close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

(Mit der Sexualität geht es uns vielleicht wie mit der - ASbH

EinbettenHerunterladen
„Zur Sexualität aus entwicklungspsychologischer und sexualpädagogischer
Sicht“
0. Einleitung
Die Kunst, die Literatur, die Philosophie, die Wissenschaften – es gibt nicht einen
menschlichen Bereich, der das Thema Sexualität ausspart- es gehört zu den uralten
Themen der Menschheit und der Blick darauf kann – wie hier nur kursorisch
angedeutet –viele Konnotationen umfassen, er kann zärtlich, liebevoll, gierig,
schamhaft, pornografisch, märchenhaft, poetisch sein! (Dias).
Deshalb werde ich im ersten Teil meines Beitrages kurz mögliche Begriffe von
Sexualität benennen und die historische Entwicklung streifen. Im zweiten Teil
werde ich auf entwicklungspsychologische Aspekte zu sprechen kommen, hierbei
die Bindungstheorie ebenso wie die psychosexuelle und psychosoziale
Entwicklung skizzieren. An einem Fallbeispiel aus meiner klinischen Praxis, einer
Psychotherapie mit einer Spina bifida Patientin, werde ich bestimmte Grundzüge
heraus arbeiten, die ich – soweit ich das zu überblicken vermag- für relativ
charakteristisch halte. Am Ende werde ich versuchen aufgrund meiner eigenen
Erfahrungen und denen anderer Implikationen für die Praxis formulieren. 1
DIA
•
•
•
•
SEXUALITÄT
Grundbegriffe und historischer Abriß
entwicklungspsychologische Aspekte
klinisches Fallbeispiel
Studien zu Behinderung/ Implikationen für die Praxis
Im Mittelpunkt meines Beitrages steht das Körperbild und das Selbstbild. Ich
werde der Frage nachgehen, wie sich die Erfahrung eines mangelhaften
Körperbildes überhaupt abbildet, sei dieses nun „objektiv physisch“ oder „subjektiv
psychisch“ und welche Konsequenzen dies individuell haben kann. Aus diesen
entwicklungspsychologischen Beschreibungen gehen die sexualpädagogischen
Folgerungen hervor!
Bei diesen Überlegungen will ich nicht polarisieren, hier die Behinderung dort die
1
Ich möchte mich an dieser Stelle besonders bei Margrit Poster bedanken, die mir bei der Entstehung des
Manuskriptes eine wertvolle Gesprächspartnerin war und der ich viele konstruktive Anregungen zu verdanken habe.
1
Nicht Behinderung, zunächst gelten für alle die gleichen Bedingungen.
Vorsorglich möchte ich noch darauf hinweisen, daß - wie Sie wissen,- zu dem
Thema Sexualität eine Fülle von Literatur auffindbar ist, die weder in einem
Vortrag noch in einem Buch unterzubringen wäre. Insofern kann ich vieles nur
streifen und mich nur auf einige Quellen beschränken.
1. Grundbegriffe und historischer Abriß
Sexualität ist ein sehr zentrales Thema in unserem Leben, das uns alle elementar
berührt: Sexualität bedeutet den Ursprung unseres Seins, bedeutet Fruchtbarkeit,
Kontakt, Liebe, Erregung, Lust. Weiterhin spielen viele Gefühlsdimensionen
hinein, die uns in unserer Sexualität beeinflussen: Stärke, Männlichkeit,
Weiblichkeit, Macht, Auseinandersetzung, Aggressivität, Geben und Empfangen,
Zärtlichkeit u..v. m. In der Sexualität erkennen wir einen wichtigen Teil des
anderen und wir selbst zeigen etwas von uns. Und sie bringt uns auch mit unseren
Defiziten in Berührung, mit unseren Ängsten, dem Unvermögen, den
Blockierungen und den Beschädigungen. Unser Körperbewußtsein wird hier
angesprochen, welches einerseits von unserer Erziehung, unserem Selbstwert
geprägt ist und von unserem gesellschaftlichen Denken. Ich nehme an, es gibt
niemanden unter Ihnen, der nicht einmal wegen der Unvollkommenheit seines
Körpers geklagt oder gar sich dessen geschämt hätte. Wir betrachten uns nicht
zuletzt mit den kritischen Augen der Werbung, die uns Perfektion vorlebt und
suggeriert. Eine Perfektion, welche wir jedoch nie an uns selbst, am eigenen Körper
und Aussehen auffinden und einlösen können. Wenn wir uns jetzt mit dem Thema
Sexualität im Kontext von Behinderung befassen, müssen wir immer im Auge
behalten, welche hohen nicht zu realisierenden Maßstäbe wir anlegen, die uns
selbst behindern. Und mit unserem unbarmherzigen Zensieren behindern wir
Nichtbehinderte auch Behinderte!
Die Vielfalt der Befindlichkeiten, Tätigkeiten, Eigenschaften und Beziehungen, die
mit der Komplexität und Polyvalenz des psychischen Aspekts der sexuellen
Erregung assoziiert werden, nennt Meyer 1994: 287:
„Zum Beispiel beleben, brennen, prickeln, pulsieren, schweben, glücken, begehren
und flüchten, Wachheit, gesteigerte Sensibilität, Wärme, Hitze, Lebensfülle, Kraft,
Stärke, Energie, Macht, Hochgefühl, Verzücktsein, Verrücktsein, Rausch, Ekstase,
Glück, Attraktivität, Zuneigung, Zärtlichkeit, Intimität, Vereinigung, Liebe,
Alleinsein mit dem Partner auf der Welt, Sehnsucht, Verlangen nach mehr, Hunger,
Freiheit, Enthemmung und/oder Wollust.“ (DIA)
2
Wie man an dieser Aufzählung deutlich erkennen kann, steht Sexualität im
Konflikt zu den rational orientierten Prinzipien, denn es bedeutet Kontrolle
aufzugeben, emotional, instinktiv zu reagieren, offen zu sein.
Indes vollzieht sich Sexualität niemals als autonomer Akt, sondern diese ist
eingebettet in den geistigen, religiösen, gesellschaftlichen Kontext, ist an den
ideologischen Konzepten ebenso orientiert
Norbert Elias (1978) beschreibt in seinen Studien den Prozeß der Zivilisation als
eine kontinuierliche Aufspaltung in eine intim heimliche und eine öffentliche
Sphäre. Das Schlafzimmer heute ist zu einem der privatesten und intimsten
Bereiche des menschlichen Lebens geworden- dies im Gegensatz zum Mittelalter,
in dem es üblich war, daß viele Personen das Bett miteinander teilten. Auch die
Sexualität wurde nicht vor den Kindern verheimlicht, denn eine Trennung - wie wir
sie heute kennen- in eine kindliche wie in eine erwachsene Welt, war unbekannt.
Im 18. Jahrhundert entwickelte sich eine extreme Distanz zum eigenen Körper, der
verhüllt werden mußte. Das Lustvolle wurde weitgehend verdrängt.
DIA
Es kam zu einer
• Entwicklung der Privatheit des Sexuellen hin zu einer wachsenden Prüderie
• Sexuelles wurde mit Ekel gekoppelt
• Biologisierung der Sexualität (nach Weinwurm 1990: 47)
Allein in diesem Jahrhundert hat es- wie Sie wissen eine Kehrtwendung und große
Veränderung im gesellschaftlichen und individuellen Bewußtsein gegeben. Einen
wissenschaftlichen Meilenstein im großbürgerlich verklemmten Wien setzte
zweifelsohne Sigmund Freud durch seine analytischen Schriften, die das
Unbewußte und das Triebleben in allen Nuancen zum Schwerpunkt hatten. Otto
Weininger schrieb 1903 das Aufsehen erregende Buch „Geschlecht und
Charakter“, in dem er dem Weib die Rolle der Unbewußtheit und des sexuellen
Triebes beimaß, dem Manne hingegen Bewußtheit und Rationalität zustand. (Die
Frauenbewegung hat sich dagegen später zu verwahren gewußt! ). Das erste
grundlegende Werk der Sexualwissenschaft stammt von Krafft Ebing:
„Psychopathia Sexualis“. Wilhelm Reich und andere haben dann die sexuelle
Unterdrückung als anti-revoutionären Faktor beschrieben, das Ziel einer Therapie
sah Reich im genitalen Funktionieren, ein Gedanke, den die Studentenbewegung
aufgegriffen hat.
3
Daß wir Menschen mit unserer Entwicklung diesen großen geistigen
Veränderungen in unserer Körperlichkeit und Auffassung gar nicht so sehr
hinterhergekommen sind, ist eigentlich ganz verständlich, auch wenn wir gerne so
tun. Sexualität ist trotz aller Extrovertiertheit in den Medien in vielen Bereichen
noch tabuisiert. Insofern kommen wir zum nächsten Punkt, der da heißt: wie
entwickeln wir eigentlich uns und unsere Sexualität?
1. Entwicklungspsychologische Aspekte
Die soziale und emotionale Entwicklung eines Menschen wird in der Regel primär
von den Eltern geprägt, der elterliche Erziehungsstil wirkt sich ebenso auf das
Verhalten und die Persönlichkeit des Kindes aus wie auf die
Geschlechtsrollenübernahme. In diesem Kontext wird auch Sexualität als
allgemeine Lebensenergie erfahren und erlernt.
Soziale Entwicklung beginnt mit dem engen Aufbau einer emotionalen Beziehung,
diese Beziehung wird als Bindung (attachement) bezeichnet. Die Möglichkeit eine
Bindung zu entwickeln, basiert auf einer ausreichenden Ausreifung der
sensorischen Fähigkeiten und eines Verhaltensrepertoires, dies gilt beiderseits für
Eltern wie für das Kind. Dies kann nur geschehen, wenn im ersten Lebensjahr ein
enger Kontakt zur Mutter oder einer anderen Person vorhanden ist. Und dieser
Kontakt sollte komplex gestaltet sein, er schließt das Gehalten- und
Angeschautwerden genauso ein wie Hautkontakt, Streicheln, Wiegen und die
Fähigkeit, Signale aufzunehmen, zu interpretieren und zu beantworten. Wie wir
von den Studien von Spitz, aber auch von Bowlby (1975) und anderen wissen, sind
Säuglinge, denen dies verwehrt ist, zur Deprivation verurteilt, d.h. seelischer und
körperlicher Verkümmerung ausgesetzt, wenn nicht gar dem Tod. Gardner (1972)
konnte zeigen, daß Kinder, die in Familien mit großer Feindseligkeit und
emotionaler Distanz aufwuchsen, nicht nur Untergewicht auftrat, sondern auch das
Knochenwachstum verzögert war. Das Knochenwachstum veränderte sich positiv
bei Herausnahme aus der Familie und stellte sich wieder bei Rückkehr in die
Familie ein („psychosoziale Wachstumsschwäche“, zitiert nach Zimbardo 1992).
Sie können bereits dieser kurzen Beschreibung entnehmen, in welch entscheidender
Wechselwirkung sich der Säugling bzw. das heranwachsende Kind zur Familie
befindet.
Die Art des Bindungsverhalten, die zwischen dem 6. bis 9. Lebensmonat deutlich
wird, zeigt dann, wie sicher das Kleinkind sich fühlt, ob es sich lösen kann mit
dem Vertrauen auf Rückkehr in eine sichere Basis oder sich anklammern und
festhalten muß. Die Art des Bindungsverhaltens (sichere, unsicher vermeidende,
ambivalent unsichere und desorganiserte Bindung) scheint eine relativ stabile
Variable zu sein, die sich im Erwachsenenalter im Beziehungsverhalten
4
nachweisen läßt.
DIA
Variablen, welche die kindliche Sozialisation beeinflussen:
• Bindung
• elterliche Aufmerksamkeit/Erziehungstile
• Moral
• psychosexuelle und
• psychosoziale Entwicklung
Auf den zweiten Punkt komme ich am Ende des Beitrages, im folgenden möchte
ich nach weiteren Faktoren fragen, welche die kindliche Entwicklung beeinflussen,
ich gehe nunmehr auf die psychosexuelle und psychosoziale Entwicklung ein:
Freud hat Sexualität im umfassenden Sinne wie das deutsche Wort „lieben“
gebraucht, d.h. er hat Wert auf den seelischen Faktor des Sexuallebens gelegt. Wie
Sie vielleicht wissen hat Freud in seiner Ätiologie der Neurosen der Sexualität
zunächst als Verursacherin den ersten Platz zugewiesen, eine Meinung, die er
später revidiert hat. Indes ist er der Auffassung verhaftet geblieben, daß Kinder
„aller psychischen und vieler somatischer Sexualleistungen fähig sind.“
Die Libido nun, der Sexualtrieb steht nun für die Idee der vollkommenen
Befriedigung, die vollkommene Verschmelzung mit der Mutterbrust.
Freud betont nun das Saugen des Kindes an der Brust der Mutter als vorbildlich für
jede Liebesbeziehung. Insofern sei die spätere Objektfindung eigentlich eine
Wiederfindung...
Im Kontakt zur Mutter und durch deren Zärtlichkeit entdecke das Kind die Liebe –
und damit auch die Sexualität!
Diese mütterliche (und auch väterliche) Liebe – sofern sie denn erfolgen, fallen in
die sogenannte orale Phase.
(Phasen/Doppeldia Freud und Erikson)
1. die orale Phase, von der Geburt bis zum ersten Lebensjahr dauernd
(Urvertrauen vs. Urmißtrauen)
Die orale Phase wird mit dem Mund erlebt, emotional ist das Erlebnis der völligen
Abhängigkeit prägend. Erikson stellt hier das Urvertrauen dem Urmißtrauen
gegenüber. Wir gehen heute davon aus, daß der Kern der inneren Bildes durch das
Bild der nahen Bezugsperson geprägt, das Vorbild der späteren Identifizierung
gelegt wird.
5
Identifizierung bedeutet Internalisierung, also einen Prozeß der Innenverankerung
sozialer Beziehungen, Identifizierung bedeutet aber auch: wir schlucken bereits zu
Beginn unserer Kindheit fremde= elterliche Persönlichkeitsanteile und
verschmelzen sie mit unserem Selbstbild. Da sie von unserer Identität nicht mehr
zu trennen sind, sind wir mit ihnen identifiziert. (Auf diesen Aspekt werde ich
nochmals in meinem Fallbeispiel zurückkommen).
2. die anale Phase, etwa das zweite und dritte Lebensjahr umfassend
(Festhalten und Loslassen oder Autonomie vs. Scham und Zweifel)
Die zweite prägenitale Phase ist die anal- sadistische Phase, in dieser Phase wenden
sich die Kinder der Außenwelt zu - bei genügend emotionaler Absicherung. Hinzu
kommt eine wachsende Kontrolle der Schließmuskeln, das Kind erlernt Kontrolle
und Zugang zum eigenen Willen. (Wo die Sauberkeitserziehung mit frühen
Vorstellungen von Schmutz und etwas Schlechtem verbunden ist, erfolgt
zwangsläufig eine Abwertung des Sexuellen bei früher Ausbildung von
Schuldgefühlen). In dieser Zeit geht es um Auseinandersetzung mit Aggressionen
und dem Erlernen von Autonomie. Wie geht es nun in dieser Phase Blasen und - - -darminkontinten Kindern, auf welchen wichtigen entwicklungspsychologischen
Part müssen sie verzichten? Auch dann, wenn sie sich auch nicht (körperlich)
entfernen können, d.h. auf jede Form des adgredi verzichten müssen? 2
3. die phallische oder ödipale Phase, etwa das 4. und 5. Lebensjahr umfassend
(Initiative vs. Schuldgefühl)
Freud hat diese Phase als Loyalitätskonflikt zwischen Vater und Mutter
beschrieben, beim Jungen als Kastrationsangst gefaßt. Heute beschreibt man diese
Phase unter dem Etikett der Selbstwert Auseinandersetzungen, Erikson akzentuiert
das Fortstreben, das Erkennen der eigenen Potenzen in der Auseinandersetzung mit
Schuldgefühlen. Auch hier ist wiederum wie auch für die nachfolgenden
Latenzphase zu fragen, welche Möglichkeiten haben behinderte Kinder im
wahrsten Sinne „fortzukommen“, sich weg zu entwickeln von den Eltern?
4. die Latenzphase, eine Zeit der Triebruhe zwischen dem 6. Lebensjahr und
der Pubertät
(Kompetenz vs. Minderwertigkeit bzw. Identität vs. Rollendiffusion)
die Pubertät, etwa vom 13. Lebensjahr bis zum 16. Lebensjahr (Spätadoleszenz bis
zum 20. Lebensjahr)
Hier geht es um die Veränderung der Beziehungen zu Eltern und Geschwistern, um
2
Diese wichtige Anmerkung , die sich auf den Einfluß der psychosexuellen Entwicklung bei körperlicher
Behinderung bezieht, habe ich Margrit Poster zu verdanken.
6
die Ablösung vom Elternhaus und vor allem um die Herausbildung einer sexuellen
Identität, der Jugendliche schwankt zwischen Verunsicherung und Grandiosität.
Unsere Erfahrung im SPZ zeigt, daß behinderte Jugendliche oft körperlich weiter
entwickelt sind als es ihrem geistigen Status entspricht (darauf werde ich am Ende
des Beitrages noch zu sprechen kommen).
Nun hat sich die psychoanalytische Entwicklungspsychologie heute von der
psychosexuellen Entwicklung (des Sexualtriebs) zu einer Theorie der emotionalen
Entwicklung schlechthin ausgeweitet.
Jedoch hat die Anwendung der Phasen weiterhin einen psychologisch brauchbaren
Sinn wie Sie gleich bei dem Fallbeispiel merken werden:
(Unter den triebhaften Grundbedürfnissen des Menschen sind die folgenden aus der
Sicht der Neurosenpsychologie von besonderer Bedeutung:
DIA
• Die passiven und Abhängigkeitsbedürfnisse (auch Zärtlichkeits- und
Anlehnungsbedürfnisse)
• die aktiven und Autonomiebedürfnisse (die zeitlebens in Interaktion mit den
Grundbedürfnissen stehen)
• die sexuellen Bedürfnisse
• die aggressiven Bedürfnisse (vom Adgredi bis zum aggressiven Sadismus)
• die narzißtischen Bedürfnisse (Selbstwertmotive)
(nach Hoffmann & Hochapfel 1998)
3. Ein Fallbeispiel
In dem nun folgenden Fallbeispiel sind sehr gut die Folgen einer Vernachlässigung
einer emotionalen Beziehung für das Kind nachvollziehbar.
Mona ist jetzt 28 Jahre und hat eine thorakale Meningomyelozele mit
Querschnittssymptomatik. Sie war 3 Jahre bei mir in Psychotherapie. Ihr Leben
hatte einen ungemein brutalen Beginn: die Ärzte im Krankenhaus raten den von der
Behinderung ihrer Tochter überraschten Eltern, keinen Kontakt zu dem Kind
aufzunehmen, da es sich nicht lohne; es werde ohnehin bald sterben.
So liegt Mona ohne Schutz und Liebe im Krankenhaus, nur die Schwestern
kümmern sich um sie. Aus den Tagen werden Wochen, aus diesen Monate- nach 10
Monaten ruft ein Arzt die Eltern zuhause an, ob sie sich nicht mal um ihr Kind
kümmern wollen.
Allein dieser Beginn spricht Bände, über die anpassungsfreudigen Eltern ebenso
wie über das kaltherzige Personal. Ich brauche Ihnen kaum zu erläutern, welche
7
frühen psychischen Schäden dadurch das Baby erlitten hat! Denken Sie daran,
welches Bindungsverhalten Mona kennengelernt hat (= ambivalent unsicher) was
Mona allein geschluckt, womit sie sich identifizieren mußte, welche Beziehungen
konnte sie internalisieren (=keine)!
Nach fast einem Jahr erfährt Mona nun, daß sie eine Familie hat: Sie wird von
ihren Eltern mit nachhause genommen und erlebt ein Heim und eine von nun an
behütete bzw. überbehütete Kindheit. Wenn Sie sich nun vergegenwärtigen, daß
Mona nachhause kam am Ende der oralen Phase (=völlig ungenährt ) zu Beginn der
analen Phase, durfte dieses Kind dann Aggressionen zeigen, Trotz und Widerstand?
Natürlich nicht, es mußte ja froh sein, daß man sich seiner annähme. Auch die
ödipale Phase, Aufbau des Selbstwertgefühles fand nicht statt: Sexualität ist
zuhause kein Thema, es ist tabuisiert. Mona hat sich mit ihrer Lähmung
abgefunden hat, daß sie nicht einmal ausprobiert, ob sie an den Genitalien etwas
spürt. Hier wird gewaschen und kathetrisiert und medizinisiert ( und zwar
übernimmt dies die Mutter immer wieder, bis Mona - durch die Therapie
unterstützt- , ihrer Mutter dies endlich untersagen kann). Mona kann gegenüber
ihrer frühen Kindheit keinerlei Trauer, keinerlei Aggressionen verspüren, sie ist
dankbar und sie denkt immer an erster Stelle an ihre Eltern, jetzt und damals. Ihre
Argumente sind immer die gleichen: sie selbst habe ja nichts gemerkt, sie sei ja so
klein gewesen damals, aber für ihre Eltern sei es schlimm gewesen! Auch bei den
vielen Operationen, die sie in folge über sich ergehen lassen muß, argumentiert sie
ähnlich. Ihr Verhalten ist angepaßt pragmatisch, sie hat logischerweise nie gelernt,
„nein“ zu sagen . Daß sie dies „darf“ wie jeder andere auch - ist ihr neu! Sie leistet
sich eine einzige Opposition mit ca. 16 Jahren, die eher autoaggressiven Charakter
hat: Nach einer großen Rückenoperation, die sie zwingt eine Reihe von Tagen und
Nächten mit dem Kopf nach unten zu schlafen, ist ihre Reaktion: Trotz, d.h. sie
geht heimlich genau anders herum mit einem Berg von Kissen unter dem Kopf ins
Bett und schläft gewissermaßen im Sitzen. Nachdem sie dann über die Jahre eine
ausgeprägt schmerzhaftes Kopfschmerzsyndrom ausgebildet hat, schafft sie es,
nachdem wir die Quelle ihres Trotzes herausgefunden haben, horizontal zu
schlafen! Mit 21 lernt sie einen Mann kennen, in den sie sich verliebt. Dieser
Mann, der an einer Spastik leidet, gibt ihr eine paradoxe Liebeserklärung: er
schenkt ihr einen Ring und erklärt gleichzeitig, daß es mit ihnen ja nichts
werden könne, da sie ja sexuell keine Empfindungen haben könne. Mona ist
unglaublich gekränkt und verletzt, und bricht die Beziehung ab, es folgt ein völliger
Rückzug von der Männerwelt. Jahre später treffen die beiden sich wieder, und nach
einiger Zeit können sie eine Beziehung aufnehmen. Aber diese Beziehung ist lange
Zeit von Monas Angst geprägt, als Frau „nicht richtig“ zu sein, dem Mann nicht
bieten zu können, was er will und braucht. Und die Angst ist so groß, daß sie lange
davor zurückschreckt, sich selbst zu berühren – geschweige denn sich berühren
läßt. Nach knapp einem Jahr kann sie endlich mit meiner Unterstützung die
8
Kränkung ansprechen, sie tut dies voller Angst und Panik- zu ihrer Überraschung
reagiert ihr Freund höchst betroffen über seine mangelnde Sensibilität- dies ist
dann der eigentliche Beginn ihrer Beziehung, mit der Mona nun sehr zufrieden ist.
Interessant ist vielleicht noch, daß die beiden nun zusammenziehen wollen, doch
Mona hat Angst, dies ihren Eltern zu sagen, aus Sorge sie zu verletzen!!!
Diese traurig schöne Geschichte steht insofern für viele andere, als hier bestimmte
Themen auf dem Hintergrund einer Behinderung deutlich werden (auch wenn der
Fall krass ist erleben viele unserer Patienten symbolisch das Ungeliebte):
• kein Kontakt zum eigenen Körper
• keine sexuelle Entwicklung/ Erziehung
• Scham
• Angst und Rückzug
• das Minderwertigkeitsgefühl
• Resignation und Depression
DIA
Wohlgemerkt hätten sich diese Folgen bei einer Nichtbehinderung auch
eingestellt- jedoch sind sie durch die Behinderung noch drastischer, die Negativität
gegen den Körper scheint sich zu doppeln, dieser ist ohnehin nicht intakt – und
darum scheinbar noch weniger liebenswert.
Mit Erikson hat Mona eher Kontakt zum Mißtrauen (wenngleich sie genau das
Gegenteil behauptet) zum Selbstzweifel, zur Schuld und zur Minderwertigkeit mit
den entsprechenden „Lösungen“(s. Erikson) der Unsicherheit, Angst, des
mangelnden Selbstvertrauen und des fehlenden Selbstwertgefühl.
Zusammengesetzt ergibt dies ein Bild der Depression: Viele depressive Zustände
beginnen mit einer narzißtischen Kränkung.
3
Der Depressive hat in der Kindheit starke Verlustängste gehabt und hat sich nach
den elterlichen Ver- und Geboten ausgerichtet, um geliebt zu werden, hat hierüber
auch ein anspruchvolles zensierendes System errichtet. Beim depressiven Muster
kann das überbehütete oder pseudobehütete Kind nichts eigenes entwickeln, es
traut sich wenig zu (wie man gut bei Mona sehen kann), es wagt nicht ein eigenes
Ich zu werden, es riskiert – um den schönen Begriff von Riemann zu gebrauchen,
keine „Eigendrehung“, sondern geht im Zweifel lieber in die Autoaggression oder
in die Anpassung, ein Phänomen, das man bei Mona finden kann.
3
„Obwohl der Begriff des Narzißmus auf den griechischen Mythos zurückgeht, der oberflächlich verstanden
Eigenliebe bedeutet, trifft für die narzißtische Persönlichkeitsstörung genau das Gegenteil zu. Der Narzißt hat den
Ausdruck seines wahren Selbst aufgrund früherer Verletzungen begraben und es durch ein hochentwickeltes,
kompensatorisches Selbst ersetzt.“ (Johnson 1988: 53)
9
4. Andere Studien/ Implikationen für die Praxis
Ich komme abschließend zu den Rahmenbedingungen und Erziehungsstilen, die
das behinderte Kind oftmals vorfindet:
Wie vielfach in der Literatur diskutiert kann beim geburtsgeschädigten Kind das
Beziehungsverhältnis zwischen Eltern und Kind bereits stark belastet sein.
Bei der Arbeit mit Familien mit behinderten Kindern spielt das Gefühl der Schuld
immer wieder eine große Rolle. Es ist eine Erfahrung der Praxis, daß die
Konfrontion mit Behinderung in der Regel für die Eltern oftmals einen
traumatischen Einschnitt bedeutet. Bleibt diese unbearbeitet, können die
unterdrückten Gefühle eine große diffuse Macht entwickeln und die Betroffenen
erst recht an die Schuldgefühle binden. Zwei Wege sieht Müller- Hohagen (1987)
dann für die Eltern: entweder im Dichtmachen (in der Verdrängung) oder in der
Überaktivität.
Entsprechend gibt es zwei grundsätzliche Haltungen bzw. Erziehungsstile, die
immer wieder gehäuft auftauchen in Familien mit einem behinderten Kind: diese
sind die Überforderung oder die Unterforderung im physischen wie psychischen
Bereich. Für den physischen Bereich gilt eher die Entmündigung, der Körper des
Kindes wird medizinisch wie hygienisch enteignet, er wird als „Arbeitsfeld“
(Wunnenberg 1998) betrachtet und nicht als Empfindungsorgan und Teil der
Persönlichkeit – wie man bei Mona gut sehen konnte. Überbehütung geht mit
Verdrängung und restriktiver Sexualerziehung einher, obendrein ist für viele Eltern
die Vorstellung unfaßbar, ihr Kind könne eine eigene Sexualität haben, gar sexuelle
Erfüllung oder gar einen Partner finden. 4 Die Pubertät verschafft den Kindern
allgemein die Möglichkeit, aus ihren engen familiären Bindungen
herauszukommen; der Prozeß der Loslösung muß hier von den Eltern wie von den
Jugendlichen immer wieder durchgearbeitet werden. Natürlich gelingt dieser
Prozeß sehr viel schlechter beim Vorliegen einer Behinderung durch die hierdurch
vorgebenen Abhängigkeiten. Wenn obendrein Versäumnisse in der
Autonomieentwicklung schon aus früheren Zeiten bestehen, wird eine
„Emanzipation“ immer schwieriger.
Obendrein entsteht durch die fortwährende Einbettung in ein Helfersystem entsteht
„manchmal der Eindruck als erhielten Sexualität und sexuelle Bedürfnisse der
Behinderten den Wert einer Zweitbehinderung“ (Weinwurm 1990): die Umwelt
versuche die Probleme von sich wegzuschieben und die Behinderten in eine Art
„sexuelle Rumpelkammer“ zu drängen.
Nach Richter (1998) sind es folgende Gesichtspunkte, um die sich die Entwicklung
4
Aus meiner eigenen klinischen Praxis weiß ich von vielen Müttern, die an diesem Punkt ihre Töchter und Söhne
sytematisch desensibilisieren.
10
der Sexualität bei Behinderung kristallisiert:
DIA
• gestörte Beziehung zum Körperschema (Angst vor sexuellem Versagen)
• sexuelle Entwicklung des Kindes wird elterlicherseits wenig gefördert
• Überbehütung
• Selbstwertprobleme und Minderwertigkeitsgefühle
• Angst und Unsicherheit gegenüber der eigenen Sexualität
• objektive körperliche Beschränkungen durch verminderte Sensibilität der
Geschlechtsorgane, durch Fehlhaltungen der Gelenke, Spastizität, Inkontinenz
usf.
Richter weist jedoch ausführlich daraufhin, daß erogene Zonen überall im Körper
sein können, daß Orgasmen trainiert werden können, „daß ein Orgasmus eine
`Cortikalisierung`ist (sich im Kopf abspielt).“ (Richter 1998: 418)
Indes ist es die sexuelle Normwirklichkeit, die den behinderten Menschen
einschränkt, die Diktatur der Normalität (Weinwurm 1999), die ihn zu einer
spezifischen Orientierung zwingt, wie wir auch im Fallbeispiel sehen konnten.
Denn die Leugnung und Nichtakzeptierung der Sexualität Körperbehinderter durch
Nichtbehinderte (seien es die Eltern oder die Professionellen) hat weitreichende
Konsequenzen für deren psychische Entwicklung.
Fazit:
Sexualität ist bei behinderten Menschen nichts anderes als bei nicht behinderten
Menschen auch, eine Energie, die Kontakt und Beziehungen erzeugt: Sie ist
niemals abstrakt und wird immer individuell und einzigartig geformt von den
Menschen in ihrer Begegnung.
Die Bedingungen jedoch sind für behinderte Menschen oft viel erschwerter –
wie wir gesehen haben, sind die frühen Erfahrungen prägend: Wird ein Kind
gehalten, darf es seine Phasen durchlaufen mit aller emotionaler Unterstützung?
Wieviel Verzicht müssen behinderte Kinder allein üben, weil sie ihre
Aggresssionspotentiale nicht ausreizen dürfen, wieviele unbewußte Botschaften
bekommen sie von den Eltern, „nicht richtig zu sein“, enttäuscht zu haben?
Trotz der sogenannten sexuellen Revolution glaube ich, wir hinken alle einer
Entwicklung hinterher, die sich zwar theoretisch und in unseren Köpfen vielleicht
abgespielt haben mag, praktisch aber noch lange nicht von uns umgesetzt wird. In
diesem Sinne möchte ich abschliessend Offitt zitieren:
(DIA)
11
„Sexualität ist das, was wir daraus machen. Eine teure oder billige Ware, Mittel zur
Fortpflanzung, Abwehr gegen Einsamkeit, eine Form der Kommunikation, ein
Werkzeug der Aggression( ...), ein kurzweiliger Zeitvertreib, Liebe, Luxus, Kunst,
Schönheit, ein idealer Zustand, das Böse und das Gute, Luxus oder Entspannung,
Belohnung, Flucht, ein Grund der Selbstachtung, eine Form der Zärtlichkeit, eine
Art der Rebellion, eine Quelle der Freiheit, Pflicht, Vergnügen, Vereinigung mit
dem Universum, mystische Ekstase, Todeswunsch oder Todeserleben, ein Weg
zum Frieden, eine Streitsache, eine Form, Neugier und Forschungsdrang zu
befriedigen, eine Technik, eine biologische Funktion, Ausdruck physischer
Gesundheit oder Krankheit oder einfach eine sinnliche Erfahrung.“ (Offitt, 1979:
16, zitiert nach Walter 1999:34)
LITERATUR
Biermann. G. (1989) Sexualaufklärung- Liebeserziehung. In: König, Ch. (Hg)
Gestörte Sexualentwicklung bei Kindern und Jugendlichen. S. 93-119, München,
Basel: E. Reinhard Verlag.
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. (1993) Über den Umgang mit
Liebe, Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft
Dreitzel, H.P. (1992) Reflexive Sinnlichkeit. Köln: Edition Humanistische
Psychologie.
Elias, N. (1978) Über den Prozeß der Zivilisation. Bd. 1 und 2. Frankf./M.
Suhrkamp.
Fliegel, St. (1996) Sexuelle Störungen. Verhaltenstherapie. In: Senf, W. & Broda,
M. (Hg) Praxis der Psychotherapie. Stuttgart, New York: Georg Thieme Verlag, S.
410 – 417.
Freud, S. (1975) Studienausgabe. Frankf./M.: Fischer Verlag.
Friedrich, H. (1998) Psycho- und soziodynamische Aspekte von Spina bifida und
Hydrocephalus. In: Michael, Th. et al. (Hrsg) S. 325-340.
Haeberle, E. J. (1985)2. Aufl. Die Sexualität des Menschen. Handbuch und Atlas.
Berlin, New York: Walter de Gruyter.
Hoffmann, S.O. & Hochapfel, G. (1999) Neurosenlehre, psychotherapeutische
und psychosomatische Medizin. Stuttgart: Schattauer.
Jaeggi, E. (1995/1997) Zu heilen die zerstoßenen Herzen. Die Hauptrichtungen der
Psychotherapie und ihre Menschenbilder. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Kluge, N. (1978) Einführung in die Sexualpädagogik. Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Kohut (1976) Narzißmus. Frankf./M: Suhrkamp.
Mergen, A. (1964) Sexualforschung, Bd. 1 und Bd. 2, Hamburg: Verlag für
Kulturforschung.
12
Meyer, H. (1994) Sexualität und Bindung. Weinhein: Beltz, Psychologie Verlags
Union.
Michael, Th. , von Moers, A. und Strehl, A.E. (1998) Spina bifida.
Interdisziplinäre Diagnostik, Therapie und Beratung. Berlin: de Gruyter
Richter, R. (1998) Behinderung und Sexualität: medizinische und psychosoziale
Aspekte. In: Michael, Th. et al. (Hrsg), S. 413- 420.
Müller Hohagen , J. (1987) Psychotherapie mit behinderten Kindern. München:
Kösel Verlag
Walter, J. (1999) Grundrecht auf Sexualität? In: BZGA (Hg) Forschung und
Praxis der Sexualaufklärung, Bd. 16, S. 32-35.
Weininger, Otto (1903) Geschlecht und Charakter.
Weinwurm-Krause, E.-M. (1990) Soziale Integration und sexuelle Entwicklung
Körperbehinderter. Heidelberg: HVA/Edition Schindele.
Wunnenberg, H. (1998) Ausgewählte Probleme der psychischen Entwiclung bei
Kindern und Jugendlichen mit Spina bifida. In: Michael, Th. et al (Hrsg), S. 371378.
Zimbardo, Ph.G. (1992) 5. Aufl. Psychologie. Berlin, Heidelberg, New York:
Springer Verlag.
13
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
11
Dateigröße
66 KB
Tags
1/--Seiten
melden