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1 I Die Mädels des Schulchors hatten wie immer viel zu leise

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I
Die Mädels des Schulchors hatten wie immer viel zu leise
gesungen und die Jungen, ebenfalls wie immer, zwar laut
genug, aber um etliche Töne daneben. Studienrätin Dr.
Irmela Kungel schüttelte sich vor Unbehagen. Es ging ihr
einfach nicht in den alten Schädel, dass die junge Kollegin
Desiree Wollweber trotz der vielen Anrechnungsstunden,
die ihr der Schulleiter für die Chorarbeit jedes Jahr zugestand, nicht fähig war, den Gören anständiges Singen beizubringen. Zu meiner Zeit wäre die nie und nimmer in den
Schuldienst gekommen, war sie überzeugt, aber heutzutage,
bei dem permanenten Lehrermangel im Lande, wird jeder
gleich auf die armen Schüler losgelassen, sobald er ein Stück
Kreide von einem Zeigestock unterscheiden kann.
Der anschließende Auftritt der schuleigenen Percussionsgruppe rief bei der 65-jährigen heftiges Bauchweh hervor.
Einen Moment lang dachte sie daran, den rechts neben ihr
sitzenden Studienrat Volker Zimmermann, Fachbereichsleiter für Mathematik und Physik, nach seinem momentanen
Befinden zu befragen, gab jedoch nach kurzem Überlegen
dieses Ansinnen auf. Abgesehen davon, dass ihr rechter
Nachbar etwas schwer hörte, wäre ihre Frage bei dieser
wüsten Trommelei sowieso nicht bis zu dessen Innenohr
vorgedrungen.
Es war eine Unverschämtheit sondergleichen. Frau Dr.
Kungel hatte sich nachdrücklich ausbedungen, ohne viel
Brimborium in den Ruhestand verabschiedet zu werden.
Und Votzi, wie Volker Zimmermann respektlos von den
Schülern genannt wurde, legte ebenfalls keinen Wert auf den
ganzen kulturellen Sch...nickschnack. Selbst Detlev-Jürgen
Koetzig, links von Irmela sitzend, hatte im Widerspruch zu
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seinem Temperament auf eine Verabschiedung ohne viel
Tamtam bestanden.
Irmela kochte bereits das Blut. Unerhört, dass die Wünsche
der drei Ruhestandskandidaten nicht ausreichend respektiert wurden. „Na, den Obermeyer werde ich mir nachher
mal richtig zur Brust nehmen“, raunte sie ihrem linken
Nachbarn, der noch recht gut hören konnte, hinter vorgehaltener Hand zu. Dieser stellte sich das augenblicklich bildlich vor und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Schulleiter Gunther Obermeyer war soeben ans Pult getreten
und hielt die offizielle Abschiedsrede. Darin drückte er
mächtig auf die Tränendrüsen, indem er sämtliche Verdienste der drei aus den dunklen Tiefen der Vergangenheit ans
Licht der Gegenwart holte. Vieles von dem, was er da ausbuddelte, gehörte eher zu den Selbstverständlichkeiten und
normalen pädagogischen Pflichten. Doch Obermeyer schreckte vor nichts zurück, sofern er es nur ansatzweise für geeignet hielt, seinem Vortrag Inhalt und Dauer zu bescheren.
Als er endlich das Rednerpult verließ und der dürre Beifall
verklungen war, griff Desiree Wollweber wieder zur Stimmgabel. Nun war Frau Dr. Kungels Geduld aufgebraucht. Sie
sprang blitzschnell auf, wie es ihr keiner der in der Aula Anwesenden angesichts ihrer Walkürengestalt zugetraut hätte,
und verschaffte sich mittels Körpergröße, Leibesfülle und
energischer Geste der rechten Hand Aufmerksamkeit. „‚Mit
Gesang kann man alle Krankheiten verscheuchen‘, so oder
so ähnlich hat es Cervantes, der Dichter des Don Quijote, vor
langer Zeit formuliert. Liebe Freunde, ja, es ist wahr, wir drei
gehen heute in den Ruhestand. Aber schauen Sie uns an,
sehen wir etwa aus wie Kranke? Nein, wir sind putzmunter
und kerngesund! So…“, sie wandte sich in Richtung des
unbesetzten Rednerpults und setzte fort, „und von Mark
Twain, sehr geehrte Gäste, kennen wir folgende Weisheit:
‚Eine gute Rede hat einen guten Anfang und ein gutes Ende
– und beide sollten möglichst dicht beieinander liegen‘“.
Irgendwo in der dritten Reihe wurde leise gekichert. Desiree
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Wollweber legte resigniert die Stimmgabel beiseite und
kämpfte mit den Tränen. Obermeyer war sprachlos. So eine
Taktlosigkeit! Nicht mal an ihrem letzten Arbeitstag konnte
sich die Kungeln zusammenreißen. Typisch! Irmela Kungel
schwieg jetzt ebenfalls, machte aber mit Handzeichen klar,
dass ihr alle Kolleginnen und Kollegen zum Raum 123 folgen möchten, wo sie, sie zeigte abwechselnd auf sich, Zimmermann und Koetzig, zum Abschied ein kleines Büfett
aufgebaut hätten. Anschließend hakte sie sich bei den besagten Kollegen ein und zog sie forsch von der Aula durchs
muffig riechende düstere Treppenhaus bis hin zum Raum
123, aus dessen weit geöffneter Tür ihnen der Duft von frisch
gebratenen Frikadellen und heißen Würstchen entgegenschlug. Die Eingeladenen folgten bereitwillig. Schließlich
verblieben nur noch der Hausmeister, der mit einigen Schülerinnen des Chors die Ordnung auf der Bühne wiederherstellte, der Schulleiter und die Musiklehrerin in der Aula.
Obermeyer legte der Kollegin tröstend den Arm um die
Schulter, doch erst, als er ihr lächelnd etwas ins Ohr geflüstert hatte, schien sie bereit zu sein, der Kungel heute ein weiteres Mal zu begegnen.
„Opa Meyer, der geile Bock, webt schon wieder an der Wolle
rum“, verkündete Hennes Rosenau ungeniert laut den
Mitschülern. Obwohl alle längst ihr Zeugnis in der Tasche
hatten und gar nicht mehr anwesend sein mussten, lungerten etliche noch neugierig auf dem Flur herum. Wenn hier
schon mal was los wäre, wollte man auch wissen, was, und
warf neugierige Blicke durch die offene Aulatür. „Musser
seiner Alten heut‘ Abend wieder ‘ne Konferenz vorspinnen,
damit der Webstuhl richtig krachen kann. Ha, ha, ha!“ Nur
zwei ähnlich heruntergekommen aussehende Gestalten
stimmten in das fiese Gelächter ein.
Hennes Rosenau war seit Beginn des heute abgelaufenen
Schuljahrs das schwarze Schaf am Fröbel-Gymnasium und
wirkte auf alle Lehrer wie ein rotes Tuch. Überall gab er damit an, bei den Paukern der unbeliebteste Schüler zu sein …
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Seele and Geist
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