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INTERVIEW: KARL WEBER, BILDUNGSEXPERTE THEMA: WIE

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e
EBKURS
Magazin der EB Zürich
Kantonale Berufsschule
für Weiterbildung
Nr. 11
September 2006 – November 2006
eiten
Mit 8 S-Journal
Journi
THEMA: WIE KLEINFIRMEN LERNEN
INTERVIEW: KARL WEBER, BILDUNGSEXPERTE
2
EB AUF KURS
QUALITÄT SICHERN
Gutes wird besser. Seit diesem Sommer führt die
EB Zürich eine einheitliche Evaluation ihrer Lernangebote
durch. Mit einem standardisierten Fragebogen werden
Rückmeldungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern
eingeholt und ausgewertet.
Waren Sie im richtigen Kurs? Hat mit der Kursadministration alles geklappt? Haben Sie die Lernziele erreicht? Sind Sie zufrieden mit dem Angebot? Auf diese und ein paar weitere Fragen wünscht sich die EB Zürich
möglichst aussagekräftige Antworten von ihren Teilnehmerinnen und
Teilnehmern, damit sie ihre Dienstleistungen auch in Zukunft optimal
abstimmen kann.
Evaluation ist ein
Teil eines Regelkreises,
welcher die Qualität
der angebotenen Dienstleistungen sichert.
WIE WIRD EVALUIERT? Am Ende eines Kurses oder Moduls wird ein
standardisierter Fragebogen an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
verteilt. Die Fragen betreffen die administrative Abwicklung, die zur
Verfügung gestellte Infrastruktur, Kursgestaltung und -leitung sowie
die Inhalte. Neben diesen Standardfragen besteht für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch die Möglichkeit, eigene Anmerkungen anzubringen.
WARUM WIRD EVALUIERT? Die Kursleitung erfährt durch die eingegangenen Antworten, wie weit es gelungen ist, die Inhalte in sinnvolle
Lerneinheiten umzusetzen. Daraus kann sie Schlüsse ziehen für eine
nächste Durchführung. Die EB Zürich als Ganzes erhält Informationen
über die Qualität des Angebots und kann auf positive wie negative Rückmeldungen reagieren.
WAS PASSIERT MIT DEN FRAGEBOGEN? Die Fragebogen werden von
der Administration erfasst und die Antworten zusammengefasst. Für die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer wichtig zu wissen: Diese Zusammenfassungen werden anonymisiert und die Daten vertraulich behandelt.
Eine klug durchgeführte Evaluation ist ein Steuerinstrument, ohne das
moderne berufliche Weiterbildung nicht mehr auskommt. Die EB Zürich
kann so die Anliegen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch besser
erfassen.
AGENDA
!
RKEN
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VOR
«Das Web 2.0 erläutert am Beispiel von AJAX»
Fachvortrag von Sascha Corti
Mittwoch, 6. September 2006, 19.00–21.00 Uhr im BiZE
Wer sich mit Internet-Technologie auseinander setzt, kommt
kaum um den Begriff «Web 2.0» herum. Sascha Corti
von Microsoft Schweiz zeigt, was sich dahinter verbirgt, und
erläutert AJAX (Asynchronous Java and XML), eine der
tragenden Innovationen von «Web 2.0», anhand von
praktischen Beispielen.
Weitere Aktualität auf
www.eb-zuerich.ch/veranstaltungen
EDITORIAL
INHALT
EDITORIAL
Die Herausforderung annehmen
«Mögest du in interessanten Zeiten leben.» Das wünschen Chinesen Mitmenschen, die sie nicht leiden können. Wohl im Bewusstsein, dass interessante
Epochen nicht immer einfach sind. Nun, die Chinesen wie auch wir durchleben
eine interessante Zeit. Wie rasend schnell sich doch alles verändert!
Um den Herausforderungen körperlich gewachsen zu sein, passen wir unseren
Lebensstil an, achten auf eine gesunde, ausgewogene Ernährung. Und geistig?
Sind wir auch um eine regelmässige Weiterbildung besorgt? Irgendwie geht's
immer, systematisch planen tun es die wenigsten: Angestellte von Kleinfirmen
bilden sich gerade einmal einen halben Tag weiter – pro Jahr (siehe Titelgeschichte ab S. 6)! In einem Land, in dem 86% aller Unternehmen Kleinstunternehmen sind, ist das von Brisanz.
Serge Schwarzenbach, Herausgeber
PS Beachten Sie auch die Beilage in der Mitte dieser Ausgabe. An der EB Zürich
INHALT
lernende Journalistinnen und Journalisten haben sie gestaltet (ab S. 13).
5
Chuchichäschtli
24 Was Frauen alles können
Schwiizertüütsch isch e chli andersch.
6
Lernende
Kleinstunternehmen
Selbstbewusst im Arbeitsmarkt.
26
Beilage Journi-Journal
Angehende Journalistinnen und
Journalisten schreiben über Bücher.
22
Mission Theater
Roger Nydegger in Afrika.
5 Deutschland
Karl Weber im Gespräch.
Der Waschsalon muss mit der Zeit gehen.
13
Die Bildungsschere
öffnet sich
29
Kunst am Bau
Eine Welle von Willy Wimpfheimer.
STANDARDS
02 EB auf Kurs
03 Editorial
04 Bemerkenswert
21 Tipps und Tricks
30 Kultur: Lesen, hören, sehen
31 Comic
22 Burkina Faso
26 Schweiz
IMPRESSUM • EB KURS NR. 11 / SEPTEMBER 2006 BIS NOVEMBER 2006 • MAGAZIN DER EB ZÜRICH • KANTONALE BERUFSSCHULE FÜR WEITERBILDUNG ZÜRICH • RIESBACHSTRASSE 11 • 8090 ZÜRICH
• TELEFON 0842 843 84 • FAX 044 385 83 29 • INTERNET WWW.EB-ZUERICH.CH • E-MAIL EB-KURS@EB-ZUERICH.CH • AUFLAGE 33 000 • HERAUSGEBER (FÜR DIE GESCHÄFTSLEITUNG:) SERGE
SCHWARZENBACH • REDAKTION CHRISTIAN KAISER, FRITZ KELLER • GESTALTUNG ATELIER VERSAL, PETER SCHUPPISSER TSCHIRREN, ZÜRICH • TEXTE ANJA EIGENMANN, CHRISTIAN KAISER,
ILKA STENDER, CHARLOTTE SPINDLER, MARGRIT STUCKI • FOTOS PHILIPP BAER, LUC-FRANÇOIS GEORGI, RETO SCHLATTER • ILLUSTRATIONEN EVA KLÄUI, RUEDI WIDMER • DRUCK GENOSSENSCHAFT ROPRESS ZÜRICH •
3
4 BEMERKENSWERT
GESEHEN, GEHÖRT
AUGENSCHMAUS
GUTE VERPFLEGUNG. Dass es auf dem Dach des BiZE
ein Bistro mit Rundsicht gibt, hat sich längst herumgesprochen. Dass neuerdings auch Sonnenuntergang und
erleuchtete Skyline mit im Angebot sind noch nicht:
Die Öffnungszeiten wurden bis 20.30 Uhr verlängert –
inklusive Salatwägeli des Frauenvereins. Denkarbeiterinnen und -arbeiter mit Abendkursen wirds freuen. In der
neuen Cafeteria im Kurslokal in Altstetten (Max-HöggerStrasse 2) ist hingegen Frühschicht angesagt: Viele
kommen bereits vor 8 Uhr für dampfenden Kaffee und
Gipfeli. Der Kaffee ist so gut, dass die Selecta erwägt, ihre
Automaten abzuziehen.
FOTOGRAFIE
INSZENIERUNG TOTAL. Ein Kleinod hat sich im weltweiten Netz verfangen: www.stagedphotography.ch.
Staged Photography ist inszenierte Fotografie, der Künstler steht dabei vor und hinter der
Kamera, übernimmt die Regie und
schlüpft in Rollen. Die Website, die im
Ausbildungslehrgang «Webpublisher»
der EB Zürich entstanden ist, zeichnet
nicht nur akribisch die Geschichte der
inszenierten Fotografie nach, sie enthält auch zahlreiche
Bildergalerien und Shows mit extrem schrillen, skurrilen
oder obszönen Fotos. Eine Augenweide für alle
Bildermenschen, ein Fundus für alle Fotografie- und
Kunstinteressierten. Gut, dass es Selbstauslöser gibt.
SCHREIBEN
RICHTIG IM FLUSS. Schreiben lernen, ist das möglich?
«Prozessorientierte Schreibdidaktik» ist ein Buch, das auf
diese Frage eine positive Antwort gibt. Schreiben kann
gelernt werden, wenn es «jenseits der Vermittlung elementarer Regeln und Normen» passiere. Schreiben heisse
nicht nur Wörter und Sätze aneinanderreihen, sondern
Schreiben sei «eine Art Denklabor, in dem sich das Wissen
der Welt mit eigenen Anschauungen verbinden lässt».
In verschiedenen Beiträgen zeigen Expertinnen und
Experten – unter ihnen die EB-Kursleiterinnen Marianne
Ulmi und Madeleine Marti – wie ein entsprechendes
Schreibtraining aussieht. (Erhältlich im Buchhandel für
42 Franken.)
PREIS
HOHE ANERKENNUNG. Hervorragende Projekte in der
beruflichen Aus- und Weiterbildung auszeichnen – dieses
Ziel hat sich die Stiftung Enterprise gesetzt. Sie setzte
einen Preis – den Enterprize – aus, um den sich 20 Projekte bewarben. Nun hat eine prominent besetzte Fachjury
drei Finalisten bestimmt. Nebst einem Coachingprojekt
der kantonalen Berufs- und Studienberatung Solothurn
und einer Juniorfirma der Maschinenfabrik Rieter AG in
Winterthur kam auch das Lernfoyer der EB Zürich in die
Kränze. Nachdem sich alle drei auserwählten Projekte
nochmals präsentieren mussten, wird am 28. September
2006 in Zürich der Gewinner gekürt. Bitte Daumen
drücken.
5
Bild: Luc-François Georgi
PORTRÄT
Martin Goebel reist viel; da, wo er sich aufhält,
lässt er sich gerne auf die Sprache ein.
NUR BÄRNTÜÜTSCH
MACHT NOCH MÜHE
Eingeschweizert. Der 32-jährige Deutsche Martin Goebel hat im Kurs
«Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene» festgestellt, dass «Hopp Schwiiz» nichts
mit Hopsen zu tun hat. Von Anja Eigenmann
«Das Wort ‹Chuchichäschtli› hatte ich bereits bei
meinem ersten Aufenthalt in der Schweiz vor drei
Jahren gelernt. Damals war ich zwei Wochen für
Workshops in Zürich,und die Stadt gefiel mir.Ich mag
die Landschaft, die Berge. Ich hatte früher als Informatiker bei Siemens in Braunschweig/Niedersachsen
gearbeitet. Dann bewarb ich mich beim Standort in
Zürich. Seit Oktober letzten Jahres wohne ich nun in
der Limmatstadt. Ab November besuchte ich meinen
ersten Kurs in Züritüütsch.Inzwischen bin ich bei den
Fortgeschrittenen, und ich werde das so lange weiterführen, wie es mir Spass macht. Ich interessiere mich
allgemein für Sprachen, und ich reise auch gerne. So
war ich schon in Madagaskar,Marokko,Spanien,Peru,
Costa Rica, Nicaragua, und überall habe ich mir ein
Stück der Sprache angeeignet.
Ich finde, es gehört dazu, sich mit der Sprache des
Landes auseinander zu setzen,in dem man zu Gast ist.
Die Mundart ist für die Schweizer identitätsstiftend.
Sie spiegelt die Unterschiede zwischen Deutschen
und Schweizern, die von beiden ganz verschieden
wahrgenommen werden.Viele Deutschen sehen keine
grossen Unterschiede. Einige Schweizer hingegen
finden, in Deutschland seien sie in einem völlig anderen Kulturkreis.
Man hat mir schon gesagt, dass die Schweizer es
gar nicht mögen, wenn Deutsche Schweizerdeutsch
sprechen, weil sie es sowieso nicht können. Bestimmt
tönt mein eigenes Züritüütsch noch etwas merkwürdig. Gewisse Laute höre ich nicht richtig heraus,
zum Beispiel dieses ‹Ä›,das so weit hinten im Hals ausgesprochen wird. ‹Wältmeischter› klingt in meinen
Ohren fast wie ‹Waldmeister›. Aber der Dialekt färbt
bereits auf mich ab. Zum Beispiel fahre ich jetzt Velo
und nicht mehr Fahrrad, und statt mich zu verabreden, mache ich ab. Mit Ausnahme von speziellen Ausdrücken, die vom Hochdeutschen völlig abweichen,
verstehe ich das Schwiizertüütsch mittlerweile problemlos. Nur Bärntüütsch finde ich schwierig.
Es herrscht eine schöne Atmosphäre in meiner
Klasse.Wir stammen aus allen Ecken der Welt: Kasachstan, Brasilien, Iran, Tessin. Viele leben schon seit Jahren in der Schweiz. Lustig wird es, wenn wir einander
Schwiizertüütsch-Anekdoten erzählen. Ich zum Beispiel hatte im Winter einen Snowboard-Unfall und
rief bei der Versicherung an. Der Mann am Apparat
fragte: ‹Händ Sie dä Unfallschii no?›, worauf ich
mich fragte: ‹Wieso Ski? Ich bin doch Snowboard
gefahren.›»
6
KLEINFIRMEN
Turbinenbräu, Badenerstrasse 571, 8048 Zürich
KLEINE SCHREIBEN INFO
Weiterbildung in Kleinunternehmen. Viele Kleinfirmen kümmern
sich wenig um planmässige Weiterbildung; langfristig angelegte
Bildungsprogramme können sich die wenigsten leisten, denn erworbenes Know-how muss sofort anwendbar sein. Doch die Kleinen
beschreiten ihre eigenen Lernwege. Von Margrit Stucki
Mikrobetriebe zeigen sich weit gehend resistent
gegenüber klassischen Weiterbildungsangeboten. Je
kleiner die Firma, desto niedriger die Weiterbildungsinvestitionen, lautet das Lamento der letzten Jahre.
Dass es um die Weiterbildung in hiesigen KMU nicht
allzu gut bestellt ist, bestätigt auch die repräsentative
Studie «KMU und die Rolle der Weiterbildung» von
Philipp Gonon, Hans-Peter Hotz, Markus Weil und
André Schläfli (siehe Kasten S.7 ).Ein Beispiel: Die Mitarbeitenden in den befragten Firmen bilden sich im
Schnitt gerade mal einen halben Tag pro Jahr weiter.
Solche Resultate zeichnen ein bedenkliches Bild
des Weiterbildungsverhaltens in der Schweizer Wirtschaft.Immerhin arbeiten in der Schweiz 83,6 Prozent
aller Beschäftigten in einem der Klein- oder Mittelbetriebe mit weniger als 250 Personen, die Gegenstand
KLEINFIRMEN
Bilder: Philipp Baer
7
Gitarren Total, Aemtlerstrasse 15, 8003 Zürich
RMELLES LERNEN GROSS
der Studie waren. 85,6 Prozent der Schweizer Unternehmen sind gar Kleinstunternehmen mit weniger
als 10 Personen. Zu deren Weiterbildungsverhalten
existieren noch kaum Untersuchungen. Es ist aber
anzunehmen, dass die Formel «je kleiner, desto weniger» auch für die Kleinstbetriebe gilt. Was also lässt
sich tun, um die Weiterbildungslust in den Kleinbetrieben zu fördern?
INDIVIDUALITÄT UND PRAXISBEZUG. «Stark differenzieren» heisst die Antwort. Der seit Generationen
bestehende Familienbetrieb verhält sich bei der Mitarbeiterschulung radikal anders als die avantgardistische Start-up-Firma. Die allein stehende Millionenerbin kann teurere und zeitintensivere Weiterbildungen belegen als der unterhaltspflichtige Familienvater.Hoch Qualifizierte sind in der Regel lern- und
risikofreudiger als Personen mit kleinem Schulrucksack. Gerade bei den Kleinbetrieben sind die Strukturen, Budgets, Bildungsniveaus und Firmenkulturen
zu unterschiedlich, und die Bedürfnisse folglich zu
uneinheitlich, als dass sie sich mit standardisierten
Kursangeboten befriedigen liessen.
Es liegt an den Bildungsanbietern,diese Vielfalt zu
erkennen und flexibel darauf zu reagieren. Kleinbetriebe zeigen sich punkto Weiterbildung äusserst
KMU UND
WEITERBILDUNG
–
Fast zwei Drittel aller KMU (62%) führten
in den letzten 3 Jahren Weiterbildungsmassnahmen für mindestens einen Mitarbeiter
durch.
–
Jedoch: 38 Prozent aller KMU taten in den
letzten 3 Jahren überhaupt nichts punkto
Weiterbildung.
–
50% aller KMU planen nichts für die Weiterbildung in ihren Budgets ein.
–
Dennoch beteiligen sich 32% vollumfänglich
und 40% teilweise an den Weiterbildungskosten ihrer Mitarbeitenden.
–
Bloss 13% aller Betriebe verfügen über
ein schriftlich festgelegtes Weiterbildungsprogramm.
Quelle:
Philipp Gonon, Hans-Peter Hotz, Markus Weil
und André Schläfli: «KMU und die Rolle der Weiterbildung»., h.e.p. Verlag, Bern 2005.
8
KLEINFIRMEN
Amok Modelabel, Ankerstrasse 61, 8004 Zürich
wählerisch, denn Kursflops können sie sich nicht leisten. Sei es, weil sie nur schwer auf Mitarbeitende verzichten können, die einen Teil ihrer Arbeitszeit für
Weiterbildung aufwenden. Oder sei es, weil sie das
knappe Budget lieber in die Modernisierung der
Infrastruktur investieren als in die Qualifikation
von Mitarbeitenden. Am wenigsten aktiv in Weiterbildungsmassnahmen sind denn auch Branchen mit
hoher Fluktuation, etwa das saisonale Tourismusgewerbe.Kurse zu finanzieren für Angestellte, welche
die Firma in wenigen Monaten wieder verlassen, ist
schlicht und einfach unrentabel.
Wenn sich Kleinunternehmer für eine Weiterbildung entscheiden, tun sie das meist intuitiv und
kurzfristig – quasi aus einer Notsituation heraus, weil
sie bei der Arbeit anstehen. «Aus der Not eine Tugend
machen» heisst die Leitformel. Das Aneignen von
Fachwissen steht dabei als Lernziel an oberster Stelle.
«Der Excel-Kurs, den ich mir vor Jahren leistete,
war super», freut sich Schreinerin Christina Kundert,
«der Lernstoff ging leicht rein und war direkt anwendbar. Seither verwalte ich mein Budget sicherer und
besser.» Kundert führt seit zehn Jahren die Rundumholz GmbH, Schreinerei und Laden für Holzhandwerk – seit 2002 mit der Angestellten Claudia
Furrer, ebenfalls gelernte Schreinerin.
Auch Hanspeter Schnüriger, Koch und Wirt im
Restaurant Exer in Zürich, weiss Kurse mit hohem
Praxisbezug zu schätzen: «Vom berufsbegleitenden
Betriebsführungskurs habe ich enorm profitiert. Vor
allem weil die vermittelten Fächer realen Anforderungen entsprachen und die Lerninhalte sofort
umsetzbar waren.»
BERUFSVERBÄNDE VORN. Kleinunternehmen bevorzugen klar Berufsverbände als Bildungspartner.
An zweiter Stelle auf der Hitliste der Wissensvermittler stehen Arbeits- und Berufskollegen. Private
und öffentliche Institute werden mit Vorliebe zum
Erlernen von Sprachen und kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Kompetenzen berücksichtigt. Manchmal kommen auch Partnerfirmen und Lieferanten
zum Zuge, vor allem weil sie ihre Schulungen – beispielsweise zum Vorstellen neuer Produkte – gratis
anbieten. Die Wahl gewinnt in der Regel die Instanz
mit dem günstigsten Preis-Leistungs-Verhältnis.
«Wir müssen über Automarken,neue Modelle und
Fahrzeugelektronik Bescheid wissen», erklärt Guido
Zuber, Gründer und Geschäftsleiter der Autohilfe
Zürich. Als Vorstandsmitglied des Brachenverbandes
ASS (Autostrassenhilfen der Schweiz) organisiert er
fachspezifische Kurse für seine 42 Mitarbeitenden
gleich selbst. Von den Versicherungen, die eigentlich
an gut qualifizierten Pannen- und Abschleppdiensten
interessiert sein müssten, ist er enttäuscht: «Die
machen nichts, obwohl sie jede Automarke rückversichern, von den Herstellern auf dem neusten Stand
gehalten werden und unsere Leistungen letztlich
bezahlen müssen.» Grosse Stücke hält Zuber indes auf
seine Mitarbeiterin Judith Vago, die sich neben ihren
KLEINFIRMEN
Waschsalon Anker, Ankerstrasse 9, 8004 Zürich
Diensteinsätzen um die interne Weiterbildung kümmert: «Frau Vago ist engagiert und immer am Ball.
Deshalb kann sie Neue und Junge bestens motivieren.
Als Lastwagenfahrerin und ehemalige TCS-Mitarbeiterin kann sie unseren Leuten wertvolle Erfahrungen
weitergeben.» So läuft das bei vielen Kleinbetrieben:
Die Jungen lernen am Arbeitsplatz von den Erfahrenen – vorausgesetzt, dass sich jemand engagiert um
die Weitergabe von Fachwissen kümmert.
Neben dem Fachwissen stehen Sprachen hoch im
Kurs. Auch lokale Kleinfirmen arbeiten heute mit
multikultureller Belegschaft und agieren auf internationalem Parkett. So finanziert Autohilfe-Chef
Zuber derzeit einen Deutschkurs für einen neuen
Mitarbeiter. «Das hat in unserer 37-jährigen Firmengeschichte Tradition», verrät der umsichtige Patron.
Auch die Modedesignerin Sandra Kuratle, Besitzerin
des Modelabels Amok, bessert von Zeit zu Zeit ihre
Sprachkenntnisse auf: «Zweimal im Jahr besuche ich
Textilmessen im Ausland. Zudem habe ich mit Stofflieferanten aus verschiedensten Ländern zu tun»,sagt
sie. Das Beherrschen von Fremdsprachen ist für mich
unerlässlich.»
INFORMELLES LERNEN AM GRILLABEND. Vor allem
aber lernen die Kleinfirmen von- und miteinander.
Thomas Hof, Teilhaber des Reisebüros Trottomundo
mit 10 Mitarbeitenden betont, wie wichtig der Austausch unter gleich Gesinnten ist: «Unsere Mitarbeitenden müssen offen, an Geografie und gesellschaft-
INFORMELLES LERNEN
AM ARBEITSPLATZ
Kleinbetriebe lernen vorwiegend informell. Laut
Philipp Gonon, Professor für Berufsbildung an der
Universität Zürich, finden am Arbeitsplatz von KMU
folgende Formen informellen Lernens statt:
–
Lernen erfolgt nach individuellen und häufig
selbst organisierten Gesichtspunkten.
–
Lernziele sind nur teilweise bekannt oder
erst im Nachhinein als solche identifizierbar,
das Lernergebnis kann jedoch sichtbar
gemacht werden.
–
Keine unmittelbare pädagogische Intention:
Aus Arbeitshandlungen ergeben sich als
«Nebenprodukt» erwünschte Kenntnisse und
Haltungen.
–
Keine systematische, professionell pädagogische
Interaktion: Kenntnisse und Haltungen werden
im Arbeitsprozess, mit Medien oder im Umgang
mit Arbeitskolleginnen und -kollegen erworben.
–
Lernen basiert auf Arbeitserfordernissen
und ist weder fachsystematisch noch institutionell organisiert.
Quelle:
Philipp Gonon, Stefanie Stolz (Hrsg.): Betriebliche
Weiterbildung., h.e.p. Verlag, Bern 2004.
9
10
KLEINFIRMEN
Apart, Badenerstrasse 571a, 8048 Zürich
lichen Entwicklungen interessiert sein sowie gut
zuhören können. Fähigkeiten, die weniger im Kurszimmer als am gemeinsamen Grillabend oder am
Bouleturnier erworben werden.» Manchmal erwirbt
man eben Sozialkompetenzen, ohne sich dessen
bewusst zu sein – ein Vorteil für die Firmen, ein Nachteil für Bildungsinstitute.Die «Völker verbindenden»
Anlässe der beiden Trottomundo-Chefs Thomas Hof
und Attilio Ongaro sind jedenfalls legendär, das über
26 Jahre gewachsene und gepflegte Beziehungsnetz
gross und Welt umspannend. Laut Hof eine der Voraussetzungen, um im harten Reisegeschäft zu überleben. Exer-Wirt Hanspeter Schnüriger doppelt nach:
«Das Gastgewerbe lebt davon, eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Meine Partnerin Corina Mazzocco
ist in dieser Disziplin einsame Spitze. Unsere besten
Kunden fühlen sich bei uns zu Hause und erzählen
uns alles. Dafür sind wir ein derart eingespieltes
Geschäftspaar, dass wir uns ohne Worte verstehen.»
Auch dieser Aspekt ist bezeichnend für die Überzeugung vieler Firmengründer: Zentrale Erfolgsfaktoren
wie die Fähigkeit, auf Leute zuzugehen, muss man
einfach schon ins Geschäftsleben mitbringen. Sie
nachträglich in Kurslokalen einzupauken, macht
keinen Sinn. Diese soziale Offenheit und Kommunikationsfähigkeit spiegelt sich auch im Lernverhalten
wieder. Robert Stolz, Inhaber des 1984 gegründeten
Fahrradbau Stolz, etwa zählt ganz auf den Wissenstransfer unter Verbündeten: «Der intensive Austausch innerhalb des Betriebs und mit befreundeten
Velohändlern ist mir sehr wichtig.Künftig möchte ich
hierfür mehr Zeit investieren. Denn vom Lernen im
Team profitiert man am meisten.»
PIONIERE LERNEN BY DOING. Als Hauptgrund für
kontinuierliches Lernen nennt Velobauer Stolz «die
Ambition, immer an vorderster Front zu sein». Im
Radbusiness scheint dies ohne Kursbesuche zu gelingen: «Gewisse Weiterbildungen gibt’s für uns gar
nicht. Denn wir lösen die Spezialprobleme unserer
Kunden oft als Erste. Nach erfolgreichem Tüfteln
fragen uns dann andere Velomechaniker um Rat»,
schmunzelt Robert Stolz.
Ähnliches wissen Regula Stutz und Jacqueline
Hodel zu berichten, die vor sechs Jahren die Seifenmanufaktur Swisstag gründeten: «Mit der Seifensiederei haben wir in der Schweiz etwas Neues aufgezogen. Da es nichts Vergleichbares gab, machten wir uns
schlau in ausländischer Fachliteratur und auf einschlägigen Websites. Die praktischen Fertigkeiten
eigneten wir uns durch Ausprobieren an.» Derzeit
befindet sich das Unternehmerinnen-Duo in der Aufbauphase eines neuen Geschäfts: The Pie Shop. Auch
das Imbissladen-Projekt des Duos Stutz und Hodel
ist eine Schweizer Novität. Solches Lernen nach dem
Trial-and-Error-Prinzip ist bei innovativen Jungunternehmern mehr Regel als Ausnahme. Die Beteiligten führen in ihren Projekten immer wieder Routinearbeiten mit neuen Entdeckungen und Erfahrungen zusammen. Betriebliches Wissen eignen sie sich
KLEINFIRMEN
Stefi Talman, Oberdorfstrasse 13, 8001 Zürich
häufig unkonventionell an und geben es entsprechend weiter. Dazu nutzen sie mit Vorliebe das Internet als schnelles, günstiges Kommunikationsmedium.
Kritisch wird es, wenn sich Kleinbetriebe vom chaotischen Haufen (jeder macht alles) zum etablierten
Unternehmen entwickeln. Bei wachsender Mitarbeiterzahl müssen Ablauf- und Lernprozesse stärker
strukturiert und formalisiert werden. Hier schlägt
die Stunde der Weiterbildungsanbieter: Sie verfügen
über die Infrastruktur, die Dokumentation und das
didaktische Know-how, um die Firmenleitungen
beim Finden und Umsetzen passender Lernformen zu
unterstützen.
KÜR STATT PFLICHT. Selbständige und Jungunternehmer legen grossen Wert auf Freiwilligkeit. Verordnete Weiterbildung kommt selten gut an. Als
Gründer sind sie gewohnt, auf eigene Verantwortung
Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen.
Kommt hinzu, dass sie ihre Lernumgebung häufig
selbst gestalten und die für sie passende Lernstrategie
selbst entwickeln wollen. Viele sind sich dabei auch
bewusst, dass sie sich nicht sämtliches Fachwissen
selbst aneignen müssen.
«Lieber besuche ich einen Astrologie-Kurs, der
mich interessiert und in meiner persönlichen Entwicklung weiter bringt, als dass ich mich mit technischen Instruktionen abquäle», gesteht Renate Stucki,
die vor gut zwei Jahren den Waschsalon Anker über-
KMU IN ZAHLEN:
BETRIEBSZÄHLUNG
SEPTEMBER 2005
–
Knapp ein Sechstel der Arbeitsstätten
erbringt Dienstleistungen für Unternehmen:
Von den registrierten 377 600 Arbeitsstätten
waren 301 800 (79,9%) im Dienstleistungssektor
und 75 800 (20,1%) in der Industrie und im
Gewerbe angesiedelt. Am meisten Arbeitsstätten – insgesamt 60 600 bzw. 16 Prozent des
Totals – verzeichnete der Wirtschaftszweig
der Dienstleistungen für Unternehmen
(einschliesslich Forschung und Entwicklung).
–
Das Gesundheits- und Sozialwesen war
der beschäftigungsmässig bedeutendste
Tätigkeitsbereich im sekundären und tertiären
Sektor. Dieser Wirtschaftszweig zählte
433 000 Beschäftigte (11,7% des Totals) und verzeichnete eine der stärksten Beschäftigungszunahmen (+9%).
–
323 300 Arbeitsstätten (85,6%) hatten
weniger als 10 Beschäftigte. 1000 Arbeitsstätten (0,3%) zählten mehr als 250 Beschäftigte
Die kleinen und mittleren Betriebe mit weniger
als 250 Beschäftigten machten im Jahr 2005
somit 99,7 Prozent aller Arbeitsstätten aus.
Quelle:
Bundesamt für Statistik, Betriebszählung von
Ende September 2005. Medienmitteilung vom
27. Juni 2006
11
12
KLEINFIRMEN
Rundum GmbH, Müllerstrasse 47, 8004 Zürich
nahm.Sprachs,und lagerte die Wartung ihrer Maschinen an technisch Versiertere aus. Bevor sie zur Einfrau-Waschsalonbetreiberin wurde, hatte sie eine
über 25-jährige Karriere als kaufmännische Angestellte durchlaufen. Als schlechteste Weiterbildungserfahrung beschreibt Stucki einen Standortbestimmungskurs, der ihr als Stellenlose vom RAV aufgezwungen wurde: «Der Kursleiter, Abgesandter einer
privaten Consulting-Firma, redete permanent nur
von sich. Er konnte nicht auf die einzelnen Teilnehmenden eingehen und speiste uns mit veralteten
Standard-Fragebogen ab, die man auch zu Hause
hätte ausfüllen können.»
Fast identisch tönt es, wenn Christina Kundert
ihren Fortbildungskurs zur Arbeitsvorbereiterin beschreibt: «Um in meiner Schreinerei Angestellte zu
beschäftigen, wurde ich von offizieller Seite angehalten, diesen zweijährigen Lehrgang zu absolvieren.
Nebst den Kosten ärgert mich bis heute, dass der vermittelte Stoff nichts mit meinem Geschäft zu tun
hatte. Andererseits war ich auch zu unmotiviert, um
mich mit dem theoretischen Hintergrund von Administration und Arbeitsplanung zu beschäftigen.»
Kleinfirmen wollen sich also in erster Linie den
Lernstoff, den sie brauchen, freiwillig und nach ihrem
eigenen Rhythmus selbst erarbeiten – und das mit
Praxisbezug. Wesentlich besser als standardisierte
Kurse kommen bei ihnen deshalb heute Bildungsangebote an, welche die Experimentierfreude und
dasselbstverantwortliche Lernen in Gruppen fördern.
LERNEN NACH MASS. An der EB Zürich lernende
Kleinunternehmer schätzen etwa die so genannten
Lernateliers, wo sie mit professioneller Unterstützung und zusammen mit gleich Gesinnten an ihren
eigenen Projekten arbeiten. «Das Lernatelier ist für
mich auch eine Kontaktbörse», berichtet der selbständige Webprogrammierer Jürg Messmer, «man hilft
und lässt sich helfen. Atelier-Leitende haben nicht für
alle Zeit und können nicht immer alles wissen. In
solchen Fällen springen Atelier-Teilnehmende in die
Lücke.» Messmer besuchte an der EB Zürich das
Lernatelier «Software-Entwicklung», um seine Anwenderkenntnisse der Webapplikation PHP zu verbessern. Das Lernatelier habe ihm die Möglichkeit
geboten, genau das Know-how abzuholen, das er
für seine Arbeit brauche. Messmer: «Das Lernfoyer
entspricht absolut meiner autodidaktischen Art zu
lernen.»
Es dürfte sich für die Weiterbildungsanbieter
lohnen, bei den Lernbedürfnissen der Kleinstunternehmen noch genauer hinzuschauen. Treffen die
Angebote den Bedarf, so ist der Weiterbildungserfolg
garantiert: Schliesslich setzen die Kleinen das erworbene Know-how schneller, direkter und sichtbarer in
die Praxis um als Grossunternehmen, da sie flexibler
sind und einfachere Abläufe sowie kürzere Kommunikationswege aufweisen. Weil sie sich keine Fehlinvestitionen leisten können, wird auch ihr Feedback
ungeschminkt kritisch daherkommen – und für die
Anbieter entsprechend wertvoll sein.
Foto: Gabi Heussi
Journi-Journal
«Rund ums Buch»
Acht Seiten Beilage des 17. Lehrgangs
«Journalismus für Quereinsteigende».
Sommer 2006
14
Totenuhr
und
Zuckergast
Von Sabine Nussbaumer
Düster und muffig ist
die Ecke auf dem Holzregal, wo sich Silberfischchen und Totenuhrkäfer
treffen. Ihr Wispern dringt
kaum zu den nächsten
Bänden. Dennoch spitzt der
Bücherskorpion drei
Bücher weiter die Ohren.
Ein unbekannter Strom von
trockener Luft lässt ihn
schaudern. Was geht hier
vor? Die Bewohner der
alten Bibliothek sind verunsichert. Ein Klopfkäfer,
im Regal neben dem
schmalen Fenster, gerät in
höchste Aufregung. Sein
Nachbar vom Eingang hat
ihm die Botschaft gezirpt:
Ihr Leben sei in höchster
Gefahr! Ihre Nahrungsquelle verschwinde.
Getragen von zwei langen
Beinen. Hinaus ins Licht.
Entsetzt über die bevorstehende Hungersnot eilt
der Lkopfkäfer zu seinen
Raupenkindern, die soeben
ihr neues Domizil im
grünen, ledergebundenen
Buch einweihen. Der feine
Holzschliffgeruch macht
ihn noch hungriger. Die
Schimmelpilze gegenüber
raunen über die ungewohnte Hektik. Und wieder
dringt ein Lichtstrahl in die
hinteren Ritzen, wo sich die
Staubläuse verkriechen.
Die Ratten putzen sich die
letzten Krümel des aromatischen Bildbandes aus den
Barthaaren und klopfen
nun mit ihren nackten
Schwänzen rhythmisch auf
die Holzdielen. Dies ist das
Zeichen zur Zusammenkunft: Speispinnen, Holzbohrer, Küchenschaben,
Hausböcke, Milben, Mäuse,
Staubläuse und Holzwürmer machen sich auf
den Weg. Den beissenden
Geruch von Wollwachs,
Bleichmittel, Leim,
Ochsengalle und Fleckenmittel in der Nase.
Die Schweiz veredelte im letzten Jahr den Rohstoff Holz an
18 Standorten zu 1,7 Millionen Tonnen Papier und Karton.
Vor hundert Jahren wurden 99 Prozent des Papiers für
Bücher verwendet. Heute ist es etwa noch ein Prozent.
Das Papier im Buch
«Für heutige Buchauflagen, die sich hier zu Lande im Rahmen von 1000 bis
15 000 Stück bewegen, verwenden wir vorwiegend Bogenpapiere», stellt Jürg
Bigler von der Druckerei Stämpfli in Bern fest. «Nur bei grossen Produktionsmengen, wie bei ‹Harry Potter›, lohnt sich der Einsatz von grossen Papierrollen.»
Verlage wenden sich an Druckereien. Gemeinsam wird das Papier ausgewählt. Für Bücher werden vorwiegend ungestrichene, holzhaltige oder holzfreie grafische Papiere benutzt. Der Griff in die Seiten macht spürbar, durch
welches Verfahren das Papier entstanden ist. Rund 400 000 Tonnen grafisches
Papier wurden letztes Jahr umgesetzt und auch zu Broschüren, Werbedrucksachen und Geschäftsberichten verarbeitet. Genaue Zahlen über die reine
Buchproduktion gibt es nicht.
In der Branche weht ein rauer Wind. Generell sinkt der Papierverbrauch.
Bei den grafischen Papieren hat in den letzten fünf Jahren ein Einbruch von
etwa zehn Prozent stattgefunden. Viele Fabriken setzen deshalb auf Nischenprodukte. Die Firma Ziegler Papier in Grellingen führt dennoch ein breites
Sortiment. Für Verkaufsleiter Benno Henz sind für kleinere Unternehmen ein
hoher Qualitätsstandard und gute Kundenbetreuung elementar: «Wir engagieren uns stark in der Buchproduktion. Von 78 neuen Büchern sind im letzten
Jahr neun mit Ziegler Papieren realisiert worden. Daneben ist der Auslandmarkt ein wichtiges Standbein. Wir exportieren bis zu 50 Prozent.» Fast alle
Firmen der Branche haben einen derart hohen Exportanteil. «Papierproduzenten sind heute nicht unbedingt vom inländischen Markt abhängig», erklärt
Martin Häberli vom Verband der Schweizerischen Zellstoff-, Papier und Kartonindustrie.
Die Papierproduktion benötigt viel Energie. Für eine Tonne Papier werden
hundert Tonnen Papierbrei entwässert. Die steigenden Rohstoffpreise sorgen
für Konzentrationen; grosse Konzerne entstehen, kleinere Unternehmen
schliessen. Martin Häberli: «Ausschlaggebend sind Produktionsstärken, hohe
Auslastung und eine gute Vernetzung.» Doch alle sind überzeugt, dass uns das
Papier auch weiterhin im Alltag begleitet. Auch wenn die Entwicklung von elektronischen Büchern bereits Tatsache ist. Text und Bild: Sabine Nussbaumer
15
Inhalt
E D I TO R I A L
Das Buch
Neugierig schaut das Mädchen hinter ihrem grossen
Buch hervor. – Bücher sind ein grosses Thema für die
Beilage, dachten wir, die elf Teilnehmerinnen und
Teilnehmer des siebzehnten Journalismuslehrgangs an
der EB Zürich. Die Recherchen dazu brachten Historisches,
Aktuelles, Skurriles und Amüsantes zu Tage.
Den Grundstein für die Verbreitung von Büchern legte
Johannes Gutenberg im fünfzehnten Jahrhundert mit
seiner revolutionären Erfindung des Buchdrucks. Bis in
die Gegenwart gelten Bücher aber auch immer wieder als
Anstifter zu nicht systemkonformem Denken und
Handeln. Die erste Bücherverbrennung ist in der Bibel
erwähnt und die deutschen Nationalsozialisten
versuchten 1933, den Inhalt von rund 2000 Büchern zu
vernichten. Doch Gedanken lassen sich nicht verbrennen,
lediglich der Rohstoff, auf dem sie gedruckt sind.
Und selbst verschiedene Kleinstbewohner, die sich
besonders wohl fühlen in alten Büchern, räumen ihr Feld
nur widerwillig.
Seine Gedanken niedergeschrieben hat Bruder BennoMaria Kehl, der Gassenarbeiter, der eigentlich gar kein
Buch schreiben wollte. Jene wiederum, die unbedingt ein
Buch schreiben wollen, aber keinen Verleger finden,
veröffentlichen in Eigenregie. Umgekehrt gilt das Tagebuch als intimes Werk nur für den Verfasser. Persönlich
ist auch das Lieblingsbuch, das in schlechten Zeiten zum
Lebensberater werden kann.
Einen «Boom» erlebt zurzeit das Hörbuch, stellt der
Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband fest.
130 000 Titel sind im deutschsprachigen Raum auf dem
Markt. Ebenfalls im Trend liegt der Comic. Fette Brötchen
kann man damit jedoch nicht verdienen. Und da Bücher
leider teuer sind, hat sich ein Amerikaner vor fünf
Jahren ein System ausgedacht, bereits gelesene Bücher
unentgeltlich weiterzugeben.
Bleibt noch das Bücherlesen einfach zu geniessen –
an einer Oberwalliser Märchennacht oder mit Barbara
Hutzl-Ronges Sachbuch «Magisches Zürich».
Text und Bild: Susanne Devaja
Totenuhr und
Zuckergast
14
Das Papier im Buch
14
Editorial, Impressum
15
Finden, lesen und
liegen lassen
16
«Die Konkurrenz
ist gross»
16
Der Weg zum
eigenen Buch
17
«Es war ein
innerer Impuls»
17
Ein Tor in alte Welten
öffnet sich
18
Begonnen hat
alles im Wallis
18
Keine Zeitung
ohne Gutenberg
19
Bücher können brennen –
Gedanken nicht
19
«Von Comics leben?
Vergessen Sie's!»
20
Lieblingsbücher
fürs Leben
20
IMPRESSUM
Die Beilage erarbeiteten die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer
des Lehrgangs «Journalismus
für Quereinsteigende» im dritten
Semester».
BETEILIGTE
JOURNALISTINNEN UND
JOURNALISTEN
Maja Bisig, Susanne Devaja, Gabi
Heussi, Monika Hurni, Brigitte
Meier, Sabine Nussbaumer,
Joachim Schmidt, Andrea
Schmocker, Corine Turrini Flury,
Ursi Vetter, Barbara Weber
REDAKTIONELLE LEITUNG
Nikolaus Stähelin,
Christian Kaiser
BILDREDAKTION
Claudia Bruckner
KONZEPT UND GESTALTUNG
Peter Schuppisser Tschirren,
Atelier Versal, Zürich
16
Bookcrossing:
Finden,
lesen und
liegen lassen
Von Susanne Devaja
«In die Wildnis freilassen», nannte der amerikanische Ideenliferant,
Ron Hornbaker, das Bookcrossing bei dessen
Lancierung 2001. Gleich
dem Motto «Regalhaltung
ist Tierquälerei» bringen
heute weltweit an die
500 000 Leseratten ihre
Schmöker in Umlauf. In der
Schweiz gibt es über
4000 Bookcrosser, die
knapp 29 000 Bücher registriert haben. Der Kanton
Zürich führt die Schweizer
Statistik mit fast
1000 Bookcrossern an.
Das Prinzip ist so
einfach wie bestechend:
Wer ein Buch in die Wildnis
aussetzen möchte,
bezieht unter
www.bookcrossing.com
eine Registriernummer,
überträgt diese ins Buch
und lässt es irgendwo
liegen. Der Finder kann
anhand der Nummer nachlesen, woher das Buch
kommt und wer es wann
und wo ausgesetzt hat.
Nach dem Lesen lässt er es
wieder frei.
Regional finden regelmässig Treffen, sogenannte Stammtische, statt, so
auch in einem Zürcher Café
an der Josefstrasse, wie
das Internet preisgibt. In
einem Schrank stünden im
Schnitt 60 Bücher, mit und
ohne Registriernummer,
heisst es vor Ort. Auch die
Schlieremer Stadtbibliothek griff letzten Winter die
Idee auf. 300 Bücher
fanden, im Bus oder in der
Bahn ausgelegt, neue
Leser. Laut Bibliotheksleitung haben es die
Bücher bis über die
Kantonsgrenzen geschafft.
Im November werden in
Schlieren wieder Bücher
freigelassen.
Das Hörbuch erlebt zurzeit einen Boom. Vor fünf
Jahren noch ein Nischenprodukt, gehören Bücher fürs
Ohr, mit jährlichem Umsatzwachstum im zweistelligen
Bereich, heute zum Sortiment jeder Buchhandlung.
«Die Konkurrenz
ist gross»
Beim Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband, SBVV, ist man erstaunt, wie gut Hörbücher sich derzeit in der Schweiz verkaufen. «Der Buchhandel steigt auf die Hörbücher ein», sagt Manuel Batschelet dazu. Er ist beim
SBVV verantwortlich für die Bestsellerlisten, die seit Januar wöchentlich auch
die bestverkauften Hörbuchtitel erfassen.
130 000 Titel aus rund 500 Verlagen sind im deutschen Sprachraum momentan lieferbar. Die jährlichen Umsatzzuwachsraten lagen in den letzten Jahren
konstant im zweistelligen Bereich. Im Jahr 2005 erzielte die Warengruppe vierzehn Prozent mehr Umsatz als im Vorjahr. Vorteile gegenüber dem gebundenen Buch sind einerseits die meist tieferen Produktionskosten und andererseits, dass im Gegensatz zu den gebundenen Büchern keine Preisbindung
besteht.
Einer der Ersten, der im deutschen Sprachraum Hörbücher produzierte,
war der Zürcher Kein & Aber Verlag, der 1997 gegründet wurde. Sein erster
Titel «Pu der Bär», gelesen von Harry Rowohlt, ist seither über 600 000-mal
verkauft worden. «Die Konkurrenz ist enorm gewachsen, unser Absatz ist deshalb nicht viel grösser als vor neun Jahren», so Joachim Leser, Pressesprecher von Kein & Aber. Der kleine Verlag ist bekannt für sein literarisches Programm und seine qualitativ hoch stehenden Hörbücher. «Ich glaube nicht, dass
Hörbücher je einen höheren Marktanteil als zehn Prozent erreichen werden»,
so Joachim Leser.
Einig ist man sich, dass Hörbücher keinesfalls das gebundene Buch verdrängen werden. «Hörbuchliebhaber sind Leute, die grundsätzlich an Literatur interessiert sind», sagt dazu Margaux de Weck. Sie ist bei Diogenes verantwortlich für die Hörbuchproduktion. Der renommierte Zürcher Verlag gibt
seit letztem Herbst eigene Hörbücher heraus, aktuell sind zwölf Titel im Sortiment. Alles Hörbücher, die bei Diogenes bereits in Buchform erschienen sind.
In nächster Zeit sollen vor allem auch ältere Titel aus dem Katalog aufgenommen werden. «Bis nächsten Herbst werden wir insgesamt 28 Hörbücher anbieten», so de Weck.
Das Diogenes-Hörbuch «Blutige Steine» von Donna Leon, diesen Frühling
herausgekommen, verkauft sich sehr gut und war mehrere Wochen auf Platz
eins der SBVV-Bestsellerliste. Margaux de Weck freut sich darüber, sagt aber:
«Gebunden hat sich der neue Krimi von Donna Leon aber noch zehnmal besser verkauft.»
Text und Bild: Andrea Schmocker
17
Der Weg
zum eigenen
Buch
Bruder Benno-Maria Kehl baut mit seinem Erstlingswerk
«Das Lied des Lichts» eine Brücke zwischen der christlichen Tradition und dem gelebten Glauben unserer Zeit.
Am 4. Oktober 2006 findet in der Buchhandlung von Matt
in Zürich eine Autorenlesung statt.
«Es war ein
innerer Impuls»
«Eigentlich wollte ich kein Buch schreiben. Ich suchte nach einem
Weihnachtsgeschenk für meine Gassenmitarbeiter. Daher schrieb ich meine
Gedanken zum Sonnengesang von Franz von Assisi auf», sagt der Franziskanermönch, der als Streetworker mit Drogensüchtigen arbeitet. Aus einem
inneren Impuls heraus befasste er sich mit den Elementen Feuer, Wasser, Luft
und Erde. Der Mensch soll sich durch den Sonnengesang der gesamten Schöpfung – den Menschen, den Tieren und Pflanzen genau so wie den Kräften der
Natur – verbunden fühlen.
Der Provinzial des Klosters Werd machte Bruder Benno darauf aufmerksam, dass er für die Veröffentlichung seiner Gedanken eine kirchliche Druckerlaubnis anfordern müsse. Als diese nach einem Jahr eintraf, motivierten ihn
seine Gassenmitarbeiter, aus seinen Gedanken ein Buch zu realisieren. Der
deutsche Verlag «Diederichs Gelbe Reihe» gab grünes Licht für die Veröffentlichung und sagte ihm zugleich, dass primär der Autor und erst in zweiter Linie
der Inhalt verkauft werde. «Dieses Rampenlicht nutze ich, um Hoffnung zu
verbreiten und um den Kontakt zu den Mitmenschen zu pflegen.»
Durch eine deutsche Journalistin ist das Buch des Franziskanermönchs bis
zum Papst gelangt. Von diesem hat er den apostolischen Segen erhalten.
Bruder Bennos Buch ist nun bereits in der dritten Auflage erhältlich. «Die
grosse Nachfrage erstaunt mich. Angefangen beim Kiffer über die Homöophatin bis hin zum Manager könnte die Leserschaft nicht unterschiedlicher
sein», bemerkt Bruder Benno.
Schon als kleiner Junge war er fasziniert vom heiligen Franz, der mit den
Tieren reden konnte. Das berühmte Gebet «Sonnengesang» erlebt er täglich
neu als Initiation auf seinem Glaubensweg. Er gibt diese heilsame und befreiende Erfahrung begeistert an spirituell Suchende aller Glaubensrichtungen
weiter. Den Erlös des Buches wird Bruder Benno, der auf der Insel Werd im
Bodensee wohnt, vollumfänglich der Gassenarbeit zukommen lassen. «Auch
wenn die Insel eine Oase des Friedens ist, bin ich kein frommer Eigenbrötler.
Ich liebe die Gesellschaft, lache gerne und reise oft», betont Bruder Benno. In
diesem Frühjahr zog es den Franziskaner, ursprünglich gelernter Schreiner, mit
seinem ehemaligen Lehrmeister nach Afrika. «Die Armut und der tägliche Überlebenskampf haben mich tief beeindruckt.» Aus dem Tagebuch über den Afrikaaufenthalt soll nun sein zweites Buch entstehen.
Text und Bild: Ursi Vetter
Von Monika Hurni
Ein Buch zu schreiben,
ist schwierig. Noch schwieriger ist es, einen Verleger
zu finden. Diese Erfahrung
hat auch der Neeracher
Willi Weiss gemacht. «Mein
erstes Manuskript habe ich
bestimmt an zehn Verlage
geschickt, ohne den
geringsten Erfolg», erzählt
der ehemalige Pilot. Dank
seinem Durchhaltewillen
hat es dann doch noch
geklappt. Jedenfalls fast.
Er hat einen Verlag gefunden, der bereit war, seinen
Erstling – die Geschichte
eines Pilotenschülers, der
nach einem Flugzeugabsturz nach dem Sinn des
Lebens sucht – zu veröffentlichen. Allerdings
musste er sich an den
Kosten beteiligen. «Auf
Anraten des Verlags habe
ich mich damals für eine
viel zu hohe Auflage entschieden», erinnert er sich.
Ausserdem habe sich der
Verlag nur in groben Zügen
an seine Versprechungen
bezüglich der Werbung
gehalten.
Heute lässt der Autor
seine Manuskripte direkt
bei einer Druckerei als
Taschenbuch produzieren.
Den Umschlag gestaltet er
selber oder mit Hilfe
seines Sohnes, der als
Grafiker tätig ist. Auf diese
Weise hat er bereits vier
weitere Bücher herausgebracht. «Das Schreiben
macht mir grossen Spass»,
erzählt Willi Weber. «Das
Gute dabei ist, dass ich
völlig frei bin und nicht
davon leben muss.» Sein
letztes Buch, in dem er auf
50 Jahre bei der Swissair
zurückblickt, wurde mit
rund 900 Exemplaren gut
verkauft. Zufällig erschien
es zur Zeit des Groundings.
Da zeigt sich, dass Erfolg
oft auch von einem Quäntchen Glück abhängt.
18
Begonnen
hat alles im
Wallis
Von Brigitte Meier
Wenn die Tage kürzer
und die Nächte länger werden, entführen spannende,
traurige, schöne und
gruslige Erzählungen ins
Reich der Fantasie und der
Geschichten. Immer am
zweiten Freitag im
November wird vorgelesen,
geschrieben, rezitiert,
inszeniert und natürlich
erzählt. Und zwar überall
im ganzen Land, in der
gleichen Nacht und unter
dem gleichen Motto.
Begonnen hat die
Schweizerische Erzählnacht im Wallis, wo Sagen
und Geschichten eine
grosse Bedeutung haben.
Der Lehrer Kurt Schnidrig
initiierte 1990 eine Oberwalliser Märchennacht. Sie
hat ihren Ursprung in der
«Stubete», dem Zusammensitzen und Geschichtenerzählen am Holzofen in
der Stube. In der Winterszeit war dies aus ökonomischen Gründen oft der
einzige beheizbare Raum.
Unter der Obhut des
ehemaligen Bundes für
Jugendliteratur weitete
sich die Märchennacht
rasch zu einem gesamtschweizerischen Anlass
aus. Am 10. November
2006 findet die Schweizer
Erzählnacht bereits zum
16. Mal statt. Das Thema
lautet: «Freunde?
Freunde!». Organisiert
wird sie vom Schweizerischen Institut für Kinderund Jugendmedien (SIKJM)
Zürich in Zusammenarbeit
mit Bibliomedia und Unicef
Schweiz.
Erzählnächte haben
sich als lustvolle Möglichkeit der Leseförderung
etabliert und erfreuen sich
steigender Beliebtheit.
Allein 2005 fanden über
450 Erzählnächte in Schulen, Buchhandlungen und
Bibliotheken statt.
Bücher über Sagen, Mystisches und Kraftorte erobern
den Markt. Mit ihrem dritten Buch, «Magisches Zürich»,
wandert die 42-jährige Astrologin Barbara Hutzl-Ronge
durch die Zeiten und zeigt neue Zugänge zu sagenumwobenen Orten.
Ein Tor in alte
Welten öffnet sich
EB Kurs: Sie beschäftigen sich schon seit 20 Jahren mit Sagen und Kultorten. Wie erklären Sie sich das gegenwärtig grosse Interesse daran?
Barbara Hutzl-Ronge: Das Leben in unserer Gesellschaft ist anstrengend,
Flexibilität und Mobilität werden hoch bewertet. Die rationale Denkweise
herrscht vor und es entsteht eine grosse Sehnsucht, sich wieder mehr mit der
Natur zu verbinden, sich beispielsweise an eine alte Eiche zu lehnen. Viele
Menschen suchen daher nach Orten, an denen sie sich erholen können, weil
sie diese Orte als Kraft spendend erleben.
In Ihrem Buch führen Wanderungen an verschiedenste Orte der Kraft.
Inwiefern sehen Sie die Verbindung zur Sagenwelt?
Sagen beschreiben in poetischen Bildern, welche Kraft an einem Ort wirkt.
Geschichten von alten Mütterlein, die in der Nähe einer Quelle wohnen, sind
dafür ein schönes Beispiel. Sie greifen die antike Vorstellung auf, in der ebenfalls Göttinnen als Hüterinnen der Quellen walteten. Jede Quelle wurde als
Tor in die Anderswelt betrachtet, das von einer Quellfrau gehütet wurde.
Wie können wir die Magie dieser Orte wieder entdecken?
Der Zauber zeigt sich, wenn wir «gwundrig» zu den Orten wandern. Der
Charakter von Kraftorten ist erlebbar, aber auch über seine Geschichte
erkennbar. Zu bemerken, dass wir nicht erst weit ins Ausland reisen müssen,
um bedeutende Kultorte zu besuchen, sondern, dass es diese direkt vor unserer Haustüre gibt, empfinden viele Leser als bereichernd.
Sie fordern die Leser oft auf, darauf zu achten, wie der Ort auf sie wirkt.
Können Kraftorte unterschiedlich wirken?
Die einen reagieren auf Orte emotional, andere verspüren körperliche
Empfindungen, manche haben gedankliche Eingebungen. Die Wahrnehmung
der Menschen kann also recht unterschiedlich sein. Ganz wichtig ist, herauszufinden, welche Orte einem in der aktuellen Situation gut tun.
Zum Beispiel?
Wer den Lindenplatz in Zürich besucht, geniesst den weiten Blick über die
Stadt. Wenn man gerade nach etwas Überblick im eigenen Leben sucht, kann
dies ein wohltuender Ort sein.
Was kann man von den spirituellen Geschichten ins Heute mitnehmen?
Dass sie eine Wahrheit darüber erzählen, was für uns Menschen über die
rationale Wirklichkeit hinaus wichtig ist, was wir als kraftvoll und lebendig
machend empfinden. Sie sind Wegweiser zu sagenhaft schönen Orten.
Interview: Maja Bisig, Bild: André Bisig
19
Keine
Zeitung ohne
Gutenberg
Bücherverbrennungen kommen aus weltanschaulichen
und moralischen Gründen immer wieder vor. Selbst
in demokratischen Staaten gibt es heute noch vereinzelte
Verbrennungsaktionen.
Bücher können brennen – Gedanken nicht
Einzigartig in ihrem Umfang und ohne jeden Vergleich in der Radikalität,
mit der Schriftsteller öffentlich verfemt wurden, waren allerdings die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen des Jahres 1933: Auf dem Opernplatz in Berlin und in anderen Universitätsstädten landeten rund 20 000 Bücher
von als «undeutsch» bezeichneten Autoren wie Karl Marx, Heinrich Heine, Kurt
Tucholksky, Erich Kästner oder Sigmund Freud auf dem Scheiterhaufen.
Die erste Bücherverbrennung ist in der Apostelgeschichte der Bibel
beschrieben. Bis in die Gegenwart gelten Bücher immer wieder als «Anstifter» zu nicht systemkonformem Denken und Handeln. Sie werden als Feinde
der Gesellschaft oder des politischen Systems betrachtet. So verbrannte 1973
die Militärjunta nach Pinochets Putsch in Chile marxistische Schriften. 1988
betitelten Muslime in England «Die Satanischen Verse» von Salman Rushdie
als gotteslästerlich und zündeten diese an. Die Gedichtbände von Khalil Gibran
zählten ebenfalls schon zu den Opfern.
Die wahrscheinlich erste Bücherverbrennung im 21. Jahrhundert traf J. K.
Rowlings «Harry Potter». Mitglieder der «Harvest Assembly of God»-Kirche
in Pittsburgh verbrannten die Romane mit der Begründung, sie würden Zauberei und Hexentum verherrlichen. Der Zauberlehrling befand sich übrigens
in bester Gesellschaft: CDs und Videos von Pearl Jam und Black Sabbath landeten gleichzeitig auf dem Scheiterhaufen.
Der Schriftsteller Orhan Pamuk ist ein scharfer Kritiker der türkischen
Kurdenpolitik und der offiziellen Haltung zum Genozid an den Armeniern. Aus
diesem Grund sollten seine Bücher 2005 vernichtet werden.
Vor kurzem berichtete das US-Magazin «Newsweek» über angebliche
Koran-Schändungen im US-Gefangenenlager Guantánamo. Der Bericht löste
nicht nur in Pakistan, das die USA im Anti-Terror-Kampf unterstützt, grosse
Empörung aus.
Ein Schwelbrand zerstörte im September 2004 einen grossen Teil der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. 50 000 Bücher konnten gerettet werden, darunter eine echte Lutherbibel von 1534. Damit hat Martin Luther nach
fast 500 Jahren nochmals über Kaiser Karl V. triumphiert – bereits im Jahr
1521 erliess jener ein Mandat zur Verbrennung von Luthers Schriften.
Text: Brigitte Meier, Bild: Beni Meier
Von Gabi Heussi
Im bewegten 15. Jahrhundert, in der die Schriftlichkeit auch ausserhalb
der Klostermauern deutlich zunimmt, entwickelt
Johannes Gutenberg die
erste Schreibtechnik. Diese
hat bis ins 20. Jahrhundert
Bestand.
Während vor Gutenbergs Zeit Texte in Holz
geschnitzt und gedruckt
oder vollständig abgeschrieben wurden, bringt
er mit seiner Erfindung von
Setzkasten und Druckstock
neue, revolutionäre
Möglichkeiten. Mit seinen
ersten Druckerzeugnissen
imitiert er Handschrift,
übernimmt Kolumnenaufteilung, Rubrizierung sowie
Schriftarten. Er löst die
Texte in ihre kleinsten
Bestandteile, die 26 Buchstaben des lateinischen
Alphabets, auf. So müssen
nur noch die Buchstaben
geschnitten und gegossen
werden. Sie stehen danach
immer wieder für beliebige
Texte zur Verfügung.
Ein genaues Geburtsdatum Gutenbergs ist nirgends festgehalten. Sicher
ist, dass er um die Jahrhundertwende in Mainz,
in eine Welt von lauter
Analphabeten, geboren
worden ist. Er hat nach der
«Gemeinschul» die Universität in Erfurt besucht.
Dank seinem handwerklichen Geschick und wagemutigem kaufmännischen
Denken gelingt es
Gutenberg, mit seinen drei
Gesellschaftern einen
Vertrag einzugehen.
Darin verpflichten sie sich,
über seine Erfindung Stillschweigen zu bewahren,
was bis in die heutige Zeit
immer wieder als
«Geheimnis um Gutenberg» gedeutet wird. Diese
Verpflichtung ist jedoch
nichts anderes als
kaufmännisches Kalkül.
20
Lieblingsbücher fürs
Leben
Von Barbara Weber
Nicht nur Kleider
machen Leute, auch die
Lieblingsbücher und Lieblingsautoren zeigen ein
Stück Persönlichkeit. Sie
begleiten einen oft ein
Leben lang: Da berichtet
eine viel belesene Seniorin,
dass das Lesen der PlatonDialoge ihr in jungen
Jahren das Leben gerettet
hat. Sie dachte damals an
Suizid. Eine andere leidenschaftliche Leserin, um die
Dreissig und in zappenden
Zeiten aufgewachsen,
staunt selber, dass ihr
Lieblingsbuch seit zehn
Jahren dasselbe ist – «Der
Fänger im Roggen» von
J.D. Salinger. Das Buch sei
für sie immer wieder
lesenswert, weil es die
Optik, die Sichtweise, die
Welt «verschiebe».
Auffallend oft kehren
Menschen mit ihren Lieblingsbüchern zurück in die
Kindheit, etwa mit SaintExupérys «Der kleine
Prinz», mit Klaus Schädelins «Mein Name ist
Eugen» oder (Geheimtipp)
mit den Jugendautorinnen
Edith Nesbit oder Elizabeth
Goudge. Beide haben lange
vor Michael Ende dem Kind
eine richtige Rolle zugeteilt. Die Bücher bleiben
deshalb auch für Erwachsene attraktiv.
Offen ist die Frage, ob
man sein eigenes Lieblingsbuch weiterschenken
soll. Wer von Berufs wegen
mit Büchern zu tun hat, ist
eher vorsichtig:
Was den einen gefällt,
kann andere kalt lassen.
Lieblingsbücher sind oft
eine persönliche Sache. Als
Schenkende sind wir
schnell verletzt, wenn die
Beschenkten unberührt
bleiben. Leichte Lektüre,
ein Ferienschmöker oder
ein mitreissender Krimi
sind unverfänglicher.
«Erwachsenen-Comic ist Schundliteratur», war vor den
Jugendunruhen der 80er Jahre noch zu hören. Heute ist der
Comic akzeptierter denn je – auch in der Deutschschweiz.
Trotzdem kann niemand seine Brötchen damit verdienen.
«Von Comics leben?
Vergessen Sie's!»
Zum siebten Mal werden diesen Herbst Comics an der Frankfurter Buchmesse vertreten sein. An der Buchmesse in Basel im letzten Frühling waren
sie zum zweiten Mal mit dabei. Auch Hollywood hat den Braten gerochen und
verfilmt, äusserst erfolgreich, einen Comic nach dem anderen.
«Die Akzeptanz gegenüber Comics in der Gesellschaft ist gestiegen», freut
sich Christian Messikommer, Organisator der Zürcher Comic-Börse. Diese
findet zweimal jährlich statt und kann pro Anlass auf ein treues Publikum von
knapp 1500 Personen zählen. Vom Teenie bis zum Rentner; Comicliebhaber
sind in allen Generationen vertreten.
Nun ist man versucht zu glauben, dass dem Comic ein goldenes Zeitalter
bevorsteht. Christian Messikommer winkt ab: «Hier in der Deutschschweiz
wird der Comic nie, wie in Frankreich oder Belgien, zu einem Kulturgut werden. Kein Comiczeichner kann bei uns von seinem Beruf leben».
Hannes Binder aus Zürich ist seit der Geburtsstunde des Deutschschweizer Comics in den 80er Jahren einer der erfolgreichsten Comiczeichner. Durch
seine Friedrich-Glauser-Adaptionen hat er bis über die Szene hinaus Berühmtheit erlangt. Das kürzlich erschienene Sammelwerk dieser Krimi-Serie «Nüüd
appartigs» ist in der Comicszene zum Bestseller avanciert, «Glausers Fieber»
gar vergriffen.
«Ob ich davon leben kann? Das können Sie vergessen», sagt er ernüchternd. Er halte sich mit Vorträgen, Lehrerjobs und Illustrationen über Wasser.
Die Szene sei einfach zu klein, um viel Geld zu verdienen, sagt er. Auch Christian Messikommer weiss: «Comic ist ein farbiges Printprodukt und darum sehr
teuer; zu teuer für die Jugendlichen. Zudem drucken die Verlage jeweils nur
kleine Auflagen», erklärt er.
Wie der ganzen Literaturbranche weht nun auch dem Comic ein eisiger Wind
entgegen. Der Markt sei am Einbrechen, sagt Messikommer und fügt resigniert
hinzu: «Früher hat es in Zürich fünf Comicbuchläden gegeben, heute gibt es
noch zwei.»
Hannes Binder hat sich aus der Comicszene zurückgezogen. Der bald 60Jährige zeichnet nun Bilderbücher für Kinder und Erwachsene, eine Form, die
ihm als Zeichner mehr Freiheiten lässt als der Comic, wo die Bilder «auf Briefmarkengrösse begrenzt sind», wie er sagt. Auch im Bilderbuchsegment bleibt
der Goldregen leider aus, doch Hannes Binder betont: «Ich will mich nicht
beklagen, denn es ist eine sehr schöne Arbeit.»
Text: Joachim Schmidt, Bild: aus «Der Chinese» von Hannes Binder
21
Illustration: Eva Kläui
TIPPS UND TRICKS
WOLFSGEHEUL ODER
GIRAFFENGESANG?
Konflikte vermeiden. Wer hat nicht schon Dinge gesagt, die später
Leid taten? Die gewaltfreie Kommunikation nimmt die gegenseitigen Bedürfnisse wahr und ernst und beugt so Verletzungen vor.
Man fühlt sich angespannt oder bedrückt, besorgt, durcheinander, erschöpft, hilflos,
ruhelos,schuldig,traurig,unglücklich,unter Druck,unruhig oder unzufrieden.Wieder
einmal hat ein Gespräch nicht zum gewünschten Ergebnis geführt, sondern ist in einen
regelrechten Krach ausgeartet. Warum nur?
Schuld daran ist die Wolfssprache, die mit verletzenden Worten heftige Reaktionen
provoziert. Wer hingegen das ABC der gewaltfreien Kommunikation beherrscht, lernt
solche unerwünschten Verbalspiralen vermeiden. Sie oder er bedient sich dann der
Giraffensprache; diese ist eine einfühlsame, verbindende Sprache, denn die Giraffe hat
das grösste Herz.
DIE VIER SCHRITTE GEWALTFREIER KOMMUNIKATION:
1. Ereignis beschreiben: Am Anfang steht die nicht wertende Beobachtung ohne
Verallgemeinerungen oder Interpretationen. Beispiel: «Wenn ich sehe / höre, dass ...»
2. Gefühl beschreiben: «Fühle ich ...». Zentral ist, die Verantwortung für negative
Gefühle nicht beim Gegenüber sondern bei sich selbst zu suchen und das
entsprechend zu formulieren. Negative Gefühle entstehen aufgrund unbefriedigter
Bedürfnisse. Wichtig ist deshalb, die eigenen Bedürfnisse zu ergründen, sich aber
auch derjenigen der anderen bewusst zu werden.
3. Bedürfnis beschreiben: Das eigene Grundbedürfnis wird beschrieben: «Weil ich ...
brauche / möchte ...» Bedürfnisse können wir nur für uns persönlich haben, also sind
Formulierungen wie «weil du» im Zusammenhang mit Bedürfnisformulierungen
Tabu.
4. Wunsch formulieren: «Und deshalb bitte ich dich / wünsche ich mir ...». Eine Bitte
ist keine Forderung, sondern lässt die Möglichkeit offen, nein zu sagen, wenn beim
Gegenüber andere Bedürfnisse vorliegen, die es zu berücksichtigen gilt.
Beispiel: «Wenn ich höre,dass du zu spät gekommen bist,weil du noch jemanden getroffen hast, dann bin ich frustiert, weil ich mich auf Abmachungen verlassen möchte. Und
deshalb bitte ich dich, mir jetzt zu sagen, ob du in Zukunft bereit bist, die abgemachten Zeiten einzuhalten.» Wer sich eingehender mit dem Thema befassen möchte, findet
einen ersten Überblick über die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg unter www.gewaltfrei.de.
Kurse aus dem Bereich
Kommunikation
Gewaltfreie
Kommunikation
Die Methode der gewaltfreien Kommunikation nach
Marshall B. Rosenberg
macht alle Beteiligten auch
in schwierigen Situationen
handlungs- und
entscheidungsfähig.
Wichtig sind Respekt und
Gleichwertigkeit.
Konflikte erkennen –
Konflikte lösen
Um Konflikte zu lösen,
braucht es Mut, Toleranz
und Durchsetzungsvermögen. An eigenen Beispielen
werden neue Strategien
erarbeitet und die Fähigkeiten erweitert, um friedlich
mit anderen umzugehen.
Weitere Infos und
Anmeldung unter
www.eb-zuerich.ch
22
PERSÖNLICH
THEATER ZWISCHEN
UND BURKINA FASO
Rollenspiele, Denkprozesse. Körpergefühl, Selbstsicherheit und Kommunikationsfähigkeit vermittelt der Kursleiter
Roger Nydegger den Kursteilnehmenden
an der EB Zürich. Als passionierter
Theatermacher pendelt er zwischen
Zürich und Westafrika. Von Charlotte Spindler
Wohin an diesem heissen Sommernachmittag im
Zürcher Stadtkreis 4? Ins nahe Hinterhofgärtchen der
Genossenschaft Dreieck, wo Roger Nydegger schon
gelebt hat, als das ganze Häusergeviert vom Abbruch
bedroht war und die Bewohnerinnen und Bewohner
mit Phantasie und Hartnäckigkeit für den Erhalt der
Wohn- und Gewerbebauten kämpften? Oder lieber
am Tischchen vor der Bar sitzen, wo immer wieder
mal jemand vorbeikommt, stehen bleibt und ein
paar Worte mit Roger Nydegger wechselt? Der Theaterschaffende ist in seinem Quartier eine bekannte
Person: Nicht zuletzt durch die beiden temporeichen
und witzigen Spielfilme, die er mit 30, 40 Kindern aus
der Umgebung gedreht hat und für die er mit einem
Preis ausgezeichnet worden ist.
Neben der professionellen Theaterproduktion arbeitet Nydegger gern mit Kindern. Oder auch mit
älteren Menschen: Für das Tanztheater Dritter Frühling hat er 65-jährige Tanzbegeisterte und jugendliche Breakdancer in einer Produktion zusammengebracht. Das Spontane, nicht so Glattgekämmte findet
er im Theater spannend: «Ich liebe die Arbeit mit den
Menschen und all ihren Unzulänglichkeiten», meint
er; neue Herausforderungen stehen ihm näher als Sicherheiten, selbst wenn er diese manchmal vermisse.
ARBEITEN IN AFRIKA. Auch seine Theaterengagements in Afrika sind Herausforderungen. Jedes Jahr,
meistens während zwei Monaten, arbeitet der Regisseur und Theatermacher in Afrika, die letzten Jahre in
Bilder: Reto Schlatter
PERSÖNLICH
Roger Nydegger lebt es vor: Der Spieltrieb sollte
nie verloren gehen.
ZÜRICH
Burkina Faso. In Kontakt zu Theaterleuten aus afrikanischen Ländern kam er als Schauspieler in einem
Stück des nigerianischen Autors Wole Soyinka in
Leeds im Norden Englands.Das war vor etwa zehn Jahren. Kurz darauf konnte er in Ägypten mit arabischen
Theaterprofis ein Stück für Kinder inszenieren und
wirkte als Schauspieler mit. Die über 40 Aufführungen vor bis zu 1000 begeisterten Kindern waren für ihn
ein Schlüsselerlebnis. Später kamen Auftragsarbeiten
in Westafrika hinzu, u.a. unterstützt von Pro Helvetia
und Schweizer Hilfswerken.
«In Afrika habe ich mich selten gefragt, warum ich
überhaupt Theater mache», sagt Nydegger, «Theater
in Afrika ist anders, weil das Leben dort viel existenzieller ist.» Er erzählt von der Zusammenarbeit mit
afrikanischen Theaterschaffenden, von den Tourneen
durch Dörfer, die überhaupt noch nie von einer Theatertruppe besucht worden sind, und von seinen aktuellen Projekten in Burkina Faso, unter anderem einer
Inszenierung von Shakespeares «Sommernachtstraum», adaptiert auf afrikanische Verhältnisse.
«Theater soll bewegen, Denkprozesse in Gang bringen und dabei den hohen künstlerischen Anspruch
halten», meint er.
LEBENDIGES THEATER. Roger Nydegger, 48, besuchte in den Achtzigern, der Zeit des politisch engagierten und experimentellen Theaters, die «Vorbühne
Zürich», damals eine wichtige Ausbildungsstätte für
angehende Tanz- und Theaterschaffende. Nach der
dreijährigen Ausbildung war er als Schauspieler bei
freien Bühnen in Basel, Bern und Zürich zu sehen und
studierte berufsbegleitend Theaterwissenschaft. Ein
wichtiger Aspekt war für ihn immer auch die Theaterpädagogik; viel praktisches Know-how konnte er
sich als Ensemblemitglied des Jungen Theaters Basel
holen. In den letzten Jahren führt Nydegger vermehrt
selber Regie; ab und zu taucht sein Kopf auch in
Schweizer Spielfilmen auf, zuletzt in «Grounding».
Roger Nydegger hat mehrere Standbeine: Im Auftrag der Bildungsdirektion führt er interkulturelle
Projektwochen an Volksschulen und Lehrerfortbildungskurse durch und macht Theaterarbeit mit
erwerbslosen Jugendlichen. Als Kommunikationstrainer kommt er aber auch in die Führungsetagen
von Grossunternehmen, unter anderem ins Assessment-Center einer Grossbank. «Was diese so verschiedenen Aktivitäten verbindet, ist das Theaterspielen», sagt er; «es könnte ein universelles Heilmittel sein, wenn es uns gelingt, dem Spieltrieb in uns
wieder Leben einzuhauchen. Rollenspiele beispielsweise lösen oft ganz erstaunliche Veränderungen
aus.»
SPONTAN UND SELBSTBEWUSST. An der EB Zürich
erteilt Nydegger, der hier auch seine Ausbildung zum
Erwachsenenbildner SVEB gemacht hat, seit drei
Jahren Kurse: «Einführung in die Körpersprache»
und «Schlagfertig und spontan reagieren». In diesen
Kursen möchte er den Teilnehmenden zeigen, wie sie
an den eigenen Stärken arbeiten können und lernen,
dass in Auseinandersetzungen «auch mal was zurückkommt», ohne dass das gleich den Weltuntergang
bedeutet: «Schlagfertigkeitstraining hebt das Selbstbewusstein.»
Fünf Uhr vorbei, Roger Nydegger muss aufbrechen, seine dreijährige Tochter Sona von der Krippe
abholen. Er steigt aufs Velo mit dem türkisfarbenen
Kindersitz – und verschwindet im Aussersihler Feierabendverkehr.
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KURSFENSTER
AUF ZU NEUEN
HORIZONTEN
Weiterbildung in der Familienphase. Nur Hausfrau – diese abschätzige
Formulierung macht Frauen den Wiedereinstieg ins Berufsleben schwer.
Dass sie mehr sind und können, vermittelt ein Kurs der EB Zürich seit
Jahren erfolgreich. Von Ilka Stender
Organisationstalent mit Managementerfahrung,
belastbar und selbständig, sozial kompetent und
lösungsorientiert, mit hohem Pflichtbewusstsein,
erfahren in Zeit- und Kostencontrolling,äusserst loyal
und ausdauernd, hohe Frustrationstoleranz. So steht
es an der Tafel und es klingt wie die Ausschreibung für
eine Kaderstelle. Brigitte Fuchs ist überrascht, denn
dieses Profil soll ihr entsprechen. Die Teilnehmerinnen des Lehrgangs «Weiterbildung in der Familienphase» haben es für sie erstellt – anhand ihres Arbeitsalltags als Hausfrau und Mutter zweier pubertierender Kinder. «Meine Arbeit ist für mich so selbstver-
ständlich, dass ich darin gar nichts Besonderes sehe»,
sagt Fuchs. «Im Gegenteil: Ich ertappe mich immer
wieder dabei, wie ich meine Arbeit abwerte. Ich koche
ja nur ein Mittagessen,ich erledige ja nur den Einkauf,
ich helfe ja nur den Kindern bei den Hausaufgaben.
Und am Ende des Tages habe ich noch das Gefühl,
nichts getan zu haben.»
Wahrscheinlich wird sie von nun an nicht mehr
unsicher von sich sagen,sie sei «nur Hausfrau».Damit
hätten Silvia Silberschmidt und Ruth Anner ein wichtiges Ziel des Lehrgangs erreicht: die eigene Arbeit
wertzuschätzen und mit Selbstbewusstsein zu ver-
Bild: Reto Schlatter
KURSFENSTER
neu allein für ihre Kinder und den Unterhalt sorgen,
wieder andere arbeiten bereits Teilzeit und suchen
nach Alternativen zum jetzigen Job oder nach Wegen,
um Beruf und Familie besser zu verbinden.
NEUE UFER. Auch Diomira Sloksnath war auf der
Suche. Neben der Familienarbeit hatte sie bereits eine
Ausbildung absolviert und ein Behördenamt inne.
«Es war nicht das, was ich wollte, aber ich wusste auch
nicht, was ich wollte.» Also entschied sie sich für den
Lehrgang als eine Art «Laufbahnberatung in der
Gruppe». «Die Gruppe ist gut, weil sie motiviert»,
erklärt Sloksnath, «allein wäre ich wahrscheinlich
bequemer und hätte immer eine Ausrede, warum
ich gerade keine Zeit habe, die Dinge in Angriff zu
nehmen.» Inzwischen weiss sie auch, was sie will. In
sozialpolitischer Arbeit sieht sie ihre Zukunft, für
die Ausbildung «Management und Leadership» der
EB Zürich ist sie bereits angemeldet. Auslöser war das
fiktive Bewerbungsgespräch bei einer Gewerkschaft.
Solch ein Gespräch arrangieren die Leiterinnen für
jede Frau. Dabei bewerben sich die Teilnehmerinnen
bei einem realen Arbeitgeber um ihre Wunschstelle.
Das Gespräch ist fiktiv, aber nicht geschönt, Bewerbungsmappe und Lebenslauf werden genauso kritisch betrachtet wie bei einem realen Vorstellungstermin. Die Gruppe gibt Feedback, aus dem die Bewerberin für den Ernstfall lernen kann.
Familienarbeiterinnen: In der Gruppe
zu neuen Perspektiven
treten. Silberschmidt und Anner, beide diplomierte
Berufs- und Laufbahnberaterinnen, leiten diese Weiterbildung für Frauen, die neben oder nach der Familienarbeit wieder in das Berufsleben einsteigen wollen. Etwa 15 Frauen im Alter von Mitte 30 bis Mitte 50
treffen sich zwei Semester lang einmal pro Woche.Der
Lehrgang beginnt mit einer Standortbestimmung,
lässt die Teilnehmerinnen ihr Potenzial entdecken,
Ziele und Wünsche formulieren und hilft ihnen, diese
schliesslich umzusetzen. Neben den Laufbahnberaterinnen arbeiten verschiedene Referentinnen mit den
Frauen; sie vermitteln Arbeits- und Lernmethoden
oder schulen in Kommunikations- und Präsentationsfähigkeit. Weitere Lernziele sind Körperbewusstsein, Umgang mit Stress und das Schliessen von Bildungslücken.
RESPEKT! Die Motivation der Frauen ist unterschiedlich, ebenso ihre Bildung, ihr sozialer, familiärer und
finanzieller Hintergrund. Zu spüren ist dies bei den
Treffen aber nicht, die Stimmung ist locker, vertraut
und wohlwollend. «Wir haben Regeln festgelegt für
den Umgang miteinander. Der Respekt des anderen
ist Bedingung und dass alles, was gesagt wird, unter
uns bleibt»,erklärt Inge Mathis,Hausfrau und Mutter
dreier Kinder. Sie besucht den Lehrgang, weil sie herausfinden möchte, wo ihre Stärken und Schwächen
liegen, um «die eigene Entwicklung voranzutreiben», wie sie sagt. Andere Teilnehmerinnen müssen
MUT FINDEN. Brigitta Beschart hat sich real beworben, bei der Spitex. Und sie hat die Stelle bekommen!
Geträumt hatte sie lange davon, aber sich dann doch
nie getraut, den entscheidenden Schritt zu gehen.
«Ich habe keine gute Ausbildung und das hat mich
immer verunsichert», erklärt die allein erziehende
Mutter eines erwachsenen Sohnes. «In der Gruppe
habe ich gelernt, an mich zu glauben und selbstbewusst aufzutreten.» Wichtig für diese Entwicklung
empfindet sie das Feedback der anderen Kursteilnehmerinnen. «Erstaunlich wie sehr die Wahrnehmung
der anderen manchmal von meinem Selbstbild
abwich – im positiven Sinn. Und das hat mir gut
getan», sagt Beschart. Im zweiten Halbjahr wird jede
Teilnehmerin von den anderen eingeschätzt. Sie
erfährt, wo diese ihre Stärken und Schwächen, ihre
Begabungen und Neigungen sehen.
KLAR SEHEN. Auch Monika Steffen hat so eine klarere
Vorstellung von ihrem zukünftigen Arbeitsfeld erhalten: Es kristallisierte sich heraus, dass sie ihre Interessen für Umwelt und Natur mit ihrer Stärke im
Vermitteln von Inhalten kombinieren sollte. Auch
konkrete Berufsbilder standen schliesslich an der
Tafel. Berufe, an die Monika Steffen nie gedacht hat,
die ihr jetzt aber absolut passend erscheinen. «Dieser
Lehrgang ist etwas vom Besten, was ich je gemacht
habe», schwärmt sie. «Ich habe mich sehr verändert.
Auch meine Umgebung nimmt das wahr und findet,
ich sei zufriedener, positiver und selbstsicherer.»
Damit diese Wirkung anhält, wollen die Teilnehmerinnen sich auch nach Ende des Lehrgangsregelmässig
zum Erfahrungsaustausch treffen.Wie alle Frauen der
vorangegangenen Lehrgänge übrigens auch.
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INTERVIEW
EB Kurs: Punkto Investitionen in die Bildung
gehört die Schweiz im europäischen Vergleich zur
Spitzengruppe. Können wir uns also zufrieden
zurücklehnen?
Karl Weber: Im internationalen Vergleich investiert
die Schweiz tatsächlich weit überdurchschnittliche
öffentliche und private Mittel in Bildung und Weiterbildung. Doch damit ist noch nichts darüber gesagt, wie
haushälterisch und wirksam diese Gelder tatsächlich
eingesetzt werden: Die Pisa-Studien und der Adult
Literacy Survey zeigen, dass die Bildungsinvestitionen
nicht den Ertrag abwerfen, den man von ihnen erwarten darf. Einige Experten von Weiterbildung weisen
darauf hin, dass das Geld nicht optimal verwendet
wird.
Weshalb werfen die Investitionen in die
Weiterbildung zu wenig ab?
Das hat mit der fortschreitenden Tendenz zur Überspezialisierung sowie mit der Segmentierung des
Arbeitsmarktes zu tun. Beispielsweise werden in
unserem Land im Bereich der KV-Weiterbildung zwischen Fähigkeitsausweis und MBA-Abschluss an der
Uni mehr als ein Dutzend Abschlussmöglichkeiten angeboten.
Schuld ist also unser Hang zum Spezialistentum?
Enge Spezialisierungen sind weder nachhaltig noch innovationsfördernd. Die Verbände als Weiterbildungsanbieter verdienen zudem an Vorbereitungen und Abschlüssen, wodurch partikuläre Interessen gefördert
werden. Das Berufsbildungs- und Weiterbildungssystem entwickelt so eine ungesunde Eigendynamik; die
weiten Wege führen bei den Weiterbildungsinteressierten zu Frustration und Resignation. Wir müssen uns
überlegen, wie wir das Weiterbildungssystem besser
strukturieren und nachhaltiger ausgestalten können.
Weshalb sind solche Systemfehler nicht schon
früher beseitigt worden?
QUALIFIKATION
Im Gespräch. Trotz hohen Bildungsinvestitionen gelingt es der Schweiz zu
wenig, bildungsferne Schichten zu Weiterbildung zu bewegen, damit sie
arbeitsmarktfähige Qualifikationen nachholen. Professor Karl Weber konstatiert
eine sich öffnende Schere zwischen
Bildungsarmen und Bildungsreichen und
fordert verstärkte Anstrengungen, um sie
zu schliessen. Interview: Christian Kaiser
INTERVIEW
Heisst das, wir beziehen qualifiziertes Personal
einfach aus dem Ausland, anstatt es selbst heranzubilden?
Ausländerinnen und Ausländer sind vor allem bei
den Hochqualifizierten und den Ungelernten überdurchschnittlich vertreten. Im Bereich Forschung und
Entwicklung etwa beträgt der Ausländeranteil über
40 Prozent, bei den Hilfskräften ist er ähnlich hoch.
Die Schweizerinnen und Schweizer hingegen geben
sich offenbar gern mit einer Position «au juste milieu»
zufrieden. Dorthin steigen wir auf, ohne allzu viel dafür
tun zu müssen.
FÜR ALLE
Sind wir zu bequem?
Wir neigen zumindest dazu, nur hervorragend ausgebildete Ausländerinnen und Ausländer sowie Hilfskräfte zu «importieren», die unsere Jobs im Mittelfeld
nicht gefährden. In Bezug auf das in der Schweiz brachliegende Humankapital, etwa das der in der Schweiz
aufgewachsenen Ausländerinnen und Ausländer, gilt
Ähnliches: Auch dieses wird schlecht genutzt.
Weshalb?
Die Hinweise sind klar: Wir sind offensichtlich nicht
bedingungslos daran interessiert, alle vorhandenen
Bildungsressourcen zu nutzen und schlechter Qualifizierte gezielt zu fördern. Weshalb ist das so? Liegt
es allenfalls daran, dass wir lieber den Abstand zu den
wenig Qualifizierten erhalten, um unsere bessere
Position zu sichern? Es macht den Anschein, als sähen
wir Schweizer eine weit geöffnete Schere zwischen
Bildungsreichen und Bildungsarmen gar nicht so ungern.
Bilder: Christoph Obrecht
Ein Hauptproblem besteht sicher darin, dass der
Mangel an Fachkräften in der Schweiz seit Langem
durch Immigrationen bewältigt wird. Das schwächt
den Innovationsdruck auf das Bildungssystem. Ausserdem stellt der bisherige Erfolg des Systems eine
Hypothek für seine zukunftsorientierte Veränderung
dar.
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INTERVIEW
Die Schweiz ist doch stolz auf die Chancengleichheit
in ihrem Bildungssystem, wie können Sie da von
einer «Bildungsschere» sprechen?
Diese Schere existiert: In der Schweiz klafft eine grosse Lücke zwischen Bildungsarmut und Bildungsreichtum. Als bildungsarm werden jene Populationen definiert, die bloss eine obligatorische Schule abgeschlossen haben oder deren Kompetenzniveau gemäss den
Pisa-Studien die Stufe 1 nicht erreicht. Unter den 15-jährigen Jugendlichen in der Schweiz absolvieren 12 bis
15 Prozent weder eine Berufslehre noch eine weiterführende Schule, in den älteren Altersgruppen liegt
dieser Anteil noch höher. Auf der anderen Seite ist auch
der Anteil der Personen mit Hochschulabschluss inzwischen relativ hoch. Dadurch sind die Bildungsprofile – gemessen an Abschlussquoten oder Kompetenzen – in der Schweiz im internationalen Vergleich sehr
heterogen. In Ländern wie Finnland weist das Humankapital demgegenüber eine bemerkenswerte Homogenität auf.
Weshalb ist das schlecht für unsere Gesellschaft?
Die Bildungsarmen bilden den «harten Kern» der
Gruppe der Weiterbildungsabstinenten. Entscheidend
dabei ist, dass dieser Gruppe Weiterbildung verunmöglicht ist, weil sie ohne einen Bildungsabschluss
über keine anschlussfähigen Qualifikationen verfügt.
Rund einem Viertel der Erwerbstätigen bleibt so der
Anschluss an die traditionelle Weiterbildung verwehrt. Der Ausländeranteil in dieser Gruppe ist beträchtlich. Zur mangelnden Motivation der Bildungsungewohnten kommen also noch fehlende formale
Voraussetzungen hinzu.
Das «Recht auf Bildung» gilt also für einige mehr
als für andere?
Ja, ein gleichberechtigter Zugang zu den Bildungseinrichtungen besteht nicht für alle; die Kategorie
der «Ungebildeten», die keinen anschlussfähigen Abschluss besitzen, geht im System verloren, Aufstiegschancen sind ihnen verbaut. Für die privaten Anbieter
in der Weiterbildung sind sie zudem keine interessante Zielgruppe: Ihre Zahlungsbereitschaft und -fähigkeit ist begrenzt, sie sind schwer zu unterrichten, die
Erträge von Bildungsinvestitionen ungewiss, die Risiken sind also insgesamt beträchtlich.
Was können wir tun, damit sich die Schere
zwischen der sehr gut und der sehr schlecht ausgebildeten Bevölkerung nicht weiter öffnet?
Die öffentliche Hand ist als Bildungsanbieterin gefordert. Weil die Schweiz insbesondere aus demografischen Gründen künftig auf gute Qualifikationen an-
Report «Zukunftschance Weiterbildung»
Dieses Interview ist ein Auszug aus dem «BiZE-Report 1», der
sich dem Thema «Zukunftschance Weiterbildung» widmet.
Der Report fasst in übersichtlicher und kompakter Form die
wichtigsten Ergebnisse eines Events zusammen, welchen die
EB Zürich Anfang Jahr unter dem Titel «Spannungsfeld
Bildung» organisierte; verschiedene Expertinnen und Experten (u.a. Heike Bruch, Martin Heller, Christian Schmid)
Prof. Dr. Karl Weber ist ein ausgewiesener Weiterbildungsexperte: An der Universität Bern leitet er die Koordinationsstelle für Weiterbildung und ist Mitglied der Studienleitung
für verschiedene Nachdiplomstudiengänge, unter anderem
«Weiterbildungsmanagement», «Evaluation» oder «Management im Gesundheitswesen». Neben seiner Tätigkeit an
der Universität amtet er auch als Präsident der Leitungsgruppe des Nationalfonds-Forschungsprojekts NFP43 über
«Bildung und Beschäftigung» und ist Mitherausgeber der
Fachpublikation «Grundlagen der Weiterbildung». Einer von
Webers Arbeitsschwerpunkten ist die «Weiterbildungs-, Bildungs- und Hochschulforschung im Kontext von Arbeit und
Politik», daneben erforscht er auch die Steuerung von Bildungssystemen sowie das Management von Bildungseinrichtungen. Der Kanton Bern lässt sich von Weber in Berufsund Weiterbildungsfragen beraten.
gewiesen ist, müssen wir handeln: Das Minimalziel
muss eine für Weiterbildung anschlussfähige Qualifikation für alle sein. Primar- und Sekundarstufe müssen
ihren Förderungsauftrag besser wahrnehmen.
Und bei der Weiterbildung?
Die Weiterbildungsanbieter müssen für die bildungsfernen Schichten Nachholbildungen bereitstellen –
das ist eine klassische Aufgabe für die öffentlichen
Träger der Weiterbildung. Allen, die motiviert sind,
sollte es möglich sein, versäumte Abschlüsse nachzuholen. Um allen das Recht auf Bildung zu gewähren,
braucht es riesige Anstrengungen und genau diese
Anstrengungen müssen wir dringend auf uns nehmen.
Sie sehen es also als eine öffentliche Aufgabe an, Weiterbildung für alle zu gewährleisten...
Ja, der öffentliche Auftrag muss «Qualifikation für alle» lauten. Freilich: Wird die Gruppe der «Ungebildeten» besser qualifiziert, verstärkt sich die Konkurrenz
um knappe Beschäftigungspositionen. Das sollten wir
in Kauf nehmen, denn auf Dauer ist das sicher für die
Gesellschaft und ihre weitere Entwicklung von Vorteil.
Betrachtet man die demografische Entwicklung der
Schweiz können wir es uns schlicht und einfach nicht
leisten, Humankapital ungenutzt zu verschwenden!
beziehen Position zu aktuellen Bildungsfragen, bringen neue
Perspektiven ein und legen ihre Visionen einer künftigen
Bildungslandschaft Schweiz dar. Interessierte können die Broschüre auf www.eb-zuerich.ch (unter «Aktuell») als PDF herunterladen oder in der gedruckten Version bestellen.
Auch in Zukunft wird das BiZE im Zürcher Seefeld ein Ort sein,
wo nicht nur still über Bildung nachgedacht, sondern auch
lustvoll über Bildungsfragen diskutiert werden wird:
www.bize.ch.
Bild: Reto Schlatter
KUNST
KRAFT UND BEWEGUNG
Welle. Willy Wimpfheimers
Skulptur vor dem BiZE lebt.
Gewundene Stäbe ziehen sich durch das ganze Werk
des 1938 geborenen Zürcher Bildhauers Willy Wimpfheimer.
Sind diese in jüngeren Zeiten aus Eisen – etwa vor dem
Tramdepot Irchel –, so arbeitete Wimpfheimer 1970 am
Bildhauersymposium auf dem Gelände der Freizeitanlage
Riesbach wie alle anderen Teilnehmer mit Stein, mit
weissem Cristallina-Marmor. Ein schneller Blick auf die
Skulptur mag Assoziationen an eine Bostitch-Klammer
wecken. Der Schein trügt. Da ist keine Erstarrung, da ist
Bewegung, die fliesst. Die vermeintliche Symmetrie erweist
sich als falsch, allenfalls vorhanden als Möglichkeit, nicht
aber als Endzustand. Der Riss im Sockel beweist, dass solche
Bewegung ungeahnte Kräfte freimacht.
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KULTUR
LESEN, HÖREN, SEHEN
Kursleitende und Mitarbeitende der EB Zürich geben
Tipps zu interessanten Büchern, CDs und Videos.
LESEN
Brigitta Fumasoli
Kursleiterin Englisch
Spurensuche. Spencer C. Spencer, Professor für
Philosophie und Dekan an einem College in Texas, ist
verschwunden, so viel steht fest. Dank einer engagierten
Bibliothekarin können wir seine Aufzeichnungen lesen,
die er in seinem Versteck, einem abgelegenen Kaff am
Rande der Wüste, geschrieben und an einem merkwürdigen Ort versteckt hat. Mit wunderbarer Schwerelosigkeit
und seinem leisen, unverwechselbaren Humor verführt
uns der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson mit
einem Thriller, der es mit witzigen Dialogen und skurrilen
Begebenheiten mühelos schafft, uns jenseits des Banalen
in Fragen von philosophischer Erhabenheit zu
verwickeln.
Lars Gustafsson
Der Dekan, 2004
HÖREN
Jean-Pierre Lips
Mitarbeiter Administration
Energie. Groovige Rhythmen, elektrisierende Sounds.
Seit gut 30 Jahren erfreuen Judas Priest Hard-Rock-Fans
mit wirklichem Heavy Metal. Kein Nu-, Rap- oder
Wasauchimmer-Metal. Neben der gerideten Harley
dealen Priest mit der Power, feelen das Adrenalin. Wer
bitte schön kleidet die eigenen textlichen Unzulänglichkeiten derart liebevoll in Metal-Klischees wie die Briten?
Mit dem neuen Album weilen die Metal Gods definitiv
wieder unter uns. Aufbauender Heavy Metal, der
Energien freisetzen kann. Dazu als Motto eine Textzeile:
«If you think it's over, better think again.» Deshalb
können alle Fans beruhigt ihre Lederjacke wieder
vernieten.
Judas Priest
Angel of Retribution, 2005
SEHEN
Hans Christen
Kursleiter Persönlichkeit
und Management
Intelligenz. Witzig, berührend und märchenhaft
erzählt uns Fredi M. Murer in seinem neuesten Film die
Geschichte eines hoch begabten Knaben. Vitus, so heisst
er, spielt wunderbar Klavier und liest den Brockhaus
schon im Kindergarten. Seine Mutter wittert eine grosse
Karriere für ihn. Doch das Wunderkind ist einsam.
Es bockt und sucht Zuflucht bei seinem Grossvater,
wunderbar gespielt von Bruno Ganz. Bei ihm findet der
Junge seine Ruhe, bastelt und träumt vom Fliegen.
Mit einem Sprung nimmt er dann sein Leben in die
eigene Hand. Schüchtern, frühreif und abgeklärt startet
Vitus ein Doppelleben, bei dem er einem so richtig ans
Herz wächst.
Fredi M. Murer
Vitus, 2006
WEITERBILDUNG
31
e
eiten
Mit 8 S-Journal
Journi
EB Zürich
Kantonale Berufsschule
für Weiterbildung
Bildungszentrum für Erwachsene BiZE
Riesbachstrasse 11
8090 Zürich
Telefon 0842 843 844
Weiterbildung – wie ich sie will
www.eb-zuerich.ch
lernen@eb-zuerich.ch
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