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Heizen wie Oma Beitrag: Sandro Poggendorf Hendrik Ebert - MDR

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Heizen wie Oma | Manuskript
Heizen wie Oma
Beitrag: Sandro Poggendorf
Hendrik Ebert. Der Mann hat Kohle. Noch. Gleich hat sie Kunde Rolf Colditz.
Henrik Ebert, Kohlenhändler
„Herr Colditz, ich grüße Sie. Ein Jahr nichts gesehen und doch wieder erkannt. Der
Kohlenmann ist da.“
Ab in der Keller. Lagebesprechung.
Rolf Colditz, Kunde
„Man weiß nicht wie der Winter wird und da habe ich mir gedacht, lieber noch 10 Zentner
rein.“
Hendrik Ebert
„Na klar, was Du hast…“
Kohle bunkern, bevor es so richtig kalt wird. Sehr vorbildlich.
Hendrik Ebert
„Besser geht’s gar nicht.“
Zehn Zentner Kohlen, auf so engen Raum. Für einen ganzen Winter dann aber doch auch
recht wenig. Hat Hausbewohner Colditz etwa noch eine andere Heizquelle?
Rolf Colditz
„Das ist der Gasherd – merkst Du wie warm es ist?“
Nur eine Gasheizung in der guten Stube. Der Rest des Hauses wird noch fossil befeuert.
Rolf Colditz, Kunde
„Die ganze Bude mit Gas heizen, das wird zu viel für den ganzen Winter. Und da mache ich
hier in der Küche noch Feuer.“
Hendrik Ebert, Kohlenhändler
„Och, sogar noch mit Klappe hier. Mensch der sieht ja gut aus“.
Ein Beistellherd zum zu heizen. 10 Zentner Kohle müssen dafür in den kleinen Keller. Zwei
Kiepen noch, dann ist der Keller voll. Vielleicht auch zu voll.
Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers
verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.
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Heizen wie Oma | Manuskript
Ein Kohlenmann im Kampf mit den Elementen. Nicht mal schweres Gerät, die Schippe, hilft.
Aber die Eimer. Zeit für das Tauschgeschäft – Kohle gegen Kohle. 10 Zentner für 128 Euro.
Hendrik Ebert:
„Genau, stimmt so. Da trinken wir mal einen Kaffee.“
Zwei Stunden früher, 07.00 Uhr. Hendrik Ebert beginnt in seiner kleinen Kohlenhandlung
ganz entspannt mit den Vorbereitungen.
Hendrik Ebert, Kohlenhändler
„Die Kundschaft ist ja früh um 07.00 Uhr ja noch nicht bereit in den Keller zu gehen und
sich da in den Keller zu stellen. Und um 09.00 Uhr haben die dann schon das erste
Frühstück und da passt das. Eigentlich.“
Ort der Erinnerung, Schreibstube, Umkleide. Das kleine Büro als Mehrzweckraum.
Hendrik Ebert
„Das ist Tradition bei mir. Immer eine schwarze und eine braune Socke.“
Tradition wird im Kohlenhandel Ebert groß geschrieben. Die Zeit hat sichtbar Spuren
hinterlassen, aber immerhin hat der kleine Leipziger Betrieb zwei Weltkriege, die DDR und
die Deutsche Einheit überstanden.
1896 gründet der Ur-Großvater Eduard den Betrieb. Großvater Erich und Vater Lothar führen
das Unternehmen weiter, bevor Hendrik Ebert kurz nach der Wende übernimmt.
Kohlenhändler in der DDR mussten jede Menge Staub schlucken, führten ein hartes, aber
auch gut bezahltes Leben. Allein bis zu 60 Mark Trinkgeld kassierten die Kohlenmänner
damals täglich und wurden alle Jahre wieder auch zur Nachrichtenmeldung, wie hier in der
Aktuellen Kamera.
Aktuelle Kamera
„Auf dem größten Kohleumschlagplatz unseres Landes, in Leipzig Plagwitz. Die Männer des
Kohlehandels haben zusätzliche Schichten eingelegt. Hausbrand wird abgefüllt und
verladen. Dringende Bestellungen des Wochenendes.“
Bis zu 90 Prozent aller Heizungen in der DDR wurden mit Kohle befeuert. Das war zu sehen
und vor allem zu riechen. Die Asche vernebelte sogar den Smog, wurde damals gespottet.
Heute heizen immer noch rund 2,5 Millionen Haushalte mit Braunkohlebrikett. Gut so, meint
Hendrik Ebert und legt uns sein derzeitiges Firmenkapital offen.
Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers
verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.
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Heizen wie Oma | Manuskript
„Das ist schwarzes Gold.“
Aber wie viel ist der Haufen Kohle denn nun tatsächlich wert?
Hendrik Ebert, Kohlenhändler
„300 Zentner mal 12 – das sind so 3.500 Euro, die hier liegen.“
Wie viel er dafür beim Großhandel bezahlt hat? Betriebsgeheimnis. Klar ist nur, der Kunde
muss heute für einen Zentner Kohle 12.80 Euro zahlen. Die Gewinnspanne für den
Kohlenhändler beträgt zwischen 10 und 20 Prozent. Dafür muss Ebert aber auch einiges in
Kauf nehmen, das Kellerfenster bleibt für die Kohlenrutsche tabu.
„Wir können hier wohl nicht durchs Fenster? Na dann müssen wir das so machen. Hat der
Kohlenmann Pech gehabt. Bei so einem schönen Fenster“.
Dienst-Leistung! Und das alles für die Hexe im zweiten Stock.
Christine Kallert, Kundin
„Das ist halt eine Küchenhexe.“
Christine Kallert befeuert die Küchenhexe weil es im gesamten Haus keine Heizungen gibt.
Das ist so gewollt, hält die Miete sehr günstig und hat noch schöne Nebeneffekte.
Christine Kallert, Kundin
„Das ist auch eine angenehme Wärme. Ein schönes Gefühl, dieser Umgang mit dem
Feuer.“
An dieser jungen Frau und ihrem heißen Ofen hätten sicher auch die Redakteure der DDR
Fernsehserie „Energiespartipps“ wahre Freude gehabt.
DDR-Fernsehen „Energiespartipps“
„Besonders gemütlich wirkt der in vielen Haushalten vorhandene Kachelofen. Aber
richtiges Heizen will gelernt sein“.
Die DDR mit einer jährlichen Förderleistung von über 300 Millionen Tonnen, größter
Braunkohleproduzent der Welt.
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DDR-Fernsehen „Energiespartipps“
„Ein ordnungsgemäßer Verbrennungsvorgang setzt einen sauberen und nicht
verschlackten Rost voraus. Papier, alte Bücher, Textilien oder Plaste haben im Ofen nichts
zu suchen. Sie brennen schlecht und verstopfen Züge und Rost.“
Bei Christine Kallert ist alles sauber - sogar der als Dreckschleuder verschriene
„Dauerbrandofen“. Nur am Timing für die Bestellung kann Sie noch arbeiten. Schon im
Sommer an den Winter denken.
Hendrik Ebert, Kohlenhändler
„Das geht auch nach finanziellen Mitteln. Es gibt welche die rufen auch im Sommer an, ad
ist sie um 1 Euro billiger, die Sommerkohle. Aber da denken die meisten nicht dran. Da
haben sie Urlaub und das Leben ist schön. Schön warm ist schön, schön warm. Da sagen
die, scheiß drauf auf den Winter, da zahlen wir 20, 30 Euro mehr. Aber wenn dann der
Winter da ist, da sagen sie dann, im nächsten Jahr machen wir das anders.“
In der DDR kostete 1 Zentner Kohle 1,93 Mark. Dazu gab es noch reichlich Trinkgeld, für viele
Kunden ist das heute aber schlicht nicht mehr drin.
Hendrik Ebert mit Kundin
„Noch fünf Euro. Ich singe auch ein Lied.“
Ein Energiebündel, dieser Kohlenhändler Ebert. Das Frühstück findet während der Fahrt zum
nächsten Kunden statt. Eine Stulle zur richtigen Zeit, denn ab jetzt geht es bergab für den 47jährigen.
Hendrik Ebert
„Oh, dass ist ja wie auf dem Brocken. Wer hat denn die gebaut?“
Kai Uwe Dubyk – er ist der Genussheizer unter Ebers Kunden. In seinem Haus gibt es GasHeizung und sogar Solar, aber den geliebten Kachelofen will er nicht mehr missen und seine
Freunde auch nicht.
Kai Uwe Dubyk, Kunde
„Alle Freunde kommen gerne her und sitzen auch gerne am schönen warmen Ofen“.
Der Genuss-Heizer leistet sich die Kohle zum Spaß. Davon kann der letzte Kunde der
heutigen Tagestour nur träumen. Per Rutsche lässt sich der arbeitslose Zeitungsausträger
Kohle in den Keller bunkern und hofft damit über den Winter zu kommen.
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Heizen wie Oma | Manuskript
Reporter-Frage
„Leise ist das ja nicht?“
Nicht leise, nicht sauber. Aber preiswerter kann man kaum heizen:
Kunde
„Man ist nicht auf die Heizung angewiesen, man verbraucht kein Gas. Eigentlich kann man
mit Kohle nur sparen.“
Viel Asche, weil wenig Kohle. Der klamme Kunde darf beim Kohlenhändler anschreiben.
Hendrik Ebert, Kohlenhändler
„Du meldest Dich, wir sind ein Team. Du sagst Bescheid und dann komme ich rum.“
Feierabend. Kohle für 663 Euro verkauft. Hat sich das gelohnt?
Hendrik Ebert, Kohlenhändler
„Ich kann gut davon leben. Natürlich, die Frau muss auch arbeiten gehen, eine ganze
Familie, das geht nicht. Aber ich kann davon ganz gut Leben. Und natürlich hast Du mal
eine Zeit, März, April, Mai, wo die Leute nicht so bestellen, Da denkt niemand an Kohle
kaufen.“
Hendrik Ebert lebt auch zukünftig sein Leben für die Kohle.
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