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Leben wie gott in Frankreich - Gut Aiderbichl

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DAs TAgesTheMA
Akte Tier
Mittwoch/DonnerStag, 20./21. Mai 2009
Seite 16
Michael Aufhauser
invasion der Distelfalter
Millionen der Schmetterlinge fliegen aus Südeuropa und Afrika zu uns ein
w
enn man im strahlenden
Sonnenschein im Garten
sitzt und stundenlang sausen diese rötlich-braunen,
schwarz-weiß gezeichneten Schmetterlinge vorbei,
kann einem schon etwas
mulmig werden. Erstaunte
Spaziergänger und Radler
beobachteten, wie am vergangenen Wochenende
riesige
Schwär-
w
me von Faltern über Felder
zogen und viele fragten sich:
er den Zug der
flattert da?“ Selbst mitDistelfalter verfolgen „Was
ten in München, an der Donoder Beobachtungen nersberger Brücke, wurden
melden möchte, ist im hunderte Exemplare gesehen. Elisabeth Kühn vom
Lepiforum an der
deutschen Tagfalter-Monirichtigen Adresse.
toring weiß des Rätsels Löselbst Fachleute
sung: „Die Distelfalter sind
halten sich hier auf
in Bayern angekommen.“
dem Laufenden:
Während in den letzten
Jahren so wenige der Wanwww.lepiforum.de
derfalter den weiten Weg aus
Südeuropa und Nordafrika
zu uns schafften, dass sie nur von Experten bemerkt wurden, gibt es dieses
Jahr eine Massenwanderung. „Es
sind sehr große Schwärme, in einem Ausmaß, das wir so noch
nicht erlebt haben“, bestätigt
die Biologin Kühn. „Ein
einmaliges Naturschauspiel.“
Die Distelfalter
sind absolute Flugkünstler unter
den Schmetterlingen.
Geschickt
nutzen
sie warme
Auf-
Verschnaufpause: Distelfalter wandern
Fotos: Panther-Media, dpa
weite Strecken
winde oder wie am Wochenende den
Föhn. Finden sie unterwegs genug Nektar als Kraftstoff, können sie ausdauernd mit einer Geschwindigkeit von 30
km/h fliegen. Wer es bis zu uns schafft,
hat einen Weg von mehreren tausend
Kilometern hinter sich. Das kann man
den Tieren auch ansehen. Viele wirken
ein bisschen gerupft und erschöpft. Sie
flüchten vor der für sie tödlichen Trockenheit im Sommer in ihrer Heimat in
den Grassteppen Nordafrikas oder
Südeuropas.
Der Schwarm, der Bayern gerade
erreicht hat, stammt höchstwahrscheinlich aus Marokko und reiste
über Spanien und Südfrankreich an. In Katalonien hatten
Hunderttausende auf der Autobahn Rast gemacht, was
viele mit dem Leben bezahlten und für große
Verwirrung bei den
Autofahrern sorgte.
Dennoch überlebten
Millionen
von Exemplaren die ge-
fährliche Route und zieht nun durch
Deutschland gen Norden. Manche lassen sich erst in England oder Schweden
nieder. Eine weitere Schwarmwelle ist
über die Inseln Sardinien und Korsika
im Anflug.
Immer sind die Falter auf der Suche
nach Nektar und Eiablagemöglichkeiten. Sie sitzen gern an vegetationsfreien
Stellen entlang von Feldwegen, auf
Steinhaufen und am Rand von Äckern.
Der Falter ist nicht wählerisch: Er
schlürft jede verfügbare Blume leer
und nutzt eine Vielzahl von krautigen
Pflanzen zur Eiablage, am häufigsten
Kratzdisteln, Beifuß, Natternkopf,
Brennnessel und Malve. Bei günstigen
Wetterbedingungen entwickeln sich in
der Sommerfrische mehrere Generationen, die im Herbst den Heimweg antreten. Denn zum Überwintern ist es
diesen Wanderfaltern hier zu kalt: Sie
vermehren sich hier nur. Naturschützer
betonen, dass die Raupen keinen wirtschaftlichen Schaden anrichten.
Im Herbst ist der Spuk dann vorbei:
Die jungen Falter ziehen in Schwärmen
über die Alpen hinweg zurück nach
Hause. Nicht alle schaffen den weiten
Weg, viele gehen hier oder unterwegs
zugrunde. Die Lebenserwartung ist mit
einigen Wochen recht kurz. Die Überlebenden vermehren sich daheim und
im Frühjahr beginnt die beschwerliche
Reise von neuem. Da der Distelfalter
den günstigsten Lebensbedingungen
unermüdlich hinterherfliegt, hat er es
geschafft, fast auf der ganzen Welt heimisch zu werden.
„Der Zug der Distelfalter beschert
uns ein wunderschönes Phänomen, das
wir genießen sollten“, so Elisabeth
Kühn. „Aber wir dürfen jetzt nicht
glauben, dass es allen Faltern bei uns
gut geht. Immer noch stellen wir fest,
dass die Anzahl und die Vielfalt der
Schmetterlinge leider abnimmt.“
SuSanne Stockmann
Freiwillige zählen
heimische Falter
Vor vier
Jahren startete das Tagfalter-Monitoring
Deutschland.
Freiwillige
erfassen bei
wöchentlichen Begehungen entlang festge- Elisabeth Kühn
legter Strecken alle tagaktiven Schmetterlinge. Gesammelt und aufbereitet werden die Daten vom
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Die
Koordinatorin Elisabeth Kühn
baut eine Datenbank auf, um
die einheimischen Bestände mit
der Entwicklung in Europa vergleichen zu können.
Typisch
ier
■ Den Distelfalter trifft man
auf der ganzen Welt, lediglich in
Südamerika und Australien
kommt er nicht vor. In Nordamerika wandert er zwischen
Mexiko und Kanada.
■ Das Weibchen legt rund 50
bis 100 grünliche Eier auf Pflanzen ab, die später als Nahrung
für die Raupen geeignet sind.
Dies sind überwiegend Disteln,
Brennnesseln und andere
Ackerrandpflanzen. Die Tiere
sind nicht wählerisch.
■ Auf Englisch heißt der Distelfalter „Painted Lady“.
■ Schon nach rund 14 Tagen
schlüpfen die Raupen, die sich
mehrmals häuten und nach
rund 30 Tagen verpuppen. In
dem Kokon vollzieht sich ein
faszinierender
vollständiger
Umbau des Körpers, bis nach
einiger Zeit der fertige Falter
schlüpft.
MonTAg
DiensTAg
■ Die Flügelspannweite beträgt zwischen 45 und 60 mm.
Lifestyle
Leben lieben. Aiderbichl
Leben wie gott
in Frankreich
D
er
Distelfalter
muss davon gehört
haben, dass in
Deutschland die „Nickende Distel“ (Caruus
nutans) 2008 zur Blume
des Jahres gewählt wurde. Das könnte einem
einfallen, wenn man die
Distelfalterschwärme
betrachtet. Tier und
Pflanze gehören eng zusammen. Das Insekt
und die ausgezeichnete
Blume sind eine Gemeinschaft.
Ich hatte letzte Woche das seltene Glück,
in eine mir gänzlich unbekannte Region verschlagen zu werden, auf
der Suche nach großen
Weiden für die immer
größer werdende Zahl
von geretteten Rindern
und Pferden von Gut
Die französische Auvergne: Eine Landschaft, in der
sich auch Insekten wohlfühlen
Aiderbichl. Eine Freundin hat in der französischen Auvergne ihren
Zweitwohnsitz,
und
wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie
nichts als Natur.
Stundenlang
fährt
man durch eine Landschaft, die Menschen
positiv geprägt haben.
Ein stimmiges Miteinander von Landwirtschaft und Natur.
Immer wieder hielt
ich an und ging über
Feldwege. Endlose Kilometer von Büschen
und Hecken, traumhafte Mischwälder und
Bäume, von denen einige hunderte von Jahren
alt sind, verzauberten
mich. Ich war fasziniert
■ Die Raupen haben einen interessanten Schutz gegen Fressfeinde entwickelt: Sie spinnen
sich ein Nest und futtern in seinem Schutz seelenruhig Blätter
in sich hinein.
■ In Kalifornien wurde einmal
eine Wanderung bei insgesamt
36 Stunden Tageslicht beobachtet, die auf drei Milliarden Tiere
geschätzt wurde.
Ein frisch geschlüpfter Distelfalter, neben ihm der leeFoto: mauritius
re Kokon
Zukunft Alter
MiTTwoch
Akte Tier
Die Raupenfarbe variiert von
ockergelb bis grün Foto: Imago
DonnersTAg
Multimedia
von der unglaublichen
Vielzahl von Schmetterlingen und Insekten,
die um mich herumschwirrten.Wenn schon,
sollten sich die Distelfalter hierher auf den
Weg machen,
ohne
Flurbereinigung und
Monokultur. Hier kann
man sich darauf zurückbesinnen, wie es einmal
war und es wieder werden könnte.
Auf unseren österreichischen und deutschen
Höfen habe ich bereits
im letzten Jahr angewiesen, auf den großen
Wiesen Bäume zu pflanzen und Hecken zu ziehen. Noch stehen die
Bäume eingebunden,
wie in einem Verband,
mit Stützstangen. Doch
wird der Tag kommen,
■ Den Geschwindigkeitsrekord unter den Wanderfaltern
hält der Windenschwärmer mit
einem Tempo von 100 Stundenkilometern.
FreiTAg
Medizin
an dem sich unsere heimischen Insekten wieder niederlassen können oder sich Durchreisende wohlfühlen.
Für Gut Aiderbichl
habe ich einen Spezialisten angeheuert, einen
Rebellen, der uns schon
in diesem Jahr Pflanzen
in die Region zurückbringen wird, die es
längst nicht mehr zu sehen gibt. Aber auch
Brennnesseln und Disteln werden gehegt.Wer
nämlich Schmetterlinge
liebt und andere Insekten, muss etwas dafür
tun, dass sie hier bleiben. Sie sind nicht nur
wunderbare Geschöpfe,
sondern sorgen für ein
intaktes Ökosystem.
■ Wanderfalter können sich
teilweise an Landmarken (Küstenlinien, Gebirge), der Sonne
und am Erdmagnetfeld orientieren. So haben Monarchfalter
Magnetit im Kopf und können
das Magnetfeld der Erde registrieren. Allerdings besteht in
diesem Bereich noch ein großer
Forschungsbedarf.
■ Der Distelfalter ist nicht gefährdet. Dass er mal häufiger,
mal seltener bei uns in Erscheinung tritt, hängt mit der „Einwanderungsquote“ bzw. den
Witterungsbedingungen
im
Heimatland zusammen.
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