close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

10.11 Wie beeinflusst der Explosionsschutz die - Huss Shop

EinbettenHerunterladen
Pester_3.Auflage_191-400_AK4.qxd
10.11
19.11.2007
12:49 Uhr
Seite 220
Wie beeinflusst der Explosionsschutz die Auswahl von
Bussystemen?
IPC und Ex-Feldbusse verändern zunehmend die Prozessautomation. Dennoch kann es
vorkommen, dass jemand, der damit noch nichts zu tun hatte, die Worte „Feldbus“ und
„Fieldbus“ kurzerhand als sprachliches Phänomen abtut.
Die Unsicherheit bei der Auswahl von Bussystemen hat zumeist andere Gründe als den
Explosionsschutz. Ein Bussystem unterliegt prinzipiell den gleichen Bedingungen
für den Explosionsschutz wie jede andere Installation.
Wenn das so einfach ist, wieso sind dann Feldbusse in Ex-Anlagen nicht schon lange üblich?
Erfordernisse und Realität
Angesichts der Vielfalt angebotener Systeme in kontinuierlicher Innovation – begleitet
von verkaufsgerichteter Argumentation – steht der interessierte Anwender vor der Aufgabe, seine Auswahl vor dem Kauf zu überprüfen und umfassend zu durchdenken. Die
Normen VDE 0165 gehen darauf nicht besonders ein. Noch immer gibt es nicht einmal
für normale Anwendung einen einheitlichen Feldbusstandard. Was ein Feldbus im Verfahrensmanagement chemischer Prozesse leisten soll, sagt die NAMUR-Empfehlung
NE 74 NAMUR-Anforderungen an den Feldbus, wogegen aus den Normen DIN EN
61158 (IEC 61158) Feldbus für industrielle Leitsysteme den Planern und Betreibern explosionsgefährdeter Prozessanlagen praktischer Rat kaum erwächst. Für Ex-Bereiche
ideal wäre ein explosionsgeschützter schneller Bus, der den Anschluss von Feldgeräten
im Ex-Bereich begünstigt, nach Wunsch Redundanz einräumt und eine Vielzahl unterschiedlicher Geräte herstellerunabhängig bedient. Dazu gibt es reale Möglichkeiten, z.B.
das eigensichere FISCO-Konzept, die leistungserweiternde Konzeption „Eigensicherer
Feldbus“ (ES-Bus; bearbeitet von PTB und TU Braunschweig) oder die herstellerunabhängige FDT-Technologie. Wie NAMUR-Fachleute schon länger errechnet haben, macht
die Bustechnik Kostenminderungen von insgesamt mehr als 40 % gegenüber konventioneller Technik (4 bis 20 mA) möglich. Dabei liegt das Sparpotenzial hauptsächlich im Engineering und in der Instrumentierung. Obwohl Untersuchungen für intelligente umfassend feldbustaugliche Geräte einen Mehrpreis von 30…50 % gegenüber konventionellen Ausführungen nachweisen, steht der wirtschaftliche Vorteil insgesamt außer Frage.
Varianten
Das Prozessleitsystem (PLS) im exfreien Wartenbereich und die Feldgeräte, die sich in
den Ex-Bereichen befinden, können auf verschiedene Art analog oder digital an einen
Bus angekoppelt werden. Bei Ex-Anwendungen dominieren zwei konkurrierende sehr
unterschiedliche Bussysteme, Profibus PA/DP und Foundation Fieldbus H1. Ihre Vorzüge
werden von den Anbietern unterschiedlich kombiniert, dokumentiert und interpretiert.
Anstelle ausführlicher Darstellungen einer kaum übersehbaren Variantenvielfalt kann
hier nur auf Prinzipien eingegangen und ansonsten auf die Dokumentationen der Hersteller und die spezielle Fachliteratur verwiesen werden.
220
Pester_3.Auflage_191-400_AK4.qxd
19.11.2007
12:49 Uhr
Seite 221
Bild 10.7 zeigt am Beispiel eigensicherer Stromkreise, wie stark die Anwendung der
Bustechnik (mit Remote I/O oder als Feldbus) den Aufwand für Kabel und Leitungen gegenüber dem konventionellen Anschluss der Feldgeräte verringert. Das Angebot von
Bussystemen hat sich in mehreren Varianten entwickelt:
a) frei wählbares Standardbussystem, das den Ex-Bereich gar nicht berührt, mit Ankopplung außerhalb des Ex-Bereiches und konventionellem Explosionsschutz im
Feld;
b) normaler Bus, im System variabel, der in den Ex-Bereich führt und über „e“-Klemmenkästen den Anschluss von explosionsgeschützten Feldgeräten in den üblichen
Zündschutzarten ermöglicht (z. B. in „e“, „d“, „m“),
c) eigensicheres „i“-Bussystem, auch mit Mehrfachtrennern in Zone 1, die eine durchgeschleifte „e“-Einspeisung haben, wodurch der Bus bis zu 32 Teilnehmer aufnimmt;
eine gültige Norm liegt inzwischen vor für das FISCO- Bussystem für Zone 1 (Fieldbus intrinsically safe concept; entspricht Gerätekategorie 2; DIN IEC 60079-27 VDE
0170–27 09.06),
d) FNICO-Bussystem für Zone 2 (Fieldbus non-incendive concept; vereinfachte Gestaltungsregeln gegenüber FISCO, entspricht Gerätekategorie 3; gleiche Norm wie FISCO).
FISCO, konzipiert für Zündschutzart „i“, benötigt ein außerhalb des Ex-Bereiches angeordnetes Speisegerät, das ohne spezielle Konfiguration auskommt und die Daten sowie
die Hilfsenergie für die Feldgeräte im Ex-Bereich bereitstellt. Das Netzwerkkabel verbindet die Busteilnehmer mit dem Speisegerät. C und L der Busteilnehmer sind auf 5 nF
bzw. 10 mH begrenzt.
FNICO, ausgerichtet auf die Zündschutzart „n“, ist nur für Zone 2 geeignet und wird daher (noch) nicht als eigensicher bezeichnet. FNICO nutzt den mit analoger Technik verbundenen 1,5fachen Leistungsvorteil und lässt Geräte mit 20 mH zu.
Eine eigens für diese Bussysteme geltende Norm soll es künftig nicht mehr geben. Stattdessen wird voraussichtlich die „i“-Norm VDE 0170-7 um dieses Thema erweitert.
Für eigensichere Prozess-Interfaces gibt es nach NAMUR vier Varianten:
konventionell in Punkt-zu-Punkt-Verdrahtung,
Rackbus (Digitalisierung außerhalb des Ex-Bereiches),
Remote I/O-System (Orte der Digitalisierung und i-Trennung variabel, über Bus verbunden mit dem PLS),
■ Feldbus; mit Digitalisierung im Feldgerät, Wegfall der i-Barrieren, voller Kommunikation in beide Richtungen, bestmöglicher Funktionalität und Diagnose, Selbstüberwachung, bestem Preis-Leistungs-Verhältnis.
■
■
■
Intelligente Netzwerke sollen künftig als autonome Einheiten das zentrale Prozessmanagement von Regelungs- und Überwachungsaufgaben weitgehend entlasten.
Aber welche dieser Varianten bietet die jeweils günstigsten Bedingungen?
Die Antwort darauf hängt ab von der Kompatibilität zum vorgeordneten PLS, dem Umfang des Datendurchsatzes, der nötigen Übertragungsgeschwindigkeit, der bevorzugten
Gerätetechnik, der optimalen Geräteintegration und weiterer anlage- und betriebstechnischer Belange wie z. B. den Vernetzungsbedingungen, dem Netzwerkprotokoll, der
221
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
Pester_3.Auflage_191-400_AK4.qxd
19.11.2007
E/A
12:49 Uhr
Seite 222
E/A
Warte
E/A
Standardbus, Warte
oder
Zone 2
MSR-Raum
Rangierung
Zone 1
ZONE 1
ZONE 1
ZONE 1
Konventionell
Die Leitungen analoger und
binärer Ein- und Ausgänge
werden in Klemmenkästen
(Abzweigdosen) zu
mehradrigen Stammkabeln
zusammengefaßt und zum
Rangierverteiler geführt. Vom
Rangierverteiler erfolgt eine
Einzelverdrahtung zur
Ex-i-Signalanpassungsebene. Diese besteht aus
Sicherheitsbarrieren, aus
galvanisch getrennten DINSchienen-Geräten oder aus
Europakarten.
Von der Signalanpassungsebene werden die Standardsignale wiederum über
Einzeladern zu den E/ABaugruppen der SPS oder
des PLS verdrahtet.
LOCAL BUS
Die Leitungen analoger und
binärer Ein- und Ausgänge
werden in Klemmenkästen
(Abzweigdosen) zu
mehradrigen Stammkabeln
zusammengefaßt und zum
Feldverteiler geführt. Vom
Feldverteiler erfolgt eine
Einzelverdrahtung zur Ex-iSignalanpassungsebene.
Diese besteht aus galvanisch
getrennten BUS-Modulen zur
DIN-Schienenmontage. Vom
Buskoppler werden die
Signale des Normbusses
über eine serielle Schnittstelle
zur SPS oder zum PLS
verdrahtet.
Einsparung bei Planung, Ein/Ausgabemodulen,
Rangierverteilern und
Verdrahtung.
FIELD BUS
Die Leitungen analoger und
binärer Ein- und Ausgänge
werden zur
Ex-i-Signalanpassungsebene
geführt, die in ZONE 1
montiert ist. Sie besteht aus
galvanisch getrennten,
steckbaren BUS-Modulen.
Vom Buskoppler werden die
Signale des Normbusses
über eine serielle Schnittstelle
zur SPS oder zum PLS
verdrahtet.
Einsparung bei Planung, Ein/Ausgabemodulen,
Rangierverteilern,
Klemmenkästen,
Abzweigdosen und
Verdrahtung.
Bild 10.7
Bustechnologien im Vergleich (Fa. CEAG Apparatebau)
Softwarestabilität u. a. m. Bei diesen Entscheidungen steht der Explosionsschutz nicht
im Vordergrund.
In der Automatisierungstechnik bedient man sich gern der Zündschutzart Eigensicherheit „i“. Dem Vorzug von busfähigen „i“-Feldgeräten, im Ex-Bereich ohne Freigabe-
222
Pester_3.Auflage_191-400_AK4.qxd
19.11.2007
12:49 Uhr
Seite 223
schein für Eingriffe zugänglich zu sein, unter Spannung und rückwirkungsfrei (hot swapping), stehen am Bus die Nachteile der begrenzten Leistung (im Mittel 2 W für etwa 10
Teilnehmer) und eine geringere Übertragungsgeschwindigkeit (31,25 kbit/s) gegenüber.
Komponenten mit höherem Leistungsbedarf, wie es vor allem bei Aktoren der Fall sein
kann, benötigen dann eine separate eigensichere Stromversorgung (Energiebus) und
entsprechend mehr Adern im Kabel. Werden solche Komponenten aus energetischem
Grund in einer anderen Zündschutzart als „i“ eingesetzt, so gibt es auch dabei Möglichkeiten für einen schnellen Gerätewechsel. Speziell dafür konstruierte „d“-Steckverbinder bis maximal 10 A machen es möglich, MSR-Betriebsmittel im Ex-Bereich spannungsfrei zu schalten und sicher zu trennen, ohne dass es eines Freigabescheines bedarf.
Tafel 10.2 gibt einen Überblick über die Entwicklungstendenz eigensicherer Bustechnik.
Tafel 10.2 Entwicklungstendenz eigensicherer Feldbusse (Stand 2006)
Variante
Normal
FISCO (Zone 1)
FNICO (Zone 2)
ES-Bus*)
Spannung U0
Leistung
(je Segment)
Datentransfer
f(I,R); DC
≤ 2,0 W
31,25 kBit/s
14 V bis
17,5 V DC
≤ 5,32 W
≤ 7,25 W
31,25 kBit/s
z.B. 50 V AC
bei 80 kHz
≥ 10 W
bei 100 m
1,5 MBit/s
*) in Entwicklung; Busleitungslänge bis 400 m (≥ 5 W)
Durch die Anforderungen der Eigensicherheit wird nicht die mögliche Länge einer BusLeitung beschränkt, sondern die Übertragungsgeschwindigkeit. Mit LichtwellenleiterVerbindungen (LWL-Technik, mit LWL-Trennübertragern) lässt sich dieser Nachteil vermeiden und es treten auch keine Beeinflussungsprobleme auf. Konventionelle Kabelverbindungen mit Kupferleitern kann man jedoch nicht einfach durch die absolut fremdspannungssichere LWL-Technik ersetzen.
Zur Anwendungspraxis
Bevorzugtes Bussystem ist der Profibus PA (H1). Nach derzeitigem Stand hat dieser Bus
in Europa einen Bekanntheitsgrad von > 80 %. Zur Anbindung an das PLS dient der Profibus DP (H2). Das Profibus-System entspricht den Anforderungen der NAMUR-Empfehlung NE 74. Besondere Merkmale sind bei Variante DP die hohe Übertragungsgeschwindigkeit bis zu 12 Mbit/s und bei der langsamen Variante PA mit 31,25 bit/s die Eigensicherheit. Es gibt allerdings inzwischen auch bei DP schon Möglichkeiten, mit 1,5 Mbit/s
eigensicher in das Feld zu gelangen. Dennoch bietet der Profibus PA wegen seiner vergleichsweise einfachen Handhabung als Feldbus günstige Voraussetzungen für Messumformer, Regelventile u. a. m.
223
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
Pester_3.Auflage_191-400_AK4.qxd
19.11.2007
12:49 Uhr
Seite 224
Unter bestimmten Voraussetzungen werden jedoch auch andere Bussysteme mit dem
Explosionsschutz kombiniert, besonders der Foundation Fieldbus H1, ebenso der Modbus. CAN- und Interbus eignen sich mit einer speziellen Technik für den Anschluss leistungsstärkerer Feldkomponenten in konventionellen Zündschutzarten, werden aber selten angewandt. Prinzipiell haben Bussysteme gegenüber Remote I/O den Vorteil, sowohl
Daten als auch Energie übertragen zu können.
Remote I/O-Systeme passen Signale von Feldgeräten an Prozessleitsysteme an, erweitern den Einsatzbereich von Feldbussen beträchtlich und sind eine bewährte Alternative
zum echten Feldbus. Prinzipiell betrachtet funktionieren Remote I/O aber auch busunabhängig. Auch unter dem Kürzel RIO bekannt nutzen sie Vorteile der Parallelinstallation
und der Bustechnik dadurch, dass sie die vielen Signalleitungen konventioneller Art vor
Ort zusammenfassen und über einen Bus der übergeordneten Auswerteeinheit zuführen. Als praktikable Lösung anstelle eines kompletten Feldbusses übernimmt ein RIO
auch analoge Signale von Geräten, die in beliebigen Ex-Zündschutzarten ausgeführt
sind.
Bisher erfolgte der Geräteanschluss an den Bus über Segmente mit bis zu 16 Teilnehmern, verknüpft durch Segmentkoppler. Moderne Ex-Multibarrieren (Hubs) können sogar bis zu 24 fest angeschlossene „i“-Teilnehmer mit separatem Kurzschlussschutz aufnehmen, wodurch sich die Zahl erforderlicher Buskoppler verringert. Ein zusätzlicher
Energiebus in Zündschutzart „e“ führt an die Hubs und begünstigt den Anschluss von
Aktoren und anderen Geräten mit höherem Anschlusswert.
Neuere RIOs lassen sich unterschiedlichen Bussystemen anpassen, verfügen über verschiedenartige komfortable Ausgabesysteme, binden auch HART- und Zone-0-Teilnehmer ein und ermöglichen abgestufte Redundanz. Hersteller gestalten Remote I/O-Lösungen zunehmend als offene Systeme und modifizieren sie so, dass sie der betrieblichen
Aufgabe optimal entsprechen. Damit eignen sie sich sehr gut für anlagetechnische Modernisierungen. Nach übereinstimmender Meinung vieler Anwender werden die RIOs
noch längere Zeit ihre Existenzberechtigung behalten.
Feldbussysteme in reiner Form setzen sich bisher nur zögerlich durch. Über die prinzipiellen Vorteile besteht kein Zweifel. Um durchgängig zu überzeugen, auch für das Asset-Management, sind jedoch noch Hürden zu überwinden in der Kompatibilität der
Komponenten und ihrer Software.
Üblich sind Bussysteme entweder in „i“ oder mit Hauptbus in „e“ und „i“-Segmenten,
oder mit Hubs im Feld, um unter Spannung klemmen zu können. Feldbustechnologie mit
Remote I/O am gleichen Objekt zu kombinieren erscheint problematisch. Für komplett
mit Feldbustechnik ausgerüstete Neuanlagen liegen positive Betriebserfahrungen schon
vor. Beratung durch spezialisierte Fachleute bei der Planung vermeidet Ärgernisse bei
der Inbetriebnahme.
In Vergleichen von Remote I/O und Feldbustechnik unter Praxisbedingungen der Pharmaproduktion konnten zugunsten der Feldbustechnik sowohl eine stabile Fahrweise als
auch Kostenvorteile nachgewiesen werden. Ein rein funktionaler Vergleich nach 13
Merkmalen, von der Übertragungsrate bis zur Integration von Bedienen und Beobachten, ergab indessen nur einen minimalen Vorsprung des Feldbusses.
Für sicherheitsgerichtete Anwendungen über Bussysteme, z. B. Profisafe mit SIL 3
oder Interbus-Safety – einschließlich des Einbindens der etwas signalverzögernden
224
Pester_3.Auflage_191-400_AK4.qxd
19.11.2007
12:49 Uhr
Seite 225
Funktechnologien – gibt es noch keine repräsentativen Anwendungserfahrungen unter
Ex-Bedingungen. Noch stehen dafür zu wenige Feldgeräte zur Verfügung. Remote I/O
bietet in dieser Hinsicht noch die besseren Voraussetzungen, allerdings nicht bis SIL 3.
Richtungweisend für bessere Anwendungsmöglichkeiten der Bus-Technologie in Ex-Bereichen sind z. B.
■ Feldbus-Barrieren-Konzepte für längere, erst im Feld entkoppelte Stichleitungen,
■ Power-Konzepte für höhere Leistungsumsätze als mit FISCO,
■ das eigensichere Energieversorgungskonzept „c-i-s“ für Leistungsumsätze bis 20 W
mit höherfrequenten Wechselspannungen bis 100 V.
Panta rhei – alles fließt, und im Explosionsschutz scheint das besonders zuzutreffen auf
den technischen Fortschritt bei Bus-Anwendungen. Während die Forschung technisch
weitgreifende Neuerungen für eigensichere Bussysteme entwickelt, offerieren die Hersteller auf breiter Linie praktikable Lösungen für den aktuellen Bedarf. Aus einer Studie,
die sich mit der Optimierung der MSR-Kosten in den Zone-2-Bereichen eines chemischen
Großunternehmens befasst, geht hervor, dass dann auch sogenannte normale MSR-Betriebsmittel kostengünstige Alternativen bieten.
10.12
Muss der anlagetechnische Explosionsschutz auch
außergewöhnliche Vorkommnisse berücksichtigen?
In der Regel ist die Wirksamkeit des Explosionsschutzes elektrischer Betriebsmittel gebunden
■ an den bestimmungsgemäßen Betrieb der Betriebsmittel und
■ an den Normalbetrieb der technologischen Einrichtungen, von denen die Explosionsgefährdung ausgeht.
Störungen des elektrischen Normalbetriebes, mit denen man bei bestimmungsgemäßem
Betrieb erfahrungsgemäß zu rechnen hat, sind in den Normen des elektrischen Explosionsschutzes einbezogen, so z. B. die Überlastung von Antrieben oder das Blockieren einer Pumpe. Der Einfluss von Störungen auf technologischer Seite muss bei der Beurteilung und Einstufung der explosionsgefährdeten Bereiche berücksichtigt werden. Kommt
es irgendwann zu einer vorhersehbaren Abweichung vom Normalbetrieb, dann ist das
kein außergewöhnliches Vorkommnis. Die Anlagensicherheit wird nicht wesentlich beeinträchtigt.
Anders ist das bei sicherheitstechnisch bedeutenden Störungen. Wenn die Anlage dem
Stand der Technik entspricht, sind derartige Störungen nicht mehr „vernünftigerweise
vorhersehbar“, ebensowenig sind sie ein „Störfall“ im Sinne der Störfallverordnung (12.
BImschV). Tritt dieser Fall dennoch ein, dann ist das für den Verantwortlichen im wörtlichen Sinn bestimmt katastrophal, auch wenn es noch keine „Katastrophe“ in rechtlichem Sinne ist.
Normgerechter Explosionsschutz trägt natürlich auch dazu bei, Störfälle und
Katastrophen zu vermeiden. Unmittelbar wirksam ist er aber nur innerhalb der
als explosionsgefährdet festgelegten örtlichen Bereiche und unter den genormten Bedingungen.
Sollen genormte oder andere Schutzmaßnahmen darüber hinaus wirksam sein, dann
225
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
Pester_3.Auflage_191-400_AK4.qxd
19.11.2007
12:49 Uhr
Seite 226
müssen das zu erreichende Ziel und die dazu erforderlichen Maßnahmen besonders festgelegt werden (dazu auch TRBS 2155 zur Anwendung von Prozessleittechnik im Explosionsschutz und IEC 61511 zur funktionalen Sicherheit, ➞ 10.14). Naheliegend wäre es
zum Beispiel, besondere Forderungen an den Funktionserhalt im Brandfall zu erwägen.
Schutzmaßnahmen gegen Störfälle erfordern ein anlagetechnisches Gesamtkonzept. Allein durch elektrischen Explosionsschutz ist das nicht zu bewerkstelligen.
10.13
Muss der anlagetechnische Explosionsschutz auch
Fehlanwendungen ausschließen?
Nach dem Willen der Richtlinie 94/9/EG ist auch die Möglichkeit sachwidriger Verwendung, der „vernünftigerweise vorhersehbare Missbrauch“ (Anhang II der Richtlinie, Ziffer 1.0.2) zu bedenken. Damit wendet sich die Richtlinie an den Hersteller.
In etwas anderer Wortwahl definiert § 2 GPSG: „Vorhersehbare Fehlanwendung ist die
Verwendung eines Produkts in einer Weise, die von demjenigen, der es in Verkehr
bringt, nicht vorgesehen ist, sich jedoch aus dem vernünftigerweise vorhersehbaren Verhalten des jeweiligen zu erwartenden Verwenders ergeben kann.“
In Ex-Anlagen, zu denen nur unterwiesene Fachpersonen Zutritt haben, muss man ein
Fehlverhalten nach Meinung des Verfassers allgemein nicht als „vernünftigerweise vorhersehbar“ betrachten.
Vernünftigerweise vorhersehbares Fehlverhalten auch bei Ex-Elektroanlagen
einzubeziehen ist jedoch notwendig, wenn Handlungsfehler zu unterbinden
sind, die auch einem Fachmann mit Ex-Kenntnissen unterlaufen können. Das
könnte beispielsweise der Fall sein innerhalb von Gehäusen mit eigensicheren und
nichteigensicheren Stromkreisen, wo Fehlhandlungen durch gleichartige nicht kodierte
bzw. anderweitig verwechselbare Steckverbinder ausgeschlossen werden müssen.
Ebenso ist die Sicherheit gegen Fehlbedienung infolge Gefahrenstress ein wesentlicher
Gestaltungsfaktor.
10.14
Welche Bedingungen für den Explosionsschutz muss
die Prozessleittechnik erfüllen?
Grundsätze für das Gestalten von Prozessleitsystemen sind das Thema von TRBS 2155.
PLT-Einrichtungen für Ex-Anlagen müssen fähig sein, in erforderlichem Maße Schutzmaßnahmen selektiv auszulösen oder abzusichern, beispielsweise als
■ Schaltfunktion „Ein“ (z.B. Ventilator oder Schutzgaszufuhr zur Unterdrückung gefährlicher explosionsfähiger Atmosphäre),
■ Schaltfunktion „Aus“ (z.B. einzelne potentielle Zündquellen, gesteuertes Stillsetzen),
■ Schaltfunktion „Wechsel“ (z.B. Umschalten von gestörten explosionsgefährdenden
Anlageteilen auf Reserveeinheiten),
■ Alarme,
■ Selbstdiagnose und das Fail-Safe-Prinzip (selbsttätige Rückkehr in einen sicheren Zustand).
226
Document
Kategorie
Kunst und Fotos
Seitenansichten
13
Dateigröße
89 KB
Tags
1/--Seiten
melden