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Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau: Wie - studienaktie.org

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Bildung ermöglichen im
Kanton Thurgau:
Wie erreichen wir
diejenigen, die uns nicht
erreichen?
Qualitative Studie von Barbara Meili, studienaktie.org
Winterthur, 20. Juli 2011
Unterstützt durch den Lotteriefonds des Kantons Thurgau
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
studienaktie
.org
Inhaltsverzeichnis
Executive Summary ......................................................................................................3
1.
2.
3.
Einführung..............................................................................................................3
1.1
Was heisst Bildung – und warum soll sie gefördert werden? ............................................. 7
1.2
Ungleiche Bildungschancen – Problem und Ursachen ....................................................... 8
1.3
Zur Fragestellung......................................................................................................... 10
1.4
Zum Aufbau ................................................................................................................. 11
Interviewstudie...................................................................................................... 13
2.1
Auswahl der Interviewpersonen ..................................................................................... 13
2.2
Überblick über die Interviewpartner ............................................................................... 14
2.3
Für Bildung und Bildungsförderung zuständige kantonale Institutionen ............................. 17
2.4
Bildungsinstitutionen .................................................................................................... 22
2.5
Für Koordination der Jugendförderung zuständige Institutionen....................................... 25
2.6
Jugendarbeit und Jugendorganisationen ........................................................................ 30
2.7
Vertretung der Wirtschaft bzw. der Arbeitgeber ............................................................. 37
2.8
Vertretung der Migrant/innen........................................................................................ 39
Bildungsförderung im Kanton Thurgau ................................................................... 41
3.1
Allgemeine Hypothesen zur ungleichen Bildungsbeteiligung ............................................ 41
3.2
Spezifische Voraussetzungen im Kanton Thurgau .......................................................... 42
3.3
Bildungsförderlandschaft: Akteure, Angebote und Projekte ............................................. 43
3.4
Herausforderungen bei der Bildungsförderung ............................................................... 45
4.
Ansatzpunkte und Massnahmen zur Bildungsförderung im Kanton Thurgau .............. 51
5.
Fazit .................................................................................................................... 56
Literaturverzeichnis………………………………..……………………………………………..……58
Verzeichnis der Interviewpersonen…………………………………………………………...………59
2
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
studienaktie
.org
Executive Summary
I Kontext und Problemstellung
Der Kanton Thurgau weist im interkantonalen Vergleich nicht nur eine der niedrigsten
Maturitätsquoten, sondern auch die schweizweit zweittiefste universitäre Hochschulabschlussquote
auf. Hinter diesen Zahlen stehen sozio-kulturelle, demographische und wirtschaftsstrukturelle
Faktoren, welche die Entscheidungen von Individuen hinsichtlich höherer Bildung massgeblich
beeinflussen. Sie können zudem ein Hinweis darauf sein, dass das Potenzial vieler Menschen
ungenutzt bleibt, weil es ihnen offensichtlich an Informationen, Netzwerken und dem Bewusstsein für
den Nutzen von Bildung fehlt.
Um diesem Hinweis nachzugehen, hat studienaktie.org, unterstützt durch den kantonalen
Lotteriefonds, eine Studie und einen Workshop zum Thema Bildungsermöglichung im Kanton Thurgau
durchgeführt.
studienaktie.org ist ein gemeinnütziger Verein zur Ermöglichung von Bildung, der Lust auf Bildung
weckt, Menschen bei der Entwicklung eines individuellen Lebensentwurfs begleitet, die Finanzierung
dieses Lebensentwurfs und der darin skizzierten Bildungsprojekte ermöglicht und so Mut macht, den
jeweils individuell richtigen Weg in eigener Verantwortung zu gehen.
II Ziele des Projekts
studienaktie.org möchte mit der vorliegenden Studie und dem durchgeführten Workshop einen
Beitrag zur Effektivität der Bildungsförderung im Kanton Thurgau leisten. Gemeinsam mit den
wichtigsten im Bildungs- und Jugendförderbereich tätigen Akteure wurde rekonstruiert, wie im Kanton
Thurgau Entscheidungen für oder gegen ein Bildungsprojekt gefällt werden, welche Faktoren diese
Entscheidungen beeinflussen und wo gezielt Hebel zur Information und zur Unterstützung von
Menschen aus bildungsfernen Schichten ansetzen können.
Ziel ist es demnach, dass schlussendlich durch das Projekt mehr Menschen im Kanton Thurgau die
Möglichkeit haben, Bildungschancen besser zu nutzen und ihr eigenes Potenzial stärker zu entfalten.
Damit möchte studienaktie.org einen weiteren Beitrag dazu leisten, Bildung gerade dort möglich zu
machen, wo sie unmöglich erscheint.
III Aufbau der vorliegenden Studie
In der Einleitung wird die zentrale Bedeutung von Bildung herausgearbeitet und auf die Diskussion um
ungleiche Bildungschancen Bezug genommen.
Anschliessend werden im empirischen Teil Antworten auf die Fragen gesucht, wie Bildungsförderung
im Kanton Thurgau funktioniert und wie Fördermassnahmen gerade auch Menschen bildungsferner
Schichten besser erreichen könnten.
3
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
studienaktie
.org
Zunächst werden im zweiten Kapitel die wichtigsten Gesprächslinien pro Interview nachgezeichnet.
Neben Vertreterinnen und Vertretern kantonaler Institutionen, Koordinationsstellen und
Bildungsinstitutionen wurden auch Akteure interviewt, die weniger direkt ins Bildungssystem involviert
sind, hinsichtlich Bildungsentscheidungen aber dennoch eine wichtige Rolle spielen. Daher wurden
auch mit Vertreterinnen und Vertretern der offenen Jugendarbeit sowie von Jugendorganisationen,
der Wirtschaft und der Migrantenfamilien Gespräche geführt.
Im dritten Kapitel werden interview-übergreifende Themen bzw. Hypothesen der Interviewten zur
ungleichen Bildungsbeteiligung sowie zu spezifischen Voraussetzungen im Kanton Thurgau
dargestellt.
Die Informationen aus den Interviews werden zum Überblick über die Bildungsförderlandschaft im
Kanton Thurgau verdichtet, um anschliessend Lücken darin aufzuzeigen. Um diese Lücken zu
adressieren, wurde ein Workshop zum gemeinsamen Erarbeiten geeigneter Massnahmen
durchgeführt (viertes Kapitel).
IV Resultate
Von den allgemeinen Faktoren, welche Bildungsentscheidungen beeinflussen, werden die folgenden
von den Interviewpersonen als besonders bedeutsam erachtet:






Selektivität des Bildungssystem bei den Übergängen zwischen den Schulstufen
Zentrale Rolle von Eltern und Lehrpersonen bei Schulentscheidungen
Informationsdefizite bezüglich verschiedener Bildungswege
Mangelhaftes Wissen um Möglichkeiten der Bildungsfinanzierung
„Ungünstiges Timing“: Entscheidungen von grosser Tragweite müssen während der Pubertät
getroffen werden
Hohes Mass an Selbstselektion bei der Inanspruchnahme von Zusatzangeboten (Angebote
werden oft nicht von den eigentlich anvisierten Zielgruppen genutzt)
Die spezifische Situation im Kanton Thurgau stellt sich laut den Interviewpersonen wie folgt dar: Die
im Kanton Thurgau vorherrschende ländliche Struktur führt dazu, dass es relativ wenige Jobs für
Akademiker/innen gibt. Die räumlichen Distanzen zu Hoch- und auch Mittelschulen sind teilweise
beträchtlich, und der Kanton ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht flächendeckend gut
erschlossen. Zu diesen Faktoren gesellt sich eine mentale Distanz zu den Hochschulen, die im Kanton
Thurgau wenig präsent sind.
Was die Angebote betrifft, lässt sich insgesamt von einer gut ausgebauten Bildungs- bzw.
Förderlandschaft sprechen. Dennoch bestehen einige Lücken im Fördernetz: Der Informationsfluss,
die Erreichbarkeit von Zielgruppen aus bildungsfernen Schichten sowie die Begleitung und
Unterstützung bei Übergängen zwischen verschiedenen Schulformen werden als besondere
Herausforderungen betrachtet.
4
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Das Aufzeigen dieser Lücken im Bildungsfördernetz stellte den Ausgangspunkt dar zur gemeinsamen
Erarbeitung von Massnahmen zur effektiveren Bildungsförderung in einem Workshop. In Gruppen
haben die Teilnehmenden die wichtigsten Ansatzpunkte für Veränderungen herausgearbeitet:






Die Beratungskompetenz der Lehrpersonen in Berufswahlfragen soll erhöht werden
Die Wahrnehmung von Bildung im Kanton Thurgau soll gestärkt werden
Niederschwellige Coaching-Angebote sollen Schüler/innen verschiedener Stufen zur
Verfügung stehen
Der Informationszugang soll auf allen Ebenen verbessert werden
Die Potenzialerkennung soll gegenüber der Orientierung an den Leistungen bzw. am IstZustand einen höheren Stellenwert erhalten
Die Vernetzung der verschiedenen Akteure, um gemeinsam für Bildung einzustehen, soll
vorangetrieben werden
Als Resultat des Workshops werden sich die Teilnehmenden in den folgenden Themenfeldern künftig
verstärkt engagieren:





Verstärkte Vernetzung im Bildungswesen: Gründung einer „Allianz für Bildung“, eines Round
Tables zum regelmässigen Austausch
Bessere Unterstützung für Lehrabbrecher/innen (Prävention und Wiedereingliederung in die
Grundbildung)
Information: Einsatz von Rollenmodellen und Botschaftern, um Schüler/innen verschiedene
Möglichkeiten aufzuzeigen
Ausbau der Frühförderung zur Gewährung gleicher Startchancen
Ausbau der Elternbildung (Eltern als kompetente Begleiter ihrer Kinder)
Der Workshop hat insofern eine neue Art der Zusammenarbeit ermöglicht, als dass Organisationen,
die sehr nahe an jungen Menschen und ihren Lebenswelten operieren, in direkten Dialog mit Bildungsund Bildungsfördereinrichtungen mit grösser Distanz zu den jungen Menschen treten konnten.
Die geäusserten Handlungsabsichten – beispielsweise das Schaffen eines regelmässigen
Austauschforums – bergen insbesondere durch die stärkere Vernetzung von Aktivitäten zur
Bildungsförderung über den Workshop hinaus ein grosses Potenzial zur weiteren Intensivierung und
zur Effektivitätssteigerung von Bildungsförderungsmassnahmen.
5
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
studienaktie
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1. Einführung
Wie können wir erreichen, dass jeder Mensch die Chance erhält, über seinen Lebensentwurf
nachzudenken und sich frei von Sachzwängen für den individuell richtigen Weg zu entscheiden? Wie
kann gewährleistet werden, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und
Voraussetzungen unabhängig von ihrer Herkunft möglichst viele Optionen offen stehen – und dass
somit der Zugang zu Bildung für alle gegeben ist?
Diese Fragen bewegen seit langem die Gemüter – und sie bewegen auch uns von studienaktie.org.
Der gemeinnützige Verein studienaktie.org, der im November 2006 in St. Gallen gegründet wurde,
hat sich zum Ziel gesetzt, Bildung für alle Menschen möglich zu machen: Wir fördern Bildung, indem
wir Lust auf Bildung wecken, Menschen bei der Entwicklung eines individuellen Lebensentwurfs
begleiten, die Finanzierung dieses Lebensentwurfs und der darin skizzierten Bildungsprojekte
ermöglichen und so Mut machen, den jeweils individuell richtigen Weg in eigener Verantwortung zu
gehen.
Konkret vermittelt studienaktie.org Menschen mit einem klaren Bildungsziel
Partnerschaften zu privaten Darlehensgebern. Damit schliessen wir eine
Bildungsfinanzierungsnetz.
persönliche
Lücke im
Über die vergangenen drei Jahre unserer operativen Tätigkeit haben wir festgestellt, dass viele
Menschen, die zu uns kommen, andere Fördermittel vom Kanton und von Privaten bisher übersehen
hatten und dass insbesondere diejenigen Menschen, die Förderung am nötigsten hätten – nämlich
solche aus Familien, in denen höhere Bildung aus sozio-kulturellen und finanziellen Gründen oft nicht
in Betracht gezogen wird – den Weg zu entsprechenden Förderinstitutionen nicht finden.
Diese Beobachtung hat uns veranlasst, genauer hinzuschauen, inwiefern bestehende Fördermittel
und -programme ihre Zielgruppen erreichen und wie letztere gegebenenfalls besser einbezogen
werden können.
Der Kanton Thurgau weist im interkantonalen Vergleich nicht nur eine der niedrigsten
Maturitätsquoten1
auf,
sondern
auch
die
schweizweit
zweittiefste
universitäre
2
Hochschulabschlussquote nach Appenzell Innerrhoden. Dies kann ein Indikator dafür sein, dass
Potenziale nicht hinreichend ausgeschöpft werden.
Vor diesem Hintergrund haben wir uns gefragt, welche Faktoren Bildungsentscheidungen im
Kanton Thurgau beeinflussen und wo Ansatzpunkte zur effektiveren Ermöglichung von Bildung zu
finden sind. Dabei gehen wir insbesondere von Jugendlichen aus sogenannt bildungsfernen Milieus
aus, welche wenig Zugang zu höherer Bildung haben. Genau diese Jugendlichen sollten eigentlich von
Bildungsfördereinrichtungen unterstützt werden – und finden oftmals den Weg zu diesen nicht.
1 Vgl. http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/06/dos/blank/05/01.html
2 Vgl. http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/06/dos/blank/05/04.html
6
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, haben wir Interviews mit verschiedenen Akteuren
geführt, die im Kanton Thurgau mit Bildung, Bildungsförderung oder Jugendförderung befasst sind.
Zum Abschluss der Studie haben wir einen Workshop mit den Interviewten durchgeführt, bei dem wir
die Erkenntnisse gemeinsam reflektiert und weiterentwickelt haben.
Bevor die Interviews einzeln vertieft betrachtet und anschliessend quer über die Interviews hinweg
Ansatzpunkte für Massnahmen gesammelt werden, wollen wir in der Einleitung noch einmal kurz auf
den Kontext eingehen: Warum erachten wir Bildung als besonders förderungswürdig – und weshalb
ist es wichtig, bei der Diskussion um Bildung auch das Ziel der Chancengleichheit mitzudenken?
1.1
Was heisst Bildung – und warum soll sie gefördert werden?
Bildung hat viel mit Ausbildung gemeinsam. Doch sie ist viel mehr als das. Bildung versetzt Individuen
in die Lage, verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen und ihren Lebensentwurf
bewusst zu gestalten. Den eigenen Lebensentwurf zu gestalten, ermöglicht die Entfaltung des
individuellen Potenzials. Bildung definieren wir somit als Prozess, reflektiert über die Gestaltung
des eigenen Lebenswegs zu entscheiden. Ausbildungsprojekte wie beispielsweise eine
Berufsausbildung oder ein Hochschulstudium können diesen Prozess beflügeln. Die oben erwähnte
niedrige Maturitäts- und Akademikerquote im Kanton Thurgau stellt deshalb einen Hinweis auf
unausgeschöpftes individuelles und gesellschaftliches Potenzial dar. Bildungsförderung bedeutet
daher nicht eine Art Elitenförderung, die Hochschulbildung über andere Bildungs- und
Entwicklungsmöglichkeiten stellt. Vielmehr geht es um die Unterstützung des Einzelnen beim Finden
und Einschlagen des jeweils individuell richtigen Weges. Höhere Bildung betrachten wir in diesem
Sinne als eine wichtige Möglichkeit zur Selbstentfaltung des Individuums zum Nutzen der
Gesellschaft, in der es lebt.
Bildung bestimmt die Zukunftschancen des Einzelnen, aber auch der Gesellschaft insgesamt. Wir
sehen in Bildung den Schlüssel zur Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft, die Basis für die
Teilnahme am gesellschaftlichen Geschehen und für die Übernahme von Verantwortung für sich und
andere. Aus folgenden Gründen halten wir Bildung für besonders unterstützungswürdig:
-
In der Wissensgesellschaft ist Bildung zur wichtigsten Ressource geworden – und das
Bildungssystem zum bedeutendsten Aufstiegskanal.
Demokratische Systeme sind auf kompetente, kritisch denkende Bürgerinnen und Bürger
angewiesen, die mündige Entscheidungen treffen können.
Bildung ist eng mit anderen Lebensbereichen verknüpft: Integration lässt sich am besten über
Bildung fördern; das erreichte Bildungsniveau korreliert mit den Einkommenschancen; Bildung
vermindert somit das Risiko, von Armut betroffen zu sein - und erhöht umgekehrt die
Lebenserwartung; auch die Gefahr kriminellen Verhaltens sinkt durchschnittlich mit dem
Erreichen höherer Bildungsabschlüsse.
7
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Damit ermöglicht Bildung bessere Lebenschancen in vielerlei Bereichen3 – in erster Linie für die
betroffenen Individuen, aber auch gesamtgesellschaftlich. Gerade weil Bildung eine derart
herausragende Rolle zukommt, ist es wichtig, dass gute Bildungschancen nicht nur ausgewählten
gesellschaftlichen Schichten vorenthalten sind, sondern dass Bildung grundsätzlich jedem zugänglich
ist. Warum dies noch immer nicht vorausgesetzt werden kann, wird im nächsten Abschnitt erläutert.
1.2
Ungleiche Bildungschancen – Problem und Ursachen
Die Ergebnisse der PISA-Studie4 haben gezeigt, dass das Schweizer Schulsystem alles andere als
egalitär ist: Die Chancengleichheit ist nach wie vor nicht gewährleistet. Das bedeutet, dass einige
Gruppen oder gesellschaftliche Schichten statistisch gesehen schlechtere Chancen zum Erreichen
höherer Bildungsabschlüsse haben als andere.
Seit den 60er Jahren befassen sich Bildungsforscher und -forscherinnen mit den Gründen für die
mangelnde Bildungsbeteiligung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Ralf Dahrendorf hat bereits
19655 auf Funktionsmängel des Bildungssystems aufmerksam gemacht: Die Zielvorstellung einer
Gesellschaft, in der jeder die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Chancen hat, wurde von ihm
angesichts der wenigen Studierenden aus bildungsfernen Milieus als Utopie bezeichnet. Neuere
Forschungsarbeiten zum Thema bestätigen die anhaltende Bildungsungleichheit6, und auch das
Bundesamt für Statistik stellt für die Schweiz eine Unterrepräsentation bestimmter sozialer Schichten
an den Hochschulen fest. 7
Wichtige Gründe für diese Unterrepräsentation finden sich sowohl im Bereich der Familien als auch
im Schulsystem selbst. Strukturell gesehen beeinflussen früh im Lebenslauf erfolgende
Bildungsentscheidungen, eine hohe Anzahl von Übergängen zwischen verschiedenen Schulformen
und die mangelnde Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schultypen die Chancengleichheit
negativ. Auch die Ausstattung der Schule und die Lehrpersonen haben einen Einfluss auf
3
Vgl. beispielsweise Rolf Becker (1998): Bildung und Lebenserwartung in Deutschland. Eine empirische
Längsschnittuntersuchung aus der Lebensverlaufsperspektive. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 27, Heft 2, April 1998, S.
133-150. Imhof, Regula und Rolf Becker (2008). Kriminalität als rationale Wahlhandlung: die Rolle der Bildung beim Begehen
von Straftaten. In Rehberg, Karl-Siegbert (Hrsg.:) Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der
Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. (p. 2360-2369). Frankfurt/New York, Campus. Eine Reihe von
Forschungsarbeiten zum Zusammenhang von Bildung und soziodemographischen Phänomenen werden am Institut für
Erziehungswissenschaften der Universität Bern, Abteilung Bildungssoziologie, durchgeführt (vgl.
http://edu.unibe.ch/content/abs/portrait/index_ger.html)
4 Vgl. http://www.pisa.admin.ch
5 Dahrendorf, Ralf (1965): Arbeiterkinder an deutschen Universitäten, in: Recht und Staat, Heft 302/303, Buchdruckerei
Eugen Göbel, Tübingen. www.gmx.ch
6 Krüger, Heinz-Hermann, Ursula Rabe-Kleberg, Rolf-Torsten Kramer, Jürgen Budde (Hrsg.) (2010): Bildungsungleichheit
revisited. Bildung und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule. VS Verlag für Sozialwissenschaften,
Wiesbaden.
7 http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/06/dos/blank/06/07_00.html
8
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Bildungschancen.8 Die Struktur des Bildungssystems vermag aber nicht das ganze Ausmass an Ungleichheit zu erklären. Damit rücken zur Erklärung von Bildungsungleichheiten auch Ursachen auf der
Mikroebene in den Blickpunkt: Wie werden individuelle Bildungsentscheidungen getroffen? Unter
welchen Bedingungen und Restriktionen kommen Entscheidungen bezüglich der Schullaufbahn
zustande? Welche Rolle spielen dabei die Eltern?
Die Sozialisation innerhalb der Herkunftsfamilie kann zu grossen Unterschieden im
Bildungsverhalten führen. Becker9 ist der Meinung, dass institutionelle Barrieren mittlerweile an Bedeutung verloren haben, wohingegen die innerhalb der Familien entstehenden Dispositionen
hartnäckig fortbestehen. Damit sind folgende Faktoren angesprochen:
-
Mangel an finanziellen Mitteln: Da eine höhere Ausbildung länger dauert, damit zunächst
höhere Kosten verursacht und den Erwerbseintritt verzögert, beeinflussen ökonomische
Ressourcen die Bildungsentscheidungen.10
-
Soziale Distanz: Hochschulen werden bisweilen von bildungsfernen Schichten als etwas
Fremdes wahrgenommen, das mit dem eigenen Leben wenig zu tun hat. Diese Fremdheit
kann auch eine eher kritische Beurteilung der Hochschulen nach sich ziehen.11
-
Informationsdistanz: Manchen Eltern fehlt das Wissen über verschiedene
Bildungsinstitutionen und -wege sowie Voraussetzungen und Anschlussmöglichkeiten, das für
eine gute Entscheidung notwendig wäre.12
-
Primäre und sekundäre Herkunftseffekte: Die familiäre Herkunft beeinflusst
Bildungsentscheidungen von der Primarschule bis zur Hochschule auf zweierlei Arten. Als
primären Herkunftseffekt bezeichnet Becker die durch die Sozialisation bedingte schulische
Erfolgswahrscheinlichkeit, die auf unterschiedliche kognitive Fähigkeiten, sprachliche und
soziale Kompetenzen sowie dadurch entstehende Unterschiede in den Schulleistungen zurück
8 Becker, Rolf und Wolfgang Lauterbach (Hrsg.) (2004): Bildung als Privileg? Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der
Bildungsungleichheit, Verlag für Sozialwissenschaften /GWV Fachverlag GmbH, Wiesbaden (siehe insbesondere die Beiträge
von Hartmut Ditton und Walter Müller). Schimpl-Neimanns, Bernhard (2000): Soziale Herkunft und Bildungsbeteiligung.
Empirische Analysen zu herkunftsspezifischen Bildungsungleichheiten zwischen 1950 und 1989. Kölner Zeitschrift für
Soziologie und Sozialpsychologie 52 (4): 636-669. Maaz, Kai, Jürgen Baumert, Ulrich Trautwein (2010): Genese sozialer
Ungleichheit im institutionellen Kontext der Schule: Wo entsteht und vergrössert sich soziale Ungleichheit? In: Krüger, HeinzHermann, Ursula Rabe-Kleberg, Rolf-Torsten Kramer, Jürgen Budde (Hrsg.) (2010): Bildungsungleichheit revisited. Bildung
und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 69-102.
Radtke, Frank-Olaf (2004): Die Illusion der meritokratischen Schule. Lokale Konstellationen der Produktion von Ungleichheit
im Erziehungssystem. In: IMIS-Beiträge, (2004) 23, S. 143-178.
9 Becker, Rolf und Wolfgang Lauterbach (Hrsg.) (2008): Bildung als Privileg? Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der
Bildungsungleichheit. Wiesbaden, Verlag für Sozialwissenschaften.
10
Müller, Walter und Reinhard Pollak (2004): Weshalb gibt es so wenige Arbeiterkinder in Deutschlands Universitäten?, in:
Becker, Rolf und Wolfgang Lauterbach (Hrsg.) (2004): Bildung als Privileg? Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der
Bildungsungleichheit, Verlag für Sozialwissenschaften /GWV Fachverlag GmbH, Wiesbaden, S. 311-352.
11
Bublitz, Hannelore (1980): Ich gehöre irgendwie so nirgends hin… Arbeitertöchter an der Hochschule, Focus-Verlag,
Giessen.
12 Dahrendorf, Ralf (1965): Arbeiterkinder an deutschen Universitäten, in: Recht und Staat, Heft 302/303, Buchdruckerei
Eugen Göbel, Tübingen.
9
studienaktie
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
geht.
Der
sekundäre
Herkunftseffekt
.org
bezeichnet
die
Abhängigkeit
elterlicher
Bildungsentscheidungen vom sozialen Status, d.h. die unterschiedliche Beurteilung der
Kosten und des Nutzens von Bildung in Abhängigkeit von der sozialen Lage der
Herkunftsfamilie.13
Aufgrund all dieser Faktoren lässt sich festhalten, dass Bildungschancen je nach sozioökonomischem Herkunftsmilieu variieren. Diese Chancenungleichheit wird in einer Gesellschaft, die
sich selbst als demokratisch und offen definiert, als störend wahrgenommen: Nach meritokratischen
Prinzipien sollte jede und jeder die Möglichkeit haben, sich seinen Fähigkeiten und Begabungen
gemäss zu entfalten und eine entsprechende gesellschaftliche Position zu erlangen.
Das Potenzial vieler Menschen bleibt diesen Beobachtungen nach ungenutzt, weil es ihnen
offensichtlich an Informationen, finanziellen Mitteln, Netzwerken und dem Bewusstsein für den Nutzen
von Bildung fehlt.
1.3
Zur Fragestellung
Die Ausführungen zur fortbestehenden Bildungsungleichheit und ihren vielfältigen Ursachen zeigen
auf, in welchem Rahmen sich die vorliegende Studie bewegt. Nachdem das Feld geöffnet wurde, soll
der Blick nun wieder konkret auf den Kanton Thurgau gerichtet werden: Die Studie befasst sich mit
Lücken in der Bildungsförderlandschaft und daraus resultierenden Ansatzpunkten zur
Bildungsförderung. Ausgangspunkt ist der Wunsch, Jugendlichen aus allen sozialen Schichten Bildung
zugänglich machen.
Wir bewegen uns mit der Studie bezogen auf die oben vorgenommene Unterscheidung zwischen
schulisch-strukturellen und innerfamiliären Faktoren auf einer Zwischenebene: Die Frage, die sich hier
stellt, ist jene nach aktuellen Förderangeboten und bisherigen Versuchen, die entsprechenden
Zielgruppen zu erreichen. Mit der Studie möchten wir demnach folgende Fragen adressieren:
1) Wie findet Bildungsförderung heute im Kanton Thurgau statt?
2) Wo könnte wer ansetzen, um Bildung auch in der Wahrnehmung von Menschen aus
bildungsfernen Milieus zur erstrebenswerten Option werden zu lassen?
Die Studie soll nicht zuletzt einen Beitrag dazu leisten, dass wir gemeinsam mit den interviewten
Personen ein erhöhtes Bewusstsein für diese Gesellschaftsgruppen schaffen und gemeinsam
Strategien entwickeln, sie vermehrt in den Bildungsprozess einzubinden.
Konkret haben wir mit der Studie folgende Ziele verfolgt und erreicht:

Wir haben in qualitativen Interviews mit relevanten Bildungs- und Bildungsförderinstitutionen
die bestehende Förderlandschaft rekonstruiert.
13 Becker, Rolf und Wolfgang Lauterbach (Hrsg.) (2004): Bildung als Privileg? Erklärungen und Befunde zu den Ursachen
der Bildungsungleichheit, Verlag für Sozialwissenschaften /GWV Fachverlag GmbH, Wiesbaden
10
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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
Aus diesen Rekonstruktionen ist für alle Beteiligten klar geworden, wo Ansatzpunkte zum
effizienteren und effektiveren Einsatz der Fördermittel zur tatsächlichen Ermöglichung von
Bildung in bildungsfernen Milieus liegen.

Diese Ansatzpunkte wurden im Workshop aufgegriffen, um daraus gemeinsam konkrete
Massnahmen zur wirkungsvolleren Bildungsförderung zu entwickeln.
Schlussendlich sollen durch das Projekt künftig mehr Menschen im Kanton Thurgau die Möglichkeit
haben, Bildungschancen zu nutzen und ihr eigenes Potenzial stärker zu entfalten.
1.4
Zum Aufbau
Die Einleitung führt ans Thema heran, indem die zentrale Bedeutung von Bildung herausgearbeitet
und mit dem Ziel von studienaktie.org, Bildung für alle möglich zu machen, in Verbindung gebracht
wird.
Die Frage nach individuelle Bildungsentscheidungen beeinflussenden Faktoren zeigt, dass Bildung
zwar theoretisch jedem offen steht, sich die Bildungschancen aber faktisch je nach sozialer Herkunft
stark unterscheiden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Bildungsförderung im Kanton
Thurgau funktioniert und wie Fördermassnahmen gerade auch Menschen bildungsferner Schichten
besser erreichen könnten.
Der empirische Teil der Studie, die sich um diese beiden Fragen dreht, ist in drei Kapitel
gegliedert. Im zweiten Kapitel werden die wichtigsten Punkte aus jedem Interview aufgeführt, um
dann im dritten Kapitel auf interview-übergreifende Themen einzugehen. Schliesslich werden im
vierten Kapitel die im Workshop herausgearbeiteten Ansatzpunkte für Massnahmen zur effektiveren
Bildungsförderung im Kanton Thurgau dargelegt.
Im zweiten Kapitel zeigen wir zunächst auf, welche Akteure aus welchen Gründen in die Studie
miteinbezogen wurden (2.1). Für die Studie haben wir Organisationen, Institutionen und
Ansprechpersonen identifiziert, die teilweise ausserhalb des Bildungssystems stehen, für die Kinder
und Jugendlichen aber von grosser Relevanz sind. Neben den Hauptakteuren im
Bildungsförderbereich wurden daher auch Organisationen mit direktem Zugang zu (teilweise
bildungsfernen) Jugendlichen einbezogen.
Der Auflistung der Interviewpartner (2.2) folgt die deskriptive Darstellung der wichtigsten
Gesprächsinhalte (Kapitel 2.3 bis 2.8).
Im dritten Kapitel werden auf der Grundlage der im zweiten Kapitel dargestellten Interviews
Hypothesen zu ungleicher Bildungsbeteiligung (3.1) sowie zu spezifischen Voraussetzungen im
Kanton Thurgau (3.2) formuliert. Danach wird ein Überblick über die Bildungsförderlandschaft
gegeben (Kapitel 3.3), um anschliessend Lücken darin aufzuzeigen (3.4).
11
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Die Analyse des bestehenden Bildungsförderungssystems durch die Interviewpersonen zeigt
mögliche Gründe auf, weshalb bestimmte Gruppen im Bildungssystem unterrepräsentiert sind, die
von der Struktur des Bildungssystems über die Rolle von Eltern und Lehrpersonen bis zu Fragen der
Bildungsfinanzierungsmöglichkeiten reichen (Kapitel 3.1).
Doch neben diesen allgemeinen Gründen für die Unterrepräsentation bildungsferner Schichten
namentlich in den anspruchsvolleren Schultypen verfügt der Kanton Thurgau über spezifische
Voraussetzungen wie seine ländliche Struktur, die teilweise grossen räumlichen Distanzen und die
mangelnde Präsenz von Hochschulen im Kanton, welche die Bildungsentscheidungen der im Thurgau
lebenden Bevölkerung prägen (Kapitel 3.2).
In den Interviews sind aber neben Hypothesen zur ungleichen Bildungsbeteiligung auch viele
Angebote und Projekte zur Verbesserung von Bildungschancen genannt worden, die
beispielsweise besonders gefährdete Jugendliche durch ein Bündel zusätzlicher Massnahmen vom
vorzeitigen Verlassen des Bildungssystems bewahren oder ihnen den Übergang von der
obligatorischen Schule ins Erwerbsleben erleichtern sollen. Kapitel 3.3 nimmt eine Aufstellung der im
Bildungs- und Jugendförderbereich aktiven Akteure sowie der entsprechenden Angebote vor und
kommt zum Schluss, dass der Kanton Thurgau über eine gut ausgebaute Bildungs- bzw.
Förderlandschaft verfügt.
Dennoch wurden in den Interviews auch Lücken im Bildungsfördernetz thematisiert.
Interviewübergreifend werden im Kapitel 3.4 aktuelle Herausforderungen aufgezeigt. So wird etwa
beim Informationsfluss Handlungsbedarf wahrgenommen. An Information fehlt es auf verschiedenen
Ebenen: In Zusammenhang mit der Erreichbarkeit der Zielgruppen, aber auch zwischen den
Institutionen und Organisationen, um auf Angebote verweisen zu können bzw. die angebotene
Unterstützung zu koordinieren.
Das Aufzeigen der Lücken im Bildungsfördernetz dient der Ableitung von Anknüpfungspunkten für
Massnahmen zur Verbesserung der Bildungsförderung. Im vierten Kapitel werden die gemeinsam
am Workshop vom 10. Februar 2011 erarbeiteten Ansätze vorgestellt. Die vorgeschlagenen
Massnahmen werden hinsichtlich der Kriterien ihrer schnellen Umsetzbarkeit und ihres Potenzials
beurteilt.
Ein Fazit zu den aus dem Prozess gewonnenen Erkenntnissen rundet die Arbeit ab.
12
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2. Interviewstudie
Erste Recherchen ergaben, dass es im Kanton Thurgau eine vielfältige und gut ausgebaute
Bildungsförderlandschaft gibt. Trotzdem bleibt das Potenzial vieler Menschen ungenutzt, weil es
ihnen offensichtlich an Informationen, Netzwerken und dem Bewusstsein für den Wert von Bildung
fehlt. Die in der Einleitung zitierten Forschungsarbeiten zeigen, dass individuelle Entscheidungen
hinsichtlich höherer Bildung massgeblich durch sozio-kulturelle, demographische und
wirtschaftsstrukturelle Faktoren beeinflusst werden.
Um in Erfahrung zu bringen, wie Bildungsförderung im Kanton Thurgau heute funktioniert und wo
allenfalls Lücken im Fördernetz bestehen, haben wir Gespräche mit unterschiedlichsten Akteuren
geführt.
2.1
Auswahl der Interviewpersonen
Um genauer zu verstehen, wie Bildungsentscheide zustande kommen, haben wir Organisationen,
Institutionen und Ansprechpersonen identifiziert, die in unterschiedlichen Lebensphasen für
Schüler/innen relevant sind. Gleichzeitig haben wir Bedürfnisse gesammelt, die auf den jeweiligen
Schulstufen Entscheidungen über den weiteren Lebensweg mit prägen:
Schulstufe
Vorschule
Primarschule
Sekundarschule
Berufliche
Grundbildung
Bedürfnisse
Spielend Lernen
Integration
Sprachkenntnisse
Übergang in Sekundarstufe
Berufswahl
Gelingen des Übertritts in Lehre oder
weiterführende Schule
Informationen über verschiedene
Möglichkeiten
Abschluss der Lehre
Informationen zu Anschlussmöglichkeiten
(Fachhochschulen, berufliche Weiterbildung)
Gymnasium
Informationen zu Anschlussmöglichkeiten
(versch. Studiengängen)
Hochschulen
Sicherheit hinsichtlich Bildungsfinanzierung
Informationen zu Studienaufbau und späteren
Berufschancen
Übergang ins Erwerbsleben
Wichtige Ansprechpersonen
Eltern
Eltern
Lehrpersonen
Jugendorganisationen und Vereine
Eltern
Lehrpersonen
Peers
Jugendorganisationen und Vereine
Berufsberater/innen
Eltern
Lehrpersonen und Lehrmeister
Peers
Jugendorganisationen und Vereine
Berufsberater/innen
Klassenkamerad/innen
Lehrpersonen
Abnehmende Wichtigkeit der Eltern
Studienberater/innen
Peers, Kommiliton/innen
Professor/innen
(mögliche) Arbeitgeber
Abnehmende Wichtigkeit der Eltern
13
studienaktie
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
Berufliche
Weiterbildung
Informationen über Angebot
Finanzierungsmöglichkeiten
.org
Arbeitgeber
Arbeitskolleg/innen
Geringe Wichtigkeit der Eltern
Berufs- und Laufbahnberater/innen
Diagramm: Etappen des Bildungsweges und der damit verbundenen Bedürfnisse und Ansprechpersonen pro
Lebensphase [Eigene Darstellung]
Der Blick auf die wichtigsten Ansprechpersonen der Kinder und Jugendlichen legt nahe, dass auch
ausserschulische Akteure miteinbezogen werden müssen, um die Frage nach Möglichkeiten zur
effektiveren Bildungsförderung zu beantworten.
Bei der Auswahl von Interviewpersonen haben wir daher folgende beiden Fragenkomplexe als
Massstab herangezogen:
-
-
Welches sind die Hauptakteure im Bereich der Bildungsförderung? Welche Ansätze haben sie?
Wo bestehen ihres Erachtens Lücken im Netz der Bildungsförderung? Welche Menschen /
Bevölkerungsgruppen werden mit den bestehenden Angeboten schlecht oder gar nicht
erreicht?
Welche Organisationen haben Zugang zu Jugendlichen? Inwiefern stammen diese
Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Schichten? Wie finden die Jugendlichen den Weg
zu diesen Organisationen?
In Gesprächen mit Vertretern und Vertreterinnen unterschiedlichster Institutionen und Organisationen
haben wir untersucht, wo und wie Bildungsförderung stattfindet und wo allenfalls Handlungsbedarf
besteht:

Wie werden Bildungsentscheidungen im Kanton Thurgau gefällt?

Wo gibt es allenfalls Lücken im Bereich der Bildungsförderung?

Wo kann angesetzt werden, um insbesondere Menschen aus bildungsfernen Schichten bei
der Entscheidung für weiterführende Bildung zu unterstützen?
2.2
Überblick über die Interviewpartner
Neben Gesprächen mit den offiziell für Bildungsförderung zuständigen kantonalen Institutionen
scheint der Einbezug der Eltern und Lehrpersonen angesichts der wichtigsten Ansprechpersonen pro
Altersgruppe besonders wichtig. Daneben spielen Jugendorganisationen eine zentrale Rolle. Um auch
jene Jugendlichen zu erreichen, die nicht in Vereinen organisiert sind, wurden auch die offene
Jugendarbeit und ein Vertreter muslimischer Migrant/innen einbezogen. Schliesslich ist die Haltung
der Arbeitgeber bei Bildungsfragen – v.a. beim Übergang von der Schule ins Erwerbsleben –
ebenfalls relevant und soll daher berücksichtigt werden.
14
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
studienaktie
.org
Mit den folgenden Personen wurden im Rahmen der Interviewstudie ein- bis zweistündige Gespräche
geführt:
Interviewperson
Institution, Funktion
Bommeli, René
Amt für Berufsbildung und Berufsberatung (ABB), Leiter Berufs- und Studienberatung
Die Berufs- und Studienberatung Thurgau unterstützt Jugendliche bei Fragen der Berufs- und Schulwahl und
war daher ein wichtiger Interviewpartner. Neben den Fragen, über welche Kanäle die Jugendlichen an die
Berufs- und Studienberatung gelangen und wie sie bei der Suche nach dem richtigen Weg unterstützt werden,
interessierte auch, welche Jugendlichen gut erreicht werden und welche eher nicht.
Fink, Susanna
Thurgauische
Arbeitsgemeinschaft
für
Elternorganisationenen
(TAGEO),
Geschäftsführerin
Der Dachverband TAGEO setzt sich für Elternbildung im Kanton Thurgau ein. Im Zusammenhang mit der
Studie interessierte besonders, inwiefern die Berufs- bzw. Schulwahl von Kindern in Elternorganisationen
thematisiert wird bzw. wie die Eltern bei der Aufgabe, ihre Kinder in diesem Prozess zu begleiten, unterstützt
werden können. Auch die Frage, welche Eltern den Zugang zu Vereinen und Organisationen finden und welche
eher nicht, war an dieser Stelle relevant.
Kappeler, Fabian und
Keller, Claudia
Pfadi Thurgau, Co-Leiter
Die Pfadfinder sind die weltweit grösste Jugendorganisation und auch im Kanton Thurgau stark vertreten. Die
einzelnen Gruppen haben einen sehr direkten Zugang zu Jugendlichen. Uns interessierte im Rahmender
Studie, wie sich Jugendliche dafür entscheiden, bei den Pfadfindern mitzuwirken und welche Jugendlichen ggf.
nicht oder schlecht erreicht werden. Ebenfalls von Interesse war für uns die Frage, inwiefern Entscheidungen
über Berufs- und Bildungswege allenfalls thematisiert werden.
Keller Grünenfelder,
Amt für Mittel- und Hochschulen (AMH), Leitung Abteilung Ausbildungsbeiträge und
Claudia
Beiträge an ausserkantonale Schulen
Die Abteilung Ausbildungsbeiträge und Beiträge an ausserkantonale Schulen befasst sich unter anderem mit
der Vergabe von Stipendien und Ausbildungsdarlehen, die auch Thema des Interviews waren. Relevant waren
hier Fragen zum Zugang zu bzw. zum Wissen um Ausbildungsbeiträge. Auch die Vergabekriterien und
mögliche Folgen bei Ablehnung von Gesuchen wurden thematisiert.
Kern, Samuel
Bund Evangelischer Schweizer Jungscharen (BESJ), Koordinator
Schulleiter Schulen Hüttlingen/Mettendorf und Bussnang
Der BESJ ist eine Jugendorganisation, die im Kanton Thurgau neben Cevi und Pfadi ebenfalls weit verbreitet
und klar evangelisch ausgerichtet ist. Uns interessierte im Rahmen der Studie, wie Jugendliche in
evangelische Jugendgruppen eingebunden und begleitet werden, und inwiefern Entscheidungen über Berufsund Bildungswege allenfalls thematisiert werden.
Lenzo, Daniele
Fachstelle für Kinder-, Jugend- und Familienfragen, Leiter Fachstelle
Die Fachstelle für Kinder-, Jugend- und Familienfragen setzt sich für gute Rahmenbedingungen für diese
Zielgruppen ein und vernetzt staatliche und private Angebote in diesem Bereich. Im Rahmen der Studie
wurden Fragen nach der bestmöglichen Unterstützung der Jugendlichen im Kanton Thurgau bei ihrer
individuellen Entfaltung und nach einem verbesserten Zugang bildungsferner Bevölkerungsgruppen zu
verschiedenen Förder- und Informationsangeboten thematisiert.
Möckli, Tobias
Cevi Thurgau, Abteilungsleiter, Kurshauptleiter und Mitglied der Fachgruppe
Ausbildung
Die christliche Jugendorganisation Cevi erfreut sich im Kanton Thurgau grosser Beliebtheit. Die Ortsgruppen
haben einen sehr direkten Zugang zu Kindern und Jugendlichen. Uns interessierte im Rahmen der Studie, wie
sich Jugendliche dafür entscheiden, bei der Cevi mitzuwirken und welche Jugendlichen ggf. nicht oder
schlecht erreicht werden. Ebenfalls von Interesse waren für uns Ansätze zur Befähigung Jugendlicher zur
Übernahme von Verantwortung und zur Selbstreflexion.
15
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
studienaktie
.org
Neziri, Rehan
Imam an der Islamisch-Albanischen Moschee in Kreuzlingen
Im Kanton Thurgau lebende Migrant/innen gehören teilweise zu jenen Gruppen, die bei höheren
Bildungsabschlüssen unterrepräsentiert sind. Als Imam und Religionslehrer steht Herr Neziri in direktem
Kontakt mit der muslimischen Bevölkerung. Im Interview wurde die Frage nach Möglichkeiten zur
Verbesserung des Bildungszugangs von Menschen mit Migrationshintergrund diskutiert. Daneben interessierte
uns auch, wie die Informationsflüsse verlaufen und wie man die Eltern bei Fragen zur Schul- und Berufswahl
besser einbeziehen könnte.
Schütz, Peter
Thurgauer Gewerbeverband (TGV), Präsident
Der Thurgauer Gewerbeverband ist die Dachorganisation von örtlichen Gewerbevereinen, Berufsverbänden
und der KMU-Frauen Thurgau. Mit dem Mentoring-Programm engagiert sich der Gewerbeverband bereits
explizit für Jugendliche, die sich beim Übergang von der Schule ins Berufsleben mit besonderen
Herausforderungen konfrontiert sehen. Er leistet damit einen wichtigen Beitrag an die Einbindung Jugendlicher
ins Berufsbildungssystem. Im Rahmen der Studie interessierte der Beitrag der Wirtschaft zur
Bildungsförderung bzw. die Relevanz der (Berufs-) Bildung für die Wirtschaft.
Spälti, Brigitta
Thurgauer Offene Jugendarbeit (TOJA), Vereinspräsidentin
Jugendtreff ‚Neon‘ Romanshorn, Co-Leiterin
Die Angebote der offenen Jugendarbeit erfassen auch jene Jugendlichen, die nicht in Vereinen organisiert
sind. Uns interessierte, welche Jugendlichen über Angebote der offenen Jugendarbeit erreicht werden und
inwiefern im Rahmen der offenen Jugendarbeit auch Fragen des Bildungs- und Berufsweges eine Rolle spielen.
Wolf, Harry
Amt für Mittel- und Hochschulen (AMH), Wiss. Mitarbeiter Abteilung Mittelschulen
Die Abteilung Mittelschulen des AMH koordiniert die schulischen Angebote, die den Weg zu höheren
Berufsausbildungen oder zum Studium vorbereiten. Die Frage nach dem Zugang zu höherer Bildung wurde
anhand verschiedener Facetten wie der Erreichbarkeit der Schulen, der Alternativen zur gymnasialen Maturität
und der verschiedenen Massnahmen zur Erhöhung der Bildungsbeteiligung thematisiert.
Zingg, Claudio
Pädagogische Hochschule Thurgau (PHTG), Prorektor Weiterbildung und
Dienstleistungen
Die PHTG hat als einzige Thurgauer Hochschule einen hohen Stellenwert in der kantonalen Bildungslandschaft.
Uns interessierte, über welche Kanäle die Studierenden an die PHTG gelangen und wie die soziale
Durchmischung der Studierenden aussieht. Auch spielen die angehenden Lehrpersonen eine wichtige Rolle bei
Entscheidungen bezüglich der Berufs- und Schulwahl der Schüler/innen; daher fragten wir auch spezifisch
nach den Berufswahlmodulen innerhalb der Lehrerbildung.
Daneben gäbe es zahlreiche weitere mögliche Interviewpartner, deren Perspektiven aus
Kapazitätsgründen für diese Studie nicht berücksichtigt werden konnten. Im Sinne eines weiteren
Forschungsbedarfs könnten folgende weiteren Akteure befragt werden:



Zu Bildungsfinanzierungsfragen: Stiftungen, Fonds
Zur Frage, wie Jugendliche aus verschiedenen sozialen Schichten einbezogen werden
könnten: Musik- und Sportvereine, Kulturvereine und Religionsgemeinschaften
Zu weiteren Projekten zur Bildungsförderung: Unternehmen; Lehrpersonen verschiedener
Stufen; Politik; Verantwortliche für die Ausbildung für Sekundarschul-Lehrkräfte an der PHTG;
u.v.m.
In den folgenden Unterkapiteln werden die wichtigsten Gesprächslinien und die im Hinblick auf die
Fragestellung relevantesten Punkt aus den Interviews nachgezeichnet. Im darauf folgenden dritten
Kapitel werden dann über alle Interviews hinweg Antworten auf die Frage gesucht, wie
16
studienaktie
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
Bildungsförderung im Kanton
Bildungsfördernetz bestehen.
2.3
Thurgau
heute stattfindet
.org
und
wo Lücken
im
Thurgauer
Für Bildung und Bildungsförderung zuständige kantonale Institutionen
Kantonale Institutionen bilden einen guten Startpunkt, um sich einen Überblick zu laufenden Projekten
und Massnahmen zur Bildungsförderung im Kanton Thurgau zu verschaffen. Im Folgenden sind die
Aktivitäten des Amtes für Mittel- und Hochschulen (AMH) sowie des Amtes für Berufsbildung und
Berufsberatung (ABB) näher ausgeführt.
Das Amt für Mittel- und Hochschulen (AMH): Bildungsfinanzierung und Positionierung des
akademischen Weges
Das AMH ist dem Departement für Erziehung und Kultur unterstellt, das für die Bereiche Bildung,
Kultur und Sport im Kanton Thurgau zuständig ist. Das AMH befasst sich mit Mittelschulen
(Gymnasien,
Fachmittelschulen,
Handelsmittelschule,
Informatikmittelschule),
Hochschulen
(Pädagogische Hochschule Thurgau) sowie dem Zugang zu und Kooperationen mit umliegenden
Hochschulen.

Bildungsfinanzierung
Die Abteilung „Ausbildungsbeiträge und Beiträge an ausserkantonale Schulen“ entrichtet
einerseits Beiträge an Hoch- und Fachschulen, an denen Thurgauerinnen und Thurgauer in Ausbildung
sind, andererseits befasst sie sich mit der Gewährung von Stipendien und Darlehen.
Laut Abteilungsleiterin Claudia Keller Grünenfelder gehen jährlich 1800 Stipendiengesuche und
50-100 Darlehensgesuche beim AMH ein. Rund 2/3 der Stipdendiengesuche und 80% der
Darlehensgesuche werden gutgeheissen. Neben akademischen werden auch berufsqualifizierende
Ausbildungen mit kantonalen Beiträgen unterstützt.
Das Vorgehen bei der Vergabe von Ausbildungsbeiträgen ist im Stipendiengesetz und der
zugehörigen Verordnung geregelt. Zuerst wird telefonisch abgeklärt, ob das AMH zuständig ist (es
werden z.B. keine Beiträge an Sprachkurse vergeben). Dann werden die finanziellen Verhältnisse
geprüft, wobei nicht die tatsächlichen, sondern die anerkannten Kosten massgeblich sind.
Schliesslich wird der Elternbeitrag bemessen (der Beitrag, den die Eltern laut Steuerangaben leisten
könnten). Das neben dem Elternbeitrag und der geforderten Eigenleistung verbleibende Defizit
entspricht dem Stipendium. Jeder, der aufgrund der Kriterien zum Bezug von Stipendien berechtigt
ist, erhält diese ausbezahlt – unabhängig vom Budget der Abteilung Ausbildungsbeiträge.
Claudia Keller Grünenfelder betont, dass die Vergabe nach einem gesellschaftlichen Konsens erfolgt,
das heisst nach festgelegten Kriterien, wer bezugsberechtigt ist (z.B. Abhängigkeit vom elterlichen
17
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
studienaktie
.org
Einkommen). Das Stipendiensystem weist ihr zufolge kaum Lücken auf. Als häufigsten
Ablehnungsgrund nennt sie – neben der Frage der grundsätzlichen Zuständigkeit des AMH – die
finanziellen Voraussetzungen der Eltern.
Einen Schwachpunkt sieht Claudia Keller Grünenfelder bei der Berechnung des zumutbaren
Elternbeitrags im Falle geschiedener Eltern, deren Einkommen zusammen gerechnet wird, obwohl sie
teilweise je eine Familie zu ernähren hätten.
Auch der Umgang mit Zahlungsverweigerungen durch eigentlich beitragspflichtige Eltern ist eine
Herausforderung. Laut Claudia Keller Grünenfelder gibt es für die Betroffenen keine Anlaufstelle, an
die sie sich wenden können und die sie bei der Durchsetzung ihrer Rechtsansprüche unterstützen
würde.
Wie bekannt die Möglichkeit des Stipendienbezugs ist, ist laut Claudia Keller Grünenfelder je nach
Ausbildungsart unterschiedlich. Während im Falle universitärer Studien relativ bekannt ist, dass
Stipendien bezogen werden könnten, sei dies in der beruflichen Bildung und v.a. in der Grundbildung
(Gymnasium, Lehre) weniger bekannt.
Das AMH nimmt seinen Informationsauftrag war, darf aber keine aktive Werbung betreiben und kann
damit auch keine Kampagnen durchführen, um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Das AMH
stellt im Internet und in einer Broschüre Informationen zur Verfügung. Viele Menschen werden im
Berufsinformationszentrum auf die Abteilung Ausbildungsbeiträge oder von Lehrpersonen auf die
Möglichkeit eines Stipendienbezugs hingewiesen.
Die Möglichkeit, anstelle eines Stipendiums ein Darlehen aufzunehmen, wird laut Claudia Keller
Grünenfelder von fast niemandem in Anspruch genommen. Aus Angst, sich zu verschulden, würden
die Leute in diesem Fall oft lieber den Weg einer Finanzierung über Nebenjobs wählen, obwohl dies
volkswirtschaftlich nicht unbedingt sinnvoll sei.
Doch nicht nur die Aufnahme eines Darlehens ist bei den Empfängern laut Claudia Keller Grünenfelder
eine Art Tabu-Thema; auch der Bezug von kantonalen Stipendien löst bei einigen Bezüger/innen
Scham aus, was die offene Kommunikation darüber erschwere. Claudia Keller Grünenfelder formuliert
dies so: „Manche Eltern reden nicht gerne darüber, dass ihre Kinder Stipendien erhalten, das wird im
Umfeld nicht bekannt gegeben. Einige verzichten sogar freiwillig auf Stipendien, weil sie sagen, dass
sie das nicht brauchen, dass sie auch ohne können.“ Stipendien würden oft nicht als
Bildungsförderung, sondern als Sozialhilfe begriffen.
Auch zwischen den verschiedenen Akteuren im Bereich der Bildungsfinanzierung ist die
Kommunikation Claudia Keller Grünenfelder gemäss nicht optimal: So gebe es zahlreiche Fonds und
Stiftungen, über deren Stipendienvergabe wenig bekannt sei und von denen man nur zufällig erfahre.
18
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
studienaktie
.org
Der Mangel an Informationen ist also auf verschiedenen Ebenen spürbar:
-

Nicht alle Thurgauer/innen wissen um die Möglichkeit eines Stipendienbezugs.
Dass auch Jugendliche, die eine Berufslehre absolvieren, Stipendien beziehen können, ist
besonders vielen nicht bekannt.
Dem Informationsauftrag des AMH steht das Werbeverbot entgegen, das eine Kampagne zur
Bekanntmachung der Möglichkeit des Stipendienbezugs verunmöglicht.
Informationen über andere Akteure im Bildungsfinanzierungsbereich sind nicht systematisch
erfasst.
Mittelschulen
Die Abteilung Mittelschulen des AMH ist zuständig für die Koordination und Abstimmung bei
Fragen, die über einzelne Mittelschulen hinaus reichen und ist das Bindeglied zwischen den Schulen,
dem Departement und dem Regierungsrat.
Harry Wolf, wissenschaftlicher Mitarbeiter des AMH, ist für diese Koordinationsaufgabe
verantwortlich. Im Kanton Thurgau gibt es drei Kantonsschulen (Frauenfeld, Kreuzlingen und
Romanshorn) sowie eine Pädagogische Maturitätsschule. Daneben gibt es zwei Maturitätsschulen in
Kooperation mit Nachbarkantonen: Die Thurgauisch-Schaffhauserische Maturitätsschule für
Erwachsene und die Kantonsschule Wil im Kanton St. Gallen.
Laut Harry Wolf ist die bessere Positionierung der Mittelschulen ein dauerhaftes Thema in der
Rektorenkonferenz, dem Führungsgremium der Mittelschulen. Das Ziel, mehr Sekundarschüler/innen
zum Übertritt in die Mittelschulen zu bewegen, ist dabei kein Selbstzweck: „Es soll nicht unbedingt die
Quote gesteigert werden, aber wir gehen davon aus, dass mehr Schüler das Potenzial hätten, die
Mittelschule zu besuchen, und diese Option oft aus Unwissen oder Unkenntnis nicht gewählt wird.“
Der Übergang von der Sekundarschule ins Gymnasium wird von Harry Wolf als problematisch
beschrieben: Die Hürde sei recht gross, meint er, einerseits weil die Eltern teilweise wenige oder
falsche Vorstellungen vom Gymnasium hätten, andererseits aber auch, weil die Lehrpersonen den
Berufswahlunterricht oft an der Mehrheit der Schüler/innen ausrichten, die später eine Berufslehre
besuchten.
Laut Harry Wolf unterscheiden sich die Wahrnehmungen darüber, was der Kanton Thurgau brauche,
stark: Einige plädierten für eine höhere Gymnasialquote, während andere die Berufsbildung stärken
wollten; dies führe zu einem Kampf um gute Schulabgänger/innen, die natürlich sowohl in den
Mittelschulen als auch in der Berufsbildung begehrt seien. Diese Konkurrenz mache laut Harry Wolf
wenig Sinn, denn der Wert des dualen Bildungssystems sei unbestritten. Vielmehr gehe es auch hier
19
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
studienaktie
.org
darum, dass alle Optionen aufgezeigt würden, dass also auch der gymnasiale Weg im Bewusstsein
der Eltern, Lehrpersonen und Schüler/innen präsent sei.
Mit verschiedenen Ansätzen und Projekten wurde versucht, zu diesem Bewusstsein bzw. zur
besseren Positionierung und Stärkung des akademischen Weges beizutragen. Einige Beispiele
aktueller Projekte:
-
Gemeinsame Broschüre aller Mittelschulen: Anstatt isoliert aufzutreten, haben die
-
Mittelschulen ihren Auftritt koordiniert, in der Broschüre ist alles auf einen Blick sichtbar.14
Vertretung der Mittelschulen an der Berufsmesse Thurgau: Die Mittelschulen sollen auch an
-
der Berufsmesse präsent sein, die 2011 zum ersten Mal in Weinfelden durchgeführt wird.15
Sprungbrett Event: Der Übergang vom Studium ins Berufsleben wird durch eine Veranstaltung
-
begleitet, die Studierenden Orientierung ermöglicht. Regional vertretene Firmen stellen sich
Thurgauer Studierenden als mögliche Arbeitgeber vor. Damit soll ein Brain-Drain verhindert
und der Kanton Thurgau als attraktiver Arbeitsort für Akademiker/innen präsentiert werden.16
Website openyourmind.ch: Auf der Website werden Studiengänge und Berufe vorgestellt, die
den Besuch des Gymnasiums voraussetzen. Als Testimonials eingesetzte Akademiker/innen
erzählen von ihren Erfahrungen.17
Weitere Ideen sind im Bereich neuer Unterrichtsformen auf Sek I Stufe angesiedelt, auch über die
mögliche Einführung eines Progymnasiums wird nachgedacht, und Pläne zur Einführung eines
spezifischen Programms für Jugendliche aus Migrationsfamilien (analog zum Projekt ChagALL18)
werden zurzeit diskutiert.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass vielfältige Bemühungen im Gang sind, den gymnasialen
Weg als eine attraktive Option zu positionieren und ein breites Bewusstsein für den Nutzen und die
Vorteile einer akademischen Bildung zu schaffen.
Das Amt für Berufsbildung und Berufsberatung (ABB)
Das ABB ist ebenfalls Teil des Departements für Erziehung und Kultur. Neben der Berufs- und
Studienberatung sind die Lehraufsicht und die Berufsfachschulen hier angesiedelt.
In drei kantonalen Berufsinformationszentren (BIZ) werden umfassende Informationen zum
Bildungswesen zur Verfügung gestellt und Berufsberatungen für Jugendliche, deren Eltern und
14 http://www.amh.tg.ch/documents/Mittelschulbroschuere.pdf
15 http://www.berufsmesse-thurgau.ch/
16 http://www.amh.tg.ch/xml_5/internet/de/application/f5320.cfm und http://www.together-online.ch/
17 http://www.openyourmind.ch/
18 http://www.unterstrass.edu/projekte/chagall/
20
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
studienaktie
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Lehrpersonen sowie Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung für Erwachsene angeboten. René
Bommeli leitet die Berufs- und Studienberatung Thurgau, einen Halbtag pro Woche führt er
selber Beratungen durch.
Von den jährlich über 4000 Beratungen beziehen sich etwa 60% auf den Übergang von der
Sekundarschule in weiterführende Schulen oder in eine Berufslehre („Übergang 1“), die restlichen
40% der Fälle entfallen auf den Bereich Erwachsenenberatung und Studienberatung. Fast 20‘000
Personen besuchen jährlich das BIZ, darunter alle Thurgauer Sekundarschulklassen.
Neben individuellen Abklärungen (Eignungs- und Neigungstests) wird das Angebot durch
Elternabende, Berufswahlinputs, Studienwahlateliers und verschiedene Kurse ergänzt.
René Bommeli betont, der Übergang 1 sei im Kanton Thurgau gut abgedeckt, über 95% der
Schulabgänger/innen finden nach Abschluss der obligatorischen Schule den Weg in die Grundbildung,
die in der Schweiz einen sehr hohen Stellenwert habe: „Ohne abgeschlossene Grundbildung ist man
nachher nicht nur eher von Arbeitslosigkeit betroffen, man ist auch von der Weiterbildung
ausgeschlossen und bekommt beispielsweise von der IV keine Umschulung bezahlt.“
Aus diesen Gründen gibt es eine ganze Reihe von Brücken- und Unterstützungsangeboten für
Jugendliche, die Schwierigkeiten haben beim Übergang ins Erwerbsleben. Einige Beispiele:19
-
Motivationssemester: Das Motivationssemester ist ein Brückenangebot für Jugendliche, die
-
nach Abschluss der obligatorischen Schule arbeitslos sind oder ihre Lehre oder eine
weiterführende Schule abgebrochen haben. Es setzt sich aus einem Beschäftigungs- und
einem Bildungsteil zusammen. Die Lehrpersonen helfen, die Schüler/innen zu platzieren.20
Case Management Berufsbildung: Jugendliche, die Gefahr laufen, aufgrund von
-
Mehrfachbelastungen keinen Berufsbildungsabschluss zu erreichen, werden durch individuell
abgestimmte Massnahmen unterstützt. Die klare Fallführung ermöglicht eine Koordination
zwischen verschiedenen Involvierten, Ziel ist der Abschluss der Grundbildung.21
Mentoring Thurgau: Das Mentoringprogramm begleitet Jugendliche beim Übergang von der
-
Schule in den Beruf. Den Jugendlichen werden Mentor/innen vermittelt, die fest im
Berufsleben stehen und sie bei der Suche nach Lehrstellen unterstützen.22
Brüggli: Die durch die IV finanzierte Ausbildungs- und Integrationsinstitution bietet
verschiedenste Ausbildungen für Menschen mit einer körperlichen oder psychischen
19 Weitere arbeitsmarktliche Massnahmen: http://www.awa.tg.ch/xml_85/internet/de/application/d2951/f2952.cfm
20 http://www.stiftung-zukunft.ch/bj.html
21 http://www.abb.tg.ch/xml_63/internet/de/application/d9741/d9742/f10622.cfm und
http://www.abb.tg.ch/documents/Konzept.pdf
22 http://www.tgv.ch/mentoring.html und http://www.abb.tg.ch/xml_63/internet/de/application/d9741/d9742/f9167.cfm
21
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Behinderung an. Ziel ist die Reintegration in den ersten Arbeitsmarkt, die Vermittlungsraten
sind hoch.23
Während laut René Bommeli der Übergang 1 gut mit entsprechenden Angeboten abgedeckt ist, sieht
er bei der verstärkten Förderung der Weiterbildung auf allen Ebenen noch Potenzial. Besondere
Herausforderungen stellen sich ihm zufolge bei der Koordination der verschiedenen
Weiterbildungsangebote, aber auch beim Umgang mit Risikogruppen, für welche
Weiterbildungsmassnahmen die grösste Notwendigkeit darstellen würden – beispielsweise Menschen
mit Attestausbildungen, Migrant/innen, aber auch Frauen. Auch die Arbeitgeber müssten verstärkt für
das Thema Weiterbildung motiviert und in die Verantwortung genommen werden.
Eine starke Selbstselektion führt gemäss René Bommeli dazu, dass vor allem Hochqualifizierte
Interesse an Weiterbildung zeigen: „Bildung ist damit eine Sache für jene, die sowieso schon gut
qualifiziert sind. 80% der Weiterbildungen werden von 20% hochqualifizierten Leuten besucht.“
Dass „immer die Falschen kommen“, betrachtet René Bommeli allgemein als grosses Problem. Er
engagiert sich in verschiedenen Arbeitsgruppen, die sich mit der Frage befassen, wie man jene
„kritischen Gruppen“ besser erreichen könnte, die den Weg zum BIZ und anderen Institutionen und
Angeboten nicht finden und von sich aus keine Weiterbildungen besuchen.
Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass es sehr viele Angebote zur Unterstützung von
Jugendlichen gibt, die Mühe beim „Übergang 1“ haben, sodass dieser gut abgedeckt ist.
2.4
Bildungsinstitutionen
Als einzige Hochschule im Kanton hat die Pädagogische Hochschule Thurgau einen besonderen
Stellenwert in der Bildungslandschaft, der im Gespräch mit Claudio Zingg erörtert wurde. Angehende
Lehrpersonen spielen zudem eine wichtige Rolle bei Entscheidungen hinsichtlich des Berufs- und
Bildungsweges der Schüler/innen – sei es auf Sek I-Stufe im Rahmen des Berufswahlunterrichts oder
auch schon in der Primarschule. Letzteres wurde im Interview mit Samuel Kern thematisiert.
Die Pädagogische Hochschule Thurgau (PHTG)
Seit ihrer Entstehung 2003 hat sich die Pädagogische Hochschule Thurgau beständig
weiterentwickelt und bietet heute in Kooperation mit der Universität Konstanz Ausbildungen für alle
Schulstufen von Kindergarten bis Gymnasium an. Etwa 600 angehende Lehrpersonen studieren
zurzeit an der PHTG.
23 http://www.brueggli.ch
22
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Claudio Zingg, Prorektor Weiterbildung und Dienstleistungen der PHTG, ist verantwortlich für
ein breites Weiterbildungsangebot, das von wenigen Stunden dauernden Kurzkursen bis zum
Weiterbildungsmaster und thematisch von Pädagogik über die Unterrichtsfächer bis zu IT reicht.
Eines der Angebote ist der neue CAS Berufswahl-Coach24, der Lehrpersonen auf eine kompetente
Begleitung der Jugendlichen während der Berufswahlphase vorbereiten soll. Im derzeitigen
Nachdiplomstudiengang stammt laut Claudio Zingg eine Minderheit der Teilnehmenden aus dem
Kanton Thurgau, obwohl das Amt für Volksschule die Teilnahme durch die Übernahme eines Teils der
Kosten unterstützt. Berufswahlmodule finden sich aber auch im Lehrplan der angehenden
Lehrpersonen auf Sek I-Stufe.
Claudio Zingg, der selbst aus einer Arbeiterfamilie stammt und über den Lehrerberuf schliesslich an
die Universität gelangte, sieht die Lehrerbildung als wichtigen Aufstiegskanal: „Oft wählen Kinder aus
bildungsfernen Familien diesen Weg, weil Lehrpersonen zum Teil die einzigen Akademiker sind, mit
denen sie in Kontakt kommen.“ Viele der (insgesamt sehr wenigen) Männer, die sich heute für die
Lehrerbildung entscheiden, seien Secondos. Dies sei positiv, denn „um Leute aus
bildungsungewohnten Familien den Bildungszugang zu eröffnen, braucht es entsprechende
Lehrpersonen. Die können sich besser in die Situation dieser Schüler hinein versetzen.“ Dadurch,
dass das PH-Studium sowohl eine akademische Ausbildung mit entsprechenden
Anschlussmöglichkeiten als auch die Lehrberechtigung, die für einen konkreten Beruf befähigt, bietet,
ist die Ausbildung besonders attraktiv.
Die akademische Ausrichtung der PHTG kam laut Claudio Zingg indes nicht überall gut an. Die
seminaristische Tradition der Lehrerbildung sei im Kanton Thurgau stark verankert, und die heutige
PHTG müsse beweisen, dass sie nicht „abgehoben“ sei. Denn das Image der PHTG habe einen
Einfluss darauf, ob diese von Eltern und Schüler/innen überhaupt als Möglichkeit in Betracht gezogen
werde. Ein weiterer wesentlicher Faktor bei Entscheidungen über den Werdegang sei die
Erreichbarkeit einer Bildungsstätte – in diesem Sinne sei es ein grosser Vorteil, eine eigene
Hochschule im Kanton zu haben.
Samuel Kern, ehemaliger Verwaltungsdirektor der PHTG während derer Aufbauphase zwischen 2003
und 2008, bestätigt Claudio Zinggs Sichtweise: Der Kanton Thurgau sei verkehrstechnisch nicht
flächendeckend gut erschlossen, und es zeige sich, dass die Bildungsbeteiligung der Bürger in
Regionen mit grösserer Hochschulnähe (PHTG, aber auch die HSG in St. Gallen und die ZHAW in
Winterthur) deutlich höher sei. Die örtliche Nähe zur Hochschule sei ein wichtiger Faktor, auch weil sie
eine Präsenz von Akademiker/innen im Kanton mit sich bringe. Diese vermöge die grassierende
„Akademiker-Scheu“ etwas zu relativieren.
24 http://www.phtg.ch/weiterbildung/angebot/weiterbildungsstudiengaenge/cas-berufswahl-coach/
23
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Die PHTG ist Claudio Zingg zufolge auch für süddeutsche Studierende attraktiv. Um Thurgauer
Studierende bemüht sie sich aktiv, indem sie sich an den Gymnasien vorstellt, und mit der
Pädagogischen Maturitätsschule (PMS) verfügt sie sozusagen über einen massgeschneiderten
Zugang – wer die PMS absolviert hat, erhält ein Jahr an das Studium an der PHTG angerechnet.
Bewusste Rekrutierungsbemühungen sind im Gange, um den Männeranteil unter den Studierenden zu
erhöhen.
Insgesamt lässt sich die einzige Thurgauer Hochschule als attraktive, im wörtlichen Sinne
naheliegende Option beschreiben, die gerade auch von Jugendlichen aus bildungsfernen Milieus in
Betracht gezogen werden dürfte.
Die Rolle der Primarschulen bei der Schul- und Berufswahl
Die Frage nach der Chancengleichheit im Bildungssystem stellt sich ganz besonders beim Übergang
von der Primarschule in die Sekundarstufe 1 – aber nicht erst dort. Vielmehr sind die
Leistungsunterschiede zwischen Kindern aus verschiedenen Milieus schon beim Schuleintritt
erheblich. Deshalb sind Themen wie Chancengleichheit und Bildungsförderung schon auf
Primarschulstufe relevant.
Samuel Kern, Präsident und Schulleiter der Primarschule Hüttlingen und Schulleiter der
Primarschule Bussnang, ist für die Führung der beiden Schulen und deren Mitarbeitenden, für die
Schul- und Personalentwicklung sowie für die Qualitätssicherung verantwortlich.
Er sieht vor allem im Bereich der Freifächer Möglichkeiten, die Bildungschancen von Kindern aus
bildungsfernen Familien zu vergrössern. Hier können Ressourcen und Potenziale gefördert werden,
ohne dabei so stark leistungsorientiert vorzugehen wie im Schulunterricht. Dadurch können gerade
auch schwache Schüler/innen neue Motivation schöpfen. Erfahrungen aus Hüttlingen zeigen laut
Samuel Kern, dass gerade Kinder aus bildungsfernen Migrantenfamilien die Zusatzangebote rege
nutzen. Die Freifächer werden möglichst günstig angeboten. Bei fürsorgeabhängigen Familien
übernimmt die Schule die Kosten.
Noch früher setzt die Spielgruppe an, die von einer Lehrperson geleitet wird, die eine Ausbildung im
Bereich „Deutsch als Zweitsprache“ (DAZ) hat, wie Samuel Kern erklärt: „Wir haben einige Kinder, die
dadurch schon sehr früh ihre Deutschkenntnisse verbessern konnten.“
Durch solche Angebote wird also versucht, die Bildungschancen benachteiligter Kinder zu erhöhen.
Bildungs- und Berufswege werden aber auf Primarschulebene selten explizit thematisiert – zumindest
nicht bis der Übertritt in die Sekundarstufe und später konkret die Berufswahl anstehen. Samuel Kern
erklärt: „Die Berufswahl ist halt im Primarschulkontext schon – falls überhaupt – weitgehend ein
24
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Thema bei den Eltern zu Hause am Tisch. Auch was man von der Berufswelt mitbekommt, weiss man
von den Eltern. Und dann später vom Berufsberater.“
Eine Ausnahme bildet der Zukunftstag25 für die Fünft- und Sechstklässler: Früher lief das Projekt unter
dem Namen „Tochtertag“ und hatte zum Ziel, den Mädchen die Berufswelt der Männer näher zu
bringen, indem sie einen Tag mit ihren Vätern schnuppern gehen konnten. Die Jungen haben in
Hüttlingen jeweils in der Schule gekocht als Alternativprogramm. Anschliessend wurden in der Klasse
Fragen nach dem typisch Männlichen und typisch Weiblichen diskutiert. Heute ist aus dem Töchtertag
der Zukunftstag geworden, bei dem Kinder Einblick erhalten in die Berufswelt der Erwachsenen, und
Mädchen und Jungen geschlechtsuntypische Berufsfelder kennen lernen.
Auf Primarschulstufe geht es zusammenfassend hauptsächlich darum, ungleiche Startchancen der
Schüler/innen auszugleichen, während die Beschäftigung mit dem eigenen Lebensentwurf noch keine
grosse Rolle spielt.
2.5
Für Koordination der Jugendförderung zuständige Institutionen
Koordinationsstellen haben einen guten Überblick über in einem bestimmten Feld tätige Akteure und
deren Projekte, kennen die laufenden Entwicklungen und Angebotslücken. Für die in der Studie
aufgeworfenen Fragen besonders relevant sind Koordinationsstellen im Bereich der Jugendarbeit und
Jugendförderung sowie der Elternbildung, weil die Eltern in Bildungsfragen eine wichtige
Entscheidungsinstanz darstellen.
Fachstelle für Kinder-, Jugend- und Familienfragen (KJF)
Die 2010 neu geschaffene Fachstelle, die sich für gute Rahmenbedingungen für Kinder, Jugendliche
und Familien im Kanton Thurgau und eine Vernetzung der unterschiedlichen Angebote einsetzt, wird
von Daniele Lenzo geleitet. Die KJF ist an das Departement für Erziehung und Kultur angegliedert.
17 Massnahmen in den Bereichen Elternbildung, frühfördernde Massnahmen, monetäre
Familienförderung und Familienfreundlichkeit, Kind und Jugendschutz, Jugendförderung und
Jugendinformation wurden definiert und sollen jetzt umgesetzt werden.
In einem ersten Schritt geht es laut Daniele Lenzo darum, einen Überblick darüber zu gewinnen,
welche Angebote es gibt und welche möglichen weiteren Angebote im Kanton Thurgau entwickelt
werden könnten. Ziel ist es, bestehende Angebote zu vernetzen, für neue Angebote Synergien zu
nutzen und durch einen verbesserten Informationsfluss Triagen zu erleichtern. Die Vielfalt der
Angebote stelle eine Herausforderung dar: „Also welche Stellen gibt es überhaupt? Welche Stelle
macht was? Wer bietet was an? Was wurde bereits ausprobiert? Was nicht? Ich selber merke: Man
kann telefonieren und sich zusammensetzen. Ich denke, es ist eine gegenseitige Hol- und
25 http://www.nationalerzukunftstag.ch
25
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Bringschuld.“ Die Schaffung der KJF stellt laut Daniele Lenzo ein Meilenstein dar, der die
Zusammenarbeit stärkt – gerade auch wegen der geringen Grösse des Kantons: „Der Thurgau ist
relativ klein und übersichtlich, man kann direkt miteinander zusammenarbeiten.“
Durch das Bereitstellen verschiedener Informationsangeboten wird versucht, die angestrebten
Zielgruppen zu erreichen – die Erreichbarkeit von Zielgruppen ist für die KJF eine sehr wichtige
Frage. Um die Erreichbarkeit von Migrant/innen zu verbessern, sind Vernetzungs-Treffen mit
verschiedenen Institutionen geplant, die ähnliche Anliegen verfolgen.
Umgekehrt muss die KJF selbst als Koordinationsstelle nicht in dem Masse sichtbar sein wie eine
direkte Anlaufstelle. Zur Verbesserung des Informationsflusses wurde im Internet das Sozialnetz
Thurgau26 eingerichtet. Die Familienplattform Ostschweiz27 publiziert alle vorschulischen Angebote.
2010 wurden auch erste Pilotprojekte begleitet und über die KJF finanziert, die v.a. im Bereich
Frühförderung ansetzen. Frühförderung ist gerade auch in Bezug zu Fragen der Chancengleichheit
ein sehr wichtiges Thema. Ziel ist es hier laut Daniele Lenzo, „dass nicht gewisse Kinder schon einen
riesigen Entwicklungsrückstand haben, wenn sie in die Schule kommen, und man da schon weiss: Sie
werden die Ziele aufgrund der Rucksäcke, die sie mitbringen, wohl nicht erreichen.“
Beispiele für Massnahmen und Angebote im Bereich der Frühförderung sind:

„Spiel mit mir“: Projekt der Schule und der Mütter- und Väterberatung Weinfelden, bei dem

Migrant/innen Hausbesuche bei anderen Migrant/innen machen und ihnen Anregungen zum
Spielen mit ihren Kindern geben. 28
FemmesTISCHE: Diskussionsrunden für Migrantinnen in privatem Rahmen über Fragen zu

Erziehung, Rollenverhalten und Gesundheit.29
Elternbriefe: Pro Juventute behandelt in Elternbriefen Fragen zum Zusammenleben junger
Eltern mit ihren Kindern. 30
Weitere vorschulische Bildungsangebote und Fördermassnahmen umfassen Kinderkrippen,
Sprachförderung (z.B. die Sprachspielgruppe in Frauenfeld), aber auch Mütter- und Väterberatung
sowie Gesundheitsförderung.31
26 http://www.sozialnetz.tg.ch
27 http://www.familienplattform-ostschweiz.ch/
28 http://www.kjf.tg.ch/documents/spielmitmir.pdf
29 http://www.femmestische.ch
30 http://www.projuventute-tg.ch/cms/Elternbriefe.php?navanchor=1010050 und http://www.elterbriefe.ch
31 Auflistung vorschulischer Fördermassnahmen:
http://www.kjf.tg.ch/xml_118/internet/de/application/d11834/f11838.cfm
26
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Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Schaffung der KFJ eine gute Ausgangslage
darstellt, die Vernetzung weiter voran zu treiben und den Informationsfluss zwischen den Akteuren,
aber auch das Erreichen der Zielgruppen zu verbessern.
Verein Thurgauer Offene Jugendarbeit (TOJA)
Der Verein Thurgauer Offene Jugendarbeit (TOJA) ist ein Zusammenschluss von verschiedenen
Thurgauer Fachstellen für Jugendarbeit. Er bezweckt die Förderung der offenen Jugendarbeit und die
Unterstützung der in der offenen Jugendarbeit Tätigen im Kanton Thurgau. Die TOJA vernetzt
Jugendarbeiter/innen, veranstaltet Fortbildungen und bietet Gelegenheiten für Erfahrungs- und
Wissensaustausch sowie Fachberatungen an.
Der Vereinspräsidentin Brigitta Spälti ist Zusammenarbeit im Bereich der offenen Jugendarbeit ein
besonderes Anliegen, da diese ihr zufolge vielerorts noch einen zu geringen Stellenwert habe. Dies
komme daher, dass die Jugendarbeit sich erst vor 15-20 Jahren professionalisiert habe und vorher
teilweise auch Jugendtreffs eher nachlässig geführt wurden: „Die Jugendarbeit hat immer noch zu
kämpfen, um mehr Anerkennung durch Öffentlichkeit und Politik zu erhalten. Daran arbeiten wir
zurzeit im kantonalen Netzwerk der offenen Jugendarbeit. Wir möchten die offene Jugendarbeit (OJA)
weiter professionalisieren und auch nach aussen deklarieren, was professionelle Jugendarbeit
eigentlich heisst.“ Oft leide die Qualität der OJA, so Brigitta Spälti, unter zu geringen Stellenprozenten
oder Budgets und teilweise auch unter fehlenden Qualifikationen. Bisweilen werde auch die
Wichtigkeit der OJA zu wenig anerkannt: „Mancherorts herrscht noch das Bild vor, dass OJA lediglich
bedeutet, mit den Jugendlichen stundenlang Tischfussball zu spielen und zu plaudern (…) Wir
möchten zeigen, dass es um mehr geht: Es geht darum, Jugendlichen Raum zu geben für ihre freie
Entfaltung, sie in ihren Fragen und Problemen ernst zu nehmen und zu unterstützen, ihr Potenzial zu
erkennen und bei der Umsetzung eigener Projekte zu coachen. Nicht zu vergessen ist das breite
Spektrum an präventiver Arbeit (Sucht, Gewalt, Sexualität…) sowie das Aufsuchen von Jugendlichen
im Öffentlichen Raum.““ Solche Professionalisierungsbestrebungen, wie sie Brigitta Spälti beschreibt,
werden auch vom Schweizerischen Dachverband (DOJ) angestrebt, der Empfehlungen dazu
ausarbeitet.
Die TOJA versucht auf politischer Ebene die Position der offenen Jugendarbeit zu verbessern; dazu
steht sie in Kontakt mit der KFJ und arbeitet mit Jugendkommissionen auf Gemeinde- und
Kantonsebene zusammen.
Thurgauische Arbeitsgemeinschaft für Elternorganisationen (TAGEO)
Die Thurgauische Arbeitsgemeinschaft für Elternorganisationen (TAGEO) ist der kantonale
Dachverband regionaler bzw. lokaler Elternorganisationen. Sie setzt sich für die Förderung der
Elternbildung im Kanton Thurgau ein, vertritt die Elternorganisationen in der Öffentlichkeit und fördert
die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule auf Gemeinde- und Kantonsebene.
27
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Die TAGEO gibt es seit rund 50 Jahren. Bis 2010 basierte sie vor allem auf ehrenamtlicher Arbeit,
inzwischen gibt es eine Geschäftsstelle mit kantonalem Leitungsauftrag zur aktiveren Förderung und
Weiterentwicklung der Elternbildung, der Entwicklung eigener Angebote und der Qualitätssicherung.
Schwergewichtig soll sich die TAGEO zum Dienstleister und Vermittler für Schulen und
Elternorganisationen entwickeln, die Veranstaltung eigener Elternbildungsangebote steht dagegen
eher im Hintergrund.
Laut Susanne Fink, Leiterin der Geschäftsstelle der TAGEO, wächst das Bewusstsein für
Familienfragen allmählich im Kanton Thurgau: „Die Familienpolitik ist zentraler geworden im Kanton
Thurgau, sie wurde mehr in den Vordergrund gestellt. Das finde ich lobenswert, dass man dem
Gewicht gibt, indem man sagt: ‚Jetzt gibt es dafür eine zuständige Stelle, die KJF.‘“ Dieser Schritt
habe viel Anstrengung gekostet – und wirke sich auch positiv auf die Professionalisierung der
Elternarbeit aus.
Das Bewusstsein für Elternbildung zu schärfen und dafür zu sorgen, dass diese etwas Alltägliches
wird, ist eines der Hauptziele der TAGEO. Susanne Fink wünscht sich, „dass man nicht dann in die
Elternbildung gehen muss, wenn man ein Problem hat, oder weil man versuchen will, Probleme zu
verhindern, sondern weil man Kinder hat." Dieses Bewusstsein zu schaffen, so Susanne Fink, hätte
zur Folge, dass wieder vermehrt über Schule, Erziehung und Familie geredet würde – und dass damit
auch der Umgang mit schwierigen Situationen, die das Elternsein mit sich bringe, erleichtert würde.
Eine Herausforderung stellt laut Susanne Fink die Flut an Angeboten im Bereich der Elternbildung dar:
Viele Eltern wüssten nicht, woran sie sich orientieren sollten, und fühlten sich überfordert vom
Eindruck, in ihrer Freizeit noch zusätzlich etwas machen zu müssen.
Zur Koordination der Angebote bietet der Elternbildungskalender32 einen Überblick über
Veranstaltungen einzelner Elternorganisationen. Die Mitglieder der TAGEO – beispielsweise
Elternforen, Spielgruppen-Vereine, Elternmitwirkung, aber auch Privatunternehmen – organisieren
Kurse. Einige basieren auf Freiwilligenarbeit, andere bieten kommerziell Kurse im Bereich der
Elternbildung an. Auch die Kosten für die Teilnehmenden sind in Abhängigkeit der Struktur des
jeweiligen Vereins unterschiedlich hoch.
Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Institutionen muss laut Susanne Fink weiter
verbessert werden, damit Ressourcen effizient eingesetzt werden und alle über alle Angebote
informiert sind. Das gelte nicht nur im Bereich der Elternbildung, sondern speziell auch für die TriageStellen wie Familienberatungsstellen, Sozialämter und Budgetberatungsstellen, die beispielsweise
auch über Möglichkeiten der Bildungsfinanzierung informiert sein müssten. Die Kooperationsprozesse
sind gemäss Susanne Fink auf gutem Wege: „Ich denke, das Bewusstsein, dass man die
Zusammenarbeit in Bildungs-, Erziehungs- und Familienfragen koordiniert angeht, hat sich verbreitet.“
32 Siehe http://www.tageo.ch/
28
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Angebotslücken in der Elternbildung macht Susanne Fink im Bereich der Zwei- bis Fünfjährigen aus.
Nach der Mütter- und Väterberatung und vor Eintritt in den Kindergarten sei niemand wirklich
zuständig und das Angebot müsse entsprechend noch verbessert werden. Auch für Eltern älterer
Jugendlicher gäbe es eher wenige Angebote: „Die Erziehungsarbeit im Übergang vom Wohnen bei
den Eltern ins selbstständige Wohnen gehört auch zum Elternsein. Aber das Gebiet ist ein bisschen
vernachlässigt. Die Begleitung der Kinder ist nicht mit 18 abgeschlossen: Gerade wenn sie ein
Studium machen, geht das mindestens bis 25, und für diese Phase sollte es auch Angebote geben.“
Neben der Koordination und dem Ausbau der Angebote, damit diese das ganze Spektrum abdecken,
stellt auch die Erreichbarkeit verschiedener Zielgruppen eine grosse Herausforderung dar. Die
Leistungsvereinbarung der TAGEO mit dem Kanton Thurgau bezieht explizit das Erreichen von
Fremdsprachigen und Bildungsfernen ein.
Susanne Fink möchte sich zuerst jenen Eltern widmen, die bereits engagiert sind und die man konkret
unterstützen kann. Gemeinsam mit andern Institutionen möchte sich die TAGEO anschliessend darum
bemühen, bildungsungewohnte Menschen besser anzusprechen und einzubeziehen, welche die
Angebote nicht nutzen und die sich nicht aktiv darüber informieren. Bei Migrantenfamilien
funktionieren Susanne Fink zufolge herkömmliche Informationskanäle wie Broschüren und Webseiten
teilweise schlecht; um diese Zielgruppe zu erreichen, müsse zuerst ein Beziehungsnetz aufgebaut
werden, um dann Schlüsselpersonen auszumachen und gezielt über Mund-zu-Mund-Propaganda
Informationen zu verbreiten.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Elternbildung im Zusammenhang mit der Frage
nach Bildungschancen eine hohe Bedeutung hat: Über verschiedene Kurse können Eltern sich
Fähigkeiten aneignen, ihre Kinder kompetent durch verschiedene Lebensphasen zu begleiten und sie
zu unterstützen. Allerdings ist die soziale Selektivität bei der Teilnahme an den Angeboten relativ
hoch – es sei denn, die Eltern werden explizit in die Pflicht genommen.
Als Beispiel einer Verpflichtung der Eltern zur Mitwirkung nennt Susanne Fink das Projekt
„Quintessenz“ in Weinfelden33, im Rahmen dessen Elternbildung in der Schule durchgeführt wird. Auf
allen Stufen gibt es verbindliche Elternbildungsangebote, die der gegenseitigen Unterstützung und
der Kompetenzförderung der Eltern dienen: „So fördert man eine Kultur der Zusammenarbeit
zwischen Elternhaus und Schule, eine Gesprächs- und Austauschkultur über das, was im Schulzimmer
stattfindet.“ Dadurch könnten Lehrpersonen und Eltern gemeinsam Verantwortung tragen und in
Erziehungsfragen eine gemeinsame Grundlage schaffen.
33 Vgl. http://www.schuleweinfelden.ch/xml_1/internet/de/application/d6/f148.cfm
29
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
2.6
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Jugendarbeit und Jugendorganisationen
Ausserhalb des formalen Bildungswesens gibt es zahlreiche Orte des informellen Lernens, an denen
stärker in Lebenszusammenhängen gelernt wird. Freizeitaktivitäten in Jugendorganisationen oder
Jugendtreffs haben eine hohe Bedeutung für Kinder und Jugendliche, die sich damit teilweise stärker
identifizieren als mit der Schule. Über Freizeitangebote lassen sich Jugendliche mobilisieren und
einbinden, sie werden intensiv begleitet und erhalten Zugang zu Ansprechpersonen und
Beratungsangeboten.
Die unterschiedlichen Formen der Jugendarbeit, die generell auf der Freiwilligkeit der Teilnahme
beruht, reichen von für Mitglieder bestimmten Angeboten (Jugendorganisationen) bis zu offenen
Angeboten (offene Jugendarbeit mit Einrichtungen wie Jugendtreffs, -clubs und -zentren).
Mitbestimmung, Mitgestaltung und Selbstorganisation sind wichtige Merkmale der Jugendarbeit.
Jugendorganisationen
In den Gesprächen mit drei Vertretern der Jugendorganisationen Pfadi, Cevi und BESJ ging es
einerseits um deren Beitrag zur informellen Bildung und Persönlichkeitsentwicklung, andererseits um
Strategien der Mitgliedergewinnung und die damit verbundene Frage nach der sozialen
Durchmischung innerhalb der Jugendorganisationen.
Die explizite Beschäftigung mit formaler Bildung und Schule spielt bei keiner der drei Organisationen
eine zentrale Rolle – die Jugendorganisationen verstehen sich in Abgrenzung dazu als
Freizeitangebot. Bildung wird aber durch die Leiter/innen vorgelebt.
Durch die intensive Begleitung von Kindern und Jugendlichen entsteht ein starker sozialer
Zusammenhalt, der auch das Mittragen von Jugendlichen mit Schwierigkeiten erlaubt. Natürlich
erreicht die Jugendarbeit gerade im Umgang mit schwierigen Fällen aber auch ihre Grenzen.
Bezüglich der Herausforderungen sehen sich alle drei Organisationen mit schwindenden
Mitgliederzahlen konfrontiert, denen teilweise durch aktives Recruiting begegnet wird. Die
Angebotsfülle im Freizeitbereich erschwert es, Kinder und Jugendliche über längere Zeiträume
hinweg zu involvieren und zu halten.

Pfadi Thurgau
Die Pfadi ist mit über 1800 Aktiven die grösste Jugendorganisation im Kanton Thurgau (sowie mit
45‘000 Aktiven auch schweizweit). An über 20 Orten gibt es Abteilungen, die ehrenamtlich geführt
werden. Ziel der Pfadi ist es, die ganzheitliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen sowie ihr
moralisches und soziales Bewusstsein zu fördern und ihnen damit die Möglichkeit zu geben, sich zu
guten Gesellschaftsmitgliedern zu entwickeln. Die Entwicklungsmöglichkeiten werden mit „Beziehung
30
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zur eigenen Persönlichkeit, zum Körper, zu den Mitmenschen, zur Umwelt und zu Spiritualität“
umschrieben. Praktisch werden die Ziele dadurch verfolgt, dass die Teilnehmenden oft im Freien
unterwegs sind, das Leben in der Gruppe kennen lernen, früh als Hilfsleiter und später als Leiter
Verantwortung übernehmen, und dass Mitbestimmung dabei eine wichtige Rolle spielt. Auch Gesetze,
Versprechen, Rituale und Traditionen sind wichtige Elemente. Die Treffen für Kinder und Jugendliche
zwischen 5 und 18 finden regelmässig am Samstagnachmittag statt. Die älteren Pfadfinder sind
häufig als Leiter tätig oder organisieren ihre Aktivitäten selbständig.
Fabian Kappeler und Claudia Keller, Co-Leitende der Pfadi Thurgau, sind unter anderem mit
der Ausbildung der Leiter/innen befasst. Die (angehenden) Leiter/innen setzen sich mit sich selbst
und der Pfadi auseinander, vertiefen sich aber auch in ein breites Themenspektrum, das Kurse zu
Führung, Kommunikation, Arbeitstechniken, Kreativität, Projektmanagement und Sitzungsleitung
umfasst.
Unter den Leiter/innen finden sich laut Claudia Keller viele Akademiker/innen: „Gymnasiasten und
Studierende haben mehr Zeit als jene Jugendliche, die eine Lehre machen, und übernehmen darum
eher verantwortungsvolle Aufgaben.“
Bei den Teilnehmenden ist die soziale Durchmischung eher gegeben. Dies auch deshalb, weil die
Teilnahme an den Pfadi-Aktivitäten bewusst als niederschwelliges Angebot ausgelegt ist – sie kostet
je nach Abteilung 40-70.- pro Jahr.
Dennoch vermutet Fabian Kappeler, dass die Pfadi einen niedrigeren Anteil an Kindern mit
Migrationshintergrund aufweist als die Gesamtbevölkerung – obwohl sie bewusst offen sei für
jedermann und durch das weltweite Netzwerk auch in vielen der Herkunftsländer der Migrant/innen
bekannt ist. Es sei möglich, dass sprachliche Probleme bzw. die Unkenntnis darüber, was die Pfadi
genau mache, der Grund dafür sei, dass wenige Kinder mit Migrationshintergrund teilnähmen;
Schweizer/innen hätten meistens zumindest eine grobe Vorstellung, was die Pfadi sei und was ihr
Kind da erwarte.
Während der Thurgau keine aktive Strategie zur Erhöhung der sozialen Durchmischung oder zum
Ansprechen von Migrationsgruppen hat, gibt es solche Projekte in andern Kantonen (z.B. Basel,
Aargau, Solothurn).
Laut Fabian Kappeler sind es vor allem Jugendliche, die wenige soziale und persönliche Probleme
haben, die sich in der Pfadi engagieren, was einer Selbstselektion gleich komme: „Wir haben eher
nicht die ganz schwierigen Fälle. In der Pfadi müssen die Jugendlichen auch etwas geben und sich für
andere einsetzen, sie können nicht einfach abhängen. Die Pfadi ist relativ verpflichtend, die
regelmässige Teilnahme an den Samstagsprogrammen wird erwartet.“
31
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Das Commitment der Eltern ist laut Fabian Kappeler auch sehr wichtig für die regelmässige
Teilnahme der Kinder an den Aktivitäten, vor allem bei den Jüngeren.
Die Eltern sind laut Fabian Kappeler auch die Hauptansprechpersonen bei der Mitgliederwerbung der
Pfadfinder. Viele Kinder kommen über Kollegen, Nachbarn oder Eltern, die selbst Pfadfinder waren,
zur Pfadi. Die lokalen Gruppen werben an Ausstellungen, in Zeitungsinseraten oder an Schwingfesten
und ähnlichen Anlässen für die Pfadi und sprechen damit relativ breite Bevölkerungsschichten an.
Auch Schulbesuche sind eine Möglichkeit, neue Mitglieder zu gewinnen. Normalerweise können sich
die Kinder dabei aktiv betätigen (Kletterwand besteigen, Zelt aufstellen), um einen Vorgeschmack auf
das zu erhalten, was sie erwartet.
Fabian Kappeler zufolge muss eine erfolgreiche Mitgliedersuche früh ansetzen: „Quereinsteiger sind
eher selten, deshalb versuchen wir, die Kinder früh anzusprechen, noch bevor sie in Musik- und
Sportvereinen sind.“ Im grossen Angebot an Freizeitaktivitäten sei es schwierig, die Teilnehmenden
über Jahre involviert zu halten – was aber wichtig sei, um wieder neue Leiter/innen zu gewinnen.
Um das Interesse der Jugendlichen auch in der Phase aufrecht zu erhalten, in der sie mit
Lehrstellensuche und anderem beschäftigt sind, wurde ein spezielles, freieres Gefäss geschaffen. Die
Jugendlichen treffen sich etwas weniger oft, organisieren ihre Aktivitäten selbst und können dabei
eigene Themenschwerpunkte setzen und ihre Ideen umsetzen.

Cevi Ostschweiz
Der Cevi ist ebenfalls eine weltweit tätige Jugendorganisation, die der evangelischen Kirche nahe
steht. Die christliche Kinder- und Jugendarbeit des Cevi umfasst neben Jungschargruppen auch
Jugendchöre und Sportgruppen und je nach Region auch Bildungsangebote, Nachhilfeunterricht,
Theaterprojekte oder Projekte im Bereich der offenen Jugendarbeit. Ziel ist es, Kinder und
Jugendliche mit Kopf, Herz und Hand zu fördern und zu fordern. Junge Menschen sollen ernst
genommen, in ihrer Kreativität gefördert und zur Übernahme von Verantwortung befähigt werden.
Die über 500 Teilnehmenden aus dem Kanton Thurgau verteilen sich auf 10 Ortsgruppen. 34 Kinder
ab der 5. Klasse können dem Cevi beitreten, mit 14 geht man in der Regel ins Leitungsteam über.
Tobias Möckli, bisher als Abteilungsleiter und Kurshauptleiter in der Fachgruppe Ausbildung und neu
im Personalbüro Cevi Ostschweiz tätig, unterstreicht die Ziele des Cevi: „Es geht primär um
Freizeitgestaltung, dabei aber auch um die Vermittlung christlicher Werte und um
Persönlichkeitsentwicklung.“ Als Kurshauptleiter hat Tobias Möckli viele Leitende ausgebildet, die
später selbst und mit relativ grossem Gestaltungsspielraum eine Gruppe führten. Die Kurse sind sehr
strukturiert und basieren auf standardisierten Unterlagen, um die Qualität über die Jahre hoch zu
34 Siehe http://www.tarjv.ch/tarjv/mitglieder.htm
32
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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halten. Die Inhalte widerspiegeln teilweise gesellschaftlich relevante Themen wie Sexualität oder
Prävention und passen sich den aktuellen Interessensschwerpunkten an.
Wie das Programm an einem typischen Samstagnachmittag aussieht, ist je nach Ortsgruppe
unterschiedlich: Bei einigen stehen das gemeinsame Erleben und der Spass im Vordergrund,
anderenorts werden auch Themen wie Drogen oder Gewalt behandelt. An solchen Themen wird über
längere Zeit gearbeitet. Tobias Möckli spricht in diesem Zusammenhang von „Sozialtraining“, das
aber durchaus spielerisch gestaltet sei.
Durch die langjährig beständige Konstellation der Ortsgruppen besteht ein intensiver Kontakt
zwischen den Leitenden und den Jugendlichen. Letztere werden begleitet und gestützt, auch
schwierige Jugendliche werden laut Tobias Möckli mitgetragen. Natürlich gäbe es hier auch Grenzen:
„Die Leiter/innen können sich nur bis zu einem gewissen Grad um die Probleme der Mitglieder
kümmern. Sie sind teilweise sehr jung und mit grösseren Problemen auch überfordert.“
Dennoch seien gerade die schwierigen Jugendlichen auch die, die am meisten von einer Teilnahme
profitieren könnten bzw. bei denen man die grösste Wirkung erzielen könne. Deshalb verstehe es der
Cevi auch als eine Form des sozialen Engagements, Jugendliche mit schwierigen Voraussetzungen
(z.B. mit Lernschwächen) zu Hilfsleiter/innen auszubilden und zu integrieren. Die klare Positionierung
des Cevis als christliche Jugendorganisation setzt der sozialen Durchmischung laut Tobias Möckli
Grenzen, obwohl der Cevi grundsätzlich offen sei. Atheistisch gesinnte Eltern oder Migrantenfamilien
mit anderer religiöser Ausrichtung würden eher nicht erreicht.
Die meisten Teilnehmenden finden den Weg zum Cevi über die Kirchgemeinden. Es werden aber auch
gezielt Infoveranstaltungen an Schulen und an Frühlingsmärkten u.ä. organisiert. An bestimmte
Veranstaltungen wie z.B. die Waldweihnachten werden über die Mitglieder hinaus weitere Personen
eingeladen, die den Cevi so kennen lernen können.
Der soziale Auftrag der Cevi sowie die tendenziell lange Dauer der Mitgliedschaft bzw. des
Engagements führen gemäss Tobias Möckli dazu, dass viele Mitglieder bei der Berufswahl eine eher
soziale Richtung einschlagen: „Sehr viele werden Primarlehrer, oder Lehrpersonen im Allgemeinen.
Generell sind v.a. die Leiter bildungsnahe Leute.“ Dadurch werde Bildung im Cevi durch die
Leiter/innen direkt vorgelebt. Ansonsten werden Fragen zur Berufs- und Schulwahl nicht besonders
thematisiert, kommen aber natürlich zwischen den Jugendlichen häufig zur Sprache.
33
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”

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BESJ
Der Bund Evangelischer Schweizer Jungscharen, kurz BESJ, ist eine durch Evangelische
Landes- und Freikirchen getragen Jugendorganisation, die ebenfalls gemeinsame Freizeitaktivitäten
an Samstagnachmittagen und Lager anbietet. Ziel ist es, junge Menschen ganzheitlich anzusprechen
– mit Sport, Basteln, Musik, Erlebnissen in der Natur, Abenteuern, Spass, Gemeinschaft,
Diskussionen, Auseinandersetzung mit Lebensfragen und der Bibel – und in ihrer Entwicklung zu
selbständigen Menschen und integrierten Mitgliedern der Gesellschaft zu fördern. Die
‚evangelistische‘ Ausrichtung wird in der formulierten Mission deutlich: "Alle Kinder und Jugendlichen
in der Schweiz haben die Möglichkeit, das Evangelium so zu hören, dass sie sich für Jesus
entscheiden können und in der Jüngerschaft gefördert werden."35 Die Evangelisation gehört zu den
expliziten Zielen des BESJ.
Laut Samuel Kern, Koordinator BESJ Thurgau, ist der BESJ in den Kantonen Zürich, Thurgau und
Schaffhausen am stärksten vertreten. Im Kanton Thurgau nehmen über 1000 6- bis 16-jährige
regelmässig an den Anlässen der 25 Ortsgruppen teil. Wer aus dem BESJ-Alter heraus wächst,
besucht häufig weiter den Jugendgottesdienst GODI.36
Samuel Kern zufolge bieten der BESJ und die GODI-Bewegung eine Peer-Group, in der Jugendliche
bei Bedarf aufgefangen werden. Durch die Leiter/innen hätten sie nach seiner Einschätzung eine
konstante Ansprechperson ausserhalb der Familie.
Für eine ganzheitliche Entwicklung findet Samuel Kern die Freizeitgestaltung sehr wichtig: „Es muss
etwas ausserhalb der Schule geben, wo es nicht nur um Leistungsorientierung geht, und wo
Jugendliche eigene Projekte umsetzen können. Beim BESJ geht es aber nicht nur um Erlebnisse: Wir
möchten auch Werte vermitteln." Deshalb wird eine klare Abgrenzung gegenüber der Schule bzw.
dem schulischen Lernkontext vorgenommen. Kinder und Jugendliche sollen durch Freude an der
Natur, Gemeinschaft, Sport, Bewegung motiviert werden – und diese Motivation kann dann laut
Samuel Kern auch wieder in andere Bereiche abstrahlen.
Mit der Abgrenzung vom Schulkontext ist das Thema Bildung aber nicht vom Tisch: "Wir legen nicht
direkt formell den Wert auf Bildung. Aber wir leben sie ein Stück weit vor. Und damit betrachten wir
dies auch als den besten Weg zur Entwicklung." Viele Leiter/innen haben gemäss Samuel Kern eine
tertiäre Ausbildung und sind bildungsaffin. Sie haben ihm zufolge keine Schulprobleme, ihr Leben im
Griff, sind bereit und fähig, Verantwortung zu übernehmen – und fungieren so als Vorbilder für die
Jugendlichen.
35 Vgl. http://www.besj.ch
36 Vgl. http://www.godi.ch/
34
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Die Teilnehmenden kommen laut Samuel Kern oft aus mittelständischen, (frei-)kirchennahen Familien.
Das Absolvieren einer Berufslehre, ggf. mit weiterführender Fachhochschulausbildung, sei der
Standard. Die soziale Durchmischung sei eher gering: „Es ist ein bisschen ein Insider-Club. Und das
ist eigentlich etwas schade." Im BESJ seien eher wenige Kinder von Akademiker/innen und noch
weniger mit Migrationshintergrund vertreten. Dennoch werde keine aktive Rekrutierung betrieben,
meint Samuel Kern, denn man wolle "keinen missionarischer Übereifer" an den Tag legen. Ausser
über die Kirchen stossen aber auch an Unihockey-Turniere, Spielfesten usw., die offen sind für alle,
neue Kinder zum BESJ.
Offene Jugendarbeit Romanshorn
Laut dem Dachverband der Offenen Jugendarbeit (DOJ)37 unterstützt diese Jugendliche in der
Persönlichkeitsentwicklung und auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden. Jugendliche sollen ihre
Stärken entdecken können, aber auch Unterstützung finden in problematischen Lebenssituationen. In
Abgrenzung zu Schule und Ausbildung findet offene Jugendarbeit im Freizeitbereich statt und fördert
Bildung durch soziokulturelle Aktivitäten. Besondere Merkmale der offenen Jugendarbeit sind ihre
Niederschwelligkeit und die Flexibilität, mit der auf unterschiedliche Bedürfnisse Jugendlicher
eingegangen wird, sowie die Tatsache, dass sie unabhängig ist von Vereins-, Gruppen- oder
Kirchenzugehörigkeit.
Die Fachstelle für Offene Jugendarbeit (OJA) Romanshorn, welche der Gemeinde angegliedert
ist, betreibt den Jugendtreff „neon“, über den ein breites Spektrum von Aufgaben abgedeckt wird,
wie Co-Leiterin Brigitta Spälti erklärt:
-
-
-
-
Angebot niederschwelliger Beratungen, z.B. bei Problemen bei der Lehrstelle, bei
Suchtfragen, zu den Themen Gewalt und Sexualität; keine offizielle Beratungsstunde, sondern
informelles Gespräch
Triage-Funktion, Weiterverweisung von Jugendlichen an Fachstellen und Vernetzungsarbeit mit
verschiedensten Stellen (z.B. Polizei, Schulen, Schulsozialarbeit, Suchtberatungsstellen) und
teilweise externe Beratungen
Projektarbeit: Projekte initiieren, aber vor allem Jugendliche durch Coaching dabei
unterstützen, eigene Projekte umzusetzen (das kann eine Party sein, etwas Kreatives oder ein
kleines Turnier)
Angebot von Computern, die z.B. für die Stellensuche oder zum Schreiben von Texten und
auch privat genutzt werden können
Unterstützung bei der Stellensuche, beim Übersetzen oder Schreiben von Bewerbungen
Spiele, Sport, Werkstatt, Musikraum und Tonstudio
37 http://www.doj.ch/341.0.html?&no_cache=1
35
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Aufenthaltsraum und spezielle Programmpunkte für Mädchen und junge Frauen
Bei der offenen Jugendarbeit ist Niederschwelligkeit sehr wichtig. Viele Probleme können
aufgefangen und angesprochen werden, ohne dass eine offizielle Beratungssituation entsteht. Die
Hemmungen gegenüber Beratungsstellen seien gross, meint Brigitta Spälti. In der offenen
Jugendarbeit werde daher vieles informell thematisiert. Ein grosser Teil der Arbeit findet im Bereich
der Prävention statt. Der Treff wird laut Brigitta Spälti von den Jugendlichen als geschützter Rahmen
wahrgenommen: „Es ist wirklich so, dass der Treff für viele oft ein zweites Zuhause wird. Gerade
auch für diejenigen, die es draussen schwer haben. Durch unsere moralische Schweigepflicht
erhalten sie einen geschützten Raum auf verschiedenen Ebenen: Sie sind hier nicht schutzlos anderen
Jugendlichen ausgesetzt, und unabhängig vom schulischen oder elterlichen Rahmen.“
Fragen zur Berufswahl, zu Bildung und Ausbildung sind im Treff nicht explizit Thema, informell kommt
Brigitta Spälti aber oft damit in Berührung: Viele Jugendliche haben Probleme bei der
Lehrstellensuche oder am Arbeitsplatz, benötigen Hilfe beim Schreiben von Bewerbungen oder beim
Einüben eines Vorstellungsgesprächs oder allgemeine Unterstützung und Ermutigung, ihr Potenzial zu
entdecken und auszuschöpfen. Brigitta Spälti beobachtet eine oft zu pragmatische Lehrstellenwahl
durch die Jugendlichen, die unter erheblichem Druck seitens der Eltern, von Lehrpersonen und von
Kollegen stünden, beispielsweise eine Lehrstelle in einem Berufsfeld anzunehmen, das nicht ihren
Wünschen entspricht und ihr Potenzial nicht zur vollen Entfaltung bringt.
Brigitta Spältis Ansatz der Jugendarbeit ist grundsätzlich nicht problem-, sondern
ressourcenorientiert: „Das Grundziel ist, die Jugendlichen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken und
ihr Potenzial herausholen – auch bei Jugendlichen, die vielleicht in gewissen Bereichen nicht so
angenehm erscheinen. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass sich Jugendliche, die in der Schule
untragbar waren, bei uns ganz unproblematisch verhielten.“ Oft entfalte sich dann Kreativität, weil die
Jugendlichen weniger Druck verspürten und von den Jugendarbeiter/innen neu würden: „Hier können
wir unentdeckte Potenziale zum Vorschein bringen und den Jugendlichen den nötigen Raum dafür
gegeben.“ Im Schulkontext ist dies laut Brigitta Spälti nicht immer möglich: „In der Schule werden
Jugendliche hauptsächlich aufs wirtschaftliche Leben, auf die Existenzsicherung vorbereitet, was sehr
wichtig ist. Teilweise leiden jedoch wichtige kreative oder persönliche Aspekte darunter, was für
Heranwachsende in der Identitätsfindung und auch für später ein Erschwernis bedeuten kann. Wir
möchten, dass sie näher an ihr wahres Potential kommen, um auch klarer zu erkennen, welches der
optimale Berufsweg für sie ist.“ Brigitta Spälti wünscht sich eine ganzheitlichere Potenzialorientierung
mit Freiraum zum Ausprobieren.
Die Zielgruppe des Jugendtreffs sind laut Leistungsauftrag 12- bis 18-jährige Jugendliche jeder
Herkunft, Nationalität und Religionszugehörigkeit. Täglich besuchen etwa 40 Jugendliche den Treff,
und es gibt etwa 100 Mitglieder, die mehr oder weniger regelmässig in den Treff kommen. Um die
36
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Angebote des Jugendtreffs bekannt zu machen, gibt es gezielte Rekrutierungsbestrebungen an
Oberstufenzentren, wo auch Umfragen zu den Bedürfnissen der Jugendlichen durchgeführt werden.
Eine grosse Durchmischung der Treffbesucher/innen herrscht gemäss Brigitta Spälti bezüglich deren
geographische Herkunft vor; Kantonsschüler/innen hingegen kommen selten in den Treff, sondern
organisieren sich lieber privat. Viele der Jugendlichen, die den Treff frequentieren, haben in einem
oder mehreren Bereichen Probleme.
Die ganz schwierigen, mehrfach belasteten Fälle hingegen kommen von sich aus meist nicht in den
Treff – hier bräuchte es laut Brigitta Spälti eine mobile Jugendarbeit, um jene Jugendlichen
abzuholen, die vor allem draussen (z.B. auf der Strasse, am Bahnhof) unterwegs sind. Auch für die
wenigen Jugendlichen, die aus dem Treff ausgeschlossen werden müssen, wäre dies eine
Anschlusslösung.
2.7
Vertretung der Wirtschaft bzw. der Arbeitgeber
Bei der Frage, wie und welche Bildung gefördert werden soll, spielen immer auch wirtschaftliche
Überlegungen eine Rolle: Welche Arbeitskräfte braucht die Wirtschaft? In welchen Branchen ist ein
Kanton stark aufgestellt, und wo möchte er sich hin entwickeln? Wie müssen folglich bildungspolitisch
die Weichen gestellt werden?
Im Gespräch mit Peter Schütz, Präsident des Thurgauer Gewerbeverbands (TGV) haben wir
über die Relevanz von Bildung und Bildungsförderung für den Kanton Thurgau und das Engagement
des TGV in diesem Bereich diskutiert.
Der TGV ist der bedeutendste Verband kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) im Kanton Thurgau.
Grössere Industrie- und Dienstleistungsbetriebe sind dagegen in der Industrie- und Handelskammer
organisiert. Ziel des TGV ist es, die Zukunft aktiv und nachhaltig zu gestalten und dazu die KMU zu
stärken, wie Peter Schütz ausführt: „Der TGV vertritt die politischen Interessen der KMU-Wirtschaft im
Thurgau. Wir sind also eine politische Organisation. Im Wesentlichen ist es unsere Pflicht und
Aufgabe, uns für gute Rahmenbedingungen für die KMU-Wirtschaft einzusetzen.“ Die Tätigkeiten des
TGV reichen von der Teilnahme an Vernehmlassungen, der politischen Einflussnahme über die
"Gewerbegruppe des Grossen Rates" bis zu bildungspolitischen Massnahmen, der Umsetzung eines
Mentoring-Programms38 und der Organisation der Berufsmesse Thurgau in Weinfelden.39
Der TGV ist mit seinen 65 Mitgliedersektionen der grösste Thurgauer Wirtschaftsverband. Die
Mitglieder sind regionale und örtliche Gewerbevereine, Branchenverbände, überregionale und
kantonale Berufs- und Fachverbände und andere inhaltlich dem TGV nahestehende Organisationen,
38 Siehe http://www.tgv.ch/mentoring.html
39 Siehe http://www.berufsmesse-thurgau.ch/
37
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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die gesamthaft etwa 6000 Firmen repräsentieren. „Die Mitglieder weisen eine grosse Heterogenität
auf“, so Peter Schütz, „vom Gewerbeverein Weinfelden über den Verband Thurgauer ElektroInstallationsgeschäfte bis zur Thurgauer Ärztevereinigung sind auch recht unterschiedliche Interessen
vertreten. Sie können sich unschwer vorstellen, dass dies öfters eine Spagatübung ist."
Bildung ist ein Hauptanliegen von Peter Schütz, v.a. in Bezug auf eine verbesserte Koordination
zwischen Wirtschaft und Schule: „Die Wirtschaft ist der Hauptabnehmer der Jugendlichen. Deshalb ist
es zwingend notwendig, dass sich die Schulen mehr um die Bedürfnisse der Wirtschaft kümmern und
die Schulabgänger arbeitsmarktfähig machen.“ Laut Peter Schütz ist die Zusammenarbeit mit
Schulen nicht einfach, weil unklar sei, wer überhaupt der richtige Ansprechpartner ist, um
Anforderungen der Wirtschaft an die Schulen stärkeres Gehör zu verschaffen. Beispiele für Anliegen
seitens der Wirtschaft sind einheitliche, gut vergleichbare Zeugnisse und ein generell hohes
Leistungsniveau der Volksschule.
Auch bei den Lehrberufen plädiert Peter Schütz dafür, die Anforderungen hoch zu halten und einer
Nivellierung nach unten entschieden entgegen zu treten: "Wir können uns im Rahmen des
gesellschaftlichen und vor allem des wirtschaftlichen Drucks nicht nach unten und rückwärts
orientieren. Wir müssen uns nach vorne und nach oben orientieren!“
Auch bei den schwachen Schüler/innen sei die Vermittlungsquote nach der obligatorischen Schulzeit
sehr gut, betont Peter Schütz. Es gebe wenige Lücken im System, sodass fast alle Jugendlichen eine
Anschlussmöglichkeit fänden. Nur ein kleiner Teil der Jugendlichen muss eine Überbrückungslösung
suchen – der TGV leistet mit dem Mentoring-Programm,40 das er im Auftrag des ABB durchführt,
einen Beitrag zu einem einfacheren Übergang von der obligatorischen Schule ins Erwerbsleben.
Die Lehrstellensituation im Kanton Thurgau ist nach Ansicht des TGV generell gut. Ein Problem
bestünde jedoch darin, dass die Schüler/innen die falschen Berufe wählten. Während zu viele
Jugendliche eine kaufmännische Lehre machen wollten, fehle es an Konditoren, Metzgern und
Bäckern. Dasselbe Problem finde sich auch auf Hochschulebene: Es gebe beispielsweise zu wenige
Ingenieure, dafür aber sehr viele Betriebswirte und Juristen.
Diesem Phänomen liegen laut Peter Schütz gesellschaftliche Wertigkeitsvorstellungen zugrunde: „Es
gibt keine zu niedrige Bildungsbeteiligung, aber die falschen Berufe und Studienrichtungen werden
gewählt. Wir haben eine despektierliche Art gegenüber gewissen Schichten und gewissen
Berufsbildern.“ Dieses Statusdenken sei ein grosses Problem, und manchmal weigerten sich die
Eltern zu akzeptieren, dass ihr Kind "nur" eine einfache Berufslehre mache – dabei seien gut
qualifizierte Berufsleute sehr wichtig. Die Konkurrenz zwischen Berufsbildung und Hochschulbildung,
welche mit den sinkenden Schülerzahlen noch zuzunehmen drohe, ergebe aus Sicht der Wirtschaft
wenig Sinn, da es beides brauche: „Wir brauchen gute Akademiker. Und wir brauchen gute
40 Siehe http://www.tgv.ch/mentoring.html
38
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Berufsleute. Das ist ganz wichtig. Sehr wichtig ist, dass die Leute von Zeit zu Zeit eine
Standortbestimmung vornehmen, ein Ziel vor Augen haben und den richtigen Job finden.“
Der Wettbewerb zwischen verschiedenen Berufs- und Bildungswegen sei grundsätzlich zu begrüssen,
eine destruktive Konkurrenz, bei der einzelne Wege abgewertet werden, hingegen nicht. Denn Ziel
müsse es sein, „alle Menschen dorthin zu bringen, wo sie ihre Neigungen, ihre Fähigkeiten und ihre
Motivation entwickeln, einen Super-Job machen, um ihr Leben zu gestalten und ihren Lebensunterhalt
zu bestreiten.“
Damit jeder dorthin gelangt, braucht es laut Peter Schütz neben einer möglichst gut ausgebauten
Angebotspalette eine möglichst hohe Informationsdichte. Dazu leistet der TGV mit der Durchführung
der Berufsmesse Thurgau in Weinfelden einen Beitrag: In Zusammenarbeit mit Branchenverbänden
wird dieses Jahr erstmals eine eigene kantonale Berufsmesse durchgeführt, an der sich verschiedene
Berufsfelder, aber auch das AMH präsentieren und in direkten Kontakt mit Schüler/innen treten
können.
2.8
Vertretung der Migrant/innen
Überlegungen zur Frage, wer Zugang zu jenen Jugendlichen aus bildungsfernen Familien hat, die
typischerweise nicht in Jugendorganisationen und Vereinen engagiert sind, haben uns zu
Migrant/innen-Vereinigungen geführt.
Natürlich gibt es Migrant/innen mit sehr hohem Bildungsniveau, daneben aber auch viele
Fabrikarbeiter und Hausfrauen mit wenig Schulbildung, die teilweise kaum Deutsch sprechen. Rehan
Neziri steht als Imam der albanischen Moschee Kreuzlingen in engem Kontakt mit vielen von
ihnen: Er ist für verschiedenste Bereiche wie die Leitung der Gebete, Predigten, Seelsorge und auch
für Jugendveranstaltungen und den Religionsunterricht zuständig. Dadurch hat er sowohl zu einer oft
bildungsfernen älteren Generation Zugang wie auch zu jugendlichen Muslimen und Musliminnen. Der
Verein, der die Moschee betreibt, finanziert sich aus den Mitgliedschaftsbeiträgen von rund 250
muslimischen Familien.
Es gibt keine Bestrebungen, potenzielle Mitglieder flächendeckend anzusprechen, vielmehr werden
durch Mund-zu-Mund-Propaganda neue Mitglieder gewonnen. Auch bei bestimmten religiösen Ritualen,
die im privaten Rahmen durchgeführt werden, lernt der Imam weitere potenzielle Mitglieder kennen.
Zu den Mitgliedern hat Rehan Neziri einen teilweise sehr engen Kontakt, der Imam ist eine wichtige
Ansprechperson und in verschiedenen Lebenslagen auch Berater der Gläubigen. Dadurch wird er
auch bei Fragen zur Berufs- und Schulwahl beigezogen: „Unsere Mitglieder sind meistens Leute aus
armen Familien. Ein grosses Problem bei den Migranteneltern ist, dass sie selbst oft keine weitere
Bildung haben. Sie haben entweder vier oder acht Jahre Primarschule besucht und weiter nichts
mehr; sehr wenige haben ein Gymnasium oder eine Universität besucht. Und deswegen denken viele:
39
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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‚Ich habe 20 oder 30 Jahre gearbeitet. Mein Sohn oder meine Tochter soll schnell eine Berufslehre
abschliessen, damit er oder sie ein eigenes Einkommen hat und uns später helfen kann.‘ Im Gespräch
mit den Eltern betone ich ausdrücklich, dass dies nicht immer der einzige Weg ist. Es gibt Kinder, die
sehr begabt sind und eine höhere Schule besuchen könnten. Wir unterstützen und motivieren die
Eltern, ihre Kinder weiter machen zu lassen.“
Jugendliche Migrant/innen sehen sich auf dem Weg zu einem höheren Bildungsabschluss bisweilen
vielen Widerständen ausgesetzt: Die Eltern können laut Rehan Neziri oft nicht abschätzen, dass sich
ein Studium lohnt, zudem fehlt es ihnen an Informationen. Daneben sei auch die Rolle der
Lehrpersonen teilweise problematisch, weil diese bei Schulempfehlungen mitreden könnten und so
ihre persönliche Meinung über die Begabung und Eignung bestimmter Schüler/innen viel Gewicht
habe. Dazu käme der Druck seitens von Freunden, möglichst bald selbst Geld zu verdienen. In Rehan
Neziris Gemeinde gibt es dementsprechend nicht viele, aber doch einige junge Muslime und
Musliminnen, die studieren.
Für die Jugendlichen bietet Rehan Neziri am Samstagabend einen Jugendtreff an, der thematisch
offen ist. Es wird über den Islam, aber auch über von den Jugendlichen gewählte Themen
gesprochen, z.B. über Suchtfragen41. Manchmal werden auch Fussballtourniere organisiert. Die
jungen Frauen nehmen eher an den Themenabenden teil, sind aber allgemein recht schwierig zu
mobilisieren.
Generell führten die muslimisch-albanischen Frauen Rehan Neziri zufolge kulturell bedingt oft ein eher
zurückgezogenes Leben und es sei schwierig, sie für Aktivitäten ausserhalb des Hauses zu gewinnen.
Als niederschwelliges Angebot plant der Verein in Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Schweizer
Organisationen Deutschkurse für muslimische Frauen anzubieten.
Trotz seiner Offenheit für Kooperationen mit verschiedensten Organisationen und seinem Interesse
am Thema Bildung betont Rehan Neziri, dass Fragen der Berufs- und Schulwahl nicht zu seinen
Kernthemen gehörten. Über den Verein liessen sich aber, so Neziri, Veranstaltungen organisieren und
Menschen mobilisieren, die sonst wenig Zugang zu Informationen rund ums Thema Bildung hätten.
41 Z.B. in Zusammenarbeit mit der Non-Profit-Organisation Perspektive Thurgau, vgl. http://www.perspektive-tg.ch
40
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3. Bildungsförderung im Kanton Thurgau
Wie in der Einleitung dargelegt, sind wir durch die niedrige Maturitäts- und Universitätsabschlussquote
auf den Kanton Thurgau aufmerksam geworden; dies kann ein Hinweis darauf sein, dass Potenziale
nicht ausgeschöpft werden, d.h. dass höhere Bildung aus verschiedenen Gründen nicht von allen in
Betracht gezogen wird.
In diesem Kapitel werden auf der Grundlage der geführten Interviews Hypothesen zur ungleichen
Bildungsbeteiligung vorgestellt. Dabei wird auch ein Blick auf besondere Voraussetzungen im Kanton
Thurgau geworfen. Danach wird ein Überblick über die Bildungsförderlandschaft gegeben, um
anschliessend Lücken darin aufzuzeigen.
3.1
Allgemeine Hypothesen zur ungleichen Bildungsbeteiligung
Mögliche Gründe für die ungleiche Bildungsbeteiligung verschiedener sozialer Schichten wurden im
Einleitungskapitel dargestellt. Die im Rahmen der Studie interviewten Personen haben
allgemeine Hypothesen zur ungleichen Bildungsbeteiligung bestätigt und teilweise eigene
Hypothesen entwickelt, weshalb bestimmte Gruppen im Bildungssystem unterrepräsentiert sind:





Selektives Bildungssystem: Das Schweizer Bildungssystem ist in hohem Masse sozial
selektiv, d.h. es gibt in der Schweiz eine besonders starke Korrelation von sozialer Herkunft
und Bildung. Das Bildungssystem scheint eine „Vererbung“ des Bildungsstands zu befördern.
Passive Freizeitgestaltung: Bildungsferne Eltern fördern ihre Kinder weniger aktiv und
bieten ihnen wenig Anregungen; dadurch haben diese Kinder bereits bei Schuleintritt einen
erheblichen Rückstand gegenüber anderen, aktiver geförderten Kindern.
Unterschiedlicher Einsatz der Eltern: Akademikereltern beobachten die Lehrpersonen oft
genau und beschweren sich auch, wenn sie mit der Notengebung oder der Zuteilung in die
weiterführende Schule nicht zufrieden sind. Sie finanzieren dem Kind bei Bedarf NachhilfeUnterricht und sind sich der Bedeutung höherer Bildung bewusst. Natürlich kann dies auch
dazu führen, dass Kinder von Akademiker/innen sich einem erheblichen Druck ausgesetzt
sehen und deren Erwartungen nicht erfüllen können. Umgekehrt ist es teilweise schwierig,
begabte Jugendliche aus weniger privilegierten Familien gegen den Widerstand der Eltern
adäquat zu fördern.
Rolle der Lehrpersonen: Die Lehrpersonen spielen hinsichtlich Bildungsentscheidungen
eine zentrale Rolle. Sie benoten und sprechen Empfehlungen aus – dabei fliessen unbewusst
auch ihre eigenen Massstäbe mit ein.
Informationsdefizite: Bildungsferne Eltern sind schlechter informiert über verschiedene
Anschlussmöglichkeiten bzw. Schul- und Berufswege, über die Kosten und die langfristig
erzielbaren Gewinne.
41
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”


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Unsicherheiten bezüglich Bildungsfinanzierung: Weil vielen Menschen unklar ist, ob sich
Bildungsprojekte überhaupt finanzieren lassen, lassen sie sich davon abhalten, weiterführende
Bildung überhaupt in Betracht zu ziehen.
Ungünstige Phase: Jugendliche befinden sich während der Berufswahlphase in der Pubertät,
einer Phase, in der es schwierig ist, sie abzuholen und zu motivieren. Viele sind die Schule
leid und / oder streben eine möglichst baldige Unabhängigkeit an. Dass die Entscheidung
über den künftigen Schul- bzw. Berufsweg in dieser Phase getroffen werden soll, ist daher
ungünstig.
Selbstselektion bei der Inanspruchnahme von Zusatzangeboten: Zusatzangebote im
Bereich der Bildungsförderung werden tendenziell von jenen in Anspruch genommen, die sie
am wenigsten nötig hätten; so sind es eher die bereits gut informierten Eltern, die an
Informationsabenden zu Themen wie Berufswahl teilnehmen. Gerade auch bei freiwilligen
Frühfördermassnahmen lässt sich dieser Effekt beobachten.
3.2
Spezifische Voraussetzungen im Kanton Thurgau
Neben diesen allgemeinen Einflussfaktoren hängen Bildungsentscheidungen auch von regionalen
Gegebenheiten ab. Was den Kanton Thurgau anbelangt, kommen laut den Interviewpartnern
folgende Faktoren erschwerend hinzu:



Struktur: Der Kanton Thurgau ist ein ländlicher, bäuerlich-gewerblich geprägter Kanton mit
überdurchschnittlich hohem Anteil von Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft sowie in
Industrie, Gewerbe und Bau. Dagegen sind unterdurchschnittlich viele Beschäftigte im
Dienstleistungssektor tätig. Die Anzahl an Arbeitsmöglichkeiten für Akademiker/innen wird als
beschränkt wahrgenommen. Viele Thurgauer Akademiker/innen kehren nach dem Studium
daher nicht zurück (Brain Drain). Eine weitere strukturelle Eigenheit stellt das gute
Lehrstellenangebot dar, das zu einer Konkurrenz um gute Schüler/innen führt.
Erschliessung und räumliche Distanzen: Der weitläufige Kanton Thurgau ist nicht bis in
jeden Winkel verkehrstechnisch gut erschlossen; Hochschulen und auch Gymnasien sind
teilweise recht weit entfernt. Häufig entscheiden sich aber Menschen im wörtlichen Sinn für
die nächstliegende Möglichkeit. Die weite räumliche Entfernung z.B. der Hochschulen trägt
auch zu einem Fremdheitsgefühl diesen gegenüber bei.
„Mentalität“: Oft wurde die erdverbundene, zurückhaltende Art der Thurgauer genannt; es
herrsche gar eine gewisse „Akademikerscheu“ im Kanton Thurgau. Diese wird durch die
Tatsache verstärkt, dass viele Menschen wenige Akademiker/innen persönlich kennen, die als
Vorbilder dienen könnten. Viele im Kanton Thurgau tätige Akademiker/innen wohnen zudem
ausserhalb des Kantons. Aussagen wie „Bei uns geht man nicht studieren“ oder „Schau zu,
dass du bald einen Job hast, wo du was verdienst“ sind keine Seltenheit. Gerade in
Bauernfamilien oder auch gegenüber jungen Frauen wird Bildung nicht als nächstliegende
Option betrachtet. Die kritische Haltung gegenüber allem Akademischen erklärt auch die
gemischten Gefühle gegenüber einer Akademisierung der Pädagogischen Hochschule.
42
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
3.3
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Bildungsförderlandschaft: Akteure, Angebote und Projekte
Die Interviews haben verdeutlicht, dass der Kanton Thurgau über ein gut ausgebautes
Bildungsangebot verfügt. Diverse Projekte auf verschiedenen Stufen werden von unterschiedlichen
beteiligten Akteuren durchgeführt, und Koordinationsstellen sind um die Übersicht und Vernetzung
der Angebote bemüht.
Die Graphik auf der folgenden Seite zeigt, wie sich die entscheidungsrelevanten Faktoren und
Bedürfnisse im Verlauf des Bildungsweges verändern und welche Projekte im Thurgau für die
jeweilige Schul- bzw. Altersstufe existieren.
Drei der wichtigsten Bedürfnisse sind Information, Sprache und Finanzierung:



Die Verfügbarkeit von Information über Angebote und Möglichkeiten ist von Anfang an
zentral: Die Eltern müssen in einem frühen Stadium die Fördermöglichkeiten und später das
Bildungssystem mit seinen unterschiedlichen Möglichkeiten kennen, sowie eine Vorstellung
von den verschiedenen Ausbildungsgängen haben, um ihr Kind bei Bildungsentscheidungen
und im Berufswahlprozess optimal unterstützen zu können. Auch für Jugendliche ist es
zentral, an die richtigen Informationen zu gelangen, um bewusst und informiert
Entscheidungen zu fällen. Später im Lebenslauf spielen Informationen über schulische
Anschlussmöglichkeiten und das Weiterbildungsangebot eine wichtige Rolle.
Sprachkenntnisse sind in verschiedener Hinsicht sehr wichtig: Einerseits im Zusammenhang
mit dem vorangehenden Punkt, um Informationen zu verstehen und auch beschaffen zu
können. Die Sprachkenntnisse der Kinder sind andererseits eine wichtige Voraussetzung für
deren Schulerfolg. Um Chancengleichheit gewährleisten zu können, muss daher so früh wie
möglich angesetzt werden, um die Sprachkenntnisse von Kindern mit Migrationshintergrund
zu verbessern.
Fragen der Bildungsfinanzierung werden spätestens im Bereich tertiärer Bildung wichtig,
sind aber auch schon auf Sekundarstufe II ein Thema. Auch bei Weiterbildungen stellt sich
häufig die Frage nach deren Finanzierung. Annahmen über die Finanzierbarkeit eines
Vorhabens beeinflussen den Entscheid über dessen Umsetzung massgeblich.
43
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Graphik: Bildungsweg, entscheidungsrelevante Faktoren, Akteure und Projekte [Eigene Darstellung]
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Es wird sichtbar, dass es im Kanton Thurgau zahlreiche Angebote und Projekte im Bereich
Jugendund
Bildungsförderung
gibt:
Kurse
im
Bereich
der
Elternbildung,
Frühförderungsangebote, Deutschunterricht für Fremdsprachige (im Vorschulalter oder
schulbegleitend, aber auch für Eltern), diverse ausserschulische Ergänzungsangebote, vielfältige
Lerngelegenheiten im Bereich der non-formalen Bildung (Jugendorganisationen, Vereine), Angebote
zur Unterstützung des Berufs- und Studienwahlprozesses (beispielsweise die Kurse der
Berufsinformationszentren in Zusammenarbeit mit Schulen, aber auch der Zukunftstag auf
Primarschulstufe), Projekte zur Unterstützung des Übergangs ins Erwerbsleben (Brückenangebote,
Case Management Berufsbildung, Mentoring Thurgau, „Brüggli“), Anlaufstellen und niederschwellige
Beratungsangebote für Jugendliche, verschiedene Möglichkeiten der Ausbildungsfinanzierung
(Kantonale Stipendien und Darlehen, aber auch Stiftungen und Fonds) und Projekte zur Förderung der
Weiterbildung (Verfahren zur Anerkennung von Berufsleistungen und zum Nachholen von
Abschlüssen; Kampagnen des ABB zur Sensibilisierung der Arbeitgeber).
3.4
Herausforderungen bei der Bildungsförderung
Zusammenfassend lässt sich von einer gut ausgebauten Bildungs- bzw. Förderlandschaft sprechen.
Neben den vielen Projekten in diesem Bereich, die in den Interviews erwähnt wurden, wurden aber
auch Lücken im Bildungsfördernetz angesprochen. Interviewübergreifend sollen im Folgenden die
aus Sicht der Interviewten wichtigsten Lücken dargestellt werden. Der Informationsfluss, die
Erreichbarkeit von Zielgruppen aus bildungsfernen Schichten sowie die Begleitung und Unterstützung
bei Übergängen zwischen verschiedenen Schulformen werden als besondere Herausforderungen
betrachtet.

Schwere Erreichbarkeit der Zielgruppen
Die Bevölkerung über Angebote und Projekte zu informieren, stellt eine grosse Herausforderung dar.
Besonders schwierig erreichbar sind dabei ausgerechnet diejenigen, für die sie gedacht und nötig
wären: Bildungsferne Familien und Migrantenfamilien, die den Weg zu bestimmten Institutionen
teilweise nicht von sich aus finden und sich auch nicht aktiv informieren (z.B. im Internet), was
verschiedene Angebote anbelangt.
Fast bei allen Interviewten herrscht daher das Gefühl vor, mit den Angeboten nicht jene
„Risikogruppen“ zu erreichen, die man eigentlich erreichen möchte.
Eine Ausnahme bilden Projekte, die den Übergang von der Volksschule ins Berufsleben erleichtern
sollen. Hier gibt es ein breites Angebot, das seine Zielgruppe auch erreicht, dies v.a. dank
„institutionalisierten Überweisungen“: Lehrpersonen, Lehrlingsbetreuer/innen und Berufsberater/innen
verweisen Schüler/innen an entsprechende Programme. Die angebotene Unterstützung führt zu einer
hohen Vermittlungsquote – fast alle Schulabgänger/innen finden eine Anschlusslösung.
45
Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Daneben gibt es aber auch Jugendliche, die ganz aus dem System herauszufallen drohen und
besonders schwer erreichbar sind. Dies können z.B. Schul- oder Lehrabbrecher/innen sein. Diese
Jugendlichen sind auch nicht unbedingt in Vereinen engagiert, sondern halten sich vorwiegend in ihrer
Clique an öffentlich zugänglichen Orten auf und lassen sich nicht über herkömmliche Kanäle
ansprechen.
Die soziale Durchmischung ist bei vielen Angeboten für Familien und Jugendliche recht gering. Eine
starke Selbstselektion führt dazu, dass tendenziell jene Leute Angebote nutzen, die bereits gut
informiert und sozio-ökonomisch besser gestellt sind.
Jugendorganisationen weisen bezüglich ihrer Mitglieder eine relativ grosse Homogenität auf,
Migrantenkinder sind unterrepräsentiert. Auch aktive Mitgliederwerbung, bei der sehr breite
Bevölkerungsschichten angesprochen werden, vermag die soziale Durchmischung nicht zu steigern.
Die offene Jugendarbeit erreicht ein breiter durchmischtes Spektrum an Jugendlichen, weil sie
weniger verbindlich ist. Im Jugendtreff finden sich auch Jugendliche aus bildungsfernen Milieus. Auch
über die Moscheen lässt sich ein breites soziales Spektrum von Muslim/innen erreichen, darunter
auch bildungsferne Schichten.

Informationsmangel
An Information fehlt es auf verschiedenen Ebenen: In Zusammenhang mit dem oben aufgeworfenen
Problem der Erreichbarkeit der Zielgruppen, aber auch zwischen den Institutionen und
Organisationen, um auf Angebote verweisen zu können bzw. die angebotene Unterstützung zu
koordinieren.
Informationen erreichen häufig jene Bevölkerungsgruppen nicht, die eigentlich primär anvisiert
sind. Die Möglichkeit, auch auf Sekundarstufe II (gymnasiale und Berufsbildung) Stipendien zu
beziehen, ist beispielsweise relativ wenig bekannt. Und wenn im BIZ Elternabende und -kurse
angeboten werden, kommen eher jene Eltern, die bereits gut über das Bildungssystem informiert
sind.
Doch auch die Institutionen bzw. verschiedenen Akteure im Bereich der Bildungs- und
Jugendförderung haben voneinander und übereinander teilweise zu wenige Informationen. Um die
grosse, unübersichtliche Angebotsfülle zu überblicken, sind „Meta-Informationen“ darüber
notwendig, welche Angebote es gibt und wer was macht. Dies ist entscheidend, um bedarfsgerecht
Verweisungen vornehmen zu können.
Das lückenhafte Wissen der Akteure hat teilweise zur Folge, dass zu wenig abgestimmt ist, wer was
macht. Die mangelnde Koordination führt nicht nur zu Doppelspurigkeiten, sondern auch dazu,
dass Menschen nicht auf ihnen entsprechende Angebote hingewiesen werden oder Angebotslücken
nicht entdeckt werden.
46
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
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Problematische Übergänge
Übergänge von einer Schulform in die nächste stellen immer auch Selektionen dar, wobei oft nicht
nur die Leistung massgeblich ist. Es ist daher ein besonderes Augenmerk auf diejenigen Faktoren zu
richten, die solche Schulübergänge beeinflussen. Auch die Übergänge vom obligatorischen in den
nachobligatorischen Bereich und von der Schule ins Erwerbsleben verdienen verstärkte
Aufmerksamkeit.
Primarschule – Sekundarstufe I: Der Übergang in die Sekundarstufe stellt die erste grosse
Weichenstellung dar; wer nicht die Sekundarschule mit dem höchsten Niveau („Erweiterte
Ansprüche“) besucht, kann später viele Anschlussschulen nicht mehr oder nur noch mit
Zusatzaufwand besuchen.
Beim Übergang in die Sekundarschule spielen die Eltern eine zentrale Rolle. Wenn ihnen Bildung
wichtig erscheint, fördern sie ihre Kinder entsprechend und intervenieren gegebenenfalls auch bei der
Lehrperson, falls sie mit deren Entscheidung nicht einverstanden sind. Bildungsfernen Eltern
hingegen dürfte die Wichtigkeit anstehender Schulentscheidungen nicht gleichermassen bewusst
sein.
Bei der Entscheidung, wie es nach der Primarschule weiter geht, ist neben der Schulleistung die
Empfehlungen der Lehrpersonen massgeblich; dies ermöglicht einerseits eine potenzialorientierte
Beurteilung, öffnet aber auch einen gewissen Spielraum für subjektive Bewertungskriterien
Auf Primarschulstufe wird die Berufswahl kaum thematisiert; Eltern und Lehrpersonen sind oft die
einzigen Erwachsenen, die den Schüler/innen als Vorbild dienen können.
Sekundarschule – Berufsleben: Der Übergang von der obligatorischen Schule in die Berufsbildung
ist von grosser Wichtigkeit, weil in der Schweiz ohne abgeschlossene Grundbildung (Berufslehre)
viele Möglichkeiten nicht mehr offen stehen. Auch sind Personen ohne abgeschlossene Grundbildung
eher von Arbeitslosigkeit
betroffen und laufen Gefahr, dauerhaft
in prekären
Beschäftigungsverhältnissen zu leben. Wegen der hohen Bedeutung dieses Übergangs gibt es
zahlreiche Bemühungen, den Anschluss zu garantieren oder mit Übergangslösungen zu verhindern,
dass jemand das Bildungssystem ohne entsprechenden Abschluss verlässt.
Folgende Herausforderungen werden von den Interviewten im Bereich der Berufswahl gesehen:
-
Nach wie vor ist eine sehr stark geschlechtsspezifisch geprägte Berufswahl zu beobachten.
Die Sekundarschullehrer/innen brauchen sehr fundierte Kenntnisse, um die Schüler/innen in
diesem Prozess gut zu beraten.
Zwischen Schulabgänger/innen und Arbeitsmarkt herrscht ein schlechtes Passungsverhältnis:
Die Erwartungen der Arbeitgeberseite werden nicht hinreichend erfüllt, und die
Berufswünsche der Schüler/innen passen oft nicht auf das Lehrstellenangebot.
47
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-
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Berufswünsche spiegeln zudem nicht nur persönliche Präferenzen, sondern auch soziale
Konstruktionen über Wertigkeiten verschiedener Berufe.
Sekundarstufe I – Gymnasium: Die überwiegende Mehrheit der Schüler/innen absolviert nach der
Sekundarschule eine Berufslehre. Dass das Gymnasium seltener gewählt wird, könnte einerseits
damit zusammenhängen, dass der Übergang zu einer ungünstigen Zeit kommt, zu welcher viele
Jugendliche pubertieren, endlich selbständig sein wollen und wenig Lust verspüren, weiter in die
Schule zu gehen.
Zudem haben die Schüler/innen wenige Möglichkeiten, den akademischen Weg kennen zu lernen.
Auch ist – so einige Aussagen – der Unterricht auf Sekundarstufe I eher an der Mehrheit der
Schüler/innen ausgerichtet und damit stärker auf die Berufsbildung fokussiert.
Gymnasium – Hochschule: Der Übergang vom Gymnasium an die (universitäre) Hochschule ist
zwar selbstverständlicher als jener ins Gymnasium. Dennoch ist er mit einigen Problemen behaftet:
So wurde etwa die Studienwahl im Unterschied zur Berufswahl lange vernachlässigt, sodass
Gymnasiast/innen sich erst zum Schluss der Schulzeit fragten, was sie studieren wollen. Dies hat
Umwege in Form von Fächerwechseln und Studienabbrüchen zur Folge. Heute wird versucht, die
Studienwahl früher zu thematisieren und als längerfristigen Prozess zu begreifen.
Dass alle Hochschulen bis auf die PHTG ausserhalb des Kantons liegen, ist als erschwerender
Umstand zu begreifen – gerade, wenn wenig finanzielle Mittel vorhanden sind. Die Pendeldistanzen
sind teilweise beträchtlich, und auswärts wohnen kostet zusätzlich.
In Fällen, in denen jemand nicht stipendienberechtigt ist, weil die Eltern laut Gesetz genügend
verdienen und damit unterstützungspflichtig sindkann die Studienfinanzierung zum Problem werden:
Immer wieder gibt es Fälle von Eltern, die nicht für die Ausbildung ihrer Kinder aufkommen wollen.
Hier fehlt eine klare Ansprechperson, die mit den Studierenden das Vorgehen klärt und sie ggf. auch
dabei unterstützt, die elterlichen Pflichten einzufordern.
Hochschule – Arbeitsmarkt: Ein Teil der Studierenden wünschen sich, nach erfolgreichem
Studienabschluss in ihren Herkunftskanton zurück zu kehren – falls attraktive Perspektiven für
Akademiker/innen vorhanden sind. Die Anschlussmöglichkeiten nach Studienabschluss innerhalb des
Kantons scheinen indes (je nach Fachrichtung) recht ungewiss.
Berufsbildung – Weiterbildung: Sich ein Leben lang weiterzubilden, um persönlich vorwärts zu
kommen und arbeitsmarktfähig zu bleiben, ist zunehmend wichtig. Es sind aber vor allem die
Hochqualifizierten, die sich beständig fortbilden – und in deren Fortbildung auch Arbeitgeber
investieren. Die Niedrigqualifizierten hingegen bilden sich seltener weiter und bringen sich so
teilweise in prekäre Situationen, in welchen wenige Anschlussmöglichkeiten gegeben sind. Auch auf
Arbeitgeberseite ist die Sensibilisierung für den Stellenwert von Weiterbildungsmassnahmen nicht
überall gegeben.
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Weitere Lücken im Bildungsfördernetz
Möglichkeiten nach unten und oben begrenzt: Trotz vieler Vermittlungs- und Brückenangebote
nimmt die Vermittlungsquote mit sinkendem Anforderungsniveau der Schulform beständig ab, sodass
es beispielsweise für Sonderschüler sehr schwierig ist, eine gute Anschlusslösung zu finden.
Auch für besonders motivierte, engagierte Jugendliche ist es teilweise schwierig, adäquate
Unterstützungsangebote und Ansprechpersonen zu finden, um beispielsweise eigene Projekte
umzusetzen. Auf diese Weise läuft ein Teil des Engagements ins Leere.
Tabuisierung von Problemen: Nicht nur mangelnde Information hält Menschen davon ab,
Unterstützung in Anspruch zu nehmen, sondern auch Scham. Manche Eltern schämen sich, wenn bei
der Erziehung nicht alles rund läuft oder sie ihrem Kind die benötigte finanzielle Unterstützung nicht
selbst bieten können. Dies führt dazu, Unterstützungsangebote nicht anzunehmen, mit offenen
Fragen nicht an zuständige Institutionen heranzutreten und sich beispielsweise dagegen zu
entscheiden, Stipendien zu beantragen.
„Akademische versus Berufsbildung“: Der von vielen Interviewpartnern wahrgenommene Graben
zwischen akademischer und beruflicher Bildung ist auch auf Ebene der Institutionen abgebildet: Zwei
verschiedene Ämter im Departement für Erziehung und Kultur kümmern sich um die beiden
Teilbereiche, was einerseits die Profilierung der beiden Wege unterstützt, andererseits aber zu einem
institutionalisierten strukturellen Widerspruch führt. In der Praxis zeigt sich dieser Widerspruch in
einem Kampf um gute Schüler/innen; diese Konkurrenz wird von allen Seiten als unproduktiv
wahrgenommen.
Anstatt jedem Raum zu lassen, den für sich richtigen Weg zu finden, werden gesellschaftlich
bestimmte Berufsbilder auf- und andere abgewertet. In einigen Milieus wird höhere Bildung eher
skeptisch betrachtet, anderenorts führt ein stark verwurzeltes Statusdenken zu einer Abwertung der
Berufsbildung.
Diese dichotomische Gegenüberstellung scheinbar unvereinbarer Welten ist nicht nur unproduktiv, sie
ist auch unnötig: Eine Konzentration auf die gemeinsamen Ziele und die gemeinsamen Vorstellungen
guter Bildungsförderung könnte helfen, die künstlich geschaffenen Gräben zu überbrücken.
Angebotslücken: Im grundsätzlich gut ausgebauten Bildungsförderangebot gibt es einige Lücken,
die noch nicht optimal abgedeckt sind.
Während es für ganz kleine Kinder und vom Kindergarten an viele Unterstützungs- und
Förderangebote gibt und auch die Elternbildung in diesen Bereichen gut abgedeckt ist (z.B. Mütterund Väterberatung), klafft dazwischen eine Lücke: Für 2-5jährige Kinder und ihre Eltern gibt es zwar
Angebote, die Zuständigkeit ist aber nicht klar geregelt.
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Die Elternbildung weist zudem Lücken bei älteren Teenagern und Studierenden auf, weil das
Kursangebot oft nur auf Eltern von Jugendlichen bis zum Lehrabschluss ausgerichtet ist. Die
elterlichen Pflichten bestehen aber darüber hinaus, und gerade der Auszug von Zuhause oder die
Phase nach Studienabschluss sind wichtige Themen, die bisher eher vernachlässigt wurden.
Fehlen einer flächendeckenden mobilen Jugendarbeit: Die mobile Jugendarbeit ist ein
geeigneter Weg, um an jene Jugendlichen zu gelangen, die sich in besonders schwierigen
Lebenssituationen befinden (Lehr- oder Schulabbruch, schwierige Familienverhältnisse usw.).. Sie
erreicht auch Jugendliche, die von sich aus keine Unterstützung suchen, den Jugendtreff nicht
besuchen und auch nicht in Vereinen organisiert sind.
In Weinfelden ist 2011 ein Pilotprojekt angelaufen; mobile Jugendarbeit wird aber noch nicht
flächendeckend angeboten.
Fehlende Potenzial-Orientierung: Einige Interviewpersonen kritisierten die einseitige Ausrichtung
von Förderangeboten an Schulleistungen. Kinder und Jugendliche haben dadurch zu wenig Raum, ihre
vielfältigen Potenziale zu entdecken.
Ein weiterer Aspekt dieses Themas ist die Frage nach der Zukunftsorientierung: Die meisten
Prüfungen und Prüfverfahren orientieren sich am Ist-Zustand und berücksichtigen das künftige
Potenzial wenig; es stellt sich daher die Frage, wie man dies beispielsweise bei Schulempfehlungen
mitberücksichtigen könnte, auch wenn die Leistung (noch) nicht entsprechend gut ist.
Das Aufzeigen von Lücken im Bildungsfördernetz liefert zugleich Anknüpfungspunkte für Massnahmen
zur Verbesserung der Bildungsförderung. Im nächsten Kapitel werden gemeinsam erarbeitete
Ansätze dazu vorgestellt.
50
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4. Ansatzpunkte und Massnahmen zur Bildungsförderung im Kanton
Thurgau
Am 10. Februar 2011 wurden die Interviewten42 zu einem Workshop nach Frauenfeld eingeladen,
bei dem die Ergebnisse der Studie vorgestellt und gemeinsam an Lösungen zu den aufgeworfenen
Problemen und Herausforderungen gearbeitet wurde.
Zuerst wurde ein gemeinsam geteiltes Verständnis der Situation hinsichtlich Bildungs- und
Jugendförderung im Kanton Thurgau hergestellt, indem die Teilnehmenden aufgefordert wurden, für
sie besonders relevante Punkte und offene Fragen zu notieren.
Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Runde war die Einsicht, dass die Bildungsförderer alle im selben
Boot sitzen: Es geht nicht darum, verschiedene Bildungswege gegeneinander auszuspielen, sondern
sie integriert zu fördern und eine möglichst hohe Durchlässigkeit zu gewährleisten:
Bildliche Darstellung des Gedankens einer integrierten Bildungsförderung [Eigene Darstellung]
Einige der wichtigsten noch offenen Fragen der Teilnehmenden lauteten:
-
Wer sind geeignete Multiplikatoren? Wie finden wir sie?
Wie kann in der Bevölkerung das Bewusstsein für (Hochschul-) Bildung gestärkt werden?
Wie können Jugendliche, die „auf der Kippe stehen“, möglichst früh und nicht erst
nachsorgend unterstützt werden? Wie könnte ein niederschwelliges Coaching-Angebot in
diesem Bereich aussehen?
42 Von den interviewten Personen haben folgende am Workshop teilgenommen: Claudia Keller Grünenfelder; Harry Wolf;
René Bommeli; Fabian Kappeler; Daniele Lenzo; Brigitta Spälti; Samuel Kern; Claudio Zingg. Zusätzlich haben Urs Schwager
und Martin Bächer, beide für das AMH tätig, teilgenommen. Peter Schütz wurde durch den Geschäftsführer des Thurgauer
Gewerbeverbands, Marc Widler, vertreten. Tobias Möckli konnte nicht teilnehmen, Susanna Fink und Rehan Neziri waren
kurzfristig verhindert.
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Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Wie können unausgesprochene „Familienziele“, die vorgeben, welche Berufswege gültig sind,
aufgebrochen werden?
Wie lässt sich die Informationsbündelung und Triage weiter verbessern?
In der anschliessenden Gruppenarbeit wurden die Teilnehmenden gebeten, Antworten auf die
folgende Frage zu erarbeiten: „Angenommen, wir wären uns einig, dass Bildung im Thurgau noch
stärker gefördert werden kann: Wo können wir ansetzen?“
Als wichtigste Herausforderungen wurden genannt:
-
Beratungskompetenz
-
professionellen Unterstützung des Übergangs nach Abschluss der obligatorischen Schule
sollte gestärkt werden (Sek I – Gymnasium oder Sek I – Berufslehre).
Wahrnehmung von Bildung: Das Bewusstsein für den Wert von Bildung sollte in der gesamten
-
Bevölkerung gestärkt werden, damit Bildung für jeden eine Option wird und sich auch
Fördermassnahmen besser durchsetzen lassen. Es geht darum, v.a. auch mental die Distanz
zu den Hochschulen zu überwinden. Bildung muss auch für Eltern früh genug zum Thema
werden und sollte daher innerhalb der Elternbildung verstärkt thematisiert werden. Was die
Weiterbildung anbelangt, müssen v.a. auch die Arbeitgebenden miteinbezogen werden.
Ausbau Coaching-Angebote: Schüler/innen sollten Motivations-Coaches zur Verfügung haben;
-
Lehrabbrecher/innen sollten besser betreut werden, um zu verhindern, dass Jugendliche
ganz „verschwinden“.
Informationszugang verbessern: Die richtigen Informationskanäle und Multiplikatoren müssen
-
gefunden werden, um danach mit zielgruppengerecht aufbereiteter Information z.B. an
bildungsferne Schichten heranzutreten.
Potenziale erkennen: Jugendliche sollten Gelegenheit und Raum haben, ihre Potenziale zu
-
entdecken; dazu müssen sie verschiedene Sachen ausprobieren können, sich selbst in
verschiedenen Kontexten erleben. Auch die Beurteilung von Lehrpersonen sollte sich eher am
Potenzial orientieren, anstatt eine Art Statusdiagnostik vorzunehmen. Derzeit ist eine
Verrechtlichung zu beobachten, durch die sich Lehrpersonen absichern wollen, genau wie
durch vermeintlich genaue Benotungssysteme.
Vernetzung: Die Akteure im Bereich der Bildungs- und Jugendförderung sollten mehr
der
Lehrpersonen:
Die
Kompetenz
der
Lehrpersonen
zur
miteinander reden, sich regelmässiger austauschen. Dies verbessert die Möglichkeiten der
Triage und hilft, eine gemeinsame Richtung zu finden.
Unter den Herausforderungen fanden sich bereits erste Lösungsansätze, welche in Quick Wins und
grosse, eher langfristig wirksame Hebel unterteilt wurden.
Quick Wins sind Massnahmen, die sich ohne grossen Aufwand und sofort umsetzen lassen. Einige
davon sind bereits in Umsetzung oder auf dem Weg dazu, andere lassen sich leicht realisieren:
-
Potenziale erkennen: Die Berufsmesse Thurgau ermöglicht es Schüler/innen, verschiedene
Berufsfelder kennen zu lernen. Darüber hinaus könnte eine „Berufsbildungswerkstatt“ zum
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Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Ausprobieren und zur Potenzialerkennung angeboten werden, bei der Schüler/innen
verschiedene Tätigkeiten praktisch erleben könnten.
Beratungskompetenz der Lehrpersonen: Das CAS Berufswahl-Coaching der PHTG geht genau
in diese Richtung – jetzt müssen noch verstärkte Anreize für Thurgauer Lehrpersonen gesetzt
-
werden, den Nachdiplomstudiengang zu absolvieren.
Vernetzung: Auch Jugendorganisationen sollten verstärkt miteinbezogen werden, ebenso
weitere Akteure, die z.B. Zugang zu bildungsfernen Schichten oder zu Multiplikatoren aus
solchen Schichten haben. Regelmässige Treffen, beispielsweise in Form eines Round Tables
zur Bildungsermöglichung („Allianz für Bildung“), sollen das Netzwerk stärken und seine
Schlagkraft erhöhen. Über die Zusammensetzung bzw. die einzubeziehenden Akteure ist
sorgfältig nachzudenken.
Bei den grossen Hebeln handelt es sich um Massnahmen oder Massnahmenbereiche, deren
Umsetzung mehr Zeit erfordert, die aber gleichzeitig eine grosse Wirkung zeitigen könnten:
-
-
Wahrnehmung von Bildung: Über Vorbilder sollte das Bewusstsein für Bildung geschärft
werden. Die Vorbilder sollen auch unkonventionelle Lebensläufe haben und die Grundhaltung
verkörpern, sich ein Leben lang weiter zu entwickeln.
Potenziale erkennen: Im Bereich der Benotung bzw. Bewertung von Schüler/innen ist über
einen Systemwechsel hin zu einem potenzialorientierten Beurteilungssystem nachzudenken.
Möglicherweise wird es nicht zuletzt aus den Reihen der Lehrpersonen Widerstand gegen
solche Bestrebungen geben.
Lösungsoptionen, die sich weder schnell umsetzen lassen noch eine grosse Hebelwirkung entfalten
könnten, wurden zur Seite gelegt.
Nach der Diskussion der Ansatzpunkte und der möglichen Massnahmen wurden für jeden als relevant
erachteten Themen- bzw. Massnahmenbereich Verantwortliche definiert, die sich als primäre
Ansprechpersonen zur Verfügung stellten und damit die Themenführerschaft übernommen haben.
Bei Fragen oder dem Interesse an einem Engagement in den nachfolgend genannten Bereichen kann
gerne Kontakt zu studienaktie.org aufgenommen werden.
1) Schaffen einer „Allianz für Bildung“
Der Dialog zwischen den Workshop-Teilnehmer/innen und weiteren mit Bildungs- und
Jugendförderung befassten Akteuren soll fortgesetzt werden. Dadurch entsteht eine Plattform für
die Steuerung bildungsrelevanter Themen und den Informationsaustausch als Grundlage zur
verbesserten Triage.
Regelmässige Treffen sollen zudem sicherstellen, dass laufende Initiativen umgesetzt und skaliert
werden. Die einzelnen Ziele werden von den beteiligten Akteuren definiert; übergeordnet geht es
auch um die Schaffung eines Bewusstseins für Bildung.
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Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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Der nächste Schritt besteht in der Definition einer möglichen Trägerschaft; das AMH übernimmt
die anstehenden Abklärungen, ggf. unter Beizug von studienaktie.org.
2) Stärkere Vernetzung im Bildungswesen und der Lehrerbildung
Der Stellenwert der Lehrerbildung ist nicht zu unterschätzen: Hier werden Lehrpersonen jene
Fähigkeiten vermittelt, die sie dazu befähigen sollen, den Bildungsprozess und die
Persönlichkeitsentwicklung ihrer Schüler/innen über Jahre zu begleiten und zu unterstützen.
Claudio Zingg wünscht sich eine stärkere Vernetzung im Bildungswesen und damit auch der an
Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen Interessierten und fungiert hierfür als Ansprechperson.
3) Bessere Unterstützung von Lehrabbrecher/innen
Jugendliche, die im Zusammenhang mit der Lehrstelle Probleme haben, sollen früher darin
unterstützt werden, diese Probleme zu lösen. Sollte es dennoch zu einem Lehrabbruch kommen,
ist es wichtig, sie künftig enger zu betreuen und nach Möglichkeit wieder ins Bildungssystem
einzugliedern, damit sie die Grundausbildung abschliessen können. Auch Jugendliche, die die
Lehrabschlussprüfung nicht bestehen, sollen nicht einfach „abtauchen“, sondern dabei unterstützt
werden, den Abschluss nachzuholen.
René Bommeli möchte dieses Problem angehen, u.a. durch stärkere Vernetzung mit der
Jugendarbeit, die teilweise Zugang hat zu Jugendlichen, die „aus dem Bildungssystem
herausgefallen sind“.
4) Einsatz von Rollenmodellen und Botschaftern
Die Entscheidung für einen Bildungsweg fällt dann, wenn man attraktive Perspektiven vor sich
sieht. Deshalb ist es wichtig, Jugendlichen anhand inspirierender Lebens- und Bildungswege
verschiedene attraktive Perspektiven aufzuzeigen. Dies kann im Rahmen von Workshops an
Schulen, aber auch im Freizeitbereich in Zusammenarbeit mit Jugendorganisationen oder
Migrantenvereinigungen geschehen.
studienaktie.org hat mit dem Perspektiven-Workshop für Oberstufenschulklassen bereits ein
Format entwickelt, um Jugendlichen Wege und Möglichkeiten der Lebensgestaltung aufzuzeigen:
Die Studienaktie-Perspektivenbotschafterinnen und -botschafter sind erfolgreiche, spannende,
teils unkonventionelle Persönlichkeiten mit einem besonderen Bezug zu Bildung. Sie stellen ihre
Lebensentwürfe vor und laden Schüler/innen ein, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und
den für sie individuell richtigen Bildungsweg zu gehen. Bei Interesse können gemeinsam mit
studienaktie.org Projekte in diesem Bereich und unter Einbezug bestehender
Perspektivenbotschafter/innen sowie spannender Personen aus dem Kanton Thurgau (evtl. auch
mit Migrationshintergrund) realisiert werden.
Marc Widler möchte die Idee aufnehmen und das Vorbilder-/Botschafterkonzept ggf. zum
Bestandteil der Berufsmesse in Weinfelden machen. Die Botschafter sollen schwergewichtig aus
dem Berufsbildungsbereich kommen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten aufzeigen.
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5) Verstärkte Frühförderung
Die Frühförderung erhält immer mehr Gewicht43: Im Kleinkindesalter haben Bildungsbemühungen
grosse Effekte, zudem erhofft man sich von einer gezielten Frühförderung, dass sie sozusagen
präventiv wirkt und dadurch weniger nachsorgende Projekte ältere Kinder und Jugendliche
„auffangen“ oder durch Zusatzangebote im Schulsystem halten müssen. Je früher die Förderung
ansetzt, desto stärker gleichen sich die Startchancen bei Schuleintritt an.
Daniele Lenzo wird sich weiter in diesem Bereich engagieren, Informationen sammeln, einen
Überblick über bestehende Angebote schaffen und diese begleiten.
6) Ausbau der Elternbildung
Der Fokus auf Frühförderung geht mit einem erhöhten Bewusstsein für Elternbildung einher. Die
Familie bleibt über Jahre das wichtigste Lebensumfeld des Kindes, und in Erziehungsfragen
kompetente Eltern können es in seiner Entwicklung fördern und unterstützen.
Auch hier ist Daniele Lenzo bereits daran, bestehende Angebote zu koordinieren, Akteure zu
vernetzen und sich Gedenken zur besseren Erreichbarkeit bildungsungewohnter Eltern zu machen
– in Zusammenarbeit mit Susanna Fink, die für den Bereich Elternbildung primäre
Ansprechpartnerin.
43 Ab Herbst 2011 wird an der PHTG neu auch ein Masterstudiengang „Frühe Kindheit“ angeboten. Vgl.
http://www.phtg.ch/weiterbildung/angebot/master-fruehe-kindheit/
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Studie “Bildung ermöglichen im Kanton Thurgau”
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5. Fazit
Durch die Studie und den Workshop wurden die Ziele, die Bildungsförderlandschaft besser zu
verstehen und Ansatzpunkte für Möglichkeiten zur effektiveren Bildungsförderung im Kanton Thurgau
zu erarbeiten, erreicht.
Die Interviews haben unterschiedliche Facetten der Bildungsförderung zu Tage gefördert: Die
Interviewpersonen haben bestehende Förderangebote angesprochen und deren Wirkung und Grenzen
aufgezeigt. Sie haben sich zu den Herausforderungen der Erreichbarkeit der entsprechenden
Zielgruppen und der Annäherung an eine höhere Chancengleichheit im Bildungssystem geäussert.
Dabei sind immer wieder die Fragen aufgetaucht, wie Jugendliche bei den Übergängen zwischen den
Schulstufen und zwischen Schule und Arbeitsleben unterstützt werden können, wie besonders
gefährdete Jugendliche adäquat begleitet werden können und welche Rolle dabei auch non-formale
Bildung spielen kann. Auch allgemeinere Fragestellungen grosser Reichweite, beispielsweise nach
dem Stellenwert von Bildung für den Kanton Thurgau bzw. danach, welche der Kanton Thurgau
braucht, wurden in den Interviews thematisiert.
Der Einbezug unterschiedlicher Akteure hat eine grosse Vielfalt an Blickwinkeln auf das Thema
Bildungsförderung ermöglicht. Das Wissen aus den intensiven Einzelgesprächen hat – gebündelt und
nach den wichtigsten Herausforderungen strukturiert – als Grundlage für den Workshop gedient.
Die Teilnehmenden konnten sich am Workshop ein Bild von den Sichtweisen anderer mit Bildung und
Jugendförderung befasster Akteure machen und haben dadurch ein geteiltes Verständnis der
Situation erreicht. Auf dieser Basis wurde gemeinsam an übergreifenden Themenkomplexen
gearbeitet.
Einen zentralen Stellenwert nahm das Thema Information bzw. Informationsmangel ein: Alle
Teilnehmenden konstatierten eine schwere Erreichbarkeit jener Zielgruppen, denen besonders
bildungsferne Schichten angehören. Bei vielen Förderangeboten ist die soziale Durchmischung
unbeabsichtigt gering, was Fragen nach einer Verbesserung des Informationsflusses aufwirft.
Nicht nur die Erreichbarkeit der Zielgruppen stellt eine informationstechnische Herausforderung
dar, sondern auch die Sicherstellung des Informationsflusses zwischen den verschiedenen mit
Bildungs- und Jugendförderung befassten Akteuren. Informationslücken führen auf der Meta-Ebene zu
mangelnder Koordination und Kooperation.
Mit dem Workshop wurde ein Beitrag dazu geleistet, diese Lücken zu adressieren. Die am Workshop
stattgefundene Vernetzung der offiziell für Bildungsfragen zuständigen kantonalen Institutionen mit
Akteuren aus dem non-formellen Bildungsbereich und solchen, die in direktem Kontakt zu den
anvisierten Zielgruppen stehen, stellt einen wichtigen Schritt in diese Richtung dar.
Da Bildung über das Bildungssystem hinaus viele Akteure betrifft, so das Fazit zum Abschluss
des Workshops, müssen auch die Vernetzungsaktivitäten ausgedehnt werden, um Bildungsthemen
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multiperspektivisch anzugehen. Dadurch können auch bestehende Kanäle zu Jugendlichen (z.B. über
Jugendorganisationen, die offene Jugendarbeit oder Vertreter von Glaubensgemeinschaften) besser
genutzt werden, namentlich um bisher schwer erreichbare Zielgruppen anzusprechen und zu
informieren.
Während wichtige Ziele des Projekts – der Studie und des Workshops – erreicht wurden, ist der
Prozess
noch
lange
nicht
abgeschlossen:
Ein
Überblick
über
bestehende
Bildungsfördermassnahmen und -ansätze zeigt die Förderlandschaft des Kantons Thurgau auf;
gemeinsam wurde die Sensibilität gegenüber jenen Personen erhöht, die eigentlich von
Bildungsfördereinrichtungen unterstützt werden sollten, aber den Weg zu diesen nicht finden;
Massnahmen zur besseren Erreichbarkeit von Menschen aus bildungsfernen Milieus wurden
angedacht. Damit nun tatsächlich mehr Menschen im Kanton Thurgau die Möglichkeit wahrnehmen,
Bildungschancen besser zu nutzen und ihr eigenes Potenzial zu entfalten, müssen diese
Massnahmen konkretisiert und umgesetzt werden.
Die spannenden Gespräche und die engagierte Workshop-Teilnahme haben gezeigt, dass der Einsatz
für Bildung vielen Menschen im Kanton Thurgau am Herzen liegt – eine gute Basis für ein
fortdauerndes Engagement mit dem Ziel, Bildung für alle Menschen möglich zu machen bzw.
jedem zu ermöglichen, seinen Lebensweg frei zu gestalten und dabei alle Optionen in Betracht zu
ziehen.
Zur weiterführenden Diskussion von Ideen, Anregungen und Vorschlägen oder zum Aufgleisen
gemeinsamer Projekte können jene Workshop-Teilnehmenden, die sich als Ansprechpartner für einen
der Themenbereiche zur Verfügung gestellt haben, über studienaktie.org kontaktiert werden.
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Literatur
Becker, Rolf und Wolfgang Lauterbach (Hrsg.) (2008): Bildung als Privileg? Erklärungen und Befunde zu den
Ursachen der Bildungsungleichheit. Wiesbaden, Verlag für Sozialwissenschaften.
Becker, Rolf (1998): Bildung und Lebenserwartung in Deutschland. Eine empirische Längsschnittuntersuchung
aus der Lebensverlaufsperspektive. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 27, Heft 2, April 1998, S. 133150.
Bublitz, Hannelore (1980): Ich gehöre irgendwie so nirgends hin… Arbeitertöchter an der Hochschule, FocusVerlag, Giessen.
Dahrendorf, Ralf (1965): Arbeiterkinder an deutschen Universitäten, in: Recht und Staat, Heft 302/303,
Buchdruckerei Eugen Göbel, Tübingen.
Imhof, Regula und Rolf Becker (2008). Kriminalität als rationale Wahlhandlung: die Rolle der Bildung beim
Begehen von Straftaten. In: Rehberg, Karl-Siegbert (Hrsg.:) Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen
des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel (2006), Frankfurt/New York,
Campus, S. 2360-2369.
Krüger, Heinz-Hermann, Ursula Rabe-Kleberg, Rolf-Torsten Kramer, Jürgen Budde (Hrsg.) (2010):
Bildungsungleichheit revisited. Bildung und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule.
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
Kuhlmann, Carola (2008): Bildungsarmut und die soziale „Vererbung“ von Ungleichheiten. VS Verlag für
Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
Maaz, Kai, Jürgen Baumert, Ulrich Trautwein (2010): Genese sozialer Ungleichheit im institutionellen Kontext
der Schule: Wo entsteht und vergrössert sich soziale Ungleichheit? In: Krüger, Heinz-Hermann, Ursula
Rabe-Kleberg, Rolf-Torsten Kramer, Jürgen Budde (Hrsg.) (2010): Bildungsungleichheit revisited.
Bildung und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule. VS Verlag für
Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 69-102.
Müller, Walter und Reinhard Pollak (2004): Weshalb gibt es so wenige Arbeiterkinder in Deutschlands
Universitäten?, in: Becker, Rolf und Wolfgang Lauterbach (Hrsg.) (2004): Bildung als Privileg?
Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit, Verlag für Sozialwissenschaften
/GWV Fachverlag GmbH, Wiesbaden, S. 311-352.
Radtke, Frank-Olaf (2004): Die Illusion der meritokratischen Schule. Lokale Konstellationen der Produktion von
Ungleichheit im Erziehungssystem. In: IMIS-Beiträge, (2004) 23, S. 143-178.
Schimpl-Neimanns, Bernhard (2000): Soziale Herkunft und Bildungsbeteiligung. Empirische Analysen zu
herkunftsspezifischen Bildungsungleichheiten zwischen 1950 und 1989. In: Kölner Zeitschrift für
Soziologie und Sozialpsychologie 52 (4), S. 636-669.
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Verzeichnis der Interviewpersonen und Workshop-Teilnehmenden
Interviewperson und Institution
Bommeli, René
Amt für Berufsbildung und Berufsberatung (ABB), Leiter Berufs- und
Studienberatung
Fink, Susanna
Thurgauische Arbeitsgemeinschaft für Elternorganisationen (TAGEO),
Geschäftsführerin
Kappeler, Fabian und Claudia Keller
Pfadi Thurgau, Co-Leiter
Keller Grünenfelder, Claudia
Amt für Mittel- und Hochschulen (AMH), Leitung Abteilung Ausbildungsbeiträge
und Beiträge an ausserkantonale Schulen
Kern, Samuel
Bund Evangelischer Schweizer Jungscharen (BESJ), Koordinator
Schulleiter Schulen Hüttlingen/Mettendorf und Bussnang
Lenzo, Daniele
Fachstelle für Kinder-, Jugend- und Familienfragen, Leiter Fachstelle
Möckli, Tobias
Cevi Thurgau, Abteilungsleiter, Kurshauptleiter und Mitglied der Fachgruppe
Ausbildung
Neziri, Rehan
Imam an der Islamisch-Albanischen Moschee in Kreuzlingen
Schütz, Peter
Thurgauer Gewerbeverband (TGV), Präsident
Spälti, Brigitta
Thurgauer Offene Jugendarbeit (TOJA), Vereinspräsidentin
Jugendtreff ‚Neon‘ Romanshorn, Co-Leiterin
Wolf, Harry
Amt für Mittel- und Hochschulen (AMH), Wiss. Mitarbeiter Abteilung Mittelschulen
Zingg, Claudio
Pädagogische Hochschule Thurgau (PHTG), Prorektor Weiterbildung und
Dienstleistungen
Website
Zusätzliche Teilnehmende Workshop
Bächer, Martin
Amt für Mittel- und Hochschulen (AMH), Wiss. Mitarbeiter Abteilung Hochschulen
Schwager, Urs
Amt für Mittel- und Hochschulen (AMH), Amtsleiter
Widler, Marc
Thurgauer Gewerbeverband (TGV), Stellvertretender Geschäftsführer
Kontaktangaben
www.abb.tg.ch
www.tageo.ch
www.pfadi-thurgau.ch
www.amh.tg.ch
www.besj.ch
www.kjf.tg.ch
www.ceviostschweiz.ch
www.el-hikmeh.net/de
www.tgv.ch
www.toja-verein.ch
www.amh.tg.ch
www.phtg.ch
www.amh.tg.ch
www.amh.tg.ch
www.tgv.ch
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Kontakt studienaktie.org
Für weitere Informationen stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung:
Lars Stein, Präsident
Email: lars.stein@studienaktie.org
Barbara Meili, Projektleiterin Regionalprojekt Thurgau
Email: barbara.meili@studienaktie.org
studienaktie.org – Verein zur Ermöglichung von Bildung
Herausgeber:
Kontakt:
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studienaktie.org
Zürcherstrasse 601
Turnerstrasse 1
Postfach 454
Postfach 2425
9015 St. Gallen
8401Winterthur
+41 (0)52 558 88 94
Web: www.studienaktie.org
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