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Krisenbewältigung in Griechenland Wie reagieren die Menschen

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Georg-Simon-Ohm Hochschule Nürnberg
Fakultät Sozialwissenschaften
Krisenbewältigung in Griechenland
Wie reagieren die Menschen auf die
Herausforderungen
Bachelorarbeit zur Erlangung des akademischen Grades
»Bachelor of Arts (B.A.)« in sozialer Arbeit
Verfasser: Nicolas Hammer
Matrikelnummer: 2093169
Betreuer: Horst Unbehaun
Abgabedatum: 02.03.2013
Georg-Simon-Ohm Hochschule Nürnberg
-
Fakultät Sozialwissenschaften
Thema der Bachelorarbeit: Krisenbewältigung in Griechenland - Wie reagieren die
Menschen auf die Herausforderungen
Verfasser :
Nicolas Hammer
Abstract
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Situation der Menschen, im Kontext der
Wirtschaftskrise,
in
Griechenland.
Es
wird
der
Frage
nachgegangen
welche
Handlungsansätze und Strategien Individuen, Gruppen, staatliche und kirchliche Akteure
sowie Nichtregierungsorganisationen, als auch politische Strömungen wählen, um den
aus der Krise resultierenden Problemen zu begegnen. Ziel ist es zu klären, wie sich die
einzelnen Maßnahmen der Akteure auf das Leben der Betroffenen auswirken.
Die Fragestellung wird auf Grundlage von aktueller Fachliteratur sowie anderen aktuellen
Publikationen, Interviews und Gesprächsnotizen diskutiert.
Im Ergebnis wird deutlich, dass es eine Vielfalt von Ansätzen gibt den Folgen der Krise zu
begegnen; von individuellen Schritten wie Auswandern, über selbstverwaltete Projekte
der Selbstversorgung, bis hin zur Unterstützung faschistischer Bewegungen, die eine
Bewältigung der Krise versprechen. Dabei wird deutlich, dass die Bewältigungsstrategien
von Betroffenen und anderen Akteuren nebeneinander herlaufen und sich keine
homogene Ausrichtung erkennen lässt.
2
Danksagung:
An dieser Stelle möchte ich mich zunächst bei allen bedanken, die mich während des
Recherche- und Arbeitsprozesses unterstützt und motiviert haben.
Ein besonderer Dank gilt meinem Betreuer Prof. Dr. Horst Unbehaun, der mich in der
Themenwahl bestärkt hat und mich während des gesamten Prozesses bei auftauchenden
Fragen unterstützte.
Ebenfalls möchte ich meinen Eltern für die finanzielle Unterstützung zur Durchführung
der Rechercheaufenthalte in Griechenland und für die Hilfen bei den Korrekturen danken.
Weiter bedanken möchte ich mich, für Übersetzungen, Korrekturen und Kontakten, bei,
Dimitris, Elena, Giorgos, Joachim, Konstanze und Maria sowie bei meinen Gesprächs- und
Interviewpartnern.
3
Es ist der mitteleuropäische Herr,
der alles diskutierbar findet,
nur nicht seinen eigenen Standpunkt.
Der ist ihm so selbstverständlich;
er kommt keinen Augenblick darauf,
daß gerade der zur Debatte steht.
-
Kurt Tucholsky
4
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ............................................................................................................................ 7
2. Hintergründe: Was ist die Krise? .................................................................................. 8
2.1 Die Ausschreitungen des Dezembers 2008 .................................................................. 8
2.2 Ökonomie ....................................................................................................................... 10
2.2.1 Entwicklung der griechischen Wirtschaft ................................................................ 10
2.2.2 Sparprogramme als Lösung ...................................................................................... 13
2.2.3 Strukturelle Probleme, Klientelismus und Schattenwirtschaft ................................. 17
2.2.4 Zusammenfassung .................................................................................................... 19
3. Folgen und Probleme ....................................................................................................... 19
3.1 Arbeitslosigkeit ............................................................................................................. 20
3.1.1 Allgemein ................................................................................................................ 20
3.1.2 Jugendarbeitslosigkeit ..............................................................................................22
3.2 Armutsrisiko und soziale Ausgrenzung ......................................................................23
3.3 Obdachlosigkeit .............................................................................................................27
3.4 Weitere Folgeerscheinungen ....................................................................................... 29
3.5 Zusammenfassung ......................................................................................................... 31
4. Reaktionen .........................................................................................................................32
4.1 Individuelle Handlungen .............................................................................................. 33
4.1.1 Ausweg: Freitod ...................................................................................................... 33
4.1.2 Weitere individuelle Reaktionen ............................................................................. 34
4.2 Selbstorganisation ......................................................................................................... 37
4.2.1 Nahrung .................................................................................................................... 37
4.2.2 Gesundheit ............................................................................................................... 39
4.2.3 Workshops ............................................................................................................... 40
5
4.2.4 Weitere Formen der Selbstorganisation ................................................................... 41
4.2.5 Probleme der Selbstorganisation ............................................................................. 43
4.2.6 Das Erbe des Dezembers 2008 ................................................................................ 43
4.3 Reaktionen staatlicher und kirchlicher Institutionen sowie der NGOs .................. 45
4.3.1 Staatliche Maßnahmen ............................................................................................ 45
4.3.2 Kirche ...................................................................................................................... 48
4.3.3 NGOs ....................................................................................................................... 49
4.4 Proteste und Streiks ..................................................................................................... 50
4.5 Zusammenfassung .........................................................................................................53
5. Neofaschismus: Ein Profiteur der Krise .....................................................................53
5.1 Aufstieg und Akzeptanz ................................................................................................53
5.2 Aktionsformen der Neofaschisten ............................................................................... 56
6. Fazit und Ausblick .......................................................................................................... 60
7. Quellenverzeichnis .......................................................................................................... 64
7.1 Literatur ........................................................................................................................ 64
7.2 Internetquellen ............................................................................................................. 66
7.3 Interviews & Gesprächsnotizen ...................................................................................72
7.4 Abbildungen ................................................................................................................... 73
8. Erklärungen ....................................................................................................................... 74
6
1. Einleitung
Seit nunmehr einigen Jahren steht Griechenland immer wieder in den Schlagzeilen, sei
dies aufgrund von Unruhen, Schulden oder Streiks. Der Tenor der deutschen Leitmedien:
Der faule Grieche! Keine Gelegenheit wurde und wird ausgelassen Verfehlungen an den
Pranger zu stellen. »Griechen zahlen Renten an Tote« (Bild) und »Desaströse Steuermoral
schockt griechische Fahnder« (Die Welt) stehen beispielhaft für viele andere Nachrichten
und sorgten dafür, dass Griechenland, einst stand es in Verbindung mit Sonne und
Urlaub, nun zu einem Synonym für Probleme und Missbrauch deutscher Steuergelder
geworden ist. Die populistische und hauptsächlich ökonomisch basierte Diskussion in
den vergangenen Jahren machte mich skeptisch und so beschloss ich, mir selbst ein Bild
der Situation in Griechenland zu machen.
Die vorliegende Arbeit stellt eine Analyse verschiedener Lebenswelten der griechischen
Bevölkerung dar. Es wird der Frage nachgegangen, welche Probleme und Folgen
Menschen im Kontext der Krise meistern müssen und wie sie diese Problemstellungen
angehen. Dabei werden unter anderem Aspekte der Selbst- und Fremdhilfe betrachtet,
sowie des Profits, den die neofaschistische Bewegung aus der Krise schlägt.
Die Arbeit gliedert sich in einen allgemeinen Teil, der die Entstehung der Krise beschreibt
sowie weiteren Verlauf wichtige Informationen aufbereitet. Folgend werden die
krisenbedingten Folgen dargestellt, um im Hauptteil der Arbeit die Reaktionen
verschiedener Akteure zu beschreiben. Der Schluss der Arbeit setzt sich aus einer
Zusammenfassung
der
Ergebnisse,
deren
kritischen
Diskussion
sowie
den
Schwierigkeiten bei der Entstehung der Arbeit zusammen. Die Arbeit dürfte, durch ihren
chronologischen Aufbau und dem Bezug zwischen Ursache und Wirkung dazu beitragen
die Hintergründe verschiedener Reaktionsweisen verständlich zu machen.
Die Bearbeitung des Themas basiert auf den in Griechenland gewonnenen Erkenntnissen,
belegt durch entsprechende Fachliteratur sowie anderen Publikationen, Interviews und
Gesprächsnotizen.
Auf die Situation der Nichtgriechen kann im Kontext dieser Arbeit nicht gesondert
eingegangen werden, da dies den Rahmen der Arbeit überschreiten würde.
7
2. Hintergründe: Was ist die Krise?
Der Anspruch dieser Arbeit ist nicht die ökonomische Krise, in der sich Griechenland
befindet, zu erklären oder zu analysieren; dennoch sollen zum besseren Verständnis der
derzeitigen Situation, diese und ein weiterer Aspekt dargestellt werden, die
Auswirkungen auf Handeln und Denken der griechischen Bevölkerung haben. Dieser
weitere Aspekt waren die Ausschreitungen im Dezember des Jahres 2008. Das auslösende
Ereignis stellte hierbei Erschießung eines 15jährigen Jungen durch einen Polizisten dar.
2.1 Die Ausschreitungen des Dezembers 2008
Weltweit war im Dezember des Jahres 2008 von den Ausschreitungen in Griechenland zu
lesen, zu hören und zu sehen. Gesprochen wurde von einer »Jugendrevolte« und
ähnlichem. Der Hintergrund der Revolte war die Tötung des 15jährigen Alexandros
Grigoropoulos - weithin als Alexis bekannt. Im Folgenden sollen die Hintergründe der
massiven Ausschreitungen, die nicht nur in Athen stattfanden, beleuchtet und die
Bedeutung des Geschehenen für die derzeitige Situation dargelegt werden.
»The revolt of December 2008 was not just a flare that lit suddenly or momentarily in the
streets. It sprang from existing structures and relations among us and sowed seed that are
still very much alive.«1 Im Gegensatz zum Großteil der damaligen Berichterstattung
sprechen die Autoren dieser Zeilen, von präexistenten Strukturen, z.B. in der linken
Szene, die eine solche Mobilisation erst möglich machten. Dies ist auch durch den relativ
hohen Organisationsgrad nicht verwunderlich und kann somit als eine Erklärung für das
Ausmaß der Ausschreitungen dienen. Durch die große Beteiligung junger Menschen
wurden diese Ausschreitungen »Jugendrevolte« genannt. Besser beschreiben lässt es sich
aber folgend: »The men and women rising up comprised a mixture of politically conscious
individuals, university and high-school students, migrants, unemployed, and precarious
workers who threw their identities into the melting pot of the rioting streets.«2
Wie es zu einer solch extremen Situation kommen konnte ist nicht restlos geklärt und
wird sicher auch in Zukunft unterschiedlich bewertet werden. »The spark was clearly the
murder of 15-year-old Alexis Grigoropoulos, but the underlying causes are more diffuse.
1
2
MAKRYGIANNI/TSAVDAROGLOU: 2011, S.29.
MAKRYGIANNI/TSAVDAROGLOU: 2011, S.29.
8
To summarise, they include the rage due to a sense of impotence, frustration in the face of
dead ends, an aversion to the political and social system, and an indifference towards and
even hatred of the organised bodies of society.«3 Zwar trifft diese Erklärung den Kern des
Problems, doch ist sie nicht ausreichend um das Problem umfassend zu beschreiben, da
diese Revolte sich von denen in Paris, Los Angeles und Buenos Aires unterscheidet.4 »Any
presentation of the 2008 revolt is deemed to be incomplete and weak.«5 Somit ist es im
Rahmen dieser Arbeit unmöglich die Geschehnisse der ersten Dezemberwochen
ausreichend zu beschreiben, doch sollen die daraus hervorgegangenen Initiativen und
Probleme, die bis in die jetzige Situation wirken, kurz beleuchtet werden.
Dabei spiel(t)en öffentliche Treffen seit Dezember 2008 eine größere Rolle. »[...] the
protests, occupations, general meetings lasted for over a month, while the massive violent
confrontations on the street with the police lasted for about two weeks [...].«6 Die
Geschehnisse abseits der Ausschreitungen waren für viele Menschen eine neue Erfahrung.
»In direct communication with [the three occupied universities in the centre], several
local assemblies appeared gradually, linked to occupations of public buildings in some
neighbourhoods.« Diese Lernerfahrungen des sich Zusammenschließens und Besetzens,
um sich Gehör zu verschaffen sowie sich über Handlungsalternativen auszutauschen,
zeigen bis heute Nachwirkungen - auf welche in Kapitel 4 näher eingegangen wird.
Während meiner verschiedenen Aufenthalte, im August, Oktober 2012 und Januar 2013, in
Griechenland und den vielen Gesprächen und Interviews die ich dort geführt habe, ist
immer wieder der Dezember 2008 thematisiert worden. Die Ereignisse von damals sind
auch heute noch präsent; so sorgten die Vorfälle 2008 in Athen für eine wiederauflebende
Polarisierung in der Gesellschaft. Dabei spaltet sie sich in ein nationalistisches und ein
eher progressives Lager. Die Zeit nach der deutschen Besatzung Griechenlands, wurde
geprägt durch einen Bürgerkrieg, der Familien und die Gesellschaft spaltete, gefolgt von
Polizeijunta und Militärdiktatur. Die vergangene Spaltung lässt sich heute erneut, unter
anderem in den Wahlergebnissen des Sommers 2012 sowie in den neueren Umfragen,
beobachten.
3
VOULELIS: 2008, S.1.
Weiterführende Literatur: Revolt and Crisis in Greece, 2011, S.29-57.
5
MAKRYGIANNI/TSAVDAROGLOU: 2011, S.54.
6
KAPLANIS: 2011, S.223.
4
9
2.2 Ökonomie
Im folgenden Teil der Arbeit werden die Entstehung der Krise sowie die Ausrichtung und
Besonderheiten der griechischen Wirtschaft beleuchtet. Ein Augenmerk liegt hierbei auf
den Sparprogrammen der griechischen Regierung, welche die ökonomische Krise zu einer
sozialen machen.
2.2.1 Entwicklung der griechischen Wirtschaft
Der Schuldenkrise in Europa und speziell in Griechenland geht die weltweite Finanzkrise
voraus. Diese lässt sich zwar genau so wenig in Kürze erläutern wie die Schuldenkrise in
Griechenland, oder anderen betroffenen Staaten der Eurozone, dennoch sollen wichtige
Aspekte dieser kurz genannt und die Zusammenhänge bezüglich der derzeitigen
Situation dargestellt werden.
»Die Krise ist eine Geschichte von finanzieller Panik und Raserei, ausgehend von
Spekulationsblasen auf dem Immobiliensektor und Ansteckungseffekten durch stark
miteinander verzahnte Märkte. Das zentrale Geschehen der Krise hat sich inzwischen von
Illiquidität
und
Zahlungsunfähigkeit
im
Bankensystem
hin
zu
potenziellen
Staatsbankrotten (namentlich von Griechenland, Ungarn und Lettland) sowie zum Risiko
weiterer Bankinsolvenzen in Europa verlagert.«7 Wie erwähnt, lässt sich der Ursprung der
derzeitigen Situation in der Finanzkrise, ausgelöst durch Spekulationen im
Immobiliensektor, ansiedeln. Die dabei entstandenen Probleme sollten folglich von
Staaten
mit
sogenannten
Bankenrettungsschirmen
abgefedert werden.
»Durch
Bankenrettungen (bail-outs) enormen Ausmaßes (häufig einschließlich der Übernahme
der Verbindlichkeiten) mit den fiskalischen Effekten massiver Steuerausfälle, kombiniert
mit großen öffentlichen Ausgaben, wurden zahlreiche europäische Staaten in eine äußerst
labile Haushaltssituation gebracht.«8 Diese Zusammenhänge sorgen dafür, dass sich nicht nur - Griechenland in einer äußerst prekären Lage befindet, da aufgenommene
Kredite nicht mehr bedient werden können. Dieser Zustand des Kapitalismus ist weithin
als Schuldenkrise oder Euro-Krise in den Sprachgebrauch eingegangen. Folgend soll
erläutert werden, wie sich diese Schuldenproblematik äußert und warum es sich als
schwer erweist, daran etwas zu ändern.
7
8
DYSON: 2010, S20.
DYSON: 2010, S.22.
10
Die Schuldenkrise in Griechenland ist das Resultat von verschiedenen ökonomischen und
strukturellen Faktoren. Um die Krise in Griechenland zu verstehen, soll ein kurzer Blick
auf
die
wirtschaftlichen
Faktoren
geworfen
werden.
Dazu
zählen
die
Wirtschaftsleistungen und die Besonderheiten der griechischen Wirtschaft.
Um die Wirtschaftsleistung eines Landes beurteilen zu können, muss ein Blick auf das
Bruttoinlandsprodukt (BIP) geworfen werden. »Das Bruttoinlandsprodukt bezeichnet den
Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die im betreffenden Jahr innerhalb der
Landesgrenzen hergestellt wurden und dem Endverbrauch dienen. Es gilt als wichtiger
Indikator für die Wirtschaftskraft eines Landes.«9 Bezüglich Griechenlands ist dabei
festzustellen, dass es einen Anstieg des BIP, zwischen den Jahren 2003 bis 2008, von ca.
150Mrd US-Dollar auf ca. 342,79Mrd US-Dollar gab, infolge der Krise(n) jedoch 2012 bei
geschätzten 255Mrd liegen dürfte.10 Diese Verringerung des BIPs hängt eng mit dem
Wandel auf dem Arbeitsmarkt und dem Anstieg der Arbeitslosigkeit seit Beginn der Krise
zusammen.
Nach dem Blick auf die Veränderungen bei der Wirtschaftsleistung, müssen die Ausgaben
betrachtet werden. Diese geben im Vergleich mit dem BIP Auskunft darüber, wie
wirtschaftlich der Haushalt in einem Land geführt wird. So schreibt Karl Brenke:
»Griechenland hat lange Zeit über seine Verhältnisse gelebt – in dem Sinne, dass mehr
Güter verbraucht als produziert wurden.«11 Aufgrund dieser, beziehungsweise ähnlichen
volkswirtschaftlichen Analysen, werden Maßnahmen getroffen (siehe unten), um
Griechenland als Wirtschaft zu retten. »Wenn mehr Güter konsumiert oder für
Investitionen verwendet als selbst produziert werden, gibt es ein entsprechendes Defizit
im Außenhandel.«12 Um dieses Außenhandelsdefizit auszugleichen, wäre es nötig den
Exportanteil zu erhöhen oder weniger Güter zu importieren. »Zur Exportbasis eines
Landes gehört traditionell die Industrie, in den meisten entwickelten Ländern ist sie deren
weitaus wichtigster Teil. In einer Reihe von Staaten sind auch Rohstoffe wichtig.
Griechenland hat wie viele andere EU-Staaten in dieser Hinsicht aber kaum etwas
9
INTERNETQUELLE: 1.
INTERNETQUELLE: 1.
11
BRENKE: 2012, S.16.
12
BRENKE: 2012, S.16.
10
11
anzubieten.«13 Eine Besonderheit der griechischen Wirtschaft ist: »Im Gegensatz zu vielen
anderen europäischen Volkswirtschaften ist Griechenland stark auf den privaten Konsum
angewiesen. Dieser macht mehr als 70 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.«14 Dies
bedeutet, dass weniger als 30 Prozent des Produzierten (aller drei Sektoren 15)
exportrelevant sind.
Um zu erfahren welche die exportrelevanten Güter der griechischen Wirtschaft sind, wird
im Folgenden auf die Struktur einzelner Wirtschaftszweige eingegangen. »Einen
Anhaltspunkt bietet der Anteil der grundsätzlich zum Exportsektor gehörenden
Wirtschaftszweige an der gesamten Wertschöpfung. Danach spielt das verarbeitende
Gewerbe, also die Industrie einschließlich industrieller Kleinbetriebe, innerhalb der
griechischen Wirtschaft nur eine vergleichsweise geringe Rolle […]. In fast allen anderen
EU-Ländern hat sie eine bedeutendere Position inne. Außerordentlich schwach ist in
Griechenland ebenfalls die Bedeutung der gemeinhin als hochwertig bezeichneten
Dienste wie die EDV, die private Forschung und Entwicklung oder Ingenieurleistungen.«16
Zu den ausgeprägten Zweigen gehört vor allem das Gastgewerbe. Die Bedeutung des
Gastgewerbes in Griechenland lässt Schlüsse auf einen relativ starken Tourismus zu.17
»Wie der Verband Griechischer Touristikunternehmen (SETE) mitteilte, sank der
Prozentsatz des Tourismus am Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 15,2% (2008: 18,5%)[...].«18
Damit bleibt zwar der prozentuale Anteil am BIP des Tourismus einer der höchsten in
Europa, doch trifft dieser Einbruch die griechische Tourismusbranche und somit die
Gesamtwirtschaft hart.
Der Hauptanteil an der griechischen Produktion entfällt auf den unmittelbaren
Verbrauch in Griechenland, wodurch von diesen Gütern wenig für den Export bestimmt
ist. Von der Produktion entfällt ein Drittel auf die Nahrungsmittelindustrie. Dennoch hat
Griechenland in diesem Bereich nach wie vor ein Außenhandelsdefizit, dies gilt auch für
13
BRENKE: 2012, S.18.
MALKOUTZIS: 6/2011, S.3.
15
Anmerkung: 3 Sektoreneiner Wirtschaft: Urproduktion, Verarbeitung und Dienstleistungen. Je nach
Theorie auch mit viertem Sektor - Informationssektor.
16
BRENKE: 2012, S.19.
17
BRENKE: 2012, S.19.
18
INTERNETQUELLE: 2.
14
12
andere Bereiche.19 »Die griechische Schuldenkrise wiederum lässt die global im Gefolge
der Weltwirtschaftskrise rasant zunehmende Staatsverschuldung in ein akutes Stadium
treten. Seit Krisenausbruch lassen [somit] einbrechende Einnahmen und steigende
Ausgaben die Staatsschulden geradezu explodieren.«20
Solche Defizite können nur durch die Aufnahme von Krediten - also Schuldenaufnahme ausgeglichen werden. Dies ist nur dann problemlos möglich, solange Wachstum existiert.
So sorgen Schulden in Zeiten einer wirtschaftlichen, in diesem Fall einer
finanzwirtschaftlichen Krise, für Probleme. »The Baltic economies and Greece were the
most severely affected, with loss of actual individual consumption (in volume terms) of 12
% to 15% between 2008 and 2011. While actual individual consumption started to recover
in the Baltic countries in 2011, the contraction accentuated in Greece, in connection with
the deepening recession and debt crisis, so that the losses between 2008 and 2011 increased
to nearly 15%«.21 Somit sorgt dieser Konsumeinbruch für Einbußen steuerlicher
Einnahmen und folglich für Probleme in der Rückzahlung der aufgenommenen Kredite.
Wie oben dargestellt befindet sich Griechenland seit 2009 in einer Rezession. Dieser
wirtschaftliche Rückgang der Konjunktur hat weitreichende Folgen, wie in Punkt 3
gezeigt wird.
Bezüglich der wirtschaftlichen Struktur entsteht somit der Eindruck, dass es unter den
gegebenen Voraussetzungen schwer sein wird, die Situation gegenwärtig zu verbessern.
Hier müssten tiefgreifende Veränderungen der griechischen Wirtschaft initiiert werden,
die den griechischen Staat und seine Wirtschaft, nach den Vorstellungen tonangebender
Staaten der Europäischen Union, reformieren und stabilisieren könnten. Problematisch
bleibt hierbei, dass Griechenland eine kaum exportorientierte Wirtschaft besitzt und der
Tourismus einen starken Einbruch erlitten hat. Die derzeit praktizierten Lösungsansätze
und tiefgreifenden Veränderungen sollen im Folgenden skizziert werden.
2.2.2 Sparprogramme als Lösung
Seit dem Beginn der Krise in Griechenland suchen Experten aus Politik und Wirtschaft
eine Möglichkeit, dieser Problematik entgegenzutreten. Einer der Hauptakteure ist die
19
BRENKE: 2012, S.20.
INTERNETQUELLE: 3.
21
GERSTBERGER/YANEVA: 2013, S.3.
20
13
sogenannte Troika, ein Expertengremium eingerichtet aus Mitgliedern der Europäischen
Zentralbank, des Internationalen Währungsfonds und Experten der Europäischen
Kommission. Deren Aufgabe ist es die Sparbemühungen Griechenlands zu überprüfen,
um Tranchen aus dem Rettungsschirm zu gewähren. Diese geforderten Sparauflagen
werden von Kritikern auch als Spardoktrin bezeichnet. Dabei stellen sie das Mantra in
Frage, welches verspricht durch Einsparungen, in fast allen denkbaren Bereichen, einen
Schuldenabbau zu erreichen sowie durch die Beschneidung von Arbeitnehmerrechten die
griechische Wirtschaft konkurrenzfähiger zu machen.
Einsparungen im griechischen Staatshaushalt stellen die Voraussetzung für finanzielle
Hilfen aus dem milliardenschweren Rettungsschirm dar. Diese Kürzungen im Haushalt
wurden in den mittlerweile fünf, durch das griechische Parlament verabschiedeten,
Sparprogrammen beschlossen. Der Inhalt der Sparprogramme, soll folgend im
Wesentlichen widergegeben werden.
Das erste Sparpaket wurde im Frühjahr 2010 beschlossen und war der erste Schritt in
Richtung der aktuellen Situation. Die Verkündung der Einschnitte im Haushalt sorgte
dabei für großen Unmut in der Bevölkerung. »Ausgabenkürzungen [betreffen] die
Gehälter von Beschäftigten im öffentlichen Dienst sowie die Renten, nicht aber den
privaten Sektor[...]. Außerdem [wurden] die Mehrwertsteuer von 21 auf 23 Prozent erhöht
und
Kürzungen
bei
den
Verteidigungsausgaben
und
im
Krankenhauswesen
vorgenommen. Die Ausgabenkürzungen sind auf drei Jahre angelegt.«22
Wenige Monate später folgte das zweite Sparpaket. So mussten die Staatsbediensteten auf
acht Prozent ihres Lohnes verzichten, trotz der bereits im März gekürzten sieben Prozent.
Denjenigen unter den Staatsbediensteten, welche monatlich mehr als 3 000 Euro brutto
verdienten, wurde das 13. und 14. Monatsgehalt gestrichen.23 »Die Liste der Einsparungen
hat kein Ende: Zehn Prozent mehr indirekte Steuern für Tabak, Spirituosen und
Treibstoffe. Die dritte Erhöhung seit Jahresbeginn. Auch das Rentenalter soll erheblich
angehoben werden - um wie viel, soll erst noch bekanntgegeben werden. Die bislang
geltende Faustregel - wer 37 Jahre gearbeitet hat, kann mit 58 in Rente gehen - wird nicht
mehr gelten. Die Rede ist von mindestens 40 Jahren Arbeit als Grundvoraussetzung für
22
23
GRIECHISCHE REGIERUNG/PAPANDREOU zitiert nach INTERNETQUELLE: 4.
GRIECHISCHE REGIERUNG/PAPAKONSTANTINOU zitiert nach INTERNETQUELLE: 5.
14
eine Rente.«24 Dabei besteht für viele der Betroffenen die Schwierigkeit dieses
nachzuweisen.25
Knapp ein Jahr später, im Sommer 2011, folgte das dritte Sparprogramm. Dieses »umfasst
unter anderem diese Punkte:

Steuern: Die Vermögensteuer wird angehoben, ebenso wie die Mehrwertsteuer für
verschiedene Bereiche. Zudem wird eine »Solidaritätssteuer« eingeführt,
Steuerbefreiungen sollen wegfallen.

Löhne: Bis 2015 soll die Zahl der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst um 150.000
reduziert werden, die verbleibenden Beamten müssen länger arbeiten.

Sozialleistungen: Die Vermögen von Leistungsbeziehern sollen überprüft und eine
Reihe von Leistungen gekürzt werden.

Verteidigung: Im kommenden Jahr will das Land bei der Rüstung 200 Millionen
Euro sparen, von 2013 bis 2015 sollen es dann jährlich 333 Millionen Euro sein.

Gesundheitssystem: 2011 sollen 310 Millionen Euro und weitere 1,43 Milliarden bis
2015 gekürzt werden - etwa durch eine Absenkung der staatlich festgesetzten Preise
für Medikamente.

Investitionen: In diesem Jahr sollen 700 Millionen Euro weniger fließen, die Hälfte
dieser Summe soll auf Dauer wegfallen.

Privatisierungen: Viele Staatsbetriebe sollen in private Hand wechseln. Unsicher
ist, ob in der derzeitigen Lage angemessene Preise für die Unternehmen erzielen
werden können.«26
Es lässt sich beobachten, dass je länger Griechenland den Sparzwängen der Troika
unterliegt, um die nötigen Hilfsgelder zu erhalten, die ergriffenen Maßnahmen den
Staatshaushalt zu sanieren immer gravierendere Ausmaße annehmen. Dabei dürften die
24
GRICHISCHE REGIERUNG zitiert nach INTERNETQUELLE: 5 & INTERNETQUELLE: 5.
Anmerkung: Der Nachweis erfolgt über Stempel bzw. ähnlichem in ein Rentenbuch. Durch die relativ laxe
Handhabung, die Schließung von Betrieben und bürokratischer Änderungen mit Entstehen der relativ
jungen griechischen Demokratie, ergeben sich dadurch für viele Menschen Hürden.
26
GRIECHISCHER PARLAMENTSBESCHLUSS zitiert nach INTERNETQUELLE: 6.
25
15
größten Einschnitte im vierten Sparpaket zu sehen sein. So wurde in diesem unter
anderem beschlossen, die Renten in 2011 um 10-15 Prozent zu kürzen, um somit eine
Einsparung von 300 Millionen Euro zu erzielen. Weitere Kürzungen im öffentlichen
Bereich gab es bei den Berufsgruppen der Richter, Ärzte und Professoren, mit dem Ziel,
ein weiteres Sparvolumen von 100 Millionen Euro zu erreichen. Um weitere 75 Millionen
Euro zu sparen wurden Zuschüsse für Städte und Gemeinden verringert. Ebenso wurde
die Selbstbeteiligung bei Arzneimitteln für Krankenversicherte erhöht. Weitere
Einschnitte gab es beim gesetzlichen Mindestlohn, der um 22 Prozent gesenkt wurde und
somit mit 586 Euro zu beziffern war. Noch härtere Einschnitte trafen junge abhängig
Beschäftigte unter 25 Jahren, bei denen der Mindestlohn mit 525 Euro festgelegt wurde.
Weitere Abstriche mussten Arbeitslose hinnehmen, die nun statt 461 Euro nur noch 322
Euro im Monat erhalten - erwähnenswert ist, dass Arbeitslosengeld nur ein Jahr gezahlt
wird. Um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken wurden die meisten Lohnzuschüsse
gestrichen. So sollen die Lohnstückkosten um 15 Prozent fallen. 17 sogenannte
geschlossene Berufe, wie z.B. Optiker, wurden geöffnet27.
Ein weiterer Punkt des
Sparpakets ist die sofortige Entlassung von 15.000 Angestellten im öffentlichen Dienst bis 2015 soll sich die Zahl verzehnfachen. Weitere Einsparungen soll es in der
Budgetierung staatlicher Klinikern geben sowie bei Überstunden von Ärzten; dabei soll
ein Sparvolumen von ca. 1.050.000 Euro entstehen. Ebenso wurden Einsparungen im
Verteidigungshaushalt verordnet. Dieser soll zunächst um weitere 100 Millionen Euro
gekürzt werden, sowie bis 2015 in einem Gesamtvolumen von 600 Millionen Euro. Die
jährlichen Ausgaben lagen in diesem Ressort bisher bei etwa 14 Milliarden Euro. 28 »Die
Privatisierung von Staatsbetrieben, darunter des öffentlichen Gasversorgers Depa, der
staatlichen Raffinerie, des Wettanbieters Opap und der Wasserversorgung der Städte
Attika und Thessaloniki, soll bis 2015 rund 15 Milliarden Euro in die Staatskasse bringen.
Allein in diesem Jahr [, 2012,] will die griechische Regierung 4,5 Milliarden Euro
erlösen.«29
27
Anmerkung: Das öffnen geschlossener Berufe bedeutet: ehemals beschränkte Anzahl an Lizenzen zu
erhöhen, bzw. komplett aufzuheben.
28
GRIECHISCHE REGIERUNG zitiert nach INTERNETQUELLE: 7.
29
GRIECHISCHE REGIERUNG zitiert nach INTERNETQUELLE: 7.
16
»Der entsprechende Gesetzesentwurf [für das fünfte Sparpaket] sieht neben
Massenentlassungen und Steuererhöhungen vor allem neue Kürzungen bei Renten und
Gehältern sowie im Gesundheits- und Sozialwesen, außerdem Streichungen von Kinderund Weihnachtsgeld vor.«30
Die seit kurzem positiven Prognosen - seit Ende 2012 und Januar 2013-, bezüglich eines
ausgeglichenen Staatshaushalts Griechenlands bzw. dem Rückgang des griechischen
Handelsdefizits31, sorgen für Optimismus. Seit Jahrzehnten waren die Einnahmen des
Staates unter den Ausgaben.32 Dabei wird oft nicht erwähnt, dass diese Veränderungen
nicht durch ein reales Wachstum ausgeglichen werden, sondern das Ergebnis der
drastischen Einschnitte im Haushalt - somit bei Renten und anderen Sozialleistungen und extremer Verbilligung der Arbeitskraft sind. Somit bleibt fraglich, ob diese als erste
Erfolge gewertet werden können.33 Durch den Einbruch des Konsums ist zu erwarten, dass
auch die konsumbasierte Wirtschaft weiter in sich zusammenfallen wird.
2.2.3 Strukturelle Probleme, Klientelismus und Schattenwirtschaft
Im Folgenden soll ein Abriss darüber gegeben werden, warum sich die Situation in
Griechenland kaum erholt.
Hier sind zum einen die strukturellen Probleme zu erwähnen. »Die Beispiele dafür sind
zahlreich: die Finanzämter sind heillos überfordert, die Stadtplanungsämter gehören zu
den größten Korruptionsherden des Landes, das Justizwesen ist langsam und umständlich
(der höchste Verwaltungsgerichtshof des Landes, der sogenannte Staatsrat, hat einen
Bearbeitungsrückstand von mehr als 30.000 Fällen), öffentliche Krankenhäuser verfügen
über
keine
computergestützten
Einkaufsbelege,
die
Gesetzgebung
zu
Unternehmensgründungen ist unnötig kompliziert, die Leistungen der Angestellten im
öffentlichen Dienst sind noch nie bewertet worden, und es gibt im Allgemeinen wenig
Gemeinschaftssinn in den Ministerien und im öffentlichen Dienst, da bei jedem
Regierungs- bzw. Ministerwechsel auch hohe Beamte ausgetauscht werden.«34 Der
30
GRIECHISCHER PARLAMENTSBESCHLUSS zitiert nach INTERNETQUELLE: 8.
KONICZ: 2013, S.13.
32
INTERNETQUELLE: 9.
33
KONICZ: 2013, S.13.
34
MALKOUTZIS0: 6/2011, S.6.
31
17
großerbürokratischer Apparat, welcher durch verschiedene Maßnahmen verändert
werden soll, sorgt für Unübersichtlichkeit in den einzelnen Verwaltungsbereichen.
Ein weiterer Aspekt der griechischen Wirtschaft und Politik ist der Klientelismus, auf
dessen historische Entwicklung hier nicht weiter eingegangen werden kann. Dennoch ist
gerade dieser ein bestimmender Faktor der griechischen Politik. »Denn Politik bedeutet in
Griechenland die Verteilung von Gaben.«35 Diese Gaben, wie Vergabe von Aufträgen usw.,
»orientier[en] sich in der Demokratie Griechenlands nicht am Gemeinwohl, sondern an
den Erfordernissen der Klientel einzelner Politiker. [...] Übertragen auf die griechische
Politik, bedeutet es: Wer Abgeordneter werden will, sammelt erst die Wünsche seiner
Klientel. Sie reichen von einem Arbeitsplatz beim Staat über eine Baugenehmigung,
gehen über die Beschaffung eines Studienplatzes für einen Sohn oder eine Tochter bis
zum Erlass von Steuern oder einer strafrechtlichen Schuld.«36 Dies ist natürlich kein rein
griechisches Phänomen, man findet dieses ebenso zur Genüge in Deutschland, nur äußert
sich hierzulande der Klientelismus in einer anderen Form. Dieser Sachverhalt sorgt jedoch
bei vielen Menschen in Griechenland dafür, »dass sie den Staat seither als Ausbeuter
sehen – und ihm auch deshalb Steuern vorenthalten. Ferner führte die horizontale
Verfilzung der politischen und der wirtschaftlichen Klientelnetze zu einer faktischen
Steuerbefreiung der Reichen. Besteuert werden aber bis heute die kleinen Leute. «37 Dies
zeigt sich auch im Rahmen der Sparprogramme, die zwar einen großen Teil der Griechen
betreffen, aber die Hauptlast den ärmeren Bevölkerungsgruppen auferlegt.
Diese Haltung dem Staate gegenüber, sorgt für das Phänomen Schattenwirtschaft.
Gemessen am BIP beträgt diese gut 25 Prozent (Abb.1). Dies sorgt für zwei negative
Effekte. Zum einen fehlen dem Staat Steuereinnahmen in Milliardenhöhe und zum
anderen ist dadurch das BIP geringer.38 Schwarzarbeit und andere Methoden an Geld zu
kommen, haben sich seit Krisenbeginn intensiviert.39
35
INTERNETQUELLE: 10.
INTERNETQUELLE: 10.
37
INTERNETQUELLE: 10.
38
SCHNEIDER, Friedrich zitiert nach INTERNETQUELLE: 11.
39
INTERNETQUELLE: 12.
36
18
2.2.4 Zusammenfassung
Der Blick auf die griechische Wirtschaft mit ihren Besonderheiten könnte weit
detaillierter ausgeführt werden, doch ist dies nicht der Schwerpunkt dieser Arbeit. Ziel ist
es, die wesentlichen Einflussfaktoren, auf die verschiedenen Dimensionen der Krise,
darzustellen. Ein weiteres Anliegen war es mir, die populistisch-mediale Darstellung der
Situation in Griechenland, von »Allgemeine Zeitung« bis hin zu »die Zeit«, zu
relativieren.
»Die enge Verflechtung zwischen wirtschaftlichen und politischen Eliten begünstigte
eine jahrzehntelange Privilegierung von »Reichen und Superreichen« durch weitgehende
Steuerfreiheit und de facto Subventionierung; dagegen wurde der Aufbau einer
leistungsfähigen Binnenwirtschaft, die für die Mehrheit der Bevölkerung jenseits
klientelistischer Abhängigkeiten ihrer Qualifikationen entsprechende Arbeitsplätze
bieten konnte, offenbar vernachlässigt.«40 Die daraus resultierenden Folgen für die
Menschen und die Probleme, welche in Verbindung mit den Sparpaketen entstehen,
sollen im nächsten Punkt dargestellt werden.
3. Folgen und Probleme
Die mediale Darstellungsweise der Krise in Griechenland ist stark von der ökonomischen
Perspektive geprägt. Dabei gab es mittlerweile unzählige Debatten um den Verbleib
Griechenlands in der Eurozone, oder aber wie denn die griechische Wirtschaft am besten
wieder auf Vordermann gebracht werden könne. Ein wesentlich geringerer Teil der
Berichterstattung legt Gewicht auf die soziale Situation in dem krisengebeutelten Land;
wenige - darunter z.B. Arte - sprechen von den sozialen Folgen des ökonomischen
Kollapses. In der breiten Öffentlichkeit stößt dies zumeist auf taube Ohren. Das folgende
Kapitel befasst sich mit den sozialen Folgen der Krise.
40
ÖZTÜRK: 2012, S.2.
19
3.1 Arbeitslosigkeit
3.1.1 Allgemein
In Folge der Schuldenkrise und der von der griechischen Regierung unter dem Druck der
EZB, des IWF und der Experten der EU-Kommission ergriffenen Maßnahmen, kommt es
zu dramatischen Veränderungen im Leben vieler Menschen in Griechenland.
»Griechenlands ökonomischer Zusammenbruch wurde mittels eines Maßnahmenbündels
herbeigeführt - massive Erhöhung der Konsumsteuern [...], Massenentlassungen,
Lohnkürzungen im Öffentlichen Dienst, Rentensenkungen, allgemeine Prekarisierung
des Arbeitslebens -, das vorgeblich der Wiederherstellung der »Konkurrenzfähigkeit« der
griechischen Ökonomie dient[...].«41 Wie oben beschrieben, besitzt Griechenland, im
Vergleich zu Deutschland, kaum exportorientierte Wirtschaftzweige. So sind die
beschlossenen Maßnahmen ein Versuch das Außenhandelsdefizit durch Kürzungen zu
vermindern, dies geht jedoch einher mit einem Rückgang des BIPs, denn: »Diese
Minderung der Wirtschaftsleistung wird wesentlich durch den Zusammenbruch der von
Kleinbetrieben geprägten und tatsächlich für den Binnenmarkt produzierenden
griechischen Industrie bewirkt.«42 Betrachtet man hierzu die Unternehmerinsolvenzen
der Jahre 2009 bis 2011, lässt sich im Jahre 2010 gegenüber dem Vorjahr ein Anstieg von 25
Prozent konstatieren. Vergleicht man das Jahr 2011 mit 2010 liegt die Zunahme der
Unternehmensinsolvenzen bei 20 Prozent.43 So führt dies, zum einen durch das
Verschwinden von Kleinbetrieben und zum anderen durch die Entlassungen im
Öffentlichen
Dienst
und
anderen
Wirtschaftszweigen,
zu
einer
steigenden
Arbeitslosenrate. »Die Zahl der Arbeitslosen hat sich seit 2008 verdreifacht; die
Erwerbslosenquote hat inzwischen 22 Prozent erreicht, mit steigender Tendenz.«44 Dabei
handelt es sich um Zahlen aus dem Frühjahr 2012; bereits im Oktober konnte eine
Arbeitslosenquote von 26,8 Prozent verzeichnet werden.45 Die Arbeitslosenquote in
Griechenland ist neben Spanien die höchste in Europa.46
41
KONICZ: 2013, S.13.
KONICZ: 2013, S.13.
43
INTERNETQUELLE: 13.
44
BRENKE: 2012, S.16.
45
INTERNETQUELLE: 14.
46
INTERNETQUELLE: 14.
42
20
Betrachtet man die Arbeitslosenquote Griechenlands über die letzten zehn Jahre hinweg,
lässt sich gut verfolgen, wie sich die Krise widerspiegelt. Waren 2003 9,71 Prozent
arbeitslos gemeldet, so betrug die Arbeitslosenquote 2008 7,68 Prozent und war somit das
Jahr mit der geringsten Zahl an Arbeitslosen der letzten Dekade.47 Der rapide Anstieg der
arbeitslosen Menschen seitdem die Krise Griechenland erfasst hat, »ist ein regelrechter
Kollaps der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft in Hellas[...].«48 Anders Ausgedrückt,
2008 waren 49,4 Prozent der Gesamtpopulation in Arbeit, wohingegen es 2011 43,8 Prozent
waren. Dabei werden alle Personen über 15 Jahren berücksichtigt.49 So wie die generelle
Arbeitslosigkeit zunimmt erhöht sich auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen. Waren es
2008 3,2 Prozent der Männer und 7,9 Prozent der Frauen, so erhöhte sich die Quote bis 2011
konstant auf 8,6 Prozent bei Männern und 13,6 Prozent bei Frauen. Dabei ist festzustellen,
dass Frauen wesentlich häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen sind.50 Dies Phänomen
hängt unter anderem mit der geforderten Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zusammen;
vor allem schwangere Frauen und Mütter sind betroffen, da neue Gesetzte ermöglichen,
bestehende Arbeitsverträge in flexiblere umzuwandeln.51 »[S]eit Mai 2008 [gibt es eine]
ansteigende Zahl von Beschwerden über ungerechtfertigte Entlassungen aufgrund von
Schwangerschaft oder Mutterschaftsurlaub sowie über eine Zunahme von sexuellen
Belästigungen.«52 So verstärkten sich die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Als
weitere Folge der Krise ist festzuhalten, dass sich die Zahl der Haushalte, in denen keine
Person ein Erwerbseinkommen besitzt, zwischen 2008 und dem dritten Quartal 2012 mehr
als verdoppelt haben. Lebten 2008 3,6 Prozent der 0 - 17jährigen in einem Haushalt ohne
reguläres Erwerbseinkommen, so sind es im dritten Quartal 2012 12,9 Prozent. Bei den 18 60jähringen erhöhte sich die Quote von 7,5 Prozent auf 17,7 Prozent.53 Mit über einem
Viertel Arbeitsloser steht Griechenland vor großen sozialen und strukturellen Problemen.
So »[hält] [d]as Programm [...] Griechenland in einem Teufelskreis gefangen, da der
strenge Sparkurs eine Wirtschaftskrise auslöst, der weitere Sparmaßnahmen, neue
Steuern und eine tiefere Rezession folgen, die wiederum das Wirtschaftswachstum
47
INTERNETQUELLE: 15.
KONICZ: 2013, S.13.
49
ELSTAT: 2013, S.27.
50
ELSTAT: 2013, S.33.
51
LANARA: 2012, S.6.
52
LANARA: 2012, S.6.
53
ELSTAT: 2013, S.35.
48
21
drosseln, die Schaffung von Arbeitsplätzen verhindern und den sozialen Zusammenhalt
gefährden.«54
3.1.2 Jugendarbeitslosigkeit
Besonders von Arbeitslosigkeit sind junge Menschen betroffen. So sind nach
Veröffentlichung55 der HELLENIC STATISTICAL AUTHORITY (ELSTAT) in 2012 53,8
Prozent der zwischen 18- und 24jährigen arbeitslos. Auch die Altersgruppe der 25 34jährigen liegt mit 29,1 Prozent über dem Durchschnitt.56 So weist EUROSTAT eine
saisonbereinigte Jugendarbeitslosigkeit im November 2012 von 57,6 Prozent für
Griechenland aus.57 Damit liegt Griechenland europaweit an erster Stelle, gefolgt von
Spanien. »Zwar lag die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland schon im gesamten letzten
Jahrzehnt bei über 20 Prozent, doch die Wirtschaftskrise hat das Problem deutlich
verschärft.«58 Ob sich kurzfristig Änderungen ergeben, bleibt zweifelhaft. »Die
griechische Jugend ist eine wertvolle, ungenutzte Ressource. Rund ein Zehntel der
Bevölkerung (1,1 Millionen Menschen) ist unter 25 Jahre alt; weitere 1,5 Millionen sind im
Alter zwischen 25 und 34. Häufig sind sie gut ausgebildet, viel in der Welt
herumgekommen und politisch interessiert.«59
Eine Erklärung für die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist das Wegfallen von Arbeitsplätzen
im Allgemeinen. Dieser Aspekt soll folgend genauer beleuchtet werden. Ältere Personen,
die vor dem Ausbruch der Krise bereits in einer abhängigen Beschäftigung waren, sind es
nach wie vor oder wurden bzw. aufgrund langjähriger Tätigkeit nachrangig Entlassen.
Auch wenn ältere Arbeitnehmer mit Gehaltskürzungen und der Angst des
Arbeitsplatzverlustes leben müssen, sind diese prozentual weniger von Arbeitslosigkeit
betroffen als jüngere. Junge Menschen, die nach der Schule oder dem Studium dem
Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden, sehen sich damit konfrontiert, dass freie Stellen
54
LANARA: 2012, S.4.
Anmerkung: Das zur Verfügung stehenden Zahlenmaterial weicht teilweise leicht voneinander ab,
unabhängig vom Herausgeber. So widersprechen sich zum Teil Zahlen von ELSTAT. Ob dies an
verschiedenen Erhebungsmethoden liegt, kann ich nicht beurteilen.
56
ELSTAT: 2012, S.2.
57
INTERNETQUELLE: 16.
58
MALKOUTZIS: 9/2011, S.1.
59
MALKOUTZIS: 9/2011, S.1.
55
22
nicht neu besetzt werden, oder aber keine neuen Stellen geschaffen werden. So folgen den
bereits arbeitslosen Menschen weitere nach.
In Gesprächen mit verschiedenen Personen in Griechenland ist mir aufgefallen, dass die
Familie einen wichtigen Aspekt darstellt - dazu in Kapitel 4 mehr - und das Ansehen
ebendieser. So waren vor Krisenbeginn schlechtbezahlte Arbeiten, oder Arbeiten ohne
hohes Ansehen, vor allem von Migranten ausgeführt worden. Viele Eltern drängten ihre
Kinder in ein Studium, was auch die hohe Zahl gutausgebildeter Menschen erklärt. Dies
schlägt sich jedoch vor allem auf die Jugendarbeitslosigkeit nieder, denn der
Arbeitsmarkt enthält nicht genügend freie Stellen. So gibt es im Gegensatz zu Frankreich
oder Deutschland nicht den klassischen Ausbildungsberuf, der zumindest in diesen
Ländern noch ein gewisses Ansehen genießt.
In welchem Umfang junge Menschen vor Krisenbeginn in Familienbetrieben eine Arbeit
fanden, ist mir nicht bekannt, doch kann auch die vermehrte Insolvenz dieser einen
weiteren Erklärungsansatz liefern.
Auch wurde mir in Gesprächen immer wieder beteuert, dass der griechische Staat jungen
Menschen bei der Suche nach einem Arbeitsplatz weder hilft, noch Hoffnungen macht.60
So schlägt Nick Malkoutzis vor: »Es gibt Maßnahmen, mit denen die Griechen die
Situation
verbessern
können.
Dazu
gehören
eine
bessere
Begleitung
junger
Arbeitssuchender; Ausbildungsprogramme, die den Marktrealitäten entsprechen; Anreize
und Unterstützungsleistungen für Jungunternehmer; Programme, die Griechen
ermuntern, aus dem Ausland wieder zurückzukommen; außerdem die Neustrukturierung
der universitären Ausbildung, um Studierende besser auf die Anforderungen des
griechischen Arbeitsmarktes vorzubereiten.«61 Wie diese Maßnahmen konkrete
Veränderungen
hervorbringen
sollen
bleibt,
in
Anbetracht
der
auferlegten
Sparprogramme und Kürzungen bei Investitionen, fraglich.
3.2 Armutsrisiko und soziale Ausgrenzung
»In keinem anderen Euro-Land wurde der Sparterror, den Berlin Anfang 2012 mit dem
Fiskalpakt auf europäischer Ebene institutionalisieren ließ, so konsequent und
60
61
GESPRÄCHSNOTIZ V: 23.10.2012.
MALKOUTZIS: 9/2011, S.7.
23
rücksichtslos durchgehalten wie in Griechenland.«62 Diese Formulierung klingt drastisch,
doch spiegelt sie die bisher beispiellosen Folgen der Sparmaßnahmen wider. So sieht sich
die griechische Gesellschaft mit einer zunehmenden Prekarisierung konfrontiert. Denn:
»Die sozialen Auswirkungen der Krise sind an einer Rekordarbeitslosenquote, der
Schließung von Geschäften und Betrieben sowie einer wachsenden Zahl an Menschen, die
von sozialer Ausgrenzung bedroht sind, abzulesen.«63 Im Folgenden werden verschiedene
Daten zum Armutsrisiko und sozialer Ausgrenzung und Mechanismen dargestellt, die
diese Situation in Griechenland verschärfen.
»In der gegenwärtigen Situation nehmen die bestehenden Ungleichheiten zu und
geben Anlass zu ernsthaften Sorgen in Bezug auf Armut und die Verelendung von
Haushalten. Von Eurostat für 2010 veröffentlichten Daten zufolge leben fast 28
Prozent (3 031 000) der Griechen in Armut und sozialer Ausgrenzung (Eurostat 2012).
Nach Altersgruppen aufgeschlüsselt leben 28,7 Prozent der Kinder unter 17 Jahren,
27,7 Prozent der 18- bis 64-Jährigen und 26,7 der über 65-Jährigen an der
Armutsgrenze. Diese Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2010. Da sich aber die
Wirtschaftskrise seitdem verschärft hat, hat sich die Zahl der als arm
einzustufenden Griechen vermutlich im Jahr 2011 noch erhöht.«64
Die Anfang Januar 2013 von ELSTAT veröffentlichten Daten bestätigen dies, denn der
ermittelte Wert liegt laut Angaben bei 31,0 Prozent, somit waren 2011 ca. 3.403.000
Personen von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen, oder zumindest akut
bedroht.65 Mittlerweile dürfte auch deren Zahl weiter angestiegen sein. Wird das
Armutsrisiko nach verschiedenen Haushalten aufgeschlüsselt, ist die mit 43,2 Prozent am
stärksten betroffene Gruppe die der alleinerziehenden Elternteile.66 Im Jahr 2011 sind im
Schnitt sowohl die Haushalte ohne abhängige Kinder (19,5 Prozent), als auch die
Haushalte mit abhängigen Kindern (23,2 Prozent), von einem höheren Armutsrisiko als
62
KONICZ: 2013 S.13.
MALKOUTZIS: 6/2011, S.7.
64
LANARA: 2012, S7.
65
ELSTAT: 1/2013, S.47.
66
ELSTAT: 1/2013, S.45.
63
24
2010 (17,0 und 22,9 Prozent) betroffen.
Dabei hat sich das Armutsrisiko bei
Singlehaushalten, geschlechtsunabhängig, reduziert.67
28,4 Prozent der griechischen Bevölkerung sind von materiellen Entbehrungen
betroffen.68 »Material deprivation rate measures the percentage of the population that
cannot afford at least 4 out of 9 of the following items:
- to pay arrears on mortgage or rent payments, or utility bills, hire purchase installments
or other loan payments
- to go on one week's annual holiday away from home
- to have a meal with meat, chicken, fish (or vegeterial equivalent) every second day
- to face unexpected expenses
- to have a telephone (including mobile phone)
- to have a colour TV
- to have a washing machine
- to have a car
- to keep their home adequately warm.«69
Armutsrisiko, bzw. Armut haben nicht nur materielle Entbehrungen zur Folge, sondern:
»Population at risk of poverty (with equivalised household incomes below 60% of the
national median income) tends to be exposed to greater social isolation.«70 Eine weitere
Sicht auf die Problematik ist Folgende: »Poverty may cause social isolation, e.g. if people
cannot afford going out with friends or inviting them to their homes. On the other hand,
social isolation may also ultimately result poverty or unemployment, as friends and
acquaintances primarily the so-called ‘bridging social capital’) can provide useful support
in finding (good) jobs.«71 So kommt zur Arbeitslosigkeit oder prekären Beschäftigung ein
Mangel an sozialen Kontakten hinzu, welcher Betroffene bei weiteren Problemen auf ein
dezimiertes Hilfsnetzwerk zurückgreifen lässt.
67
ELSTAT: 1/2013, S.45.
ELSTAT: 1/2013, S.49.
69
ELSTAT: 1/2013, S.49.
70
EUROSTAT: 2010, S.235.
71
EUROSTAT: 2010, S.235.
68
25
Änderungen hin zum Besseren sind angesichts der vergangenen Entwicklungen kaum zu
erwarten. Zwar soll es in den nächsten Monaten keine weiteren Einschnitte geben, doch
gibt es seit Krisenbeginn einen signifikanten Konsumeinbruch (siehe Kapitel 3.4). »Im
Privatsektor gerieten [so] die Bilanzen unter Druck und die Firmenpleiten unter kleinen
und mittelständischen Unternehmen (KMU), die bislang das Rückgrat der Wirtschaft
bilden, erreichten epidemische Ausmaße: 2010 und 2011 wurden 68.000 KMUs vom Markt
gedrängt und bei weiteren 53.000 steht die Betriebsschließung offenbar kurz bevor[...].«72
Auf Grund von Auftragsmangel produzieren schließende Betriebe somit weitere
Menschen ohne Arbeitseinkommen. Durch Arbeitslosigkeit bedingt sinkt der Konsum
weiter und so entsteht ein Teufelskreis, der sich in einer Abwärtsspirale wiederspiegelt.
»Es war eine Premiere: Im April 2010 verlangte die Troika aus EU-Kommission,
Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) von
Griechenland erstmals eine 25-prozentige Lohnkürzung im öffentlichen Sektor. [...]Und
im Dezember 2011 forderte die Troika von Griechenland erstmals die Kürzung des
Mindestlohns für den privaten Sektor.«73
Die von der Regierung durchgesetzten »drastischen Lohnkürzungen werden sich
nachteilig auf die Sozialversicherungen und Rentenkassen auswirken, die ohnehin schon
mit Kosten von 4,2 Milliarden Euro an Beiträgen für Griechenlands größten
Sozialversicherungsträger (IKA) belastet sind, während aufgrund der Krise das jährliche
Minus an Sozialversicherungsbeiträgen etwa 6,7 Milliarden Euro beträgt (Griechisches
Parlament 2012).«74 Diese Mehrausgaben werden, da kein reales Wachstum existiert und
somit ein Defizit entsteht, durch weitere Kürzungen gesenkt, um den Forderungen der
Gläubiger gerecht zu werden.
Zwischen 2010 und 2012 bezifferten sich die Einbußen von Arbeitnehmern auf 9,2
Milliarden Euro.75 »Umgerechnet ist das eine durchschnittliche Einbuße von mindestens 1
500 Euro des Jahresverdienstes von Arbeitnehmern zum Jahresanfang 2012 gegenüber
2010. Die gesamten Lohn- und Gehaltskosten sind seit 2009 um 25 Prozent gesunken: von
72
LANARA: 2012, S.5.
INTERNETQUELLE: 17.
74
LANARA: 2012, S.7.
75
LANARA: 2012, S.6.
73
26
36,1 Milliarden Euro für 2,74 Millionen Beschäftigte im Jahr 2009 auf 26,8 Milliarden Euro
Anfang 2012.«76
Mit 27,7 Prozent Armutsrisiko war Griechenland 2010 nach Irland (29,9 Prozent) 2010 an
zweiter Stelle in der Eurozone.77 Inzwischen bei 31,0 Prozent liegend, setzt sich der Trend
der vergangenen Jahre weiter fort. Die Zunahme an Arbeitslosigkeit und prekären
Beschäftigungsverhältnissen sorgt für eine Folge weiterer Probleme. Diese sollen unter
anderem Gegenstand der nächsten Kapitel sein.
3.3 Obdachlosigkeit
Die oben beschriebenen Phänomene, Arbeitslosigkeit und zunehmende Verbreitung des
Armutsrisikos, sind nur die Spitze des Eisbergs. So liegt die Quote der Überbelastung
durch Wohnkosten nach Armutsrisiko in Griechenland 2011 bei 24,3 Prozent; bei Personen
die weniger als 60% des medianen Äquivalenzeinkommens verfügen, sind es 79,0 Prozent
und somit europaweit am höchsten.78 So ist eine der oben genannten materiellen
Entbehrungen die Unfähigkeit Miete zu zahlen. »Da die Wirtschaftskrise immer weiter
um sich greift, weitet sich die Armut auch in der bisherigen griechischen Mittelschicht
aus. Zudem nehmen neben der Armut auch Obdachlosigkeit und Kriminalität schnell
zu.«79
So »[berichtete] [d]ie New York Times [...] am 15. Mai 2011, dass Sozialarbeiter und
städtische Beamte in Athen einen 25-prozentigen Anstieg bei der Obdachlosigkeit
konstatieren.«80 Hartz IV oder Sozialhilfe gibt es in Griechenland nicht und somit auch
kein Netz, welches Arbeitslose längerfristig auffangen könnte, sodass es von der
Arbeitslosigkeit – findet man keine Unterstützung bei Freunden und Familie – nicht weit
zur Obdachlosigkeit ist.81 Dabei steigt die Zahl der Betroffenen weiter. »Ihre Zahl beträgt
mittlerweile mehr als 20.000. Die Regierung ist gerade dabei, genaue Zahlen zu ermitteln.
Die meisten von ihnen werden als die »neuen Obdachlosen« bezeichnet, die aufgrund
finanzieller Probleme auf der Straße leben müssen und nicht aufgrund einer Drogen- oder
76
LANARA: 2012, S.6.
ELSTAT: 1/2013, S.53.
78
INTERNETQUELLE: 18.
79
LANARA: 2012, S.7.
80
MALKOUTZIS: 6/2011, S.3.
81
INTERNETQUELLE: 19.
77
27
Alkoholabhängigkeit. Es ist zu befürchten, dass diese Zahlen noch ansteigen werden, da
immer mehr Menschen sich keine Wohnung mehr leisten können.«82
Die inzwischen herrschende extreme Armut und Obdachlosigkeit tauche in den
Statistiken gar nicht auf, kritisiert Professor Papatheodorou. »Denn Eurostat oder die
nationalen Statistiken beziehen ihre Daten aus Modellhaushalten, das heißt von
Menschen, die ein Dach über dem Kopf haben.«83 Eine exakte Zahl ist bisher nicht zu
ermitteln, jedoch dürfte diese nennenswert über den 20.000 liegen, da unter anderem von
» [...]les 40.000 nouveaux sans-abri [...]«84 gesprochen wird.
Ein Problem das aus der Obdachlosigkeit resultiert ist der zunehmende Drogenkonsum,
in den sich viele Betroffene flüchten. Schätzungen sprechen von einem Viertel der
Obdachlosen die Rauschgift konsumieren.85 Inwiefern diese Zahlen die Realität
widerspiegeln, kann ich nicht beurteilen. »Obdachlose, Drogenabhängige, Bettler
gehören zu jeder Großstadt. Doch in Athen ist das Zentrum inzwischen fest in der Hand
der »neuen Obdachlosen«. Viele von ihnen haben sich mit dem HI-Virus infiziert.«86
Durch die Kürzungen im Gesundheitssektor sind sie mitunter am stärksten betroffen, da
sie weder Zugang zu Einrichtungen der Drogentherapie, noch zu medizinischer
Versorgung oder Aufklärung haben.
Mit der steigenden Obdachlosigkeit ist somit ein weiteres Problem für die griechische
Politik und Gesellschaft entstanden, welches nicht aus dem Alltagsleben wegzuleugnen
ist. Während meiner Aufenthalte in Griechenland bin ich Zeuge dieses Desasters
geworden. Menschen richten sich aus Kartonage und sonstigem, unter Überdachungen,
Unterführungen oder Brücken ein; inklusive der wenigen Habseligkeiten die sie noch
besitzen - kaum geschützt vor Wind und Regen. Von solchen Szenen entdeckte ich bei
jedem weiteren Aufenthalt mehr.
82
MALKOUTZIS: 5/2012, S.22.
PAPATHEODOROU zitiert nach INTERNETQUELLE: 20.
84
INTERNETQUELLE: 21.
85
INTERNETQUELLE: 22.
86
INTERNETQUELLE: 22.
83
28
3.4 Weitere Folgeerscheinungen
Die durch die Finanz- und Wirtschaftskrise entstandenen Probleme sind vielfältig und in
ihrer Gesamtheit wohl kaum zu erfassen. Doch sollen neben den, in Punkten 3.1, 3.2 und
3.3, beschriebenen Problemen noch weitere in diesem Punkt betrachtet werden.
Sieht man sich die Anfang Januar 2013 von ELSTAT veröffentlichten Daten bezüglich der
Haushaltsausgaben an, lässt sich bei der Verteilung der Konsumausgaben kaum eine
Änderung
feststellen.
So
ist
die
größte
Veränderung
die
Steigerung
der
Lebensmittelausgaben von 16,4 Prozent 2008 auf 18,0 Prozent 2010.87 Die prozentuale
Darstellung berücksichtigt somit nicht den tatsächlichen Rückgang, der durch konkrete
Zahlen verdeutlicht werden könnte. So wird nicht erwähnt, dass »[d]ie Griechen [...] von
Berlin und Brüssel buchstäblich auf Hungerdiät gesetzt [wurden], da selbst der Absatz von
Lebensmitteln und Getränken Mitte 2012 um 35,4 Prozent unter dem Vorkrisenwert von
Anfang 2008 lag.«88 Wie viele tatsächlich Hunger leiden lässt sich nicht erfassen. So
berichtet Melanie Mühl: »Menschen, die noch vor kurzem zur Mittelschicht zählten,
sammeln in einem Athener Vorort Obst- und Gemüsereste von der Straße, Junge, Alte,
Kinder, während neben ihnen die Marktstände abgebaut werden.«89
Die Lage in der sich viele Menschen befinden ist im Allgemeinen sehr angespannt: »Zum
einen steigen die Preise für öffentliche Güter und Dienstleistungen wie Energie und zum
anderen sind auch die Kosten von Grundkonsumgütern im europäischen Vergleich sehr
hoch, wie aus einer kürzlich durchgeführten Studie des Ministeriums für Entwicklung,
Wettbewerbsfähigkeit
und
Schifffahrt
hervorgeht,
in
der
die
Preise
von
Grundkonsumgütern mit denen in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien,
Spanien und Bulgarien verglichen wurden.«90 So stellt sich für viele Menschen die Frage,
wie im Winter geheizt werden soll, oder aber wie an Lebensmittel zu kommen ist. »In der
größten Armenküche Athens stehen täglich etwa 3500 Menschen für Essen und Kleidung
an. Als diese Einrichtung vor zehn Jahren öffnete, waren es etwa 100 Menschen pro Tag.«91
87
ELSTAT: 1/2013, S.99.
KONICZ: 2013, S.13.
89
INTERNETQUELLE: 23.
90
LANARA: 2012, S.7.
91
MALKOUTZIS: 6/2011, S.3.
88
29
Ein weiteres Problem, dem der Staat Griechenland gegenübersteht, ist die Kriminalität.
»Laut Statistik ist [diese] in den ersten Monaten des Jahres 2011 im Vergleich zum
entsprechenden Vorjahreszeitraum angestiegen. Während Diebstähle und Einbrüche um
7,5 % zugenommen haben, ist bei Raubüberfällen ein Anstieg von 5,1 % festzustellen.
Nach offiziellen Angaben der Allgemeinen Polizeidirektion von Athen wurden bis Ende
des Jahres 2010 im Vergleich zum Jahr 2009 ein Anstieg von 45,45 % bei Tötungsdelikten
und eine Zunahme der Raubüberfälle um 58,5 % verzeichnet.«92 Vergleicht man die von
der Polizei aufgenommene Kriminalität, so ist zwischen 2006 (463.750 Fälle) und 2009
(386.893 Fälle) eine Reduktion festzustellen.93 Dabei sind jedoch die in den folgenden
Kategorien die Kriminalität angestiegen violent crime, homicide, robbery, domestic
burglary, theft of a motor vehicle und drug trafficking.94 Bei zumindest vier der sechs
Kategorien kann man einen Zusammenhang zu ökonomischen Zwängen sehen und somit
einen krisenbedingten Anstieg vermuten. Inwiefern dies tatsächlich Korrelationen sind
kann ich nicht belegen. Der Anstieg in der Kategorie violent crime, darunter auch
Tötungsdelikte, lässt sich mit dem in Punkt 5 behandelten Schwerpunkt nachvollziehen.
Durch die in den Sparpaketen beschlossen Maßnahmen blieb auch das Gesundheitssystem
nicht unverschont. So blieben zwar die Ausgaben gemessen am BIP annähernd gleich
(2008: 10,1 Prozent; 2010: 10,2 Prozent)95, jedoch verringerten sich die tatsächlichen
Ausgaben durch den Rückgang des BIPs erheblich. So sind die verschuldeten
Krankenhäuser gezwungen, zu schließen, oder sich von anderen Einrichtungen Material
zu leihen.96 »Außerdem kommt es offensichtlich derzeit zu Medikamentenengpässen,
weil Griechenland gerade daran arbeitet, das System für verschreibungspflichtige
Medikamente für Patienten in ambulanter Behandlung zu reformieren.«97 Folgendes Zitat
ist bezeichnend für die derzeitige Situation: »Hochschwangere Frauen eilen bettelnd von
Krankenhaus zu Krankenhaus, doch weil sie weder eine Krankenversicherung noch
genügend Geld haben, will niemand ihnen helfen, ihr Kind zur Welt zu bringen.«98 So
92
INTERNETQUELLE: 24.
93
TAVARES/THOMAS/BULUT: 2012, S.6.
TAVARES/THOMAS/BULUT: 2012, S.7-12.
95
INTERNETQUELLE: 25.
96
INTERNETQUELLE: 26.
97
MALKOUTZIS: 5/2012, S.23.
98
INTERNETQUELLE: 23.
94
30
seien 2012 ca. 30.000 Kinder geboren worden deren Eltern keine Krankenversicherung
besitzen.99 Durch die während meiner Aufenthalte geführten Gespräche erfuhr ich, dass
vor allem ältere Menschen, die auf Medikation angewiesen sind, große Probleme haben,
diese mit ihren verminderten Rentenbezügen zu bezahlen.
An dieser Stelle könnten noch weitaus mehr Probleme beschrieben werden, doch würde
dies den Umfang der Arbeit sprengen.
3.5 Zusammenfassung
Die aus der Krise resultierenden Probleme sind vielschichtig und sorgen für Unmut in der
Gesellschaft, weshalb »[d]ie Griechen [...] dringend eine konkrete, glaubwürdige
Zukunftshoffnung [brauchen]. In der Meinungsumfrage von Public Issue vom 1. April
sagten 87 Prozent der Befragten, sie seien mit ihrem Leben unzufrieden.« 100 Dies ist nicht
verwunderlich denn: »Die Aussichten auf eine wirtschaftliche Erholung des Landes
wurden trotz hoher Kosten für das Sozialwesen und die Bürger nicht besser. Die negativen
Folgen sind auf dem Arbeitsmarkt deutlich spürbar und an der Verschlechterung der
sozialen Lage ablesbar.«101
Zwar gibt es Bemühungen den Problemen von staatlicher Seite entgegenzuwirken, doch
ist es schwer, tatsächlich Besserung zu erkennen. »Die Politik der internen Abwertung,
die von den Gläubigern Griechenlands fälschlich als Voraussetzung für die Stärkung der
Wettbewerbsfähigkeit und des Exports erachtet wurde, trifft in erster Linie
Arbeitnehmer,
Rentner
und
deren
Familien:
Mehrere
drastische
Lohn-
und
Rentenkürzungen zusammen mit einer erbarmungslosen Steuerwelle dezimierten das
verfügbare Haushaltseinkommen, höhlten die Kaufkraft aus und drängten große Teile der
Bevölkerung an den gesellschaftlichen Rand.«102 Inwiefern es noch angebracht ist, von
einem »gesellschaftlichem Rand« zu sprechen, ist bei einem Armutsrisiko von über 30
Prozent mehr als fraglich. »Das Ausmaß und die Geschwindigkeit der von
Arbeitnehmern, Rentnern und deren Familien erlittenen wirtschaftlichen Entmachtung
99
GESPRÄCHSNOTIZ VII: 23.01.2013
MALKOUTZIS: 5/2012, S.15.
101
LANARA: 2012, S.5.
102
LANARA: 2012, S.6.
100
31
sind in der Nachkriegsgeschichte beispiellos.«103 Dies ist vor allem in Anbetracht der
Tatsache erschreckend, dass Griechenland sowohl einen Bürgerkrieg, als auch eine
Diktatur hinter sich hat.
Die Austeritätspolitik sorgt dafür, dass »[d]as Durchschnittsalter der Hilfsbedürftigen [...]
heute bei 47 Jahren [liegt]; vor zwei Jahren [,2009,] lag es noch bei 60. Das macht deutlich,
dass viele dieser Menschen seit Beginn der Krise entweder ihren Arbeitsplatz verloren
haben oder ihre Selbstständigkeit aufgeben mussten.«104
»Bei der Erfassung der Verheerungen, die der sozioökonomische Kahlschlag dort
hinterließ, lassen sich durchaus Parallelen zu Kriegsfolgen ziehen.«105 Nach der
Betrachtung der krisenbedingten Problemlage in Griechenland, sollen die Antworten und
Reaktionen der Bevölkerung darauf bearbeitet werden.
4. Reaktionen
In den ersten Kapiteln wurden die Ausschreitungen des Dezembers 2008, die Entstehung
der Finanz- und Schuldenkrise, die daraus resultierenden Folgen und Probleme sowie die
verstärkenden Momente der Sparpolitik geschildert.
»Angesichts der weitreichenden Auswirkungen der Krise und der Sparmaßnahmen
verwundert es nicht, dass die griechische Bevölkerung nicht einfach hinnimmt, wie ihre
Regierung, die EU und der IWF mit dieser noch nie dagewesenen Situation umgehen.«106
Im Folgenden sollen die Reaktionen und Copingstrategien der Bevölkerung und anderer
Akteure bezüglich der Krisenauswirkungen, von individuellen Handlungsansätzen, über
staatliche und nichtstaatliche Institutionen, bis hin zu Protesten und Streiks beleuchtet
werden.
103
LANARA: 2012, S.6.
MALKOUTZIS: 6/2011, S.3.
105
KONICZ: 2013, S.13.
106
LANARA: 2012, S.4.
104
32
4.1 Individuelle Handlungen
Unter individuellen Handlungen sind insbesondere die Reaktionen zu verstehen, die nicht
unbedingt vom gesellschaftlichen Kontext gelöst werden können, jedoch nicht in
Verbindung zu Organisationsstrukturen stehen. Zwar ist die Teilnahme an einer
Demonstration eine individuelle Handlung, doch findet diese in Interaktion mit einer
Masse an Menschen statt.
4.1.1 Ausweg: Freitod
Es war ein spektakulärer Fall, der europaweit durch die Medien ging, als sich ein 77jähriger Rentner, im April 2012, auf dem Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament
erschoss. Der einstige Apotheker hinterließ einen Abschiedsbrief, in welchem er angab
nicht warten zu wollen bis er soweit sei, Essbares aus dem Müll suchen zu müssen. Nach
diesem Suizid ging eine Welle der Empörung durch Griechenland.107 An diesem Beispiel
lässt sich erkennen, wie einzelne Menschen versuchen, der Situation zunehmenden
Elends zu entkommen. »Beispielsweise sind Experten der Ansicht, dass der 40-prozentige
Anstieg an Selbstmorden seit Beginn der Krise in erster Linie dieser Krise zuzuschreiben
ist. Zwischen 2009 und 2011 nahmen sich etwa 1.800 Menschen das Leben. Dies entspricht
der Bevölkerung einer kleinen Insel, und in einer Gesellschaft, in der Selbstmorde sich
normalerweise nicht häufen (Griechenland hat eine der niedrigsten Selbstmordraten in
Europa), ist dieses Phänomen besonders erschreckend.«108 Dabei sind einige Fälle
ebenfalls spektakulär109, andere wiederum bleiben im Verborgenen. Darunter befinden
sich oft »Kleinunternehmer, die Konkurs anmelden mussten, oder Familienväter, die vor
der Krise einen Hauskredit aufgenommen haben, dann arbeitslos geworden sind, und
jetzt die Raten nicht mehr bezahlen können.«110 Dies sind aber bei weitem nicht die
einzigen Fälle von denen berichtet wird, »but actually from 20-25 year old people«111.
Während meiner Aufenthalte in Griechenland sprach ich mit weiteren Studierenden, die
107
INTERNETQUELLE: 27.
MALKOUTZIS: 5/2012, S.22.
109
Anmerkung: Seit April 2012 wählten vermehrt Personen die Öffentlichkeit für ihren Freitod. Gesprochen
wird dabei immer wieder von »politischem Selbstmord«, da solche Aktionen ein Wachrütteln der
Gesellschaft bewirken sollen. Inwiefern dies sinnvoll ist kann diskutiert werden.
110
INTERNETQUELLE: 27.
111
INTERVIEW III: 13.12.2012, Minute 12:15 bis 12:25.
108
33
von Todesfällen, darunter Suiziden, aber auch Suizidversuchen, in ihren Freundeskreisen
berichteten.
Je nach Statistik bekommt man andere Zahlen; so zählen die polizeilich gemeldeten
Suizide und Suizidversuche im Jahr 2009 677, 2010 830, 2011 927 und bis 23. August 2012
690; gesamt 2.197 Suizid/-versuche.112 Wie viele es tatsächlich sind ist schwer zu ermitteln.
Denn:
»Die
gesellschaftlich
allgegenwärtige
griechisch-orthodoxe
Kirche
ist
Staatsreligion, knapp 97 Prozent der Bevölkerung sind griechisch-orthodoxen Glaubens.
Und die Kirche verweigert Suizidopfern in der Regel ein christliches Begräbnis. Deshalb
erklären viele Familien den Selbstmord eines Verwandten zum Unfall.«113
Die Wahl sich das Leben zu nehmen, ist eine drastische Entscheidung; bei den einen ist es
ein Hilferuf bei Anderen schiere Verzweiflung. Als Reaktion auf die Problemlage dennoch
zu Teilen nachvollziehbar.
Zwar ist Folgendes nicht als Suizid zu kategorisieren, aber führt auf kurz oder lang zum
Tod und soll deswegen mit erwähnt werden. »Im griechischen Fernsehen werden
Menschen interviewt, die sich absichtlich mit HIV infiziert haben, um vom Staat
wenigstens Sozialhilfe zu bekommen.«114 Es mag paradox klingen, sich mit einem
todbringenden Virus anzustecken, um leben zu können. Doch stellt dieser Schritt einer
der Optionen der Menschen dar ihre Familie über die Runden zu bringen und nicht
Obdachlos zu werden. Dieses Beispiel ist ein Sinnbild der Verzweiflung der von der Krise
Betroffenen.
4.1.2 Weitere individuelle Reaktionen
Eine weitere Verhaltensweise in der Krise ist der Versuch, den, wenn noch vorhandenen
Besitz zu sichern. Dabei gibt es verschiedene Arten der Vermögenssicherung. »Berichte
über Geldtransfers in Höhe von 40 Milliarden Euro in 2010 auf ausländische Konten tragen
zusätzlich zum Ungerechtigkeitsgefühl der Steuerzahler bei. Ihnen drängt sich der
Eindruck auf, dass die Regierung Steuerhinterzieher nicht aktiv genug verfolgt und zur
112
MINISTER DENDIAS zitiert nach INTERNETQUELLE: 28.
INTERNETQUELLE: 27.
114
INTERNETQUELLE: 27.
113
34
Zahlung zwingt.«115 Dies ist für eine Volkswirtschaft ohne Frage problematisch; so kaufen
Wohlhabende im Ausland teure Immobilien, oder haben eben beschriebene Konten.
Jedoch trifft dies nicht nur auf Reiche zu, sondern auch auf einige Personen, die sich über
die Jahre ein wenig Geld auf die Seite gelegt haben und nun versuchen ihr Erspartes zu
retten. Andere, die noch ein wenig besitzen kaufen z.B. Land - auch wenn dies eine relativ
schlechte Anlage ist. Über das Für und Wider solcher Reaktionen lässt sich streiten,
dennoch finden diese relativ hohe Verbreitung. Dies hängt unter anderem auch mit dem
Bild des korrupten Staates (siehe Kapitel 2.2.3) zusammen.
Durch Arbeitslosigkeit oder eine schlecht bezahlte Arbeit wird das Leben in der Stadt - vor
allem Athen - kaum bezahlbar. »Für gering verdienende junge Griechen wird es immer
schwieriger, ohne fremde Hilfe klarzukommen.«116 Dabei hat die Familie eine tragende
Rolle. »La grande majorité des Grecs ont une partie de leur famille en ville et une autre
dans un village. De toute façon, la famille reste une unité centrale très forte dans la vie
hellénique. [...] Tout cela favorise fortement l’actuel mouvement dans l’autre sens, des
villes vers la campagne.«117 Zwar ziehen immer mehr Menschen gezwungenermaßen aufs
Land, doch ist diese Tendenz in den Städten selbst ebenso zu beobachten. Studenten die
ihren Nebenjob verloren haben, müssen zu ihren Eltern zurückkehren und sich zurück in
soziale Kontrolle begeben.118 Doch durch die Familiennetzwerke wird ein Teil der
Bevölkerung von der Obdachlosigkeit verschont.119
Es verwundert auf Grund der derzeitigen Lage nicht, dass »[o]ffensichtlich [...] eine
steigende Zahl junger Griechen mit dem Gedanken [spielt], das Land zu verlassen, um
anderswo Arbeit zu suchen, beziehungsweise haben viele dies bereits getan.«120 Vor allem
gut ausgebildete junge Menschen verlassen Griechenland. Es sind vor allem Akademiker,
die ihr Glück im Ausland suchen. Bereits 12 Prozent sind ausgewandert; in Frankreich
115
MALKOUTZIS:6/2011, S.5.
MALKOUTZIS: 9/2011, S.3.
117
INTERNETQUELLE: 21.
118
GESPRÄCHSNOTIZ IV: 21.10.2012.
119
Anmerkung: An dieser Stelle wäre eine Auseinandersetzung mit dem System Familie als Kollektiv - und
gleichzeitiger Kontrollinstanz -, sowie dem Individuum in der Gesellschaft nötig. Wie diese Strukturen
Politik (Vetternwirtschaft usw.) beeinflussen und den Aufbau eines funktionierenden Sozialstaats
verhindert haben oder überflüssig scheinen ließen. Dies kann in diesem Rahmen jedoch nicht bearbeitet
werden.
120
MALKOUTZIS: 6/2011, S.3.
116
35
beispielsweise sind es 1,2 Prozent.121 Wie viele bisher tatsächlich ausgewandert sind, ist
schwer zu ermitteln. Vor allem zieht es gut Ausgebildete nach Nordeuropa, darunter
Deutschland. Im ersten Halbjahr 2012 waren es 15.800 Griechen die nach Deutschland
kamen, 6.900 mehr als in den sechs Monaten des Vorjahres.122 Die USA, Frankreich,
Deutschland und England sind nicht mehr allein die bevorzugten Auswanderungsländer;
so zieht es immer mehr Griechen in die Türkei. Dies liegt vor allem am Boom der
türkischen Wirtschaft, aber auch in der Ähnlichkeit der Lebensstile und der
geographischen Nähe.123
Neben der Flucht in den Tod, zur Familie oder ins Ausland, gibt es recht pragmatische
Antworten auf die entstandenen Probleme (siehe für folgendes Bsp.: 2. Sparpaket i.V. mit
materiellen Entbehrungen). Mit Einbruch des Winters steigen die Lebenshaltungskosten,
da Wohnungen geheizt werden müssen. »Um teures Heizöl zu sparen, heizen viele
Griechen mit Holz. Die Folge sind ein beißender Geruch und graubraune Dunstschichten
über den Ballungszentren.«124 Das Holz hierfür ist zumeist schwarz geschlagen und wird
auf improvisierten Märkten verkauft. »Und wer kein Holz hat, verbrennt Abfälle. Kürzlich
mussten die Athener entdecken, dass manche der Holzpellets, die man ihnen verkauft
und die angeblich aus Nadelholzsägespänen bestehen, giftige Substanzen aus der
Müllpresse oder sogar organische Abfälle aus Krankenhäusern enthalten.«125 Für die
Gesundheit, ist diese Art dem Problem entgegenzutreten, sicherlich nicht die Beste.126
Doch stellt sich die Frage welche Alternativen den Menschen bleiben.
Die hier aufgeführten Beispiele individueller Strategien, welche dazu dienen der Situation
zu entkommen, erheben bei weitem nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Es sind derer
viele, doch stellen sie die Bandbreite von den pragmatischen hin zu den dramatischen
Lösungen dar. So ist das oben genannte Problem der Kriminalität aus Sicht der
Betroffenen ein Problem, für diejenigen, die aber dadurch versuchen über die Runden zu
kommen, ein Lösungsansatz. Eine Diskussion zu diesem moralischen Dilemma im
Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht geführt werden.
121
INTERNETQUELLE: 29.
INTERNETQUELLE: 30.
123
INTERNETQUELLE: 31.
124
INTERNETQUELLE: 32.
125
INTERNETQUELLE: 33.
126
INTERNETQUELLE: 32.
122
36
4.2 Selbstorganisation
In diesem Kapitel sollen Formen der Selbstorganisation und -verwaltung dargestellt
werden. »Experimente der Selbstverwaltung seien in Griechenland angesichts der Krise
von Staat und Kapital ganz groß im Kommen [...]«.127 Dabei handelt es sich oftmals um die
Versorgung mit Lebensmitteln, beziehungsweise um deren Produktion. »Meist sind
solche Projekte aus der Not geboren, als eine Form der Selbst- und Überlebenshilfe.«128
Neben der Lebensmittelversorgung spielen in diesem Kapitel Gesundheit, Workshops und
andere Formen der Organisation eine wichtige Rolle. »Wenn es sich auch um keine
Massenbewegung handelt, so finden sich Beispiele doch überall.«129 Darunter werden aber
nicht nur die neu entstandenen Projekte betrachtet, sondern auch das Erbe der Aufstände
des Dezembers 2012.
4.2.1 Nahrung
Der größte Teil aller selbstorganisierter Strukturen, die der Versorgung von Menschen
dienen ist wohl der, der Lebensmittelproduktion und -verteilung, bzw. der Vertrieb von
Lebensmitteln ohne den zwischengeschalteten Einzelhandel.
Bevor Nahrungsmittel unter die Bevölkerung bzw. unter die (bedürftigen) Menschen,
welche diese Angebote wahrnehmen, gebracht werden können, müssen diese erst
produziert, oder beschaffen werden. Dabei gibt es verschiedene Akteure. Zum einen
Bauern/Landwirte die bereits vor Beginn der Krise Nahrungsmittel produziert haben, oder
zum anderen Menschen, die auf Grund der finanziellen Lage selbst zu produzieren
beginnen. Hierzu wurden zum Beispiel »[b]ei Thessaloniki [...] Teile eines ehemaligen
Militärlagers besetzt, dessen Boden nun dem Anbau von Lebensmitteln dient.«130 Eines
meiner ersten Gespräche in Griechenland, zu diesem Zeitpunkt meines Aufenthalts
befand ich in Thessaloniki, führte ich mit einem Beteiligten einer solchen Kooperative. Bei
diesem Gespräch erfuhr ich, dass solche Aktionen früher nicht notwendig waren und für
viele undenkbar. Seit Krisenbeginn und dem Anwachsen der Arbeitslosigkeit, bietet dies
jedoch eine Möglichkeit für viele Menschen sich zu versorgen sowie den Überschuss zu
verkaufen oder zu spenden. Für den arbeitslosen Familienvater sorgte diese Arbeit
127
INTERNETQUELLE: 34.
INTERNETQUELLE: 34.
129
INTERNETQUELLE: 34.
130
INTERNETQUELLE: 34.
128
37
zumindest dafür, dass niemand der Familie Hunger leiden musste.131 Thessaloniki ist
hierfür nicht das einzige Beispiel. »Les légumes poussent, les jardiniers font les plans des
plantations, et pour le moment personne ne les en empêche. Mais ils devront sans doute se
battre pour pouvoir y rester. Depuis le début de la crise, de nombreux jardins collectifs ont
ainsi poussé dans les villes grecques.«132 Dieser Zuwachs an kollektiven Gärten könnte bei
einem Andauern der Krise wohl anhalten.
Der eine Teil der Produzenten ist in Kollektiven zusammengeschlossen, welche entweder
freie Flächen durch Besetzung urbar macht, oder die Flächen von Lokalverwaltungen oder
Gemeinden zur Verfügung gestellt bekommt. Der andere Teil der Produzenten sind
Bauern/Landwirte, welche versuchen sich anderweitig zu helfen:
»Un autre phénomène nouveau s’est développé très rapidement, largement connu
aujourd’hui comme la « révolution des patates ». Au début de cette année, les producteurs
de pommes de terre de la région de Nevrokopi, dans le nord du pays, se sont retrouvés avec
une grosse récolte qu’ils n’arrivaient pas à vendre à un prix correct. Les supermarchés
proposaient 15 centimes le kilo, ce qui ne couvre pas les coûts de production, et les
revendaient à plus de 70 centimes. Ils ont réagi en distribuant des tonnes de patates
gratuitement sur les places de grandes villes. Voyant cela, un professeur de sport à Katerini,
Elias Tsolakidis, s’est mis en contact avec eux et a mis en place un système de commandes
directes de consommateurs sur Internet. Désormais, les producteurs descendent dans de
nombreuses villes, s’installent avec leurs camions sur des parkings et vendent les pommes
de terre au prix de 25 centimes le kilo. Tout le monde y gagne, sauf les supermarchés bien
évidemment, qui ont dû baisser leur prix de vente, même s’il reste encore trop élevé. Ce
système a progressivement été étendu à d’autres produits, comme l’huile d’olive, la farine et
le riz. L’opération, coordonnée par des bénévoles, a permis aux producteurs de Nevrokopi de
vendre 17 000 tonnes de patates en quatre semaines. Plus de trois mille familles y participent
déjà à Katerini, une ville de 60 000 habitants. Récemment, plus de 2 500 citoyens de Katerini
ont goûté les différentes huiles d’olive et fait leur choix — un « exercice de démocratie ».«133
Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, wie Teile der griechischen Bevölkerung versuchen sich
über Wasser zu halten. Zwar wurden bereits einige der Vertriebs- beziehungsweise
Verteilungswege für die produzierten Lebensmittel erwähnt, doch soll im Folgenden
131
GESPRÄCHSNOTIZ I: 12.08.2012.
INTERNETQUELLE: 21.
133
INTERNETQUELLE: 21.
132
38
darauf näher eingegangen werden. So gibt es die Bauern/Landwirte, die wie eben
beschrieben, ihre Erzeugnisse zu günstigeren Preisen auf Parkplätzen oder auf den ihnen
zur Verfügung gestellten Plätzen verkaufen. Weiterhin existieren aber auch Produzenten,
die vorhandene Strukturen, wie besetzte Häuser134 für den Warenverkauf nutzen. So
gründeten sich in den letzten Jahren »selbstorganisierte[r] Lebensmittelläden oder
Märkte, wie dem kürzlich geräumten im Athener Stadtteil Kupseli. Tauschringe und
Strukturen für den Direktvertrieb von Lebensmitteln sind entstanden.«135 Diese Reaktion
auf die Folgen der Krise ist für die Beteiligten, sei es Produzenten oder Abnehmer, derzeit
eine der besten Möglichkeiten über die Runden zu kommen. Dennoch sollen die
Probleme, welche die Selbstorganisation mit sich bringt, nicht unbeachtet bleiben (siehe
Kapitel 4.2.5).
Ein weiterer Aspekt der Selbstorganisation in Bezug auf die der Versorgung mit Essen
sind Volksküchen. Bei dem Besuch des besetzten Hauses Villa Amalia erfuhr ich von
einem Aktivisten, dass vor allem Linke in diesem Bereich aktiv sind. Verschiedene
Gruppen organisieren Volksküchen, um Bedürftige zu erreichen. Zu diesen Bedürftigen
gehören unter anderem Flüchtlinge, die es seit Krisenbeginn mitunter am stärksten
trifft.136
So
lassen
sich
bei
den
selbstorganisierten
Gruppen
folgende
Aufzählen:
Bauern/Landwirte, Produktionskooperativen und Aktivisten, welche vorhandene
Strukturen besetzter Häuser nutzen sowie Mischformen.
4.2.2 Gesundheit
Neben
der
Versorgung
mit
Lebensmitteln
gilt
Ȋhnliches
[...]
für
die
Gesundheitsversorgung, wo engagierte Ärzte in kleinen Zentren kostenlos Patienten
behandeln.«137 Dabei wird auf bereits vorhandene Strukturen und Netzwerke
zurückgegriffen. Darunter befinden sich die klassischen besetzten Häuser, aber auch
134
Anmerkung: Im Gegensatz zur klassischen Hausbesetzerszene in Deutschland, welche zum Großteil aus
»Wohnbesetzungen« besteht, unterscheidet sich die griechische dahingehend, dass diese Besetzungen
politischer Art sind - seit Dezember 2008 auch kein Alleinstellungsmerkmal der »Linken«. Dies wird später
weiter Ausgeführt.
135
INTERNETQUELLE: 34.
136
GESPRÄCHSNOTIZ III: 18.08.2012.
137
INTERNETQUELLE: 34.
39
andere Räume. Diese Räume sind zum Teil durch Nachbarschaftsversammlungen
geschaffen, oder von der jeweiligen Lokalverwaltung bereitgestellt worden.138 Ein Beispiel
hierfür ist unter anderem im Athener Stadtteil Petrálona zu finden. »[D]as leerstehende
Gebäude der Wohlfahrtsbehörde Pipka [...] wurde im Frühjahr 2009 besetzt, im Oktober
2011 wurde darin unter anderem ein selbstverwaltetes Gesundheitszentrum eingerichtet,
das die kostenlose medizinische Grundversorgung der Bevölkerung ermöglichen soll.
Gearbeitet wird ehrenamtlich, Medikamente und Geräte werden gespendet. Das Zentrum
grenzt sich allerdings von der klassischen NGO-Arbeit ab.«139 Selbstverständlich handelt
es sich bei diesen Räumen nicht um Arztpraxen oder Krankenhäusern. Durch diese kann
nur
eine
minimale
Grundversorgung
gewährleistet
werden,
doch
sorgen
Medizinstudenten, Ärzte als auch Pflegekräfte für eine Vorabklärung, damit Betroffene
daraufhin, wenn medizinisch notwendig, die entsprechenden Stellen aufsuchen. Die
Kürzungen des Gesundheitsetats kann niemand auffangen und so sind diese
selbstorganisierten Aktionen nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Dennoch greifen
immer mehr Menschen auf diese Angebote zurück, da ihnen dort bezüglich ihrer
Probleme Hilfestellung gegeben wird und ihnen eine Art Rückversicherung geboten
werden kann.140
4.2.3 Workshops
Mit dem Fortschreiten der Krise sind immer mehr Menschen auf sich allein gestellt, bzw.
auf alte und neue Netzwerke angewiesen. Eines dieser Netzwerke ist die Familie, doch ist
diese immer weniger in der Lage, die Folgen von Arbeitslosigkeit und Sonstigem
abzufangen. Die anderen Netzwerke neben der Familie, sind relativ neue Erscheinungen,
die aber durchaus Erfolge aufweisen können.
Die Vielzahl weiterer Netzwerke kann in diesem Rahmen nicht aufgezählt werden. Aber:
»Im Netz treffen sich die verantwortungsvollen Bürger - die schweigende Mehrheit - und
versuchen, in Gruppen den Widerstand zu organisieren. Es gibt die »aganaktismeni«
(griechisch für »die Empörten«), die Bewegung »Ich mach‘ es selbst« und die »Werft
nichts weg, sondern spendet«-Gruppe. Etwas für jeden Geschmack.«141 In Foren lassen
138
GESPRÄCHSNOTIZ II: 15.08.2012.
INTERNETQUELLE: 34.
140
GESPRÄCHSNOTIZ II: 15.08.2012.
141
INTERNETQUELLE: 29.
139
40
sich Anleitungen finden, wie unterschiedlichste Probleme, z.B. im Haushalt, gelöst
werden können.
Weiter bieten Kooperativen, wie die oben beschriebene aus Thessaloniki, Workshops zum
Pflanzen und Züchten von Gemüse an und geben Tipps zur Bewässerung und der nötigen
Pflege.142 Durch diese werden die Menschen, die an Workshops teilnehmen, nach und
nach unabhängiger von kostenintensiven Dienstleistungen.
Andere Phänomene sind hierzulande kaum vorstellbar. Durch hohe Steuern und
Abgaben, die auf die Kosten für Strom geschlagen werden, können viele Haushalte ihre
Rechnungen nicht mehr begleichen. Die Folge ist, dass monatlich tausenden die
Versorgung mit Elektrizität gekappt wird.143 Die Antwort darauf: »[I]n the northern city of
Veria, a small group of people had started reconnecting the electricity supply of
households disconnected from the national grid due to bill non-payment.«144 Dieses
Beispiel macht Schule und immer mehr Netzwerke bieten hierfür DIY-Kurse an.145
4.2.4 Weitere Formen der Selbstorganisation
Die vorher beschriebenen Formen der Selbstorganisation sind nicht unbedingt als
getrennt voneinander zu betrachten, denn in Tauschringen können Einzelpersonen oder
Gruppen ihre Leistungen anbieten. Ein Akteur kann z.B. für eine Reparatur
Nahrungsmittel oder Bekleidung als Gegenleistung bekommen.146 Neben diesen
Tauschringen haben sich vereinzelt auch alternative Währungen entwickelt, die unter
anderem auch von Nahrungsmittelproduzenten akzeptiert werden.147 Dies erinnert an
nachkriegsähnliche Zustände mit Schwarzmärkten, oder aber die Rentenmark als relativ
stabile Währung. Durch die erhöhten Kosten in vielen Bereichen, wagen immer mehr
Menschen Experimente, die früher nahezu unvorstellbar waren. »Before the crisis
carpooling was a rarity in Greece, but now people are changing their minds.«148 So ist das
142
GESPRÄCHSNOTIZ I: 12.08.2012.
INTERNETQUELLE: 35.
144
INTERNETQUELLE: 36.
145
GESPRÄCHSNOTIZ VII: 23.01.2013.
146
GESPRÄCHSNOTIZ VII: 23.01.2013.
147
INTERNETQUELLE: 37.
148
INTERNETQUELLE: 37.
143
41
Teilen und Tauschen für viele Menschen mittlerweile Teil des Alltags. Was sich in Zukunft
daraus entwickeln mag, bleibt offen.
Neben der Versorgung mit dem Nötigsten sind weitere selbstorganisierte und -verwaltete
Projekte und Initiativen entstanden. So wurde »ein ehemaliger Parkplatz von den
Einwohnern besetzt, um ihn in einen kleinen botanischen Garten mit selbst verwaltetem
Imbiss umzuwandeln.«149 Dieses Streben nach Freiräumen ist wohl ein Ausdruck der
Menschen nach Selbstbestimmung, da diese durch die weitreichenden Sparauflagen stark
beschnitten wurde. So ist die Schaffung des Parks keine singuläre Erscheinung. »Im Juni
wurde außerhalb Athens ein ungenutzter Campingplatz besetzt, um diesen und den
angrenzenden Strand der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Gelände wird seitdem
von Aktivisten gepflegt.«150
Als weiterer Punkt in der Selbstorganisation und -verwaltung soll die Situation außerhalb
der aufgebauten Unterstützungs- und Versorgungsstrukturen betrachtet werden und ein
Blick auf den Teil der Arbeiterschaft geworfen werden. Denn Diskussionen um neue
Formen in der Arbeitswelt sind stark im Kommen. So soll folgender Ansatz ein Beispiel
für diese Art der Organisation sein:
»Nicht zuletzt in den Betrieben geht es um die Frage der Selbstverwaltung. Das wohl
bekannteste Beispiel ist derzeit eine Metallfabrik in Thessaloniki. Nachdem sich der
insolvente Besitzer aus dem Staub gemacht hatte, haben die Beschäftigten das Gelände
besetzt. Ihr Ziel ist es, die Produktion als Arbeiterkooperative wieder aufzunehmen. Sie
wollen so der Arbeitslosigkeit entfliehen. Gerade weil das Arbeitslosengeld nur noch zwölf
Monate ausgezahlt wird, erscheint dieses Ziel für viele Beschäftigte Pleite gegangener
Betriebe immer dringlicher.«151
Die Arbeiter der Metallfabrik waren mit ihrem Ansinnen erfolgreich, so ist die Fabrik seit
Anfang Februar 2013 unter Selbstverwaltung.152 In welchem Umfang sich solche Modelle
durchsetzen, ist nicht vorherzusagen. Dennoch lässt sich in vielen Bereichen eine Art
Kollektivierung feststellen und immer mehr Menschen scheinen ihre Situation durch
Zusammenschlüsse verbessern zu wollen.
149
INTERNETQUELLE: 38.
INTERNETQUELLE: 34.
151
INTERNETQUELLE: 34.
152
INTERNETQUELLE: 39.
150
42
4.2.5 Probleme der Selbstorganisation
Zwar kann davon ausgegangen werden, dass die beschriebenen Initiativen, welche die
Menschen ergreifen bzw. gründen, die Lebensqualität verbessern, jedoch stellt sich die
Frage, wie sich die Zukunft gestaltet. Betrachtet man diese Aktionen aus der
volkswirtschaftlichen Perspektive tritt unweigerlich die Frage auf, wie diese Art des
Wirtschaftens eine Sanierung des Staatshaushalts und der Wirtschaft gewährleisten kann.
Durch diese Parallelstrukturen machen sich die Menschen unabhängiger vom Staat, doch
dieser benötigt hingegen die steuerlichen Einnahmen aus der Produktion von Gütern und
Dienstleistungen. Weiter ergibt sich für den Staat, ein Kontroll- und somit Machtverlust
und deswegen ist es wenig verwunderlich, dass »in this kind of condition the government
policy is to smash down every kind of movement, every kind of action by the people[,][...]
community and people [who] organise their self for their needs and their rights.« 153 Solche
Aktionen sind immer häufiger zu beobachten. »The last weeks [...] police get into some
squats. And the media showed: this is the kind of illegal things in our community.«154 Zu
den geräumten Gebäuden gehört unter anderem, die von den vorherigen Regierungen gut
20 Jahre lang tolerierte, Villa Amalia. Linke Oppositionspolitiker sprechen hierbei von
Repressionspolitik.155 Von den Räumungen sind bisher nicht alle Initiativen betroffen;
derzeit beschränken sich die Aktionen auf Linke, doch sind auch die Besetzungen durch
die Bürger nicht mit den Gesetzen vereinbar.
Wie sich die Lage zukünftig entwickelt ist nicht abzusehen, doch ist die Illegalisierung
von Bewegungen und Protesten mittlerweile ein Bestandteil griechischer Politik geworden
(siehe u.a. 4.4).
4.2.6 Das Erbe des Dezembers 2008
Die oftmals aus der Not entstandenen Strukturen der Selbstorganisation und -verwaltung,
sind nicht sämtlich aus dem Nichts entstanden. »In reality, December gave birth to a
phlethora of spaces and practices. The Skaramanga squat, Navarinou Park, [...]«156 und
unzähligen anderen Initiativen. Die Ausschreitungen im Dezember 2008 boten für viele
Menschen, nicht nur in Athen, ein neues Erfahrungsfeld.
153
INTERVIEW IV: 22.01.2013, Minute 14:42 bis 15:11.
INTERVIEW IV: 22.01.2013, Minute 15:28 bis 15:58.
155
INTERNETQUELLE: 40.
156
MAKRYGIANNI/TSAVDAROGLOU: 2011, S.54.
154
43
Während der Unruhen spielten besetzte Universitäten und besetzte Häuser (καταληψη &
στεκι) eine nicht unbedeutende Rolle. Aber auch andere Besetzungen außerhalb der
Stadtzentren. nahmen eine wichtige Funktion ein. »These »peripheral« steki played
perhaps the most important role as sites of reference and getting together during
decentralised actions, perhaps due to the easier connection with neighbourhoods. Even
there, of course, it was primarily other meeting points that were chosen, public buildings
that were less politically defined by the political identity of anarchism or extreme left.
This, in an attempt to approach local residents but also to spread the revolt to everything
that is still considered as "common". In those cases however, where relationships were
developed between steki and local residents (such as in the neighbourhood of Agios
Dimitros, with its local town hall occupation), results were incredible.«157 Diese
Begegnungen zwischen Aktivisten und Normalbevölkerung haben Spuren hinterlassen,
die bis heute wirken. »[I]t left behind human relationships that enable people to develop
more acute reflexes in the case their mass presence in the streets is called for once
again.«158 Aber es sind nicht nur die unzähligen Proteste, an denen sich Menschen in
Massen beteiligen, sondern eben auch jene Initiativen, welche in den letzten Jahren
entstanden oder bereits existierten. »The memories from those days are still alive in the
turmoil of the economic recession and will appear more useful than ever.«159 In den
Wochen der Unruhen und der Folgezeit ist ein neues Kapitel aufgeschlagen worden und
aufgebaute Parallelstrukturen werden für mehr und mehr Menschen zum Alltag.
Dabei sind es nicht nur die entstandenen Nachbarschaftsversammlungen oder die
alternativen Märkte und Tauschringe, an denen sich die Menschen beteiligen, sondern es
sind auch kulturelle und umweltbezogene Initiativen. Im Frühjahr 2009 »the first selforganised park of central Athens was born thanks to the combined efforts of experienced
activists, new activists politicized during the events of December, and »ordinary« local
residents.«160 Seit dieser Zeit finden dort Konzerte, Filmvorführungen, Treffen und InfoAbende, Ausstellungen und Festivals statt. 161
157
MAKRYGIANNI/TSAVDAROGLOU: 2011, S.53.
MAKRYGIANNI/TSAVDAROGLOU: 2011, S.54.
159
MAKRYGIANNI/TSAVDAROGLOU: 2011, S.54.
160
VRADIS/DALAKOGLOU: 2011, S.79.
161
VRADIS/DALAKOGLOU: 2011, S.79.
158
44
»Furthermore, the Dekemvriana could not probably be as a social movement, although
they had a remarkable self-organisation of struggle and initiatives like occupations of
universities, of town halls, of offices of GSEE, direct actions on the streets, markets,
theatres, and media stations that constitute forms of organised struggles that we could
associate with social movements.«162
Die Folgen des Dezembers 2008 können in ihrer Gesamtheit nicht dargestellt werden,
doch wird deren Bedeutung immer deutlicher sichtbar. Es sind aber nicht nur die
konstruktiven Elemente die bis heute wirken. So spaltete sich zu diesem Zeitpunkt die
öffentliche Meinung und Medien polarisierten zunehmend. Es wurden neue Gesetze
erlassen, die eine solche Situation in Zukunft verhindern sollen. Diese Spaltung hat unter
anderem, historische Wurzeln im Bürgerkrieg, die sich nach der Diktatur in der neuen
Demokratie aufzulösen schien und nun mit der Krise wieder zu Tage tritt.163
4.3 Reaktionen staatlicher und kirchlicher Institutionen sowie der NGOs
Im folgenden Teil der Arbeit werden Maßnahmen jenseits der Selbstorganisation und verwaltung betrachtet. Dabei sollen die Hilfen staatlicher und kirchlicher Akteure sowie
die der Nichtregierungsorganisationen dargestellt werden.
4.3.1 Staatliche Maßnahmen
Die Reaktionen des Staates auf die sozialen Folgen der Krise sind bescheiden. An allen
Enden wird gespart und somit ist eine flächendeckende Versorgung der Menschen mit
dem Nötigsten nicht gewährleistet. Bedingt durch oben beschriebene Faktoren, befinden
sich viele Menschen in einer miserablen Lage. So bekam ich bei einem der Interviews auf
die Frage, wie es denn mit der Hilfe für ältere Menschen aussehe, folgende Antwort:
»There is no system helping elderly people, but there is no system helping homeless people
also. Well, I think there is no system in general. [...] Apart from [some] individuals or some
[groups], but nothing big [where] actually someone can go and find shelter.«164
Bei den Recherchen für diese Arbeit war es schwer, Informationen zu staatlichen
Maßnahmen
zu
bekommen,
abgesehen
162
KALLIANOS: 2011, S.223.
GESPRÄCHSNOTIZ III: 18.08.2012.
164
INTERVIEW III: 13.12.2012, Minute 13:20 bis 13:50.
163
45
von
solchen,
wie
zum
einjährigen
Arbeitslosengeld
oder
anderen
gesetzlichen
Hilfeleistungen
für
einzelne
Personengruppen. In vielen Gesprächen war die Antwort ähnlich: Es gibt keine Hilfen.
Athen ist hierbei in einem Aspekt eine Ausnahme. Die Stadt zählt zu einer der wenigen in
Griechenland, die auf die Obdachlosigkeit reagiert und in Kooperation Hilfsprogramme
gestartet hat, in denen Betroffenen mit Unterkunft und Nahrungsmitteln Unterstützung
angeboten wird.165 Angesichts der prekären Situation, dürften die Hilfen jedoch kaum
ausreichen, um den noch nicht erhobenen Bedarf zu decken. Bei einem weiteren Interview
bekam ich auf die Frage, was denn angesichts der Krise denn zu tun sei, folgende Antwort:
»In [those] conditions we must not wait [for] the state to do something, because it's obvious
that the state and the government [are] not going to do something about us. [...]«166
Diese Aussagen klingen sehr einseitig und es stellt sich dabei die Frage, wie viel oder wie
wenig der Staat tatsächlich macht. Wohl stellen Gemeinden Flächen zum Anbau zur
Verfügung, doch konnte trotz monatelanger Recherche kaum ein Beleg hierfür gefunden
werden. Ein Beispiel staatlicher Intervention wird folgend dargestellt.
»Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg sah sich das Bildungsministerium genötigt,
aufgrund der schlechten Ernährung von Schulkindern in 18 Schulen der Region Attikas –
eine von der Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit am härtesten betroffene Gegend – mit
einem Pilotprojekt die Ausgabe von kostenlosen Essensgutscheinen in die Wege zu leiten.
Da der Bildungsetat um 60 Prozent gekürzt wurde, ist das Projekt auf die Zusammenarbeit
mit der Kirche, den Gemeindeverwaltungen und privaten Unternehmen angewiesen.«167
Der Staat als Helfer ist kaum vorhanden und so schwindet das Vertrauen vieler Menschen
in diesen. Die Regierungen der letzten Jahre haben mit ihren Sparprogrammen und den
daraus resultierenden Folgen dafür gesorgt, dass sich viele Menschen anderen Strukturen
und Systemen zuwenden. Wie bereits beschrieben, wurden die individuellen und
selbstorganisatorischen Maßnahmen Strategien zur Krisenbewältigung, da staatliche in
unzureichender Form existieren.
Soziale Arbeit, als eine der Hilfsstrukturen in einem Staat, ist in Griechenland kaum
vorhanden. Am Technological Educational Institute of Athens, vergleichbar mit einer
165
INTERNETQUELLE: 41.
INTERVIEW IV: 22.01.2013, Minute 3:47 bis 4:30.
167
LANARA: 2012, S.7f.
166
46
Fachhochschule, existiert der Studiengang Soziale Arbeit. Gelehrt wird, General subjects,
Clinical & Group Social Work sowie Community Work – Social Policy.168 Die Inhalte des
Studiums ähneln denen in Deutschland.169 Neben der Hochschule in Athen, die den
Studiengang anbietet, kann in Patras und Iraklion ebenfalls Soziale Arbeit studiert
werden.170 Weitere Institute, die dieses Studium anbieten, konnten nicht ausgemacht
werden.
Das Studium der Sozialen Arbeit hat in Griechenland eine kurze Vergangenheit. So wurde
die Fakultät in Athen 1985 ins Leben gerufen und ca. 120 Studenten nehmen jährlich ein
Studium auf.171 In Patras existiert der Studiengang seit 1983 und dessen Vorläufer,
Department of Social Workers of the Center of Professional Technological Education, seit
1970.172 Auch die Fakultät in Iraklion wurde 1970 gegründet.173 Die Arbeitsfeldbereiche der
griechischen Sozialarbeit ähneln den deutschen, sie umfassen Children and Families'
Social Work, People with Physical Disabilities, Older People and their Carers, Criminal
Justice (Victims and Offenders), People with Mental Health Problems, and Other
Community Care.174
Informationen zur Rolle der Sozialen Arbeit in Griechenland, vor allem während der Krise,
waren schwer zu bekommen. Beim Kongress zum Thema: Wie wollen wir wirtschaften?
Solidarische Ökonomie im globalisierten Kapitalismus, an der TU Berlin, beschrieb
Skevos Papaioannou die Situation folgend:
»Soziale Arbeit wird hauptsächlich vom Staat, von der Kirche und teilweise von den
Kommunen getragen. […] Damit sollte klar sein, dass das Verständnis von Gerechtigkeit
bzw. von einer sozial gerechten Sozialpolitik, das diese Institutionen vertreten und weil
sie gleichzeitig selber Machtstrukturen darstellen, ein solches ist, das die Sozialpolitik als
einen Reproduktionsmechanismus ihrer eigenen Macht und der von anderen
gesellschaftlichen
herrschenden
Reproduktionsideologien
versteht.
Interessen
Es
geht
168
INTERNETQUELLE:42.
INTERNETQUELLE: 43.
170
INTERNETQUELLE: 44 & 45.
171
INTERNETQUELLE: 46.
172
INTERNETQUELLE: 44.
173
INTERNETQUELLE: 45.
174
INTERNETQUELLE: 44.
169
47
und
ihnen
Herrschaftsdabei
keineswegs
und
um
gesellschaftspolitische Veränderungen, die auf mehr Demokratie und Gerechtigkeit
zielen, sondern um das gerade Gegenteil.«175
Dass sich die Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit seit Beginn der Krise verändert
haben, dürfte wohl außer Frage stehen, sicher aber nicht deren Ausrichtung. Von den
Kürzungen und Entlassungen im Öffentlichen Dienst sind mit hoher Wahrscheinlichkeit
viele Sozialarbeiter betroffen. Es ist somit davon auszugehen, dass die Rolle der Sozialen
Arbeit während der Krise eine relativ unbedeutende ist.
4.3.2 Kirche
Als weiterer, nicht unumstrittener Akteur in der Krise, ist die griechisch-orthodoxe
Kirche zu erwähnen. »[D]ie Kirche ist nach dem Staat der zweitgrößte Landbesitzer
Griechenlands«176 und dürfte auch sonst nicht arm sein. Genau dies sorgt für Kritik, denn:
»Während die Kirche bereits von der größten Hilfsaktion seit dem Zweiten Weltkrieg
spricht, bemängeln Kritiker, sie tue bei weitem nicht genug für die wachsende Zahl der
Bedürftigen.«177
Wenn man die Leistungen beziehungsweise die ergriffenen Maßnahmen der griechischen
Staatskirche in ihrer Gesamtheit aufzählen möchte, wird man sich genau so schwer tun
wie in den anderen Bereichen. Das wohl verbreitetste Angebot der Kirche ist die
Versorgung mit Nahrung. »Die griechische Kirche sagt, dass sie täglich bis zu 250.000
Menschen mit Essen versorge.«178 Dies wären annähernd 2,5 Prozent der Bevölkerung.
»Kritiker bemängeln […], es werde zu wenig getan. [...] Bisher beschränkt sich die Hilfe
der Kirche auf Suppenküchen und das Verteilen von Essen, das andere gespendet
haben.«179 Doch »[n]icht nur Nahrungsmittel, sondern auch Medikamente und
Gesundheitsdienstleistungen würden zur Verfügung gestellt.«180
Bei diesem Streit um die Hilfen geht es meines Erachtens nicht um die tatsächlichen
Leistungen und Hilfen, denn die Kirche »sei bereit, Mahlzeiten und Kleidung an
Notleidende zu verteilen, sowie Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, seelsorgerlich
175
PAPAIOANNOU: 2006, S.7.
INTERNETQUELLE: 47.
177
INTERNETQUELLE: 48.
178
MALKOUTZIS: 5/2012, S.22.
179
PSARIANOS, Grigoris zitiert nach INTERNETQUELLE: 48.
180
INTERNETQUELLE: 48.
176
48
beizustehen«.181 Es geht hierbei vielmehr um die steuerlichen Privilegien die die Kirche
genießt, als auch um die ca. 200 Millionen Euro Lohnkosten der 9.000 Mitarbeiter, die der
Staat trägt.182 »Erst seit 2010 muss die Kirche auf ihre Miet- und Pachteinnahmen Steuern
zahlen. Aber nicht die üblichen 45 Prozent, sondern nur 20 Prozent. Keine andere
griechische Institution genießt ähnliche Privilegien.«183 Der von Kritikern geforderten
Steuererhöhung für die Kirche, wird immer wieder eine Absage erteilt.184
Jenseits der Kritik ist jedoch die Kirche eine wichtige Stütze für viele der religiösen
Menschen in Griechenland. »Wegen [der] Nähe [zum Staat, den] viele Bürger
verantwortlich für die desolate Finanzlage ihres Landes machen, müssen sich die bislang
fast unberührbaren Kirchenvertreter Kritik gefallen lassen.«185
4.3.3 NGOs
Neben staatlichen und kirchlichen Institutionen sind in Griechenland »Menschen [...]
dabei zunehmend auf die Hilfe von Nichtregierungsorganisationen angewiesen.186 Diese
sind gemessen an den Hilfeangeboten jedoch weniger stark vertreten. »Allerdings sind
unter den gegebenen wirtschaftlichen Bedingungen auch viele der Hilfsorganisationen,
die dort soziale Unterstützung leisten, wo die Regierung es nicht tut, aufgrund knapper
werdenden Gelder von der Schließung bedroht.«187 Viele der NGOs haben eher eine
Beobachterrolle, berichten über die aktuelle Lage und prangern Fehlentwicklungen an,
wie zum Beispiel Amnesty International.188
Eine der aktivsten NGOs im Bereich der akuten Hilfen ist derzeit wohl Médecin du Monde.
Auch MdM sorgt für die Versorgung der Menschen mit Lebensmittel und für einige
Kinder auch mit Nahrungsergänzungsmitteln, denn viele Familien in prekären Lagen
181
Erzbischof HIERONYMUS II. zitiert nach INTERNETQUELLE: 49.
INTERNETQUELLE: 48.
183
INTERNETQUELLE: 50.
184
Erzbischof HIERONYMUS II. zitiert nach INTERNETQUELLE: 49.
185
INTERNETQUELLE: 47.
186
MALKOUTZIS: 6/2011, S.3.
187
MALKOUTZIS: 6/2011, S.4.
188
INTERNETQUELLE: 51.
182
49
können eine ausgewogene und ausreichende Ernährung nicht mehr gewährleisten Unterernährung gehört zum Alltag.189
»Pour la première fois, MdM est donc intervenu dans les supermarchés afin de récolter des
produits alimentaires de première nécessité : pâtes, riz, lait…De même pour les
vêtements, MdM invite ceux qui le peuvent à faire don d’habits que l’association puisse
redistribuer.« 190
Die bisher beschriebenen Maßnahmen von MdM gleichen denen der konfessionellen und
staatlichen Akteure. Doch neben der Grundversorgung bietet die NGO vier polycliniques
in Athen, Thessaloniki und Kreta an sowie jeweils einer antennes mobiles (vergleichbar
einer Hotline) für Augen- und Zahnprobleme; zwei weitere für Migranten in Patras und
Thessaloniki. Weiter existieren Gesundheitsprogramme für Roma en banlieu d' Athènes et
en Thessalonique, in denen Menschen medizinisch begleitet und Kinder geimpft werden.
Zudem gibt es in Athen ein Programm für des usagers de drogue.191
Es gibt selbstverständlich eine Reihe weiterer Nichtregierungsorganisationen, die mit
ihren gemeinnützigen Arbeiten versuchen die Auswirkungen der Krise einzudämmen.
Kritik gab es an klassischen NGOs in den geführten Gesprächen keine, im Gegensatz zu
Vereinen und Clubs vergleichbar den Rotariern oder Lions Club, die als elitär abgelehnt
und deren Hilfen als Almosen betrachtet werden sowie die wohltätigen Personen sich mit
den Profiteuren des politischen Systems decken.192
4.4 Proteste und Streiks
Die wohl bekanntesten Reaktionen der griechischen Bevölkerung sind Proteste und
Streiks, was auf das mediale Interesse an solchen Aktionen zurück zuführen sein dürfte.
Die Vielfalt derer lässt sich in ihrer Gesamtheit kaum erfassen.
Auslöser der massivsten Proteste, welche häufig von gewaltsamen Ausschreitungen
begleitet werden, sind im Rahmen der beschlossenen oder angekündigten Sparpakete zu
beobachten. So war im Frühjahr und Sommer 2010 in den Zeitungen zu lesen: »Während
189
INTERNETQUELLE: 52.
INTERNETQUELLE: 52.
191
INTERNETQUELLE: 52.
192
GESPRÄCHSNOTIZ VII: 23.01.2013.
190
50
das öffentliche Leben vor allem in Athen durch Streiks und Proteste weitgehend
lahmgelegt wurde, paukten die 160 Abgeordneten der regierenden PASOK-Partei das
Sparpaket in einem Schnellverfahren durch das Parlament«193 So versammelten sich über
10.000 Demonstranten in Athen, um gegen die Sparmaßnahmen zu protestieren.194 Die
Demonstrationen verliefen zum Großteil friedlich, doch: »Die Polizei setzte Tränengas
ein, um Dutzende demonstrierende Lehrer am Sturm auf das Finanzministerium zu
hindern.«195 Solche Berichte ließen sich auch im Vorfeld und während der folgenden
Sparpaketsbeschlüsse lesen. So auch im Februar 2012, als die Arbeitslosigkeit den
höchsten Punkt der Jahre zuvor erreicht hatte, trieb es die Bevölkerung auf die Straßen,
denn die vorangegangenen Sparpakte sorgten für eine bisher kaum gekannte Not. Der
Protest der Menschen in Griechenland radikalisiert sich zunehmend. »An den
Ausschreitungen seien etwa 1.000 bis 1.500 militante, mit Brandflaschen und
Schlagwerkzeugen bewaffnete Demonstranten beteiligt«.196 Gewerkschaften zufolge
dürften bei diesen Massenprotesten 200.000 Demonstranten beteiligt gewesen sein. In
diesen Tagen kam es auch in Thessaloniki und Patras zu schweren Ausschreitungen. In
Agrinio, den Inseln Korfu und Kreta wurden Büros gestürmt und zerstört. 197 Solche
Berichte reichen noch nicht aus, um sich ein ausreichendes Bild der Situation machen zu
können, doch lässt sich daraus eine deutliche Ablehnung der Spardoktrin ableiten, welche
die Menschen immer weniger zu akzeptieren gewillt sind.
In der breiten Öffentlichkeit werden die meisten Proteste durch die, an deren Rande,
erscheinende Gewalt bekannt. In den Leitmedien wird jedoch die Vielzahl von
Demonstrationen übersehen. »Derzeit erlebt Athen fast jeden Tag wütende Proteste
einzelner Gruppen. Aber die Forderungen von Lkw-Fahrern, Obst- und Gemüsebauern,
jungen Ärzten, die nicht bezahlt werden, oder den Mitarbeitern eines Verlags, der gerade
dichtgemacht hat, sind zu unterschiedlich, als dass eine gemeinsame Position aus ihnen
erwachsen könnte.«198 Eine der bekannteren Protestgruppen ist »[d]ie Bewegung der
sogenannten »empörten Bürger«[,sie] bringt seit dem 25. Mai jeden Abend Tausende von
193
INTERNETQUELLE: 53.
INTERNETQUELLE: 54.
195
INTERNETQUELLE: 55.
196
INTERNETQUELLE: 56.
197
INTERNETQUELLE: 56.
198
INTERNETQUELLE: 48.
194
51
Menschen auf den wichtigsten Plätzen Athens, Thessalonikis und anderer Städte
zusammen. Auch wenn die Proteste mit dem Skandieren von Parolen gegen die EU/IWFKreditvereinbarung populistische Züge haben, sind sie doch beeindruckend friedlich und
unpolitisch.«199 Was der Autor unter unpolitisch versteht, lässt er offen. Bei einem
Interview machte mir mein Gesprächspartner deutlich: »The basic thing - the thing we
have to understand - is to create [a] kind of movement, so as the people [...] don't have to
pay for the crisis.«200 So stehen sich derzeit jedoch zu viele verschiedene Gruppen des
Protests gegenseitig im Weg und ihnen gelingt es nicht, einen gemeinsamen Nenner zu
finden. »A basic value is, to send away this government.«201 Nun sind diese
Demonstrationen und andere Protestformen ein Zeichen der Unmut und Wut auf die
Regierung, jedoch reichen diese nicht aus, um an der Situation etwas zu verändern.
Als komplementäres Element der Proteste sollen an dieser Stelle die Rolle der Streiks
geklärt werden, von einzelnen Branchen bis hin zum Generalstreik. Die von den
Regierungen beschlossenen Maßnahmen konnten durch Proteste nicht gestoppt werden,
doch sorgen Streiks zumindest für Teilerfolge. So legten Taxifahrer im August 2011 ihre
Arbeit nieder, um beschlossene Maßnahmen zu verhindern. Durch den drei Wochen
langen Streik während der Hauptsaison, war der Druck groß genug die Regierung zum
Einlenken zu zwingen.202 In Deutschland unvorstellbar: »Richter und Staatsanwälte legten
am Montag ihren Dienst nieder. An Straf- und Zivilgerichten soll der Streik nach den
Ankündigungen der Richtergewerkschaft eine Woche, an Verwaltungsgerichten zwei
Wochen dauern.«203 Es gibt kaum eine Branche die bisher nicht die Arbeit niedergelegt
hat. Doch sind die erfolgreichsten Streiks jene, die den Verkehr lahmlegen. Der Streik der
U-Bahn-Arbeiter, mit dem sie Lohnkürzungen verhindern wollten, wurde von der
Regierung per Notstandsgesetz illegalisiert.204 Solch ein Streik sorgt für hohe
wirtschaftliche Einbußen und ist ein exzellentes Druckmittel. »This is why the
government is afraid of this particular thing. A very [good] example is the strike of the
199
MALKOUTZIS: 6/2011, S.4.
INTERVIEW V: 23.01.2013 Minute 1:06 bis 1:32.
201
INTERVIEW V: 23.01.2013 Minute 4:35 bis 4:50.
202
INTERNETQUELLE: 57.
203
INTERNETQUELLE: 58.
204
INTERNETQUELLE: 59.
200
52
subway and the metro and the train these days.«205 Dabei ging der Staat mit Polizeigewalt
gegen die Streikenden vor, um den eine Woche dauernden Streik zu brechen.206
Unzählige Demonstrationen und Streiks, erfolgreiche und gescheiterte, haben über die
letzten Jahre hinweg immer wieder das öffentliche Gemüt bewegt, jedoch hat sich die
Situation in Griechenland nicht verbessert. Diese Reaktionen auf die Austeritätspolitik
sind ein Versuch die Folgen zu mildern oder abzuwenden, doch sorgen Notstandsgesetzte
und ein hartes Vorgehen der Sicherheitskräfte dafür, dass den Streikenden die
Druckmittel genommen sind.
4.5 Zusammenfassung
Über die letzten Jahre hinweg ist von verschiedenen Akteuren vieles ausgegangen, um die
Folgen der Krise zu mildern, abzuwenden oder sich gegen die ergriffenen Maßnahmen
auszusprechen. Inwiefern sich diese dauerhaft auf die Situation auswirken mögen bleibt
hierbei offen, soll jedoch im letzten Kapitel aufgegriffen werden.
5. Neofaschismus: Ein Profiteur der Krise
Kurz vor meinem ersten Aufenthalt in Griechenland im August 2012, fanden Wahlen in
Griechenland statt, nach denen eine faschistische Partei207 ins Parlament einzog. Zu
diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, welche Rolle diese Bewegung tatsächlich hat. Im
folgenden Kapitel, wird auf dieses Phänomen näher eingegangen.
5.1 Aufstieg und Akzeptanz
»Ein Novum in der griechischen Parteienlandschaft ist die neofaschistische Partei
Goldene Morgendämmerung, die bei der Wahl einen relativ hohen Anteil von sieben
Prozent der Stimmen erreichte.«208 In den achtziger Jahren wurde die Partei gegründet,
anfangs als Teil eines gleichnamigen Magazins, welches in seinen Veröffentlichungen des
Öfteren Hitler und die Nazis glorifizierte. Der Name Chrysi Avgi (Χρυσή Αυγή) bedeutet
205
INTERVIEW V: 23.01.2013, Minute 3:10 bis 1:57.
INTERNETQUELLE: 60.
207
Anmerkung: Der Name der Partei ist Chrysi Avgi (Χρυσή Αυγή). Im Deutschen finden sich zwei
Übersetzungen: Goldene Morgendämmerung/Morgenröte. Im Englischen ist die Übersetzung Golden Dawn,
im Französischen l'Aube dorée.
206
208
TSIANOS/PARSANOGLOU: 2012, S.14.
53
ins Deutsche übersetzt Goldene Morgenröte.209 Bis vor wenigen Jahren stellte die Partei
eine kaum wahrgenommene Randerscheinung dar. »Bei früheren Wahlen war die Partei
stets deutlich unter einem Prozent Stimmenanteil geblieben. Bei den Parlamentswahlen
vom Oktober 2009 erreichte sie 0,29 Prozent. Die erste Überraschung gab es bei den
Kommunalwahlen im November 2010: In Athen kam die Chrysi Avgi auf 5,29 Prozent,
damit war sie erstmals im Stadtparlament vertreten.«210
Es stellt sich an dieser Stelle unweigerlich die Frage: Wie ist es möglich, dass eine Partei
binnen so kurzer Zeit einen derart großen Stimmzuwachs erzielen konnte? »Eine zentrale
Rolle spielen natürlich die Protestwähler, bei denen das Gefühl der Unsicherheit in Hass
gegen „die Migranten“ umschlägt, aber auch die Unfähigkeit der griechischen
Massenmedien, das Phänomen Chrysi Avgi nüchtern darzustellen. Vor allem aber haben
die Kader der Partei eine Strategie entwickelt, die nichts dem Zufall überlässt. 2008
begannen die Neonazis den politischen Raum systematisch zu erobern. Sie beschlossen
ihren Kleinkrieg mit den Athener Anarchisten zu beenden und ihre Aktivitäten auf die
Bezirke zu konzentrieren, in denen viele Ausländer ohne Aufenthaltspapiere leben.«211 So
lässt es sich sicherlich kaum leugnen, dass sich unter der Wählerschaft der Partei
Protestwähler befinden, doch ist zu bezweifeln, dass diese so zahlreich sind. Die eben
erwähnten Aktivitäten sind hauptsächlich Gewaltakte, auf die im Verlauf noch
eingegangen wird. Weitere Kommentare zur Chrysi Avgi sehen ebenfalls Protestwähler als
Grund für den Aufstieg der Ultrarechten. »Den Erfolg von Chrysi Avgi bei der
vergangenen Wahl führen politische Beobachter aber nicht etwa auf plötzlich
erwachenden Nationalismus zurück. Vielmehr würden die Rechtsextremen ihren Aufstieg
de[m] Zerfall der bisherigen beiden großen Regierungsparteien, der sozialistischen Pasok
und der Nea Dimokratia verdanken.«212 Es wird nicht bezweifelt, dass die Verluste der
großen Parteien den Rechten zu Gute kommen. Andere sehen den Erfolg der Partei als ein
Ergebnis des »Zustrom[s] der illegalen Immigranten, die über die türkische Grenze ins
Land kommen und die mittlerweile Teile des historischen Zentrums von Athen zu einer
Dritten Welt mitten in Europa gemacht haben. Griechenland - ein Land von elf Millionen 209
INTERNETQUELLE: 61.
INTERNETQUELLE: 62.
211
INTERNEQUELLE: 62.
212
INTERNETQUELLE: 61.
210
54
ist mit dem Zustrom von einer Million Illegaler längst überfordert, Kriminalität und
Drogenhandel steigen stark an.«213 Diese verkürzten Argumentationsweisen lassen viele
nicht unerhebliche Faktoren und Zusammenhänge außer Acht. Denn: »Migration gilt der
Regierung und fast allen Parteien als Problemthema, insbesondere Flüchtlinge werden für
fast alle sozialen Probleme verantwortlich gemacht. Der ehemalige Minister für
öffentliche Ord[n]ung, Michalis Chrysochoidis von der sozialdemokratischen Partei
Pasok, nannte Flüchtlinge ohne Papiere im April vorigen Jahres eine »tickende Zeitbombe
für die öffentliche Gesundheit«. Kriminalität und Gewalt werden stets im Zusammenhang
mit ihnen genannt, vermeintliche Gewaltverbrechen von Migranten werden zum
Vorwand für rassistische Pogrome genommen.«214 Die Protestwähler sowie die
Thematisierung der illegalen Migration für den Erfolg der Chrysi Avgi verantwortlich zu
machen reicht hier nicht aus, denn »[l]aut einer aktuellen Umfrage würde Chrysi Avgi
heute bei Wahlen 12 bis 15 Prozent der Stimmen gewinnen und damit drittstärkste Partei
werden.«215
Die Versäumnisse der etablierten Parteien, wirken sich fraglos auf die jetzige Situation
aus. »In den vergangenen 30 Jahren habe es keine kontinuierliche rechtliche Linie in der
Migrationspolitik gegeben. Die soziale Mobilität von Migrantinnen und Migranten sei
gering,
vom
Arbeitsmarkt
seien
sie
weitgehend
ausgeschlossen
und
selbst
Gewerkschaften hätten sie stets ignoriert.«216 Bereits vor der Krise war Griechenland als
Durchreiseland in die mitteleuropäischen Staaten von Migranten stark frequentiert.
Durch das Dublin-II-Abkommen, landeten jedoch viele wieder in Griechenland. »Der
Rassismus wurde zwar nicht von der Krise produziert, aber die Entwicklungen der
vergangenen zwei Jahre haben deutlich gezeigt, wie schnell die rassistische und offen
gewalttätige Rhetorik gesellschaftliche Akzeptanz gewinnt, sobald sie politisch
legitimiert wird.«217 Die seit Beginn der Krise eingetretenen Veränderungen,
Arbeitslosigkeit, Lohnkürzungen und die bereits erwähnten Einbußen sorgen für Unmut.
Die Menschen suchen nach einfachen Lösungen und Erklärungen für diese Situation.218
213
INTERNETQUELLE: 63.
INTERNETQUELLE:64.
215
INTERNETQUELLE: 65.
216
INTERNETQUELLE: 64.
217
INTERNETQUELLE: 66.
218
GESPRÄCHSNOTIZ VIII: 27.08.2012.
214
55
Diese werden ihnen von Medien geboten. »And this TV shows - TV programs, everything trying to mislead, [talking] more about the refugee problem than the economical one. And
there comes the Chrysi Avgi, that actually gives a way of [solution]. It's like a brainwash all the time.«219 Die mediale Darstellung der Situation verstärkt die Ressentiments in der
Bevölkerung und schafft somit einen »Sündenbock«, der sich leicht instrumentalisieren
lässt. »Eines haben die Rechtsausleger schon geschafft: Die etablierten Parteien sind auf
den Zug aufgesprungen. Michalis Chrysochoidis, bis vergangene Woche PasokBürgerschutzminster, ordnete eilig den Bau
von 30 Internierungslagern an,
Gesundheitsminister Andreas Loverdos warnte vor Aids und anderen Krankheiten der
Flüchtlinge, und Antonis Samaras, Chef der konservativen Nea Dimokratia, nannte die
Immigranten die "Tyrannen" des Volkes.«220 Diese Intervention kann sich jedoch die
Chrysi Avgi auf die Fahnen schreiben. »Eine[r] [im September] veröffentlichte Umfrage
unter Griechinnen und Griechen ergab, dass inzwischen 22 Prozent der Befragten ihre
Stimme der offen neonazistischen Partei Chrysi Avgi geben würden. In nur vier Monaten
stieg die Zustimmung zur Politik der Faschisten somit um zehn Prozentpunkte an, sie ist
nun fast doppelt so hoch wie im Mai. Stets ist die Rede davon, dass diese Entwicklung auf
die Unsicherheit der Menschen in der Krise zurückzuführen sei.«221
5.2 Aktionsformen der Neofaschisten
Der Erfolg der Neonazis ist nicht nur auf das Versagen der etablierten Parteien
zurückzuführen. Er ist neben den Versäumnissen der früheren Regierungen, das Ergebnis
von verschiedenen Aktionsformen faschistischer Gruppierungen und der Chrysi Avgi.
Auch die Rechten bedienen sich der Selbstorganisation. »Aber Selbstverwaltung ist
natürlich kein Selbstzweck, es kommt darauf an, wer was warum und wie selbst verwaltet.
Dass griechische Nazis Lebensmittel an Arme verteilen, ist dafür exemplarisch.«222 Nun
verteilen sie Lebensmittel an Arme, richten Volksküchen ein und verwalten
Sozialsupermärkte. Voraussetzung für die Hilfen ist ein griechischer Pass. Durch diese
Hilfen gewinnen faschistische Gedanken an Boden und sorgen bei potenziellen Wählern
219
INTERVIEW III: 13.12.2012, Minute 12:45 bis 13:09.
INTERNETQUELLE: 63.
221
INTERNETQUELLE: 64.
222
INTERNETQUELLE: 34.
220
56
für Sympathie.223 Neben der Versorgung mit Lebensmitteln machen sich die
Neofaschisten auch anderweitig stark. »In den heruntergekommenen Bezirken hört man
immer häufiger, dass Mitglieder der Chrysi Avgi ältere Leute als eine Art Leibwächter zur
Bank begleiten, damit sie unbehelligt ihr Geld abheben können. Die Organisation selbst
kündigt ganz offen an, dass sie die Gegend »ausmisten« werde.« 224 Über die letzten
Monate
hinweg
ist
so
eine
inoffizielle Ordnungsmacht entstanden.225 »Die
Schwarzhemden von Chrysi Avgi stellen Bürgerwehren auf, die tagsüber Rentner zum
Einkaufen begleiten - und abends zur Jagd auf dunkelhäutige Immigranten blasen.
Kritische Journalisten erhalten von ihnen Briefe, in denen ihnen auch schon mal ein
»Attentat« in Aussicht gestellt wird.«226 Diese Hilfen und andere Aktionsformen sorgen
bei einem Teil der Bevölkerung für große Zustimmung. »Mit ihrem permanenten
Aktionismus hat es die Partei offenbar geschafft, ihre Akzeptanz bei den Einwohnern zu
erhöhen. Das zeigt auch die Tatsache, dass 6,5 Prozent der Befragten sogar ihre
minderjährigen Kinder ermuntern, sich an Aktionen der Partei zu beteiligen.«227
Seit Beginn der Krise sind fremdenfeindliche Übergriffe alltäglich geworden:
»Nach Angaben des Netzwerks für die Ermittlung rassistischer Gewaltakte gab es allein
zwischen Oktober und Dezember des letzten Jahres [2011] 63 Überfälle auf Migranten,
wobei die Täter in 18 Fällen als „Mitglieder extremistischer Organisationen“ und in 26
Fällen als einfache Bürger identifiziert wurden. Unter diesen waren auch 18 Polizisten
sowie ein Wachmann, der für eine private Sicherheitsfirma in einem Krankenhaus
arbeitete. In 51 Fällen operierten die Angreifer in Gruppen, zu denen häufig auch Frauen
gehörten. Insgesamt wurden 30 der Opfer schwer verletzt, hat das Netzwerk ermittelt, das
in seinem Griechenland-Report im Übrigen darauf hinweist, dass es keine staatliche
Behörde gibt, die eine offizielle Statistik über rassistische Überfälle führt.«228
Die Berichterstattung bezüglich rassistischer Gewalt hält sich in Grenzen und wird oft als
Akt der Selbstverteidigung oder berechtigter Selbstjustiz dargestellt, wie im Falle eines
223
GESPRÄCHSNOTIZ VIII: 27.08.2012.
INTERNETQUELLE: 62.
225
INTERNETQUELLE: 65.
226
INTERNETQUELLE: 63.
227
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228
INTERNETQUELLE: 62.
224
57
30jährigen Ägypters, der des Diebstahles bezichtigt, brutal zusammengeschlagen
wurde.229 »Aristoteles Kallis, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Lancaster
[...] sagt, dass sich die Grenzlinie zwischen den Chrysi-Avgi-Leuten und normalen,
aufgebrachten Bürgern immer mehr verwische.«230 Der Faschismus in Griechenland ist
bei weitem kein Randphänomen mehr, sondern hat breite Schichten erreicht.
Mittlerweile müssen Migranten mehr denn je darauf achten, in welchen Vierteln sie sich
bewegen, denn: »Members of the neo-Nazi group Chrysi Avgi (golden Dawn) have been
attempting to establish since May 2009 a »migrant-free« zone in explicit cooperation with
the police force permanently stationed in the area.« 231 Es ist mitunter auch für linke
Aktivisten und Politiker nicht mehr einfach, sich in solchen Gegenden zu bewegen, denn
auch sie werden immer öfter Opfer von rechter Gewalt.232 »Armés de barres de fer, les
militants d'Aube dorée imposent leur loi dans certains quartiers d'Athènes[...]«. 233 So
entstehen in manchen Vierteln nahezu rechtsfreie Räume, in denen faschistische
Strukturen die Kontrolle übernehmen.
Die Rolle des Staates in dieser Situation ist nicht unerheblich. »Da Migration stets als
Problem thematisiert wird, können faschistische Banden und rassistische Bürgermobs
meist ungestört agieren, wenn sie das vermeintliche Problem bekämpfen. Der Staat helfe
den Faschisten durch seine gegen Migrantinnen und Migranten gerichtete Politik und
Rhetorik.«234 Zwar gab es Überlegungen die Chrysi Avgi zu verbieten, die Motivation
hierin dürfte aber, zumindest bei vielen Politikern, mehr im Machtschwund liegen, als an
der Gefahr, welche die Partei für Demokratie und Gesellschaft darstellt. Es sind aber nicht
nur die fremdenfeindlichen Ressentiments. »Dank der Unterstützung der Polizei, deren
Mitglieder Schätzungen zufolge zu 50 bis 60 Prozent für die rechtsextreme Partei
gestimmt haben, kann sie ihre menschenverachtenden Angriffe weitgehend unbehelligt
durchführen. Oft werden diese direkt von Polizeibeamten unterstützt. Darüber hinaus
sind mehrere Fälle bekannt geworden, in denen Polizisten politische Gegner der Chrysi
229
INTERNETQUELLE: 66.
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231
VRADIS/DALAKOGLOU: 2011, S. 78.
232
GESPRÄCHSNOTIZ VIII: 27.02.2012.
233
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234
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230
58
Avgi inhaftiert und in Gefängniszellen gefoltert haben.«235 Es ist vor allem die Polizei, die
in den letzten Monaten immer wieder für Aufsehen gesorgt hat. So zum Beispiel im
Februar 2012. »Der Vorstand der Gewerkschaft der Polizisten des Landes (POESY) droht
mit der Festnahme der Kontrolleure der EU, des Internationalen Währungsfonds (IWF)
und der Europäischen Zentralbank (EZB).«236 Weiter soll nicht unerwähnt bleiben, dass
sich »[d]ie Polizei [oft] weigert [...], Anzeigen wegen rassistischer Übergriffe
aufzunehmen, oder droht Menschen ohne Papiere mit Abschiebung. In einigen Fällen
sind die Polizisten, im Dienst oder privat, sogar selbst die Täter.«237
Einer der letzten Übergriffe ereignete sich »in the early hours of January 17th (at
approximately 3.20 AM)[. T]wo Greek men aged 28 and 24 attacked and lethally stabbed a
Pakistani male, aged 27. The two tried to ride away on their motorbike, but thanks to the
neighbors who shouted and kept track of their license plates, they were arrested soon
thereafter. Both the Greek police and mainstream media are trying to play down the
murder, claiming it came as result of a ‘dispute’ over traffic priority.«238
Das Phänomen des zunehmenden Faschismus in Griechenland und seine Einflüsse auf das
soziale Gefüge können im Rahmen dieser Arbeit nur unzureichend beleuchtet werden.239
Es ist vielschichtig und hat eine lange Geschichte. Dennoch stellt der Faschismus für die
griechische Gesellschaft eine zunehmende Herausforderung dar. Die Zuwendung zu
rechtem Gedankengut ist eine Reaktion auf die in der Krise zunehmende Unsicherheit und
Perspektivlosigkeit. Chrysi Avgi bietet hier Menschen einfache Lösungen an und kann
durch den medial und politisch ausgemachten Sündenbock,
»der Migrant«, Profit
schlagen. Ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung erwartet scheinbar, dass die
Herausforderungen, die Griechenland zu bewältigen hat, durch die Zuwendung zur
neofaschistischen Partei gemeistert werden können.
235
INTERNETQUELLE: 68.
INTERNETQUELLE: 69.
237
INTERNETQUELLE: 64.
238
INTERNETQUELLE: 70.
239
Anmerkung: An dieser Stelle könnten Untersuchungen angestellt werden, in welchen die derzeitige
Situation Griechenlands mit der der Weimarer Republik verglichen werden. Ein weiterer
Forschungsgegenstand müsste die Verbreitung rechter Strukturen und Einflüsse im Polizeiapparat
erfassen.
236
59
6. Fazit und Ausblick
Wird die Situation in Griechenland betrachtet, lässt sich eine Reihe von Problemen
feststellen. Durch eine konsumorientierte Wirtschaft mit mangelnder Exportorientierung
entstand ein Außenhandelsdefizit, welches durch Kreditaufnahme auszugleichen
versucht wurde. Der krisenbedingte Konjunktureinbruch sorgte für sinkende Einnahmen
und erhöhte Ausgaben, wodurch Kredite nicht mehr bedient werden können. Die Folgen
sind Sparmaßnahmen und Gesetzesänderungen, um auf diesem Weg international zur
Verfügung gestellte Hilfsgelder zu erhalten. Doch die Folgen der vorgenommenen
Einschnitte sorgen unter anderem für eine rasant steigende Arbeitslosigkeit und Armut,
welche wiederum für Probleme sorgen. Griechenland befindet sich in einem Teufelskreis,
aus dem es in naher Zukunft wohl kein Entkommen gibt. Denn nennenswerte
Änderungen in der griechischen Wirtschaftspolitik und der europäischen Krisenpolitik
haben sich bisher nicht ergeben.
Durch verschiedene Strategien versuchen die griechische Bevölkerung und andere
Akteure
diesen Problemen zu entgehen, oder diese abzumildern. Eine Landschaft
vielfältiger Reaktionsmuster auf die Herausforderungen der Krise ist entstanden, in der
Lösungsansätze und -strategien oftmals aus der Not geboren, für ein Minimum an
Lebensqualität sorgen. Sicherlich lassen sich bezüglich der Reaktionen verschiedene
Standpunkte
vertreten.
Doch
sind
Initiativen
der
Selbstverwaltung
und
Selbstorganisation Erfahrungsfelder, in denen sich ein Für- und Miteinander erlernen und
praktizieren lassen. Die Verantwortungsübernahme und das Erlernen sozialer
Kompetenzen in einem basisdemokratischen Kontext, könnten zu einer neuen Art des
gesellschaftlichen Umgangs miteinander führen.
In der Krise lassen sich, aus Sicht der Sozialen Arbeit, Ressourcen erkennen auf die
Menschen in der Not zurückgreifen, darunter die Familie und engere der engere
Bekanntenkreis. Es werden Selbsthilfestrukturen aufgebaut, um den Problemen
angemessen zu begegnen. Soziale Arbeit in Griechenland könnte unter anderen
finanziellen Bedingungen sowie anderer Konzeption dazu beitragen, die Situation zu
verbessern. Durch Hilfe zur Selbsthilfe könnten die von der Krise Betroffenen dazu bewegt
und unterstütz werden, selbst Initiativen und Projekte der Selbstverwaltung und organisation ins Leben zu rufen. Da jedoch die Soziale Arbeit in Griechenland kaum
60
etabliert und relativ unbedeutend ist, können an diese keine allzu hohen Erwartungen
geknüpft werden.
Eine der Schwierigkeiten während der Abfassung der Arbeit war die Quellenlage. Bedingt
durch die Aktualität und der relativ kurzen Dauer der Krise, sind bezüglich der sozialen
Lage der griechischen Bevölkerung kaum wissenschaftliche Erkenntnisse vorhanden.
Dadurch musste auf eine Vielzahl anderweitiger Publikationen und investigative Arbeit
zurückgegriffen werden, darunter auch das Nutzen von Interviews und Gesprächsnotizen,
um eine möglichst objektive Analyse der Lage zu gewährleisten. Sprachliche Barrieren
kamen hinzu, wodurch griechischsprachige Quellen nur eingeschränkt nutzbar waren,
woraus sich in einzelnen Teilen Unvollständigkeiten ergeben können. Da sich das
ausbreitende Elend nicht wegleugnen lässt, erscheinen in den letzten Monaten vermehrt
Ton- und Bilddokumente, welche die Missstände widerspiegeln.
Zukünftige Forschungsfragen könnten eine genauere Analyse der Selbstverwaltung, in
verschiedenen Kontexten, deren Auswirkungen auf die unmittelbare Umwelt sowie
überregionale Koordinationen von Initiativen sein, oder aber die Frage nach der
Ausbreitung der faschistischen Bewegung in Griechenland, verglichen mit der in der
Weimarer Republik. Als weitere Frage, oder aber in die eben Beschriebene integrierte
Forschungsfrage eingebunden, könnten der deutsche Staatsapparat, welcher verdeckt
oder offen
rechte Organisationen
unterstützt
(siehe
die
Verstrickungen
des
Verfassungsschutzes mit dem NSU), mit dem griechischen verglichen werden. Ein
besonderer Aspekt hierbei wäre die Rolle der Akteure in den jeweils vorhergegangenen
Regimen im Aufbau der demokratischen Nachfolger zu betrachten.
Schließen möchte ich mit einigen Gedanken und Richtigstellungen. Die Krise
vollkommen objektiv zu betrachten ist kaum möglich, da verschiede Ansichten vertreten
werden, die auf unterschiedlichen theoretischen Konstrukten basieren. Was unter
Rettung zu verstehen ist, hängt somit von der jeweiligen Perspektive ab. Doch: »Nach fünf
Jahren Wirtschaftskrise könnte der Griechenland auferlegte Maßnahmencocktail in der
Tat in dem unerwünschten Rekord münden, die »steilste wirtschaftliche Talfahrt der
61
Neuzeit« zur Folge zu haben (Reuters 2012).«240 Wie sich Griechenland als Volkswirtschaft
erholen soll, bleibt offen.
Der faule Grieche arbeitete im Jahr 2010 durchschnittlich 2.017 Stunden, wohingegen der
deutsche Vorzeigearbeiter mit sage und schreibe 1.408 Stunden seinen tugendhaften Fleiß
unter Beweis stellen konnte.241 Des Deutschen Fleiß ist auch am gesetzlichen
Renteneintrittsalter242 zu bewundern, denn mit 65 Jahren (bzw. 67) gegenüber den 60
Jahren des arbeitsscheuen Griechen, zeigt er seinen Ehrgeiz und tadellosen Einsatz für das
Wohl des Volkskörpers. Vom tatsächlichen Eintritt in die Rente, in Deutschland wie auch
Griechenland mit 62,2 Jahren, darf man sich nicht blenden lassen.243
Wie sich die Situation in Zukunft weiter entwickeln wird, ist schwer einzuschätzen. Doch
dürfte der Ausblick in die Zukunft nicht sehr erfreulich sein. Weder glaube ich, dass es
nennenswerte Verbesserungen in der Arbeitswelt in Griechenland geben wird, noch kann
ich mir Vorstellen, dass der Machtgewinn der Faschisten bereits sein Ende erreicht hat. In
der aktuellen Krisensituation vertrauen offensichtlich viele den populistischen Parolen. In
der jüngeren Geschichte sind traurige Parallelen dazu zu finden. Es ist vor allem
erschreckend, wie viele Menschen der Normalbevölkerung auf diesen Zug mit
aufspringen. Meines Erachtens dürfte sich, wenn in naher Zukunft keine wesentlichen
Änderungen eintreten, eine erneute Spaltung der Gesellschaft ergeben, ähnlich der, die
nach dem zweiten Weltkrieg in einem Bürgerkrieg mündete. Dass sich dies wiederholt
halte ich jedoch vorerst für unwahrscheinlich, jedoch gibt es einige Stimmen die von
Revolution sprechen. »Dass sich die Dinge in Richtung einer Volkserhebung entwickeln,
ist allerdings eher unwahrscheinlich. Und zwar schon deshalb, weil viele Griechen neben
ihrem Hauptwohnsitz noch eine Wohnung oder ein Stück Land besitzen. Ihre Miet- oder
Pachteinnahmen können die Auswirkungen der Krise eine Zeit lang abfedern. Auf
politischer Ebene behindert die extreme Zersplitterung der radikalen Linken die
Entstehung einer Massenbewegung. Links der Pasok gibt es an die sechzig politische
Gruppen.«244
240
LANARA: 2012, S.4.
SOTIROPOULOS: 2012, 15.
242
Anmerkung: Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2010.
243
SOTIROPOULOS: 2012, S.11.
244
INTERNETQUELLE: 38.
241
62
Auch wenn es sicherlich nicht wünschenswert ist, sind meiner Meinung nach zwei
Szenarien denkbar. Das erste Szenario wäre ein Aufstieg der Rechten. Dieser würde
unweigerlich zum Aufleben des Konfliktes mit dem Nachbarstaat Türkei führen. Weiter
dürfte mit Pogromen gegen Minderheiten zu rechnen sein, von denen auch die
albanischstämmigen Griechen betroffen sein könnten. Weiterhin würde sich die Lage in
Griechenland vollends destabilisieren und das Land für längere Zeit ins Chaos stürzen.
Das zweite Szenario: Der griechische Staat, hat einen funktionierenden Polizei- und
Repressionsapparat aufgebaut, unter anderem finanziert durch die Europäische Union.
Dies ermöglicht, die Menschen zu geringsten Löhnen arbeiten zu lassen, ohne die Gefahr
eines größeren Aufstandes herauf zu beschwören. Griechenland wäre somit zu einem
konkurrenzfähigen Billiglohnland geworden. Eine Verbindung beider Szenarien ist
ebenso denkbar.
Nun scheiterte Deutschland schon einmal (bzw. zweimal) Europa unter seine Kontrolle zu
bringen. Zwar können die Verbrechen der Wehrmacht in keiner Weise mit den Folgen der
Krise gleichgesetzt werden, doch die Dominanz der Deutschen in Europa ist so groß, dass
ohne die Zustimmung deutscher Politiker keine Entscheidungen für Europa getroffen
werden. So sind Maßnahmen welche auf europäischer Ebene entwickelt werden
gleichzeitig Wegbereiter deutscher Interessen sowie die Ausübung von Kontrolle über
andere Mitglieder der Europäischen Union. So wurde z.B., auf Deutschlands Wirken hin,
in einigen europäischen Staaten das Rentenalter erhöht. Der große Einfluss den die
Bundesrepublik auf andere Staaten Europas hat sorgt bei einigen Menschen für Unmut
und so fühlen sie sich in Anbetracht dieser Dominanz der Deutschen an vergangene
Zeiten erinnert.
Der Schaden den Deutschland (bzw. das Deutsche Reiche), in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts provoziert hat lässt sich zumindest teilweise aufzählen. Die Zahlen basieren
auf den Preisen von 1938: Die Reparationspflichten Deutschlands an Griechenland aus
dem ersten Weltkrieg belaufen sich auf 80 Millionen Mark und 7,1 Milliarden US-Dollar
aus dem zweiten Weltkrieg. Weiter kommen deutsche Handelsschulden in Höhe von 542
Millionen Dollar aus der Zeit zwischen den Weltkriegen hinzu sowie die Rückzahlung
einer Zwangsanleihe des Deutschen Reiches von 3,5 Milliarden Dollar.245 Nun wird von
245
SURMANN: 2012, S. 23.
63
verschiedenen Gruppen die Forderung laut, diese Schulden zu begleichen. So ist diese
Forderung meines Erachtens nicht unberechtigt, doch sorgten frühere juristische
Prozesse gegen den Rechtsnachfolger des nationalsozialistischen Deutschlands nicht für
die erwünschten Effekte.246 Die Zahlungen würden auf Dauer sicherlich nicht den
griechischen Staat verändern, doch könnten diese Gelder verwendet werden, die
Menschen in Griechenland zu unterstützen. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass
Deutschland durch seine Vergangenheit eine bestimmte Verantwortung hat. In
Anbetracht dieser Tatsache sollten sich einige Politiker, Publizisten sowie andere
überlegen, was sie mit ihren Äußerungen und Taten gegenüber Mitmenschen bezwecken
wollen.
Es wird viel überlegt und vorgeschlagen, wie denn Griechenland wieder auf die Beine zu
bringen sei. Laut Vizekanzler Philipp Rösler sollte es hierbei keine Denkverbote geben. So
kann auch vielleicht versucht werden eine, Lösung zu finden, nicht nur Griechenland zu
retten, sondern ganz Europa. Der Ausschluss Deutschlands aus der Währungsunion
könnte Wunder wirken. Denn die Bundesrepublik sorgt mit ihrem Exportüberschuss und
ausgeprägten Niedriglohnbereich dafür, dass ein Ungleichgewicht in Europa entsteht und
fördert somit die Konkurrenz unter den Euro-Staaten.247 Dadurch sehen sich Staaten
gezwungen das deutsche Modell zu übernehmen um konkurrenzfähiger zu werden. Wie
sich ein Ausschluss Deutschlands jedoch genau gestalten könnte sollten aber Volkswirte
klären.
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66. MATTEONI, Federica: http://jungle-world.com/artikel/2012/46/46588.html, aufgerufen
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67. GENOUX, Flora: http://www.lemonde.fr/europe/article/2012/05/05/grece-pourquoi-unparti-neonazi-pourrait-entrer-au-parlement_1695987_3214.html, aufgerufen am
13.02.2013.
68. DREIER, Christoph: http://wsws.org/de/articles/2012/okt2012/grie-o23.shtml, aufgerufen
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70. https://athens.indymedia.org/front.php3?lang=en&article_id=1451073, aufgerufen am
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71. LORDON, Frédéric: http://blog.mondediplo.net/2010-03-29-Ce-n-est-pas-la-Grece-qu-ilfaut-exclure-c-est-l, aufgerufen am 17.02.2013.
7.3 Interviews & Gesprächsnotizen
GESPRÄCHSNOTIZ I: 12.08.2012.
Gesprächspartner: Aktivist in einer Landbesetzung zur
Erzeugung von Lebensmitteln, arbeitslos,
Familienvater, Alter: Anfang 50, Thessaloniki.
GESPRÄCHSNOTIZ II: 15.08.2012.
Gesprächspartner: Aktivistin in Athen, arbeitslose
Lehrerin, Alter: ca. 30.
GESPRÄCHSNOTIZ III: 18.08.2012.
Gesprächspartner: Aktivist in zahlreichen Initiativen
und Anthropologe, Alter: 26, Athen, erstes Treffen in
Villa Amalia. Neben den Gesprächen bekam ich eine
»Einführung« in verschiedene Athener Initiativen.
GESPRÄCHSNOTIZ IV: 21.10.2012.
Gesprächspartner: zwei Studierende im NavarinouPark.
GESPRÄCHSNOTIZ V: 23.10.2012.
Gesprächspartner: Student und Helfer in linken
Volksküchen, Alter: Mitte 20.
GESPRÄCHSNOTIZ VI: 25.10.2013.
nicht verwendet.
GESPRÄCHSNOTIZ VII: 23.01.2013.
Gesprächspartner: keine Hintergrundinformationen,
männlich, Alter: ca. 55+, Athen.
GESPRÄCHSNOTIZ VIII: 27.08.2012.
Gesprächspartner: keine Hintergrundinformationen,
männlich, Alter: Mitte 40, Gespräch fand in einem Zug
statt.
72
INTERVIEW I: 27.08.2012:
nicht verwendet.
INTERVIEW II: 24.10.2012:
nicht verwendet.
INTERVIEW III: 13.12.2012:
Studentin (Agrarwissenschaften).
INTERVIEW IV: 22.01.2013:
Aktivist und Mathematikstudent.
INTERVIEW V: 23.01. 2013:
Universitätsprofessor für Hydrologie.
7.4 Abbildungen
Abb. 1
73
8. Erklärungen
Hiermit erkläre ich, dass die vorliegende Arbeit selbstständig verfasst, noch nicht
anderweitig für Prüfungszwecke vorgelegt wurde, keine anderen als die angegebenen
Quellen oder Hilfsmittel benütz sowie wörtliche oder sinngemäße Zitate als solche
gekennzeichnet wurden.
Ich bin damit nicht einverstanden, dass meine Bachelorarbeit über die Internetseiten der
Hochschule veröffentlicht wird.
74
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Seele and Geist
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