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Etwa 1915 wurde Großvater Paul Franz Dill nach - Webnode

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1914 – 1933 Von Moskau über Sibirien nach Bochum
Am 28. Juli 1914 hatte Österreich mit deutscher Rückendeckung Serbien den Krieg erklärt.
Russland kam Serbien zu Hilfe und machte am 29. Juli mobil. Kurz nach Kriegsbeginn marschierten zwei russische Armeen in Ostpreußen ein.
Tante Claire beschreibt in ihren Lebenserinnerungen über diese Zeit (in denen sie manchmal
Ihren Sohn Gennadij anspricht):
"Auch hier sei erwähnt wie Du einst am Morgen (deinen kleinen Vetter Paul, blond und zart,
der artig auf seinem Karren saß) schnell heranliefst, den Karren anpacktest und Павлик anstatt spazieren zu fahren natürlich umwarfst, der aus dem Karren flog und sich an die Wand
stieß. Friedlich lebten sie bis zum 18. Juli [ggf. alter Stil = 31. Juli, WD] – acht Tage vorher
kam noch unsere liebe Tante Lux aus Berlin – es war wirklich ein schöner Sommer in jeder
Beziehung – ab und zu kam unser lieber Vater- Du entwickeltest Dich gut.
Und da kam dieser entsetzliche Tag! – die Kriegserklärung – ein Krieg zwischen Russland
und Deutschland – es war undenkbar, unfaßlich und nur zu bald waren wir selbst inmitten der
kommenden Ereignisse.
Die Brüder deutsche Reichsangehörige, mein Mann ein Russe, ich durch die Heirat auch
russ. Untertan –wir alle, die in Russland geboren, verknüpft mit dem Lande und dem russ.
Volk, mit so vielem – Grund und Boden nannten wir damals noch unser eigen und nun war
das Feindesland den Brüdern – mein Mann war Reserveoffizier, wurde sofort einberufen – er
gehörte damals der Landwehr schon an, musste aber vom Hause fort, die Brüder konnten
nicht mehr nach Deutschland zurück, wurden verschickt, da fing der Jammer an, anfangs
waren sie in Moskau, nachher wurden sie verschickt erst allein, dann folgten die Frauen mit
den Kindern."
[WD: Die Verbannung traf zumindest Paul Franz und Alexander Dill. Die beiden anderen
Brüder Adolph (Adja), der später in russische Kriegsgefangenschaft geriet, und Woldemar
(Wow) waren wohl in Deutschland.]
Etwa 1914 wurde Großvater Paul Franz Dill verbannt, ohne Familie, wie zu Zarens Zeiten ja
üblich für missliebige Personen aller Art. Ehefrau
Vilma und Sohn Paul durften in Moskau bleiben. Sie
folgten später freiwillig, irgendwann wurden die
Verhältnisse ja auch in Moskau immer
unübersichtlicher.
Der Grund der Verbannung des preußischen
Untertans, der in der Gießerei der Familie wohl eher
Betriebsingenieur als Eigentümer war, könnte die
Staatsangehörigkeit und Militärdienstgrad (Paul hatte
von 1904 bis 1905 in Lübben seinen Wehrdienst
absolviert) oder die Miteigentümerschaft in der Firma
sein.
1915 hatte der Zar einen Ukas erlassen, dass alle
deutschen Moskauer Kaufleute bis zu einem Stichtag
ihr Eigentum veräußern mussten. Dills hatten bereits
um 1914 – vielleicht wegen des Kriegsausbruchs - das
Wohn- und Betriebsgrundstück an der Gustjanikow"Ganz Moskau" 1901 1)
Seitenstraße von der Mutter Pauls (Alexandra geb.
Brenneisen) auf die seit 1901 mit einem Russen
(Rittmeister Ewgen von Jeromouso) verheiratete Helene Alexandra Dill übertragen, eine
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Tochter des Firmengründers Karl Karlowitsch. Dies ging jedenfalls aus einer Publikation über
die Geschichte dieser Moskauer Straße im Internet hervor.
Die Gießerei ist 1901 im "Ganz Moskau" unter dem Namen Dill A[dolph]. K[arlowitsch].
(Dill Olga Iw[anobna]) gelistet, also war Olga die Inhaberin der Firma, das Grundeigentum
schien zu der Zeit aber noch bei der Witwe des Firmengründers (Alexandra Samoilowna) zu
liegen. Alles und alle hatten die gleiche Adresse und die Telefonnummer 430.
Aus einem Kondolenzbrief (in russischer Sprache) eines
W. Wagner an meines Vaters Tante Lu ("Luisa Adolfowna") wird der Verbannungsort genannt; Herr Wagner war
auch dort und hat meinen Vater auch mal auf dem Arm gehabt. Es handelt sich um einen Ort namens Oskolki
(613333 Осколки) bei Sredneiwkino (Среднеивкино) im
Oblast Kirow, Wjerchoschishemski Rayon (Верхошижемский район). Koordinaten: 58° 00' 23 49° 26', es ist
ziemlich weit von der nächsten Station der Transsib weg.
Der Ort Sredneiwkino liegt an einem kleinen See, bekam
bereits 1862 eine Schule für Jungen und hatte eine recht
große Kirche.
Kirche in Sredneiwkino
Heute taucht der Name im wesentlich im Zusammenhang mit einer ehemaligen Kolchose als
Agrofirma auf, die sich u.a. der Milchwirtschaft widmet. Die Siedlung Oskolki findet man
zwar im Verzeichnis der Postleitzahlen (sie hat dieselbe wie Sredneiwkino mit dem Zusatz
"D" , wie дом = Haus), aber auf keiner Karte. Sredneiwkino hat den Zusatz S (село = Dorf).
Früher (vor 2008) hatte ich immer gedacht und erzählt, das sei in Sibirien gewesen, aber
geopolitisch war es noch europäisches Russland, hart an der Grenze zu Sibirien, ca. 760 km
Luftlinie von Moskau, 400 km südwestlich von Perm.
Kirow liegt an der Transsibirischen Eisenbahn und
am schiffbaren Fluss
Wjatka (Nebenfluss der
Kama und damit im Einzugsbereich der Wolga)
und ist ca. 950 Eisenbahnkm von Moskau entfernt.
Die Stadt wurde 1374 als
Kosakenaußenposten
Chlynow (Хлынов) gegründet und gehörte seit
1489 zum Großfürstentum
Moskau. 1781 wurde sie
in Wjatka (Вятка) umbenannt und war im 19.
Jahrhundert politischer
Verbannungsort.
Die Wjatka bei Kirow
Im Verlauf des Russischen
Bürgerkrieges nach der
Revolution kam es in Kirow zu schweren Zerstörungen. In der Stadtgeschichte wird erwähnt,
dass in der zweiten Jahreshälfte 1918 die im Gebiet noch anzutreffenden "Weißen" liquidiert
wurde.
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Wann genau Wilma Dill mit meinem Vater Paul (Pawlik = Павлик) nun ihrem Mann nach
Oskolki gefolgt ist, ist nicht überliefert. Sie muss einmal ohne Kind nach Oskolki gefahren
sein, hat sich dann entschlossen (wie so viele
Ehefrauen von Verbannten) ihrem Mann zu folgen.
Eva hat überliefert, dass 1915 dort Pauls Bruder
Boris ("Bobik") geboren wurde, der aber bereits
1921 in Essen starb.
Tante Claire schreibt in Ihren Erinnerungen (gerichtet an Ihren Sohn):
"Auch den kleinen Павлик [Pawlik] begleiteten wir
eines Abends mit seinem Mütterlein. Sie fuhren
nach einem weit entlegenen russischen Dorf an die
Grenze von Sibirien – Павлик klein und zart, mit
schwerem Herzen sah ich ihn ziehn, glaubte ich
doch nicht, dass ich ihn jemals wiedersehen würde
Paul ca. 1915 in Moskau
Die Reise nach Sibirien begann und beginnt immer am Jaroslawler Bahnhof in Moskau, den
der berühmte Architekt Schechtl entworfen hat, wie auch z.B. die lutherische St. Peter-u.Pauls-Kirche in der Kitai-Gorod.
Tante Claire kann in
Moskau bleiben, sie
hat ja die russische
Staatsangehörigkeit.
.- In unser Heim
nach Вердилки
[Werdilki] konnte
ich nicht zurück, ich
blieb mit Dir, mein
lieber schwarzäugiger Bub bei unserer
lieben Großmutter
[WD: Klawdia Nikitowna Kretschetova,
Moskau, Kasanskij
Straße], die stets lieb
Moskau, Jaroslawskaja Bj. 1901
und nett zu uns war.
Dein Vater, nun Offizier, musste nach einer kleinen Stadt eine Tagesreise von uns entfernt.
Unsere liebe Tante Lux [Helene Alexandra von Jeromouso] zog Schwesternkleider an u. ging
Soldaten pflegen. – Müßig saßen wir auch nicht. – Fleißig wurde im Hause der Großmutter
genäht – Hemde, haben Kissenbezüge, Berge von Stoff wurden zerschnitten – bis spät in die
Nacht hinein saßen wir und nähten für die Lazarette u. rüsteten uns zum Empfang der Verwundeten – Schulgebäude wurden in Moskau zu Lazaretts eingerichtet – Arbeit gab es überall
u. u wir alle halfen mit. Auf den Straßen von Moskau sah, wie früher nie, nur noch Soldaten –
Züge, voll der blühenden Jugend, wurden nach dem Westen geschickt, wie dankte ich damals
dem Allmächtigen, dass Du noch klein warst u. nicht brauchtest mitzuziehen – eine schreckliche, entsetzliche Zeit, die man wohl nie, nie vergessen wird u. wozu das alles.
Das Jahr 1915 fing für mich noch mit einem neuen Unglück an: im Januar erkranktest Du an
Scharlach und da noch deine schulpflichtigen Cousinen und die kleine Cousine Veronika im
Hause bei der Großmutter lebten, so musste ich mit Dir ins Krankenhaus – wo wir 6 Wochen
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mit Dir blieben – Dein Vater kam gerade nach Moskau u.. mit schwerem Herzen brachten wir
Dich zusammen fort – ja es waren böse Wochen: Du 2 Jahre und 7 Monate alt – der kleinste
Kranke in der Kinderklinik, die wohl großartig eingerichtet war zu damaliger Zeit – gute
Ärzte, gute Verpflegung, sogar gute Kinderbücher und großartige Spielsachen ..."
[Diese Kinderklinik, deren Gebäude noch heute existiert – ich habe es 2000 gesehen – geht
zurück auf den deutschen Arzt Dr. Haas, dessen Denkmal im Vorgarten steht, und dessen
Grabstein auf dem deutschen Friedhof in Moskau immer noch mit frischen Blumen geschmückt wird.]
Dills wohnten in Oskolki in einer
Holzhütte mit Lehmfußboden,
die Paul wohl mit selbstgezimmerten Möbeln ausgestattet
hatte. Sicher stammt aus dieser
Zeit ein handgeschnitztes und
poliertes Holzkästen, das am
Boden mit einem großen "D" und
der Aufschrift "Paul Dill 19151917" signiert ist. Er wird es in
mühevoller Handarbeit hergestellt haben, die Abtragung der Oberfläche erfolgte wohl mit einem im Feuer erhitzten Eisenstück. Aber man hatte ja viel Zeit, vor allem im Winter.
Zur selben Zeit war Pauls Bruder Alexander, Professor an einer Moskauer Kunsthochschule
mit seiner blutjungen Frau in der Nähe von Ekaterinburg in der Verbannung. Dort kamen
Valerian und Ernst, Cousins meines Vaters zur Welt.
Nachdem nach der Machtübernahme der Bolschwiki in St. Petersburg zwischen Russland und
Deutschland am 15.12.1917 der Waffenstillstand und am 03.03.1918 der Friedensvertrag von
Brest-Litowsk unterzeichnet worden war, konnten deutsche Staatsbürger mit Erleichterung
bei der Ausreise rechnen.
Eva berichtet, Wilma sei zur Ortskommandantur (vielleicht in Sredneiwkino, oder in Wjerchoschishemsk) gegangen und hätte eine Reiseerlaubnis nach Moskau gefordert. Der Polizist
soll geantwortet haben "Aber Barina (Herrin), Sie wissen doch dass ich Ihnen das nicht geben
darf." Sie habe insistiert und er habe dann das Formular herausgerückt, allerdings mit dem
Hinweis, den Stempel müsse
sie sich bei der nächsthöheren
Dienstelle besorgen, was
dann wohl auch klappte. Sie
haben sich dann für eine
längere Reise verproviantiert,
auf Vorrat gebacken und
gekocht und ihre Koffer
gepackt. Tante Lu (Vilmas
Schwester), die von St. Petersburg – wo es ja noch
unruhiger als in Moskau war
– nachgekommen war, hat
Oritschi Bahnhof Bj. 1906
sich auch einen "Propusk"
besorgt und reiste mit.
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Sie haben dann mehrere Tage mit einem gemieteten Pferdefuhrwerk bis zur nächsten Bahnstation der Transsib, Oritschi (60 km) oder Kotelnitsch (80 km) zurückgelegt und dort über
eine Woche auf dem Bahnsteig
kampiert, bis sie eine Fahrkarte
ergattern konnten und ein Zug
ging. Je nach aktueller Lage im
Bürgerkrieg werden sie den
Hauptort Wjatka eher gemieden
haben, weil dort sicher viel Militär lag und politische Aktionen
liefen.
So ein kleiner Bahnhof wie
Oritschi war da sicher unauffälliger, wenn man als
Cсыльноселенец (nach Sibirien
Kotelnitsch Bahnhof, Bj. 1906
Verbannter) mit provisorischen
Papieren nach Moskau wollte. Nur die Straßen dahin sind (laut Karte) und waren sicher viel
schlechter.
Die Reise nach Moskau muss auch 8-10 Tage gedauert haben, vor allem weil wegen des
Bürgerkrieges der Zug ständig irgendwie kontrolliert wurde. Da Großvater Paul auch Schwedisch sprach, haben sie sich wohl zeitweise als Schweden ausgegeben.
Von unterwegs konnten sie zu Freunden nach Moskau telegrafieren, die bereit waren, sie aufzunehmen. In Moskau, in dem zu der Zeit übrigens Hungersnot herrschte, haben sie sich vor
allem mit neuen Personenstandspapieren eingedeckt. Viele noch vorhandene Urkunden aus
Moskau sind vom Pfarrer der St. Michaels-Kirche am 27. und 28. Juli 1918 (a.s: 14 + 15. Juli)
ausgestellt. Nach Evas Berichten sind sie etwa vier Wochen in Moskau geblieben dann mit einem Rotkreuz-Zug nach Deutschland zu Pauls Bruder Woldemar gefahren, der sie aufnahm.
Die gelungene Flucht und Erholung von den Strapazen resultierte unter anderem in einer weiteren Schwangerschaft. Da es im Hause Woldemar Dill in der Graf-Adolf-Straße in Wattenscheid zusammen mit den Kindern Cato, Barbara und Irmel (später kamen dann noch Wolfgang und Albrecht dazu) allmählich eng wurde und eine Hausgeburt den Trubel eventuell ins
Unerträgliche gesteigert hätte, drückte der wohl gut verdienende Gisbert Vester (Taufpate
meines Vaters, Ehemann von Vilmas Schwester Else) seiner schwangeren Schwägerin Geld
in die Hand, damit sie sich auf dem Land einmieten konnte.
Jedenfalls wurde aus dieser Zeit berichtet, die den Lehmfußboden der Holzhütte gewohnten
Jungs der sibirischen Dills hätten Sonnenblumenkerne gekaut und die Schalen auf den Boden
gespuckt. Um die Mädchen (Barbara, Irmel) zu ärgern, hätten sie deren Puppen unter ein Sofa
gestopft, geknülltes Zeitungspapier hinterher, und dann alles angezündet.
Warum Vilma dann zunächst über einer Metzgerei mit Gasthof in Neuhaus und danach in einer Pension in Fohlenplacken (im Solling bei Holzminden) Quartier nahm, ist unklar, jedenfalls kam dort am 22.06.1919 Eva zur Welt. Wilma hatte sich ein Kindermädchen für die
Jungs und eine Hebamme engagiert.
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Die beiden Bilder oberhalb gingen noch vor Evas Geburt an Schwägerin Else Vester nach
Essen, per Adresse Julienstraße 7, wohl das Haus der Schwiegereltern.
Paul, Paul, Vilma und Boris Dill 1919 im Solling
Das obige Bild hat Vilma am 11. Juli 1919 als Postkarte an "Herrn Betriebsdirektor Gisbert
Vester, St. Pölten, Maschinenfabrik J.M. Voith" geschickt. Text:
Lieber Gisbert! Sende Dir einen herzlichen Gruß aus dem Solling! Wir sind jetzt nicht mehr
vier, sondern fünf, den 22. Juni ist bei uns ein Evchen angekommen! Es geht uns sehr gut,
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alles ist gut und glatt verlaufen! – Anfang August reisen wir nach Kaladey. Justa wird uns die
Reise-Erlaubnis erwirken. – Ich hoffe es geht Dir gut und Du hast nicht ganz vergessen Deine
Dich liebende Vilma.
Anschließend zog Vilma also mit allen Kindern zur
Erholung nach Kaladei, wo mein Vater Paul, der
damals wohl russisch sprach, auch schnell das
Tschechische lernte, während er mit seinen Spielkameraden Alfred und Emil Polgar spielte.
Eva hatte ein tschechisches Kindermädchen, das sie
später als junge Frau noch besuchte.
Großvater Paul gelang es, in Essen eine Stelle als
Ingenieur zu bekommen und sie mieteten ein kleines Haus in Essen am Allbauweg (Huttrop, direkt
neben dem Autobahndreieck Essen-Ost). Eva berichtet ausführliche über nette Nachbarn namens
Mrozek. ("Onkel Heinrich" und " Tante Mimi" und
ein Sohn in Pauls Alter, der Landwirtschaft studierte).
Pauls Bruder Woldemar ("Wow"), der als Bergwerksdirektor auf Zentrum gut verdiente, hatte
durch Börsenspekulation viel Geld verdient und gab
Paul Dill, ca. 1919, Kaladei?
seinem Bruder Geld für den Bau eines Hauses, der
1924 in der Ostermannstraße 31 in Bochum begonnen wurde und 1925 bezogen wurde. Das Erdgeschoss war wohl an eine Familie Kramer
vermietet, die im Getränkehandel tätig war.
In dieselbe Zeit fällt auch die
Gründung der Gewerkschaft
Rechen (Bochum-Hamme, Robertstraße) durch Großvater
Paul, für die er als Vorstand
agierte und an der Wow vielleicht Anteile hatte.
Im Bochumer Telefonbuch von
1933 ist eingetragen: Dill, Paul,
Dipl.-Ing., Vorstand der Gewerkschaft Rechen, Ostermannstraße 31 - Fernruf 6 71 69.
[Gewerkschaft war eine Gesellschaftsform ähnlich einer AktiBochum, Ostermannstr. 31, Haus Dill
engesellschaft, die vor allem für
Bergwerke üblich war.]
Für die Zeit um 1925 wird verzeichnet, dass dank der etwas stabileren politischen Situation
und amerikanischer Kredit die deutsche Wirtschaft ein Zwischenhoch hatte, das leider abrupt
durch die Weltwirtschaftskrise von 1927 beendet wurde. Dadurch wurde dann der Weg für
die radikalen Kräfte freigemacht.
Noch in Essen war Bobik gestorben, sicher an einer der gängigen Kinderkrankheiten. Das
folgende Bild zeigt also nur noch die Kinder Paul und Eva. Mutter Vilma sieht jetzt erholter
aus als auf den Bildern kurz nach der Remigration.
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Vilma war ja für diesen Lebenslauf nicht ausgebildet. Sie hatte an einem russischen Mädchengymnasium ihr Abitur mit guten Noten gemacht,
Klavier spielen und französisch parlieren gelernt.
Zu meiner Mutter soll sie einmal gesagt haben:
"Ach Fräulein Frielinghaus, immer nur Staubwischen ist so langweilig." Nicht nur bei Woldemar
und Helene Dill in Wattenscheid, sondern auch
bei Dills in Bochum war häufig Treffen des
Clans, der in den 30er Jahren vor allem wohl aus
Tanten bestand (Lu, Else, Lux, Claire, Justa).
Wenn meine Mutter kam, schwadronierten sie
unverdrossen weiter Russisch, was meine Mutter
wohl ärgerte.
Ob bei der Wohnsitzwahl wohl eine Rolle gespielt, dass die Straße nach dem aus Bochum
stammenden russischen Grafen Ostermann benannt ist, der unter Katharina der Großen zu
höchsten Staatsämtern aufstieg? In 2001 hat ihm
das historische Museum in Moskau eine eigene
Ausstellung gewidmet.
Paul junior besuchte erfolgreich die deutsche Schule –
er soll später
perfekt
Deutsch gesprochen haben, aber kein
Tschechisch
oder Russisch
mehr.
Das Bild, das
ihn zusammen
mit seinem
Cousin Carl
Theodor
("Cato") zeigt,
ist wahrscheinCato und Paul Dill, ca. 1925 Wattenscheid?
lich in Wattenscheid bei
Wow (Bergwerksdirektorsvilla mit Park und Tennisplatz in der Graf-Adolf-Straße in Wattenscheid, heute Teil von Bochum) aufgenommen; das schließe ich aus den gut ausgestatteten
Fahrrädern.
Man beachte die vom Lenker zu bedienenden Laufradklingeln und die Acetylen-Lampe, die
Cato als Älterem und Ranghöherem zusteht. Aber auch die modische Ausstattung ist sehenswert, man sehe sich nur mal den Gürtel meines Vaters an!
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Das folgende Bild von Paul mit seinen Klassenkameraden bekam ich von einem der Mitschüler, der 1987 bei Evas Beisetzung auftauchte. Er erzählte, sie wären zu dieser zeit ganz
Bochumer Gymnasium, Winter 1925 mit Lehrer Buddemeier
schön wild gewesen und Paul hätte sich durch ziemlich
Wagemut hervorgetan.
Zum Beispiel hätten sie von Garagendächern in der Nachbarschaft den Salto rückwärts geübt. Kein Wunder, wenn man
sieht, wie der kleine Paul sich recken muss, um mit aufs Bild
zu kommen. Er wurde ja nicht größer als 1,65 m.
1926 kam dann Tante Claire Kretschetow (Schwester von Paul
und Wow) aus Russland dazu. Man schickte damals ein Foto
von Claire im Zobel mit allem angelegten Schmuck nach Russland, um Ihrem Mann zu signalisieren, dass sie alles mit 'rüber bekommen hatte.
Später holte sie Sohn Gennadij nach, der ein wenig lustlos die deutsche Schule besuchte. Er
ging danach zur Lehre als Schlosser (diese Stelle hatte auch Wow organisiert) bei den Vereinigten Stahlwerken in Gelsenkirchen. Aus Heimweh lief er mit 16 Jahren weg, um nach Russland zurückzukehren und schaffte es bis zu litauischen Grenze, wurde aber zurückgebracht
und schloss doch noch die Lehre ab. Danach (1930) bekam er als staatenloser Ausländer keine
Stelle. Also zog er zur Mutter, die in inzwischen in Kaladei lebte, und half dort beim Umbau
der Villa Dill in eine Pension für Sommergäste und kümmerte sich auch um die ursprünglich
verpachtete Landwirtschaft.
Claire lebte dort inzwischen mit Schwester Justine ("Justa"), die sich nach dem Tode Ihres
Mannes (Josef Ritter Kocové z Dobrše) von Ungarn nach Kaladei zurückgezogen hatte. Dazu
kam auch Tante Lux (Luxinka, Helene Alexandra von Jeromouso) mit ihrem Rittmeister,
dessen Grabstein noch heute auf dem Friedhof in Moldauthein (Tyn nad Vltavu) zu sehen ist.
Der Geschichte Kaladeis ist ein besonderes Kapitel gewidmet.
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Das nebenstehende Bild ist nach meiner Schätzung um 1927 aufgenommen ist vielleicht wegen der "Jungsmode" ein wenig interessant.
Das nächste vorhandene Foto zeigt dann schon den Abiturienten mit
der (weißen?) Primanermütze nebst Mutter Vilma und Schwester
Eva mit Sextanerinnen-Schulmütze auf der Königsallee am Westfalenmarkt in Bochum, im Jahr 1930.
Eine der wenigen Lebensweisheiten, die Paul zugeschrieben wurden, war die
Aussage: "Wenn man nicht
groß ist, muss man immer
sehr gepflegt auftreten." Die
nachfolgenden Bilder zeigen,
dass er es beherzigt hat.
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Dunkle Zweireiher scheinen zu seiner Standardausrüstung gehört zu haben.
In der Bochumer Tanzschule wurde er (wegen des
chronischen "Herrenmangels") wohl mehrfach gebeten, kostenlos teilzunehmen; er war wohl recht begehrt. In einem dieser Kurse hat meine Mutter ihn
dann kennenlernt und sich 'drangehängt. Sie war
sicher nicht die einzige, für die er sich interessiert
hat. Eva hat Gisela mal gesteckt, er habe eigentlich
eine andere noch lieber gehabt, aber sich für Marta
Frielinghaus entschieden, weil sie mit den ganzen
Problemen der Kriegszeit besser fertig zu werden
schien.
Nach dem Tanzkurs hat meine Mutter wohl jede
Chance genutzt um ihn zu treffen, stieg auf der
Königsallee immer eine Station vor der Schillerschule aus der Straßenbahn, um durch die Ostermannstraße gehen zu können und vielleicht einen
Blick aufs Fenster werfen zu können. Mutter hat 1933 Abi gemacht, Paul 1930, also wird der
Tanzkurs irgendwie um die Jahre 1931-32 gelaufen sein, als er schon in Berlin an der TU
studierte.
Vom 1.6-31.10.1933 leistete Paul
seinen Wehrdienst in Berlin -Spandau
ab.
Am 14.11.1933 starb Großvater Paul
Franz Dill (mit 56 Jahren, wie Bruder
Wow 1930), damit war das Familieneinkommen praktisch weg, also musste
das Haus in der Ostermannstraße aufgegeben werden. Man zog in direkter
Nachbarschaft an den Steinring 76 in
eine Mietwohnung, die im Krieg mehrere Bombentreffer erhielt. Das Haus
wurde nicht mehr aufgebaut.
Die Anteile an der Gewerkschaft "Rechen" wurden sicher veräußert. Zur
Finanzierung des Studienabschlusses
am 18. Oktober 1938 an der TH
Aachen hat es jedenfalls noch gelangt.
Paul und Paul Dill, ca. 1933
Zieht man 2 Semester für den Wehrdienst und
möglicherweise ein Praktikum ab, hat er immerhin
auch so 13-14 Semester gebraucht. Paul trat dann
1938 in die Dienste der Firma Siemens in Essen. Dem
on dit nach wäre er gerne Kraftwerksdirektor geworden, möglichst an einem Stausee. Wäre
nicht schlecht gewesen – Wassersport!
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Quellenmaterial
Tonbandaufzeichnungen Eva Bergschneider geb. Dill, ca. 1986
Tagebuchaufzeichnungen Claire Kretschetow geb. Dill
Tagebuchaufzeichnungen Gennadij Kretschetow (von Mutter Claire ins Deutsche übertragen)
1)
Transkription des Eintrags in "Ganz Moskau"
Dill, Adol.[f] Karl.[owitsch] Gustjanikow [Straße]
sob. d. Tlf. 430 Eisengießerei
- Al[exan]dra Samoil[owna] Gustjanikow
sob. d. Tlf. 430. Dmwl. – 92, 425
- Wilh[elm] Jakub[owitsch] insh.-mech. Oserkowskij [Str.]
d. Ewdokimowa
- Genr[ich] Genr[ichowitsch] Mochowaja, d. Bratoljub. o-wa Direkt[or] t-wa Oborotj Mosk[owskij]
kwartet pin."Lidertafel"
- Ol[ga] Iw[owna] kuptsch., Gustjanikow
d. Dill, Tff. 430, Eisengießerei
sob d= собственный дом eigenes Haus
Samoilowna = Tochter des Samuel
dmwl = домовладелец Hausbesitzer
kein Verwandter
Haus Ewdokimov
kein Verwandter
kuptsch = купечня Kauffrau
Lage des Moskauer Grundstücks
heute:
Das Grundstück Hausnummer 3
der Letnikowskaja (ehemals Gustjanikow) / Ecke Koshewnitscheskij Seitenstraße ist mit vereinnahmt von einer Firma "Pneumoapparat", die von der Hauptstraße
(die auch Koshewnitscheskaja
heisst, aber ohne den Zusatz:
pereulok - Seitenstarße) her den
Zugang hat. Auf dem Gelände
steht eine größere Fabrikhalle.
Moskau: Letnikowskaja (früher Gustjanikow)
Auf der Vergleichskarte von 1907
ist erkennbar, dass die Gustjanikow direkt neben dem Pawelezker
Bahnhof (früher: Saratower
Bahnhof) verläuft.
Die in der Nachbarschaft eingezeichnete Brücke über die Moskwa war 2000 abgerissen und
sollte wohl erneuert werden.
Am unteren Bildrand erkennbar liegt die Firma
"Handschin u. Wirtz", die zu
dem Konglomerat von Firmen in diesem Bereich gehörte. Deren Gebäude stand
1999 noch.
Weiter südlich an der Gustjanikow war 1907 eine Färberei Til; auf deren Gelände
heute noch eine Färberei besteht.
Das ganze Viertel (2, Pjatnizkaja) war ursprünglich
mit Gerbereien, Färbereien
und Seilereien besiedelt.
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