich dem beseelteren schnellen Jauchzen des Jünglings, sanft, der fühlenden Fanny gleich. Schon lag hinter uns weit Uto, an dessen Fuß Zürch in ruhigem Tal freie Bewohner nährt; Schon war manches Gebirge Voll von Reben vorbeigeflohn. Jetzt entwölkte sich fern silberner Alpen Höh, Und der Jünglinge Herz schlug schon empfindender, Schon verriet es beredter Sich der schönen Begleiterin. "Hallers Doris", die sang, selber des Liedes wert, Hirzels Daphne, den Kleist innig wie Gleimen liebt; Und wir Jünglinge sangen Und empfanden wie Hagedorn. Jetzo nahm uns die Au in die beschattenden Kühlen Arme des Walds, welcher die Insel krönt; Da, da kamest du, Freude! Volles Maßes auf uns herab! Göttin Freude, du selbst! dich, wir empfanden dich! Ja, du warest es selbst, Schwester der Menschlichkeit, Deiner Unschuld Gespielin, Die sich über uns ganz ergoß! 7 + 1 Strophe: IX‐X: 2 „Lenz“‐Strophen XI‐XII: 2 „Wein“‐Strophen XIII‐XV: 3 „Ruhm“‐Strophen XVI: Freundschaft Süß ist, fröhlicher Lenz, deiner Begeistrung Hauch, figura etymologica Anapher – anaphorische Aufforderung Anapher Vokativ, absoluter Komp. ♂ ♀ = Marie Sophie Schmidt Präteritum; = Uetliberg Anapher→ Hebung! Kollektivsubjekt ‐ Verbundenheit durch Herz absolute Komparative Steigerung Ausnahmesituation Erleutern Ode v. A.v. Haller (schlecht sogar f. 18 Jhd) Nymphe = Anna Hirzel war Frau von dem der die Fahrt organisierte Anakreontiker → Anapher; Halbinsel (dort ging man an Land) Metapher Verdopplungen, Gersitation 1. Höhepunkt Allegorie Parallelismus (schön ist, süß ist); Tempus! Wenn die Flur dich gebiert, wenn sich dein Odem sanft In der Jünglinge Herzen, Und die Herzen der Mädchen gießt. Ach du machst das Gefühl siegend, es steigt durch dich Jede blühende Brust schöner, und bebender, Lauter redet der Liebe Nun entzauberter Mund durch dich! Lieblich winket der Wein, wenn er Empfindungen, Beßre sanftere Lust, wenn er Gedanken winkt, Im sokratischen Becher Von der tauenden Ros' umkränzt; Wenn er dringt bis ins Herz, und zu Entschließungen, Die der Säufer verkennt, jeden Gedanken weckt, Wenn er lehret verachten, Was nicht würdig des Weisen ist. Reizvoll klinget des Ruhms lockender Silberton In das schlagende Herz, und die Unsterblichkeit Ist ein großer Gedanke, Ist des Schweißes der Edlen wert! Durch der Lieder Gewalt, bei der Urenkelin Sohn und Tochter noch sein; mit der Entzückung Ton Oft beim Namen genennet, Oft gerufen vom Grabe her, Dann ihr sanfteres Herz bilden, und; Liebe, dich, Fromme Tugend, dich auch gießen ins sanfte Herz, Ist, beim Himmel! nicht wenig! Ist des Schweißes der Edlen wert! Aber süßer ist noch, schöner und reizender, In dem Arme des Freunds wissen ein Freund zu sein! So das Leben genießen, Nicht unwürdig der Ewigkeit! Treuer Zärtlichkeit voll, in den Umschattungen, In den Lüften des Walds, und mit gesenktem Blick Auf die silberne Welle, Tat ich schweigend den frommen Wunsch: Wäret ihr auch bei uns, die ihr mich ferne liebt, In des Vaterlands Schoß einsam von mir verstreut, Lenz = Frühling Chiasmus (X – Jüngling zu Mädchen; Herz:Herz) Komparative Alliterationen war durch Zauber fest verschlossen, jetzt erlöst Parallelismus chiastisch; Komperativ hier: kleiner Becher (Er fand man sollte Wein aus kleinem Becher trinken Alliteration Parallelismus, Metapher → Str. I Komparativ Positiv Refrainzeile Steigerungen zu IX, I, XIII Zu: Arme des Walds, VII Tempus; 1. Person Die in seligen Stunden Meine suchende Seele fand; O so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns! Ewig wohnten wir hier, ewig! Der Schattenwald Wandelt’ uns sich in Tempe, Jenes Tal in Elysium! Bibelzitat – Jesus mit Freuden am Berg, Tal in Thessalien Gefilde der Seligen. Priedische Mythologie Klopstock nützt bei dieser Ode alle Möglichkeiten von Bewegung und Steigerung um auszudrücken. Die Wortwiederholungen kreisen, und wirken daher nicht statisch. Wortwiederholungen: süß (3), Gedanken (4), empfinden (4), sanft (5), schön (5) Partizipien Partizipien = schimmernd, fühlend, empfindend, beschaffend, siegend, bebend Tätigkeiten werden in Zustände übertragen – Aktiv in Passiv Adjektive, Komparative (schöner – 3x, sanfter – 2x) Adjektive – viele vorhanden die durch Komperative gesteigert werden. Es entsteht ein Eindruck eines Bestehens, Prozesse, dynamisierte Abläufe. Substantiva auf –ung Monochrome Farbigkeit (blass und abstrakt) Einzige Farbe – roter Strahl, sonst silberne Alpen, Schatten, Schattenwald, silberne Welle Hauptaugenmerk auf SILBER + Schatten; kühler Effekt Wirkung: Klopstock erweiterte die lyrische Empfindung seiner Zeit Leichte Entfremdung – metrisches Schema wird vorangestellt Die nachfolgenden Generationen schlossen an ihn an. Erlebnisgedicht = ? Goethe schrieb später auch ein Gedicht nach seiner Fahrt (auch mit 26) über den Zürichersee. J.W. v. Goethe: Auf dem See (1775) Und frische Nahrung, neues Blut Saug' ich aus freier Welt; Wie ist Natur so hold und gut, Die mich am Busen hält! Die Welle wieget unsern Kahn Im Rudertakt hinauf, Und Berge, wolkig, himmelan, Begegnen unserm Lauf. Aug', mein Aug', was sinkst du nieder? Goldne Träume, kommt ihr wieder? Weg, du Traum! so gold du bist; Hier auch Lieb' und Leben ist. Auf der Welle blinken Tausend schwebende Sterne ; Weiche Nebel trinken Rings die türmende Ferne; Morgenwind umflügelt Die beschattete Bucht, Und im See bespiegelt Sich die reifende Frucht. Peter Rühmkorf: ‐ sah dies als politisch engagierten Text, Variationen auf ein Thema von Friedrich Gottlieb Klopstock (1959) Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht, mit entspanntem Munde gepriesen; schöner ein künstlich Gebiß, das den großen Gedanken einer Schöpfung noch einmal käut. [...] Du mit der Plombe im Zahn und dem schlechten Geschmack im Mund, faselnd von Unsterblichkeit und nachgespendetem Ruhm, wen bringt die ausgelutschte Fanfare noch auf die Socken? [...] Gedicht das Klopstock in seinem Zürichersee erwähnt: (eher schlechtes Gedicht) Albrecht von Haller: Doris (1730) Sprich, Doris! Fühlst du nicht im Herzen Die zarte Regung sanfter Schmerzen, Die süßer sind als alle Lust? Strahlt nicht dein holder Blick gelinder? Rollt nicht dein Blut sich selbst geschwinder Und schwellt die Unschulds‐volle Brust? [...] Du seufzest, Doris! Wirst du blöde? o selig! flößte meine Rede Dir den Geschmack des Liebens ein! Wie angenehm ist doch die Liebe? Erregt ihr Bild schon zarte Triebe, Was wird das Urbild selber sein? [...] Was siehst du furchtsam hin und wieder Und schlägst die holden Blicke nieder? Es ist kein fremder Zeuge nah; Mein Kind, kann ich dich nicht erweichen ! Doch ja, dein Mund giebt zwar kein Zeichen, Allein dein Seufzen sagt mir: Ja! 4. Vorlesung Fliedl Friedrich Schiller (1759 – 1805)‐ Nänie Das Gedicht ist Ende 1799 entstanden; 1800 wurde es veröffentlicht in „Schillers Gedichte“. Nänie ursprünglich nicht für traurige Gedichte gemacht – erst in der Antike entwickelt – im MA als Trauergesang, Klagelied Deutscher Alexandriner – 6‐Jambus – gab es 100 Jahre lang; Xenien – Sammlungen von Goethe und Schiller Elepie ‐ ? Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget, Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus. Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher, Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk. Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde, Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt. Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter, Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt. Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus, Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn. Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle, Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt. Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich; Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab. 1. Strophe: Stygischer Zeus = Gott der Unterwelt – Hades (verkörpert den Schrecken des Todes, der sich nicht erweichen lässt). In der ersten Zeile löst der Trochäus den Daktyles ab. 2. Strophe: Arno Beker – Orpheus und Eurydike: Beker war Nazibildhauer Und es weinten die Seelen, die bleichen, um ihn, wie er solches Sang, und die Saiten erklangen [...]. Tränen benetzten die Augen der Eumeniden zum ersten Mal, so erzählt man: es rührt sie das Lied. Die fürstliche Gattin Und der Beherrscher der Tiefe vermögen es nicht, ihm die Bitte Abzuschlagen [...]. Aufwärts führt sie der Pfad durch die schweigende Stille. Sie steigen Steil in finsterer Nacht, von dichtestem Nebel umschattet. Nicht mehr fern ist die Grenze der oberen Welt: da befürchtet Er, der Liebende, daß sie ermatte; er sehnt sich nach ihrem Anblick und schaut sich um: schon ist die Geliebte entglitten. Und sie breitet die Arme: sie will ihn halten, sich halten Lassen und greift, die Unselige, nichts als entweichende Lüfte. Mag sie sterben zum zweiten Mal: sie hat für den Gatten Keinerlei Tadel; was soll sie denn tadeln, als daß er sie liebe? Nur ein letztes „Lebwohl“, das kaum seine Ohren vernehmen, Spricht sie, dann trägt es sie wieder davon nach dem nämlichen Orte. (Ovid, Metamorphosen X, 39ff.) Eumeniden = Göttinnen der Unterwelt, eig. „Freundliche“, oft mit Erinnyen identifiziert 3. Strophe: John William Waterhouse – Adonis und Aphrodite ‐ Bild Adonis= der schöne Knabe – Aphrodite und Adonis werden als zweites schönes Paare getrennt Adonis ist ein halbes Jahr in der Oberwelt, das andere halbe Jahr in der Unterwelt – so erklärte man sich Sommer, Frühling, Herbst und Winter. – Als er starb hinterließ er eine Blume – Amore – blaue Blume. 4.Strophe Skäisches Tor = Westtor von Troja; Göttlicher Held – Strahlender Held der Antike – Archillis Mutter von Archillis ist Thätis (Tocher des Meeresgottes Nereus) Sie heiratet einen Sterblichen daher ist ihr Sohn Archilllis ein Halbgott, um ihn zu schützen, unverwundbar zu machen taucht sie ihn in Fluss zw. Unterwelt und Erde – hält ihn dabei an der Ferse – einziger verwundbarer Fleck – Archillisferse Auch Heldenturm vermag also nicht gegen den Tod. Weder Kunst noch Schönheit noch Heldentum vermögen etwas gegen den Tod. 5. Und 6 Strophe: Thetis und ihre Schwestern (49) sie alle klagen um Archillis. Argamemnon kehrt in die Heimat zurück – wird getötet fährt ins Schattenreich. Odysseus trifft Argamemnon dort – auch Archillis – Odysseus erzählt ihm das alle trauern, neben den Töchtern des Meeres auch Musen (9)‐ Die Musen bringen Götter zum Weinen durch ihren Trauergesang; Das Hexamen im Klagegesang ist das einzig vollständige im ganzen Gedicht; Es rührt die Götter das Lied der Musen und nicht der Tod selbst. Deine Mutter entstieg dem Meer mit den göttlichen Meerfraun, Als sie die Kunde vernahm; ein Schrei erscholl übers Meer hin Grauenerregend; da packte der Schrecken alle Achäer. [...] Um dich stellten sich da die Töchter des Alten vom Meere Jammervoll klagend und hüllten dich ein in ambrosische Kleider. Alle neun Musen hoben mit schöner Stimme im Wechsel An den Trauergesang; da sah man keinen Argeier, Der nicht weinte so sehr ergriff sie die klagende Muse. Siebzehn Tage beweinten dich da bei Nacht und bei Tage Die unsterblichen Götter und auch die sterblichen Menschen [...]. (Homer, Odyssee, 24, 47ff.) Achäer, Argeier = von Achaia und Argos, von Homer metonymisch für alle Griechen verwendet Welche Funktion hat die Klage und hat sie überhaupt eine Funktion? Das Schöne – physische Schönheit wie bei Adonis oder ein darüber hinaus gefundenes Konzept? In der Antike hat eine Einheit von Schönheit voll Wahrheit existiert. Klassik hat versucht diese Idee der Antiken Schönheit wiederherzustellen. Schönheit kann hier also wieder als fast alles gemeint sein. Nänie – Klagelied über Tod des einen Schönheitsideals Distichon eignet sich sehr gut für ein Klagelied Eine Nänie handelt von These und Antithese – Vollkommenheit und Gemeinheit – Götter und Menschen ‐ Schön und gemein – zierlich und grausam. Die ersten 4 Distichen handeln von „auch das Schöne muss sterben“ Die nächsten 3 sagen zusagen „Aber…:“ wieder These und Antithese Schluss der Interpreten: a. Einfache Dialektik: Schönheit muss physisch sterben und überlebt ästhetisch in der Kunst. Klage als Lied auf Gedenkfeier. – In der Klage lebt das Schöne fort. Wir müssen unseren kulturhistorischen Schatz hüten b. Ab 1968 –skeptische Rezeption – von Muschg – Pessimist Er meint der Eingangssatz dominiert das Gedicht, der Glaube an die Unvergänglichkeit vom Schönen ist vorbei, wie seine Ästhetik – Vergänglichkeit des Schönen – aufs Gedicht bezogen, auch das Gedicht wird irgendwann vergessen sein, Abschied von der Vollkommenheit, das zeitlos schöne kann sich nicht in das ideal Schöne verwandeln. Schönheit ist nicht tot aber amputiert, entweder wird es vergessen oder Zugang zum professionellen Leser versperrt. Abschied vom Schönheitsideal der Klassik. c. Kunst als Erinnerung – ohne jeglichen Kommentar nicht mehr lesbar, wird von uns wiederbelebt, Abschied vom schönen Schein wird bewusst gemacht, Kunst soll Menschen Auskunft geben über sich selbst. An Reflektion festhalten – das darüber nachgedacht werden kann, Nänie bezeichnet verlorene Illusionen, Skrupel von Schiller aber kulturelles Gedächtnis – Inhalt vom Gedicht – Mythen – etwas das auf die Wiederabrufung, Realisierung wartet wird weitergegeben. – wie bei Celan – auch wenn nichts stockt – stockt das Gedicht; bei Schiller: mythologische Exemplare verschwinden im Orkus, wir sehen ihnen zu beim hin abtragen – aber dieser Moment des Abtauchens, Verschwindens bewahrt Schiller auf. 5te Vorlesung – über allen Gipfeln 1. Zum Kanon: Kanon – Grundbestand unserer Kultur. Gibt es Kategorien nach denen sich ein Kanon zusammenstellt? Was soll ein Germanist lesen? Und vor allem was soll ein Maturant alles gelesen haben? Es gibt keinen einheitlichen Schulkanon mehr – jede Form von Liste ist eine Art Kanon. Liberalisierung des Curriculum – deswegen eine Art „Do it yourself“ – Kanon. Trotzdem viele gleiche Klassiker (zB Faust). Erfolgsschriftsteller zu Goethes Zeit war nicht er sondern sein Schwäger Fulgus, auch Schiller war bis zur Mitte des 19 Jhd. beliebter/bekannter. – erst später stieg er so auf. 2. „Über allen Gipfeln“ – zum Gedicht a. An dem Gedicht lässt sich feststellen was ein Kanon und was Lyrik ist. „Ein Gleiches“ ist ein Klassiker, man nennt es auch Wanderers Nachtlied II. Das Gedicht ist im Thüringer Wald entstanden, ‐ datiert ist es mit 6.9.1783 aber dies stimmt höchstwahrscheinlich nicht, es muss um 1780 gewesen sein. – Goethe hatte dort ein Jagdhäuschen, Ilmenau hatte eine Bergwerkstatt, der Kickelhahn war ein Gipfel dort – dort war das Jagdhäuschen. Goethe war 1775 Minister des Herzog Karl geworden am Hof, er hatte auch die Oberaufsicht über den Bergbau in Ilmenau – deswegen besuchte er die Hütte häufig. Jagdhäuschen war der Ort der Entstehung – „Ein Gleiches“ wurde Kult. Das Gedicht wurde bei der Hütte auf die Bretterwand geschrieben. Ein Tourist wollte Gedicht mitnehmen – er konnte aufgehalten werden, ‐ Sägespuren. 1870 – Haus brannte ab, wurde aber nachgebaut –heute noch gern besucht. b. Kein festes Metrum – Jambus, Trophäus,… alles dabei. Vielleicht beruht der Zauber dieses Gedichtes wirklich darauf dass es sich metrisch nicht fassen lässt. Das Reimschema des Gedichtes ist a b a b – ein Kreuzreim bei den ersten 4 Zeilen, dann c d d c – ein umarmender Reim bei den nächsten. Die Satzzeichen sind in diesem Gedicht auch sehr wichtig, .!, ‐ sie teilen das Gedicht in Stufen ein, durch Interpunktion gegliedert. 3. a. Medialisierung: Übertragung eines Kulturwerks in eine andere Form zB Buch in ein Hörspiel. Über allen Gipfeln ist ungefähr 150 mal vertont worden. – u.a. von Schuster und auch Jandl b. Das Werk wurde auch in alle möglichen Sprachen übersetzt, sogar in Latein und altgriechisch. 2 englische Übersetzungen: Böhring – älteres Vokabular, exakte Struktur kann nicht beibehalten werden, aber Kreuzreim bleibt. Bei zweitem . Im englischen ist das Gedicht nicht so popular geworden. Es gab auch eine Übersetzung ins russische, ‐ diese wurde ins deutsche rückübersetzt – Übersetzung war schlecht, trivial. Es gab auch Dialektübertragungen – nur ein weiters Werk wurde so oft in Dialekte übersetzt – Max und Moritz. Helmut Qualtinger – Wiener Dialekt übersetzt. c. Durch Kommentare sorgen erheblich für Berühmtheit, Interesse der Literaturwissenschaft – weckt auch Interesse der Masse. Von geologischen Sphäre zur biologischen Sphäre dann zum zoologischen und anthropologischen. Geologisch – Gipfel; biologisch – Wipfeln; zoologisch – Vöglein; anthropologisch – Mensch. Vom unbelebten zum belebten. Goethes Essay – Granit als Programm für über allen Gipfeln gehalten. „Warte nur! Balde“ – richte es sich ans lyrische Ich oder an die Leser. „ruhest du auch“ – lyrisches momento more. d. Fortschreibungen und Parodien: zahlreiche literarische Reaktionen, Autoren beziehen sich auf das kanonische Werk. Heinrich Böll sagt dazu Fortschreibung. Parodie – eine der sichersten Kanonparameter überhaupt. Weil Werk muss ja bekannt sein damit der Leser es wiedererkennt. Parodie wird immer von Differenzphänomen hervorgerufen. Parodie: Fisches Nachtgesang: metrische Symbole als stumme Sprache des Fisches, lyrische Bedeutsamkeit zu unterlaufen. Politische Resemantisierung von Berthold Brecht, roter Bär – russische, sozialistische Revolution darstellen? Veränderungswille gegen klassische Harmonie jedenfalls. Sexuelle Resemantiserung – Jandl und Co. e. Popularisierung durch Massenverbreitung, schon in Goethes Todesjahr wurden Postkarten mit ihm als Greis am Berg produziert. Verhuntzung zB für Werbung, politische Erklärungen etc. Texte tragen die Last ihrer Rezeption. 6te Vorlesung – Doctrin – Heinrich Heine Form: keine antike Versform mehr, aber halbstrukturiert. – halben Kreuzreim – 4hebig (Trochäen, Daktylen) – Volksliedstrophe Korreliert mit simpler Sprache, anaphorisch das ist imperative, sprachliche Simplizität, thematisch? Wer spricht? Wer ist der Trommler? (warum)Anspruch auf Richtigkeit? Botschaft der Bücher/Wissenschaft wird vom lyrischen Ich verstanden; Trommeln ist Voraussetzung für Weiteres. Bestehend aus drei Strophen á vier Verse mit einem Reimschema der Form abcb / defe / gbhb weist dieses Gedicht größtenteils im Militär verwendetes Vokabular auf. Hauptbestandteil bzw. Gegenstand des Geschehens ist eine Trommel, die sowohl das hier in der dritten Strophe auftretende lyrische Ich als auch ein konkret aufgefordertes Du schlägt bzw. schlagen soll. Die Trommel als Symbol des Aufbruchs, als Mittel „die Leute aus dem Schlaf“ (V5) zu wecken, durchzieht das ganze Gedicht. Außerdem bekundet das lyrische Ich durch das Trommelschlagen Sinn und Zweck von Wissenschaft, Büchern und der Philosophie des deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel aufdecken, oder salopp ausgedrückt, ans Tageslicht führen zu können. Doctrin – fortschrittliche Anschauung/Lehre (nach Heine) – so sozialutopisch, Befreiung der Arbeiter/Geschlechter etc. Saint‐Simon und Kant/Hegel Philosophie Reseille – Reseilje – Ausgaben unterschiedlich – Bedeutung? Heine – Hegelschüler (Vorlesungen besucht) Philosophie aufgenommen, später hat er ihn öfter kritisiert. Geschichtsphilosophie – zielgerichteter Fortschritt nicht geradlinig sondern dialektisch. Versöhnung von Freiheit und Religion im Staat – rechts und linkshegelianische Deutungen. Marx – bei Hegel steht nicht Mensch sondern Welt im Mittelpunkt. Übergang von Philosophie zu Praxis ist wohl Auftrag des Gedichts‐ mehr Handlungsaktivität. (trommeln, marschieren) Trommler als mögliche Selbstdarstellung Heines, Begegnung mit Tambour Monsieur Le Grand Trommeln, bestimmte Lieder untermalen bestimmte Begriffe (liberté – Marseiller Marsch); bestimmte Begriffe/historische Ereignisse durch Trommelrhythmen codiert. Sgl. Das Buch Le Grand ] – Heimkehr der Soldaten von Moskau und des Tambours, Lieder der Klage, unnötige Schlachten etc. Trommel zerstechen. Ambivalenz von Geschichte/Doktrin/politischer Überzeugung. Sgl. „Der Tambour‐Major“ Deutsche Eichen bei Heine ‐ Ironieverweis Im Westen als unerheblich eingestuft, im Osten als programmatisch – sehr unterschiedliche Rezeption ‐ Wird schließlich zum „Dogma“ der DDR/ihrer Gründung, in Westdeutschland dialektisch – ambivalente Interpretation – praxislose Theorie + theorielose Praxis – Gegensatz ohne Auflösung Eigenständigen Anspruch auf Wahrheit Paris war Exilstadt für 40000 Deutsche ‐> deutsch Kommune/Subkultur in Paris – Cafés, Zeitschriften – Absatzmarkt. „Vorwärts“ – Zeitschrift herausgegeben von Marx/Ruge/Heine Pariser Signale aus Kultur – Heine mehrfach darin publiziert Sgl. Die schlesischen Weber In Preußen – „Steckbrief“ von Heine, stark diskriminierend/typisierend – staatgefährliche Tendenzen‐ enthalte Schandreden (Heines Buch); in Hamburg – freie Reichsstadt – keine Zensur – veröffentlicht; in Zensurakten Doktrin fortschrittlich geschichtsoptimistisches Kampflied (in historischem Zusammenhang, zeitgenössische Rezeption verdeutlicht) Heinsche Poetik/Lyrik von Ironie geprägt, lassen keine Festlegung oder simple Mehrdeutigkeit zu. Idealistische Ästhetik Hegels nicht zulässig; Kunst ist kein Parteiprogramm, Lyrik daher nicht eindeutig. 7te Vorlesung: Form: Sonette – Strophenform entstand im 13 Jhd – erster Höhepunkt in der Renaissance. 14 Zeilen – 2 Quartette und 2 Tenette. Schleifreim – ccd eed Kreuzreim und anschließend Paarreim – Shakespeare – Sonett Barockes Sonett im deutschen bevorzugt den „deutschen Alexandriner“ – im 19 Jhd. wieder seltener gebraucht. Im 20 Jhd. gilt er als ältere Form und wird trotzdem oft gebraucht. Bei Goethe wird oft der fünfhebiger Jambus verwendet. Im Gedicht manchmal Tonbeugung – zB Zeile 10 ‐ Betonung wird vorgezogen auf erste Silbe, spielt mit der Sonett Form. Gegenstand: Ding – Gedicht (Terminus stammt v. Kurt Oppert 1926) – eine mögliche Inszenierung des lyrischen Ichs. (zB auch Rollenich – Schäferich) Verzicht auf explizite subjektive Deutung (Objekt wird als Projektionsfläche gewählt)– bei Dinggedicht – laut Oppert Der Panther Verdinglichung, Vergegenständigung – Schlagreim = Binnenreim „Stäbe gäbe“ Carl von Linné – 1788 – gab Gazelle den Namen – Capra dorkas (Ziege, Gazelle) später erkannte man das keine Abstammung von der Ziege vorhanden ist – Gazella dorkas Die Gazelle ist zweifellos Anlass des Gedichtes. Text: 1. Zeile: Apostrophe = Anrede von jemanden Dritten vl auch jemand Abwesender berichtet sich an Gazele – scheint wie etwas „verzaubertes“, geheimes, anderes. 3. Zeile: kommt und geht – Vers Furchenpaar – kommt und geht auch – Furchenpaar beim Bauer – zieht das Furchenpaar hin und her – ganzes erstes Quartett ist weiblich betont– Endung auf vorletzter Silbe Sprache und Poesie in Verkörperung der Gazelle 4. Zeile: Stirne steigen – Laub und Leier – 2 Alliterationen; Laub – sollen Lorbeeren darstellen, die Ohren der Gazelle; Leier – Kithara – beides Attribute des Apollo. Die Gazelle trägt also die Attribute des Apollo. 5. Große Augen, schlanke Beine, Anmut – die Gazelle als Repräsentant der Liebe Das 2te Quartett hat poetologischen Aspekt angehaftet, daher Gazelle ideales Liebesgedicht. 9. Zeile: Lauf‐Sprungbereitschaft wird verglichen mit geladener Waffe 10 Zeile: wäre = Irritation, gleichzeitig bedeutungsvolle Abweichung, Sprung im Gedicht bei Gazellensprung 11. Zeile: Hals und Haupt und horden hält – 4 fache Alliteration – Haupt wird in nächster Zeile gehoben. Über Vers hinweg; 13 und 14 Zeile: Motiv des Badens – mythologische Erklärung – Aktäun überrascht Diana beim baden. Aktäen wird von ihm in Hirsch verwandelt. Groteske Züge bei Verschmelzung von Mensch und Tier. 4. Verwandlung: Gedicht spielt mit Verwandlung man darf an Daphne, Apollo, Diana und Aktäun denken. Einer der Hunde von Diana heißt Gazelle – Jäger und Gejagter sind namentlich identisch. Man kann bestreiten dass es ein Dinggedicht ist – eine Reihe von Verwandlungen und Verschiebungen – metaphorische Operationen – offenes Bild der Sinnproduktion. Dorkas – wird in der Volksethmologie auf „lesen“ zurückgeführt – stimmt aber nicht. Die Scharfsichtige – sieht alles – auch der Betrachter wird angesehen. Torso Apollos: Sinneinschnitte – im 2. Quartett – verlagert Sinneinschnitt immer weiter in die Mitte – bis in der letzten Zeile das Wort „Mitte“ sogar vorkommt, in der Mitte! Torso = fehlt der Kopf ‐ Jünglingstorso von Mile aus dem Louvre Fehlendes wird nicht als Defekt gesehen sondern als etwas abwesend – anwesendes. Apollo der Gott der Kunst verkörpert in diesem Fragment – was sei Kunst – was bewirkt sie? Zur 3 Zeile: Des Gottes Torso glüht noch wie ein Kandelaber – Kandelaber = Beleuchtungsgegenstand Steht im Horizont der Moderne in der der Mensch – was kann die Kunst dieser Bedingungen noch sein? Du musst dein Leben ändern = auf Autor bezogen, er hat sich anscheinend selbst gemeint ‐ Fang einfach an zu arbeiten??? Die Schlussfolgerung – was soll man denn dazu sagen natürlich müsste man sein Leben dauernd ändern. Gazelle: Wirkung von Kunst ist individualisiert – vollendeter Naturgegenstand – Gazelle – vergleichen mit der Bilderinnerung – „verzauberte“ – nicht nur als Anrede – sondern auch Apostrophe an Leser der Gedichte! 8te Vorlesung: Zur Prüfung: Textausschnitt aus der Vorlesung – gezielte Frage wird gestellt die behandelt wurde – Gliederung ansehen, fokussierte Fragestellung – Handout genau studieren – Hilfestellung – Jahreszahlen, literaturgeschichtlicher Kontext 2te allgemeine Frage – metrische Terminologie – was ist …usw. 3te Frage – zu einem Text der nicht besprochen wurde in der VO – allgemeine Frage wurde gestellt Bertolt Brecht – Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration 1. Entstehung: Marxistisch orientierte Bertolt Brecht – musste fliehen – Verfolgung von Regimegegnern – Februar 1931 – Brecht floh mit Familie nach Swendborg in Dänemark – wo er bis 1933 blieb – danach in die USA In Dänemark lebte Brecht in einem umgebauten Bauernhaus – Stallungen wurden zu Arbeitsräumen. Lieblingsdinge die er mit sich nahm: Manuskripte, Rauchzeug, chinesisches Rollbild der Zweiflers Die Swendborger Gedichte entstanden hier – im Exil, beschäftigten mit der Situation des Exils 7 Mai 1938 – Gedicht wird niedergeschrieben knapp zwei Monate nach Anschluss von Österreich an Deutschland 2. Stoff Laotse – Gerichtsschreiber im chinesischen Staat „Chu“ – durch politische Umstände muss er Staat verlassen, von Zöllner aufgehalten, bat ihn etwas zu schreiben – 81 Weisheitssprüche – Gegensätze groß/klein etc. Gekannt hatte er des Buch des Tao Te King schon seit 1920. 1923 – schrieb er schon darüber (Folie) 3. Komposition und Metrik Gedicht besteht aus 13 Strophen mit je 5 Zeilen, Kreuzreim mit einer Wiederholung des B‐Reims, zum Teil unregelmäßige Senkungen, 5te Zeile verstärkt durch Paarreim, intensiviert den abschließenden Charakter der Strophe Mitte: zum Teil unregelmäßiger Trochäus‐ langsamer Ochsenritt, metrisches Schema: Erstaunliches Wunder an kompositorischer Geschicklichkeit. Nicht die Lehre des Laotse steht in der Mitte sondern die Aufforderung des Zöllners. Inhaltliche Kompositionsform: – Anfang und Ende – 3 Strophen, Zöllnerbegegnung 4 & 10, zentral der Zöllnerappell und die Einladung. a‐Reime sind jeweils weiblich – Senkung, unbetonte Silbe b‐Reime sind jeweils männlich – Hebung, betonte Silbe kaum Enjambements, bedächtige Schaukelruhe, trochäischer Rhythmus, Verszeilen unterschiedliche Anzahl von Hebungen – (ZB Strophe 1 – 5 Hebungen, 3te 7 usw.) Jede Strophe hat eine eigene Hebungszahl – mit zwei Ausnahmen – 4 & 10 – entsprechen einander nicht nur im Aufbau sondern auch in der Hebungszahl. 7 & 8 – Zöllnerrede – auch gleiche Hebungszahl Symetrische Komposition wird durch die Zahl der Hebungen noch ein Mal betont 4. Text und Motiv Strophe 1: Klassische Zeile – war und war Güte schwächlich, Bosheit an Kräften 5 – einfache Ausrüchtung Strophe2: Schließt euphorisch an letzte Strophe an, in Zeilen 8 und 9 eine Wiederholung durch „immer“ Strophe3: Gespaltener Reim – vergaß es – Grases (mehrsilbiger Reim zerfällt) Ambivalenz von Heimweh und Zorn – psychische Belastung des Exils wird knapp angedeutet Wiederholung in Zeile 11 und 13 – freute sich des Tals ‐ und sein Ochse freute sich Strophe 4: Einschnitt – Einschub doch am 4ten Tag, in der Bibel ist der Zöllner eine seltsame Figur – verachtete und ausgestoßene Existenz, Jesus im Evangelium solidarisiert – Vergebung zusagt – Zöllner steht zwar prinzipiell in Verdacht kann aber durch Reue sich retten – DOPPELROLLE! Strophe 5: Sehr nahe Wiedergabe des Buches Taoteking ‐ Ganzes Buch ein Plädoyer für das Wasser – Strophe 7: 32 und 34 – typische Wiederholung – interessiert es dich – das interessiert auch mich Strophe 9: Wird erst nachträglich im Typoskript eingefügt Strophe 10: führt Thema der Höflichkeit ein, eine Frage des Alters und der Erfahrung – 48 & 49 – Laotse = „der Alte“ – daher Bezeichnung im Gedicht keinesfalls negativ Strophe 11: Sieben Tage – sind bei einer Tageszahl angekommen Und dann wars so weit – bekräftigt Fertigstellung des Buches Strophe13: Figura ethymolgogica – Moral bezieht sich auf den Nachfragenden, desssen Neugierde uns die WEißheit überliefert, ‐ Lehrende sollen weiter überliefern und Lernende sollen weiter nachfragen 5. Taoismus oder Revolution? Kontext: deutschsprachige Rezeption der Lehren des Taoteking: Taoismus erst spät nach Europa übermittelt worden – 1823 – (durch eine französische Übersetzung) Gegen Ende des 19 Jhd. überhaupt starke Rezeption von fernöstlicher Kultur und Weisheit Europäische Rezeption versucht steht’s den Taoismus mit der jüdischen und später mit der christlichen Religion zu vermitteln. Parallelen: Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit und religiöse Paradoxien – das Gott Mächtigen stürzt und Schwache erhöht, Zentralbegriff des Tao wird mit dem Wort GOTT übersetzt. Wirksam ist die Übersetzung von Richard Wilhelm – Das Buch des Alten vom Sinn und Leben – sehr bekannt und wirksam gewesen Seine Übersetzung verchristlicht die Quelle – Tao mit Sinn wiedergegeben/übersetzt, beeinflusst die Generation der Expressionisten – Alfred Döblin und ? wurden direkt angeregt Faszination Brechts war groß – immer wieder tauchen in seinem Werk das weiche Wasser und paradoxe Stärke der Schwachen auf, hartes und starres ist blöd, 1956 – Todesjahr – Formel von der unerbittlichen Nachgiebigkeit geprägt, Lehre des Tao das man mit dem Strom schwimmen und lange ausweichen muss – Anpassung des Wassers – Lebensstrategie die empfohlen wird Ende des 1 Weltkriegs bekräftigte seine Position – danach bekennt er sich zum Marxismus – beschäftigt sich kritisch mit Kommunismus Nach Krieg lies er sich in der DDR nieder – geriet immer wieder in Konflikt mit Partei – eigene Erfahrungen bewiesen ihm schlechten Zustand der Welt. Oper: Die Reise des Glücksgotts – war geplant vor Brechts Tod – Glücksgott kommt gerne mit Begleitern, die ihn Kitzeln damit er lacht und Freude verbreiten kann, Oper sollte Glücksgott zeigen wie er nach Krieg in Städte kommt und Menschen auffordert um ihr Glück zu kämpfen – es ist unmöglich das Glücksverlangen der Menschen ganz zu töten – „höchst unkommunistisches Symbol der Gewaltlosigkeit“ – passive Haltung des Orients, taoistische Haltung des Nachgebens und sich treiben lassen der Dinge blieb immer neben der Lehre vom Klassenkampf in Brechts Vorstellung bestehen. Zentrale Widersprüchlichkeit des Gedichtes: zentral entgegengesetzt der marx Theorie Kontext des Gedichtes macht es zum Außenseiter. Rückzug aus dem aktiven Eingreifen im Kontrast zum politischen Engagement, Widerspruch: Brecht ins Exil gejagt, Laotse freiwillig, Brecht in der Legende ganz deutlich mit ihm identifiziert, (zB Strophe 2 – was er mitnahm, genau so wie Brecht Pfeife und Bücher) führt autobiographische Parallele ein, Metrik II Erste Fassung liegt uns in einem Typoskript vor, stammt nicht von Brecht selbst sondern von Mitarbeiterin Stefin, 7. Mai 1938 angefertigt, eine Strophe fehlt – bei uns die 9te Strophe – nachträglich eingefügt, auch andere Korrekturen von Brecht zB Strophe 10 ‐ was in Klammer steht 4 Strophe – Knabe führt Alten nicht Ochsen – in erster Version 10 Strophe – Laotse – Gut ein kleiner Aufenthalt – vorher Laotse passiv hinnehmender – entspricht seiner Lehre – schickt dich in den Aufenthalt – Gut ein kleiner Aufenthalt – er wird aktiver Eingefügte Strophe 9: Emigrant solidarisiert mit dem Arbeiter, deutliches Abschwenken von der taotischen Lehre zum aktiven Engagement. Stropeh 13 – Name prangt – nicht taotisch – 2 Rollenmodelle: aktiv und eingreifend und passiv – Inhaltlich keine eindeutige Stellung – ein nebeneinander der zwei Positionen Aber Stellung nimmt das Gedicht in der Form: der erste Druck des Gedichtes erfolgte 1939 in der Moskauer Exilzeitschrift „Expressionismus‐Debatte“ – Expressionismus als literarische Richtung aufkommen der Nazis begünstigt? Streit unter Immigranten – es geht gegen artifizielle und formalistische Schreibweise, auch Brecht wurde als Formalist kritisiert. Verteilung der unregelmäßigen Hebungen überaus kunstvoll – Ursprung des Taotseking Elision ‐> e von interessiert wird eligiert. Verfremdungseffekt im epischen Theater von Brecht – in Gedichten der gestische Rhythmus sollte den regelmäßigen Takt stören – Leser als lyrischer Schaukelei hinausgeworfen um Erkenntnisse zu bekommen. Auch in der Legende an 4 Stellen Stauungen im Vers, die dem Schema nicht entsprechen: Z24f. „mächtigen“ Stein staut den Fluss des Gedichtes. Gedicht veranschaulicht Strömen des Taktes der an bestimmten Hindernissen staut und doch weiterfließt, auch Güte und Bosheit in der Welt sind – ewiger Wechsel von Dingen – gut und Böse usw. Strophe 25 – einziger Schlussvers mit 5 Hebungen Das Gedicht stellt inhaltlich einen Widerspruch zwischen Taoismus und Revolution doch auf der formalen Ebene – eher taotischer Rhythmus Höflichkeit und Freundlichkeit: Berühmte Auslegung des Gedichtes von Walter Benjamin: Höflichkeit: Soziale Qualität, Kontakt des Wissenden und des Lernenden – höflich, unhierarchisch. Freundlichkeit keine Qualität die immer gebraucht wird, ‐ Exilfreundlichkeit, 1939, aber Gedicht „Vergnügungen“ – 1954 – freundlich sein 9te Vorlesung: Ingeborg Bachmann – Erklär mir, Liebe 1 Titel – Liebe im Vokativ? Liebe als Allegorie oder Anrede an geliebten Menschen (wahrscheinlich weiblich?) oder Akkusativ (nach bedeutungsvoller Pause durch Beistrich erzwungen) Einleitung des Gedichtes durch Refrainzeile (Erklär mir, Liebe) Versmaß nicht eindeutig und unregelmäßig, aber Hang zu 5‐hebigen Jambus Unklar wer angesprochen wird, wer lyrisches Ich – spricht über jemanden (Liebe oder Geliebten) oder über sich selbst? Christa Wolf – Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra (Frankfurter Poetik‐Vorlesung) Triangulierung von männlich‐weiblich‐Liebe (nicht grammatikalisch durch Geschlechter umgesetzt – auch in Beschreibung eindeutige Zuordnung nicht möglich – in Schwebe gehalten) 1 Strophe Anaphorische Aufzählung (Körperteile, Hut, setzt sich epiphorisch fort, keine Endreime, aber leichte Alliterationen + Binnenreime, allgemein eher luftige Strophe mit meteorologischen Konnotationen, leicht antithetischer idiolektischer Ton in 1 8/9 2 &3 Strophe Bestiarium, Körperzeichen der Liebe (Balz, Paarungsverhalten) Aufzählung, mit Farben verbunden – metallisch ästhetisch (silber/golden/rot – Silber, Kupfer, Gold) Kunstgegenstände? Emblematik – Emblem – Pictura (Baum mit Taubenpaar) – inscriptio (mein allein)‐ subscriptio (die Liebe kein Mitesser bult) Emblematik als Kunstrichtung – allegorische symbolhafte serdentlichte Bedeutungen Wahrheiten aus Moral – Religion/Mythologie Symbiologie: Pfau: zwei zentral Bedeutungen: Eitelkeit oder (sa. In Verbindung mit Sonne) Tugend höheres ästhetisches Empfinden bzw auch Fruchtbarkeit, Lebensspender Taube: Versöhnung Gottes mit den Menschen – Frieden – Seele – Weltenseele, Heiliger Geist, als Paar – eheliche Treue zB im Osten auch Entenpaar (Enterich) Biene: Fleiß (mit Honig als göttlicher Speise) Vorstellung Bienen sammeln Nachkommen von den Blüten, jungfräuliche Geburt, mit sexueller Bedeutung – sexuelle Fruchtbarkeit – göttlich Honig – süßer – Beredsamkeit, Poesie Fisch: als Ichtyp eindeutig christliches Symbol, altes Glückssymbol, Fruchtbarkeit im Schwarm Koralle: rote Farbe – Schutzzauber Skorpion: in Ägypten heilig, eines der frühesten hieroglyphischen Zeichen, von Christentum/Gott gestraft/verdammt, Tier des Teufels Käfer: mit anderen zusammen (rot, Koralle, Erdbeerstrauch) Marienkäfer? – Glück, sehr nützlich/wohltätig – Maria Erdbeere: keusche Fruchtbarkeit/ Sexualsymbol ‐ Üppigkeit, Sinneslust Traube: aber auch mit Christus konnotiert – Üppigkeit, Sinneslust Wasser: Fruchtbarkeit/Weiblichkeit – Unbewusstes (sa. Wandlung zum Tod) Schnecke: einerseits Langsamkeit/ Zurückgezogenheit Schädling im MA, auch Jungfräulichkeit wie bei Muschel, beschützt in Schale, kommt hervor – gibt Jungfräulichkeit auf, Einerseits Glück/Fruchtbarkeit, andererseits jungfräuliche Keuschheit (alle Tiere im Singular – also grammatikalisch umgesetzt – stark biblisch‐christlich kommutiert, zoologisches Panorama von Luft über Wasser zu Sand und Erde 4. Diphthongierung, unweichklingend aber deutlich 5/6 – Negation – stark verdeutlicht gipfelt in Verneinung des herrschenden Imperativs Kurze schauerliche Zeit – Leben Feuersalamander: schwarz‐gelb, durchbricht Farbe der Tiere, Feuer, Giftdrüsen, Fleischeslust & Sündenqualen, aber auch reinigendes Feuer, (Fegefeuer, heiliger Geist) mit Feuer wird die Elementenreihe fortgesetzt, schmerzunempfindlicher Salamander Symbol für denkenden Menschen – herausgefallen aus dem Tierreich, Überwindung der Einsamkeit und Schmerz durch Denken, Reim: sehr weit auseinanderliegende, immer Endreime, Reime nicht direkt gepaart sondern eher Nachklang einer Paarung, Auflösung des Paares (ganz im Sinne des Embleme) Isolation, Auflösung von Bindungen, zyklischer Aufbau)Reime oft zur 1te und 5ten Strophe Grund des Daseins ist Tiefe (Meeresgrund) – Scheitern, untergehen, kentern führen zum essentiellen sein (raison d’etre) – absolute Erfahrung, existenzielle Erlebnisse, semische Überwindung des irdischen Lebens Salamander: Ausdruck männlich‐rationaler Denkens, dadurch auch emotionslos und schmerzunempfindlich, Gegensatz zu weiblicher Emotionalität, Natürlichkeit Erklärung von Liebe performativ, dadurch Lieben, Empfindungslosigkeit der Alltagssprache ist Aufgabe des Gedichts Gastvortrag von Urs Allemann Letzte Vorlesung Paul Fleming – An Sich Es ist das älteste der besprochenen Gedichte, kann als Trostgedicht gelesen werden. Manche Worte waren unglaublichen semantischen Schwankungen unterworfen. Sonett – abba abba (identische Reime) 2xQuartette cde cde – 2x Terzette von Opitz „schicklich empfohlener“ dt. Alexandriner – Fleming verwendete ihn. Autor und Zeit: Fleming – sehr jung gestorben, mit 31 Jahren, Medizin studiert in Leipzig, danach 6jährige Reise nach Russland und Persien ‐> abenteuerliches Unternehmen, nach der Rückkehr zum Doktor promoviert; 30 jähriger Krieg bestimmte sein ganzes Leben Ordnungssuche in Kriegszeiten‐ Reaktion auf Schrecken und Chaos Die Entstehungszeit von „an sich“ ist unbekannt, wahrscheinlich so um 1635 Er war Schüler von Opitz und befolgte deswegen alle seine metrischen Regeln 1. Buch von Fleming – Sonetten – handelt von geistlichem – „an meinen Erlöser“ – ganz klangvolle chiastische Bestimmungen An sich: keine religiösen Zusammenhänge im Text – es geht mehr um die Bewältigung des diesseitigen Lebens. Die Stoa Neostoizismus Die Stoa von Athen aus entwickelt, Weltlehre mit ethischen Aspekten, wie reagiert man auf Unsicherheit in der Welt? ‐ mit Kraft seiner Vernunft kann man Ordnung der Welt erkennen Wer sich von irdischen Ambitionen frei macht erringt Freiheit, kann zur Ruhe kommen – frei von Leid. Begründer der Stoa – Marc Aurel, Epiktet und Seneca Ende des 16 Jhd Wiederbelebung dieser Lehre durch Justus Lipsius – Neostoizismus Kommentar und Analyse: Spannung zwischen Quartetten und Terzetten – These und Antithese – antithesische Konstruktionen auch beim deutschen Alexandriner – Opposition immer links und rechts von Zäsur. 1 Str: 6 x Imperativ; Glück ist zu deuten im Sinn von Fortuna – muss nicht unbedingt glücklich heißen. Vergnüge dich = begnüge dich – gib dich mit dir selbst zufrieden 2 Str: 4x Imperativ, Verhängnüß: das über einem verhängte, allgemein das einem vorherbestimmte, 10 Imperative in den Quartetten Terzette – wechselt ins unpersönliche – man, wieder ins Imperativ, förder – ferner, weiter, voran letzte zwei Zeilen – gewisse Moral – wie Shakespearsonett (ab ab cd cd ef ef gg) – klingt wie ein Reimpaar ist aber keines Titel – an sich – Außenseiter in seinen Gedichten Er hat 4 Bücher geschrieben – eines davon „Glückwünschungen“ – Anlassgedichte – an sich steht da drinnen, 25 Gedicht, kein Gedicht geht über das Niveau von solchen Gelegenheitsgedichten hinaus, an sich – selbst gerichtet? – selbstreflexives Gedicht? ‐ Interpretation von Fliedl: Unverzagt – Negation des negativen Doppelte Negation fortgesetzt Vergnügen vs. Leid Antithetisch Glück? Antithese im ersten Teil des Vers positioniert – betrübt und labt Antithese – der einzelne – alle Sachen – dies alles ist in dir – Synthese Am Schluss: biblische Szene der Versuchung durch Satan – Blasphemie – Widerspruch zur christlichen Lehre. Das Gedicht an sich: Gedicht spricht nicht von stoischer Vernunft sondern davon seinem selbst Meister zu sein – reflexive Bewegung des in sich zurück. Von sich selber – ironischer Akzent – Flammen und Wasser für Liebe Gefühle werden durch Diskurse hergestellt – Selbstreflexion als ich – gemeistert und beherrscht wird die Form des Gedichts Poetische Selbstreflexion immer charakteristisch für Gedichte. Letzte Vorlesung Paul Fleming – An Sich Es ist das älteste der besprochenen Gedichte, kann als Trostgedicht gelesen werden. Manche Worte waren unglaublichen semantischen Schwankungen unterworfen. Sonett – abba abba (identische Reime) 2xQuartette cde cde – 2x Terzette von Opitz „schicklich empfohlener“ dt. Alexandriner – Fleming verwendete ihn. Autor und Zeit: Fleming – sehr jung gestorben, mit 31 Jahren, Medizin studiert in Leipzig, danach 6jährige Reise nach Russland und Persien ‐> abenteuerliches Unternehmen, nach der Rückkehr zum Doktor promoviert; 30 jährige Krieg bestimmte sein ganzes Leben Ordnungssuche in Kriegszeiten‐ Reaktion auf Schrecken und Chaos Die Entstehungszeit von „an sich“ ist unbekannt, wahrscheinlich so um 1635 Er war Schüler von Opitz und befolgte deswegen alle seine metrischen Regeln 1. Buch von Fleming – Sonetten – handelt von geistlichem – „an meinen Erlöser“ – ganz klangvolle chiastische Bestimmungen An sich: keine religiösen Zusammenhänge im Text – es geht mehr um die Bewältigung des diesseitigen Lebens. Die Stoa Neostoizismus Die Stoa von Athen aus entwickelt, Weltlehre mit ethischen Aspekten, wie reagiert man auf Unsicherheit in der Welt? ‐ mit Kraft seiner Vernunft kann man Ordnung der Welt erkennen Wer sich von irdischen Ambitionen frei macht erringt Freiheit, kann zur Ruhe kommen – frei von Leid. Begründer der Stoa – Marc Aurel, Epiktet und Seneca Ende des 16 Jhd Wiederbelebung dieser Lehre durch Justus Lipsius – Neostoizismus Kommentar und Analyse: Spannung zwischen Quartetten und Terzetten – These und Antithese – antithesische Konstruktionen auch beim deutschen Alexandriner – Opposition immer links und rechts von Zäsur. 1 Str: 6 x Imperativ; Glück ist zu deuten im Sinn von Fortuna – muss nicht unbedingt glücklich heißen. Vergnüge dich = begnüge dich – gib dich mit dir selbst zufrieden 2 Str: 4x Imperativ, Verhängnüß: das über einem verhängte, allgemein das einem vorherbestimmte, 10 Imperative in den Quartetten Terzette – wechselt ins unpersönliche – man, wieder ins Imperativ, förder – ferner, weiter, voran letzte zwei Zeilen – gewisse Moral – wie Shakespearsonett (ab ab cd cd ef ef gg) – klingt wie ein Reimpaar ist aber keines Titel – an sich – Außenseiter in seinen Gedichten Er hat 4 Bücher geschrieben – eines davon „Glückwünschungen“ – Anlassgedichte – an sich steht da drinnen, 25 Gedicht, kein Gedicht geht über das Niveau von solchen Gelegenheitsgedichten hinaus, an sich – selbst gerichtet? – selbstreflexives Gedicht? ‐ Interpretation von Fliedl: Unverzagt – Negation des negativen Doppelte Negation fortgesetzt Vergnügen vs. Leid Antithetisch Glück? Antithese im ersten Teil des Vers positioniert – betrübt und labt Antithese – der einzelne – alle Sachen – dies alles ist in dir – Synthese Am Schluss: biblische Szene der Versuchung durch Satan – Blasphemie – Widerspruch zur christlichen Lehre. Das Gedicht an sich: Gedicht spricht nicht von stoischer Vernunft sondern davon seinem selbst Meister zu sein – reflexive Bewegung des in sich zurück. Von sich selber – ironischer Akzent – Flammen und Wasser für Liebe Gefühle werden durch Diskurse hergestellt – Selbstreflexion als ich – gemeistert und beherrscht wird die Form des Gedichts Poetische Selbstreflexion immer charakteristisch für Gedichte. K. Fliedl: VO Gedichte, WS 2008/9, Mi 12-13.30, Hörsaal 50 ……………………………………………………. 1
Termine
08.10.
Paul Celan (1920-1970):
DU LIEGST im großen Gelausche (1967)
15.10.
Ludwig Tieck (1773-1853):
Glosse (1816)
22.10.
Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803):
Der Zürchersee (1750)
29.10.
muss ausfallen
05.11.
Friedrich Schiller (1759-1805):
Nänie (1800)
12.11.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832):
Ein Gleiches (1780)
19.11.
26.11.
03.12.
Heinrich Heine (1797-1856):
Doktrin (1844)
muss ausfallen
Rainer Maria Rilke (1875-1926):
Die Gazelle (1907)
10.12.
Bertolt Brecht (1898-1956):
Legende von der Entstehung des Buches Taoteking (1938)
17.12.
Gastvortrag Urs Allemann (Basel):
Zu Gedichten von Robert Walser (1878-1956)
07.01.
Ingeborg Bachmann (1927-1973):
Erklär mir, Liebe (1956)
14.01.
Gastvortrag Prof. Dr. Wolfram Groddeck (Zürich):
Friedrich Hölderlin (1770-1843):
Brod und Wein (1800/1801)
21.01.
Paul Fleming (1609-1640):
28.01.
An Sich (1641)
Klausur
Zur Vorbereitung: Deutsche Gedichte. Hrsg. v. Dietrich Bode. Stuttgart 2000 (RUB 8012, €
8,30); zur Metrik z.B. Christian Wagenknecht: Deutsche Metrik. München: Beck 41999 (€ 15,40);
Burkhard Moenninghoff: Metrik. Stuttgart 2004 (RUB 17649, € 3,50); Daniel Frey: Einführung in
die deutsche Metrik mit Gedichtmodellen. Stuttgart 1996 (UTB 1903, € 10,20).
Prüfungsanforderungen: Vorlesungsinhalt, möglichst breite eigene Lyrik-Lektüre und Übungen
metrischer Analyse. – Die Prüfung kann schriftlich oder mündlich abgelegt werden. Nach dem
ersten Klausurtermin sind mindestens zwei weitere (Anfang März und Ende Juni) vorgesehen.
Mündliche Prüfungen sind in der Sprechstunde (Mi, 16-17; Institut für Germanistik, Dr. Karl
Lueger-Ring 1, Stg. 7, 1. Stock Unterteilung, Zimmer 25) nach Voranmeldung bei Frau Schimek
(Tel. 4277/42101; angelika.schimek@univie.ac.at) möglich. Geprüft wird bis 27.1.2010.
Anfragen zum Inhalt: in der Sprechstunde oder konstanze.fliedl@univie.ac.at; zu Terminen,
Prüfungsmodalitäten etc. bitte nur an Frau Schimek oder an Frau Mag. Rohrbacher
(imelda.rohrbacher@univie.ac.at).
Vorlesung von Wolfram Groddeck:
Friedrich Hölderlins Elegie „Brod und Wein“
Entstehungsgeschichte 1800-1803:
Erster Entwurf: „Der Weingott / An Heinze“ (1800)
Erste Reinschrift: „Der Weingott / An Heinze“ (1800/1801)
Überarbeitung der ersten Reinschrift: „Brod und Wein“ (1801/1802)
Zweite Reinschrift: „Brod und Wein / An Heinze“ (1802)
Überarbeitung der zweiten Reinschrift: (ohne Titeländerung) (1803)
Publikationsgeschichte 1806-1977:
Erstdruck der ersten Strophe unter dem Titel „Die Nacht“: 1806
Erstdruck der ganzen Elegie nach der ersten Reinschrift unter dem
Titel „Brot und Wein“: 1884
Erstdruck der ganzen Elegie nach der zweiten Reinschrift unter dem
Titel „Brod und Wein“: 1914
(Hölderlin-Ausgabe von Norbert von Hellingrath)
Vollständige Entzifferung der Überarbeitung der zweiten Reinschrift:
1951
(Grosse Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe von Friedrich Beißner)
Erster vollständiger Versuch einer Rekonstruktion der Spätfassung:
1977
(Frankfurter Hölderlin-Ausgabe von D.E. Sattler)
Brod und Wein.
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Heinze.
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1.
Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse,
Und, mit Fakeln geschmükt, rauschen die Wagen hinweg.
Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen die Menschen,
Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt
Wohlzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,
Und von Werken der Hand ruht der geschäfftige Markt.
Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vieleicht, daß
Dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann
Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen,
Immerquillend und frisch rauschen an duftendem Beet.
Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Gloken,
Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl.
Jezt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,
Sieh! und das Schattenbild unserer Erde, der Mond
Kommet geheim nun auch; die Schwärmerische, die Nacht kommt,
Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns,
Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen
Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.
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4.
Seeliges Griechenland! du Haus der Himmlischen alle,
Also ist wahr, was einst wir in der Jugend gehört?
Festlicher Saal! der Boden ist Meer! und Tische die Berge
Wahrlich zu einzigem Brauche vor Alters gebaut!
Aber die Thronen, wo? die Tempel, und wo die Gefäße,
Wo mit Nectar gefüllt, Göttern zu Lust der Gesang?
Wo, wo leuchten sie denn, die fernhintreffenden Sprüche?
Delphi schlummert und wo tönet das große Geschik?
Wo ist das schnelle? wo brichts, allgegenwärtigen Glüks voll
Donnernd aus heiterer Luft über die Augen herein?
Vater Aether! so riefs und flog von Zunge zu Zunge
Tausendfach, es ertrug keiner das Leben allein;
Ausgetheilet erfreut solch Gut und getauschet, mit Fremden,
Wirds ein Jubel, es wächst schlafend des Wortes Gewalt
Vater! heiter! und hallt, so weit es gehet, das uralt
Zeichen, von Eltern geerbt, treffend und schaffend hinab.
Denn so kehren die Himmlischen ein, tiefschütternd gelangt so
Aus den Schatten herab unter die Menschen ihr Tag.
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36
2.
Wunderbar ist die Gunst der Hocherhabnen und niemand
Weiß von wannen und was einem geschiehet von ihr.
So bewegt sie die Welt und die hoffende Seele der Menschen,
Selbst kein Weiser versteht, was sie bereitet, denn so
Will es der oberste Gott, der sehr dich liebet, und darum
Ist noch lieber, wie sie, dir der besonnene Tag.
Aber zuweilen liebt auch klares Auge den Schatten
Und versuchet zu Lust, eh' es die Noth ist, den Schlaf,
Oder es blikt auch gern ein treuer Mann in die Nacht hin,
Ja, es ziemet sich ihr Kränze zu weihn und Gesang,
Weil den Irrenden sie geheiliget ist und den Todten,
Selber aber besteht, ewig, in freiestem Geist.
Aber sie muß uns auch, daß in der zaudernden Weile,
Daß im Finstern für uns einiges Haltbare sei,
Uns die Vergessenheit und das Heiligtrunkene gönnen,
Gönnen das strömende Wort, das, wie die Liebenden, sei,
Schlummerlos und vollern Pokal und kühneres Leben,
Heilig Gedächtniß auch, wachend zu bleiben bei Nacht.
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3.
Auch verbergen umsonst das Herz im Busen, umsonst nur
Halten den Muth noch wir, Meister und Knaben, denn wer
Möcht' es hindern und wer möcht' uns die Freude verbieten?
Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht,
Aufzubrechen. So komm! daß wir das Offene schauen,
Daß ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.
Fest bleibt Eins; es sei um Mittag oder es gehe
Bis in die Mitternacht, immer bestehet ein Maas,
Allen gemein, doch jeglichem auch ist eignes beschieden,
Dahin gehet und kommt jeder, wohin er es kann.
Drum! und spotten des Spotts mag gern frohlokkender Wahnsinn
Wenn er in heiliger Nacht plözlich die Sänger ergreift.
Drum an den Isthmos komm! dorthin, wo das offene Meer rauscht
Am Parnaß und der Schnee delphische Felsen umglänzt,
Dort ins Land des Olymps, dort auf die Höhe Cithärons,
Unter die Fichten dort, unter die Trauben, von wo
Thebe drunten und Ismenos rauscht, im Lande des Kadmos,
Dorther kommt und zurük deutet der kommende Gott.
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7.
Aber Freund! wir kommen zu spät. Zwar leben die Götter
Aber über dem Haupt droben in anderer Welt.
Endlos wirken sie da und scheinens wenig zu achten,
Ob wir leben, so sehr schonen die Himmlischen uns.
Denn nicht immer vermag ein schwaches Gefäß sie zu fassen,
Nur zu Zeiten erträgt göttliche Fülle der Mensch.
Traum von ihnen ist drauf das Leben. Aber das Irrsaal
Hilft, wie Schlummer und stark machet die Noth und die Nacht,
Biß daß Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,
Herzen an Kraft, wie sonst, ähnlich den Himmlischen sind.
Donnernd kommen sie drauf. Indessen dünket mir öfters
Besser zu schlafen, wie so ohne Genossen zu seyn,
So zu harren und was zu thun indeß und zu sagen,
Weiß ich nicht und wozu Dichter in dürftiger Zeit?
Aber sie sind, sagst du, wie des Weingotts heilige Priester,
Welche von Lande zu Land zogen in heiliger Nacht.
5.
Unempfunden kommen sie erst, es streben entgegen
Ihnen die Kinder, zu hell kommet, zu blendend das Glük,
Und es scheut sie der Mensch, kaum weiß zu sagen ein Halbgott
Wer mit Nahmen sie sind, die mit den Gaaben ihm nahn.
Aber der Muth von ihnen ist groß, es füllen das Herz ihm
Ihre Freuden und kaum weiß er zu brauchen das Gut,
Schafft, verschwendet und fast ward ihm Unheiliges heilig,
Das er mit seegnender Hand thörig und gütig berührt.
Möglichst dulden die Himmlischen diß; dann aber in Wahrheit
Kommen sie selbst und gewohnt werden die Menschen des Glüks
Und des Tags und zu schaun die Offenbaren, das Antliz
Derer, welche schon längst Eines und Alles genannt
Tief die verschwiegene Brust mit freier Genüge gefüllet,
Und zuerst und allein alles Verlangen beglükt;
So ist der Mensch; wenn da ist das Gut, und es sorget mit Gaaben
Selber ein Gott für ihn, kennet und sieht er es nicht.
Tragen muß er, zuvor; nun aber nennt er sein Liebstes,
Nun, nun müssen dafür Worte, wie Blumen, entstehn.
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8.
Nemlich, als vor einiger Zeit, uns dünket sie lange,
Aufwärts stiegen sie all, welche das Leben beglükt,
Als der Vater gewandt sein Angesicht von den Menschen,
Und das Trauern mit Recht über der Erde begann,
Als erschienen zu lezt ein stiller Genius, himmlisch
Tröstend, welcher des Tags Ende verkündet' und schwand,
Ließ zum Zeichen, daß einst er da gewesen und wieder
Käme, der himmlische Chor einige Gaaben zurük,
Derer menschlich, wie sonst, wir uns zu freuen vermöchten,
Denn zur Freude mit Geist, wurde das Größre zu groß
Unter den Menschen und noch, noch fehlen die Starken zu höchsten
Freuden, aber es lebt stille noch einiger Dank.
Brod ist der Erde Frucht, doch ists vom Lichte geseegnet,
Und vom donnernden Gott kommet die Freude des Weins.
Darum denken wir auch dabei der Himmlischen, die sonst
Da gewesen und die kehren in richtiger Zeit,
Darum singen sie auch mit Ernst die Sänger den Weingott
Und nicht eitel erdacht tönet dem Alten das Lob.
6.
Und nun denkt er zu ehren in Ernst die seeligen Götter,
Wirklich und wahrhaft muß alles verkünden ihr Lob.
Nichts darf schauen das Licht, was nicht den Hohen gefället,
Vor den Aether gebührt müßigversuchendes nicht.
Drum in der Gegenwart der Himmlischen würdig zu stehen,
Richten in herrlichen Ordnungen Völker sich auf
Untereinander und baun die schönen Tempel und Städte
Vest und edel, sie gehn über Gestaden empor
Aber wo sind sie? wo blühn die Bekannten, die Kronen des Festes?
Thebe welkt und Athen; rauschen die Waffen nicht mehr
In Olympia, nicht die goldnen Wagen des Kampfspiels,
Und bekränzen sich denn nimmer die Schiffe Korinths?
Warum schweigen auch sie, die alten heilgen Theater?
Warum freuet sich denn nicht der geweihete Tanz?
Warum zeichnet, wie sonst, die Stirne des Mannes ein Gott nicht,
Drükt den Stempel, wie sonst, nicht dem Getroffenen auf?
Oder er kam auch selbst und nahm des Menschen Gestalt an
Und vollendet und schloß tröstend das himmlische Fest.
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9.
Ja! sie sagen mit Recht, er söhne den Tag mit der Nacht aus
Führe des Himmels Gestirn ewig hinunter, hinauf,
Allzeit froh, wie das Laub der immergrünenden Fichte,
Das er liebt und der Kranz, den er von Epheu gewählt,
Weil er bleibet und selbst die Spur der entflohenen Götter
Götterlosen hinab unter das Finstere bringt.
Was der Alten Gesang von Kindern Gottes geweissagt,
Siehe, wir sind es, wir; Frucht von Hesperien ists!
Wunderbar und genau ists als an Menschen erfüllet,
Glaube, wer es geprüft! aber so vieles geschieht
Keines wirket, denn wir sind herzlos, Schatten, bis unser
Vater Aether erkannt jeden und allen gehört.
Aber indessen kommt als Fakelschwinger des Höchsten
Sohn, der Syrier, unter die Schatten herab.
Seelige Weise sehns; ein Lächeln aus der gefangnen
Seele leuchtet, dem Licht thauet ihr Auge noch auf.
Sanfter träumet und schläft in Armen der Erde der Titan,
Selbst der neidische, selbst Cerberus trinket und schläft.
Das Distichon
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Hexameter:
–– ∪ ∪ / –– ∪ ∪ / –– | –– ∪ ∪ / –– ∪ ∪ / ––
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Pentameter:
Vers 43-46:
↓
Fest bleibt Eins; es sei um Mittag oder es gehe
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Bis in die Mitternacht, immer bestehet ein Maas,
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Allen gemein, doch jeglichem auch ist eignes beschieden,
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Dahin gehet und kommt jeder, wohin er es kann.
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Friedrich Hölderlin
Brod und Wein.
An
Heinze.
1.
1
2
3
4
5
Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse,
Und, mit Fakeln geschmükt, rauschen die Wagen hinweg.
Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen die Menschen,
Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt
Wohlzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,
6
Und von Werken der Hand ruht der geschäfftige Markt.
7
Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vieleicht, daß
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
Dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann
Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen,
Immerquillend und frisch rauschen an duftendem Beet.
Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Gloken,
Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl.
Jezt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,
Sieh! und das Schattenbild unserer Erde, der Mond
Kommet geheim nun auch; die Schwärmerische, die Nacht kommt,
Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns,
Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen
Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.
2.
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Wunderbar ist die Gunst der Hocherhabnen und niemand
20
Weiß von wannen und was einem geschiehet von ihr.
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So bewegt sie die Welt und die hoffende Seele der Menschen,
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Selbst kein Weiser versteht, was sie bereitet, denn so
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Will es der oberste Gott, der sehr dich liebet, und darum
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Ist noch lieber, wie sie, dir der besonnene Tag.
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Aber zuweilen liebt auch klares Auge den Schatten
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Und versuchet zu Lust, eh' es die Noth ist, den Schlaf,
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Oder es blikt auch gern ein treuer Mann in die Nacht hin,
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Ja, es ziemet sich ihr Kränze zu weihn und Gesang,
Weil den Irrenden sie geheiliget ist und den Todten,
Selber aber besteht, ewig, in freiestem Geist.
Aber sie muß uns auch, daß in der zaudernden Weile,
Daß im Finstern für uns einiges Haltbare sei,
Uns die Vergessenheit und das Heiligtrunkene gönnen,
Gönnen das strömende Wort, das, wie die Liebenden, sei,
Schlummerlos und vollern Pokal und kühneres Leben,
Heilig Gedächtniß auch, wachend zu bleiben bei Nacht.
10.06.2009
Liebe denkt in süssen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.
5
Wenn im tiefen Schmerz verloren
Alle Geister in mir klagen,
Und gerührt die Freunde fragen:
»Welch ein Leid ist dir geboren?«
Kann ich keine Antwort sagen,
10 Ob sich Freuden wollen finden,
Leiden in mein Herz gewöhnen,
Geister, die sich liebend binden
Kann kein Wort niemals verkünden,
Liebe denkt in süssen Tönen.
15 Warum hat Gesangessüsse
Immer sich von mir geschieden?
Zornig hat sie mich vermieden,
Wie ich auch die Holde grüße.
So geschieht es, dass ich büße,
20 Schweigen ist mir vorgeschrieben,
Und ich sagte doch so gern
Was dem Herzen sei sein Lieben,
Aber stumm bin ich geblieben,
geblieben
Denn Gedanken stehn zu fern.
25 Ach, wo kann ich doch ein Zeichen,
Meiner Liebe ew’ges Leben
Mir nur selber kund zu geben,
Wie ein Lebenswort erreichen?
Wenn dann alles will entweichen
30 Muß ich oft in Trauer wähnen
Liebe sei dem Herzen fern,
Dann weckt sie das tiefste Sehnen,
Sprechen mag sie nur in Thränen,
Nur in Tönen mag sie gern.
Ludwig Tieck (1777-1853)
Glosse, Glosa
Dezime:
a
b
b
a
a
c
c
d
d
c
Liebe denkt in süssen Tönen,
Liebe denkt in süssen Tönen,
a
Denn Gedanken stehn zu fern,
b
Nur in Tönen mag sie gern
b
Alles was sie will
Alles,
will, verschönen
verschönen.
a
abba = umarmender Reim
a ♀
Denn Gedanken stehn zu fern,
b ♂
Nur in Tönen mag sie gern
b ♂
Alles, was sie will, verschönen.
a ♀
♀ = „weiblicher“ Reim
35 Will die Liebe in mir weinen,
Bringt sie Jammer, bringt sie Wonne,
Will sie Nacht sein, oder Sonne,
Sollen Glückessterne scheinen?
Tausend Wunder sich vereinen:
40 Ihr Gedanken schweiget stille,
Denn die Liebe will mich krönen,
Und was sich an mir erfülle
Weiß ich das, es wird ihr Wille
Alles, was sie will, verschönen.
Liebe denkt in süssen Tönen,
♂ = „männlicher“ Reim
= Trochäus =
frz. grand (m.), grande (f.)
1
10.06.2009
Liebe denkt in süssen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.
Liebe denkt in süssen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.
„figura etymologica“
„ Epanalepse“
Liebe denkt in süssen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.
5
Wenn im tiefen Schmerz verloren
Alle Geister in mir klagen,
Und gerührt die Freunde fragen:
»Welch ein Leid ist dir geboren?«
Kann ich keine Antwort sagen,
10 Ob sich Freuden wollen finden,
Leiden in mein Herz gewöhnen,
Geister, die sich liebend binden
Kann kein Wort niemals verkünden,
Liebe denkt in süssen Tönen.
15 Warum hat Gesangessüsse
Immer sich von mir geschieden?
Zornig hat sie mich vermieden,
Wie ich auch die Holde grüße.
So geschieht es, dass ich büße,
20 Schweigen ist mir vorgeschrieben,
Und ich sagte doch so gern
Was dem Herzen sei sein Lieben,
Aber stumm bin ich geblieben,
geblieben
Denn Gedanken stehn zu fern.
25 Ach, wo kann ich doch ein Zeichen,
Meiner Liebe ew’ges Leben
Mir nur selber kund zu geben,
Wie ein Lebenswort erreichen?
Wenn dann alles will entweichen
30 Muß ich oft in Trauer wähnen
Liebe sei dem Herzen fern,
Dann weckt sie das tiefste Sehnen,
Sprechen mag sie nur in Thränen,
Nur in Tönen mag sie gern.
a
b
b
a
b
c
d
c
c
d
a
b
b
a
a
c
d
c
c
d
35 Will die Liebe in mir weinen,
Bringt sie Jammer, bringt sie Wonne,
Will sie Nacht sein, oder Sonne,
Sollen Glückessterne scheinen?
Tausend Wunder sich vereinen:
40 Ihr Gedanken schweiget stille,
Denn die Liebe will mich krönen,
Und was sich an mir erfülle
Weiß ich das, es wird ihr Wille
Alles, was sie will, verschönen.
Weht ein Ton vom Feld herüber,
Grüß’ ich immer einen Freund,
Spricht zu mir: was weinst du Lieber?
Sieh’, wie Sonn die Liebe scheint:
Herz am Herzen stets vereint
Gehn die bösen Stunden über.
Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773-1798)
Liebe denkt in süssen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
fern
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.
Drum ist ewig uns zugegen
Wenn Musik mit Klängen spricht
Ihr die Sprache nicht gebricht
Holde Lieb’ auf allen Wegen,
Liebe kann sich nicht bewegen,
Leihet sie den Odem nicht.
2
10.06.2009
Sophie Bernhardi-Tieck (1775-1833)
Blumen, ihr seyd stille Zeichen,
Die aus grünem Boden sprießen
Düfte in die Lüfte gießen
So das Herz zur Lieb’ erweichen.
Dennoch mögt ihr nicht erreichen
So das Herz, den Schmerz versöhnen,
Enden alles Leid und Stöhnen
Daß ihr könntet als Gedanken
In den grünen Blättern schwanken:
Liebe denkt in süßen Tönen. [...]
a
b
b
a
a
c
c
d
d
c
Wollt' ich meine Liebe sprechen,
Ach! als Botin meiner Klagen
Sollte meine Hand nicht wagen
Bunte Blumen abzubrechen.
Still laß' ich die Dornen stechen,
Wag' die süßen Schmerzen gern,
Denn mir scheint kein günst'ger Stern,
Drum will ich nicht Worte hauchen,
Mag auch nicht Gedanken brauchen,
Denn Gedanken stehn zu fern.
Blumen, Worte und Gedanken,
Manche Sehnsucht mögt ihr stillen,
Manchen holden Wunsch erfüllen,
Manches Herz mag wohl euch danken.
Träume, süß, wie mich umwanken,
Denen bleibt ihr ewig fern;
Sie regiert ein andrer Stern.
Selbst der Purpurglanz der Rosen
Ist zu matt der Liebe: kosen
Nur in Tönen mag sie gern.
Hätt' ich zarte Melodien,
Sie als Boten wegzusenden,
Würde bald mein Leid sich enden,
Und mir alle Freude blühn.
Holde Liebe zu mir ziehn
Würd' ich dann mit süßen Tönen,
Meinen Bund auf ewig krönen:
Denn mit himmlischen Gesängen
Kann Musik in goldnen Klängen
Alles, was sie will, verschönen.
Worte sind nur dumpfe Zeichen
Die Gemüther zu entziffern;
Und mit Zügen, Linien, Ziffern
Mag man Wissenschaft erreichen.
Doch a
aus
s den äther’schen Reichen
Läßt ein Bild des ewig Schönen
Nieder zu der Erde Söhnen
Nur in Licht und Ton sich schicken:
Liebe spricht in hellen Blicken,
Liebe denkt in süßen Tönen. [...]
August Wilhelm Schlegel (1767-1845)
Liebe stammt vom Himmel oben,
Und so lehrte sie der Meister,
Welchen seine hohen Geister
In derselben Sprache loben.
Denn beseelt sind jene Globen,
Strahlend redet Stern mit Stern,
Und vernimmt den andern gern:
Wenn die Sphären rein erklingen.
Ihre Wonn' ist Schau'n und Singen,
Denn Gedanken stehn zu fern.
Stumme Zungen, taube Ohren,
Die des Wohllauts Zauber fliehn,
Wachen auf zu Harmonie'n,
Wenn sie Liebe neu geboren.
Memnons Säule, von Auroren
Angeschienen
gesc e e leis'
e s und
u d fern,
e ,
Haucht so aus dem starren Kern
Ihre Sehnsucht aus in Liedern,
Und der Mutter Gruß erwiedern
Nur in Tönen mag sie gern.
Musik ist die Kunst der Liebe
Músik = Tonbeugung
In der tiefsten Seel' empfangen,
Aus entflammendem Verlangen
Mit der Demuth heil'gem Triebe.
Daß die Liebe selbst sie liebe,
Zorn und Haß sich ihr versöhnen,
Mag sie nicht in raschen Tönen
Bloß um Lust und Jugend scherzen:
Sie kann Trauer, Tod und Schmerzen,
Alles, was sie will, verschönen.
3
10.06.2009
Süße Liebe denkt in Tönen,
♀
Denn Gedanken stehn zu ferne,
♀
Nur in Tönen mag sie gerne
♀
Alles, was sie will, verschönen.
♀
Friedrich Schlegel (1772-1829)
Wenn sich neue Liebe regt,
Alles die Gefühle wagen,
Die man, ach, so gerne hegt,
Laß mich fühlen, doch nicht sagen,
Wie die Seele sich bewegt.
Wird sie jemals sich beschränken?
Sich in Lust und Leid zu senken,
Kann sie nimmer sich entwöhnen?
Doch was soll das eitle Denken?
Süße Liebe denkt in Tönen.
a
b
a
b
a
Wenn die Nachtigallen schlagen,
Hell die grüne Farbe brennt,
Will ich, was die Blumen sagen
Und das Auge nur erkennt,
Leise kaum mich selbst befragen.
Wenn ich wandl' auf stiller Flur,
Still verfolgend die Natur,
Und sie fühlend denken lerne,
Folg' ich den Gefühlen nur,
Denn Gedanken stehn zu ferne.
Wer es je im Herzen wagte,
Zu dem Aether zu entfliehen,
Den der Himmel uns versagte,
Denkt in leisen Phantasieen,
Was er nie in Worten sagte.
Worten ist es nicht gegeben,
Unsre Seele zu beleben;
Nah' sich ahnden schon das Ferne,
Lächelnd weinen, lieben, leben
Nur in Tönen mag sie gerne.
Wenn sich süß Musik ergoßen,
Darf er den Gesang nur wagen,
Und in Wohllaut hingegoßen
Leise zu der Laute sagen,
Daß im Wohllaut wir zerfloßen.
Wenn man den Gesang nur kennte,
Ihn den Schmerzen nicht mißgönnte,
Würden sie sich leicht versöhnen,
Und die schöne Liebe könnte
Alles, was sie will, verschönen.
Schönste! Du hast mir befohlen
Dieses Thema zu glossieren;
Doch ich sag es unverhohlen:
Dieses heißt die Zeit verlieren,
Und ich sitze wie auf Kohlen.
Liebtet ihr nicht, stolze Schönen!
Selbst die Logik zu verhöhnen,
Würd ich zu beweisen wagen,
Daß es Unsinn ist zu sagen:
Süße Liebe denkt in Tönen.
Zwar versteh ich wohl das Schema
Dieser abgeschmackten Glossen,
Aber solch verzwicktes Thema,
Solche rätselhaften Possen
Sind ein gordisches Problema.
Dennoch macht' ich mir, mein Stern!
Diese Freude gar zu gern.
Hoffnungslos reib ich die Hände,
Nimmer bring ich es zu Ende,
Denn Gedanken stehn zu fern.
Ludwig Uhland (1787-1862)
Spondeus: − −
Molossos: − − −
−
Laß, mein Kind, die span'sche Mode!
Laß die fremden Triolette!
Laß die welsche Klangmethode
Der Kanzonen und Sonette!
Bleib bei deiner sapph'schen Ode!
Bleib der Aftermuse fern
Der romantisch süßen Herrn!
Duftig schwebeln, luftig tänzeln
Nur in Reimchen, Assonänzeln,
Nur in Tönen mag sie gern.
Nicht in Tönen solcher Glossen
Kann die Poesie sich zeigen;
In antiken Verskolossen
Stampft sie besser ihren Reigen
Mit Spondeen und Molossen.
Nur im Hammerschlag und Dröhnen
Deutschhellenischer Kamönen
Kann sie selbst die alten, kranken,
Allerhäßlichsten Gedanken,
Alles, was sie will, verschönen.
4
10.06.2009
Ein gereimtes Gedicht ist […] ein eng verbundenes
Ganze, in welchem die gereimten Worte getrennt oder
näher gebracht, durch längere oder kürzere Verse
auseinander gehalten, sich unmittelbar in Liebe
erkennen, oder sich irrend suchen, oder aus weiter
Ferne nur mit der Sehnsucht zu einander hinüber
reichen; andre springen sich entgegen, wie sich selbst
überraschend andre kommen einfach mit dem
überraschend,
schlichtesten und nächsten Reim unmittelbar in aller
Treuherzigkeit entgegen.
Ludwig Tieck,
Vorrede zu „Die altdeutschen Minnelieder“ (1803)
5
10.06.2009
Martin Opitz: „Buch von der deutschen Poeterey“ (1624)
Prinzip der Alternation
=
strenger Wechsel von betonter und unbetonter Silbe
Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803)
1
10.06.2009
Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht
Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,
Das den großen Gedanken
Deiner Schöpfung noch einmal denkt.
Inversion, Positiv, Apostrophe
Komparativ, Metonymie
Schon lag hinter uns weit Uto, an dessen Fuß
Zürch in ruhigem Tal freie Bewohner nährt;
Schon war manches Gebirge
Voll von Reben vorbeigeflohn.
figura etymologica
Präteritum; = Uetliberg
Jetzt entwölkte sich fern silberner Alpen Höh,Anapher→ Hebung!
Und der Jünglinge Herz schlug schon empfindender, Kollektivsubjekt
Schon verriet es beredter
absolute Komparative
Sich der schönen Begleiterin.
Von des schimmernden Sees Traubengestaden her,
Oder, flohest du schon wieder zum Himmel auf,
Komm in rötendem Strahle
Auf dem Flügel der Abendluft,
Komm, und lehre mein Lied jugendlich heiter sein,
Süße Freude, wie du! gleich dem beseelteren
Schnellen Jauchzen des Jünglings,
Sanft, der fühlenden Fanny gleich.
Anapher
Vokativ, absoluter Komp.
♂
♀ = Marie Sophie Schmidt
"Hallers Doris", die sang, selber des Liedes wert,
Hirzels Daphne, den Kleist innig wie Gleimen liebt;
Und wir Jünglinge sangen
Und empfanden wie Hagedorn.
Ode v. A.v. Haller
Nymphe = Anna Hirzel
Jetzo nahm uns die Au in die beschattenden
Kühlen Arme des Walds, welcher die Insel krönt;
Da, da kamest du, Freude!
Volles Maßes auf uns herab!
→ Anapher; Halbinsel
Metapher
Verdopplungen
1. Höhepunkt
Anakreontiker
Göttin Freude, du selbst! dich, wir empfanden dich!
Ja, du warest es selbst, Schwester der Menschlichkeit, Allegorie
Deiner Unschuld Gespielin,
Die sich über uns ganz ergoß!
1 + 7 (2 + 5) Strophen:
I – Anrede an die Natur
II + III – Anrede an die Freude
IV-VIII – Kahnfahrt und Freudenfeier
Süß ist, fröhlicher Lenz, deiner Begeistrung Hauch,
Parallelismus; Tempus!
Wenn die Flur dich gebiert, wenn sich dein Odem sanft
In der Jünglinge Herzen,
Und die Herzen der Mädchen gießt.
Chiasmus
Ach du machst das Gefühl siegend, es steigt durch dich
Jede blühende Brust schöner, und bebender,
Komparative
Lauter redet der Liebe
Alliterationen
Nun entzauberter Mund durch dich!
2
10.06.2009
Lieblich winket der Wein, wenn er Empfindungen,
Beßre sanftere Lust, wenn er Gedanken winkt,
Im sokratischen Becher
Von der tauenden Ros' umkränzt;
Parallelismus
chiastisch; Komp.
hier: kleiner Becher
Wenn er dringt bis ins Herz, und zu Entschließungen,
Die der Säufer verkennt, jeden Gedanken weckt,
Wenn er lehret verachten,
Was nicht würdig des Weisen ist.
Alliteration
Reizvoll klinget des Ruhms lockender Silberton
In das schlagende Herz, und die Unsterblichkeit
Ist ein großer Gedanke,
Ist des Schweißes der Edlen wert!
Parallelismus, Metapher
→ Str. I
Durch der Lieder Gewalt, bei der Urenkelin
Sohn und Tochter noch sein; mit der Entzückung Ton
Oft beim
b i N
Namen genennet,
t
Oft gerufen vom Grabe her,
Dann ihr sanfteres Herz bilden, und; Liebe, dich,
Komparativ
Fromme Tugend, dich auch gießen ins sanfte Herz, Positiv
Ist, beim Himmel! nicht wenig!
Ist des Schweißes der Edlen wert!
Refrainzeile
7 + 1 Strophe:
Aber süßer ist noch, schöner und reizender,
Steigerungen zu IX, I, XIII
In dem Arme des Freunds wissen ein Freund zu sein! Zu: Arme des Walds, VII
So das Leben genießen,
Nicht unwürdig der Ewigkeit!
IX-X: 2 „Lenz“-Strophen
XI-XII: 2 „Wein“-Strophen
XIII-XV: 3 „Ruhm“-Strophen
XVI: Freundschaft
Treuer Zärtlichkeit voll, in den Umschattungen,
In den Lüften des Walds, und mit gesenktem Blick
Auf die silberne Welle,
Tat ich schweigend den frommen Wunsch:
Strophenaufbau:
Tempus; 1. Person
1+ 7 // 7 + 1 // 3
Wäret ihr auch bei uns, die ihr mich ferne liebt,
In des Vaterlands Schoß einsam von mir verstreut,
Die in seligen Stunden
Meine suchende Seele fand;
O so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns!
Ewig wohnten wir hier, ewig! Der Schattenwald
Wandelt’ uns sich in Tempe,
Jenes Tal in Elysium!
Bibel
Tal in Thessalien
Gefilde der Seligen
3
10.06.2009
J.W. v. Goethe: Auf dem See (1775)
Wortwiederholungen: süß (3), Gedanken
(4), empfinden (4), sanft (5), schön (5)
Adjektive, Partizipien, Komparative (schöner
– 3x,
3x sanfter – 2x)
Substantiva auf –ung
Monochrome Farbigkeit
Und frische Nahrung, neues Blut
Saug' ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkig, himmelan,
Begegnen unserm Lauf.
Aug',
A
' mein
i Aug',
A ' was sinkst
i k t du
d nieder?
i d ?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum! so gold du bist;
Hier auch Lieb' und Leben ist.
Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne ;
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne;
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht.
Albrecht von Haller: Doris (1730)
Peter Rühmkorf:
Variationen auf ein Thema von Friedrich Gottlieb Klopstock (1959)
Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht,
mit entspanntem Munde gepriesen; schöner ein künstlich Gebiß, das
den großen Gedanken
einer
i
S
Schöpfung
hö f
noch
h einmal
i
l käut.
kä t [...]
[ ]
Du mit der Plombe im Zahn und dem schlechten Geschmack im Mund,
faselnd von Unsterblichkeit und nachgespendetem Ruhm,
wen bringt die ausgelutschte Fanfare
noch auf die Socken? [...]
Sprich, Doris! Fühlst du nicht im Herzen
Die zarte Regung sanfter Schmerzen,
Die süßer sind als alle Lust?
Strahlt nicht dein holder Blick gelinder?
Rollt nicht dein Blut sich selbst geschwinder
Und schwellt die Unschulds-volle Brust? [...]
Du seufzest, Doris! Wirst du blöde?
o selig! flößte meine Rede
Dir den Geschmack des Liebens ein!
Wie angenehm ist doch die Liebe?
Erregt ihr Bild schon zarte Triebe,
Was wird das Urbild selber sein? [...]
Was siehst du furchtsam hin und wieder
Und schlägst die holden Blicke nieder?
Es ist kein fremder Zeuge nah;
Mein Kind, kann ich dich nicht erweichen >
Doch ja, dein Mund giebt zwar kein Zeichen,
Allein dein Seufzen sagt mir: Ja!
4
10.06.2009
Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Sohn
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich;
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.
Friedrich Schiller (1759-1805)
Nereus = Meergott
1
10.06.2009
Arno Breker: Orpheus und Eurydike (1944)
Und es weinten die Seelen, die bleichen, um ihn, wie er solches
Sang, und die Saiten erklangen [...].
Tränen benetzten die Augen der Eumeniden zum ersten
Mal, so erzählt man: es rührt sie das Lied. Die fürstliche Gattin
Und der Beherrscher der Tiefe vermögen es nicht, ihm die Bitte
Abzuschlagen [...].
Aufwärts führt sie der Pfad durch die schweigende Stille. Sie steigen
Steil in finsterer Nacht, von dichtestem Nebel umschattet.
Nicht mehr fern ist die Grenze der oberen Welt: da befürchtet
Er, der Liebende, daß sie ermatte; er sehnt sich nach ihrem
Anblick und schaut sich um: schon ist die Geliebte entglitten.
g
Und sie breitet die Arme: sie will ihn halten, sich halten
Lassen und greift, die Unselige, nichts als entweichende Lüfte.
Mag sie sterben zum zweiten Mal: sie hat für den Gatten
Keinerlei Tadel; was soll sie denn tadeln, als daß er sie liebe?
Nur ein letztes „Lebwohl“, das kaum seine Ohren vernehmen,
Spricht sie, dann trägt es sie wieder davon nach dem nämlichen Orte.
(Ovid, Metamorphosen X, 39ff.)
Eumeniden = Göttinnen der Unterwelt, eig. „Freundliche“, oft mit Erinnyen
identifiziert
John William Waterhouse: The Awakening of Adonis (ca. 1900)
2
10.06.2009
II: Orpheus und Eurydike
III: Adonis und Aphrodite
IV: Achill und Thetis
Johann Heinrich Füssli, Thetis beweint den toten Achilleus (1780)
Deine Mutter entstieg dem Meer mit den göttlichen Meerfraun,
Als sie die Kunde vernahm; ein Schrei erscholl übers Meer hin
Grauenerregend; da packte der Schrecken alle Achäer. [...]
Um dich stellten sich da die Töchter des Alten vom Meere
Jammervoll klagend und hüllten dich ein in ambrosische Kleider.
Alle neun Musen hoben mit schöner Stimme im Wechsel
An den Trauergesang;
g
g; da sah man keinen Argeier,
g
,
Der nicht weinte so sehr ergriff sie die klagende Muse.
Siebzehn Tage beweinten dich da bei Nacht und bei Tage
Die unsterblichen Götter und auch die sterblichen Menschen [...].
(Homer, Odyssee, 24, 47ff.)
Achäer, Argeier = von Achaia und Argos, von Homer metonymisch für alle
Griechen verwendet
3
10.06.2009
Da vernimmt sie von fern des Sterbenden Stöhnen: die Vögel
Lenkt sie, die weißen, dorthin. Und als sie ihn sieht aus dem hohen
Himmel bewußtlos liegen, den Leib in dem eigene Blute,
Springt sie hinab; sie rauft sich das Haar und die Binde des Busens,
Schlägt sich die Brust mit ihren dazu nicht tauglichen Händen.
Aber nachdem sie das Schicksal gescholten: ‚Und dennoch’, so ruft sie,
‚Wird dir nicht alles gehören: es bleibt meines Leides Gedächtnis
Immer, Adonis. Das jährlich erneuerte Bild deines Todes
Wird sich vollziehen,, nachformend den Jammer,, der jetzt
j
mich erschüttert.
Doch dein Blut wird zur Blüte sich wandeln. [...]
(Ovid, Metamorphosen, X, 719ff.)
Johannes Brahms: Nänie (1881)
4
10.06.2009
Ein Gleiches
Über allen Gipfeln
Ist Ruh’,
In allen Wipfeln
p
du
Spürest
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen
im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Stich nach Georg Oswald May (1779)
Ilmenau und Umgebung
Goethe-Häuschen vor 1870
Carl Friedrich Zelter (1758-1831): Komposition von 1814
1
10.06.2009
Wandrers Nachtlied (1776)
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
A h! iich
Ach!
h bi
bin d
des T
Treibens
ib
müde!
üd !
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede!
Komm, ach komm in meine Brust!
Goethes Inschrift auf der Bretterwand, Photographie von 1869
Rekonstruiertes Goethe-Häuschen
HUSH'D on the hill
Is the breeze;
Scarce by the zephyr
The trees
Softly are press'd;
The woodbird's asleep on the bough.
Wait then,
Wait,
then and thou
Soon wilt find rest.
Edgar A. Bowring, 1853
George Leslie Norris, 2005
2
10.06.2009
Aller Berge Gipfel
Ruhn in dunkler Nacht,
Aller Bäume Wipfel
Ruhn, kein Vöglein wacht,
Rauscht kein Blatt im Walde,
Überall ist Ruh’,
Warte, Wandrer, balde,
Balde ruhst auch du!
Rückübersetzung der
russischen Fassung
Michail Jurjewitsch Lermontov, 1840
Ulrich Pretzel (1958)
Christian Morgenstern, Fisches Nachtgesang (1905)
[…]
Da kam einmal ein großer roter Bär einher
Der wußte nichts von den Bräuchen hier, das brauchte er nicht als Bär.
Doch er war nicht von gestern und ging nicht auf jeden Teer
Und der fraß die Vöglein im Walde.
Da schwiegen die Vöglein nicht mehr
Über allen Wipfeln ist Unruh
In allen Gipfeln spürest du
Jetzt einen Hauch.
Bertolt Brecht, Liturgie vom Hauch (1924)
warte nur balde
über ein weilchen
flort rauch
denk mir mein teilchen
striche das seilchen
treibe das keilchen
spiele mein zeilchen
lasse es auch
brauchediebrauch
brauchediebrauch
h k b il h
hackebeilchen
schnittlauch
wackle den bauch
steile das steilchen
seile das seilchen
warte nur balde
über ein weilchen
über ein geilchen
weilchelst du auch
Reinhard Döhl, aus: „Fingerübungen“ (1962)
3
10.06.2009
ICH SITZE STUMM UND KRAULE
das Kleinhirn zwecks Belebung
die Sprache zwecks Bestrebung
und die bewegt sich doch
mich läßt sie kühl doch heiter
noch sitz ich auf der Leiter
und seh den Hasen zu
nun hat der Topf ein Loch
stopf es zu lieber Hans wenn aber
wenn die Welt eins hat was dann
nur gemach nimm die Sprach
stopf es zu
über allen Steigen
ist Ruh
Oskar Pastior, ICH SITZE STUMM (1969)
Ernst Jandl, ein gleiches (1970)
Lied des englischen Kapitäns.
(Frei nach Goethe)
Unter allen Wassern ist — „U“!
Von Englands Flotte spürest du
Kaum einen Hauch
Mein Schiff ward versenkt, daß es knallte —
Warte nur, balde
Versinkt deins auch!
Zit. nach: Karl Kraus, Die Fackel 454-456
(1917)
Der „schlaue Rotfuchs“ des Rowohlt-Verlags
Postkarte 1832 (© Serie: Jutta Assel / Georg Jäger)
4
10.06.2009
Postkarte undatiert
Postkarte 1906
Postkarte undatiert
Postkarte 1913
Postkarte undatiert
Postkarte 1932
5
10.06.2009
Postkarte undatiert
6
10.06.2009
Ein Gleiches
Über allen Gipfeln
Ist Ruh’,
In allen Wipfeln
p
du
Spürest
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen
im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Stich nach Georg Oswald May (1779)
Ilmenau und Umgebung
Goethe-Häuschen vor 1870
Carl Friedrich Zelter (1758-1831): Komposition von 1814
1
10.06.2009
Wandrers Nachtlied (1776)
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
A h! iich
Ach!
h bi
bin d
des T
Treibens
ib
müde!
üd !
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede!
Komm, ach komm in meine Brust!
Goethes Inschrift auf der Bretterwand, Photographie von 1869
Rekonstruiertes Goethe-Häuschen
HUSH'D on the hill
Is the breeze;
Scarce by the zephyr
The trees
Softly are press'd;
The woodbird's asleep on the bough.
Wait then,
Wait,
then and thou
Soon wilt find rest.
Edgar A. Bowring, 1853
George Leslie Norris, 2005
2
10.06.2009
Aller Berge Gipfel
Ruhn in dunkler Nacht,
Aller Bäume Wipfel
Ruhn, kein Vöglein wacht,
Rauscht kein Blatt im Walde,
Überall ist Ruh’,
Warte, Wandrer, balde,
Balde ruhst auch du!
Rückübersetzung der
russischen Fassung
Michail Jurjewitsch Lermontov, 1840
Ulrich Pretzel (1958)
Christian Morgenstern, Fisches Nachtgesang (1905)
[…]
Da kam einmal ein großer roter Bär einher
Der wußte nichts von den Bräuchen hier, das brauchte er nicht als Bär.
Doch er war nicht von gestern und ging nicht auf jeden Teer
Und der fraß die Vöglein im Walde.
Da schwiegen die Vöglein nicht mehr
Über allen Wipfeln ist Unruh
In allen Gipfeln spürest du
Jetzt einen Hauch.
Bertolt Brecht, Liturgie vom Hauch (1924)
warte nur balde
über ein weilchen
flort rauch
denk mir mein teilchen
striche das seilchen
treibe das keilchen
spiele mein zeilchen
lasse es auch
brauchediebrauch
brauchediebrauch
h k b il h
hackebeilchen
schnittlauch
wackle den bauch
steile das steilchen
seile das seilchen
warte nur balde
über ein weilchen
über ein geilchen
weilchelst du auch
Reinhard Döhl, aus: „Fingerübungen“ (1962)
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10.06.2009
ICH SITZE STUMM UND KRAULE
das Kleinhirn zwecks Belebung
die Sprache zwecks Bestrebung
und die bewegt sich doch
mich läßt sie kühl doch heiter
noch sitz ich auf der Leiter
und seh den Hasen zu
nun hat der Topf ein Loch
stopf es zu lieber Hans wenn aber
wenn die Welt eins hat was dann
nur gemach nimm die Sprach
stopf es zu
über allen Steigen
ist Ruh
Oskar Pastior, ICH SITZE STUMM (1969)
Ernst Jandl, ein gleiches (1970)
Lied des englischen Kapitäns.
(Frei nach Goethe)
Unter allen Wassern ist — „U“!
Von Englands Flotte spürest du
Kaum einen Hauch
Mein Schiff ward versenkt, daß es knallte —
Warte nur, balde
Versinkt deins auch!
Zit. nach: Karl Kraus, Die Fackel 454-456
(1917)
Der „schlaue Rotfuchs“ des Rowohlt-Verlags
Postkarte 1832 (© Serie: Jutta Assel / Georg Jäger)
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10.06.2009
Postkarte undatiert
Postkarte 1906
Postkarte undatiert
Postkarte 1913
Postkarte undatiert
Postkarte 1932
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10.06.2009
Postkarte undatiert
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Friedrich Hölderlin – Brod und Wein (Groddeck) Entstehung: Über ca. 3 Jahre (1800 bis 1803) 1. Titel:“ Der Weingott/ An Heinze“ – von erstem Entwurf und erster Reinschrift (Gedicht geht bist zur Mitte – Wahrheit letztes Wort) Überarbeitung – Änderung des Namens in „Brod und Wein“ Manche meinen dass er in diesem Gedicht Beginn der Geisteskrankheit dokumentiert. Publikationsgeschichte: 1806 ‐ 1977 Erstdruck der ersten Strophe unter dem Titel „Die Nacht“ – 1806 (Hölderlin bereits in Psychatrie) Eine der ersten Monografien – von Emil Petzold Erstdruck der ganzen Elegie nach der ersten Reinschrift unter dem Titel „Brod und Wein“ ‐ 1884 Erstdruck der zweiten Reinschrift unter dem Titel „Brod und Wein“ –Norber von Hellingrath – 1914 Vollständige Entzifferung der Überarbeitung der zweiten Reinschrift – Friedrich Beißner – 1951 1ster vollständiger Versuch einer Rekonstruktion der Spätfassung – Sattler – 1977 Aufbau: 9 Strophen (3x3) – jede Strophe ist dreigeteilt, komplexe aber klare Komposition – philosophisches Geschehen, geistiges Geschehen werden durch Bewegung des Gedichtes in Gang gesetzt. 1.Strophe: Feierabendruhe, Nacht kommt herauf 3.Strophe: Aufbruchsstimmung ins Offene 4‐6 Strophe: vor dem Auge des Dichters: Antikes Griechenl., Meer‐ Insellandschaft werden imaginiert 5. Strophe: Bewusstwerden der Götter in griechischer Kultur, genau in der Mitte des Gedichts – Wahrheit – kommt nur hier vor. 6.Strophe: Gedankenstrich zum Niedergang der Antike, für Dichter wie Ende eines großen Festes, ‐ ersten 2/3 des Gedichts drehen sich also um Beginn und Ende der Antike 7‐9 Strophe: Verarbeitung der großen Visionen, Krise der poetischen Existenz, 8. Strophe: Vorstellung der Eucharistie Brod und Wein, in 8 Strophe einziges Mal zusammen genannt 9.Strophe: In Figur des Weingotts Versöhnung von Tag und Nacht Rekapitulation des Gedichts – endet dort wo es begonnen hat – die Nacht Versmaß, Gattung: Elegisches Distichon – Hexameter, Pentameter; Vers 43-46:


Fest bleibt Eins; es sei um Mittag oder es gehe
––
–– / ––
— / –– –– / –– — / –– / –– 
Bis in die Mitternacht, immer bestehet ein Maas,
–– / –– — / — | –– / –– / ––



Allen gemein, doch jeglichem auch ist eignes beschieden,
–– / –– –– / –– / –– –– / –– / –– 
Dahin gehet und kommt jeder, wohin er es kann.
–– –– / –– / –– | –– / –– / –– (alle unbetonten Silben werden
durch betonte ersetzt, Zäsur in
Mitte des zweiten Versfußes)
45:Jeder hat eigenes Maß, das allen gemein ist –Gesellschaftsutopie von Hölderlin 46: – Hin und zurückströmen des Rythmus Komposition des Textes: Starke triadische Komposition 3X3 Strophen – jede Strophe 3x3 Distichen 7. Strophe – weist nur 8 Distichen auf statt 9. 1. Strophe – 1‐6 – episch‐naiv, 7‐12 – lyrisch‐idealisch, 13‐18 – dramatisch‐heroisch Inhalt: Geschichtsphilosophisches Modell des Idealismus, Versuch antike Götterwelt und Griechentum mit christlicher Kultur zu versöhnen, Dionysos – Gott des Weins, der Freuden, der Traube, der Fruchtbarkeit, Demeter – Göttin des Getreides, der Saat und der Jahreszeiten Brod und Wein – aus griechischer Mythologie, gleichzeitig christliche Symbolik philosophisch‐religiöse Problematik: Bedeutung monotheistischer Glauben auf Hintergrund antiker Kultur (sinnlicher Polytheismus) – Vorwurf von Atheismus wenn man mit Griechentum beschäftigt. Aufgabe des Gedichts: Vereinbarkeit von Christentum und Griechentum Dithyramben – Hymnen zu Ehren des Gottes Dionysos Gott im Gedicht so gegenwärtig, wie es Gott bei den Christen im letzten Abendmahl ist Oder bei Dithyramben wird auch seine Gegenwart gefühlt Aber es ist ja keine Hymne sondern eine Elegie (Klagelied) – bezeichnet, beklagt Verlust – vergegenwärtigt Abwesendes, Spannung zwischen Anwesenheit und Abwesenheit Schlussstrophe: Ausgleich von Tag und Nacht, idealer Antike und realer Gegenwart; Religion und Dichtung, Christentum und Griechentum, Göttertag und Menschennacht – Versöhnung Verdichtung des Wortes im Gedicht Zu Autor: 1770 bis 1843 – nicht selbstständige Stellung ein neben Klassik und Romantik Sohn eines Klosterpflegers und einer Pfarrerstochter, Lateinschule, Klostergymnasium, Studium an der Uni Tübingen – traff Hegel und Schelling, arbeitete als Hauslehrer, besuchte Uni Jena, lerne Goethe, Schiller kennen – auch Isaac von Sinclair Hauslehrer bei den Gontards – verliebte sich in Susette Gontard – Hypochondrie wurde festgestellt, verschlechterte sich – 1800 – verwirrter Zustand bei Rückkehr von Hauslehrerjob – 1802 Tod von Susette – stürzte sich in Arbeit Wegen Hochverratsprozess gegen Kurfürsten von Württenberg ein Verfahren – eingestellt – Arzt stellte fest – Hölderlin sei zerrüttet, Wahnsinn in Raserei übergegangen – 1806 Tübingen Irrenanstalt – dann 1807 in Haus von Familie Zimmer bis zu seinem Tod. K. Fliedl: VO Gedichte, WS 2008/9, Mi 12-13.30, Hörsaal 50 ……………………………………...….….…….…. 7 (Heine)
Heinrich Heine (1797-1856): Doctrin (1844)
1. Zur Form
. 2. Kommentar
3. Wer ist der Trommler?
a. Erbe des Tambour Le Grand
b. Held der Arbeiterklasse oder „dummschlauer Kommißkopf“?
c. Selbstbild des Dichters
Man muß den Geist der Sprache kennen, und diesen
lernt man am besten durch Trommeln. Parbleu! wie
viel verdanke ich nicht dem französischen Tambour,
der so lange bey uns in Quartier lag, und wie ein
Teufel aussah, und doch von Herzen so engelgut war,
und so ganz vorzüglich trommelte.
Es war eine kleine, bewegliche Figur mit einem
fürchterlichen, schwarzen Schnurrbarte, worunter
sich die rothen Lippen trotzig hervorbäumten,
während die feurigen Augen hin und her schossen.
Ich kleiner Junge hing an ihm wie eine Klette, und
half ihm seine Knöpfe spiegelblank putzen und seine
Weste mit Kreide weißen – denn Monsieur Le Grand
wollte gerne gefallen – und ich folgte ihm auch auf
die Wache, nach dem Appell, nach der Parade – da
war nichts als Waffenglanz und Lustigkeit – les jours
de fête sont passés! Monsieur Le Grand wußte nur
wenig gebrochenes Deutsch, nur die Hauptausdrücke
– Brod, Kuß, Ehre – doch konnte er sich auf der
Trommel sehr gut verständlich machen, z. B. wenn
ich nicht wußte, was das Wort „liberté“ bedeute, so
trommelte er den Marseiller Marsch – und ich verstand ihn. Wußte ich nicht die Bedeutung des Wortes
„égalité“, so trommelte er den Marsch „ça ira, ça ira –
– – les aristocrates à la lanterne!“ – und ich verstand
ihn.
Ideen. Das Buch Le Grand
(Reisebilder. Zweyter Theil; 1826)
1
Doctrin.
2
3
4
5
Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.
6
7
8
9
Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Trommle Reveille mit Jugendkraft,
Marschire trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.
10
11
12
13
Das ist die Hegel’sche Philosophie,
Das ist der Bücher tiefster Sinn!
Ich hab’ sie begriffen, weil ich gescheidt,
Und weil ich ein guter Tambour bin.
ED: Vorwärts!, 20.7.1844
EA: Neue Gedichte, Hamburg: Hoffmann und Campe 1844
*
DHA: „Düsseldorfer Ausgabe“. Hrsg. v. Manfred Windfuhr.
Hamburg 1973-1997
HSA: Säkularausgabe. Hrsg. von den Nationalen
Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen
deutschen Literatur in Weimar und dem Centre National
de la Recherche Scientifique in Paris. Berlin/Paris 1970ff.
Die schlesischen Weber (1844)
Im düstern Auge keine Thräne,
sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne;
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch.
Wir weben hinein den dreyfachen Fluch -Wir weben, wir weben! […]
[…] Wir haben lange getragen das Leid,
Geduldig wie deutsche Eichen,
Bis endlich die hohe Obrigkeit
Uns gab das Befreiungszeichen.
Wie in der Kampfbahn der Auerochs
Erhuben wir unsere Hörner,
Entledigten uns des fränkischen Jochs
Und sangen die Lieder von Körner.
Claude Henri Graf von Saint-Simon (1760-1825):
‚Über die Gesellschaftsorganisation‘ (1825)
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831): ‚Vorlesungen
über die Philosophie der Geschichte‘ (ab 1822/23)
Entsetzliche Verse! sie klangen in's Ohr
Gar schauderhaft den Tyrannen!
Der Kaiser und der Tambourmajor,
Sie flohen erschrocken von dannen. […]
Der Tambourmajor (1843)
Hans Mayer: Anmerkung zu einem Gedicht von Heinrich Heine. In: Sinn und Form 3 (1951), H. 4, S. 177-184; Hans
Joachim Bernhard: Heinrich Heines Modernität. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Rostock 22 (1973),
Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe, H. 5, S. 415-421; Hans Daiber: Die Tiefe an der Oberfläche. In:
Frankfurter Anthologie. Gedichte und Interpretationen. Hrsg. v. Marcel Reich-Ranicki. Bd 6: Frankfurt 1982, S. 90f.;
Gerhard Kaiser: Geschichte der deutschen Lyrik von Goethe bis zur Gegenwart. Ein Grundriß in Interpretationen. Bd
2: Von Heine bis zur Gegenwart. Frankfurt 1996, S. 58-60; Gerhard Höhn: Heines Trommelsprache oder: Was lehrt
Doktrin? In: Gedichte von Heinrich Heine. Hrsg. v. Bernd Kortländer. Stuttgart 1995 (= RUB 8815), S. 105-114;
Sabine Bierwirth: Trommler und Tambour. Heines Versuch einer Synthese ‚politisch-romantischer’ Dichtung. In:
Aufklärung und Skepsis. Internationaler Heine-Kongreß 1997 zum 200. Geburtstag. Hrsg. v. Joseph A. Kruse, Bernd
Witte u. Karin Füllner. Stuttgart 1998, S. 475-488
10.06.2009
1
Heinrich Heine (1797-1856)
Doctrin.
2
3
4
5
Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.
6
7
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9
Trommle die Leute aus dem Schlaf,,
Trommle Reveille mit Jugendkraft,
Marschire trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.
10
11
12
13
Das ist die Hegel’sche Philosophie,
Das ist der Bücher tiefster Sinn!
Ich hab sie begriffen, weil ich gescheidt,
Und weil ich ein guter Tambour bin.
LE RÉVEIL.
Bats le tambour et ne crains rien, et embrasse la
vivan-dière - Voilà toute la science, voilà le sens
le plus profond des livres.
Que ton tambour arrache de son sommeil le
monde endormi! Bats le réveil avec toute la
fougue de ta jeunesse! Marche en avant,
t j
toujours
ttambour
b
b
battant
tt t – Voilà
V ilà ttoute
t lla
science.
Voilà la philosophie de Hegel, voilà le sens le
plus profond des livres! - Je les ai compris,
parce que je suis un garçon de moyens et un
bon tambour.
Claude Henri Graf von Saint-Simon (1760-1825)
1
10.06.2009
Man muß den Geist der Sprache kennen, und diesen lernt man
am besten durch Trommeln. Parbleu! wieviel verdanke ich nicht dem
französischen Tambour, der so lange bey uns in Quartier lag, und
wie ein Teufel aussah, und doch von Herzen so engelgut war und
so ganz vorzüglich trommelte.
Es war eine kleine, bewegliche Figur mit einem fürchterlichen
schwarzen Schnurrbarte, worunter sich die rothen Lippen trotzig
hervorbäumten, während die feurigen Augen hin und her schossen.
Ich kleiner Junge hing an ihm wie eine Klette, und half ihm seine
Knöpfe spiegelblank putzen und seine Weste mit Kreide weißen –
denn Monsieur Le Grand wollte gerne gefallen – und ich folgte ihm
auch auf die Wache
Wache, nach dem Appell
Appell, nach der Parade – da war
nichts als Waffenglanz und Lustigkeit – les jours de fête sont
passés! Monsieur Le Grand wußte nur wenig gebrochenes Deutsch,
nur die Hauptausdrücke – Brod, Kuß, Ehre – doch konnte er sich auf
der Trommel sehr gut verständlich machen, z. B. wenn ich nicht
wußte, was das Wort „liberté“ bedeute, so trommelte er den
Marseiller Marsch – und ich verstand ihn. Wußte ich nicht die
Bedeutung des Wortes „égalité“, so trommelte er den Marsch „ça
ira, ça ira – – – les aristocrates à la lanterne!“ – und ich verstand ihn.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)
aus: Ideen. Das Buch Le Grand (1826)
Wahrlich, der arme französische Tambour
schien halb verwest aus dem Grabe
gestiegen zu sein, es war nur ein kleiner
Schatten in einer schmutzig zerfetzten
grauen Kapotte, ein verstorben gelbes
Gesicht, mit einem großen Schnurrbarte, der
wehmütig
g herabhing
g über die verblichenen
Lippen, die Augen waren wie verbrannter
Zunder, worin nur noch wenige Fünkchen
glimmen, und dennoch, an einem einzigen
dieser Fünkchen erkannte ich Monsieur Le
Grand.
Monsieur Le Grand hat in diesem Leben
nie mehr getrommelt. Auch seine Trommel
hat nie mehr einen Ton von sich gegeben,
sie sollte keinem Feinde der Freiheit zu
einem servilen Zapfenstreich dienen, ich
hatte den letzten,
let ten flehenden Blick Le
Grands sehr gut verstanden und zog
sogleich den Degen aus meinem Stock
und zerstach die Trommel.
DER TAMBOURMAJOR.
Das ist der alte Tambourmajor,
Wie ist er jetzt herunter!
Zur Kaiserzeit stand er in Flor,
Da war er glücklich und munter.
Er balanzirte den großen Stock,
Mit lachendem Gesichte;
Die silbernen Tressen auf seinem Rock,
Die glänzten im Sonnenlichte.
Wenn er mit Trommelwirbelschall
Einzog in Städten und Städtchen,
Da schlug das Herz im Wiederhall
Den Weibern und den Mädchen.
Er kam und sah und siegte leicht,
Wohl über alle Schönen;
Sein schwarzer Schnurrbart wurde feucht
Von deutschen Frauenthränen.
Wir mußten es dulden! In jedem Land,
Wo die fremden Eroberer kamen,
Der Kaiser die Herren überwand,
Der Tambourmajor die Damen.
Wir haben lange getragen das Leid,
Geduldig wie deutsche Eichen,
Bis endlich die hohe Obrigkeit
Uns gab das Befreiungszeichen.
Wie in der Kampfbahn der Auerochs
Erhuben wir unsere Hörner,
Entledigten uns des fränkischen Jochs
Und sangen die Lieder von Körner.
Entsetzliche Verse! sie klangen in's Ohr
Gar schauderhaft den Tyrannen!
y
Der Kaiser und der Tambourmajor,
Sie flohen erschrocken von dannen.
Sie ärndteten beide den Sündenlohn
Und nahmen ein schlechtes Ende.
Es fiel der Kaiser Napoleon
Den Briten in die Hände.
Wohl auf der Insel Sankt-Helena,
Sie marterten ihn gar schändlich;
Am Magenkrebse starb er da
Nach langen Leiden endlich.
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Der Tambourmajor, er ward entsetzt
Gleichfalls von seiner Stelle.
Um nicht zu verhungern dient er jetzt
Als Hausknecht in unserm Hôtelle.
Er heizt den Ofen, er fegt den Topf,
Muß Holz und Wasser schleppen.
Mit seinem wackelnd greisen Kopf
Keucht er herauf die Treppen.
Wenn mich der Fritz besucht, so kann
Er nicht den Spaß
p
sich versagen,
g
Den drollig schlotternd langen Mann
Zu nergeln und zu plagen.
Laß ab mit Spöttelei'n, o Fritz!
Es ziemt Germania's Söhnen
Wohl nimmermehr, mit schlechtem Witz
Gefallene Größe zu höhnen.
Du solltest mit Pietät, mich däucht,
Behandeln solche Leute;
Der Alte ist dein Vater vielleicht
Von mütterlicher Seite.
Carl Theodor Körner (1791-1813): „Leyer und Schwerdt“
(postum 1814)
Die schlesischen Weber
Im düstern Auge keine Thräne,
sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne;
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch.
Wir weben hinein den dreyfachen Fluch -Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterkälte und Hungersnöthen;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt -Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Und Fäulniß und Moder den Wurm erquickt -Wir weben, wir weben!
Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreyfachen Fluch,
Wir weben, wir weben!
„Vorwärts!“, 10. Juli 1844
3
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Die Gazelle / Gazella dorcas (1907)
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
1
2
3
4
Verzauberte: wie kann der Einklang zweier
erwählter Worte je den Reim erreichen,
der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.
Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,
5
6
7
8
und alles Deine geht schon im Vergleich
durch Liebeslieder, deren Worte, weich
wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest,
sich auf die Augen legen, die er schließt:
9
10
11
um dich zu sehen: hingetragen, als
wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen
und schösse nur nicht ab, solang der Hals
12
13
14
das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden
im Wald die Badende sich unterbricht:
den Waldsee im gewendeten Gesicht.
a
b
b
a
a
b
b
a
c c
d c
e d
c
d
c
c e
d e
e d
d
e
e („Shakespeare-Sonett)
Die Gazelle / Gazella dorcas (1907)
1
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4
Verzauberte: wie kann der Einklang zweier
erwählter Worte je den Reim erreichen,
der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.
Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,
a
b
b
a
5
6
7
8
und alles Deine geht schon im Vergleich
durch Liebeslieder, deren Worte, weich
wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest,
sich auf die Augen legen, die er schließt:
c
c
d
d
9
10
11
um dich zu sehen: hingetragen, als
wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen
und schösse nur nicht ab, solang der Hals
e
f
e
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das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden f
im Wald die Badende sich unterbricht:
g
den Waldsee im gewendeten Gesicht.
g
Kurt Oppert, 1926: „Dinggedicht“
abba – cc – dd – efef – gg
1
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Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
Gestern war ich übrigens den ganzen Vormittag im
Jardin des Plantes, vor den Gazellen. Gazella Dorcas,
Linné. Es sind zwei da und noch eine einzelne. Sie lagen
ein paar Schritte voneinander, wiederkäuend, ruhend,
schauend. Wie Frauen aus Bildern schauen, so schauen
sie aus etwas heraus mit einer lautlosen, endgültigen
Wendung. Und als ein Pferd wieherte, horchte die eine,
und ich sah das Strahlen aus Ohren und Hörnern um ihr
schlankes Haupt. […] Ich sah nur die eine einen
Augenblick aufstehen,
aufstehen sie legte sich gleich wieder hin;
aber ich sah, während sie sich streckten und prüften, die
prachtvolle Arbeit dieser Läufe: (wie Gewehre sind sie,
aus denen Sprünge geschossen werden.) Ich konnte gar
nicht fortgehen, so schön waren sie, und ganz wie ich
vor Deiner zarten Photographie fühlte: als ob sie eben
erst in diese Gestalt verwandelt worden wären.
Brief an Clara Rilke-Westhoff vom 13.6.1907
Nikolaus Lenau: Ghasel (1821/22)
Du, schöne Stunde, warst mir hold, so hold, wie keine noch,
Ich seh dein Angesicht erglühn im Rosenscheine noch;
So sah den Engel Gottes einst mit Wangen freudenrot
Im Paradiese lächelnd nahn der Mensch, der reine noch.
Du kamst mit ihr und flohst mit ihr
ihr, und seit ich euch verlor
verlor,
Versehnt ich manchen trüben Tag in jenem Haine noch
Und fragte klagend mein Geschick: „Bewahrst in deinem Schatz
So holde Stunde du für mich nicht eine, eine noch?“
Dort mocht ich lauschen spät und früh: wohl flüsterts im Gezweig,
Doch immer schweigt noch mein Geschick – ich lausch und weine noch.
Carl von Linné, 1758: Capra dorkas (δορκας)
Apollostatue mit
Kithara (κιθάρα)
Pergamonmuseum,
Berlin
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Früher Apollo
Wie manches Mal durch das noch unbelaubte
Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz
im Frühling ist: so ist in seinem Haupte
nichts, was verhindern könnte, daß der Glanz
aller Gedichte uns fast tödlich träfe;
denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun,
zu kühl für Lorbeer sind noch seine Schläfe,
und später erst wird aus den Augenbraun
hochstämmig sich der Rosengarten heben,
aus welchem Blätter, einzeln, ausgelöst
hintreiben werden auf des Mundes Beben,
der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend
und nur mit seinem Lächeln etwas trinkend,
als würde ihm sein Singen eingeflößt.
Jacob Auer, Apollo und Daphne (um 1680)
Alfred Brehm, „Thierleben“ (1877):
„Man sieht die Dorkasgazelle nicht so leicht, als man
glauben möchte: Die Gleichförmigkeit ihres Kleids mit der
vorherrschenden Bodenfärbung erschwert ihr Auffinden
stark. Schon auf eine Achtelmeile hin entschwindet sie
unserem schwächlichen
h ä hli h
Gesichte.
G i h
[...]
[ ] Ihr
Ih Lauf
L f ist
i
ausserordentlich leicht; sie scheint kaum den Boden zu
berühren.“
(1906)
[…] sobald er betrat die von Quellen betauete Grotte,
Schlugen die Nymphen bestürzt bei des Mannes erschreckendem Anblick
Nackt, wie sie waren, die Brust und füllten mit plötzlichem Schreien
Rings den heiligen Hain und schützten, gedrängt um Diana,
Sie mit dem eigenen Leib. Doch höher als sie ist die Göttin
Selber und überragt bis zum Halse die anderen alle.
Wie in glühendem Rot, wenn die Sonne genüber es anstrahlt,
Pfleget zu stehn das Gewölk, wie im Purpurschimmer Aurora:
Also erglüht das Gesicht der entkleidet geschauten Diana.
War sie auch von der Schar der begleitenden Nymphen umgeben,
Stand sie doch schräg auf die Seite geneigt, nach hinten das Antlitz
Beugend, und wie sie zur Hand gern hätte gehabt die Geschosse,
Schöpfte sie Flut, die sie hatte zur Hand, und goss sie dem Mann
Über das Haupt, und das Haar ihm bespritzend mit rächenden Wellen
Sprach sie die Worte dazu, Vorboten des nahen Verderbens:
„Magst du es jetzt kund tun, dass ohne Gewand du mich schautest,
Wenn du es kund tun kannst“. Nicht Weiteres drohend verleiht sie
Seinem begossenen Haupt das Geweih zählebenden Hirsches,
Und gibt Länge dem Hals und spitzt ihm oben die Ohren,
Und mit Füßen vertauscht sie die Hände, die Arme mit langen
Beinen, und überzieht mit fleckigem Felle den Körper.
Furcht auch ist ihm verliehn.
(Ovid, Metamorphosen III,177-198)
Antoine Watteau, Diane au bain (1721)
Giuseppe Cesari, Aktäon überrascht Diana (1603-06)
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Rembrandt, Susanna und die beiden Alten (1636)
Paul Cézanne, Badende Frauen (1880)
Archaischer Torso Apollos (1908)
Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,
sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.
Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;
Frühklassischer
Jünglingstorso
Louvre, Paris
und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
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Frühklassischer
Jünglingstorso
Louvre, Paris
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Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.
2
6 Und er packte ein, was er so brauchte:
7 Wenig. Doch es wurde dies und das.
8 So die Pfeife, die er immer abends rauchte
9 Und das Büchlein,
Büchlein das er immer las.
las
10 Weißbrot nach dem Augenmaß.
3
11 Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
12 Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
13 Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
14 Kauend, während er den Alten trug.
15 Denn dem ging es schnell genug.
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Bertolt Brecht (1898-1956)
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Doch am vierten Tag im Felsgesteine
Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt.
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Doch der Mann in einer heitren Regung
Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst,
verstehst das Harte unterliegt.
unterliegt “
6
Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre
Trieb der Knabe nun den Ochsen an
Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre
Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann
Und er schrie: „He, du! Halt an!
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7
Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“
Hielt der Alte: „Intressiert es dich?“
Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter
Doch wer wen besiegt, das intressiert auch mich.
Wenn du’s weißt, dann sprich!
8
Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!
So was nimmt man doch nicht mit sich fort.
Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte
Und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.
Nun, ist das ein Wort?“
9
Über seine Schulter sah der Alte
Auf den Mann: Flickjoppe. Keine Schuh.
Und die Stirne eine einzige Falte.
Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.
Und er murmelte: „Auch du?“
10
Eine höfliche Bitte abzuschlagen
War der Alte, wie es schien, zu alt.
Denn er sagte laut: „Die etwas fragen
Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“
„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“
11
Und von seinem Ochsen stieg der Weise
Sieben Tage schrieben sie zu zweit.
Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise
Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit).
Und dann war’s soweit.
12
Und dem Zöllner händigte der Knabe
Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein.
Und mit Dank für eine kleine Reisegabe
Bogen
g
sie um jjene Föhre ins Gestein.
Sagt jetzt: kann man höflicher sein?
13
Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
Dessen Name auf dem Buche prangt! –
Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.
Brechts Haus in Svendborg/Dänemark (1933-1939)
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Brechts Rollbild des
„Zweiflers“, das ihn auf
allen Exilstationen
begleitete
Laotse
Die höflichen Chinesen
Tao Te King (6. Jh. v. Chr.):
78: Vom Wasser
Nichts in der Welt
ist nachgiebiger und weicher als Wasser
doch nichts ist besser
um Hartes und Starkes zu überwinden
dank dem was es nicht ist
gelingt es ihm leicht
Das Weiche überwindet das Harte
das Schwache überwindet das Starke
Weniger bekannt in unserer Zeit ist es, wie sehr ein der
Allgemeinheit geleisteter Dienst der Entschuldigung bedarf. So
ehrten die höflichen Chinesen ihren großen Weisen Laotse, mehr
als meines Wissens irgendein anderes Volk seinen Lehrer, durch
die Erfindung folgender Geschichte. Laotse hatte von Jugend auf
die Chinesen in der Kunst zu leben unterrichtet und verließ als
Greis das Land, weil die immer stärker werdende Unvernunft der
Leute dem Weisen das Leben erschwerte. Vor die Wahl gestellt,
die Unvernunft der Leute zu ertragen oder etwas dagegen zu
t
tun,
verließ
li ß er d
das L
Land.
d Da
D trat
t t ihm
ih an der
d Grenze
G
des
d Landes
L d
ein Zollwächter entgegen und bat ihn, seine Lehren für ihn, den
Zollwächter, aufzuschreiben, und Laotse, aus Furcht unhöflich zu
erscheinen, willfahrte ihm. Er schrieb die Erfahrungen seines
Lebens in einem dünnen Buche für den höflichen Zollwächter auf
und verließ erst, als es geschrieben war, das Land seiner
Geburt. Mit dieser Geschichte entschuldigen die Chinesen das
Zustandekommen des Buches Taoteking, nach dessen Lehren
sie bis heute leben.
(1923)
1
2 Einleitung: Reiseentschluß, Aufbruch, Reise
3
4 Zöllnerbegegnung – Rede des Knaben
5 Botschaft des Taoteking
6 Scheinaufbruch
7 Zöllnerappell
8 Einladung
1
Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.
a
b
a
b
b
9 Status des Zöllners
10 Antwort – Rede des Knaben
11
12 Schreibaufenthalt, 2. Aufbruch, Moral
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Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.
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Und er packte ein, was er so brauchte:
Wenig. Doch es wurde dies und das.
So die Pfeife, die er immer abends rauchte
Und das Büchlein, das er immer las.
Weißbrot nach dem Augenmaß.
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Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
Kauend, während er den Alten trug.
Denn dem ging es schnell genug.
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5 Hebungen
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Doch am vierten Tag im Felsgesteine
Har ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt.
5
5
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8
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Eine höfliche Bitte abzuschlagen
5
War der Alte, wie es schien, zu alt.
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Denn er sagte laut: „Die etwas fragen
5
Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“ 8
„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“
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Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“
Hielt der Alte: „Intressiert es dich?“
Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter
Doch wer wen besiegt, das intressiert auch mich.
Wenn du’s weißt, dann sprich!
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8
Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!
So was nimmt man doch nicht mit sich fort.
Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte
Und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.
Nun, ist das ein Wort?“
5
5
5
6
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4
Doch am vierten Tag im Felsgesteine
Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt.
5
Doch der Mann in einer heitren Regung
Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst,
verstehst das Harte unterliegt.
unterliegt “
6
Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre
Trieb der Knabe nun den Ochsen an
Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre
Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann
Und er schrie: „He, du! Halt an!
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Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.
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6 Und er packte ein, was er so brauchte:
7 Wenig. Doch es wurde dies und das.
8 So die Pfeife, die er immer abends rauchte
9 Und das Büchlein,
Büchlein das er immer las.
las
10 Weißbrot nach dem Augenmaß.
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11 Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
12 Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
13 Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
14 Kauend, während er den Alten trug.
15 Denn dem ging es schnell genug.
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5
Höchste Güte ist wie das Wasser.
Des Wassers Güte ist es,
allen Wesen zu nützen ohne Streit.
Es weilt an Orten, die alle Menschen verachten.
Drum steht es nahe dem Sinn. (8)
Das Weiche siegt über das Harte.
Das Schwache siegt über das Starke. (36)
Der Mensch, wenn er ins Leben tritt,
ist weich und schwach,
und wenn er stirbt,
so ist er hart und stark.
Die Pflanzen, wenn sie ins Leben treten,
sind weich und zart,
zart
und wenn sie sterben,
sind sie dürr und starr.
Darum sind die Harten und Starken
Gesellen des Todes,
die Weichen und Schwachen
Gesellen des Lebens.
Darum:
Sind die Waffen stark, so siegen sie nicht.
Sind die Bäume stark, so werden sie gefällt.
Das Starke und Große ist unten.
Das Weiche und Schwache ist oben. (78)
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Doch am vierten Tag im Felsgesteine
Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt.
5
Doch der Mann in einer heitren Regung
Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit d
der Z
Zeit
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mächtigen
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St i besiegt.
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Du verstehst, das Harte unterliegt.“
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Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre
Trieb der Knabe nun den Ochsen an
Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre
Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann
Und er schrie: „He, du! Halt an!
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Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“
Hielt der Alte: „Intressiert es dich?“
Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter
Doch wer wen besiegt, das intressiert auch mich.
Wenn du’s weißt, dann sprich!
8
Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!
So was nimmt man doch nicht mit sich fort.
Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte
Und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.
Nun, ist das ein Wort?“
9
Über seine Schulter sah der Alte
Auf den Mann: Flickjoppe. Keine Schuh.
Und die Stirne eine einzige Falte.
Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.
Und er murmelte: „Auch du?“
10
Eine höfliche Bitte abzuschlagen
War der Alte, wie es schien, zu alt.
Denn er sagte laut: „Die etwas fragen
Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“
„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“
11
Und von seinem Ochsen stieg der Weise
Sieben Tage schrieben sie zu zweit.
Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise
Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit).
Und dann war’s soweit.
12
56 Und dem Zöllner händigte der Knabe
57 Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein.
58 Und mit Dank für eine kleine Reisegabe
59 Bogen
g
sie um jjene Föhre ins Gestein.
60 Sagt jetzt: kann man höflicher sein?
13
61 Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
62 Dessen Name auf dem Buche prangt! –
63 Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
64 Darum sei der Zöllner auch bedankt:
65 Er hat sie ihm abverlangt.
51
52
53
54
55
Chinesischer Glücksgott
(Opernplan: „Die Reisen des Glücksgotts“)
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2
6 Und er packte ein, was er so brauchte:
7 Wenig. Doch es wurde dies und das.
8 So die Pfeife, die er immer abends rauchte
9 Und das Büchlein, das er immer las.
10 Weißbrot nach dem Augenmaß.
Nachträglich eingefügte Strophe 9
4
16 Doch am vierten Tag im Felsgesteine
17 Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
18 „Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
19 Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.“
20 Und so war auch das erklärt.
11
51 Und von seinem Ochsen stieg der Weise
52 Sieben Tage schrieben sie zu zweit.
53 Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise
54 Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit).
55 Und dann war’s soweit.
10
46 Eine höfliche Bitte abzuschlagen
47 War der Alte, wie es schien, zu alt.
48 Denn er sagte laut: „Die etwas fragen
49 Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“
50 „Gut, ein kleiner Aufenthalt.“
5
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31 Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“
32 Hielt der Alte: „Intressiert es dich?“
33 Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter
34 Doch wer wen besiegt, das intressiert auch mich.
35 Wenn du’s weißt, dann sprich!
5
21 Doch der Mann in einer heitren Regung
22 Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
23 Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
24 Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
25 Du verstehst, das Harte unterliegt.“
10
46 Eine höfliche Bitte abzuschlagen
47 War der Alte, wie es schien, zu alt.
48 Denn er sagte laut: „Die etwas fragen
49 Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“
50 „Gut, ein kleiner Aufenthalt.“
9
41 Über seine Schulter sah der Alte
42 Auf den Mann: Flickjoppe. Keine Schuh.
43 Und die Stirne eine einzige Falte.
44 Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.
45 Und er murmelte: „Auch du?“
12
56 Und dem Zöllner händigte der Knabe
57 Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein
ein.
58 Und mit Dank für eine kleine Reisegabe
59 Bogen sie um jene Föhre ins Gestein.
60 Sagt jetzt: kann man höflicher sein?
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5
21 Doch der Mann in einer heitren Regung
22 Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
23 Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
24 Mit d
der Z
Zeitit d
den mächtigen
ä hti
St
Stein
i b
besiegt.
i t
25 Du verstehst, das Harte unterliegt.“
denn die <bosheit> güte wurde wieder schwächlich
und die bosheit nahm an kräften zu
5
5
7
5
5
3 Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
4 Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
An die Nachgeborenen
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! […]
Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
[…]
Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
weise
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
[…]
Dabei wissen wir doch:
Auch der Hass gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Vergnügungen
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein
(1954)
(1939)
Das Gedicht ist zu einer Zeit geschrieben, wo dieser Satz den
Menschen als eine Verheißung ans Ohr schlägt, die keiner
messianischen etwas nachgibt. Es enthält aber für den heutigen
Leser nicht nur eine Verheißung, sondern auch eine Belehrung.
Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt
belehrt darüber, daß es geraten ist, das Unstete und Wandelbare
der Dinge nicht aus dem Auge zu verlieren und es mit dem zu
halten, was unscheinbar und nüchtern, auch unversieglich ist wie
das Wasser. Der materialistische Dialektiker wird dabei an die
Sache der Unterdrückten denken. (Sie ist eine unscheinbare
Sache für die Herrschenden, eine nüchterne für die Unterdrückten
und, was ihre Folgen angeht, die unversieglichste.) An dritter
Stelle endlich steht neben der Verheißung und neben der Theorie
die Moral, die aus dem Gedicht hervorgeht. Wer das Harte zum
Unterliegen bringen will, der soll keine Gelegenheit zum
Freundlichsein vorbei gehen lassen.
Walter Benjamin (1939)
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01 Erklär mir, Liebe (1954 entstanden)
25 Erklär mir, Liebe!
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Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –
11 Erklär mir, Liebe!
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Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube stellt den Federkragen hoch,
b f ll d
dehnt
h sich
hd
die Luft,
f
vom Gurren überfüllt,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.
18
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20
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23
24
Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!
Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!
30 Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!
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35
Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?
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39
Du sagst: es zählt ein andrer Geist auf ihn ...
Erklär
kl mir nichts.
h
Ich
h seh
h den
d
Salamander
l
d
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.
02 Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind, 5
03 dein unbedeckter Kopf hat’s Wolken angetan,
6
04 dein Herz hat anderswo zu tun,
4
05 dein Mund verleibt sich neue Sprachen
p
ein,
5
06 das Zittergras im Land nimmt überhand,
5
07 Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
5
08 von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
5
09 du lachst und weinst und gehst an dir zugrund, 5
10 was soll dir noch geschehen –
3
Emblem (1669):
pictura – inscriptio - subscriptio
• Christa Wolf: Voraussetzungen einer
Erzählung: Kassandra. Frankfurter PoetikVorlesungen. Darmstadt 1983
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Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube stellt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Entrich schreit, vom wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldner Staub umsäumt.
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Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
daß Flügel unter ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!
Emblem (1635): Schön und dumm
1
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Emblem 1592:
Sonne/Schönheit des Pfaus = Gott/Tugend des Menschen
Emblem 1561: Ehrbar-fröhliche Fruchtbarkeit
Emblem (1669):
Eheliche Treue
Entenpaar: Feng Shui-Amulett
Matthias Grünewald, Stuppacher Madonna (1514-1516)
2
10.06.2009
ICHTYS = Fisch
Anagramm für „Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser“
Webarbeit, Ägypten, 3. Jhdt., Louvre
Fischschwarm als Fruchtbarkeitssymbol
„cornuto“, „cornicello“
Stefan Lochner, Madonna im Rosenhag (1450)
3
10.06.2009
Lukas Cranach: Jungfrau mit Kind und Trauben (1509/10)
Albrecht Dürer: Madonna mit den vielen Tieren (um 1503)
Park von Vaux-le-Vicomte (1653-1660)
englischer Landschaftsgarten
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Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!
30 Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!
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Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt
llt ich
i h die
di kurze
k
schauerliche
h
li h Z
Zeit
it
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?
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39
Du sagst: es zählt in andrer Geist auf ihn ...
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.
08 von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
09 du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
10 was soll dir noch geschehen –
37 Ich seh den Salamander
38 durch jedes Feuer gehen.
39 Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.
Böhmen liegt am Meer (1964)
Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.
Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.
Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.
William Shakespeare:
Bin ich’s nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.
Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen.
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.
Bin ich’s, so ist’s ein jeder, der ist soviel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehn.
Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.
Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe
unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen
und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.
•
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•
•
•
•
Verlorene Liebesmüh
Ein Wintermärchen (böhmische Küste)
Was ihr wollt („Illyrien
(„Illyrien“))
Die beiden Veroneser
Der Kaufmann von Venedig
Komödie der Irrungen
Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.
Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,
ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.
5
10.06.2009
• Giacomo Puccini: La Bohème (1896)
• (nach dem gleichnamigen Roman von
H iM
Henri
Murger, 1851)
• ‚Ludwig Wittgenstein – Zu einem Kapitel
der jüngsten Philosophiegeschichte‘
(1953)
Ludwig Anzengruber:
‚Die Kreuzelschreiber‘ (1872)
Der Steinklopferhanns:
„Es kann dir nix g’schehen!
g schehen! Selbst die größt
Marter zählt nimmer, wann vorbei is! Ob d’ jetzt
gleich sechs Schuh tief unterm Rasen liegest
oder ob d’ das vor dir noch viel tausendmal
siehst – es kann dir nix g’schehn! Du ghörst zu
dem alln, und dös alls ghört zu dir!“
Der denkt, der gedacht hat, Hunderte von Jahren, um
sich abzuhärten: Er wird nun vermißt. Die
Brüderlichkeit, Natürlichkeit, Arglosigkeit, die er sich
weggedacht, sie fehlen ihm nun doch. Merkt er noch,
gestählt und gepanzert, wie er ist, ob es Feuer oder
Kälte sind, durch die er geht? Er wird Instrumente mit
sich führen, die Temperatur zu messen, denn was ihn
umgibt, muß eindeutig sein. Dies bedenkend,
bedauernd beklagend auch
bedauernd,
auch, gibt das Gedicht selbst
ein Beispiel von genauester Unbestimmtheit, klarster
Vieldeutigkeit. So und nicht anders, sagt es, und
zugleich – was logisch nicht zu denken ist –: So.
Anders. Du bist ich, ich bin er, es ist nicht zu erklären.
Grammatik der vielfachen gleichzeitigen Bezüge.
Christa Wolf, Voraussetzungen einer Erzählung
Friedrich Schiller: Die Begegnung (1797)
Noch seh ich sie, umringt von ihren Frauen,
Die Herrlichste von allen stand sie da,
Wie eine Sonne war sie anzuschauen,
Ich stand von fern und wagte mich nicht nah,
Es faßte mich mit wollustvollem Grauen,
Als ich den Glanz vor mir verbreitet sah,
Doch schnell, als hätten Flügel mich getragen,
Ergriff es mich, die Saiten anzuschlagen.
Was ich in jenem Augenblick empfunden,
empfunden
Und was ich sang, vergebens sinn ich nach,
Ein neu Organ hatt ich in mir gefunden,
Das meines Herzens heilge Regung sprach,
Die Seele wars, die Jahre lang gebunden,
Durch alle Fesseln jetzt auf einmal brach,
Und Töne fand in ihren tiefsten Tiefen,
Die ungeahnt und göttlich in ihr schliefen. […]
6
10.06.2009
Paul Fleming (1609-1640)
Martin Opitz: Buch von der deutschen Poeterey
(1624)
Sonett: abba – abba – (cde) – (cde)
Deutscher Alexandriner:
Hans Holbein: Landsknechtsschlacht
Hans Ulrich Franck, Der geharnischte Reiter (1643)
1
10.06.2009
An meinen Erlöser.
Erhöre meine Noth / du aller Noth Erhörer /
Hilff Helffer aller Welt / hilff mir auch / der ich mir
selb=selbst nicht helffen kan; ich suche Trost bey dir.
HERR / du hast Rath und That. Dich preisen deine Lehrer /
wie du es denn auch bist / für einen Glaubens=mehrer.
Ich bin desselben Lehr. Hier steh’ ich / Ich steh’ hier.
Erfülle mich mit dir und deines Geistes Zier.
Er ist es / Er dein Geist / der rechte Glaubens=mehrer.
Artzt / Ich bin kranck nach dir. Du Brunnen Israel /
dein kräfftigs Wasser löscht den Durst der matten Seel’.
Auch dein Blut / Oster=Lam / hat meine Thür erröhtet /
die zu dem Hertzen geht. Ich steiffe mich auff dich
du mein Hort / du mein Felß. Belebe / Leben / mich.
Dein Todt hat meinen Todt / Du Todes Todt / getödtet.
Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v.Chr. – ca. 65 n.Chr.)
Epiktet, um 50 – ca. 138
Marc Aurel, 121-180
Justus Lipsius (1547-1606): De constantia (1584)
2
10.06.2009
Sey dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.
Weich keinem Glücke nicht. Steh’ höher als der Neid.
Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /
hat sich gleich wieder dich Glück’/ Ort/ und Zeit verschworen.
Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.
Nim dein Verhängnüß an. Laß’ alles unbereut.
Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets g
gebohren.
Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.
Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /
und eh du förder gehst / so geh’ in dich zu rücke.
Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kan /
dem ist die weite Welt und alles unterthan.
Sey dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.
Weich keinem Glücke nicht. Steh’ höher als der Neid.
Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /
hat sich gleich wieder dich Glück’/ Ort/ und Zeit verschworen.
Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.
Nim dein Verhängnüß an. Laß’ alles unbereut.
Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.
Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.
Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /
und eh du förder gehst / so geh’ in dich zu rücke.
Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kan /
dem ist die weite Welt und alles unterthan.
Sey dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.
Weich keinem Glücke nicht. Steh’ höher als der Neid.
Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /
hat sich gleich wieder dich Glück’/ Ort/ und Zeit verschworen.
Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.
Nim dein Verhängnüß an. Laß’ alles unbereut.
Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.
Sey dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.
Weich keinem Glücke nicht. Steh’ höher als der Neid.
Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /
hat sich gleich wieder dich Glück’/ Ort/ und Zeit verschworen.
------------------------------------------------------------------Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.
Nim dein Verhängnüß an. Laß’ alles unbereut.
Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.
Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.
Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /
Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.
Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /
und eh du förder gehst / so geh’ in dich zu rücke.
Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kan /
dem ist die weite Welt und alles unterthan.
und eh du förder gehst / so geh’ in dich zu rücke.
Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kan /
dem ist die weite Welt und alles unterthan.
3
10.06.2009
Sey dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.
Weich keinem Glücke nicht. Steh’ höher als der Neid.
Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /
hat sich gleich wieder dich Glück’/ Ort/ und Zeit verschworen.
Sey dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.
Weich keinem Glücke nicht. Steh’ höher als der Neid.
Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /
hat sich gleich wieder dich Glück’/ Ort/ und Zeit verschworen.
Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.
Nim dein Verhängnüß an. Laß’ alles unbereut.
Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.
Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.
Nim dein Verhängnüß an. Laß’ alles unbereut.
Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.
Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.
Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /
Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.
Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /
und eh du förder gehst / so geh’ in dich zu rücke.
Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kan /
dem ist die weite Welt und alles unterthan.
und eh du förder gehst / so geh’ in dich zu rücke.
Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kan /
dem ist die weite Welt und alles unterthan.
• Glück:
1) ↔ Leid, Unglück
2) = „Fatum“
• vergnügen
1) ↔ Leid
2)) = „„begnügen“
g g
• Verhängnüß
1) ↔ Glück
2) = „Fatum“
Von sich selber.
Ich feure gantz und brenne liechter Loh.
Die Thränen hier sind meiner Flammen Ammen /
Die mich nicht lässt diß stete Leid verthammen;
Ich kenn‘ es wohl / was mich kan machen froh /
Daß ich fortan nicht dürffte weinen so.
Wo aber ists? So müssen nun die Flammen
hier über mir nur schlagen frey zusammen.
Mein Schirm ist weg / mein Schutz ist anders wo.
Ist gantz nichts da / daran ich mich mag kühlen /
In solcher Gluth / die meine Geister fühlen?
Der Liebes Durst verzehrt mir Marck und Bein.
Diß Wasser ists / die Kühlung meiner Hitze.
Das ich zum Trunck’ aus beyden Augen schwitze.
Ich zapfe selbst / und Amor schenckt mir ein.
Aufheben und das Aufgehobene (das Ideelle) ist einer der
wichtigsten Begriffe der Philosophie, eine Grundbestimmung, die
schlechthin allenthalben wiederkehrt, deren Sinn bestimmt
aufzufassen und besonders vom Nichts zu unterscheiden ist. –
Was sich aufhebt, wird dadurch nicht zu Nichts. Nichts ist das
Unmittelbare; ein Aufgehobenes dagegen ist ein Vermitteltes, es
ist das Nichtseiende, aber als Resultat, das von einem Sein
ausgegangen ist; es hat daher die Bestimmtheit, aus der es
herkommt, noch an sich.
Aufheben hat in der Sprache den gedoppelten Sinn, daß es soviel
als aufbewahren, erhalten bedeutet und zugleich soviel als
aufhören lassen, ein Ende machen. Das Aufbewahren selbst
schließt schon das Negative in sich, daß etwas seiner
Unmittelbarkeit und damit einem den äußerlichen Einwirkungen
offenen Dasein entnommen wird, um es zu erhalten. – So ist das
Aufgehobene ein zugleich Aufbewahrtes, das nur seine
Unmittelbarkeit verloren hat, aber darum nicht vernichtet ist. –
(G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik, 1812ff.)
4
Gedichte
03.12.2008
Konstanze Fliedl
Rainer Maria Rilke - Die Gazelle / Gazella dorcas
Die Gazelle / Gazella dorcas: Sonett
Form
Sonett: Strophenform, Entstehung 13. Jhdt. in Italien, Höchstform in Renaissance
4-teilig, 2 4-zeilige, 2 3-zeilige Strophenteile (Quartette, Terzette)
Klassisches Sonett: 2x4 Reimworte
Reimbildung Quartette: abba, abba (umarmende Reime)
Reimbildung Terzette: (cde, cde / ccd, eed) cdc dee  Shakespeare-Sonett (Moral  Aktschluss:
Zusammenfassung, was es zu sagen gilt)
Strophenteile: dialektisch
Quartette: Sachverhalt, Terzette: kehren Sachlage um oder wiederholen sie
Barockes Sonett: bevorzugt Alexandriner (6 Hebungen)
Goethe-Zeit: Sonett kommt wieder in Mode
Fünfhebiger Jambus (5-hebig) ersetzt deutschen Alexandriner (z.B. Gryphius: links und rechts von
Mittelzäsur  …)
19. Jhdt.: Sonett seltener gebraucht
20. Jhdt.: gilt als ältere Form, wird aber von zeitgenössischen Schriftstellern sehr häufig gebraucht
Kritik am Sonett
Romantik: Artifizialität  Reimschema, Metrum: bringt künstliche Exemplare hervor
Rilke: widmet sich dieser Form
1922: (Orpheus?) werden auf ungeahnte Weise variiert (Sonette)
Gedicht:
Doppeleffekt: Rilke lockert Form ganz entschieden
Reimschema von Gazelle: abba ccdd efe fgg (umarmender Reim, Kreuzreim, …)
Prinzip – Paarung, Zweiheit; zum Teil Shakespeare-Sonett verwendet
Letzter Paarreim: fügt neues Bild ein  Badende, die sich umzieht, neuer Bildbereich
Hochmoderne Technik des Egantements: (??): Rosenblätter, als wäre mit Sprüngen (mit Versgrenze
schließt nicht Satz ab)
Vers 8: schwebende Betonung (SICH auf die Augen legen)  Akzentuierung: bleibt in Schwebe
Zeile 10: Tonbeugung: WÄRE mit Sprüngen jeder Lauf geladen)  Abweichung metrische Vorgabe,
semantisch bedenkenswert; Abweichung Vers-/Reimschema: Vers spielt damit in Sonettenform, ohne
es zu sprengen; Artifizialität gesteigert; erhöht Kunstcharakter
Gedichtesammlung: 1907 (daraus stammt Gedicht)
Gilt als Dinggedicht (= eine mögliche Inszenierung des lyrischen Ich, der in die Ich sprechende Instanz
?)
andere Formen: Rollengedicht, Erlebnisgedicht (Goethe-Zeit: lyrisches Ich hat es nicht mehr
notwendig, in Rollen von Schäfer, König usw. zu schlüpfen  schafft sich Ausdruck durch Rezeption,
Reflexion, Stimmen usw.); Wandrers Nachtlied (Schwenk vom Rollengedicht zum Erlebnisgedicht);
Kurt Oppert, 1926: „Dinggedicht“ (Rezeption des Ich-Bezugs, Verzicht auf rezeptive subjektive
Deutung ?  Verlagerung von Ich in Ding)
Objekt: als Projektionsfläche lyrischer Emotionsflächen gewählt
Lyrisches Ich zieht sich zurück von pseudo-unmittelbaren Sprache, schiebt Objekt vor
Typisches Gedicht: „Der Panther“ – Rilke  Vorführung nicht in animalischer Natur, sondern in
humaner; Sphäre der Humanität; Menschlichkeit der Situation
z.B.: 3. Zeile: „ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe“ (Schlagreim)
mit Du angesprochene Gazelle, Annahme: ist auch Ding
Rilke: Aufhalten in Paris, Brief an Clara Rilke-Westhoff vom 13.06.1907 („Gestern war ich übrigens
den ganzen Vormittag im Jardin des Plantes, vor den Gazellen. Gazella Dorcas, Linné. …“)  alle
Elemente im Gedicht sind in Brief(prosa) enthalten, Verwandlung als Thema („als ob sie eben erst in
diese Gestalt verwandelt worden wären.“)
Gazella dorcas: Gattung und Art des Tieres
Carl von Linné (1758): Capra dorkas (Gazelle, anderer Name (?))  später in Gazella dorcas
umbenannt, weil man draufkam, dass sie nicht zu den Ziegen geghörte (Übers.: Gazelle Gazelle);
Nordafrika, Arabien beheimatet
Hintergrund einige Gedichtstellen: Gazelle Anlass des Gedichts, ob sie Ding ist  offen
Gazelle in: Alfred Brehm, „Thierleben“ (1877; „Man sieht die Dorkasgazelle nicht so leicht, als man
glauben möchte: …“)
Text
Zeile 1: „verzauberte“ (Apostroph, Anrede)  richtet sich an Gazelle, die an verzauberte, verwandelte
Person erscheint, wie verzaubertes Reh aus Märchen, ist Gazelle und gleichzeitig etwas geheimes
anderes
„wie kann der Einklang zweier … wie auf ein Zeichen“: Erreichung sprachlichen Reims
Zusammenklang? Drückt Hin und Zurück des Verses aus („kommt und geht“)
Offensichtliche Bedeutung, andere Möglichkeiten: „in dir kommt und geht“  weibliches
1. Quartett: betont auf vorletzter Silbe  weiblich
Interpretationsgeschichte
Gazelle: ghasel (arabische Reimform), akustisch dasselbe wie Wort für Gazelle; auch: Gespinst (?)
Homonymie: Gleichklang, wortspielerisch zusammengebracht
aaxaxaxaxa (?)
Ghasel: (Reimform)
Gleichklang Gedicht (?): Nikolaus Lenau – Ghasel (1821/22)  Künstlichkeit des Ghasels (keine
noch, Rosenscheine noch, reine noch, Haine noch, …)
geht um Gefühl: „Rosenscheine“  wird auf Stunde bezogen, Gesicht der Geliebten scheint hinter
Angesicht der Stunde erst hervor; Reimwort (Temporaladverb) „noch“ wichtig (viele temporale
Bedeutungen)
„wie keine noch“: wie keine Stunde bisher
„ich seh dein Angesicht … noch“: von Moment als schöne Stunde war bis in Gegenwart des Gedichts
(Zeitspanne)
Zeile 4: „der reine noch“  der Mensch ist rein bis zu Sündenfall im Paradies, paradiesischer Zustand
der Unschuld bis zu Sündenfall
Zeile 6: „in jenem Haine noch“  seit Liebe verloren, geht er immer noch in Hain
Zeile 8: „nicht eine, eine noch“  kommt nicht noch einmal eine solche Stunde?
Zeile 10: „ich lausch und weine noch“  jetzt noch
Andere Tempus-Adverbien:
„einst“
Zeile 5: „seit“
Zeile 9: „spät“, „früh“
Zeile 10: „immer“
verschiedene Zeiterstreckungen seit/bis zu Verlust der Geliebten
paradiesische Stunde und Aus dieser Stunde: durch Antithesen wiedergegeben
2. Gedichthälfte. Antithetischer Kontrast (…, trüb, weinen)
Zeile 5: Zusammenfassung Antithesen  „du kamst mit mir und flohst mit mir“ (Reimbewegung wie
bei Rilke)
Zeile 2: zurückerinnern  Zeitverhältnis ungeklärt
Zeile 3: Mensch sieht Engel kommen  Entgegenschau
verschiedene Zeitvektoren
gegenläufige Zeit
freudenrote Wangen: Bezug auf Engel oder Mensch (Subjekt oder Akkusativ-Objekt)
„du kamst mit ihr und flohst mit ihr“: Geliebte oder Stunde gemeint
„euch verlor“: Plural Stunde oder Geliebte?
Gedicht verlangt Wiederholung der schönen Stunde, lyrisches Ich jammert, dass sie wieder kommen
soll; JEDES Gedicht verlangt Wiederholung, Hin und Her des Verses, Wiederholungsfigur
kennzeichnet Gedicht
direkte Wiederholungsfiguren: „hold, so hold“; „eine, eine noch“ (unmittelbare Verdoppelung);
„Geschick“, „lauschen/lausch“, „du schöne Stunde / so holde Stunde“
Reimwort „noch“: 5x wiederholt, Endreim
Binnenreim letzte Zeile: „doch“ – „noch“
3.letzte Zeile: noch“ – letzte Zeile „doch“ (Reim?)
Binnenreim: 3 Formen (durch noch / doch) (NACHSCHAUEN)
Inhaltliche Klage: zelebriert zeitliche Wiederkehr als poetisches Prinzip
Poetologisch zu lesendes Gedicht: Ghasel (Gattungsbezeichnung = Name des Gedichts), wird in
Gedicht thematisiert
Zeichen: poetisches Laut-/Schriftzeichen, beschäftigt sich mit Sprache/Poesie in Verkörperung durch
Gazelle
Rilke:
Zeile 4: „aus deiner Stirne steigen Laub und Leier“  Alternation betont Paarreim; Alliteration
Gehörn der Gazelle: wird mit antiker Leier verglichen; Tribut des Gottes Apoll (Gott der Kunst)
Laub: mag für Loorbeer stehen, heilige Pflanze des Gottes (?)
„aus deiner Stirn steigen Laub und Leier“ (Attribute des Gottes)  Gehörn
Apoll mit Lyra abgebildet
Lorbeer gehört zu Apoll: verfolgte Nymphe Daphne (wollte Sex mit ihr), diese verwandelte sich in
Lorbeerbaum
Schnitzerei Jacob Auer: Apollo und Daphne (um 1680)
Poetologische Metaphorik: Zeile 5  und alles Deine geht schon im Vergleich durch Liebeslieder
(Merkmale der Gazelle  große Augen, schlanke Beine, Anmut, Schnelligkeit; als Metaphern in
Liebeslyrik enthalten; vom Hohen Lied an (Altes Testament  enthält explizite Liebesmetaphorik,
gerettet worden als poetische Hervorbringung durch Aufnahme in Heilige Schrift; eine der „schönsten
Liebeslyriken der Menschheit“  Gott unterhält sich mit Volk/Kirche, allegorische Deutung; „deine
beiden Brüste sind wie …“;
Gazellenaugen: für Geliebte verwendet
Früher Apollo (1906): Verbindung von Apollo, Lorbeeren, Augen, Blätter; Leser schließt Augen „um
dich zu sehen“; Entziffern Buchstaben wird ersetzt durch Imagination mit geschlossenen Augen
Rilke:
Zeile 11: „weich wie Rosenblätter auf die Augen“)
„im Lauf“, „Lauf“: Bewegung; zeitl. Bedeutung: im Lauf der Zeit; Lauf als Bewegung metaphysisch für
Bein/Huf bestimmter Wildarten; für Schusswaffen (Lauf eines Gewehrs)
Tonbeugung: „wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen“  Sprung: Sprung des Tieres, Sprung im Vers
(Sprung in Vase, Zeilensprung); bedeutungsvolle Abweichung)
Zeile 11/12: Hals – Haupt – horchen – hält (4fache Alliteration); Achentement; Haupt wird in nächste
Zeile gehalten; Wendung des Kopfes zurück: grafisch und akustisch abgebildet; Tier lauscht noch auf
Sprung vor Gefahr; Jagd in Gedicht eingebunden (Umwenden des Hauptes des Tieres)
Zeile 12 ff.: unvermittelter Vergleich  Badende wendet sich um, wenn sie glaubt, sie wird belauscht;
See; Vergleich: rätselhaft;
Mythos von Diana (Göttin der Keuschheit) und Aktäon (?)  unterbricht Diana und Nymphen beim
Baden, wird in Hirsch verwandelt; Göttin Diana wendet Gesicht ab
Bild: Giuseppe Cesari – Aktäon überrascht Diana (1603-06)
Ovid: Metamorphosen III (177-198)
Wolfgang Kayser – „Das Groteske“ (1957)
Tierverwandlungen: kommen zahllos vor in antiken Epen, schwer abzubilden
Antoine Watteau: „Diane au bain“ (1721)
Rembrandt: „Susanna und die beiden Alten“ (1636) (oben rechts: 2 Voyeure)
Paul Cézanne: „Badende Frauen“ (1880) (eine der Frauen: Gesicht direkt zum Betrachter)
Die Gazelle: Diana als Badende?
Verwandlung
Spielt mit Verzauberung, Verwandlung (siehe obige Bilder usw.)
Tausch der Rollen, innehaltende Gazelle; Aktäon: gleicht Gazelle
Einer der Hunde, die Aktäon zerfleischen (von Diana)
Aktionskette: Diana – Aktäon – Gazelle – Hirsch – Hund (namentlich identisch?)
Gegenstand des Gedichtes: vl. Gazelle: einer, der sich beständig verwandelt
Bestreiten: Dinggedicht  keine Vergegenwärtigung eines versteckten Präsens; sondern Reihe von
Verwandlungen, Verschiebungen
Bilder/Positionen gehen ineinander über: metaphorisch, metanymisch
Offenes Feld der Sinnproduktion
Vorgang: betrifft Leser
Gazelle, Göttin: wenden Kopf, sehen etwas
Dorcas: „sehen“ (stimmt nicht, Volksethymologie)
Gazelle: „Scharfsichtige“
Leser hebt Augen: erblickt Gazelle, die sich in Göttin verwandelt (ist Sehender)
Leser wird auch erblickt, angesehen
Archaischer Torso Appollos (1908): Sonett, Jamben: abba cddc eef gfg (Reimschema)
2. Quartett: Sinneinschnitte bis zur Mitte des Gedichts; verlagert Zieleinschnitt von Zeile zu Zeile
weiter in Mitte („Mitte“: Mitte des Vorgangs, Mitte des Gedichts, Mitte der Statue)
„bräche nicht.. .aus wie ein Stern“: Sonett bricht aus aus Sonettform, Tonbeugung „AUS wie ein
Stern“
Text: spielt mit Tonbeugungen, genau wie in Gazelle
Kunstgegenstand: antike Skulptur
Frühklassischer Jünglingstorso – Louvre, Paris („Bug der Brust dich blenden und … unter der Schulter
durchsichtigem Sturz …“)  nur mehr Rumpf vorhanden
Torso: in Goethe-Zeit nicht mehr beschädigte Statue, sondern eigene semantische Bedeutung
(wesentliche des Gottes zieht sich auf Rumpf zurück)  als Fragment geplantes Kunstwerk;
Fehlendes wirkt als Abwesend-Anwesendes, das Imagination freisetzt; steht für Antike,
zeitgenössische Kunst; Sphäre der Zeitlosigkeit/Allgemeingültigkeit; es geht nicht um Ding Torso,
steht nicht einfach für Selbstaussprache des lyrischen Ich; Torso = Kunstgegenstand  was ist
Kunst? Was bewirkt sie beim Betrachter?
Rodin: Sekretär  Rilke
„leise“, „Lenden“, „lächeln“: Alliteration
„drehen der Lenden“: Drehen des Torso
Zeile 3: „sein Torso … Kandelaber“  des Gottes Torso, glüht noch
Kandelaber: Beleuchtungsgegenstand (Laterne, mit Gas, durch Laternenanzünder angezündet,
Schraubenmechanismus)  „nur zurückgeschraubt“, Zeile 4
Apollo: Sonnengott, Herr des Lichts
Nacht zum Tag machen, nächtlich ungeahnte Helligkeit erzeugen  Konkurrenz gegenüber Natur,
Mensch ist Herr über Tageszeit, Mensch tritt in Konkurrenz zu Göttern
Was kann Kunst noch sein unter diesen Bedingungen?
2. Quartett: „zu jener Mitte, die die Zeugung trug“  abgeschlagenes Glied der Statue (Sexualorgan),
„Zeugung“  Erzeugen eines Gedichts
„stünde“, „Stein“, Schultern“, „Sturz“
„Stein“: Material
„Sturz“: Glassturz; Dach über Veranda
„Raubtierfelle“: Gott Dyonysos (?)
Beschreibungen: als Negation dargestellt  wenn Schauen sich …
Zeile 13+14: Haupt fehlt, Absenz wird Bild umso stärker imaginiert
Grammatikalische Sinndrehung des Textes: paradox  Torso ohne Kopf/Augen sieht dich mit jeder
Stelle an, erkennt dich
Zeile 1: „wir kannten nicht“
Letzte Zeile: Forderung  „Du musst dein Leben ändern.“ (meistzitierter Satz der Lyrik des 20. Jhdts.)
Fundament von Politik und Moral: man kann nicht weiterleben wie bisher, Schönheit ruft zur Praxis auf
Wieso muss man Leben ändern? Wie soll man es ändern? Erfahrung des Angeschautwerdens durch
das Kunstwerk  Lebensänderung, um zum Dichter zu werden
seltsame Moral: auf Rilke bezogen („Du musst dein Leben ändern“), Rilke an sich selbst gerichtet
(Einsamkeit, Kunst?)
„Fang endlich an zu arbeiten!“ (Moral)
Wolfram Groddeck – „Blendung. Betrachtung an Rilkes zweitem Apollo-Sonett.“ (siehe Handout)
Was soll man dazu sagen? Natürlich sollte man Leben fortlaufend ändern
Leuchten des Torsos: blind gemacht (?)
Zusammenfassung
Schönheitsvorstellungen: z.B. Schiller – Nänie
Zukünftiges Schönes: bessere Gesellschaft
Schönheit Rilke: unindividualisiert, als Veränderung/Verwandlung bestimmt (Metamorphose), leere
Veränderung; Anweisung, Leben zu ändern bleibt leer
Moderne: Kunst wird nicht mehr unmittelbar wirksam, ändert nicht so schnell Leben
Torso-Gedicht: kein Bruch mit der Form des Sonetts  Aussage über das gerade noch gewahrte
ästhetische Gleichgewicht
Leistung: Gedichtform im Takt, Reflexion der Form des Torsos
nach Rilke: Radikalisierung Kunst; Torso: vollendeter Naturgegenstand, Poesie kann durch kein
Gedicht erreicht werden
Gazelle: Vergleichen schwebender, Verwandlung in Zusammenhang mit Bandender; Bilderinnerung,
Einladung zum Mythos; Naturgegenstand (ganz altes), Zeitloses; Apollos Leier ist noch intakt
Erstes Wort des Textes: Apostroph/Appell an Leser (Verzauberte sind Leser, verzaubert durch Magie
des Gedichts)
„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin …“
Gedichte
17.12.2008
Konstanze Fliedl
Urs Allemann
Schweizer Schriftsteller
1986-2005 bei Baseler Zeitung
Publikationen, „Prosa und Gedichte“
Letzter Band: „Im Kinde wirren die Ahnen“ (?)
Heute: 19:00 Uhr, Herrengasse 5 – Urs Allemann liest eigene Gedichte
Lesung und Kommentar: Urs Allemann – Gedichte von Robert Walser
Nicht Vollstopfung mit Bedeutung, sondern Bedeutungsentleerung in diesen Gedichten (Fliedl)
Robert Walser
50 Jahre nach Tod: bedeutendster Schweizer Schriftsteller, Frisch-Dürrenmatt?
1. Weihnachtstag 1956 bei Spaziergang gestorben
Anerkennung durch Werke: „Der Gehülfe“, „Jakob von Gunten“
wenig geschätzt bis heute: Gedichte
8. Mai 1996: in Zeitung Gedichte Walsers (ohne Namensnennung?)
Mittmann: erkennt Naturbegabung, wahres, ungewöhnliches (?) Wort, „grammatikalisch ziemlich
bedenkliche Konstruktionen“, „unmögliche Reime“ (z.B. „Kuss und Jesus“)
Neoromantische Stimmungslyriker
Franz Blei: wird auf Walser aufmerksam: „wirkliche und richtige Gedichte von innen her“, „nirgends
dirigierte der Reim“, machte Walser mit verschiedenen Leuten bekannt
spätere Gedichte: Reim konstruktives Zentrum
Prosabuch: „Fritz Kochers Aufsätze“
Bruder von Walser: Karl, Radierungen in Publikation von Robert von ihm
als Lyriker pausierte Robert Walser ab 1900 20 Jahre lang
1933: lyrisches Verstummen Walsers  Anstalt (?)
Reaktion der wenigen Leser auf neue Gedichte: Unterschiede zu frühen Gedichten, von 300 wurden
130 veröffentlicht, Max Brod veröffentlichte diese („Prager Presse“), Willy Haas, Max Redner (?)
Geringschätzung der späten Walser-Gedichte: bis heute wenig geändert
Neuauflage frühe Gedichte 1944
Abgedruckte Verse: oft schwach, kindlich (welche?)
„lyrisch“: man erwartet gehobene, ungewöhnliche Gedichtsprache und Gefühle
Unbeholfen, dilettantisch: „ich jetzt wohl rein zu nichts mehr tauge“  33 dieser Gedichte auf Zettel:
nicht verstandene Poetizität der Gedichte
Emanuel Gaybl, Hans Karossa (??)
Frühere Gedichte
1. Abendlied
Minimale Abweichung Gedicht vom zeittypischen neoromantischen Abendstimmungs…? Aus
Kanon stammende Reizwörter; Mond: poetische Bedeutsamkeit, prosaische Wichtigkeit (eines von
beidem wird ihm entzogen); Botschaft: wenn Sonne weg ist, nimmt Mond an Wichtigkeit zu;
poetisch wird Wichtigkeit des Mondes ausgeknipst; man kann Mond als Vehikel von Poesie nicht
mehr ernst nehmen
2. Herbst
Ingredienzen eines Herbstgedicht; Herbstinszenierungsgedicht; nicht Naturherbst, sondern Herbst 2.
Grades, „Kunstherbst“; angesicht Herbst muss man Melancholie fingieren  Verlust spontane
Melancholie; Melancholie 2. Grades: Metamelancholie
3. Brausen
Pointe: überindividuelles Liebesbrausen wird behauptet, poetisch-erotisch; lyrisches Ich: behauptet,
von Brausen selber erfasst zu sein; durch Reflexion über Brausen: 2. Strophe – kommt fast zum
Erliegen; Brausestopp (metrisch): 4hebige Jamben, plötzlich 5. Jambus, Stoppen; Gipfel der Ironie:
logische Beweisführung, lyrisches Ich versucht sich dorthin zurückzuargumentieren; Schuss geht nach
hinten los, Liebesbrausen wird aufs komischste dementiert/demontiert
4. Warum auch?
5. Heimkehr?
Sprachskeptiker Walser spricht, hat sich Ohrfeige eingefangen, hatte sich Verehrter zu forsch
genähert, zu Chef zu frech?
6. Weinenden Herzens
Josef Victor Wittmann: unmöglicher Reim; Wolfgang Groddeck: Komik, Groteske  unbeabsichtigt
(?); vor Gedicht vorhandene Vorstellungen; sprachassoziative Erfahrung; Arme: Arme von Jesus am
Kreuz
7. Wie immer
Ernst Jandl? (gibt sich zu erkennen), ähnliches Gedicht; liest sich als Tonaufnahme der
Geburtssekunde des Lautgedichts; aus Dinggedicht entsteht Lautgedicht; Sehnsucht, Feigheit, Lüge,
Unglück: Immaterielles; Tisch, Lampe: Materielles; ist das alles da? Referenzbeziehung zw. Wort und
Bild; „die Lampe ist noch daaaa…“  wir glauben, dass es wahr ist, Laut „a“ ist so eminent da; Dinge
sind zur Nebensache, Laute zur eigentlichen Hauptsache geworden
Spätere Gedichte
8. Es zeichnet sich der Winter dadurch aus,
was macht Verse so irre? Hölderlins Scheinimplizität; nichts darin stimmt; an Bäumen im Winter kahle
Äste  Verwechslung Begriffsebenen  als sei Baum Baumteil unter anderen  Metapher für
Verkehrtheit menschl. Beziehungen; nichts falscher, kälter usw. als Mutter-Kind-Beziehung, die auf
Respekt beruht; entweder rausgehen und draußen physisch oder daheim bleiben und drinnen in Nähe
des respektheischenden Eisschranks namens Mutter seelisch zu frieren
9. Will eine feine Frau man sein
ebenfalls beziehungsgedicht
10.Allein
auch Beziehungsgedicht: endet mehrgläubig; wer oder was mit „jedes“ gemeint? Für sich selbst sein
will Mensch nicht, der nein sagt (?); zum Teil Liebende; jedes Phänomen in Welt (auch Arm und Bein
und Äuglein des Mädchens) äußerst beunruhigend, weil jedes für sich selbst sein will; atomisierende
Kraft: formal, der Reim; 12x gleicher Reim (Schluss: fortgesetzter erstmals identischer Reim)
11.Den Lyrikern empfehl‘ ich dringend
Walser spricht generelle Reimempfehlung aus; Walser schätzte Dichter Gelichter (Name)
12.Setz an den Tisch dich, lieber Dichter
Gelichter kommt auch in diesem Gedicht vor; formal: Abgrund tut sich auf  Gelichter, gesichter, 
abgelöst von Reim Vaganten, rannten, benannten; Reim vom Anfang taucht wie aus dem Nichts
wieder auf
13.Die fünf Vokale
Sonderform des fortgesetzten Reims: Dreireim; aus 3 Versen (Reimen) bestehende Strophe; mit
Metaphysik aufgeladen; „A blau, E rot (?), …“ (Gedicht); Beziehungsgedicht, erotisches Dreieck
14.Ritterromantik
Beziehungsgedicht mit Ritterthematik; formal: 9x fortgesetzten Reim, ein paar Binnenreime;
„Ritterromantik“ (Alliteration?); Unsinn; Komik: kein Detail passt zu Situation, die Gedicht vorgibt;
außersprachliche Realität
15. Die abenteuerliche Maus
Selbstportrait der Dichterpersönlichkeit als Maus bzw. Laus; „Paus‘“: 2 Jahrzehnte dauernde lyrische
Schaffenspause Walser; „in sich ruhende Laus“: …
16.Schon war er sich bewusst
Könnte Motto der Lesung sein
17. Ich könnte mich veranlasst sehen
4fach fortgesetzten Reim; Kommentieren ab absurdum;
18.Wie sitzest du in dich so abgekehrt
Fortgesetzte Reime: Hintereinanderschaltung; 7x Reim a, 4x Reim b, c; … ; Inhalt: Zwiesprache von
Schäfchen mit vermeintlichem Schäfer, der in Wirklichkeit Wolf ist; Wolf hat keine Lust mehr, Schäfer
zu spielen
19. Weiße Männer
Seelenvergewaltigung: Vergewaltiger männlich; Seele des Dichters wird zerbissen; Gletscher, Gebirge
(= weiße Männer?); erst als Schlimmes vorüber ist wendet sich Gedicht, ändert Ton radikal; erotische
Wunschfantasie
20. In dem Reisekorb oder Wäschekorb
ebenfalls unheimliches Gedicht; „so nichts, so nichts zu sagen“: Thema ein paar weiterer Gedichte,
z.B. nächstes
21. Beschaulichkeit
Inhalt: Schaukel- und Gleitunfähigkeit des Kahns; Gedicht: jambengestützte-/umspielende Gleit- und
Schaukelbewegung
22. Lebensfreude
Schwierigkeit der Unmöglichkeit; Unmöglichkeit, Gedichte über Thema zu machen (auch folgendes
Gedicht)
23. Nun sollte ich
24. Der Schnee
Schnee fällt hinab und nicht hinauf: hätte man auch ohne Gedicht gewusst; Dichter: Gegenbewegung,
Aufschwung  Bild und Vorbild für politisches Tun (Horaz usw.); Walser: keine Lyrik des
Aufschwungs, sondern von Sinnflut, Niedergang, Absturz
25. Lindbergh
Charles Lindbergh: überquerte als 1. den Atlantik; Lyrik fliegt Sprecher des Gedichts zu?;
26. Grenzen der Intelligenz
Paarreime, Mitte: Dreireim  Zentrum, Spitze des Gedichts hört auf mit „rollte“
27. Sahen Sie schon einmal eine Ruine
Absturzkünstler, nichts-sagender Poet, Gedicht als Ruine
28. Man wird von einer Hand
29. Ich woll‘, ich hätte
Lässt an Gedichtproduktion teilhaben; Gedicht fluguntauglich; Poet = Pilot; Maschine, die er zu Schrott
gedichtet hat, schläft ein; Erwähnung Hermann Hesse
30. Dass ich ja nicht vergesse
Wieder Erwähnung Hermann Hesse; Verhunzung des Namens Hesse  „häätte“
31. Hier wird sorgsam übersetzt
Anekdote: Verlaine-Ersetzung: Walser wollte sie anfangs nicht machen; dann doch Antäuschung einer
Übersetzung; „Verdeutscher von Verlaine [verlaine]“
32. Couplet
Inhalt: geht um Marcel Proust; Dichter komponiert bei vermeintlichen Höhepunkten Müdigkeit hinein,
Dichter schläft weg; Nachwelt: von Mitwelt nicht gut behandelter Heine; mit Heine im Unreinen
33. Ich reiße mir zum Zeitvertreib diverse Haare aus
gesungen vorgetragen
Gedichte
14.01.2009
Konstanze Fliedl
Wolfram Groddeck – Zu Friedrich Hölderlins Elegie „Brod und Wein“
Groddeck: Zürich, Prof. für neuere Literaturwissenschaft
„Reden über Rhetorik“, Publikationen über Nietzsche, Rilke, Probleme der Rhetorik, Literaturtheorie
Robert-Walser-Gesellschaft
Gedicht sehr lang
Wirkung und Entstehung
1914: erste kritische Rezeption Hölderlins  beste Grundlage zum Eindringen in Hölderlins
Gedankenwelt (Elegie: Brod und Wein)
Zuerst nur 1. Strophe bekannt: einstrophige Kurzelegie  Romantikerkreis: Sprachkunstwerk
Klemens Brentano: eine von wenigen Dichtungen, Lesen von Kunstwerk klar geworden
Eine der 1. Monografien: Emil Bretzolt
Norbert von Hellingrath:Erstdruck ganze Elegie zweite Reinschrift unter „Brod und Wein“ (1914)
Vollständige Entzifferung der Überarbeitung der 2. Reinschrift: Friedrich Beißner (1951)
1. vollständiger Versuch Rekonstruktion der Spätfassung: Sattler (1977)
Günther Mied: 1. Ausgabe in DDR
1977: 1. Regulärer Band der Hölderlin-Sammlung (?), integrale Darstellung der letzten Textgestalt der
Elegie  dunkel und schwer verständlich
Entstehungsgeschichte
Über ca. 3 Jahre: 1800-1803
Handschrift
1. Titel: „Der Weingott“ statt „Brod und Wein“  Entwurf bis exakt zur Mitte des Gedichts, letztes Wort
„Wahrheit“ (?); Änderung des Namens in „Brod und Wein“ in Mitte der Handschrift des Gedichts
en 1. Handschrift: „künftigem Leben“  „Kinder Gottes“; „als Freudenbote des Weines, göttlich
Gesandter“  „als Fackelschwinger des höchsten Sohnes der Syrier“ (Jesus oder griechischorientalischer Gott)
nächste Seite: fast keine Korrekturen des Wortlautes  Reinschrift, nur 1 Wort in 1. Strophe:
„Schattenbild“  „Ebenbild“ (Bezeichnung Mond: Schattenbild/Ebenbild der Erde)
3. Seite: große Umarbeitungen/Verbesserungen
7. Strophe: vollständig neu formuliert
8./letzte Strophe: eine Änderungen und zum Schluss eine Stelle, die umformuliert wird
Manche der Meinung, dass er Beginn der Geisteskrankheit Hölderlins dokumentiert
Heute: klassische Fassung von „Brod und Wein“
Erstdruck
1806: Hölderlin bereits in psychiatrischer Anstalt
Überschrift: „Die Nacht“  nicht in Handschrift; vl. in nicht erhaltener Handschrift Hölderlins? 
Thema des Gedichts
1. Strophe: einzige Änderung „Schattenbild“  „Ebenbild“
„Brod und Wein“: Hölderlins philosophisches und poetisches Denken konzentriert sich darin
Aufbau
9 (3x3) Strophen: jede Strophe dreigeteilt
Präziser Aufbau
Gedanklicher Aufbau/Plot
Komplexe und zugleich klare Komposition: imaginatives, philosophisches Geschehen im Gedicht
Geistiges Geschehen, durch Bewegung des Gedichts in Gang gesetzt
1. Strophe: Dichter in Feierabendruhe in Stadt, bewahrt Heraufkommen der Nacht
„strömendes Wort“ (?)
3. Strophe: „Aufbruchstimmung ins Offene  „so komm, dass wir das Offene schaun“
1803: Hölderlin verehrte …
Griechische Orte?
Mittelteil (4.-6. Strophe): vor Auge des Dichters: antikes Griechenland, Meer- und Insellandschaft
werden imaginiert, abendländische Kultur
5. Strophe: Bewusstwerden der Götter in griech. Kultur
Mitte des Gedichts: „dann aber in Wahrheit kommen sie selbst“  das Wort Wahrheit kommt nur hier
vor, absolut in Mitte des Gedichts
Lebendige Kultur: Wechsel Himmlisches, Menschliches; es entstehen „Worte, wie Blumen“
Strophe 6: einziger Gedankenstrich des Gedichts  Niedergang der Antike, für Dichter wie Ende
eines großen Festes, von Gottheit in Menschengestalt beschlossen
Beginn und Ende der Antiken Kultur (erste 2/3 des Gedichts)
7.-9. Strophe
Verarbeitung der großen Visionen des Mittelteils
Krise der poetischen Existenz: „weiß ich nicht“, „ich in dürftiger Zeit“  nur an diesen Stellen nennt
sich Dichter selber mit Ich
Heidegger: (?) Schlegel?
Dichter: Priester des Weingotts
Vorstellung Eucharistie: Gaben Brot und Wein, Wiederkehr des Himmlischen
Zeile 137-138: „Brod und Wein“ werden zusammen genannt
9. Strophe
In Figur des Weingotts Versöhnung von Tag und Nacht
Rekapitulation des Gedichts, endet dort, wo es begonnen hat: in Nacht
Inhalt des langen Gedichts: entspricht anderen geschichtsphilosophischen Modellen des Idealismus;
Versuch, antike Götterwelt und Griechentum  Versöhnung; in Dionysos christliche und antike Kultur
zusammenzudenken/-zuwentwickeln, Thema in Frühromantik
„Brod und Wein“: griech. Mythologie  Demeta und Bachos, Symbolisierung an Gaben von Brot und
Wein
Weingott
Symbolik wird gesucht, die sowohl für Christentum als auch für griech. Mysterien gilt (Eleusidischen
Kriterien???)
Philosophisch-religiöse Problematik: Bedeutung monotheistischer Glauben auf Hintergrund antiker
Kultur (sinnlicher Polytheismus)
Vorwurf Atheismus bei Beschäftigung mit Griechentum
Vereinbarkeit Chrstientum und Griechentum  Aufgabe des Gedichts
Kein Göttername im ganzen Gedicht genannt!  Götter nicht als Personen, sondern als Prinzipien
dargestellt; ebenso Bezug auf Christus wie auf Bacchus
Dionysos
Formel „Brod und Wein“  Koinzidenz griech./christl. Symbolik
Poetisch: Vereinigung des Gegensatzes  muss fühlbar gemacht werden
Gott, von dem im Gedicht die Rede ist, ist Gedicht selbst  Gott, von dem Gedicht spricht,
repräsentiert Gedichtselbst
Gott im Gedicht so gegenwärtig, wie es Gott bei Christen im letzten Abendmahl ist
Dithyramben: auch Anwesenheit des Gottes gefühlt (zu Ehren des Gottes Dionysos)
Kein Dithyrambus, sondern Elegie (Klagelied): bezeichnet/beklagt Verlust  vergegenwärtigt
Abwesendes; Spannung zw. Anwesenheit und Abwesenheit  Entfaltung Hölderlins Gedicht
Gott des Gedichts: anwesend und abwesend zugleich (?)
Gedicht: Ort des Gottes
Versmaß, Gattung
selbe wie in Schillers Nänie
Elegisches Distichon
Distichon:
Hexameter: 6 Versfüße (Daktylen), letzter Versfuß verkürzt (Trochäus, Spondeus)
Pentameter: 6 Versfüße – 4 Daktylen, 3.+6. Nur 1 Hebung, Zäsur in Mitte des Versmaßes (erste 2
Versfüße können variiert werden, 2 unbetonte Silben können durch 1 betonte ersetzte werden; 4.+5.
Versfuß müssen gleich bleiben)
Zäsuren
Hexameter: besonders für lange Verse, große Variierbarkeit des Versmaßes (viele Möglichkeiten)
Mit Pentameter verbunden
Zeilte 43-46
Zeile 43: alle unbetonten Silben werden durch betonte ersetzt (- - / - - / - - / - - / - u u / - u), Zäsur in
Mitte des 2. Versfußes
Zeile 45: jeder hat eigenes Maß, das allen gemein ist (Utopie von Hölderlin, Gesellschaft)
Zeile 46: Gehen, Kommen, Hin- und Zurückströmen des Rhythmus (- - / - u u / - | - u u / - u u / - )
Etwas kommt und geht  rhythmische Grundfigur des Gedichts
Komposition des Textes
Strenge triadische Komposition
Jede Strophe: 3x3 Distichen (??)
3x3x3 Distichen
7. Strophe: weist nur 8 statt 9 Distichen auf
8. Strophe: Dichter zweifelt an Sinn der Dichtung  Fehlen von Vers semantische Bedeutung
Wechsel der Töne: temporaler/zeitlicher Aspekt des Gedichts wird spürbar
Statische Proportionen
Nacheinander der Vorstellungsbilder und Gedanken: Wechsel der Töne  Grundgedanke: 3
Hauptgattungen der Dichtung (Lyrik, Epik, Dramatik) sollen enthalten sein, wiederholen sich
Zuordnung der Töne: scheint willkürlich
Produktionsmittel, nicht analytisches Mittel  Wechsel der Töne bleibt Hölderlins Geheimnis
Topologisches Gebilde: Raum, Vor- und Zurückgehen, Orientierung im Text
„Brod und Wein“: semantisch, Begriff der Mitte; jede Strophe: Übergang von Hexa- zu Pentameter
Verhältnis der Strophen zueinander
Anfangs-, Mittel-, Endpunkt: innige Beziehung, Endpunkt kehrt zu Anfangspunkt, Anfangspunkt zu
Mittelpunkt zurück?
Aristoteles: Text hat Anfang, Mitte, Ende
Strophe 1:
Vers 1-6: episch-naiv
Vers 7-12: Lyrisch-idealisch
Vers 13-18: Dramatisch-heroisch
„Statt“ = „“Ort“
„ruhen“: Häufung des Wortes, kommt im übrigen Gedicht nicht mehr vor (nur in ersten 3 Versen)
„still“: eigentlich auf unbetonter Silbe, wird aber erhoben zu betonter Silbe; auch unbetont möglich? 
lesen (?)
Erleuchtung des Gedichtes selbst
2. Verszeile: rhythmische Umkehrbewegung; „rauschen“  Hellwerden, Umkehrung, akustisch (?),
weist auf Rauschen der Brunnen in Vers 10 voraus
3. Zeile: Bürgerlicher Feierabend als schöne Stille; Menschen mit schleppendem Schritt nach Hause
Satzbau: kein Wort an der Stelle, wo man es erwarten würde; 1. Mal wird „Freude“ genannt
Zeile 4: Bild zw. Gewinn und Verlust, „Verlust“ wird deutlich stärker betont
Zeile 5: Leere des Marktplatzes bedeutsam  „leer“ schwebt, vom Sinngehalt betont, von Metrik her
unbetont  metrisch-rhythmische Verletzung; verlassener Markt wird allegorisch (steht für was
anderes); Trauben (Symbol eines Gottes?) und Blumen: Metaphern
Zeile 6: „geschäfftige Markt“  Topos, Gemeinplatz schlechthin, leerstehend
Zeilen 7-12: markanter Einsatz, entgegen; Saitenspiel: von Handwerk in Sphäre des Gesangs; nicht
mehr auf Marktplatz, sondern tönt aus Gärten; Lyra, Liebeslyrik; „Liebendes“  weiblich; „einsamer
Mann“ wendet sich fernen Freuden zu und entfremdet sich der Gegenwart der Stadt; „rauschen“ als
undeutbar vernehmlich  Sprache der Natur; „geläutete Glocken“ tönen; Zahl auf letzter Silbe 
Rufen von 6 Uhr, Einbruch der Dämmerung; Medium des Zwielichts, der Eindeutigkeit
Zeilen 13-18: Heraufkommen der Nacht  steigernde Wiederholung des Wortes „kommen“  im
Gegensatz zum dreimaligen „ruhen“ im 1. Drittel der Strophe; „Wehen“  über das bloß Naturhafte
hinaus, spirituell; „Schattenbild unserer Erde“  Aufgang Mond, erste Metapher (vorher Metonymien,
aber keine Metaphern)  Silhouette der Erde oder er begleitet Erde stets wie Schatten, Ähnlichkeit?
 bildhaft-imaginäres des Schattenbildes; „sieh!“  unmittelbare Anschauung; Mond: empfängt Licht
von Sonne, Symbol des Reflektierens, ebenso lautlos wie bedeutsam als ein Vorbote der Nacht;
Nacht: Fremdlingin (präfeministische Formulierung)  Poetisierung, Ort oder Zeit für Schwärmer,
metaphorische Personifikation; sprachlicher Glanz, Nacht allegorisch lesbar  personifizierte Nacht,
voll mit Sternen  kantischer Begriff des Erhabenen (gestirnter Himmel über uns)  Erhabenheit des
Gipfels und das mathematisch Erhabene?; Verweisung auf Gott: Weingott Bacchus (Schwärmerische
der Bacchantinnen  Dionysos); Nacht: erste Verkörperung des Dionysischen, Hinausweisung über
Gottheit
2. Strophe: allumfassendem der Nacht gewidmet; „Wunderbar ist die Kunst der Hocherhabnen und
…“; Nacht: auch Gegenprinzip zum Tag, Göttertag;
Schlussstrophe: Ausgleich von Tag und Nacht; idealer Antike und realer Gegenwart; Religion und
Dichtung; Christentum und Griechentum; Göttertag und Menschennacht  Versöhnung
Verdichtung des Wortes im Gedicht
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Seele and Geist
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