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Denken wie im Silicon Valley

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Geld&Börse
Denken wie im
Silicon Valley
BÖRSENNEULINGE | Der bayrische 3-D-Drucker Voxeljet hat es schon aufs Parkett
I
n der Luft liegt der Geruch von Klebstoff. Am Rande der schmucklosen
Halle fährt ein meterlanger Druckerarm über eine Platte. Auf hundertstel
Millimeter genau sprühen 30 000 Düsen Leim auf. Begleitet von ohrenbetäubendem Lärm, fährt ein anderer Druckerarm aus und verteilt feinsten Sand passgenau auf die Klebeflächen. Minute für Minute, Schicht für Schicht nimmt die Einstein-Büste Form an – filigran, lebensnah,
ganz so, wie es der Computer dem
3-D-Drucker anhand von dreidimensionalen Daten aufgegeben hat.
Dort, in einem Industriegebiet in Friedberg bei Augsburg, will der 3-D-DruckSpezialist Voxeljet die industrielle Fertigung revolutionieren. Der dreidimensionale Druck gilt an der Börse als Zukunftstechnologie. Die Einstein-Büste ist nur
Spielerei, es geht um Teile von Prototypen
für die Automobil- oder Luftfahrtindustrie,
die weitaus billiger und schneller gebaut
werden können als mit klassischem Werkzeug. Wer will, kann bei Voxeljet nicht nur
Teile drucken lassen, sondern gleich die
ganze Druckmaschine kaufen.
Voxeljet entwickelt sich, Gründer und
Chef Ingo Ederer will in fünf Jahren aus aktuell 11 mehr als 50 Millionen Euro Umsatz
machen. Seine Wachstumsgeschichte hat
Ederer jetzt Investoren verkauft – er ist im
Oktober mit Voxeljet an die Börse gegangen (siehe Seite 104). Binnen vier Wochen
verfünffachte sich der Kurs der Papiere; in
der Spitze haben Anleger den jungen Mittelständler aus der Provinz, dessen Unternehmen gerade einmal in zwei Hallen auf
5800 Quadratmeter passt, mit gigantischen
1,1 Milliarden Dollar bewertet.
102
Allein: Deutsche Anleger hazu 13 Dollar bekommen. „Das
ben diese Rally verpasst. Denn
Orderbuch war mehrfach überVoxeljet ist in den USA an die
zeichnet, Investoren fragten elf
Börse gegangen. Das Managebis zwölf Mal so viel Papiere
ment hatte sich zwar auch bei
nach, wie wir ausgegeben haSerie Teil 3
einer Handvoll deutscher Inben“, sagt Finanzchef Franz.
Mut zum Risiko
vestoren vorgestellt. Doch die
Viele, die bei der Zeichnung leer
Welche jungen
hätten bloß gemäkelt: „Kleiner
ausgegangen
waren, rissen sich
Wachstumswerte
Umsatz, kein Gewinn“, so lautenun
um
die
Aktie: Gleich am
Investoren im Blick
te deren Kritik. Ederer versteht
ersten Handelstag verdoppelte
behalten sollten
das einfach nicht: „Deutsche
sich der Kurs. „Das war erlöIm nächsten Heft: send, da ist viel Druck abgefalInvestoren haben eine typische
Roundtable: Brauchen
rückwärtsgerichtete Sichtweilen“, sagt Ederer.
Anleger und Gründer
se“, hat er festgestellt.
Dass deutsche Anleger bei
eine neue Tech-Börse?
Er erinnert sich noch allzu
diesem urbayrischen Untergut an seinen Börsengang, auf dem Parkett
nehmen außen vor blieben, ist symptomader altehrwürdigen New York Stock Ex- tisch. Keine zehn Prozent der Deutschen
change. Auf allen Anzeigetafeln leuchtete
haben Aktien. Neue, junge Wachstumsunder Name seines Unternehmens. „Der erste
ternehmen sind Fehlanzeige auf dem KursHandelstag an der New York Stock Ex- zettel. Wenn überhaupt, dann kommen
change war für uns alle ein besonderes Er- Großunternehmen aus Industrie und Wohlebnis“, schwärmt Ederer noch heute. Mit
nungswirtschaft neu aufs Parkett: Osram,
seinen Bankern, Rechtsanwälten und Fi- Evonik, der Gabelstaplerbauer Kion, die Imnanzchef Rudolf Franz stand er am Compu- mobilienwerte Deutsche Annington und
ter-Bildschirm des Aktienhändlers. Wer
LEG schafften es 2013.
Gründer bekommen zwar Geld, wenn es
Glück hatte an der US-Börse, hatte Voxeljet
aber darum geht, ein Geschäftsmodell
schnell auszuweiten, mangelt es an Eigenkapital, das anderswo von der Börse
kommt. So erreichen Unternehmen nicht
die kritische Größe, um ihren Markt wirklich beherrschen zu können – wie Google,
Apple oder Amazon.
Die Deutsche Börse in Frankfurt arbeitet
seit dem vergangenen Frühjahr an einem
Projekt, das dazu führen soll, dass wieder
mehr junge Wachstumsunternehmen an
die Börse gehen. Seit Noch-Wirtschaftsminister Philipp Rösler im Sommer anregte,
Ingo Ederer, CEO Voxeljet
den Neuen Markt wieder auferstehen zu »
»Investoren
in Deutschland
schauen typischerweise zu
sehr zurück«
Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche
© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.
FOTO: AP PHOTO/RICHARD DREW
geschafft – in den USA. In Deutschland ging in diesem Jahr kein junges
Wachstumsunternehmen an die Börse. Dabei gäbe es durchaus Kandidaten.
Stars in New York
Finanzchef Franz (links)
und Voxeljet-Chef Ederer
an der Börse
Ab in die dritte Dimension
Kurs und Börsenwert des deutschen 3-D-Druckunternehmens Voxeljet*
70
60
50
40
30
20
10
202,8
Oktober
November
Dez.
Millionen Dollar
Börsenwert**
(am 17. Oktober)
1092
Millionen Dollar
Börsenwert
(am 18. November)
* Kurs der American Depositary Shares (ADS) an der Börse in New York, fünf ADS repräsentieren eine Aktie; ** zum Emissionskurs von 13 Dollar; Quelle: Bloomberg
WirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50
103
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Geld&Börse
VOXELJET
Schon reichlich
überhitzt
Anleger können langfristig vom
Hype um den 3-D-Druck profitieren.
noch jahrelanges Wachstum vorweggenommen. Wer jetzt kauft, wettet auf eine
neue Übertreibung, die durchaus kommen könnte. Vorsichtige warten auf einen
Rückschlag. Schwankungen müssen Anleger in jedem Fall aushalten können: So
stürzte der Kurs schon an einem Tag um
mehr als 30 Prozent ab.
Verkaufsdruck könnte im April aufkommen: Das Management hält 30 Prozent
der Anteile und hat sich verpflichtet, im
halben Jahr nach dem Börsengang keine
Papiere zu verkaufen. Machen Ederer und
Franz dann mit einem Teil ihrer Pakete
Kasse, könnte der Kurs im April leiden.
James Bond dürfte mindestens so begeistert gewesen sein wie Aktionäre der ersten
Stunde: Für den Film Skyfall fertigte
3-D-Druck-Spezialist Voxeljet kurzerhand
drei Modelle des Sportwagens Aston Martin DB 5, die bei Action-Szenen das unbezahlbare Fahrzeug aus den Sechzigern
ZERTIFIKATE STATT AKTIEN
doubelten. Das (noch) kleine UnternehDie Bayern sind in den USA an die Börse
mens aus Friedberg bei Augsburg druckt
gegangen, gehandelt werden American
anhand von Computerdaten dreidimenDepositary Shares (ADS). Das sind Zertifisionale Gebilde, etwa aus Sand oder
kate auf Aktien, fünf ADS repräsentieren
Kunststoff. Kunden wie Daimler und Ford
das Zugriffsrecht auf eine bei einer Bank
lassen nach Vorlagen von den Druckern
hinterlegte Aktie. Unwägbarkeiten gibt es:
eine Negativform fertigen, gießen Metall
Voxeljet muss als kleines Unternehmen
hinein, lassen es aushärten – fertig ist das
weniger Zahlen liefern als andere. „Unseneue Teil. Das ist billiger, als in der Testre Quartalsberichte sind zwar freiwillig, wir
phase Werkzeuge für Teile fertigen zu laswollen die Investoren aber weiterhin damit
sen, die man nie wieder benötigt.
versorgen, weil unsere Wettbewerber das
Die Bereiche System und Service steuauch tun“, verspricht Finanzchef Rudolf
ern jeweils etwa die Hälfte des Umsatzes
Franz. Noch sind die Zahlen nicht beraubei. In der Systemsparte montiert Voxeljet
schend: In den ersten neun Monaten
3-D-Drucker und verkauft sie. Bislang hat
2013 steht unter dem Strich ein Verlust
das Unternehmen 55 Drucker installiert.
von 167 000 Euro. Umso gigantischer sind
Der günstigste kostet 125 000 Euro, der
die Wachstumspläne: Voxeljet soll in den
teuerste 1,6 Millionen. Ein Deal kann da
nächsten vier bis fünf Jahren um 50
schon ein Quartalsergebnis veränProzent jährlich wachsen und in
dern. Im Bereich Service druckt
fünf Jahren über 50 Millionen
Voxeljet für Kunden 3-D-Modelle
Euro Umsatz erreichen. Aufträaus. Fünf Fotos reichen, um
ge für sieben Druckmaschinen
aus ihnen etwa die Daten eisind da: Ende September stannes Gesichts zu berechnen
den Bestellungen für 5,5 Milliound eine Büste zu fertigen.
nen Euro in den Büchern.
Die Technologie hat PotenziVoxeljet sind durch den Böral. Gemessen an Geschäftszahsengang 50 Millionen Euro zulen und herkömmlichen Begeflossen. Ederer will für 40
wertungskriterien, sind die
Millionen Euro Servicecenter
Papiere aber reichlich teuer.
mit Druckmaschinen in den
Voxeljet startete mit 203
USA und Asien bauen. DividenMillionen Dollar Börsenwert,
de gibt es keine: „Wir wollen
doch 2013 plant Unternehweiter wachsen und das Geld
mensgründer und Chef Ingo
Aus Sand gebaut
dafür einsetzen“, sagt Ederer.
Ederer gerade mal elf Mil3-D-Druckspezialist
Die Vision könnte aufgehen:
lionen Euro Umsatz. Der ErVoxeljet druckte diese
Die
Aktie von Wettbewerber
folg gab Voxeljet zunächst
Einstein-Büste aus
Stratasys etwa hat sich binnen
recht – in der Spitze lag der
zwei Jahren in etwa vervierfacht. An der
Börsenwert bei über einer Milliarde. MittBörse wird die Zukunft gehandelt. Mutige
lerweile ist die Luft wieder etwas raus, der
könnten davon profitieren.
Wert auf gut die Hälfte geschrumpft.
annina.reimann@wiwo.de | Frankfurt
Doch auch damit hat der Markt immer
104
» lassen, kursieren zwischen Berlin und
Frankfurt diverse Namenslisten von Unternehmen, die möglicherweise für ein solches Börsensegment infrage kommen. Die
fünf im Folgenden vorgestellten Unternehmen und 15 weitere (siehe Tabelle Seite
105), finden sich in fast jeder Aufstellung.
MISTER SPEX
Wann reagiert Fielmann?
Brillen online zu verkaufen galt lange als
unmöglich. Wer sich ein neues Gestell auf
die Nase setzt, will es vorher anprobieren
und im Spiegel betrachten. Das Berliner
Start-up Mister Spex beweist das Gegenteil:
Die Firma verkauft seit 2007 Brillen, Kontaktlinsen und Sonnenbrillen im Internet.
In diesem Jahr wird der Online-Optiker mit
»Verfolgt
Fielmann die
Online-Strategie,
hat Mister Spex
keine Chance«
Mathias Gehrckens, Geschäftsführer dgroup
etwa 600 000 Kunden voraussichtlich 48
Millionen Euro Umsatz machen, 85 Prozent mehr als 2012.
Trotz des Wachstums kommt Mister
Spex in dem Fünf-Milliarden-Markt nur
auf einen Anteil von etwa einem Prozent.
Damit hat die Firma Online-Wettbewerber
abgehängt, arbeitet aber unterhalb der
Wahrnehmungsschwelle der Riesen Fielmann (Nettoumsatz 2012 in Deutschland:
831 Millionen Euro) und Apollo Optik (405
Millionen). Lange hat Günter Fielmann die
Konkurrenz aus dem Netz nicht ernst genommen, bezeichnete deren Geschäftsmodell, Brillen ohne Beratung zu verkaufen, als „Rückfall ins Mittelalter“. Inzwischen dementiert der Marktführer mit fast
600 Filialen nicht mehr, über eine OnlineStrategie nachzudenken. „Sollte Fielmann
so den Markt absichern, hätte Mister Spex
keine Chance“, sagt Mathias Gehrckens,
Geschäftsführer der Beratung dgroup.
Dirk Graber kontert, Fielmann verstehe
nichts von E-Commerce. Graber hat Mister
Spex gegründet. Vor allem in den Anfangsjahren galt das Startup in der E-CommerceNr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche
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Branche als Vorreiter. „Die hatten eine kluge Nische, eine eigene Shop-Software, arbeiteten sehr analytisch und waren technologisch vorn“, sagt ein ehemaliger Manager des Modeversenders Zalando.
Im Gegensatz zu Zalando hat Graber
auch die Rücksendequoten einigermaßen
im Griff. In Großbritannien, Frankreich
und Spanien ist die Firma schon online,
zuletzt hat Graber zwei kleinere Wettbewerber in Schweden übernommen. Das
Geld dafür hatte der 36-Jährige aus der
letzten Finanzierungsrunde über 16 Millionen Euro, bei der der Investor Scottish
Equity Partners 25 Prozent der Anteile
übernommen hat und den Unternehmenswert dabei auf etwa 70 Millionen Euro kalkulierte. Zum Vergleich: Die Börse
bewertet Fielmann mit 3,5 Milliarden Euro.
Um nicht nur Zweitkäufer von Brillen für
Mister Spex zu erwärmen, hat Graber seit
Mitte 2011 ein Partnernetzwerk mit traditionellen Optikern aufgebaut. Dort können
Kunden einen Sehtest machen, für den
Mister Spex an den Optiker eine Servicepauschale und eine Umsatzprovision für
online gekaufte Brillen zahlt. „Wir suchen
nach Optikern in A-Minus- oder B-PlusLagen, die nicht voll ausgelastet sind“, sagt
Graber. Bislang kooperiert er mit 350 Optikern. 2014 will er profitabel werden und
spätestens 2015 rund 100 Millionen Euro
Umsatz schaffen. Ein Börsengang sei kein
Selbstzweck, sagt Graber, der nur noch drei
Prozent an Mister Spex hält. Eigene Aktien
seien aber sinnvoll, als Übernahmewährung – und zur Mitarbeitermotivation.
RESEARCHGATE
FOTOS: PR, ARNE WEYCHARDT FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE
Facebook für Wissenschaftler
Christian Vollmann war der erste Investor,
der Ijad Madisch Geld gab, obwohl er ihn
nicht persönlich kannte. Das war Anfang
2008. „Researchgate soll ein Facebook für
Wissenschaftler werden“, versprach ihm
Madisch. 20 andere Investoren hatten zu
diesem Zeitpunkt schon abgelehnt. Vollmann war der erste, der an die Vision
glaubte und nicht nach Gewinnen fragte.
Heute haben sich über drei Millionen
Forscher auf dem Portal registriert, das ist
fast die Hälfte aller Forscher weltweit. Eine
Million sind mindestens einmal im Monat
auf der Seite aktiv: Aal-Forscher aus
Schweden, Klimafolgenforscher aus Potsdam, Physiker aus Russland, HIV-Spezialisten aus Kalifornien. Sie haben über 60
Millionen Arbeiten auf Researchgate veröffentlicht, diskutieren Probleme, vergleiWirtschaftsWoche 9.12.2013 Nr. 50
Mit Durchblick Mister-Spex-Chef Graber verkauft Brillen online
chen Ergebnisse oder suchen nach neuen
Jobs. Jeden Tag kommen 10 000 neue Mitglieder dazu, jede Woche werden auf der
Plattform über 5000 neue Rohdatensätze
hochgeladen, Daten etwa über fehlgeschlagene Experimente, die sonst kaum
bekannt geworden wären.
„In den wissenschaftlichen Journalen
werden doch nur die Erfolgsmeldungen
publiziert“, sagt Madisch. „Wir hingegen
verbinden die richtigen Daten mit den
richtigen Menschen.“ Er meint Menschen
wie Orazio Romeo, einen jungen Biologen
aus Italien, der über Researchgate Emmanuel Nnadi aus Nigeria fand; gemeinsam
Reif für die Börse?
15 Kandidaten und ihr Geschäftsmodell
Zalando
Online-Händler für Kleidung
Jimdo
Homepage-Baukasten
Plista
Content- und Werbeplattform
KaufDa-Bonial
Online-Prospektwerbung
Bigpoint
Hersteller von Online-Spielen
DaWanda
Marktplatz für Selbstgemachtes
6Wunderkinder
Hersteller der Teamwork-App
Wunderlist
GameGenetics
Distributor von Online-Spielen
Lieferheld
Online-Essen-Bestellservice
Idealo
Preisvergleichsservice
Runtastic
Fitness-Apps
Get Your Guide
Buchungsplattform für Freizeitaktivitäten und Tourismus
Parstream
Big Data Management
Trivago
Hotel-Preisvergleich
Auctionata
Online-Kunstauktionshaus
Quelle: eigene Recherche
entdeckten sie einen neuen Infektionserreger. Oder den philippinischen Studenten,
der ohne das Netzwerk wohl nicht mit einem spanischen Professor eine neue Formel für Biodiesel gefunden hätte.
Madisch will das Open-Source-Prinzip
(Software kann frei kopiert und weiterverbreitet werden) in der Wissenschaft etablieren. Seine schärfsten Wettbewerber sind
die renommierten Journale „Nature“ oder
„Science“, die erfolgreiche Forschungsergebnisse als Erste publizieren. Forschungsgelder, Drittmittel, Prestige hängen daran.
Diesen Mechanismus will Madisch brechen. Schließlich sei das World Wide Web
1989 erfunden worden, damit Forscher ihre Daten schneller austauschen könnten.
Investor Vollmann sagt über Madisch,
der sei der einzige der neuen Gründer in
Deutschland, der „von der Denke her an
das Silicon Valley herankommt“. Dafür
spricht zumindest, dass vor allem Amerikaner in das deutsche Startup investiert haben. So gewann Madisch Matt Cohler und
dessen Fonds Benchmark Capital als Investor. Cohler war lange Zeit die Nummer zwei
bei Facebook und hat auch LinkedIn mit
gegründet. Peter Thiel, der erste FacebookInvestor, ist dabei; zuletzt öffnete Bill Gates
Ende Mai sein Scheckbuch.
Über 35 Millionen Dollar hat Madisch
eingesammelt. „Eigentlich brauchen wir
nicht mehr“, sagt der 33-Jährige. „Mit dem
Venture Capital haben wir uns Zeit gekauft.“
Es sei schwieriger, die Verkrustung der Wissenschaft aufzubrechen, als damit Geld zu
verdienen. Auch wenn der studierte Virologe kein Wort über Umsatz und Gewinn verlieren mag: Allein mit der Jobbörse kön- »
105
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Geld&Börse
reits im Jahr 2012; seitdem hat sich die Nutzerzahl etwa verzwanzigfacht, die Bewertung dürfte heute deutlich höher liegen.
Das Thema Börsengang umschifft Wahlforss lieber: „Wir konzentrieren uns erst
mal auf den Aufbau unserer Firma“, sagt er,
„und da haben wir noch ziemlich viel Arbeit vor uns.“
WOOGA
Für Aal-Forscher Researchgate-Chef Madisch fängt 10 000 Wissenschaftler pro Tag
ne Researchgate bald profitabel arbeiten.
Will er verkaufen? „Nein, danke.“ Researchgate sei Lebensaufgabe. Will er an die Börse? Da habe er noch nicht genug drüber
nachgedacht, sagt Madisch. Seine 110 Mitarbeiter würden profitieren, sagt er,
schließlich habe sogar die Putzfrau Anteile.
SOUNDCLOUD
Große Töne
250 Millionen Nutzer pro Monat: Das ist eine der wenigen Zahlen, die Eric Wahlforss
über sein Unternehmen preisgeben will.
Und sie ist entscheidend, denn das Kapital
des Berliner Unternehmens Soundcloud
sind seine User. Musiker, DJs und Labels in
aller Welt, die in jeder Minute mehr als
zwölf Stunden Musik auf die Plattform
hochladen. Und jene Menschen, die sich
die Musik anhören, kommentieren und
online teilen. Sie machen Soundcloud zu
einer Plattform, die künftig womöglich
ähnlich erfolgreich sein könnte, wie YouTube und Twitter es heute sind – und damit
langfristig zu einem Börsenkandidaten.
2011 setzte Soundcloud erst 4,3 Millionen Euro um – immerhin mehr als drei Mal
so viel wie noch 2010. Auch aktuell dürfte
das junge Unternehmen noch Verlust machen: „Die Gewinnschwelle ist bisher nicht
unser Fokus“, sagt Eric Wahlforss, der
Soundcloud zusammen mit Alexander
Ljung 2007 gegründet hat. „Wir konzentrieren uns aufs Wachstum und noch mehr
Reichweite.“
106
Soundcloud hat den US-Wettbewerber
MySpace, das einst populärste Netzwerk
der Welt, bereits überholt. Der Markt ist
umkämpft: Auch über Dienste wie Spotify,
Simfy und Last.fm lässt sich Musik anhören
und teilen. Doch während bei Spotify die
Zuhörer per Flatrate zahlen, sind es bei
Soundcloud die Anbieter: Bis zu zwei Stunden Musik lassen sich kostenlos hochladen; wer unbegrenzt Songs einstellen will,
zahlt neun Euro pro Monat. Soundcloud
versteht sich mit diesem Geschäftsmodell
als Plattform für Künstler, die ihre Hörer
mit neuen Songs versorgen, Reichweite
aufbauen und populär werden wollen.
Seit sich renommierte Risikokapitalgeber wie Doughty Hanson Technology und
Kleiner Perkins Caufield & Byers eingekauft haben, gilt Soundcloud als Aushängeschild der Berliner Startup-Szene. Auf
200 Millionen Dollar taxierte das Portal
Techcrunch den Wert von Soundcloud be-
»Mit 35 Millionen
US-Dollar
Venture Capital
haben wir uns
Zeit gekauft«
Ijad Madisch, Gründer Researchgate
In einer alten Backfabrik im Prenzlauer
Berg, zwischen urwaldartigen Pflanzen
und bunten Monstervisagen, programmieren mehr als 250 Wooga-Mitarbeiter Online-Spiele. Die Spiele sind kostenlos, Wooga nimmt Geld ein, wenn Nutzer sich Vorteile erkaufen, um im Spiel weiterzukommen. Knapp vier Jahre nach dem Start gehört die Spieleschmiede zu einem der erfolgreichsten Startups Deutschlands und
ist einer der führenden Spielehersteller in
Europa. „Der Umsatz verdoppelt sich von
Jahr zu Jahr“, sagt Gründer Jens Begemann.
Und: „Wir sind profitabel.“
In der Online-Spielebranche herrscht
Goldgräberstimmung. Rund 1,5 Milliarden
Dollar legte kürzlich die japanische Softbank für 51 Prozent des finnischen Spieleherstellers Supercell auf den Tisch, der erst
2010 gestartet ist. King.com aus den USA
denkt gerade über einen Börsengang nach,
angeblich zu einer Milliardenbewertung.
Immer mehr Nutzer spielen Spiele auf
mobilen Endgeräten, laut Branchenverband Bitkom allein mehr als elf Millionen
Deutsche. Damit sind mobile Endgeräte
ebenso populär wie Spielkonsolen. „Der
Markt explodiert gerade“, sagt ein Branchenkenner. Das sorge allerdings auch dafür, dass die Karten in der Branche neu gemischt werden: So habe Zynga aus den
USA zwar lange den Ton angegeben, aber
den Transfer zu Mobilgeräten verschlafen.
Wooga soll das nicht passieren. Das Unternehmen, das seine ersten Erfolge mit
Spielen für Facebook feierte, entwickelt seit
zweieinhalb Jahren Spiele für mobile Geräte. Anfangs setzte Wooga auf die Programmiersprache HTML 5. „Das war die falsche
Technologie“, sagt Begemann, „aber zum
Glück konnten wir rechtzeitig korrigieren
und auf Apps umsatteln.“ Inzwischen bringen die mehr als die Hälfte des Umsatzes.
Spielehersteller müssen viel investieren,
um Mobile-Nutzer zu erreichen, deutlich
mehr als zehn Cent pro umgesetzten Euro
verschlingt das Marketing. Es gilt, schnell
Reichweite aufzubauen und die Nutzer »
Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche
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FOTO: LAIF/ANDREAS CHUDOWSKI
Alles auf Apps
Geld&Börse
» dazu zu bringen, die Spiele übers Inter-
net gemeinsam zu spielen. Bei JellySplash
gelingt Wooga dies: Gut 15 Millionen Menschen haben das Spiel mit den mehr als
200 Levels in drei Monaten gespielt.
Wachstum finanziert Wooga längst aus
einem positiven Cash-Flow. Eine weitere
Finanzierungsrunde sei nicht geplant –
auch kein Börsengang, sagt Begemann.
KREDITECH
Schnüffler im Netz
Wenn Kreditech das Banking der Zukunft
sein soll, dann fragt man sich schon, ob
man diesem 26-Jährigen sein Geld anvertrauen würde. Sebastian Diemer will so gar
nicht in das Bild des Krawatten tragenden
Dreiteilers passen. Am liebsten trägt er
knallorangene Poloshirts, die nicht verleugnen sollen, dass er ab und an ein Fitnessstudio aufsucht – wenn er nicht gerade
auf Wasserskiern unterwegs ist oder Motocross fährt. Diemer hat aber noch nicht
ausprobiert, ob seine Firma auch ihn für
kreditwürdig hält. Kreditech vergibt in
Deutschland keine Kredite mehr. Sehr
wohl aber in Polen, Spanien, Tschechien,
Russland und Mexiko: Konsumentenkredite bis 500 Euro und mit einer Laufzeit von
30 Tagen, in Polen 2500 Euro bis ein Jahr.
In diesen Ländern achtet Kreditechs Algorithmus auf den Lebenswandel potenzieller
Schuldner. Er errechnet, wie wahrscheinlich
es ist, dass diese ihre Kredite zurückzahlen.
Anders als die deutsche Schufa sucht Kreditech nicht primär nach Versäumnissen in der
Vergangenheit, die Firma schnüffelt im Netz
nach Charaktereigenschaften, um die Zu-
108
kunft vorherzusehen. Kreditech durchforstet dafür Facebook, Twitter, Amazon, Ebay,
so ziemlich jede Spur, die ein Mensch im
Netz hinterlässt. Die Software setzt aus bis
zu 8000 Variablen ein Bild des potenziellen
Schuldners zusammen. „Einen Kreditantragsteller, der bei Amazon gerade das Buch
,Raus aus den Schulden‘ bestellt hat und angibt, 3000 Euro im Monat bei einer Bank zu
verdienen, dessen Smartphone sich allerdings nie dort aufhält, sondern der sich jeden Morgen mit einem Trunkenbold in der
Eckkneipe eincheckt, den lehnen wir mit Sicherheit ab“, sagt Diemer.
Im zweiten Jahr nach Gründung leihen
sich seine 40 000 Kunden im Schnitt 121
Euro, pro Woche kommt eine vierstellige
Zahl Neuabschlüsse hinzu. Zehn Millionen Euro waren 2013 im Schnitt ausgeliehen, 2014 sollen es fast 30 Millionen sein.
Dann will Diemer 35 Millionen Euro umsetzen, mehr als viermal so viel wie dieses
Jahr – und profitabel arbeiten. Im ersten
Halbjahr will Diemer Kredite auch in Argentinien, Peru und Australien vergeben.
»Wir sind
profitabel, der
Umsatz verdoppelt sich von
Jahr zu Jahr«
Jens Begemann, Gründer Wooga
KONKURRENT STREBT ZUR BÖRSE
Der härteste Wettbewerber, die britische
Firma Wonga, wurde schon mehrfach als
Wucherer beschimpft. Die Briten wiesen
2012 75 Millionen Euro Gewinn aus und
streben an die Börse. Diemer ist sichtlich
bemüht, sich von der Konkurrenz abzuheben: „Dort, wo wir arbeiten, bekommen
die meisten Menschen überhaupt keinen
Kredit. Bei uns haben sie immerhin eine
Chance“, sagt er. Und im Übrigen sei das
Kreditgeschäft nur eine Art Vorübung, um
an vernünftige Daten zu kommen. Denn
von 2014 an will er sein Scoring-Modell an
Händler und lokale Banken verkaufen.
Immerhin weiß er bekannte Investoren
hinter sich: Die Samwer-Brüder und andere haben insgesamt 33 Millionen Dollar
überwiesen. Auf Basis einer Bewertung von
angeblich über 100 Millionen Dollar verhandelt Diemer derzeit mit einem Investor
über zusätzliche 20 Millionen. „Das soll die
letzte Finanzierungsrunde mit Risikokapital werden“, sagt er. Diemer macht keinen
Hehl draus, dass er an die Börse will – won
möglich schon 2014.
marcus pfeil, annina reimann,
jens tönnesmann | geld@wiwo.de
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»
Nr. 50 9.12.2013 WirtschaftsWoche
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FOTO: REUTERS/THOMAS PETER
Auf zum nächsten Level Mitarbeiter von Wooga in Berlin programmieren Online-Spiele
Trotz des rasanten Wachstums betreibt
er ein riskantes Geschäft. Nicht nur weil
potenzielle Kunden nach der NSA-Affäre
genauer hinsehen, welche Daten sie Diemers Algorithmus auslesen lassen, sondern auch, weil das Ausfallrisiko bei Kreditech deutlich höher ist als bei einer Bank
oder im vergleichbaren Geschäft einer Mikrokredit-Organisation. In Polen, Tschechien und Spanien liegt die Ausfallquote
zwischen 10 und 13 Prozent. In neuen
Märkten wie Russland sei mangels brauchbarer Daten anfangs jeder zweite Schuldner säumig gewesen, sagt Diemer. Das habe Kreditech allerdings mit zwei Prozent
Zins pro Tag kompensieren können.
Im Schnitt verlangen die Hamburger
während der Laufzeit von 30 Tagen zwischen 15 und 35 Prozent. Schuldner sollten
das lieber nicht aufs Jahr hochrechnen.
Zinswucher, das damit verbundene Reputationsrisiko und Datenschutz-Bedenken
sind die größten Risiken der jungen Firma.
Nicht umsonst hat Diemer sein Geschäft,
bei Gründung noch unter dem Namen
Kredito, wieder eingestellt, nachdem die
Finanzaufsicht BaFin eine Prüfung erwogen hatte. Eine Vollbanklizenz braucht
Kreditech bisher in keinem seiner Märkte.
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