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Mukoviszidose und Beruf – Die Reha-Beratung im Arbeitsamt
Interview mit Frau Sigrid Sandmeier-Matheis, Reha-Beraterin des Arbeitsamtes
Koblenz
Das in Klammern stehende Zeichen „ “ hinter fettgedruckten Worten weist darauf hin, dass im
nächsten Abschnitt noch einmal nähere Erläuterungen zu diesem Begriff folgen. Diese
Erläuterungen sind jedoch nicht im Rahmen des Interviews erfolgt, sondern nachträglich zum
besseren Verständnis eingefügt worden.
Benedikt Flöck: Wie viele Mukoviszidose-Betroffene haben sich
bei Ihnen bisher hier im Arbeitsamt vorgestellt?
Sigrid Sandmeier-Matheis: Ich kann es natürlich nur für mich
selber sagen. Ich arbeite seit 14 Jahren in dem Bereich der
beruflichen Rehabilitation und ich habe bisher zwei junge Leute
erlebt, die Mukoviszidose hatten. Ich denke, dass die Zahlen bei
meinen Kollegen eigentlich ähnlich waren. Es sind eigentlich sehr
wenige junge Leute, die sich vorstellen.
B. F.: Was erwartet Mukoviszidose-Betroffene, wenn sie zu Ihnen
in die Berufsberatung für Behinderte bzw. in die Reha-Beratung
kommen?
S. S.-M.: In der Regel zunächst eine berufliche Orientierung. Also
einen Überblick: Was ist für mich möglich? Welche
Ausbildungsmöglichkeiten gibt es, welche Studienmöglichkeiten?
Welche Berufe kann ich erlernen, was passt also zu meiner
körperlichen Leistungsfähigkeit? Wo kann ich das machen? Kann
Rücksicht genommen werden auf meine Einschränkungen, dass
ich also Therapie brauche? - Das sind eigentlich so die Fragen.
B. F.: Das wird dann auch direkt in einem Erstgespräch erhoben?
das Erstgespräch S. S.-M.: Ja, ich stelle dann zunächst Fragen zur Person: Wie ist
die Gesundheit, wie zeigt sich die Erkrankung? Welche Schule
wird besucht? Welche Interessen hat man, welche Abneigungen?
Hat man sich selber schon Vorstellungen gemacht? Es geht auch
darum zu sehen, wie weit der Jugendliche in seinen beruflichen
Überlegungen ist. Das ist ja von Schultyp zu Schultyp auch recht
unterschiedlich.
So versuche ich mir dann ein erstes Bild zu machen. Ich gebe
dann auch schon grundsätzliche Informationen, zum Beispiel
welche Hilfsmöglichkeiten unsererseits es gibt.
In der Regel wird es dann aber auch so sein, dass wir empfehlen,
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einen Termin bei unserem Arbeitsamtsarzt wahrzunehmen, um
noch mal genau die körperliche Leistungsfähigkeit und die
Belastbarkeit abzuklären und um auch Hinweise zu bekommen,
was später an Hilfen notwendig ist.
Wenn die Jugendlichen noch ganz unentschlossen sind oder wenn
man ein Problem mit der Eignung hat, empfehlen wir auch einen
psychologischen Berufswahltest bzw. einen Berufseignungstest
( ). Da haben wir die Möglichkeit, dem Psychologen auch
konkret Fragen zu stellen, je nachdem welches Thema uns da
bewegt. Ich spreche das mit den jungen Menschen und der
Familie ab, welche Fragen ich dann stellen werde.
Und wenn die Gutachten dann vorhanden sind, folgt das zweite
Gespräch, wo konkret geplant wird, wie es weiter gehen kann und
wo ich auch Vorschläge unsererseits mache.
Und dann hat man die Möglichkeit zu entscheiden: OK, das wäre
jetzt was für mich, oder, nein, ich sehe das anders.
INFO: Durch solche Berufeignungstests kann man nicht nur seine Neigungen,
Kenntnisse und Fähigkeiten im Hinblick auf mögliche Ausbildungen bzw. auf
mögliche Berufe überprüfen. Man erhält auch einen Einblick in Verfahrensweisen,
wie sie zum Beispiel in großen Betrieben und Unternehmen zur Anwendung kommen
können, wenn es um die Einstellung neuer Mitarbeiter geht. Hier werden
Einstellungstests durchgeführt, die in Teilen bzw. vom Prinzip her durchaus
vergleichbar sind mit den psychologischen Berufseignungstests des Arbeitsamtes.
B. F.: Das wäre also insgesamt der Prozess, in dem die berufliche
Eignung festgestellt wird.
Aber noch mal zurück zum Arbeitsamtsarzt bzw. zum Ärztlichen
Dienst: Was läuft dort speziell ab? Findet da eine ganz
ausführliche Untersuchung statt, wo sämtliche Werte noch mal
erhoben werden müssen? Oder setzt sich der dortige Arzt dann
auch mit den Ambulanzen in Verbindung, die ja sowieso den CFPatienten kennen? Insofern müssten bestimmte Untersuchungen
erst gar nicht gemacht werden.
CF-Betroffene mögen vielleicht mit Recht sagen, dass sie sowieso
schon unter ständiger Beobachtung stehen und viele
Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen. Und jetzt
kommen sie zum Arbeitsamt und müssen sich schon wieder
solchen Untersuchungen unterziehen.
der Ärztliche
Dienst
S. S.-M.: Es ist so, dass unser Arzt im Hause sehr froh ist, wenn
schon Unterlagen von behandelnden Ärzten oder von den Zentren
vorhanden sind und dass er dann, wenn das Einverständnis
vorhanden ist, darauf zurückgreifen kann.
Er ist Arbeitsmediziner, hat also auch eine bestimmte
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Fachrichtung, aber er greift dann immer auch wieder auf andere
Fachgutachter zurück.
Er macht sich dann selber ein Bild von dem jungen Menschen und
gibt mir Hilfe. Ich selbst bin medizinischer Laie. Auf Grund der
Unterlagen, die er bekommt, auf Grund der Untersuchungen, die
er selber noch macht - in welchem Umfang das entscheidet dann
er - und auf Grund seines eigenen Eindrucks gibt er mir
Hilfestellung in der Richtung: Welche Belastungen sind zu
vermeiden? Was kann angeboten werden? Ist eine berufliche
Rehabilitation im Moment überhaupt möglich? Es kann ja auch
mal im schlimmsten Falle so sein, dass jemand zunächst mal noch
medizinisch behandelt werden muss. Darum geht es auch. Und es
geht auch darum, dass bei bestimmten Einschränkungen Berufe
nicht möglich sind bzw. auch von der Berufsgenossenschaft
verboten sind.
Es ist oft die Befürchtung, dass man sagt: „Ach Gott, ich bin ja
auch von Pontius zu Pilatus gelaufen und jetzt kommt wieder
einer.“ – Das muss man aber nicht befürchten. Im Gegenteil,
unsere Mediziner sind also froh, wenn die Eltern bzw. die jungen
Leute schon Material da haben, also Bescheinigungen, Atteste.
Dann kann man darauf zurückgreifen.
Es kann auch sein, wenn er Zweifel hat, dass er von sich aus auch
noch mal einen Facharzt einschaltet.
B. F.: Und beim Psychologischen Dienst werden dann auch noch
mal spezielle Tests durchgeführt? Das sind dann
Berufseignungstests, die dann die einzelnen schulischen
Wissensgebiete erfassen?
der Psychologische Dienst
S. S.-M.: Ja. Wir fragen also in der Regel ab, wie die allgemeine
Leistungsfähigkeit ist, die Belastbarkeit, das Arbeitsverhalten, wie
die Interessenstruktur ist, ob schon Berufsreife besteht. Und
danach wählt dann der Psychologe die Testverfahren aus.
Dieser Test dauert dann in der Regel einen Vormittag. Wenn man
weiß, dass jemand nicht so sehr belastbar ist, dann sagen wir das
auch schon vorher. Es gibt dann auch die Möglichkeit, eine
Einzeluntersuchung zu machen, sie also sehr individuell
abzustimmen.
Diese einzelnen Tests werden dann von Assistentinnen
durchgeführt und im Anschluss daran ist auch noch mal ein
Gespräch mit dem Psychologen direkt.
Die schreiben uns dann Gutachten nach unserer vorherigen
Fragestellung und die werden dann hinterher mit den jungen
Leuten besprochen.
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B. F.: Dann kommen sowohl die Ergebnisse des Psychologischen
Dienstes als auch die Ergebnisse des Ärztlichen Dienstes zu
Ihnen. Sie haben dann schon mal eine konkrete Vorstellung, was
möglich wäre und was nicht möglich wäre?
S. S.-M.: Genau. Ich gucke mir das ja vor dem Gespräch an und
plane dann schon mal so im Geiste meine Vorschläge. Man muss
dann aber immer im Dialog, im Gespräch sehen, ob es das ist oder
auch nicht.
B. F.: Ich könnte mir vorstellen, dass hier bei Ihnen zum Beispiel
ein junger Mann sitzt, der einen ganz utopischen Berufswunsch
hat. Sie haben dann Ihre Vorstellung der beruflichen Eignung,
was für ihn also persönlich geeignet wäre. Und Sie wissen dann
für sich ganz genau, dass seine Vorstellung eben nicht dem
entsprechen kann.
Wie gehen Sie damit um, wie werden Alternativen gefunden? Ich
denke, dass ist ein ganz schwieriger Punkt.
Alternativsuche
Grenzen der
Beratung
S. S.-M.: Ja, das ist ein ganz schwieriger Punkt. Denn man muss
dann ja auch sehen, wie weit der Jugendliche ist. Inwieweit kann
er es auffassen und aufnehmen? Auch, dass ich dann sage: Du bist
der Meinung, das ist also jetzt der richtige Beruf für Dich. Ich
habe diese Meinung nicht oder es steht das Hindernis dem
entgegen. Sollten wir nicht auch noch mal rechts und links des
Weges gucken? Das sind dann intensive Gespräche, die man
führen muss.
Und je nachdem wie der Jugendliche dann bereit ist mit zu gehen,
kann man auch mal eine sogenannte Berufsfindung anbieten. Das
sind also Maßnahmen bis zu 60 Tagen in Berufsbildungswerken
( ), wo in Theorie und Praxis verschiedene Berufe ausprobiert
werden können.
Und dann kann man durchaus auch mal seinen Wunschberuf
ausprobieren und das, was ich vorgeschlagen habe, sofern es
immer medizinisch auch möglich ist. Er kann dann selbst sehen,
ist es wirklich was oder ist es das nicht, sind da Grenzen?
Ich biete recht gerne diese Berufsfindungen an, wenn junge Leute
noch unentschieden sind oder wenn es solche Probleme gibt, dass
man unterschiedlicher Meinung ist. Das wäre eine Möglichkeit.
Ansonsten muss man im Einzelgespräch dann auch immer sehen,
wie weit man mit gehen kann. Es kommt auch durchaus vor, Gott
sei Dank äußerst selten, dass ich sagen muss: Diesen Weg kann
ich nicht mitgehen. Also da liegen mir gesetzliche Bestimmungen
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dagegen, das kann ich nicht machen. Das ist auch schon
vorgekommen.
INFO: Berufsbildungswerke sind spezielle Einrichtungen der beruflichen
Rehabilitation. Hier können Behinderte Ausbildungen sowie die hier angesprochenen
berufsvorbereitenden Maßnahmen absolvieren. Das Besondere ist dabei, dass die
Ausbildungsbedingungen auf die Einschränkungen der behinderten Auszubildenden
abgestimmt sind und die Betroffenen auch dementsprechend besonders betreut und
begleitet werden. Zusätzlich sind teilweise auch Wohnmöglichkeiten und
Freizeitangebote gegeben.
B. F.: Streben sie grundsätzlich eine möglichst dauerhafte
Eingliederung ins Arbeitsleben an?
S. S.-M.: Ja, das ist also eigens auch unsere Devise. Dass wir für
jeden nach Möglichkeit versuchen, eine individuelle Lösung zu
finden, um dauerhaft auf dem Arbeitsmarkt nach der Ausbildung
eingegliedert zu werden.
B. F.: Inwieweit werden denn auch die Eltern mit in diesen
Beratungsprozess eingebunden?
die Eltern
S. S.-M.: Also ich halte sie für sehr wichtig. Wir sind auch immer
sehr froh, wenn die Eltern hier mitarbeiten, wenn sie auch
mitkommen.
Denn ich denke, man kann einen jungen Menschen nicht isoliert
sehen. Isoliert hier von seinem gesamten sozialen Umfeld als
jemand, der nur einen Beruf sucht, gerade auch wenn sie noch
unter 18 sind. Ich denke, die Eltern sind da sehr wichtig mit ihrer
Meinung: das Geschehen mit dem behinderten Kind, wie es
aufgewachsen ist, welche Erfahrungen gemacht wurden. Also wir
legen da eigentlich sehr viel Wert darauf, dass die Eltern
mitarbeiten und wollen sie auch nicht außen vor lassen.
B. F.: Gibt es denn auch Kontakte mit der Schule, zu einzelnen
Lehrern, zum Klassenlehrer zum Beispiel?
die Schule
S. S.-M.: Ja, also wir haben es in anderen Bereichen so - nicht im
Bereich der Mukoviszidose, denn sie sind ja verteilt auf alle
Schulen -, dass wir also in allen Sonderschulen in der Regel schon
im vorletzten Schuljahr in die einzelnen Klassen gehen. Wir
bieten zum großen Teil an diesen Sonderschulen auch schon die
Beratung vor Ort in der Schule an, auch wenn die jungen Leute
dann zwar zum Test hierher kommen. Und da schätzen wir es
dann eigentlich auch sehr, wenn die Klassenlehrer oder die
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Arbeitslehrelehrer auch mit dabei sind.
Und wir sind auch froh, wenn zum Beispiel von einem
Gymnasium angerufen wird und es wird gefragt: „Bei mir ist ein
Schüler in der Klasse, er hat die und die Behinderung oder jene
Einschränkung, können wir mal darüber sprechen?“
Es gibt ja also auch jetzt seit neuestem in Koblenz eine integrative
Hauptschule. Da gehen wir also auch hin.
Wir sind eigentlich immer sehr daran interessiert, dass alle
Beteiligten an diesem ganzen Prozess zusammenkommen. Wenn
man sie an einem Tisch hat, ist das immer einfacher, als wenn so
ein junger Mensch dann hier alleine sitzt und dann sagt der Lehrer
was, die Eltern sagen wieder was, ich sage was und zum Schluss
ist die Konfusion ganz groß.
B. F.: Stichwort Fördermaßnahmen – was ist da möglich?
mögliche
Förderungen
S. S.-M.: Wir haben eigentlich ein ganzes Paket an
Fördermaßnahmen. Ich konstruiere jetzt mal ein Beispiel:
Nehmen wir mal an, es kommt eine junge Frau hierher, wird in
einem Jahr mittlere Reife machen und leidet an der Erkrankung
der Mukoviszidose.
Dann könnte ich ihr zum Beispiel vorschlagen, je nach Ergebnis
der Testungen, zunächst eine Berufsfindung in einem
Berufsbildungswerk zu machen.
Je nach Ergebnis könnte man dann eine Vorförderung in einem
Berufsbildungswerk anbieten. Das ist ein Förderlehrgang, wo man
schon speziell auf einen Beruf vorbereitet werden kann.
Oder wenn es noch nicht so ganz sicher ist, in welche berufliche
Richtung es gehen soll, kann man über eine längere Dauer noch
mal verschiedene Berufe ausprobieren.
Im Anschluss daran könnte man auch eine Ausbildung im
Berufsbildungswerk anbieten. Das wäre eine Möglichkeit.
Man kann aber auch sagen, gut der Gesundheitszustand ist so
stabil, dass es möglich ist, eine Ausbildungsstelle auf dem freien
Markt zu suchen.
Dann kann man noch mal zur Verbesserung der
Vermittlungsmöglichkeiten schauen, ob ein
Schwerbehindertenausweis vorliegt und ob man der Firma
hierüber eine Förderung anbieten kann. Wir haben auch die
Möglichkeit, einen Ausbildungszuschuss an die Firma zu zahlen.
Und der Jugendliche selbst kann über uns auch noch
Geldleistungen bekommen.
B. F.: Wie sehen die aus?
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S. S.-M.: Wenn jemand zum Beispiel in einer Ausbildung auf
dem freien Markt ist, kann er Fahrtkosten bekommen und
eventuell noch einen Zuschuss zu seiner Lehrvergütung. Das muss
man aber individuell ausrechnen.
Geht er ins Berufsbildungswerk, übernehmen wir die
Maßnahmekosten, auch Übernachtung, Verpflegung und
Taschengeld, auch zwei Familienheimfahrten pro Monat, Anreise,
Abreise, Vorstellungsgespräche.
Man stellt dann hier einen Antrag und mit diesem Antrag
beantragt man wirklich alle Leistungen für die Zukunft in
beruflicher Hinsicht.
B. F.: Ist es für Sie eher ein Ziel, einen Klienten in einem
Berufsbildungswerk unterzubringen oder sagen Sie, wir versuchen
das Möglichste, auf dem freien Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden?
Berufsbildungswerk und freier
Arbeitsmarkt
S. S.-M.: Ich sehe es ganz individuell. Also es hängt sehr stark
davon ab, wie die Voraussetzungen des Einzelnen sind. Ist es
vernünftig, es auf dem freien Markt zu versuchen oder ist die
Möglichkeit des Berufsbildungswerks die bessere?
Es sollte nie dahingehend die Entscheidung getroffen werden, was
die billigere Lösung ist. Gut, es ist immer nur meine Wahrheit, die
ich dann vorschlagen kann: Was ist die meines Erachtens für den
Jugendlichen beste Möglichkeit. Danach gehe ich vor.
Ich sträube mich auch dagegen zu sagen: Berufsbildungswerk ist
gut oder schlecht oder freier Markt ist gut oder schlecht. Man
muss es immer wieder ganz, ganz individuell sehen. Es spielen so
viele Faktoren rein, es gibt keinen Königsweg, es gibt nur
individuelle Lösungen.
B. F.: Ein Mukoviszidose-Patient ist angewiesen auf eine tägliche
Therapie, Inhalation und Atemdrainage zum Beispiel. Die wird er
auch in der Arbeitszeit machen müssen. Nehmen wir mal an, ein
Betroffener wäre auf dem freien Arbeitsmarkt vermittelt und wäre
auf einen eigenen Raum angewiesen, wo er seine Therapie
durchführen kann. Es könnte ja sein, dass der Arbeitgeber einen
solchen Raum eigens anmieten müsste. Würde das Arbeitsamt die
anfallenden Mietkosten übernehmen?
Bsp.: Raum für
Therapie
S. S.-M.: Wir müssten dann über unseren Arzt, wie schon gesagt,
abklären, was notwendig an Therapie ist? Was muss gewährleistet
sein? Und unser technischer Berater müsste dann eingeschaltet
werden. So sieht man dann, ob man über Zuschussmöglichkeiten
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übers Arbeitsamt fördern kann.
Aber vom Grundsatz her könnte man das überlegen. Ähnlich wie
auch Kfz-Förderung oder Umbau, wenn jemand Rollstuhlfahrer
ist. Da könnte man prinzipiell drüber nachdenken. Ich hatte selbst
diese Fallgestaltung aber noch nicht.
B. F.: Die Möglichkeit bestünde also schon.
S. S.-M.: Die würde ich auf jeden Fall überprüfen.
B. F.: Wie sieht es aus, wenn es notwendig wäre, ein zweites
Inhaliergerät für den Arbeitsplatz anzuschaffen?
Bsp.: zweites
Inhaliergerät
S. S.-M.: Ja, da müsste man dann sehen, wer da vorrangig
zuständig ist, ob Krankenkasse, ob wir.
B. F.: Das sind dann also Zuständigkeitsprobleme der Träger?
S. S.-M.: Das ist so wie bei Hörhilfen, da gibt es das ähnliche
Problem. Da gibt es ganz spezielle, die dann zum Teil die
Krankenkasse übernimmt und einen Teil wir.
Aber grundsätzlich müsste man dann auch wieder alle Partner an
den Tisch holen, einschließlich des technischen Beraters. Und
dann könnte man überlegen: Wie kann man diesen Arbeitsplatz so
ausstatten, dass der junge Mensch dort arbeiten kann?
Dann könnte man ja auch zusätzlich, wenn eine
Schwerbehinderung vorliegt, über die Hauptfürsorgestelle ( )
auch noch mal schauen.
INFO: Die Hauptfürsorgestelle heißt seit Einführung des neuen SGB IX (siehe
weiter unten) Integrationsamt. Es unterstützt Behinderte, die im Berufsleben stehen
oder deren Arbeitgeber.
B. F.: Das ist also nicht abhängig davon, ob sich jetzt jemand in
der Ausbildung befindet oder im laufenden Beruf ist?
S. S.-M.: Im laufenden Beruf, da kann ich Ihnen jetzt nicht so die
ganz konkreten Auskünfte geben, das müsste ein Kollege von mir
machen.
B. F.: Im Prinzip würde man da eher sagen, da wäre die
Hauptfürsorgestelle bzw. das Integrationsamt zuständig?
S. S.-M.: Das ist dann eher zuständig. Aber dann kommt es auch
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wieder drauf an, wie lange hat jemand schon gearbeitet, wer ist
zuständiger Kostenträger. Da wird es wieder etwas schwierig.
Also wenn Fragen in diese Richtung gehen, wäre es ganz gut,
wenn mein Kollege die noch mal mit Ihnen durchgehen könnte.
B. F.: Sie sagten eben: „Wenn eine Schwerbehinderung
vorliegt...“. Das heißt also, ab einem bestimmt Grad der
Behinderung ist es einfacher, Fördermaßnahmen zu organisieren?
Schwerbehinderung bzw.
GdB 50
S. S.-M.: Zusätzliche. Denn durch diese GdB 50 zum Beispiel, da
können noch mal Zuschüsse gezahlt werden. Es besteht auch eine
höhere Arbeitsplatzsicherheit. Also es ist für denjenigen, der diese
GdB hat, auch durchaus von Vorteil. Es besteht ja immer so die
Frage: Ist es ein Nachteil oder ist es ein Vorteil? Die Frage
behandeln wir hier sehr oft.
B. F.: Und dann wäre es zum Beispiel auch möglich, dem
Arbeitgeber Zuschüsse zukommen zu lassen?
S. S.-M.: Ja, genau. Auch später, wenn es um Arbeitsstellen geht,
dann könnte man auch über längere Jahre, eine Förderung über
das Schwerbehindertengesetz ( ) anbieten. Und dann kommen
auch jährlich immer noch Landesprogramme. In vielen Fällen ist
es von Vorteil.
INFO: Das Schwerbehindertengesetz gibt es seit der Einführung des
Sozialgesetzbuch Neun (SGB IX) am 01.07.2001 für sich genommen nicht mehr. Es
ist in Teil zwei dieses neuen Gesetzes integriert worden. Dieser trägt den Titel:
„Besondere Regelungen zur Teilhabe schwerbehinderter Menschen“, beschreibt also
das Schwerbehindertenrecht. In der Phase der gesetzlichen Umstellung kann es aber
trotzdem sein, dass stellenweise noch das alte Schwerbehindertengesetz zur
Anwendung kommt. Über kurz oder lang wird es jedoch abgelöst.
B. F.: Ich bin des öfteren über die sogenannte
Berufsausbildungsbeihilfe gestolpert und dass es in diesem
Zusammenhang für Behinderte gesonderte Regelungen gibt. Was
ist das und wie sehen diese Regelungen aus?
Berufsausbildungsbeihilfe
S. S.-M.: Das ist ein Wust von Regelungen. Die
Berufsausbildungsbeihilfe ist gedacht für Auszubildende, die auf
dem freien Markt eine Ausbildungsstelle inne haben, die ein
bestimmtes Alter haben und die nicht mehr zu Hause
untergebracht werden können.
Bei behinderten Jugendlichen ist es umfangreicher. Also wenn wir
zum Beispiel eine Ausbildungsstelle auf dem freien Markt
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fördern, gibt es eine sogenannte Reha-BAB,
Berufsausbildungsbeihilfe. Das ist unabhängig davon, ob der
junge Mensch zu Hause wohnt oder nicht und auch vom Alter
unabhängig. Diese Förderung ist für Behinderte also vorteilhafter.
Es gibt zudem auch noch das Ausbildungsgeld. Das wird zum
Beispiel gezahlt, wenn man eine Ausbildung im
Berufsbildungswerk macht oder wenn man eine
behindertenspezifische Ausbildung macht, die spezielle
Regelungen hat.
Es gibt dann noch Übergangsgeld... also es gibt da eine Menge an
Förderungen.
Man kann sagen, Gott sei Dank ist es so, dass im
Behindertenbereich die Förderung umfangreicher ist. Es gibt
höhere Freibeträge für die Eltern und es gibt ganz einfach auch
mehr an Fördermöglichkeiten.
Im allgemeinen Bereich gibt es nur die Berufsausbildungsbeihilfe
und die ist seit einigen Jahren auch etwas eingeschränkt.
B. F.: Ist das Arbeitsamt an bestimmte Budgets gebunden, durch
die Fördermaßnahmen begrenzt werden bzw. Fördergelder
limitiert sind?
Budgets
S. S.-M.: Ja und nein. Es gibt also Leistungen, da hat jedermann
ein Anrecht darauf. Die sind nicht begrenzt, man kann dann also
nicht mangels Geld ablehnen.
Es gibt zum Teil Kann-Leistungen. Das sind zum Beispiel diese
Ausbildungszuschüsse an Firmen. Da gibt es schon mal Jahre, da
haben wir also einen bestimmten Etat, wo wir sehen müssen, wie
wir klar kommen.
B. F.: Hieran würde sich dann auch die Frage anschließen: Wann
nehme ich denn zum ersten Mal Kontakt auf mit dem Arbeitsamt
oder mit der Reha-Beraterin/dem Reha-Berater?
Zeitpunkt des
Erstkontakts
S. S.-M.: So früh als möglich. Am besten sollte man wirklich
schon in der vorletzten Klasse mit dem Reha-Berater Kontakt
aufnehmen. Einerseits hat man dann wirklich Zeit, um in Ruhe
alles machen zu können, auch noch mal selber zu überlegen und
sich zu informieren.
Zweitens bringt es uns bei bestimmten Berufen nicht in so arge
Bedrängnis. Wir haben also Berufe, die sowohl auf dem freien
Markt als auch in Berufsbildungswerken äußerst gefragt sind. Wir
müssen hier sehr früh in die Startlöcher gehen, damit wir Chancen
haben und damit jemand auch nahtlos von Schule in Ausbildung
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übergehen kann.
Gerade zum Beispiel im kaufmännischen Bereich sind die
Berufsbildungswerke zum Teil auf Jahre im Voraus belegt. Und
da müssen wir also immer sehr früh in die Startlöcher gehen.
Deshalb ist es uns sehr, sehr recht, wenn die jungen Leute sehr
früh kommen.
Und deshalb auch der Hinweis an Lehrer, wenn ein Kind in der
Klasse ist, dass man frühzeitig hier anruft oder die Eltern
informiert und ihnen rät, bei uns anzurufen.
B. F.: Inwieweit sind auch behinderte Akademiker mit Ihrem
Beratungsangebot angesprochen?
Angebote für
Akademiker
S. S.-M.: Wir haben bis vor kurzem spezielle Berater für
Abiturienten und Hochschüler gehabt, die also behinderte junge
Menschen beraten haben. Das ist jetzt organisatorisch etwas
umgestellt. Es ist jetzt so, dass die Berater aus dem allgemeinen
Bereich ‚Abiturienten und Hochschüler’ die erste Beratung
machen. Und wenn sie feststellen, es sind Reha-Leistungen
notwendig, schalten sie uns dann ein. Es gibt also auch einen
Beratungsdienst hier im Hause für Abiturienten und Hochschüler.
B. F.: Ziehen Sie in einem Beratungsprozess eventuell auch in
Betracht, einen Klienten wieder an die herkömmliche, allgemeine
Berufsberatung zurückzuschicken?
allgemeine
Berufsberatung
S. S.-M.: Ja, das kommt vor, aber nicht bei der Mukoviszidose.
Da würde ich in jedem Fall sagen, es sind besondere Hilfen der
Reha notwendig. Das habe ich also auch bei Kollegen noch nie
erlebt.
Das ist mal der Fall, wenn es um den weiten Begriff der
Lernbehinderung geht. Oder wenn jemand eine andere, innere
Erkrankung hat, zum Beispiel einen sehr gut eingestellten
Diabetes, wo es keine Probleme gibt, mit einem TopSchulzeugnis, im kaufmännischen Beruf.
Aber bei der Mukoviszidose denke ich, ist es notwendig.
B. F.: Auch im Bereich der Mukoviszidose gibt es durchaus Fälle,
wo die Betroffenen in einem sehr guten gesundheitlichen Zustand
sind. Da würde ich mir die Frage stellen, ob die Beratung im
Reha-Bereich überhaupt notwendig ist. Oder sagen Sie einfach,
wir klären alles zur Sicherheit ab und sagen dann, es sind keine
weitergehenden Förderungen nötig.
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S. S.-M.: Ja, abgeklärt hätte ich es dann schon gerne. Ich würde es
also jedem empfehlen.
Ich meine, die Endentscheidung hat der junge Mensch und seine
Familie ja selber. Ich würde sagen: Klären wir es doch ab.
Schauen wir mal, unabhängig von Ihrer Meinung und von meiner
Meinung, was sagen Außenstehende und Fachleute dazu. Und
dann kann man ja immer noch entscheiden. Ist es wirklich nicht
notwendig, um so besser.
Man kann ja auch schrittweise vorgehen, dass man sagt: Gut,
wenn das jetzt im Moment so ist und unser Arzt auch sagt ‚Ja,
alles wunderbar’, dann gehen wir das mal ganz normal an. Und
wenn sich irgendwie eine Verschlechterung ergeben sollte oder
andere Dinge dazukommen, dann kann man immer noch ins RehaVerfahren einsteigen. Das ist auch möglich.
B. F.: Also insofern halten Sie es schon grundsätzlich für sinnvoll,
für Mukoviszidose-Betroffene direkt bei der Reha-Beratung
anzufragen?
S. S.-M.: Also Sie würden hier im Hause, wenn Sie bei der
Berufsberatung anrufen, gleich die Empfehlung bekommen, zur
Reha-Beratung zu gehen.
B. F.: Integrationsfachdienste ( ) kommen jetzt immer mehr ins
Gespräch. Wie sieht da die Kooperation aus?
INFO: Integrationsfachdienste sind Einrichtungen, die zum Beispiel vom
Arbeitsamt beauftragt werden können und die bei der Eingliederung
schwerbehinderter Menschen ins Arbeitsleben unterstützen.
Integrationsfachdienste
S. S.-M.: Die ist eigentlich sehr eng. Das ist eine sehr enge
Kooperation. Wir haben da ein großes Interesse dran, was dann
auch die Vermittlung in Arbeitsstellen angeht. Da haben wir also
hier vor Ort keine Probleme.
Wir haben also darüber hinaus auch noch Beratungsstellen, wie
„Perspektiva“ zum Beispiel oder auch „Reaktiv“ von der Stadt,
wo man also auch noch Unterstützung kriegen kann.
Wir sind eigentlich um jeden froh, der uns bei der Berufswahl und
bei dem ganzen Prozess dann auch hilft.
Das gilt auch bei anderen Behinderungen, zum Beispiel bei den
Hörbehinderungen. Da haben wir einen psychosozialen Dienst in
Neuwied mit Gebärdendolmetscher, auf den man da auch
zurückgreifen kann. Das ist hier vor Ort ein gut ausgebautes Netz.
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B. F.: Wie sieht das zum Beispiel mit Arbeitsassistenz ( ) aus?
Kommt die auch von einem Integrationsfachdienst?
INFO: Bei der Arbeitsassistenz handelt es sich um einen konkreten Helfer, der
Behinderte im Arbeitsleben zur Seite steht und sie – den Beeinträchtigungen
entsprechend – unterstützt. Ein Beispiel wäre ein Gebärdendolmetscher für
Hörbeschädigte. Im Bereich der Mukoviszidose findet die Hilfsmöglichkeit der
Arbeitsassistenz vermutlich jedoch weniger Anwendung, ist aber gegebenenfalls an
Ort und Stelle zu erfragen.
Servicestellen
S. S.-M.: Das ist noch ein recht neues Thema für uns hier. Das
kommt zum Teil auch von diesen Integrationsfachdiensten. Das ist
ja auch mit dem neuen SGB IX ausgeweitet worden und wir
sammeln da alle noch Erfahrung.
B. F.: Also diese Dinge stecken noch alle in den Kinderschuhen?
S. S.-M.: Auch diese Servicestellen, die ja im SGB IX enthalten
sind. Es macht keine Fortschritte. Diese Stellen müssen in der
Lage sein, eine Entscheidung so vorzubereiten, dass der
Kostenträger nur noch unterschreiben muss. Also das muss
rechtsverbindlich wasserdicht sein.
Es soll von den Trägern der Rehabilitation - also LVA, BFA,
Genossenschaften, uns - eigentlich kostenneutral zur Verfügung
gestellt werden. Und das wird auch große Probleme ergeben. Weil
wir uns praktisch die Leute - wir sind schon knapp an Leuten - aus
dem eigenen Fleisch schneiden müssen.
Das ist also noch sehr zögerlich. Also es genügt nicht ein Handy
und ein Schild an der Tür: „Wir sind die Servicestelle“.
B. F.: Das wären also gesonderte Stellen, die eingerichtet
werden?
S. S.-M.: Es soll eine gesonderte Servicestelle eingerichtet
werden. Die muss man nicht in Anspruch nehmen, sondern die
kann man.
Man kann also dort hingehen und sagen: „Ich habe eine
Behinderung und möchte umgeschult werden.“ – mal als Beispiel.
Und dann muss man dort die Entscheidung vorbereiten können,
muss also uns oder der LVA sagen können: „Hier, so sieht es
aus.“
Aber man kann auch wie bisher direkt zu seinem Arbeitsamt
gehen oder man weiß, man hat schon 15 Jahre gearbeitet, direkt
bei der LVA einen Antrag stellen. Sie können auch zu
irgendeinem der Träger gehen und der muss es dann innerhalb
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einer recht kurzen Frist entsprechend an den Zuständigen
weiterleiten. Also diese Servicestelle ist etwas Zusätzliches.
B. F.: Also da soll praktisch alles vernetzt sein?
S. S.-M.: Es soll alles vernetzt sein, aber es hat noch, wie gesagt,
tausend Haken und Ösen.
Wenn Sie sich vorstellen, dass wir alle im Hause unsere
Computerprogramme haben, und da soll das alles
zusammenlaufen. Es ist mit heißer Nadel gestrickt.
Der Gesetzgeber hat uns auch eine Frist gesetzt. Wenn wir es in
der Zeit nicht geschafft haben, wird es also dann per Gesetz in
irgendeiner Form erlassen.
B. F.: Ich denke, das war an Information sehr viel und bedanke
mich ganz herzlich.
S. S.-M.: Ich danke auch.
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