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Medienamateure: Wie verändern Laien unsere visuelle Kultur?

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Vorträge im Rahmen der Tagung
Medienamateure: Wie verändern Laien unsere visuelle Kultur?
Internationale und interdisziplinäre Tagung der Universität Siegen
Prof. Dr. Susanne Regener, 5.-7. Juni 2008
Alle Rechte liegen bei den Autorinnen und Autoren.
Bei Verwendung bitte folgenden Quellennachweis angeben:
„Vortrag im Rahmen der Tagung ›Medienamateure. Wie verändern Laien unsere visuelle Kultur?‹“
Universität Siegen 5.-7.6.2008, in: www.medienamateure.de
Winfried Gerling: Aus einer vergangenen Zukunft
Vortrag|06.06.2008
| D i e F a s s u n g d i e s e s Te x t e s e n t s p r i c h t d e r g e s p r o c h e n e n V o r t r a g s f a s s u n g u n d
ist nur unwesentlich
überarbeitet. Daher ein vollständiger Verzicht auf
Fußnoten.
Darüber
hinaus
sind,
dem
Medium
geschuldet,
vorgeführte
Filmsequenzen durch Screenshots ersetzt worden.|
Aus einer vergangenen Zukunft
Der Einsame der Zeit - ein Filmprojekt von
H.J. Thunack
[ F i l m a u s s c h n i t t : Tr a i l e r ]
Zu Beginn meines Vortrags möchte ich kurz berichten,
wie ich zu der Bekanntschaft mit H.J. Thunack und
dem Filmprojekt gekommen bin:
Im Rahmen des Filmfestivals “08/16 erste Filmtage
Havelland”, das unter dem Motto „Der Amateur“
stand, habe ich im Jahr 2005 den Programmpunkt
Remakes konzipiert und moderiert. In diesem Zusammenhang wurden etliche Fanfilme der Starwars Saga
gezeigt, einige ernst gemeinte Remakes, unter anderem von „Lola Rennt“, der als „Courir Mourir“ von
Ti m F e h l b a u m a l s S c h ü l e r p r o j e k t r e a l i s i e r t w u r d e .
Ferner das sehr interessante Langzeit-Remake [20022008] von Waterworld durch Peter Haury und Jens
Hermann in “DeinKlub” auf 12 qm Fläche. Es wurde
darüber hinaus das Amateurfilmprojekt „Die Erinnerungen des Grenadiers Rousseau“ des Hannoveraners
Wolfgang Krone gezeigt, über den Bart van Esch den
bekannten und mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm „Für kurze Zeit Napoleon“ gemacht hat, und
nicht zuletzt das unvollendete Perry Rhodan Projekt
„Der Einsame der Zeit“ von Hans Joachim Thunack.
Nun ist dieser Film im eigentlichen Sinn kein Remake, zumal es zu Beginn der Dreharbeiten noch keine
Perry Rhodan Verfilmung gab, aber mich interessierte
in erster Linie der Gestus, der in diesem Projekt
steckt. Da ist jemand, der mit dem Anspruch des
großen Spielfilms an die Produktion eines Amateurfilms geht und so eben den Gestus eines Profi-Regisseurs nachahmt. [Im Übrigen gibt es etliche bekannte
Regisseure, die genau so angefangen haben: Wie z.B.
M. Night Shyamalan, der als Jugendlicher einen
Indiana Jones Kurzfilm gedreht hat.]
Bevor wir uns aber weiter gemeinsam „aktuelle“ Ausschnitte aus dem Film „Der Einsame der Zeit“ ansehen, möchte ich einige Anmerkungen zu der Produktion machen.
Das Werk von Herrn Thunack und seinen Mitstreitern,
man sollte vielleicht eher von einem Prozess als von
einem Werk sprechen, wird mich grundsätzlich in drei
Richtungen interessieren: Ich möchte diese Richtungen in meinem Vortrag keineswegs vollständig diskutieren, sondern eher eine Anregung oder Anleitung zu
einem anderen Lesen des [später] gezeigten Materials
geben. Ich werde aus diesem Beispiel keine Theorie
zum Amateurfilm ableiten, sondern möchte das Gezeigte und Besprochene eher als Diskussionsbeitrag
zum Phänomen des Amateurs verstehen.
Winfried Gerling: Aus einer vergangenen Zukunft
Vortrag|06.06.2008|Medienamateure|Siegen
Der Einsame der Zeit |
H.J. Thunack |
Screenshot: Trailer
Indiana Jones Remake |
M.Night Shyamalan | ca. 1986
1
Mich interessieren die Meta-Geschichten, die an diesem Material wahrnehmbar werden und die neben der
formal inhaltlichen Betrachtung des Filmes liegen.
Zum einen: Die Mediengeschichte, die sich in diesem
Filmprojekt widerspiegelt.
Zum zweiten: Wie Arbeit im Amateurfilmbereich in
einem positiven Sinn völlig unökonomisch sein kann.
Zum dritten: Wie ein solches Amateurfilmprojekt das
Leben der Mitwirkenden bestimmen kann und umgekehrt.
Einen weiteren Aspekt, der untersuchenswert erscheint, möchte ich heute Abend vollständig ausklammern: Den Stoff des Films. Ein Stoff, der zur Zeit des
Kalten Krieges geschrieben wurde, der eine im wesentlichen männlich dominierte, weiße, westlich orientierte Vorstellung einer robotisierten Zukunft proklamiert und das aus der Perspektive eines Mensch
gewordenen Aliens erzählt. Darüber hinaus wird die
erste Frau, die im Roman auftaucht, sofort mit dem
Adjektiv „hysterisch“ beschrieben. Das ist die an sich
historisch gewordene Vorstellung einer Zukunft.
Eine befriedigende Untersuchung dieses Aspekts könnte aus meiner Sicht auch erst nach der Fertigstellung des Filmes angegangen werden, da sie im Moment
episodenhaft bleiben müsste. Ich verzichte deshalb
auch auf eine Beschreibung der Story des Films.
Bevor ich aber jetzt auf die einzelnen Meta-Aspekte
der Produktion eingehe, möchte ich kurz die Geschichte der Entstehung des Films beschreiben:
Vor nunmehr 44 Jahren, im Jahr 1964 - damals sollte
e s n o c h e i n e s i e b e n t e i l i g e S e r i e m i t d e m Ti t e l " D i e
Antis" werden - begann Hans Joachim Thunack mit den
ersten Arbeiten zu seinen Film. Er beabsichtigte die
werkgetreue Verfilmung eines Groschen-ScienceFiction-Romans von Karl Herbert Scheer.
1969 [hier war H.J. Thunack 20 Jahre alt!] wurde der
F i l m „ D e r E i n s a m e d e r Z e i t „ u n d d e r z w e i t e Te i l m i t
d e m Ti t e l „ D e r Z w e i k a m p f „ i n e i n e r W e r k s t a t t f a s s u n g
im Beisein von Karl Herbert Scheer auf der dritten
Perry Rhodan Con [Convention] in Berlin gezeigt.
Diese Fassung lief ca. vier Stunden, war aber nicht
fertig gestellt. Es handelte sich eher um einen Rohs c h n i t t , u n d a u c h d e r To n f e h l t e z u m Te i l .
Das Werkgetreue oder vielleicht sogar Zeilengetreue
ist typisch für das Streben/Arbeiten eines Amateurs
und Fans. Besser machen, echter und genauer sein im
Sinne der Vorlage als es die Profis vermeintlich sein
können oder wollen. Außerdem auch Erster sein.
Dieses Erster sein hat sich inzwischen etwas relativiert, da die Arbeiten am Film andauern und andere
mittlerweile einen Spielfilm produziert haben [Mission
Stardust / Perry Rhodan - SOS aus dem Weltall [Primo
Zeglio 1967, Westdeutschland]. Dieser Film wird aber
Winfried Gerling: Aus einer vergangenen Zukunft
Vortrag|06.06.2008|Medienamateure|Siegen
Perry Rhodan Cover Nr. 50
2
kaum als gültige Verfilmung des Stoffs angesehen und
fand gerade bei Perry-Fans keine positive Resonanz.
Bernd Eichinger bemühte sich einige Zeit um die
Filmrechte an Perry Rhodan, hat dieses Ansinnen aber
inzwischen offensichtlich eingestellt. Es halten sich
immer wieder Gerüchte um neue Produktionen, so hat
zum Beispiel die Produktionsfirma CasaScania einen
Fernseh-Dreiteiler angekündigt und schon 2002 erste
Visualisierungen mit der Akademie in Ludwigsburg
produziert, aber auch das Projekt scheint nicht recht
voran zu kommen.
Screenshots |
http://www.casascania.de
Aber zurück zur eigentlichen Geschichte: Vor über 40
Jahren begann H.J. Thunack also mit einem ausgearbeiteten Drehbuch in der Hand die Arbeiten an dem
Projekt. Mitstreiter mussten gewonnen werden, die
z u m Te i l b i s h e u t e n o c h a n d e m F i l m m i t w i r k e n - i m
Laufe der Produktionszeit sind es mehr als 200 Personen geworden. Ein Profi-Musiker -Richard Rossbachwurde motiviert, der bis heute am Soundtrack des
Filmes mitarbeitet und der auch für den Perry-Song
„ L o n e l y i n Ti m e “ v e r a n t w o r t l i c h i s t . [ H i e r z u w u r d e
auch schon ein Musikvideo gedreht. Überhaupt ist
beachtenswert, dass vor Fertigstellung des Films viele
Produkte um den Film herum fertig gestellt sind:
M u s i k v i d e o , Tr a i l e r, M a k i n g o f . . . . ]
Das Drehbuch wurde um ein Vielfaches länger als die
Romanvorlage, da auch am Rande erwähnte Handlungen ausgearbeitet wurden, um die komplexen Hintergründe zu zeigen, die erst durch die Lektüre weiterer
Perry Romane erklärbar waren. Die geschätzte Laufzeit
des fertigen Films nach dem ursprünglichen Drehbuch
dürfte bei ca. 180 min liegen, und das bei einer
Romanvorlage die ca. 70 Seiten lang ist.
Es wurde mit einer Bolex - Kamera auf Normal 8
gedreht. Diese Kamera war am oberen Ende der qualitativen Skala von Amateurfilmkameras. Es gab Wechselobjektive und auch einen schnellen Gang für
Zeitlupenaufnahmen. Ferner war die Kamera für Dopp e l b e l i c h t u n g e n g e e i g n e t . D e r To n s o l l t e s p ä t e r d a z u
produziert werden. Die Innenaufnahmen fanden zu
g r o ß e n Te i l e n i n W o h n u n g e n b z w. i n e i n e m g e m i e t e t e n
Raum statt, der allerdings nie die Möglichkeit des
gleichzeitigen Aufbaus verschiedener Kulissen oder
Winfried Gerling: Aus einer vergangenen Zukunft
Vortrag|06.06.2008|Medienamateure|Siegen
3
Modelle erlaubte. Schon aus diesem Grund verzögerten sich die
Dreharbeiten. Sieht man einmal
von den Außenaufnahmen ab,
konnte wegen der begrenzten
räumlichen Möglichkeiten immer
nur in einem Set gearbeitet werden und erst wenn alle Szenen in
einem Set befriedigend abgedreht
waren, konnte eine neue Kulisse
oder ein neues Modell aufgebaut
werden. Oft wurde wegen der anderweitigen Berufstätigkeit der
Filmschaffenden nur am Wochenende gearbeitet. An dem Modell
d e r S t a d t „ Te r r a n i a C i t y “ w u r d e
so in den Jahren 1985-1986 z.B.
fast zwei Jahre gearbeitet, bevor
es möglich war, darin zu drehen.
Viele fiktive Bauten der Stadt sind umfunktionierte
A l l t a g s g e g e n s t ä n d e u n d F u n d s t ü c k e , v o m Te i l e i n e r
Waschmaschine bis zur Kaffeedose...
In diesem Modell gab es aber auch den exakten Nachbau der Berliner Philharmonie [Hans Scharoun, 1960],
da einige Außenaufnahmen vor dem Bau ge-macht wurden.
Exkurs 1: Wie gerade erst jüngst auch in AEON Flux
[Regie: Karyn Kusama, 2005] zu sehen, eignen sich in
besonderer Weise solitäre Bauten aus den Zeiten des
Wirtschaftswunders für die Visualisierung von zukünftiger Architektur im Science-Fiction Genre. In diesem
Film wird unter vielen anderen Locations in Potsdam
und Berlin die Kongresshalle [heute Haus der Kulturen der Welt; Hugh Stubbins, 1956-57] zu einer ikonischen Überwachungszentrale.
Weitere Außenaufnahmen vom „Einsamen“ wurden in
B e r l i n a m Te u f e l s b e r g [ P l a n e t : H e l l g a t e ] , i m W a s s e r w e r k Z e h l e n d o r f , a m F l u g h a f e n Te m p e l h o f , a b e r a u c h
an diversen Orten außerhalb Deutschlands gemacht,
die Urlaubs-Reiseziele der Beteiligten waren, wie
Spanien, Griechenland, London und New York. Aktuell
(2008) kamen noch einige Aufnahmen vom Potsdamer
Platz hinzu, die von der Philharmonie aus gedreht
wurden.
Vorbilder für das Set-Design des Films fand man im
frühen russischen Science-Fiction Film „Planet der
Stürme“, 1962 von Pavel Klushantsev oder in „Der
schweigende Stern“, 1960 von Kurt Maetzig, dem
ersten DDR[-Polnischen] Science-Fiction Film.
Das Science-Fiction Genre war in dieser Zeit im europäischen Film noch wenig bespielt. Amerikanische
Produktionen wie die B-Movies von Jack Arnold,
„Alarm im Weltall“ [Forbidden Planet], 1956 von Fred
Winfried Gerling: Aus einer vergangenen Zukunft
Vortrag|06.06.2008|Medienamateure|Siegen
Der Einsame der Zeit |
H.J. Thunack |
Fotos vom Set
4
M. Wilcox und „Robinson Crusoe
on Mars“, 1964 von Byron Haskin
erweiterten die stilbildenden
Referenzprojekte.
Allerdings sollte an dieser Stelle
auch erwähnt werden, dass zu
Beginn der Dreharbeiten sowohl
„Raumpatrouille Orion“, 1965/66
von Michael Braun und Theo Mezger noch nicht in Sicht war als
auch die Star Wars Saga, 1977
von George Lucas noch in weiter
Ferne lag. Wesentlich für die
Gestaltung der Kostüme und des
S e t s w a r e n a b e r a u c h d i e Ti t e l bilder der Perry Rhodan Hefte,
die von Beginn an bis Folge 1799
[mit zwei Ausnahmen] Johnny
Bruck zeichnete.
Als ein weiteres wichtiges Vorbild muss hier noch auf
die James Bond Reihe verwiesen werden. Die ersten
Filme [die Reihe begann 1962 mit Dr. No] wurden von
H . J . - T h u n a c k i n t e n s i v s t a u f i h r e S c h n i t t - , Tr i c k t e c h nik und Special - Effects untersucht und vieles
schaute er sich dort ab. Vor allem von Cutter Peter
Hunt, den H.J. Thunack auch persönlich kennenl e r n t e . A l l e i n e i n V e r g l e i c h d e r Tr i c k a u f n a h m e n m i t
diesen Filmen würde sicherlich sehr aufschlussreich
sein.
Der Einsame der Zeit |
H.J. Thunack |
Foto vom Set
Ü b e r h a u p t w ä r e d e r Tr i c k b z w. d i e S p e c i a l - E f f e c t s
im Film einen Exkurs wert: Wasserpistolen mit Milch
gefüllt als Strahlenpistolen, Vorsatzmodelle, bemaltes
Glas vor der Linse, Doppelbelichtungen mit vorgesetzten Pappmasken, Zeitlupen und eigentlich alles, was
man sich aus dem professionellen Filmschaffen abgucken konnte.
1. Mediengeschichte/n
[Filmausschnitt: Im U-Boot]
Aber ich möchte hier jetzt nicht den Film aus der
Sicht der Special-Effects beschreiben. Mich interessiert eher, wie bereits eingangs angedeutet, das
Verhältnis des Films zu seinem Entstehungszeitraum:
Eine Produktion, die sich im Laufe ihres Werdens
mehrfach technisch selbst überholt hat. Wenn ich
e b e n v o n d e n Tr i c k a u f n a h m e n g e s p r o c h e n h a b e , h a b e
i c h z . B . d a s T h e m a To n g e s t a l t u n g v ö l l i g v e r n a c h l ä s s i g t . D e r To n w u r d e i n e r s t e n V e r s u c h e n , d i e l e i d e r
nicht mehr erhalten sind, auf einem Zweibandlaufw e r k , d a s To n u n d B i l d m i t t e l s g l e i c h e r P e r f o r a t i o n
synchronisieren konnte, nachträglich aufgenommen.
M a n g e l s b e s s e r e r Te c h n i k m u s s t e n f ü r d i e G e r ä u s c h e
u n d d i e M u s i k g l e i c h z e i t i g e t l i c h e To n b ä n d e r a b g e spielt werden und die Sprecher dazu agieren. Klappte
die Aufnahme nicht, musste alles manuell noch einmal
gemacht werden. So kommen auch viele der Laufspuren auf dem Film zustande, da die Szenen etliche
Winfried Gerling: Aus einer vergangenen Zukunft
Vortrag|06.06.2008|Medienamateure|Siegen
Forbidden Planet |
F.M. Wilcox | 1956
Filmplakat MGM
5
Male zurückgespult und wiederholt werden mussten,
bis eine Aufnahme fehlerfrei zustande gekommen war.
Die Geräte waren damals auch nur avancierte Amateurfilmtechnik und gingen im Lauf der Produktionsjahre
kaputt.
Und hier sind wir an einem wesentlichen Punkt: Der
Film könnte ohne die Erfindung des Home-Computers
[diesen Begriff verwende ich hier mit vollem Vorsatz]
wahrscheinlich nie fertig produziert werden. Die Synchronisation, das Unterlegen der eigens komponierten
M u s i k , a b e r a u c h v i e l e d e r Tr i c k s z e n e n k ö n n e n i m
Grunde technisch erst jetzt so verwirklicht werden,
wie sie anfangs geplant waren, und das Interessante
ist, dass das jetzt wieder auf dem Amateurniveau
passiert.
Der Film wird digitalisiert und so zur Bearbeitung im
Computer überführt. Verwendet wird jetzt ein Videoschnittprogramm von Magix - [um genau zu sein:
Magix Video Deluxe in verschiedenen Versionen], das
eben auch ein Amateurprogramm ist - um den Film zu
schneiden und die fehlenden Montagen und einige SFX
digital zu erarbeiten. [Eine Vorgehensweise, die von
George Lucas erprobt wurde, der mit der digitalen
Überarbeitung der ersten StarWars-Episoden seiner
ursprünglichen Vision des Filmes erst gerecht werden
konnte. Eine Argumentation, der auch H.J. Thunack
folgt.] Ebenso wird erst jetzt das nachträgliche Synchronisieren des Materials möglich.
Der Einsame der Zeit |
H.J. Thunack |
Screenshot: Im U-Boot
Im Computer wird der Film aktuell sogar digital restauriert, bevor er jemals gezeigt wurde: Laufspuren
werden entfernt, der Bildstand wird korrigiert etc.
So entwickelt der Film neben seiner Schmalfilmästhetik durch Montage und Compositing am Rechner
zunehmend auch eine eigentümliche digitale Ästhetik.
Hinzu kommt, dass seit kurzem ein österreichischer
3d Animationsspezialist [Amateur] einige fehlende
Szenen komplett mittels Computeranimation entwickelt, die das hybride Erscheinungsbild des Films noch
einmal befördert.
[ I m m e r w i e d e r, w e n n i c h n e u e Te i l e d e s F i l m s s e h e ,
bin ich “schockiert”, wie selbstverständlich diese
hybride ästhetische Entwicklung des Projekts voranschreitet und aus Sicht eines „FilmProfis“ sicherlich
kaum er-träglich ist, genau hier aber wird der Widerstand des Autors deutlich. Einerseits wirklich kritischer Beobachter des aktuellen Filmschaffens, andererseits aber ein Beharren auf einer pragmatischen Entwicklungslogik, die eher am Prozess orientiert ist als
an einer Vorstellung vom fertigen Produkt.]
Exkurs 2
Ein ähnliches ästhetisches Phänomen ist auch in der
Entwicklung der Covergestaltung der Perry Rhodan
Hefte zu beobachten. Ursprünglich ein malerisch grafisches Cover - typisch für Groschenhefte der 60er
Jahre, wie z.B. auch bei John Sinclair - der Geister-
Winfried Gerling: Aus einer vergangenen Zukunft
Vortrag|06.06.2008|Medienamateure|Siegen
6
jäger.
Auf den Covers von Perry Rhodan sieht man einen typischen Schriftzug der frühen sechziger Jahre, der den
Ti t e l d e s H e f t e s v e r k ü n d e t u n d e i n B i l d , w e l c h e s ü b e r
Jahrzehnte immer von dem oben schon erwähnten
Zeichner Johnny Bruck gestaltet wurde [siehe Abb.
Seite 2]
Heute ist das Cover immer noch ein handwerklich malerisch grafisches Cover, das aber durch digitale Bildmontage und ein dreidimensional anmutendes Schriftfeld seine ursprüngliche 60er Jahre Ästhetik zu einem
merkwürdigen Zwitter aus einer historisch anmutenden
Gestaltung und ungeschickter Modernisierungsversuche werden lässt.
Schaut man sich nun die so entstandene Arbeitsfassung an, sieht man auch in die Geschichte des Amateurfilms, der spätestens seit der Erfindung des digitalen Videos und des Videobloggings einem starken
Wandel unterliegt. Siehe youtube, myvideo, googlevideo, etc.
Im Übrigen sind es genau diese Medien, die H.J.
Thunack heute helfen, sein Publikum zu erreichen,
a b e r a u c h n e u e M i t s t r e i t e r z u g e w i n n e n . D e r Tr a i l e r
wird bei youtube und in verschiedenen Foren diskutiert, neue Sprecher und auch der 3d Animateur wurden durch verschiedene Webseiten auf den Film
aufmerksam und boten ihre Hilfe an.
Die jetzt vorliegende Fassung des Films dokumentiert
a u f e i n d r i n g l i c h e W e i s e d i e Te c h n i k - u n d M e d i e n g e schichte des Amateurfilms. Diese Geschichte ist eine
der Metaerzählungen, die in diesem Projekt sichtbar
wird. Auf dieser Ebene scheint mir dieser Film auch
ein Ausnahme- und Extremfall in der Filmgeschichte...
Perry Rhodan Cover Nr. 1622
Pabel-Moewig Verlag, Rastatt
2. Zu den ökonomischen Aspekten des Films:
Immaterielle Ökonomie, Arbeit ohne Geld
[ F i l m a u s s c h n i t t : Te r r a n i a C i t y ]
Eine weitere Metaerzählung, die sich in diesem Projekt in besonderer Weise manifestiert, ist die der
Arbeit, des Aufwands und nicht zuletzt auch des Geldes. Finanziert wurde bis auf kleinere Beträge, [die
in den 60er Jahren durch den Verlag hinzukamen]
ausschließlich aus Eigenmitteln bzw. aus Eigenleistung. Der Film hat bis jetzt gute 40 Jahre gebraucht
und, wie H.J. Thunack sagt, die Mittel eines Eigenheims verbraucht. Weit mehr als 200 Personen haben
ihre Arbeit und Zeit ohne Entgelte investiert, was als
Lohn insgesamt sicher ein Vielfaches dieses Eigenheims ausmachen würde. In diesem Zusammenhang
kann dann kaum von einer wirtschaftlichen Produktionsweise gesprochen werden, aber ist das überhaupt
ein Maßstab für eine derartige Produktion?
Die investierten Mittel generieren sich aus einer
gemeinsamen Vision, die in irgendeiner immateriellen
Form an diesen Film gekoppelt wird. Einer der Beteiligten erwähnt in einem Interview, dass ihn sein Job
Winfried Gerling: Aus einer vergangenen Zukunft
Vortrag|06.06.2008|Medienamateure|Siegen
Perry Rhodan Cover Nr. 2300
Pabel-Moewig Verlag, Rastatt
7
nicht erfüllt, dass er aber in dem Projekt endlich einmal ein Ergebnis dessen sieht, was er tut.
Hier wird jahrelang in Opposition zu einer [spät]kapitalistischen Gesellschaft - völlig unwirtschaftlich an einem Projekt gearbeitet, das als einziges Ziel den
nichtkommerziellen Fanmarkt hat: Die Science-Fiction
und Perry-Rhodan Cons.
Im Gegensatz zu George Lucas und Steven Spielberg,
die ihre Fans durch Rechtsfreigaben des Filmmaterials
für die Star Wars und Indiana Jones Reihe unterstützen, solange die Produktionen nicht kommerziell
betrieben werden, unterstützt der Verlag der Perry
Rhodan Serie den Film nicht mehr. Die Unterstützung
von Lucas/Spielberg ist allerdings nicht als selbstlos
zu bezeichnen, da es ihnen natürlich in erster Linie
um Promotion für ihre Filme geht.
Da Rechtsfragen stets im Ungefähren blieben, war und
ist an eine finanzielle Auswertung des Projektes auch
kaum zu denken.
Wie kommt es also, dass in ein solches Projekt soviel
investiert wird? Es ist die Begeisterung/Emphase für
eine Sache, die diese eigentümlich unwirtschaftliche
Dynamik erzeugt. Auch dies ist ein typisches Motiv
des Amateurs. Er stellt sich damit völlig außerhalb
wirtschaftlicher Verwertungsketten, außerhalb jeglicher Art kommerzieller Erfolgsversprechen und unterscheidet sich hier auch deutlich von dem oft rein
konsumistisch orientierten Fan, der durch sein Kaufverhalten die globalen Finanzströme am Laufen hält.
Ein Amateurfilmer wie H.J. Thunack gehört damit
wahrscheinlich [schon immer] zu einer postkapitalistischen Avantgarde, die sich in einer neuen Art von
immaterieller Ökonomie ausdrückt. Geld spielt in
diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle...
Hier drückt sich eine mehr oder weniger unbewusste
Dissidenz aus, eine produktive Fluchtbewegung aus
durchökonomisierten Lebenswelten.
Von heute aus betrachtet ist dieser Punkt etwas, das
dieses Filmprojekt so besonders erscheinen lässt.
Begonnen in den Nachwehen des westdeutschen Wirtschaftswunders und im spätkapitalistischen informalisierten „Neuen Deutschland“ immer noch nicht beendet.
3. Leben
Der Einsame der Zeit |
H.J. Thunack |
Screenshot: Terrania City
Der Einsame der Zeit |
H.J. Thunack |
Screenshot: Planet Hellgate
[Filmausschnitt: Bibliothek]
Das Leben des Amateur-Filmemachers bzw. der Beteiligten ist die dritte Metaerzählung, die in diesem
Film sichtbar bzw. erfahrbar wird. Diese Leben werden, anders als in professionellen
Spielfilmproduktionen, in das Geschehen involviert.
Ein weiteres sehr offensichtliches Beispiel für dieses
Phänomen ist z.B. das Indiana-Jones Remake von Eric
Zala [Raiders of the Lost Ark - Jäger des verlorenen
Schatzes 1981-1988], das von seinen Betreibern im
Alter von ca. 12 Jahren 1981 begonnen wurde und
e r s t i n d e n s p ä t e n Te e n - a g e r j a h r e n b e e n d e t w e r d e n
Winfried Gerling: Aus einer vergangenen Zukunft
Vortrag|06.06.2008|Medienamateure|Siegen
Raiders of the Lost Ark |
Eric Zala | 1981-1988
Promofoto: ROLLING BOULDER FILMS, LLC
8
konnte. So altert Indiana Jones im Laufe des Films
um gute 7 Jahre, er und seine Freunde wachsen im
Schnitt 20 cm während der Produktionszeit.
Natürlich können vereinzelt ähnliche Beispiele auch
im professionellen Filmschaffen beobachtet werden,
sie sind aber äußerst selten. Im Amateur-Spielfilm
spielt der Faktor Zeit einfach eine sehr viel größere
Rolle, da sich aus lebenstechnischen und ökonomischen Gründen die Produktionszeit oft lange hinziehen muss. Das betrifft einerseits die Finanzierung
des Films und anderseits die professionellen Beschäftigungsverhältnisse der Beteiligten. Im Falle des
„Einsamen der Zeit“ finden wir dieses Phänomen
gepaart mit einer sehr schwierigen technischen
Genese des Films.
Darüber hinaus ist ein solcher Film von Gelegenheiten
und Zufällen, die mit den Betreibern des Projekts verbunden sind, bestimmt. Beziehungen werden geknüpft
und zerbrechen an den Arbeiten, Familie und Freunde
werden in das Projekt involviert und wenn es „nur“
um das Nähen von Kostümen geht. Urlaubsreisen werden genutzt, um Außenaufnahmen zu machen. Die letzten Außenaufnahmen entstanden im Jahr 2007 und
2008 auf Urlaubsreisen nach Griechenland und Portugal, weil es bisher an dem passenden Fischerdorfmotiv
bzw. dem Motiv einer südeuropäischen Stadt fehlte
[im Übrigen wurden diese Aufnahmen mit DV gedreht].
Das wäre zwar sicherlich keine zwingende Notwendigkeit für den Film, aber es hat sich eben gut gefügt.
Das Projekt begleitet bzw. durchdringt das Leben und
umgekehrt.
Es kann kaum von einer echten Planung im Sinne einer zeitlichen Ökonomie gesprochen werden. Planung
erfolgt punktuell, teilweise gerichtet und geordnet
und natürlich anhand eines Masterplans, der Drehbuch
heißt. Häufig ist die Arbeit dann aber durch Zufälle
gesteuert. Aus diesem Grund scheitern derartige Projekte auch oftmals. Es gibt kein definiertes Ziel,
außer, dass der Film irgendwann fertig werden soll.
Hier scheint mir daher auch eher der Prozess im Zentrum zu stehen als das Werk, möglicherweise handelt
es sich im Sinne eines Roger Callois sogar um ein
groß angelegtes Spiel, das der Amateur spielt. [Das
aber wäre ein anderer Vortrag...]
Der Einsame der Zeit |
H.J. Thunack |
Screenshot: Karl Herbert Scheer Center
alias Sony Center
Im vorliegenden Fall aber ist das Projekt nicht gescheitert. Es wächst langsam zu einem monumentalen
Zeugnis einer längst historisch gewordenen Zukunfts v i s i o n . [Filmausschnitt: Sony Center]
Links zum Projekt:
http://www.zeusfilm.org/
http://www.youtube.com/user/Thunack
Winfried Gerling: Aus einer vergangenen Zukunft
Vortrag|06.06.2008|Medienamateure|Siegen
9
Dank an die Organisatorinnen dieser sehr informativen
Ta g u n g f ü r d i e E i n l a d u n g u n d d i e G e l e g e n h e i t , d i e s e s
außergewöhnliche Filmprojekt vorzustellen.
Dank auch an Hans Joachim Thunack für die aufschlussreichen Gespräche zur Produktion des Films
und das zur Verfügung gestellte Material.
Der Einsame der Zeit |
H.J. Thunack |
Foto vom Set
Winfried Gerling: Aus einer vergangenen Zukunft
Vortrag|06.06.2008|Medienamateure|Siegen
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