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Glück und Verführung des Spiels - Wie entsteht Sucht ohne Stoff? - IFT

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Fachrichtung Psychologie Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie
Professur für Suchtforschung
Glück und Verführung des Spiels Wie entsteht Sucht ohne Stoff?
Prof. Gerhard Bühringer
Prof. Thomas Goschke
Dipl.-Psych. Claudia Kufeld
Christian Probst
Dresden, 07.05.2008
Häufige Fragen
1. Was macht den Reiz der Glücksspiele?
2. Warum entwickeln einige Glücksspieler Probleme, viele andere nicht?
3. Was passiert im Gehirn?
4. Liegt es an der Person, am Glücksspiel oder an anderen Faktoren?
5. Gibt es besonders riskante Glücksspiele?
Folie 2
Gliederung
1. Definition
2. Formen von Glücksspielen
3. Ausprägung des Glücksspielens
4. Diagnostik
5. Klassifikation
6. Epidemiologie
7. Ätiologie
Folie 3
1. Definition
1. Glücksspiele
sind Spiele mit einem Einsatz (zumeist Geldeinsätze), bei denen
Gewinn und Verlust ausschliesslich oder überwiegend vom Zufall
abhängen.
2. Der Kompetenzanteil kann variieren, darf aber nicht überwiegen
(z.B. Lotto vs. Poker).
3. Manchmal sind die Übergänge fliessend.
4. Juristisch geht es um Geldeinsätze mit ‚Vermögenswert‘
(sonst Gewinnspiele).
Folie 4
2. Glücksspiele
Spielarten
1. Lottospiele:
Lotto, Toto, Keno, Quicky
2. Lotterien
Fernsehen und Klassenlotterien
3. Sportwetten (Kompetenzanteil):
Annahmestellen; Internet; Pferdewetten
4. Spielcasino:
Kleines Spiel, Grosses Spiel, Internetspielcasino, Internetkartenspiele
(teilweise Kompetenzanteil)
5. Geldspielautomaten
6. Rubbellose
7. (Börsenspekulationen)
Folie 5
2. Glücksspiele
Unterschiede
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
Zugangsschwellen
Dauer des Spiels
Höhe des Geldeinsatzes
Höhe von Gewinn und Verlust
Ausschüttungsquote
Dauer bis zur Auszahlung
Ereignisfrequenz (Häufigkeit des Spiels)
Grad sozialer Kontrolle
Folie 6
3. Ausprägung des Glücksspielens
(1) Normales, soziales Glücksspielen
(2) Exzessives Glücksspielen ohne Problematik (z.B.
professionelle Spieler)
(3) Pathologisches Glücksspielen
Folie 7
4. Diagnostik
DSM IV
A) Andauerndes und wiederkehrendes fehlangepasstes Spielverhalten mit
mindestens fünf der folgenden Merkmale:
1. Starke Vereinnahmung vom Glücksspiel
2. Einsatzerhöhung zur gewünschten Erregung
3. Wiederholt erfolglose Versuche zur Kontrolle, Einschränkung und
Aufgabe des Spielens
4. Unruhe und Gereiztheit bei der Einschränkung des Spielen
5. Spiel zur Verarbeitung von Problemen und dysphorischen Gefühlen
6. Verlustausgleich (‚chasing‘)
7. Spielverheimlichung vor sozialem Umfeld
8. Illegale Handlungen zur Spielfinanzierung
9. Gefährdung / Verlust des sozialen Umfeldes durch Spielverhalten
10. Rückgriff auf finanzielle Unterstützung durch das soziale Umfeld
Differenzialdiagnose:
B) Das Spielverhalten kann nicht besser durch eine manische Episode erklärt
werden
Folie 8
5. Klassifikation
DSM-IV
Einordnung in die Gruppe der Störungen der
Impulskontrolle /
Nicht Andernorts klassifiziert
312.31 Pathologisches Spielen
312.32 Kleptomanie
312.33 Pyromanie
312.34 Intermittierende Explosive Störung
313.39 Trichotillomanie
313.30 NNB Störung der Impulskontrolle
Folie 9
6. Epidemiologie
Anteile am Gesamtumsatz der Glücksspielanbieter (2006)
Klassenlotterie
5%
Pferdewetten
0%
Prämien- und
Gewinnsparen
2%
Fernsehlotterie
2%
Spielbanken
38%
Lotto und Toto
28%
Geldspielautomaten
25%
Gesamtsumme: 27,62 Milliarden (2006)
DHS (2007)
Jahrbuch
Sucht 08
Folie 10
6. Epidemiologie
Glückspielgruppen/ Glücksspielrisiko
1)
einzelne
für eine
Glücksspiele
Diagnose PG (%)
Lotto
0,1
3-4 DSM-IV
Diagnosekriterien
PG (%)
0,1
Lotto/Totto/Keno
Quicky
Lotterien
0,1
0,0
0,0
0,1
0,0
0,5
Fernsehlotterie
Klassenlotterie
Sportwetten
0,0
0,0
1,7
0,8
1,5
2,5
Annahmestellen
Internet
Pferdewetten
1,9
2,0
0,0
3,9
1,3
0,0
Folie 11
6. Epidemiologie
Glückspielgruppen/
einzelne
Glücksspiele
Glücksspielrisiko
1)
für eine
Diagnose PG (%)
3-4 DSM-IV
Diagnosekriterien
PG (%)
Spielcasino
2,8
3,3
Kleines Spiel
Großes Spiel
Internetspielcasino
Internetkartenspiele
Geldspielautomaten
6,7
1,4
0,0
7,0
5,1
4,9
1,8
0,0
11,5
3,6
0,0
0,4
(KI 0,2-0,7)
0,0
0,6
(KI 0,4-1,0)
Illegales Glücksspiel
Alle Glücksspieler
mit Diagnose
Folie 12
6. Epidemiologie
Glückspielgruppen/
Bevölkerungsrisiko 1) für
eine Diagnose PG
%
N
3-4 DSM-IV Diagnosekriterien
PG
%
N
Lotto
0,024
12.241
0,033
17.020
Lotterien
0,000
0
0,035
18.281
Sportwetten
0,046
23.765
0,067
35.093
Spielcasino
0,050
25.848
0,057
29.898
Geldspielautomaten
0,060
31.304
0,043
22.362
Illegales Glücksspiel
0,000
0
0,000
0
Alle Glücksspieler
mit Diagnose
0,198
(KI 0,1080,362)
102.833
(KI 56.028168.450)
0,2864)
(KI 0,1690,423)
148.9514)
(KI 87.954219.885)
Gesamtstichprobe
100,0
52.010.5173)
100,0
52.010.5173)
Folie 13
6. Epidemiologie
Prävalenz glücksspielbezogener Störungen in Deutschland
(1) In der Bevölkerung
Bühringer et al., (2007)
Pathologisches
Glücksspiel (in Tsd.)
Problematisches
Glücksspiel (in Tsd.)
0,20%
103 (KI: 56-168)
0,3%
149 (KI: 88-220)
0,56%
290
0,64%
340
100-170
-
Buth & Stöver (2008)
Meyer (2007)
(2) In Behandlung (Sonntag, 2007)
Ambulant: 4000 (?)
Stationär: 600 (?)
Folie 14
7. Ätiologie
(1) Einflussfaktoren: Umwelt
• Verfügbarkeit / Dichte
• Zugangsschwellen
(2) Einflussfaktoren: Glücksspiel
• Höhe des Risikos: 0 % (Lotterien) bis 7 % (Internetkartenspiele)
• Komplexes Faktorengefüge: Gewinnhöhe, Ausschüttungsquote,
Spieldauer, Ereignisfrequenz
¾ Schnelle Spiele mit hoher Gewinnerwartung haben höheres Risiko
(3) Einflussfaktoren: Spieler
• Anteil der Pathologischen Spieler: 0,2 %
• Komplexes Faktorengefüge: Geschlecht, Bildung (?), Sozioökonomischer
Status, andere Substanzstörungen,
psychische Komorbidität
Folie 15
7. Ätiologie
Warum bekommen wenige Glücksspieler ein Problem, die meisten
aber nicht, bei gleicher Verfügbarkeit?
1. Frühe Vulnerabilitätsfaktoren
•
Defizitäres Belohnungssystem (angeboren oder erworben)
•
Störungen der kognitiven Kontrollfunktionen
•
Persönlichkeitsauffälligkeiten (Störungen der Impulskontrolle,
antisoziale Persönlichkeitsstörung)
•
Soziale Defizite?
•
Stressoren (z.B. Traumata)
Folie 16
7. Ätiologie
2. Akute Risikofaktoren
• Zufälliger „Groß“-Gewinn resultiert in irrationaler Überzeugung
• Fehlende Kenntnisse über Gewinnwahrscheinlichkeiten
• Abergläubisches Denken (Glückspiel überlisten können, Verluste
ausgleichen können)
• Sekundäre Verstärkung (Vermeidung unangenehmer Situationen,
positive soziale Kontakte)
• „Allmachts“empfinden
Folie 17
7. Ätiologie
Eine wichtige Vorbemerkung…
Aus der Tatsache, dass ein Verhalten eine neuronales Korrelat hat, folgt
nicht
dass das Verhalten angeboren ist
dass das Verhalten nicht zu verändern ist
dass das Verhalten nur pharmakologisch verändert werden kann
Vielmehr zeigt die kognitiv-neurowissenschaftliche Forschung, dass die
neuronalen Strukturen, die Verhalten zugrunde liegen
durch Lernen und Erfahrung (z.B. psychotherapeutische
Interventionen) verändert werden
Psychotherapie ist so gesehen eine Methode, das Gehirn „neu zu
verdrahten“ (LeDoux, 1996)
Folie 18
7. Ätiologie
Für Suchterkrankungen relevante neuronale Systeme
Kognitive Kontrolle
Impulsunterdrückung
Planen und Antizipation
Konflikt- und
Fehlerüberwachung
Valenzantizipation
Emotionsregulation
Anpassung an geänderte
Belohnungsregeln
Emotionales
Gedächtnis
Belohnungsvorhersage
Verstärkung
Folie 19
7. Ätiologie
Belohnungssysteme
Ratte
Mensch
Folie 20
7. Ätiologie
Drogen aktivieren das gleiche Belohnungssystem wie natürliche Verstärker
Rauchen
Alkohol
Kokain
Fruchtsaft
Geldgewinn
Brody et al Am J Psychiatry 2004 / Arch Gen Psychiatry 2006; Boileau et al Synapse 2003;
Folie 21
Beiter et al., 1997, Neuron; Berns et al.,2001, J.Neurosc; Knutson et al., 2001, J. Neurosc.
7. Ätiologie
Stimulierende Reize verändert das Gehirn
Toleranz: zunehmend mehr von einer Substanz (oder einem Verhalten)
ist notwendig, um die gleiche Wirkung auszulösen
Salienz: Der Anreiz der Droge (des Verhaltens) nimmt zu, während der
Anreiz natürlicher Belohnungen abnimmt
Konditioniertes Verlangen: Orte, Objekte, und Personen, die im Kontext
des Drogenkonsums (oder des Verhaltens) auftreten, werden mit dem
Verhalten assoziiert und können ein unkontrollierbares Verlangen
nach der Droge auslösen
Folie 22
7. Ätiologie
Pathologische Spieler zeigen eine reduzierte Aktivation des Belohnungssystems
Kontrollprobanden
Pathologische
Spieler
Reuter et al. (2005). Nat. Neurosc.
Folie 23
7. Ätiologie
Kognitive Kontrollfunktion
¾
¾
¾
¾
¾
¾
Ausrichtung des Verhaltens an langfristigen Zielen
Unterdrückung automatisierter oder impulsiver Reaktionen
Belohnungsaufschub
Inhibition störender Reize
Handlungsplanung
Fehler- und Konfliktüberwachung
Æ Grundlage reizunabhängigen und flexiblen („willentlichen“)
Handelns
Folie 24
Folie 25
7. Ätiologie
Konfliktüberwachung und Unterdrückung automatischer Reaktionen
Grün
Rot
Blau
Gelb
Rot
Blau
Grün
Rot
Gelb
Grün
Blau
Grün
Gelb
Rot
Folie 26
7. Ätiologie
Intertemporale Entscheidungen (1)
In 6 Wochen
oder
JETZT !
Folie 27
McClure et al. (2004). Science, 306, 503-507.
7. Ätiologie
Intertemporale Entscheidungen (2)
Impulsive Entscheidungen
Reflektierte Entscheidungen
Später
Sofort
Folie 28
McClure et al. (2004). Science, 306, 503-507.
7. Ätiologie
Präfrontal- & Parietalkortex
Limbische Regionen
Kleine
sofortige
Belohnung
gewählt
Größere
verzögerte
Belohnung
gewählt
Folie 29
McClure et al. (2004). Science, 306, 503-507.
7. Ätiologie
Antizipation
langfristiger
Verhaltensfolgen
30
Folie 30
7. Ätiologie
Patienten mit ventromedialen Läsionen zeigen beeinträchtigte Leistung im Iowa
Gambling Task
Ventromediale
Läsionen
Bechara et al., 1994
Folie 31
7. Ätiologie
¾ Sucht geht mit Beeinträchtigungen kognitiver Kontrollfunktionen
einher
Drogenabhängige zeigen beeinträchtigte Leistungen und veränderte
Hirnaktivität in Aufgaben, die kognitive Kontrolle erfordern
Inhibition automatisierter oder impulsiver Reaktionen
Ausrichtung an langfristigen Konsequenzen
Korrektur des Verhaltens nach Fehlern oder negativen
Rückmeldungen
Regulation der eigenen Emotionen
Ist dies auch für pathologische Spieler der Fall?
Bechara et al., 2006; Garavan & Stout, 2005; Kalivas & Volkow, 2005; Lubman et al., 2004).
Folie 32
8. Forschungsfragen
1) Zeigen pathologische Spieler beeinträchtigte kognitive
Kontrollfunktionen?
2) Sind gestörte kognitive Kontrollfunktionen ein Risikofaktor für die
Entstehung des pathologischen Spielens und sagen sie das
Rückfallrisiko vorher?
3) Sind am pathologischen Spielen die gleichen neuronalen Netzwerke
beteiligt wie bei der Drogensucht?
4) Warum ist das Rückfall-Risiko unter psychischem Stress erhöht?
5) Wie wird der Zusammenhang zwischen Stress und abhängigem
Verhalten durch genetische Prädispositionen und frühe
Lernerfahrungen moderiert?
6) Können kognitive Kontrollfunktionen durch therapeutische
Interventionen trainiert/ optimiert werden?
Folie 33
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Folie 34
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