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L e b e n m i t O p t i m i s m u s : F l o r i a n L a n ge n s c h e i d t ü b e r d i e K u n s t d e s p o s i t i v e n D e n k e n s . S e i t e V 3
Wochenend-Journal
Samstag, 8. November 2008
AUSGABE NR. 260
H P
64./156. JAHRGANG
Foto: Lienert/Imago
Engagement Wie zwei Unternehmer aus dem Allgäu mit einem Wohnprojekt für Großfamilien
unsere Welt ein bisschen besser machen wollen / Von Volker Klüpfel
E
s ist diese kleine Geschichte, die
eigentlich alles über die Immlerbrüder erzählt. Über ihre Einstellung zum Leben, zur Arbeit, zum
Erfolg. Über ihre Philosophie – auch
wenn Karl und Jakob so ein hochtrabendes Wort wahrscheinlich nicht benutzen würden.
Die Geschichte handelt von Annkathrin Immler. Jakob, ihr Onkel, erzählt sie nicht zum ersten Mal, das
merkt man. „Die Annkathrin ist einmal zu uns gekommen“, sagt er also,
ohne die Angesprochene, die mit ihm
und ihrem Vater – seinem Bruder –
am Tisch sitzt, dabei anzusehen. „Sie
wollte Geld haben, weil sie eine CD
kaufen wollte. Da haben wir ihr gesagt: Ohne Arbeit gibt’s bei uns nix.“
Nun muss man wissen: Die Immlerbrüder haben als Bauunternehmer
Millionen gemacht. Eine CD wäre
also durchaus drin gewesen. Aber die
Geschichte geht ja noch weiter. Kurze
Zeit später hatte Annkathrin Immler
einen Job. Sie war damals 14 Jahre alt.
„Als sie dann mit ihrem Geld kam“,
fährt Jakob Immler fort, und die Vorfreude auf die nun folgende Pointe
gräbt ihm Lachfältchen um seine gutmütige Augen, „also, da haben wir
gesagt: Jetzt kannst du dir deine CD
kaufen.“ Doch Annkathrin habe nur
abgewinkt: „Von meinem hart verdienten Geld? Ihr spinnt wohl.“ Jakob
Immler lehnt seinen kolossalen Körper zufrieden zurück und lächelt.
Karl Immler, nicht ganz so kolossal
wie sein Bruder, blickt ernst drein.
Wie meistens.
So sind wir, scheinen sie sagen zu
wollen. Wir Immlers. Genügsam.
Sparsam. Manche würden vielleicht
sagen: geizig. Aber das stimmt nicht.
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mit Ihrer
Heimatzeitung
Seite V4
Denn Geld geben sie schon gerne aus.
Allerdings weniger für sich als für andere. Sie haben der Stadt Isny eine
Schule hingestellt und zehn Jahre lang
zinslos vorfinanziert, sie haben Spielplätze und Radwege gebaut. Nun
widmen sie sich kinderreichen Familien. Ihr neues Weltverbesserungsprojekt trägt den Namen „Immler
Großfamilienstiftung“.
An Heiligabend vor vier Jahren haben sie sich zu einem Notar begeben
und die frohe Botschaft in Form der
Gründungsurkunde 1369/2004 niedergeschrieben.
Aber die Menschheit war nicht so
froh über diese
Botschaft wie erwartet.
Dabei
hatten es sich die
Isnyer Herzbuben
so schön ausgemalt: 13 Millionen haben sie als Startkapital in die Stiftung gepumpt. Ihr
Geld. Sie wollen kein anderes, „weil
Geldgeber mitschwätzen wollen“.
Daraus sollte eine Siedlung aus 50
Häusern entstehen, jedes 350 Quadratmeter groß, Garten. Die Miete:
ein Euro. Pro Haus. Pro Monat.
Wer könnte da etwas einzuwenden
haben? Doch wenn die Immlers etwas
anpacken, dann auf ihre Art. Und so
haben sie noch ein paar Bedingungen
an die Mieter gestellt: Mindestens
vier Kinder müsse das – verheiratete!
– Paar haben, das einziehen will, außerdem gemeinnützige Arbeit leisten
und die Großeltern bei sich aufnehmen.
Wer zahlt, schafft eben an. Und genau das stört manche: Über das Leben
der Armen wollten diese reichen Un-
ternehmer bestimmen. Die Pläne zum
Kauf eines Grundstücks in ihrer Heimatgemeinde Isny scheiterten wohl
auch daran. Jetzt entstehen die ersten
drei Häuser in Durach bei Kempten,
allerdings nach dem „Investorenmodell“: Ein Geldgeber baut die Häuser
auf eigene Rechnung. Diese werden
dann von der Stiftung zu einem
marktüblichen Preis für 30 Jahre angemietet. Garantiert. Diese Mischung
aus knallhartem Unternehmertum
und Sozialromantik klingt, als wären
die Immlers Kinder von Josef Ackermann und Sahra
Wagenknecht.
Dabei treibt sie
nicht Romantik
an, sondern Realismus: „Wir haben zweieinhalb
Jahre
gesucht,
aber mit vier Kindern kriegt man keine Wohnung“,
sagt der Vater einer Familie, die im
Dezember in Durach einziehen wird.
Er will seinen Namen nicht nennen,
denn andere Familien wurden schon
angefeindet, weil sie jetzt „umsonst
wohnen“.
So etwas bringt die Immlers nur
noch selten in Rage. So viele Sträuße
haben sie schon gefochten, das hat die
58 (Jakob) und 60 Jahre (Karl) alten
Brüder gelassener gemacht. Sie sitzen
im ersten Stock ihrer Firmenzentrale,
die eher an ein Wohnhaus erinnert.
Ihre massigen Körper haben sie auf
den massigen Tisch aus französischem
Wurzelholz gestützt, in das 35 Wappen eingelassen sind: Jedes steht für
eine Stadt, in der sie mehr als zwei
Millionen investiert haben. Zwei
Wappenplätze sind noch frei. Und
Wer zahlt,
schafft eben an.
Und genau das
stört manche.
Utopie und Niedergang
Warum eine Sozialsiedlung in Berlin Weltkulturerbe ist (V2). Und
weshalb Obamas Job kein ganz
einfacher sein wird (V3).
wenn die belegt sind? „Dann steigen
eben die Anforderungen und ein paar
fliegen raus“, sagt Jakob Immler
pragmatisch. Um eine Antwort sind
sie nie verlegen.
Wer sich auf den Weg zu ihnen
nach Isny macht, merkt schnell, dass
dort keine gewöhnlichen Bauunternehmer residieren. Das beginnt schon
in der 14 000-Einwohner-Stadt: Einen Steuerzahler-Brunnen haben sie
dort hingestellt, der symbolisieren
soll, wie der Staat seine Bürger melkt.
Und damit das auch jeder versteht,
haben sie auf einem Schild daneben –
für Rückfragen – die Nummer des
Bürgermeisters hinterlassen. Solche
Streiche bereiten den kauzigen Kaufleuten eine kindliche Freude. Vor
dem Eingang zu ihrem Büro dann
eine knallgelb angemalte Schulbank
mit einer Aufschrift: „Allein dem
Tüchtigen schlägt die Stunde.“ Gegenüber prangt ihr Wappen. Die
Immlers mögen das Bildhafte. Auch
das Vor-bildhafte. Sie wollen vorleben, was in unserer Gesellschaft nach
ihrer Meinung zu kurz kommt: Fürsorge, Mitgefühl, Familiensinn.
Wenn sie über solche Missstände
schimpfen, klingt das ein bisschen wie
am Stammtisch. Wie schlecht es „dem
kleinen Mann“ geht, ist dann zu hören, welch schlechte Rahmenbedingungen die Politiker setzen. Kein spezieller, die Politiker ganz allgemein,
für die die Immlers kein gutes Wort
übrighaben. Nur eines hört man
nicht, wenn die Brüder schimpfen.
Sätze mit „man müsste“ oder „man
sollte“. Die Immlers machen. „Wir
sind Unternehmer, nicht Unterlasser“, ist einer ihrer markigen Leitsprüche. Die Erklärung für ihr Enga-
gement liegt in ihrer Vergangenheit:
14 Generationen wollen sie zurückverfolgt haben, 14 Mal mindestens
sieben Kinder. Auch sie haben noch
fünf Geschwister; Karl hat drei, Jakob
zwei Kinder. Und herausgefunden:
Wer aus einer Großfamilie kommt,
wird erstens durchsetzungsfähig –
was man ihnen sofort abnimmt – und
zweitens weniger anfällig für Drogen
und Kriminalität. Doch es geht auch
um die Alten, die von den Jungen gepflegt werden sollen. Auf immlerisch
klingt das so: „Du hast als Kind in die
Hosen geschissen, da ist die Pflege der
Eltern wohl zumutbar.“
Zusammenhalt hat sie groß gemacht. Bis sie 28 Jahre alt waren, haben sie sich ein Zimmer geteilt. Damals haben sie sich auch die 12 000
Mark von ihren Eltern geliehen. Haben von 200 Mark im Monat und Aldi-Dosenwurst gelebt. Haben mit
Ausdauer ihr Unternehmen aufgebaut
und in kürzester Zeit alle ihre selbst
gesteckten Ziele übertroffen. Und
dann? „Haben wir uns neue Ziele gesetzt“, sagt Jakob Immler und spielt
dabei mit einer filigranen Halbbrille,
die fast in seinen riesigen Händen verschwindet. Sie freuen sich an einfa-
chen Dingen wie Wanderungen oder
gutem Essen. Gutem, nicht teurem.
„Eine Brotzeit in der Hütte ist das
Größte. Amen. Punkt“, sagt Karl und
schaut dabei so ernst, dass man ihm
glaubt, auch wenn es ein bisschen arg
nach Allgäu-Romantik klingt.
Sie sind zufrieden, jeden Tag ins
Büro gehen zu können. „Um 7.30
Uhr bin ich da“, sagt Jakob Immler
und sein Bruder Karl nickt ernst. Wie
immer sind sie einer Meinung. Sie haben sich buchstäblich zusammengerauft über die Jahre: „Natürlich haben wir uns den Grind verschlagen“,
gibt Jakob freimütig zu. Jetzt „hauen
wir die anderen im Viereck rum“. Soll
heißen: Sie sind geschäftlich erfolgreicher als viele Konkurrenten.
Und mischen sich ein. Karl Immler
hat etwa Wirtschaftsboss Schrempp
geschrieben. „Dass ich an seiner Stelle
auswandern würde“, erzählt er und
fuchtelt mit dem Zeigefinger in der
Luft herum. Dabei klafft sein Kragen
auseinander, und ein winziges, aufgenähtes Symbol wird sichtbar. Kein
Krokodil. Kein Polospieler. Eine
Flagge. Die von Kuba. Dort wollten
einst auch ein paar Menschen die
Welt verändern.
Die Immler Großfamilienstiftung
● Die Stiftung stellt 13 Millionen Euro
Kapital, mit dem Häuser gebaut
oder, wie beim Investorenmodell, angemietet und dann für einen Euro an
Familien weitervermietet werden.
● Bedingungen: Die Familien müssen
u.a. mindestens vier Kinder haben
und mit den Großeltern im Haus leben.
Allgäuer Stellenmarkt
In unserem umfangreichen
Stellenmarkt finden Sie viele
interessante Angebote.
Seiten V7 bis V18
● Sterben die Großeltern, muss ein
anderes Seniorenpaar einziehen
oder die Familie muss sich nach einer
individuell vereinbarten Zeit eine
andere Wohnung suchen. Das gilt
auch, wenn die Kinder ausziehen.
Internet:
www.immler-grossfamilienstiftung.de
I
Nächste Woche im Journal
Halali! – Jetzt sieht man sie
wieder überall, die Männer und
Frauen in grünen Loden.
Wir blasen zur Jagdsaison.
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Seele and Geist
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