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Anhang zu Wie deutsch sind Russlanddeutsche?

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Anhang zu
Svetlana Kiel
Wie deutsch sind Russlanddeutsche?
Eine empirische Studie zur ethnisch-kulturellen Identität
in russlanddeutschen Aussiedlerfamilien
ISBN 978-3-8309-2068-7
Waxmann 2009
Münster / New York / München / Berlin
http://www.waxmann.com/kat/2068.html
Inhalt
1
Erhebungsmaterial der empirischen Studie ............................................. 4
1.1
Familie Kanz ................................................................................................ 4
1.1.1
Gruppendiskussion mit Familie ..................................................................... 4
1.1.2
Großelterninterview mit Johann und Margareta Kanz .................................. 32
1.1.3
Elterninterview mit Ewald und Olena Kanz................................................... 51
1.1.4
Kinderinterview mit Erika und Melinda Kanz ................................................ 77
1.2
Familie Wondel ........................................................................................... 95
1.2.1
Gruppendiskussion mit Familie Wondel ....................................................... 95
1.2.2
Großvaterinterview mit Waldemar Winter (Familie Wondel) ...................... 117
1.2.3
Elterninterview mit Anton und Lena Wondel .............................................. 130
1.2.4
Kindinterview mit Anton Wondel................................................................. 150
1.3
Familie Wendler ........................................................................................ 175
1.3.1
Gruppendiskussion mit Familie Wendler.................................................... 175
1.3.2
Großmutterinterview mit Magdalena Wendler ............................................ 207
1.3.3
Elterninterview mit Wilhelm und Ada Wendler .............................................223
1.3.4
Kindinterview mit Ada Wendler .................................................................. 249
1.4
Familie Schwarz ....................................................................................... 264
1.4.1
Gruppendiskussion mit Familie Schwarz.................................................... 264
1.4.2
Großmutterinterview mit Rita Mejder (Familie Schwarz) ............................ 319
1.4.3
Großvaterinterview mit Mischa Mejder (Familie Schwarz).......................... 334
1.4.4
Mutterinterview mit Lydia Schwarz ............................................................. 348
1.4.5
Vaterinterview mit Jascha Schwarz ............................................................ 373
1.5
Familie Hahn ............................................................................................. 399
1.5.1
Gruppendiskussion mit Familie Hahn......................................................... 399
1.5.2
Großelterninterview mit Viktor und Selma Hahn......................................... 416
1.5.3
Elterninterview mit Iwan und Nadja Hahn................................................... 429
1.5.4
Kindinterview mit Ala Hahn......................................................................... 453
2
Transkriptionsrichtlinien ......................................................................... 464
3
Aussiedlerstatistik seit 1950 ................................................................... 465
3
1 Erhebungsmaterial der empirischen Studie
1.1 Familie Kanz
1.1.1 Gruppendiskussion mit Familie Kanz
Datum:
Ort:
Anwesende:
1
2
3
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11.09.2003
Zeit: ca. 3 Stunden
Wohnzimmer im Haus der Familie Kanz
Vater:
Ewald (E), Mutter: Olena (O)
Kind 1:
Erika Kanz (Er), Kind 2: Melinda (Me) Kanz
Großvater:
Johann Kanz (J), Großmutter: Margareta (M) Kanz
Großvater:
Konstantin Bauer (K),
Interviewerinnen:
Svetlana Kiel (S) und Susanne Meiering (Su)
(...) Es werden noch einige Einführungen zum Gebrauch der Aufnahmegeräte und
zum Ablauf der Gruppendiskussion gegeben.
S:
K:
S:
K:
J:
K:
J:
K:
Ja, genau, ich stelle Fragen. Gut, also, ich schreib ´ne Doktorarbeit über
russlanddeutsche Familien, über Traditionen in den Familien, vor allen Dingen,
wie sich das Leben verändert hat, von Russland jetzt hier in Deutschland. Ich
hab nicht vor, jetzt die ganze Zeit Fragen zu stellen und sie müssen antworten,
sondern sie können sich untereinander einfach unterhalten, und wem was
einfällt, der kann es ruhig sagen und muss nicht auf eine Frage von mir
warten. Nur schön laut sprechen, dass man es auch hört. Und meine Frage
wäre jetzt, wie sie denken, dass sich das Leben verändert hat, wie es in
Russland war, da waren ja ganz andere Bedingungen, und wie es jetzt hier in
Deutschland ist, wie sie ihr alltägliches Leben, ihr Familienleben und so weiter
sehen.
Alles hat sich verändert, alles, 100%, viel mehr noch. Aber trotzdem, ich hab
viel mehres erwartet in Deutschland, in der Sache Qualität, in der Sache, äh,
juristische Sache zum Beispiel.
L Juristisch?
Ja, da gab´s bei uns viele auch Gespräche darüber, über die Ehrlichkeit, und
so weiter, und das ist ja hier genauso, aber hier ist die Ehrlichkeit nicht
besonders hoch. Von der Qualität hier sind viele Sprücherei, aber alles wird
vom Volk. Immer mehr, immer mehr. Die Politik zum Beispiel, die Regierung
zum Beispiel. Ist alles. Und sie erheben nicht immer ihre Diäten, ihre ihre ihre,
sie schneiden sich nicht ein, ihre Einkünfte im Monat. Aber bei de Leute immer
weg, immer weg, jeden Tag, jeden Monat. Das ist doch ungerecht, so was.
L Ach, das
ist doch nicht unsere Sach´.
Ja, aber wir merken es.
L Merken tu ma es schon, ja. Sie hat die Frage gestellt,
was Unterschied.
Wie der Tag und die Nacht, so ist der Unterschied.
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M:
K:
J:
K:
J:
K:
L Ja, aber wie. Wie war´s?
Ja, überall.
Tag und Nacht, schlechter oder besser?
Hier ist besser, viel besser. Bei uns war´s besser mit der Wohnung zum
L Ja?
Beispiel, für die Miete wir haben sehr wenig bezahlt. Die Preis´ waren ganz
anders, wir haben viel weniger verdient als hier. Die gleiche Leute.
(Das Telefon klingelt.)
K:
Ich bin zum Beispiel Ingenieur, ich war immer tätig 40 Jahre im Bauwesen.
Und ich und meine Frau, wir haben vier Kinder gehabt, wir konnten nicht
Urlaub machen, wir haben dafür kein Geld gehabt. All zu teuer. Und bei uns
da war das mit, um (?), muss man das in Gewerkschaft einreichen und bei,
und dann bekommst du vielleicht eine Karte, Kurkarte, um Kur zu machen.
Darin is´ es großer Unterschied.
O:
Wieso? Kur haben wir doch immer gemacht, jedes Jahr.
K:
Welche Kur?
O:
Das ist doch
K:
L Das ist doch keine Kur.
O:
Ja, was ist das denn?
M:
Sind zu Wolga gekommen (?)
K:
L Ah, Wolga, (?), zwei Kilometer von der Wolga. Da
kann man kann baden.
M:
Nur zwei Kilometer.
O:
L Und du hast Geschäftsreise ganze Russland geK:
L (?) Wer weiß
wohin, Australien, Philippinen, Birma und wer weiß wohin.
M:
L Dort sind kei Kur, die ruhen
dort aus.
K:
L Sie machen aber Urlaub.
M:
L Ja, Urlaub, aber doch keine Kur.
K:
Aber bei uns war (?) ein Kurort,
M:
L Nein. Ich weiß nicht, ich glaub nicht,
K:
Was heißt nein? Aber hier wird genannt, Urlaub machen, dasselbe alles.
M:
Kur und Urlaub, das sind zwei
K:
L (Spricht auf Russisch.)
O:
L Sprich Deutsch!
K:
Ja. Urlaub ist Urlaub. Einfach zu fahren mit Familie, musst du Geld haben.
Und das war dort, zum Beispiel bei uns, die Schulen haben angefangen
1.September, im ganzen großen (?), und hier ist es stufenweise, wo die Leute
(?), jeder Urlauber. Bei uns zum Beispiel, von (nennt eine russische Stadt)
nach Moskau zu fliegen, 1000 Kilometer, das war ein Problem in der
Sommerzeit. So im Winter ja, kannst du fahren, wer weiß, jeden Tag, jede
Woche. Aber in Sommerzeit, Juli, August, September, nein, Juni, Juli, August,
die Monate, war ein Problem. Die Flugzeuge, die Züge, Bahn, war große
Problem. Aber hier bist so was nicht in Deutschland. Kann man buchen. In
jede Ende der Welt.
S:
Und ihre Familie, was würden sie sagen, war der Unterschied im
Familienleben in Russland und in Deutschland?
K:
Nu, Privatleben, bei uns war das, das System war ganz anders in der
Kindererziehung. Das war ganz anders. Zu Haus´ mit den Kindern. Wenn man
geheiratet hat, dann in 9 Monate, 10 Monate, in ein Jahr war, hatte man
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O:
K:
Me:
O:
K:
O:
K:
J:
K:
E:
Su:
K:
Su:
K:
Su:
K:
J:
Kinder gehabt, bekommen, unbedingt. Anders geht es nicht. Und hier, mein
Gott, ist ein Problem, Kind zu bekommen. Leben zusammen, die junge Leute,
von elf Jahre, zwölf Jahre, und auf einmal denken sie, da sind sie befreundet,
14, 20 Jahre, kommen sie zusammen, noch keine Ehe geschlossen haben,
dann sagen sie, auf einmal, wir möchten ein Baby machen. Was heißt ein
Baby machen? Nimmst ein Stück Holz, ein Beil und schnitzt ein Baby, fertig.
@1@
So. So was gibt’s doch nicht. Ein Baby macht man nicht. Das bekommt man.
Und mit der Erziehung ist auch, das gefällt mir nicht hier in Deutschland, die
junge, die Kinder, die Erwachsene auch, egoistisch. Ist alles übermäßig viel,
übermäßig viel. Die Kinder schätzen nichts. Keine Schuhe, keine Hose, keine
Jacke, kein Pullover, kein Fahrrad, kein nix. Heute bekomme ich ein neue,
morgen zerreiß ich sie, übermorgen bekomm ich eine neue. Bei uns gab´s so
was nichts. Das war alles sehr, du hattest erstens mal kein Geld, um das zu
kaufen. Man kann auch die Ware nicht bekommen, wie das in Deutschland ist
der Fall. Hat gute Seiten, hat schlechte Seiten. Und die Schulsystem ist
überhaupt, das gefällt mir überhaupt nicht in Deutschland. Bei uns gab´s in der
Schule, erste Klasse, da war in Klasse über 40 Kinder. Und hier 20, nicht
mehr. Und die lernen immer
L (?)
L Ja, die hört dich.
Die kann das nicht vergleichen. Die Erika, die kann das vergleichen.
Die kommt auch jetzt.
Aber wir haben alles durchgemacht, haben das alles analysiert. Die jungen
Leute machen das nicht, die haben keine Vergleiche. Wo die Schüler, die
bekommen sehr wenige Kenntnisse in der Schule. Zum Beispiel bekommen
sie Hausaufgaben, und die machen sie mit der linken Hand oder mit dem
linken Bein. Zapp-zarapp. Wie ein Katze, wie eine Vogel mit Tatze. Mei,
Rupert, was hat du hier geschrieben, das sind ja keine Buchstaben. Das ist ja
kein K, und so weiter und so fort. Das war da viel strenger alles, viel strenger.
L So
ist das bei uns.
L In Sowjetunion, wo wir waren. Bei uns damals, wo wir waren.
Ja, sie kommen zu Schule, und die Schüler, die Lehrerin, Robert, zeig dein
Heft, hast du Hausaufgaben gemacht? Wieso, meine Frau, die war Lehrerin,
die hat jeden Tag 40, 50 Hefte, so eine Menge, nach Hause gebracht, ich geh
ins Bett abends, und sie sitzt bis elf, zwölf Uhr abends, kontrollieren,
aufbessern. Da geht sie morgen früh zur Schule, nimmt sie alles wieder mit.
Und Ivanov, so und so hast du geschrieben, ganz schlecht, kannst nicht
besser arbeiten, und so weiter und so fort. Und da musst er bis acht auf die
Feder. Aber gibt´s so was nicht, in Deutschland, das ist nicht gut.
L Gibt´s doch,
oder?
(?) korrigieren die Hefte, und sag auch immer meinen Schülern,
L Das ist sehr
gut gemacht, aber wie viel Stunde habt ihr in der Woche?
Ich arbeite jetzt 10 Stunden. Aber
In der Woche? Und im ganzen?
Das ist ganz unterschiedlich. (?)
Das ist viel. Das ist viel.
Unsere Nachbar ist auch Lehrerin, die tut auch die Hefte
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(?):
K:
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K:
O:
K:
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K:
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K:
O:
K:
O:
K:
O:
K:
L Kontrollieren.
Ja, nach
L Je nach Klasse, älteste Klasse, meine Frau hat ja älteste Klasse,
zehnte, neunte, achte. Und hier ist ja wie Gymnasium. So zehnte Klasse zum
Beispiel. Da war das, die haben geschrieben, jeden Tag was. Jeden Tag
haben die was geschrieben. Drei, vier Klassen hat die gehabt. Und da bringt
sie so ein Haufen von Heften, mein Gott, mit zwei Taschen nach Hause, und
sitzt noch auf der Nacht, das alles zu kontrollieren, und morgen früh wieder
austeilen, die Hefte. Und hier haben sie, hör ich im Fernseher manchmal, 15
Stunden, 16 Stunden, die sind überfördert, und in der erste, zweite, dritte,
vierte Klasse zum Beispiel.
Mehr als in Russland, nein.
L (?)
L Aber mehr als
(?)
Das kann sein, ich weiß nicht.
(?)
Ach, Vorbereitung muss man zu Hause machen, das wird nicht bezahlt. So
war´s bei uns. So war´s bei uns. So war´s in Sowjetunion.
L Pa, aber das is nicht so.
Wenn hier jemand etwas will erreichen, dann soll er selber lernen, hinsetzen
und machen. Ne, hier ist noch kein Zwang. Obwohl ich kann nicht sagen, dass
wird weniger gefördert, ne, ich hab hier selber Ausbildung gemacht, im Beruf,
ne, als Krankenpfleger. Ich habe auch gelernt. Nur- O.K., darf ich nicht?
L (Spricht auf Russisch.)
im
Beruf, mein Gott. Bei uns war das zehn Jahre in der Schule lernst du, 17 Jahre
L Du dugehst du arbeiten, 18 zum Beispiel. Bekommst einen Schein, dann kannst du
gehen in die Hochschule. Und mit 20, maximal 22 musst du schon arbeiten.
Aber hier lernen sie bis 40 Jahre. Und hat noch keinen Tag gearbeitet. Ist das
normal so? Is unnormal. So, großer Unterschied ist, da dieses System, das
alte, wo wir waren, und hier in Deutschland.
Das finden sie in Deutschland schlechter als in Russland?
Natürlich find ich das schlechter. Hier in Deutschland, die Leute sterben aus,
die Einheimischen sterben aus. Warum? Sind se arm? Haben sie keine
Möglichkeit, keine Kinder zu erziehen? Die junge Leute sind all zu faul, meiner
Meinung nach. Rauchen, ja, Bier trinken, ja, Kuchen essen mit der Nachbarn,
lalalala, aber Kinder großziehen, nein. Bei uns gab´s keine Pampers,
überhaupt. Die Mutter alles, oder ich zum Beispiel morgens die Windel
aufgehängt. So war das. Hier ist das alles schlecht.
L Nein, das ist erleichtert, mit
der Pampers.
Nein, das ist nicht erleichtert.
Das ist für das Kind viel
L Sicher, das ist erleichtert.
schlimmer, für die Gesundheit, die Pampers. Darum geht es.
Wenn das frühzeitig jetzt mit Pampers getragen wird, das ist nicht schlimm.
Oder? Das sind faule Mutter, die
L Das sind die faule, genau das mein ich
auch, faule Mutter.
L Genau, das ist schon anders.
Und die sind, die haben kein Geld, und die Pampers kosten 40, 46 D-Mark,
damals eine Verpackung, und die braucht paar Monate für ein Kind, fast zwei
Stück, zwei Packungen, das ganze Geld. Und sie hat keine Geld, zum
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Beispiel, was zu kaufen, geht in die Gemeinde, sagt Hilfe, oder wer weiß was
noch. Ja, kauf keine Pampers mehr! Haste Windeln, musste waschen, jeden
Tag. So. Mein Sohn, die (?) wurden so aufgezogen, ohne Pampers. Ganz
normal. Ohne Pampers.
M:
L Zwei Zwillinge, ja?
(Allgemeines Gelächter.)
K:
(?)
J:
(?)
E:
(?)
J:
Das erste Jahr ist was ganz anderes.
E:
In Russland ohne Pampers.
O:
@3@
S:
Der große Unterschied. @1@
K:
(?) Jetzt mach ich (?), und dann geh ich dann los.
O:
Jetzt hast du dann alles kritisiert.
M:
@Ja.@
S:
Finden sie es denn gut in Deutschland?
K:
Im Ganzen? Im Ganzen is gut.
S:
Also sie fühlen sich doch eher wohl?
K:
Ja, natürlich. Und ja, jetzt von Medizin, hier in Deutschland sind auch die Ärzte
sehr verwöhnt. Und mein Hausarzt zum Beispiel, wenn der nach Russland
kommt, der wird da nicht arbeiten. Der bekommt einen Tritt in den Arsch, und
weg is´ er. Die sind gewohnt, zu den Computer, die Geräte, die die haben in
den Geschäfte, aber die haben keine Seele.
O:
L Nicht alle, Pa, das kannst du nicht
allgemein sagen.
K:
Das ist 100%.
Ich hab viel damit zu tun gehabt, das ist
O:
L: Das ist doch Quatsch.
K:
kein Quatsch, das ist meine Meinung.
O:
L Ja, warst du da in Russland beim Arzt?
Du warst doch gar nicht da. Du warst nur gesund da.
K:
Ich war in Russland, ich war in Krankenhaus paar Mal, trotzdem, die Ärzte, die
Russen, dene muss der Mensch nicht die Kranken heilen, aber den Mensch
muss man heilen. Den Mensch. Und dann hier nur den Kranken, nicht den
Mensch. Darum geht es. Das ist großer Unterschied.
O:
Du hast doch gute Hausärzte.
K:
Welche Hausärzte?
O:
Ja, den Bauer. Die Mama war begeistert, und du jetzt kritisierst den wieder.
K:
Ja, ich kritisier´ nicht, im Ganzen, mein ich. Jetzt zum Beispiel, du hast, ich
geh auf Notarzt zum Beispiel, und dann (?), der ist ein wenig (?), es geht
schon. Jetzt will die Maria eine Kopie davon, tust vergleichen, haha, nur zum
Beispiel, 130, wo ich hab 240. Normal so was, zum Beispiel? Das ist doch viel
zu viel. Nein, das geht schon.
Das geht nicht.
O:
L Na, die wissen doch.
M:
Bist doch schon alt genug.
@2@
O:
L Genau. @2@
K:
Und die Anwälte. Das ist, solche Leute, die bekommen noch das Geld von den
Kunden, und keine Verantwortung tragen sie, überhaupt nicht. Da kommen sie
mit der (?). Ja, herzlich willkommen, dädädä. Bei uns zum Beispiel, da kommt
dann in zwei Wochen ein Brief, 120 Euro. Wofür?
O:
L Ja, jeder möchte Geld haben.
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K:
O:
K:
M:
O:
M:
O:
K:
M:
S:
K:
Da warst doch auch schon beim Anwalt.
Ja.
Ja, was willscht denn du dort?
@2@
Ja,
Ich war noch bei keinem, brauch ja auch keinen.
Ich war schon paar Mal.
@2@
Du kennst die all´.
Ich sag, du musst die Gesetze. Die Todesstrafe gibt´s nicht in Deutschland,
das ist schlecht.
War nicht in Russland, Todesstrafe.
Damals war.
(Spricht Russisch.) Vor 2 Jahren ist die nur
L Lange, lange zurück.
abgeändert worden. Als es gibt die europäische Gemeinschaft, und da haben
sie in Russland auch das Gesetz geändert, und da ist die Todesstrafe weg. So
war das.
L Das war
L Ich war ja (?)
(?) schlechte Sachen, und da gibt’s keine Todesstrafe, 15 Jahre. Aber weiß,
L Oder? Todesstrafe? In Russland war dochwenn er auch Rentner mal soweit, in 12 Jahren ist er zu Hause. Ach, das ist
nicht normal. Finde ich.
Naja.
Und die jungen Frauen zum Beispiel bekommen ein Baby, oh, eingewickelt,
und weg is´ sie. Oder in den Weiher geschmissen oder in die Zeitung gelegt.
So was.
Das ist auch nicht normal, so
L Aber so was gibt´s in Russland doch auch.
was. So was gab´s in Russland nicht.
L Oh, ja. Ja, ja.
Das wurde nicht geschrieben.
L Das wurde nicht gezeigt in Fernsehen.
Genau.
Aber im Ganzen, natürlich is´ hier viel besser.
Na, ist besser, aber du sagst, alles dort war besser.
Sie haben jetzt vieles so erzählt, was nicht gut ist. Vielleicht können sie noch
ein Beispiel sagen, was gut war.
Nä, warum? Hier ist sehr zuerst, hier ist die Bauwesen aus sehr viele gute
verschiedene Materialien. Was du machen kannst, das gibt’s alles zu
verkaufen, kannst du bauen, ein Paradies, eine Palette dies, oder 2 oder 3
oder 6 Stück. Da war, da gab´s das nicht. Und (?) kann man messen, wie man
will. Ein Millimeter plus minus in Deutschland, nur ein Millimeter. Nicht mehr.
Aber bei uns plus minus 2 Zentimeter. In alle Richtungen, Länge, Breite.
Überhaupt, das ist kein Vergleich, überhaupt. Kann man nicht vergleichen.
Und dann diese Maschine im Bauwesen, zum Beispiel, das ist alles ganz
anders als wie in Russland, alles viel besser, viel viel besser. Keine Frage. (2)
Aber die Leute sind nicht sparsam, das merkt man. Die Leute sind nicht
sparsam. Das ist das Schlimmste. Ich zum Beispiel, ich bin gewohnt. Mein
Socke bekommt ein Loch, komm ich dann nach Hause, das Loch muss man
stopfen. Ich brauch doch keine Socke kaufen. Aber hier so gewohnt. Oder
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Kinder. Hier nicht sparen. Oder kleiner junge Frau, die kann noch keinen
Knopf annähen, glaub ich. Und der Knopf weg ist, alle.
Me:
L Du machst mal
M:
L
Das zeig ich (?)
O:
L @4@
(Allgemeines Gelächter. Unterdessen betritt Erika den Raum.)
M:
Der hat dich jetzt kritisiert.
O:
@2@ Unser Kritiker.
M:
Er hat gesagt, du kannst kein Knopf annähe.
Er:
Was kann ich nicht?
K:
Die Erika kann´s.
Die Erika kann, aber die meisten können das nicht.
M:
L @Ah.@
O:
Knopf annähen.
Er:
Knopf annähen?
J:
L Nur deine kann? @1@
K:
Vielleicht (?), auch nicht stopfen, Knopf annähen.
O:
L Das müsste eigentlich auch in
Schulen eingeführt werden.
Ja, mit Kindern. Ja, ist richtig.
S:
L Mit Kindern.
M:
L @3@
K:
L @2@
K:
So, spasiba.
S:
Vielen Dank.
O:
L Für deine Kritik. @2@ Kannst vielleicht ihn begleiten?
E:
Ja.
Me: Tschüss, Opa.
(Konstantin verlässt den Raum.)
O:
Erika, komm her.
(7)
O:
Ja, was mir, zu diesen Jugendlichen eigentlich, was ich zum Beispiel einführen
würde, ne, dass auch in Schulen so was gibt. Weil wir haben zum Beispiel
nähen, stricken in Schule gelernt. Hier, gibt´s so was?
Er:
Ja. Aber bisschen weniger.
O:
Oder doch. Ich weiß es nicht. Und diese Sitten, wie man sich benehmen soll.
In Russland ist das unmöglich. Manchmal hört man, oh ne. Die Beine
aufsitzen, oh ne, und keiner sagt was. Das heißt nicht, dass lange nicht, dass
das auch in Russland so gewesen. Aber vielleicht doch in Schulen diese
Sitten, dass man älteren Menschen Platz machen soll, vielleicht doch
einführen. Weil, wir haben das von erste Klasse in Schule gehabt. Ne? Das
wurde in erster Klasse als Unterricht auch unterrichtet. Und jeder kleine Mops
ist raus gekommen und versucht das umzusetzen im Leben. Das war so.
J:
Aber man darf auch nicht vergleichen, hier und dort. Dort bist du gefahren in
die Stadt, das hast du gefahren 15 Minuten. Und hier fahren se bis Osnabrück,
manchmal noch weiter
in die Schule, ja. Die sitze.
M:
L In de Schule.
L
Die stehen morgens früh auf und müssen weg. Das (?)
J:
Ist auch nicht grad so leicht, müsse me auch verstähn.
O:
L Ja, das stimmt
eigentlich. Das war ganz zum Beispiel bei uns waren Schule ganz nah. Das ist
maximal 7 Minuten zu laufen, ne. Aber vielleicht auch nicht so (?)
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M:
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(6)
S:
Er:
O:
Er:
M:
Er:
O:
Er:
L Ich will
L Schule,
waren denn in Unterricht, da waren auch vier (?)
sagen, (?) mit em Vatertag, das (?), mit deinem Vater, wie der Ewald sagt das,
(?), Vater, sag ich, aber des is so wie mei, ich san immer, ich bin aus Sibirien,
ich bin in Sibirien geboren. Das waren kleine Dörfer fünf, vier Kilometer
auseinander, na wenn du Schule gehat, hier waren so viele, hat gesagt, han
sogar bis vier Klassen, eine Zimmer gelernt, ja. Bei uns auch vier Klasse, erste
und dritte, und zweite und vierte. Un später hen se dies alles ist (?) worde, die
Dörfer sind ähm dies (?) Zentrallager. Warum? Weil die haben ja kein
Transport, hen se gesat, vier Kilometer han sie (?), han Pferde, Wagen, alles
war ja. Nur wege dene, die (?), und wir waren die (?), ich bin so stolz auf dies
gewes. Hin un zurück.
Mit Schulbussen.
L Du meinst mit Schulbussen?
Ja, ist doch(?) nich raus. Wie soll ich sagen, mich träbt ihr raus, aber mein Bus (?), mhm.
Mich gefällt das sehr. Hier das Lernen kann ich nichts sage. Ich bin noch nicht
gelernt. Drei Klasse auf Deutsch gelernt, die vierte auf Russisch. Und
L Aber
einerseits sehr gute Busverbindung. Sehr pünktlich. Weißt du selber, im
Minutentakt, ne. Ganz genau, rausgehen. Und da konntest du manchmal halb
Stunde warten und wusstest du immer noch nicht, ob kommt oder nicht
kommt. Wenn du Glück hast, ist er in fünf Minuten, aber kannst auch Pech
haben. Und andere Seiten, zum Beispiel, diese Verbindung von S. zu O. ne,
weißt selber, letzter Bus am Neue Markt, ist halb neun, das ist auch keine Zeit.
Drum muss man immer 2 Autos haben. Damit man von irgendwo entfernt in O.
dahin kommt.
Und ähm du, Erika, du bist doch auch in Russland schon zur Schule
gegangen. Was würdest du sagen, was die Unterschiede sind zwischen
Russland und hier?
Da fand ich es besser. Weil es strenger war.
Das war wirklich streng.
Du durftest nicht rumhampeln, du musstest die ganze Zeit so sitzen, so ganz
stramm, so ganz grade, und ähm, wenn du eine Frage hattest oder eine
Antwort, musstest du dich so melden, ne, und so hab ich Disziplin gelernt.
Auch diese, viele Deutsche sagen, wenn sie aus Russland kommen, sie
haben so ne schöne Handschrift. Echt bei allen so. Und äh, ich weiß auch
woran das liegt, das wurde richtig trainiert in der ersten Klasse. In der ersten
Klasse, wir haben richtig, die ganze Zeit,
Genau,
L Schönschreibehefte gehabt.
ganze Hefte mussten wir voll schreiben. Kreise und irgendwelche Eckchen
und Buchstaben, mussten wir auch mal (?) schreiben.
L Und da, weißt du, das ist
noch ein System, Lehrerin stellt Fragen, und dann musst du zur Tafel kommen
und antworten, ne, und da war auch dir peinlich, wenn du was nicht gewusst
hast, ne, weil, du stehst vor ganzen Klasse und du musst dich präsentieren.
Und das war das jede Stunde so. Und (?)arbeiten und Diktaten, alles
regelmäßig.
Genau, oder wir haben irgendwelche Texte so zum Lesen bekommen, dass
wir am nächsten Tag ähm, irgendjemand wurde dann gerufen und musste
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M:
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J:
M:
J:
O:
J:
dann zur Tafel gehen, den ganzen Text wiedergeben als Inhaltsangabe oder
ganz wiedergeben, so was
Ganz viel Auswendiglernen.
L Auswendiglernen.
Gedichte, Gedichte.
L Gedichte, ja sicher.
Ja, aber hier ist das nicht.
Ne? Gedichte?
Nur so ganz kleine. Wir haben richtig lange Gedichte, das waren richtig lange
Teile. Konnst du richtig stehen, stehen und die ganze Zeit erzählen.
Und du fandest es auch als Schülerin besser in Russland?
Ja. Und wir hatten auch Kleiderordnung. Natürlich hatten wir dann in der
fünften oder sechsten wurde das abgeschafft, dass wir die gleiche Kleidung
tragen mussten. Das war mir natürlich am Anfang ganz toll, aber wenn ich das
jetzt hier seh, na ja O.K. Ich glaube, es würde doch besser sein, wenn wir
Kleiderordnung hätten. @1@
Ja? Warum?
Da sind die Schüler eben alle gleich, da sind nicht so diese
L Markeklammotten
hier, Marken da.
Man verschwendet dann mehr damit am nächsten Tag, was ziehe ich an, als
damit, welche Hausaufgaben habe ich noch nicht gemacht. So.
Ja, das wär doch schein. (?)
Ja, genau. Das ist wirklich so. Ich hab mich ständig, ständig abends überlegt,
was ziehe ich am nächsten Tag an. Das hat schon ein bis zwei Stunden
gedauert, bis ich fertig war. Und dann wusste ich immer noch nicht. Und am
nächsten Morgen entscheidest du dich dann, tausend Sachen angezogen,
ach, passt doch nicht. Und dann wieder. Ganz schrecklich.
Diese weißen Kragen, die musste man selber nähen. Meine Mutter hat immer
mir, das heißt, ich hab selber gewaschen die und selber genäht, umgetauscht,
ne. Das hatte ich zum Beispiel hier 3 komplette, und immer wieder wurde
umgetauscht, und das hat jede Mädchen gehabt.
Und die Jungs?
Die Jungs war auch.
Oder?
L Auch. Der weiße Kragen.
Doch. Unser Peter hat das
auch
Die haben auch.
L Ja, das weißt du.
Ja, das war nicht schlecht.
Ja, das war viel einfacher für die Kinder, auch für die Eltern.
Dieses von der Schule lernen, ich hab immer gesagt, (?), die Eltern sind
erschossen worden, ich hab schon immer gesagt, wir haben schon 56 Erlobnis
gehat zum nach Deutschland zu gehen.
L Ja, net Erlaubnis, ein Visa haben wir
gehabt.
Erlaubnis, Visa, (?) Hab ich immer gehört, ich möchte viel schlechter, äh ich
wär´ zufrieden, wenn ich hier schlechter als dort, aber ich will nach
Deutschland, weil ich en Deutscher bin und so. Naja, is es ja, jetzt sind mir
hier. Ich bin auch ganz zufrieden. Aber am Anfang war es mir sehr schwer.
Sehr schwer. Da war es mit die Ernte, da war dies (?), is wir haben nit viel
verstande auf deutsch, aber (?) es war schrecklich.
Aber jetzt
L Aber, weißt du was, was mir
ist es alles
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O:
weh tut, zum Beispiel für ältere Menschen, oder wenn ich das höre jetzt, ihr
kriegt Rente von uns, du, da (?), und dann stelle ich mir Frage, die ganze
Leben, ihr habt immer noch nicht aufgehört bis heute zu arbeiten, auch zu
Hause. Und ganze Leben nur malocht und Kinder erzogen, ne, und dass sie
jetzt Rente beziehen von deutsche, von deutsche Kassen, sind sie nicht doch
Schuld, ne, dass Deutschland als Regierung soll auch mit Russland
irgendwelche Verträge oder sonst was machen, damit die auch Rente hier
bezahlen, ne. Die ist doch nicht Schuld dran, beleidigt zu werden zum
Beispiel.
J:
L Ich sach mal was. Aber dies ist doch nicht zu mache(?)
S:
L Habt ihr das
schon erlebt, dass ihr beleidigt wurdet?
O:
Absolut. In Krankenhaus, ich höre ganz schön oft.
S:
Dann als Russlanddeutsche?
O:
Ja, ja die sind manchmal für mich offen, oder die lesen irgendwelche Zeitung,
dann äußern sie sich. Sicherlich, wenn ich dabei bin, dann rede ich. Das geht
nicht um irgendwelche Streitigkeiten. Ich sage nur meine Meinung und erkläre
unsere Position, wie ich das empfinde, ne, so wie ich jetzt das gesagt habe.
Ich bin zum Beispiel, dass ich solche Schwiegereltern habe, die das ganze
Leben so fleißig gearbeitet haben und die müssen Rente bekommen, das das
und das geht auch nicht. Und das ist auch gerecht.
S:
Und so jetzt bei den jungen Leuten, erlebt ihr das auch, dass ihr Ablehnung
bekommt, weil ihr Russlanddeutsche seid?
Er:
Hab ich noch nie gehört. Ja, vielleicht zu Anfang, aber ich hab das nicht so
realisiert dadurch, dass ich das nicht so verstanden habe, ich weiß nicht, ich
glaub, ich bin da zu naiv für. @1@ Ich hab mich immer zurückgehalten.
E:
L Ich
merke, dass dies auch prägt auch so, (?) die Regierung,
O:
L Aber in Schuljahr hast du
das nicht empfunden, dass dass irgendwelche Unterschiede gemacht
wurden?
Me: Wenn die Lehrer einen mögen, dann
O:
L Aber sie machen keine Unterschiede
zwischen Hiesigen und Aussiedlern zum Beispiel?
Me: Kommt drauf an welche Lehrer. Es gibt so welche, die richtig gegen Aussiedler
und
O:
L Gibt es so was?
Me: (?)
S:
Wie empfindet ihr euch? Als Deutsche? Als Russen oder als Deutsche aus
Russland? Wie empfindet ihr euch so?
Er:
Beides.
Me: @2@ Deutsche aus Russland. @1@
S:
Ja, als Russlanddeutsche?
Er:
Ja, also ich würde nicht sagen, dass ich jetzt ganz Deutsche bin, weil ich hab
viel auch noch von damals, ich kann das nicht vergessen, ich hab viel
Erinnerung.
E:
Wie versteht ihr das Russlanddeutsche oder Deutsche aus Russland?
O:
@2@
E:
@1@
S:
Ne, ne das war nur (?)
(Allgemeines Gelächter.)
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Die hat nur gemeint, als Hiesige schon oder wie sie sich fühlen.
Ich hab verstanden.
@3@
Wie fühlen sie sich denn? Als Deutscher?
Ich kann nur eins sagen, also wie wir hierher kamen, ja, (3) und haben eine
Wohnung gefunden, wo ein Seniorenhaus, ja, wir sind dort rein gekommen,
ich kann nur sagen, nur Gutes von den Menschen sagen, die haben uns gleich
anerkannt, dass wir Deutsche sind, ja. Das waren aber nur ältere Menschen
da drin, das ist ein Seniorenhaus. Aber die haben uns anerkannt als Deutsche,
haben uns mitgeholfen in allem, die haben uns Geschirr gebracht und haben
uns Möbel gebracht, sogar die die Gardinen gebracht und haben sie selbst
angehängt, ja. Und ich bin immer noch dankbar diesen Menschen, viele sind
schon tot von ihnen, sin´ aber noch paar geblieben, und wir tun noch immer
zusammenhalten, ja. Ich kann nicht glauben, dass wir nicht anerkannt worden
sind. Du weißt noch, der erste Abend, wie wir bei (?) waren.
L Ja, das stimmt.
Wir konnten die Sprache, wir haben gesprochen, wir haben kein Probleme
gehat mit der Sprache und alles.
L Ich bin immer noch der Meinung, also ja, es
gibt vielleicht das junge Volk, das den Krieg vielleicht noch nicht erlebt hat,
aber die Menschen, die den Krieg und das alles erlebt haben, ich denke, die
sind anders wie das junge Volk. Ich war ja auch in der Kriegszeit hier in
Deutschland, in Leipzig, und da war auch, die haben auch ja uns genannt
Schwarzmeerdeutsche, damals, jetzt sind wir Russlanddeutsche, damals
waren wir Schwarzmeerdeutsche. Ja, die Menschen, die waren auch alle gut
zu uns, und am Ende des Krieges sind die Russen rein gekommen, die haben
uns dann zurückgeschleppt. Die haben uns nicht in unsere Heimat geschickt,
sondern in Wohnorten in Wald verbannt. Ich war bis 46 kann man sagen, unter
Kommendature, ich durft´ kein 10 Kilometer von dem Ort weg, wo ich
hingeschickt wurde. Ja, und, sicher nachher ist ja ganz anders geworden. Und
die letzte Zeit konnte man ja nicht klagen. Aber Vater hat gesagt, also da
konnte man ab der zehnten Klasse eintreten, wo du wolltest. Des war die
letzte Zeit, aber der ist gekommen, da konnte man noch nicht eintreten, wo
man wollte.
Vor allem, wenn man Deutscher war.
Ja, weil man Deutscher war. Da konnte man gar in die Hochschule nicht
kommen.
Ja, das gab Probleme mit di Deutschen.
L Das war ein großes Problem, die waren
durften ja noch nicht mal in die Armee, sind ja noch nicht mal genommen in
die russische Armee. Das war, das war mein Bruder, der sollte, wann war das,
in die 30er Jahre, da durften die schon nicht mit den Russen in die Armee,
sind die nicht mehr eingezogen worden.
Das war damals ein Problem, ja, auch mit die Arbeit, kannst noch erinnern
durch die Jahre, wie, war ja Näherin, wurde eine Schneiderin gebraucht, kam
ma dorthin, musste Pass vorzeigen, (?)
L Das wurde immer abgelehnt, ne, nur
weil die Deutsche war. Und dann gab´s bestimmte Berufe, wo man absolut
nicht anfangen konnte.
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L Ja dies war überall, das hat man so gespürt. Des war
sehr schlimm. Da konnt ich hundertmal (?) der war Buchhalter, hat er gut
gearbeitet, hat dann Streit bekommen mit dem Chef, ja und
L Und das war ja
so wieder eine (?)
Zum Beispiel, dass
Ich hab nur gesagt, und da war eben auch noch der
andere, der (?) is nich dran gekommen. (?)
Wenn du (?) dann zur Arbeit gehst und kein Zeugnis bekommst, kriegst auch
kei Arbeit.
Des is überall so.
L Ich, von dem geh ich weg, geh ich zum anderen Platz,
L Ja, wann
L
Mutter, wo die geboren is, ne, das is, das is eine Liste, wo alle Einwohner,
Namen drinstehen und so viele die erschossen haben. Innerhalb eines Jahres,
ne?
So ´37 Oktober bis ´38, nein, von ´37 März bis ´38 Oktober haben sie in
unserem Dorf 113 Mann.
L Auch Jungs, von 18 bis
L Biste obe komme auf die
Arbeit, hem immer gefragt, ob der no (?) pressierte, um ´37. Und dieses alles
L Pressierte.
da, des war, ich hab immer gesagt, nix, ich hab nix mit dem zu tun.
L Und das von
diesem Traum, das zum Beispiel alle Haushalte verloren haben, einfach von
heute auf morgen weg, von dem Gebiet, wo die gewohnt haben, ne. Und diese
Schmerz, ich glaub der das
Ende Kassette 1 Seite 1
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die da gewohnt haben ein Jahr, ne, wie wenige Familien, ne. Und zum
Beispiel da hab ich´s so empfunden, und ich kam auch als Deutsche hierher,
ne, und jetzt ist schon was ganz anderes. Nun ja, das ist Frage von
Generation. Das geht weg alles.
Und wie fühlt man sich denn hier? Auch als Deutsche oder eher so, die
Einheimischen sind doch ein bisschen anders?
Mehr, ich mach keine Differenzen zwischen Menschen. Gibt’s gute Menschen
überall, gibt´s schlechte Menschen überall. Und so wie Mutter sagt, ich bin so
vielen dankbar darüber, dass wir so gut aufgehoben hier, von vorne, ob das
Frau Schröder is, ne, die haben so viel geholfen, einfach so. Und da waren
sehr viele bereit.
(Hatte scheinbar den Raum verlassen, um eine Karte zu holen)
L Darf ich mal unterbrechen, mal zeigen, das ist mein Heimatdorf
L
Mannheim.
Mannheim?
Das ist Mannheim.
(?)
(?) @1@
Ja, ich hab in vielen Aussiedler (?) gesehen. Wo haben sie denn gewohnt?
Meine Eltern haben hier gewohnt.
Ja, sehr schön. (?)
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Alles auf deutsch auch. Das waren richtig deutsche Dörfer. Die nach dem
Krieg alle.
L Das war ein ganzes Dorf, das nur gebaut wurde von Deutschen?
Gebaut.
Ja, ja alles Deutsche.
L Sind alles deutsche Namen.
Richtig so ne Siedlung. Haus an Haus? Da war dann kein Platz dazwischen?
Nein, da war so wie jetzt e´ Grundstück, da war die Straße und die Häuser
haben jetzte so gestanden. Ja. Und da unten waren dann die Gärten, und bei
unserer Seite, oben, da waren hier die Gärten, ja. Und da sind dann die
Straß´, die habe sich dann die (?), und so ging das.
Die Grundstücke waren groß.
L Hektar.
L Also wir haben ein große, ein Hektar
Grundstück.
Und was, wenn ich das richtig verstanden hab´, hier waren die Häuser?
Ja, die Häuser.
Und auch so schmal dann?
Das steht auf´m Grundstück, ja, unser Haus (?) maximal, hier waren die zwei
Eingänge, unser Häuser waren ganz schön lang. Ja. Und da wo (?) und dann
stellt man hier was (?),
L Ja. Interessant.
Und bei uns sind ja die deutsche Dörfer, wo der Knester ist, der (?) ja. Die sind
ja am Knester gebaut. Mannheim, Bamberg, Elsass und Selz, Basel
Straßburg.
Des waren lauter, und das waren alle, des ware die
L Siehst du? Alles deutsche Namen. Die haben die übernommen.
katholischen Dörfer, ne. Und Odessa weiter raus, dort waren die
evangelischen Siedlungen, auf der anderen Seite. Und noch mal auf der
anderen Linie, also unser Bahnhof, wo der Zug war, war elf Kilometer von hier
weg. Und mir waren von Odessa 20, 40 Kilometer weg. Und dass, wenn wir
nach Odessa wollten, dann mussten wir elf Kilometer zu Fuß gehen und dann
konnten wir mit´em Zug nach Odessa fahren, ja.
Und waren sie dann in einem katholischen Dorf?
Ja.
Also sie sind katholisch?
Ja, ich bin katholisch. Was die sind, weiß ich nicht. @1@
Auch katholisch. Wir sind auch katholisch. Und wir sind erst hier getauft
worden, was ich sehr gut finde, absolut. (?) Des des Kirche is, is gleich so wie
Heilentum, ne.
Is wie was?
Heilentum.
Ja, wie hast du das empfunden? Ich weiß nicht, ich fand
L Heiligtum.
das sehr gut. Dass Kirchen gibt, dass so was gibt überhaupt, dass zu Kirche
gehen kann. Ne.
Ja, ich muss jetzt jeden Freitag zur Kirche mit meiner Schule. Ein
Frauenkloster ist das.
L Ach so. Hoho. @1@
L @2@
Ich darf morgen früh eine Stunde lang in der Kirche sitzen.
Ja, kannst du beten für deine Sünden. @2@ Da hast du genug. @4@
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S:
Besuchen sie denn als Familie auch immer die Gottesdienste sonntags,
katholische Gottesdienste?
Er:
Außer, wenn wir in Bad (?) sind, wo ihre Schwester wohnt, also meine
Firmpatin,
Wenn wir da sind, da gehen wir zur Kirche.
O:
L Da wo sie getauft sind.
L Meine
Mutter und (?) die gehen auch immer hier in die Kirche. Ich weiß nicht, ich find
das ganz toll, wenn ich nachher vielleicht ein bisschen mehr Zeit habe, wenn
ich in Rente bin, dann geh ich auch. @2@ Aber das heißt nicht, dass man
nicht an gute Sachen glaubt, oder nicht macht. Zum Beispiel Schwiegermutter
sagt, musst nicht unbedingt zur Kirche gehen, um gute Tat zu machen.
Me: Hauptsache Glauben.
M:
Ja, und ich denke auch manchmal, dass ich hab nich´ unbedingt. Meine Mutter
hat immer so gesagt, auch das Vater unser zu Hause beten. Weil sie war ja
mal Magd bei unserem Pfarrer, und der hat auch immer gesagt, Katrina, das is
e Kindererziehung, deshalb sind beide, der Peter geht mit de Kinder jeden
Sonntag zweimal in die Kirche, und ich bet mein Vater unser zu Hause, und
koch bis sie von der Kirche kommen. (5) Und da war er auch wieder zufrieden,
der Pfarrer. Ja, und so bin ich, ich bin auch kei Kirchengänger, solang, dass
wie die anderen noch auf dem (?) war, und der Johann (wohl ein Enkelsohn)
war klein, und da bin ich oft mit ihm, mit dem Kind in die Kirche gangen, und
da haben die anfangen zu bauen, und Opa, der hat auch müssen mithelfen,
und da hab ich auch schon kein Zeit nicht mehr gehabt. Weil ich ja musst
warmes Essen dem machen, ja ja sicher sicher, des is halt so.
J:
L (?)
O:
L @1@Hat keine Zeit gehabt.
M:
Und da hab ich den Kleinen, ist dann auch nicht mehr gegangen, die Kirche,
und ich auch. Wenn das nicht passiert wär. Der Johann, der wollt Messdiener
werden. Und weil die Oma nicht mehr mit ihm ging, und dann schwupp alles.
J:
L @3@
M:
Da wär der Johann heute Messdiener. Ja.
O:
Und wie habt ihr das empfunden? Mit Kirche.
(Die beiden Mädchen lachen.)
Er:
Ich wollt auch Messdiener werden.
M:
Messdiener?
Er:
Außerdem wollt ich nur in Bad (?), in Bad (?) kannt ich mich aus mit der
Kirche.
S:
Habt ihr da gewohnt?
Er:
Ja, ein Jahr.
O:
Aber da auch getauft und Kommunion und Firmung. Du liebst Adonis-Kirche.
(4)
M:
Ich weiß nicht. Wir sind hierher gekommen nach Deutschland, dass wenn wir
schon, wenn wir auch nicht werden so anerkannt, aber die Kinder, die sollen
eine Heimat haben. Und wir sind ja immer deutsch gewesen die ganze Zeit,
obwohl wir unterdrückt waren, aber wir haben immer noch unser Glauben
gehabt und sicher die Sprache, weil wir ja in der Großstadt gewohnt habe, wir
konnten drei Jahre nicht sprechen. Wir haben vom ältesten Sohn russisch
gehört. Der hat, der war sechs Jahre älter. Der hat bis fünf Jahre hat er nur
deutsch gesprochen. Und da kamen wir in andere Wohnung, da kam das Kind
raus, auf´n Hof und da hat er die russische Sprache gelernt, da hat er´s gut
verstanden. Da hat er aber schnell gelernt. Aber kein ein Wort mehr deutsch
gesprochen, der hat Abendbrot nich gekriegt, dann musst er in der Ecke stehn
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S:
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J:
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M:
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M:
und hat sowieso nicht deutsch gesprochen. Und da sind die geboren worden,
und da hat er russisch gesprochen, und wir haben deutsch gesprochen. Die
waren drei Jahre alt, die zwei beide, und die haben noch nicht gesprochen,
weil sie nicht wussten wie.
L Da war ich bisschen Schuld dran, auch mit dem
Peter. Ich hab immer gepr(?), gestraft und alles gemacht, und der hat (?), ich
sprech´ nicht. (?)
L Ach sie wollten, dass er deutsch spricht?
Mir wollten die deutsche Sprache erhalten. Ja, ja. Leben 100 Jahre in
Russland und wollen die deutsche Sprache erhalten. Und jetzt nach´em Krieg
ham´mer gesagt, is alles vorbei.
Also ist es für sie so, dass sie sich deutsch fühlen?
Ja ja.
Ja sicher, ich bin Deutsche. Ich sage, hab das auch noch niemandem (?), und
das hört man ja auch, wenn ich russisch spreche, dass ich keine Russin bin.
Die (?) hat es auch gemerkt.
L Die hat für 20 Jahre kein Russisch gelernt, die konnte
gar kein Russisch sprechen.
L Ich bin nach´em Krieg, wie se uns wieder
verschleppt haben nach Russland, ja. Ich konnte kein Russisch. Das ist
schwer. Und da hat man keine Sprachstunde bekommen, aber das mussten
wir selbst lernen. Ich hab Russisch gelesen, obwohl ich hab nix verstanden.
(3) Jasi er geht arbeiten, 2.Schicht, wie der Peter noch klein war, da hab ich
auf´em Herd gesessen, ja, bei unserem Ofen und hab russische Zeitung
gelesen.
Ich musste doch was wissen, ich musste
L Nichts verstanden, aber gelesen.
einkaufen, ich musste auf Arbeit, ja. (2) Also des is schwer, wenn man das
nicht kann. Ich weiß noch, wie ich im Wald, da hab ich, wir waren in so´nem 16
Quadratmeter Zimmer, waren wir 12 Mann. Und Menn o Menn, da war ein
Mutter mit drei Kinder, ja, und da war ein Ehepaar mit zwei Kinder, und da war
eine Mutter mit ihrer Tochter. Meine Mutter und ich. Und da war noch eine
Tante mit einem kleinen Enkelkind. Der ihre Tochter mit den anderen Kinder,
die is in Dresden damals umgekommen, wie die Engländer so bombardiert
haben, ja. Und sie hat das Kind bei sich gehabt, die Oma, und da ist die auch
mit dem Kind wieder zurück nach Russland. Da waren wir alle in einem, wir
waren nur in einem Zimmer. Und da sind die Mäds(?), das waren Deutsche,
die was ihre Eltern in der dreißiger verschickt worden sind, ne, ausgesiedelt,
enteignet, und weggeschickt und von dene ihre Kinder, die sind (?) dann nicht
mehr aufs Land gegangen, die waren dann in den späten Jahren, und die
konnten nur Russisch. Ja, dann, jene ihre Kinder und dene ihre Kinder, die
jüngeren. Die konnten Russisch. Da gingen die und haben sich Mehl erbetet
bei unserem Arbeitgeber. Der hatte für jeden ein Kilo Mehl war
ausgeschrieben. Wir hatten ja nix zu essen. Wir haben ja gehungert. Ein Kilo
Mehl ausgeschrieben. Und ich war gerade nicht zu Hause, und da war ich ja
nicht beteiligt. Wenn ich zu Hause gewesen wär, wär ich ja auch mitgegangen.
Da wie ich kam, sagt meine Mutter, die haben Mehl bekommen, geh auch. Da
sagt ich, wie soll ich denn dem das sagen. Nan ja, du geh, wir wollen doch
auch was essen. Da bin ich gegangen, bin rein, hab angeklopft, da bin ich
gestanden, ja, ich hab gekriegt. Da meint er, ich hab auch schon verstanden,
da meint, na Margareta, was willste denn du. Auch Mehl? Hab ich genickt, ja.
Da hat er mir 2 Kilo ausgeschrieben, weil mich die Mäds nicht mitgenommen
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Er:
(?)
O:
S:
O:
Me:
S:
Er:
S:
Er:
(4)
S:
Er:
S:
Er:
haben. Ich konnt ja nicht Russisch sprechen, und sie. Und wie ich nach Hause
kam, da hat ich zwei Kilo Mehl. Jetzt haben die (?) 2 Kilo gekocht, und wir nur
ein Kilo. Das war, weil ihr mich nicht mitgenommen habt, nächstes Mal nimmt
mich mit. (4) Es ist schwer, wenn man nicht kann sprechen.
Ja, ja. Sprecht ihr denn noch Russisch?
Ja.
Es ist schlecht, sehr schlecht.
Mit Akzent wahrscheinlich.
Oh, das wird auch keine gute Sprache.
Akzent hat (?)
Sprecht ihr in eurer Freizeit Russisch?
Ja, also ich hatte früher nur deutschen Freundeskreis und da hab ich ja kein
russisch gesprochen, da hab ich das verlernt, würd´ ich sagen, weil mir fiel es
immer schwer mich auszudrücken. Und seitdem ich jetzt wieder einen
russischen Freundeskreis habe, wird’s immer besser. Ich denk ma, ich
spreche schon bisschen besser.
Warum hast du wieder russische, wahrscheinlich russlanddeutsche?
Durch meinen Freund.
Hast du jetzt praktisch nur russlanddeutsche Freunde?
Ja, ein Misch-Masch.
(?)
Ne. Also, nein, als wir in O. gewohnt haben, da hat ich viele deutsche
Freunde. Und jetzt sind wir hierher gezogen, und meine beste Freundin, die
ist, kommt auch aus Russland. Ja, so unterhalten wir uns halb auf Russisch.
M:
Johann versteht noch, aber sprechen kann er nicht.
Su: Wie ist das bei ihnen, haben sie mehr russlanddeutsche Freunde?
E:
Mehr Russen. Gibt’s auch Deutsche, aber
die sind Deutsche, aber die
M:
L Ich hab deutsche Freunde. Ich hab deutsche.
E:
Mentalität ist russisch. Bei uns. Darum.
O:
L Obwohl ich
S:
L Fühlen sie sich so?
E:
Klar. Mehr Russen.
S:
Und wo ist da der Unterschied? Wo sehen sie, dass die Deutschen hier
anders sind als sie?
E:
Ja, puh, normalerweise (spricht auf Russisch)
J:
L Es ist schwer, dies ist schwer.
M:
Er arbeitet jetzt schon immer unter Deutschen, ja.
E:
L Russlanddeutsche sind,
trinken Wodka zum Beispiel. Deutsche trinken mehr Bier. @2@
(Allgemeines Gelächter.)
E:
Das auch Unterschied. @2@
S:
L @Das mag sein, ja@
M:
Nein.
Ich hab deutsche Freunde.
E:
L Spaß dabei.
O:
Man tanzt auch mehr. Wenn die zum Beispiel feiern, bei Deutschen, oder,
wenn die zu uns kommen. Ne, sagen wir so, da sind sie alle begeistert, weil
hier wir tanzen oder Spiele machen. Das ist nicht so äh so wie bei Disko, oder.
Oder, wenn wir feiern Abschlussfeier, als ich Krankenschwester, ne, fertig war,
das war doch, das ist doch keine Party, das ist nur lauter Musik und einfach
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Bier trinken wie bekloppt. Hörst du gar nicht, da schreist du einem ins Ohr.
Und das ist das Feiern. Und das wars schon. Ne? Und hier bei uns zum
Beispiel, wenn wir was feiern, dann wird auch gespielt und was lustiges und
getanzt, ne, auch gegessen gut und getrunken. Gibt alles. Gutes Essen.
Me: Immer Essen, immer Essen.
Er:
Also wenn ich auf deutsche Geburtstage gegangen bin, da wollt ich auch nicht
mehr wieder hin. Ne. Also es gab Chips, es gab Würstchen, es gab en
Brötchen dazu. Es gibt was zu trinken, Cola, und ein bisschen alkoholische
Getränke. Es wurde wie gesagt laute Musik gehört. Und geraucht und (2)
mehr nicht. Und wenn wir feiern, das is, das muss man erleben. @3@ Es gibt
immer immer zu essen, es wird immer getanzt, es wird immer gespielt und
gelacht. Und, weiß es nicht, das ist mehr so, eine Gruppe zusammen, und
O:
L
Persönlicher.
Er:
Es ist viel persönlicher, genau.
O:
Und da zum Beispiel, die Menschen, die zu uns kommen auch spontan
einfach, wir laden einfach ein. Das wird nicht gezählt: du bist nicht eingeladen.
Ne, so was gibt´s nicht. Wenn einer kommt, dann wird er zum Tisch gebeten.
Das wird nicht geguckt.
S:
Ja, das hört man ja oft, dass die Russlanddeutschen so gastfreundlich sind.
O:
Ja, aber das ist auch russische Mentalität, das sind nicht nur wir, das sind
auch Russen so. Das wird Beste auf Tisch gestellt und auch gegessen. Für
Gast macht man Beste. So ist das. Aber ich kann nicht allgemein sagen, dass
es überall bei deutschen Parties schlecht ist. Ich war auch bei solchen und
solchen.
E:
Ja, zum Beispiel auch. Zum Beispiel bei Hochzeiten. Deutsche Hochzeit.
O:
Ach so, bei erste Hochzeit, das war absolut klasse, das war absolut toll. Und
so was hab ich noch nicht erlebt. Und da vor kurzem bei (?), da auch, ne
meine Freundin, meine bekannte deutsche hiesige Freundin, ich gemerkt
habe, da war auch Chips.
S:
L Bei der Hochzeit?
O:
Ja.
(Gelächter)
O:
Ja, ja, ich sage, es gibt solche und solche, das kann man so auch nicht.
M:
Ist bei allen Nationen, es gibt,
O:
L Und ich habe sehr gute Freunde, auch hiesige,
auch sehr gute, und die machen auch keine Unterschied. Die anerkennen
mich und die sind genauso zu mir menschlich und mögen mich. Ich mach
keinen Unterschied. Es kommt auf Menschen drauf an.
M:
Ja.
Su: Und sie haben auch deutsche Freunde?
M:
Ja, ja, ich geh morgen wieder zu Gerda.
(Gelächter)
M:
Und zu Frau Kuse und Herr Kuse lebt noch dort, der
J:
L Nur ich bin allän.
O:
L Dein
Freund, dein Freund is gestorben.
J:
Ich hab kän.
O:
L Aber du hast Mutter.
M:
Der Hein is tot, der (?) is auch schon weg. So das, da gehen schon langsam
die Alte.
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J:
S:
M:
O:
L (?) is gestorbe.
Waren das einheimische Deutsche?
Ja.
Aber sie sagen, das kommt in Gegenleistung. Du siehst, wenn du auch zu
Menschen selber gut bist, wie die ist, die tut und tut und tut für alle aber. Auch
umsonst, oder die ist sehr herzliche, ne, eigentlich die beiden. Und deswegen
auch Menschen genauso zu dir.
M:
Wir haben alle, nicht nur von dem Haus, da sind ja drum rum die Eigentum,
eigene Wohnungen, Häuser, so Reihenhäuser. Und dort sind ja auch sehr
viele dort, und drum waren wir, alles, ich sag ja, wir sind da rein gekommen
und die haben uns gleich Geschirr gebracht,
und
J:
L Ja, wir waren dort zu Hause.
M:
Kaffeemaschine, die haben wir noch immer, ja, und die hatten schon die
Kaffeemaschine gehabt. Und die haben wir immer noch. Die haben uns alles
alles mit rein gebracht. Ich sag ja, die Decken und Kissen und alles haben sie
gebracht. Wir sind ja
J:
L Ich will sagen, nur das Sprechen fällt uns schwer. Warum?
Wir können ja Deutsch sprechen, ja, aber diese Gegenstände, d
M:
L Ah, wir werden au alt.
J:
ham wir auf Russisch gesagt. Man sagt immer, ich geh auf die Arbät, ja, und
dann tät ich sagen (spricht einen russischen Satz). Wir sprechen deutsch,
aber die Wörter sind alles alles russisch. Und des wir so denke, und auf die
alten Jahre vergessen mir das dann. (?) Dann ach, ich hab als Schlosser
gearbeitet. Und der schrubbt dann mit einem Schrupp,
M:
L (?)
J:
(antwortet mit einem russischen Wort)
(Gelächter.)
J:
Da sagt man doch, wenn man was fälen möchte,
Su: Ich hab nicht verstanden, was möchte?
O:
Wenn man was feilen möchte.
J:
Schraubstock. Schraubstock.
S:
Ach, Schraubstock, ach ja.
J:
Und dann steht er, (?) die Wörter, die vergess´ ich immer.
M:
Und ich sag auch zu meinen Nachbarn im Garten, da sag ich, na ja, ich
sprech´ doch noch en bisschen besser wie er, da sagt er, ja von Anfang hab
ich ja überhaupt nix verstanden, sagt er. @1@
O:
Zu dir?
M:
Ja. Das sagt er, der Nachbar vom Garten, sagt er, aber jetzt versteh ich ihn
schon besser. Sag ich, aber auch noch nicht alles? Ne, sagt er, auch noch
nicht alles. Aber es wird besser.
O:
Aber weißt du was,
J:
L In Deutschland kann ich nicht deutsch sprechen, ich schreib rän
deutsch, nach mäner Meinung. Deutsch sprech´ ich.
Su:
L Also ich find auch, dass sie
gar keinen russischen Akzent haben, aber so irgendwie,
M:
L Nein.
J:
L Ich kann plattdeutsch
sprechen.
O:
L Plattdeutsch war er. Er ist großgezogen in plattdeutsche Dorf. Die haben
nur platt gesprochen, und sie hat nur normal deutsch gesprochen.
M:
Was wir hatten, war hochdeutsch. Und er hat plattdeutsch.
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O:
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M:
M:
L Was die Gegenstände,
und
L Aber sie haben ja auch in Sibirien gelebt, sind da aufgewachsen.
Er ist da geboren.
Ja.
L Bin da direkt geboren.
Ja, aber da war auch deutsche Dörfer, hundert Kilometer von der Straße
waren nur deutsche Dörfer.
Da hat sich wahrscheinlich die Sprache auch so entwickelt.
Wir ha´m ja in der Schule deutsch gelernt.
L Aber viele merken aber auch nicht, dass
man aus Russland kommt. Ein wenig. Also bei mir, ich bin ja jetzt neu auf ´ne
Schule gekommen. Da hab ich auch ein Mädchen neben mir sitzen, eine
deutsche und eine, die auch aus Russland kommt. Ich hatte halt mit der auf
Russisch. Und dann die anderen, wie, du kommst aus Russland? Das hätten
wir jetzt überhaupt nicht gedacht, weil du nicht so´n Akzent und so hast.
Ja, das stimmt. Ist das bei dir auch so?
Ich glaub weniger, manche erkennen schon, da muss ich ein bisschen länger
reden, dann merken die das. Aber so eigentlich auch nicht. Nur wenn ich mich
länger unterhalte.
Und (?)
Ja, (?)
Und dann auch das „üi“. In unserem Dialekt sagen wir grien, und ihr sagt ja
grün. Also da ist, das hört man gleich. Ja, wenn ich sag grien, und das ist
grün.
Aber das ist auch speziell Russlanddeutschen zu eigen. (?)
Die Situation wird´s wohl auch sein, ja.
L Aber (?) hier sagt ihr (?), und wir sagen
(?),
Du machst auch unterschiedliche Betonung.
Ja. Du hast mehr,
@2@ Und dann erwartet er von Menschen, dass er verstanden wird.
@1@ Dann musst du schon richtig sprechen,
damit die dich
L Richtig sprechen.
verstehen.
Ich hab noch ne Frage zur Erziehung. Also, können wir ja mal bei ihnen
anfangen: was wollten sie ihren Kindern beibringen. Was war das wichtigste
Erziehungsziel?
Ehrlichkeit, arbeitswillig. Bei uns war es so, also, die wussten alle von Kind
auf, dass ein jeder musst was leisten, ich bin ja auch auf Arbeit gegangen, ich
hab drei Kinder, einen Mann. Und was ich gesagt hab, das musst du jetzt
machen, meinem ältesten Sohn, das musst du gut machen. Das hat er
gemacht, er hat die beide versorgt, die waren eingeschlossen. Wenn er von
der Schule kam, da hat er die aufgeschlossen. Hat ´en zu Essen gegeben.
L (Er und Me kichern.)
Hat, hat, bei uns war das, der Schalter zum Licht machen war draußen bei
Eingang, und da hat er Licht gemacht, hat den zu Essen gegeben, hat se raus
gelassen in Hof, hat auf die beide geguckt. Dann hat die, die sind in die
Schule eingeschult worden, das hat der Peter gemacht, der war sechs Jahre
älter, der hat en in die Schule eingeschult, der hat die zum Arzt gebracht,
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J:
wenn die krank waren, der hat Arzt rausgerufen für sie, wenn es sein musste,
ja.
L Aber das lag an deiner Sprache, oder hast du keine Zeit gehabt?
Weil ich hab ja gearbeitet.
Ach so, weil du keine Zeit hattest.
Weil ich keine Zeit hatte, da wusst´ der Peter, das ist seine Arbeit, das hat die
Mutter gesagt, das wird gemacht.
Ja, das war Problem, mir hat ja keine Kindergarten.
L Wir hatten kein Kindergarten, weil
wir kei-, weil ich nicht allein erziehende Mutter war, ja, weil ein Mann hatte ich
ja, denn müsst ma sich scheide lasse. @1@
Das war so, ich war net so´n Gesetz, aber die haben den mit Vater keinen
Kindergarten gegeben, und die hat nicht gearbeitet.
L Wie, ich hab net
gearbeitet?
Am Anfang, da ha´m wir Kindergarten bekommen.
Wann habe ich nicht gearbeitet, in Odessa? Ja, drei Jahre waren die, wie ich
auf Arbeit bin.
L Ja, (?) dies war (?)
Da sind se unterm Schloss gesessen.
Unter was?
Na, eingeschlossen. Bis dass der Peter von der Schule kam.
Also sind sie rausgeklettert oder was?
Wir haben ja auf Paterre gewohnt. Ja? Ich
Jetzt sind wir ganz weit weg von Frage.
Ja, aber so, Erziehung, was noch?
Haben sie denn ihre Kinder auch bestraft?
Die beide haben keine gekriegt, der Ewald und die Anna, Peter ja. Aber das
war unnötig, dass Vater, dem manchmal die Hand ausgerutscht ist, weil das
is, der Peter is so, der nimmt das nur mehr auf sich, als wie auf seine
Kameraden, ja. Und in der Schule wussten die ganz bestimmt, dass der
niemals nicht sagt nein, das war ich nicht. Wenn die was angestellt haben,
alle, da haben die das auf den Peter geschoben, ja, und er war allein, er war
der, der nicht sagen konnte, nein, ich war´s nicht. Und dann musste der immer
in die Schule, musste aufgerufen, immer jeden Freitag, musste
@musst@ er in der
L @3@
L Ich war der (?)
Schule stehen, ja. (2)
L Mit dem ha´m er en Elend gehat.
Und a des war ja nicht so, das war nur, weil er den Nein nicht sagen konnte.
Und da hat er auch manchmal, sicher ist ihm die Hand ausgerutscht. Die
anderen beiden haben keine gekriegt. Der Ewald, hast du mal gekriegt vom
Vater?
Ne, gar nicht. Dies war mit dem Peter, das war verdorben,
L @2@
Nein, der hat nie gekriegt. Auch die Anna nicht.
L Der Peter, der war verdorben, (?),
der war das erste Kind, ha´m mer alles ihm gegeben,
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M:
L Was hast denn du gehabt?
Mensch.
O:
L @2@
J:
Alles ha´m mer gemacht.
M:
L Der Vater hat em, haben wir dem alles gegeben. Wir
J:
L Ja.
M:
hatten damals überhaupt nichts.
J:
L Mit em (?) gefahren, die Ohren gespitzt, was nicht alles
gemacht, haben wir dem. Ja, und ach.
Ja, und der ist bisschen nach
M:
L Alles gegeben.
J:
meinem (?)
M:
Ich dachte auch ma, deswegen hat manchmal die Hand ausgerutscht, weil´s
(?)
O:
L Naja, was erwartest du, was erwarten wir von unseren Kindern? (4) Was
erwartest du von deinen Kindern?
Su: Die Frage war nach der Erziehung, was für Maßstäbe vermitteln sie, und so
weiter.
S:
Was sie ihren Kindern beibringen wollen.
J:
L Ich geh mal nach Hause.
M:
Nu, geh.
S:
Vielen Dank. Tschüss. Das war sehr interessant. Vielen Dank.
E:
Mit jeder Generation, das kommt mehr und mehr. Wir sind noch Russen,
meine Kinder, aber wahrscheinlich meine Enkelkinder nicht mehr.
M:
L Werden
Deutsche sein.
E:
Werden ganz Deutsche sein. (?) Meine (?) sprach, der wollte nicht. Dass
wenn er zweisprachig, dass er, ja
M:
L Nein, nicht unbedingt.
E:
Ne, warum? Verlernen kann man immer, aber lernen, das ist schwer.
M:
Verlernen kann man ja. Ich hab sowieso richtig, die deu- die russische
Sprache. (4)
Su: (?)
E:
Was erwarten wir? Heiraten und gründen gute Familie, das ist so was. Dass
sie haben gute Beruf, gute Arbeit.
S:
Wie soll denn mal der Mann aussehen?
E:
Genau wie ich.
(Alle lachen.)
M:
Der Peter ganz anders, der Peter als er.
S:
Soll das ein Russlanddeutscher sein, oder kann es auch ein Einheimischer
sein?
E:
Das ist egal.
O:
Ich mag auch Deutsche. Ich mag viel jugendliche Deutsche. Es ist wichtig für
mich, dass
Me: Sie sagen wohl, was besser ist für einen, sie sagen wohl, aber was wir
machen, ist unsere Angelegenheit. Zum Beispiel, wenn ich jetzt ´nen Freund
hab, sagen die, der ist gut, der hat negative Seiten, oder so. Aber ich muss es
selber entscheiden, was ich mache.
S:
Was sind negative Seiten?
Me: Zu Faul, @1@
Ja, faul zum Beispiel, dann mögen sie das
O:
L Ja, so was zum Beispiel.
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Me:
nicht, oder wenn er nicht ehrlich ist, wenn er einem nicht in die Augen guckt,
lücht er, denken die dann. So was halt.
Er:
Oder wenn meine Eltern mir zum Beispiel sagen, das musst du machen, zum
Beispiel, meine Mutter schreibt mir manchmal auf, mach das und das, dann
mach ich das auch sofort. Also ich habe so gemerkt, bei Deutschen ist das so,
die Eltern sagen, mach das und das, und das ist ganz wenig, was sie machen
müssen, dann zum Beispiel staubsaugen ist für die schon zu viel. Also bei
diesen Jugendlichen jetzt, die ich so kenne. Das ist der größte Unterschied,
find ich. Im Haushalt so.
Me: Manche bügeln nicht zu Hause,
Weil die Eltern es eben
Er:
L Die kennen das gar nicht.
Me: selber nicht machen. Meine Freundin, die Mutter kocht nicht, und sie kann das
nicht. Die kaufen immer so Dosen, und so, und wärmen das auf.
S:
Aha, ihr könnt beide kochen?
Me: Ich kann kochen.
Er:
L Also ich bin immer, wir waren noch am Lernen. @2@
M:
Die kochen schön.
Und der Käsekuchen auch.
Er:
L @2@
O:
Alles. Sie kann sehr gut machen, vielleicht ein bisschen wenig Zeit, aber sie
kann. Aber Melinda ist auch fleißig, alles, was ich aufschreibe, wird immer
besser. Bügelt und
Me:
L Man muss machen, was die Mama sagt, ne.
O:
Sonst kannst du nicht zu Disko.
(Die beiden Mädchen lachen.)
O:
Nein, das ist die
Me:
L Das ist nicht schlimm, wenn ich dann mal sage, ich möchte
das jetzt nicht. Aber wenn man es nicht tut, denkt man, hat man en schlechtes
Gewissen, wenn man das nicht gemacht hat. @1@
Aber es passiert
O:
L Das ist schön.
Me: dann nichts. Wie sie grad gesagt hat, dass ich in nicht in die Disko soll. (?)
O:
Ja, das sag ich dann. Aber gut ist, dass sie sich schon so äußert, dass sie
schlechtes Gewissen hat, ne. Das ist sehr gut.
Su: Seid ihr denn auch bestraft worden?
Me: Ja, so Hausarrest hat sie früher nie gekannt. Und irgendwie hat das wohl mit
Deutschland zu tun gehabt, hat sie auf einmal Hausarrest gekannt.
O:
@3@
Me: Ich hab so was nie gehabt, dann sagt sie zu mir, ja, jetzt musst du eine Woche
zu Hause bleiben, du hast Hausarrest. Ich hab sie angeguckt, ich hab
gedacht, was ist jetzt los.
Weil ich so´n Mensch bin, ich
O:
L @2@ Das war positiv.
Me: kann nicht zu Hause bleiben. Es war früher so, jetzt ist mehr, dass ich auch zu
Hause bleibe. Mich zieht´ s nicht mehr so. Aber früher, als ich noch jünger
war, so fünfzehn, oder so,
O:
L Ja, das war schlimm.
M:
Von der Schule gekommen, rein und wieder weg.
Me: Und dann hat meine Mutter mich, und das war für mich ´ne Bestrafung, wenn
ich mal zu Hause sitzen musste. Das war
Ich bin öfter
O:
L Richtig. @1@
Me: abgehauen, sonst hätt´ ich das nicht ausgehalten. @1@
S:
Würdet ihr denn später eure Kinder mal genauso erziehen, wie ihr erzogen
worden seid?
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Me:
O:
S:
Me:
O:
(4)
Er:
(4)
S:
Irgendwie schon. Denke ich. Ich würde irgendwas trotzdem von meiner Mutter
übernehmen, ich lerne ja auch. Ich wird vielleicht nicht alles so machen, aber
ich werd manches übernehmen, bestimmt.
Ist im Blut. @2@
Was würdest du anders machen?
Vielleicht nicht, eigentlich ist ja nicht so streng, in mancher Hinsichten
bisschen schon, aber sonst. Aber in manchen Familien ist es echt, das sind
die Mütter ganz schön streng. In manchen Familien ist es ganz locker, da
machen wirklich die Kinder, was sie wollen. Da springen sie rum, gehen die
Eltern um, wie weiß ich nicht was. Aber bei Mutter, also, weil wir gleich sind
und dann zicken wir uns an, @2@ Und dann streiten wir, aber nur deswegen,
weil wir beide so sind.
L @3@
Ich seh´ das auch so.
Und jetzt bei ihnen beiden: die Erziehung, wie ihr sie erlebt habt, habt ihr auch
so eure Kinder erzogen?
O:
Doch, meine Mutter war eigentlich, die hat von uns nicht so direkt gefordert,
aber wir haben immer als gute Beispiel von ihr, ihre Leben war eigentlich für
uns auch gute Beispiel, ne. Sie war auch sehr fleißig, sie war Lehrerin, ich
weiß nicht, Vater, hat sich schon sehr geändert, sie ist jetzt 6 Jahre tot, sie ist
nicht mehr da, das tut ihm sehr weh, vielleicht sieht er so auch negativ, ich
weiß es nicht. Ihm fehlt sie einfach. Aber das war sehr gute Beispiel. Sie
haben sehr gute Leben, ne, vorgelebt und wir wussten auch nicht anderes. Sie
haben beide studiert, auch sehr gute Positionen gehabt. Und da haben wir
auch so gleich gemacht. Mein Bruder, der hat auch akademische Grad, ich,
meine Schwester hat akademische Grad, und hier haben wir alle neue Berufe.
Aber das war sehr viele positive, sie war auch streng, aber auch sehr viele
Freiheiten gegeben. Dass ich immer meine ´Ich´ leben konnte, und selber
entscheiden konnte, was ich mache.
Me: Genauso hat sie jetzt auch uns.
Su: Was haben Sie studiert?
O:
Ich war Bauingenieurin.
Su: Und warum haben sie etwas anderes gelernt?
O:
Ähm, das war erstmal wegen Sprache, als wir kamen, ne, ich habe tausende
Bewerbungen abgeschickt, Bauszeichnerin, Angestellte, ne, und als Frau, als
zweite hatte ich auch nicht so gute Chancen gehabt und Ausbildung in
Russland. Obwohl das anerkannt war. Ich habe jetzt Wahl gehabt, entweder
lerne ich oder mache was anderes, oder sitze ich arbeitslos. Und dann hab ich
mir überlegt, was soll ich machen, was kann ich machen, was würde mir Spaß
bringen. Ja, was könnte ich. Und da habe ich diese Krankenschwester-Beruf
ausgewählt, weil dadurch durch diese Ausbildung, ich konnte sehr gut die
Sprache lernen innerhalb drei Jahr. Das war für mich Vorteil, und Beruf. Und
so habe ich Job sofort.
Me: Wir sind voll die Krankenhausfamilie. Weil meine Mutter ist jetzt
Krankenschwester, meine Schwester ist jetzt so was, und ich möchte eventuell
auch Hebamme werden, wieso ist mein Papa nicht noch Arzt?
(Allgemeines Gelächter.)
E:
Ich werde immer krank.
Su: Was machst du?
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Er:
M:
O:
M:
O:
(?)-technische Assistentin, das ist das gleiche wie (?).
Aber sie macht sich da nicht viel draus.
Ist genau richtige für sie.
Die kann das.
Aber wäre ich nicht Bauingenieurin, ich wäre Ärztin geworden. Hätte ich jetzt
neu angefangen, ich hätte sofort gemacht. Das macht wirklich viel Spaß mit
Menschen zu arbeiten, denen zu helfen. Und das ist irgendwie
Ende Kassette 1 Seite 2
Me:
Kinder ist nicht so unbedingt, Kinder schon, aber eher so mit Säuglingen, weil
im Kindergarten hab ich mal ein Praktikum gemacht, zweimal, die hängen an
einem, also wirklich,
Ja, und das,
O:
L @2@ Die hängen an dir ganzen Tag, ja genau.
Me: das ist so schwer. Denk ich mal so, Säugling, der redet nicht, der schreit nur,
da kann ich gehen,
Genau.
O:
L Da kannst du den Schnuller geben.
Su: (?) (Allgemeines Gelächter.)
Er:
So habe ich das noch nicht gesehen. Ich denke mal, wenn sie schlafen(?)
haben sie keine Schmerzen. Aber wenn ich mal ne Chance hab´, mich mit
denen zu unterhalten, mach ich das sehr gerne.
S:
Bist du denn nur bei den Operationen dabei oder auch hinterher in der
Betreuung?
Er:
Nein, im Zimmer überhaupt nicht mehr.
O:
L Aber während der Ausbildung.
Er:
Ja, da haben wir auch so ein zwei Wochen Station gehabt, das war sehr
rührend, aber nicht mein Fall. @1@ Dann haben wir Radioskopie gehabt, da
hat man auch sehr viel Kontakt mit den Patienten. Das war bestimmt en
halbes Jahr lang. Und Anästhesie hatten wir auch, das ist ja da, wo die
Patienten schlafen gelegt werden. Man muss die ja vorher her in den OP
einschleusen, mit ihnen reden, man muss die auch pieken und so weiter.
@1@ Und ähm, das war echt interessant, hat Spaß gemacht, das kann man
so mit Humor nehmen.
S:
Da sind die Patienten ja froh, wenn sie ein bisschen abgelenkt werden. @1@
Er:
Genau.
S:
Und wenn sie jetzt, sie haben jetzt Mädchen, wenn sie noch Söhne gehabt
hätten, hätten sie die anders erzogen?
Me: Papa war glücklich, er wollte, dass ich ein Mädchen werde.
O:
L @3@
E:
Ja, die würden wir ein bisschen anders erziehen.
Ich habe nicht
Me:
L Der darf auch mehr, ne.
E:
Tochter, ich habe (?)
Me:
L @1@ Wenn ich en Junge wär´, wär´ ich unbedingt so.
S:
Fußball spielen.
E:
Ich gebe gute Beispiel.
O:
Ja, das war ja nicht schlecht. Wenn wir ein Jungen hätten, er wäre bestimmt
wie er. Das wäre ganz toll gewesen. Weil er ist auch ganz zärtlich, absolut.
Absolut. Null. Ich meine jetzt im Kopf.
(Allgemeines Gelächter)
M:
Na, nu sagt se noch Null. Ganze Haus alleine gebaut. @2@
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O:
Me:
Er:
Me:
O:
Er:
O:
Me:
O:
Me:
O:
Er:
(4)
Su:
Er:
Su:
Er:
L Er hat alles alleine.
Ne, das alles eigentlich. Und dass er (?), aber ich als Frau zum Jungen, ich
habe zum Beispiel zum Vergleich zu deutscher Erziehung. Ich bekam auch
heute Diskussion: Soll man zwischen gehen, wenn zwei Schüler sich kloppen?
Natürlich. Und das war immer meine Meinung, und das ist auch in Russland
keine Überlegung nicht, da muss man dazwischen gehen. Das ist ein Problem
in Deutschland. Du du wenn du da dran gehst, dann Kragen zerreißt, dann
musst du das bezahlen. In dem Moment denke ich an solche Sachen nicht,
verstehen Sie? Für mich Junge muss mutig sein, auch mutig erzogen werden.
Ne, und so was männliches muss kommen. Und so ist das. (3) Zum Beispiel,
als wir in Afrika waren, da hat auf einmal ein Wagen angefangen zu brennen,
Fahrer ist raus gesprungen, ne, alle und schreien, kommt raus. Der Mann ist
auch raus gesprungen, gewartet bis Frau und Kinder raus kommen. Er ging
dahin, in brennende Auto und hat Tür aufgemacht. Und so muss ein Mann
sein.
Ja, aber ich ich hatte so ein Angst gehabt um den, wirklich
(Allgemeines Gelächter)
das konnte jeden Augenblick explodieren. Und alle waren weg und
geschrieen, und die Frau saß mit Kind drin und konnte nicht raus. Ne, und
dann denkt man nicht an Folgen oder dass deine Jacke verbrennen wird. Und
so was kann ich nicht verstehen.
Ah ne bei unserer Schule war das auch ma, da waren ne Schlägerei, ich war
jetzt nicht dabei, also ich hab das nur gehört, und ne Lehrerin wollt
dazwischen gehen, die hat was ab bekommen, die stand daneben, meint nur,
was ist das, die hat geschrieen. Jugendliche, wenn da rein gehen, ist O.K.,
wenn die auseinander ziehen, aber niemals ein Lehrer, oder so. Das ist
wirklich, das ist gefährlich, da was abzukriegen.
L Kinder haben keinen Respekt mehr.
Und dann sind Jugendliche zwischen gesprungen, haben auseinander alle
@weg@gezogen. Weil die Lehrer haben natürlich nicht die Kraft da, keine
Ahnung, steh´n die in der Mitte und die schlagen auf die noch ein. Ja, die
haben´s nicht gemacht.
Würde passieren,
Ja.
L Ja?
L Echt?
Die Jugendlichen haben irgendwie keinen Respekt.
Ja, dann muss Verteidigungskurs gemacht werden von die allen Lehrern.
Das bringt nichts.
Ja, wieso nicht?
Stell mal, ein Junge würd´ dich
L Aus Verteidigung.
Die Familien müssen gestärkt werden.
(?) (Der weitere Dialog ist für ca. 15 Sekunden kaum zu verstehen, da die
Aufnahme sehr leise ist.)
Wie stellst du dir dein Heim vor? Möchtest du gerne selber Kinder(?) und
Familie?
Auf jeden Fall.
Wie stellst du dir vor, (?)
Also, das fängt schon beim Heiraten an, also manche Deutsche haben ja die
Einstellung, dass, was heißt Deutsche, viele haben ja die Einstellung, egal
woher, ich heirate, wenn er nicht gefällt, lass ich mich wieder scheiden. Die
Einstellung hab´ ich überhaupt nicht. Wenn ich heirate, dann fürs Leben. Und
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so muss es auch bleiben und die Familie muss festgehalten werden, und die
Kinder müssen auch ´ne Familie haben, wo´s gut ist.
Su: Ja, schön.
S:
So hast du es auch in deiner Familie erlebt?
Er:
Ja. Also ich bin ganz glücklich. Klar gibt es schlechtere Zeiten und bessere
Zeiten. Im Ganzen bin ich wirklich ganz zufrieden.
S:
Schön.
Me: (?)
(Allgemeines Gelächter.)
O:
Aber Melinda, nur damit du Zimmer hast.
Er:
Aber die schließt sich ab. @2@ Die schließt sich ab.
O:
Melinda, eheh.
Er:
Ich wird sie besuchen fahren, kein Problem.
M:
Wenn einer von uns stirbt, der andere geht ins Alterheim, da haste nicht nur
ein Zimmer, haste ´ne ganze Wohnung.
Er:
Tja, Melinda, das hängt davon alles, wie man das alles plant. Man kann jede
Wohnung schön machen. @2@
O:
Genau.
Me: Ja, mach ich. Aber
Ja, wenn du alles da lassen würdest,
Er:
L Meine ist schon schön.
Me: wenn du weg ziehst.
Er:
L @2@ Das würd´ ich nie machen.
O:
Hier haben auch Kinder sehr gute Möglichkeiten zu lernen, ne, und sich
überhaupt, guck mal, in Russland wir hatten, erstmal am Anfang, als wir
geheiratet sind, das war 3-Zimmer-Wohnung mit drei Familien. Mit drei
Familien, eine kleine Küche, kleiner als wir noch haben, ja, und wir sind
gewohnt in so eine Zimmer, weniger kleines als die, so groß, vielleicht noch
weniger, weniger, 17 Quadratmeter war das. Zu viert, mit 2 Kindern drin,
kleinen Kindern, in einem Zimmer. Und so haben wir mindestens 5 Jahre
gelebt. Oder sieben? Naja, egal, Hauptsache,
Er:
L Sieben auf jeden Fall, weil ich
bin ja nachher zur Schule gegangen. Da haben wir da noch gewohnt.
O:
L Genau,
genau.
Er:
Ich weiß noch, ich kann mich nur an
O:
L Und hier Kinder haben viele
Möglichkeiten, sich eigene Zimmer, alles, sie haben alles, was sie brauchen.
Nur sie sind faul, nur jeder ist selber nachher schuld, was aus ihm wird,
einfach faul.
Er:
Aber wenn die Eltern da nicht
Weil die
M:
L Die Anna, die haben wir gelernt (?), wie heißt das auf Deutsch?
Er:
Eltern das nicht denen beigebracht haben
M:
L Olga, Technikum, wie heißt das denn
auf Deutsch?
O:
Auch Technikum. Technikum.
Er:
Nein, das ist Russisch.
M:
Hier haben wir doch auch eine.
O:
Ja, aber das ist bisschen höhere Grad. Das ist wie Fachhochschule.
Er:
Fachhochschule.
M:
Da hat Anna in die Schule war, wir hatten ja nur 1-Zimmer-Wohnung damals,
1-Zimmer-Wohnung. Das war ja ein großes Schlafzimmer, Küche und Bad.
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O:
L Sie hat in
Küche genäht. Und die Kinder haben sich anders verteilt in die Ecken.
M:
Nein, des, wie da diese Notwohnung war, damals wie
O:
L Ja, so war das doch.
M:
Da einer in de Toilett, der ander in de Küche. Haben sich verteilt.
S:
Was haben sie (?) gelernt? (?)
M:
Wir haben noch Studentin bekommen.
Haben die bekommen. Und
O:
L Stipendium.
M:
das (?) hat es nicht bekommen.
O:
Da musste eine bestimmte Durchschnittsnote sein, über zwei.
M:
Damals hat sie das bekommen, 35 (?) Und sie hat (?)
Me: Meine Freunde (?) alle neidisch. Als ich dort war, die hat jeden Tag mit uns
geübt. Wie wird ich denn heißen in Deutschland. Ich hab das immer erfunden,
ich wusst es ja nicht.
Ja, das war voll komisch so. @1@ Und ich weiß
O:
L @2@
Me: also, ich kann mich erinnern. Guten Morgen, guten Tag, guten Abend, gute
Nacht, das war das einzige, was ich konnte, als ich hierhin kam. Da hat Mama
immer, (?), haben wir uns in eine Reihe gestellt, @1@, Mama war vorne. Und
jeder musste ein Wort sagen, so @ging das die ganze Zeit@. (?) Ich war da in
der ersten Klasse und bin hier wieder in der ersten Klasse. Und ich war auch
gut. (?)
O:
Die ist auch sehr offen mit Menschen. Und die hat auch sehr viele gute
Freunde, auch hiesige, ne. Genau.
S:
Vielleicht noch eine letzte Frage. Wenn Konflikte sind in der Familie, wie löst
ihr die? Kracht´s dann mal, oder wie.
Er:
Ich halte immer zu allen, die Recht haben.
S:
Auh. @2@
Er:
Also, mal zu ihr, mal zu ihr. Manchmal hat sie auch Unrecht, doch sie gibt das
nicht zu. Aber
(Allgemeines Gelächter.)
O:
Ja.
M:
Das kann ja auch mal sein, das ist ja in jeder Familie, ist ja keine Familie, wo
man nicht streitet. Ich meine auch Auseinandersetzung, das ist ja eben. Ja?
Ich mach´ mit unserm Opa, ja, wir streiten uns, ja, wie wir streiten, ich sag halt
meine Meinung laut, und er sagt seine. Ja. Aber dass wir dann nachher nicht
Er:
L @2@
M:
sprechen miteinander, oder hier, genau, wie hier, hier werden auch die, ja, die
Meinungen zu sagen, es gibt ja keine Familie, so ideale, wo niemand seine,
Meinungsverschiedenheit ist ja, ich hab eine Meinung über was, und er hat
seine,
O:
L Mein Mann zum Beispiel, kommt immer zu mir und sagt, ich hab dich ganz
lieb. @3@
Me: Weil er weicheres Herz hat und nicht durchsetzen kann. Ja, der sitzt
manchmal hier im Wohnzimmer, will Fernseh gucken. Und wir sind hier zu
dritt, wir wollen jetzt en Film gucken. Nein. Doch. Na, dann geh ich halt
woanders hin, dann gucken wir.
O:
@4@
Me: Ja, das ist der Nachteil, dass ich hier unten wohne. Weil, wenn meine
Schwester sich mit meiner Mutter streiten, dann bin ich ja nur noch da. Meine
Schwester geht einfach schnell nach oben, dann streiten sie sich ja nicht
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O:
Me:
Er:
Me:
Er:
(?)
(3)
O:
mehr, und Mama ist trotzdem dann noch angespannt, dann krieg ich das dann
ab.
Und dann verschwindest du.
@2@ Ich muss selbst mal Erfahrung machen. Ja, genau. Das schallt so
L @2@
durch.
L Musst in Keller ziehen.
Ich erwarte auch von denen, wenn ich zu uns nach Hause komme, wenn ich
zu Arbeit gehe, dann (?), so erwarte ich auch, wenn ich nach Hause komme,
dass alles, was so an Aufgaben gibt, in jedem Aufgabenbereich, dass alles
pünktlich auch, oder gründlich immer auch erledigt wird, ne. Und deswegen,
jeder hat eigenen Bereich, und das ist Priorität. Und das ist, jeder muss was
tragen, das insgesamt, das ist viel Arbeit in dem Haus, dass jeder was muss
mitbringen.
S:
Nur die Frauen?
O:
Alle. Der weiß selber, was er zu tun hat.
Er:
Wir machen eher hier, und er draußen.
O:
Genau.
E:
Ja, ich (?) Wann sie streiten, ich geh dann.
(Allgemeines Gelächter.)
M:
(?)
O:
Ich streit doch nicht mit ihm. @2@
Me: Das müsst´ ich auch so machen. @2@
(3)
M:
Ja, ja.
S:
Schön.
(Allgemeines Gelächter.)
S:
Das war dann alles. Vielen Dank.
Ende der Aufnahme
31
1.1.2 Großelterninterview mit Johann und Margareta Kanz
Datum:
Ort:
Anwesende:
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
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13
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15
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31
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33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
S:
M:
S:
M:
S:
J:
S:
J:
S:
M:
J:
M:
J:
S:
J:
S:
J:
M:
S:
30.01.2004
Wohnzimmer in der Wohnung der Großeltern
Großmutter:
Margareta Kanz (M)
Großvater:
Johann Kanz (J)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
So, das Thema ist, wie auch schon bei der Gruppendiskussion, die
Veränderungen, das man in Russland hatte, und wie es jetzt hier in
Deutschland ist. So in ihrer Generation, was fällt ihnen da Besonders ein, was
sind die größten Veränderungen?
Ja, die Veränderungen sind ja, man kann sagen, groß, dort sind wir ja, waren
wir ja nicht so frei wir hier, da konnte man ja auch nicht sagen, was man
wollte, ja. Und hier sagt ja keiner nix, wenn man das was sagen tut, seine
Meinung darüber. Und das Leben da sicher war auch sehr schwer gewesen,
die letzte Zeit ja, da ging es ja schon. Aber immerhin, wir sollten selbst für
unsere Urenkel eine Heimat auch, weil die hatten wir ja da schon nicht mehr.
In Russland. Und deswegen so. Und ja, hier ist ja auch alles zu kaufen, wo
man da überall Schlange stehen musste, wenn man das kaufen wollte. Also
das Leben ist ja hier viel leichter und viel angenehmer. Und ja, weil man halt
deutsch ist, müssen mer halt, deutsch sprechen tun wir ja hier auch schon. Ich
denke, man kann gut zufrieden sein.
Ja? Sie beide sind zufrieden?
Mhm. Ja, wir sind zufrieden?
Sie auch Johann?
Ja, ja, ja, ja.
Gefällt´s ihnen hier in Deutschland?
Ja.
Gibt´s denn auch was, was sie vermissen, was in Russland anders war?
Was anders war? Ja. Ich weiß nicht, wir waren ja da Rentner und hier arbeiten
wir nicht. Und jetzt sagen sie auch, dass da jetzt auch Arbeitslosigkeit, so wie
hier. Aber uns ist sehr gut. Sie haben ja vorläufig noch ihre Arbeit. Und dort,
dort waren wir eingelebt, ja schon, also, wie soll ich das auslegen. Also die
Russen, die sind ja (3) also freundliche Menschen, wenn man unter ihnen ist,
nicht alle sicher, aber wenn man so Bekannte hat, ja. Und hier ist das ganz
anderst, hier ist meistens ein jeder für sich.
Ich tät bisschen anders sagen.
Ja, wie?
Wir sind ja schon nicht jung. Und die äh die Kameradschaft ham wir nicht hier.
Wenn die arbeite Jahre, dann tut´s dir so schnell (?), ja. Aber so ist das alles
schön. Über die Änderung kann ich sagen. Aber bereuen tu ich nicht.
Nein?
Nein. @2@ Ich bin von ´42 von zu Hause. Da war ich in (?) Industriebau, hab
ich (?) gebaut, (?) bin ich nach Hause. So mit dem hab ich kei (?)gehabt.
Haben sie hier also wenig Bekannte?
Mir hab´ gar kein.
Mir sind alleine, ja. Solang dass wir in der Stadt wohnten, da war´s, mir
wohnte ja in so einem Alters- Seniorenhaus.
Schon hier in Deutschland?
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Ja. Und dann
L Ne, ich hat ja nix zu tue gehabt, haben in einem, das war spezial
für Seniorige gewohnt.
Und äh da war von Anfang, jetzt sind ja viele schon tot von den Menschen,
aber von Anfang, wie wir herkamen, das war wunderschön, da sind wir immer
zusammengekommen, wer Geburtstag ha´, wenn Feiertag war, da waren mer
all´ im ganze Haus, ja, sind wir zusammengekommen. Oder so hat man mal
da eingeladen, auf Tasse Kaffee trinken, also, und auch die Nachbarn, was da
um das Haus rum wohnten, die waren auch sehr behilflich, wie wir da
eingezogen sind, die haben uns gleich Geschirr gebracht, und eine Frau ist
sogar gekommen und hat die Gardine ans Fenster gehängt.
L Waren das
einheimische Deutsche?
Ja, waren einheimische. Im im äh im Heim, also in dem Haus, wo wir wohnten,
das waren welche von (2) Ostdeutschen. Aber auch Einheimische, und die
Nachbarn, das waren lauter Einheimische. Die sind gekommen, haben eine
ganzen Korb voll Geschirr gebracht, die Stühle gebracht, für ein Couchtisch,
und alles. (3) Die Couch ist auch noch immer von dort. @1@
L Und das hat
ihnen gut gefallen?
Ja, oh, das war das war wunderschön. Ich tu ja im Monat eins zweimal fahr ich
sowieso noch dorthin.
L Ja? Die alten Freunde besuchen?
Ja, die alten Freunde besuchen.
L Es sind nur noch wenige übrig geblieben.
Ja, wenich übrig geblieben. Sind jetzt nur noch eins, zwei, drei, vier, sechs
Mann sind noch geblieben. Aber das war wunderschön.
Und hier in der Nachbarschaft gibt es keine Senioren?
Jaaaa, wir gehen net hin und stören,
L Hier wohnen welche aberSind auch Russlanddeutsch da, sind aber schon gegangen, als wir noch (3)
und verstehn so schlecht.
L Mhm. Verstehn schlecht die Sprache, oder was?
Ne, die sprechen deutsch. Aber ich versteh nichts, sehr sehr schlecht.
Vielleicht ein anderer Dialekt.
Ja, ja.
Aber sonscht können wir nicht klagen, und äh
L Würden sie denn meinen, dass die
russlanddeutschen Familien hier anders leben, als in Russland? (4) Oder das
Familienleben hat sich da etwas geändert?
Nein. Kann man nicht sagen. Also die jungen Familien, was ich weiß, die
hierher gekommen sind, die sind immer noch die Familie.
Mhm. Und auch in ihrer Familie, hat sich da nichts verändert.
Nein.
Weiß gar nicht was.
Ewald und die Olena, Peter und die Tanja sind auch zusammen, @1@
L Wie viel
Kinder haben sie denn eigentlich?
Drei.
Drei.
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Die Anna is allein, war allein und is auch allein mit ihrem Sohn. Die Schw- die
Tochter.
Haben sie drei Töchter?
Nein, zwei Söhne und eine Tochter. Ja, der Sohn der Ewald und der Peter.
Wenn sie jetzt mal so zurückdenken an ihre Tage in Russland, so ihre eigene
Kindheit, können sie sich da an etwas Spezielles erinnern?
War gar keine.
L Mir hatten keine.
War gar nicht. Bei mir war die nicht. @2@
Wieso nicht?
Von 14 und 15 Jahren bin ich von zu Hause, ja.
Mit 15 Jahren?
Mit 15 Jahren war ich in der Kohlengrube. Und da war Sibirien, bin in Sibirien
geboren. Bin ich aufgewachsen. ´41 war schon (?), der Ernte war sehr
schlecht. Und da war ich, und da war(?) alles weggenommen, und alles
L Ja, die Enteignung.
Das war, das war immer sehr sehr arm und knapp. So was von der Kindheit,
wie ich schon gesagt hab.
Aber vorher, bevor sie 15 waren, als sie da gearbeitet haben, als Kind so
richtig.
L @2@
(?)bald dies und bald (?) dreißig Kilometer außer. Sind die
L Ja, ichDeutsche, überall waren se, ein Dorf von 40 Häuser, und 60 Mann han die
genommen, keiner ist zurück gekommen, nicht einer.
Wo war das denn, wo sind sie geboren oder aufgewachsen?
Maltaisik (?)
Ah, wie mein Mann.
Der ist auch Russlanddeutsch?
Ja.
Und wann?
Ähm, also Wanovka (?) is er geboren, das ist ja in, ist das in Altai?
Ivanovka?
Wanovka.
Wanovka. Weiß ich nicht.
Wanovka ist, glaub ich, äh, also er ist in Südkasachstan geboren, weil da
seine Großeltern gewohnt haben, da wachsen mehr Vitamine, deshalb ist die
Mutter dorthin vor der Geburt, und äh im Altai sind sie aufgewachsen, aber wo
genau weiß ich nicht.
Und ich binL Schlauberg hat (?), gibt´s Schlauberg?
Hab ich schon mal gehört. Aber ich weiß nicht.
Aber Odessa, ham sie gehört?
Ja.
@1@ Oh, das haben sie schon gehört, ja.
Ja, die Ukraine. @1@
Ja, das ist die Ukraine. Ja, ich, unser Dorf war 40 Kilometer von Odessa weg.
Und ´33, wie alt war ich da? Na, 10 Jahre. Da haben die, ´32 haben die uns
alles weggenommen, überall in der Ukraine. Und haben so eine christliche (?)Not war damals. Und da hat mich mein Vater auf andere Seite von Odessa, da
war mein Onkel, von der Mutter der Bruder. Die hatten keine Kinder, und das
war so ein kleines Dorf, und das war ja groß. Und da hat er mich dorthin
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gebracht, ja, zum Überleben. Ja, und dann musst ich ja auch, mit de Jahre
hab ich auch gearbeitet,
L Mit 10 Jahren schon?
Ja, dass ich einen Teller Suppe da bekommen habe zum Mittag, und das war
schwere Arbeit. Damals waren ja die Ernt- das Getreide so hoch, und wenn
die das gemäht haben, da waren so hohe Stuppel, und barfuss mussten die
Garben schleppen auf´n Haufen. (3) Und jäten mussten wir, die Baumwolle
haben die damals gepflanzt. Oh, da hab ich geweint. Das war schrecklich.
L
Kinderjahre,
L Kinderjahre, ja? Da war ich zehn alt. Und dann nachher, wie ich
14 war, da wurd´ auch mein Vater von den (?) weggeholt, da haben wir auch
Klasse noch, ich hab auch deutsche Schule noch geendigt, und dann von ´38,
von ´37, nein von ´38 war nur noch Russisch. Ja? Mussten wir Russisch
lernen und Deutsch, das war dann die Fremdsprache, ja. Da ging ich aber
schon nicht mehr in die Schule.
Ich hab 3 Jahr Deutsch gelernt, und die vierte auf Russisch.
Sind sie beide dann in deutschen Dörfern aufgewachsen?
Ja.
Und haben ihre Eltern auch mit ihnen Deutsch gesprochen?
Da konnte keiner Russisch.
L Ich konnt´ nicht mal Russisch. Wie ich, ich war doch im Krieg in
Leipzig, ja? Und da sind doch die Amerikaner sind die reingekommen, die
haben sich ja an der Elbe getroffen, und dann sind die zurückgetreten, und
dann sind die Russen reingekommen, ja. Und da haben die uns heraus
gefischt, weil wir hatten ja die Ausweise als Schwarzmeerdeutsche damals.
Haben die uns ausgefischt und haben uns zurück nach Russland, aber nicht in
die Heimat, sondern, ich war damals mit meiner Mutter, der Vater war ja schon
nicht mehr, die Brüder waren beide in der Armee, haben sie in die Armee
genommen, aus Polen schon. Und da bin war ich mit der Mutter, da haben se
uns verschickt, ich war im Norden, in (?) mit der Mutter. Die ist da gestorben,
und dann hab ich meine Schwägerin gefunden von älteren Bruder, und da hab
ich, haben die mich dorthin gelassen vom hohen Norden, na, die war in
Sibirien, nach Sibirien, ja. Und da waren, ich war ja bis ´56, war ich ja nicht
frei, ich durfte kein zehn Kilometer weggehen. Johann ist ´54 ja, haben die ihn
herunter genommen, weil er ja in Sibirien geboren war, und mich ´56 erst. Ja.
Dat war immer Überleben. Konnt sogar die Nachbare, (?), han se se uns
beschimpft, das war
L Nicht die Kinder, wir
L War das schon so in den deutschen
Siedlungen, oder?
Nein. Das war nach dem Krieg.
Von den Russen wurden sie dann beschimpft?
Ja, ja. Russen.
Der Ewald, unser, den haben wir auf den Namen Ewald gegeben, und die
konnten das ja nicht aussprechen richtig, der hat immer geweint. Der Peter
war ja auf Russisch Pietr, und der Ewald, das konnten die nicht sagen, da hat
er immer geweint, warum habt er dem Peter ein guten Namen gegeben und
mir keinen. Ne, der musst viel aushalten. Der ist oft gekommen: die haben
schon wieder Faschist zu mir gesagt.
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Aber war das so üblich, dass die deutschen Eltern ihren Kindern auch
deutsche Namen gegeben haben?
Ja.
Ja, das waren die meiste. Mit´em Ewald war das so passiert, ne, da war auch
(?) ham se ihn heimgebracht, (?)-stand gemacht, dann war er das. Familie
schon, der heißt Nikolai. Der deutsche Name Ewald, dem hat so Ewald
gefallen, nur Ewald, aber eigentlich wollten wir das nicht. Immer so
gesprochen, die Namen sollten Jakob oder Anna, Maria, so sollten sie heißen,
aber der war, die waren so dringend, dass er soll Ewald, da waren mer
einverstanden. Aber de Enkel sollten ich nicht
L Aber so jetztet, ja, da haben wir
unsere Wohnung verkauft, und sind nach Kirgisien gekommen, und da waren
ja viel, die haben verschiedene Namen, ja, und da hat er gesagt, oh, da ist
jetzt mein Name noch besser, wie den ihrer, aber sonst.
Und haben sie mit ihren Kindern dann auch Deutsch gesprochen?
Ja.
Der Peter hat bis finf, der
Nur Deutsch, bis fünf Jahre.
L Der konnt´ nur Deutsch
Und da sind wir unter die Russen runtergekommen, da waren wir in Baracken,
da waren Deutsche, und da haben wir nur Deutsch gesprochen, zu Hause.
Und haben deutsche Freunde gehabt,
L Und die Kinder haben Deutsch gesprochen,
und da
Ja, und da ist das, mir sind darüber
L Sind dann auseinander, und
gezogen, und im Frühjahr ist dann rausgegangen, da waren nur RussenKinder. Und da hat er das nicht verstanden, aber er hat sehr schnell gelernt,
und er hat kein Wort mehr Deutsch gesprochen. Der hat Abendbrot nicht
gekriegt, der musst´ in Ecke stehen, und hat sowieso nicht getan.
L Haben sie ihn
dann bestraft?
Ja, da war ich Schuld dran. Ich hab bestraft, ich hab, auf´n Arsch gehauen.
Hab ich später so gedacht, hab ich gar nicht brauch mache, rede mit ihm(?),
sagen auf Russisch, dann hätt er´s nicht vergessen,
Und die beide haben bis 3 Jahre nicht gesprochen, Peter hat mit ihnen
Russisch gesprochen, mir Deutsch, ja. Und da wussten die nicht, was für eine
Sprache sie annehmen soll´n. Die haben nur gesagt, Nudel, oder, wenn ich
Nudeln gekocht hab, und die Gabel, ja, das wussten, das war, die zwei
Wörter. Und das andert ging alles mit de Händ´. Und da sind wir wieder
übergezogen in andere Wohnung, und die sind dann wieder rausgekommen
und haben sich die russische Sprache gelernt und da hab ich gesagt, sollen se
machen, was se wollen, ja.
Warum war ihnen das denn so wichtig, dass die Kinder deutsch sprechen.
Weil mir Deutsche sind.
Mir waren Deutsche, haben unsere Kultur auch, unsere deutsche Kultur
behalten, und wollten auch, dass die Kinder Deutsch sind. Die waren ja
sowieso eine deutsche Familie, ja, und mir waren ja auch im Ausweis
eingeschrieben, dass wir sind Deutsche. Ja, warum sollten die dann? Wir
wollten auch haben, dass die deutsch sprechen.
Ja. Und äh sie sagen, sie haben deutsche Kultur bewahrt, was ist denn, was
ist denn diese Kultur?
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Ja, wie, weil mir, wenn wir, na ja, das sind ja auch deutsche Menschen,
Familien, wenn also Oktoberfeiertag war, da war Neujahr, ja, und wenn es nur
noch eine Familie war, Deutsche, da sind wir zusammen gegangen, da waren
wir Deutsche unter uns und haben, ja, was wir gehabt haben, da hatte jeder,
was er zu Hause hat, er hat es mitgebracht, und es wurde auf den Tisch
gelegt zum Essen, und da sind wir gesessen, haben gesungen, haben auch
getanzt. @1@
Deutsche Lieder gesungen?
Ja. Nur deutsche. @Ich@ konnte überhaupt nicht Russisch. Und wie ich dann
hin gekommen bin,
L Aber der Oktoberfeiertag, ist das nicht ein russischer
Feiertag?
Doch. Da waren kei´ Feiertage für Deutsche.
L Da waren nur russische Feiertage.
Weihnachten war nicht, Ostern war nicht.
Haben Sie das denn gefeiert als Familie, Weihnachten und Ostern?
Ja.
Aber die Lieder, die Volkslieder, die alten, die hem wir schon vergessen. (?)
Spielen Sie ein Instrument, oder so?
Nie.
Haben Sie einfach so gesungen, ohne Instrumente?
Ja, wir manchmal auch wir beide alleine. Aber wenn wir zusammen kamen,
ne, da wurde gesungen, ohne das ging´s nicht.
Und ihre Kinder können die die Lieder auch noch?
Nein. Mit denen haben mir das nicht
Ja, der Peter, der hat,
L Peter hat schön dazu
der ja, mit dem
Auf der Nachbarschaft.
L Der hat ja auch Akkordeon gespielt.
L Bis zur
Armee, da ist er in die Armee gekommen, ja. Und hat verlangt, wir sollen das
Akkordeon schicken, wir haben ihm das Akkordeon dahin geschickt. Und dann
hat er ihn dort gelassen. In der Armee. Und ist gekommen ohne. Der hat
schön schon gespielt. Der hat, wie heißt es, blaue Donau, Donau, was hat
noch?
Ja, schön hat gespielt, äh äh (?) Sprechen sie Russisch?
Ein bisschen nur.
(Spricht einen Satz auf Russisch) Verstanden?
Ja.
Ähm, und das Akkordeon, dort hat angefangen von Lugansk, (?), das waren
ungarische, und zuletzt war er schon bei der Donau. Oder von Zähler, er hat
viel gemacht.
Und äh was würden Sie sagen, wie haben sich denn die deutschen Familien
unterschieden von den russischen oder den kasachischen? Ne, kasachisch
war ja gar nicht. Aber von den anderen Nationalitäten, wie haben sich die
Deutschen unterschieden, was war bei den Deutschen anders?
Ja, in der Stadt war das, kann man sagen, nicht anders. Aber auf´em Dorf, da
war das anders. Wir in der Ukraine, wir hatten,
L Diese Zellen, nur nach´em
Krieg werden mer sagen, von Ta(?), wir sind ja auch Tjalt.
Woher?
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J:
Aus Tolijate(?) sind wir, aus Deutschland hergekommen. Dort waren mer auch
4 ja, da waren de (zählt ein paar Familien auf) und mir. Wir sind
zusammengekommen, sag mer so, wir haben viel Kameraden gehabt, aber
auf dem Feiertag und Geburtstag waren nur wir zusammen, kann man sagen,
da hast du dich immer gekannt, war ja auch alle dabei, das war sehr selten.
Aber so war das mit den Familien, das war immer sehr schön.
Auch wo die Deutsche
gewohnt haben auf´m Land, wo sie schon nach´em Krieg, ja, und das sind ja
meine Cousine, die hat ja in Usbekistan gewohnt, haben da gebaut, ja, eine
ganz deutsche Straße, da hat ma kein russisches Wort gehört, wenn du auf
der Straße warst, da war nur Deutsch gesprochen worden. (2) Und was für
schöne Häuser die sich gebaut haben, ja. Und so viele Wein, Obst im Garten.
War das anders als bei den Russen?
Ja.
So wie Tag und Nacht Unterschied.
Ja?
Ja.
Was ich sagen wollte, in der Kolchose, der hat en Bach stehen, so haben sie
gebrannt(?), an dem ganze Umgebung war, (spricht ein russisches Wort), dort
waren so schöne Häuser, aber die Russen, die sind nicht, die sind (russisch)
(?), und die haben (?)
Also waren die Deutschen, haben die sich schönere Häuser gebaut?
Ja.
Überhaupt haben die besser gelebt. Für uns würden wir sagen, war Kolchos,
und bei der Russen, bei unserem Batallion, da war es umgekehrt, da waren 10
Kolchosen und 8 Sowchose, umgekehrt, die Deutschen haben nur Kolchosen
gehabt, und die Russen haben nicht mal Geld gehabt, zum Lohn zu zahlen.
Also waren die Deutschen irgendwie wirtschaftlich erfolgreicher?
Ja.
Ja. Aber das kann auch sein, wie man sagt, Sowchose und Kolchose sind
Unterschiede, ja. Kolchose, die ist wie gemeindeartig, und Sowchose ist wie
ein, wie ein Betrieb. Die Arbeiter bekommen Geld, und dann sind se fertig, und
das Getreide nimmt die Regierung. Und Kolchose, der verkauft dies. Vielleicht
deswegen, dass sie deswegen besser verdient haben. Aber bei den Russen
waren das alles Sowchose.
Ja. Aber verkaufen, verkauft das, aber von Anfang, das war nach´m Krieg.
Aber von Anfang, wie nach der Enteignung, wie die Kolchose gegründet
worden sind, haben bloß ein Strichel gekriegt, also du hat ein Arbeitstag, und
warst dann, was übrig geblieben ist, wo die Regierung weggenommen hat,
und was da übrig geblieben ist, da hast du was rausge- hast du was
bekommen. Vielleicht Weizen oder paar Pfennig auf den Tag, aber sonst, da
war, damals war schlecht.
Durch dies war das auch jetzt denk ich, in Kolchose. Du hast gearbeitet und
die Rechnung ist gekommen End´ vom Jahr, wenn die Ernte gemacht wird, da
hast du äh wie man sagen tut, sie (?), dies hast du
L Was übrig bleibt, das wurde
dann verteilt.
Ja.
Auf die letzten Jahre war das viel besser.
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Und äh von der Kultur her, die Mentalität, zwischen den Russen und den
Russlanddeutschen, gab es da auch Unterschiede, vom Wesen? Oder nicht?
Kann ja auch sein, dass die Menschen sich ähneln.
Ich kann gar nicht sagen von der Kultur, wir haben in der Stadt gewohnt, kann
ich nicht sagen.
In der Stadt kann man sagen, war
L Nur unter Russen. Kino, Theater, das war ja
L Naja.
alles, mir sind- nur hinter der Tür,
L So im privaten Bereich?
Privaten Bereich.
Ja, ja.
Auf der Arbeit kann man auch nicht klagen, die Leute waren,
L Na, das war die
letzte Zeit, aber von Anfang.
Ja, aber.
Da hat man Angst gehabt, den Familiennamen zu sagen.
Ja, das war auch.(?) Sie war eine Näherin, hat genäht in die 50er Jahre, und
dann überall in der Zeitung schreiben sie, wir brauchen Näherin, Näherin,
kamen mir, und dann, wenn se in den Pass dann geguckt haben, dann haben
se gesagt, passt nicht. Das war sehr schwer damals. Wie haben se immer
gesagt, ich kann auf Russisch sagen, wir waren ja nur Schwarzarbeiter. Die
Russen sagen: (spricht in Russisch weiter) Das war ja auch viel, viele waren ja
auch gelernte Näherinnen.
L Ich musst´ Holz fällen, musst´ Waggons mit Holz
beladen, ja, nach´em Krieg, musst´ Waggons lade mit Sand, (3)
Das war sehr traurig damals. Und wir sind ja auch gar nix gelernt worden
damals.
Danach ja, da hab ich sogar in einem Modehaus gearbeitet, 7 Jahre, Näherin.
Und da waren so Mensch dabei, die haben mir das gegönnt, dass ich das jetzt
besser kann als wie sei. Und wir hatten ein Direktor, der hat auf das geguckt,
und dann musst ich mal auf die, na ja, da haben wir ja auch Modeschau
gemacht, ja. Das war so, musst jetzt ein Männerhemd, sollt genäht werden,
und wir haben wo kein, waren ja Frauenkleider. Und da haben die mich
angestellt, ich soll das Hemd nähen, und das war so hellgelber Stoff, und das
musste viel abgesteppt werden, und weil dass es grad war und mit die von der
von der Modeschau zurückgekommen sind von der anderen Stadt, und da hat
er uns reingebracht, gerufen zu sich ins Kabinett, und hat gesagt, alle, was
dort waren, die Matileure, und die haben sich alle bewundert, dass man so
grad nähe kann, wie hatte ja die große Nähmaschine da, und äh hat gesagt,
also sie sollen sich, wenn se was nicht können, sie sollen sich bei mir
erkundige, wie man was machen soll. Und der war nicht mehr lange dran, da
haben sie ihn weggenommen. Das war ein Russe, unser Direktor. Weil er (3)
mich vorgestellt hat. Ja,deswegen war´s die Maria Andrele, die hat mich,
L Weil
sie Deutsche sind?
Ja. Ich war ja allein dort ne Deutsche.
Aber die Beamten haben sehr gerne Deutsche gehabt,
L Als Brotarbeiter.
Was anderes konnten wir ja auch nicht. Da kam Schlosser, Dreher, Fräser.
Wir haben einen gehabt, der hat da ausgedrückt, ich schaff sehr gerne mit den
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Deutschen. Und ich versteh die Deutsche nicht, unsere Kinder, ich will sagen,
unsere, überhaupt nicht, sind hergekommen, ich versteh de gar nicht, zu
stehlen, mit die Droge, soll ma vielleicht nicht sagen, so was ham wer ja nicht
gehört in Russland, dass unter den Deutschens so was war. Warum ist das
hier so?
Unter den einheimischen Deutschen oder unter den Russlanddeutschen?
Nee.
Nicht unter den Russlanddeutschen, tät ich sagen. (?) Die Hiesige. Aber dies
kann ich gar nicht verstehen. Wann diese gar nicht, die Hungersnot, die
Quälerei im Krieg, aber dass da gestohlen worde ist unter den Deutschen, ich
hab so was nicht gehört. Nein, hab ich nicht. Aber die Russen, die waren ja
auch, wir waren ja in (?), der Hauptstadt vom Altaigebiet. Dort hen se auch
alles gemacht, gestochen, und weeß nicht was. Aber unter den Deutschen
hab ich das nicht einmal gehört.
Also galten die Deutschen als sehr anständige Menschen?
Das kommt so raus, das kommt so raus.
Damals ja. Ja. Wie es jetze ist, die haben ja auch, weiß es nicht, unser
Enkelsohn, vor 2 Jahren, denk mir, wo er drüben war auf Besuch, da hat er
gesagt, Oma, weißt du was, die Mädels, wie alt war er, noch kein 14. Wie alt
war er denn? Die Mädels in Russland, die ziehen sich aber viel schöner an.
Die russischen Mädchen?
Ja, auch die russischen Mädchen, ja, die ziehen sich aber viel schöner an.
Weil hier die Mädchen Hosen tragen, oder?
Na, die werden ja dort jetzt auch mal Hosen tragen, aber (2) bei bei der bei
unsere Olena hier, ja, war eine Frau auf Besuch, ihr Freundin, die ist mit
Kleider gekommen, hat schöne Kleider gebracht, hat gedacht, die wollen die,
waren unten, hat die unten geschlafen. Hat die unten hingehängt auf die
Sessel zum Anziehen, und dann hat´s aber Hosen gegeben. @1@ Da hat se
sich aber auch Hosen gekauft hier. Und die werden dort jetzt ja auch tragen.
Aber die Schwiegertochter
L Mit em Anziehen, die ziehe sich dort doch schöner
an. Die hiere, die han ja vielleicht mehr hier als se dort habe, will mal so sage,
aber wo hammer dies in Russland gesehe, dass es (?) is länger als der Kittel
so, (?) so is es doch. Das ham er doch nicht gesehen in Russland. Was ich
will sage? Dass- oder guck den Professor(?), den se da umbracht ham(?). Ich
versteh so was gar nicht.
Finden sie das nicht schön?
Mhmmhm. Wir ziehen de Schlupf uf, und nicht richtig gebunde. Doch ich guck
um, wenn de schon de Schlupf ausziehe tust, dann musst du auch angezoge
sen, wo gucken e mal im Fernsehen.
Also ist es ihnen wichtig, dass man sich ordentlich kleidet?
Ja.
Mir sind des gewöhnt.
Und wenn ich nur eins habe, ja, für Sonntag. Also Sonntag ist Sonntag, und
der Arbeitstag ist Arbeitstag.
Von der fuffzigste Jahre, was ich mich kann, ich hab en Anzug gehabt, en Hut
gehat, scheine Schuh gehat, des hab ich nur getragen, alle Sonntag und
Feiertag, aber dies waren komplett. Jetzt hab ich nichts so. Ich kann mich
auch anziehe, wenn ich will, aber so´n komplett, wie ich damals hat, hab ich
net.
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Ja, und glauben sie, dass das generell unter den Deutschen in Russland so
war?
Ne, das waren net nur, die Russen auch.
Bei den Russen auch?
Jooah.
Ja, die ziehen sich auch gut an.
Auch damals.
Wie han se noch gesagt. Auf Deutsch werden mer sage:
L In der Stadt.
Nichts anziehe, aber dies muss im Schrank hänge, so ungefähr. Dies muss
sei. Wir sind dies gewöhnt, ware dies gewöhnt.
Ja. Und jetzt mal zu ihrer Kindererziehung, wie sie ihre Kinder erzogen haben.
Was können sie sagen, wie haben sie ihre Kinder erzogen, ihre drei?
Unser drei Kinder, wie wir sie erzogen haben? Die sollten lernen und auch
arbeiten. Die mussten zu Hause, ich hab ja immer gearbeitet, hab dann auch
drei Kinder gehabt, ja, kein Oma, kein Opa, (3) und kein Kindergarten. Die
sind eingeschlossen worden, Peter ging in die Schule, wir haben Licht von
außen ausgeschaltet, dass sie keins drinnen hatten, die beiden, die sind ja
Zwillinge. Wenn Peter gekommen ist von der Schule, dann hat er ihnen Essen
gegeben, Licht eingeschalten, hat die rausgelassen auf´n Hof zum Spielen.
Solang´ das warm war. Und das hat auch keiner nich geglaubt, man musste ja
immer Schlange stehen, und die Männer sind doch auch manchmal
unverschämt, die gehen ohne Reihe hin. Da hab ich auch einmal gesagt, ich
hab zwei, meine zwei Kinder zu Hause eingeschlossen. Das glauben wir nicht,
dass die eingeschlossen sind, aber bloß mit einem Lohn, was er verdient hat,
konnten wir fünf ja nicht leben, ich musste ja arbeiten gehen.
L Und den ganzen
Vormittag waren die Kinder zu Hause?
Ja, die waren zu Hause, bis der Peter von der Schule kam, der ist ja sechs
Jahr älter wie die, der ging ja in die Schule schon. Wenn der gekommen ist,
dann hat er das Licht im Hof eingeschaltet, das war außen, aber so haben wir
ausgeschaltet, weil die konnte ja in die Steckdose irgendwo hingehen oder
sonst was. So waren die beiden alleine, und ich war auf der Arbeit.
Und Kindergarten gab´s nicht?
Gab´s nur für solche, was keine Männer haben, für Alleinerziehende, aber
L Ja,
das war, sie hatte (?) bekomme, da war das auch so. Ein geschriebenes
Gesetz, Männer han se keene, Kindergarten geht. Das han se nich obe
gesagt, aber so ungefähr war das. Und dann konnt se nix kriege, solang wie
die arbeite tut, äh, ich würd, ich würd, die Kindergarte waren mehr von de
Betriebe, wo du gearbeit hast. Und da haben große Betriebe gehat, dort hats
alles gegeben.
L Mir haben sie keinen Kindergartenplatz gegeben, weil ein Mann,
L (?) habe se uns
war keiner
Ja, habe se uns angebote also auf Bekanntschaft, ja, und da
angeboten.
brauchten wir ja schon nicht mehr. Da sind die in die Schule gegangen, da
waren die 2 oder 2 Jahre, oder 3 waren die also morgens in der Schule, und
dann waren die bis also so
L Zum so länger die Schule geblieben, da war ne
nach (?), haben da gelernt.
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L Ja, die haben da gegessen, musste ja was zahlen,
aber das macht ja nichts. Und da wusst ich, die gehen morgens in die Schule
und kommen nachher zurück, wenn ich schon zu Hause bin, oder kommen die
zurück, wo Peter auch schon zu Hause ist.
Und äh, sie haben gesagt, sie wollen ihren Kindern beibringen, dass sie
arbeiten und lernen, und was noch?
Ja, dass sie die Eltern (3) ja, schätzen, und dass sie, so wie ich gestern,
heute, von unser Stadt heimgefahren bin, ich war heute nach em Aldi
gefahren, da war ich im Bus, und da waren die Schüler, ich hat zwei Taschen,
ja, dann vor mir konnte ma schon nicht mehr reingehen, die habe heute ihre
Zeugnisse bekommen, oder was, weil die heute so früh wegehe, um 12 Uhr.
Und da sagt der Busfahrer, gehen sie in der Mitte rein, da is Platz genug. Aber
ich bin darein gegange, aber da hat, hat er sie zugemacht, die Tasche hab ich
dahin gestellt, da konnt man die Tür überhaupt nicht mehr aufmache, da sagt
aber einer nicht, Oma setz dich mal hierher. Ja, aber die werden doch auch
mal alt oder nicht?
L Sin mers nicht selber Schuld, in Russland, da hätt
unbedingt zu dir gesagt, garantiert. Nicht alle, aber wenigstens einer. Dies ist
genug.
Aber hier ist ja, kein Mensch sagt was.
Ich war einmal im Bus gefahre, hier, da war, das war der Jugoslawe, viele
Kinder, die haben so geschrien, schrecklich. Da hab ich gesagt, man versteht
das eigene Wort nicht, mal ruhig sein. @1@ Das war ein hiesiger alter Mann:
hier tut man nicht die Menschen belehren, auf Deutsch kann ich nicht so´n
Wort sagen.
Ich muss so (?), wenn ich Bus fahren tu, jetzt schon bin
L Aber so, ne.
ich ein bisschen gewöhnt.
L In in der Schule, ja sicher, die sollten lernen, und die
haben ja auch gelernt. Und nachher haben die uns gefragt, wie wir beide, wie
wir schon in Kirgisien wohnten, haben die uns gefragt, wie wir unsere Kinder
erzogen haben, da war Versammlung in der Schule.
L Das ich war eingeschlafen
die Versammlung. Ham se mich gefragt, wie wir die Kinder erziehen.
L @1@
L Da hat er
gesagt, die haben sich allein erzogen. Ja, die wussten, dass die Eltern, die
arbeiten mussten, dass se mithelfen mussten, dass se zu Hause ordentlich
sein sollten, und auf der Straße auch, und dass se ebend im, wenn se im Bus
fahren tun, dass se wissen, dass se aufzustehen haben, wenn ein alter
Mensch reinkommt. Und dass haben auch die gemacht, ja der guck mal, unser
Ewald, der hat sogar gesagt, die erste zweite Klasse, er konnt besser lese, ja,
er lest überhaupt gern. Und da hat er äh
Ende Kassette Seite 1
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Und da schäm ich mich, ja, wenn die schlecht konnten, die sollen auch lesen
zu Hause. Die waren, das waren Deutsche, aber in russischer Sprache haben
die besser gekonnt, und Rechtschreibung und alles wie ein Ruski.
L Also das
war ihnen wichtig, dass ihre Kinder in der Schule auch gute Leistungen
bringen?
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Ja.
Wenn sie jetzt so, haben sie ihre Kinder denn auch mal bestraft, wenn sie
nicht gehört haben, oder gab´s das nicht?
Peter hat ja, Peter hat manchmal (2), der Peter unser, der war, das is so ein
Mensch, also der nimmt das auf sich, der kann nichts sagen, der Kleine hat es
gemacht, nicht ich. Überall in der Schul´, der war artig, nur (?)
L Er war unartig, ich
will es mal so sagen.
Net unartig, des war ja nur in der Pause. Aber in in der Schule, da braucht er
nicht mal bis er die Rechnung auf der Tafel geschrieben hat, hat er se schon
abgeschrieben von der Tafel, hat es gleich auf den, der hat zu Hause keinmal
Mathematik gemacht, der war in Mathematik ausgezeichnet. Aber in der in der
Pause, da konnt´ er ja auch mit den andern, nicht alleine, aber die wussten,
dass er nicht sagen kann, ich war´s nicht, die haben all gesagt, der Peter, der
Peter hat´s gemacht. Und da musste Johann jede Woche einmal in die Schule
kommen.
Und wie hast du ihn dann bestraft?
(?) @2@
Ja, ach Gott, wir haben ihn dann geschimpft, manchmal hat er auch paar
eingehängt kriegt vom Vater. Aber der Ewald hat kein einziges Mal. Der wurde
nicht geschlagen. Der, wenn er angestellt hat, hat er gleich angefangen zu
weinen, wenn er uns geseh´n hat, und hat gesagt, ich hab das und das
gemacht, verzeihst du´s nicht mehr?
Da hat er auch nichts gekriegt. @1@
Da hat er auch kei-, ja der hat kein gekriegt. Der Peter, der hat sich niemals
nicht beleidigt. Wenn er vom Vater geschlagen wurde, ja, der ist noch am
anderen Tag is er noch gegangen, hat gesagt, Papa, verzeih mir.
Und die Tochter?
Ohh, die Tochter. Die Tochter, ich hab die niemals nicht geschimpft, dass ich
mal zu ihr gesagt hab, du bist faul oder du machst das nicht. Anna hat sehr
vieles mitgemacht. Ich hab ja, musst ja auch noch zu Haus nähen, mussten ja
auch die Kinder angezogen sein, musst zu Haus noch Geld verdienen, wir
haben ja doch sowieso, er hat 120 Rubel gehabt, ich 80, da hab ich zu Haus
noch immer genäht, am Ruhetag, oder abends, wenn ich nach Haus
gekommen bin, oder in der Nacht gesess´ und hab genäht, ja. Und (2) der
Zwirn und des alles, musst ich immer alles selber machen, mir haben ja
damals noch, ich hab ja auch noch im Atelier erst gearbeitet, ja, da hab ich die
auch noch mitgenommen, der ist weggefahren mit dem Ewald, und da hab ich
se mitgenommen, da musst sie die Fäde da ausziehen, da haben wir so
genäht und durchgeschnitten und durch das und zusammen genäht, damals,
L
Also musste ihre Tochter auch viel mithelfen?
Ja. Da war se aber noch klein, die ging noch nicht in die Schule. Da war se
beleidigt, is raus gegangen und hat gesagt, ich geh nich mehr mit auf deine
Arbeit. @1@ Aber zu Hause, die hat, Peter hat solang, als die klein waren, der
hat sich nicht geniert, wenn die Jungen zu ihm gekommen sind, ja, hat gesagt,
geht raus, ich tu noch den Boden waschen, und da komm ich.
L Ja, selbstständig.
@1@ Wenn sie jetzt so ihre Enkelkinder sehen, ne, und ihre eigenen Kinder,
welche Unterschiede fallen ihnen da auf? Sind denn ihre Enkelkinder schon
anders erzogen, als ihre eigenen Kinder?
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Oh, ja. Oh ja.
Die sind schon Hiesige. Die haben schon nichts mehr von uns.
Wirklich?
Ja. Die haben auch Freunde, Freundinnen, so wie hier die auch.
Die Erika, die hat gelernt, (?), und da war sie auch immer ausgegangen, alles.
Das is aber vielleicht auch wie der Mensch ist, ja. Die ist, die kann sitzen, die
hat ja doch vieles mitgebracht, mitbekommen, in der Schule wurde ja verlangt,
du musst das können. Ja.
Aber sie haben eben gesagt, sie sind schon wie Hiesige, aber was macht, wo
ist denn der Unterschied zwischen Hiesigen und Russlanddeutschen?
Ich hab ja gesagt, die haben Freunde und Freundinnen, die schweige (?) doch
nicht.
Ach so. Hat man dort geheiratet?
Ja. (?)
Aber die Melinda, ich weiß nicht, will die nicht (?) oder kann die nicht. Ich weiß
nicht. Das, was die nicht, die sprecht ja ganz gut, die sprecht ja besser als die
Erika auf Deutsch. Aber im Lernen ist das Kind so faul, und so ist auch der
Johann, der Anna ihr. Und da ist die selber Schuld, also der kriegt alles, was
er verlangt von ihr, die geht außer Haus, die arbeitet acht Stunden, ja. Und
muss zu Haus noch alles tun. Da bin ich hingekommen, ich hab ja en
Schlüssel. Bin ich da hingekommen, der hat noch nicht einmal sein Bett
aufgeräumt.
Also sie meinen, dass die Enkelkinder im Gegensatz zu früher ein bisschen zu
verwöhnt sind?
Die sind zu verwöhnt. Das das geht nicht. Ein Kind muss wissen, was er darf
und was er nicht darf. Und muss wissen, ob du das kannst von den Eltern
verlangen, oder ob du´s nicht kannst. So wie jetzt die, ich hab einmal gehört,
dass unser Anna gesagt hat, Mama ich will auch so was. (3)
Also ihre Kinder waren auch sehr bescheiden?
Ja. (3) Die wussten, dass wir kein, das, was wir verdient haben, was der Vater
verdient hat, bringt er nach Hause, und gibt es mir das Geld, was Peter
gearbeitet hat, hat er auch von 16 Jahre angefange zu arbeiten und
Abendschule gemacht. (3) Der hat sein Geld auch heimgebracht und hats der
Mutter gegeben. Wenn er was gebraucht hat, Mutter ich brauch für´s Kino und
so, oder für die Schule, was er brauchte, des hat er von mir bekomme. Aber
das ein jeder sein Geld zu Hause gehabt hat. Oder mir haben ja jetzt auch ein
Konto, da hat keiner, keiner hat gesagt, das hab ich verdient, is mein Geld, hat
de Mutter. Sogar die Erika, die war ja bei uns, wie sie so klein war, die wusst,
dass das Geld der Oma gehört. Wenn der Vater Geld gebracht hat, hat er
gesagt, Erika, komm mal, was hat der Opa? Geld. Das hat se gleich der Oma
gebracht. Also des Geld, das gehört der Oma.
Also das Geld zu verwalten, ist Frauensache?
Ja. Bei uns ja, war das so.
Ja, aber (?) damals hat ja auch nur gelangt zum Leben. (?)
L Aber das, solang das du
dein Füß´ unter Eltern de Tisch stellst, solang gehörst du zur Familie. Und e
Familie, das muss zusamme halte.
Wer hat denn in ihrer Familie die Entscheidungen getroffen? (2) @1@
Die Entscheidungen, hier. Der hat immer gesagt, wir wollen uns mal beraten,
was wer wollen mache. Wenn ich so gesagt haben, ja anders, ging ja sowieso
wie er, meistens so wie er. So, is auch heute noch. Ja, aber aber bei uns is ja
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nicht so, wir haben ja alles, unser Familie hat ja, Anna, wie se hierhergezoge
is nach Deutschland, war se ja mit uns zusammen. Das Geld habe se immer
der Mutter gegeben. Ich ha ja das Geld nicht verbraucht, is ja in der Familie
geblieben, ich hab ja nicht nichts ausgegeben, ne, unnötig, wenn ich was Geld
gehabt hab. Und jetzt, ja. (3) Und hier ist so, jeder hat seins.
L Sie meinen bei den
Einheimischen?
Nein, so wie wir´s haben unsere Tage. Der Erika hat ihr Geld, Mama hat ihre
Geld, ich weiß net, ob der Ewald auch was hat, weiß ich net. Beim Peter ist
auch, er muss für alle sorgen, und die Tanja, die hat (?) verdient, die hat jetzt
Schwierigkeiten.
L Ist das seine Frau?
Ja. @1@ Ja, des war, so was war net.
Warum denken sie, ist das hier in Deutschland so, dass da so getrennt wird?
Warum?
Ja.
Also, ich ich denke, hier sind viel mehr in Scheidung.
Meinen sie unter den Einheimischen?
Ja. Die sind geschieden, die sind geschieden, die sind geschieden, is bloß,
sind wir Christe? Unsere? Und dann noch das andere Haus. Noch das andere
Haus. Bloß noch diese Reihe. Und die andere vier sind weg. (4)
Sie meinen halt unter den Einheimischen so?
Ja, das sind Einheimische. Hier sind ja bloß mir. Sonst sind Einheimische.
Und sie denken Russlanddeutsche lassen sich nicht so schnell scheiden?
Ich denke nein.
Wieso?
Weil se immer denken, (2) ich weiß nicht.
L Scheide sich auch viel.
Ja, tun sich viel scheiden.
L Ja?
L (?)
L Ja, aber wo denn, hast denn du davon gehört?
Ja, ja, ja.
Na, ich denke nicht so viel
L Ich hab en Neffe, hat sich der eine Frau geholt
aus Kasachstan, eine Russin. Ist hergekommen, hat ja kein Kind, hat en
Führerschein gemacht und is weggefahren. Wohin weggefahren, (?)
Von ihm weggegangen.
Die Frau?
Ja.
Und das war eine Russlanddeutsche?
Ja. (3) Aber hier bei uns um die Ecke
L Ist grundsätzlich nicht. Im Grund. Aber (?)
Egal, wenn, er hat es auch mal gesagt zu mir, dass die dann heirate tue, die
Fro, die (?), und er ist weggegangen, (?) so sind verschiedene dorten, ja ja.
Wie fühlen sie sich denn so? Fühlen sie sich schon wie Einheimische oder wie
fühlen sie sich, als Russlanddeutsche?
Ich denke, ich gehör dazu. Ich bin schon´s zweite Mal hier. Ich war im Krieg
da.
Und sie, wie ist es für sie?
Wie se schon gesagt hat, ich fühl mich zu Hause.
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L Hier in Deutschland?
Jaaaa.
Ich bin zu Hause.
Ich bin hergekommen, ich bin
L Ich gehör auch dazu. Ich sag, ich gehör dazu.
aus Sibirien bin ich nach Kasachstan gezogen, ja, und hab ich ZahnfleischWeh bekommen, schreckliche Sache, hab ich mich gequält. Und dann bin ich
von Kasachstan nach Nivodny (?) gezoge, hab ich wieder Elend gehabt. Dann
ich komm nach Deutschland, hier hab ich nicht mal en Schnuppe bekommen
seit ich bin nach Hause gekommen. @2@
Aha, also sie fühlen sich zu Hause?
Erstmal die Gesundheit, tät ich sagen.
L Ja, ich sag, ich gehör dazu.
Sehen sie denn Unterschiede zwischen den Einheimischen und den
Russlanddeutschen? Oder nicht? Weil sie sagen ja immer, Hiesige und
Unsere. Ja? Mit Unsere meinen sie ja wohl die Russlanddeutschen?
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Ja.
Und, gibt´s da Unterschiede?
Nein, man kann, wie soll ich das sagen? Mir hab ja kein Garten, ja? Und da(?)
L Man kann
Ja, wie das so ist, wir machen Spaß und kommen zusammen, (?), aber es ist
doch ein bisschen was anders.(3) Kann man ja zum Glas Bier Trinke kann
man auch den ein oder andern einlade, aber bei denen ist das kann man
sagen schon Schluss.
L Mit den Nachbarn im Garten, wunderbar.
Sie haben hier einen Garten?
Ja, ich sag, en kleen Garten.
Ja, in O..
Ach ja, da haben sie einen Garten. Ah ja, und neben ihnen sind lauter
Einheimische, oder was?
Nur Einheimische.
Die sind so, wie man sagen soll, schon richtige Deutsche. Mer han unsere
eigenen Charakter.
Aber mir haben auf einer Seite wunderbare Menschen. In der Nachbarschaft.
Da sogar ihr Hund, wenn ich kommen tu, der kennt mich am Gehen. Wenn ich
kurz vorm Tor draußen reingehe, ja, und da springt er schon an die Pforte bei
ihne, ja. Begrüßt mich. Da sagt die immer, ja, ja, die Marie kommt, der springt
schon wieder.
Ich hab hier ein gute Kamerad gehat auch ein Hiesiger, und der ist gestorbe,
und der fing- (?) Der hat mich (?). Aber jetzt, wir waren so allein,
L Ja, der Hein.
L Der hat auch dort
gewohnt in dem Haus, ja?
Zusamme gewohnt ham wir.
Ja, der ist, der hat angerufen, wenn wir schon hier waren, aber schon dort,
wenn Johann in dem Garte war, und der hat gefragt, wo ist der Johann? Der
ist im Garten. Da hat er sich in sein Auto gesetzt, ist auch gefahren. Und der
hat uns ja auch sehr viel mitgeholfen. Und ja, aber
Also würden sie jetzt sagen, zwischen Russlanddeutschen und Einheimischen
gibt es nicht viele Unterschiede?
Ich denk nicht, es ist mehr die Sprache so schwer.
Doch, vielleicht. Weil die die Russlandsdeutsche, die meisten sprechen ja
nicht die deutsche Sprache, und das geht es zu, oder oder sind Gemischte, da
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ist der Mann Russe und die Frau Deutsch oder die Frau Russe und der Mann
Deutsch, ja? Und da geht es ja zu Haus nur Russisch.
Wollt ich da noch zu sage, davor wir waren in em anderen Garten, (?) der
redet mal, dann sach ich was dazu, hab auch en Bekannte, wir treffen uns
machen Spaß da, dann war ich mal bei dem und dann sind mir zu sechst
zusamme so gekommen, (?)man kann sagen, ich hab en guten Kameraden.
Kamerad, sagt er zu mir. Russlanddeutsch. Und hat er zweimal, wir trinke
Bier, zum zweiten Mal eingelade zu komme. Ooh. Wie man sagt. (?). So, erst
tan mer dann. (?) Wenn er nicht kommt, is weg. Dann hat er gesagt, die Frau,
die Sprach zu hart und die Frau, die will nich. Und dies und alles. Wenn wir
sprechen, ich sag, ich bin hergekommen, bin hier schon zehn Jahre, ich han
noch nichts gelernt hier. Spreche. Nein, nichts.
L Na, warum nich?
Nein. Was ich auch hiere tu, ich vergess. (?) Probleme, (?)Oder da erzählt, will
man was sage, und dann geht nix, und dann brauchst so ein einfaches Wort
und du weißt es nit.
L Der Peter (?) sagt, wollten nicht mehr entgegen gehe. Und
da kommen die Junge, die gehen ja schneller, wenn man von dort bis nach
Friedehausen fährt, ja. Da kommen die die Junge gehen ja schneller, und da
sagt er zu dem, wie (?) @2@
L Ja, so ein Fall,
Ich kann jetzt noch nicht (?)
Glaube, ich, manchmal denkt man, wie heißt
L (?)
das, das heißt auf Deutsch so, aber wie heißt das jetzt auf Russisch, ne. Also
ich hab auch schwer Russisch gelernt, ich war ja auch damals schon, wie alt,
22. (4)
Ja. Ja, ja, haben sie ja gesagt. Aber jetzt mal abgesehen von der Sprache,
gibt es denn auch so von der Persönlichkeit, von der Mentalität Unterschiede
zwischen Einheimischen und Russlanddeutschen oder, würden sie sagen,
sind alles Deutsche, sind alle gleich?
Gleich kann man nicht sagen, weil wir haben, wir sind ja, kann man sagen,
vom Krieg ab sind wir ja unter die Russen gekommen, ja, da ham ja auch
vieles von dene auch.
Ja, was denn?
Vom Kochen, ja, is ja auch vieles, was wir mehr kochen tun, mehr wissen, als
die Deutsche. Ja, doch.
Sie meinen Russlanddeutsche kochen mehr?
Nein. Unterschiedlich.
L Ja, die kochen besser.
Nein. Die Deutsche habe da Eintopf, Bratkartoffeln, (?)salat, Gegrilltes und
Wüstchen, und was noch? Weiß nicht. Ja, bei uns gibt es so. Weil wir
kommen, wir haben unsere, was wir zu Hause gekocht haben als Deutsche.
Dann haben wir, was die Russen, das haben wir ja auch gelernt. Und dann
haben wir, was die Kirgisen, die (?), von überall ist was dabei.
Ja, genau. Mhm. Zum Beispiel beim Kochen, meinen sie? Und dann können
sie also mehr als die Einheimischen, die ja nur Deutsch kochen?
Wir wissen nicht, was die alles kochen tun.
Ja, warum denn nicht?
Ich war da in Kur voriges Jahr.
Und da hat mi (?) gelege, ich weiß
L Ja, nach der Operation.
nicht was das ist, was der (?)
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M:
L Er weiß nicht, was das, wie das heißt. Oder was
das jetzt ist, was das sein soll, was er da jetzt gelesen hat.
Ich bin ein Deutscher, ja. Nur mit dem Kochen, da haben wir gewiss. Auf
Russisch will mal sagen, (?), Pillemeni, (zählt verschiedene russische Gerichte
auf), die kann ich ja hier nicht bestellen.
L Mante,
Ja, die Mante und die (?) sind mehr von den Muslem her. Usbeke, (?). Und
des kochen mir ja auch, vielleicht nicht so, wie das machen. (?)
Und ja, jetzt abgesehen vom Kochen, gibt’s sonst noch Unterschiede?
Ich tät sagen, nein. Meine Bekannte (3), die machen das genauso wie ich. In
der Wohnung ist alles.
L Und vom Lebensstil her? Oder was einem im Leben wichtig
ist.
Mit em Heirate, so was (?), hier und rum war auch dorten, tun gerne reden mit
uns, und tun (?).
Also fühlen sie sich hier heimisch?
Ja.
Ja, ja, ja. Unser Nachbar hat kleine Kinder, sind raus gekommen, uuhh, (?)
entgegen kommen. Und so, (?), sowieso, die Ältren, (?) zum Geburtstag, da
die kleine Straße.
L Ja, die kleine Straße. Jetzt sind die auseinander, jetzt ist das auch
schon auseinander gefallen, ja.
L Ja, die sind weg, der ist weg, ja, viel Mensche
sind weg. (?)
L Aber, ja aber so, gleich von Anfang, wie wir da eingezogen sind
alles, und da war das auch mehr zusammen. Und jetze, die sind auseinander
gefallen, die haben zwei Kinder jetzt, die Carola. Er is weg, ja. Ja, die haben
keine Kinder, jene hatte auch kein Kinder, die auch nicht. Aber da is ja auch
noch hinter dem Haus, der is auch weg, der hat drei Kinder, die Frau. Und jetzt
ist, die (?), alles auseinander gefallen. Aber nun jetzte, wo der (nennt einen
Namen) is da 40 geworden, ja da waren, die wo´s noch sind, die waren alle
da. (4) Aber bei uns war´s ja auch so. Zu Russen auf Geburtstag sind wir, da
war ja das auch nicht so, ne.
L Das war einma nach em Krieg, die 40er Jahre,
50er Jahr, das war in Russland so dieses (spricht kurz in Russisch), und die
sein auch auf´m Tisch gestellt, da hab ich´s einma getrunke, en halbes Glas,
bin danach verrückt geworden. Die han sogar Zutaten, der müsst e manchmal
denke, dass der Mensch dumm wird. Oder (?) so verschiedene Sachen han
die da gemacht.
In Russland?
Ja, das war damals nach em Krieg.
Ja, dumm sein.
Und du bist hingekomme, hast dich so´n bisschen eingegossen, en Schnaps,
da war´s (?), schon volle Verstand, und, war ich (?),
Bei der Gruppendiskussion, hatten sie da nicht so´ne Karte?
Bitte?
Ja, wir hatten doch mal hier so eine Gruppendiskussion, so ein Gespräch,
hatten sie da nicht so eine Landkarte von ihrem Dorf?
Ja, ihrem Dorf.
Darf ich das noch mal sehn?
Mhm.
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(Die Aufnahme wird kurz unterbrochen, während Margareta die Landkarte holt.)
M:
Wir waren ja auch damals während dem Krieg, ich war ja auch eingebürgert
hier, und äh bin ich noch mal eingebürgert. Da hab ich ne Frau, sag ich was
soll ich jetzt machen, soll ich behalten, oder wegwerfen, sagt, behalt´s. Wenn
du das nicht mehr brauchst, dann brauchen´s deine Kinder.
S:
Und äh, die Karte wurde gemacht, damit man das nicht vergisst, wie es dort in
Russland aussah, oder?
M:
Nein, nun ja, das unser unser Heimatort, da sind wir geboren, da sind wir
aufgewachsen,
S:
L Wo haben sie denn gewohnt?
M:
Hier. (Sie zeigt auf der Karte das Haus der Familie.)
S:
Und äh, ihre Brüder konnten sich noch so gut erinnern an alles?
M:
Ja. Die waren ja nicht alleine, da waren ja von dem End und von dem End, die
da zusammen gekommen sind, die waren ja älter wie ich, die konnten ja da
unten wissen. Wir haben hier gewohnt und von den Menschen konnt ich ja
nichts die Ältere, höchstens die mit mir in Schule gegangen sind. Und hier, wo
ist denn meine (4)
S:
Ach so, das sind die Straßen und die Hausnummern.
M:
Ja, die Hausnummern, so wie se gebaut worden sind. Meine Eltern, sie haben
120.
S:
Und in der Gefangenschaft haben die das gemalt?
M:
Ja, nein, nach dem Krieg, wie se frei geworden sind. Das war jetzt 1940.
S:
Und wo haben sie nach dem Krieg gelebt, die Leute, die das gezeichnet
haben?
M:
Die haben da oben in Baden-Württemberg.
S:
Ach so, die sind in Deutschland geblieben, ihre Brüder?
M:
Ja.
S:
Und sie und ihre Mutter, sind verschleppt worden?
M:
Ja.
S:
Aha, und die haben ihnen das dann gegeben?
M:
Nein, nicht die haben mir das gegeben. Das hab ich schon von andere
Menschen von unserem Dorf, ja. Die haben ja immer eins zum anderen
übergeben, haben das kopiert, ja. Und jeder, der da haben wollte, hat das
bekommen.
S:
Und wann haben sie das bekommen?
M:
Ich denk´ vor 2 Jahren. Da war ich bei meine Freundin in Bad Ems.
S:
Ach so, die hatte das. Ach, die Leute, die hier im Dorf gelebt haben und die
jetzt in Deutschland sind, die haben das? Damit sie´s nicht vergessen, oder?
M:
Ja, nun ja, sicher, ischt doch interessant.
S:
Ja, sehr interessant.
M:
Für die Kinder, wo ihre Großeltern oder Urgroßeltern hergekommen sind.
S:
Ja, das ist sehr interessant, find ich auch. Und dass man das noch alles
wusste, wo das alles ist.
(Margareta zeigt noch weitere interessante Örtlichkeiten auf der Karte, wie Friedhof,
Weinberge, Schule, Kirche, etc.)
S:
Und dieses Dorf existiert jetzt nicht mehr?
M:
Doch. Aber da sind Russe. Wir sind ja frei geworden, ich bin ja frei geworden
´56, aber nicht nach Hause, durft´ ich nicht.
S:
Und hier haben sie also gewohnt, und wo haben ihre Eltern gearbeitet?
M:
Mein Vater war Tischler.
S:
Hatte er eine Werkstatt, zu Hause?
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M:
Zu Hause. Und nachher hat er für Kollektiv gearbeitet. Und diese alle, da sin ja
sehr viele, also das ist interessant. Und (4)
S:
Aber alles ist ja sehr symmetrisch angeordnet, sehr ordentlich.
M:
Ja, das war ja auch so. So wie jetzt, (3) hier, ja,
S:
Und wer hat hier die Äcker bestellt?
M:
Ja, das ist ja, schon in meiner Zeit, damals waren ja auch Bauern, und
nachher war ja das Kolchos-Kollektiv. Und wir haben, sehr großes, bei uns
waren 2 Kollektiv: (?) und Petrowski.
S:
Und beides war aber Deutsch?
M:
Ja. Bloß dass Petrowski war ein russischer Name gewesen. Das war alles
Deutsch.
S:
Und jetzt wohnen überall Russen?
M:
Ja.
(Margareta zeigt wieder verschieden Punkte auf der Karte.)
S:
Und wovon hat das Dorf gelebt, von dem Weinanbau?
M:
Nein. Das war ja (?). Das waren lauter Bauern.
S:
War es denn ein wohlhabendes Dorf?
M:
Ja. Aber da sind so viele enteignet worden.
(Zeigt auf der Karte die Familie, die enteignet wurden.)
S:
Und wer hat entschieden, wer enteignet wurde, und wer nicht?
M:
Ja, das war nach der Revolution schon. Das war in 20, 30, sind die eineignet
worden. Da hat das Kollektiv angefangen.
S:
Ja, ja, aber warum wurden manche enteignet und manche nicht?
M:
Ja, weil die haben mehr Land, wie die anderen.
S:
Aber das ist doch alles gleich groß, die Grundstücke.
M:
Die haben das gleich groß gemacht, die Häuser haben ja so gestanden, das
Land war ja draußen. Da hat ja bloß ein jeder ein Garten gehabt.
(Sie erklärt noch ein paar Sachen auf der Karte)
S:
Und waren die alle so symmetrisch aufgebaut?
M:
Die waren alle so aufgebaut.
S:
Interessant, weil hier sehen ja die Dörfer anders aus.
M:
Ja, bei uns waren alle die Häuser alle so gestanden, eins nach dem anderen.
(Margareta erklärt den Aufbau der Häuser, der bei allen scheinbar gleich war.)
Ende der Aufnahme
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1.1.3 Elterninterview mit Ewald und Olena Kanz
Datum:
Ort:
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E:
3.02.2004
Wohnzimmer im Haus der Familie Kanz
Vater:
Ewald Kanz (E)
Mutter:
Olena Kanz (O)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
Man muss nur aufpassen, dass man laut spricht, sonst kann man leider gar
nichts hören. So, ´ne allgemeine Frage: Was würdet ihr sagen, sind so die
Veränderung vom Leben, wenn man das jetzt so betrachtet von Russland und
jetzt hier in Deutschland? Wie lange seid ihr jetzt schon in Deutschland?
12 Jahre.
12 Jahre, da hat man ja schon einige Erfahrungen gemacht. Was würdet ihr so
sagen, sind so die größten Veränderungen?
Ja, kann sagen.
Arbeit, das Leben, (2) alles. Kann man so sagen.
Sicher, wir haben auch andere Berufe gehabt.
Da hab ich auch nie
L Mhm.
gedacht, dass ich hier putzen würde am Anfang. Ich hab geputzt, wenn einer
mir hätte gesagt, dass ich hier putzen würde, würde ich ihm nie glauben, oder
Krankenschwester werden, ne. Würd´ ich nie auf diese Idee kommen, ne.
L Mhm.
Wie zum Beispiel, da in Russland ist absolut nicht vorstellbar, dass man in
diesem Alter noch lernen kann, zur Berufsschule man kann gehen mit 33. Da
ist schon längst alles vorbei. Da sind nur Jungs oder Teenies. So was gibt’s da
nicht. Und da hatte ich schon gearbeitet, ganz lange, ganz anderer Beruf,
L Ja.
und jetzt von neuem.
Architektin, oder?
Ja, ja. Diplom.
Ah ja, Diplom-Architektin. Und es wurde hier nicht anerkannt?
Doch, doch. Aber ich konnte die Sprache so schwer lernen. Von vorne wenn
jetzt, mein Mann hat immer gesagt, hättest du auch ganz locker reingerutscht.
Aber da hatte ich einfach entweder zuviel Angst, obwohl Angst kann ich nicht
sagen, dass äh Zeit war mir zu Schade, weißt´e? Zu warten.
Ich habe. Ja
L Ach so, auf ne Stelle.
Ich habe mich oft beworben und ich habe paar Vorstellungsgespräche gehabt,
aber mein, mein Deutsch war schlecht. Und durch diese Ausbildung habe ich
auch deutsch gelernt. Ja?
Zw- zwei Hasen auf ein Schlag.
@2@
L Mhm.
L @Ja@,
genau.
Da hab ich mir gedacht, da lern ich deutsch, da hab ich zweiten Beruf. Und für
ihn, der hat sofort andere Stelle. Sofort, erstmal Sprachkurs, dann Praktikum,
und die haben ihn sofort genommen. Obwohl, er hat auch ganz anderen
Beruf.
Im selben Beruf denn?
Ne.
(ist schlecht zu verstehen, weil gleichzeitig das Mikrofon gerichtet wird.)
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Was war denn der Beruf in Russland?
EnergieL Was der Name ist auf deutsch? (?) –inson, hier war auf dem Bau als
Elektrizität. Bei Bau.
L Auf Bau.
Hat nie auf dem Bau das gemacht
L Ach so, ach so.
Da ich habe gearbeitet in große Firma,
Auto.
L Auto, ja.
L Mhm. Aber so ungefähr im
selben Bereich ist das so?
Ja, ungefähr. (?)
L Obwohl er hat da elektronische Geräte. Naja.
L (?)
Macht´s Spaß?
Naja, was heißt Spaß, ich mag Menschen, ne. Sonst wäre ich da nicht.
L Mhm.
Am Anfang haben wir gute Leute getroffen.
Ja, wir haben wirklich (Mirkofon fiepst)
Hier in Deutschland?
Ja.
Einheimische oder Russlanddeutsche?
Einheimische.
Bis jetzt.
L Ach.
Unsere (?)
Auch so moralisch. Und auch (Mirkofon knallt), ne? Die ist sogar, sogar
Taufpatin bei uns. Bis jetzt treffen wir uns. Immer. Die ladet uns ein immer.
L Ist
oft bei uns.
Kommt zu uns. Solche Menschen, du, alle Achtung. Aber sie hilft weiter, wir
L Aha.
sind schon längst selbstständig, aber sie weiter macht, auch Sprachkurse, ne,
Englisch oder Deutsch, die unterrichtet Kinder, die schlecht im Schule sind.
L Mhm.
Die ist Lehrerin, die ist vielleicht bald 80, oder fünfund- fünfundsiebzig.
L Ach.
@Ja@.
Ja, alle Achtung. So, was war aber die Frage?
Ja, mit den Veränderung, da war jetzt einmal beruflich, die Veränderung.
Kulturell auch. Ganz andere Sprache. Wir haben deutsch noch nie gesprochen
früher, ne.
L Mhm. Ja. Ach so, zu Hause auch nicht deutsch?
Äh, was heißt (2) meine Familie, Svetlana, das ist so, zum Beispiel, ich habe
viel gehört deutsch, aber ich habe nie deutsch gesprochen. Ich hab gehört.
Von Oma zu Oma. Obwohl meine Mutter konnte, die war auch Deutschlehrerin
L Mhm.
und Russischlehrerin. Das war nicht einfach üblich, in Russland, mitte
Russland deutsch zu sprechen, ne. Und da, egal ob intelligente Familie oder
Arbeiter war, da war sehr wenig deutsch. Ich konnte (3), ne. Er war einzige,
der wo Deutscher war.
L Ach so, dort im Ort?
Ähäh.
Gibt’s auch Dörfer, wo äh viel Deutsche sind. Die
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L Im Ort, im Staat.
L Mhm.
sprechen auch. Mein Vater, der ist auch im Dorf geboren, das is viel
plattdeutsch. Meine Eltern sind schon noch sprechen deutsch. Am Anfang,
L Ja.
(Mirkofon knattert) in Schule gegangen, wollen auch Deutsch lernen. Haben
Buch gekauft, haben angefangen. Das ist etwas vom Osten, ich weiß nicht.
Das war, für, ´54 geboren, das war ´61.
Und sie wollen das sprechen.
L Mhm.
Zum Beispiel mein ältester Bruder, er war sechs Jahre älter, er ist bis Schule,
er gut deutsch gesprochen, der hat in Familie, war immer zu Hause allein, nur
Eltern sind da, in Kindergarten hat nicht gegangen. Mit meine Mutter war
auch bis
L Mhm.
zwanzig Jahre nur deutsch gesprochen, russisch nicht, hat nur mit zwanzig
Jahre russsich
gelernt.
Und Vater auch so, der war auch im
L Gelernt.
L angefangen.
L Mhm.
Krieg, auch dort genommen in der (?) Armee, war auch nur deutsch
gesprochen. Und wir, wir wenn es im Dorf gewesen, war wahrscheinlich
L Ja.
besser.
L Was anders als wie in Stadt.
Ja ja. Oder in Schule zum Beispiel, oder ich habe in Schule gelernt, war nur
französisch und englisch. Ich habe englisch gelernt. Wenn es nicht so schwer
L Mhm.
gewesen deutsch, englisch lernen, russisch und noch deutsch dazu. Also, mir
viel zu viel geworden.
Olena hat (2) gelernt.
L @4@
L @1@ Warst zu faul! @2@
L In
der Schule.
L In der Schule deutsch. Sie haben auch beide Schwieger- ihre
Großeltern
Beide, ich habe nur eine
L Beide.
L Sie haben nur deutsch gesprochen
eigentlich mit uns. Oma war auch Deutschlehrerin. Ich, ich konnte von Kindheit
L Mhm.
alles auf Deutsch auch hören. Ich meine, ich habe nie gesprochen. Aber ich
hab fas- vieles verstanden, ne. Sie hatten mich auch Märchen immer
L Ja.
gelesen und Lieder.
L Deutsche Volkslieder?
Ja. (2) Das war wirklich, aber das war sehr intelligente Familie erstmal, ne. Sie
war auch Deutschlehrerin und Opa von meiner Mutter, der war Direktor in der
Schule, und das war richtige deutsche Dorf, ne.
L Ja.
Und ich wollte sagen, für Olena war viel (?) (Mikrofon kracht) als ich. Sie ist
jünger als ich,
Jünger als ich.
L Sie ist was?
L Jünger, jünger, ach so.
@3@
Wie viel denn jünger?
11 Jahre. Das ist aber genug.
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L Fünf @3@
L @2@
Aber Schreiben kann ich ohne Fehler.
Auf Deutsch. Nur sprechen.
L Auf Deutsch?
Ja, ihm war wirklich schwer. Weil er hat nur Englisch gelernt, im Familie haben
sie nie Deutsch gesprochen, sozusagen.
L Weißt du warum sie haben nie
gesprochen? Sie jetzt ist, aber meine Mutter äh sie ist von äh von Süddeutsch,
meine Vater von Norddeutsch. Er ist plattdeutsch und meine Mutter ist äh von
Baden-Württemberg.
Sie verstehen
L Mhm. Ach so, da hatten die ihren Dialekt.
L Sprache.
gar nicht
L einander. Wenn er deutsch gesprochen hätt´, dann hätten die auch
nichts verstanden. Verstehst du?
L Ja.
L Ja, ja.
Meine Mutter ist eine gutgelernte. @2@
L Das hört man bei ihrem Vater auch noch
ein bisschen,
Jooh.
Er kann auch.
Ja, ja, hört sich gut an. (1) Anders.
Aber, aber er ist schon alt, er ist schon lange weg von Dorf. Er versteht. Aber
sprechen auch russisch, platt, mein ich.
L Mhm. Aber jetzt haben sie gesagt,
dass es für Olena einfacher war. Weil sie jünger ist, und weshalb noch?
Weshalb war es wohl einfacher?
Das kommt darum, ich nicht, sie ha gerade gesagt, sie hat mit Eltern und
Großeltern auch viele
viel gehört. Sie haben immer gesprochen (2)
L Vieles gehört.
auf deutsch, Eltern, Großeltern, mein ich. Immer.
L Mhm.
L Aber so, weißt du, wie
deutsch alltäglich da war.
L Ja, ja.
L Meine, meine Großeltern, ich habe nicht gesehen, damals,
ich habe meine Großvater, beide, er war 38 erschossen. Mein Großvater. Und
Mutter auch gestorben in (2) in Nordrussland. Nur einzige Verwandte, ich hab
gesehen, das ist Mutter von meiner Tante, aber das war auch gesprochen
russisch.
L Ja.
In der Handelsschule. Da waren schon mehrere, mehrere zusammen. (3) Ich
kann mir auch schwer vorstellen, wenn ich jetzt englisch lernen würde, ne, ist
bestimmt nicht so einfach. Was wollt ich noch. So, dass haben wir über
L Ja.
Sprach´ gesagt, ne. Über wie wir gelebt haben, eigentlich (2) nicht viel anders,
L Mhm.
wir hatten auch privat- privatisierte Wohnung gehabt und alles. Und man
möchte, wenn man, ich denke so, diese gleiche Stand erreichen, verstehst
du?
Mhm.
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(8)
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Wir waren auch fleißig, wir haben immer was erreicht im Leben. Und hier
kommt man, und möchte all diese Qualität oder zu diese Niveau auch
kommen.
Ja? Und Deutsche in Russland eigentlich, ich weiß nicht, hier
L Ja.
machen sie sehr viel Blödsinn, aber Jugendliche auch vorwiegend, und ich
schäme mich dafür, ne. Aber was wir so als Deutsche in Russland galten oder
immer (1) galten, war, die waren sehr fleißig. Ja?
L Ja. Also im Gegensatz zu
den Russen?
Genau. Russen sind, ich kann nicht jetzt allgemein sagen, aber eigentlich, ich
finde, das liegt, dass das Volk einfach faul ist.
Aber, Ewald, nein,
L Nein, nicht, dass (?)
nein.
Wenn ich es sehe, wenn die Häuser haben und Schiffe
L Warum? (?)
L Gibt’s auch da.
Ja, gibt´s. Allgemein, mein ich.
Allgemein,
L Allgemein, kann man nicht so was sagen.
deutsche Frau auch sehr gut kochen kann oder backen kann, und die haben
immer was für zu Hause getragen, vieles getragen, sehr fleißig. Ja? Auch
L Mhm. Mhm.
Männer. Aber sieht man auch hier auch. Das siehst du, jeder, der bei uns liegt
auf Station, erzählt über Garten, wie er das machen, und das und das und
das. Und das ist normal. Ja?
(3) Ich kann nur so jetzt sagen. (2) Ich weiß
L Mhm.
nicht. Einfach tut mir eigentlich Volk leid, aber die haben irgendwie auch selber
Schuld.
Ja? (2) Wieso?
Ja, wenn ich so sehe, diese Dörfer, zerfallene, kann man da auch viel mit
Händen machen. Und da gibt so viele Ressourcen, soviel Holz. Kann man
doch was machen. Ne, muss man wollen. (3) Ja.
L Mhm.
Das ist genehm.
@2@
Ganz andere Leben. (4) (?) (weniger Kreise?)
(?) unterhalten
L Genau. Das ist, mit (?) kann man unterhalten.
we(?) (entweder: weniger oder wegen) Leute hier?
Ja, wenn es bisschen äh, wenn es äh kannst du nicht richtig auf Deutsch
sprechen, dann kannst du nicht einfach so kommen und mit äh Leute
sprechen, reden.
Deshalb.
Problem.
L Mhm.
L Ja, das ja, das Problem liegt dann an dir,
dass du, ja, das Problem liegt an dir, wenn du das nicht kannst.
Ja, wenn es du arbeitest ganzen Tag, und dann kommst du nach Hause
nachher, also
L So fühlst du dich. Oder?
Ne, von Anfang.
Weil sie hat gefragt, was ist was ist prinzipiell (?)
L Ah, von Anfang.
Also, dass halt nicht so viele Bekannte da waren, oder dass man nicht so
sprechen konnte mit den Menschen?
Genau, genau.
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O:
Obwohl jetzt ich merke nicht so große Unterschiede, wenn du auch die
Menschen ansprichst. Oder zum Beispiel bei mir auf Arbeit, ne. Wie ein
Familie, die kennen mich, ich kenne sie, sie fragen mich, ich frage sie, zeigst
du ihnen, und das ist von Menschen abhängig.
Wenn einer Kontakte
L Mhm.
möchte, oder Deutsch lernen möchte, dann wird er das können. Ne. Das liegt
L Mhm.
L Mhm.
selber an uns. Ob wir uns integrieren wollen, oder nicht. Und muss auch dazu
Fleiß bringen, ne, sicherlich. Um da selber was zu erreichen. So ist mein
L Mhm.
Menschendenken. Und die da irgendwelche Sachen bauen, das ist eigentlich,
die Leute tun mir selber leid, weil sie selber faul sind und nicht wollen.
Die Russlanddeutschen?
Ja. Ja. Vielleicht einige sind schwach oder zu alt. Ich weiß es nicht. Aber das
liegt am Menschen selber, ne. Auch mit Kontakten.
L Mhm.
L Hat sich das denn für sie
verändert mit der Zeit, oder ist es immer noch so, dass sie sagen würden, ich
vermisse eigentlich so die Kontakte, wie ich sie in Russland hatte?
Ja, jetzt wo wir wohnen in neue Haus. @2@
Er hat genug Arbeiten.
@2@
Ich habe einen guten Kontakt mit meiner Frau.
@Ja.@ Ja, das ist doch was.
@2@
Das sind schon drei. @1@
Er kommt sehr gut klar auf Arbeit, und, und er wird auch gemocht. Er macht
L Ja.
Scherze, er lacht immer, eigentlich auch nie, vielleicht zu wenig, sagt nein.
Und deswegen einfach wird gemocht. Und das ist sehr große Firma, wo er
arbeitet, ne. Ist so wie Hausmeister, besorgt und macht alles. Und kauft für
L Mhm.
L Ahja.
Firma auch viel (1) ein.
L (?) der hat in jeder (jemand niest) (?) (nennt
wahrscheinlich ein Zahl) Leute. Ganz schön viel.
L Ja. (1) Also kam das mit der
Zeit, dass auch die Kontakte kamen? Woran
L Wir haben gute Kontakte mit den
Nachbarn auch, die sind auch von hier.
L Ja. Sind das alle Einheimische hier?
Ja, (?) die Straße lang.
Aber weißt du, ich sag´s dir, das hängt von Menschen ab. Wären wir
streitsüchtig gewesen, oder kann man immer was finden, und irgendwelche
L Mhm.
Grund, was man so zum Streit machen kann, ne.
Aber man soll auch
L Mhm.
versuchen, nicht von unsere Seite, auch von anderer Seite. Das geht um
Menschen hier, das kann man einmal alles regeln.
Und hat das auch hier geklappt in Deutschland?
Mhm.
Ja?
Ich kann nicht sagen, dass das zum Beispiel in Russland schlimmer war als,
als, wir haben genauso gute Kontakte da auch hier.
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Mhm. Also dort auch zu Russen.
Ja, ja.
Und ihr Freundeskreis, so die engeren Freunde, sind das jetzt hauptsächlich
Russlanddeutsche oder Einheimische?
Russlanddeutsche.
Ja? (3) Woran denken sie denn liegt das?
An uns.
Also wollen sie das so, suchen sie sich auch Russlanddeutsche.
L Nein. Wir suchen
nichts aus. Nur das sind die (?) )(zur Zeit) einfach. Wir lachen viel, wir haben
so mit (?) eigene, wenn wir feiern. Obwohl ich kann nichts sagen, dass das mit
Einheimischen was ganz anderes ist, ich hab auch viele Freunde. Auch mit
dem ich jetzt die Ausbildung hab gemacht, wir treffen immer noch. Und das
L Ahja.
ist absolut toll.
L Also sind da auch Einheimische dabei?
Ja, sicher.
Und wir umarmen uns, wenn wir uns sehen, und können
L Mhm.
Kaffeetrinken bis zwei Uhr nachts mit denen.
Und das ist
Aber das
L Ja, mhm.
L Ja.
sind selber Menschen, die mögen uns, ich sehe das, die sind offen zu uns,
ehrlich.
Sagen auch, was sie denken, wenn ich Scheiß mache, dann sagt
L Mhm.
mir. Ich finde das nicht richtig, oder.
Ja. Und wie ist das bei ihnen so, die engeren Freunde sind das meistens
Russlanddeutsche oder auch Einheimische?
(5)
Woran liegt das wohl?
Ich mein´, das ist Mentalität. Das ist, wir haben äh, ne anders, die wohnen
anders, gelebt, aber mit ganz anderer Mentalität. Aber es kann sein, indem
mehr Deutsche aus andere, wir können sprechen gut deutsch sprechen, aber
ja Mentalität haben wir russische.
Wir haben da gewohnt.
L Russische?
L Mhm.
Wir kennen Russisch äh Russland, kennen wir, und wir konnten nicht viel
anders sein als sie selber, ja. Sicherlich das ist, macht große Einfluss und du
L Mhm.
L Ja, ja.
wächst zwischen den Menschen, die sind auch gut, ja, das sind auch viele
Vorteile, finde ich so selber in Menschen.
L Bei den Russen?
Ja. Die sind viel Vorteile, viel, die haben nicht so, wie kann man sagen,
voraus schon irgendwelche Ängste, ja, denn auch zu fremden Menschen, die
sind absolut offen. Ich konnte ohne was nachzudenken zu meiner Nachbarin
gehen und etwas ausleihen, ich hätte zum Beispiel zwei Eier nicht zum
Backen gehabt. Wäre kein Problem gewesen. Hier, hier werde ich ausgelacht,
glaub ich, wenn ich so was gemacht hätte.
Warum?
Ich weiß nicht. Ich hab gehört, ich hab nur gehört, ich hab hier noch nie
gemacht, aber ich hab gehört, dass sie eine Frau ausgelacht haben, nur
einfach, vielleicht ist es dumm oder kleinlich, ich weiß es nicht. Aber irgendwie.
Du fährst in Zug mit ganz, ganz fremden Menschen, ja.
In
L In Russland?
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Russland. Du packst da Sachen aus zum Essen.
Jeder Russe wird dir
L Mhm.
sagen, bitte kuscheit, nimm heißt das. Nehmen sie bitte auch, wollen sie auch,
L Mhm.
ne. Wird auf Tisch hingelegt und angeboten. Ich weiß nicht, vielleicht jetzt
L Ja.
mit der Zeit ist was anderes gewesen, aber so kommt russische Verhalten vor.
L Mhm.
Das wird alles irgendwie so geteilt. Die haben nicht viel, oder haben nicht viel
gehabt, aber es wird auch Gäste auf Tisch gestellt, wenn Gäste auch
kommen.
Ohne was nachzudenken. Und hier muss man Termin.
L Aha. Ja. Mhm.
Ich wusste diese Wort gar nicht früher. Termin, mein Gott, was ist das denn?
Ich komme zu meinem Bruder, er macht mir Tür auf, ich komme und setze
mich hin. Und wir labern und essen und fertig. Und wird Essen immer
angeboten als normal.
L Mhm, ja, ja. Und das meinen sie haben auch die
Russlanddeutschen von den Russen übernommen, diese Gastfreundschaft?
Was heißt übernommen, wir waren so. Wir kennen nicht anders. Nur, ich sage
dir, was hier anders ist.
Ja, ja genau. Und was würden sie jetzt sagen, sie haben ja auch gesagt, dass
sie noch russische Mentalität auch haben, wie würden sie die beschreiben?
Mentalität?
Ja, diese russische.
(5) Schwierig richtige Wort in Deutsch.
Ja, sag auf Russisch, ich übersetze.
Offen, offener, ja, (2) was hat Olena eben gesagt, ist auch (2)
L Gastfreundlicher.
Ja.
Mhm.
Auch so zu fremden Menschen. (2) Großzügiger, vielleicht. (2)
Auch
L Hier gibt´s, aber das ist auch hier positiv, dass man spart, ja. Die geben
alles aus, ne. Sowie bei uns bei (?), da gibt’s Menschen, ganz auf Sozialhilfe
leben, und die hundert Mark gibt die uns, wenn sie Geburtstag hat in unsere
Kaffeekasse, und derjenige, der hier Betriebe hat und soviel Besitz hat, hat
noch nie einen Berliner ausgegeben. Ne. So ist Unterschied. Die Menschen,
L Mhm.
die nichts haben, so ganz gerne teilen mit anderen. Aber das ist kein, kein
negative, sparen eigentlich muss man. Wir haben auch hier angefangen zu
L Ja.
sparen. Weil wir unsere Schulden bezahlen mussten. Und Sparen war für uns
auch fremde Wort. Ich meine jetzt, sicherlich, wir haben immer zur Seite
gelegt, sicherlich geschafft, aber alles immer investiert, und hier spart man,
jeder spart, ja. Und wir sind froh überall, ne. @2@ Ganz Ort. (3)
Würden sie denn beide sagen, wenn man sie jetzt fragen würde, wie fühlen sie
sich denn, als Deutsche, als Russlanddeutsche oder als Russen dann sogar?
Wir fühlen uns als Deutsche.
Ja? Sie auch?
Immer schon,
Ich war immer schon.
Ich war da auch mich gefühlt wie ein Deutscher.
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L Da auch.
Ja.
Da immer gelebt, in mein Pass steht, wenn ich auch nicht deutsch spreche,
aber ich war Deutscher. Und das weiß ich, ich habe immer von Anfang,
L Ja.
geboren deutsche, im Pass steht deutsche, immer so. Und dann wenn es, das
ist immer schon so ein Unterschied, in Schule, in Armee, da war es überall.
L Da wird
drauf geachtet, was für Nationalität, ne, Und wir als Deutsche, da waren auch
nicht viele. Ich meine keiner hat sich auf Präsentteller jetzt gesetzt, aber jeder
wusste.
War das negativ?
Ne, mal mal.
Das, das war, das kann man, kann man nehmen,
Aber gab´s kein (? ) für Deutsche, die absolut gar nicht studieren konnten, ne.
Mhm.
Das war überall Tabu, du konntest nicht in Partei oder in Regierung oder
Auslandsreisen oder geschäftliche Auslandsreisen machen, nie.
L Ja. Ja.
Wurde nicht zugelassen.
Also würden sie dann sagen, dass sie sich schon als Deutsche fühlen, aber
mit russischer Mentalität?
Mhm.
(?)
L @2@
L@2@
Obwohl, wir haben uns, denk ich mir, nach meiner Meinung, sehr gut
integriert.
Hier in Deutschland?
Ja. Weil ich fühle mich sehr wohl, auch mit Menschen, die ich ständig auf
Arbeit bin, auch mit Patienten, ich fühle mich sehr wohl.
Und die freuen
L Mhm.
sich, wenn ich komme, und sagen auch das, ne. Deswegen, ich, ich fühle mich
nicht fremd hier. So ein Gefühl hab ich nicht.
Ah ja.
Und wie ist das bei ihnen?
Ich hab keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen.
Gehe zum Arbeit,
@3@
nach der Arbeit, komme nach Hause, hier wieder ein bisschen was mache,
dann gucke bisschen Fernseh´, dann gehe ich Schlafen, ne. Das war´s.
Aber er wird schon gemocht, ich meine jetzt, er wirkt bescheiden, aber ich
weiß das, ne. Er wird von Mitarbeitern sehr gemocht.
L Mhm. Und äh könnten sie
denn schon sagen, dass sie sich hier (1) zu Hause fühlen? Oder ist es noch
fremd?
Kann man nicht, ich hab da 40 Jahre gelebt, und hier nur 12, das ist ein
Unterschied. Ne, und da ist äh in den jüngeren Jahre da, das ist beste Jahre
L Mhm.
im Leben, mit 20 oder 30, das sind beste Jahre. Ist klar, das ist (2) beste äh
Stund´ meine Leben gewesen. Heute auch genau das gleiche. Ja, aber
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L Mhm.
L Es
war sehr interessant, zum Beispiel, wenn ich solche Studien angucke, das ist
absolut anders, auch in Schulen ist es anders. Wir haben so viele Konzerte,
oder wir haben so viel selber organisiert. Tanz, allein, selber, alle, ne. (spricht
ein russisches Wort), weißt du, ne.
Ja, das haben wir alles gemacht, und
L Ja, ja.
das war nicht negativ,
das war sehr viel was Gutes getan hat, auch für uns
L Mhm.
alle. Hab, hab ich dir erzählt, dass ich äh Studenten begleitet hab auch
Sibirien, ne. Ich musste als Dolmetscherin und als Begleiterin nach Bayern
fahren, das war (?)Wester, die gewohnt haben in einem Campus, aus
L Mhm.
L Ja.
(?) Tyrmen, das ist Sibirien, ganz große Uni, ja. Und das waren 15, 15 Mädels
und Jungs, die auf einmal gekommen sind.
L Und du als @Dolmetschter@, oder
was?
Ja, ich hab die wie lange war ich, 10 Tage, das war für mich Neues, weil
meine Freundin nicht konnte, und die hat mich drum gebeten.
Da musst
L Mhm.
ich einspringen, und ich habe nie so was gemacht, aber ich hatte so viel Spaß.
Sie können singen, sie können Witze, sie können spielen, sie können, das war
so eine Mannschaft, du kannst mit ihnen Berge versetzen.
Das hat mir so
L Mhm.
viel Spaß gemacht, ja. Und das ist wirklich, Menschen, die haben miteinander
geschlafen so, Junge, Mädchen. Ich guck, sage, ist das dein Freund? Ne,
warum? Und so niedlich, so zueinander. Männer waren, wie kann man sagen,
wie Gentlemens, richtige. Sie haben Taschen getragen, was hier ich absolut
L Mhm.
schon nicht gesehen habe, ne. Sie haben immer Frauen vorgelassen, sie
haben meine Taschen genommen, die Jungs immer und getragen, das war so
richtig gut erzogene Menschen, junge Menschen, mit dem war ich zusammen
Tag und Nacht. Zur Disko gegangen, alles. Das war organisiert. Und das hat
mir so viel Spaß gemacht. Wärst du dabei gewesen, du hättest sofort
gesehen, wer, was ist Mentalität russische.
Ne, und Studentenleben
L Mhm.
sagt man, ist beste Leben, ne.
Hier gibt man nicht so viel untereinander,
L @Ja@
schade, und da ist richtig. Sie haben immer Gitarre genommen, ganz spontan
alles. Gedichte erzählt, oder sonst was, von Brucke gesprungen, ich hab
L Ja.
gedacht, ich spinne. Ins kalte Wasser, einfach so. War dumm, aber ich konnte
das nicht äh frühzeitig, und die Mädels hinterher. Wir Deutschen standen mit
solchen Augen. So. (2) Junge Menschen.@2@
Unüberlegt. Aber
L Ja, unüberlegt.
so, alle machen mit, alle machen Spaß, und dann, ne. (2) Gibt auch viel positiv
in Russland.
Aber jetzt kommen sie beide auch aus deutschen Familien, ne? Also, da
L Mhm.
wurde ja noch deutsch gesprochen, und hat man da denn ein bisschen so
auch eine deutsche Mentalität weitergegeben, oder nicht? War das ein
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Unterschied, wie sie als deutsche Familie da gelebt haben in Russland als die
Russen.
Doch.
Und wie sah der aus?
Ich sag´s ja schon, dass zum Beispiel meine (?) konnte, beide konnten
stricken, häkeln, kochen gut, ja. Haben immer was für Familie gemacht, ja,
auch waren fleißig, sauber, ja.
Und das ist der Unterschied. Das war so
was worauf ich
L Mhm.
immer stolz war, auch vor meinen Freunden, ne. Dass wo da auch irgendwie
so immer, bei ihm auch. Mutter auch, absolut. Ich hab
L (?) Das ist Mentalität von deutsche Familien,
deutsche Familie, wir haben auch so erzogen, ich habe auch, uns erziehen
genau das gleiche, weil sie wissen, (?), darum wir haben auch übernommen
von unsere Eltern, und anderes von russische Leute, und von dieser
L Ja.
Mentalität wir haben auch, ich weiß es nicht.
L Aber sie hat gesagt Unterschied
zwischen russische und deutsche.
L Nein, sie hat jetzt gefragt, ich hab verstanden,
was ist äh welche äh, was haben mit übernommen von Deutsche und von
Russen, und darum, wir haben,
L Ja, ja, ich wollte wissen, ob, ob denn da auch
was Deutsches weitergegeben wurde in den Familien. Und wenn ja, wie das
aussah, wie da der Unterschied war.
Wir haben genommen, ja das ist von unsere Eltern.
Und was wurde da genommen von der Tradition?
Ich weiß jetzt nicht was. Also. (2)
Aber du siehst, wie wir geworden, meine Mutter war immer so gleich wie sich
selber, sicherlich wir sind auch so wie Eltern. Ja?
Äh, zum Beispiel,
L Ja, mhm.
meine Oma hat auch Bibel, deutsche Bibel, sie hat auch zu Gott immer, die
war katholisch, eine evangelisch, ja. Aber auch immer Deutsche, ne, und hat
L Mhm.
die deutsch Bibel gehabt, und so. Ich konnte sogar, ich bin klein, mein Herz ist
rein, kann niemand drin wohnen als Jesus allein. Das von Kindheit, kenn ich
das, ne. Oder diese Lied am Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter. Das
L Ja.
kann ich alles von Kindheit. Das ist, was uns weitergeben wurde, ne. Und
L Mhm.
diese äh, was kann man sagen, die haben uns immer gesagt, ihr müsst sehen,
dass ihr irgendwann nach Deutschland zurückkehrt, auf jeden Fall, und das
war so ganz, ganz große Schmerz im Innern, ne. Dadurch, dass sie jetzt äh
L Mhm.
aus der Wolga alle da vertrieben worden waren. Das war schlimmste Zeit bei
denen. Und die werden das nie vergessen im Leben gehabt, und dieser
Schmerz wurde uns weitergeben. Sie sagten, egal, was passiert, das war
immer Vater, Oma von meinem Vater, Mutter von Vater. Egal was passiert,
seht zu, dass ihr nach Deutschland kommt. Und die hätten sich wirklich so
gefreut, dass wir jetzt alle hier sind.
Weil die mussten wirklich sehr viel
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L Mhm.
leiden, alles aufgeben, und sie hatten nichts mehr.
Nun was hat, ich weiß es nicht, aber meine Mutter ist sehr fleißig, glaube ich,
ich weiß es nicht, aber ich mein, und auch akkurat, auch und zum Beispiel, in
L @1@
L Bestimmt.
deutsche Charakter, das ist (spricht russisches Wort)
L Dass man so sehr fühlt, oder
was.
L Ja, sentimental.
L Sentimental. Genau, ja. Und zum Beispiel mein Vater,
wenn er guckt im Fernsehen, oder was, diese (?) oder was, er hat Ja,
L Träne.
Träne.
Das ist genau mein deutsche immer, ist halt so
L Genauso wie du.
L Echt?
Mentalität, ne.
L Mhm. Also würden sie dann schon sagen, weil sie haben ja eben
gesagt die russische Mentalität, ne, aber jetzt sind auch einige Sachen, wo sie
sagen können, das ist von ihren deutschen Vorfahren übernommen,
L Das ist
auch genetische so. Haben übernommen.
Ja. Ja, ja. Und kann man dann von einer russlanddeutschen Mentalität
sprechen?
Ja, Ja, das musst du selber entscheiden. @2@ Du kennst Deutsche, du kennst
L@1@
uns mittlerweile schon so Kleinigkeiten, ne. Obwohl weißt, das kann man nicht
sagen, das ist russisch-deutsche Mentalität. Wenn ich jetzt meine Nachbarin
sehe, Christine, sie ist so eine Seele wie ich, denke ich mal. Wir verstehen uns
gut, wir können auch genauso trinken, ob das Wodka ist oder sonst was. Ich
meine, die ist Lehrerin. Du brauchst nicht denken, dass sie trinkt. Aber sie wird
alles mitmachen, aber sie absolut seelisch tolle Frau, ne.
L Mhm.
Sie hat genau das gleiche wurde erzogen, in DDR.
Sie hat
L Ja, sie ist aus DDR.
genau das gleiche erzogen.
L Ja?
L Und das is, wir, wir ziehen uns zueinander,
und da merkt man, dass sie diese Ziehungskraft zu uns haben.
Ja,
L Mhm. Ja
vielleicht stimmt das, dass da Parallelen sind.
L Und das ist, ich meine zwischen
Völkern gibt´s nicht so große Unterschiede, ja. Das ist nur hängt von äh
(russisch)
Ja, wo man lebt. Aber ich weiß, da war Kommunismus,
L wo man lebt.
Sozialismus, hier war Kapitalismus, und dass jeder Regierung oder jeder
Stroika (russisch)
L Ooh, ja, er meint jetzt, ob das Kommunismus wäre oder
Sozialismus,
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L Und immer, ich weiß es nicht,
L Unterschiedliche, ja, dadurch
entwickeln sich unterschiedliche Parallelen. Denkt er. In jeder Regime.
L Da ist
da ist anders, du weißt wie die-, in Russland war jeder (?), jeder, und das ist
wieder Unterschied, und das wieder bringt etwas anderes in Charakter. Sie
können, Leute können, haben Angst Arbeit zu verlieren, und
L Arbeit zu verlieren, genau.
L Hier?
Ja, hier, und das ist von dieser, wenn sie haben Angst, sie wollen das, sie
machen etwas nicht Vernünftiges dafür, und sie wollen diese Arbeit machen.
L Weggeschmissen. Das ist Kampf für
Überleben, ne. Ein Kampf ums Überleben.
L Mhm.
Da dringt etwas anders in Charakter.
L Mhm.
Und das ist auch positiv eigentlich.
Was positiv?
Das, dass man auch
L Das, das ist die zweite Sache, positiv oder negativ, ich
meine, wie sich das entwickelt, das
L Entwickelt sich bei diesem Sozialismus
zum Beispiel.
Und was entwickelt sich bei Kapitalismus, was er meint
L Genau, genau.
hier.
L Oder ist egal, Spanien, oder zum Beispiel Arbeitslosigkeit, das ist äh zum
Beispiel, ich weiß da gibt es andere Probleme, oder was, aber das ist zum
Beispiel.
Aber was mich so bisschen stört. Weißt du, hier im Menschen, die haben nicht
zum Beispiel Hass, viele Hass, sie sagen nicht, aber die denken so, ne. Wir
L Mhm.
glaub ich, für die sind auch Sorte, nicht erste Sahne, ja. Sie sind erste Sahne,
ich weiß nicht, warum, ich denke absolut nicht so, und das tut weh.
L Mhm.
Dass die Menschen werden gestuft. Ob das jetzt Türken ist oder so, ich
glaube, wir sind auch in diesem Niveau, wo Türken sind. Äh, aber wenn ich so
weiter denke, bei Menschen, wenn sie Bayern, aus Bayern die hassen, dann
fällt mir gar nichts mehr ein, verstehst du. Die hassen nicht nur das uns, die
L Ja.
hassen sogar eigene Menschen. Ja, ob das jetzt an Menschen liegt oder
L Ja.
nicht, aber viele, viele denken so, sie sagen nicht, aber die denken über sich,
dass sie weiß nicht was gut sind. Und das, was mich hier stört, wenn ich was
höre so, oder über Russlanddeutsche, mir wird gesagt, oder sonst was, ich
sage immer meine Meinung, ich werde auch böse. (2) Ich kann jetzt nur über
L Mhm.
mich sprechen, und ich rede dann über mich, aber dann hart, ne, ein bisschen
kläre auf Menschen.
Was kommen denn da für Vorwürfe?
Ja, warum sind sie gekommen, wollen sie nicht nach Hause? Jetzt nicht mehr.
L Mhm.
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Sie kennen mich alle, aber als ich in Klinik war, ich hatte richtig so (?) immer
was erzählen müssen, weil jeder fragt, und wollen sie nach Hause, was heißt
nach Hause, wir haben da alles aufgegeben.
L Mhm. Ja.
Wir sind keine hier Gastarbeiter oder was, ne. Wir kommen hier, weil
L Das ist,
weil hier sehr wenig Aufklärung ist. Über Aussiedler, finde ich, absolut. Das ist
negativ, finde ich. Von beide Seiten, denke ich. Wir sind Deutsche, wir wollen
L Mhm.
Deutsche sein, wir unterstützen alles, was in diesem Land passiert, wir
bemühen uns, so denke ich, wir sind fleißig, wir integrieren uns, oder haben
uns integriert. Wir sitzen nicht so und warten bis einer kommt und uns was
gibt, wir haben selber alles gemacht. Und so was hinterher was zu hören, das
L Mhm.
macht mich- oder ihr habt so viel Geld gekriegt. Wer hat mir das gegeben?
Komm mal Mädchen und zeige ich dir Papiere, du gehst zur Sparkasse oder
Bank-
ENDE KASSETTE SEITE 1
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Da werde ich ganz, ganz knatschig. Ich hab auch ganze Leben gearbeitet, ich
habe Anspruch auf Geld, wenn Regierung so meint, die müssen von Russland
nicht beziehen, ich weiß nicht, die sollen selber klären. Ich hab da gearbeitet
die ganze Zeit, jetzt arbeite ich weiter. Meine Schwiegermutter hat ganze
Leben mit Schwiegervater gearbeitet, sicher, die müssen Rente kriegen, ne.
L Mhm.
Wenn wir aufgenommen sind, dann müssen die auch etwas für uns tun.
L Fast alle
Russlanddeutschen, sie arbeiten und sie haben viele Kinder, und diese
Kinder, die lobe diese Eltern, ich habe gehört, die wollen äh etwas getrennt
machen, die Rentenkasse machen, die wollen nicht kriegen. Wir können
genau, dass es @alle@ Russen haben.
Also sehr viele, ich sage jetzt achtzig Prozent Russen, die arbeiten, ja. Und
wir, denke, das war Statistik jetzt von Spiegel, ja.
L Also Russen oder
Russlanddeutsche?
Russlanddeutsche.
L Russlanddeutsche. Dass wir bearbeiten unsere Rente selber, ne. So wird
L Mhm.
dargestellt. Und deswegen jetzt deutsche Regierung oder hiesige, ich bin nicht
dafür, dass getrennt wird. Das sagt man nämlich manchmal. Wir sind ein Volk
L Mhm.
und ein Land und wir müssen zusammen sein, ja. Aber solche, wenn man so
was hört, dann denkt man, Scheiße, was hab ich jetzt wieder verdorben, oder
so. Ja. Dass, dass die Menschen, Russlanddeutsche, die bearbeiten Renten
selber, ne. Nach dieser Statistik, und da wird geschwiegen, aber so wird nie,
dass das Hiesige zu Augen kriegen.
L Wo ist das denn geschrieben worden?
Jetzt kann ich dir nicht sagen, aber das war offiziell. Ich weiß es nicht.
War es in einer russischen Zeitschrift?
Ich kann dir jetzt nicht sagen.
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(3)
Kann sein, kann sein. Aber wir haben so was gehört, der eine, ich habe selber
nich gelesen. Hab ich aber gehört.
L Das ist auch interessant zu wissen,
eigentlich.
Für uns auch, ne.
L Ja, ja.
L Mhm.
Bei unsere Eltern, ne, wir haben hier und auch zwei (?) nur hier arbeite, ne, in
diese Haus. Wir haben noch eine Schwester, äh, Tochter. Und Sohn auch, er
muss arbeiten. Und er hat noch einen Sohn, und dann sind noch vier Leute,
die arbeiten alle. Und das ist Arzt, nur in (?) (russisch).
L Ist aber kein Kind?
Unsere Familie.
Von meiner Seite.
L Ach so, ja.
L Von deiner Seite.
L Und mein
Vater ist allein, der Rente bezieht, ja. Der hat vier Kinder mit Familie, acht. Sie
alle arbeiten, ja. Und jetzt Enkelkinder kommen, sie auch was tun. Und das ist.
L Mhm.
der einzige, der Rente bezieht. Verstehst du?
Und so was möchte ich auch
nie hören, Und wenn Regierung irgendwie Probleme hat mit Russland.
L Ja, ja.
Warum? Spanien bezahlt auch für, für Geld, wenn an Spanien zum Beispiel da
gearbeitet hat, Spanien bezahlt auch an Deutschland Geld. Warum machen
wir mit Russen nicht so? Ne, das ist doch nicht mein Problem.
L Ja, ja, das ist
auf politischer Ebene.
Ja. Dass wir Arbeitsplätze nehmen, aber das war schon früher, das war alles
früher schon gewesen. Jetzt kommt das Thema nicht mehr. Wir kennen uns,
oder auf Arbeit, alle kennen uns mittlerweile.
Also, jetzt würdet ihr sagen, dass ihr euch auch hier willkommen fühlt und so?
Na, hundertprozentig kann ich das nicht sagen, da gibt´s
L Wie war die Frage?
Ob ihr euch hier willkommen fühlt, in Deutschland jetzt oder angenommen
oder.
(?)
@1@
Weißt du,
L Wenn es, weißt du, wenn es eine einmal gab im Fernseh´ für die
sagen, nicht gut auf Russlanddeutsche und nur schlechte Information. In
deutsche Zeitung. Wenn es hörst du von Oskar Lafontaine damals hat gesagt,
in bessere für mich drei Inder als ein Russlanddeutsche. Oskar Lafontaine,
das ist auch, wenn du so was hörst, und das ist Parteipolitiker gewesen.
Und selber ´ne französische Familie. Das tut weh. Ja? Ne.
L Ja.
Und auch warum, fragst du, wohnt ihr, ja klar, wäre es nicht wohl, wenn es
einfach das nicht hören würd´. Und ich hab gehört, ich weiß es nicht, 28.
Februar, kommt diese äh Nazisten hier nach O.. Hast du nicht gehört?
Nein.
Muss man ganz aufpassen.
Wieso?
Sie machen das Demonstration oder was. In O..
Ja?
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Dann würde ich gerne noch ein paar Fragen über die Erziehung stellen. Könnt
ihr euch an Geschichten erinnern aus der eigenen Kindheit?
L Sicher.
Ja?
Welche Geschichten meinst du?
Ja, wie man so erzogen wurde, so von seinen Eltern.
Mhm. Wir haben auch gelesen, ne. Wir haben viel gelesen. Du meinst jetzt
Märchen oder überhaupt Bücher, oder wie?
Nein, nein, ach so, @nein@, ich meine, ja, da hab ich mich falsch
ausgedrückt. Ob´s Erlebnisse gab in der Kindheit, an die man sich jetzt noch
erinnern kann, so Erziehungssituationen. Wie man erzogen wurde von den
Eltern. Eigene Geschichten aus dem eigenen Leben meinte ich.
Aha.
Meine Mutter war immer beschäftigt, ne, die hat immer gearbeitet und zu
Hause hat aber genäht, aber die hat immer Zeit, irgendwas zu essen zu
machen, das war immer. Und Vater war viel Zeit gegeben zum Erzähen.
L Zum
Erziehen?
Ja. Weißt du, mein ältester Bruder, großer Bruder, war immer auf Akkadeon
gespielt, hat auch uns gegeben, etwas lernen, er selber spielt (?) schon lange,
ne. Äh, (2) bei mir, zum Beispiel, ich hab mit meinem Vater Schach, ich hab
gelernt, gespielt. Ja, und er ist freundlicher Mann, er ist auch, habe auch viel
von ihm genommen, bisschen Sport gemacht, nicht extrem viel, aber bisschen
für mich. Was noch?
L Ja.
L Und ähm waren die Eltern denn eher streng, oder
nicht so streng?
L Nee, nein, nein. Wenn es war, wir haben etwas gemacht, einfach so extra,
(?)
Also war das ne gute Beziehung zu ihren Eltern?
Joa. (7) Kann man so sagen, warum nicht. Wir können, wenn es zum Beispiel,
haben, gute Ausbildung gemacht, ne, sie können mehr geben, aber sie haben
nicht gehabt. Meine Mutter hat nur acht Klassen, und mein Vater nur vier
Klassen. Das ist, wenn es bisschen mehr wäre, das können wir auch. Aber ich
L Mhm.
habe auch Technikum gehabt. Realabschluss. Naja. (2) Kann man so kann
L Mhm.
man so muss bisschen mehr Mühe geben für meine, ne.
L Oder von, von Kinder
mehr fordern.
L war zu faul, ne.
L Auch Eltern, die haben nicht so viel von Kindern
gefordert.
Zum Beispiel, wie bei uns in der Familie, ja.
Weil wir haben
L Mhm.
L Mhm.
jetzt drei, wir sind vier insgesamt, und drei haben jetzt Uni abgeschlossen, ja.
L Mhm.
Und die arbeiten hier alle auch weiter. Meine Schwester hat TechnikeZahntechnikerin gelernt, da war sie Pädagogin.
Ja, und was geht´s in
L Mhm. Mhm.
unsere Familie, das war auch streng, ich meine jetzt so streng war das nicht,
aber wir wussten, jeder hat Aufgabe gehabt, ja, wir mussten auch zu Hause
was machen, mein Bruder ist immer zum Laden einkaufen gegangen. Sogar
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immer Fleisch eingekauft, sogar immer probiert vorhin, ne. Das war alles
pikobello. Geld, Mutter hat, ne, als erste, als Älteste, ne, wir haben zu Hause
immer in Ordnung gehalten, Boden gewischt, und so. Ne.
Auf Kleine
L Mhm.
aufgepasst, da sind 10 Jahre Unterschied zwischen die jüngere Geschwister.
L Mhm.
Wir sind zwei, wir haben eineinhalb Jahre Unterschied und mit kleineren 10
Jahre Unterschied. Ich bin immer, ich hab Musik gelernt als Mädchen, ja. Ich
bin zum Tanzen gegangen, zum Chor, zu Leichtathletik, zu Ballett gegangen,
immer was gehabt, ne. Und so ganze Leben. Auch getanzt schon, als ich
studiert habe, ne.
Und so bin ich erzogen in Familie, das hat keiner
L Mhm.
gesagt, du musst das machen, nein.
L Aber man hat die Kinder halt gefördert.
Gefördert. Oma hat Klavier mir geschenkt. Da was wir gesagt haben für 50
Mark, @1@ verkauft. Schade, na ja, und so war das. Aber ich wollte auch
L Mhm.
vieles selber machen. Das war, ich habe immer Unterstützung gekriegt von
Eltern.
Und da, ich weiß es nicht, ob ich gut gelernt habe, das kann ich
L Mhm.
jetzt nicht sagen, dass das war Streberei oder was, einfach gemacht. Ne?
Mutter war Lehrerin, obwohl nicht in unserer Schule, ne. Irgendwie, so ein
bisschen immer Stoß gegeben, sie hat mir nie geholfen bei Hausaufgaben,
oder Aufsatz schreiben, nie. Sie hat immer gesagt, so, hier ist das Buch, so
macht man das, setz dich hin und mach.
L Mhm. Und war das wichtig für die
Eltern, dass man auch erfolgreich ist dann in der Schule?
Ich denke schon, ich mein jetzt, die haben nie geschimpft, dass ich zum
Beispiel schlecht war oder sonst was. (2) Ich weiß es nicht, oder war ich
L Bei jeder Eltern, das ist
wichtig.
automatisch so gut, ne. Ich, ich kann mich nie erinnern, dass ich irgendwie für
Note Schimpfe bekommen habe, aber ich kann mich auch nie erinnern, dass
L Mhm.
ich eine zwei gebracht habe, ich meine zwei auf fünf dann oder vier. Das kann
L Ja.
ich mich auch nicht erinnern. Obwohl sie waren schon mit Kleine ärgerlich.
Nelli hat nie so gute in Schule gelernt, und mal was Scheiße gebaut. Da haben
sie sicherlich auch mit denen mehr geschimpft, mit Kleineren. Ne.
Mhm. Mhm.
Aber diese waren auch sehr beschäftigt dann, ich habe Papa immer kaum
gesehen, er war große Leiter in Firma, und Mutter hat immer nach Hause
gekommen, immer mit Heften beschäftigt, und mit Plänen für nächsten Tag.
Wir haben nie soviel, ne, wir hatten sehr viel Freiraum gehabt. Obwohl alles
immer, ich habe immer mir geschimpft, ich mein jetzt, Mutter war immer stolz
auf mich, sag ich mal, weil ich das in Schule immer ganz aktiv war. Das war
irgendwie nie so, die war in mir sicher.
Und die hat sehr gute
L Mhm.
Menschenkenntnisse gehabt. Die konnte das echt. Ich brauchte ja eigentlich,
nie gelogen oder so was, selbstverständlich für uns.
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E:
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L Mhm. Aber zu Hause
mithelfen mussten alle? Brüder und Schwestern auch. Gab´s da keine
L Ja.
L Ja.
Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen?
Doch, @glaub ich schon, von Eduard haben@ sie mehr erwartet, der hat mehr
gekriegt. Schläge @1@, ich mein, das waren halt Schläge. Aber ne, er war
L Mhm.
älter, der musste alles machen.
Und jetzt in ihrer Familie, gab´s da Unterschiede in der Erziehung zwischen
Jungs und Mädchen? (3) Weil sie haben ja ne Zwillingsschwester, oder?
Mhm.
Wurden sie ganz gleich erzogen?
Wir haben auch Haushalt gemacht, zusammen, ja, oder waren in (?) sechzehn
Jahre, (?) Aber früher auch, zu Anfang, meine ich, wir hatten, der war ältere,
und auch Olga hat Kleinere aufgepasst. Das hat sie auch gemacht.
L Mhm.
L Die haben ja
auch Kindergarten gehabt.
Erst wir haben eine Zeit diese Kindergarten gehabt, und beide Eltern mussten
arbeiten, er kommt von Schule, bring du sie.
L Ja, das war normal, zum
Kindergarten bringen, zurückholen. Das haben wir viel gemacht.
L Mhm.
L Also
musste man als Kinder schon viel selber sorgen, Verantwortung übernehmen,
wenn die Eltern ja beschäftigt waren.
Ja, ja.
Ja?
Aber da war kein Last in unsere Augen. Bei uns sowieso vier Kinder hat sie
(?), die hat Schmerzen. Ich weiß nicht, ob ich so was machen würde an ihrer
Stelle, ich find sehr viel.
L Das war, es war sieben Jahre, ja, woran ich mich
erinnere, weißt du, sie gehen zu Arbeit früh morgens, wir stehen auf, ja, was
machen, da war keine Toilette, da war kein, ja. Für sieben Jahre. Ja. Machen
alles nacheinander und dann machen wir diesen Ort. @2@
L @3@
Und guck ma,
L und
haben erste (?), wir haben (?) gesperrt zu Hause.
Eingesperrt.
L Eingesperrt?
L
Mhm.
Aber war im Sommer, ne, wollte raus, wir rein in Fenster, und guck ich, aha,
das spiele ich, dann de andere Kind, dann guck ich, Leute kommen von Arbeit,
@(?) draußen@ rein @(?)@ (?)
Du du bist nicht zu Kindergarten gegangen?
Nein.
Ja, siehst du, das ist schon anders. Wir sind alles gegangen. Ich auch, mein
L War immer zuBruder auch. Und das ist schon, das ist schon, die waren, mit Kindergarten
L Ja.
L Ich war immer zu
Hause.
war auch sehr schwer, ne, in Russland, ne.
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E:
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S:
E:
O:
L Platz zu bekommen?
Ja. Ja. Und Eltern, die mussten viel mehr machen zum Beispiel wie hier. Hier
ist richtig so, du hast Waschmaschine, die selber geht, du hast
Wäschetrockner, du hast Spüle, da mussten wir alles selber machen. Ne.
L Mhm.
Und als Kinder auch schon mithelfen?
Ja. Ja, ja. Auf jeden Fall.
Mhm. Und waren denn da auch so deutsche Elemente in der Erziehung? Also,
ich meine, deutsche Volkslieder, ne, gelernt, und so, oder Gebete.
Gebete.
Joa, deutsche, deutsche Essen, zum Beispiel.
Ja, klar, wir haben da Eltern
L Ja?
ist Deutsche, die haben auch gelernt und gegessen deutsche Essen.
Was gab´s denn da für Essen?
Joa, wobei ich hab meine, das ist Nudelsuppe. Ne.
Und das ist was Deutsches?
Ja. Was auch?
Meine Oma hat selbst gemacht die Dinger aus Teig, diese Hefeteig, gerollte.
Wie haben die immer das gesagt? Das war so immer Ausdrück. Käs- das war
einmal Kartoffel mit diesem gekochten Teig, und mit äh gebratenem Zwiebeln
draufgegossen. Kartoffeln im Gläs.
Ja, das war einmal. Und dann
L Mhm.
Dampfnudeln. Ja?
Das kennst du vielleicht. Das machen wir
L Ah ja, das kenn ich.
auch jetzt noch, ja. Und das ist von Generation, das hat meine Oma uns
selber ge-, diese Dampfnudeln, mit Sauerkraut oder mit Weißkohl, Fleisch.
Auch Kuche hat gebacken, deutsche Kuchen. Diese Teigplatten.
L Ach so. Ja,
Streuselkuchen.
L Au ja, ja.
Zu jeder Feiertag, Neues Jahr, an diese große Feiertage in Russland. Die hat
immer Kuchen gebacken.
L Mhm. Und das war dann auch bei den Russen
anders? Die haben dann ihre eigenen Gerichte?
Ja.
Ja?
Das war schon bisschen anders. Das war anderes als die russischen Gerichte.
Ja. Ja. Gab´s denn auch deutsche Feiertage, die man nur so als deutsche
Familie gefeiert hat? Oder hat man sich so angepasst, dass man die
russischen Feiertage übernommen hat? Hat man zum Beispiel Weihnachten
im Dezember gefeiert?
Nein.
Nein, das war nicht.
Aber so Ostern, das hat meine Oma immer, als deutsche Ostern war, da hat
sie Eier gemacht. Ja?
Das kannt´ ich.
L Mhm.
(?)
Aber siehst du, wir waren nur zwischen Russen gelebt. Hätten wir vielleicht in
deutschen Dörfern weitergelebt, wir hätten auch diese ganzen Tradition, was
wir sonst hatten, wir hatten das bis, bis ja bis immer erhalten, ja, und diese
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E:
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E:
S:
deutsche Kultur, die Gebete und die Sprache. Weil die konnten alle sehr gut
deutsch. Ja? Und wir sind von andere Generation, die dann ja auch schon
L Ja.
nichts mehr abgekriegt hat.
L Mhm. War´s denn für ihre Eltern wichtig, dass sie
auch einen Deutschen heiraten gegenseitig?
Ja.
Deswegen wir zu – uns. Das wo ich in Schule, wo ich gelernt hab, das
L Ja?
war Direktor in Schule. Ich war sehr aktiv, und dann einmal zu mir gekommen,
Olena, ich will dich kennen lernen mit einem, der auch Deutscher ist. Und die
waren Nachbar von Garten und sehr gute Freunde, schon längere Jahre.
L Und sie
waren Russen.
L Mhm.
L Sie war Russen. Ja? Und das hat se gemacht, obwohl ich
hatte unglaublich viele, ne?
Russen.
Der war für mich so, ah
L Deutsche?
L Russen.
L
@2@
Ne? Und das, ne? Ich wollte nur ihr nicht nein sagen, weil sie war Direktor.
Ne? Und ich konnte, und in dieser Zeit, als ich ihn kennen gelernt habe, ich
hab auch einen Jungen gehabt, einen Freund.
Aber das, zum Beispiel,
L Mhm.
freundschaftliche Verhältnisse da und hier kann man absolut nicht vergleichen,
bis Sex, das war Tabu ohne Ende. Wie hier abläuft, kann ich nur Kopf
schütteln.
Ja? Das war mein erste Mann, eigentlich, obwohl ich hatte
L Mhm.
tausende Freunde. Und ich hab jetzt ihr nicht nein gesagt.
Was hätten denn die Eltern gesagt, wenn ihr jetzt Russen geheiratet hättet?
Sie haben nicht viel dagegen gehabt, aber sie haben schon geträumt, meine
Mutter wollte unbedingt, dass ich ihn heirate. Sie is, glaub ich, sofort verliebt,
und mein Vater auch. In ihm. Das war so Neigung, was man sofort auch
bekommt, wenn einen liebt. Und das war von vorne rein, dass er so auch sehr
positiv gewirkt hat.
L Ja. (1) Und in ihrer Familie?
(?) ich sage, (?), du musst Deutsche heiraten. Na klar, sie haben begrüßt
L Aha.
das.
L Obwohl mit (?)Peter war ganz anders, oder was.
Was?
Er hat erste Frau russische gehabt. Ich versteh nicht, warum, bei dir das dann
so gewesen?
(4) (?)
Aber du hast jetzt nicht mich geheiratet, weil ich Deutsche bin?
@2@
Nein, das sag ich doch nicht.
@2@
L Sag hier so was doch nicht!
Und ihr Bruder hat eine Russin geheiratet? Und das war O.K. für die Eltern?
Ja, passiert, passiert, is ja nichts Schlimmes. Besser, lieber, wenn es
L Mhm.
Deutsche gewesen wäre, aber hat Russin geheiratet, ist schon gut.
L Mhm. Und
die Zwillingsschwester?
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E:
S:
O:
Dies ist allein.
L Ach so.
Obwohl ich seh´ jetzt keine Unterschiede, die Schwiegermutter macht auch
keine Unterschiede zwischen uns. Ob das Tatjana ist oder ich, die ist zu allen
gleich. Und das finde ich sehr positiv.
Sie macht auch keine
E:
L Ja klar.
O:
Unterschiede zwischen Enkeln, ja.
Und das ist so toll.
S:
L Mhm.
L Ja.
E:
Und dann ist die (?) von meiner Frau zum Beispiel Deutsche. Tatjana ist
Russin, da ist kein Unterschied.
O:
Ich merke das gar nicht. Ja? Und das ist gut so. Auch dass Enkelkinder das
S:
L Ja.
O:
auch nicht merken. Sicherlich die liebt einen oder anderen mehr oder weniger,
aber die zeigt nicht, und die macht auch nur, wenn sie Geschenke macht,
S:
L Mhm.
O:
ganz gleich. Absolut gut.
S:
L Mhm. Ja. Und ähm jetzt in der, sie haben ja auch
zwei Kinder, und in der Erziehung, ja, was war da wichtig, in der Erziehung
von den beiden Mädchen? (4) War das ähnlich, wie sie selbst erzogen
wurden, oder?
O:
Ich glaube, ich gelte als sehr strenge, wenn du jetzt Melinda fragst, ne.
S:
L Ja.
O:
Ja, mir wurde gesagt vor kurzem, die Kinder, du musst nur gebären und
erziehen und dann freilaufen. Ne. Die sind nicht die untergeordnet, sondern
selbstständige Menschen, und du musst das loslassen. Und irgendwie, ich
kann das nicht, bei Melinda. Bei Erika ist ganz was andere, sie war nie ein
schwieriger Fall gewesen, das war in Erziehung immer alles glatt gegangen.
Und die Tussi, die zweite, die hat immer was, ja. Die muss immer auf Piste,
die ist immer unterwegs, und das passt mir nicht.
Heute ein Freund,
S:
L Mhm.
O:
morgen anderer Freund. Und deswegen meckere ich zuviel mit ihr. Und sie
schreibt mir jetzt heute Brief, sie ist keine zwölfjährige, ich hätt- äh, soll ich mir
vorschreiben, was sie zu tun hat, was sie anziehen muss, oder so. Ja. Richtig.
S:
L Mhm.
O:
Aber, sie ist immer unter Kontrolle, eigentlich. Und irgendwie, vielleicht habe
ich in dieser Hinsicht auch nicht Recht.
Was?
E:
L (?)
(Ewald verlässt das Zimmer, um in der Küche zu kochen)
S:
Ja, die beiden Mädchen sind auch sehr unterschiedlich.
O:
Die sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Du kannst nicht, du musst
auch Kinder so nehmen, wie sie sind,
habe ich auch so, mache ich, glaube
S:
L Mhm.
O:
ich. Ne, du kannst nie vergleichen und sagen, die ist besser und die ist
schlecht, ne, ne. Muss einen Menschen akzeptieren einfach. Aber um Kleine
habe ich mehr Sorgen und mehr Angst, ne. Obwohl die sagt, Mama, du musst
mir glauben, und so und so. Aber irgendwie immer ich denke, dass sie nicht
richtig macht, und ich diskutiere mit ihr schon 10 Jahre lang.
S:
Und wo sind die Konfliktpunkte? Wenn sie weggeht, oder was?
O:
Ich mag nicht zum Beispiel, dass sie so viele Freunde hat, dass sie so spät
kommt, oder ganze Nacht zu Disko irgendwo geht, ich weiß nicht. Ich finde,
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S:
O:
S:
die soll sich konzentrieren im Lernen, sie muss was Nützliches im Leben
machen. Lesen, für sich was tun, verstehst du? Und nicht immer nur zum
L Mhm.
Vergnügen leben.
Das ist meine Einstellung. Und Erika, sie macht auch
L Aha. Mhm.
wichtigste für mich, immer Beruf, immer gut lernt, ne, freut sich auf Arbeit, ja,
und nebenbei, ja, alles andere, was eigentlich auch Melinda macht, aber sie
L Mhm.
geht zum Ziel. Und die Kleine, ich weiß nicht, was sie überhaupt wird aus ihr.
Und das ist meine Sorge.
L Mhm. Hat sie noch keine Vorstellung, was sie mal
beruflich machen möchte?
Sie möchte schon. Ich glaube, da gibt´s keine Lösung dafür. (3) Obwohl sie
L @1@
hat schon, also ich weiß nicht, aus ihr wird, echt, ich will jetzt nichts sagen,
aber ich weiß nicht. Mir wird immer gesagt auf Arbeit, was willst du, sie macht
und tut. Tut sie ja auch. Sie räumt auf und bügelt, und alles, was ich schreibe,
macht sie auch.
Aber diese andere Geschichte. Könnte ich nicht hören.
L Mhm.
Aber ich muss nehmen, wie sie ist. Und das ist schwer. Mit Erika ist viel
einfacher gewesen.
Und was war euch wichtig, wie sollten die Kinder werden, so als Wunsch?
Weil man ja mit der Erziehung auch stückweit beeinflusst, was war denn da
wichtig? Also, guten Beruf.
Ja, Menschen auch. Menschlichkeit. Und äh Ordentlichkeit. Dass sie
ordentliche Menschen sind, ja. Keine Lügner, keine, ne, Betrüger. Richtige
L Mhm.
Menschen, normal.
Und, weißt du, wenn ich so, mein Mann höre, er
L @Normal@
mag Melinda mehr, sie hat sehr gutes Herz. Ja. Eigentlich sie hat ein Herz für
für schwache Menschen. Oder hat sich immer eingesetzt, schon in der Klasse
schon. Oder auch Russlanddeutsche, die zum Unterricht kamen. Oder die
auch sehr schlecht ausgesehen hatten oder irgendwelche Mängel körperliche
hatte. Die hat die immer zu sich genommen. Sie war in Klasse eigentliche
L Mhm.
Leader, ne, so´n bisschen immer was sich vorzeigen kann, ne, Klappe hatte,
L Mhm.
und von Jungs immer beachtet ohne Ende. Sie hat alle Jungs unter Kontrolle
gehabt in der Klasse.
Und deswegen, die war immer so´n bisschen vorn,
L Mhm.
denke ich mir mal so.
So habe ich immer vom Lehrer gehört. (?) Und
L Mhm.
solche Kinder hat sie immer ins Herz genommen.
Sie, sie waren auch (?).
L Mhm.
Auch als Babysitterin, sie ruft immer noch an, sie mag Menschen. Aber so
chaotisch, ne. Ich weiß nicht. Ach.
Und wie, ja wie habt ihr eure Kinder auch mal bestraft?
Bestraft. Ich mit so viele mal geredet, oder, jetzt hat sie immer noch, @1@ sie
muss um zehn Uhr zu Hause sein, auf jeden Fall. Aber ich darf das jetzt nicht
machen, sie ist über 18. Sie sagt mir schon das.
L Mhm.
L Ach, sie ist schon über 18?
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O:
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S:
O:
(4)
S:
O:
Ja, sie ist jetzt über 18. Aber ich setze immer noch Grenzen. Und ich hab, ich
weiß nicht, ob sie hören wird. Aber sie meldet sich immer bis zehn Uhr, egal
wo sie ist, ne. Und dann sagt sie, Mama, kann ich noch bisschen länger
bleiben, oder sonst was, ja.
Das macht sie schon. Und ich habe immer
L Mhm.
zum Beispiel Stubenarrest gemacht, oder sie durfte das nicht machen, was ihr
auch weh tut. Zu Geburtstag nicht gehen, oder sonst was. Oder
L Mhm.
Telefonverbot.
Solche Sachen.
Ja,
L Mhm.
L Was sie dann auch vermisst hat?
genau, was sie vermisst.
Und ähm, dann stelle ich gleich auch mal Ewald diese Frage.
Du kannst erstmal stoppen.
(Olena geht, um ihren Mann zurück zu rufen, der kurz darauf erscheint. Das
Gespräch wird fortgesetzt.)
S:
Ich hab eben schon mal gefragt nach der Erziehung. Wie man die eigenen
Kinder erzogen hat. Was würden sie denn dann da so sagen?
E:
Oh,
S:
L Was war wichtig in der Erziehung.
E:
Ich habe wenig, was heißt,
(Jemand betritt das Zimmer, ein kurzer Wortwechsel findet statt.)
E:
Würde so sagen, habe nicht viel gegeben Leute leider,
S:
L Nicht viel begegnet?
E:
Nicht viel gegeben von uns, könnten mehr. (2)
S:
In welcher Hinsicht?
E:
Ja, zum Beispiel Melinda nicht gut gelaufen, sie wollte nicht lernen und so
weiter. Bei Erika ist gut gewesen.
O:
L Das lief automatisch bei Erika. Als wir nach
Deutschland kamen, genau diese Zeit, sie war 7, ja, und wir mussten selber
uns anpassen.
Ja, Erika war 12. Ja, wir mussten selber hier
S:
L Melinda war 7?
O:
lernen, und zu uns selber was machen und selber aufbauen alles, ja, und
vielleicht haben wir sie auch ein bisschen vernachlässigt.
Das meinst du
S:
L Mhm.
O:
jetzt?
E:
Ja, nicht aufgepasst.
S:
L Aha.
O:
Das, wir haben so viel, bei Erika hab ich richtig viel investiert damals, ja. Die
hatte Gedichte schon von Kind an, ich habe soviel mit ihr, sie hat, sie konnte
so viel auswendig, sie war so prima Ballerina da in Gruppe, in Kindergarten,
S:
L Mhm.
O:
sie konnte so viele Gedichte, und das waren immer Feiertage oder Feiern, und
die hat immer als Erste alles so viel vorgesagt, Gedichte, so richtige Märchen
dargestellt, ne.
Ne, sie war immer dabei. Und als wir herkamen, das war
S:
L Mhm.
O:
wir haben um uns auch mehr gekümmert, vielleicht so, dass wir sie bisschen
vernachlässigt haben, und ich habe immer gedacht, das wird auch so laufen,
ne.
Wir hatten auch keine Schwierigkeiten mit Erika, und ich habe immer
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S:
L Mhm.
O:
gedacht, dass wird auch so sein, hier. Und das war nicht so.
S:
Und was würden sie
(Das Telefon klingelt. Olena verlässt den Raum zum telefonieren.)
S:
Was stört sie jetzt so in der Entwicklung von Melinda?
E:
Was?
S:
Ja, was würden sie sagen, was ist nicht gut gelaufen, in der Schule, oder?
E:
In der Schule, ja, ist wirklich schlecht in Schule.
S:
Also war das so das Ziel in der Erziehung, dass die Kinder eine gute
Ausbildung bekommen?
E:
Leider nicht gepackt. (4) (Olena ist wieder zurückgekommen.) Sie ist schon
achtzehn, sie noch muss lernen.
S:
Und würden sie sagen, dass sie ein strenger Vater waren, oder nicht so?
E:
Nein, glaube nicht.
S:
Ne?
E:
Habe auch von meinen Eltern (?) auch falsche (?), meine Kinder selbst
machen.
S:
Wer hat da eher die Kinder bestraft, eher die Mutter?
O:
Der hat nie eingemischt. Das ist so, er ist so von Charakter. Er mischt sich
nicht ein. Er war nie auf Elternsprechtag gewesen, ob das jetzt an deutsche
Kind(?), oder sonst was. Nie einmal! Nie einmal in dieser ganz Laufzeit, er
E:
L (?)
O:
war nie, ich meine, er wusste, das weiß der schon, dass wir zu Hause dann
das besprochen haben. Ja. Er war selber positive Beispiel, sag ich mal.
E:
L Kann
man sagen (?)
O:
L Genau. Er war immer fleißig, er hat immer sich geopfert und
sich gezeigt, und selber was getan, und immer wieder. Das reicht
normalerweise. Ich habe von meinem Vater auch keine Vorschriften gehört,
S:
L Mhm.
O:
oder so. Und trotzdem war alles normal und genug. Und gute Beispiel denke
S:
L Ja.
O:
ich, das reicht aus, um Kinder zu erziehen.
E:
L Ja, deshalb, aber das reicht nicht.
O:
Ja, aber ich habe sie mit ihr, ich hab sie ständig, zehn Jahre lang habe ich
über der Schule mit ihr unterhalten, was sie muss, was sie, ne. Aber
irgendwann haben sie (?)
E:
L Aber das sage ich, ist zu wenig, man muss selber.
Reden und reden, man muss selber helfen, wenn sie hat Schwierigkeiten.
O:
Aber wir konnten auch nichts viel helfen wegen der Sprache, ne. Ja.
S:
L Mhm.
O:
Und Fleiß war bei ihr auch ein Problem. (4) Sie hat auch kein (?).
S:
Wie ist das denn für sie bei ihren Kindern, sollen sie auch einen
Russlanddeutschen heiraten? Oder ist das egal?
E:
Egal.
O:
L Das ist egal.
S:
Ja? Also auch wenn das jetzt en Afrikaner ist?
O:
Ne, das nicht. Kein Muslime, kein Afrikaner. Aber ob das Hiesiger ist oder
Russlanddeutscher ist nicht wichtig, solange sie glücklich sind.
S:
L Mhm. Aha.
O:
Und das erste in unsere Augen soll ein ordentlicher Mensch sein.
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L Ordentlich.
Ordentlich.
Was heißt das, ordentlich? So, sauber, oder?
Ne, menschlich ordentlich. Da gibt’s Menschen, die was heißt ordentlich, (3) ja
L Ja.
so wie mein Mann. @2@
Ja, der nicht belügt, nicht betrügt, fleißig, gä, ja.
L @1@
L Ah
so. Mhm.
Positiv. @1@
Der raucht nicht, trinkt nicht.
Ja, ich meine trinken kann man in Maßen, ne.
Und warum jetzt kein Afrikaner?
Ja, sie sind auch Menschen, ich habe extra deutsche Frau rausgesucht, dann
brauchen meine Kinder keinen Afrikaner zu heiraten. Wenn das wird
passieren, kann man nichts machen.
Klar, ja aber aber (2)
L @1@
L Auch nicht
Muslime, nicht, dass wir gegen, gegen Menschen sind, das nicht. Ich mag
auch Afrikaner, ich mein jetzt, wenn sie gut sind, dann mag ich sie, aber nicht
zusammen, ja.
Das ist schon andere Mentalität und andere Glauben. Und
L Mhm.
deutsche Jungs finde ich sehr gut.
Ja, für Melinda wäre das
L Einheimische?
optimal. (?) Sie kennt ein Jungen, ja, aber der ist einfach toll. Also Melinda, bei
ihm ist jetzt noch Computer als Chef. (5) Aber sie sagt, (?) alle Zeit.
Jetzt, ähm, die letzte Frage, würden sie denn sagen, dass so wie sie selber
erzogen wurden, dass es da Ähnlichkeiten gibt, wie sie ihre Kinder erzogen
haben? Oder gab es da Sachen, wo sie gesagt, ne, so, das mache ich auf
keinen Fall bei meinen Kindern, so, das mach ich anders. Oder wie war das
so?
Bei mir war das ähnlich.
Ähnlich, ja?
Was meinst du, von hier oder?
L Wie du erzogen bist und wie du deine Kinder
erzogen hast.
Ja, Eltern wollten mehr geben für Kinder, wollte jetzt besser machen. Aber
wahrscheinlich
ich habe zu wenig Mühe
L Würdest du dann anders wie deine Eltern?
gegeben. Auch, beschäftigt, zu tun, deutsch gelernt, Sprache, auch helfen in
Schule zum Beispiel.
L Aber ist das dann ähnlich, wie du selbst erzogen bist?
Bin auch gut erzogen, weißt du von meiner Frau. @2@
Weißt du, was wichtig ist? Zum Beispiel in dieser Familie, wo er ist, ja, da sind
so Menschen, die sehr mag, ja, auch Schwestern von ihm, Bruder von ihm, ja.
Die sind Menschen, die Seele haben. Die sehr gutmütig sind, ja. Und das ist
so wichtig, als Mensch zu sein. Ich mag Peter auch sehr, er hat viel
L Mhm.
negatives, ich meine jetzt so, manches was mir nicht gefällt. Aber so als
Menschen, sie sind Hundertprozent. Ja? Auch fleißig, auf sie kann ich
L Mhm.
verlassen. Auch auf Anne, ja, ist absolut fleißige Familie. Aber das kommt
alles, ja, von Eltern. (4)
So menschliche Eigenschaften.
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L Mhm.
L Mhm. Ja, und das
würden sie sagen, haben sie auch an ihre Kinder weitergegeben?
Ja.
Ja? Auch an Melinda?
Melinda. Melinda, sie ist menschlich, sehr menschlich. Sie hat gute Charakter.
Menschlich sie ist sehr gut.
Auch wichtig.
L Ist doch auch wichtig.
Ich, was ich zweifele, was aus ihr wird, als Frau. Als Mutter für die Familie, ne.
Wenn sie auch nicht so fleißig nachher ist. Und scheißegal ist, ob Dreck hier
liegt, oder nicht. Dann ist schon blöd. Ne. Obwohl vielleicht übernimmt sie das
L Mhm.
ja.
Ende der Aufnahme
76
1.1.4 Kinderinterview mit Erika und Melinda Kanz
Datum:
Ort:
Anwesende:
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E:
13.02.2004
Wohnzimmer im Haus der Familie Kanz
Kind 1:
Erika Kanz (E)
Kind 2:
Melinda (M) Kanz, sowie deren Freund (F)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
Zur ersten Frage dann: erstmal ganz allgemein, sowie bei der
Gruppendiskussion auch, nur ich möchte auch mal die einzelnen
Generationen befragen. Ihr könnt euch ganz offen fühlen, es hört keiner zu.
Also was würdet ihr sagen, du warst 12 und du warst 7, als ihr nach
Deutschland kamt, ich mein, da könnt ihr euch vielleicht nicht so erinnern, aber
wie, was würdet ihr sagen, waren so die größten Veränderungen von dem
Leben, das ihr in Russland hattet und jetzt hier in Deutschland, so persönlich,
aber auch so als ganze Familie? Was würdet ihr sagen, gab´s da
Veränderungen?
Nicht viel. Ich weiß nicht, weil wir da eigentlich auch so gelebt haben wie in der
Wohnung. Gut, jetzt Haus, O.K, aber davor hatten wir hier auch eine
Wohnung, so ist es ja nicht. Große Veränderungen waren da nicht, ich war da
halt kleiner, ich erinner´ mich auch kaum, da hatte ich auch Freunde, das weiß
ich auch noch, aber große Veränderungen jetzt nicht. Doch, jetzt merkt man,
ich weiß ja nicht, wie es jetzt in Russland wäre.
Mhm. Warst du schon in der Schule eigentlich?
Erste Klasse.
Und gab´s da vielleicht Unterschiede?
Da kann ich mich fast gar nicht erinnern. Da haben wir nur schnell gelernt, so
was kann ich mich erinnern. Hier lernt man nicht so schnell wie dort, habe ich
die Erfahrung gemacht. Wenn andere Mädchen aus Russland kamen, die
haben mir das immer gesagt. Wir haben das schon längst gehabt, und ihr habt
das jetzt erst. Und so.
Sprichst du noch gut Russisch?
Nicht schlecht. Nicht super und nicht schlecht. @1@
@1@ Ja, weil im Deutschen hört man bei dir gar keinen Akzent.
Ne.
Und hört man bei dir im Russischen einen Akzent?
Ja. Ja. @2@ Also, ich kann viel besser Deutsch sprechen als Russisch.
L @1@
L Ja?
Bei dir merkt man das auch nicht so sehr. Hier sprechen wir ja nicht Russisch.
Aber die, die aus Russland kommen oder irgendwie, sagen, ich sprech´ da
ganz komisch. @1@
Na, klar.
(?)
Du legst die Betonung auch auf andere Buchstaben, sagt meine Mutter so,
und @1@
Ja, aber du warst schon 12, und hast dort auch einige Klassen besucht dann,
L
Ja, 6.
Hast du eigentlich auch Schreiben gelernt, und so?
Alles. Lernt man doch schon in der ersten Klasse. @1@
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S:
M:
Ja, ja.
Ich kann´s auch heute noch, schreiben.
Ja, was würdest du sagen, was waren so die größten Veränderungen?
Auf was bezogen, auf das Haus, wo wir gewohnt haben, oder?
Ne, generell, wenn du jetzt an dein Leben denkst, das du in Russland hattest,
das deine Familie in Russland hatte, also das betrifft alle Bereiche, die dir so
einfallen. Wo du halt Unterschiede siehst.
Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das, was ich jetzt hier lebe, ist ein
anderer Teil, ich bin jetzt erwachsen. Ich bin sozusagen im Pubertätsalter
gekommen, ich weiß nicht, was ich damals da gemacht hätte im Gegensatz zu
hier. Ich muss erstmal nachdenken. Es kommt gleich. @1@
@1@ Kein Problem. (2) Und als ihr dann hierher kamt, ich mein, das ist ja für
ein Kind auch eine Umstellung, ein anderes Land, eine andere Sprache, habt
ihr euch hier willkommen gefühlt oder noch lange fremd?
Ich ja. Ich mein, ich bin sofort in die erste Klasse noch mal gegangen, ich hätte
auch zweite, aber ich wollte lieber erste. Ich kam an, alle kamen auf mich
sofort zu, und so hab ich auch ganz schnell deutsch gelernt. Also ich hab,
glaub ich auch schneller als du gelernt. Ich hab ganz schnell, ich hab viele
Freunde sofort gehabt,
L Also vorher konntet ihr kein Deutsch sprechen?
Doch. Ein bisschen. Meine Mutter hat uns ein bisschen beigebracht. Guten
Tag,
L Ja, nur die vier Wörter, das war doch kein Deutsch.
L Ja, trotzdem. Ein
bisschen is es.
Ich konnte gar nichts. Ich hab zwar so Deutsch-Unterricht gehabt. Ich konnte
zwar Haus, Baum, aber ich konnte keine Sätze sprechen. Genauso wie man
Englisch in der ersten Klasse lernt, so mit Deutsch. Also, ich hab nichts
verstanden. Ich hatte ´ne Freundin gehabt, die kam auch aus Russland, die
war schon ein Jahr hier. Die verstand auch alles, das meiste, die hat mir dann
übersetzt. Und so, ob wir uns willkommen gefühlt haben. Also ganz am
Anfang, waren wir was Fremdes für die, und sie was Fremdes für mich. Und
ähm, aber, man hat sich auch so mit den Russlanddeutsch so
zusammengeschlossen, man hatte keine deutschen Freunde, man konnte sich
ja gar nicht unterhalten, aber wir sind auch überall eingeladen worden,
Geburtstage, und so.
L Bei den Einheimischen?
Ja. (3) Joa. Und die Sprache, das war ziemlich schwer zu lernen, im ersten
Jahr. Im zweiten Jahr, das wurde immer besser, und im dritten Jahr hab ich
schon alles verstanden. (4) Auch durch´s Fernsehen, die Schule auch. @1@
Klar durchs Fernsehen lernt man auch. @1@
Wider Willen. @1@ Das war nur so witzig, wenn man Musik gehört hat so auf
Deutsch, hast du nichts verstanden, und irgendwann kommt das gleiche Lied
noch mal so ein Jahr später, und dann verstehst du auf einmal alles. Das war
so richtig toller Gefühl.
Waren denn die Menschen hier anders, als ihr das aus Russland kanntet,
hatten die ne andere Art?
Ähm, man kann´s nicht auf alle jetzt beziehen. Aber, ich kann´s auch nicht auf
das, als ich kleiner war, aber jetzt so, was ich jetzt so merke. Die aus
Russland gekommen sind, die sind erstens offener, und zweitens die sind mit
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dem Geld zum Beispiel, also das ist nicht auf jeden Deutschen oder
Russlanddeutschen, äh, die sind nicht so geizig, kann man so ungefähr
sagen, die sind nicht so geizig. Bei Deutschen hab ich oft gemerkt, wir rennen
jedem Cent so hinterher, und Russlanddeutsche sagen, lass es, es ist nicht
wichtig. So hab ich das
L Ja, die Gemeinschaft untereinander ist irgendwie
anders, das haben wir aber schon letztes Mal erzählt.
L Mhm. Unter
Russlanddeutschen?
Ja. Das irgendwie,
L Viel Essen, und auch Tanzen ist, bei Deutschen ist eher so
nur saufen die ganze Zeit, (?) und sonst gar nichts.
L Kein Bock auf feiern, ich weiß auch nicht.
Ne, die kommen eigentlich nur zum Trinken, die ganze Zeit. Und bei
Russlanddeutschen ist es mehr so Musik und Lachen und gute Laune, und so.
Und viel Alkohol gehört irgendwie immer dazu. Ist komisch, aber es ist so.
Und euer Freundeskreis, was sind das jetzt hauptsächlich? Nur
Russlanddeutsche, oder auch eher Einheimische?
Ja, ich hatte mal eine beste Freundin, die ist Deutsche, mit der war ich auch
viele Jahre befreundet. Ich hatte auch einheimische Freunde, viele so, aber
daraus wurde nicht viel. Außer mit dieser einen, aber sonst Kontakt immer nur
mit Russlanddeutschen.
L Ich hatte auch am Anfang fast nur deutsche Freunde.
L Also
Einheimische?
Ja, weil ich ja auf´s Gymnasium gewechselt hab. Ich kannte dort niemand.
Und äh, dann hat man ja nur deutsche gehabt. Ich hatte deutsche Freunde,
ich hatte, nur deutsch überall. Und seit ich jetzt meinen Freund da kennen
gelernt hatte, der auch so wie ich ist, seitdem hab ich überwiegende
Russlanddeutsche. Und eine deutsche Freundin hab ich immer noch aus der
Schule, immer noch geblieben.
Hast du dort Abitur gemacht auf dem Gymnasium?
Mhm.
Gut. @1@
Ja, hab mich auch gefreut. @1@ Nein, das war auch so komisch. Ich hab in
Russland auch nur Einsen gehabt, fast nur Einsen, vielleicht eine Zwei. Auf
jeden Fall, dann bin ich hier in die sechste gekommen, Orientierungsstufe,
natürlich, wurde ich nicht gut bewertet, konnte nicht die Sprache.
@Hauptschule@, zack. Meine Mutter, mhmhm, du gehst zur Realschule. Und
dann bin ich zur Realschule gegangen, und dann hat ich in einem Jahr, in der
siebten Klasse, richtig aufgeholt. Und dann hat ich in der achten, erstes
Halbjahr, alles zwei und zwei dreien. Und dann hab ich auch gewechselt zum
Gymnasium.
War dir das auch wichtig?
(4) Also mir persönlich war das nicht wichtig. Das ist ja alles von meiner Mutter
ausgegangen, ich mein, ich hab da nicht großartig was gemacht, weil meine
Mutter hat sich dafür eingesetzt, meine Patentante hat sich dafür eingesetzt,
und ich stand dazwischen. Ich konnte ja keine Entscheidung da treffen. Es ist
irgendwo schon wichtig, dass die Eltern die Kinder so ein bisschen ziehen,
nicht einfach nur gehen lassen, sondern auch ein bisschen unterstützen,
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motivieren, wie auch immer. (2) Sonst wird das ja nichts. @Klar gibt´s
Wunderkinder@, ich bin keins davon. @1@
Aber du sagtest immer deine Mutter, wie war das für deinen Vater?
Ja, das war zusammen. Und mein Vater ist eben, der arbeitet mit meiner
Mutter im Hintergrund, @1@ und meine Mutter ist äh, die die, unsere Mutter
ist die, die sich nach außen einsetzt. Mein Vater macht das immer, und und,
der fragt immer ganz lieb. Ich weiß nicht, woran das liegt, es ist einfach, das
war schon immer. Papa hält sich immer zurück, aber er weiß immer alles.
L (?)
Aber jetzt, davor hab ich das nie so gemerkt, dass er Mama, oder so fragt (?).
Und dann, ich wurd´ 18, auf einmal hat er Interesse an mir gehabt, und sagt
mir, wieso gehst du so spät noch in die Disko. Auf einmal solche Fragen
kamen bei ihm auch. Das fand ich irgendwie komisch. Ein ganzes Leben lang,
quasi selber sich nicht für mich interessiert, oder so, na gut, von Mama aus
vielleicht, aber so nicht. Und dann auf einmal so was. Naja, schon komisch.
Ich hab auch nicht so Kontakt so mit dem, wir unterhalten uns fast gar nicht.
@2@ Ich kenn ihn nicht, und er kennt mich fast nicht. @So, ist das irgendwie
komisch.@ Obw- das ist mein Papa, eigentlich müsste man den Vater schon
so, so vom Charakter, kenn ich ihn, wie er reagiert, und so. Aber Mama und
Papa sind große Unterschied.
Er ist meistens nie da,
L Ja, jedenfalls. @1@
entweder er ist am Fernseh, oder ist am Arbeiten irgendwo im Keller,
L Wir sehn
ihn nie. (2) Und man redet halt auch lieber mit ´ner Frau, weißt du.
Als Töchter.
Genau.
Würdet ihr denn dann auch sagen, dass eure Mutter diejenige war, die euch
auch erzogen hat?
Ja.
Ja. Papa hat mir ja nie was gesagt. @1@ Also kann ich nicht sagen, dass
Papa mich erzogen hat. Das geht ja nicht.
Also ich weiß noch, dass mein Papa, als ich kleiner war, auch in der Schule
war, und so, sich gekümmert hat, als
Der hat immer, der hat
L Ach doch, in Mathe.
auch immer mich gezwungen, oder so, ich soll ihm irgend so ne historische
Geschichte vorlesen und dann aufsagen, weißt du, so. Und so, der hat auch
immer was gesagt, wenn wir was falsch gemacht haben. Der hat ja nicht da
gesessen und nichts gesagt. @Er war schon unser Vater@
War das halt hauptsächlich in Russland so, hat sich das dann in Deutschland
verändert?
Nein.
Und dir hat er in Mathe geholfen?
Ja. Das war, doch dafür dank ich ihm am meistens so, sonst weiß ich nicht,
was er so gemacht hat, aber das weiß ich, Mathe, Einmaleins, das kann ich
bis jetzt noch. Da ist er jeden Abend zu mir gekommen, sag mir das
Einmaleins.
L War das in der ersten Klasse?
Nein, das Einmaleins hatten wir in der zweiten oder dritten. Und dann stand
sogar auf dem Zeugnis, Melinda kann super das Einmaleins. @2@ Weil mein
@1@
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M:
Papa mich jeden Abend gezwungen hat, das ganze Einmaleins vorzusagen.
Der so sieben mal acht dadap, ganz schnell so. Bis jetzt hab ich’s immer noch
so. Da bin auch dankbar, weil man das jetzt immer noch braucht. Manchmal,
in meiner Klasse sitzen welche, manchmal denk ich mir, o Gott, das ist das
einfachste Einmaleins, und dann, äh, wie ist das denn Taschenrechner,
E:
L Das
find ich auch schlimm. Taschenrechner, das ist so schrecklich. Ich hab mich
echt gewundert, so kleine Kinder, die überhaupt noch nicht rechnen können,
ne Maschine rechnet für sie, weißt du. Die müssen das eigentlich selber
können. Und äh das war auch der Unterschied hier zu, das, was ich in
Russland in Mathe zum Beispiel gelernt habe, sind wir hierhin gekommen, ich
konnte das schon, das hatten wir schon in der vierten, oder so, in der vierten
Klasse hatten wir das schon. Und da ham wir das hier durchgenommen. Und
die haben sich alles gewundert, wieso schreib ich lauter Einsen. Ich kann
überhaupt keine Sprache, aber ich schreib Einsen. Das geht doch gar nicht.
Und, das verstanden die nicht.
S:
Ja, ja. In welcher Schule bist du denn, Melinda?
M:
Jetzt?
S:
Mhm.
M:
Sozial(?). Das ist, vielleicht ist es auch mehr von meiner Mutter so, weil sie
immer sich gewünscht hat, dass ich Hebamme werde,
Ich wollte
S:
L Ah, ja. @1@
M:
erst überhaupt Erzieherin werden, Praktikum von mir aus gemacht, und nichts
für mich. Also, ich liebe Kinder, aber da hangen sie mir so auf´m Hals, das
könnte ich nicht mein ganzes Leben lang machen. Das hab ich auch gemerkt.
Und irgendwie hat Mama gesagt, ich wär so stolz auf dich, würdest du
irgendwas mit Krankenhaus machen. Und irgendwo wollte ich sie auch nicht
enttäuschen, ist genauso wie bei ihr, sie soll studieren, aber
E:
L @Oh, ich soll
nicht.@
M:
Du sagst so, ich seh´ es anders. Und sie will unbedingt, dass Hebamme, oder
so. Aber ich weiß, dass ich kein Blut so extrem sehn kann, bisschen ja, aber
extrem glaub ich, so was, was sie macht, könnt ich nie machen, niemals. Und
dann, dann so Arzthelferin, so, das ist auch was für mich, (?), aber auch mit
Menschen, nicht mit Blut, mit Menschen. Mit Menschen viel Kontakt zu haben,
S:
L @2@
M:
das ist mir wichtig. Ich könnte nicht in einem Büro alleine sitzen, und mit
keinem reden.
S:
L Ja, kann ich mir vorstellen.
(Allgemeines Gelächter)
M:
Da würd´ ich Selbstgespräche, glaub ich, führen, weil ich so viel rede, auch,
zum Beispiel,
E:
L Nur am Morgen darfst du sie nicht antasten, @1@, sie würd´
dich so was von fertig machen. @1@.
M:
Nein, zum Beispiel, wir telefonieren, ich könnt dir drei Stunden was erzählen,
du bräuchtest gar nichts sagen, weil du mich gar nicht unterbrechen darfst,
also ich muss immer was sagen.
S:
L Wäre denn deine Mutter damit einverstanden,
wenn du Arzthelferin werden würdest?
M:
Ja, das findet sie auch gut. Das, weil sie das weiß mit (1) Telefonieren, und
Menschen Kontakt, hat sie mir selber so angeboten, Arzthelferin.
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L Ist es dir denn
wichtig, dass du was machst, was deine Mutter auch gut findet?
Ja, das ist, sie erfreut es, wenn ich so was mache.
Und du willst sie erfreuen?
Irgendwie ja, weil sie schon jetzt immer sauer ist. So, (?) davor war ich nicht
so gut in der Schule. Nicht so wie sie. Ich war immer so (1) unmotiviert. Und
dann jetzt so, merk ich an dieser Schule, ich habe viel bessere Zensuren, aber
es hängt auch von den Lehrern ab, wenn man sich einmal das mit denen
verspielt hat, oder wenn sie falschen Eindruck das erste Mal haben von dir,
dann kannst du nie wieder äh dich bessern, oder so, eine Zensur, aber nicht
mehr, die halten immer von dir das Gleiche. Und jetzt bin ich neu auf die
Schule gekommen, sofort habe ich gute Zensuren geschrieben. Und jetzt sagt
die Mathelehrerin, sowieso du kannst das, du brauchst das gar nicht mehr
lernen. Weil ich ein-, zweimal Eins geschrieben habe, sofort, du bist gut. Und
davor hab ich wirklich in Mathe vier, fünf gehabt, weil irgendwie, das war
anders, das auch ganz andere Schule, Privatschule, keine öffentliche Schule,
andere Lehrer, und die Schüler untereinander.
Und äh, du sollst studieren, hab ich das eben richtig verstanden?
Ich wollt das doch gar nicht sagen.
Ja, meinte sie so. (2) Du möchtest?
Ja.
Was möchtest du denn Studieren?
@Medizin.@ Nein, es war so, es ist so, dass meine Urgroßmutter, ne meine
Großmutter den Wunsch hatte und meine Mutter sich das eben auch
gewünscht hatte, und bei mir ist das so gewesen, ich hab mich sowieso
selber, persönlich dafür interessiert, ich hab mich, ich hab mir dann die Frage
gestellt, was machst du da eigentlich, tust du das, was deine Mutter will, oder
tust du das, was ich will. Und äh irgendwo fragt man sich so was, ne, weil
irgendwo geht’s ja auch um einen selber. Und äh aber ich hab irgendwo, jetzt,
weil ich ja schon drei Jahre auf der Arbeit bin festgestellt, es ist toll, ne, und
das gefällt mir, und am liebsten würde ich an der Stelle der Chirurgen da
stehen und selber was machen mit die Hände, ich weiß auch nicht. Und äh ja,
so ist es eben gekommen. Ich weiß auch nicht. Ich hab auch meiner Mutter
gesagt, wie würdest du das finden, wenn ich es nicht machen würde? Sie so,
Hauptsache, du bist damit zufrieden, was du bist, aber sie meint, sie würde
wissen, was mir liegt. Ich weiß nicht wieso, aber sie sagt, sie würd das wissen.
Ich weiß nicht wieso.
Ich habe selbst an
L Aber sie, sie hat selbst an sich gezweifelt.
mir selber gezweifelt, weil die, die ganze Zeit, na klar irgendwann denkst du,
scheiße, was willst du denn eigentlich, was willst du selber. Vielleicht weiß ich
das ja immer noch nicht, vielleicht wird das sein, dass ich anfange zu
studieren und merke, doch nichts für mich, zu schwer, oder ich komme mit den
Patienten nicht klar, oder wie auch immer. Das kann ja alles sein. Dann wird
sich das eben rausstellen. (2) Meine Ausbildung hab ich, und es gefällt mir
eigentlich. Aber ich möchte nicht Leben lang diesen Beruf ausüben. Ich glaube
nicht, dass mich das irgendwie glücklich machen würde, nur das zu machen.
Das reicht mir nicht, das mein ganzes Leben lang zu machen. @1@
So, wenn ihr euch jetzt mal so anschaut, also die Frage ist, wie fühlt ihr euch
eigentlich, fühlt ihr euch als Russlanddeutsche oder als Deutsche oder als
Russen, Europäer, oder egal.
L @Oder als gar nix. (3)
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Ich hab mich, früher war es mir immer peinlich, dass ich aus Russland komme.
Auch wenn meine Mutter mit mir gegangen ist und russisch mit mir geredet
hat, ich so: psst, psst. Is mir peinlich. Sofort so komisches Gefühl, ich weiß
nicht wieso. Und dann sind wir umgezogen, da hab ich russische Freunde so
gehabt, immer mehr, davor hatte ich eher deutsche. Da kam ich hierher, da
hab ich eine beste Freundin, die kam immer erst auf deutsch, auf einmal
irgendwie ham wir uns angeguckt, lass uns doch mal anfangen, deutsch zu
reden, äh, russisch zu reden. Ja, und dann ham wir so damit angefangen,
russisch zu reden.
Zu meiner Frage noch mal.
Fühlst du dich als
L (Die Beiden lachen laut.)
Russlanddeutsche.
Ach so, stimmt, genau das war´s. Ja, erst hab ich mich immer so, dass ich aus
Russland komme, peinlich. Und jetzt ist es mir eigentlich egal. Ich mag nicht
so Menschen, die sagen, ja, diese, weil sie benutzen einfach das Wort
Ausländer. Und so was versteh ich nicht, denn meine Oma, die ist ja in
Deutschland geboren, dann können die so was ja nicht sagen. Ich denke
schon, Russlanddeutsche. Russlanddeutsche passt genau dazu. Weil ich bin
nicht unbedingt aus Deutschland, gut, ich komm aus Russland, aber eigentlich
bin ich Deutsche, und deswegen ist passt genau, Russlanddeutsche.
So fühlst du dich. Meinst du ist O.K.?
Das ist O.K. so. @1@
Jetzt schämst du dich nicht mehr?
Ne, überhaupt nicht. Ich bin sogar irgendwo glücklich, dass (1) auch zwei
Sprachen lernen, (?) zum Beispiel auch wichtig andere Fremdsprachen zu
wissen außer Englisch und so. Später mit jemand zu kommunizieren.
Das stimmt. Und wie ist es für dich?
Also, am Anfang war es mir auch peinlich, weil man sich nicht richtig
ausdrücken konnte. Mir war das peinlich selber zu sprechen, weil man eben
so einen starken Dialekt hatte und so. Aber jetzt mittlerweile denk ich da gar
nicht drüber nach, ob ich Deutsche bin oder Russlanddeutsche, und äh, ich,
mir ist was, was mir persönlich an Menschen wichtig ist, eigentlich an allen
Menschen, so das Innere, alles andere acht ich gar nicht. Ich könnte
Portugiesen, ich könnte jeden als Freund haben, Hauptsache (?) Also da
mach ich überhaupt gar keinen Unterschied. Und was ich selber bin, ich weiß
selber, was ich bin, und das ist wichtigste.
Und könntest du dir dann zum Beispiel auch vorstellen, einen Afrikaner zu
heiraten?
Äh, keine Ahnung, ich weiß es nicht. Denn irgendwie ist es ja auch so,
Menschen mit denen man noch keinen Kontakt hatte, die vielleicht auch etwas
anders aussehen, dass man da erst Angst vor hat, wenn man sie nicht kennt.
Man muss sie erst kennen lernen. Das ist so das Wichtigste, Charakter. Könnt
ich mir bestimmt vorstellen, wenn er super-nett wäre, oder wie auch immer,
wenn er die große Liebe wär, natürlich könnt ich mir das vorstellen. Aber äh,
L Wär
das für deine Eltern O.K.?
Mhm. Mhm. Das weiß ich nicht.
L Ne?
Sie hat mir gesagt, wenn ich ´nen Türken nach Hause bring, würden wir beide
rausfliegen.
L @1@ Du und der Türke dann, oder wie? @1@
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Also, Mama hat doch, ich glaube, Mama hat was dagegen.
Also, ich hab da noch nie mit ihr drübergeredet. @2@
L So Italiener oder so, ist schon
was anderes bei ihr. Aber ganz
L Direkt die Türken, oder wie? @2@
Also da, da kriegt sie was zuviel.
L Ich weiß es nicht.
Ja, ich rede mehr so mit der so. Vorher hatten wir überhaupt gar keinen
Kontakt der so über Jungs, und keine Ahnung, und auf einmal kam sie dann.
L Ja,
ne? Bei mir hat sie auch gesagt, da fing das an. Da hab´ so heimlich von Alex
ein Anruf bekommen. Und dienstags sitzt sie mir gegenüber und sagt, und wer
ruft dich da die ganze Zeit an? Und ich so, woher weiß die das? @1@ Ja,ne.
L @1@
Ja, und dann fing das an. Ne, aber ich war immer offen damit.
Nein, weil Mama gesehen hat, dass ich die Pille nehme.
Ach so.
Ohne ihr Einverständnis?
L Ja, ja, ich war da sehr
Ihr hat jemand anders unterschrieben.
Nein, man muss nicht unterschreiben. Man kriegt sie auch so. Zumindest, ich
war da schon 16.
Hab ich sie mir geholt, und dann meine
L Unmöglich, unmöglich.
Schwester so, wie kannst du nur mit ihr so reden, oh Gott, ich wüsste nicht,
was ich machen würde. Meine Mutter hat das einfach gesehen, ja ich nehme
sie, na und. Das könnt ich nicht. Is schon wieder was ganz anderes. Was ich
denke, sag ich auch. Ich bin nicht so, wenn ich fremden Menschen, da könnt
ich nicht so, da bin eher zurückhaltend. Würde ich gerne, aber da hab ich
schon Respekt.
L Is halt von meiner Mama.
Ja?
Dieses Offene, und die kann auch labern, das ist. Na gut, sie kann auch
manchmal.
Also habt ihr eigentlich zu eurer Mutter ein sehr enges Verhältnis?
Man kann auch mit der sehr gut reden. Da kann man sich hinlegen mit der und
über jeden
Früher war es nicht so.
L Ja, echt.
L Bei mir schon.
Bei mir nicht, weil ich immer draußen war. Ich war früher immer draußen. Sind
wir hierher gezogen, war ich draußen, Freunde, Schule war nicht wichtig,
immer nur Freunde, es ging immer nur darum. Ihr war auch das Lernen
wichtig, nicht so die Freunde. Die Schule stand bei ihr am ersten Platz, bei mir
eher die Freunde. Und dann ist mir Mama mehr bewusst geworden, ist mir
doch wichtiger. Und Nachhinein denkt man, Mist verdammt, Mist gebaut so,
hast nicht gelernt, und so, gerade diese wichtigen Jahre.
Was denkt ihr, was eure Eltern so von euch erwarten?
Hauptsache guten Abschluss, gute Ausbildung, damit wir wirklich auf eigenen
Füßen stehen können.
L Ne, Hauptsache erstmal gute Menschen. Und dann das
andere.
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Ja, ich mein jetzt, (2) ja, das sowieso, dass wir zu andere freundlich sind, nett
und so.
L Aber das ist schon selbstverständlich.
Was würdest du denn sagen, was macht denn einen guten Menschen aus?
Wenn man ihm vertrauen kann.
L Respekt haben, freundlich sein, zu Hilfe
kommen, wenn man im Bus fährt, ne Oma kommt, aufstehen. Nicht so sitzen
und andere Eltern sagen, och mein Kind sitzt so lange in der Schule, dann
kommt es nach Hause, es ist so müde, es muss im Bus sitzen.
wenn
L Ich denke,
ich das höre.
Wie kann man als Erwachsener Mensch so´n Mist reden,
L Mir macht das auch aus, wenn man schimpft, und so.
und das bringt man den Kindern bei, und die stehn dann nicht auf. Das ist das
ist unglaublich.
L Auch mit Schimpfen.
Je- jeden Morgen ist der Bus voll mit Kindern und dann kommt irgendwo da
hinten, da steigt immer ne Oma ein, ganz oft, die kann kaum stehen, glaub ich,
ich weiß nicht, wo die hinfährt, auf jeden Fall steigt die da immer ein, und man
kann nicht mehr durchkommen, die bleibt dann auch stehen. Und da sind
überall Kinder, keiner steht auf. Und ich sitze, ich sag da irgendwann. Und
diesmal saß ich in der Mitte vom Bus. Ich denk, ich glaub ich spinne, sagst du
das denen jetzt, und dann bin ich selber aufgestanden, hab die Oma durch die
ganze Schlange durchgequetscht, damit sie sich setzen kann, ne. Und äh am
liebsten hätt´ ich den Kleinen gesagt noch, aber irgendwie hab ich das
gelassen. Vielleicht hab ich denen ein Beispiel gezeigt. Hoffe ich jedenfalls,
dass sie ein bisschen begriffen haben, weil ich hab sie blöd angeguckt. @1@
Ich würd´ sofort sagen. Das ist der Unterschied. Sie sagt dann nichts, sie zeigt
es nur.
L Ich kann ausflippen, also ich kann meine Meinung sagen, wenn es mir
wirklich reicht. Aber so am Anfang bin eher zurückhaltend.
Du bist dann eher offensiv?
Sofort, direkt. Ich sag sofort direkt, zuerst guck ich einen an, als ob er nicht
alle Tassen im Schrank hätte, und wenn er es dann nicht versteht, dann sag
ich was.
L Aber das ich auch ne Macke, weil du müsstest auch manchmal ein
bisschen nachdenken, was du handelst.
L Das ist dann manchmal der Nachteil.
Genau, es gibt Vorteile, es gibt Nachteile.
Ähm, würdet ihr sagen, eure Eltern sind streng zu euch? (2) Oder wie würdet
ihr sagen, erziehen die euch?
Also Erziehung ist schon lang abgeschlossen, glaub ich. @1@
Bei mir nicht ganz. (2)
Also ähm, zu Hause zum Beispiel muss immer ordentlich sein. Immer
aufräumen, immer, also in Russland hab ich, jeden Tag musst ich
staubsaugen oder irgendwas waschen, oder Geschirr abwaschen, musst ich.
Ich hab jeden Tag geheult, weil ich das nicht machen wollte, das weiß ich
noch genau. Ich hab gehofft, dass irgendwann ein Tag kommt, wo ich nicht
weinen muss, weil ich hab jeden Tag geweint, weil, weil es gehört einfach
dazu, als Kind macht man das nicht gern. Draußen spielen und so, klar ham
wir, wir waren nur draußen, wir woll´n ja nie rein. Wir wollten auch nie essen,
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wir wollten gar nix, nur draußen, immer mit den Kindern, mit den ganzen, in
so´m Riesenhaus, da gab´s ja immer nur diese Blockhäuser, da wo wir
gewohnt haben, zum Beispiel 9 Stockwerke hoch, 16 Stockwerke hoch, was
meinst du wie viele Kinder da zusammen kommen, ne. Und wenn wir dann
richtig draußen sind, (2) du willst nicht mehr nach Hause.
L Du hast mich immer
mitgeschleppt. Musste se ja. @2@ Ich bin nicht so eine, die immer auf
Bäumen klettert. Und sie, bis um achte. Und Mama war immer sauer, weil sie
immer so spät kam, weil sie immer die Zeit vergessen hat. Weil es so schön
draußen auch war. Hat mich auch immer erschreckt, da ham die Geister
gerufen, und auf einmal, ich war ängstlich, ich hatte immer Schiss früher. Da
is ein Geist, da is ein Geist – Melinda fängt an zu schreien und heulen. Ich
hab´s Mama erzählt. Hab ich immer Mama erzählt, da hat se immer Ärger
bekommen. @2@
Fandest du die Erziehung denn streng, oder findest du, weil du hast eben
gesagt, sie ist noch nicht abgeschlossen? Obwohl du schon über 18 bist.
Fast 19 Jahre, ja. Das, das ich weiß nicht, woher das kommt. Erstens arbeite
ich, Schule, und dann auch noch Freund und so, und dann denkt sie, ich bin
nicht oft zu Hause, und das findet sie halt nicht gut, und dann soll ich das mal
lernen, wirklich zu sehen, wo meine Grenzen sind, so, nur noch das erziehen
so. Ich weiß eigentlich selber schon, wann ich nach Hause soll, muss, und
wann nicht, das weiß ich schon von mir selber aus. Und deswegen find ich das
jetzt ein bisschen übertrieben.
L Ja, das ist so, dass meine Mama einfach ein
bisschen Vertrauen gewinnen muss, weil die hat die hat schon viele Mal
Vertrauen gebrochen, und deswegen ist das ein bisschen schwierig. Ich bin
sogar ihr gegenüber, ich selber bin meiner Schwester gegenüber misstrauisch,
weil die mich auch schon oft belogen hat. Und, und wenn man mich belogen
hat, dann vertrau ich ziemlich (2) ungern. Deswegen. Und deswegen wundert
sie sich manchmal, warum, wenn meine Mutter meiner Schwester manchmal
was sagt, was sie falsch gemacht hab, dass ich meine Mutter unterstütze,
weißte, es ist nicht so, dass ich sie dann unterstütze, sondern ich unterstütze
meine Mutter, weil ich denke, irgendwo hat meine Mutter auch Recht, und
irgendwo vertrau ich ihr. Und ich kenn sie auch nicht so richtig in letzter Zeit
haben wir wieder mehr geredet miteinander, aber früher so in der Schule, nie.
Ich wusste gar nicht, was sie macht, was sie denkt,
L Nur Hallo und Tschüss. Wir
haben uns immer gestritten, wenn wir uns mal gesehen haben. (Melinda
hustet) Ja, der meiste Vertrauen, als wir zu tun hatten, das war glaub ich seit
Sommerzeit, hat das so angefangen, weil da bin ich mit denen mitgekommen,
(?) haben sie mich mitgekommen.
Und warum kam es dazu, zu den Vertrauensbrüchen? Was hat dich
veranlasst, deine Familienangehörigen anzulügen?
Äh, meine Mutter, weil ich aus dem Fenster früher immer geschlupft bin, als
ich kleiner war. Wir sind mit meiner Freundin, haben wir bei mir geschlafen,
und dann sind wir aus dem Fenster halt abgehauen. Paar Mal.
Und ich weiß es nicht mal. @1@ Ich weiß es nur einmal so.
Und das hast du gemacht, weil du die Regeln zu streng fandest bei deinen
Eltern?
Ne, ich hab denen gesagt, ich fand es schön, alle Jugendlichen waren da
draußen nachts, und dann klar Jungs, Interesse und so, sofort, und dann sind
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die immer raus gegangen, und wir durften nicht raus. Und wir so, toll, was
machen wir. Ja, bei Melinda schlafen, Melinda wohnt ja im unteren Stockwerk,
da kann man schön raus. @2@ Immer raus, immer raus. Ja, deswegen kam
das.
Aber deine Eltern hatten dir verboten?
Ja, und dann hab ich einmal mit ihr geredet. Die so, sag mir doch, sprech mit
mir offen drüber, was du willst, und so, was du denkst, und so. Hab ich gesagt,
lass mir ein bisschen mehr so Freiraum, abends und so. Da kam so langsam
Disko, Papa macht, lass sie doch. Am Anfang hat er immer gesagt, lass sie,
lass sie, lass sie, und was kommt jetzt? Früher immer selber gesagt, gib ihr
Geld, gib ihr Geld und so. Und jetzt oh weia.
L @1@ Ist vielleicht ein bisschen zu
viel.
Eigentlich. Ne, also jetzt seit 2 Monaten war das jetzt viel, davor sag ich nicht,
dass das viel war. Und jetzt geht´s langsam wieder weniger, jetzt hab ich ´nen
Freund. Der ist auch so einer. Nein, der ist ja so alt wie meine Schwester. Und
der ist nicht so auf Disko und so. Der will lieber was Ruhigeres und so. @2@
Ist er Russlanddeutscher?
Ja.
Ist dir das wichtig?
Nicht unbedingt wichtig, aber ich hab schon Erfahrung mit Italiener und
Deutschen gehabt, und äh es hat einfach nicht so, auch mit
Russlanddeutschen funktioniert´s nicht unbedingt immer, aber mit denen kann
ich mich besser verständigen. Die sind auf meiner Wellenlänge.
L Ja?
Man (?), die sind auch irgendwo anders. Ich hatte auch Deutsche gehabt. Man
fühlt sich irgendwo komisch. Ich weiß es nicht.
L Die Deu-, ja Freundschaftskreis
ist ganz anders,
L Genau, Freundschaftskreis, so lang, so uh, schon wieder
rauchen, schon wieder rauchen, irgendwie so. Und hier ist es irgendwie so,
L So Außenseiter-mäßig.
man fühlt sich wie in ner Familie. Ja, und er fühlt sich hier bei uns wohl, und
die fühlt sich bei denen wohl, ne. (?) Wir hatten überhaupt keinen Kontakt mit
Deutschen. Meine Mutter hat nie mit meinem Freund geredet oder vielleicht
ein Wort mal gewechselt. Ich, ich war drei Monate zusammen, und es hat nie
geklappt. Ich weiß es nicht. Vielleicht lag´s auch daran, dass es einfach nicht
der Richtig war, weiß es nicht.
L Ich kann nicht so mit Deutschen, kam ich überhaupt
nicht klar und werde, wie er geredet hat, hat mich schon, oah, oh Gott, ne. Ich
kann nicht mehr, und tschüss, bye, bye. @2@
Jetzt so, wo liegen denn eurer Meinung nach die Unterschiede zwischen
Russlanddeutschen und Einheimischen?
Äh, wenn man mit ´nem Russlanddeutschen weggeht, ausgeht, brauch man
eigentlich, na ja, es gibt auch Ausnahmen, aber man braucht sich eigentlich
keine Gedanken machen, dass man Geld mitnehmen muss. Man braucht kein
Geld mit zu nehmen.
L @1@Is wirklich so.
L Ist praktisch. @1@
Nein, nicht unbedingt praktisch. Das ist irgendwie schön, weil irgendwie fühlt
man sich als Dame. Weißt du. Das ist Gentleman, das ist irgendwo drin, dass
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man die Tür aufhält, ist selbstverständlich. Genau, das war, ich hatte mal nen
deutschen Freund, äh, wir sind zu McDonalds gegangen, ich war mit meiner
Freundin zusammen, und er war mit äh vier Kumpels oder so. Und dann
gingen wir zu McDonalds rein, und dann haben wir bestellt, und so. Zack, die
ganzen Jungs sitzen in der Ecke, alle Stühle besetzt. Mein Freund setzt sich
auch hin auf den letzten Stuhl und sagt, da hinten stehn noch Stühle, hol mal
welche!
Und ich guck den so an, wie bitte. Ich hab meine Freundin an
L Zu dir?
die Hand genommen, wir haben uns ganz weit weg von denen gesetzt, weil
ich fand das unmöglich, ne. Und wär das mein Freund jetzt der jetzige
gewesen, ne. Er wär der letzte, der sich hingesetzt hätte, oder jeder andere
Junge, der da gestanden hatte, die wären solange stehen geblieben, bis wir
sitzen. Ne? Und sie wären die letzten, die sich hingesetzt hätten, weißt du?
Weißt du, das ist, das ist der Unterschied. Oder hier, als wir im Zoo waren,
auch ähm so (2) öffentlich dazugeben, was hat er gesagt, ich weiß es nicht
mehr, ja, so, wir sollten für uns bezahlen, oder so. Und er eine Karte bezahlt,
oder so. Ah ja genau, der ist vorgekommen, hat gesagt, eine Karte. Mein
jetziger Freund hätte gesagt, äh sofort, ich möchte 5 Karten haben, für alle.
Für alle. Gleich für alle bestellt. Weißt du?
L Man kann ja dann noch Geld geben.
Oder wir waren in der Disko, und er hat mich gefragt, möchtest du was trinken,
der Deutsche, und ich so, ja, Wasser, bitte. Und dann ist er hingegangen, was
hat er bestellt? Zwei Bier? Und ich denk so, wahrscheinlich wird er gleich das
Wasser bestellen. Und ich sitz so und warte und warte. Das Bier kam, und er
trinkt sein Bier. Und ich denk so, wieso hat er mich gefragt, ob ich was trinken
will? Os er doof. So. Ich war richtig perplex. Das war schon der Grund, so jetzt
mach ich Schluss. @1@ Das geht nicht mehr so weiter.
L Na, gut, ich hab jetzt auch,
mit dem ich acht Monate vorher zusammen war, das hab ich auch immer nur
(?). O.k., das war ein Unterschied, der hat eigentlich nie eigentlich
ausgegeben, mal Kleinigkeit, oder was. Aber so selten.
Klar muss man auch irgendwo unterscheiden, hat er schon Beruf, ist er noch
in Ausbildung, ist er noch Schüler, oder so. Ist ja selbstverständlich. Aber,
wenn ich was bezahlen wollte von mir aus, also ganz am Anfang mit meinem
Freund jetzt. Der hat gesagt, nein, ich möchte das nicht, du hast nicht so viel
Geld, ich möchte das nicht, ich bin der Mann, ich möchte bezahlen. Die ham
das von sich aus gemacht, weißt du, und es ist nicht so, dass wir das
irgendwie ausnutzen, oder so, das stimmt ja gar nicht. Na gut, es gibt welche,
die tun das auch. Aber ich würde von mir aus, würde ich das nicht machen. Ich
finde das einfach schön.
L Ne, wir haben uns auch hingesetzt, wenn wir jetzt
irgendwo essen gehen, oder so, er fragt mich, möchtest du essen? Ja, nicht
unbedingt. Na, sind wir essen gefahren, sofort, das alte Kino, sitzt man und
spielt Karten, sofort so, möchtest du was trinken, was möchtest du essen?
Genau, immer so ganz aufmerksam.
Willst du noch was trinken, wenn man ausgetrunken hat, sofort so. Ähm, steht
daneben, hat er für mich sofort bezahlt. Nicht diese Komplexe, oh, jetzt muss
ich bezahlen, oder so. Nicht dieses.
Irgendwie
L Es ist selbstverständlich.
selbstverständlich. O.K., klar es gibt auch so Situationen, da sag ich, jetzt lass
mich mal bezahlen. Jetzt hast du genug. Gib mir auch mal was.
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L Genau.
L Irgendwie fühlt
man sich dann mal so komisch.
L Ja, dann freuen sich auch die Jungs, wenn man einmal,
wenn das Mädchen mal bezahlt.
Auf der Klassenfeier, so, oh, jetzt bezahlst du auch mal für mich. Aber das ist
nicht böse gemeint.
Und davor den Freund, da hab ich auch gesagt, möchtest du was trinken, da
wollt ich ihm einmal zeigen, dass es so in Ordnung ist, dass man fragt, wenn
man sich auch was kauft. Da hab ich ihm auch was mitgekauft. Hat so
komisch geguckt. So.
Und woher habt ihr das gelernt?
Vom Vater.
Ja?
So, nicht ganz viel. Ich weiß nicht, war schon immer so. Ich habe Taschengeld
gekriegt, 4 oder 5 Mark, und für mich war das Schlimmste, Weihnachten,
Melinda hat für jeden für 20 Mark ein Geschenk gekauft. Und stell dir mal vor,
ein Monat kriegt man 20 Mark, ein Geschenk ist das nur. Und wie viel man
Geschenke. Melinda musste fast ein halbes Jahr anfangen dafür zu sparen.
Melinda musste das ja machen. Wir haben ihr gesagt, sie soll das nicht
machen, sie hat es trotzdem gemacht.
Und das war bei mir schon immer. Ich war eher so´n Mensch, die sein letztes
Hemd gibt so für die Menschen, die mir wirklich viel bedeuten. Auf jeden Fall.
L Ich
hatte kein Taschengeld bekommen, ich hab dann selbst verdient. @1@
L Ja, die
war auch schon ein bisschen älter.
Würdet ihr, wenn ihr, wollt ihr eigentlich Kinder haben?
Ja. @1@
Auch heiraten und so?
Ja. So richtig mit Brautkleid. @1@
Und wenn ihr dann Kinder habt, wollt ihr die so ähnlich erziehen, wie ihr
erzogen worden seid?
Ja, erst sagt man ja, nein, ich möchte nicht so wie meine Mutter einen erzieht.
Irgendwo denk ich schon, man guckt manches doch von der Mutter ab, weil
irgendwo hat sie uns ja nicht schlecht erzogen. Nicht schlecht erzogen,
überhaupt nicht, das sag ich auch nicht. Aber vielleicht würd´ ich manche
L Eng.
Sachen ein bisschen anders machen.
Was denn?
So, nicht so sofort so aggressiv, oder so, zu sein, so´n bisschen ruhiger, mit
jemand drüber zu reden erstmal, und ganz ruhig mit normaler Stimmer zu
reden.
Ende Kassette, Seite 1
M:
Schnell auf 180. Is mir schnell böse und is sehr stolz. Ist ein sehr stolzer
Mensch. Wenn man ihre Würde ein bisschen ankratzt, dann gibt sie schon
eins zurück. Und vielleicht deswegen.
(Kurze Unterbrechung des Gesprächs - Eleonoras Freund kommt dazu.)
S:
Also du würdest ein bisschen ruhiger bleiben?
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M:
E:
S:
M:
(3)
S:
M:
E:
M:
S:
M:
E:
Ja, nicht unbedingt so wie meine Mutter, ich würde, vielleicht vieles von ihr
nehmen, aber halt das meiste anders machen als sie.
Was würdest du anders machen?
Ach so. @1@ Ganz genau?
Ja.
Oh je. Ähm, auch ruhiger sein, vielleicht äh, einfach anders handeln in
manchen Situationen, ich weiß auch nicht. Vielleicht erstmal das Kind
verstehen, ohne direkt aggressiv zu werden. Und äh nicht so geizig vielleicht
sein. (4) Aber, aber ich würde das Kind auch zum Beispiel so wie sie fördern
wollen.
L Habt ihr das nie als Druck empfunden?
So manchmal ja, aber, weil äh, manchmal kommst du nach Hause, zum
Beispiel dieses Einmaleins, das musst ich auch noch dann lernen. Man hat
schon geheult, weil irgendwo lernt man das nicht gern. Aber hinterher war man
so froh, dass man das konnte, das ist dann so ein herrliches Gefühl, das ist
besser als das, wo man heult. Und diese Klavierstunden nehmen, mhm, ne,
und jetzt bin ich so stolz, dass ich, jetzt hab ich mal 2 Lieder, jetzt kann ich die
mal auswendig spielen, jetzt bin ich so stolz darauf, dass ich wenigstens die
zwei kann. Ich meine, ich hätte mir gewünscht, dass ich mehr könnte, aber
L
Spielst du auch Klavier?
Wir haben beide zusammen Unterricht gehabt.
L Wir haben nur ein Jahr Unterricht
genommen. Das war ja gar nix.
War das schon hier in Deutschland?
Ja. Wir hatten aber ein Klavier zu Hause. Also, in Russland früher. Und da hat
sie immer, ja sie hat das immer früher gespielt, uns vorgespielt, und dann
wollte sie auch, dass wir das lernen. Und da hab ich auch Gitarre, und so.
Aber das ist von mir aus dann gegangen, Gitarre.
Aber sonst würdet ihr auch einiges ähnlich machen?
Ja, klar, einiges.
Auf jeden Fall.
L Irgendwo ist man schon selbst so (?). @1@
Würdet ihr denn euren Kindern auch versuchen zu vermitteln, dass ihr
russlanddeutsche Herkunft habt, oder wollt ihr das euren Kindern schon wie
die Einheimischen sich fühlen?
L Nein,
L Ich möchte auf jeden Fall, dass die auch
russisch auf jeden Fall ihnen beibringen. Also es ist ja auch so, dass die
Deutschen sich meistens auch wundern heutzutage, dass ähm kleine Kinder
der russlanddeutschen Kinder überhaupt kein Deutsch können im
Kindergarten. Meistens ist es so, dass die nur russisch sprechen können. Aber
das ist ähm, ähm, ja gut für die deutschen Kinder ist es natürlich ein bisschen
blöd. Wenn zum Beispiel nur Russlanddeutsche da sind und ein deutsches
Kind, oder so, und das kann sich überhaupt nicht mehr unterhalten mit denen.
Aber bei Kindern ist es eigentliche so, man findet immer was zu reden, bei
Kindern ist es einfach anders, ist eine andere Welt, und äh, wenn man den
Kindern das nicht schon von klein auf diese Sprache beibringt, das ist
meistens so, und deutsch lernen die innerhalb von einem halben Jahr, können
die das, das geht so schnell.
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S:
E:
S:
E:
Also würdet du mit deinen Kindern russisch zu Hause sprechen wollen?
Ja.
Einfach so, dass sie noch eine Sprache lernen?
Genau. Das Deutsch, das kommt sowieso. Oder einfach zweisprachig. Klar,
man sagt irgendwann mal deutsches Wort, mal- Meine kleine Cousine, die ist
ja hierhin gekommen, da war die ein Jahr alt. Und meine Tante hat ja mit ihr in
Russisch gesprochen, und dann ist sie in Kindergarten gekommen, hat auch
Deutsch ganz normal gelernt. Und meine Tante hat ihr hier bewusst selber zu
Hause das Alphabet beigebracht, sie kann sogar lesen auf Russisch. (2) Die
kann das, die kann jetzt beides. Also ist ganz gut.
S:
Und du Melinda, wie würdest du es machen?
M:
Ganz genauso.
S:
Genauso? Auch Russisch sprechen, und so?
M:
Ja, ichS:
L Aber die Schrift kannst du nicht beibringen?
M:
Ja, hab ich ja eine Schwester.
S:
@1@ Sie soll es dann auch deinen Kindern gleich beibringen.
M:
Ja, @1@ sollen sie sich zusammensetzen.
S:
Dann können deine Kinder russisch schreiben und du nicht?
M:
Ja, ne dann lern ich´s dann auch von der. Also so jetzt lesen, ich versuch´s ja
selber zu lernen. Meine Freundin hat mir das Alphabet, und so,
aufgeschrieben, ich will es ja selber können. Ich schreib auch manchmal mit
der, machen wir so Blödsinn, schreib ich selber Namen, und so. Kann ich auch
so, guck ins Alphabet, wie man Russisch schreibt, und viele Wörter kann ich
jetzt auch schreiben. So, ich versuche.
E:
L Musst einfach Russisch lesen, ist ganz einfach.
@1@ Rosa musste das auch, ich hab jetzt hier ne Freundin, auch
Russlanddeutsche. Die ist hierhin gekommen, und ihr Vater hatte mal gesagt,
du verstehst kein Wort aus dem deutschen Buch, aber du liest es. Und sie
musste lesen, ob sie verstand oder nicht, sie musste das Buch lesen. Und (1)
so hat sie dann die Sprache gelernt.
S:
Und das, was ihr eben so als Russlanddeutsch bezeichnet habt, die
Gastfreundlichkeit, dass man nicht so geizig ist, und so, würdest du
versuchen, das auch deinen Kindern beizubringen?
E:
Ja, klar.
S:
Oder auch dass sie im Bus sitzen bleiben, das würdest du alles anders
machen?
E:
Genau. Die ältere Generation muss man achten, und das ist hier irgendwie
verloren gegangen ein bisschen, also nicht bei allen, aber bei vielen, also bei
Kindern zum Beispiel. Dies Respektlosigkeit andern gegenüber, den Eltern
gegenüber, besonders den Eltern gegenüber. Ne?
S:
Und wie würdest du dir vorstellen, deine Kinder zu bestrafen, wenn die nicht
ganz so hören wollen?
E:
@Keine Ahnung.@ (3) Popo-Klatschen. @1@ Ja, das muss auch ab und zu
sein. (4) Weiß ich nicht, weiß ich nicht, ich würd´ versuchen mit denen zu
reden erstma, also ähm erstmal zur Sache stellen erstmal, wieso hat er das
gemacht, was hat er sich dabei gedacht. Ja, irgendwie so, mal gucken, was
passiert, keine Ahnung wie ich das mache. @2@
S:
Ja, (2)
(Melinda hatte zwischendurch den Raum verlassen und wird von ihrer Schwester
zurückgerufen. Das Gespräch ist kurz unterbrochen.)
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(26)
S:
(6)
E:
S:
Würdest du denn ein Mädchen, also Söhne und Töchter anders erziehen?
@2@
Nein, also die Frage dahinter ist, glaubst du, dass es bestimmte
Frauenaufgaben und bestimmte Männeraufgaben gibt?
E:
Nein. Also, ne. Ja, Männer sind eben, die müssen einfach mit Händen
arbeiten, also die müssen, ich möchte nicht einen Mann haben, der nicht mal
einen Nagel in die Wand einschlagen kann. Das würd mich so was von
aufregen, weil ich das sogar selber kann. Weil wenn ein Mann schlechter
arbeitet als ich, das das kann ich mir gar nicht handwerklich so vorstellen, weil
das wär für mich der Horror. @2@ Glaube ich. Und na ja, das liegt ja auch an
der Person selber, ob sie das kann, weißt du. Ich würde Männer so erziehen,
also Jungen, dass er auch eben freundlich zu Mädchen ist, und äh immer
höflich ist, und dass die Mädchen eben schwächeres Glied ist, (2) Aber sonst
würd ich genauso viel Liebe geben, alles, weißt du.
S:
Also müsste ein Junge auch zu Hause helfen?
E:
Ja. Auf jeden Fall. Das würde mir aufregen, wenn mein Mann auch putzen
würde, oder so.
S:
Hör´s dir gut an!@1@
E:
Ja, er, er ist so.
F:
Ich putze mehr als sie.
S:
L @1@ Muss ich meinem Mann mal erzählen.
(Erika und ihr Freund führen eine kurze Unterhaltung, die aber unverständlich ist.
S:
Wohnt ihr denn schon zusammen? (3) Ne.
E:
Aber er wohnt am Wochenende bei mir. Oder ich bei ihm. Aber meistens er
bei mir.
S:
Ja?
E:
@2@
S:
Ja, was ist mit deiner Schwester?
(Erika ruft erneut nach ihrer Schwester.)
S:
Dann frag ich vielleicht dich noch etwas. Wenn Konflikte in der Familie sind, es
gibt ja manchmal Streitigkeiten, wie löst ihr die in der Familie?
E:
(2) Oh. Meistens ist es so in unsere Familie, äh,
F:
(?)
E:
Also die Hauptursache ist bei uns eigentlich unsere Mutter. Das ist immer
ähm, jeder Konflikt, der hier in der Familie ist, geht von ihr aus, ne. Und
meistens ist sie dann die Leidtragende, und die die alles richtig gemacht hat,
und die anderen haben alles falsch gemacht, und äh dann ist sie solange
beleidigt und redet nicht mehr mit dir, bis du angekrochen kommst und sagst,
Entschuldigung, und dann reicht es immer noch nicht, und dann sagst du noch
mal Entschuldigung, na, und irgendwann war´s gut dann. Also, und wir haben
auch irgendwo was von ihr, also so, ihm gegenüber, (?)
S:
Wieso sagen sie, sie ist ihrer Mutter ähnlich?
F:
(?)
S:
@1@
E:
Das meint er nicht so. @1@
(3)
S:
Also löst ihr hier in der Familie Konflikte so, dass ihr eurer Mutter Recht gebt,
und dann ist der Konflikt gelöst?
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F:
S:
(3)
E:
S:
F:
S:
E:
S:
E:
Das hängt davon ab, welcher Art das ist. Das ist ja meistens so grundlos, was
ich gerade geschildert habe, aber wenn wirklich jetzt ein Grund ist, dann reden
wir darüber, dann reden wir richtig lange.
L Nur mit deiner Mutter, oder auch mit
deinem Vater?
Dann sitzen sie beide hier. Meistens. Und dann werde ich geholt, oder dann
wird Melinda geholt, und dann wird erstmal ganz lange diskutiert, und da
können auch Tränen fließen, also von meiner Seite aus, oder so. Und äh ich
seh´ das ja auch ein, wenn ich ´nen Fehler gemacht habe.
(?)
Also bei ihrer Familie ist das ein bisschen anders. @1@
(?)
Kommst du aus einer großen Familie, mit vielen Kindern?
15.
Das ist ja schon groß.
@2@
Das schweißt zusammen, oder?
(?)
Wann wollt ihr denn heiraten?
@1@ Er wär schon verheiratet. @1@
Aha, lässt du ihn zappeln?
Nein, ich würde nicht sagen, dass ich ihn zappeln lasse, absichtlich. Das liegt
daran, dass ich ja noch eine Ausbildung gemacht habe, dann steht die Frage,
was geht weiter, werde ich genommen, werd ich nicht genommen. Das
entscheidet sich noch. Das muss man ja auch ein bisschen planen.
S:
Wie alt bist du? 24?
E:
Ja, ich werde 24.
S:
23.
(Die Aufnahme wird unterbrochen, bis Melinda zurückgekehrt ist.)
S:
O.k., wenn also Konflikte sind in der Familie, was macht ihr dann, wie werden
die gelöst bei euch?
M:
Erst gemeckert.
S:
Wer meckert?
M:
Die Mama. (2) Und ich bin auch so´n Sturkopf wie sie. Also ganz stur. Erst
maulen wir uns die ganze Zeit an, und irgendwann bin ich diejenige, die
nachgibt. Dann sagt sie, jetzt bleib erstmal ruhiger. Ich bin dann so eine, ich
geh ins Zimmer, lass sie in Ruhe, dann bereuen wir uns, und wir haben uns
wieder lieb. Das ist so, man muss sie dann in Ruhe lassen, wenn sie grad
vielleicht irgendwie so. Meine Schwester und meine Mutter verstehen sich
sofort, weil die anders verschieden sind. Und wir müssen uns erstmal
ausstreifen, und dann.
S:
Also wenn Konflikte sind, dann ist es meistens mit deiner Mutter, oder hast du
auch mal mit deinem Vater einen Konflikt?
M:
Nein, wenn ich auch mit meinem Vater, oder er irgendwas hat, dann sagt er´s
meiner Mama, meine Mama sagt´s mir, und ich sag´s wieder meiner Mama,
und Mama sagt´s Papa. So geht das. Das geht fast nie um meinen Vater.
S:
L Aha.
M:
Vater mischt sich nicht so extrem ein.
S:
Findest du das gut?
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M:
In manchen Situationen find ich das gut, und in manchen finde ich das
schlecht, weil ich finde, mein Vater ist ein ganz ganz lieber Mensch. O.K. Ich
sag nicht, dass meine Mama nicht lieb ist, nein, eigentlich ist sie auch ganz
nett. Aber mein Vater ist jetzt ganz andere Charakter, das hab ich von meinem
Vater geerbt, irgendwie nicht geizig, richtig lieb, das hab ich von meinem
Papa, und dieses Diskutieren und so, das hab ich von ihr. Irgendwie wär´s
auch mal schön, mit Papa irgendwas zu reden, oder, Papa wird sofort so ohja,
keine Ahnung, wir verstehen uns nicht, wenn er was sagt auf Russisch, oder
versucht auf Deutsch zu reden, dann dauert es mal zehn Minuten, bis wir
überhaupt gegenseitig verstanden haben, was wir gesagt haben, weil er
versteht nicht, wenn ich schnell rede auch Deutsch. Und ich versteh das nicht,
wenn er manche Wörter dreht voll ganz um, oder wenn er auf Russisch redet,
versteh ich nicht alle Wörter, was er manchmal sagt. Eigentlich versteh ich
alles, was man auf Russisch sagt. Wenn meine Mutter mit mir Russisch redet,
versteh ich alles, aber bei ihm nicht, weil er irgendwie so komisch redet. Ja.
Aber sonst.
Sprecht ihr denn meistens Deutsch oder Russisch in der Familie?
Kommt immer darauf an. Wenn ich es eilig habe, dann sprech´ ich deutsch,
aber so, wenn wir mal liegen, versuch ich auch Russisch zu reden, so von mir
auch, damit ich das selber mal lerne. Aber sonst ganz schnell, chk chck, chk.
Was heißt denn liegen?
Ja, so mit ihr im Bett so, einfach liegen und reden, wenn Papa grade am
Rauchen ist, legen wir uns hin und reden.
L Deine Mutter und du?
Ja. Liegen wir und reden wir über (2) Alex oder so, was findest du an ihm gut,
oder so.
Ist das bei euch so Tradition?
Mhm. Ja, wir sitzen fast nie so. O.k., wenn ich jetzt nach der Arbeit komme,
dann sitzen wir mal hier, machen es uns richtig gemütlich, trinken Tee, dann
O.K.,
L Macht deine Schwester das auch mit deiner Mutter, so liegen und reden?
Ne, liegen nicht so oft. Also, wenn dann geht meine Mutter nach oben, sonst
reden sie in der Küche, wenn ich das erfahr, ich merk eigentlich nicht so, was
die da untereinander machen, weil ich wenn ich da bin, dann ist Erika nicht da,
wenn Erika da ist, bin ich nicht da. So ist das. Es kann einmal zwei Wochen
sein, da ham wir uns gar nicht gesehen. Weil ich wirklich unter Stress stand
wegen Arbeiten uns so. Da hat sie auch schon gesagt, jetzt (2) eine Stufe
tiefer bitte. Das ist auch gut. Ja. (2) Bist fertig? Kein Problem.
Ende der Aufnahme
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1.2 Familie Wondel
1.2.1 Gruppendiskussion mit Familie Wondel
Datum:
Ort:
Anwesende:
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As:
29.07.2003
Wohnzimmer in der Wohnung der Familie Wondel
Vater:
Anton sen. (As), Mutter: Lena (L)
Kind 1:
Anton jun. (A). Kind 2: Ella (E)
Großvater:
Waldemar Winter (W)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
Also die allgemeine Eingangsfrage lautet, welche Veränderungen von dem
Leben in Russland und dem hier in Deutschland bestehen und wie jeder damit
umgeht. Da können sie ruhig etwas auch aus ihrem Leben erzählen.
So, Papa, du bist der Älteste hier, also erzähl mal.
Was soll ich erzählen?
Ja, von Russland nach Deutschland, die Veränderungen, wie waren die, war
das sehr (2) schlimm?
Wie habt ihr die Kinder erzogen? (3)
Die sind dort groß gewachsen. Auch dort häm mer könne die erzogen.
Ihr wart schon gar nicht verheiratet, ja?
Ja.
Was ist denn hier in Deutschland anders als es in Russland war?
Ach, ist wie Tag und Nacht. (3) Ja, nu ja. (4)
Da müssen wahrscheinlich konkrete Fragen kommen.
Ja gut, dann frag ich mal.
L Weil, das sind jetzt so viele Jahre schon und wir wissen
mehr aus diesem Leben.
Außerdem können wir dazu nichts sagen.
L Ja, und die Kinder können sowieso dazu
nichts sagen, die waren noch sehr klein.
Wie alt ward ihr?
Sechs und Ella war vier. Also ich hab nur leichte Erinnerungen so aus dem
Kindergarten und so, an die man sich so als Kind erinnert. Und nicht so über
das alltägliche Leben. Sonst haben wir Photos noch. Also, die Erinnerungen
sind nur positiv.
Also ich hab auch nur so ganz kleine Ausschnitte, an die ich mich erinnern
kann. Also zum Beispiel einmal, da bin ich in den Fluss gefallen, oder so, oder
ich hab mir vor dem Abflug den Arm gebrochen, an so was kann ich mich
erinnern. Nicht an alles, also wie mein Vater mir erzählt hat, dass ich dann
weinend angekommen bin oder so, daran nicht, nur wie ich gefallen bin und
so. Nichts Dramatisches eigentlich.
Aber ich meine, mit vier und sechs Jahre kann man auch nicht. (?) Als wir
hierher gekommen sind, war es gut. Aufgenommen worden von den
Einheimischen sind wir eigentlich gut.
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W:
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L:
As:
L:
As:
S:
L:
Liegt daran, dass wir fast die erste Familie hier war´n, die aus Russland
gekommen sind. Sind wir sofort also in dieser katholischen Arbeiterbewegung
oder wie das heißt aufgenommen worden und wurden da sofort auch in diese
Gruppe integriert.
Es hat ja auch jede russische Familie eine deutsche Partnerfamilie
bekommen.
L Ja, am Anfang, als noch nicht so viele hier warn.
Also die Kirche und diese KAD. Wir waren, wir sind angekommen in diese
Hochhäuser, wo früher die englischen Soldaten waren. Da haben wir eine
Wohnung bekommen. Ja, und dann äh (2) dort haben wir so zwölf Jahre
gelebt, war für mich schwierig, aber dann habe ich sofort Arbeit gefunden und
deswegen war für mich einfacher.
Wie viele Jahre schon?
Vierzehn Jahre.
Vierzehn oder so.
Wir haben dann so ganz viele Ausflüge und so gemacht mit der Kirche. Ein
richtiges Programm war das, über das ganze Jahr. Ausflüge und
Veranstaltungen und so, alles von katholisch halt.
Ja, wir waren so die ersten hier. Wir sind so reingerutscht in das Leben und
dann haben wir das andere so wie Heimweh und so, das haben wir alles nicht
gehabt.
Wir sind so mit dreißig Jahren hergekommen. Das war ein Alter, wo man (?)
Ich meine, deswegen war alles neu, aber es war nicht so schwierig. Wir haben
Und wenn da Schwierigkeiten warn, dann haben wir das so einfach weiter und
mit Hilfe wir haben da, Tragödie war nie. (2) Jetzt kommen wir zu diesem
Zeitpunkt, dass vieles verändert sich und äh, ja diese Angst von Zukunft, von
Arbeit jetzt kommt das.
Ja, jetzt unsere Kinder sind groß und die müssen jetzt irgendwie auf eigene
L Ja, die sind groß
Füße stellen.
Ja, aber ich denke, wir damals haben nicht so gedacht, oh weih, das war, das
ging und wir haben das aufgebaut und keine negative
L Das war auch eine ganz
andere Situation hier, da gab´s nicht so viele Russlanddeutsche, da war eine
andere wirtschaftliche Situation
L Und Arbeit war genug.
Da hat mein Opa auch noch gearbeitet, da hast du auch noch gearbeitet, ne?
In einer Spedition glaub ich.
Ja und als Kraftfahrer, da hast du auch noch ein bisschen.
Ja, hab ich geschafft ein bisschen, drei vier Monate oder länger.
Das wusst´ ich ja gar nicht.
(?) ganze Familie zusammen. Zuerst zwei Kinder und dann nach einem
halben Jahr (?)
Ja, wir haben ganz viele so, meine Mutter, die kommt aus große Familie und
jede Cousine und so ich zähl die immer wieder @1@
Ja, sechs und
Sechs
jede hat vier Kinder und alle sind hier im Landkreis.
Sozusagen zwanzig, dreißig Kilometer von uns alle. (3)
Und was würden sie denn sagen, ist hier anders als in Russland?
Wir können heute nicht erzählen, was da ist. Weil wir waren jetzt so viele
Jahre nicht mehr da, das hat sich so rapide da in Russland geändert, vielleicht
haben sie da ganz wieder anderes Leben. Wie ich jetzt in Tourismus arbeite
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L:
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L:
E:
L:
E:
A:
L:
und wie ich höre, wie schön und wie das alles da aufblüht von Arbeit und
Wirtschaft, da denkst du wow.
L Nein, es kommt jetzt drauf an, was für euch damals
Von damals
Wie ihr da den Alltag erlebt habt und wie jetzt hier.
Ich sag doch, wie Tag und Nacht.
Ja, dann erzähl doch, was war denn da anders.
Wie man gelebt hat und so, das könnt ihr schon erzählen
L Dass ihr hier keine
Haustiere mehr habt, keine Kuh @1@
L Ja @keine Schweine und so@2@. Ich glaube
darum geht’s eher.
Ja, das Leben war schon anders mit Erziehung der Kinder zum Beispiel. Das
war schon anders. Die Kinder gingen, wir haben gearbeitet und äh, die Frauen
arbeiten alle in Russland und da ist das ganz normal. Die Kinder sind gut
aufgehoben im Kindergarten, dann von acht bis sechs Uhr ist da Kindergarten,
die Kinder haben da Essen bekommen und äh geschlafen, Mittagsschlaf und
Programm gehabt und gelernt. Und Sport und Musikunterricht und war schon
gestaltet von morgens bis abends und ja, das war für uns schon, dass die
Kinder waren hier nur bis Mittag aufgehoben, das war für uns schon das erste
Problem. Für mich ist das bis heute noch, weil wir haben ja noch ein kleines
Kind, Gott sei Dank ist sie schon acht @2@ aber bis zwölf Uhr und dann
Feierabend Kindergarten. Und dann überlegst du dir, wie, wie, wie, wie
machen das die Frauen. Und das ist eine große Unterschied. Ja, schulische
Erziehung ist auch ganz anders, ich würde sagen, viel, viel Disziplin dort mehr.
Und hier haben die Kinder sehr viel Freiheit, ob das gut für die Zukunft ist oder
nicht, das ist auch noch Fragezeichen. Manche übertreiben das. @1@ Ja.
Ja, in Russland in der Schule war das so gezwungen wahrscheinlich. Der
Lehrer stand vorne und du musstest respektieren. Hier sagen sie, vor guten
Lehrern haben sie Respekt und wenn ein schlechter Lehrer ist, dann hat man
kein Respekt.
Schlechter Lehrer, was ist das, die Kinder können schnell sagen, dass es ein
schlechter Lehrer ist.
Ich glaub in Russland war das halt die Distanz. Kein gesunder Respekt,
sondern so, weiß nicht, wenn mir ein Lehrer, gut dann hab ich vor dem
Respekt, weil ich weiß, der weiß viel, der macht den Unterricht gut, dann hab
ich automatisch Respekt und ein Freundschaftsrespekt. Und nicht so, ich
glaub in Russland war das nicht so.
L Ella, hier gibt es schon Lehrer, die in
Unterricht schon weinen von Schülern, die richtig dann (2) wer hat das letzte
Mal erzählt?
Ja, ich mein, ich find auch, dass Respekt da sein muss. Aber nicht so ein
harter, wie ich es mir in Russland vorstelle.
Ja, da schon zum Lehrersprechtag, da haben wir als Kind schon, oh mein Gott
ein halber Weltuntergang.
L Das war bei uns, aber nicht bei euch. Das war bei uns.
Ja, wir waren oi @2@ hats uns nicht geschadet, guck mal, wir sitzen hier
und sind nicht schlechte Menschen. Wir haben schon von Vater oi, dass wir
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A:
L:
As:
A:
As:
A:
As:
hier ganze Nacht in Disco und das war nicht mit achtzehn. Musst du zu Hause
sitzen.
Das hat mit der Schule nichts zu tun.
Nein, jetzt von Erziehung.
Das war so, in Russland war dreißig Kinder und dreißig Eltern kommen und
von jedem Kind wurde alles gesagt.
L Öffentlich.
Ja öffentlich, und dann, wenn ein Kind schlecht, ja, du kommst als Eltern und
wirst dann hören.
Ich glaub, die waren nicht grad zimperlich, die Lehrer dort, ne.
Ja, und dann weißt du, das Vater kommt nach Hause und war vielleicht ein
bisschen wütend.
Und gab´s dann auch Schläge?
Ich war kleinste in Familie
Es gibt, nicht manchmal, sondern öfters.
S:
As:
W:
@2@
L:
Ja, haben wir gekriegt.
(?)
As: Ja, aber in Russland war das auch nicht. Nur die Eltern dürfen.
S:
Wie habt ihr das denn in eurer eigenen Erziehung erlebt? Habt ihr auch mal
Schläge gekriegt oder nicht?
@1@
E:
Na, ja, das waren keine Schläge. War einfach so und dann fertig. Ja, wir
haben uns gestritten, warn ein bisschen laut und dann war Mama so ein
bisschen. @1@ (2)
S:
Also sie wurden dann schon anders erzogen, als sie ihre eigenen Kinder
erzogen haben?
L:
Ja, das ist wahrscheinlich immer so von Generation zu Generation. Die
machen schon anders mit ihren Kindern später, nicht die Fehler, was @wir
gemacht haben@.
As: Wir haben die beiden wahrscheinlich (?)
L:
L Selbständig warn die. Braucht einfach
mehr Zeit.
A:
Waren wir aufmerksamer vielleicht.
E:
Aber Mira ist auch total selbständig finde ich.
L:
Selbständig?
E:
Selbständig. Also, wenn du´s ihr erklärst und so. Nein, aber die kommt auch
nicht oft an und so, die beschäftigt sich schon selbst.
As: Was auch ein großer Unterschied ist zwischen Leben in Russland und hier (3)
weiß nicht, da haben wir wahrscheinlich (6) so Freundschaft zwischen den
Leuten gehabt.
L:
Und hier privatisiert alles.
As: Alles privatisiert. Harte Grenze, das ist da und das ist da. Das war in
Russland, einfacher ich kann zum Beispiel zu meinem Freund, wann ich will
kommen und er kam auch zu mir ohne Probleme. Da war es ganz normal.
Wenn jemand baut, alle kommen und helfen mit. Und hier hab ich das erlebt,
dass wenn jemand kommt und hilft, der erwartet auch, dass du ihn bezahlst.
Auch auf der Arbeit und so, die Leute, die haben keine Geheimnisse gehabt.
S:
Und wie sind sie damit umgegangen, dass das hier so anders ist?
As: Ja, das (4) aber, das heißt (?)
S:
Empfinden sie das auch so, dass es anders ist als in Russland?
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As:
E:
S:
E:
Ja.
Ich weiß nicht, aber eine richtige Freundschaft so mit Einheimischen, wir
haben auch gute Bekannte und so, aber keine richtigen Freunde. Aber
wahrscheinlich, weil wir so viel zwischen uns sind unter Russlanddeutschen
und so.
Ich meine, aber so in unserer Generation, das ist auch in der Schule so, die
Russlanddeutschen sind unter sich, auch die Einheimischen unter sich und die
Türken unter sich. Also ich hab auch viele einheimische Freunde, aber am
meisten doch Russlanddeutsche.
Ja, du wahrscheinlich wenn ihr irgendeine andere Schule gewesen wärt.
Ja, dann wär das aber genauso gewesen. Wir waren auf einem Gymnasium,
das auch Russisch angeboten hat.
Das haben wir gemacht und haben gedacht, dann können sie auch gut reden
auf Russisch, und weil sie zweisprachig sind und so. Aber dann ist es so
gekommen, dass doch viele aus Russland dort hingehen
L Zwei Drittel oder die
Hälfte.
Wieso klappt dann bei euch nicht der Kontakt mit Einheimischen?
Sprache ist ja schon, an der Sprache liegt´s nicht.
Jetzt kommts raus @2@.
Nein, also ja sag mal
Ich finds trotzdem was anderes
L Das kann man auch schlecht beschreiben. Man
merkt also inzwischen schon die Unterschiede auf jeden Fall.
Ja, es gibt Unterschiede.
Zum Beispiel Egoismus. Aber in extremer Form, so zum Beispiel ich gib dir
aber meinen Radiergummi nicht.
Ja in der Schule die Konkurrenz ist total extrem bei manchen Leuten. Die
erklär´n dir echt was nicht, weil die das für sich behalten wollen. Ja, und bei
Russlanddeutschen ist das anders.
Ja, da haben wir uns früher schon zusammengehockt zum lernen, alle
zusammen.
Oder zum Beispiel bei uns, ich hatte Bio LK und die beste war auch ´ne
Russlandsdeutsche und äh mit der haben wir die ganze Zeit so Zettel und
Papiere haben wollen und haben uns nicht getraut sie danach zu fragen. Und
dann ist sie selber so zu uns gekommen und hat gefragt, ob sie uns helfen
kann und so. Ich weiß nicht, ich will das nicht so verallgemeinern, aber ich
kenn das nicht so von Deutschen, ehrlich gesagt. Ich weiß eigentlich nicht so
die Unterschiede, aber Russlanddeutsche sind schon anders als Deutsche.
Nicht so verkrampft.
Ja, also in der Kindheit hatte ich meine beste Freundin, die war auch ne
Deutsche, aber dann war das auch nicht mehr so.
Ja; ihr seid dann in verschiedene Schule gekommen und dann war das so.
Aber die waren auch aus der katholischen Arbeitsbewegung.
Ja, als ich klein war hatte ich auch viel mehr deutsche Freunde @1@ als jetzt.
(3)
Suchst du sie dir dann auch so aus?
Nein, quatsch, das such ich mir nicht aus. Also bei mir besteht da halt mit
meinen Cousinen und so eine Gruppe und wir kennen uns schon so lange und
wissen alles von einander, und so. da kommen schon auch mal andere dazu,
auch Deutsche, aber wir vier bleiben immer zusammen und die anderen
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gehen auch wieder weg. @2@ Die dann wirklich bleiben sind schon
Russlandsdeutsche. Mit den Deutschen ist das nicht so eng.
(4)
As:
W:
As:
W:
As:
A:
E:
L:
W:
As:
L:
A:
Wir haben uns sehr gefreut, dass Anton zum Beispiel erste Schuljahr, da
haben wir uns so gefreut, dass er auch angefangen hat, deutsch zu sprechen.
Und jetzt spricht er nicht mehr richtig russisch.
Der spricht nicht mehr. @2@ Aber das ist nicht schlimm@, die können
machen, wie sie wollen. Ich kann auch auf Deutsch sprechen.
Aber dass Kinder können nicht russisch sprechen
L Ah, das macht doch nichts, wir sind
in Deutschland, müssen sie deutsch sprechen. Nit Russisch.
Die Katja, die jüngste von den sechs Geschwistern, die schimpft, wenn wir
russisch sprechen.
Ja, das ist aber so ein extremer Fall, das kenn ich auch bei keinem anderen.
Die meisten anderen, die sprechen mehr russisch zu Hause, auch
untereinander. Und bei uns war das schon immer so, dass wir untereinander
viel deutsch gesprochen haben.
Und in Russland war das in Mamas Familie auch so, die haben auch viel
Deutsch gesprochen, so Plattdeutsch.
Ja, das war, die Eltern die kommen ja aus Ukraine, die waren in Kolonie, da
haben sie nur deutsch gesprochen und die Tantes die konnten nicht so gut
russisch, nur deutsch und wir haben doch mehr deutsch gesprochen
miteinander. Aber draußen musst du russisch und das geht dann nicht so gut,
ein bisschen haben wir, und die Eltern haben sich schon gefreut, wenn wir so
bisschen deutsch konnten. Und jetzt in Deutschland, das ist ja super, endlich
sprechen sie alle deutsch. @1@ Und wenn wir jetzt russisch sprechen, dann
sind sie auch dagegen.
Deutsch hat man ja nicht sprechen dürfen dort, nur russisch. Aber mir haben
ja nicht gekennt russisch. Nu.
Die sind von dieser Ukraine ausgesiedelt worden nach Sibirien, erst nach
Deutschland und dann nach Sibirien. Die sind ins Russische (2), da mussten
sie alle wieder zurück. Und dann nach Sibirien und von Sibirien fünfundfünfzig
wieder alle zusammen nach Kasachstan. Deswegen haben die immer
zusammen gehalten.
Mit russisch hat man immer eine Sprache mehr
L Ich kann ja auch lesen und
schreiben
@2@
L:
Wir wollten, dass die schnell deutsch lernen und das, ja, und dann ist das so
gekommen auf einmal sprechen sie deutsch und russisch nicht. Obwohl wir
miteinander auch ja
As:
L Ja, die Situation hat sich umgedreht. Damals haben wir nicht
viel gesprochen, aber doch viel verstanden. Und jetzt sie können auf russisch
auch viel verstehn.
E:
Ja, aber nur Alltagsrussisch. Wenn die uns ein Buch vorlesen würden, würden
wir die Hälfte nicht verstehn.
L:
Ja, eine einfache Sprache und so war das für uns in Kasachstan, dass
alltägliche deutsch, das ist Haussprache, das haben wir verstanden und mehr
konnten wir auch nicht. Ich saß hier auch auf dem Sprachkurs, ich hab alle
verstanden, aber zu sagen, das konnte ich nicht.
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Ja, ich sag auch, wenn wir uns in Russland so durchschlagen müssten, dann
würden wir wahrscheinlich auch durchkommen.
Du wirst schnell russisch lernen, genau wie ich, ich hab das schnell dann
nachgeholt.
Opa, erzähl du doch was.
Was soll ich erzählen, ist schon alles vorbei. (4) Was ich erzählen könnt.
@2@
Fühlen sie sich hier in der Heimat in Deutschland?
Ja, nit hier, in W. Kennen sie das?
Das ist ehemalige DDR, ne?
Dort bin ich ja auch zur Schule gegangen, ja.
Erzähl doch mal von den Verwandten aus der ehemaligen DDR.
Ja, er ist da hingefahrn dort, wo er im Krieg war. Da hat er noch alte Bekannte
getroffen.
Ja, was ist noch ein ganz großer Unterschied, ja, wir haben in Russland
@ruhiges Leben gehabt@.
Ja, gut.
Nicht so wie hier. Ein @Termin nach dem anderen, eine Sache nach der
anderen, wir kommen nicht nach.@ So und da, wir haben so viel Hausarbeit
gehabt und dort haben wir nicht wie hier Waschmaschine, Spülmaschine,
Telefon haben wir nichts gehabt, das ist schon Ruhe gewesen, kein Telefon.
Alles musste mit Hände gewaschen werden, einen ganzen Tag war Waschtag
und wir haben´s geschafft. Zu Besuch gehen, Freunde zu treffen, ins Kino zu
gehen, Konzerte, ich weiß nicht wie. Opa und Oma besuchen und (3) so ein
Gefühl, wir haben mehr so geschafft und unterhalten und so.
Ja, das find ich auch. Früher wir hatten viel öfter so Familientreffen und so und
jetzt? Wird immer weniger.
Ja, und ich glaube, wir entwickeln uns auch schon zu diesem Lebensstil wie
hier ist. Du hast jetzt keine Zeit mehr, die Verwandtschaft zu besuchen, dann
trifft man sich einmal im halben Jahr und so geht es dann weiter und weiter
und dann irgendwann hast du kein Bedürfnis mehr. Dann reicht einmal im
Jahr, und so ist das ja hier bei Deutschen, die sehen keinen Bruder, keine
Schwester, wenn ich jetzt Nachbarschaft angucke, die treffen sich hier mit
Nachbarschaft zum Geburtstag. Und dann sieht man selten die
Verwandtschaft, okay, die besuchen wir einmal im Jahr und das ist gut
gewesen. Ja, und so Ella, warte bisschen ab, nach zehn Jahre stehen wir bei
uns genau so. Wir weniger, hoffentlich nicht. Aber du hast ja keine Zeit, das
Freundschaft muss man ja auch pflegen.
Das ist nicht, dass man keine Zeit hat, man hat ja alles auf sich bezogen.
Da drüben hatten wir ja noch viel mehr zu tun.
Ja, da musst du noch Schlange stehn zum Einkaufen, letzte Zeit war bisschen
schlechter mit Lebensmittel, das hat man auch geschafft, ich weiß nicht wie.
Und hier, sag fünfzehn Minuten hast du Korb voll und trotzdem fehlt dir Zeit.
@2@
Und wo bleibt dann die Zeit?
Ich weiß, wo meine, ich arbeite viel zu viel, viele Stunden. Deshalb vielleicht,
aber die anderen klagen ja so auch.
Ich versteh das nicht, ihr arbeitet zu viel, meine Güte. Die andere schimpft
auch immer so viel Arbeit, so viel Arbeit.
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L:
A:
L:
S:
Die Zeit fehlt. Nur warum fehlt sie dir in Deutschland? Ella hat jetzt AbiAbschlussrede gehabt von einem Lehrer und wegen Zeit ging das auch die
ganze Zeit. Warum hat man keine Zeit? Und sobald, ich hab jetzt einen Chor,
so kleine Kinder wie Mira kommt Freundin, hast du Zeit mit mir zu spielen?
Und wenn man das schon sagt, hast du zeit mit mir zu spielen. Was ist die
Zeit. Früher hat man nicht danach gefragt, was Zeit ist, und heute fragen
schon die Kleinen, hast du Zeit? Nein, ich hab keine Zeit heute für dich.
Ja, das ist schwer zu erklärn, aber alle haben nur auf sich alles bezogen. Und
nicht äh mit den anderen zusammen in einer Gruppe. Jeder hat seine Hobbys,
muss arbeiten.
Auf sich selbst, ja. Das ist es. Da warst du in Gesellschaft drin und hast mehr
auf Gesellschaft Rücksicht genommen und musst du dich da bewegen
zwischen all diesen Leuten.
Und finden sie das negativ, dass man sich jetzt auch schon selbst dahin
entwickelt?
Ja, muss es nicht so sein. Das muss schon diese bleiben.
Heute Abend zeigen sie im Fernsehn, wie sie den Hitler totgeschlagen haben.
Guter Einwurf, Opa.
L:
W:
A:
@5@
S:
Und wenn sie das jetzt so beobachten, dass man sich selbst auch schon so
entwickelt, haben sie dann versucht, das ihren Kindern anders beizubringen?
L:
Ja, vermitteln wir schon und versuchen wir weiter.
A:
Ich merk davon nichts.
@3@
L:
Ich denke jetzt, diese Themen wie Freundschaft und Verwandtschaft und so,
da bemühen wir uns oder nicht?
E:
Ja, das find ich schon. Also mir fällt es total schwer überhaupt klar zu
kommen, wer von den Verwandten was ist, weil wir haben so viel. Und sie
können uns alles erklärn und so. Sie bemühen sich, dass wir mit der
Verwandtschaft in Kontakt bleiben, so ruf den an und den und so.
As: Vor zwei Wochen ist meine Mutter gestorben und alle, alle Verwandten kamen
und auch die alten Freunde und Bekannte von ihr, die sie einmal gekannt
haben. Alle sind gekommen, so viele Leute.
L:
Ich fühle selbst, wie ich jetzt so langsam, früher würde ich das jetzt nicht
verpassen und hätte gesagt ich geh dahin. Und heute kann ich schon sagen,
okay auf diese Beerdigung geh ich nicht, weil ich hab was zu tun. Weiß ich
nicht.
E:
Ja, die Wichtigkeit von manchen Ereignissen nimmt hier irgendwie ab.
L:
Ja, nimmt ab. Und das kannst du früher nie machen.
E:
Ja, zum Beispiel in Russland war es ja so, man kam ja auch ohne Einladung
und so und hier braucht man sowieso unbedingt ne Einladung und dann hat
man auch noch Ausreden, dann kommt der nicht und der nicht. Die nehmen
das alles nicht so wichtig, zum Beispiel beim Abi-Ball, meine Mutter, @die
war@ für mich war das schon wichtig, aber nicht so doll. Und meine Mutter hat
mir erzählt, dass das in Russland alles viel wichtiger war, das Ereignis. Da
haben die Stoff geholt und Kleider genäht und so was alles.
ENDE KASSETTE 1, SEITE 1
E:
Diese Gleichgültigkeit, ja.
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Ja, ein Kumpel von mir sind letzte Wochenende zum Bodensee zu ner
Hochzeit gefahrn, weil die unbedingt ihre Cousins sehen wollten da.
Deswegen, andere Cousins von denen, die wohnen da ungefähr
hundertfünfzig Kilometer vom Hochzeitsort entfernt und hatten so ach keine
Lust dahin zu fahrn. Sind zu Hause geblieben. (2) Da sieht man auch schon
die Veränderung. Die haben echt zugegeben, die hatten auch keine Lust so
auf die Hochzeit. (3)
Können auch nit all fahren, der einer hat kein Auto nit, kann er auch nit fahren.
Ja, aber die hatten die Möglichkeit.
Wenn ihr später einmal Kinder habt, würdet ihr ihnen das auch vermitteln
wollen?
Mit der Verwandtschaft? Ja.
Bei uns wär´s schon nicht mehr so, weil die haben ja alle nicht mehr so viele
Kinder. Wir haben halt noch ne Menge Cousins und Cousinen noch, find ich
voll cool. Die hat´s natürlich besser, weil wir ne Menge Mädchen in der Familie
haben.
Ja, wir sagen auch, wir wollen alle Kinder im selben Alter haben. @2@
Ja, die sind zum Beispiel alle in einem Alter, also ein, zwei Jahre Unterschied.
Wollt ihr auch so viele Kinder haben?
@2@
L Ja, darauf wollt ich ja hinaus, damals hatten die alle, weiß nicht, bei ihnen
hat´s ja angefangen. So mit zwei Kindern pro Familie, so wie´s in Deutschland
ist. Hier ist ja so ein Kind pro Familie, höchstens zwei (1) normalerweise. Bei
denen, so in deren Generation, so vier Kinder mindestens, ne.
Vier war (2) doch
Vier, normal.
L Vier war normal. Und dann kommt auch die große
Verwandtschaft. In andern Familien haben die überhaupt sechs, sieben, zehn
Kinder.
Ja, als Kinder hab ich mich auch total gewundert, wenn die erzählt haben
Weihnachten früher wir die engsten
L Was die schon viel Kinder sind. Ja, nit
schlecht, mein Gott. Der Mittler sein Bruder, Tag und Nacht hat er gehat, kein
Hose zum anziehn und nix. Dreizehn Jungs hat er gehabt und zwei Mädchen,
L Ja, das war schwer mit vielen Kindern.
fünfzehn Kinder. (3) Und immer, immer hungrig und immer nix zu essen, mein
Gott. So viele, ja. (5)
Wie viele Kinder haben sie denn?
Viere (2), sind all hier. (2)
Nee, vier Kinder war ganz normal.
Im Ort warn dann immer nur zwei Kinder, so meine Cousins und so, die älter
sind bei uns in der Familie, die haben alle zwei Kinder, da ist nicht so ne große
Verwandtschaft bei uns.
Und wie stellst du dir das später einmal vor?
Ich kann das nicht ermessen. @2@
Zuerst haben die keine, die haben was anderes erst mal vor.
Ja, das hab ich auch grad dran, das merkt man auch, bei denen, die nicht so
jung wie wir hier her gekommen sind, die haben ne ganz andere Mentalität
und ganz andere, die denken ganz anders. Es war irgendwie die Regel da,
dass man mit zwanzig schon geheiratet hat, also als Junge. Und die Mädchen
so, keine Ahnung, so wie ich’s gehört habe. Und so machen sie´s hier genau
so. Und bei uns ist es schon anders, wir, ich weiß nicht genau, aber da haben
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die irgendwie angefangen zu arbeiten, Kinder, fertig. Bei uns da fährt man
nach Australien, ich weiß nicht, man denkt mehr an sich. Ja, ich studier´ erst
mal, dann dieses, dann jenes, dann bist du schon dreißig. Und dann noch
Kinder, na ja mal schauen.
Ich hab auch Freundinnen, die denken dann schon eher an Familie und so,
weil die von der Schule, die sind halt noch mehr russisch erzogen als zum
Beispiel ich. Zum Beispiel (2) als dann zum Schulende kam, die waren dann
sofort am planen, ja in so und so vielen Jahren werd ich heiraten und Kinder
und Studium und wie die das alles unter einen Hut kriegen und ich saß dann
immer so hä,
ja, ich kann das jetzt nicht so sagen, ja ihr
L Das ist doch blödsinnig.
spinnt alle jetzt so früh zu heiraten und so und die haben mich echt für
verrückt erklärt. Die haben mich ausgelacht und so gesagt, was bist du denn
für eine, dass du noch nicht heiraten willst und so.
Die hat ja noch keinen Freund nicht und dann noch heiraten.
@2@ (4)
Heiraten wollt ihr einen Russlanddeutschen?
Bei mir macht es keinen Unterschied.
Bei mir auch nicht.
L Wo die Liebe hinfällt, so sagt Opa immer. Und da kannst du
voraus nicht sagen, ich meine, das kann alles passiern.
Es ist auch irgendwie voll komisch, jetzt haben wir in unserem Freundeskreis
viel einen Freund bekommen, die früher auch in Discos warn und die haben
auch viele Deutsche kennen gelernt und auch andere Nationalitäten, aber
irgendwie ist jeder doch mit einem Russlanddeutschen zusammengekommen.
Ja, das ist ziemlich selten. Da ist auch ein Beispiel mit meinem Kumpel, der ist
hier in Deutschland geboren, der hat ne russlanddeutsche Frau. So geht’s
eher anders rum, als dass ich zum Beispiel eine richtige Deutsche finden
würde. Das ist eher andersrum.
L Eher andersrum. Eher die Jungs, es ist ganz viel, dass
deutsche Jungs heiraten äh Mädchen aus Russland, das ist ganz viel. Aber
nicht anders rum, ich weiß nicht, wo liegt das @2@ ich sag, @die
Russlanddeutschen, diese Mädchen@
L Die sind noch ganz anders erzogen, das ist
eben so.
Die kochen, die können weiß nicht
L Mein Kumpel kommt nach Hause, die hat
schon gekocht und so.
Ja, die sind mehr fraulich und so. (3)
Ist das denn hier auch noch so, hast du das als Mädchen auch noch gelernt,
mehr als dein Bruder?
Der ist verwöhnt, der ist verwöhnt.
Nee, ich find, ich hab ihn gut erzogen.
E:
L:
@2@
A:
Ich räum sogar auf.
E:
Ja, also ich hör echt von vielen, also hier von der Nachbarin, ja wenn ich sage,
mein Bruder hilft mir, dann so was dein Bruder räumt auf? Ja natürlich, ich so,
die so nee, ich mach das alleine. So komische Sitten, dass der Mann nicht
aufräumen darf und so.
As: Bei uns räumen alle auf.
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S:
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As:
L:
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As:
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As:
L:
E:
L:
As:
L:
A:
L:
E:
L:
Nee, bei uns hat sich das so eingespielt, so ne andere Traditionsweise und so.
Der Mann bringt das Geld nach Hause und ja, viel offener. Das seh´ ich bei
vielen Russlanddeutschen, dass eingeteilte Aufgaben sind.
Oh, das hass ich wie die Pest, wenn so was ist. Nee, kann ich nicht haben.
L Ich find das selber scheiße.
Wie haben sie das bei sich aufgeteilt?
Nein, wir teilen das nicht.
Gibt’s Arbeit für Frauen und auch Arbeit für Männer.
Ich geh ja nicht äh (2) aufs Dach oder mit Elektrik was, ich fass das nicht an,
weil ich kann das nicht.
Und ich geh auch nicht zur Waschmaschine, so rausholen schon, aber so
anschalten und so, das kann ich nicht.
L Ab und zu gehst du dann aufhängen.
Ja, wenn ich muss, dann wird ich das auch, aber jetzt brauch ich das nicht.
Jetzt macht meine Frau, bügeln mach ich auch nicht.
Ja, aber dafür macht er andere Sachen, bei uns macht jeder was.
Aber so bei Haushalt und so, dass (5)
Nicht alle haben Putzfrau zu Hause @2@ müssen alle putzen.
Ja, das ist auch nur so ein Klischeedenken, dass Mädchen nur kochen und
backen und so
Das ist, ja, das denkt man so.
Doch die aus meiner Klase, wenn ich das mal vergleiche, die interessieren
sich echt extrem für so was. @1@ Also klar, kann ich ein bisschen kochen
und backen, das ist normal, also als Kind hat man immer so ´ne Phase, wo
man das lernen möchte, aber jetzt kann ich das nicht so sagen. Aber die zum
Beispiel schon. Die halten sich echt schon für Hausfraun @2@. (3) Meine
Freundin, die ist genauso alt wie ich, die ist jetzt schon verheiratet. (4)
Ich habe das bis zuletzt nicht geglaubt, dass die Hochzeit wird stattfinden.
@2@ Aber die haben geheiratet. (3) Ich glaube, die wollten nur was
abenteuerliches, was anderes
Ja, aber Lena von anderer Seite, da in Russland war das doch auch normal,
dass Studenten haben geheiratet.
L Ja, und dann waren die Eltern ganz nah dabei.
Weil ohne Eltern oder Kindergarten kommst du nicht durch. Versuch jetzt Kind
zu haben, die wollen studieren die beiden, okay, die Planung Familienplanung
kannst du ja hier alles planen im Voraus, wann du ein Kind kriegst, aber in
Russland war das nicht.
Ja, das ist ja das Schlimme, das plant
L Schlimm, wenn man so alles plant, ey.
man, hier guck mal wie das manche planen. So jetzt ziehn wir zusammen,
dann bauen wir ein Haus, so jetzt kommt das erste Kind, dann war echt alles
ausgeplant. In Russland war das nicht geplant. Hast geheiratet, hast ein Kind
gekriegt, nach einem Jahr kommt noch eins und kriegst du, das war so wie
hier die Planung, gab´s nicht, ja. Und wie deinen Freundin, die möchte noch
studieren, gut, wenn da kein Kind kommt, ist wunderbar, können sie alles
packen, aber wenn das Kind kommt, dann kannst du schon nicht mehr so
lernen oder die Eltern werden dann
L Ja, aber ihre beiden Schwestern haben während
sie studieren zwei Kinder bekommen
nein, nein
L Ja, dann haben die Eltern
ah, wo
waren die Kinder?
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E:
Weiß ich nicht, die haben beide weit entfernt von den Eltern gelebt und haben
während des Studiums beide zwei Kinder bekommen. Und ich finde das ja so
toll.
L:
Ja, dann verstehe ich das Studium wahrscheinlich nicht. @1@
E:
Und die haben alle mit, ziemlich gut abgeschnitten, das ist auch so eine
intelligente Familie.
L:
Ja, das ist alles, welches Kind man hat, wenn das Kind mal krank ist und so.
(6)
(Lena bietet Kuchen und Gebäck an.)
As: Die Kreppel sind nach einem Rezept gemacht, wie in Russland.
S:
Kochen sie denn oft noch nach russischen Rezepten?
As: Ja.
A:
Ja, früher war das viel mehr als jetzt.
L:
Ich koche durcheinander alles, aber diese russische Rezepte, das ist ja eine
Erinnerung. Ich denk immer nach, was hat meine Mutter gekocht, wie hab ich
mich gefreut.
A:
Es schmeckt auch viel besser finde ich. Mir ist auch noch was eingefallen,
früher gab´s zum Beispiel immer so einen Backtag, wo es Gebäck gab und so.
As: Ja, in Russland gab´s das.
A:
Das russische Gebäck, das schmeckt auch extrem gut. Das riecht man hier
bei den Nachbarn, die haben auch immer so einen Backtag, dann riecht man
das immer. Voll gut.
L:
Und die sind jetzt kirchlich sehr aktiv und die haben noch diese Traditionen
alle, die sind von den Baptisten,
ja Freikirche, sind sehr viel in
As:
L Freikirche ist das
L:
Kirche beschäftigt und das Leben ist die Kirche. Die haben ganz viel Tradition.
A:
L Die haben auch
zwölf Kinder.
L:
Wir sind schon ganz modern. @1@ (4)
S:
Was für Traditionen haben sie denn noch, die sie schon nicht mehr haben?
As: Wir sind nicht so
W:
L Die haben viele Kinder, für Gott.
A:
L Die haben kein Fernseher äh
E:
L Die dürfen das nicht,
denk ich.
As: Die gehen mit ganze Familie zur Kirche.
A:
Um sechs Uhr morgens bin ich mal nach Hause gekommen, da sind die grad
erst los zur Kirche.
E:
Der Sohn hat auch letztens geheiratet, der ist glaube ich siebzehn oder so.
L:
Nein, neunzehn.
S:
Gehen sie denn manchmal in eine Kirche?
(3)
As: Ich hab mit meiner Mutter öfter gegangen. Mindestens einmal im Monat.
L:
Ja, zweimal, dreimal.
W:
Wir ham ja eine Kirche hier. Kirche sind überall.
L:
Irgendwann sind wir älter und dann gehen wir öfter. @1@
S:
Sind sie katholisch oder evangelisch?
L:
Gemischt.
@2@
L:
Wir sind ökonomisch. @2@ Ich bin katholisch und Anton ist evangelisch.
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L:
As:
W:
As:
S:
(4)
L:
A:
L:
As:
L:
Ja, in Russland war das ja nicht so ein Problem, ob man jetzt evangelisch oder
katholisch ist. Hier ist das schon ein Problem.
Das war in Russland hatten wir überhaupt nichts zu tun mit Kirche.
Ja, das war ja, Kommunismus eben.
Doch, letzte Zeit war schon eine katholische Kirche, aber in Schule das war
überhaupt nicht.
Wir wurden ja auch heimlich getauft, oder?
Ich wurde erst hier in Deutschland getauft, das ist überhaupt was ganz
anderes.
Ja, das war so lustig. @1@
Mit sieben Jahren.
Ja, wir sind alle katholisch.
Ich bin sozusagen alleine gekommen, meine ganzen sind noch in Russland.
Und mit Kirche hatte ich nichts zu tun gehabt.
Mama war tief in der Kirche drin.
Mama war nicht tief, aber die ganze Verwandtschaft, Katholiken und äh, die
ganzen Mädchen, die sind eng miteinander. Und dann reiße ich eine aus
dieser Clique raus und mache sie evangelisch oder was.
Oh, das wäre eine Tragödie.
Aber so in Gottesdienste oder in die Kirche gehen sie nicht?
Nur wenn Papa und Mama die reinschleppen, dann gehen die auch, sonst
nicht.
Ja, die Erziehung war hier
L Nein, das ist keine Erziehung, ich sag selber,
dass ich nicht gehen will.
Wir sind selber nicht so, du, wir haben nie in Deutschland gelernt, wie man
hier zur Kirche geht, was man da macht. Das war auch für uns große Augen.
So, aber ich hab mir das so vorgesagt, dass gehört zu diesem hier leben,
L Ja, aber
Anton,
Was? Muss es doch gar nicht gehörn, hier ist Religionsfreiheit.
Muss es nicht, aber Anton wir sind hier angekommen ganz fremd. Die Leute
haben uns gezeigt, wie das alles (2) und von der Kirche zu Hause haben wir ja
auch vieles gehört, nur wir haben diese Möglichkeit nicht gehabt zur Kirche zu
gehen und Gottesdienste
Das heißt, die Möglichkeit hast du dazu vielleicht gehabt, aber von Kind in der
Schule hast du das nicht mitbekommen
Das sitzt nicht so tief, ja.
Sogar hast du mitbekommen, in der Kirche ist schlecht (4) unmenschlich, du
hast viel, viel schlechtes über Kirche gehört.
Ah in Russland hän sie das
L Wir haben das so gehört und zur Kirche haben
wir keine Beziehung sozusagen. (5)
Noch einmal zur Erziehung, in welchen Situationen gab es da denn mal
Streitigkeiten?
Wir sind so gute Eltern, wir haben so gut,
ja Fernsehn, das ist das
L Fernsehn
Schlimmste.
Na ja gut, mit Fernseher
L Ja, da haben wir oft
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A:
L In Russland gab´s doch gar kein
Fernseher
Doch
Doch
L:
As:
@5@
E:
Die warn eigentlich ziemlich cool so, wir durften früh ausgehn.
A:
Ich meine, ich war der große. Bei mir war das anders.
L:
Ich meine, das war doch, Ella hat drei Cousinen in demselben Alter und wenn
die losgezogen sind, dann sind sie zusammen gegangen, alleine nie im Leben
würden wir das erlauben. Das war eine Clique, eine passt auf die andere auf
und so.
E:
Ja, das war auch so, die haben uns zur Disco gebracht und abgeholt
L:
L Und abgeholt
E:
Wenn wir das irgendwelchen Deutschen erzählt haben, die haben uns den
Vogel gezeigt, die sind vielleicht noch nachts abgehauen, weil deren Eltern die
würden so was nie machen.
W:
Ich muss schon gehen.
L:
Nein Papa, bleib noch sitzen.
S:
Bestrafen sie ihre Kinder denn auch?
(5)
W:
Mit dem Riemen hätten sie kriegt oder nit?
L:
Nein, so was nicht, Papa, nein. Bestrafen, wegen was? Schimpfe kriegen die
alle ab und zu, aber das man sich jetzt so oh, eine große Strafe, nein, das war
ganz normal. So Hausaufgaben nicht gemacht, kriegt ihr Ärger, nicht
A:
L Hausaufgaben, das habt ihr doch
L:
aufgeräumt, gibt’s Ärger
A:
Jahrelang nicht nachgeprüft, ey. @2@
L:
Ja, das muss bis heute noch, wenn es ist nicht aufgeräumt, dann schrei ich
schon los.
S:
Und was heißt Ärger?
L:
Ja, dann schimpf ich.
E:
Ja, mit Worten so. Die hat uns sehr oft angeschrien.
A:
L Also wir haben noch niemals,
das einzige war mal Fernsehverbot oder so.
As: Das habe ich einmal Schaltung eingebaut bei Fernseher und die Kinder haben
das nicht gewusst, die konnten damit dann nicht umgehn. Das war das
einzige.
E:
Nein, was mir nur in Erinnerung geblieben ist, wenn man so in Gesprächen
ums Fernsehen ging, dass das zu viel war, aber sonst nichts.
A:
Das ist schon lange her.
E:
Ja, wo wir ganz klein warn, weil wir sofort nach der Schule zum Fernsehn
gerannt warn. (5)
S:
Wie war das denn bei ihnen in ihrer Erziehung mit Strafen, und so?
L:
Wir hatten gar keine Zeit gehabt zu gucken Fernsehn
A:
L Nein, ganz allgemein, nicht
Fernsehn.
L:
Ah was?
E:
Verbote, allgemein.
A:
L Allgemein.
As: Die gehen jetzt zur Disco und Disco kann bis drei, vier Uhr morgens sein. In
Russland war es so, Disco hat um neun angefangen und dann bis zwölf.
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E:
As:
L:
As:
L:
Aber das war also ganz
L Das war für alle so, ja deswegen sage ich
L Verbot von
Eltern, ja was haben Eltern uns verboten?
L Ja, wahrscheinlich so als Mädchen musst
du um zehn Uhr zu Hause sein oder so.
Das ist so, dass hat Papa verstanden hat sowieso kein Zweck, das hat er
aufgegeben, aber (4)
@3@
L:
Ja, ich kann bis jetzt noch erinnern, Tür zu, ja dann sind die später nach
Hause gekommen, klopf, klopf. Vater so, wer ist da, ich bin´s. Vater hat
gesagt, unsere sind alle zu Hause, weg ins Bett, Tür zu. Ich wieder. Mama so,
geh mach ihr mal auf, nein die bleibt draußen, ich hab gesagt, die soll früher
kommen. @2@ Ja und dann ging ich und endlich kommt er und macht auf
und ich zack ins Bett, dass mich keiner hört. Und das regt mich auf, wenn die
Jugendlichen manchmal kommen und machen hier nach Disco lustig hahaha,
und wir sind am schlafen. Ich sag, das gibt’s doch nicht, wir früher wie
Mäuschen zack, zack, zack, dass keiner uns hört. Und die kommen ganz frei
nach Hause und machen um drei Uhr noch ein Ständchen, dass keiner kann
schlafen, das regt mich auf. Da hab ich gesagt letztes Mal, wenn das noch
passiert. Ja, das haben wir gehabt Zeitverbot als Jugendliche und dann hatten
wir auch Angst, dass wir Ärger kriegen. Und unsere häusliche Arbeit hatten wir
auch, dass wir putzen mussten und so, waschen, Garten gießen, das war als
erste, ganzen Sommer mussten wir Garten gießen.
W:
L Das hast doch du nicht gemacht.
L:
L Ja, ich
hab gelernt, Papa, ich war die (?) Oma hat gekocht und Papa hat den Garten.
Ja, verwöhnt waren wir nicht.
As: Sie war doch einzige Studentin. Nu ja.
L:
Nee, wir waren allgemein Kinder, wir haben Oma gehabt zu Hause und die hat
gekocht und so und viel gemacht.
As: Ja, nur bis zwölf Uhr durften wir ausgehn. Am besten mit Deutschen.
L:
Ja, ein Deutscher war schon wichtig, katholisch oder evangelisch war egal,
aber ein Deutscher musst man schon als Freund haben, besonders als
Mädchen, aber die Jungs auch. Da hab ich mir keine äh, nee, ich hab das tief
gehabt, ich hab da überhaupt nichts angefangen so richtig. Opa war da ganz
streng.
S:
Warum war ihnen das denn so wichtig?
W:
Ja, da kannst kriegen, was du willst auch schwarz und so.
L:
Jede, hat er immer gesagt, jede Sau muss in ihrem Tropf bleiben, ja?
W:
Ja, ja.
L:
So, hast du das gehört? Ja.
E:
Ja, wieso war denn das so wichtig?
W:
Ach, die möchten, ach die kannst du
As: Ja, aber keiner hat ein Russe nach Haus geschleppt oder so, alle haben nur
Deutsche geheiratet.
L:
Ja, Papa wusste, dass er nach Deutschland geht. Und da haben wir keine
Probleme gehabt. Und die, die Russen oder Kasachen geheiratet haben,
manche sitzen @noch heute da drüben@. Und haben andere Probleme, das
wirklich.
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Irgendwie, die waren immer so eingestellt oder den Wunsch gehabt, nach
Deutschland zurück zu kommen und deswegen waren die wahrscheinlich so
streng. Und deswegen haben die
L Das war in der Familie so eingeprägt, die
haben so die deutschen Sitten gehalten, die haben das gepflegt in
schwierigen Zeiten. Als sie nach Ukraine, die haben in allen schwierigen
Zeiten des Lebens das immer gepflegt und die haben das nie aufgegeben.
Und das haben sie auch an mich und an die Kinder weitergegeben
Und die haben immer diesen Wunsch gehabt nach Deutschland zu kommen
L Das war
ein Traum, das war ein Traum, aber ein Traum, das haben sie selber nicht
getraut.
Ja, die Eltern, die sind nicht aus Kasachstan, die sind aus Moldawien.
L Über andere
Wege
Aber das war so immer in der Familie, der Wunsch nach Deutschland zu
kommen. In meiner Familie war es anderes, weil wir waren schon mehr
gemischt. Aber meine Mutter und mein Vater waren beide Deutsche, wir
haben auch deutsch gesprochen, aber wie gesagt meine Verwandtschaft war
so ein bisschen weiter. Aber in dieser Familie war es schon so.
Was wäre denn passiert, wenn ihre Tochter einen Russen geheiratet hätte?
Dann wär sie drüben geblieben.
Hätten sie sie dann von zu Hause rausgeschmissen?
Ja, hätt sie gar nit mehr reindürfen. Keine Hochzeit, nix hätt sie kriegt.
Hochzeit haben immer die Eltern finanziert.
Ich glaub Opa verbindet noch so die Ideale mit Deutschland.
Mit dreizehn war ich schon hier. (...) Das war doch ganz andersch. Und jetzt
sind mir drübe und sind hier kei Bäume nicht. Äpfel, Birnen sind gewesen,
Kirschen und so und Maulbeeren. Jetzt gibt’s auch schon nicht mehr.
(Waldemar erzählt eine Geschichte aus seiner Jugend während der Zeit in der
ehemaligen DDR.)
Opa, deine Geschichten sind witzig.
Und jetzt sind sie froh, dass sie in Deutschland sind?
Nu ja. Das vorige Mal, wo ich da war, muss man arbeiten, hänn sie all Hasen
gehat, ja. Hat ein jeder Land kriegt, häst du Stachelbeeren setzen können
oder so was, und jetzt gebe sie keine Land mehr.
Ich meine für unsere Ältere ist es schwierig, weil sie haben in Russland alle
eigene Häuser gehabt und äh Schweine, Kühe, ein bisschen Garten, und so.
Und hier? In einer Wohnanlage. Hier hast du keine (?)
L Man sitzt nur und macht nix.
Ja, deswegen ist es schwierig.
Ältere Leute sind alle in Vereine, und Papa, er kennt so was nicht, ja. Das
wäre dann (4) ja, ein bisschen Beschäftigung.
Ich habe hier eine Garten ja gehabt.
Ja, das ist schon zu weit. Hier, kannst bei uns was aufbauen @2@
Ja, pflanzt du was im Garten an, Mais und so.
W:
L:
A:
@3@
W:
Ja, Mais ist doch nicht schlecht.
S:
Jetzt mal noch eine Frage, wie fühlen sie sich jetzt in Deutschland?
W:
Gut.
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A:
Das ist schön. Und von der Nationalität her, eher wie ein Deutscher oder ein
Russlanddeutscher?
Ich hab mich noch nie gefühlt wie ein Russlandsdeutscher, immer ein
Deutscher. Ja.
Und wie ist das mit ihnen?
Ich meine, so ganz, (2) ich fühle mich noch, (2) ich verstehe nicht, ein halbes
Leben dort, ich weiß nicht
Weil äh, meine
L Aber du weißt immer, woher du kommst, ja.
Sprache ist noch durcheinander und du wirst immer so dich fühlen, dass du
kommst nicht von hier.
Dass ist dann die schlechte Erinnerung, das
ist auch nicht schlimm.
L Nein, das ist nicht schlecht, aber (2)
das stört mich auch nicht, aber dass ich hundertprozentig Deutscher bin, das
ist nicht so.
Aber ich, ich fühle mich als Deutsche, aber ich bin stolz sogar, dass ich
woanders geborn bin in Russland oder in Kasachstan, dass ich irgendwo ganz
anders, das ist interessanter, ich hab andere Erziehung gehabt. Und äh als
Deutsche fühl ich mich und dass mich erinnert, das macht mir überhaupt
nichts aus. Ich akzeptiere das. Und ich bin manchmal sogar froh, dass ich bin
woanders aufgewachsen, ich hab eine andere Erziehung gehabt, ein strenge
Erziehung und ich denk ein bisschen anders und da bin froh.
Ich meine, wenn du was aus Medien erfährst über Russlanddeutsche, dann
geht es über Klauen oder was weiß ich was, über ein Schlägerei und dann
wahrscheinlich, das stört mich. Wenn du irgendwo sagst, Russlanddeutscher
ach ja.
Das sagen die Leute, die weiter als diese Stadt auch nichts sehen und nicht
sehen wollen. Wenn die Leute irgendwas im Köpfchen haben, dann sehen sie,
welche Kinder man hier haben und die auch was Gutes tun und die negative
L Aber es gibt auch Negatives
okay, in jeder Nationalität gibt’s oder in jeder Herkunftsland.
Aber das ist bei allen so, das wird auch so bei den Türken verallgemeinert
oder was weiß ich. In jeder Nationalität.
Kannst du gehen, kannst fragen was für ein Landsmann bist du? Wo kommst
du her?
Dass die Russlandlandsdeutschen viele Scheiße bauen ist klar. Und das, ich
glaube so langsam wird weniger, weniger. Viele kommen nicht aus Städten,
sondern aus dem Land und auf dem Land, da wird, da merkt man Stadt und
Land. Und da kommen sie mit solchen Augen und dann machen sie hier, was
weiß ich, was sie nie gesehn haben und auch nie erlaubt.
Und das ist auch noch, dass wir sind noch sozusagen aus gesunde Russland.
Die ganzen Probleme jetzt so mit Drogen, das hatten wir noch nicht gekannt,
das ist erst seit Gorbatschow. In Russland ist so viel Leere, deswegen
kommen jetzt Russlanddeutsche und die nehmen Drogen und so. Nicht alle,
aber manche kommen schon hierher schon mit dieser Erfahrung.
Das stimmt aber gar nicht, die lernen das erst hier alles kennen.
Aber die Freiheit ist hier so groß, die können alles und Angebot ist da.
L Das können sie doch in Russland genau so machen. Wo wird
denn das alles angebaut, in Kasachstan.
Ja, aber siehst du, diese Seite kennen wir, als wir sind weg, da war so was
nicht.
Ihr habt das vielleicht nur nicht gesehn.
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S:
A:
L:
A:
L:
A:
E:
L:
A:
E:
A:
Da war so was nicht, die Jugendlichen Drogen? (2)
Aber trotzdem, es fällt ja wohl auf, dass die, die sozusagen frisch aus
Russland gekommen sind, die benehmen sich trotzdem anders.
Ja, die haben ganz andere Einstellungen, die sehen sich eher als Russen,
nicht als Russlandsdeutsche oder Deutsche, die fragen so ja bist du Russe
oder was? Zum Beispiel, wenn ich jetzt deutsch spreche, dann fragen die mich
das. Ich sag dann, nee, ich bin Russlandsdeutscher. Wenn die sagen, bist du
deutscher, sag ich, wie kommst du denn darauf, ich bin Russland geboren. Ich
hab da auch ganz andere Einstellungen als die meisten anderen. Nee, ich
sehe mich zwischen Russlanddeutscher und Deutscher, so ungefähr.
L Ja.
Viele checken das gar nicht. Ja, auch die Türsteher, die gucken nur so wo du
geboren bist, wenn ich dann sage in Russland
ja, dann
L Dann lassen sie dich nicht rein
lassen sie mich zum Beispiel nicht rein. Dann sag ich von Kasachstan. Hier
die ganzen Nobelsachen und so.
Ja, warum, warum?
Ja, wenn du schon die ganzen russischen Discos siehst, dann weißt du schon
warum. Zum Beispiel können die es nicht sehn, wenn da fünf Jungs
zusammen reingehn, das geht schon mal nicht, oder alle Russlanddeutschen
oder die Türken, die kleiden sich schon anders. Und dann sehen die das
schon an der Kleidung und dann denken die, lieber nicht, die Russen
betrinken sich wieder und dann gibt’s Stress?
Und wie kleiden sich Russlanddeutsche?
Ja, wie ein König. @2@ Es gibt so eine Firma, die heißt Königs und die wird
immer von allen Russlanddeutschen geplündert, das sind so feinere Hosen.
Du ziehst dich doch nicht so an.
Nein, ich nicht. Aber das ist so eigentlich.
Ja, warum sind sie so? Warum, warum?
Ja, alle kurze Haare, alle immer gleichgeschaltet, immer in schwarz oder weiß
angezogen, das zeigt wahrscheinlich die Zusammengehörigkeit.
L Immer eine dicke Kette dazu
@2@ Ah, warum ist das so?
Also extrem geschmacklos meistens.
Auch die Mädchen.
Und alle immer gleich und das grenzt schon so an Kitsch, besonders die
Mädchen.
ENDE KASSETTE 1, SEITE 2
A:
L:
E:
L:
E:
L:
In Russland, Modebewusstsein und so, das kommt daher.
L Ja, Anton, das kommt da, Klamotten
warn nicht so reichlich wie hier, ne, sie haben sich meistens alle gleich
angezogen, das kam von der Schule schon hier. Mädels haben gleiche Kleider
angehabt, Jungs mussten auch fast gleich, okay, das Hemd war ein bisschen
anders, aber die Hose dunkle, ne Hose musste dunkel sein.
Ja, das kommt einem echt so vor, als ob die über ihren Kreis nicht
L Ja, und dann ist es gekommen, dass die
hinweggekommen sind.
sich nicht können weiterentwickeln.
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A:
Aber zieht sich mal jemand anders an oder verändert sich oder schlägt aus
der Gruppe heraus. (5) Ja, wenn da alle gleich sind und mal einer andere
Meinung hat oder anders ist, dann ist das viel schlimmer, als wenn das zum
Beispiel in unserer, hier in Deutschland. Da hat jeder so seinen eigenen Stil,
sein eigenes Ziel und eigene Vorstellungen, da ist jeder tolerant und wenn dort
aber alle Meinungen gleichgeschaltet sind, dann man muss sich einfach
integrieren, da herrscht so ein Diktat.
E:
Ja, das wollt ich auch sagen, bei mir, du bist sofort voll der Exot bei denen und
A:
L Bei mir ist
auch voll so.
E:
Wart mal. Bei denen jetzt bei meinen Freundinnen auf der Schule, wenn ich da
meine Meinung sage, dann oh ja, Ella, so komisch. Weil man halt nur so eine
Einstellung hat.
A:
Weil man nicht offen ist gegenüber neuem. Alles nur eingeschworene
Gemeinschaft.
E:
Ja, die hören da gar nicht drauf, die stempeln das sofort ab. Also, die nehmen
das einem dann nicht übel, wir verstehen uns trotzdem total gut, aber es ist
einfach sehr verschieden.
S:
Wie würdest du dich dann sehen als Russlanddeutsche oder als Deutsche?
E:
Ich würd´ mich, nein, also ich würd´ mich eher @1@ als andere Deutsche
oder so sehen. Also ich find, ja weil, wie Anton gesagt hat, wir sind keine
richtigen Russlanddeutschen, wir sind auch keine richtigen Deutschen, weil,
(2) na ja, halt irgendwas dazwischen. Wir sind halt Deutsche, aber irgendwie
anders, auf andere Weise. Das sagen auch andere. (2) Man kann nicht genau
sagen.
L:
L Wir sind
Deutsche mit einem russischen @Touch oder Glanz oder@.
A:
L Touch
As: (?) Irgendwoher, dass Russland oder, ich meine, die sind hier zweite, die
stehen schon irgendwie dazwischen, deswegen sind die
E:
L Aber ich find´s gut.
W:
Und Mira?
L:
Ja, die ist
A:
L Also bei mir, wenn ich irgendwo ankomme und obwohl ich auch gar nicht so,
auch richtig deutsch spreche und so, bei mir merkens die meistens trotzdem,
als ob das im Gesicht steht oder so.
L:
L Ja, warum?
A:
Und obwohl ich mich auch nicht so anziehe oder benehme oder keine Ahnung,
da auf den Boden spucke ständig @2@, das tun alle hier. Oder diese hier
Semitschki kaue die ganze Zeit. Ähm, merken´s trotzdem alle.
E:
Aber das sind meistens nicht die Deutschen, sondern auch die Ausländer.
A:
L Nee, bei mir auch die, na ja
Wondel ist auch kein deutscher Name. Bei mir denken alle ich bin Italiener
oder so.
E:
Nee, bei mir denken alle, ich wär Polin.
W:
Du warst doch ein Soldat.
A:
Ja, Opa. @2@
(Waldemar Winter verlässt den Raum, um nach Hause zu gehen.)
E:
Wenn wir ihn was fragen und so, dann ist es oft schwer zu verstehn, weil er
spricht ein bisschen durcheinander. Aber trotzdem ist es interessant.
L:
Er kann von anderen Ecken anfangen.
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As:
A:
Er kommt von einer Geschichte auf die andere und manchmal sieht man gar
keinen Zusammenhang. Aber er kann viele Geschichten von der Kindheit
erzählen.
Er hat mich auch einmal voll verarscht, als er zum Beispiel erzählt hat, dass er
mit Goebbels irgendwo rumsaß @2@ und ich so ey, Opa, du bist ja megacool.
Und er so ha, ha, ha. In Stalingrad hat er erzählt, war der.
@2@
S:
Ja, dann haben sie ja ein richtig bewegtes Leben.
L:
Bewegt, ja. Bewegt, ja. Aber das wird nicht weniger, das wir mehr und mehr
und mehr. Oder denkt man nur so. Bei anderen ist es auch so. Oder möchte
man viel anfassen, ich sag schon immer, weniger, ich mach schon überhaupt
nichts mehr so. Früher hab ich mehr
A:
L Früher haben die so als Musikanten, haben die
hier den Karneval so veranstaltet und äh so, war auch schon einmal in der
Zeitung ganz früher haben die so ein Gemeinschaftstreffen gemacht so immer.
Da haben die musiziert mit meinem Onkel und so Kinderchor gemacht, da
E:
L Kinderchor
A:
Haben wir auch gesungen.
S:
Sind sie sehr musikalisch?
L:
Gewesen @1@. Jetzt mach ich nichts mehr. Ella spielt schon besser Klavier.
As: Sie hat das studiert Chorleiterin.
L:
Chorleiterin, Musiklehrerin, aber nur auf Musik, nicht andere Fächer.
S:
Aber konnten sie damit nicht auch in Deutschland arbeiten?
L:
Ich hab´s aufgegeben. Ich wollte gehen studieren, aber die Angst war so groß
jetzt von seitlich, ich weiß nicht, von wo kam das. Es gab nicht den richtigen
Mensch zu sagen Lena, das ist nicht so schlimm, so und so geht das. Oh, das
ist so schwer. Ich hab richtig Angst gehabt und dann diese paar Jährchen, was
ich noch dazu studieren muss, dann denk ich mir mit zwei Kindern, nee. Nicht
der richtige Mensch auf richtiger Zeit und Stelle gewesen, da hat man so viel
auch zu tun gehabt mit Kindern und Familie und Papiere und Sprachkurs und
so.
As: Das erste Jahr war so schwer.
L:
Ja, und dann dieses Angstgefühl war so stark und dann hab ich gesagt, nein
ich mach das nicht. Und dann kam Arbeitsamt mit einer Umschulung und dann
klappte das so automatisch schnell, Reiseverkehrskauffrau hab ich gemacht
und dann ging das so. Das war ganz fremdes Gebiet und dann habe ich
gemerkt, wie viel ich lernen muss. Wie viel ich gelernt habe in diesen zwei
Jahren. Ja, und dann hab ich diese Ausbildung zu Ende gemacht und hab
zwischendurch auch Musik viel gemacht und Chor, Kinderchor, aber so
langsam hab ich auch keine Zeit mehr. Jetzt hab ich überhaupt keine Zeit
mehr, hab ich mich selbständig gemacht mit dem Reisebüro, jetzt ist total dicht
alles. Die Kunden sind hauptsächlich Russlanddeutsche, weil du musst dich
auf etwas spezialisieren.
A:
Ja, die brauchen ja auch einen Ansprechpartner, wenn ich dort manchmal den
Hörer abnehme, kommt sofort, ja kann ich russisch sprechen.
L:
Ich wollte das auch auf deutsche Art, aber das geht einfach nicht. Dann
verlierst du Kunden, wenn du nicht auf russisch mit den Leuten sprichst.
E:
Es gibt ja auch Leute, die haben gar kein deutsch gelernt, die sprechen nur
russisch.
As:
L Ja, es gibt solche Kreise, ja.
E:
Die wollen auch gar nicht, aber die sind schon so lange hier. (...)
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As:
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As:
A:
As:
L:
Aber was mich aufregt, von Russland kommst du nicht raus, dass du nicht
zeigst, dass du ein Deutscher bist, ja. Die stehen da und sagen alle ich bin ein
Deutscher. Ich bin ein Deutscher und will nach Deutschland. Hier kommen sie
an, die wollen keine Deutsche sein. Das regt mich auf. Und da, die stehen da
bei Konsulat und sagen ich bin ein Deutscher, meine Eltern und was weiß
ich, müssen einen Sprachtest machen und dann lernen sie. Und dann
kommen sie hier her, ein paar Wochen und alles ist vorbei. Dann sind sie alle
wieder Russen.
Zum Beispiel Bekannte, die waren Ingenieur und was weiß ich und hier
kommen sie nicht durch.
L Sind Putzfrauen alle, Putzfrauen. Und die kriegen das
nicht gebacken.
Ist ja auch schlimm, stell dir das mal vor.
Das ist schlimm.
Lenas Cousin, der Bauingenieur, der hat hier die Ausbildung bestätigt
bekommen und hat auch Stelle bekommen. Die Firma hat in Russland Häuser
gebaut. In dieser Zeit hat der Arbeit gehabt und jetzt war das zu Ende und er
hat keinen Job mehr mit anerkannter Ausbildung und Praxis, aber keinen Job.
Deswegen für diese Leute, das ist schwer.
L Schwarz oder andere.
Ja, oder als normaler Arbeiter an Baustelle, das ist aber auch nicht gut für die
Leute.
Ja, und um sich hochzuarbeiten muss man auch Mut haben und Sprache,
aber die nicht wollen, die sprechen ja nicht. Und wie kommt die Sprache
dann? Ich sage immer, die die richtig was wollen, die schaffen das auch.
Meine Freundin, die war ähm Grundschullehrerin, die hat Uni auch und
gebildete Frau, die ist eine Russin. Und die wollte das, die hat die Sprache
gelernt und arbeitet jetzt in einem Erziehungsheim und leitet eine Gruppe. Sie
hat es geschafft. Wer lernt zuerst die Sprache und sagt, ich werde das
schaffen. Die andere geben auf und der Frust kommt, ich war dort der große
Mann und hier bin ich nichts, das ist so das Innere wie eine Mensch das (1)
macht von sich. Jeder kann die Händchen zusammenlegen und sagen, ja ich
kann die Sprache nicht. Aber tu was. (4) Und dann sagen sie, ich geh putzen,
ich hab gesagt, ich mach das nie. Dafür hab ich gelernt und irgendwo bringst
du dich trotzdem noch durch. Aber putzen kann man immer noch. (5)
Ich arbeite in meinem Beruf, aber wie gesagt, ich muss auch noch viel dazu
lernen.
Man muss auch ständig dazu lernen.
Ja, aber ich meine, das ist etwas anderes. Du kommst aus fremde Land und
fühlst dich am Anfang auch nicht so richtig wohl und alles ist anderes. Und das
Beste, was du kannst machen, ist einfach dich anpassen und irgendwo
anfangen und dann (2) zeigen, was du kannst. Das ist einzige Chance. Weil
mit technischen Berufen, das ist sehr schwierig. Für Ärzte zum Beispiel ist es
ganz anders, viel einfacher. (...)
Ja, nur die, die die Sprache nicht lernen, kommen nicht rein. Und ältere
Menschen, das ist schwierig natürlich. (...)
Aber die gemischte Ehen, das ist sowieso ein Problem. Siehst du, dass hat
Opa @richtig gesagt.@2@Ja, was die Männer, ich denk so nach, Gott sei
Dank, ich musste das nicht, kommen sie mit russische Name, dann ist es für
die Kinder auch schwierig für die Zukunft
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L Ja, wie viele aus meinem Jahrgang, auf
einmal heißen sie mit ´nem deutschen Nachnamen.
L Ja, Richter oder Schneider und
selbst, ja
Wenn zum Beispiel die Mutter einen deutschen Namen gehabt hat und dann
wechselt nur der Vater den Namen, dass sie auf dem Papier einen deutschen
Namen haben.
Ich würde eine Russin sein, meine Seele würde da drüben sein. Echt, meine
Seele würde da drüben sein. Und ich denke, dass ist mit jedem Russen, die
richtig Russen sind, die hängen daran, die zeigen das nicht. Und viele sind ja
im Inneren unzufrieden und deshalb reisen sie ja tausend Mal dahin und
zählen jeden Pfennig für die Flugtickets, dass sie da hinkommen. Das sind die
gemischte Ehen und gibt’s auch Mensch zu Mensch, sagt, och, ich bin hier
zufrieden, alles ist gut und okay, ja. Aber viele sind auch sehr (3) Und wie man
älter wird, das kommt noch mehr. Die wollen zurück, vielleicht nicht leben,
aber noch mal zu sehen, die Stadt, das Haus, das Land.
Dafür muss man ja nicht Russe sein, auch wenn man aus einem anderen
Bundesland kommt, hat man eine besondere Verbindung zu dem Ort. Das ist
ja auch menschlich.
Ja, das stimmt. Ich geh auch manchmal daran vorbei, wo wir früher gewohnt
haben und dann riech ich diesen Geruch und so.
Da kommen halt so spontane Erinnerungen, die man sonst nicht hat.
Ja, aber die können ja nicht einfach nach Russland zurück und sich dort mal
umsehen. Die Leute kommen hierher, die Russlanddeutschen sind mit ganzer
Familie gekommen und alle sind hier. Aber die aus gemischter Ehe, die haben
dort alles gelassen, kommen hierher und sind ganz allein. Das ist ganz
schlimm. (...) Wir haben eigentlich kein Problem hier.
Wir sind zufrieden, wir schimpfen nicht, das einzige, wo wir jetzt, dass in
Deutschland ist so große Arbeitslosigkeit, diese Zukunftsangst, was wird aus
unsern Kindern, wenn wir eine Arbeit nicht haben, ja. (2) Aber, ja aber wir sind
zufrieden, okay, wir erinnern sich sehr. Die Erinnerungen sind schöne
Erinnerungen, was wir da drüben gelassen haben und ja, wir waren einmal
vielleicht in zehn Jahren gewesen und dann ist es gut gewesen. Gesehen,
Erinnerung das ist gut, ja, aber das ist so schöne Erinnerung. Aber manche
sind nur am schimpfen, das ist nicht gut und das wollen sie nicht lernen, ja ab
zurück. Alle zurück, sag ich immer. Die, die unzufrieden sind und Sprache
nicht lernen wollen sollen zurück und dann brauchen sie sich nicht schimpfen.
Bei denen, die am Anfang gekommen sind, Ende der Achtziger Jahre
L Das sind die
richtigen.
Nein, die hatten einen ganz anderen Hintergrund, eigentlich. Ganz anderen
Gedanken, nach Deutschland zu kommen. Die späteren, das war einfach so
Wirtschaftsflucht, ich meine so. (5)
Ja, vielen Dank, das war´s eigentlich.
Ende der Aufnahme
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1.2.2 Großvaterinterview mit Waldemar Winter (Familie Wondel)
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Wohnzimmer der Winters
Großvater:
Waldemar Winter (W)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
Ja, ähm, ich stell ihnen ein paar Fragen, es geht um eigentlich um dasselbe
Thema wie in der Gruppendiskussion, wo wir da das Gespräch hatten, und die
Frage ist jetzt an sie und für ihre Generation, was würden sie sagen, hat sich
verändert von dem Leben, das sie in Russland hatten, und jetzt hier in
Deutschland? Was hat sich da verändert?
Mei Frau is doch krank, die kann nix machen. (3)
Ist ihre Frau in Deutschland krank geworden? (3) Ja? Mhm.
Das ging schnell Ruck-Zuck. (?) Nach Hause gehe. (4) Na, geh schnell nach
Hause, das ist so (3) Na, wie geht´s? Mit Russland kannst nicht vergleichen.
Nein?
Nein. Überhaupt net. Da isch es kalt. 40! 50-60 Grad.
Wo haben sie denn in Russland gelebt, in Sibirien, oder wo?
Karaganda. Kasachstan.
Sind sie dort auch schon geboren?
Ne, ich bin noch zu Hause geboren. Odessa.
In Odessa, ah ja. Und wann ist ihre Familie dann nach Karaganda
gekommen?
Och, (?)
So viel später dann.
Ja, mir sein nach, sie han uns doch nach (?) gebracht, ja, ja, ach, das war, ne,
net ach schön, ja, (?), machen mer (?) mit dem Dreck, mei, gibt´s noch so,
zum Schuh auszieh son Ding, überall.
Können sie sich denn noch an ein Ereignis aus ihrer Kindheit erinnern?
Ach, (4) ne, war ja im Krieg, (?) Russland, Pole, Deutschland, von
Deutschland wieder zurück.
Wie lange sind sie dann jetzt schon in Deutschland wieder?
Ja, 88.
Ist auch länger. (2) Und ihre Familie, hat die auch immer geplant, wieder nach
Deutschland zurück zu kommen?
Geplant.
Oder war das ein Wunsch in ihrer Familie, oder nicht?
Da hascht verbi(?), worde bischt nach Sibirien gang, des war net so einfach.
Ja. Ich war ja im Krieg in Deitschland, im Krieg. (?) Jaa, das war immer. Erste
Mal ein (?) Abstand von de (?)
Und von dort sind sie dann nach Deutschland?
Huh, von dort sin mer nach Kasachstan.
Ach so.
Und von Kasachstan sin mer wieder nach hierrüben. Da han i net ma gewisst.
Ne.
In Odessa, haben sie denn da in einer deutschen Siedlung gelebt?
Ja.
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Lebten da nur Deutsche?
Nur Deutsche.
Und haben sie da auch Deutsch gesprochen.
Ja, und deutsche Schule ham mer ghat.
Sie haben also auch ne deutsche Schule besucht?
Ja.
Konnten sie denn als Kind schon Russisch sprechen?
Ne. (3) Ich ha kein Russisch geliert. (?) da war entsprechen schlecht.
War´s schwer?
Ja.
Also haben ihre Eltern auch mit ihnen Deutsch gesprochen?
Ja. Bei uns wurd immer mit Deitsch.
Und diese deutschen Siedlungen haben die sich unterschieden von den
russischen? Was war da anders
Nun ja. Sieht man gleich.
Ja?
Joaa. Kasachen oder Russen, Kasachen haben Dreck, auf´m Hof. Die ham
Vieh hatt, Pferde, Vieh hatten se nimmer. (?) Sicher sicher. Anders war das.
Ach, die han doch Land gehat bis oben auf. Morgens treibt ma´s Vieh fort,
wenn schönes Wetter is, obends find er´s nicht. In alle Richtungen, so weit.
Die han (?) waren nix mehr,
Ja, die Landschaft ist natürlich ganz anders.
Morgens wenn´s Vieh nausgetrieben, ja, abends bringen se´s zurück.
Und im Vergleich dazu waren die deutschen Siedlungen sauber?
Ja.
Was meinen sie denn, hat die Deutschen noch unterschieden von den
Russen, Ukrainern oder Kasachen?
Joa, in Ukraine sind wir geboren, war Ok schon, in Odessa, war schön. Es war
alles (?)
Ja, klar mussten sie alles verlassen, auch nicht leicht.
Ja, Katz und der Hund, alles zu Hause, sin mer schon (?) ja, der (?) kei Katz
und kei Hund, ja, den brauch, das brauch mal, schwirrt im Haus hin und au
her, ach guck mal, vielleicht is a Maus, (?)
Hätten sie gern Tiere?
Nein.
Ja. Wieviel Kinder haben sie denn eigentlich?
Vier. 2 Mädchen und 2 Jungs.
Und die leben alle hier in Deutschland?
Alle hier. Der (?) wohnt da vorne, und driebe, an der Eckzaun, a der (?)
Ach ja, da haben sie alle um sich rum. Ist doch gut. Wohnen nicht weit weg.
Und Enkelkinder haben sie auch? Wieviele?
(W. hustet) Enkelkinder ham mer eins. Na, (?) sin verheiratet.
Und sie haben also mit ihrer Frau und ihren Kindern in Karaganda gelebt. Aber
das ist ja eine Stadt, hatten sie denn da auch Tiere, oder so was?
Oh, Kaninchen hat ich viel.
Ja? Aha. Und äh, wenn sie so ihre Kinder erzogen haben, als sie noch kleiner
waren, wie haben sie die erzogen? Waren sie streng zu ihnen, was war ihnen
wichtig, dass die Kinder lernen sollen?
Ich hab die Kinder nit versorgt, das hat sie gemacht alles. Ich musst schon
früh auf´d Arbeit. Um sechse. Kaninchen hen ich gemacht, über 200. In
Kasachstan äh kriegt man nit so viel. (?) Weit fahre, Gras suche, aber do is ja,
da kann man (?) kann ma hole, im Wald.
Haben sie denn ihre Kinder auch manchmal bestraft?
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Wann se´s verdient han, warum net.
Wie denn?
Mit em Rieme. Vo´rm Krieg han se au (?), ach du mein. (?) Und Halle kenn se
auch net?
Doch, Halle kenn ich.
Da ware mer im Lager. (4) Des sin, dan han
Mit ihren Eltern waren sie da?
Naja.
Was war ihnen denn wichtig, was ihre Kinder lernen sollten, was sollten das
mal für Menschen sein?
Och, des is her drübe hat gezählt, musst arbeite, Geld verdiene. Ja.
War ihnen das wichtig, dass ihre Kinder auch arbeiten?
Die machen ihrn Job.
Hat auch eins ihrer Kinder studiert?
Lena.
Lena. (5) Was würden sie denn sagen, wie haben ihre Eltern sie erzogen, da
haben sie ja noch in Odessa gelebt?
Na ja, das war, (?), einma Haus is eingestürzt (?).
Warum?
Han se immer geschimpft.
Die Ukrainer? Was haben sie gesagt?
Faschisten. Wissen´s das noch?
Ich weiß es von meiner Oma, die hat es mir erzählt.
Die is auch von Russland?
Ja, in Sibirien. Erst in der Ukraine, dann nach dem zweiten Weltkrieg in
Sibirien. Ja, da ist meine Mutter geboren.
Da, wo is sie geboren in Sibiren?
J.. Das ist ein kleiner Ort bei Omsk.
Omsk war sie?
In der Nähe, mhm.
Das war net weit von uns.
Ah ja. (7) Und ihre Eltern, was haben sie versucht ihnen beizubringen?
Ach, die hen auch lang nichts gehat zu (?), wie de Krieg anfang hat, mich han
se weg, da war scho, han sogar (?) gemacht, alles wo nix wert war. (6)
Und als sie noch den Hof hatten, mussten sie da auch immer helfen bei den
Eltern?
Auch.
Haben sie sich denn in Russland auch immer als ein Deutscher gefühlt oder
wie ein Russe?
Wie kannst wie ein Russe? Heißt nit Waldemar. Ich heiß doch Waldemar.
Waldemar, ja.
So sach, (7) Waldemar war der Kaiser.
Also haben die deutschen Eltern ihren Kindern auch immer deutsche Namen
gegeben?
Na, ja.
Und ihre Kinder haben auch deutsche Namen?
Naja, Leo, Eleonora, Lena, Hubert.
Ja, sind deutsche Namen.
Na.
Und ähm wollten denn ihre Kinder auch einen Deutschen heiraten?
(4) Unse (?)müssen se (?) ein Russländer, aber ein Kasach. Kasach is schon
(?).
Aber haben sie ihren Kindern geraten, dass sie Deutsche heiraten?
Na, ja.
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Was wäre denn, wenn jetzt jemand ´nen Russen geheiratet hätte?
Dann is der in Russland.
Also haben sie damals schon geplant, also hatten immer schon den Wunsch
nach Deutschland zu kommen?
Ja. Sie haben nichts gelassen.
Und was würden sie denn sagen, was ist denn ihre Heimat?
Ich hab kei Heimat.
Wieso denn? Sie sind doch in Odessa geboren?
Ja. Da sin mer geboren, aber dort hen se uns doch (2) raus alles. Nach
Sibirien. (W. hustet stark.) Nach Sibirien. Ja, mer sin auch keine
(?)Waldarbeiter, is doch schwer genug. Ja, sacht, geh ma nach, zwei, drei
Tag, (3) nach Tag nicht kennt, mein (?), kann ma (?)regnen, schlecht zu
essen. Ach, alles, (?) Ungeziefer sowieso. (?) zwei andere, Nachbar hinten
raus, (?)
Und in Kasachstan haben sie sich auch fremd gefühlt?
Ich war dort nich zu Haus.
Obwohl sie da ja lange gelebt haben.
30 Jahre.
Haben sie sich nicht zu Hause gefühlt?
Nie.(4) Ich hab keine Angst gehabt, weder vor Russen oder Kasachen.
Aha. Und wurden sie denn dort dann auch noch beschimpft als Deutsche oder
war das nur in Odessa so?
In Odessa war et so. Waren lauter Deutsche da.
Ja, und da haben sie ja eben erzählt, dass die Ukrainer auch Faschisten
gesagt haben zu den Deutschen.
Ach, was meinen wie mir, (?), (3)
Und in Kasachstan war das dann kein deutsches Dorf, wo sie gewohnt haben?
Nein, keins. Sie ham sich so bissje so zusammehalte kenne, an der Straße,
und so.
Durften sie denn dort mit ihren Kindern auch Deutsch sprechen in
Kasachstan?
Ja. Aber zu Hause, aber nicht wo, in der Schul darf man nicht, hat man nicht
erlaubt. Hat man´s wieder erlaubt, ich weiß nicht.
Und haben sie mit ihren Kindern deutsch gesprochen, war ihnen das wichtig?
In meinem Haus.
Und haben sie sich dann auch in Kasachstan immer als ein Deutscher
gefühlt?
Na, ja. (3) Deutsche war ein Nazi. Deutsche hen Polka spieln könn.
Polka? Ist das ein deutsches, ein deutscher Tanz?
Ja. Wenn wer richtig, da waren die meiste (?)
Hatten sie denn Freunde auch unter den Russen?
Na, wie sagt ma da, der (?) hat gut gespielt, hat geschummelt aber (?), ja, auf
Hochzeit gespielt.
Aha, sie haben da immer Musik gemacht? Sie und ihr Sohn?
Zu dritt, zu viert.
Wer war da noch dabei?
Ach, waren viel, Anna, (?), Ludwig mit (?) der Trommel, Hannes hat könne (?)
spielen,
Also mit ihrer Familie?
Ja. Musst trotzdem auch was mache, kannst nicht nur sitze,
Und haben sie da deutsche Lieder gesungen oder russische?
Na, deutsche, russische, wie´s alles durcheinander.
Ah, ja. Und ihre Freunde, von ihnen und ihrer Frau, sie hatten da ja auch
Freunde, waren das immer Deutsche oder waren das auch mal Russen oder
Kasachen?
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Ne. Kasachen, sieht man doch gleich, ja, so´n Viereck (?) Oh, Kasachen.
Da waren sie nicht befreundet mit kasachischen Familien?
Ne, warum? Waren einma gangen bis zu´m, hast was Gutes gemacht, han se
alles, (3)
Waren das keine guten Menschen?
Warum, ne. Vom Spiele mit de kasachische Lieder, oh, nicht schön. (?)
Kasachen han (?). Der Lud hat e kasachisches Lied.
Und ihre Kinder, durften sie auch mit kasachischen Kinder spielen oder mit
russischen oder nur mit deutschen?
Warum? Das war alles durcheinander. In der Schule. Ne, das geht, 200, 300
Menschen, fertig. Eine Klasse so 40, 50 Mann.
Das ist groß, eine große Klasse.
Ja, so klein nicht wie hier. (2)
Also hatten sie auch Kontakt mit Kasachen, mit Russen, mit Deutschen, so
gemischt, ja?
Ja, da gab´s nicht, ich konnt ja nicht mit ihm sprechen, der konnt ja kei
Deutsch.
Ach so. Aber auf Russisch hätten sie sich doch unterhalten können.
Na, ja. Wann er kann.
Und ihre besten Freunde, waren das Deutsche oder Russen?
Ach, wie sagt man da,(?) Russland, Deutsche,
Ah ja. (4) Und was würden sie sagen, unterscheidet nun die
Russlanddeutschen, also in Russland, die Deutschen, die da gelebt haben,
was ist bei denen anders als bei den Kasachen oder bei den Russen?
Na, is schöner, größer, und wenn der reinkommst ins Dorf, siehst schon, is en
deutsches Dorf.
Und nachher in Kasachstan, da waren ja keine deutschen Dörfer mehr, hat
man da auch, wie haben sich da die deutschen Familien unterschieden?
Na, do hen doch auch deutsche Dörfer, die hen so schöne Häuser gebaut,
und (?) schneller.
Haben sie ihre Frau in Kasachstan kennen gelernt? Ihre Frau.
Ja.
Und stammt sie auch ursprünglich aus der Ukraine? Auch aus Odessa.
Ja. Ach, i hab so viel, als Deutsch und Russisch. Russisch kennst auch nit?
Nein, nicht so gut.
Net so gut.
Und jetzt, wo sie wieder hier in Deutschland sind, fühlen sie sich hier nicht
heimisch? Ist das nicht ihre Heimat?
Warum nicht?
Weil sie ja eben gesagt haben, sie haben keine Heimat.
Siehst du, wir haben da des Haus gebaut, so waren wer drin. Is ne Heimat und
fertig. Aber ich kann ja net sagen, is mei Heimat, (?) hier Wohnungen und (?),
in Russland war´s mit der Wohnung schlecht. Musst lang warte, bis du ne
Wohnung kriegst.
Ham sie denn da auch ein Haus gebaut, in Russland?
Ja.
In Kasachstan?
Ja. (5) Das war schnell, Ruck-Zuck, drei-vier Sonntag war´s fertig.
Ja? Aus Holz, oder?
Na, hier Handwerk. (W. hustet) Das sind noch Kohle überall, machen de Zieg,
verbrennen, schmeißen raus, Schlack und so.
Ah ja.
Und des ham mer gefunde, (?) gemacht so hoch und reingeschmissen,
Zement und alles. (?) Lang. (2) Alle Tag Sonne.
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Hier regnet´s viel. In Niedersachsen aber auch. Aber sie haben ja eben
gesagt, dass sie mit ihrer Familie immer nach Deutschland wollten, und jetzt,
wo sie in Deutschland sind, fühlen sie sich nicht wie in der Heimat?
Warum nicht.
Fühlen sie sich hier in der Heimat?
Ja, ich bin doch in Deutschland schon gewese. Na, hab ich doch erzählt, da
haben sie mich wieder raus.
Genau, genau. Also fühlen sie sich hier fremd, oder?
Nein.
Fühlen sie sich wie ein Einheimischer?
Joa.
Ja? Oder fühlen sie sich wie ein Russlanddeutscher?
Mir is des egal.
Egal?
Man kann überall nich lebe, wenn ma nach W. (Name einer Stadt in
Deutschland) gefahren, wissen sie, wo W. ist?
Ja, bei H., haben sie ja gesagt.
Ja, (?) Fabrik, (?)
Ja, haben sie hier Kontakt zu ihrem Nachbarn in der Straße?
Na, warum. Kennt man den, wie waren einmal, dann sind se raus, die waren
net solange, in der Wohnung waren schon (?)
Hier in dieser Wohnung?
Ja, ja.
Da wohnen sie schon lange hier.
Joa.
Wohnen hier, ihre Nachbarn, sind das Einheimische, oder sind das
Russlanddeutsche?
Das sind Einheimische, und alles.
Und, hier in Deutschland, haben sie da mehr Kontakt zu Russlanddeutschen,
oder auch zu Einheimischen?
Mir is das egal.
Denken sie, dass die Einheimischen anders sind als die Russlanddeutschen?
(5) Die machen was sie wollen. (W hustet)
Glauben sie, dass die Einheimischen die Russlanddeutschen nicht mögen?
Mir sin doch nach Hause weg (?)
Warum ist das wohl so?
Das geht um (?) geläufig, (?)
Mhm. Nein nein, sie haben ja auch die deutsche Staatsangehörigkeit.
Niemand kann sie zurückschicken.
Ne.
Ne, ne, das geht nicht. Aber glauben sie wirklich, dass die Einheimischen das
nicht wollen, dass die Russlanddeutschen hier sind?
Die wolln uns nicht hier.
Wieso denn nicht?
Na, wi hen de, wie viel Leute sind hier?
2 Millionen.
Drei. Ja schon. Und keine Russlanddeutschen sitzen nicht zu Hause, alle
gehen se arbeiten.
Aber das ist doch nur gut.
Ja, is gut, aber da kommen se hin und (?) Türken,
Aber da könnten doch die Einheimischen froh sein, wenn sie arbeiten.
Ja, aber sie möchten ja Arbeit. (5) Wir in W. (?) bin ich auch zur Schul
gegangen.
Ja, wie alt waren sie da?
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Ah ja. Ja, da kann man sich schon erinnern.
Ja. (6) Da is nix mehr was gewese is, ich hab die Maulbeere so gern gegesse.
Wie mir drinnen gewes sind, ich und der Hannes.
Wo sind sie gewesen? In W.?
In W., in (?) in ah wie heißt denn das noch? Is ne große Fabrik, ist acht
Kilometer noch. L., L..
L., aha. Und die gibt’s jetzt nicht mehr.
Ja, das gibt, das gibt,
Und die Maulbeeren haben sie nicht mehr gefunden?
Ach, alles (?) verbrennt. Die Bäume sind nicht mehr. Nix mehr.
Naja, ist ja auch eine lange Zeit vergangen.
Ja. (Murmelt vor sich hin.) Heb ich noch Steine geklopft, da kam die Polizei.
(?)
Ah, ja die Polizei. @1@
Ja, lass se krieg (?), war es arschkalt, (?) die hab schon wieder. (?) Ach, sacht
der Chef, Waldemar, was machst de morgen? Nix. Ich geb dir en Fahrrad.
Kommst mit nem Fahrrad. Na, was soll ich machen, na hin (?), ach der hast de
mei Kirsche gefresse, wie (?), Ich sach, ich kann hier nit den ganzen Tach
sitzen und kei Kirsche esse. Muss ma doch esse.
Das war in der Zeit, als sie hier in W. gelebt haben?
Ja, ja. Dreizehn Jahr, und da musst schon en Beruf han.
Was war denn ihr Beruf in Russland, was haben sie gearbeitet?
Kraftfahrer.
Ah ja. Und als sie dann nach Deutschland kamen, haben sie schon nicht mehr
gearbeitet, oder?
Hab ich schon.
Ja? Und als was?
Auch Kraftfahrer.
Und was war ihre Frau von Beruf?
Sie het nicht geschafft.
Ne. War mit den Kindern?
Ach, Kinder waren schon groß. (5)
Ist das so bei Russlanddeutschen, dass die Frauen zu Hause bleiben und die
Männer arbeiten gehen?
Ja, so war´s. Wenn ne Frau hier ma vier sechs Kinder hat, eine
Russlanddeutsche hat keine vier sechs, achte neune zehn.
Ja.
Ja. Wie kann sie arbeite gehen, wo solle die Kinder hin?
Ja, ja. Was sind denn so typische Frauen-Aufgaben und Männer-Aufgaben, im
Haushalt, hat das alles die Frau gemacht?
Bin doch morjens auf´d Arbeit. Fott. Muss ma Ende haben (?),
Und ihre Frau hat sich dann aber auch um die Tiere gekümmert, um den Hof.
Ja.
Also müssen Frauen in Russland eigentlich auch viel arbeiten?
Ja. Ich heb Kaninchen viel. Des war. 30 Kaninchen. (?)
Wo hat ihnen das Leben denn besser gefallen, in Russland oder hier?
In Deutschland.
Ja? Wieso?
Ach, mir sind zurückgebracht, ham mer ne Woch kei Esse kriegt. Han se auf
de Bode geguckt, ob se nix finden. (4) Nix. War alles so.
Ja. ganz schwach.
Ja, die Hose hinne im Arsch, der Wind. Wie sagt man da?
Hin und her geweht, ja.
Han nix zu esse.
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Gibt´s denn auch was schönes am Leben in Russland, oder fanden sie alles
schlecht? Gibt´s auch was, was besser war als in Deutschland?
(3) Ja. (8) (?) Arbiet mit dem Koch has, man muss Kartoffel setze, ja, und die
Kartoffel hast sonst noch nix. Musst Kartoffel setze, gieße, und, ja, am
Spätjahr musst se raus graben. Nach Haus bringen, (5) ja, des is Arbeit.
Tomate, und des ganze Döns, Pfeffer,
Und fanden sie das besser als hier, dass man dort Arbeit hat?
Da hab ich gesagt, nix. Da war doch Kolchos, und des Kolchos, des is so,
weißte ja.
Gibt´s denn dort jetzt immer noch Kolchosen, ne, oder?
Jetzte, ich weiß von nichts.
Wollen sie denn noch mal zurück zu Besuch?
Nö. Ich mach nich zurück.
Auch nicht nach Odessa mal?
Ach, nach Odessa. Des ist so weit, da muss ma bis nach Moskau fahre, von
Moskau muss ma dann noch bis nach Odessa fahre, ja. Ach, du mein, da
kann ma doch fahre nach, wie sagt ma da, nach Türkei. (4) Des is a (?) nach
Italien. Mein Gott, is das heiß.
Ja, ja. Waren sie da in Urlaub? In Italien?
40 Grad am Tag. (?) Mein Gott. So´ne Hitz, hat man den ganzen Tag im
Wasser gehängt. Fuffzig Grad, das Wasser war ja warm.
Hat es ihnen gefallen in Italien?
Na, warum nit. Mir han dort, wie sagt ma da, ne Wohnung gehat. Im vierte
Stock sin mer gewohnt. Na, das. In Italien.
Waren sie da mit Ludwig und seiner Familie?
Ja, und noch noch ei, sein Kameraden. Ei, ei, e Hitz, e Hitz,
Ende Kassette 1 Seite 1
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Ist das richtig?
Ja, man arbeitet dri Stunne, und schwitzt, ne.
Also ist ihnen ihre Familie sehr wichtig? (4) Sie haben ja jetzt auch schon
einige Enkelkinder schon, also die Lena hat ja schon drei Kinder, und die
anderen haben doch bestimmt auch Kinder?
Ja, der älste, der Ludwig, der hat scho geheirat.
Ach so, also haben sie auch schon Urenkel?
Ja.
Na, Herzlichen Glückwunsch. Wird die Familie immer größer.
Och, 10 sind´s.
Ja? 10 Enkel?
Ja, ne, (?), 25, 26 Mädchen müsse heiraten.
Ach so, die sind schon 25, 26 und sind noch nicht verheiratet?
Nein.
Ach so. Ist das schon spät für sie?
Ja. Wenn ma mit 26, 27 in Russland nit verheirat ist, heißt es (?),
Ja, oh wie. Aber hier in Deutschland ist ja oft, dass man später heiratet.
Ja, das is au (?)
Wollen sie denn, dass ihre Enkelkinder Russlanddeutsche heiraten?
Mir ist das scheißegal.
Ja? Könnten sie auch einen Einheimischen heiraten?
Ja.
Oder Türke?
Naja net.
Türke nicht. Und warum?
Was sagt man, in sei Trupp,
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Muss man bleiben?
Ja. Nich dort nein, dort nein, einer hat en Türkin, der ander weiß ich net, was
der noch hat. Nein, nein.
Und sie finden das nicht gut. Sie finden, Russlanddeutsche sollten auch
Deutsche heiraten?
Ja.
Und dann ist egal, ob das ein Russlanddeutscher ist oder ein Einheimischer?
Des egal.
Hauptsache Deutscher?
Ja, ja.
Also würde auch, fänden sie es auch schlecht, wenn eine ihrer Enkeltöchter
einen Schwarzen heiraten würde?
Nä, nä, nä, nä. Da dät ich fottbleiben von dere Hochzeit.
Nein, wirklich? So streng.
Nix. Wenn se net heirat, (?) das Lene kommt jetzt bald nach Hause, im
August, war se weit fort, was isch, ja, anderthalbtausend kost grad ei- ein da,
hin und zurück 3000.
Die ist nach Australien geflogen?
Ja, ja. (4)
Und vom Ludwig, der älteste Sohn, haben sie gesagt, ist schon verheiratet?
Und hat der ne Russlanddeutsche geheiratet oder ne Einheimische?
Ne Russlandsdeutsche. Und äh, von, in Dresden wohnte se.
Ah, ja. Und wohnt der Enkel auch in der Nähe?
Beim Ludwig untern Dach.
Also bleibt ihre Familie so eng zusammen? (3) Und wenn sie jetzt so ihre
Enkelkinder anschauen, ne, und ihre eigenen Kinder damals in Russland, als
die noch so in dem Alter waren, gibt´s da Unterschiede, sind ihre Enkel anders
als ihre Kinder waren?
Ach, (5) (?)
@1@ Ach so. (W hustet stark) Also sie haben ihre Kinder mehr, auch mal eins
drauf gegeben?
Ja, ja. (4) Da han er Polizei neben dran stehn, sagt nix. Sagen se nix. Ach,
hen e ma ein aufs Ohr kriegt. Jetzt sin mir ja (?), han drufgehaue, Polizei.
Tasche, von denen, wie sagt ma dann, die (?), große (?) gewese. (?) Alles
Nixnutz. Ja, has kei (?),
Gibt es denn so spezielle russlanddeutsche Traditionen? Traditionen oder
Bräuche, die sie in ihrer Familie haben, oder gibt´s so was nicht? (4) Bei den
Deutschen, gab´s da irgendwas?
(4) Ja, wie sagt ma da, (7)
Was würden sie denn sagen, fühlen sie sich wohl hier?
Warum nicht? Kannst doch mache, was´d willst. (3) Da sin´s net so viel Bäum
wie vorm Krieg, vorm Krieg war ei ei ei, ein Baum nebeneinander. Da bist zu
de Gemeinde gange, und die Gemeinde hat e raus geschriebe, än Baum oder
zwei, hen se gesagt, na, hast das alles sauber gemacht, (?)
Wo war das?
In W.. Ach, da war, ein Weg is gange, so wie jetzt der, hin drübe sind die
Bäume nit. Ach sind da Bäum gewes, und lauter Obst, Obst, Obst, Obst. Und
Birken so viel, Ach du mein.
Ja, jetzt sieht´s ein bisschen anders aus in Deutschland.
Na, ja.
Was war denn ihr Vater von Beruf? Was hat der gearbeitet?
(3) Der war, wie sagt man, wie Mechaniker, oder wie sagt ma da? Is er gewes.
Und sie waren also mit ihren Eltern dann zusammen in W.? Oder waren sie
dort allein?
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Ne, da war ich allein.
Allein? Und wo waren ihre Eltern?
Mei Eltern sind schon um 37 geholt worde, KGB. (?)
Und was ist mit ihnen geschehen?
Ach, die hen se doch erschossen.
Ja?
Ja, in (?).
Und da waren sie ganz alleine? Oder hatten sie noch Geschwister?
Geschwister.
Und sind diese Geschwister mit ihnen zusammen nach W. gekommen?
Nein.
Ja, das is ein Schicksal.
Ja. (3) (?) hen ich, dort war schön gewes, han se alles kaputt gschlage. Na.
Wo war das? In Odessa?
Wo in Odessa? Da han se uns nicht bombardiert. Das war unne em Krieg, hier
in Deutschland, wo ma waren, in W..
Und die Russen haben das bombardiert?
Ja. (?) han des zerschossen. Amerikaner und Engländer, Hannover, (?) Berlin,
Merseburg, wo ne Fabrik gewäs is, han se, bis se kaputt war. Drum han se
uns (?)
Wann wurde ihre Frau denn krank? Direkt als sie nach Deutschland kamen?
Och, ja. Is schon lange krank.
Und ihre Töchter pflegen sie, ja?
Ja.
Ah, das ist ja gut.
Ja. Sie sagen´s halt, wir kommen. Morgens muss se komme, wegen de (?),
erscht neintunkt wird, (3) kommt e no zu mir,
Das ist aber nett.
Ja. Ich kanns nit mache.
Na klar.
Die esst nit nix.
Was ist das denn für eine Krankheit?
Alzheimer. (4) Hat se gelege im Krankenhaus, im Paracelcius, (W. hustet) Na
so ist das, bringst de nei, kannst de (?) wegschmeiße. So geht´s, kann nich
sprechen, nix. Kann auch die Sprach nicht mehr, kann nicht sprechen.
Haben sie denn Freunde oder Bekannte, mit denen sie sich mal treffen?
Ach, ich treff net viel. Nit viel, aber, wenn de keine Wage hast zum naus, (?)
Ja? Sind das Russlanddeutsche?
(?)
Aber dann wohnen ja auch ihre Kinder hier in der Nähe, die Familie, können
sich doch auch mal besuchen.
4, 5 Meter. Dann 100 Meter weiter.
Da haben sie ja auch Leute um sich herum.
Ja.
Und ich hab hier noch so einen Fragebogen, den können wir ja grad noch
ausfüllen. Wie war noch mal ihr Vorname?
Waldemar.
Winter, Waldemar.
Ja, Winter, Waldemar.
Wo sind sie dann geboren? In Odessa, oder wo?
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In Rastatt.
Rastatt. Ein deutscher Name. Das war aber Gebiet Odessa?
Ja.
Und wann sind sie geboren?
1930. Ach, wir waren 120 Kilometer von Odessa wag, ja. Ach, war das weit,
mit dem Pferde bist nein, biste stehn gebliebe, 3 Tage, bis se se wieder raus
gezogen hän.
Und ähm, welche Konfession haben sie?
Wie?
Sind sie evangelisch oder katholisch?
Katholisch.
Gehen sie denn hier auch in die katholische Kirche?
Ja.
Jeden Sonntag? Und wie kommen sie dahin?
Ja, mit em Auto.
Ach so, sie fahren ja noch. Ach, das ist ja praktisch. Sind sie mit ihren Kindern
auch immer früher in die Kirche gegangen in Russland?
Ach, in Russland. War kei Sach (?)
Ach so. Wie viel Klassen haben sie denn beendet?
Sechs.
Und davon auch zwei oder wie viel in Deutschland? In W.?
Ach, i hätt schon, in W. bin ich, in sechste gegange.
Und als sie dann nach Karaganda kamen, sind sie nicht mehr in die Schule
gegangen?
Dort hat dich niemand nich in die Schule gelassen.
Ach so.
Nur zum Arbeit, und fertig.
So, und dann, haben sie dann dort so ne Ausbildung gemacht zum
Kraftfahrer?
Sechs Monate. Ja, Ausbildung.
Und als Kraftfahrer haben sie auch immer gearbeitet? In Russland und auch
jetzt in Deutschland?
Ja.
Das wurde hier anerkannt in Deutschland, die Ausbildung?
Na, ja.
Ähm, engagieren sie sich irgendwie außerberuflich in einem Verein, oder so?
Sind sie in einem Verein? Sportverein, Gesangsverein?
Nix.
Wie heißt denn ihre Frau?
Larissa.
Geborene?
Tundra.
Wo ist denn ihre Frau geboren?
In Kandeln.
Das ist auch Gebiet Odessa?
Ja, ja.
Aber damals haben sie sich noch nicht gekannt?
Ne.
Und in welchem Jahr ist ihre Frau geboren?
1927.
Und ist ihre Frau auch katholisch, wie sie?
Mhm.
Wann haben sie denn geheiratet?
Ach, geheiratet. So sin mer zusamme komme, ma han ja nix zum Esse, (?)
Ja, aber man lässt ja dann so die Namen zusammen schreiben.
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Ja, ja.
Und sie haben gesagt, ihre Frau hatte keinen Beruf. Sie war Hausfrau.
Beruf hat sie nit.
So, sie haben gesagt, sie haben drei Kinder, ja, ne, vier.
Vier. 2 Mädchen und 2 Jungs.
O.k., der erste heißt Ludwig, wann ist er geboren, in welchem Jahr?
53.
1953, und wo? In Karaganda?
Ja.
Ist er auch katholisch?
Ja, warum nicht. Wenn ich katholisch bin.
Und was hat er für eine Ausbildung gemacht, beruflich?
Klavier am Spielen.
Aber, Berufsausbildung?
Naja, Musik hat er gemacht, 2 Jahre.
Musikhochschule?
Hochschul.
Und ähm, als was arbeitet er jetzt?
(?)
Bei (?) als Facharbeiter?
Ja. Als äh, wie sagt man, Elektriker (?)
Und der 2. Sohn, oder wer kam dann?
(?), hen se glei verbote,
Ach so. Wer war denn das 2. Kind?
Der Hubert.
Hubert?
Ja.
Und wann ist Hubert geboren?
55.
Auch in Karaganda?
Ja.
Und was ist sein Beruf?
Schweißer.
Und ä hat er auch ne Hochschule besucht?
Ne.
Und wer kam dann?
Dann, Lena.
Lena, und danach Eleonora. Und wann ist Eleonora geboren?
62.
Auch in Karaganda?
Ja.
Und was ist sie von Beruf?
Die het,
Hausfrau?
Ne, Marktkauffrau.
Aber sie hat keine Hochschule besucht? Weil Lena, zum Beispiel hat ja auch
ne Hochschule besucht.
Ne, ne.
Ähm, wie hieß denn ihr Vater?
Leo.
Leo Winter? Wissen sie, wann ihr Vater geboren ist, in welchem Jahr?
1901.
Und wo ist er geboren?
In Rastatt.
Und ihr Vater war auch katholisch?
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Ja.
Und was war ihr Vater von Beruf? (4) Was hat ihr Vater für´n Beruf?
Hat gschafft in Zuckerfabrik.
Mhm. Und aber, ihre Familie hatte doch sicher auch einen Hof? Also war er
auch Bauer?
(?)
Wissen sie wann ihre Eltern geheiratet haben, in welchem Jahr?
Weiß ich nicht.
Wie hieß denn ihre Mutter?
Karin.
Und wissen sie, wie sie geboren wurde, mit welchem Mädchennamen?
Weiß nicht.
Ist sie auch in Rastatt geboren?
Ja.
Und wann?
Weiß ich nicht.
Sie war auch katholisch, ja?
Ja.
Und was war ihre Mutter von Beruf? (6) War sie zu Hause, Hausfrau?
Ja, acht Kinner hat se gehabt. Acht Jungs.
Mhm. Also sie haben noch 7 Geschwister?
Ach, die leben nimmi. Noch einer lebt.
Der wievielte waren sie denn? Waren sie der Jüngste?
Ja, ich bin der Jüngste. (6) (?) Der (?), der is noch in Hamburg.
Und die äh, die älteren Söhne, sind die in Russland gestorben? Oder kamen
die auch alle nach Deutschland?
Die waren nicht in Russland.
Nein? Wieso nicht?
Die hen sich versteckt, wie se hen gewusst, se wern gleich zusamme gehaun.
(?) Sind se kumme, zwei drei Soldate, (?)
Ach so, während des Krieges, wo sie hier gewesen sind?
Ja, ja.
Alle Söhne, alle Brüder von ihnen?
Joa.
Und sie sind als einziger nach Russland gekommen? Und hatten sie dort gar
keine Familie? (16) Ach so, und ihr Bruder hat sie dann auch raus gerufen
nach Deutschland?
Ne, der net. Hat zu viel, Hosen voll, Angst hat er gehat. So´n Angst hän ich nit.
(?) Sag, musst nit spreche könne russisch. Er kann. (?) (6) Schiffe han se
gebaut. In Hamburg. 30 Jahr schon Rentner. (4) (?)
Wann wurden sie denn nach W. gebracht? (4) In welchem Jahr kamen sie
nach W.? (4) War das 1940?
Na. Des war (?)43, da bin ich in´d Schul gang.
Ja. Und wann kamen sie dann nach Karaganda? In welchem Jahr?
46. Ach, (?), nächste Nazi, nächste. Na, und im Krieg war´s net zu vergleiche
so wie jetzt. (?)
Und 1943 sind sie zusammen mit ihren Brüdern nach Deutschland
gekommen, und die sind dann hier geblieben, und sie sind dann 45 wieder
zurück?
Ja. Hat nix gesagt, dass war der Bruder. Dann hätten se auch raus. (2) (?)
soage, nix. Aha, Traube sin kaputt, hat so viel Traube gehat. Ja, sag, sin
kaputt. (?)
Ende der Aufnahme
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1.2.3 Elterninterview mit Anton und Lena Wondel
Datum:
Ort:
Anwesende:
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05.11.03
30.01.2004
Vater:
Mutter:
Interviewerin:
Anton Wondel (As)
Lena Wondel (O)
Svetlana Kiel (S)
Ja, ähm, es geht um eine ähnliche Thematik wie in der Gruppendiskussion,
aber die Einzelinterviews sind einfach dafür da, dass man sieht, wie die
einzelnen Generationen das so für sich sehen. Genau, da wär noch mal die
ganz normal, die allgemeine Frage, was haben sie an Veränderung erlebt hier
in Deutschland gegenüber dem Leben in Russland. Was fällt ihnen da ein,
was ist anders geworden, was ist ähnlich geblieben, im alltäglichen Leben,
vielleicht im Berufsleben, im Familienleben, ganz allgemein gefasst, was ihnen
da einfällt.
Wir sind solange hier, wir sind so jetzt in diesem Leben drin, dass (10). Jetzt
sind das schon wie viel Jahre? Acht?
L Fünfzehn.
Fünfzehn Jahre. Da hat man ja schon fast wieder vergessen.
Deswegen die schlechte Erinnerung sind dann schon verblasst, wir können
nur was gut ist. Wir waren ganz gut angenommen, sofort, katholische
Arbeitsbewegung, wir haben sehr viel Glück gehabt mit Leute. Von dieser Zeit,
alter Zeit haben wir noch viel Bekannten. Aber wir sind jetzt aus diesem Kreis
aus irgendwelchen Gründen, wir haben gebaut, raus, der Kontakt zu all den
alten Leuten haben wir jetzt nicht mehr, aber neuen haben wir jetzt. Ich meine
viele Leute waren hier in Deutschland auch ein bisschen (?)und äh (?) war
wahrscheinlich besser.
L Als Heutzutage?
Als Heutzutage. (4) Und dann mein ich allgemein, dass Ruf von
Russlanddeutschen viel äh besser war. Wenn man jetzt jemand reden hört,
dann sofort Kriminalität (?)
Woran liegt das wohl?
Ja,
Weil aufgekommen, Leute worden oder würden verschiedene Menschen.
(Fordert ihre Tochter auf, das Zimmer zu verlassen, um die Hausaufgaben zu
machen)
Gemischte Ehe. Oder (5)
Ich würde sagen, in diesen Jahren, als wir kamen, 88, 87, 86, da war schon
der Anfang, sagen wir noch vier Jahre drauf, da waren die Leute richtig
gekommen, die wollen nach Deutschland, die wollen mit gute
L Die wollen immer
nach Deutschland.
Die mit mit guten Willen, wir suchen hier die Heimat, und denkt man immer,
ach, ja, und nach diese vier fünf Jahre sind hier aufgenommen, nicht alle, da
sind noch Leute, die noch jetzt kämpfen, aber irgendwie haben die andere
bessere, gemischten Ehen, die Leute, die nie was von Deutschland gehört
haben, die nie sich interessiert haben, wo die deutsche Sprache war fremd
und hat nichts gesagt, und auf einmal war das. Wir sind gekommen nicht, dass
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das Leben viel besser hier ist, vielleicht auch, haben wir auch gedacht, auch,
ja, aber nicht in diesem Maße, was heutzutage ist. Nach uns dann, nach so
vier, fünf Jahre- Wenn ich gucke, welche Leute hier rumlaufen, dann denk ich,
meine Güte, das macht ja das also.
As:
L Für des muss man ja auch auf die
Veränderungen in Russland Rücksicht nehmen, wir sind aus frühere
Sowjetunion,
(?)nitat, (?) und erste
L:
L Aus normale Leben. Aus normale Leben.
As: zehn Jahren ist da Chaos, macht auch Leute kaputt und diese ähm Leute, die
ein bisschen wahrscheinlich Orientierung verloren haben, oder da in Russland
da schon ein bisschen falsche Linie hatten,
L:
L Die Jugendlichen sind anders
geworden wie in Russland so auch hier. Die Kriminalität ist viel, die Drogen ist
mehr, (4) die Jugendlichen jetzt da in 90er Jahre, Ende 90er angekommen
sind, die haben schon da was mit,
As:
L Wahrscheinlich spielt alles über
Jugendliche, in Russland sind die Gesetze strenger, hier sind, hier ist das
irgendwie lockerer und
L:
L Ja, wer macht denn schlechten Ruf? Die ältere
Generation oder die Jugendlichen?
Die Jugendlichen machen den
As:
L Die Jugendlichen.
L:
schlechten Ruf, die veranstalten hier alle schlimmen Sachen
(Das Telefon läutet und Ljoba geht zum Telefon.)
As: Diese ganzen (?) in Geschäft, wenn du da in Russland (?), dann gehst du in
Knast, halbes Jahr oder Jahr, was weiß ich. Hier machen die zehn Mal und
dann dürf, darf man, sind die noch nicht (? Spricht kurz Russisch)
Jugendschutz, oder wie heißt das?
S:
Nach dem Jugendstrafrecht.
As: Das hier falsch gemacht. Weiß ich nicht, ist das richtig oder nicht? @1@
S:
Ihre Frau hat ja grad gesagt, dass die Leute selbst aus anderen Gründen
kommen, aus welchen Gründen sind sie denn damals nach Deutschland
gekommen?
(10)
As: Verwandte von Ljoba, die sind 1970 schon, die haben aus, die haben alle
zusammen in einem Dorf gewohnt, nur Deutsche, und die haben immer den
Wunsch gehabt, nach Deutschland zu gehen, und manche haben das Mut
gehabt früher, und gangen da weg nach mantische (?) Republik oder nach
Wandalien, und da war es eine Chance nach Deutschland zu gehen. Und
mein, von meiner Seite, so ein Drang nach Deutschland zu kommen war nicht,
äh, dann hab ich immer öfter diese Themen gehört, Leute haben sozusagen
ihren Wunsch mit mir geteilt. Und äh wann ist Gorbatschow gekommen? 86
oder 87. Und dann war auf einmal diese Möglichkeit da, (2) Ausreise. Und wie
gesagt, erste (?), die hat jetzt (?)
S:
L Das war die erste, die aufgemacht hat?
As: Die war die erste, die hat immer geschrieben und in diesem sind wir alles
gekommen, waren wir schon mal in Deutschland, und alle Geschwister sind
dann hinterher gekommen. Ljobas Mutter hat 6 Geschwister. (4) Wie gesagt,
das war nicht direkt mein Wunsch, das war Träume von Eltern von Ljoba, das
war richtig, (?) die haben dort heimlich ´ne Kirche, die haben- In Russland war
S:
L Ja?
As: Kirche verboten. Wir haben so, einmal in diesem Haus, einmal in anderen,
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S:
War das dann katholische Kirche?
As: Katholisch. (5)
(Ljoba kehrt zurück ins Zimmer und beschwert sich über ihre Tochter.)
L:
So, ich mach jetzt weiter.
S:
Ja, genau. @2@
L:
Ich ärger mich, wenn so spät,
S:
Wann muss sie denn normalerweise schlafen?
L:
Halb neun muss sie schon im Bett sein.
S:
Wir haben grad darüber gesprochen, aus welchen Gründen sie ausgereist
sind. Ja, da hat ihr Mann erzählt, dass das eher von ihren Eltern ausging.
L:
Mhm. (8) Ja, das erste, was man so im Hintergedanken hat, deutsch zu
bleiben. (3) Das war das erste, das zweite, ja, die Eltern haben da als Erste,
wir haben dann nach (2) nachgemacht, nach, nachgekommen. Ja, das Leben
zu verändern, weil vieles, was da war, hat nicht so gepasst. Das Leben zu
verändern, diese Freiheit, was hier war, hat man dann mit Reisen und, das
haben wir ja alles nicht gehabt, diese Möglichkeit hat man ja nicht gehabt, ja,
und das andere Leben, wie das hier, wir haben gewusst, dass hier viel anders
ist, aber wie das ist, das haben wir nicht gewusst.
S:
Und waren sie enttäuscht?
L:
Nein, überhaupt nicht. Enttäuscht nicht.
S:
Was würden sie sagen, ist denn so anders?
(5)
L:
Ja, (3) vieles ist anders, wir sind so schon dran gewöhnt, @2@, (4) das
normale Leben ist anders, mit allem, Waschmaschine, Trockner und was alles
gibt, Geschirrspüler. Von alles, Spülmittel, das gab´s damals nicht. Heut
wahrscheinlich gibt´s das da alles, ich war nicht in Russland, aber ich glaube,
diese, das hat sich ja schon vieles alles geändert, die haben ja die Sachen,
was wir haben, ham die da, die ham jetzt diese Kaufmärkte auch. Ja, die
wandeln sich jetzt um. @1@ Damals gab´s das nicht alles. Die Geschäfte, die
Einkäufe, das äh (3) dieses normale Leben, das ist alles anders. Du fängst an,
dass du zuerst, bevor du waschen musst, musst du das Wasser besorgen,
holen, reinholen, warm machen und dann waschen. Und bevor man Geschirr
wäscht, wir sind in eigenem Haus gewohnt, musst du das Wasser zuerst heiß
machen, und dann waschen. @1@ Ohne Spülmittel. Das ist was anderes.
Aber das Leben war einfach, da hat man nicht so viel Probleme gehabt, wie
hier. Warum weiß ich nicht. Genau mit Schule, da haben wir überhaupt keine
Probleme gehabt, und hier sitzen wir, @2@ Ja, die Schule ist anders, die
Kindergarten ist anders,
S:
Einfach vom System her?
L:
Alles. Ja, System. Die Erziehung ist anders.
S:
Wo sind da Unterschiede in der Erziehung?
L:
Ja, von Disziplin her, da wird Disziplin gehalten schon im Kindergarten, und
die Kinder wachsen so auf, (4) ja, im Kindergarten, das er Aufbau, das ist
schon, die machen so viele da Sachen. Hier macht man mit Kindern viel
basteln. Jetzt waren zwei meiner Kinder hier im Kindergarten, die basteln
jeden Tag und machen. So, oder viel Malen, viel Basteln. Da haben Kinder
auch Sportunterricht gehabt, Musikunterricht, da mussten sie Gedichte lernen,
erzählen, Tänze lernen, vorsingen, dann haben sie schon Unterricht, wie hier
bei der Vorschule, da ham sie schon früher gehabt, so kleine Unterricht. So
die Bildung hat schon da im Kindergarten angefangen. Auswendig wird hier
überhaupt nichts gelernt, wenn dann in vierten, fünften Klasse, ja, da hat man
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L:
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S:
L:
schon ganz viel auswendig gelernt. Kinder könnten erzählen äh Gedichte, wie
du willst. @1@ Das haben sie einfach so gelernt. Von Disziplin. Was hier
Kinder dürfen, dürfen die da nicht. Ich weiß nicht, was ist heute, ne, vielleicht
ist auch wieder anders. Ich hab schon gehört, was die erzählen, hat sich auch
vieles in der Schule verändert, ist alles lockerer geworden. Ja, und diese
Autorität vom Lehrer, die war so hoch, und das war nicht so Freunde, äh, ja,
hier sind die Kinder ja als Freunde mit Lehrer, da hat man schon, ok, da hat
man auch Gespräche normal gehabt, aber dieses natürlich, die Autorität war
immer dazwischen.
Was finden sie dann besser?
Ja, das andere muss auch nicht fehlen, aber was die Kinder, zum Beispiel hat
letztes Mal die Lehrerin erzählt, ein Kind hat nicht gefallen, was die Lehrerin
gesagt hat, hat es sich hingelegt auf den Boden und lag da 45 Minuten. Ja,
L @2@
es war sauer auf die Lehrerin. In Russland passierte so was nicht. Oder bevor
hier Lehrerin was sagt, oder wie will die Disziplin verbessern, das erleb ich bei
meinem Kind, dann sagen die Eltern schon, ach Frau Sowieso, ich glaube,
das, das dürfen sie nicht. Dann wird sofort, oder dann hat das Kind einmal,
zweimal, äh nicht das gemacht, jetzt legst du das Spielzeug hier auf den
Tisch, und das bleibt liegen, bis die Schule zu Ende, dann nimmst du das mit
nach Hause. Nach erste Pause war das Stück weg, ja und dann hat sie das
Kind nach Hause geschickt, und dann waren die Eltern sofort da, das dürfen
sie nicht machen. Das dürfen sie nicht machen. Ja, die hat sich sofort, ja mit
Absprache mit Eltern, dann darf ich das machen. Aber wenn man so was sagt,
dann wird zwischen Eltern hier und Lehrern sofort hm, nicht zu streng, aber
die Kinder machen das (?)
Sehen sie denn da Unterschiede bei ihren ersten beiden Kinder, die waren
doch dort noch in der Schule?
Ja, der älteste Sohn war im Kindergarten da.
Waren da Unterschiede so in der Entwicklung oder in der Erziehung?
Mhm. Ja, wir haben so viel zu tun jetzt mit der Kleinen, der hat viel
selbstständiger alles gemacht, einmal nur rein gucken, nur sagen. Und hier
fehlt ja die ganze Konzentration. Und wie viel Kinder gehen jetzt zur Therapie
Ergotherapie, weil die Hälfte von der Klasse, die haben diese
Konzentrationsprobleme, weil die zu viel Fernsehen anschauen. Aber wenn
man so mit drei Kindern, der guckt das, der andere das, die kriegt das alles
mit. Oder Musik, diese, mein Sohn mag diese äh schwere Musik, ich sag, als
du klein warst, du hast so was nie gehört, aber sie hört ja das alles. Die
andere, die mittlere macht das, und das kommt hier, dann fällt da, dann hier
Musik, und die nimmt das ja alles auf. Und die äh, die äh ältere Kinder sind
viel ruhiger, die haben fast kein Fernseher gehabt, überhaupt kein. Haben
draußen gespielt, und das ist heutezutage, und das bleibst so, das ist
gestoppt. Das einzige mit Fernseh oder Computer, das mögen sie. (3) Die
Erziehung ist äh schwieriger geworden. (4) Und viele der Kinder leiden an
Konzentrationssachen, (3) und ich hab jetzt mit meiner Nachbarin gesprochen,
die ist auch dafür, dass die Kinder brauchen Disziplin. Dass die sogar kein
Guten Tag sagen. Ich kann jetzt hier durch die Straßen gehen, und kein Kind
sagt Hallo. Und das fängt in der Schule hier an. Und das lernt man bei uns erst
im Erwachsenenalter, Guten Tag. Das sagt man in Bus, wenn ältere Mensch
kommt, steht man auf von Platz. Aber hier passiert das nicht. Das sind die
Unterschiede. Ich kann das jetzt nicht sagen, wie heutzutage das ist in
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S:
L:
(3)
S:
Russland, das war vor 15 Jahren. @2@ Deshalb ist es schwierig zu sagen,
die Welt hat sich verändert, hier und da drüben. Ist schwer zu sagen, weil
mehr zwei Jahre, drei Jahre, (3) ich glaube wir kommen mit dem anderen
Leben auch nicht mehr klar, wenn wir jetzt da ein Jahr müssten leben.
In Russland, meinen sie?
Ja.
Haben sie denn auch ihr Erziehungsverhalten geändert, als sie nach
Deutschland kamen?
L:
Ja, sind lockerer geworden. @1@ Ganz viel lockerer. Manchmal auch nicht,
wir versuchen es behalten. Ich bin lockerer @geworden@. Erlaube zuviel.
@2@
As: Das sagen sogar unserer Großen, dass wir Kleine erlauben zuviel, sie
bekommt zuviel.
S:
Haben sie immer Wert gelegt auf ´ne strenge Erziehung?
L:
Nicht so ganz strenge. Nein, normale, das hat sich so ergeben.
As:
L Aber das hat sich
wahrscheinlich von Generation zu Generation ergeben, so, so, was wir
bekommen haben, haben wir auch in der Erziehung, (2) wir haben alle erlebt
unsere Eltern,
L:
L Aber so streng wie unsere Eltern waren wir, waren wir schon
nicht, nein, wir haben schon was behalten, paar Prozenten.
S:
Was haben sie denn behalten?
As:
Ja, ein bisschen muss. (3) Nicht so viele, du kannst,
ja, Lust und
L:
L Nach Lust und Laune. @1@
As:
Laune, ja, dieses, richtig Muss. Und dann kommt das schon.
L:
L Ob wir wollen oder
nicht, wir müssen das.
As:
Und wir müssen (?)
L:
Ob wir wollten den Garten gießen oder nicht, da hat keiner gefragt, das musst
du.
Ja, und wenn es war nicht gemacht, dann kriegt
As:
L Und dann spielen danach.
L:
man, ja dann war ein bisschen alles am Abend.
S:
Was denn?
L:
Erde (?)
S:
Ja.
As:
Ja, gut, das war auch,
L:
L Das war lebensnotwendig. Wenn du Gras besorgen
musst für Kaninchen, das war notwendig, oder Garten,
As:
L Garten, Tomaten, das
war für Sommer und Winter auch.
L:
L Wenn du das nicht machst, vertrocknet alles. Aber da
haben wir auch nicht dran gedacht, ob das vertrocknet oder nicht, wir haben
(?) @2@
(Das Telefon klingelt, und Lena geht hinaus.)
(25) (Die Aufnahme wir kurz unterbrochen, und wieder angeschaltet)
L:
Das ist ein Beispiel, ständig vergisst was in Schule. Jetzt hat sie kein
Mathebuch, hat sie ausgeliehen von Nachbarkind. Nachbarkind: wo ist mein
Mathebuch. So unnötige, @1@, und das kriegt sie nicht hin, dieses Kontrolle,
diese Konzentration, wo liegt das. Ich such mir selbst Antwort, wo liegt das?
S:
Ja. Das war mit den Älteren nicht so?
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Ja, ab und zu kannst du ja vergessen, aber nicht jede Woche was.
Ähm, können sie sich da an bestimmte Situationen aus ihrer eigenen Kindheit
erinnern, wie ihre Eltern sie erzogen haben, oder so?
Meine Mama (?), der Vater war streng, Vater war streng. Mama war ganz
locker, wir haben Oma im Haus gehabt, und die Oma war auch sehr lieb. (3)
Ja, an was soll ich mich erinnern?
An ihre Kindheit, ob ihnen irgendwas Spezielles einfällt. Wie ihre Eltern sie
erzogen haben, oder was anderes aus der Kindheit.
@Mhm@ (6) Aus der Kindheit, ja die haben uns sehr musikalisch erzogen,
jeder hat ein Instrument gehabt, das war ja so, mein Bruder Akkordeon, der
zweite Bruder hat Saxophon und Klarinette gespielt, ich hab viel gesungen,
dann hab ich dieses Klingel- zuerst dieses Gerät mit Dreieck, danach hab ich
Klavier gehabt. Ja, und die kleine Schwester, ist irgendwie schon so wie Mira,
die hat nichts gemacht. @1@ War ein verwöhntes Kind. Ja, die hat wirklich
nichts gemacht.
Und ihre Eltern konnten selber auch Instrumente spielen?
Ja, mein Vater bis jetzt spielt Akkordeon, und meine Mutter hat sehr viel
gesungen, die konnte auch musikalische Familie, die hat sehr viel gesungen.
Auf das war Wert, puh, was kann ich mich erinnern? (4) Ja, die versuchten mit
uns ganz viele so, in Urlaub fährt man ja nicht in Russland damals, überhaupt
nicht. Aber die haben immer versucht, mit uns irgendwo, da gab´s ähm
Nachbarstadt, Bochasch, das ist ein ganz großer See mit ganz viele Fische,
da kann man Badeurlaub machen, da haben se uns, wir ein eigenes, wir
haben jubuli (?) gehabt, das ist das beste Auto da in Russland. Und eigentlich
haben, wir haben gut gelebt, Vater hat viel gearbeitet, gutes Geld verdient.
War sparsam, als erste aus, ich glaube, aus ganze Straße ein Auto gehabt.
Ja, das das war für uns eine große, wir müssten das, ja, das war wirklich eine
Freude das Auto zu waschen. @1@ Ja, (5) aus Kindererziehung, ja das war,
ja, das zum Beispiel diese Sch-, diese Herbstschlachten, wir haben Tiere
gehabt, im Herbst war immer Schlachtfesten, das ist so in Erinnerung, da aber
mussten wir auch gut, gut arbeiten. Das war sehr viel, wenn man ein Schwein
geschlachtet hat, da hat man viel Arbeit gehabt. Waschen, putzen, das ist
ganz viel so. (3)
Was glauben sie denn, wollten ihre Eltern ihnen beibringen, was waren die
Ziele so, was war denen wichtig?
Dass wir vernünftige Menschen sind und bleiben, @1@, ehrliche Menschen,
ahm, und dass die Arbeit immer nicht Spaß macht, sondern, dass wir gute
Arbeiter sind. Ja, (2) dass wir zu was kommen, dass wir was lernen. Obwohl
von anderer Seite war das Wichtigste, arbeiten, arbeiten, Geld verdienen, so
richtig auf Studieren, da haben sie nicht so, nicht wie heutzutage, Kind, was
machst, gehst du dahin und dahin. Wir haben uns selbst den Weg
ausgesucht. Vielleicht hang das nicht, die waren Arbeiter, die wussten auch
nichts, was da gibt. Wir haben uns selbst alles, Beruf ausgesucht, wo wir
hingehen, was wir machen, da hat keiner gesagt, du musst es, oder mach mal
das, mhmmhm. Und hättest du sofort nach der Schule in eine Fabrik und
gutes Geld verdient, das wäre auch gut. Auch schon.
Hauptsache arbeiten?
Ja, ja.
Und auch, wen sie heiraten, konnten sie sich das selbst aussuchen?
Was?
Ja, wen sie heiraten?
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Wenn? Ja, klar.
Das ist ja kein Asien, @1@
L Nein, wen.
L War es ihren Eltern denn
wichtig, dass er ein Deutscher ist?
Das war wichtig, sehr wichtig. Das war wichtig.
Was wäre denn, wenn sie einen Russen geheiratet hätten?
Dann hätten sie sich dran gewöhnt. Da waren schon solche Mädchen. Mit
ganzen großen Bitterkeit, ja aber. Enttäuscht wären sie. Das war, wir haben
jetzt goldene Hochzeit bei der Tante gehabt, da saßen wir auch am Tisch, bei
der Feier, und äh mein Cousin, und damals hat er mit 20, ja mit 20 ist er von
der Armee gekommen, das war welches Jahr, wenn er jetzt 60 ist. (2) Ja, und
dann hat er aus Russland-Armee gedient, und dann hat er die Frau gebracht
aus Russland. Das war eine Überraschung, ja und das war schwer, für das
Mädchen auch, sehr schwer.
Die hatten dann schon geheiratet?
Ja, der hat sie geheiratet. Da noch in Russland, hat sie gebracht, das ist
meine Frau, fertig. Das war ein Ding. Ja, da sind die alle Tanten hingegangen,
haben geguckt, ja, die hat das geschafft, nachher war sie die liebste
Schwiegertochter, @1@
(2)
S:
Warum hat man denn so ähm, warum wollte man das nicht?
L:
Artur, aber alleine nicht. Gehst du mit? Oder ich geh mit.
(Es entsteht eine längere Pause, da die Eltern sich um Mira kümmern. Artur begleitet
seine Tochter zur Nachbarin.)
S:
Warum war das so, dass man einen Russlanddeutschen heiraten sollte?
L:
Wir wohnten ja in einem deutschen Dorf. O.k., da gab´s Russen, aber das
hieß nicht, dass man sich da @1@ miteinander heiratet. Das war nicht. Das
war immer zwischen Deutschen. Geheiratet, ja, und dann mit, mit Mitte Jahre
fing das schon mehr an. Und dann einer, zwei, dritter gemacht, vierter, und
dann ist es schon normal gewesen. Dann ging´s schon. Nur, das mussten
Jahre vergehen.
S:
Haben sich denn die deutschen Familien dort stark unterschieden von den
russischen?
L:
Ja, sehr stark. Die Häuser waren gepflegt, der Garten war ganz anders, alles
war anders. Anders gestrichen, das Haus, und das war einfach alles schöner.
S:
Bei den Deutschen?
L:
Ja. Deutsche Kultur hat man immer gesagt. @2@
S:
Was bedeutet das, was gehört zur deutschen Kultur dazu?
L:
Ja, wenn sie was gemacht, dann haben sie es wirklich gut gemacht, dann
haben sie auch sauber das gemacht. Da standen schon solche Häuser von,
(2), die haben sich ja selbst die Häuser hingestellt. Und wie das gebaut ist,
das hat sich alles anders, so im Haus, wie das alles eingerichtet ist, da war
mit, mit äh Gardinen, mit (2) es war einfach alles schöner, sauberer, kreativer
@1@, mhm.
S:
Und haben die Russen kein Geld ausgeben dafür, oder warum war das? Die
hätten´s ja auch schön machen können.
L:
Die Leute sind anders. Vielleicht gab´s da ab und zu welche Familien. Aber
wenn ich jetzt so durchschaue unsere Straße, wir haben ja gemischt gehabt,
Deutsche und Russen, (5), aber die schönste Häuser haben die Deutschen
gehabt, @1@ es war einfach so. Der Zaun war anders gemacht, anders
gestrichen. Es war ein Unterschied.
S:
Also haben sie das schon von klein auf mitbekommen?
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L:
Mhm. Mhm. (6) Die sind einfach fleißiger. Woran das liegt, (4), haben gut
gearbeitet, die Fabriken waren alle, Deutsche haben gearbeitet. Und jetzt sind
die alle zu, die Fabriken. Und da hat, viele sind zu, die arbeiten nicht mehr. (4)
Die Russen, ja das geht ja nicht so einfach, die Russen mögen Wodka trinken.
Irgendwo liegt da Wahrheit. Das, das war so auch Nachteile von Russen.
Wenn sie dran sind, sind sie richtig dran. @2@
(Das Gespräch wird kurz unterbrochen. Mira kommt wieder ins Zimmer, die Mutter
spricht mit ihr und kümmert sich um sie.)
S:
Haben die Deutschen dort auch getrunken?
L:
Nein.
S:
Weil das sagt man heute von den Russlanddeutschen, dass sie trinken, und
so.
L:
Ja, da ich rede ja von früheren Zeiten, nicht von heute. Heute ist alles
gemischt, alle machen genau so. Diese andere Generation, ich spreche jetzt,
nicht sogar von unserer. Von meine Eltern, wie das war bei denen, weil wir
haben die Häuser nicht gebaut, wir haben auch in Fabriken nicht gearbeitet.
S:
Haben sie denn bei ihren Eltern gewohnt?
L:
Ja, bis ich heirate, heiratete. Aber äh meine Geschwister, die haben alle, die
haben geheiratet und bei den Eltern gewohnt. Aber die sind alle durch, aber
ich nicht. @1@
S:
Warum nicht?
L:
Mein Mann hat ein Haus gehabt mit der Schwiegermutter, und da hab ich
Platz gehabt. Und die anderen haben kein Wohnungsmöglichkeiten gehabt.
Die haben immer ein Zimmer bekommen im Haus.
S:
Und mit den Schwiegereltern ging das?
L:
Meine Schwiegermutter?
S:
Ja, sie haben ja dann zusammen gewohnt.
L:
Ja. Ging´s verschieden. Immer gut geht´s nie. (4) Ging´s verschieden. (4) Ja,
das muss man so denken, das waren unsere Eltern, wir waren die nächste
Generation, und wir waren schon lockerer, viel lockerer. So wie die Eltern sich
im Leben gefunden haben, so haben wir es schon nicht mehr gemacht. Wir
haben etwas übernommen, aber gemacht, so wie wir das wollen. Viel lockerer.
S:
In welchen Bereichen?
(3)
L:
In allen Bereichen, Erziehung, alles, wie man lebt. (3) Ich glaub, hier war das
auch früher so. (2) Und unserer Kinder jetzt sind wieder ganz anders.@1@
Sagen auf uns, wir sind ganz altmodern, und viele verstehen wir nicht. Wie
kann man so denken.
S:
Also als sie nach Deutschland kamen, ´88 war das, ähm, wenn man in
Russland die deutsche Kultur und Tradition kennen gelernt hat, war das, was
sie erlebt haben, war das, das was sie auch erwartet haben, wie die
Deutschen so sind, haben sie damit gerechnet? Oder war das
L:
L Ja, das war in Ordnung, wir
haben ja Nachteile nachher nur gesehen. Sofort haben wir das nicht gesehen.
Sofort haben wir das nicht gesehen. Ne, das war alles schön nur und super,
blendend.
S:
Wann haben sie dann die Nachteile entdeckt?
L:
Ja, als wir dann im Leben bisschen sich recht gefunden haben. Das kann ich
nie vergessen, aus dem Sprachkurs, das habe ich, glaub ich, schon erzählt,
die Sprachlehrerin, die saß immer auf´m Tisch mit dem Hintern, und hat den
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Unterricht so geführt. Das würde in Russland nie passieren. Da haben die
schon die Augen verstellt. (4) Der Umgang. (3) Schlechter. (5) Wir haben das
S:
@1@
L:
sofort nicht bemerkt, nein, das war alles Frieden, Frieden, Eierkuchen, oder
wie, ja Freude, Eierkuchen, das war alles super. Alles war gut, super gut.
S:
Tja, und was, weil sie ja in Russland auch schon in der deutschen Kultur
gelebt haben, ob das dann ein Unterschied war, als sie hier ankamen? Ob das
anders war, als man so erwartet.
(Scheinbar ist auch Artur schon wieder ins Zimmer zurückgekehrt.)
As: Anders war es schon.
L:
Aber hast du sofort die Nachteile gesehen?
As: Nein, nicht.
Aber,
L:
L Wir waren zufrieden und haben die nicht gesehen, das war nur
Gutes, Gutes, Gutes.
As: Na gut, das war gut, aber Frage war nach russlanddeutscher Kultur. Kultur ist
anders als hier. Hier war doch mehr (?). Hat sich mehr entwickelt, Kultur, die in
Russland war, war wie eingefroren.
Ende Kassette 1 Seite 1
As:
L:
S:
As:
L:
As:
L:
As:
L:
S:
L:
As:
Im Leben der, die war in Familie, die viel gesehen, diese alte Lieder, die
singen mir bis jetzt. Jetzt haben wir Hochzeit, da müssen wir Lieder von den
ganz Alten singen.
L Ja, die Tradition tragen wir noch. Jetzt singen wir schon die von
älteren Lieder,
paar Stück. Zwei haben wir schon gut drin.
L Ja? @1@
Ja, gut, aber wir müssen immer Texte dabei haben, Melodie kennen wir, aber
Texte nicht.
L Beerdigungslieder zum Beispiel jetzt, ich hab das immer so, ich hab
immer zugehört, das hat mich richtig durch die Seele, aber nie diese Lieder
gesungen oder nachgesungen, und jetzt wenn ich mal älter werde, jetzt singt
man schon mit bei der älteren Generation.
Das ist Unterschied, hier bei Beerdigung wird (?), und unsere Oma, die singen
was, die beten
L Die beten und singen, und singen Lieder nicht aus, jetzt hier
aus, aus dem Liederbuch, die haben ihre eigenen alten Lieder, die sind
wirklich ganz was anderes äh Melodien sind anders, ich kann hier die
kirchlichen Lieder auch nicht singen. Weil die haben keine Melodie, die haben
nicht die Melodie, da @musst du@ wirklich schwierig, von was können dann
unsere Vorfahren diese Lieder, die kommen doch auch aus Deutschland,
L Die kommen
aus ihrer alten Zeit, da ist Melodie wahrscheinlich mit russischer Melodie
L Aber
trotzdem bis heute ist es im Ohr, oder ist das melodisch, oder ist das
überhaupt keine Melodie drin, hoch runter, runter hoch. Aber die ham
Beerdigungslieder sehr schöne, hab ich jetzt empfunden.
Und sie singen auch manchmal gemeinsam?
Ja, wir singen, wir helfen schon mit, weil ich kann nicht mehr @so gut@,
unterstütz ich nur.
L Ja, wir singen, dass wir das mitnehmen, weil die sind alle
schon über 70.
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L:
L Ja, die möchten dann, wenn sie gest-, wenn da die Beerdigung
ist von Tanten und Onkel, dass sie werden auch so beerdigt wie die anderen
das gemacht haben.
S:
Sind sie auch so musikalisch?
L:
Doch ist er auch.
As:
Ich spiele keine Klavier oder Gitarre, nein. (3)
S:
Und können ihre Kinder die auch schon singen?
As:
Das is es, eben diese Jugend in Deutschland, die hat überhaupt keine
Verbindung zu, zu wirklich deutsche Folklore, deutsche alte deutsche Lieder,
die wollen nicht. Auch unsere, das ist alles nur Englisch, (3) ich weiß nicht, ich
kenn zum Beispiel keine einzige, der sich dafür, (?)
L:
L Überhaupt nicht einmal
Melodie, sondern Folklore,
As:
Und das ist nur ein selten (?), der noch ein bisschen was tut. Und jetzt CD (?)
deutsche Stimme, da werden Talente gesucht, und deutsche Lieder
gesungen, und die andere Show, da geht auch alles nur Englisch. (6)
L:
(?)
As:
Es wird zu wenig gemacht für Popularisierung deutsche Sprache. (3)
L:
Ja, das muss in der Schule anfangen, im Kindergarten, die singen paar Lieder,
Hänschen klein und noch paar zum Laternenfest, und das war´s.
As:
Diese Häschen klein, wenn man in Urlaub ist, und da ist irgendwelche
Baustelle, und da sind verschiedene (?), und wenn ein Kind dann wird
aufgerufen was zu singen, und die (?) sagen schon, bitte nicht Häschen klein,
oder alle meine Entchen. Und das alles, was deutsche Kinder singen.
L:
Und die andere, die Italiener, was die machen, wenn ein Kind so sagt, boah,
ja, (?) von hier aus. @1@
As:
Weil wie gesagt, in Russland wird gelernt, und wir (?), wenn du was hier
lernst, dann wirst du gezwungen.
L:
Wenn du kannst, dann tanzt du, und hier, Fräulein schon zweite Jahr tanzt
Ballett, und zeig mal was du kannst,
M:
Aber Mama, ich kann schon Hälfte, (schreit plötzlich „Aua“)
As:
Und wenn 2 Jahre russische Ballett, dann tanzen sie schon. Und da machen
die.
L:
Ja, du kannst schon tanzen, du kannst schon tanzen.
As:
Wir haben hier in der Klasse ein Mädchen, und die hat richtig so ne
Tanzgruppe,
L:
L Wer ist das?
As:
Äh, Michi.
L:
Ach so Michi.
S:
Eine Russlanddeutsche?
L:
Ja.
As:
Mädchen, Russlanddeutsche, Sohn geht zu dieser Tanzgruppe, weil Papa hat
sehr
L:
L Falsch, vier minus zwei wie viel sind das?
(Lena schaut die Hausaufgaben der Tochter durch. Es entwickelt sich ein Gespräch
zwischen den Eltern und der Tochter über eine Mathematikaufgabe.)
L:
So, warte, warte, hier ist auch falsch, Mira, zwei Aufgaben sind falsch. So alles
andere ist richtig. Zwei Aufgaben, die zwei. Fünf minus eins, wie viel sind das?
(4)
M:
Vier.
L:
Vier. Wieso denkst du solange nach? Und 45 minus eins?
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M:
L:
Sind (2) 44.
Ja. Wie spät ist es jetzt? Bist du alles fertig? Lesen musst du noch. So, jetzt
packst du alles ein, Zähne putzen, waschen, dann kannst du noch ein Buch
lesen, wie spät ham wir, oder noch dein Computer bisschen spielen da. Ja?
Mama kommt dann.
M:
Machst du mir Wärmflasche?
L:
Ich mach die Wärmflasche, aber alles schön einpacken, dass du nichts
vergisst.
(Mira verlässt das Zimmer.)
S:
Kontrollieren sie öfters die Hausaufgaben von ihr?
L:
Unbedingt. Unbedingt.
As:
(?)
S:
Wer macht das für sie? Beide?
As:
Beide.
L:
Wer Zeit hat.
S:
Haben sie das auch bei den älteren Kindern gemacht?
L:
Ja. Kontrollieren, ja, und auch helfen, mithelfen, üben. (7)
S:
Jetzt haben sie schon etwas von ihrer Erziehung erzählt. Können sie sich
noch erinnern an Geschichten aus ihrer Kindheit? An Erziehungssituationen,
oder was ihnen so im Kopf geblieben ist, zwischen ihren Eltern und ihnen?
As:
Ich war (?). Ich weiß nur, meine Mutter, Geschichte habe ich nicht miterlebt,
aber so, Mutter hat paar Mal erzählt. Wir haben im Wohnzimmer so ein runde
Tisch gehabt. (2) Und meine Mutter war auch streng, musst du vorstellen bei
vier Kinder, und sie ist allein, und mein ältester Bruder war nicht so gut in der
Schule, war ein bisschen
ja, faul, weiß ich nicht, er war, der hat sehr viel
L:
L Faul.
As:
Energie gehabt, (3) und äh, meine Mutter hat äh so ein Regel gehabt, wenn er
da schlechte Note in Schule, oder ein Zettelchen von Schule, dass er was
verbrochen hat, mitgebracht hat, hat sie den immer, wann der was hat,
manchmal hat er so diesen Tisch gebaut (?), dann ist er stärker geworden,
und irgendwann ist er dazu gekommen, dass er bei Mutter ausgerissen, (?)
und dann haben sie Bedenken, habe sie gesagt, das hat auch nicht geholfen,
dann sie hat älteste Sohn geschlagen. Wenn er schlechte Noten bekam. Hat
nicht gebracht, hat auch nicht gelernt. Deswegen hab ich (?)
S:
@1@ Praktisch.
As:
Sie hat das so für sich gesagt, dass (?)
S:
Mhm. Und konnten sie auch so gut lernen?
As:
Ganz gut, weiß ich nicht. Für mich lernen war wahrscheinlich ein bisschen
leichter, ich habe so große Probleme nie gehabt.
L:
Wie Mira. @2@
As:
Und äh, zwei kleinste haben wir 10 Jahre geschafft. Bei den Russen sind 8
Schuljahr, und angefangen zu arbeiten. Älteste Bruder sowieso. (3)
S:
Und ihre beiden Kinder haben Abitur gemacht. War das für sie wichtig?
As:
Ja, im Prinzip. Im Prinzip ja.
L:
Wir haben sich schon gewünscht. Wäre nicht schlecht. Aber die waren auch
so eingestellt. Ja?
As:
Wahrscheinlich haben wir zugeredet. Wir haben immer gesagt, lernen ist
wichtig.
L:
Aber mit (?)Deutschland (?) ist nicht so wichtig. Lernen. Da kann man
meistens Ausbildung schön machen und gehen arbeiten und Geld verdienen.
Und die lernen jetzt gleich bis 30, und haben immer noch kein Arbeit und kein
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As:
L:
(4)
S:
Geld. So wird das. So wird das. Ich glaube, bei Mira, wenn das so bleibt, dann
geht sie Ausbildung machen, dann kommt sie schnell zur Sache.
Aber wir müssen dazu sagen, Anton hat auch ein bisschen Probleme gehabt.
Deshalb hat er auch was sich ausgesucht, wo er Mathe und Physik nicht
braucht. Die waren nicht die Besten im Gymnasium, aber auch nicht die
Schlechtesten.
Und ähm, was haben sie versucht so bei ihrer eigenen Erziehung, wie haben
sie versucht die Kinder zu erziehen?
(6)
L:
Ja, Lena hat versucht, dass sie sehr musikalisch sind. (3) Anton hat
angefangen Gitarre spielen, (?),
S:
L Hat er aufgehört?
As:
Ja. Das war wieder mit Studieren. Ella hat angefangen Klavier, aber die hat
auch kein Lust mehr gehabt. Aber dann (?) Jetzt spielt sie Klavier und wir
müssen nichts mehr sagen.
L:
Das ist jetzt der Punkt, wenn die Kinder sagen, ich hab kein Lust. Bei Mira, da
waren auch bei Tanzen angefangen mehrere Kinder, ich hab kein Lust. Na
gut, wie heißt, Ina, wenn du kein Lust, dann muss ich auch nicht das Geld
bezahlen, fertig aus, abgemeldet. Ja, und das war, das ist ja der Punkt, da
sagt man, wenn du nicht willst, musst du nicht, und so lernen ja die Kinder
nicht wirklich, die fang da an, da an und nicht zu Ende. Ja, und so war mit
unserem Sohn, haben wir auch nachgegeben, äh, äh, ich will nicht. Und der
Lehrer, wenn ich den schon angeguckt habe, bin auch krank geworden, der
war so halb krank. Und Ella hat das auch, die würde das auch, der Lehrer, der
S:
@1@
L:
war auch.
Ganz, und hör auf. Aber wir suchen ein anderen.
As:
L Der war super.
L:
Haben motiviert.
As:
L Der, der war super ein super Pianist, der hat selber Musik
geschrieben, aber der war kein Lehrer, das ist zweierlei.
L:
Der hat solche Musik gemacht, was die Kinder nicht so mögen, besonders
Mädchen.
S:
Aber sie sind doch auch Musiklehrerin?
L:
Ach, ich war mal, jetzt bin ich.
(Mira kommt ins Zimmer und unterbricht die Mutter)
M:
Mama, wo hast du das hingetan, Papa macht das jetzt?
L:
Papa macht das. Papa legt das dir in die Tasche, hier das. Sie hat da oben so
viele Bleistifte, nein will sie den alten.
S:
Sie wollten ihre Kinder nicht selbst unterrichten?
L:
Das geht nicht. Jetzt am Anfang ein bisschen. Aber weil das Mama ist, fangen
sie an zu weinen, ist das schwer und ist nichts.
S:
Aber wenn sie so viele Instrumente spielen? Musizieren sie da manchmal
gemeinsam?
L:
Wir haben nicht viele Instrumente. Nur Klavier haben wir.
S:
Ja gut, sie spielen beide Klavier. Spielen sie da manchmal zusammen?
L:
Ach, früher haben wir das gemacht. Ich setz mich nicht mehr, hab keine Zeit
mehr. Ich bin in diese Reiseverkehr rein mit und das nimmt mir ganz weg. Ist
viel Arbeit. Von alle meine Kräfte. Dann wird man älter, hat man nicht mehr so.
@1@ Ja, ich müsste noch mal anfangen, wenn man solange nicht hat, ist man
raus. (6)
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L:
(4)
S:
As:
L:
As:
L:
Aber in ihrem Reisebüro, sind ja viele Russischsprachige, sie meinten, es
wären mehr (?) als Russisch.
Mhm. Ja, das ist dieses, äh Schwerpunkt. Kann man sonst zu machen, wenn
man nur auf (?)Reisen begrenzt. Ja, das sind jetzt, ja, einer macht das, zum
Beispiel dieses Astoria Reisebüro, die machen nur Kreuzfahrten, die haben
sie spezialisiert, dann geht das. Viele sind noch geblieben, muss das schon
ein (?) Büro sein. Wir sind spezialisiert auf Ostreisen.
Und das ist so, die deutsche Reisebüros, die verkauft keine (?) nach
Russland, die möchten das nicht, oder die wissen das nicht.
Die wissen das schon, die wollen das nicht. Aber jetzt, ich glaube, so langsam
wird das kommen, jetzt die Kasachstan-Airlines, die sitzen Karanga, das ist
der Geschäftsführer ein Engländer. Da ein Engländer. Und jetzt machen sie
das, in alle Reisebüros haben sie das verschickt. Und ich hab jetzt heute da
angerufen, da sitzt keine mehr Russen mit russische Sprache, da sitzt eine
Deutsche, ganz nett und freundlich. @1@ Ja. Die wollen jetzt in alle
Reisebüros. (3) Aber sagen wir bis jetzt den Punkt (?) hat nach Russland äh,
nach Moskau, Skt. Petersburg macht schon deutsches Reisebüro, aber
wenn´s weitergeht, nein. (4) Kompliziert.
Und das ist diese ganze Geschichte mit diesem (?) deutsche Reisebüro.
L Ach, ich weiß nicht, ob
die das machen. Das war in unser auch Leute, dreimal, (?) viermal, @1@
Ist das komplizierter, ja? (4) Ja, haben sie, wenn sie selbstständig sind, sind
sie wahrscheinlich auch viel im Büro.
Ich bin nicht allein selbstständig. Wie sind zu zweit. Wir teilen uns ein.
Letzte Sommer
L Ja, wenn wir viel arbeiten, sind wir beide da. Wenn wir so, dass
wir alleine schaffen, ja zur Zeit suchen wir eine Praktikantin, falls ein junges
Mädchen da mit deutsch-russischen Kenntnissen. Da nehmen wir so zur
Ausbildung. Ja, das müssen wir mit Arbeitsamt besprechen, wie das mit
L Ja?
Vergütung ist. Ich glaube, sie jetzt, die mehrere Zeit, nicht jetzt Junge, die
nicht aus der Schule kommen, sondern die jetzt paar Jahre arbeitslos waren,
und jetzt fangen sie eine Ausbildung, dann übernimmt das das Arbeitsamt.
Kommen ihre Kinder da auch manchmal zum Helfen?
Nicht viel. Weil da geht alles Russisch ab.
Sprechen sie kein Russisch mehr? Auch die älteren nicht?
Ganz schlecht.
Echt, ich dachte, die würden beide noch sprechen.
Ja, wir waren ganz, dass sie russisch, äh deutsch sprechen, damit in Schule
besser.
L Und dann war das alles weg.
Also, sie haben hier zu Hause kein Russisch gesprochen?
Doch, wir schon, die verstehen einiges, aber sprechen nicht Russisch.
L Das ist
L Doch.
irgendwie kom-, das ist interessant jetzt, als wir kamen, sagen wir jetzt, die mit
uns kamen, diese
nicht Generation, diese erste nach Deutschland
L Generation.
kamen, die Kinder in diesem Alter, da spricht keiner Russisch. Aber die
nachher kamen, und wenn sie ins Reisebüro mit Kindern reinkommen, die
können deutsch und russisch. Ja, wie haben sie es behalten? Funktioniert.
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As:
L:
Weißt du, wir sind damals gekommen,
L Funktioniert, weil sie mehr Russisch
sprechen jetzt,
Andere Situation. Wir sind damals gekommen und haben gedacht, hinter uns
wird wieder Schlüssel dran gemacht, kommt keiner mehr raus. Und wir sind
gekommen, wir haben gedacht, wir leben jetzt hier, wir müssen diese Sprache
perfekt lernen, und deswegen Weg zurück war irgendwie abgeschnitten. Wer
hat gedacht, dass so einfach wird?
Die haben sogar zwei Wohnsitze. Ich hab eine Kundin, die lebt halbes Jahr in
Deutschland, halbes in Russland. (4)
Meine Mutter hat gedacht, sie hat mich auf ewig verloren. Und dann hat nach
eineinhalb Jahren war sie auch hier. Aber das war Stress für sie. Und wie
gesagt, das war für uns alle so ein Schritt, von da ganz weg, ja. Das war
damals schon einfach, aber mit diese Gedanke, früher war das überhaupt
nicht möglich, und deswegen, dass es so kommt, dass die Welt so offen wird.
Und Mira, kann sie denn auch noch Russisch verstehen?
Ein bisschen.
Weil zu Hause sprechen wir ja.
(Spricht einen Satz auf Russisch.) Kaktila sawut (?)
(?)
Nein nicht viel, ganz wenig.
Geh, wasch dich, schön waschen, ne? O.K. Zähne putzen.
Wir sind gekommen, mit Geschwister, einer hat vier Kinder, einer hat zwei
Kinder, das acht, (?), das waren viele Jahre Unterschied, die waren immer
zusammen, weiß ich nicht, von diese acht, jeder spricht ein bisschen.
Russisch?
Alle andern.
L Finden sie das denn schade?
Eine Fremdsprache zum haben, ist doch immer gut. Aber das lernt man nicht
so einfach. Was man kann, das kann man. Doch das ist schade, dass wir die
Sprache verloren haben.
Das war einfach unser (?)
L Die haben sie nicht verloren, die können was. Aber das
muss man jetzt unterstützen, dass man mal nach Russland fährt, ja so richtig,
wie Ella, die in Australien ist. Zack, kennt sie Englisch. Nicht lange gedauert.
Und so wird das in Russland auch sein, wenn sie für einen Monat da müssten
hin, das lernen sie so schnell. O.K., Artikel, oder so, wie wir das jetzt machen,
wird alles umgeschmissen und umgetauscht, weil die Grammatik nicht
können, genauso wie wir, wir können das nicht, wir haben´s nicht gelernt. Und
deshalb (?), das können wir immer wieder, wenn man sich nicht konzentriert,
dann kommt das falsch raus. Aber sie würden da Russisch auch so schnell
lernen. Aber das kommt. (6)
Und ähm noch mal zu der Frage, ich hab ja eben gefragt, ob sich die
russlanddeutschen Familien von den russischen unterschieden haben, und
jetzt würde ich gerne fragen, worin denken sie, oder glauben sie überhaupt,
dass die russlanddeutschen hier von den deutschen Familien unterscheiden,
oder gar nicht?
Doch, die unterscheiden sich. @1@ Mit äh (3), die Russlanddeutschen sind
viel lauter, viel lauter, nu überhaupt
Ja,
L Die meisten sind emotionaler, so
emotionaler. Die hört man ja von weitem.
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(6)
S:
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Ich meine wir,
L Die Russlanddeutschen, die haben diese deutsche Disziplin
nicht. Das war umgekehrt da, aber hier ja
Die Ordnung.
L Deutsche Ordnung.
Spontane, O.K., wir wissen, wenn das gegen sechs, halb sieben, gehen wir
nicht, da wird das Abendessen. Bei uns kann das sein, um acht oder um
neune.
Wir haben nicht so ordentliche Tag. @1@
L Ordentliche, so richtig die, die, die
deutsche jetzt eigentlich,
Pünktlichkeit, die Ordentlich, ja. Wenn
L Pünktlichkeit.
ma jetzt mit Russen vergleicht, dann sind Russlanddeutsche, oh, sehr
diszipliniert. Und hier jetzt umgekehrt. Spontaner, lauter,
L Das finde ich nicht nur
Vorteil, das ist auch Nachteil, weil (3) äh ich seh das bei meinen Lehrlingen,
bei unseren Lehrlingen bei mir im Betrieb. Die wissen, von morgen dann bis
abend, das ist vorgeschrieben, und das wird gemacht. Die sind irgendwie
unflexibel, die sind, das darf man, das darf man, dazwischen haben die nix.
Irgendwie so zwischen (?)
L Ja, das kennen wir.
Fühlen sie sich denn schon wie einheimische Deutsche?
Doch, es is ja, wir fühlen sich schon so wohl, pudelwohl, ich sag ja, aber ähm
L Aber
nicht als Deutsche. (?)
L Wieso? Ich fühl super.
Ja, aber diese Grenze zwischen, das seh ich irgendwie auch, geht für mich
nicht ganz weg.
Ich für mich, ist es weg. Ich mach mir keine Gedanken mehr wie früher, oh, ich
drück mich so aus, wie ich kann, fertig aus.
L Wer möchte, der versteht auch.
Ja, ich mach mir nicht mehr die Gedanken und mach mich verrückt. Früher mit
der Kleiderordnung, O.K., wir ziehn uns heutzutage auch schon wie die
Deutsche an, Hose, Pullover nach oben, fertig. Aber früher hab ich mich, ah,
mir was so peinlich, kommst du an, Geburtstagsfeier, war so, macht man sich
immer schick, ja und hier, Jeans, Hochzeit oder Theater, alles Jeans. Ja, und
dann stehst wie du eine Puppe, mir war vielmals peinlich. Heutzutage,
überhaupt nicht peinlich. Dann sag ich, schön, fertig aus.
Wir waren erste Mal zur Gartenparty eingeladen. Da hat (3), wir sind mit
Anzug und Krawatte zur Gartenparty gekommen. @1@
L @2@ Das war ja überhaupt
L @2@
nicht.
Naja, das war erste Gartenparty, das haben wir noch nicht so ganz gewusst.
@1@
Und sie meinen, dass da noch ne Grenze ist?
Grenze nicht, aber äh ich (?), dass, wie soll ich es nur sagen, ja, ich habe
gesagt, dass (?)
L Aber das ist doch in Ordnung, wir sprechen mit Akzent, is ja
klar, wir sprechen ja nicht deutsch frei. Wäre das jetzt, wir sprechen super, wie
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unsere Kinder und trotzdem fühlen wir uns dann, sogar unsere Kinder, er
spricht super, aber trotzdem er fühlt sich nicht wie (2) er weiß, von wo er
kommt. Ja.
Hat er gesagt?
Ja, er weiß, woher er kommt. Mira, ja, das ist schon was anderes, die hat
gesagt, wir sind Russen, keine Deutsche.
Ja? @2@
Ja. Wir können uns nicht hundertprozentig fühlen, weil das ist ja, das ist so,
wir kommen aus Russland, wir haben halbes Leben nur Russisch gesprochen,
wir sprechen jetzt Deutsch, wie wir können, Akzent bleibt.
L Es geht nicht nur Sprache,
das ist (1) alles.
Unsere, unsere Einstellung,
L Aber (4)
Ja, weil du dich so fühlst, weil du
weißt, dass du bist da geboren, du hast halbes Leben ganz andere Kultur in
sich alles geschluckt, andere, das war eben anders. Und die kannst sich hier
jetzt nicht hundertprozentig als Einheimische fühlen, das ist in Ordnung.
Ich sage nicht, dass es verkehrt ist, ich fühle mich nicht irgendwie bedroht
oder abgeschoben.
L Aber die Grenzen sind da, die sind da.
Die Grenze, dass irgendwie sich fühlt, dass du bist nicht hundertprozentig,
das, was
L Das ist logisch, das ist ja so. Das ist so. Wir sind nicht hier geboren.
In welchen Situationen merken sie diese Grenze besonders?
Wenn ich, wenn ich arbeite irgendwo und dann werde ich gefragt, von wo
kommst du, weil du sprichst so. Und das ist ständig, weil ich mache nämlich
auch so Außendienst, und dann arbeitest du und klappt alles gut und alles
O.K, aber dann kommt irgendeiner mit dieser Frage.
L Ja, weil du sprichst mit
Akzent. Und das ist doch normale menschliche Neugierigkeit.
Ja, wieso?
Du würdest das auch machen, Anton.
Wenn einer von Bayer kommt, dann höre ich das auch, dass der von Bayern
kommt.
L Ja, und dann sagst du auch zwischendurch, ah, ich glaube, du kommst
aus Bayern. Gä? Oder aus Sachsen. Das kommt automatisch. Irgendwann
dann sagen sie, kommen sie aus Russland oder aus Polen? Ja, ich komme.
@1@
In letzter Zeit war es mir ein bisschen beleidigt, oder was weiß ich, ah, du bist
ein Russe. (3) Ich war nie ein Russe, und jetzt bin ich. @1@ Und das das (?)
(4)
Aber die Leute (?) du nicht?
(?) (redet sehr leise.)
Nein, nur ein bisschen deutlicher machen, ich komme aus Russland. Aber ich
bin ein Deutscher mit russischer Abstammung. @1@
Das kriegst du nicht durch.
Mit russischer Abstammung.
Und Mira sagt schon, dass sie eine Deutsche ist? Vielleicht weil sie die
Sprache nicht ganz so gut spricht. (?)
Weil wir, die spürt das auch, dass wir sprechen nicht so perfekt.
Finden sie das denn gut, dass sie sich schon als Einheimische fühlt, die Mira?
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Die ist eh hier geboren.
(?)
Ist hier geboren. (3) Sie ist eine Deutsche jetzt. Sag mal, die Eltern kommen
aus Russland, aber sie ist hier geboren, @1@
L Nein, das hat mir auch irgendwie (2) gedacht, das ist doch
normal, dass irgendwie dritte Generation äh (2) kommt dann ganz hier, wird
sich heimisch fühlen, wahrscheinlich.
Is ja klar, noch wie viel Jahre müssen vorbei gehen?
Weiß ich nicht. Unsere Kinder (?)
L Ja, die Kinder von unsere Kinder. Das ist schon
richtig. Wissen sie schon nicht mehr von wo sie kommen. (2) Ach irgendwo tief
im Walde. @2@
Versuchen sie denn bei Mira, schon irgendwie was davon weiterzugeben, so
von den Bräuchen, der Kultur der Russlanddeutschen?
Die kriegt das schon automatisch mit.
Die kriegt das schon
L Die macht alles mit.
automatisch mit. Wir machen ja zu Hause so, wie wir dran gewöhnt sind.
Und was würden sie sagen, gehört zu dem Russlanddeutschen, das sie zu
Hause ausleben?
Kochen. Kochen. @1@
Feiern sind anders.
Ja, sie feiern anders?
Wir machen mehr Spaß, meine ich, tanzen mehr, rauchen nicht so viel, wir
trinken Wodka und nicht Bier.
Ja, wir trinken schon Bier, zum Durst löschen, aber nicht zum Feiern.
@3@
Ja, und das is es. Weiß ich nicht. Wir sind viel mit unsere, wir haben nur ein
L Zum Durst löschen, ja.
paar Deutsche, aber Deutsche stehen, quatschen und das war´s. Bei uns
musst du auch ein bisschen Spaß haben, bisschen tanzen.
Und die Einheimischen machen da mit?
Ja. Wenn die bei uns zu Hause sind, machen sie auch mit. Die können super
tanzen, aber das irgendwie nicht äh
L Ja, macht man irgendwie nicht, aber ist eigentlich
schade.
Was war das, was hat das Büchchen da jetzt bei den, das ältere, ich hab jetzt
nicht mehr gesprochen, das ältere deutsche waren ja dabei,
Ja, weiß nicht, ich hab auch nicht gesprochen.
Ein Pärchen, aber die ham geguckt, ein Pärchen war dabei, waren alle aus
Russland und ein deutsches Pärchen dabei. Nachbarn. (4) Ja, und ich bin zu
dem Tisch gekommen, hab was Russisch gesagt, da hab ich sofort eins drauf
gekriegt von der Tante,
Deutsch sprechen!
L @1@ Von der Tante. Die sagen nur, wir
L @2@
verstehen das nicht, wieso sprecht ihr Russisch? In Russland wollt ihr
Deutsche sein und jetzt.
Also sie haben dann in ihrem Bekanntenkreis auch einheimische Freunde?
Ja, Nachbarschaft haben wir.
Nachbarschaft und Arbeitskollegen, aber richtig Freunde haben wir nur in
unserm Kreis.
Eine Portugiesin haben wir Freundin. So richtig Freunde, nein.
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Ja, Freunde, das ist so eine Sache, das ist von Kindheit, in unsere Alter,
L Ja, ich
hab zwischendurch immer wieder welche gehabt, aber das hat sich nach
einiger Zeit, Marina mit der Ausbildung, die war so oft bei mir, und dann war
die Ausbildung fertig, ist sie nach Hannover, zwischendurch war sie einmal
hier, ja.
L Und wenn, dann können wir uns als Freunde zählen mit Renate und
Reinhard.
Ja, Renate und Reinhard, die früher in der Nachbarschaft gewohnt haben, wo
wir letztens gewohnt haben. Vor dem Häusle-Bauen. So Freundschaft,
Freundschaft, das heißt ja richtig Freundschaft. Bekanntschaft, da haben wir
viele. Aber so richtig freundschaftliche Beziehungen, nur mit einer Familie.
Haben sie das Haus eigentlich selbst gebaut?
Ja, mit Verwandtschaft.
Das ist auch üblich bei Russlanddeutschen. Oder?
Ja, wir haben, jetzt sind wir sieben Jahre im Haus. Da wahrscheinlich Freizeit
angefangen.
L Ja, dieses Hilfsbereitschaft, wenn einer in irgendwas da steckt.
Irgendwelche hat erste angefangen, von da (?) hinter uns hat noch Lindas
Bruder gebaut,
L Wenn große Ereignisse, ob jetzt Freude oder Trauer, wenn jetzt
Oma beerdigt, wie viel kamen? 160 Leute. Eine ältere Dame. Und jetzt les ich
L Sehr überrascht.
immer Zeitung: Beerdigung im kleinen Freundeskreis, 10 Leute eine
Beerdigung.
Sind Leute gekommen, die waren zusammen mit meiner Mutter in (?), die
haben irgendwie das, wir haben nie das gesagt, das ist irgendwie hat sich
L Russlanddeutsche verstehen das.
ausgebreitet. Und das war so´n (=)
Wenn einer jetzt sagt, O.K, ich beerdige jetzt meinen Vater und meine Mutter,
wir wollen keine große Beerdigung, nur die eigene Familie, dann ist für die
anderen die Welt zusammen gebrochen. So was gibt´s nicht. Das ist jetzt (3)
Ja, auch Hochzeit, unter dreißig Leute gibt nicht. Viele übertreiben, aber so bei
Hundert ist normal. @120@
Wie feiern sie denn immer Weihnachten, das sind ja so Familienfeste auch?
Weihnachten? Christkind.
Ja, früher war das so: wir haben immer bei
Ende Kassette 1 Seite 2
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Welche Leute wollen auch schon Abstand haben,@2@
Ja warum denn?
Mhm? Ja, ja.
Also meinen sie so in ihrer eigenen Familie oder anderen Verwandten?
Nein, jetzt wir haben doch alle große Familie, wenn wir jetzt alle 4 Geschwister
sich treffen, dazu die Kinder und dazu Opa, Oma, dann ist die Bude voll. Ja,
und das haben wir immer so gefeiert. Und jetzt schon paar Jährchen ist
ruhiger geworden. Meine Mutter ist sehr krank, sitzt im Rollstuhl, sagt nichts,
spricht nichts, ganz schlimm.
Alzheimer. Ganz schlimm. Vater ist auch
L Alzheimer.
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(3)
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nervlich kaputt, und so, so ergibt sich das. In der Familie sind paar Leute,
haben sich auch,
Verstehen sich nicht mehr, und so
L Verstehen sich nicht mehr.
fängt das an, das deutsche normale Leben. Und du sagst, wir integrieren sich
L @1@
nicht. Doch wie integrieren wir uns. @2@ Einer spricht mit der anderen nicht.
Ist doch normal, ist doch normal, für deutsche Verhältnisse ist das normal.
Dass, dass Geschwister sich nicht.
L Wenn man älter wird, dann nimmt man
Kleinigkeiten ein bisschen ernster (S. hustet) (?), ja jetzt wird angelogen und
so was.
L Aber allgemein wird so gefeiert, bei anderen Familien feiern
Weihnachten oder nicht selbst an Weihnachten, an zweiten Tag, da sind
Familien und Kinder
L Jetzt machen wir meistens am zweiten Tag und (?)
Wir, aber allgemein ist es ja nicht.
Und wie sieht das so aus?
Abends zur Kirche, nach Hause, und machen die Geschenke und (?)
(?)
Ja, hier wir, wenn wir uns (?) haben, dann (?)
Ja, als die Kinder klein waren, haben wir (?) gemacht, mit Gedichten und mit
Singen, Engelchen, mit , aj hier haben wir nur mit Engelchen gemacht, aber
da in Kasachstan, das war eine ganze Theatergruppe, ein Christkind, zwei
Engelchen, Petrus und der Knecht Ruprecht und der Eselchen, was war das
noch?
Alle aus der Familie?
Nein.
In der Kirche?
Jugendliche haben das selbst. Ja, Krippenspiel. Taschengeld verdient, von
Haus zu Haus gegangen.
Ach so.
Ja, immer die Jungendlichen, hat Spaß gemacht. Haben wir das gemacht. (5)
Eines muss ich noch fragen, gehen sie in die katholische oder in die
evangelische Kirche?
Beides.
Beides? Ist ihnen das egal?
Ja, mit Mira
L Im Prinzip, sind wir so erzogen, dass wir mit Kirche nicht so viel zu
tun haben. Und solange wie meine Mutter hier war, (?) wir sind öfter (?), dann
sind wir auch mit der ganzen Familie in die evangelische Kirche gegangen. Ich
mache keinen Unterschied zwischen katholisch und evangelisch. Nur dass (?),
oder Hochzeiten, was weiß ich. Im Gegenteil ist in katholische Kirche für mich
(?). Und äh von andere Seite ich bin (?)
Das war einige Zeit haben wir das gemacht, als wir frisch in Deutschland
@waren@. Das hat uns alles interessiert.
Solange wir in dieser katholische Arbeit drin waren, da haben wir noch Kirche
besucht. Irgendwie alles (2), die Bauzeit, dann beide Mutters krank.
L Ich muss
morgens jeden Morgen meine Mutter fertig machen. Wann soll ich zur Kirche
gehen? Das ist Alltag, und Sonntag auch. Wann soll ich denn das machen?
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Wenn man selber möchte, dann kann man.
Ja, dann muss man sieben Uhr am Sonntag auch aufstehen und fertig
machen. Ja, kann man vielleicht alles früher machen. Aber bisschen will man
Sonntag relaxen.
Ja, wir sind das von Kindheit nicht so richtig bekommen und deswegen.
Und ihre Kinder aber dann auch nicht?
Das sind richtige (?). @1@
Ja, gut ich denke, das war sehr gut, das war, glaub ich fast alles. @2@
Ende der Aufnahme
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1.2.4 Kindinterview mit Anton Wondel
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05.12.2003
Küche der Einliegerwohnung im Haus der Familie Wondel
Kind:
Anton Wondel (A)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
Gut, (Stuhl wird zurecht gerückt) also das Thema kennst du ja schon aus der
Gruppendiskussion.
Hmhm (bejaht)
Ach so, ich muss aufpassen, dass ich auch ein bisschen da rein spreche. Weil
meistens höre ich dann die (2), äh, Interviewten sehr gut und das was ich
 @ Ja @ 1 @
gefragt habe @ dann nicht @ das ist dann sehr anstrengend. Em, es geht
eigentlich um das selbe Thema wie in der Gruppendiskussion nur, dass
hierbei halt die einzelnen
L Hmhm (bejaht)
Generationen mal unabhängig von einander gefragt werden. Mal sehen ob
sich das dann deckt, was man gesagt hat und so wie das ist.
Hmhm (bejaht)
Em, und deswegen würde ich noch mal so allgemein die Frage an dich
richten, was du sagen würdest, wo so ganz grob gesehen die Unterschiede
sind zwischen eurem Leben in Russland, weil du bist ja auch noch dort
geboren.
Ja, aber ich bin ja mit sechs Jahren (2) hier rüber gekommen.
Mit sechs Jahren.
L mit sechs Jahren, ja. Darum kann ich das glaube ich nicht so, nicht so sehr
L ja das, was
abmessen.
Ja, das, was halt dir so aufgefallen ist oder an was du dich erinnern kannst. Du
hast ja auch sicherlich manches aus, em, Erzählungen von deinen Eltern
gehört so, wie du dir vorstellen konntest, was so die Unterschiede sind
zwischen dem Leben in Russland und dem Leben hier (Tür geht auf, jemand
kommt rein)
Hallo.
Hallo, wie geht’s (?) armes Kind. Verhungert, oder hast du gegessen?
Nein, habe ich nicht! Ja, aber sie essen heute?
Na ja, nicht wirklich. @ (1) @ Also,
L Ja, ist egal jetzt
Ja wie lange dauert das?
(spricht leise) (?)
Das nimmt jetzt schon auf, @ (1) @ glaube ich @, nä? Oder? @ (1) @
@ Ja @
(?)
Ja ist egal.
L Wie du möchtest. Also
(?)
Oh doch, das Essen hilft. Kannst währenddessen essen.
Jo, hört man ja nichts.
Doch!
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(?)
 Während dessen essen.
@ Oh, man ey. @
@ (1) @ So schlimm ist das nicht. Ist das Milch, oder?
Nä, da musst du auch gucken, da ist Zucker drin.
Ach, Kaffee.
Wie, äh, kein, ist Milch, oder was?
(Spricht sehr leise) (?)
Ja
(spricht sehr leise) (?) @ (1) @ Genau also
 Wie soll ich jetzt anfangen
Ja, wie du denkst.
(3) hm, ich glaube ich hätte mir mal vorher ein paar Gedanken machen sollen.
@ (1) @
Jo, macht doch nichts.
Em, was mir aufgefallen ist? (1) Ich glaub, das erste, was mir aufgefallen ist,
dass es, em, ich hab so verschwommene Kindheitserin-, erinnerungen, das
Erste, was mir aufgefallen ist, war ein Mercedes Benz. Also wie @ das Auto
so war @ weil das kannte ich vorher nicht.
Ja.
Aber ich fand´s komischer Weise total hässlich, das weiß ich noch.
 Echt?
Ja! Und nicht irgendwie so schön, oder mal richtig (1) ein tolles Auto. Das, das
ist mir aufgefallen. Dann (1), em, dass es hier viel mehr gibt. Also die Fülle an
materiellen Sachen.
Hmhm (bejaht)
Auf jeden Fall, besonders an Süßigkeiten, das so, das ist alles mal so kleine,
so Bruchstücke und so, Erinnerungen.
Ja.
Und äh, (1) ja das es viel freiheitlicher ist.
Das hast du schon mit sechs Jahren so gespürt?
Ja, weil ich hatte das, n, ich hab das immer noch so i- in schlechter EErinnerung an, äh, meine, meine Kindergartenzeit, in Russland.
Ja.
Also ich, (2) ich glaube, ich äh, ich habe nicht viele Sachen gemacht, die man
machen sollte. Da habe ich öfters mal Ärger bekommen und so.
Aha!
Das weiß, ich weiß zum Beispiel mal, als alle Mittagschlaf machen mussten,
ey, da war ich der Einzige, der da noch rumsitzen musste, weil ich nicht
aufgegessen habe oder was weiß ich.
Ja.
Und das ist hier viel lockerer, aber, und ich zum Beispiel glaub auf den Fotos
merkt man ja auch immer, muss man glaube ich auch früher Uniform getragen
haben, oder?
Ja.
Kindergarten?
Ja.
Das weiß ich jetzt gar nicht, aber ich glaub schon. Das ist ja auch schon ein
Unterschied, wenn man hier hin kommt und siehst alle laufen hier normal,
alltäglich Sachen herum.
Ja.
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Hmhm (bejaht)
(spricht leise) Das ist mir aufgefallen.
Fandst du´s dann hier in der Schule, du bist dann mit sechs Jahren dann auch
hier in die Schule gekommen.
 Ja in die erste Klasse.
Fandest du´s dann, em, viel freiheitlicher als der Kindergarten, von dem du
erzählt hast?
Ja.
Ja? (2) Fandst du das positiv oder negativ?
Hö, ich glaub ich hab´s positiv empfunden. Ja, würd ich sagen
 Ja?
auf jeden Fall. Ich mein, das ist ja normal, oder nicht? @ (1) @
Jojo. @ (1) @
(Unterbrechung durch die Mutter, die den Raum betritt)
Hast du denn noch so in Russland, eh, hast du irgendwas, an was du dich
noch erinnerst kannst? Also, (1) vielleicht Erinnerungen an euer
Familienleben, oder so?
Nä, bei mir sind das nur solche Er- Erinnerungen, die nicht, äh, direkt, äh, über
irgend so ein bestimmtes Thema ha- , äh, handeln sondern eher so zufällige
Sachen, die eigentlich jeder normaler Weise vergessen würde, so wie, (1) äm,
ja wir haben mal mit meinem Nachbarn, damals war mein Nachbar mein
bester Freund. Der war auch letztens hier in Deutschland. Da haben wir mal
so, ich glaube das war hier Katzenspuren oder so, wir dachten das wäre
Nikolaus,
 @ (1) @
und das haben wir zum Beispiel verfolgt. Ja solche Erinnerungen hab ich nur,
aber nicht solche spezifischen.
Ja.
So an das Familien-zusammen-leben. Und wenn sich Erinnerungen kommen
dann im Zusammenhang mit den Fotos, die man so, die alten, die mein Opa,
der hat früher viel fotografiert mit der eigenen Kam- also der war Fotograf,
oder so, nebenberuflich
 Ach echt!
ehm, da haben wir viele Fotos von Staat.
Hmhm (bejaht).
(3) @ (1) @
(3) (jemand stellt was ab)
@ Dankeschön @ Und was hat er denn dann so fotografiert so? (1) Mehr so
Fotoportraits, oder
 Nä, der hat so nebenberuflich, hat er hier m- mit den Geschwistern, also
mit den Brüdern von meiner Mutter, hat er so, ja Begräbnisse und Hochzeiten
und so.
Hmhm (bejaht)
Und dann, also, im Familienkreis immer so, das sind diese typischen
russischen, wo die da alle so stehen, total verkrampft so (macht es vor)
Aha. @ (1) @
 Solche Fotos ey, und solche haben wir oben auch noch vergrößert. Eine ist
ganz cool, da sind so alle Enkelkinder jetzt, das finde ich meine ganze
Cousinen und Cousins.
Ja.
So im Hof. Also so alltägliche Fotos eigentlich.
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Hmhm (bejaht). (1) Aber jetzt eher nicht so Schnappschüsse?
Nä, das konnt man ja auch damals gar nicht machen.
Hmhm (bejaht).
Das waren ja ganz andere Fotoapparate.
Ach so.
Glaube @ ich auf jeden Fall @ (2) @
 @ (1) @ ja gut.
Aber ist ja alles auch noch in schwarz-weiß.
Ja stimmt. (2) Eher dann wahrscheinlich so zu formellen Anlässen.
Hmhm (bejaht), ja, zu besonderen Anlässen.
(Tasse klimpert)
Und, sonst das meiste ist ja das Problem, dass ich das meiste also nur aus
Erzählungen kenne.
Hmhm (bejaht)
Und (1) und dann, und die Änderungen die sind alle so (2) keine Ahnung,
die beziehen sich nicht auf irgendwas besonderes, da auf i- irgend keine
besonderen Erinnerungen.
Ja.
Ich weiß ich hab mich mal mit meinem Vater gestritten. Das kann ich mich
dran erinnern. Aber so das sind ganz wenige Erinnerungen. Ich find das ja
auch voll komisch, dass ich aus meiner @ Kindheit @ irgendwie nichts weiß.
@ (1) @ keine Ahnung.
Und so von, von den Erzählungen her wie sch-, (1) würdest du daraus
irgendwas deuten, was jetzt anders ist dann an dem Leben? Weil deine Eltern
haben dir sicherlich
 Ja,
viel erzählt.
also was ich von meinen Eltern ständig höre, dass wir, o- obwohl hier (1)
sagen wir mal so das, eh, materielle Leben und eh, (3) al- also jetzt hier von
der Fülle und so ist hier besser geht, aber das sie sich in Russland wohler
gefühlt haben. Obwohl jetzt, wenn jetzt zum Beispiel der (?) erzählt er hat
Orangen gabs nur zu Weihnachten oder so wat, nä,
Das hat meine Mutter auch immer @ erzählt. @ (1) @
Ja, und dann haben die, haben die sich diese Orangen geschmissen und so
einzeln gegessen jedes jedes einzelnes Stückchen und wollten noch am
besten die Schale da mitessen und alles.
Hmhm (bejaht)
Und das sind dann solche so (2) Erinnerungen von denen. (?) Oder zum
Beispiel wenn ich jetzt sage: Ja, ich komm, ich hab jetzt kein Geld, gib mir mal
´n bisschen Geld fürs Kino. Das kostet hier sieben Euro, oder so, und die
konnten damals, obwohl die jetzt da nicht reich waren oder so, konnten die für
ein paar diese (?) da
Hmhm (bejaht)
ins Kino gehen.
Hmhm (bejaht)
A. Und dann, dass das Leben geht vielleicht, weil die auch mein dieselbe
vielleicht, weil die auch jung waren, also die sind jetzt dreißig oder Anfang
dreißig rüber gekommen, vielleicht daher kam das Leben dort so unkompliziert
und (1) einfach positiver Form und nicht so stressig besonders. Weil die
meinten hier hat man niemals Zeit für irgendwas, niemals hat man Zeit,
obwohl auch diese ganzen technischen Neuerungen man kann, man hat,
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jeder hat sein eigenes Auto, im Nahverkehrs die Verbindungen sind total (2)
viel besser als in Russland und, aber dort hat man einfach Zeit, also hat man
viel mehr auch mit anderen Leuten so kommuniziert, also jetzt i- in der
Verwandtschaft noch mit den Freunden. Da konnt man einfach so hinfahren,
denkste ich hab nichts zu tun, fahre ich zum Freund oder so und, eh, (1) hier
geht das nicht, also hier ist das alles so (1) also mir kommt das so vor, nä,
isolierter.
Aha, ja.
Und, also dass es dort gemeinschaftlicher war und (2) (?) irgendwann.
@ (1) @
Ich weiß ja nicht, wie das im Alter kommt @ (1) @ ob sie nun alle zurücklegen
@ und
 @ (1) @
in ihrem st- stillen Kämmerlein sitzen.
Ja, wer weiß?
(3)
Würdest du das denn auch so empfinden, dass es hier isoliert ist? Oder
empfindest du das für dich so normal, dass du sagst, du kennst nichts anderes
oder siehst du dann hier in Deutschland
 Nä, ich seh das bei anderen so.
 Ja.
Wo ich hab´s ja schon von riesengroßen einfach Freundeskreis und so und (2)
 Hmhm
(bejaht)
auch richtig multi-kulti, das ist nicht so, dass alle nur aus Russland sind oder
(1) Deutsche oder so, keine Ahnung.
 Hmhm (bejaht)
(3)
Hm, nä, also ich em- empfind´s irgend nicht so. Vielleicht wenn ich, äh, länger,
äh, in Russland gelebt habe, das habe, deswegen habe ich auch mir gedacht
oder ist es auch so dass viele jugendliche Russlanddeutsche, die noch, die
länger dort waren.
Hmhm (bejaht)
Das haben die mir auch erzählt. Ne Freundin zum Beispiel von einem Kumpel
von mir, die Freundin, die länger, also die jetzt so mit zehn Jahren oder die
schon was Richtiges kennen gelernt haben. (1) Öh, beste Erinnerung an
meinen Cousin, der träumt auch immer noch, ey, davon,
 Echt?
@ (1) @ ja @ obwohl er jetzt schon so halb jung ist.
Hmhm (bejaht).
(spricht leise) so ungefähr.
(4)
Ich bin schon sechsundzwanzig @ (1) @ (?)
 Ja.
Ja? Ah ja!
Jo klar!
(spricht leise) (?) Tja.
(3)
Naja, wie sind wir jetzt auf das Thema gekommen? (spricht leise) (?)
 @ (2) @
Ja, ob du dich auch isoliert fühlst?
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Ach so, isoliert. Nä, eigentlich nicht @ (1) @. Zur Zeit auf jeden Fall nicht.
Hmhm (bejaht). Und deine Freunde, hast du gesagt, sind dann, em,
Russlanddeutsche. Du hast multi-kulti gesagt, ja?
Ja, ich mein (2) ich mach da aber kein Unterschied, ich mein, ich hab einen
Freundeskreis also, em, aus allen (2) a- aus allen Nationen, sagen wir mal so.
Hmhm (bejaht)
Und (2) ja, so das ist nicht so wie, wie das bei meisten Russlanddeutschen
zum Beispiel ist. Dass die nur im Kreise von Russlanddeutschen verkehren.
Hmhm (bejaht)
(2)
Oder, ja das ist eigentlich bei allen so, bei allen Gruppen @ (1) @
Ja.
Also würde ich so sagen, dass nur ganz selten, dass da mal
Ist ja auch nichts Schlechtes.
Nä, sage ich ja nicht, ich meine nur, das ist nur (2) ist nur so aufgefallen.
Ja. Würdest du dann sagen für dich, dass em, deine richtigen Freunde sind
das dann Russlanddeutsche? (1) Also
 Ja, die besten schon.
Ja?
Ja, weil das en-, das en-, entwickelt sich auch so, wenn man selber, also als
ich nach hier nach B. gekommen sind, waren wa eine der ersten Familien, das
weiß ich noch, in die- in diesen Hochhäusern,
Hmhm (bejaht)
die Häus-, das waren ja eigentlich früher von den Engländern, hier von den
Soldaten,
 Ja
die die Häuser, die man früher gelebt. Wir waren eine der ersten, die hier hin
gezogen sind. (2) N´ so kamste auch in der ersten Klasse, kam, es, es gab, es
gab ganz wenig Russlanddeutsche, in späteren Zeiten da war mehr als die
Hälfte, @ glaube ich, der @ Klasse Russlanddeutsche.
Hmhm (bejaht).
Und so hat, verkehrt man immer in ihren Kreis, bleibt man einfach unter sich.
Ja.
Und dann die, also jetzt die hiesigen Deutschen, (spricht undeutlich) (?) sagen
ey.
@ (1) @ (2) Klar.
Em, (2) ja die grenzen sich dann auch eben ab, also das das ist schon
automatisch. Das merkt man ja auch überhaupt.
Hmhm (bejaht). Und hast du dich mal so gefühlt, dass die hiesigen Deutschen,
sag ich jetzt einfach mal so, wenn dir, äh, negativer gegenüber (1) treten?
 Hmhm (bejaht)
 Nä!
Ne? Also hast du noch nie
 Aber mir, ah, haben die zu Hause nicht so (3) also
besonders jetzt merken´s, die meisten Leute merken das noch nicht mal.
Ja.
Nur die, die schon, die aus dem Osten sind, oder auch zum Beispiel, wenn
Polen oder so was die merken sofort, dass ich, weil ich weiß auch nicht woher
 Aha.
manchmal, dass das R so durchkommt, das harte R oder
Ja, aber eigentlich sprichst du ja kaum mit Akzent, also gar nicht eigentlich.
Ja, ich denke es auch, aber viele merken es trotzdem.
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Ja. (2) Aber wenn die
 andere merken es aber auch nicht.
Ja.
Zum Beispiel gestern war voll die Schose, äh ey, da sind wir mit einem
gegangen. Wir waren so zu fünft. Und eh, und der meinte, er erkennt, äh,
Schwule und Russen sofort auf den ersten Blick, aber neben mir lief ein
Schwuler und ich war aus Russland und er hat´s nicht erkannt. @ (3) @
 @ (3) @ Jo! @ (2) @
(3)
Seine Menschenkenntnis ist doch nicht (?)
 Die Ironie, ja
 @ Ja! @
In dem Falle, ey.
Habt ihr euch geoutet? @ (1) @
Ja klar.
Joa.
@ (1) @
 @ (1) @
(6)
Ich kau mal zwischendurch.
Ja klar, iss ruhig. Kein Problem.
(4)
Aber würdest du denn dann trotzdem sagen jetzt, dass es, em, würdest du
sagen dein Leben verläuft, also auch das Leben ,das ihr so als Familie habt,
nä, verläuft so wie bei den Einheimischen, so was du den Einblick hast, oder
 Nä!
würdest du sagen ihr lebt anders?
Na, ich habe auch niemals so richtiges, äh, das Leben von Einheimischen
Oder so wie du dir das vorstellst
 ich habe zwar Kum-. Ja, so wie ich mir vorstelle. Ich hab (2), em, zum
Beispiel wenn jetzt so Leute zu mir kommen oder zu, (spricht immer leiser)
also jetzt, okay, zu meinen Eltern oder hier, dann merken die immer hier ist bei
uns ist immer Trouble also immer Aktion am Start.
Hmhm (bejaht)
So Beispiel merke ich, wenn ich so zu mein, zu mein Kumpels nach Hause
komme (1) also diese hiesigen Deutschen, sag ich mal, da ist es viel ruhiger
und gelassener und bei uns ist ständig Besuch, klingelt Telefon, blablabla und
(2) (?)
Hmhm (bejaht)
Der Unterschied. Aber sonst nicht. War auch noch niemals so richtig (2)
glaube, ich hab noch niemals andere Leben so kennen gelernt. Aber ich
glaube, ja (2), allein schon wenn man sieht, wie viele Feste die feiern und so,
also früher war das auf jeden Fall so, aber jetzt ist das auch im- immer
weniger geworden. Kann ja auch sein wegen dem Alter oder die haben keine
Lust mehr.
Hmhm (bejaht)
Ja früher wurden die immer einfach immer ziemlich viele, (1) äh, ein paar Säle
gemietet. (1) Auch Silvester oder haben die zu hundert, oder ich @ weiß @
gar nicht wie viele da waren, das weiß ich, das weiß ich noch als Kind.
Aha (bejaht)
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Die ganze große Verwandtschaft mit Freunden und alle haben zusammen
Silvester oder Weihnachten gefeiert.
Hmhm (bejaht)
Heutzutage ist auch schon alles so klein (1). Gerade dieses ja dieses, äh,
Gemeinschaftliche, wieder mal.
Ja.
Also sticht hervor.
Ja. (2)
Das würde ich schon sagen. Ansonsten, (2) em (2), hätte ich mir echt vorher
Gedanken machen sollen. @ (1) @
 @ (2) @ ja @ (2) Also würdest du sagen, em,
Russlanddeutsche sind gemeinschafts(?)
Auf jeden. Auf jeden Fall. (2) Auch, auch bei den Jugendlichen ist das das so
 Würdest
irgendwie geblieben.
Ja?
Ja. Vielleicht bis zur nächsten Generation. Mit den Kindern, die hier schon
aufgewachsen sind, muss ja anders sein. Aber (2), weil die würden sich, die
würden
 Weil
sich glaube ich schon mal nicht als was anderes, also (1), fühlen oder (1)
verhalten.
 Hmhm
(bejaht)
Fühlst du dich (?) auch als ein bisschen was anderes? @ (1) @
Ja klar.
Ja? (1) Wie fühlst du dich denn? @ (3) @
 Gut. @ (3) @
Ne, also, (1) du bist ja
 Ja ich weiß schon was du meinst.
Ja.
Em, (2) einfach n- einfach halt (1) anders. (2) Allein schon wegen ganzen
Background.
Hmhm (bejaht)
Den man so hat. (2) Ja, em, das ist schwer in Worte zu fassen, aber (2) @ (1)
@ ja @
(?)
(?) @ (1) @
Du wolltest grad erklären, em, wie du dich, wie du das definieren würdest,
dass du dich bisschen anders fühlst hier. (2)
Ja, em,(5)Ja, allein, ja, der ganzen Background, den man hat. Dass man eben
hier nach Deutschland gekommen ist, schon eine andere Kultur kennen
gelernt hat.
Hmhm (bejaht)
Ganz anderes Leben und man, man merkt es auch einfach im Umgang zu´n
Anderen. (2)
Hmhm (bejaht)
Dass man schon (2) einen anderen Hintergrund hat.
Ja. (1) Ich meine man hat einfach ´ne andere Geschichte.
Ja.
Hmhm (bejaht) (2)
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S:
A:
Obwohl alle ihre eigenen Geschichten mitbringen hat man trotzdem voll, ja
heutzutage nicht mehr so, ne eigene, aber
Hmhm (bejaht)
Is eben anderes.
Ja.
 Und das prägt ja dann auch wahrscheinlich @ (1) @
Ja klar. Hmhm (bejaht) (1) Ja ist ja auch verständlich, nä. (1)
Ja.
Hmhm (bejaht)
(6) (es wird mit Geschirr geklappert)
Ja.
Hmhm (bejaht) Würdest du dann sagen, dass du dich, em, noch mehr als ´n
Russlanddeutscher fühlst oder schon mehr wie
 Nä, mehr Russlanddeutscher. Auf jeden
Fall!
Ja?
Würde ich glaube ich immer machen.
Ja?
Ja. Ich meine, mir kommt es sowieso nicht auf die National- Nationalität an.
Wie mich jetzt der Eine oder der Andere schimpft, ey. Ist ja egal ob ich jetzt
Du- Deutscher bin oder was weiß ich.
Hmhm (bejaht)
Das interessiert mich aber auch einfach nicht.
Wurdest du schon mal beschimpft?
Ach nä, ich mein jetzt schimpfen jetzt, ehehm, also als, was was einer sagt. Ja
betitelt.
 (?) betitelt, ja genau, genau, hmhm
(bejaht)
Nein beschimpft noch nicht @ (2) @ (2)
Ja.
Mir stört nur, nur im- immer wenn die sagen, ja ey, genauso wie der Typ
gesagt hat, ich kenn nur Russen. Also ich mein, die sollten Russlanddeutsche
sagen, oder, keine Ahnung, Aussiedler.
Ja.
Aber nicht, äh, Russ-, oh, das ist jetzt nicht wertend gemeint, das jetzt, äh,
Russen nicht toll sind und nicht gut oder so, ich mein nur, die sollten das dann
mehr definieren.
 Ne.
Ja. Ist halt eine falsche Definition, nä?
Ja, das das liegt halt auf der Hand ganz schnell zu sagen, ey, weil d- die die
Leute sehen was oder sehen anders aus, sehen so aus, als ob die @ grad
aus der ehemaligen So- Sowjetunion kommen, ey. Dann sagt man einfach @,
sprechen auf russisch was -s
 @ (2) @
li- liegt denn nichts näheres bei als sofort Russen zu sagen.
 Jaja.
 Jaja.
(es wird mit Geschirr geklappert) (9)
Aber ich würde mich auf jeden Fall so (2) eher als Russlanddeutschen, also
ich glaub es würde niemals ein eintreffen, dass sie mich jetzt also als ein
Deutschen angesehen würden.
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A:
Hmhm (bejaht)
Tun glaube ich auch die Wenigsten.
Ja?
Würd, eigentlich keiner machen, glaube ich. Nur ein paar. Ein paar kenne ich.
Zum Beispiel der Eine, der von meinem Vater, Kumpel, der Sohn. Der hat sich
sogar ein deutsch- also der hat sich umbenennen lassen.
S:
Echt?
A:
Weil der hat voll kein Bock drauf so, wo-, ich glaub, der heißt Kasimir mit
Nachnamen, hat son richtigen son heftigen russischen Namen so Slavo oder
so. Ja.
(Tür geht auf jemand kommt rein, die eingetretene Person flüstert kurz)
A:
Jojo, @ ja ich komm gleich @ (1) @
S:
@ (2) @
(eingetretene Person spricht wieder) (?)
A:
Jojo.
(es wird immer noch gesprochen) (?)
A:
Wie heißt denn der Sohn da von Kasimir? Der hat sich umbenennen lassen.
Mutter: Äh, Slavie, Slavie, Slave. (?)
S:
Echt, ja, das ist ja ein ganz anderer Name
A:
 Ja genau.
Mutter: Ja.
S:
(?)
 Der hatte bestimmt keinen Bock, also keine Lust auf seinen Namen.
A:
S:
Ja.
A:
Das hat ja auch schon was damit zu tun, wie man sich fühlt. Also wie, wie man
sich gibt. Wenn man schon den Namen ni- nicht akzeptiert.
Mutter:
 Der Name
Mutter: Würde ich nie machen. (es wird mit Geschirr geklappert) Gibt’s ja (?)
A:
Ich hab auch gemerkt, dass zum Beispiel viele aus dem Osten, also aus der
ehemaligen DD- DDR, grad dadurch, dass das auch hier sowjetisch war und
so. Dass das auch vie- b- bei vielen Deutschen voll der Trend ist so ihre
Kinder nach russischen Namen zu benennen. Also besonders bei´n bei den
Mädchen. Das
 Nach, nach
Mutter:
russischen
A:
Hmhm (bejaht)
Mutter: Trend?
A:
Nein, benennt. Also, man gibt ihnen kein typisch deutschen Namen.
Mutter: (?) was gibt’s da eigentlich? Jessica
A:
 Diese Anuschka und so was.
Mutter: Und Missi @ Jessica @ und alles gibt’s. Ja, Svetlana ist ja auch russischer
Name.
S:
Hmhm, genau. Aber ich kenne auch einige die haben sich dann hier
umbenennen lassen und heißen jetzt Stefanie.
A:
Boa.
S:
Weil Svetlana eigentlich, also (?)
A:
Ja.
S:
Ich hatte mal eine Schülerin, die hat gesagt früher hieß sie Svetlana und jetzt
Mutter: Stefanie.
S:
Stefanie. @ (2) @
Mutter: Meine Güte.
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A:
Total bekloppt, ey.
Mutter: (es wird mit Geschirr geklappert) Bekloppt, nä, find ich nicht. (2) Gibt’s auch.
A:
Die stehen nicht zu ihrer Vergangenheit. @ (1) @
Mutter: Ach.
S:
Ja. ()
A:
(Geschirrgeklapper) Alles ausradieren. () (Geschirrgeklapper)
A:
Aber andere, so wie (2) hier Arthur. Zum Beispiel, viele machen es ja auch so,
wenn die (1) Eltern zum Beispiel der einer ist so richtige Russe und eine
Russlanddeutsche, wenn der Vater dann richtige Russe ist, die haben so
richtig russischen Namen und dann nehm- neh- nehmen die dann den Namen
an aber an. Das machen mega viele von den
Mutter: Ja.
A:
Frauen.
Mutter: Find ich richtig. ()
A:
Ja, das hat auch voll viel so berufliche Perspektiven.
Mutter: Beruflich ja wir viele
A:
 Und in allem anderen, weil wir die sehen da sofort, das gibt’s
nämlich echt manchmal, wenn die sehen sofort den Nachnamen
Mutter:
 (?)
 (?) versuch mal diesen Namen
auszusprechen, oder gibt’s noch mehr solche Name? Das ist wirklich
schwierig, eh, auszusprechen
A:
Die wollen nicht so- sofort als (3) eh, Russlanddeutsche, oder oder Russen,
em, abgestempelt werden.
Mutter: (Geschirrgeklapper) Ja. Aber viele haben den Namen auch gelassen. (?)
Wenn er sagt egal, hauptsächlich um die andere (?)
S:
Hmhm (bejaht)
Mutter: (?)
(Gespräch über Essen, Studentenleben) (Mutter verlässt wieder den Raum)
S:
Päppelt deine Mutter dich bisschen auf? @ (2) @
A:
Ich habs ganz gut, ey. Weiß nicht krieg ja genug zu Essen. @ (1) @
S:
(Besteckgeklapper) Ja. @ (1) @ (2) Also wir waren ja da stehen geblieben,
dass du gesagt hast, dass du dich wie ein Russlanddeutscher fühlst und dass
du dich wahrscheinlich auch ein Leben lang so fühlen wirst. (?) Was meinst du
denn
A:
 Aber ich ich em, mir ist eigentlich
egal wie ich mich be- benenne.
S:
Ja.
A:
Also ich darüber, ich eigentlich überhaupt noch keine @ Gedanken gemacht
@.
S:
Ne. Jaja, klar. Aber ist trotzdem interessant.
A:
Ja.
S:
Finde ich. (3) Weil du eigentlich schon, em, mehr Zeit in Deutschland
verbracht hast als in Russland.
A:
Aber dadurch dass man in dieser Gemeinschaft, also, ziemlich gebunden ist.
Ne nicht gebunden aber wo dass man sich die meiste Zeit aufhält. Man der
größte Teil meiner Freunde ist hier russlanddeutsch.
S:
Hmhm (bejaht)
A:
Deswegen bleibt das so erhalten.
S:
Ja.
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A:
S:
A:
S:
Wenn ich jetzt zum Beispiel hier ganz allein in so nem Dorf und dann wären
auch keine Russlanddeutsche dann wäre bestimmt auch nach einer Zeit
verflogen alles.
Hmhm (bejaht)
Allein dadurch, dass hier die größte russische Diskothek Deutschlands ist, ey,
hier
 Wo
denn?
P..
P., ja?
Ja.
Hier in O., oder
Ja, hier in O..
Aha, wusste ich gar nicht.
Hier ist auch ne riesengroße, fahren sie aus dem Ruhrgebiet hier ins P. fahren
die hier her aus Frankfurt und Main und
 @ Echt? @
Ja, voll heftig, wenn du mal guckst was da für Nummerschilder sind. Bei den
Parkplätzen oder hier in B. auch so, voll die Hochburg. (3) Und da in der
Strasse wo ich wohne ist auch eine russische Diskothek, I. @ (1) @
@ (2) @ Aha,also
 Wir sind schon so ne Subkultur. @ (1) @
Ja. Du meinst man pflegt das auch bisschen so, nä?
Ja.
Dass man halt anders is. Und seine eigene.
Viele sind ja auch total stolz darauf und die übertreiben damit voll.
Ja?
Es gibts ja, e, musst dir allein angucken O., das ist ja eben O., B. und so sind
ja mega viele Russlanddeutsche.
Hmhm (bejaht)
Bestimmt, weiß nicht wie das so ist, aber bestimmt eins der größten Dichten
von, Dichten größte Dichte von Deutschland bestimmt.
Hmhm (bejaht)
Glaube ich auf jeden Fall. Hab nämlich niemals so viel wo anders gesehen.
Hmhm (bejaht) (1)
Und, äh, da da bleibt auch dann, die verkehren nur untereinander und sind
Zusammen- äh, Zusammenhängigkeitsgefühl.
Hmhm (bejaht)
Und, zum Beispiel dass unsere Autos äh, hier so was russisches drauf und so,
weil die sind alle total stolz und keine Ahnung und äh, similieren sich nicht. @
(3) @ tja @ (2)
 @ (1) @
@ (6) @
gut @
@
(2) @ Ja. (4) Ja (5)
Die wollen ja also, die sind auch ziemlich stolz drauf und, zum Beispiel man
sieht ja die leben zehn Jahre hier und eini- also viel keine Ahnung, ziehst dich
auch eigentlich so an wie, also ganz normal eben, was man hier so kauft und
die bleiben richtig auf dem (?-)stile drauf und so. Mit der komische Mütze und
so.
@ (1) @
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A:
Und geben sich dann eben so und laufen in Lederhose, ach, in Lederjacke
und äh, Jogginghose rum und so.
Ja. Erkennt man immer direkt, nä?
Ja. An Lederjacken zum Beispiel, sofort. Schwarze Lederjacken.
(?)
Genauso wie das auf meiner Schule war. Bei mir war ja Russisch schon das
gabs als Leistungskurs und da waren auch die Russlanddeutschen total
untereinander.
Und du warst da auch dabei bei den Russlanddeutschen?
 Ja, ich war immer überall mal links und
rechts, ey. @ (1) @
@ (1)@
Mir wars egal eigentlich.
Hmhm (bejaht)
Daran liegt´s, dass ich auch so schlecht russisch sprechen kann. Obwohl ich
so viel mit russischen zu tun habe. (2) Em,
Verstehst du denn noch alles?
Also ich habe letztens bei meiner Tante russisches Fernsehen geguckt und
ich hab nichts verstanden nur solche Wortfetzen, so, die mir mal so
reinkamen. Weil die sprechen dermaßen schnell und so. Da war auch letztens
von einem Kumpel die Cousine aus Russland hier im Sommer, die meinte
auch, und die, wo ich denke, dass die richtig gut russisch sprechen, Kumpels,
dass die grottenschlecht sprechen und auch voll mit dem richtigen Akzent.
Hmhm (bejaht)
Im Gegensatz zum richtigen also zum richtigen wahren russisch.
Hmhm (bejaht)
Also dass die deutsch sprechen. Das merkt man auch sofort.
Kannst du dich denn verständigen auf russisch? Schon, oder?
Ja, so, auch mit Händen und Füssen.
@ (2) @
 Es kommt immer so ein Typ, hier, so ´n Gastarbeiter aus der Ukraine bei
mein Kumpel, ey. Und der kann ja nur russisch. Der lernt, ich lern ihm immer
deutsch und er lernt mich, eh, russisch.
Aha. Das ist ja gut. @ (1) @
@ (1) @
Ja. Weil deine Eltern sprechen ja noch recht gut russisch, nä? Jo.
Hm, joa. Ja besonders meine Mutter jetzt viel besser weil die eh, eben durchs,
eh, Reisebüro.
Ja.
Das ist ja viel mit russischen, oh d- das gibt ja auch voll viele Leute die können
überhaupt kein deutsch. Besonders von den Älteren.
Ja.
Also, die lernen zum Beispiel auch nicht mehr so schnell, also gar nicht.
Wie habt ihr denn hier zu Hause in der Familie gesprochen?
Nä, also (3) untereinander größten Teils deutsch. Nur ganz selten russisch.
Hmhm (bejaht)
Nur meine Eltern sprechen untereinander ab und zu russisch. Und dann mit
den Freunden. Aber es kommt darauf an welche Freunde, weil, keine Ahnung,
bei den wars auch schon in Russland so, so bei meiner Mutter auf jeden Fall.
Dass die auch schon zu Hause dieses, äh, schwabisch, ich weiß gar nicht wie
das heißt, dies Dialekt da.
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Hmhm (bejaht) (2)
Dass die dort auch schon deutsch gesprochen haben.
Ja.
Bei meinem Vater nicht, also, da konnte meine Oma auch nicht s- nicht so gut
deutsch. Kann schon, aber. Ich meine, die konnte schon aber, nicht so gut wie
die anderen jetzt.
Ja.
Und sonst untereinander hier haben wir am meistens deutsch gesprochen. Ja
weil wir auch, glaube ich, so schnell deutsch, ja richtig schnell russisch
vergessen. Meinten meine Eltern. Halbes Jahr, oder so, da konnten wir schon
deutsch. Und konnten schon fast kein russisch. Als Kind geht das ja auch
schnell so.
Ja, ja, klar. Das geht auch schnell. (2)
Ich hab dann auch ab der siebten russisch gehabt also ich hab bis zur
zehnten durchgezogen und dann ey als dran ging die richtige Aufsätze zu
schreiben da Seitenweise, ey. Ging nicht klar.
Hattest du hier russisch als Fremdsprache? Oder was?
Ja als zweite. Neben Englisch.
Ah ja, das geht?
Ja hier an diesem also E.–M.–S.–Gymnasium in O.. Darum sind ja auch so
viele Russlanddeutsche dran. Die haben, haben sich viele ganz schön, die
haben ihr Abitur so gemacht oder gerettet, weil die immer 15, die konnten
besser russisch als die Russischlehrer.
Ja klar @ (1) @
Ist doch klar. @ (1) @ Die k- die Russischlehrer konnten vielleicht mehr über
li- die ganze Literatur und konnten besser analysieren, aber jetzt vom
stilistischen und von der Sprache konnten sie´s einfach besser.
 Hmhm (bejaht)
Ja. Wenn das deren Muttersprache ist.
Ja.
Ist ja klar.
Und ich saß da, ey, mit n- ein paar anderen Kumpels, die auch nicht so gut
können, ey, und zwischen diesen ganzen @ (1) @ Ja so blalala (gesungen) @
(1) @
@ (1) @
Da wars ab der zehnten auch nicht mehr so interessant.
Ja, ja. (4) Meinste denn dass, deine Kinder, wie die sich später, meinste die
fühlen sich dann auch noch als Russlanddeutsche oder würden die sich dann
schon als Hiesige.
Ich meine, die würden sich bestimmt so wie Amerikaner fühlen.
@ (1) @
Wir sind Amerikaner, aber haben diesen und diesen geschichtlichen
Hintergrund.
Aha.
Vielleicht wills mans ja auch schon noch an dem Namen irgendwie, weil
Wondel ist ja auch nicht gerade der deutscheste Name, glaube ich.
Joa.
So werden die sich fühlen. Als Deutsche, aber, die haben eben so ´n anderen
Pfand hinter sich, also einen anderen Weg gegangen, also si- haben nicht
immer, nä, so in dem Stil so wie Amerikaner. W- w- wie ichs glaube, wie die
sich fühlen. @ (1) @
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@ (2) @ Ja, wahrscheinlich (?)
 Die sind, die sind ja immer stolz auf ihre deutschitalienische keine Ahnung was
Ja.
Herkunft, aber fühlen sich als Amerikaner. Und so, ich schätze mal so würden
die sich auch fühlen.
Mag sein, ja. Würdest du denn, äh, denen das auch erzählen? Also würdest
du dass die das auch, würdest du wollen dass die das wissen, dass
Früher, aus meine Großeltern - meine Oma, ist im Sommer gestorben - da
konnte man auch nichts so rauskriegen und von mein Großvater auch, also
von mein Opa. (2) Irgendwas über die, ihren ganzen lebens-. Zum Beispiel
hab ich letztens bei irgend so´n Foto entdeckt, das wurde hier in Deutschland,
als, äh, hier in diese, wie hieß die noch mal hier, Hitlerjungend, muss ja. Also
er er kam ja aus Russland, wurde dann verschleppt nach Deutschland,
irgendwo da in Sachsen. Und da wurde er hier in die
 Aha.
Hitlerjugend geschickt. Dort so´n Hitlerjugendfoto.
Ah.
Und er war ja drei Jahre, oder viere, hier und dann musste er wieder zurück
nach () Also ich versuche dann mal zu rekon-, hm, zu rekonstruieren aber die
haben selber irgendwie keinen Peil, ey. Ich meine, die haben schon vergessen
oder die wollen das nicht erzählen.
Hat er dir nichts erzählt?
Nä, wenn, dann verarscht er mich immer. @ (1) @ Dann lacht er sich immer
tot, ey.
 @ (2) @
Erzählt, öhöhö, war in Stalingrad da mit Göbbels irgendwie unterwegs, ey.
Und solche
 @ (4) @
Sachen.
Vielleicht ist es ihm peinlich.
Ja, kann sein. (2) Glaube ich nicht. (2)
Wo hat er denn gelebt, äh, bevor er dann nach Deutschland kam? In Russland
oder in der Ukraine?
Ich glaub, ich weiß es nicht.
Hmhm (bejaht) Kann ich ja ihn auch fragen.
 Ich müsste meine Mutter fragen, oder, ja muss ihn
fragen.
Hmhm (bejaht)
Aber dann wird er auch ausholen und so. Dann bringt er auch öfters Sachen
durcheinander muss am besten einer von meinen Onkels dabei sein, weil die
wissen noch besser als meine Mutter oder so. Die ganzen geschichtlichen.
Weil die kennen auch seine Geschrich- Geschichta, eh, ach Geschichta,
Geschwister.
Jaja.
Die wissen das auch etwas besser da.
Ja. (2)
Ich würd´s gerne wissen. Also ich würd´s dann, ich würd´s dann auch
erzählen, klar. Ich meine, wenn ich jetzt irgendwelche Vorfahren hätte, also
zwei Generationen zurück und die hätten da voll die krassen da
Umsiedlungsaktionen gehabt, ey.
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Hmhm (bejaht)
Würde ich das auch gerne wissen wollen.
Ja.
Ich würd´s schon sehr gerne wissen welche Familie das war, die von
Deutschland, damals, zu Katharina der Großen Zeiten, ey, nach Russland
ausgewandert ist.
Hmhm (bejaht)
Und , wo die gelebt haben und so und
Hmhm (bejaht). Und das konnte dir noch keine sagen aus deiner Familie?
Nö. Das sind alles ungeklärte @ (1) @ Fragen, @ (ey) @.
@ (1) @
Ich würde, würd´s wirklich interessieren. Würdest du doch bestimmt auch,
oder nicht?
 Ja.
Jaja, na klar. (2) Hmhm (bejaht) (2) Doch, das ist ja auch, man hat ja auch ´ne
viel interessantere Geschichte als wenn man schon immer in Deutschland @
(1) @ gelebt
 Ja klar.
hat. Also ist das ja auch wissenswert. (3)
Da hat sich auch bestimmt auch irgendwas konserviert, also, das wir jetzt die,
@ (1) @ ist genauso bezogen wie mit den Amerikanern die noch immer ihre
alt-deutschen da, wo ich das immer im Fernsehen sehe, Bräuche pflegen oder
a- alt-italienischen die selbst in Deutschland und Italien oder was oder (1) was
weiß ich wo ausgestorben sind, die aber dort noch gepflegt werden. So war´s
bestimmt auch bei den Russlanddeutschen, ey.
Hmhm (bejaht) (2) (?) Und was, ja, aber was, was sind denn das wohl für
Bräuche? Das würde mich jetzt interessieren. Was die Russlanddeu- die
Russlanddeutschen da (?)
 Ich glaube
besonders das Liedgut. Auf jeden Fall. Dann, (2) die haben auch einen ganz
andern Glauben. Das glaube ich auch. Einen viel stärkeren. Also jetzt,
evangelischer oder katholischer, keine Ahnung. Und, äh, (2) ja, ich glaub da
hat sich Vieles bewahrt.
Kennst du die Lieder den auch?
Nä, aber meine Mutter wollte ja auch anfangen die aufzuschreiben.
Ja?
Weil die ältere Generation, die sterben eben und da damit geht das verloren.
Und hier auch in Deutschland gibt’s die Lieder so auch gau- glau- glau- glaub
ich auf jeden Fall nicht mehr.
Hmhm (bejaht)
Ich weiß es nicht aber ich würd´s auch stark vermuten. @ (1) @
Hmhm (bejaht)
Hmhm (bejaht) Ja und ansonsten was (?) (2)
Habt ihr denn in der Familie immer viel gesungen?
Ja, früher viel. Also wir jetzt nicht so, aber, es irgend alles, die alternen
Generationen da wird’s für dich bestimmt viel interessanter sein, mit denen
mal zu reden. Ja, weil bei denen hat sich alles noch so. Bei uns verl- das
verliert sich mit der Zeit alles.
Hmhm (bejaht)
Das war früher auch viel mehr. Da haben wa zum Beispiel meine Oma die
hats jetzt auch Alzheimer früher mit ihren ganzen Geschwistern. Die haben
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ziemlich viel gesungen also diese ganzen. () Zum Beispiel hier „Gebenedeit“
kennst du das Wort?
Ja, also @ (1) @
Ja, was heißt ´n das überhaupt? Zum Beispiel so was gibt’s in deutschen gar
nicht mehr.
Aha. () Und das kommt in diesen Liedern vor, oder wo?
Nä, das sind, äh, Gebet- Gebeten hab ich letztens gehört. Die hab meine
Mutter gefragt, die konnts nicht mal richtig erklären was das bedeutet.
 Aha.
Ja.
Gebenedeit. @ (1) @
Ja, das ist ´n sehr alter Begriff.
Ja.
Hmhm (bejaht) (4) Und, und der Religion, habt ihr denn da eine Religion jetzt?
Nä.
Ihr seid, was seid ihr? Evangelisch, katholisch?
Ich bin katholisch. Ich wollt wie so austreten. @ (2) @
Echt?
Ja. Ja weil, aber, pscht. @ (2) @
@ (2) @ Wieso, willst du austreten?
Ja, ich bin ja erst in Deutschland überhaupt hier getauft.
Ach so.
Ja weil ich halt skeptisch bin gegen die ganze Kirche und ich bin eigentlich voll
der Atheist. Ich habe auch viele Bü- Bücher darüber gelesen und so und ich
meine (2) ich bin, äh, ich finde wenn man schon Christ ist oder so dann sollte
man das auch ein praktizierender Christ sein oder so.
Hmhm (bejaht)
Und nicht so wie die meisten so. Ja, getauft blablabla, fertig.
Hmhm (bejaht)
Und das wars.
Hmhm (bejaht)
Weil, eh, oder welcher hält sich über jedem, welcher Christ hält sich an die
ganzen, nich- nicht jetzt die Gebote oder solche hochtrabenen Sachen, aber,
allein sich so zu verhalten und
Hmhm (bejaht)
sich so als Christ zu geben oder so. Weil allein schon Nächstenliebe und alles,
weißte. So bei mir, oder ich kann die Kirche auch überhaupt nicht aber
besonders ich bin ja @ katholisch, ey. Und @ das geht ganz gegen meiner
Einstellung. @ (1) @
Ja.
Und ich will auch keinen, der mir irgendwas vorschreibt. Wenn ich Christ
bleiben wollen, würde dann würde ich auch, äh, (?) eigene lebe oder so. Oder
selbst ausrechne nicht das mir einer vorschreibt wie ich das zu sehen habe.
Jaja klar.
Wie ich dieses und jenes praktizieren soll. Aber weil ich ja sowieso kein
Gläubiger bin @ (1) @. Vielleicht kommt so ein Blitz, bsiuch, @ (1) @
@ (1) @ Und, em, du sagst es deinen Eltern nicht, weil du Angst hast, dass
sie das nicht gut finden können?
Nä Angst hab ich nicht, aber ich weiß ja nicht, dass die das nicht, hm, gut
finden werden.
Ja?
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Ich ja, ich wo- wollte ja darauf zurückkommen, ich bin ja erst in Deutschland
getauft worden.
Ja.
Und meine Sch- Schwestern sind noch in Russland, zwei, damals noch so
taufen uns so
Ja.
Besonders früher haben die erzählt, das war überhaupt, ey, in so ´nem
Hinterzimmer kam so einer, der taufte und fertig.
Hmhm (bejaht)
Zwar atheistischer Staat, obwohl die schon zu deren Zeit auch schon immer
so´n ein altes Video als meine Eltern geheiratet haben die auf Video
aufgenommen. Und dann haben die auch schon in der Kirche geheiratet.
Hmhm (bejaht)
Aber weil das ja eigent- im Kommunismus eigentlich nicht so sein sollte. @ (1)
@
Ja. Und deine Eltern sind dann also gläubig, oder finden Religion wichtig?
Hmhm (bejaht)
Ja?
Ja nicht wichtig, aber auf jeden Fall gläubig.
Jaha.
Irgendwie. (2)
Hmhm (bejaht)
Ja, viele (2) keine Ahnung, die brauchen zum Beispiel dieses Leben nach dem
Tod und so. Zum Beispiel. Vertröstung wie ich sie nenne. @ (1) @
@ (2) @ Du brauchst das nicht, @ oder wie @? (6) Aber du meintest Religion
bei den Russlanddeutschen ´ne andere Rolle spielt als bei den Deutschen?
Das ist eine ganz andere Religion auch. Merkt man alleine, wenn man so in
die Kirche geht so wie alle so höchstens mal (1) zu Weihnachten oder was.
Hmhm (bejaht)
Und da sitzen immer die ganzen Omas, ey, die ganzen (?) mit dem ganzen so,
die sind viel viel gefestigter der Glauben.
Aha.
Auf jeden Fall. Also bei den älteren Generationen hier bei den Neuen ist das
wieder.
Hmhm (bejaht)
Weil bei den Älteren auch so, äh, ist noch in Russland. Bei meinen Eltern und
so also ist bestimmt auch schon so geschludert ein bisschen mit der Religion.
Aber bei denen, deren Eltern, die sind auch sch- streng gläubig.
Ja. (3) Hmhm (bejaht) (4)
Ne, weil das bestimmt auch etwas war, was den damals Halt gegeben hat. In
den ganzen turbulenten Zeiten. Besonders, ja, damals waren die Weltkriege
und alles. Die ganzen Deportationen.
Hmhm (bejaht) (3) Ja. (2)
Da war der Glauben auch so so gefestigt, ja. (4)
Ja. (1) Wenn du jetzt mal so, em, zurück dich erinnerst, nä, wie deine Eltern
dich erzogen haben. Findest du das gut?
Hm, hmhm (bejaht)
Ja? An was erinnerst du dich denn
 Nä, weil ich wurde auch ziemlich (2) frei,
glaube ich, würde ich sagen.
Ja?
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Ja ja, glaubst du mir jetzt nicht? @ (1) @
@ (2) @ (2)
Also nicht so heftig oder so, keine Ahnung, (2) erzogen, sondern ich komme
da ziemlich – obwohl ich der Älteste bin. Mu- muss man immer als Erster, als
Vorkämpfer, ey. Wenn ich das schon sehe bei meiner Schwester, die ist jetzt
in Australien, ey, neunzehn.
Hmhm (bejaht)
Das hätte ich, ich durfte nicht mal mit sechzehn alleine in Urlaub fahren. @ (1)
@
Huhu, @ (1) @ ja. (4)
Ah ja, als ich jung war (?)
Ja. (3)
Hmnä, also ich konnte ech- (2), hm, (2) alles ziemlich machen was ich wollte.
(2)
Also würdest du so im Nachhinein sagen, dass das du´s gut findest, ja?
 Ja
Das war, das war´n schon ein paar so Wege und Zurechtweisungen, aber
sonst. Ja, wenn ich viel schlimmer @ geworden wäre @, oder viel angestellt
hätte, wäre es vielleicht anders gekommen, oder so. (2) Aber zum Beispiel
Kumpels von mir und die wurden ganz anders erzogen. Da das ist auch immer
so wegen den Familie.
Hmhm (bejaht)
Der ist noch so richtig harte, eh, russische Tradition. Die mu-, die haben dann
auch erzählt die mussten für sich selber aus dem Wald oder aus dem
nächsten Gebüsch ´n Stock holen mit dem die dann vom Vater, ey, traktiert
wurden. Durften sich selbst den Stock aussuchen, ey. Und solche Schoten.
Aber das hast du nicht erlebt?
Nä, überhaupt nicht.
Also wurdest du nicht geschlagen, so? (4)
(spricht undeutlich) Das kommt, manche Familien kann das auch sein, ja,
wolln´s so. Die ich so kenne, nä.
Ja. Und, em, aber sicherlich haben auch eure Eltern euch manchmal gestraft,
oder?
Ja. Ja, eigentlich nicht, ich weiß nicht. Geschimpft, aber (2) ich hab niemals
Hausarrest oder so was gehabt.
Ach so. Hmhm (bejaht)
Also so was kenn ich gar nicht.
Ist doch @ gut. @ (1) @
Ja. @ (1) @
Em.
Ja wenn ich was angestellt habe dann gabs Schimpfe, blablabla, fertig.
Ja. (2)
Vielleicht würde ich sagen, dass ich, äh, meine Eltern wissen´s nicht. @ (1) @
Also @ nicht so viel angestellt habe. Von daher. Wenn ich jetzt, keine Ahnung,
ey, voll am klauen wäre oder was, vielleicht gibs dann mal was anderes.
Hmhm (bejaht)
Das weiß ich auch nicht. (2)
Aber dann hätten dich deine Eltern dann gestraft, wenn du geklaut hättest? (2)
Auf irgendeine Weise schon, aber nicht jetzt, zum Beispiel mit schlagen, oder
so.
Hmhm (bejaht)
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Ja. Glaube ich auf jeden Fall @ nicht. @ (1) @ Hoffe ich mal. @ (1) @
Hmhm (bejaht) (4) Und was gabs so für Regeln bei euch? An die du dich
halten musstest?
Hm, Sauberkeit.
Ja? War da so?
 Ist überall so.(4) Also, so zum Beispiel, haben meine Eltern erzählt,
wenn Russlanddeutschen in Russland , oder so, das immer sauber war. Der
ganze Hof war sauber, ey, im Haus war es sauber. Haben sehr viel Wert auf
Sauberkeit gelegt.
Hmhm (bejaht) (2)
Da meinten meine Eltern, die meinten, da konnte man sehen wo
Russlanddeutsche @ wohnen. @
Ja? An der Sauberkeit?
Hmhm (bejaht) An der Sauberkeit, zum Beispiel jeden, in Russland musste
man irgendwie so jeden, musste man vielleicht nicht, aber die haben jeden
Frühling, nach dem Winter, immer das Haus neu gestrichen, oder
Hmhm (bejaht)
solche Sachen gemacht. (4)
Hmhm (bejaht) Also Sauberkeit, also wir waren ja bei der Familie.
 Ach so, ja. Hm, (2) Sauberkeit, (4) Ja eigentlich
so nur so´n normales Leben führen.
Hmhm (bejaht)
Also keine Ausschweifungen. (6) Ja besonders, weil hier noch da hatten wir
voll die Drogenprobleme und alle nur unter den Russlanddeutschen.
Ja.
Wenn man wollte hätte man @ (1) @ genau da rein, äh, rein geraten können.
Aha. (2) Auch hier auf ´m Dorf? (2)
Ja, also, wir sind ja umgezogen von (?) hier hin. Da war es nicht so, aber da in
B.,
 Ach so.

Ja.
Besonders bei den Hochhäusern.
Ja gut. Stimmt.
Da war schon heftig.
Ja. (2) Aber da hattet ihr, du und deine Schwester ihr hattet da nie irgendwie
Interesse, oder so?
Nä!
War für euch klar, oder haben euch das die Eltern gesagt, oder wie kam das?
Nä, ich konnts mir schon selber denken, ey. Ich meine, ja, ich hing da mit den
ganzen
 @ Ja @ (1) @
Leuten ab, weil ich kannte die alle und ich hab auch die ganzen Junkies
gesehen und alles und alles andere, aber, total kein Interesse.
Hmhm (bejaht) (3)
Ich weiß auch gar nicht warum, warum besonders bei den Russlanddeutschen
so heftig ist, (?), Heroin und so.
Ja.
Und (?)
Ist interessant, nä? (5)
Das könn- könnte vielleicht deswegen sein, gerade wegen der krassen
Umstellung.
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Hmhm (bejaht)
Darum, darum ist ja auch, äh, viele Männer oder so, keine Ahnung, wir hatten
voll die Alkoholiker so. Dort war ein geregeltes Leben, waren die vielleicht
irgend so ein höherer Angestellter, blablabla, und die müssen dann, (2) sind
arbeitslos oder machen voll die scheiß-Jobs. Das, hä-, hör ich ziemlich oft.
Zum Beispiel, von meine Mutter die meisten männlichen Arbeitskollegen
waren früher Piloten und jetzt sitzen die irgendwo so am Center im Reisebüro
und @ verkaufen @ Reisen. Das ist ja kein
 Ja.
schlechter Beruf, aber das ist eben, das was die früher gemacht haben und
was die jetzt machen.
Ja. Ist ´n Unterschied, nä?
Ja. Oder (2) ich glaub unser Verwandter, ey, (2) der war Ingenieur, ein
ziemlich guter halt, (?) und jetzt arbeitet er hier als Maurer. (3)
Ja.
Ich mein ist auch total heftig. Ich mein, ich könnts mir selber gar nicht
vorstellen. Wenn du vorher Ingenieur warst oder, keine Ahnung was,
Ja. Deine Eltern haben auch studiert in Russland, oder?
Nä, meine Mutter.
Aha.
Mein Vater der hat ´n, der hat gearbeitet.
Hmhm (bejaht) (4) War das für euch denn immer klar, für dich und deine
Schwester, dass ihr studieren wolltet.
Nä.
Nä?
Das war erst mal gar nicht, ich weiß gar nicht, wie wir darauf gekommen sind,
dass wir überhaupt @Gymnasium gegangen sind@. Weil ich hab eine
Realschulempfehlung gehabt. Am Anfang war ich ja richtig schlecht in der
Schule. (1) Äh, da wollten die Lehrer mich die ganze Zeit sitzen lassen (2) für
ein Jahr noch, weil die meinten, ja, das ist gut in der ersten oder zweiten
Klasse. Aber da hat meine Mutter erzählt, da hab ich voll tagelang die Schreiund Weinanfälle gehabt, weil ich meinen Freundeskreis da hatte und so. Das
hat sich aber noch (1) gelegt, also ich wurde immer besser in der Schule (1)
bis zur sechsten, ja und dann (3) bin ich aufs Gymnasium gegangen, ne
Zeitlang wollt ich auch runtergehn. weil ich war da der einzige von unsern
Kumpels jetzt, also von den Russlanddeutschen auf jeden Fall, der studiert
und Abitur gemacht hat. Ja, auf jeden Fall. Und die anderen, die haben schon
alle Ausbildungen gemacht, haben so fette Autos und so. Also aus materieller
Sicht @2@. (5)
Also, du hast gesagt, du bist jetzt der einzige von den Russlanddeutschen, der
jetzt studiert und so. Und woran liegt das?
(4) Mhm, ja ich bin von Natur aus schon so, ich hab auch Interesse an Bildung
immer gehabt. Obwohl ich so schlecht war am Anfang immer in der Schule,
also (2), keine Ahnung, am Anfang sah so aus, da hätt ich auf Hauptschule
gehen sollen. Und dann mit der Zeit wurd´s einfach besser. Ja weiß nicht, ein
anderer Kumpel der studiert hier auf Lehramt und das wars. Ich hab nur, ich
und dieser eine Kumpel, die überhaupt studiern. Der Rest hat nur zehn oder
neun Klassen gemacht, normale Ausbildung gemacht und arbeiten jetzt.
Und würdest du sagen, dass das bei Russlanddeutschen eher selten ist, dass
sie studieren?
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Ja, nee, das hab ich jetzt gemerkt, dass die, die so sind wie ich oder die noch
jünger hierhin gekommen sind, dass bei denen hält schon so eine Tendenz
an. Man siehts überhaupt jetzt bei mir an meiner Schule (3), dass da viele
Russlanddeutsche sind. Wenn man mal Photo anguckt, das ist dann die Hälfte
des Jahrgangs nur Russlanddeutsche.
Und die studieren dann auch jetzt?
Das weiß ich gar nicht so. Mit denen ich Kontakt haben, die studieren
eigentlich. Ab er ja, ich glaube diese Tendenz, dass sie einfach nicht studieren
liegt daran, dass sie materiell abgesichert sein wollen und dass sie auch lieber
die materiellen Dinge in den Vordergrund stellen vor, also ich weiß gar nicht
zum Beispiel hätt ich jetzt einen besseren Job bekommen oder ob ich’s
überhaupt schaffe mit dem Studieren, das sind alles solche Sachen. Die
stehen im freien Raum, so ein Risiko wollen nicht viele eingehn. Weil zwei
oder drei, die mit mir so auf dem Weg warn auf dem Gymnasium, die haben
aufgegeben nach der elften, spätestens nach der zwölften. Und dann, dann
stehst du da. (...) Und das ist ja voll das Risiko.
ENDE KASSETTE 1, SEITE 1
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Zum Beispiel auch, ich hab immer, seit vierzehn oder so, immer auch
gearbeitet nebenbei. Um auch mithalten zu können und so, wenn man allein
mal ne Party machen will oder so, brauch man ja Geld. Und die machen alle
Ausbildung, arbeiten und haben Geld am Start. Alle meine Kumpels haben alle
Autos, nur ich nicht. Weißt du, @so kann mans auch sehn@, ne.
Du baust halt auf Zukunft.
Ja, man weiß aber nicht, ob es irgendwo (3), wenn ich Studium nicht schaffe,
dann hab ich, ja okay, Abitur, das bringt schon was. Ja und dann hab ich zwei
Jahre kann man so sagen einfach so, ich weiß ja nicht, wie das so ist als
Studienabbrecher oder was, kann man ja auch so sehn, dass man zwei Jahre
verloren hat. Dann muss man dann noch ne Ausbildung anfangen @3@ (3).
Und du hast gesagt, du hast jetzt Interesse an Bildung gehabt.
Ja, ich hab immer voll die Bücher gelesen, meine Kumpels haben noch nie ein
Buch gelesen, na okay, ich hab nicht gerne Bücher gelesen, aber ich habs
akzeptiert, so. Das kam alles auch viel später. Zum Beispiel bis zu der elften
Klasse, da hab ich nur gelesen, was wir in der Schule hatten. Dann hab ich
aber Deutsch-Leistungskurs gewählt und so, das kommt bei mir immer viel zu
spät ey, angefangen auch Bücher zu lesen.
Und so privat, haben deine Eltern
L Kam von meinen Eltern, es kam von
meinen Eltern auch nicht, nur das eine, um mich so zum Leben zu bringen.
Das hieß Bernhards Katastrophen oder so, das war ziemlich bekannt damals.
Aber ansonsten, ja Musikzeitschriften hab ich gelesen, aber keine Bücher. Ja,
ich studier ja jetzt auch populäre Musik und Medien.
Ach ja, und welches Instrument spielst du?
Zur Zeit keins, ich hab, ich kann, ich hab eben mal Gitarre und Keyboard
gespielt, aber nicht so toll.
Deine Mutter ist doch Musiklehrerin.
Ja, also war.
Hast du das von ihr gelernt?
Nee. Meine Schwester auch nicht, die kann ja Hammer Klavier spielen, die hat
auch bei zwei oder drei Lehrern, die kann das auch von Kindheit an. Auch die
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Jüngste, die hat jetzt auch angefangen, die hat jetzt auch bei der gleichen.
Das sind zum Beispiel auch alles russlanddeutsche, die Lehrer. Zum Beispiel
haben meine Eltern gesagt, meine Mutter die hat ja auch ganz am Anfang, da
war die ja auch viel engagierter, die hat einen Kinderchor gehabt und hat
Musikunterricht gegeben hier in der Musikschule und die hat gemeint, hier ist
voll das niedrige Niveau. Besonders hier, nicht an den Hochschulen, aber
sonst so. Ja und dann hat meine Mutter die alle an eine, die ist echt Hammer
und das sind alles Russlanddeutsche. Weil die auch meint, dass die das
besser können. @3@
Aber so die Liebe zur Musik, meinst du, dass ihr die von eurer Mutter habt?
Mhm, ja glaub schon. @ich weiß nicht@, ich kann mir mein Leben ohne Musik
auch gar nicht mehr vorstellen. Meine Eltern, das erste was sie gemerkt
haben, als ich ausgezogen bin war, es läuft keine Musik mehr. Weil ich hab
zwei Stunden am Tag, ich bin auch am Djen und so, hab ich Musik am laufen.
Alles mögliche, ich hör auch ganz alte und auch ganz krasses, ja klassische
hör ich auch. (..) Äh, House hör ich am liebsten, aber nicht so ein House, so
wie das jetzt in ist. Ja, man muss in russische Diskothek gehen. Zum Beispiel,
wie die abgehn auf die mega alten Lieder, das ist mir auch aufgefallen. Zum
Beispiel im russischen find ich immer, bei Russlanddeutschen hängt ja auch
immer ziemlich viel Kitsch ey, merkt man auch schon an den kitschigen so
Jesus Bildern und so. Also mir fällt das immer auf bei den
Einrichtungsgegenständen. Und da kommt immer am Ende so die mega
sentimentalen und kitschigen Lieder und so, aus der Zeit von meinen Eltern
vielleicht und alle gehen darauf voll ab und genauso die Jugend geht darauf
voll ab. Und hier so bei den normalen, also den hiesigen Deutschen, da ist das
ja glaub ich nicht so.
Gehen in diese Diskotheken nur Russlanddeutsche?
Ja, ist voll komisch. Natürlich dürfen da auch andere rein, aber das ist, wenn
so Anhäufungen sind, wenn Türken oder Jugoslawen eine Disko aufmachen
würden, dann würden auch die anderen Gruppen gar nicht mehr dahin gehen.
Weil das eben so ne Gruppenverhalten ist, das @Herdenverhalten@ der
Menschen, glaub ich ey @2@. Also zum Beispiel mein Kumpel, der ist jetzt
ein Deutscher, der fährt mit uns immer mit. Aber das ist auch voll komisch, der
hat nur russische Freundinnen bis jetzt gehabt.
Suchst du dir deinen Freundinnen auch danach aus?
Nee.
Hast du also auch schon einheimische Freundinnen gehabt?
Nee, also Deutsche echt noch nicht. Polinnen @2@ aber, nee, bis jetzt
eigentlich nur aus dem Osten, aber nicht jetzt nur russische. (4)
Hat sich das so entwickelt? Könntest du dir auch ne einheimische Freundin
vorstellen?
Ja, (3) könnt ich mir vorstellen, aber ich weiß nicht, obs überhaupt kommen
würde.
Und wenn du später mal heiratest, würdest du dir dann eine russlanddeutsche
Frau wünschen?
Nein, spielt keine Rollen, ja, ich weiß, komische Einstellung sonst so unter
Russlanddeutschen, aber @2@
Und deine Eltern wären damit auch einverstanden?
Das weiß ich nicht. (5) Also ich glaube, die würden es sehr gerne sehn, wenn
es ne Russlanddeutsche wär. Die sagen immer ach hol dir doch eine, @3@.
Auch die ganzen Omas und so. @2@ ich grenz mich da aber einfach nicht
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ein. @2@ (4) Ja, zum Beispiel bei mir ist das so, da bin ich so ein Newcomer
in diesen Dingen, weil bei meinen Kumpels, da ist das auf jeden Fall so, die
würden nur ne Russlanddeutsche wählen. Bei denen ist das so, die haben
auch nur, die kennen zwar auch andere Leute, aber meistens sind sie nur
unter sich. Die wollen auch nichts anderes.
Und du möchtest da offener sein?
Ja. Das sehn die einen gut, die anderen nicht.
Stellst du dir denn für die Zukunft vor, einmal eine Familie zu haben?
@2@ Ich weiß nicht, ich glaub, ich bin nicht so ein Familienmensch. Bis jetzt
auf jeden Fall. Ich hab zwar einen großen Freundeskreis und komm mit
Leuten so gut klar, aber ich könnte mich glaub ich nie so niedersetzen, Haus
bauen @2@. Nee, das ist auch erklärtes Ziel von vielen Russlanddeutschen,
Haus bauen, merkt man ja auch bei uns. (3)
Was hast du denn für Ziele in deinem Leben?
(3) Mhm @3@ oh Mann ey. Ja auf jeden Fall, nicht so eingeengt zu leben und
keine Routine zu haben. So das ist ja auch voll so die Luxusvorstellung, aber
ich müsste nicht jeden Tag um sechs Uhr aufstehn und arbeiten, dann kommst
du wieder und so, dann hast du die Kinners, dann guckst du jeden Tag die
Sportschau und so. Dann gehen so die Jahre vorbei und so. (5)
Ist vielleicht auch eine Frage des Alters. Wie alt bist du denn?
Einundzwanzig. (4)
Hast du dir denn schon mal Gedanken gemacht, wie du deine Kinder erziehen
würdest?
Ja, also Gedanken so nicht, aber ich wüsste schon von vornherein, wie ich es
machen wollte. Ich würde auf jeden fall ihnen viele Zusammenhänge erklären,
also vieles erklären. Was mir auch meine Eltern erklärt haben wahrscheinlich,
für dieses und dieses gibt’s diese Erklärung. Weil sonst ist man auch als Kind
auch so ziemlich planlos und merkt auch so die ganzen Zusammenhänge
nicht, die man erst wenn man älter wird dann kennen lernt. (3) Und solche
Sachen, ja Fremdenfeindlichkeit, wenn man das den Kindern erklärt, dass sie
das dann verstehn. Und so ziemlich frei, ich würd sie glaub ich ihren Weg
gehen lassen. Weil ich das an mich selber auch meinen Eltern immer stört, die
sagen ach mach das so und so und komm dann nach Hause und bla bla bla,
dann geh ich immer alleine immer irgendwohin.
Aber du kommst jedes Wochenende nach Hause oder?
Ja, wegen meinem Freundeskreis und so, die will ich dann am Wochenende
treffen und so. (8)
Noch eine letzte Frage. Du bist ja der älteste und du hast noch zwei
Schwestern, ne? Eine ist ja jetzt in Australien, die Elli, ihr habt ja auch eine
recht enge Beziehung. Würdest du denn sagen, dass deine Eltern euch jetzt
anders erzogen haben, weil du bist ja ein Junge und die anderen sind
Mädchen?
Äh; (3) ich glaub ich wurd noch viel mehr erzogen als meine Schwestern, das
ist einfach so die Vorreiterrolle. Ich musste mir noch vieles heftig erkämpfen
und so, dass ich das und das darf und so. Zum Beispiel meine Kumpels sind
alle zwei, drei Jahre älter als ich und die waren achtzehn und ich sechzehn
und die sind alle zusammen in Urlaub gefahrn. Und ich wollt so gerne mit und
ich durfte nicht. Und meine Schwester war fünfzehn, da war sie alleine mit
meinen ganzen Cousinen in Urlaub gefahrn. Oder dass sie jetzt in
@Australien ist@, die hat da einfach mehr Freiräume.
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Aber du meinst, es liegt daran, dass du der Älteste bist und nicht am
Geschlecht?
Ja, das ist immer so.
Aber so von dem, was ihr hier machen und mithelfen musstet, war das
ähnlich?
Ja, also ich hab auch immer aufgeräumt oder abgewaschen oder
staubgesaugt. Auch jetzt hier in dem Riesenhaus. (3) Ja, natürlich es gibt
typische Männeraufgaben wie zum Beispiel ein Bild aufhängen und so.
Natürlich können die das auch, aber die sagen ja Anton, komm mal her und
mach das. Aber sonst war eigentlich alles ziemlich gleich.
Vermisst du deine Schwester jetzt?
Ja klar vermissen schon, aber ich freu mich eher für sie, dass sie so ne
Chance hat, ich würd so was auch gern machen @2@. (5)
Ja, gut, vielen Dank.
Ende der Aufnahme
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1.3 Familie Wendler
1.3.1 Gruppendiskussion mit Familie Wendler
Datum:
Ort:
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14.09.2003
Zeit: ca. 2,5 Stunden
Wohnzimmer der Familie Wendler
Vater: Wilhelm Wendler (W), Mutter: Ada Wendler(A)
Großmutter: Magda Wendler (M)
Kind 1: Lena Wendler (L), Kind 2: Ada Wendler (A2), später Kind 3: Edith
Wendler (E)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
(...) Es werden noch einige Einführungen zum Gebrauch der Aufnahmegeräte und
zum Ablauf der Gruppendiskussion gegeben.
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Es soll also ein Gespräch mit der Familie sein. Mit mehreren Generationen, wir
haben hier ja drei Generationen. Und es soll so sein, dass sie einfach auch zu
zweit sprechen können. Also sie müssen nicht immer drauf warten, dass ich
eine Frage stelle, und sie dann antworten nacheinander, sondern es soll so
wie ein Gespräch sein, ganz locker. Dass man einfach, also wenn jetzt jemand
was sagt zum Beispiel, dann kann jemand anders darauf antworten oder
etwas anfügen ohne, dass ich ihn frage. Also so (1) locker. Manchmal frag ich
vielleicht schon auch mal nach, aber ähm sie können selber auch über das
sprechen, was sie interessiert. (2) Generell geht es um die Veränderung zu
dem Leben in Russland, wie sie da gelebt haben als Familie oder in der
Gesellschaft, in der Umwelt, in den Beziehungen zueinander auch in den
verschiedenen Generationen bisschen, also die Veränderungen, darüber
einfach ein bisschen erzählen. (2) Aber schön laut sprechen.
(räuspert sich) Also das ist ein Thema, das mich immer wieder (1) interessiert
und bewegt. (3)
@Ja.@ Da können sie ja gleich mal drüber reden.
Erst die die Veränderungen. Was ist (2) wo hats, wo wars(3) nein überhaupt.
Ich denk mal besser und schlechter, man soll ein bisschen vergleichen und so.
Erste Mal erst, wenn es schon von Generationen geht, unsere älteren Leute,
die haben das nicht im Traum können mal träumen, dass sie mal so leben
werden wie jetzt. (13)
Ich bin Pensionäre, ich könnt ja auch bei meine Kinder sein. Aber überhaupt
nicht, ich bin jetzt gewöhnt, und solang wie ich mich selber kann versorge, will
ich auch bleiben.
Ja, wir habe Gemeinschaft, wir
L Ja, die haben ihre Gemeinschaft,
sind alle aus Russland soviel mir dort wohne, 16 Quartiere, na, sin auch einige
mit ihre Männer dort. Und mir sind froh untereinander, wenn einer nicht isst,
und er war krank, dann weiß mer Bescheid und besuchen uns untereinander.
L Mhm.
Wir sind sehr zufrieden, und untereinander sagen mir uns oft, so was haben
wir nicht geträumt, und so was hätten wir auch nie nie in Russland bekommen.
L Mhm.
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Woher, was denn wollen. Gehen, kaufen ein in Geschäft, was de Augen
sehen, das haben se nie gehabt da. Und es war sauber, angezogen, sind so
schön, ist so gepflegt alles, ich freu mich jedes Mal, wenn ich da rein komm.
Ich muss jedes mal mit de Tränen sagen, ich freu mich mit den alten Leuten
da, dass sie so gepflegt sind. Und sind so friedlich da alle, und verstehen sich
alle so gut. Und das ist wichtig.
L Mhm.
L Ja. Und wo ist das, wo sie da wohnen? Ist das in
O.?
In (?)land.
Mhm.
Von der Kirche ist ungefähr 200, 250 Meter davon weg, und das Geschäft ist
auch 100 Meter, das mer da gehen können.
Na, die Edeka.
L Sind doch 50 Meter.
L
Das sind 50 Meter.
Na, lass es 50 sein. @1@
Also sind sie
L Sehr zufrieden.
Ja?
Und auch wenn der Mensch krank ist, wie die gepflegt werden hier. Ich hab
meine Freundin beerdigt, die war über ein Jahr, Jahr und vier Monate, da
wollte se sich nicht, und die Pfleger sind gekommen, das gäbs nicht in
Russland, die habens Bett gebracht, die haben Stuhl gebracht, und weiß alles,
morgens und abends sind se gekommen, haben se gewaschen, und sie hat
weiß hingelegt. Mir is so schwer von Russland, wie die alten Menschen und
die Witwen dort so behandelt werden. Wir können nicht Gott genug danken,
ohne End, ich möchte Gott danken für so ein Leben.
Das wir haben in
L Mhm.
Deutschland.
L Wir Menschen, wir glauben vielleicht an den Segen Gottes, das ist, die Leute
danken Gott soviel, dass er gar nicht, wie sagt man, dass er Deutschland nicht
segnet. @1@ Das muss gesegnet werden.
L Mhm.
Ich bin so dankbar auch, dass se das Gebäude hab hingestellt, gebaut habe.
Die alte Leute danke immer, dass sie so ne Möglichkeit, dass se in die Kirche
könne gehe zu Fuß, haben nicht jeder die Möglichkeit, brauche keine bitte,
L Ja.
gehe selber hin und zurück. Und das ist viel, die sind immer so dankbar.
Ist das ein Gebäude von der Kirche aus?
Nein. Das ist nicht von der Kirche. Aber aus der Kirche haben se sich so
gefreut. Meine Söhne habe angebote, die wollte das für die Kirche bauen,
dann weiß ich nicht, wegen den Finanzen, und alles. Aber dann haben se es
gebaut. Aber bloß
L Mein Bruder kauft hier, 90 habe mer die Kirche eingeweiht
und gebaut. 90 – 91. 90 das Hauptgebäude und 91 das andere für die Kinder.
Die Nebenräume, die Klassenräume für die Sonntagsschule, und (?)
L In B.,
dort ist ja auch ein ganz große Kirche.
Ja, das ist neue Kirche.
Die haben dort später gebaut. Die haben mer dann 91 gebaut, die
Nebenräume, die Küche dann, um Festlichkeiten durchzuführen. Und auch
alles, verschiedenes, Hochzeiten, Geburtstage, (2) Familientage, und äh
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L Mit
Kindern.
Wir sind so bei, ja 260-70 Sitzplätze auf einmal, alles gespendet durch die
Mitglieder. Ja, das äh hat, dann hat das, ja dann war die Zeit, wo das so sehr
knapp war mit den Wohnungen, und dann kam unser Pastor, mein Bruder, ich
finde wir sollten das, hat den Impuls, wir sollten das bauen für alte Menschen.
Weil die haben verschiedene äh Plätze und so weiter auseinander gelebt, und
ja teilweise, ja, und dann haben wir 92, nein 93, haben wir 2 Sieben-FamilienHäuser gebaut. Auf der Kappel. Da sind auch meistens aus unserem Dorf die
Leute eingezogen.
L Aus dem Dorf in Russland?
Ja, ja.
Ja? Alle zusammen. @1@
Wir sind hier äh 70 Prozent aus unserem Dorf, sin se alle hier.
Aber net mehr als 70 Prozent.
L Als ich äh, da war ja
L Doch, sind 70 Prozent.
Ich war ja, da, als als Diener in der Gemeinde, bin einer von den ersten
weggezogen. Hab Glück gehabt, na ja, bevor wir von dort weg, dann hab ich
L Mhm.
auch ja, den Leuten versprochen. Ich sag, ich fahr dahin, und werd mich
kümmern, dass sie nachkommen.
Und so wars auch. Da haben wir eben
L Mhm.
die erste Zeit sehr stark daran gearbeitet, dass sie ein Visum bekommen
haben, Einladung, das war, das kann man sagen, die erste Zeit.
L Nach Hause
gebracht, haben Essen gegeben,
dahin
L (?) Sehr beschäftigt, und ham wer dann die
gefahren, wieder zurück gefahren.
besucht, und äh. Aber. Ja, wir haben ganz früh erkannt, dass wir unter der
Jugend und die Kinder viel (?), wie hier im Westen Verführer auch sind, und
das war kann man sagen, Hauptsorge in den erste Jahren, das uns veranlasst
hat, ganz schnell, eine Gott (?) den Kindern bieten, was außerhalb des (?).
Eine geistliche, eine geistliche, Stätte, wo ein geistliches Leben geführt wird,
wo´s gelehrt wird, wo man die Kinder auch halten, begeistern kann, begeistern
kann von Gott, von Gottes Gnade, das haben wir auch getan auf der (?)inx.
Ja, und das alles hat uns die erste Zeit sehr beschäftigt. Ja, und dann haben
L Mhm.
wir auch die Häuser da angefangen, das sollte erst, sind zur Bank gegangen,
Landkreis gegangen, gebittet um Geld, das war auch Gottes, das heute
möchte ich nicht mehr machen, es sei, dass mir gesagt wird, das ist Gottes
Plan. Aber damals haben wir das nicht direkt als Gottes Plan ersehen, wobei
es war (2) Gottes Plan. Und ich bin zu einer Bank zu anderen gegangen,
L Mhm.
die Leute haben mich auch oftmals (2) ziemlich bescheuert angeguckt. @2@
Erst haben se gesagt, sie haben zuwenig Geld, um Häuser zu bauen, zu
wenig Geld. Haben sie wenigstens ein Grundstück gekauft? Nein, ich sag, wir
brauchen Geld, um Grundstück zu kaufen. Grundstück hatten wir, aber wir
hatten kein Geld. Und so ging das. Dann waren sie doch bereit, Geld zu
geben. Wir bekamen dann Geld.
L Und ich musste es unterschreiben
Das
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S:
M:
W:
S:
W:
A2:
M:
S:
L Ja?
war ein, das war en
Ich hatt son Schock, ich sag
L Das war ein Schock bis heute.
so viel Geld müssen wir jetzt unterschreiben, vielleicht da werden die Leute
doch gar nicht schätzen, was wir jetzt tun. Und verstehen das auch bis jetzt
noch nicht, manche. Ich sag, ich muss so viel Geld unterschreiben, und dann
sagen ohne mich. Und Gott Gott hat das gesegnet alles, auch mit die Leute,
bis jetzt, ich hab gesagt, wenn ich rein komm, dass die Leute so zufrieden
sind. Ich freu mich jedes Mal.
L Mhm.
L Ja, das waren 2 andere Häuser. Ja, und das hat,
dann hat sich das so ergeben. Dann sagte der mir, die haben sich ja auch im
Landkreis haben sich sehr gekümmert auch, die waren sehr nett zu uns, die
haben viel uns unterstützt die erste Zeit. Und dann riefen die an. Bin dahin
gekommen. Na ich bin gegangen, sag, dass es Fördergelder gibt. Dann
bekamen wir auch die Gelder. Und dann haben wir gebaut, 2 Sieben-FamilienHäuser, wo ich eben gesagt hab. (?) Die haben auch mitgeholfe, wir haben
das alles gemeinsam, sonst könnte wir das auch nicht tragen. Finanziell.
L Mhm.
Weil die Miet äh is ziemlich niedrig, und äh, aber jetzt ist tragbar. (?) Dann
haben wir, im Nachhinein, dann kam das mit dem Seniorenheim. Da war das
Grundstück soweit fertig, dann haben die von der Gemeinde gesagt, wir
könnten auch ein Heim für die alten Leute machen. Ja, und so sind sie 16
L Mhm.
Familien dann, wohl aufgehoben, wohl versorgt, das ist da, unverständlich,
teilweise unverständliche Zustände, jedes, jed- dann kommste rein, da steckt
der Schlüssel drin, da kannste rein gehen.
Und dann
L @1@ Wie zu Hause.
L @2@
wissen die alles, wenn der Schlüssel drinsteckt, bist du willkommen, is einer
krank, oder er freut sich auf Besuch, da ist jemand zu Hause.
Ich hab
L Ja.
L Ja.
schon öfter gesagt, mach das nicht, ihr habt die Tür hier auf, und tut das, aber,
ja, da kommt jemand, ja, was soll der hier rauf, wir haben ja nichts.
L Geld im
Korb haben wir keins.
Wohnen da nur Russlanddeutsche?
Ja, nur Russlanddeutsche. Und aus der Kirche.
L Kapazitäten sind viel zu eng.
Andere Leut kaufen ne Wohnung ne kleine. Die erst- ersten haben sich so
allein, teilweise so beleidigt gefühlt, (?) Aber das hat sich jetzt inzwischen
schon, @2@ ja ja es gab auch Schlangen, Warteschlangen@2@ da wollten
L @1@
mehrere da rein.
Wenn man stirbt ist das doch total egal.
Ja, aber sind 94, von 94 erste Juli. Die Neufelds und ich mit der Olga sind die
zweite. Leben mer dort. Kann ma nicht sagen, dass mir untereinander
unzufrieden. Alles gut. Das kann man groß schätzen.
L Ja. Dass man auch nicht
allein ist.
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S:
M:
S:
W:
S:
W:
L:
Ja. Die jüngere als wie wir, das sind auch noch 2 Männer jüngere, 3 mit nem
(?). Mir sind zufrieden in Deutschland. Wir sind alle zufrieden in Deutschland.
Ja.
Es kann uns nichts nichts wieder dazubringen wegzugehen von hier.
L Außer in den Himmel, da ist
es noch schöner. @1@
L @1@ Aus Russland vermissen sie nichts?
Was?
Vermissen sie was aus Russland?
Ob ihr aus Russland was vermisst.
Aus Russland. Die erste Jahre, wie ich hier war, hab ich sehr viel geweint, ich
hab erst meinen Mann dort beerdigt, der hat bevor wir fort sind gefahren, ich
war alleine von alte Menschen, es waren alles junge, und wie die erste
Nachbarin, meine Freundin is gekomme, im September Monat 89, die Lente is
se gekomme, da waren mer Träne ruhig.
@Mhm.@
L Waren se schon zusammen.
Ja.
Wenn ma sprechen kann, unterhalten kann, ham wa Ruhe.
L Ja. Schön.
Ich hab noch niemals nicht, dass mir das tät leid, die (?) zu Hause meine
Wirtschaft und meine altes, aber einmal hätt ich doch gewollt noch auf´n
Friedhof noch einmal das Grab meines Mannes. Das ist alles. Aber (?) (spricht
leise)
Was würden sie sagen, was sich am meisten veränderten hat von dem, als sie
in Russland waren, und dann hierher kamen?
Erstens Mal muss ich sagen, was äh ich am meisten schätze, dass ich hier
sein kann, der, der ich bin. (4) Das das hat uns am meisten hierher gezogen,
ein Deutscher, ein Christ, (4). Man will das vielleicht nicht immer wahrhaben,
aber als deutscher Mensch warst du ein Mensch der zweiten Klasse,
ungewollt, und als Christ, dann wars ganz. Musstest hart kämpfen um dein
Leben, um dein Dasein, um dich zu versorgen dann auch. (3) Man spricht von
Zeiten von Stalin und Lenin, aber das war auch die letzte Zeit. Die Menschen
waren ja die gleichen. Ich hab äh vor acht Jahren, als wir ausgesiedelt sind,
waren wir, bin ich aus Kasachstan nach (?) und dann haben der Direktor uns
begrüßt, und dann hat er gesagt, äh ja, man, das Einzige, wo man sich doch
durchsetzen oder Anerkennung bekommen könnte, das war die Arbeit. Dann
L Mhm.
hab ich, ham wir, hab ich auch schon gesagt, wir haben hart gearbeitet, wir
waren das schon gewohnt. Da war mein Freund, der war, früher gab´s (?) vor
Neujahr, vor Neujahr gab´s für jede Familie so ein Geschenk, da war drin
Käse und Wurst, Bonbons, Zitronen und, ja, und dann haben se´s @gegeben
und uns nicht@. Die waren ja sehr pikiert, ich will mal sagen, das waren
vielleicht 300 oder 500 Menschen, die da gearbeitet haben, na ja, und dann
hat man auch jedem gegeben, und dann waren da andere Menschen, die das
auch wollten, denen hat man´s nicht gegeben, die wussten, dass wir
ungeschützt sind vom Gesetz und allen, und dann, das hat dann so wehgetan.
@2@ Ja, und dann und dann is er los, und hat gesagt, Mensch, zum Direktor,
direkt hin und hat er gesagt, wieso, arbeite ich schlecht, oder warum? Er sagt,
wir geben nur unseren Leuten. O.K. Und dann, Baptisten, euch, ihr seid (3) (?)
L Noch Milch?
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W:
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W:
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W:
A:
W:
Nein.
Ich hab da gearbeitet, ich hatte, der hat das auch, von der anderen Seite
haben die das, nur da ging es ja nicht soviel um den Inhalt des Paketes, um
das Prinzip, wir arbeiten doch wie die anderen. Wir wussten, dass wir besser
arbeiten als die anderen. Wir waren immer auf Arbeit, wir haben nie gesoffen,
wir haben nie nie, wir haben nie geschwänzt, wie geschrieben steht, wir sollen
sein unter Obrigkeit. Und wenn wir das gemacht hätten, ach, drum haben die
uns ja auch dabehalten, drum hat man auch dann uns behalten, aber nicht die
Anerkennung. (4) Nur, das ging dann auch so, dann, ich hab mich, es war das
erste Jahr, wo ich dort gearbeitet habe, da hab ich mich dann eingearbeitet,
und hab, wir haben jeder einen Umkreis gehabt, in der Stadt bei uns waren
mehrere Millionen Einwohner, und wir haben von den Kantinen die Abfälle
gekriegt, wurde immer auch geklaut, ich hab mit den Menschen gute
Verhältnisse gehabt, und mit der Zeit hab ich das immer alles, nicht alles, aber
ich hab immer das Meiste gebracht, das Beste von meinem Bezirk. Und der
wurde ja dafür bezahlt, das war ja das Gute, dass ich, dass wir nicht nach
unserem äh sozialen Status bekommen haben, also wir haben bekommen so
wie alle. Hast du ne Tonne gebracht so mit Abfällen, Lebensmittelabfällen,
dann hast du für die Tonne bekommen, war ich Kommunist oder Baptist, das
war dann gleich. Und dann hab ich, dann gab´s en Plan, und dann hab ich
den Plan doppelt gemacht, hab (?)Termin, und die Leute, die bekommen
haben, die haben dann gesehen, wie- Ja. Wurden dann so (?), und die haben
L Die (?) Aschtalon?
immer gesagt, der bringt immer so gute Abfälle, und die anderen bringen nur,
na ja, da, wenn dann ne Versammlung war, dann haben se gesagt, die guten
Leute, und dann haben die Mensche selber gesagt, wieso Wendlers nicht,
häh, was ist das denn, warum, dann hab ich meinen Vorgesetzten gehabt, der
hat gesagt, diese Ungerechtigkeit kann ich nicht mehr ertragen, dann ist er
zum Direktor gegangen. Ja, und dann hat er, ja und dann hat er (?)
bekommen für dieses. Ich sag, so war das Leben. Wir konnten uns nur
behaupten als als Arbeiter. Nur das ging auch dann so, wir haben wirklich als
Christ, als Deutsche und als Christ, haben wir Dinge erlebt, echt, möchte ich
gar nicht. Ich hab gearbeitet für einen Bauern, Bäuerin, und äh, dann zum
ersten Mai, am ersten und zweiten Mai war so ein großer Feiertag, und am
ersten Mai, sagt sie wir ham eine (?), ja das war so´n fürs Militär ein Lager, da
waren na ja hunderttausende Tonnen Kraftstoff gelagert. Dieselbenzin. Und
dann ist einer gekommen, und wollte da Benzin, sind die da mit einem großen
Behälter darein gekommen, das hat Gase
L Reingekrabbelt. Und nach Benzin, und da ist er
dann geblieben.
L Ein Eimer voll hat er geholt, und dann beim zweiten ist er dann
L den anderen konnte er nicht mehr halten, hat ich ihn runter gehaut, dann
hats geknallt.
L Ich komm nach Hause, und dann sagt sie, ja das hängen die dir
an.
L Das wirst du sehen, die werden dich die Schuld geben, dass der Mensch
ist tot. Er hat sich aufgeregt, gesagt, was verschwinde, was sprichst du hier.
Ja, das wirst du sehen.
L Ja, war ich der beste Arbeiter, man konnte keinem was
zutrauen, dann musste ich.
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W.
A:
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W:
S:
(4)
L Und der andere Mensch war ruhig. Dass er war dabei,
hat das alles gesehen, hat nichts gemacht, war ruhig. Wirst du sehen, wirst du
Schuld sein.
L Dieser andere Mensch hat doch gesehen, wo ich war, ich war doch
nicht alleine. Ich hab den noch gesucht, hab gesagt, dann waren die alle
besoffen in unserem Abteil, die Chef und alles, von der Schicht, der
Schichtsführer. Und ich hab nach dem Gesetz, wenn der Schichtsführer
ausgefallen ist, musste ich das Kommando übernehmen, und der war
besoffen, dann musst ich das melden, dass er weg ist. Ja, und dann wars
auch so, dann nach einer Woche, sagt der eine, der Chef, der was zu sagen
hat, der hat mich hier reingerufen, hat gesagt, (?) (spricht sehr leise), und hat
– Ja, und dann hat er die (?), na er war wirklich, die konnten mir nichts antun,
nur aber da is hat sich umgeguckt, hat gesagt, ja dieser, dem kann man nicht
vertrauen,
L Und die Leute haben sich sofort alle weggedreht, das war so
schlimm. Einmal,
War das alles nur so auf Lügen basiert? Können die einfach so sagen, je, der
wird es sein, ohne dass sie genau wussten, ob er es war oder nicht?
L Die haben das geglaubt.
Weißt du, es ist so, du warst ein Mensch, der hat in dieser Gesellschaft nicht
mitgemacht, er konnt nicht mitmachen.
L Er hat nicht reingepasst.
L Ja, und deswegen hat man
einfach die Leute in in
L Nein, nicht nur deswegen, guck mal, und dann wenn
ein Mensch von der Gesellschaft nicht verstanden wird, dann kann man dem
alles Mögliche anhängen.
L Ja.
Dann ist das schon ein bisschen was nicht, das kann der sein, wer weiß, was
der will.
L Weil man nicht weiß, was ihr alles tut, deshalb, oder aus welchem
Grund? Die denken wirklich, dass ihr das seid, oder wie?
Ja, das könnte ja sein, die Menschen
Und dann wird noch
L Die weißen doch nichts.
was gesagt, das und das, weißt du, guck mal, die haben ja geschrieben über
uns immer, was wir für Unmenschen seien.
L Geschichten.
L In den Zeitungen, oder was?
Ja.
Hier in Deutschland?
Nein.
L Nein.
Ich hab ja angefangen, dass ich sein hier kann, wer ich bin. Und wer, und
kann hoffen, kann auf Verständnis aus der Gesellschaft hoffen, oder viel mehr
noch, das ist in einer demokratischen Gesellschaft, wo die Demokratie wirklich
Raum hat, wo man nicht spricht, es ist eine Demokratie, aber wo eine
Demokratie Bestand hat, was heißt denn Demokratie?
Mhm? Ich weiß nicht was.
Zehn Klassen geendet, und noch nicht mal das. @1@
@2@
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W:
A:
S:
A:
W:
A:
S:
Ja, wo ein Mensch kann sein, das, was er ist, wo er kann seine Meinung
sagen, er ist freier Mensch, wo er seine Meinung haben kann und sie auch
ausdrücken kann. Oder?
Ja.
Demokratie, was ist das, vielleicht verstehe ich das nicht so.
Ne, das stimmt schon, die Macht geht von Volke aus. Die Menschen haben
Menschenrechte, die für alle gelten, für alle gleich.
L Nicht nur auf Papier, ich hab
die Rechte auch (2) im Leben, die Rechte hab ich da auch alle gehabt, freier
Mensch zu sein
(?) haben wir gehabt.
L Konstitution.
L Was ist das?
Ohh, Kommunisten oder Kommunisten, fast die zehn Gebote Gottes haben
die fast übernommen,
L Ist das so eine Satzung, oder?
(?), das ist ein Gesetz,
L Gesetz?
Das ist, das war (?) von Kommunisten, die Menschen sind alle gleich, die sind
gleichberechtigt, der Mensch ist ein dem anderen (redet russisch), @1@,
Bruder, Mensch zu Mensch, und das waren, das alles, wenn die das alles der
Welt gezeigt haben, das wär das Beste, was es war, aber das war nur alles
auf Papier. Papier ja hält alles aus.
Und nach diesem Leben soll
L @Tatsächlich.@
ich mich noch sehnen? Überhaupt nicht.
Ganz am Anfang, als wir da (Mikrofon knattert) (?) auf Arbeit, unseren große
Familie da, ich habe gesagt, meine Kinder gehen hier zugrunde, die Straße,
du musst was tun, du musst deine Arbeit tun, und dann bleiben meine Kinder
da.
Hab auch schnell gebaut, war auch nicht leicht, hab doch (?) mit
L Mhm.
unsere Kinder, ich hab versucht, hab alle ihre Arbeit, hab das hingekriegt, und
das ich habe den Kühlschrank aufgemacht, habe genug Butter, Brot und
Fleisch. Und konnte jede Tag Suppe koche, und mit Mehl konnt ich machen,
was ich will. Jeden Tag, und bis heute, gestern hab ich das wieder gesagt, ich
danke Gott jeden Tag, dass ich hab genug zu essen, meine Familie kann
versorgen, kann kochen, was ich will, und wie viel Geld ich hab, kann ich
einkaufen, ja. Was ich will. Und meine Kinder sind satt, und meine Bekannte
und Freunde kann auf den Tisch stellen, was ich kann. Und jeden Tag dank
ich bis heute. Hab ich gestern, meiner Ada hab ich gesagt, sag ich, ich kann
Gott jeden Tag danken, dass ich kann was auf den Tisch stellen. Das werd ich
nie vergessen. Manchmal, wir haben da gebaut, bin ich morgens
aufgestanden, ich wusste nicht, was ich auf den Tisch stellen soll. Mittags oder
morgens, ja, ich hab nichts gehabt. Ich hab mich immer oftmals, keine Fleisch,
kein Brot, keine Kartoffel mit Fett und Butter oder Schmand, Marmelade habe
L (?)
wir dort nur ein bisschen gehabt, aber sonst. (2) Und dann letzte Jahre habe
wir schon besser gelebt, habe schon gebaut, dass er da Arbeit hat, hat er
mehr Geld bekommen, und die Kinder waren schon größer, haben mehr
mitgeholfen, die Eltern haben auch da in der Nähe gewohnt, alle haben
mitgeholfen. Da war es schon besser. Das war die letzten Jahre, dass wir
L Mhm.
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A:
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S:
gut gelebt, genug gehabt haben, haben unsere Butter, unseren Schmand,
alles gehabt, im Garten Kartoffeln, Kinder waren satt, hab schon Fleisch
gehabt. Und alles.
(?)
Wir haben in die Stadt gewohnt. Er hat, ich hab gesagt, weißt ich geb ein
Vorschlag, wir fahren in Dorf wohnen. Hat er gesagt, du im Dorf, wie wirst du
das schaffen, bist ja das nicht gewohnt, die Küh melken und alles, Garten. Die
anderen Leute können das machen, ich mach das auch. Mit meiner Kinder
werden mir das schon hinkriegen. Gott sei Dank haben wir das hingekriegt.
L @1@
Die Eltern haben uns viel mitgeholfen, viel. Mit em Rat, mit em Geld, mit allem.
Mit em Essen, haben uns auf die Beine, und dann war das schon. Und bis
jetzt sag ich immer Gott danke.
L Sonntags hat sie immer ne Großküche gemacht.
Nach die Kirche waren wir dahin gekommen, zu Frühstück, nach Mittag.
L Wir
haben uns da in den Häusern versammelt, und dann haben wir Versammlung
gehabt. (?)(Zur Oma) Dann haben wir da alles weggefegt und sind dann
weitergegangen.
Da war se so glücklich.
L @Nach Hause@
Ja. Die Kinder kommen, das war mer (?). Ich war wie erleichtert. Hab mer nie,
jetzt is es aber doch gekommen, nein ich bin jetzt schon (?). Spricht net (?),
aber
L Wie viel Kinder haben sie denn?
Sechs. Drei Töchter und drei Söhne.
Von den Veränderungen so in Deutschland, gibt´s denn da auch etwas, was
so ein bisschen schwieriger war am Anfang, wo man sich erst dran gewöhnen
musste?
Sie meinen hier?
Hier in Deutschland, ja.
Erst einmal die Sprache. Das war eine Schwierigkeit, für mich war die
Sprache. Bis ich das alles gelernt hab, wir haben ja ein bisschen gesprochen,
ich konnte besser sprechen Deutsch, für mich war das sehr schwierig.
Schwer, musste eine Umschulung machen, habe zugeguckt gehabt, meine
große Familie und die Umschulung. Aber Gott sei Dank habe wir das
hingekriegt, meine Familie und mein Mann, habe alle mitgeholfe und
manchmal können die Kinder das auch nicht verstehen, dass die viele Arbeit
da, aber die Arbeit war ja immer da, in Russland und hier auch, bis heute
noch. Wenn ich das alles nicht machen hab, dann hatten wir auch nichts, ja.
Wir haben ja nichts zu (?) @1@
L Muss man das alles pflegen, in jedem Tag, wo
man das nicht macht, jeden Tag geht alles eines verloren, und das andere
auch. Und manchmal wollen die Kinder das nicht verstehen.
L Es ist ja nicht nur
das. Wir in dieser kurzen Zeit, in dieser kurzen Zeit, haben wir erreicht, ich will
mal, das mittlere Niveau, denk ich. Vielleicht Anfang des mittleren Niveau
L Mhm.
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A:
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Wir sind nicht in Sozialhilfe gekommen. Wir leben, ich denk mal, ja, wie
normale Menschen normal, wir brauchen keine Sozialhilfe, wir gehen- und das
alles musst ja erarbeitet werden.
L Und die Kinder soweit bringen, dass se lernen,
dass se arbeiten.
L Das musste jetzt erarbeitet werden. Auch das Haus musste
bezahlt sein, man spricht ja viel, den Aussiedlern steckt man in Hintern und
das alles, das Geld, das ist ja alles bekannt, nur das ist es nicht, das ist, das
entspricht ja nicht der Wahrheit, das ist ja so, dass man, man muss es ja
zurückzahlen, und drum, ich sag ja, wir haben, die Menschen, und drum ist
das oftmals unverständlich für die Leute. Wir bauen jetzt unser kleineres Haus,
jetzt, die kennen uns, hier die Umgebung, die Kinder kennen sie, die sehen,
wie viel die Kinder hier arbeiten, wir selber und alles. Und dann (?). Ja, so
kann man bauen.
Das könnt, das is
L Die können gut bauen.
L Aber soweit die Kinder
bringen, die habe ihre Familie alle, beschäftigt, ja.
L Die sind, wir halten immer noch zusammen,
und jetzt ist es, ja ich seh zunehmend, die Menschen der Umgebung, die
früher nicht Guten Tag gesagt haben, die sagen heute Guten Tag, nachdem
sie gesehen haben, wie wir das machen. Jetzt is bekannt, jetzt sind wir keine
Aussiedler mehr, jetzt die wissen, dass wir unser Haus verkaufen, ist ja ein
Schild jetzt, und dass wir ein kleineres bauen, weil die Familie ist weniger, ist
alles Vernunft.
L Dass die Kinder sind groß gewachsen, die haben das alles
gesehen.
L Und das und das ist äh das hat jetzt en anderen Charakter, hat jetzt en
andere, andere, ja, ich sag ja, viele Menschen, die sagen jetzt, guck mal hin,
das ist doch so wie´s gesagt wird. So, das Arbeiten is ja hier auch, ich will mal
sagen, angesehen, dass der Mensch arbeitet. Das ist auch normal, dass es
nicht irgendwo von irgendwem kommt, die arbeiten. Das ist die Arbeit. Und
das ist, @häh@ oftmals unsere Kinder, die sagen, guck mal wie da und da.
Ich sag, wenn wir hier nicht arbeiten. Ich hab angefangen, das Haus zu bauen,
als ich hier rüber gekommen bin. Die haben so (?), hab ich mir Jetta gekauft,
mein Opa der war keine Ahnung, war zwar Kraftfahrer, aber von den Autos
nichts, über oh, der glänzt. Sag zu ihm, günstige Preis bezahlt. Wir sind nach
Hause gekommen von H. bis O. braucht ich anderthalb Liter Öl. So, dann bin
ich, ja, ich musste, wollte arbeiten, hab schon gearbeitet.
L Du hast schon
gearbeitet, du hast nur 3 Monate nicht gearbeitet.
Ja, ich hab schon gearbeitet. So, und, nein, ich wollte, oder ich hab schon
angefangen, na ja, und ungefähr drei vier Monate rum, musst ich nen anderen
Motor haben. Hab noch ein anderen Motor reingestellt, weil der (?), und äh
hab hier angefangen zu bauen, wo wir mitten im Bauen waren, war der TÜV
alle. Musst ich zum TÜV, hat er gesagt, nichts mehr, brauchen aus diesem Tor
nicht mehr rausfahren. (?) Ich kann das nicht, ich muss zur Arbeit, kann nicht,
musste 16 Kilometer zur Arbeit fahren. Tja, den interessierte das nicht. Ja, und
dann hat er mir noch, doch hat er mir dann, klar, dass ich da
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A:
Wir waren im Bau, die Bauerei, und hier musst ich das Auto, na ja, aber da
haben wir schon rausgefunden, hier, dass in Holland, die holländische Grenze,
die Schrotthändler, oder die Unfallautos, da sind wir dahin gefahren, haben die
Jungs, meine Kameraden, hör auf mit dem Blödsinn ohne TÜV zu fahren, das,
wenn die dich schnappen, und dann wird´s teurer. Dann hab ich mir ein
bisschen Geld ausgeliehen, (?), sag hier, haste´s Geld, fahr nach Hause, geh,
fahr, kauf die ein anderes Auto. Dann sind wir los, haben das Auto geholt, ein
Jahr alt aber war ziemlich frisch.
L Diese Nachbarn, jetzt hier, haben mit uns gar nicht
gesprochen. Das war so´n (?) doch. Das Auto noch in die Garage hab
L @1@
reingestellt.
L Nein, nein, der war, das ist nicht wahr, das ist nicht so. Vorher
haben wir, aber vor dem Auto. Als ich dann da mit dem Auto kam, dann kam ja
Norbert noch hier rüber, und sagt, ich versteh´
L Mit dem Norbert kam das nur, weil die
Frau
L Ach, nur die Frau, du hast Recht. Norbert ham wir (?)
Ist das ein Bekannter von ihnen?
Ja, ja das ist ein Lehrer.
Wohnt der hier in der Nähe?
Ja, wir haben, unser Nach-, wir sind jetzt noch, wir verstehen sich gut. @1@
L Der Nachbar.
Und dann kam er rüber, hat er gesehen das Auto, was macht ihr, weißt du,
was das kostet. Sag ich Norbert, was soll ich machen. Ja, wart mal, die
Garage hat zwar schon die Decke. Das Auto rein, und weiter gebaut. Und
meine zwei Söhne, die haben das alles raus, haben alles sauber gemacht,
haben geschrubbt und gemacht, sind zum Schrott gefahren, ich hab auch
immer gepflegt, war en Unfallauto, hab ich fast alles für 1000 Mark
bekommen, das eingebaut, hatte ein neues Auto für das viertel Geld, das ein
neues Auto kostet, bin rausgefahren, und dann ist dem Norbert das Kinn
runtergefallen. Das könnt ihr auch? @1@
L Und die Jungs waren noch in der Schule.
L
Der eine war 13, der andere 14. @2@ So, und das, und das hab ich, und da
hab ich auch meinen Kindern gesagt, was hier bringt die Arbeit. Da haben wir
gearbeitet und haben nichts gehabt. (2) Das ist das komische daran. So, und
hier hat man gearbeitet, und die Arbeit bringt was. (5)
So im Familienleben hat sich da was verändert, dadurch, dass man nach
Deutschland gekommen ist, und hier ist das Leben ja anders, die Gesellschaft
ist anders, hat sich das auf die Familie ausgewirkt?
Bei uns nicht.
Alles so geblieben?
Bei uns nicht. Puh, vielleicht dass wir noch mehr zusammen kommen,
L Ja, wir
haben mehr Zeit zusammen. Ich meine, feiern ein bisschen mit den Kinder
L Zusammen-Sein.
die Geburtstage, dass wir jetzt bauen, ist ein bisschen anstrengend, die Kinder
vermissen das schon. Das die Kinder, was Familie haben, vermissen uns
schon, sonst würde sie nicht so oft dahin kommen. Brauchen uns, zum Rat
frage, die vermissen uns. Wir habe hier keine Zeit mit dem großen Garten und
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S:
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W:
alles, muss man alles bearbeiten, muss ma da auch früh aufstehen, steh auch
jetzt früh auf, aber trotzdem, da musst man früh aufstehen, musst man alles
pflegen, die Kühe melke, die Butter, das Schmand alles, dass man auf Tisch
hat, musst man früh aufstehen. Ja. Und das haben wir keine Zeit nicht gehabt.
Aber jetzt, Gott sei Dank, haben wir doch viel Zeit mit unsere Kinder. Und ich
bin so glücklich mit meine Kinder. Wirklich.
Zehn Kinder?
Ja.
Das ist auch eine Leistung, muss man sagen.
War nicht leicht, aber bin so glücklich. Wir verstehen uns gut, bis jetzt. Ich
lasse mich bisschen Ruh, mit de Kinder, mit de Enkelkinder kommen sehr gut
zurecht. Lass de Mama bissje Ruh. Wenn se viel Not haben, dann bin ich da
für sie, aber wenn se auskomme könne. Ich hab noch meine Familie da.
L Die
Älteren.
L Ja, die, was ihre Familie schon haben. Bis jetzt habe se Verständnis.
Ich will mal sagen, vielleicht prägt das doch viel, dass äh, nun, dass wir doch,
na ja, unsere Gemeinde gehen, oder sehr in Gemeindeleben beschäftigt sind.
L
Die ganze Familie?
Die ganze FaSo, und äh, das ist so, das ist christlich, und
L ganze Familie.
Christen sind überall Christen. Drum hat, ich will mal sagen, die Gesellschaft
hat nicht, ich will mal sagen, die Schattenseiten oder die negativen Seiten der
Gesellschaft, unserer Gesellschaft. Sag immer, bin hier zu Hause, endlich.
L
Mhm. Fühlen sie sich hier zu Hause? In Deutschland.
Doch. Doch.
Und
L Doch. Unser Kinder auch. Von Anfang. Das wir sind hier rüber
gekommen, war ich erste Mal spazieren gegangen abends, ich hab gesagt,
L In N..
N. noch nicht, hier in B.. Sind mer spazieren gegangen. Ich wundert mich
wirklich, ich bin zu Hause hier. So´n Gefühl hab ich, dass ich immer noch hier
war. Klar, das alles, war alles, aber trotzdem, ich hab das alles gar nicht so
mitgenommen, das Schöne und alles so. Aber ich hab meine Kinder, dass
meine Kinder satt sind, ich hab gesagt, ich bin hier zu Hause.
L Mhm.
L Wir waren auch hier
gut verstanden.
In der Gemeinde, das muss man auch sagen.
L Ja.
L Das muss man auch,
in der Schule, in der Gemeinde,
das war sup-, das war sehr
schön,
L und in der Schule,
kann man nichts sagen.
L Gemeinde, meinen sie damit die Stadt B.?
Ja, ja. Von Anfang, in Schule auch. Wir haben auch mitgemacht, waren sofort
auch in Schule gegangen, mit der Lehrer auch Kontakt gehabt. Dass unser
Kinder weiterlernen.
L Wir hatten auch den Vorteil gehabt, dass wir dort gesprochen haben.
Das war vielleicht das altdeutsche oder das deutsche, was noch ganz alt war.
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S:
L Mhm,
mhm.
Aber trotzdem wir haben das na ja 60-70% doch verstanden von Anfang an,
was wir (?) @1@
L Ja, das ist viel Wert. (3) Und, sie leben ja jetzt ne zeitlang schon in
Deutschland, haben dort in Russland als Deutsche gewohnt, was würden sie
sagen, wie fühlen sie sich, als Deutsche oder als Russlanddeutsche? Fühlen
sie sich schon wie einheimische Deutsche oder merken sie doch, dass es da
Unterschiede gibt?
Doch. Unterschiede. Ich, ich ja.
Wo, was sind die Unterschiede?
Dass ich jetzt, ich arbeite eben, ich kann nicht sagen, dass die Leute mich
behandeln schlecht oder, ich fühle da zu Hause, wie gesagt, aber trotzdem so,
dass wir Russlanddeutsche sind, das spürt man doch.
L Das erstmal lässt man
uns das oftmal spüren.
Inwiefern?
Wir sind das nicht gewohnt zurück, so sich zurück- durchsetzen.
Ja. Wir
L Widersetzen.
wollen alles gut machen.
L Erstens und zweitens, na ja, (3) das sind vielleicht
teilweise auch Minderheits-, Minderwertsgefühle, (3), die man hat vielleicht, na
ja, du kannst die Sprache nicht, ich sag mal, meiner Frau, ich hab mal was
anderes, von dem Gefühl, @2@, ich bin oftmals in der Ukraine, und äh, mit
meiner Arbeit, meinen Chef, da werden jetzt Lieder gesungen, und, da saß ich
mal und hörte das, da kam mir ein Gedanke in der Kopf: Wie gut ich die
russische Seele verstehe. (3) Und wie schlecht ich verstehe die Seele der
Deutschen.
L Ja?
Ich kann das nicht so aus- aussprechen,
L Die Seele.(2) Russen, wenn die eins
getrunken haben, da sind sie König. Dann gehört ihnen die ganz Welt, und
alles liegt zu seinen Füßen.
@1@ So, ich hab gesagt, ich hab so, ich
@2
@1@
ich bin, glaub, ich bin hier aufgewachsen, ich hab die Abschlussfeier als
Jugendlicher, die Schulabschluss, wie das das äh man hat auch da seine na ja
die Gefühle dem Volk geben lassen von Friedenheit, Offenheit, besonders der
Jugend kann man bald was vormachen, und äh wie das alles war. Wir, man
muss es sagen, wir waren Deutsche, in Russland aufgewachsen, in der
Gesellschaft aufgewachsen, wenn man uns nicht so verachtet hätte, wenn
L Mhm.
man uns nicht immer noch Faschisten genannt hätte, und wenn unsere,
unsere Vorfahren nicht so verfolgt wären, dann wären wir Russen. Nur, dieses
schwierige Gefühl, oder diese Situation, wo man uns reingeführt hat, das hat
uns veranlasst, ja, einer für den anderen sollten wir zusammen sein, wir
mussten, ums Überleben, ja und dann war´s, wir haben unsere, ich will mal
sagen, mit wir hatten immer noch unsere äh äh (spricht ein russisches Wort)
Wert. Werte.
Werte, unsere Werte. Wertgefühle als Deutsche.
L Was waren denn die, oder
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S:
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L:
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W:
A:
L Ich
will mal sagen, eine Hochzeit, jetzt vergleichen wir, von Russen und von
Deutschen. Wenn´s ne deutsche Hochzeit war, dann mussten alle im Dorf, bei
uns war ja meistens Deutsche, aber so, wo es vielleicht nicht so viele
Deutsche waren, im Dorf, da wurde, wenn eine deutsche Hochzeit war, dann
war Fried-, Friede, Freude, Eierkuchen. Dann waren wir ein bisschen
getrunken, die haben sich nicht angesoffen, das hat einem Deutschen nicht
geziemt.
L Also waren die Deutschen da so sehr anständig?
Ja, hat man so gesagt. Ja, weil mehr man und man hat auch gesagt, du bist
L Ja, ja.
L Ja?
doch ein Deutscher und du saufst auch, das war nicht
Ja.
L Nicht so oft.
Und überhaupt die deutsche Männer, auf´m Dorf, wo deutsche Mensche
gelebt habe, die mäste, oder wo e Russen-Dorf war, das war so wie Tag und
Nacht, hier war sauber, die Häuser in der Reihe, in der Straße, dort war alles
L Alles
gefegt.
L Mhm, mhm.
War auf der Straße, aber bei de Russe, die habe nur immer lustig, @1@
L Die
haben sich lustig gesoffen.
Wollten nicht arbeiten auch, die Garten waren so Gras, die Deutschen haben
alles gepflegt.
Nicht alle. Ja.
L Mal auch nicht.
L Das kann man auch nicht sagen, aber
das war so das überwiegende Ding, oftmals. Wie´s war. Und man hat auch
L Ja.
Gärte, wo auch Russen waren, das war wirklich auch anständig.
L Deutsche
und Russe, wenn zusamme waren,
Ja, ja.
Aber jetzt hier in Deutschland ist es doch auch, also man sagt ja so von den
einheimischen Deutschen, also Deutschland ist ja auch ein sehr sauberes
Land, warum fühlen sie sich denn nicht wie einheimische Deutsche?
Ich sage, die Seele, ich kann nicht verstehen einen Heimischen. Versteht ihr?
Das Laufen und das, ich will mal sagen, sie werden nicht einen
Russlanddeutschen sehen mit einem Bollerwagen durch die Gegend, Flasche
Bier, und Ich will mal sagen so dann drastisch, so was man sieht. Das ist
L Aha.
typisch einheimisch.
L Ja? @1@
L @1@
L @1@
Aber Pa, vielleicht liegt es daran, dass
L Es kann sein, dass schon welche schon
das nur so nachmachen, nur aber das Gefühl, den Bollerwagen nachzuziehen,
und das alles, das muss von Kindheit kommen.
Das is das Familien,
L Da- das is ein
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das ist das Fam-, drin in der Familie. Meine, die sind auch noch alle äh, weißt
du, äh (?) infiziert mit diesem allen, was wir da mitgebracht haben. Die
machen zwar lange nicht mehr so, wie wir
L Die zwei schon nicht. Die zwei
letzten.
Auch die anderen nich, was waren die denn.
Die haben nichts, vielleicht
L Die, die doch.
ein bisschen Vorstellung von Schnee, mehr haben die nicht. Die haben doch
nicht einmal von unserem Haus eine Vorstellung.
L Und ob.
Ich weiß, wie unser
@1@
Haus aussah.
Sags!
Das neue Haus? Das war äh roter Klinker. Dann gingst du rein, links war, das
L Ja.
sollte eine Badewanne werden, wo das Wasser fließen sollte. Und dann durch
war ein großer ein großer Flur sofort rechts war ein Zimmer, wo wir
Schularbeit gemacht haben und von dem Zimmer nach links war euer
Schlafzimmer. Und die Küche war links, wo man reingeht von dem, halt von
dem Schuppen. Und äh (2) ja, und dann gradeaus war ein, das Wohnzimmer,
und von da aus war, glaub ich, auch ein kleines Zimmer. Ja, und dann gab´s
noch ein Zimmer für die Mädchen.
Und die Nische, wo war, war aus
L (?) Jungen.
der Küche.
L Neben dem (?)
@2@
Woher weißt du das?
Weil ich weiß das. Vom alten, aber komischerweise, wenn ich träume, dann
träum ich immer von dem alten Haus, nicht von dem neuen. Viel zu schön.
Von Russland?
Ja.
Findest du das?
Mhm.
Und jetzt mal an die jüngere Generation?
L Oh Gott. Keine Ahnung. Ich find das so
schade.
Wie alt warst du?
Zwei.
Zwei, und du?
Zehn.
Und für euch, wie fühlt ihr euch, wie einheimische Deutsche, oder merkt ihr, so
ganz einheimisch sind wir nicht, wir sind Russlanddeutsche, oder ist das für
euch gleich?
Also, ich kann eigentlich nicht sagen, dass ich mich so, O.K., vielleicht, weil ich
bei dem ganzen Geschehen nicht so mitmache, halt. Halt Saufen und Disko,
und so. Vielleicht so. Aber (3) dass ich mich so Außenseiter, weil ich aus
Russland komme? Weil, ich hab auch gearbeitet, und fast alle wussten gar
nicht, dass ich aus Russland komme, man wurde halt so behandelt wie alle
andern. Also ich hab das so nicht gespürt. Nur halt, dass ich nicht an alle
L Mhm.
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mitgemacht habe, weil es interessiert mich auch ehrlich gesagt gar nicht. Und
aber ja.
Und dein Freundeskreis besteht der aus einheimischen Leuten oder aus
Russlanddeutschen?
Aus Russlanddeutschen. Weil der Freundeskreis ist, sind, fast alles ist aus der
Kirche.
L Mhm.
Die Kinder sind (?) (Mikrofongeräusche)
Und bei ihnen, haben sie auch russlanddeutsche Freunde, oder auch
einheimische, oder auch andere Nationalitäten, sind ja hier nicht nur
Einheimische, es gibt ja auch andere Nationalitäten in Deutschland? Was
würden sie sagen, sind ihre, ihr Freundeskreis hauptsächlich?
Hauptsächlich
L Freundeskreis ja. Freunde sind (?), weil wir so verkehren, sind
Russlanddeutsche. Aber sonst noch viele Freunde, auch Einheimische, auch
L Ja.
geschäftlich, ich komme mit ihnen sehr gut äh äh an, und äh oftmals empfinde
L Ja.
mich nicht als Aussiedler. Ich denke nicht,
und ich lass das nicht auf
L Mhm.
mich,
dafür hab ich so
L Mhm, mhm.
L @1@ Das musst du zuerst sagen. @2@
Was?
Das musst du zuerst sagen, dass du dir das @nicht bieten lässt@.
L Mir geht’s
auch. Ich sage auf der Arbeit ich liebe die Leute, das auch wo viel alte Leute
sind, das geht nicht so im Herzen, ich mach meine Arbeit gern, und das
spüren doch auch die Leute.
L Wie, wie, sie versorgt ja die Menschen, kann man
sagen.
L Ich mach das mit Liebe und ich mach das auch gerne. Aber ich mach
meine Arbeit gerne und bin gerne mit di Leute.
Auch mit Einheimischen?
Ja.
Da sind auch nur Einheimische. Aber ich mach mein, ich
L Nur Einheimische.
versteh mich mit denen und bin auch gerne da, bin wie zu Hause auch da.
L Mhm.
Wurde schon, Mama, bleib zu Hause. Nein, ich bleib da. Ich hab mich
abgefunden mit di Leute, und ich spür, dass ich auch da (2) hinpass.
Ich
L @1@
L Mhm.
meine, dass manchmal vielleicht nicht (?), meine so, aber sonst ist alles O.K.
Jetzt (2) ich bin da zu Hause.
Aber was meinen sie, woran es liegt, dass sie hauptsächlich russlanddeutsche
Freunde haben, weil sie haben ja eben gesagt, also die engen Freunde, das
sind alles Russlanddeutsche. Woran liegt das?
Man muss sich identifizieren. (2)
Und wir idifizieren, identifizieren, ja,
L Mhm.
L Mit
Einheimischen?
Ja. Nicht, weil wir uns, oder dass wir vielleicht, nur wir können uns nicht so
verstehen. Ich will mal sagen, ich hab gelebt mit meinem Bruder, fast mein
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ganzes Leben, vergleichbar. Mit meinem Bruder nach mir waren wir immer
unser, fast das ganze Leben immer zusammen.
So. Und wir haben
L Zu Zweit.
einen dritten gehabt,
zehn Jahre jünger. Der ja der hat anders, oder
L Zehn Jahre Unterschied.
der war zu Hause mehr. Wir waren dann weggefahren, und der war zu Hause.
Wir haben uns sehr gut verstanden mit dem jüngeren, auch bis heute, da ist
nichts, gibt’s nichts, nur wir haben, wenn wir zusammen waren, und dann ham
wir mit Viktor gesprochen, wir brauchten nicht viel reden, wir wussten, worum
es geht. Zwei, drei, vier Wörter, dann haben wir schon verstanden. Und der
L Mhm.
(?) Zaak stand neben oder saß neben uns, hat gesagt, wovon redet ihr?
L
Versteh nix.
L Ich versteh nicht, wovon ihr redet.
L Genau das ist es.
Ja? Mhm.
Das is es. Das was wird bei unseren Kindern nicht mehr sein.
Das
L Ja, nein.
wird´s nicht sein. Und ich höre jetzt, die Kinder, wenn sie sich unterhalten, sie
gehen zwar nicht zur Diskothek, oder die haben da keinen großen Gefallen,
Ich höre mal oder
die wissen aber wovon es geht. Ich weiß es nicht.
L Mhm.
wenn die mal miteinander sprechen, dann sind die auch schon fast von einer
anderen Welt für mich.
L @1@
L Gib es zu. Die Sprüche, die sie aussprechen, muss
ich genau hören. Und das geht genau. Wir frühstücken immer zusammen auf
die Arbeit um viertel vor
sitzen wir immer und frühstücken zusammen,
L Und das (?)
und das ist gut. Gemeinschaft, kennt man die Leute, (?) war so schwer,
Sprache da und da, die ganze Neuigkeit kennen se und sprechen se, und jetzt
bin ich das schon gewohnt und die Leute kenn ich jetzt auch. Kann ich auch
schon mitsprechen, und die hören auch gerne zu, wenn ich was spreche, da
hören se genau zu. Und hören auch gerne.
L Das sind die Vorbehalte vielleicht,
die was wir haben, die die Vorbehalte nicht, aber die (2) Schwierigkeiten.
L
Gegenüber Einheimischen?
Ja, gegenüber einheimischen Menschen. Ich, ich muss immer angespannt
sein in der Gegenwart, ich kann nicht frei, erstmals ist die Sprache oder
oftmals wenn´s wir-, das kommt noch nicht einmal zu näheren Kontakten
erstmal wegen der Sprache. Automatisch, unbesonnen. Ich muss mich äh
überwältigen, ich muss mich äh anstrengen, damit ich dabei bin. Dann bildet
sich ein Kreis. Es ist so, ich bin nicht gezwungen in der Gesellschaft
Einheimischer zu sein, wenn ich alleine hier wär, wär ich schon lange, tät ich
sagen, aber es gibt Leute oder ein Kreis, der für mich reicht. Der Mensch geht
den leichteren Weg. Das is warum, da, wo ich muss, da kämpf ich mich durch.
Da sag ich, ich muss, beiß meine Zähne zusammen und tu das. Wo ich muss.
Und dann hat uns äh, mal hat, wir haben ja oftmals in unserer Kirche haben
wir früher besonders so Gemeinschaft, und da wollten alle wissen, wer wir
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A:
W:
A:
sind. Sind wir überhaupt Deutsche, oder was. Man hat das ja versucht. Jetzt
hat man´s ja aufgegeben. Dies dem geht´s schon besser, die sind auch fast
schon, sprechen auch schon in meiner Gegenwart deutsch, und die Kinder,
die alten werden ja schon bald aussterben, die jungen, die sprechen schon
deutsch und sehen so aus wie wir, und dann geht das auch schon. Ich mein
hier bei uns in der Gesellschaft. Man hat sich schon abgefunden, die meisten.
Es wird schon weniger gesprochen davon, und auch negatives weniger. Ich
denk mal, jetzt wird mehr positives gebracht, weil auch- und das Erfreuliche ist
ja, unsere junge Menschen sind, die haben ein Durchsatzvermögen, die lernen
wie die Menschen hier in Deutschland, das seh ich.
L Die
russlanddeutschen Jugendlichen?
Ja. Die haben, und jetzt, wenn sie so eine Forschung durchnehmen, ich bin
mir sicher, dass viele junge Menschen von den Aussiedlern, die gehen jetzt
Riesen-Schritte voran. Die haben die Sprachprobleme nicht mehr, die wollen
was werden, weil der Ehrgeiz, der steckt drin, das, was man, vieles hat man
hier verloren, Deutscher zu sein. Man will schon nicht mehr Deutscher sein,
und alles. Das war zuviel. Ich denke, das war zu viel. Ist meine Meinung, weil
ich bin Europäer und bin kein Deutscher, das ist nicht richtig. Ich bin
Deutscher. Und dazu stehe ich auch. Ich hab da gestanden und hier sag ich
auch, ich bin ein Deutscher. So. Und das ist, und dann (1) die Bequemlichkeit,
die tut den Menschen. Und bei den Aussiedlern ist das noch, man reizt wie zu
Hause an, du musst, ich konnte es nicht, ich hatte meine Sprachen, du musst,
los. Huuh. Ja, ja. Das ist so.
L @1@
Das ist aber nicht immer so.
Warum?
Weil ganz viele haben noch Sprachprobleme. Die die grade gekommen sind.
Lena, ich sag ja, das geht los. Das geht los. Und ich freu mich darüber, dass
es losgeht.
Es sind sehr viele, die jetzt was Firmen generell betreffen, wo
L O.K., dasich selbstständig gemacht haben. Die wollen hier raus. Die ackern Tag und
Nacht, ich seh´s doch, rundrum. Ja. Das sind, aber sind schon viele, die das
nicht haben, die haben keine Sprachprobleme.
L Das stimmt schon, dass man jetzt auch
kompliziertere Berufe ausübt, als man das früher gemacht hat. Früher hat man
einfach gesagt, so ich mach Kfz-Mechaniker, da muss ich halt arbeiten, aber
nicht viel mit dem Kopf denken. Die Sprachprobleme hab ich dann auch nicht
so doll. Und jetzt, soweit ich das mitbekommen hab, geht man schon so
Steuerfachangestellte und Rechtsanwaltsgehilfin, da wo man eigentlich sehr
viel mit Kopf eigentlich denken muss.
Haben auch´s Englische gelernt.
Ich sag ja, das ist ja hier schon fast eine Akademie.
Ja, Englisch lernen, und Ausland fahren.
L Ausland fahren, Afrika-Einsatz und was
nicht alles, nach Kenia, nach Brasilien, was die sich nicht alles ausdenken.
L Muss man noch Stopp machen. In unserer
Familie geht das jetzt. Ja.
L Bibelschule. Und alles, was wollt ihr denn noch?
L Ich sag, wer will denn die
Arbeit mache in der Kirche, wer denn dann mache. Muss mit de Kinder
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(3)
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S:
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M:
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M:
S:
M:
S:
W:
arbeite, vorlese, Kinderstunde, ihr wollt ja alle weg, was gibt das hier? Richtige
(?)
Die wollen alle Englisch lernen, und äh praktisch sprechen, und alles
L Unsere
jetzt eine Tochter ist heute weg, in Bibelschule für ein Jahr. Geld gespart, is se
jetzt weg.
L Von ihnen eine Tochter?
Ja, heute.
Heute?
Nach Bad Gandersheim.
L Oh, da is ne Freundin von mir.
Is se heute weg. Hat ihr Geld gespart.
L Hat gearbeitet, hat gespart, und jetzt ist se
weg.
L Jetzt muss ich mit meinem Geld selber umkommen, sagt se, ohne Papa
und ohne Mama.
So isses. Und das ist ja nicht nur das von der Gemeinde aus, guck mal alle.
L Ja, ja,
weiß ich auch.
Wovon reden wir mit dir? Über Studium. Die brauchen jemand, der richtig
fachlich angeht. Dass wir sich nicht durchtasten müssen jedes Mal, Fehler
machen, dass wir jemand haben. Dass wir sicher sein.
L Wir machen ja alles mit
mit di Kinder. Vielleicht (?) meine Kinder waren weg mit de Kinderlager.
Zeltlager. Ich hab hier alles mitgemacht, hab geholfen da, das ganze Haus war
mit Papieren ein-, einer hat gemalt, einer hat gelegt.
L Das war ja diese Ritter
und Burgen, und was nicht alles.
Ja, und alles, musst ich alles mitmachen. Habe se ihre Sachen alle gepackt,
und ich war hier allein. Jeden Tag Bau und alles. Aber ich hab gerne alles
mitgemacht. Ich freu mich, dass die Kinder was wollen, und helfe die andere
Kinder mit. Die andere Eltern mit ihre Kinder. Ich freue mich. Mach alles mit.
Manchmal ist es auch nicht leicht, aber trotzdem. @1@
Ich bin
L @1@ So bleibt man Kind. @1@
dabei. @1@
Schön. (2) Jetzt möchte an sie auch noch eine Frage stellen. Wie fühlen sie
sich denn hier, als Deutsche oder als Russlanddeutsch? Wie empfinden sie
das? Fühlen sie sich schon so wie eine Einheimische?
Das doch nicht.
Nicht?
Wir sind mit unsere Kleidung, die Tücher überall, und da werden mer doch
erstmal, wenn wer so zusammenkommen mit Menschen. Ich darf nicht sagen,
in unserer Umgebung, wo wir wohnen, dass die Menschen gegen uns was
haben, aber keine sehr Gemeinschaft nich, aber wenn wir sprechen, wenn wir
uns treffe, (2)
Aber sie würden für sich sagen, ich bin ne Russlanddeutsche? Also so fühl ich
mich noch, noch nich wie eine Einheimische.
Nein. @1@
Ist ja auch O.K. Man hat ja auch seine Vergangenheit, das ist ja auch gut so.
Nun, aber keine Russen.
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S:
Nein, nein.
Keine Russen. Das müssen wir hier klar sagen.
@1@
L Ja, keine Russen. Nein, nein. Ich kann doch, ich bin in Russland geboren,
meine Eltern und Voreltern aber, ich kann doch kein gut Russsich. Und jetzt
hier in Deutschland sprech ich nicht mehr, fällt mir´s überhaupt schwer,
russisch zu sprechen.
Wie ist es mit der jüngeren Generation. Sprecht ihr auch noch russisch?
Doch. (2) Also nein, also bei mir ist es so, wo ich das nicht (?), ich hab, also
O.K., dann sind wir irgendwo schon gemischt. Aber so, so jetzt auf en Stück
auf Russisch zu reden, das ist doch kompliziert. Ich mein, äh, wenn man jetzt
zum Beispiel schon ne zeitlang redet, 2 Stunden, 3 Stunden, dann geht es
schon vielleicht. Also es ist leichter zu reden. Aber so. Ich muss ja auch auf
der Arbeit öfter russisch reden, am Anfang war es ganz schwer.
L Und die lernt das
jetzt, russisch.
L Aber jetzt, jetzt
L Ja?
Du lernst das jetzt?
Ja, weil mehr als die Hälfte der Klasse sind nur noch Aussiedler. Halt Russen.
Und um da halt mitzuhalten, muss ich halt auch russisch reden, also halt
reden. Ich möchte auch dazu gehören. Und es macht einfach Spaß. Ich lerne
jetzt russisch, ich rede, mich lacht keiner aus, zu Hause, lachen die mich aus.
Papa sagt immer, rede.
Und ich rede.
L @1@
Mich lacht auch immer jeder aus, wenn ich russische spreche. @1@
Haben sie mit ihren Kindern deutsch gesprochen zu Hause?
Wir haben sich bemüht, deutsch zu sprechen, dass se kennen die Sprache.
L Von
Anfang ham wer´s fast verboten, russisch zu sprechen. Das war gut.
Nein. Das war nicht gut.
L @1@
L Das war gut. Ham die ganz schnell gelernt.
L @1@
L Ja. Aber
L Und Nachhinein, (2) nachhinein, ham die gesagt, es wäre dumm von uns,
wenn wir die Sprache perfekt kennen, und die Kinder können nicht die zweite
Sprache. Das wäre dumm von uns. Und da ham wir angefangen mehr,
russisch zu sprechen. Um die Kinder zu Hause das beizubringen, weil wir
haben gesagt, wo soll´n die denn anders lernen. In der Schule, Kindergarten?
In der Schule weiterhin, aber es ist ja hier, hier is es ja noch nicht der
schlimme Fall. Siehste Ada, die musste neu lernen, oder die hat neu gelernt
russisch sprechen. Die hat ja kein anderes, die hat erst nur deutsch
gesprochen. Und dann ham wir gesehen, wir schwer das den Kindern fällt auf
diesem Weg. Der älteste Sohn, der hat das deutsche nicht so gut, aber das
russische hat er auch verlernt. Und dann wo wir geschäftlich, wo ich ihn dann
mithatte in der Ukraine, und dann musst er russisch sprechen, dann hat es ab
und zu was hingequatscht, und die Menschen haben große Augen gemacht,
L @1@
und äh so. Ja, und so war das. So war das. Und da ich erkannt, dass wir
L @1@ Ja.
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W:
mehr russisch müssen sprechen. Weil ich bin mir überzeugt, der Weg geht
nach Osten. Der praktische, geschäftlich, wirtschaftliche Weg, das ist Osten.
Was Deutschland zurückgehalten hat, das waren die Bedingungen, die
gesetzlichen Bedingungen, das Chaos, was da war, ich mein, es war keine
Sicherheit da und alles. So, das mittlerweile wird das alles schon in Schranken
gebracht, und weil, ich seh das mit meinem Geschäft, wie das jetzt fast Jahr
zu Jahr sich weiterentwickelt. Die sind ja schon alle fast da. Sobald eine Firma
braucht, dann kann man die schon in Kiew finden oder in Moskau. Oder in
einer anderen Stadt, da haben die ihre Vertretungen schon da und alles. Und
die Kinder, die könnten russisch sprechen und können´s nicht. Das wär, ich
hab gesagt, hier das Englisch. Ich sag, wenn ihr diese 2 Sprachen könnt, dann
seid ihr durch, weil es ist so, ich bin mir da, die wirtschaftliche Entwicklung in
Deutschland, das ist nicht nur mein, ich hab das auch, denk mal, das gibt auch
soziale Forschungen und wirtschaftliche Forschungen, die sagen, dass unser
Land ein Dienstleistungsland in Zukunft werden wird. Da geht die Bahn. So.
Und was ist, was heißt das? Dass die Menschen müssen Dienstleistungen
bringen für die anderen. Für die anderen Länder überall.
L:
Wie meinst du das?
W:
Wie ich das meine?
M:
L Dienst-, ich versteh das Wort auch nicht. Dienstleistungen?
Ja, nicht nur, Büro auch. Das
W:
Lasst mich erklären. Mama, Dienstleistungen.
A:
L Büro.
W:
ist äh Dienstleistung, das ist die Hinweisung, die Entwicklung, die äh
Dienstleistung, das ist, keine Produktion, das ist das Know-how. Know-how ist
auch wieder was Neues. Know-how, das ist das Können, das Könne zu
vermitteln. (3)
A:
Geschäftsführende Sachen.
W:
Nein, nein. Das sind Leute, die weitergehen und sagen, dieser Strich bedeutet
dieses, dieses in dieser Zeit bedeutet dieses. Das sind Leute, die dahin gehen
und sagen, wenn ihr dieses nicht so richtig erfüllt, diese Anweisung, oder
diese Anforderung, dann werdet ihr dieses nicht erreichen können. Das ist
andere. Äh, (4) dieses ähm, das Wissen weiterzugeben, das ist Know-how
und das ist äh dieses, nicht die Produktion.
M:
(?)
(Allgemeines Gelächter.)
W:
Ihr braucht das nicht mehr. Die brauchen das.
M:
Ja, ja, ich brauch das nicht.
A:
L Die brauchen das.
W:
L Wenn ich die Rente bekomm, brauch ich das
vielleicht auch nicht mehr.
A:
Drum sagen wir auch unsere Kinder, dass se lernen.
W:
So. Und da werden gebraucht Menschen, die das können. Die das können
A:
L Ja.
W:
übersetzen, die das können machen, die nicht übersetzen brauchen. (?) bei
Amazone, das ist ein toller Turn, das ist so ein Spezialist, der fährt nach
drüben, macht das alles, der kann sich mit den Leuten verständigen, der
erklärt denen alles. Dann, wenn se anrufen, dann sagen se, Stefan Reuters
nur. Huh, ja, muss der Stefan wieder rüberfahren. Versteht ihr, die brauchen
keinen anderen. Was, was war ich jetzt geflogen nach Kiew? Nur um zu sitzen
und Kontakt aufzubringen, zu sagen, hier, habt ihr´s gehört, ich hab´s euch
gesagt, ja, und. Und dann wir wollen dann weg, ich hab dann gesagt, na was
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hab ich euch erzählt. Und weiterhin, dann wissen die, wenn ich was sage,
dass das richtig ist. Wenn ich denen paar Mal solche Schulungen mache,
dann ist am End. Und sonst gucken die mich mit solchen Augen an, wenn ich
sage, die Produktion kostet soundso viel, und soundso viel. Der kam an, wir
kamen jetzt hin, der hat ihnen erzählt, dass ne Hähnchenschlachterei in dieser
Dimension, was ihr braucht mit alles drum und dran, Schnickschnack, 760
Tausend kostet. Da sind die fast vom Stuhl gefallen. (3) Wenn ich das denen
gesagt hätte, hätten die gesagt, gä, der spinnt. Und weil ich die russische
Seele kenne, die Seele, bin ich da gar nicht hingefahren mit diesem, hab ich
den Holländer aufgefangen, och, schön, dass du da rüber fährst, ich komm
auch dahin, und dann sprechen wir da vor Ort. Hab ich den sprechen
gelassen. Und der hat das, und ich hab schön übersetzt, immer schön. Huuh,
@2@. Ja, ich wusste das, ich wusste die Reaktion, ich weiß viel weiter, wie
der Holländer dahin kam, ich weiß, was ich da gebracht hab. Versteht ihr?
Und das is es. Der kann die nicht verstehen. Der hat erzählt, stolz auf seine
Produktion, und ich dachte, Junge, so viel Zeit, die du jetzt umsonst verlierst.
Aber dieses musst ich denen beibringen. Und die sind viel besser beraten mit
mir, als wenn er alleine dahin fährt. Versteht ihr? Auch in der Zukunft. Ich kann
das, ich bin oftmals wie so´n Denker zwischen denen und ihren Leuten. (3)
S:
@1@
(Allgemeines Gelächter.)
S:
Ist doch gut.
W:
Die russische Seele. @1@ Die ängstlich- die deutsche Seele aus Russland.
(Irgendjemand sagt etwas Unverständliches.)
W:
Nicht so viel sprechen, das könnte einer hören.
S:
So sind die Russlanddeutschen, meinen sie, oder die Russen?
A:
Ja.
W:
Russen auch.
S:
Ja? Und die Einheimischen dagegen?
W:
Hier?
A:
Nein.
W:
So was hab ich noch nicht erlebt. Soviel (?).
S:
Wie würden sie die Einheimischen beschreiben? Nicht ängstlich?
A:
Nein.
W:
Das ist jetzt, ängstlich zu sprechen.
S:
L Das ist Russlanddeutschen typisch?
W:
Ja. Und ängstlich, und die sind wieder ängstlich im Geschäft, die sind zu
ängstlich.
S:
Wer jetzt?
A:
Die Einheimischen.
W:
Ich täte sagen, die Deutschen sind zu ängstlich im Geschäft. Zu ängstlich.
S:
Ja? Und die Russlanddeutschen sind da schon ein bisschen mutiger.
W:
Russlandsdeutschen, die
ENDE KASSETTE 1 SEITE 2
M:
W:
S:
W:
(?)de ängstliche. @1@
Der Ängstliche, ja, ja, das war ja auch mein Thema. In Russland.
Zu ängstlich?
Ich hatte nie nicht genug Angst gehabt. @1@
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M:
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S:
(7)
W:
A:
Was ich noch unbedingt fragen wollte, vielleicht fangen wir mal mit der älteren
Generation an. Was haben sie versucht ihren Kindern beizubringen, sie und
ihr Mann, in der Erziehung, was wollten sie, dass ihr Sohn unbedingt lernen
muss?
Was ich meinen Kindern beigebracht hab? Dass se ehrlich sind. Dass se nich
gottlos sollten sein, und gute Arbeiter und ehrlich, ehrlich und nicht die
Unwahrheit reden. Dass se zu Menschen gut sein, die Menschen liebe, oder
wie, ich kann das gar nicht beibringe.
Und am meisten, was sie uns beigebracht hat,
L Untereinander dass sich lieben
sollten, untereinander.
@1@ Das wollt ich grad sagen, das.
Ja?
Ja. Und wenn wir dann uneinig waren, hat se mit´m Schuh, jetzt kriegt ihr mit
em Schuh. @1@
@1@ (1) Also die Strafe war so Klaps mit dem Schuh. Ham sie auch anders
ihre Kinder bestraft?
Anders? Wie soll ich sagen, ich hab lang die sich beschaut, hauptsach sin se
auch bestraft worden.
Und wie?
@1@ Mit em Besenstiel oder mit em Schuh.
@1@
@1@
@2@ Viel haben se nicht gekriegt, ne. Würde sagen, so ein lieber Mensch,
viel haben se nicht gekriegt.
Es hat lang gedauert. Und dann hab ich
L So dass meistens das, was se nicht
haben konnte, wenn wir uns uneinig waren, oder wenn wir uns gestritten
haben und geschlagen. Dann gings sofort, wenn se das gesehen hat, dann
gings gleich mit em Schuh und mit em Besen. Die hat dann gleich.
Wenn einer musste dann den anderen bitte um Verzeihung und küssen. Das
hab ich se immer angeschrien.
Ja, jeder muss, da wo Schuld da war,
L Küssen?
den musst e Kuss.
Und dann war wieder gut? @1@
Ja.
@1@ Und würden sie so sagen, äh, ham sie, würden sie genauso ihre Kinder
erziehen, haben sie ihre Kinder genauso erzogen, wie sie erzogen wurden?
Ja.
Was haben sie versucht ihren Kindern unbedingt beizubringen?
Wir haben versucht, es auszuleben, als Vorbild. Erstens. Und äh, ja, sicher,
Ehrlichkeit, (2) Gottesfurcht,
L Die Eltern schätzen, Oma und Opa und uns auch.
Ich habe das nicht zugelassen, dass se über uns böse gesprochen haben. Bis
jetzt, dass ich schon erwartet habe mit ihrer Familie manchmal rutscht es raus,
ich sage, sofort, das lasse ich nicht zu. Ich hab das nicht verdient von euch.
Ich hab euch so erzogen, das lass ich mich nicht. Und ich will nicht, dass eure
Kinder mit euch so sprechen, wie du das jetzt hast gesagt, und das lass ich
nicht zu. Dass se auch schon verheiratet sind, ich sag, ich lass das nicht zu.
Und das ist bis heute noch so. Ich danke Gott, dass ich nicht so habe mit
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A:
S:
A:
meinen Mann habe sie so viel Kraft gehabt, habe sich dann durchgesetzt, und
das hat viel uns Erfolg gebracht. Durften sich auch nicht schlagen.
L Untereinander?
(?)
Nicht schlagen. Da bin ich hier oder (?). Haben wir nicht zugelassen.
Hab ich auch immer gesorgt. Die kleinere müssen den älteren gehorchen, und
zum schlage bin ich oder der Papa.
Ja.
Das durften se nicht.
Ja, is mir aber neu.
Wie se das haben gemacht, weiß ich nicht.
L Na, die haben das wenn mal versucht,
L
Aber das
L Das äh, wenn wir das zu Ohren gekriegt haben,
Und wie haben sie versucht, ihren Kindern das beizubringen?
Ja, die haben auch mal Strafe bekommen.
L Das waren zwei echte, Tanja und
Lily, waren zwei echte (?), die waren schon 2 Jahre, ja die war schon 3 Jahre,
ich hab se nicht einmal, dass se hab geschlagen, heute nicht. Ich sag, ich hab
se so schwer bekommen, die Kinder, ich lieb sie so, ich kann sie nicht
schlagen. Sie setzt so auf den Rücken, die Füße so um, sie mache, was se
wollen, du kannst se nicht so erziehen. Und dann war der Vater gekommen,
ich hab, der Schwiegervater, ich hab gesagt, ich weiß nicht, was machen, ich
kann se nicht schlagen, ich kann meine Hand nicht, ich kann se nicht
schlagen. Das sind meine Kinder, und wann ich mir vorstelle, die muss auch
zur Welt Kinder bringen, ich kann se nicht schlagen. (2) Dann sagt er, weißt du
was, ich hab einen Vorschlag, nimm meine Rut, eine dünne Rut, und schlag
se zweimal, und häng die Rute oben hin. Dass immer sehen, die Rut. Dann is
se nach Haus gefahren, und ich hab das ausprobiert, und das hat geholfen
100%.
Musste gar nicht mehr schlagen, hab nur gezeigt auf die Rut, haben
L@1@
se gemacht, war es klar, die verstehen das gut. Und dann hab ich meine
Kinder andere auch so gelernt. Ich sage, brauch nicht Kinder schlagen. Zeig
nur die Rut. Die verstehen das 100%, braucht ich se nimmer schlagen. @1@
Das tut weh.
L Das tut weh, hat er gesagt, und die spüren, das tut sehr weh, und
werden es auch hören. Und wenn man mit de Hand schlagt, oder so, das ist
sehr gefährlich. Mit der Rut hat das 100% geholfe.
@1@ Und ihre Kinder machen das jetzt auch so mit ihren Kindern?
Klar. Und die kleine, die vierte Tochter, hat ein Mädchen jetzt, zweite Kind, die
war immer so, immer auf die Treppe gestiegen, gehört nicht. Ich sag, nimm die
Rut, gibste einma, zweima, legst die Rut hin. Das hat geholfen. @Wie
früher@. Ich sag, Mama, die hat das gehört. Ich hab nur gesagt, die Rut, war
nit mehr gegangen auf die Treppe. Bei mir hat das auch noch viel geholfen,
mein Vater hat immer getrunken, wir haben so (1) schwere Kindheit gehabt,
unsre Mutter war so ein lieber Mensch, aber unser Vater hat immer getrunken.
Hab ich immer Angst gehabt mit meinen Jungs, dass se nicht diesen Weg
gehen. Ich hab das nicht zugelassen, hab das und das, mach das nicht, mach
das, ich hab gebetet, Gott gebittet, dass ich nie so was (2) bekomme, so´n
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S:
(3)
A:
W:
A:
S:
W:
L:
W:
L:
W:
L:
S:
Kind oder wie mein Vater. Hab ich immer Angst gehabt. Drum hat mir Gott
vielleicht soviel Mädchen gegeben und nur zwei Jungs. Wollte immer so
L @1@
streng sein, aber konnte nicht so streng sein. Meine Schwester, meine
Zwillingsschwester, die hat mehr Jungs wie Mädchen. Sie hat gesagt, und die
mussten, wie Stein. Ich sag, drum hat Gott ihr mehr Jungs gegeben, und mir
Mädchen. @1@ Ich konnt das nicht, dass ich so hart war, ich konnt das nicht.
Aber trotzdem, ich musst mich durchsetzen.
Und sie ham dann viel immer geredet mit den Kindern?
Ja. Die älteste Tochter war schon in der 7.Klasse, da war uns ein älterer Mann
im Dorf. Hat er uns ein Vorschlag gesagt, wenn auch eure Kinder sind
erwachsen, hat er immer gesagt, sprecht mit eure Kinder. Denkt nicht, dass
eure Kinder sind erwachsen, gehen ihre Weg selber, die werden ihre Weg
zurecht finden. Ihr sagt, wenn se hören, gut, wenn se nicht hören, müssen se
selber sehen. Werden se nicht sagen können, warum habt ihr uns nicht
gesagt. Dann haben mer den Vorschlag befolgt. Das war gut. Wir haben
immer unsere Kinder gesagt, haben se gehört, habe se gehört. Das war gut.
Viel mehr gesprochen, nicht geschlagen, aber viel mehr gesprochen.
Wer denn dann, eher die Mutter oder der Vater.
Beide.
Beide?
Ich konnte nicht gut schlagen, dass (3). Wenn se haben gekriegt, dann musst
ich auch sprechen, erklärt, von was, warum se habe gekriegt. Das muss man
erklären, wenn se haben gekriegt, warum se haben gekriegt. Und dann
wussten se, warum. Dass se das ander mal nicht so machen.
Zehn Kinder, zehn verschiedene Menschen.
Mit einem muss man streng, mit einem nur mit Liebe, nur mit Liebe. Das geht
am besten. Dann wenn se groß sind, sind se selber (?). (6) Aber sonst Gott sei
Dank, bis jetzt (3)
Sind sie so zufrieden, was aus ihren Kindern s geworden ist?
Was geworden. Als Menschen ja. Das äh beruflich mehr könnten tun und
leisten, bin ich nicht so. Aber
L Aber das ist ja auch nicht alles. Das ist nur die
Erziehung.
Nein, ich meine,
das ist dann unsere
L Das ist auf beiden Seiten.
L Doch.
Entscheidung, das ist unser Weg, wie was wir werden wollen, was Spaß
macht.
L Ich meine, dass wir zu wenig (2) geleistet haben, damit ihr anders
gedacht habt. Nur, er war so, in Russland, ham wir die Kinder eben nicht
gefördert. Da war ja Arbeit, sich das Notwendige zu verdienen, und dann
genügt es. Da war fast unmöglich, was anderes zu tun. Studieren? (?) So, und
dann wars noch so, ja, nicht jeden Beruf konntest du als Mensch, als normaler
Mensch, ich will mal sagen, vertreten, (2) die Polizei, ja, Lehrer, konntest nicht
deine Meinung, musstest der Meinung der Gesellschaft. Und die war aus
unserer Sicht sehr (?). Als normaler Mensch hat man hier gesehen, (?). So.
Und auch viele andere. Die Berufe, was die Kinder könnten, ich will mal
sagen, Flieger,
Ja, Pilot.
Ja, ich will mal sagen, Pilot, das wäre
L Flieger?
L In Russland?
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W:
A:
(3)
W:
A:
nicht gegangen. Als Deutscher und als Christ. Und das ist noch nicht einmal
was Besonderes. (3) Oder Lokführer. Ich hab Lokführer, ich hab Lokführer
gelernt. Wenn ich arbeiten wollte, musst ich in die Partei. (6) (?) Oder
Studieren. In der letzten Zeit konnten doch ein paar Deutsche studieren. Aber
sobald die gehört haben, dass du ein Christ bist oder gläubig, dann war es
vorbei, das war aus. (2) Und dann hat man die Kinder gar nicht vorbereitet.
Dann hat man gesagt, soll ich die denn den Gefahren aussetzen. Da waren
außerordentlich, unsere, die ham, das waren nicht so, dass die gut gelernt
haben. Dann mussten wir schon oftmals mit (?). (3) So,
L Ich hab die, meistens
wenn er nach Hause kam, hatte er immer schwer gearbeitet, hab ich gesagt,
ich mach die Arbeit draußen im Stall, im Garten überall, und du die
Hausaufgaben mit die Kinder. Und da haben wir das so gemacht. Er hat mit
die Hausaufgaben mit den Kindern mehr, und ich hab bisschen gearbeitet.
So, und drum hat unsere Kinder auch gar nicht
L Eigentlich hab ich denn
immer so, ich wollte, dass eine unsere Kinder Arzt werden, wollt ich so gerne.
Oder Musik spielen, hätt ich so gerne gehabt.
L:
Hat die letztens doch gemacht.
S:
Wer, sie?
L:
Nein, Edith.
A:
In der Kirche waren die Kinder alles freiwillig im Chor. Schön. Und die Kinder
(?)
S:
Haben sie denn das Gefühl, ihre Kinder (?) faul sind?
A:
Nein, bis jetzt noch nicht.
Nein, das kann ich nicht sagen. Nein, nein. Es
W:
L @2@
A:
geht so, wenn die Große jetzt noch zu Hause sind, die Kleinere sage (?), die
Kleine weiß, dass die Große das machen. Macht se sich bisschen schlau, geht
nach oben, legt sich hin, oder liest, oder einfach hat Kopfschmerzen. Und
später sieht sie, sie doch muss das machen, geht se ran und macht das.
Macht es genau gut wie die. Die kann das, die will das nicht. Und das kann ich
nicht, das kann ich nicht über Herz bringen. Und dann haben se im Leben viel
leichter. Erzähl mal bisschen, wie das mit den (?), erzähl mal bisschen, wie
das einfach selbstverständlich ist, das alles kannst. Und die andere können
das nicht.
W:
Was?
A2: Also, das ist bei uns in der Klasse, (?) von heute und von früher, die können
das alle nicht. Ada, kannst du das Geschirr waschen! Dann meinte eine, bei
uns zu Hause ist das selbstverständlich, dass wir das können. Bei uns das so,
dass man im Haushalt was macht, dass man Geschirr waschen kann. Und
dann war eine, die meinte, ja, ich hab mal eine Freundin gehabt, die ist zu mir
gekommen, dann haben wir gegessen, und dann wollte sie einfach schnell
weg, die wollte schnell weg. Ja, wir müssen hier noch aufräumen. Dann hab
ich angefangen, Geschirr zu waschen, hab dann gesagt, komm helf mir. Die
hat mich angeguckt, ja, wie mach ich das? Geschirr waschen. Ich war so
entsetzt gewesen.
M:
L Es gibt die Spülmaschine.
S:
L Ja.
W:
Hier is es, das Ostdeutsche Spülmaschine als Spielmaschine.
(Alle lachen.)
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S:
A:
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L:
S:
L:
Das ist genauso, als wir noch Kinder waren zu Hause, hat unsere Mutter nicht
erlaubt, war ihr nicht gut genug. Ich hab das nicht gelernt, und das andere
nicht gelernt. Was ich nur gelernt habe, nähen. Und mehr konnt ich nicht.
Geschirr waschen,
Ich hab nur genäht, und so. Das
L Das konnte die Mutter nicht.
ist, ich habe geheiratet, @1@ ich konnte die Wäsche nicht wasche richtig,
konnte nicht streichen die Wände, konnte ich nix, ich hab geheult, und die Kuh
musste man melken, ja. Das musst man alles machen. Er musste mir das erst
zeigen, vorbringe. Und das hat er mich alles vorgebracht, und dann hab ich
das erst gelernt. Ich hab gesagt, so passiert mich nicht mit meine Kinder,
meine Kinder werden alles lernen. Und dass se nicht brauchen heulen wie ich.
Ich hab meine Kinder zu Hause alles gelernt, waschen, kochen, backen,
bügeln, alles, und vielleicht auch bisschen nähen. Hab ich auch gelernt.
Ja, das Nähen hat se am wenigsten beigebracht.
L Ja, aber ich hab keine Zeit nicht
gehabt.
L Vom Gucken können wir das alle.
L Ja, vom Gucken haben se das auch
gelernt. Mein eine Tochter kann so gut gelernt vom Gucken. Mama, ich hab
das einfach immer nur gesehen. Manchmal hat se mir auch geholfen beim
Zuschneiden. Sie macht das perfekt. Und äh hat se, wenn se heiraten, die
Hausarbeiten könne se gut machen. Habe se auch nicht so viel
Schwierigkeiten.
Und die Jungs, haben sie das auch gelernt?
Jungens, unsere waren bisschen verwöhnt, geht so. Meine Schwester hat das
anders gemacht, die Jungens waren genau da, wo auch die Mädchen.
Küchendienst war alles gleiche. Bei uns war das bisschen, drum hab ich
gesagt, Gott hat mich mit Mädchen gegeben. @1@
L Sie machten da schon
bisschen Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen?
Ja, aber ich hab auch, die mussten draußen alle die Arbeit machen, mussten
die Mädchen nicht, das haben die zwei alles gemacht, im Garten, das haben
die auch gemacht. Und so, hab ich die Jungen verpasst mit das.
Sie haben gefragt, was wir den Kindern beigebracht haben, und das haben
wir. Faul sein ist bei uns (?).
Habe se dann schlechtes Gewissen. Wenn ich was habe gesagt, haben se
nicht gemacht. Und später sagen se dann, Mama, ich hab en schlechte
Gewissen. Ich sag, nur gut, dass du ein schlechtes Gewissen hast. Und das
hat geklappt 100%. @1@
Und bis jetzt. Ich meine, dass wir schon älter
L @2@
werden mit meine Mann, kann ich nicht so sagen, das und das, nicht so (2)
durchsetzen. Aber die die machen, die helfen mit, die Kleinen.
Und jetzt noch eine Frage an euch, wie würdet ihr denn eure Kinder erziehen?
Später. Ihr wollt doch sicher auch mal heiraten und Kinder haben. Wie würdet
ihr dann die Kinder erziehen, was wär euch denn wichtig, ihnen beizubringen?
Also, ich find das schon wichtig, wie wir erzogen wurden. Ich denk mal schon,
dass ich auch meine Kinder so erziehen würde. Aber, ob das klappt?
Also, so wie deine Eltern dich erzogen haben, so würdest du es auch gerne
machen?
Ja. Mhm.
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(?)
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(4)
L:
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L:
W:
L:
S:
L:
S:
L:
S:
L:
S:
L:
Und grad, was dein Vater sagte, dass er es ein bisschen bereut, dass er die
Kinder nicht so gefördert hat, zu studieren oder so was zu machen, würdest du
das anders machen? Oder wär dir das egal? Oder dir?
Ich weiß es gar nicht, ich habe mir noch gar keine Gedanken gemacht.
Oder du?
Oder ich denk mal schon, dass sie halt das, was sie können, halt wenigstens,
ja, was heißt, doch ihren Fähigkeiten nach, doch einen Beruf auswählen, und
nicht irgendwas einfach so.
Ich würde schon wollen, dass sie (?). Ich wollte Arzt werden. (?) (sehr schlecht
verständlich.) Ja, ich würde schon gerne wollen, dass sie was richtig Hohes
(?)
Was ist denn was Hohes?
Arzt, äh, wo man (?)
L Also ein Studium machen?
Studium und äh, (?)
Das ist es ja, das kommt noch.
Und du hast den Traum aufgegeben, Arzt, Ärztin zu werden?
Ja.
Ja?
Das war einfach ma so, einfach mal so gewesen, ich fand den Beruf toll. (2)
Das ist zuviel.
L Studieren?
Ja.
Je nachdem, ne, man kann auch schon in fünf Jahren.
Ärzte? Ja, da sind, sind die Russland ja mal konsequent, 4 Jahre
Rechtsanwaltsbüro, 5 Jahre humanitäre. Dann wird man Arzt. Und dann ist ein
Hochleistungsapparat raus. Ja, ja.
Da gibt’s nicht hier 5, 7 Jahre lernen,
L @1@
Aha.
oder 8. 5 Jahre, wenn de willst, machst de mit, wenn nicht, dann (?).
Würdet ihr denn eure Kinder später auch bestrafen?
Doch.
So wie dein Mutter sagte, mit der Rute? (3) Wie alt seid ihr denn?
Ich bin 25.
Da kann man sich ja schon Gedanken machen.
Doch, aber ich hab mich noch gar nicht damit beschäftigt. Ja, (2) auch auf
L Das
Leben wird´s schon richten.
Doch, ich denke schon.
Also, du findest einfach gut, wie deine Eltern das gemacht haben?
Also, wenn, ich mein, wenn das Reden hilft, wenn man ohne ausgeht, dann
natürlich nicht, aber, halt so in der Situation.
Findet ihr beide denn, dass ihr streng erzogen wurdet?
Ja.
Und wieso?
Also ich finde doch streng. Aber, aber was, (3) mit mir wurde sehr viel geredet,
und äh halt es wurde Zeit gegeben, wenn ich Zeit brauchte zum Reden. Also
das fand ich super.
Von beiden, Mutter und Vater?
Ja. Also das finde ich sehr, sehr wertvoll.
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(?)
A:
S:
A:
S:
W:
L:
Und warum sagst du streng? So im Vergleich zu deinen Klassenkameraden?
Ja, ja. Also, zum Beispiel, ich durfte nie irgendwo übernachten, bei meinen
Freunden, oder so. Das war ja erst als ich, wie alt war ich, wo ich das erste
Mal? Wahrscheinlich 16 Jahre.
Ja?
Ja. Und ja halt, um soundso viel musste ich zu Hause sein, halt ja halt auch so
zu Hause mit helfen. Das war schon eigentlich ein bisschen anders. Also
doch, ich finde, das ist verhältnismäßig streng.
Aber findest du im Nachhinein
L Ich find, das war nicht schlecht. Weil man ist
einfach viel disziplinierter dadurch. Weil du lebst halt nicht so nach Lust und
Laune, weil du weißt einfach, in uns wurde das so reinge-, also in mir
persönlich, dass wenn man was anfängt, muss man es auch zu Ende. Dass
man halt nicht mittendrin einfach aufhört, wenn man meint, was soll ich das,
mach ich nicht. Aber schon so konsequent durchziehen, auch wenn es nicht
einfach ist. Und ich finde, das ist wichtig.
Wie hast du´s empfunden, die Erziehung? Streng, und mit Liebe?
Ja. (?)gezüchtigt.
Ich meine, ich bin so´n Kind gewesen, ich bin, eigentlich
L (Allgemeines Gelächter)
hab ich doch, ich find das jetzt auch nicht so schlimm. Ich hab schon zum
Papa gesagt, im Nachhinein denk ich, es ist wichtig doch. (?)
Und gezüchtigt werden, was heißt das?
Ja, darunter versteh ich halt Mamas Rute, (3) Hand, Hand
L Jetzt kommt die Sünde
ans Licht. @1@
@1@
Aber ich find, es war auch durch die Strafe, es wurde nicht diese Brutalität
oder so mit erzogen, das war gar nicht. Ich find, das war immer mit Liebe,
auch wenn man bestraft wurde. Also ich kann mich nicht erinnern, dass ich
irgendwie aus, aus Wut bestraft wurde, das war einfach ne Strafe, die ich
verdient habe, ich mein, in dem Moment fand man das ja ungerecht, aber im
Nachhinein wusste man einfach, das war wirklich richtig. Also, das war eine
Erziehung mit Liebe.
(?) und das war immer, dass Mama (?)
Willst du mal ein Beispiel sagen?
Ja, ich hab mit ihr geredet. Und Papa war unten im Keller, und dann kam (?)
er helfen, wieder hoch helfen, und ich denke, meine Güte.
@1@ (?) aber
L @1@
sie ist für mich die beste Mama der Welt. (?) Entschuldigung bringen und
sagen, warum nicht, warum.
Also das Entschuldigung wurde uns auch beigebracht. Also mir fällt nicht
schwer, einen Menschen um Entschuldigung zu bitten. Das finde ich eigentlich
sehr wertvoll.
Das ist schwer, ich hab das gar nicht gelernt. Das ist schwer. Ich hab zu
Hause nicht gelernt.
Also war´s für sie als Eltern wichtig, dass ihre Kinder gehorsam sind?
Klar. Das war unser Ziel.
Also haben sie Regeln aufgestellt, und die Kinder sollten sie befolgen?
Ja. Die Regeln waren so, mit Mama wird nicht schlecht, mit Papa sowieso.
Vor unsere Papa hat alle unsere Freunde Angst. Er sieht so streng und
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L Ja?
furchtbar aus. @2@ So furchtsam.
Der hat früher ne Jugendgruppe geleitet, und ich hör nur von diesen
Jugendlichen, das war der Beste, (?)
L @1@ Ja, kann man auch sagen.
(spricht sehr leise oder weit vom Mikrofon entfernt) Das war ne zeitlang, da
gabs so ein bisschen. Die waren so ein bisschen so auf dem Äußeren. Das
hab, und dann ham wer (?) kam er von Jugendstunde, in der Gemeinde waren
die dann bisschen so, eine Gruppe, die (2), (?) schon früher angesprochen,
sollte man der Jugend (?), wobei ich ja nur als Vater in der Erziehung tätig
war. Das war nicht einfach. Ich war
(Das Telefon klingelt)
W:
Die saßen dann, ich hab dann ein bisschen was erzählt, hab ein bisschen
vorbereitet, bin hingekommen, um denen was beizubringen, was lernen, das
war denen so egal.
(4)
S:
Kann ich vielleicht euch noch eine Frage stellen, hab ich am Anfang
vergessen, so als jüngere Generation, was würdet ihr denn sagen, was die
Veränderungen sind vom Leben in Russland und in Deutschland? Ich mein, du
warst ja noch sehr jung, aber vielleicht gab es für dich etwas, oder kannst du
nichts dazu sagen?
(4)
(Kurzes Gespräch zwischen dem Vater und Lena über einen geschäftlichen Termin.
Der Vater ist raus gegangen zum Telefonieren)
L:
Ähm, also ich fand, vielleicht so schulmäßig, fand ich das da strenger als hier.
Auch so das Verhalten in der Schule fand ich da strenger. Aber sonst.
Manchmal find ich das sogar richtiger, dass man halt strenger ist, weil da
warst du halt gezwungen zu lernen, da war nicht so, willst du nicht, brauchst
du nicht. Sondern du warst einfach gezwungen, zu lernen. (3) Und hier,
obwohl ich hab gelernt eigentlich. Das war nicht so, dass ich ähm gesagt hab,
ich hab kein Bock und ich lerne nicht. Das war nicht so. Also kann ich nicht
sagen. Aber so, ich weiß gar nicht, was da so anders ist, ich weiß gar nicht.
S:
Ja, du warst wie alt nochmal?
L:
Zehn.
S:
Ja, das ist natürlich auch. Also du findest in der Familie, so wie ihr miteinander
umgeht, hat sich nicht viel verändert, findest du?
L:
Ne, das ist ja so rüber gekommen eigentlich.
S:
Hast du keine großen Veränderungen gespürt. (2) Und dann vielleicht noch ne
letzte Frage: Wie, ich mein, ich jeder Familie gibt’s ja auch Konflikte, wie
werden die so gelöst in der Familie, wenn es mal so richtig Streit gibt?
L:
So richtig Streit, wüsste ich jetzt gar nicht.
S:
Nein?
A:
Wenn was gibt,
L:
L Also so´n großen Streit kann ich jetzt gar nicht sagen, dass es
gibt, also so´n großen Streit.
A2:
L Ok, es gibt, dass einer auf den anderen sauer ist,
im Nachhinein sagt man das dann. (?)
L:
Und wenn mal so´n Konflikt ist, dann redet man, (?) dann ist es vorbei. Also
bei uns war das also eigentlich auch, ich kann mich nicht erinnern, dass ich so
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den ganzen Tag auf meine Schwester oder Bruder sauer war. Das ist
eigentlich von einem Moment auf den anderen ist es dann vorbei. So war das,
und ich kenn das auch von meinen Geschwister, die sagten das auch. Halt,
dass wenn man so hört, dass Geschwister untereinander ein paar Monate
nicht reden. Also wirklich bei uns war, wenn man auch sauer war, dann
entweder hat man das vergessen oder man ist dann hingegangen, und hat,
hat gesagt, tut mir leid, entschuldige, und das war´s dann auch. Also, das war
nicht so nachtragend.
A:
Wir haben uns oft mit unseren Mann und unsere Kinder zusammengesetzt
und haben gesprochen. Habe das mit dem Geld oder was haben ihnen das
erzählt, und die haben auch immer Verständnis gehabt, sie haben nicht
gesagt, wir wollen das haben, oder wir brauchen das, wenn se was brauchen,
haben se dem Papa gesagt, Papa hat ihnen das Geld gegeben. So haben wir
immer zusammen mit unsere Kinder gesprochen.
S:
Haben sich auch mal die Eltern (?) entschuldigt (?)?
L:
Doch. Doch bei mir war das schon.
S:
Vorbildlich. @1@ Haben sie ja eben auch gesagt.
A:
Klar, muss auch sein. Wir haben nicht immer Recht.
S:
Ja. Und ähm, irgendwann werden ihre Töchter ja auch mal heiraten, können
sie sich da auch vorstellen, dass sie einen Einheimischen heiraten können?
Oder wollen sie lieber, dass sie einen Russlanddeutschen heiraten? Wie
stellen sie sich das so vor, den idealen Ehepartner?
A:
Ach, wieso nicht. Ich meine, dass ich da so Erfahrung hab. Meine Schwester
hat einen Einheimischen, und meinem Bruder seine Tochter hat auch einen
Einheimischen. Eigentlich läuft das gut.
M:
L Die fühlen sich auch ganz wohl.
A:
Bei uns, sind gerne hier, unterhalten sich, dass unsere Kinder jetzt schon so
gut deutsch sprechen, ich freu mich. Dass sich die Kinder unterhalten. Sie sind
gerne bei uns. Zum Geburtstag, und so, die kommen gerne.
S:
L Sind das auch Gläubige,
die Einheimischen?
A:
Ja.
(Der Vater kommt wieder zurück ins Zimmer.)
S:
Ich hab grad gefragt, wie sie sich den idealen Ehepartner vorstellen für ihre
Töchter.
W:
Das wollte ich hören.
S:
Sie als Eltern.
W:
Ach wir?
(Allgemeines Gelächter.)
L:
Wir werden das jetzt hier nicht ans Licht bringen.
S:
Oder ist doch auch mal ne Frage, könntet ihr euch vorstellen, einen
Einheimischen zu heiraten?
L:
Also für mich, zählt es eigentlich halt, ob er gläubig ist, das ist an erster Stelle.
S:
Mhm. Egal, ob Russlanddeutsch, Einheimisch, Türkisch?
L:
Also ich äh, wie soll ich sagen, eigentlich, ich denke mal, dass, klar irgendwo
in meinem Denken ist schon Russlandsdeutscher, aber ich denke mal, wenn
das so ein echter Christ ist, dann schon.
S:
Und was stellst du für Maßstäbe?
A2: Äh, bei mir ist so, dass auch an erster Stelle steht, dass er Christ ist.
S:
Du könntest die auch vorstellen, einen gläubigen Afrikaner zu heiraten?
A2: Wenn (?) Weiß es nicht.
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Wie ist das für sie als Eltern? Da hat man ja auch Vorstellungen.
Das gleiche. Einen gottesfürchtigen Mann.
Egal ob russlanddeutsch, einheimisch oder türkisch?
Ja. Das wär vielleicht eine Gewöhnungssache für uns. Besonders wenn es ein
Afrikaner wär. Das ist nicht so einfach. Aber wenn es ein gottesfürchtiger
wäre, der Gott wirklich liebt, dann wäre das, für mich wär das, ich sag ja, das
ist die einzige Bedingung, nein nicht Bedingung, das Ideal.
Und mit dem Christ-Sein verbinden sie ja auch einen bestimmten
Lebenswandel. Wie würden sie den kurz beschreiben? Wie soll so´n Christ
leben?
Ja, der soll (5) Gott lieben. Das is, das sind Sachen, die man vielleicht so nicht
aussprechen kann. Das wird sich ergeben, man kann ja nie im Voraus, wir
haben jetzt schon 6 verheiratetet Kinder, immer was anderes, immer war es
Sorgen, wie das wird. Ideal kann ja niemand sein. Und das isses. Deshalb, ich
denke mal, ein Mensch, der gottesfürchtig ist, der wird auch äh, ja, Ideale, die
biblischen Ideale ausleben.
L Wenn der Mensch gottesfürchtig ist, ja, dann wird
er auch mit der Frau gut sich verstehen, keine schlimmen Sachen machen,
und die Kinder wird er auch, wenn er gottesfürchtig ist.
Mhm. (2) Du hast ja auch gesagt, für dich ist am Wichtigsten, dass er gläubig
ist, was, was wie lebt so´n gläubiger Mensch?
Also, er, ich finde, das ganz kommt aus dem Herzen, aus der Beziehung mit
Gott, daraus kommt der ganze Wandel und das Handeln halt. Ja, also schon
ähm, (3) äh, ja halt, (2) halt auch wirklich im Umgang mit Menschen, und
überhaupt im Ganzen.
L Er soll schon, meine Tochter lieben.
Ende der Aufnahme
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1.3.2 Großmutterinterview mit Magdalena Wendler
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06.11.2003
Lesezimmer im Haus der Familie Wendler
Großmutter:
Magdalena Wendler (M)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
Is gar nicht schlimm, das hört niemand außer mir. @1@
L Nein, nein, nicht wegen de schlimm, ich wei-, ich weiß
doch nicht, was ich sagen soll.
Ja, machen sie sich keine Sorgen. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass ältere
Menschen sehr viel zu erzählen haben, ich find das immer sehr interessant.
@1@
Ja, nicht in jedem Moment. Anderes mal da kam viel, manches mal, und dann
L Vielleicht.
weiß man auch nicht von was ma erzählen soll.
Das ist wahr. Ich hätte ne Frage, und zwar, wenn sie mal so ihr Leben
anschauen, das sie in Russland gelebt haben, und ihr Leben, das sie jetzt hier
leben, wo gibt´s da Unterschiede oder Veränderungen, wie würden sie die
beschreiben?
Es is gar nicht zu äh vergleiche, das Leben mit hier oder dort. Ich nehm bloß
uns als alte Mensche hier. Wenn der Mensch krank is, oder am Krankenbett
L Mhm.
liegt, ich hab eine Freundin gehabt, die hat Krebs gehabt an der Brust, hier
jetzt schon, und die habe, oft bin ich gekommen, hab geschaut und hab
gedacht, was täte ma jetzt in Russland? Erstens muss mer sich versoL Mhm.
haushalte, dass mer kann lebe, die Kinder, da war keine nich, die sin alle in
die Stadt, und mir aufm Dorf warn allein. Ich da, wenn ma nicht auf kann
stehe, (?) dies hole, das hole, für´n Ofen die Kohle, und dann auch so in allem,
es war was, das hat auf sich und die Toilette. Ich hab gesagt, die eine Toilette,
warum is denn das, dass man rausgeht aus´m Bett und kann gehen, das, was
des auf sich hat, das könne mer gar nicht schätze. Gar nicht schätze genug
könne ma dies. (2) Na, was soll ich sagen, dann in Russland, wir haben uns
L Mhm.
tot gearbeitet. A Pension hab mer fast keine bekommen. Und mir sind
hergekommen, da hab se uns ne Pension noch gegebe vom Mann mit. Dass
mer lebe könne, dass mer ohne Sorge hier sind, ohne Sorge sind mir hier.
L Mhm.
Für das irdische Leben, soviel Geld gebe sie uns, dass mer e Wohnung habe,
und dass mer uns ankleide könne, dass mer auch zu essen haben. Soviel
L Ja.
bekommen wir. Und Magasin kannste gehen, was de willst, kannste kaufen,
was de willst, nur darf ich´s nit esse. Solang wir´s nicht habe, hätt mer esse
L Ja.
könne und jetzt (2) der Zucker, der is, hoher Blutdruck und dann musste mit
allem aufpasse. Aber da is keiner Schuld.
Wie alt sind sie denn jetzt?
Ich werd jetzt 79.
Ah ja, ist ein stolzes Alter schon. @1@
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Ja, schon ein hohes Alter.
Ja.
Wenn mer so nimmt. Früher, wo mer noch jünger waren, 79, uuh. Meine
Schwiegereltern, wo der Vater is gestorben, mit 79, und die Mutter ist
gestorben, älter als 67, nicht ganz 68. Ich hab die so alt gerechnet. Jetzt will
ich gar net noch so alt sein. Bloß, wenn mer sich im Spiegel beschaut, da
@3@
sieht mer, wie alt das ma is. So würd ma sich noch net schätze, so alt.
L Ja.
Können sie sich denn an irgendeine Geschichte erzählen, äh erinnern, die sie
in Russland erlebt haben?
Was ich erlebt habe?
So ein bisschen. Vielleicht als sie selber noch ein Kind waren. Wie war denn
ihre Kindheit?
Ja, äh, kann ich ihnen erzählen. Ich habc ich bin von neun Jahre ohne Vater
gewes. Und von 15 Jahre ohne Mutter, weil die Mutter war noch nicht
L Mhm.
gestorben, aber ich hab sieben Klasse geendigt gehabt, und da war im Dorf
keine Schule, und ich wollt weiterlernen, bin ich gefahren dort, wo die Mama
ihre Freunde waren, mehr ihre Verwandte, dass sich keiner (3) für de
Wohnung nich bezahle braucht, da hab ich gelernt, Technik und (?)
Soveterinar(?), hätt ich viereinhalb Jahre lerne müsse. Da hab ich 2 Jahre
gelernt, is der Kriech ausgebrochen, Und dann, wie der Kriech ausgebrochen
is, durft ich nicht mehr zurück zu meiner Mama. Da habe se uns all so viel,
L Mhm.
wie wir waren, habe se uns behalte dort, gleich nachdem mir die Prüfung
beendigt habe, vom erste Juli hätte mer bekommen Ferien, dann habe se uns
alle zusammen, so viele Studente wie mer waren, und haben uns in die
(?)Gachose geschickt, wo die Russe waren. Die Russe waren dort immer
noch. Die Grenzen, wo mir gefahren sind, hier waren die Deutsche, hier waren
die Russe, und da war denne Russe ihre Getreide so gestanne und de
Deutsche ihre so, so´n Unterschied. So war die Sache. Hatte die noch ihre
Frucht gemäht, dann waren die (?), dann habe se mit der Mähmaschine
abgemäht, und dann die Frucht zusamme, und das ist das mit ner anderen
Maschine gedroschen worn, dass die Kerne (2) dann hab se uns, und die
haben noch von 37, 37 war ne sehr große Ernte, haben die noch von 37
Frucht in der, wie soll ich jetzt da sage, auf Deutsch? Ihr Kinder könnt euch
das gar nit vorstelle. Ich hab´s meine Enkel schon jetzt erzählt. Aber Oma,
@1@
was ist das? Wie soll ich das euch erklären? Es war eingesetzt so in so äh na
zusammen gefahrener Haufen, auf Russisch könnt ich´s sagen. Wie das jetzt
L Ja, mhm.
auf Deutsch ist, weiß ich nicht. Und des mussten mir tun. Dann hab se dort
L Sagen se mal!
L Ah ja.
uns hin. Unter dem freie Himmel habe wir de ganze Sommer gelebt. E kleines
Häusje so habe se uns gebracht, da ware die Produkte drin und zum Koche
war drin, aber mir hab gelege unter dem freie Himmel. Und an der Wolga hat
sehr oft auch geregnet.
Manchmal da fing es an, de andere Tag hat die
L Mhm.
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Sonne gescheint, habe mer alles nacheinander getrocknet, und alle
Sonnabend hab se uns gefahren, na in die Sauna, auf Deutsch. Russisch
L Ja.
heißt die Baina. @1@ Ja, in die Baina, das mer doch rein waren, das mer
L Ja, genau.
uns nich Läuse und alles. Da habe mer die ganze Sommer garbeitet. Jetzt,
L Ja.
wie ich schon kam aus (?)Krankenhaus (kann auch ein Ortsname sein), da
ham mer über die (?), hab ich, habe mer, schon 1.September, fangt schon die
Schul an, und da habe wir eine Lehrer, einmal nach Hause gefahren, kame
mer zurück, uns haben se ja genauso genehmt, schon wie mir aufm
Technikum warn, kamen die daher, waren Genosse, ja, und da haben die uns
L Mhm.
gesagt: Genossen, beruhigt euch alle. Solang wie der Kriech, da gibt s keine
Schul mehr, müsst ihr hier bleiben, bis im Winter. Da warn wir sehr nicht gut
und des alles. Und Tage drei vier, komme andere Lehrer gefahre, habe des
schon gebracht, dass se alle nach Hause, (?), da is das Gesetz schon
rausgekomme, dass die Deutsche alle ausgesiedelt solle wern. Aus der
Wolga, wegen dem Kriech. Der Deutsche hat sich doch vorgenomme, er wollt
L Mhm.
das Wolga-Gebiet einnehme, das war waren der meisten Deutsche
angesiedelt, habe se uns all rausgeschickt, nur nich bloß von der Wolga, auch
vom Kaukasus, von der Krim, von überall, Moskau und alles, habe se raus,
fott. Das en Otto Schmidt, und der musst fott von Moskau. Weißt du wer das
L Ah ja.
ist, der Otto Schmidt?
Nein.
Nich? Der Otto Schmidt, das ist der erste Erkundiger, der wo das Eismeer
erkundigt hat. Ja.
En beriehmter Mensch.
L Ah so. Ein berühmter Mensch.
Desweche hab ich gesagt, war Otto Schmidt und der musst fort. Ja, den habe
L Ja.
se nach Novosibirsk gebracht. Aber er musste aus Moskau raus, war ein
Deutscher. (1) Aber sonst da kam der Lehrer und hat gesagt, nach Hause alle.
Und wie mer dann an der Station (?)“Palasivke“ warn, da warn auch viel
deutsche Mensche dort, da kame se und haben uns erzählt, dass ein Gesetz
ist rausgekomme, dass ab 1.September die ganze Deutsche ausgesiedelt
werden. Unsere Lehrer, die haben gesagt; Genosse, seid ruhig, seid ruhig,
das ist vielleicht eh nich die Wahrheit. So war das schreckliche, hat jeder
Angst gehabt, a Wort kann sage gege die Sowjetunion. Gegen die Regierung.
L Mhm.
Naja, sin wir gefahren, gefahren, wie wir da mal im Zug waren, da ware immer
mehr Menschen, haben uns des gesagt. Mir kame an de Station, im richtige
nach, hätten se solle uns empfange. Kein Mensch. Da sin mer runter, habe die
Lehrer uns dann all zusammen, was ihr könnt trache, warn noch 16 Kilometer
bis dahin, was ihr könnt trache, nehmt mit, und das andre lasst liegen. Und da
simmer paar Schritt gange. War jemand gestanne, Wache, Papiere. Sin mir
denn nach Haus komme, Was schrecklich, die Hunde, das Vieh, die Hunde ,
das war, das is sone Bucht, wo das Dorf gelege hat, und von obe, wie ma so
kommt, hat ma das gehört, die habe geheult, das schrecklich war anzuhöre,
die Hunde.
Die Hunde. So haben die gefiehlt, was ihnen bevorsteht,
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L Die Hunde.
L Mhm.
das man´s gar nicht glauben kann. So. Nu sind wir nach Hause gegange, ich
war jetzt abgeschlosse von meiner Mama. Die durft nicht daher, wo ich bin, ich
nicht dorthin, wo sie war. Da simmer ausgesiedelt worde, nach Kasachstan. 8
Tage waren mer unterwegs, wann mer nach Kasachstan kame, war(?)
L Wo?
O-chek-ta.
Ah ja.
(spricht erst etwas auf Russisch) Gebiet.
Das versteh ich. @1@
Ja, Gebiet.
Und ihre Mutter, wurde die auch dorthin gebracht?
Wurde ihre Mutter auch
L Was?
nach Kasachstan
L Nein. Nein, die Mutter, die war dort, später habe se auch,
kam se aber nich hierher, ganz im Süden, unne an der Kitalski-Grenz. Dort
kam se hin. Aber ich wusst nix von ihr und sie wusst von mit nix. Wussten mer
nix. Bis ´53, da hab ich zum ersten Mal mitbekommen, dass sie verhungert
war mit meinem einen Bruder, und der eine Bruder war am Leben geblieben.
Vir Hunger sind die gestorben. Ich bin dann hierher gekommen und dann hab
ich gearbeit, war auch vieles, ooch, gehungert genug, aber nich verhungert,
und bei 43 hab ich mich dann in Arbeitarmee dann hingekommen. (3) Heit ist
das (?)Wirblover-Gebiet. Aber dann hat das geheißen: Molotow, Molotow.
L Mhm.
Und dort hab ich in de Schacht gearbeit, ein Jahr, dann hab ich, ich hatte
schon in Kasachstan einen gehabt, Anfall, ich hab (spricht ein russisches
Wort), das ist von der schweren Arbeit, ich hab nur noch gearbeitet. Von de
schweren Arbeit ist das geplatzt bei mir in (?), und dann hab se, wie ich in de
Schacht, musste arbeite, immer kalt an de Fieß, immer nass, da hab ich auch
dort Anfälle kriegt, und die Doktor haben nix, da war ich schon so abgemagert,
Haut und Knochen, ganz gelb hab ich im Gesicht gesehen, (3) dann kam einer
gefahrn auf von unsre Deutschen, der war nach, der war aber von Omsk. Der
war nach Omsk gefahren ja nach äh na nach Produkte für die Kinder. Wie er
kam, hat er mich angeschaut, und da sagt er: „Was is mit dir?“ Ich sag, ich bin
krank, ne schlimme Krankheit. Da sagt er, Morrie, wenn ich mit dir bei die
Ärzte geh, und die werden schon ne Krankheit finden. Und so war´s auch. Is
er mit mir gegange und dann der Doktor hat mich untersucht, die Ärztin, da
sagt se, ich kann nich gewiss vorstellen, ich wird se weiterschicken. Hat se
mich dann in die Stadt, und die hat auch nit erkannt, die dort schon nich, und
dann äh, hat se mich bei n Professor, und der Professor hat gleich festgestellt.
Sagt er, morgen musst du kommen, Operation. Ich hatt vor der Operation
noch von Kindheit auf Angst. Bei unserer Nachbarin, die hat Operation
bekommen, und dann, von der hab ich dann gedacht, und da hab ich gesagt,
nein, lieber will ich sterben als Operation. Na, aber die Frauen haben mich
L Mhm.
doch dann, ach, es geht alles gut, Magda, du bist noch jung und dann wirst du
gesund werden, weil dein Mama vielleicht dich noch findet oder du sie, weiß
nicht. Und dann hab ich mich dann doch, und da war der geplatzt, die (?)
Kista, und da war lauter (?) Pneu , da habe se mich aufgeschnitte, und dann
musste se alles, was (spricht kurz russisch), die haben mir das später dann
erzählt, (?). Vorher hat er immer gesagt, wir werdens raus schneiden auf n
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Teller und werdens dir zeigen, was du hast. Und jetzt wie ich dann schon n
bisschen besser war, meint se, (russisches Wort), war es sehr schlecht. Aber
dann wie ich schon besser war, hab ich gesagt, (spricht wieder russisch), zeig
mir das, was… Sagt se: (Russisch). Ein Anfall noch und da wär ich dann tot.
Wär das alles übers Herz gezogen, und da hätt mich kein Mensch mehr retten
können. Mir hatt alles, was de hattest, hatten mer aufm Tisch liegen, ham wir
gewaschen und alles wieder zurückgetan. Ja. Alles wieder zurück getan.
L Ja?
Und ich war, bald zusamme aufgeschnitten, von hier bis, die Haut is wieder
zusammen geheilt, da hab ich sieben, sechs Kinder ausgetragen mit meinem
aufgeschnittenen Bauch. Aber hab niemals nix gespürt. Alles gut.
L Mhm. Das ist
doch schön.
Und so hab ich mein Kindheit verbracht.
Wie alt waren sie denn da, als sie operiert wurden?
Na, ich war 18 Jahre.
18. Und können sie denn, haben sie noch Erinnerung an die Kindheit davor?
Die frühe Kindheit von ihnen, als sie noch mit den Eltern gelebt haben?
L Die frühere Kindheit?
L Ja,
wie ich mit den Eltern gelebt hab, mit de Großeltern. Ja, war ich ja noch klein,
kann ich mich noch erinnern. Wie schön das alles war, mit dem Großpapa, mit
der Großmama. Und auch Oma und Opa sagen wir. En Garte, wir hatten en
große Obstgarten gehabt, wie wir in en Garte gefahre sind, wie wir gelebt
habe, es war schön. Aber von 33 war alles vorüber. Da haben se uns alles
L Mhm.
wechgenomme, was wir noch hatten. Und die Oma und der Opa die haben se
ausgesiedelt. Und der Vater und die Mutter (?) waren doch bis 37 schon
gestorben. Waren wir zu dritt, zwei Brieder und ich, wir waren zum dritte. Vater
und Mutter war noch bis dann der Krieg ausgebroche ist. Hab auch kei schöne
Kindheit nachher gehabt. Die Mutter musst von morgens bis abends arbeiten,
Tag um Tag. Da gabs noch immer solche Striche, weiter nix. (Klatscht die
Hände zusammen.) Und dann hat er nur zum kämpfe ums zu überleben, dass
er uns überlebt, mussten schwer arbeiten. Am Tag hat se in de Schul hat se
gearbeitet als Aufräumerin. Und abends spät die Post dann noch getragen. Da
habe da mit meinen Bruder habe mer die Post auseinander getragen. Und
abends mussten mir auch noch jeder abstehen 2 Stund am Telefon, und da
waren wir Kinder, uns übergeben alleine. Das war so. So wie jetzt die Kinder
ungehorsam sind, das kann ich mir nicht denken. Wir habe unsre Mama um
alles geschätzt, sie hat alles, wenn jemand krank is (?). Auch untereinander
waren wir uns gut, ich war die Ältste gewese, aber die Jungs haben mir
geholfe, habe gehorcht. Wie mussten dann gehe den Garten (?)schiete dann,
später haben se uns auch den Garte wechgenomme, haben se uns nit
gelasse. Des bissje, was wir dort geerntet habe, noch gehatt, hatte wir noch. E
Stück Land, wo wir Kartoffeln gepflanzt habe, bis en halben Winter war das all.
Aber die Mama hat dann, hat se als Aufräumer gearbeitet in der Schule,
wegen dem Kilogramm Brot.
L Mhm.
Des mit wo de (?)Hospolus gearbeitet hat, wir bekame das nich. Das hat sich
schon geregelt nich also äh gehoss arbeite, schon als wir im Staat gearbeitet
ham, da ham se uns all en Kilogramm Brot gegeben. Und wegen dem
L Mhm.
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S;
M:
S:
Kilogramm Brot hat die Mama da gearbeitet. Vier Uhr morgens musst ich
aufstehen mit ihr. Bin ich gange, hab Feuer gemacht, musst aufräumen.
Manchmal da war die Mutter schon fort, ich hab, bin gleich nach der Schule
hab ich mich hingelegt, bin eingeschlafen, die anderen viere k-.
Ja. Haben sie
denn im deutschen Dorf gelebt?
Deutsches Dorf. Ganze deutsche Dorf. Große Dörfer waren da an der Wolga.
L Mhm.
Unser Dorf hat acht Straßen. Und schöne Häuser. (?) (beschreibt die Häuser,
kaum zu verstehen.) Die Straßen waren gerade gezogen. In Deutschland weiß
ma, geht’s hier und hier. Das hat mich sehr sehr gewundert. Ich hab mir
vorgestellt, dass in Deutschland auch so alles wär als wie in Russland an der
Wolga, wie mir gewohnt haben. Weil das waren doch alles von Deutschland
Übersiedler. Und da hab ich, simmer hierher gekommen, da hab ich mich sehr
gewundert, dass die Straßen so, des war immer so, hier auf der Ecke, hier auf
der Ecke, her is ne Querstraße durchgegangen, hier hat das Haus, große
Haus, und hier Hof rüber, war die Sommer(?), und hier auch, da war auch die
Sommerkich. Hinte dann warn schon die Ställe.
Und sie haben ja eben gesagt, haben sie mal in einem Satz erwähnt, dass die
Russen faul wären.
Die Russen war´n faul. Die warn faul und sind bis heut faul.
Ja?
Die wolle sitze bloß, selber stelle sich an. (?)
Also gab es schon Unterschiede zwischen der Deutschen und der Russen?
Ja, ja, es gab große Unterschiede, große Unterschied. (3) Die deutsche
Nation, die hat was an sich, vielleicht ist auch gut, vielleicht auch nicht. Die
wollen immer die Besten sein.
@2@ Ah ja.@1@ (4)
Und auch jetzt, jetzt, wie wir aus der Arbeiterarmee gekomme sein, und wie
die Menschen all, wie die Menschen, wie sie aus der Arbeiterarmee nach
Haus sin gekomme, des war nicht so lang, in dene wie mir ausgesiedelt sein
worde nach Kasachstan,(2) da war zwar rundherum Wald(?), und die hatte so
kleine Häufje, ei, so zusamme und um de (?), dort drin da war die (?), quer da
war nirgends nix gewesen. Solang die Frauens gegen die Männer
eingenommen wurden, in die Armee, in die Arbeiterarmee fortgenommen sin
worden, und dann haben sie früher in die Erd gegraben und haben sich
Erdhügel gemacht, am End Fenster hin und so schön gedeckt, und da haben
sie gelegen mit ihre Familie. Wie die Männer moa gekomme waren, und des
war net so lang, und dann hatts e neue Straß gegebe, lauter große schöne
Häuser,
und die Russen waren noch (?) mit ihren (1) Häuser
L Mhm.
L Mhm.
Woran lag das denn? Waren die Deutschen fleißiger? Oder woran lag das,
dass die bessere Häuser haben?
Fleißiger. Vielleicht fleißiger und ganz andere Interesse am Leben. Die
Russen waren so gewöhnt, (3) und froh sein, und singe und tanze und froh
@1@
sein. Und die Deutschen rackern Tag und Nacht. Tag und Nacht arbeiten.
Kein Ruh sich nehme.
(6) So wie´s auch jetzt in Deutschland, wir kommen
L Mhm.
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(5)
S:
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M:
hier, ich denke mir, weiß nicht, manche Menschen denken, die haben Geld
und da ebe wie. Alles abzwacke, hier kein Urlaub, kei des nicht und jenes. Wir
spar alles zusamme un en schönes Haus baue.
Wer macht das hier, die Russlanddeutschen?
Ja, hier die Russlanddeutschen.
Mhm. Mhm. (3) Und finden sie denn, dass die einheimischen Deutschen
anders sind als die Russlanddeutschen?
Ich, ich sach nich, ich kann eben nichts sagen, ich hab mit dene einheimische
Deutsche wenig zu tun. Auf der Arbeit bin ich, gewohnt hab ich auch ganz
alleine in einem Haus, des hat gehört einer alten Frau, die war schon 86 Jahre
alt, und dann isse gefahren bei ihre Schwester noch mal. Dort war se dort.
Und dann hab ich se eima gesehe, kam die Schwester mit ihr eine Sommer
gefahre, die habe unne und ich hab obe gewohnt, hab ich mit ihne nichts zu
tun gehabt. Die waren, die alte Frau, was da die Wirtin war von diese Haus,
die war a bissje, war äh, en bisschen mit ihre Schwester uneinig, und wenn
sich uneinig waren, ham se nach mir geschrien, da bin ich runter gegangen,
da hab ich se genommen, Lena hat se geheißen, hab ich se genomme, bin mit
ihr spazieren gegangen auf die Straße, aber sie kam auch weiter nich, is dann
gestorben, tot.
War das eine Einheimische?
Einheimische. Ja, die waren auch mal, vor der Kriech haben se gewohnt (4)
irgendwo in Polen, an Polen,
von Schlesien. Ja, ja, war die auch
L Ah ja, Schlesien. Ah ja.
früher. Kinder hatte se keine, und sie hat das Haus ihrem Neffen, ihrem Bruder
seiner Tochter ihrem Sohn zukommen lassen.
(4) Aber so hab ich mit dene
L Ah ja.
L Eben
Mensche, mit meiner Nachbarin war ich gut, die waren auch zu mir gut. Auch
heute bin ich zu ihr gegange, die eine hat mich durch Fenster gesehe, hat se
mir gewunke, kam se raus, hat se mich mit rein genomme, hab ich mit dene
Mensche, die haben mich eingeladen, wenn ein Begräbnis war, oder wenn se
so haben se mich auch eingeladen, kann ich nix sagen. Auf den Arbeit bin ich
net gewese. Und ich sach immer, es gibt gute Menschen bei allen Nationen,
gute und schlecht.
So sach ich. Mir habe auch viel unter den Russen, net
L Mhm.
war, an der Wolga, in der Arbeiterarmee, wie mir waren, gewohnt ham, alles
und Russen zusammen. (?)Wastuput waren se auch. Na aber mit der Arbeit,
die Frauens mit denen mir habe in einer langen Baracke, so, @1@ @Baracke
weiß ich net@ auf Deutsch.
Kann man sagen?
L Ja, Baracke, kann man sagen.
Ham mir gelebt, hat jeder sein Zimmer. Wir haben untereinander uns gut
gelebt. Gut gelebt, eine mit dem anderen. Darf auch net sage, dass die
dreckig warn, nur (?) trengelinkisch (6) Is vielleicht auch besser, wenn der
Mensch nich so alles, gesundheitlich, das is besser.
Und eben haben sie ja gesagt, dass sie gedacht haben, als sie nach
Deutschland kamen, dass dann alles so wäre wie an der Wolga in diesem
deutschten Dorf.
Ja, so hab ich mir das vorgestellt, und hab mir vorgestellt, das is ein
gottesfürchtiges Land, hab ich mir keine Schlechtigkeit vorgestellt, ich hab
L Ja?
gedacht, is alles gut, und in so me Sinn simmer gefahren, kommen bis nach
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L Ja.
Hannover, wir waren denn in Nürnberg, warn ma im Lager, aber das war die
Zeit zu Weihnachten, der eine Sohn war schon hier, net einer, zwei schon.
Und auch zwei Schwestern waren schon hier. Äh, die zwei Zwillingstöchter,
auch die zwei Söhne waren hier, und dann dacht mer, wir werden doch über
Weihnachte nit hier bleiben, und die nach Weihnachten werem leich, sin mir
losgefahren, ham se uns doch gegeben, Papiere und alles, an der Station,
mussten mer in Hannover mussten wir umsteigen, des hier alles anders als
wie in Russland. Russland war net soviel Gleise wir hier, und auch so runter
mussten mer auch schon die Kasse. Jetzt sind mer runter gekommen, jetzt
wohin? Ich mit (?)(nennt einen Namen), die hatte schon die neun Kinder, und
ich mit meiner Tochter, die jüngste. Da sagt er, Mama, ihr bleibt hier mit den
andern, ich werd fortgehen, sehen, wo wie was weiter, wo wir hin sollen. Und
da war nich weit von uns wech, war der Kiosk, und da haben die sich alle
versammelt, die waren, betrunken, da waren Männer, Frauens, da waren
Jungens, und da habe die sich so aufgeführt, huuh, mei, ich sage über die
Anja, Anitschka, wo simmer hingekommen, wir sind doch in ein
gottesfürchtiges Land gekommen, was geht denn da los? Ich musst so
weinen, mir war das so gefährlich, ja, ja und die Kinder, wir wollten die Kinder
davon abhalten, die sollten das net sehen, was die dort alles machen, ebe das
geht gar nit. Und mir kommt das so: oh, wo simmer hingekommen, mir sind
doch in en gottesfürchtiges Land gekomme, dacht ich mir. Ich sach, das ist ja
noch schlechter als bei uns in Omsk. Und mir habe auf´m Dorf gewohnt, und
in unserem Dorf die mäste Familie waren gläubige, zwei oder drei, die
vielleicht ungläubig waren. Das andere waren alles Gläubige. Bei uns war so
was nicht, da war Friede und Ruhe, war nicht, dass da e Schlägerei war oder
so. Und da kam mir das gefährlich hier vor. Sagt se Mama, ich hätt komme
solle die Nacht, und het schaue solle, was da war, dann hättest das heute nit
gesagt. Und da musst ich zufriede sein. Aber ich hab mir das anders
vorgestellt, ich hab mir das vorgestellt, in einem gottesfürchtigen Land ist alles
in Liebe und Ruhe, ist keine Unruhe und keine Stehlerei und Schlägerei un
Totschlag und was. Und dann musst ich aber übereinstimme, dass der Teufel
überall ist, nicht nur in Russland, der ist auch hier. Mit dem musst ich
einstimme. Also die Werke in den ungläubigen Menschen hat er.
L Mhm.
Aber so wann ich, wie mer gekomme sind nach Nürnberg, in nem
zweistöckigen Bus hen se uns gefahrn von Frankfurt. Sin mer dorthin
gekomme, dort war en 14stöckiges Haus, des weiß ich nicht, ob das wahr
oder nicht wahr, aber die habe gesagt, des wäre eine Mann, 2 Häuser habe so
nebeneinander gestanne. Und dort waren viele Arbeiter. Das eine Haus war,
lauter, das haben se gut gemacht, weil da morjens waren so viele Autos, da
war alles voll, paarhundert Autos haben dort gestanden, und des het einem
Mensch gehört und der hat keinen Nachfolger gehabt und er is selber
gestorben, und da het er das abgegeben, das Haus, der Regierung für die, die
von Deut- äh von Russland kommen. Is das die Wahrheit oder net? So haben
die erzählt. Jetzt habe die uns in die Höhe gefahren mit nem Fahrstuhl, (2) na
so was hab ich noch net gesehen. Fahrstuhl wusst ich, was das ist, aber alles
so sauber und so schön. Wie wir in die Höhe gefahren sind, war abends,
frühmorgens bin ich aufgestanden, bin rausgegange. Wo bin ich denn da, in
einem Krankehaus? Das kann ich mir gar nicht vorstellen, wunderbar, so
schön, alles sauber, wie wenn gar keine Leute da wohnen. Das hat mich sehr
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beeindruckt, sehr, sehr, sehr hat das mich beeindruckt, dass überall so
Ordnung, Ruhe und Frieden, bei so viele Mensche in dem großen Haus.
L @1@
Das hat mich sehr beeindruckt, und die Kinder auch. (?) (nennt einen Namen)
hat zwei Zimmer mit seiner Familie gehabt, und dem seine ältere Tochter, die
war schon verheiratet, Tanja mit ihrem Mann, und ich und die Olga, mir hatten
auch ein Zimmer zusammen. Waren auch zweistöckige Betten, war e Küch,
konnten mer kochen dort. Hammer uns, sind die Jungen gegangen einkaufen,
hammer gekocht, und dann sind die Kinder gefahren in die Stadt, einkaufen.
Aber, sagt er, wenn ihr fahrt, stellt euch net hin auf alles an, schon deshalb,
das war doch vor Weihnachten. In Russland war doch so was nicht, und
überhaupt is ja Weihnachten nicht gefeiert worden in Russland. Und dann so
was, was hier alles war zu Weihnachten. Ein jeder laufe, stellt ich hin und
schaut. Huuh, kamen zurück, sagt er, wo sollen wir gehen.@1@ Dann bin ich
mit gefahren, wollt ich auch schauen, was da alles is. Es war sehr
beeindruckend, das alles, und was da alles war. Zu Weihnachten, wo mer
dort, oder zu Neujahr, hatten wir noch nicht mal von der Schokolade, oder das
mer en Bonbon hätten. Hier ist alles voll, da is jeder froh. Oder ne Apfelsine zu
Weihnachten für die Kinder, Apfel ja, aber Apfelsine, Mandarine. Oh, des war
e große Freude oder, wie soll ma sagen, e großes Glück, wenn du kannst
kaufen deinen Kindern so was zum Geschenk zu Weihnachten. In der erste
Zeit, das war mir sehr, sehr, da bin ich alle Tage gegangen und hab mir alles
beschaut. Beschaut und doch hab ich ganz viel geweint.
Die
L Ja? Vor Freude?
Einsamkeit,
Ja, die Einsamkeit. Dann war´s, ich bin auf
L Ach, die Einsamkeit.
die Straße hin und her gelaufen, und kein einer Mensch seh ich. Da kam unser
Nachbar bei uns hier vorbei. Da hab ich gesagt: „Herr Kern, wohnen in den
Häuser denn wirklich auch Menschen?“ „Warum?“, hat er gefragt. „Ach, man
sieht ja keinen Menschen.“ Sagt er: „Die Alte sitze all hinterm Schloss, und
die Jungen fahren all mit dem Auto, da können se keinen sehen auf der
Straße.“ @1@ Und das Grüne überall, im Winter, Dezember, alles grün.
Dann war, ach besonders warm im Winter über. Da war ja überhaupt keine
Kälte. Auch im Januar, nach em Dezember, wo wir gekommen sind. Wir sind
gekomme am 24. Dezember, und da war auch kein Frost, der ganze Winter
nicht. Schnee hat´s noch einmal ein bisschen rausgeschmissen, aber sonst
nichts. Und des war dort 40 und über 40, wenn’s mal 20 war, das war´s warm
im Winter. Den Winter über Sonne hat gescheint, aber kalt und Schnee. Und
hier: grün. Es Gras grün, alles. (3) Ach, mir sind froh, dass mir hier in
Deutschland sind.
Ja. Hatten sie immer den Wunsch nach Deutschland zu kommen?
Ich (2) hab über so was niemals nachgedacht. Bei uns, ein Wunsch hat
vielleicht jeder Mensch im Herzen, anderes Leben, oder so. Aber das war so
stark alles, die Regierung, da hat keiner sich getraut den Mund aufzumachen.
Was mein Schwiegervater war, der war bei ´17 hier als Kriegsgefangener, und
der hat immer gesagt, Kinder, ich erleb´s vielleicht nicht mehr, aber ihr
werdet´s erleben, dass ihr nach Deutschland müsst. Ihr müsst, wenn ihr auch
nicht wollt. Und da seht zu, dass ihr von der erste seid, die, die, die letzte, die
wolle nicht, die müssen und werden mit Gewalt rübergeschafft. Und so wie´s
heißt nach Deutschland, da seht, dass ihr die ersten seid. Also, der hat
immerzu seine Kinder prophezeit. (3) Aber ich, dass ich so´n Verlange hat,
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ebe, dass ich so´n Bestrebe hat, nie. (?) Ich wollt, meine Kinder (?) In unserer
Gemeinde war einer, der war hier, der war da noch rübergezoge, und is hin,
dass er hierhin kommt. War der in der 80er, ne, der war doch in de 70er Jahre
schon rüber. Und der hat dann gesagt, geht ihr rüber, aber dass ihr denkt,
dass der Teufel net is, sagt er, hier in Russland, ist er ein brüllender Löwe, da
heißt es, es ist kein Gott, aber in Deutschland is er ne zischende Schlange im
grünen Gras, im grünen Gras. Aber das und überhaupt, für die Familie und für
die mit de vielen Kinder, für die großen Familien is dort ein anders Leben. Na,
da haben se mich geschickt, (2) zu Papiere. Und meine Schwiegertochter ihre
Bruder, der is auch schon in de 70er hier herüber. Habe sich meine Kinder
zusamme gemacht, die hatten auch schon viele Kinder. War schwer zu leben,
für die Tach und Nacht, Tach gearbeit schwer, und wenn se abends nach
Haus kam, ohne die Wirtschaft konnten se nicht leben, von dem Verdienst,
was er verdient hat, konnten se nicht leben. Und da musst er auch immer die
große Wirtschaft noch mache. Kam er nach Hause und musst wieder von
neuem anfange. War schwer. Und der Älteste grad, sagt er, wenn mer fahren,
müssen mir jetzt fahren, solang wie unsere Kinder sich noch net verheiratet
haben. Da sind mir noch all beisammen. Ja, die Tanja hat dann doch
geheiratet, am 4. September, hat die geheiratet, und mir sin dann im
Dezember fort.
Ist die dann trotzdem mitgekommen?
Die Tanja, ist die dann auch
L Häh?
mitgekommen?
Ja, die sind dann mit. Und dann hab ich auch erst, hab ich se
zusammengenommen, die Geschwister. Dann wie se mir das erzählt haben,
hab ich gesagt, was wollt ihr in Deutschland? Ich fahr nicht. Naja, wenn ihr
nicht fahrt, bleiben auch wir hier. Wir werden euch nit da lasse. Da hat mein
Mann noch gelebt. Aber er war schon krank. Und da hab ich gelege die Nacht,
konnt nicht schlafen, hab ich mir alles das Lebe so überdenkt. Hab ich
gedacht, was will ich überhaupt, der stirbt vielleicht bald, is doch so krank. Er
hatte auch Zucker, so hoch. Ich denk, und dann was soll ich mache. Ich muss
doch sein, wo die Kinder sein. Und dann wird’s vielleicht heiße, Mama, ihr seid
Schuld. Ich bin morgens aufgestanden, bin hingegangen bei bei, hab gesagt,
macht, wie ihr denkt. Wenn ihr hier bleibt, sollt ihr hier bleiben. Wenn ihr fahrt,
nehmt uns mit. Sagt er, hättet ihr gleich so sagen sollen.
Naja, dann
L @Mhm.@
war die Sach bald geschehen. Er ist dann der erste Sohn, als erster gefahren,
im Juli fort gefahren dort, und der andere dann 11. September, und die Ira
dann 2. November, und so bis wir sind letzte, 12.Dezember sind mir dann von
Russland weggefahren. Und da waren se alle hier. Sind se all, ich hab auch
gesagt, ich sach, all vorneweg, und ich hinne nach. Dann weiß ich, dass ihr
alle fort seid. Is genug, dass ich mir um euch auch noch muss Gedanke
mache. (?) Von Moskau sind mir dann, von Moskau bis Deutschland mit nem
Schiff gefahren.
Und ihr Mann?
Der is gestorben, der is 18. März is er gestorbe 88. War ja krank gewesen, war
aber immer auf der Fieß, abends hat er, hab ich en Bett gemacht zum
Schlafen legen. Hat er sich hingelegt, is er aufgesprungen, hat er en
Schlaganfall. Is e Ader geplatzt, is er gleich, Blut verlore,
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(?) die´s wollten, sin fortgegangen, erst zur Schule und dann is er gleich auf
Arbeit, da war ich Tag für Tag allein, ganz allein in dem großen Haus. Ich
schau raus, kein Mensch zu sehen. Und zu Hause ware mehr die Häuser
nebeneinander gestanne. Ware mehr alle großgewachsen, da ham ma
zusamme gelebt. Ich hab mit mei Nachbar 30 Jahre gelebt zusammen, und
am morgend im Sommer, heraus gegangen, bist de raus: Guten Morgen,
guten Morgen, guten, und im Winter die Kinder in die Schule, waren immer
Leute auf der Straße, (3) und dann hier so Einsamkeit. Bis em ma im Herbst,
wann die erste gekomme sein von unserm Dorf, meine Nachbarin, die eine, is
gekommen, und da waren ma Tränen. Ich hab sehr viel geweint, wenn ich en
Brief gekriegt habe, da hab ich en an mich gedrückt und hab auf das Papier
geweint.
War nicht si leicht, aber froh bin ich, dass ich gekommen bin.
L Och.
L Ja?
Hat es sich gelohnt?
Ja, es hat sich gelohnt. Es hat sich gelohnt. Was hätte ich sonst jetzt gemacht.
Die Junge hab ihre Arbeit mit sich, mit ihrer Familie, kann ich gar nichts
verlange. Die Mädels habe auch alle so viele Kinder. Und dort bin ich (?).
Wenn es mir zu lang wird, ruf ich jemand an, der holt mich, oder kommen se
selbst, Mama, jetzt reichts. (3)
Das ist doch schön, wenn die Kinder
L Komm ich nach Haus, komm nach Haus,
hab ich meine Ruhe wieder. Und mir sind da in dem Seniorenheim uns einig.
Habe unsere Versammlunge morgens und abends.
Und ähm der Glaube spielt ja in ihrem Leben eine große Rolle. Sie haben jetzt
schon mehrmals gesagt,
L Sehr große Rolle, sehr große Rolle.
War das auch schon in Russland so?
Ja, ach in Russland, dort waren mer noch enger. Es war doch Verfolgung, wir
mussten sehr viel aushalten wegen nem Glauben. Die Kinder, die sollten erst,
wenn se in die erste, zweite Klasse kamen, da solltens se (?)Adkribiate auf de
Kaiser, Oktoberkinder. Und die musste dann absagen, da sind Kinder, ähm
der (?) Länge von ihrem Vater, sie sin (?) länger, da haben mer gekämpft
dagegen, und dann sollten se Pioniere sein, und da mussten se raus und
mussten en Verspreche abgebe, dass sein niemals an Gott glauben werde,
son feierliches Versprechen, hats geheißen, dass se dienen werden der Partei
bloß, also da habe mer uns dagege gestellt, wir haben dat net zugelasse mit
unsere Kinder. Da waren große Verfolgung, bestraft habe uns. Aber von
unserem Dorf war keiner gesetzt, nein. Aber bestraft habe se uns, Geld
genomme. Und sind mir in die Schul gekomme auf Elternbesprechung, nit so
wie hier, hier tun se mit einer Klasse de Eltern allein besprechen. Dort wars
anders. Die ganze Schule so viel wie waren, ein Raum, und die Lehrer hab
sich jeder, seine Klasse, hab se sich abgesproche. Da hat einer vom andern
gehört. Un der Direktor hat angefange und hat´s End gemacht, da war eine
Frau, paar Jahre Direktor. Mir sin nur gekomme, haben uns hingesetzt, da
hats nur ein bisschen geredet un dann hat se angefange von uns Gläubige. (3)
Was sollten mer sagen, mir habe gesagt, wir lasse unsere Kinder nich und
fertig, un die Kinder sind (?) Aber (2) ach im Lernen habe sie, nich alle Lehrer,
nich alle, aber viele habe die Kinder auch zurückgeschickt,
L Weil sie gläubig
waren oder weil sie Deutsch waren?
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Nein, weil se gläubig waren.
Ah.
Und weil se Deutsche waren, wann se weiter lernen wollten, wenn se 10.
Klasse beendigt hatten, 8 Klassen musste jeder endige, und 10 Klasse war
dann schon hoch, (4) da waren se dann dreieinhalb Jahre, ja
Ja,
L Ausbildung.
Ausbildung mache, da konnten se sich dann schon rauswähle, e Spezialität,
was se dann wollten, Ausbildung mache. Aber acht Jahre. Und dann, wenn se
mal 10 Klasse geendigt hatten, Institut oder Universität. (3) Als Lehrer grad
noch so, als Lehrer, aber wenn einer wollt lerne, (2) äh als Rechtsanwalt, oder
Prokuror, oder so was, oder auch Arzt.
L Und nur weil sie Deutsche waren?
Nur, weil se Deutsche waren. Vielleicht auch net überall, in Kasachstan, in
Kasachstan hab ich meine Freunde, bei dene war das erlaubt, aber hier in
Russland, (3)
War ihr Mann auch gläubig?
Ja.
Dann haben sie versucht, das auch ihren Kindern beizubringen?
Ja, von Klein auf. Ich war selber noch, geglaubt hab ich ja von Kindheit auf,
von de Eltern, de Großeltern, aber gläubig und bekehrt is ja auch noch e
Unterschied.
Ja, und doch hab ich meine Kinder im christlichen
L Mhm.
unterwiesen. Ich hab sie in Russland, sie waren dann auch nicht gefeiert
worden, nur es neue Jahr. Ich hab aber die Weihnachten von kleinem auf mit
meine Kinder, hab ich se gefeiert. Und hab immer, war ich bestrebt, so´n
Wandel zu gehen, wie es vor Gott richtig ist, gläubig.
L Mhm. Und haben sie versucht,
ihren Kindern das so beizubringen?
Ja, immer hab ich mich bemüht, meinen Kinder von Gottes Wort, die Junge
waren schon große, die waren in der Stadt schon, aber wenn die nach Hause
gekommen, die haben ja auch gemacht, was nicht getaugt hat, vieles, was wie
alle Mensche, aber doch wenn se nach Haus gekomme sein, und ich hab
gebetet, da habe se sich nebe mich gekniet und habe mitgebetet. Da wo (?)
(nennt einen Namen) geheiratet hat, und da sagt er: Mama, ich will aber äh
ausgesegnet sein. Ich sach, mein Kind, wir werden dich segnen, die Anja
auch, beide gesegnet. Aber Elternsegen werde mer recht geben. Da kamen
se nach Haus, da haben mer mit dem Vater. Der Vater hat gelesen in der
Bibel, was steht geschrieben für die Eheleute, und das hab ich dene auch
vorher immer eingeprägt gehabt. Da habe mer auch paar Lieder gesungen,
habe uns niedergekniet und haben zusamme gebetet und habe se
eingesegnet.
Mhm. Was war für sie denn wichtig? Was sollten ihre Kinder lernen in der
Erziehung? Was wollten sie ihnen beibringen?
Wollte lernen, ja, die wollten lernen. Ja, aber der (nennt einen Namen) hab ich
nichts so, der wollte was anderes lernen. Er hat bloß immer gesagt, Mama,
meine Hände, die sind nicht zum Arbeiten gemacht, die sind bloß zum Zeigen.
@2@
Aber hat er, aber der (nennt wieder einen Namen) der wollt auch
L@2@
noch, wie er in der Armee abgedient, kam nach Haus, und da wollt er eintreten
ins Institut als Lehrer, als Physiker. Als Physiker wollt er eintreten. Und dann
hat er sich bekehrt. Ja. Und ich, ich sag, ich hab gebetet, dass meine Kinder
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M:
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M:
S:
M:
L Ja?
keine (?). Weil ich hab immer gesagt, je gelernter, desto verdrehter. Und äh
die mussten verleugne Gott in die Höhere, die mussten verleugnen Gott. Und
dann war das so, da musste unbedingt (?) vorbei, das war unbedingt. Ohne
des haben se nicht angenommen. Ich mein, wie se kamen aus der Armee, da
ware nicht, komme se mal ins (?). Und vor dem, dass se von dort fort, hat sein
Oberster, er hat ihn net fortgelassen, sagt er, du (?) (spricht russisch) plötzlich
kam er nach Haus, hat er hier so´n Zeichen gehabt, angesteckt, und ich vor
Freude hab ich das net gesehe, und dann wie er mitkommt mit seine
Kamerade, haben se gegessen, und waren sich froh, und dann sie gehen sich
baden. Bin ich gegangen, er hat sich gleich ausgezogen, das, was er hatte,
seinen Anzug. Ich bin dann gange, und hab seinen Koffer, was er da hat
ausgeräumt, und da hab ich das gefunden. Ich sach, Mann, horch einmal. Da
sagt er, du hast das wohl nicht gesehen, dass das da an der Brust war. Sagt
er, das wollt ich auch schon wisse, wie is det, dass die heut ruhig is.
Ich
L @1@
sag, mein Kind, jetzt hab ich soviel gekämpft, und er auch, der Asgar, und jetzt
sind se am End ja schon abgedient. Mama, sagt er, ich will gehen zum Institut,
eintreten, und dann. Ja, was sollt ich sagen? Musst ich ruhig sein, er war ja
jetzt schon selbstständig, Armee abgedient. Aber ich hab gedacht, ich wärs
dem sage, der, wo alles ändern kann. Ihm hab ich nichts gesagt, der liebe Gott
ändert´s.
L Mhm. (3) Und er ist kein Physiker geworden?
Nein.
Was ist er dann geworden?
Ja, er ist dann gange und hat gelernt auch als Maschinist auf´m ElektroL Ah ja.
weiß ich net, Elektrozulieferer. (6) In Deutschland ist das ja net so. Da kannst
lernen, egal, ob du glaubst. Das ist ganz anders. Ich wäre selber froh gewese,
ich hätt so gerne eine Arzt von meine Kinder, dass einer Arzt gelernt hätt, so
gern. (?) (spricht leise und undeutlich)
Und wenn sie jetzt ihre Enkelkinder anschauen, sie haben ja sehr viele
Enkelkinder,
L Ja, vierundfünfzig.
Vierundfünfzig?
Ja, vierundfünfzig Enkel und einundzwanzig Urenkel.
@Haah@, das ist viel. Können sie sich da alle Namen behalten?
Alle. Naja, die Urenkel vergess ich schon. Die habe auch so Name, dass ich
net gewöhnt bin von früher. Und dann muss ich oft stehen, muss denken, na
wie heißt er. Aber die Enkel.
Und äh, verhalten sie sich jetzt anders als ihre Kinder sich früher verhalten
haben? Oder sind die anders erzogen als ihre Kinder?
Wie ich soll sagen? Gehorsam waren meine Kinder, gehorsam sind die Enkel
nich so groß. Die Ältere ja, aber die Jüngere, wo sind, die sind ihre Eltern nicht
so gehorsam, wie meine Kinder waren. Die Ältere ja, sag ich nich nein, aber
die Jüngere nich mehr. So sag ich, dass die Kinder jetzte, die sind, wie soll ich
sagen, die sind äh
verständiger oder wie als so, die tun von
L Verständiger.
kleinen auf, manches Mal solche Wörter bringen und solche Sätze sprechen,
die ganz anders sind, tun die die Sätze formulieren als wir in Russland. Ganz
anders. Ich habe dene Ältere zu Anfang viel mitgeholfe in der deutschen
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M:
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M:
S:
M:
Sprache, rechtschreibe hab ich manchmal Fehler, aber die Sätze so
formulieren, wie se hier kann ich net. Das hab, ich hab ihne geholfe, wenn se
Aufsätze musste schreibe, hab ich ihne geholfe, hab ich gesagt, formulier die
Sätze, wie sie in der Schule gelernt kriege. Und so sind auch die Kinder, sie
bringen manches Mal so was vor, dass se stehen, ich guck se an, weiß nicht,
was ich sagen soll.
Ja, ja.
L @1@
L Finden sie das denn gut?
Häh?
Finden sie das gut?
Ich find das gut, dass die Kinder- warum nicht, kluge Menschen sind besser
dran.
L Mhm. Sprechen die Enkel denn noch russisch auch?
Nein, nicht alle, die, wo von Russland noch gekannt habe, die sprechen auch
noch, aber die andere nicht mehr. Vielleicht sin mer das selber Schuld. Wie
mir gekomme sind, haben mir am Anfang nur deutsch, dass die Kinder
deutsch lernen. Nur deutsch. Kei russisches Wort, nur deutsch, nur deutsch,
immer nur deutsch. Und die Kleine, die haben von Anfang nur deutsch,
deutsch und jetzt nichts Russisches. Na, aber doch, die fange doch ein
L Mhm.
bissche mehr an. Weil die Eltern tun sich bemühe, dass die Kinder das
Alphabet sollen lernen, und die sollen lesen lernen, weil in der Kirche auch, die
alte könne nit all deutsch sprechen, da wird russisch gesproche, und die
L Mhm.
Kinder stehn da und verstehen nix. Dass die Kinder doch solle sich in der
Russi-, dass se, wenn se auch nicht in der Grammatik oder mit em Spreche so
rein, auch die Alte haben ihre Dialekt. Is ja net so. Aber äh, dass se zuwenigst
verstehe, die russische Sprache.
Das is doch net schlecht, wenn
L Mhm. Ahja.
die Kinder ein paar Sprachen könne. Wenn se deutsch können, russisch, und
englisch müssen se in der Schule. Einer von meine äh äh Enkel is nach
Amerika, grad um deshalb, dass er englisch lernt.
Ja, interessant. @1@ Jetzt noch, die letzte Frage: Wie fühlen sie sich denn?
Fühlen sie sich wie eine Russlanddeutsche oder fühlen sie sich wie eine
Hiesige?
Ich? (2) Ich fühl mich, als wenn ich ne Russlanddeutsche bin. Ja, patom dass
ich das Russland. Aber in meinem ganzen Leben, in meinem ganzen Tun
alles, in meinem Allen bin ich nicht, wie soll ich sagen, nicht diesen Menschen
ähnlich, oder wie oder ähnlich, nicht so, wie sie sind. Ich kann mich nicht
ausdrücken. Wenn ich schau, die Mensche, wenn se krank sind, die
Deutschen, die tun das leichter alles verkraften, alles mehr so, nicht so tief
nehme, ach ich weiß nicht, und auch mit allem. Ich hab auch, wie über meiner
Straße, wo ich gewohnt hab, da is der Mann so plötzlich gestorbe. Habe zu
Mittag gegesse, und steht auf und geht in die andere Stub, fallt um und is tot.
Mir kam das vor, die (?) (unverständlich) so kam mir das vor. Ich, ich hätt
(spricht russisch), das war wie, ich weiß, wie ich mei Mann, er war krank, ich
hab gewusst, dass er bald sterbe muss, ich hab (?)gewartet durch sein Tod.
Ich hab, dass wenn er dann auch wohin gegange is, auf die Straß, und er war
nich, ich schau mich um, bin ich gange und hab ihn gesucht. Kam mir immer
so vor, (?) ich hab mich schon zu dem Tod vorbereitet. (3) Und der is so
plötzlich komme, da hab ich gedacht, huh, was für-. Da hab ich mich staunend
gewundert. Sie hat gesagt, Frau Wendler, was soll´s, es ist passiert, ich muss
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M:
S:
M:
S:
M:
es überleben. Is recht, is recht, das muss auch der Mensch. Er kann doch
nichts mehr ändern. Muss. Aber, dass die das hat fasse könne. Und so
mehrers hab ich so beobachtet mit meine, mit dene, wo ich so zusamme war,
ich denk, die sind ganz andere Mensche. Entweder ist das durch das, dass wir
in Russland soviel Armut hab durchmache müssen, dass wir so, weiß ich
nicht, oder aber (3). Aber in dene Sache sind die deutsche Frau viel (1) höcher
als wie mir sind.
So kommt mir das.
L Mhm.
Und glauben sie, dass ihre Enkelkinder sich wie Hiesige schon fühlen?
Was?
Die Enkelkinder, was meinen sie, wie die sich fühlen?
Ah, die fühlen sich zu Hause.
Ja?
Joa. Da is gar nix, das is a Freid, wie se sich zu Hause fühlen. Die fühlen sich
zu Hause. (2) Die Große, die haben jetzt all gelernt zu spreche, die spreche
mit den Deutschen. Aber alles die ganze, (2) ach ich denk oft, wenn sie
sprechen, ich versteh sie nicht. Die haben ja ne ganze ganz andere
L Mhm.
Aussprache, ganz andere Wörter in deren Sprache. (3) Wie mir gekommen
sind, sagt mein Sohn, Mama, jetzt kommt der (?). Bin ich heim, sag ich, weißte
was, ich hab in Russland net russisch verstanden, wie sich gehört, und in
Deutschland versteh ich auch kein Deutsch.
Da sagt er mir,
L @Mhmmhm@
wieso, ich sag, die sprechen so schnell, ich kann das gar nicht fassen. (5)
Finden sie es denn Schade, dass die Enkelkinder und noch mehr die
Urenkelkinder gar nicht mehr wissen, dass die Familie Russlanddeutsche
waren. Finden sie das schade?
Nein. (hustet.) Unser Heimat ist doch Deutschland. Und wenn die Kinder sich
einleben hier als deutsche Menschen, (?) (spricht sehr undeutlich weiter.) dass
diese Nation nicht aussterbt. In Deutschland sind wenig Deutsche mehr
geblieben. Fand ich schade. Andere Nationen haben sich mehr in deutsche
Länder schon gewöhnt. So ganz richtige Deutschländer sind wohl auch sehr
wenig schon. Und die Russlandsdeutsche sind auch net alles Deutsche, sind
ja auch viel gemischt. Aber in unser Freundschaft ist mehr deutsch mit
deutsch gebliebe so, und das hat mein Schwiegervater und auch meine Eltern,
ja wie meine Eltern, da waren auch nur Deutsche, da war das noch net so
gemischt mit dene Russe. Aber jetztet nach dem Krieg ist das alles so
vermischt. Aber die Älteren haben. die meiste haben getracht, dass ihre
Kinder mit ihren Nation soll verheiratet sein, ihre Nation verheiratet sein. Ja,
das viele haben gesagt, wer weiß, aber das war zu spät. Und viele Familie
sind getrennt, wo die Frau deutsch ist, der Mann ist Russ, der will net, und die
deutsche Frau will mit ihnen net, des die trenne sich, das find ich auch net
recht. Die Ehe muss die Ehe bleiben. Familie muss Familie bleiben. Und die
arme Kinder, die durch des leiden.
Haben sie ihren Kindern gesagt, sie sollen Deutsche heiraten?
Ja. Bei ihre Partner soll das so bleiben. Nicht um des, dass ich die andere
L Ja?
verachte, aber bloß einma das ist so, in der Bibel steht geschrieben, da steht
ja nicht geschrieben Nation mit Nation, nein, Gotteskind mit Gotteskind. Beim
Herrn is ja kein Unterschied nich. Is nicht schwarz und nicht weiß. Hätte ich
früher auch kein Unterschied gemacht, aber, meine, beim Herrn is net bloß
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gläubig und ungläubig, auch schwarz oder weiß ist en Unterschied. (6)
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Deswege sag ich ja, das is jetzt net vor Recht, dass die Familie sich trenne
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wege dem deutschen. (7)
758 S:
Ja, gut, dankeschön.
War ein sehr schönes Interview.
759 M:
L Bitte.
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1.3.3 Elterninterview mit Wilhelm und Ada Wendler
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A:
27.10.2003
Wohnzimmer im Haus der Familie Wendler
Vater:
Wilhelm Wendler (W)
Mutter:
Ada Wendler (M)
Interviewerin:
Svetlana Kiel (S)
Gut, also, das wird von den Fragen her kein großer Unterschied sein wie bei
diesem Gespräch, das wir schon mal mit der Gesamtgruppe hatten, wo auch
ihre Mutter dabei war. Ähm, nur es ist wichtig, dass ich einfach noch mal alle
Generationen einzeln befrage. Also es kann sein, dass die Fragen bisschen
ähnlich sind. Aber (Knattern des Mikrofons wegen Einrichtung.)
Also die Anfangsfrage ist wieder wie bei der Diskussion auch, nur dass wir
jetzt für ihre Generation einfach mal sprechen: Was würden sie sagen, sind
die größten Unterschiede gewesen von dem Leben jetzt hier in Deutschland?
Also, als sie nach Deutschland kamen, was waren für sie so die größten
Unterschiede für ihre Generation? Jetzt mal abgesehen davon, wie das für die
Kinder war und für die Eltern, so für sie selber.
(6) (erneutes Richten des Mikrofons)
(3) Wie ist das denn? Wie – wie - Aus welchen Aspekten soll das zu sehen
sein? Al- wie, wie meinen se das – Unterschiede?
Was sind für sie, ehm, die Veränderungen? Für den einen ist eben das wichtig
und für den anderen das. Und das will ich einfach ma von ihnen wissen, was
für sie so die wichtigsten (1) oder die schwierigsten Veränderungen vielleicht
waren, womit sie umgehen mussten, als sie sich dann in Deutschland (?)
Ja, das Erste war, war´n eben die Sprache.
Ja.
Das war das Erste, wobei, ich hab die (2) Leute auch verstanden, nur die
haben mich nicht so gut verstanden, weißt du, wir haben ganz anders
gesprochen.
Aber sie haben dort auch schon Deutsch gesprochen?
Ja, ja. Wir brauchten keinen Dolmetscher.
Mhm.
Wir sind, äh ja, was uns, ja äh, als erste hat überrascht, äh ich denke mal das
waren die Preise.
L Mhm.
Die warn, ja, die warn, (2) in unsern Augen, man hat ja dann auch (?) immer
umgesetzt (2) und, äh, (5) und wir sind ja über Nürnberg gekommen und das
erste Mal sind wir dann, 3 Nächte haben wir erstmal geschlafen, überhaupt
nichts getan, und dann dem dritten Abend, dann hab ich se mir mal
geschnappt, sind wir nach Nürnberg, also äh, in die Stadt herein. Und dann
ham wir dann in den Schaufenster, ham mer dann die Preise gesehen, da
wurd´s mir en bisschen unheimlich.
Mhm.
Ja, und äh (4) äh, aber als der Samstag kam, Freitag, Samstag, Freitag war
auch nächster Tag, ich glaub nächsten Tag war auch Freitag oder Samstag
L
Samstag
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W:
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S:
A:
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A:
L war nächster Tag. Und dann kamen die Verwandten und dann hab
ich gesehen die haben Kisten Bier getragen und haben die dann getrunken
und ich hab, ich sah, ich hab geguckt, waren ziemlich müßig, freudig, die ham
sich da getroffen und alles. Und dann bin durch die so durchgelaufen und hab
mir das alles angeguckt, bin ich zurückgekommen und hab gesagt: weißt du
was wenn das, wenn zu solchen Sachen die Leute schon Geld hier haben
L Mhm.
L Reicht
es für uns.
Dann wird es auch für uns hier reichen. Es hat uns drüben gereicht und hier
wird´s auch reichen. (3) Ja, und, äh, ja, ich will mal sagen, das ist äh, wir
haben nicht viele negative Erlebnisse gehabt in unser Land eben, besonders
am Anfang halt, das waren mehr positive, deswegen und äh,(2) ich weiß es
nicht ich sag ja wir haben ganz schnell erkannt, dass man, (3) wenn man was
haben will, ähm, dass man arbeiten muss und Arbeit hat mhm uns (?)
gebracht. Das is ja heute, mhm, man sagt ja oftmals immer wieder hört man,
dass die Deutschen sagen: Aussiedler ham den Einheimischen die Arbeit
weggenommen und alles, Nun, äh, ich glaub nicht daran.
Weil (3) die
L Mhm
meisten, die meisten Leute, die ham einfach die Arbeit genommen, die da war.
Ich hab jetzt, äh, schon, hier war auch eine ältere Dame, ja soviel Aussiedler
gekommen, die ham, äh, die arbeitete bei ihr so (3) nebenbei, putzt und so.
Dann hab ich gesagt: Tust du selbst fragen, wer sie be-be-geputzt und
bereinigt hätte, wenn sie nicht wäre, und wenn die Aussiedler nich wären. (4)
L Mhm.
Dann hättes- hätt Sie es von irgend(1)einer Türkin, oder ich weiß nicht, einer
Ausländerin, ma-(2) äh, und, und drum is es so, ich weiß ja nich, ich sag ja,
dass is. (4) Naja, ich weiß (2) negativ.
L Eigentlich war
L positiv was war muss ich
sagen und das war auch meine Frau war sehr entlastet gegenüber von
Russland.
L Ja?
Wir hatten unser Wirtschaft zu Hause gehabt. Oder wir mussten die haben,
weil wir, sonst wären wir nicht ausgekommen mit dem, was wir hatten in
L Ja
unserer Familie und dann mussten wir, 2 Kühe hatten wir und, äh, wir hatten
unsere Schweine, unsere Hühner und eben das alles, was, ähm, diese, ich
sag mal so die Grundnahrungsmittel außer Brot hatten wir alles unser.
L Mhm.
Kartoffeln, eh alles, Gemüse, eingelegt und all das hatten wir so, das musste
ja alles bearbeitet werden. Ich war dann morgens früh weg und abends spät
bin ich oftmals gekommen. Und, äh, von de Arbeit.
Ja.
Wie gesagt: ich habe hier auch nur gearbeitet
und meine große Familie,
L Mhm.
wir haben auch noch gebaut.
Ja.
Das war alles zusammen, doch hab ich das nich so schwer gehabt wie da
drüben.
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S:
A:
W:
S:
A:
Mhm.
Wir haben zusammen das alles geschafft.
L äh
L Das war, äh, ja das, äh, das
L Mhm.
L Ich mein,
unsere Kinder, ja
W:
L Das viele Wäsche-Waschen.
Dieses alles, das is
A:
L Ohne Maschinen
S:
L Ja, es gab keine Maschinen.
W:
Und die ganzen Kleingeräte, die in der Küche sind und alles das.
(12) (Jemand kommt und spricht zum Vater, der wiederum antwortet. ??)
W:
Das
A.
L Wir haben auch da gearbeitet noch, jeden Tag und Kinder dabei
S:
L Mhm.
W:
L Nur, ähm,
S:
L Ja
W:
Ich bin, ich bin auch bis heute der Überzeugung, dass die Arbeit hier, wo der
Mensch, der richtig sich reinlegt ins Zeug, der hat mehr Erfolg und ich will mal
sagen, für seine Arbeit wird er besser vergütet.
S:
Ja.
A:
Das stimmt.
W:
Das is. Mehr nich. Und
S:
L Ja
L Haben sie als, also als Frau auch immer dann
gearbeitet, ja?
A:
Da nich. Zu Hause, ich meine zu Hause meine Arbeit. Das war zu schwer. Ich
S:
L Ja
A:
musste, musste, ich musste Butter, musst alles machen und Garten, dass ich
was hab. Das Fleisch (hüstelt) musst ich alles.
S:
L Ja
W:
L Ja – die Kuh gemelkt
S:
Mhm.
W:
Die Milch
wurde dann entrahmt
A:
L Seperiert.
L und das
L und alles.
W:
Dann, äh, (3) wurde Butter gemacht, eben alles und dann
S:
L Ja.
A:
L Käse, alles hab ich
alleine gemacht.
W:
Und auch en Teil, dann auch verkauft.
S:
Ja.
A:
Und die Familie war groß. Und Essen, Backen, alles, ich hab je-, zweimal in
de Woche immer gebacken, dass das immer war, ja?
S.
Ja.
A:
Kochen, hab auch immer genügt, meine Kinder immer sehr gut genährt.
S:
L Ja. Mhm.
A:
Ich konnte das nich kaufen. War auch nich so´n große Auswahl wie hier. Ich
S:
L Mhm.
L Mhm.
A:
hab auch hier nich alles gekauft. Für die Kinder haben wir bis jetzt nicht. Und
alte Sachen hab ich neuge- (?) für die Kinder. Also, wir haben das alles gebaut
und dann mussten mer viel sparen. Das is schon. Für mich, für die
S:
L Mhm.
L Mhm.
A:
Kinder hab ich bis jetzt nich alles hier, und die Kinder für die (?)-tät kaufen
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S:
L Mhm.
Fast unbezahlbar. Mhm. Ich hab unser Kinder gelernt in Gott zu, die waren
nich so: Wollen das, wollen das, bis jetzt, Gott sei Dank. Haben wir das so
hingekriegt.
L Mhm.
Mit Markensachen ist bei uns in der Familie nich so
L Nein. (3) Sie sind akkurat angezogen, sind sauber und
L Mhm.
ihr Sachen, sollen sie akkurat angehen. Dass sie immer auf´m Platz liegen
L Ja.
und das is ja schon viel.
L Mhm.
Das, das muss sein. Wenn sie die Markensachen haben und schätzen das
L Mhm.
nich. Das is schlJa, ja. Also haben sie versucht, ihren Kindern beizubringen, auch sparsam zu
sein?
Ja, mit allem. (2) Und auch mit nem Geld und mit
L Automatisch.
L Ja?
Mit nem Geld, ja. Das schon. (4) Bis jetzt das war – Was auch kaufen, dann
L Mhm.
erzählen se das und vielleicht fragen se auch und oder wann se bringen,
zeigen se: Mama gefällt euch das? Auch jetzt wann se verheiratet sind, haben
se de Sachen für ihre Kinder gekauft, jetzt haben se eine Jacke gekauft, fViktor, hat se angezogen: Mama, guck mal. Sehr schön, sag ich. Freuen
L Mhm.
L Mhm.
sich alle, dass Mama hat gesagt gut. Und dann freuen sich. Aber ihre, ihren
L Ja, ja.
L Mhm.
Spaß dafür, ähm, (5) und wie gesagt, ich freue mich auch, dass ich unter (?)
L Ja
Leute bin, dass ich meine Arbeit habe, die Stunde jetzt arbeite und wirklich
L Als was arbeiten
Sie?
Schneider.
Und wirklich, ich
Näher dazu noch.
L Schneider. Mhm.
L Schneider, Näher
Wirklich, wie gesagt mit meine Kinder bin ich glücklich. Freu mich, dass ich
L Mhm.
kann morgen auf Arbeit gehen und die Leute sein und komm nach Hause.
L Zwischen.
Zwischen die Leute, ja.
Wie es ist, so sag ich´s auch und (2) dass Frieden
L @1@
L Ja.
im Hause is, dass se sich freun, dass ich wieder da bin und ich auch wied-,
dass die Kinder da sind und
L Ja. (1) Ja. Das ist schön. Und wie meinten sie das,
L @1@
dass die Kinder das automatisch gelernt haben, sparsam zu sein?
Da war ja nich- nichts, äh, zum, viel, äh, (4) das das Geld war einfach nicht da.
L Mhm. Ja.
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S:
A:
W:
(6)
A:
S:
W:
S:
W:
S:
W:
Und dann ham wir auch viel gespendet, wir haben, na, das wurde in der
Familie auch so, vorm Krieg (?), vom christlichen her, wir haben da immer viel
gespendet und dann hatten wir auch wieder, ich meine, (4) Unternehmen da
angefangen und praktisch, äh, alles, was wir hier bisschen an Überfluss
hatten, das ging dann nach Russland.
Ins Unternehmen?
L Ins Unternehmen, ja, weil, äh, ich hatte gesagt und hab auch
meinen Kindern gesagt, wir wolln da (3) Arbeitsplätze schaffen. (4) Ja, und, ich
bin überzeugt, dass die Zukunft da ist, mein jetzt, äh, die wirtschaftliche
L Mhm.
L Ja.
Zukunft unseres Landes, auch sehr wird abhängen von dem wie de- der Osten
sich entwickeln wird, ich denke auch, es ist meine Meinung, dass man das
mehr fördern müssen, (3) na ja. Aber
Mhm.
Das, so was muss die woanders (?)
@Bei der Presse?@
Presse, Presse, Presse braucht das nicht, Presse braucht mehr Sensation.
L Ja.
Und alles.
Und sie haben also, äh, eine Speditionsfirma?
Ja. (2) Wir machen alles.
Alles.
Da wo man n paar Pfennige verdient, da kann.
Ja, schön.
Ja, die Kinder
L Kinder laden, wir fahrn hin und bauen auf. Wir, äh, zeigen den
Leuten und, äh, wir äh, sind in der Landwirtschaft tätig, wir sind im Bau tätig,
wir sind in der, im, ja was äh
Wir sagen unser Kinder, was ihr könnt, könnt, kann euch keiner wegnehmen.
Lernt alles, was ihr, das und das
das schon
L Mhm.
L Ja, ja
L Ja und jetzt neu, äh, oder nich,
jetzt, aber wir haben (2) vor paar Jahren haben wir das, äh, so gesehen, dass,
äh, wir den Kindern das Russische wieder beibringen müssen, weil die haben
das ganz verlernt. Pf. Oder fast ganz verlernt, Lena hat 4 Klassen, gehabt, da
L Ja.
hat geendet. Die konnte lesen, konnte schreiben, aber die hat das alles
verlernt, fast gehabt, und als ich dann angefangen hab, da haben sie sich
dann wieder äh, in dem, die schreibt jetzt, äh, zwar nicht fehlerfrei, aber die
kann schon n Brief zusammenfassen, die kann ihr schon verteidigen, wenn die
da richtig, da auf n, äh, Geist kommen und, äh, es, es läuft alles
Ja und
L Mhm.
die anderen, die sehn das, und ich denke mal (4) auch die, wann die hierher
kommen, (2) die Leute aus Russland, mit denen ich dann was zu tun hab, die
kommen hierher, suchen ihre Sachen, äh, die Sachen oder die Technik, oder
was auch, kaufen das oder gucken sich an, fahren nach Hause, schicken das
Geld rüber, nur, (3) (?), wie wir hier leben, wie wir, (2), es, ich denk mal, dass
das gutes und vorbildliches, äh, (2) Zusammenarbeit ist.
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S:
A:
S:
A:
(5)
S:
A:
S:
A:
S:
A:
S:
A:
S:
L Mhm. Ja. Haben sie ihren
Kindern eigentlich Taschengeld gegeben, würd ich gerne wissen? Is ja
eigentlich so hier üblich, ne? Also, viele Kinder bekommen Taschengeld.
L Ja.
L Ähm. In
dem, ähm. So nicht.
L So nicht, wenn se was brauchten, ham wir´s gegeben.
L Wenn se gebraucht haben, ham
se, äh,
Mhm.
Klassenfahrt, wir haben unser Kinder, und so mit der Schule auch, wenn se
L Wir haben
L Mhm.
was brauchen, ham wir gegeben, und Taschengeld (3) Wir haben auch keine
L Wir wir (?)
Möglichkeiten gehabt.
soviel Kinder
L Wir, das, äh, (3) war bei uns nicht nicht auf- pf –
L Mhm.
gekommen. Ich weiß bei meinem Bruder ist das anders. Irgendwie, die wollten
alle Taschengeld haben und bis heute so und bei uns ist das, ich weiß es
nicht.
Ist nicht aufgekommen.
L Mhm.
Wie gesagt, Russisch: (Spricht einen Satz auf Russisch). Kann aber sich nich,
das wird, manche Kinder werden so gesagt, Prestige (russisch?), Geld und
wollen das Geld, Taschengeld, oder so, haben und dann (spricht wieder
russisch.)
Das ist für dich (wird immer leiser.)
Vor (oder für?) uns war das anders.
Mhm. Haben sie sehr geliebt, Kinder zu haben? Zufrieden?
Ach, verschieden.
Verschieden?
Sohn, als er klein war, is nich so ruhig. Wirklich Kinder und (2) wie gesagt, hab
ich immer gesagt (spricht ein russisches Wort.) (4) So ruhig ware se nich. Und
bis jetzt sind se net, beweglich so und
Zehn Kinder, das ist ja (1) ne Leistung, und wenn sie dann immer gearbeitet
haben, lag dann die Erziehungsaufgabe hauptsächlich bei, bei ihnen als Frau,
weil sie zu Hause waren mit den Kindern? Oder wer hat jetzt hauptsächlich die
Kinder erzogen?
Zusammen.
Mhm.
Mit den Lehrern hat er, hat mein Mann mehr mit die Kinder sich beschäftigt.
Und ich mit die Hausarbeit und, und Familie und (spricht leise und Vater
hustet) (?) haben zusammen eben mit die Kinder so gesprochen.
Ja.
Öfter setzen sich zusammen hin so mit de Kinder abends, nehmen sich Zeit
und sprechen zusammen.
Ja.
Jeder sagt seine Meinung, vielleicht was nicht gefällt, und wir können (oder
Kinder), sagen sie auch.
Ja? Jeden Abend?
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S:
(4)
W:
S:
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S:
W:
A:
Nich jeden Abend. Aber das muss sein. Wir sehn das schon, was sein muss,
dass man sich zusammensetzt und reden das.
Mhm.
Und die Kinder versteh- verstehen sich gut mit das.
Mhm.
Ähm, wir (4) haben mit unsern Kindern (3) selten den Kontakt verloren. Wir
L Mhm.
haben immer (3) einen guten Kontakt.(4)
Das war nichtL Mhm L Ist das freundschaftlich?
Häh?
War das ein freundschaftlicher Kontakt, oder wie war das?
Ja, mehr, mehr freundschaftlich und auch als Eltern – Kinder, wie, so ich kann
nicht sagen, dass wir uns, äh, heruntergestuft haben als Freunde, wobei
irgendwo auch, aber die sind gekommen oder wir haben zu uns als Eltern, als
ältere Menschen, auch wo man Rat kann bekommen und wo man auch äh die
äh Geborgenheit auch bekommt. Sie is jetzt schon so groß und dann kommt
L Mhm.
Ich bin allein sagen sie, unsere Kinder sagen sie zu uns, wir duzen nich, wir
L @1@
L Ja?
L Ah, ja.
duzen uns nicht.
Ja.
Die Kleine sagt ja du.
Ja?
Und (?), Erika. @2@ Das is bisschen so, äh,
L Wir haben da auch nich, das war
so die Gewohnheit, in der Familie von früher.
L Die Enkel sagen auch du auf uns.
Das ist jetzt schon so geblieben, seit, seit mei- ich hab meine Kinder gesagt,
lasst das so und, und du lasst uns das, das ist überall so.
Lass mer das so.
L Ja.
L Weil
in der Gesellschaft hier ist es äh du, das is und sie ist fast unnormal. Und
L Mhm.
drum (2) kommt das.
In unserer Familie haben wir zu Hause zu den Eltern auch du gesagt. Und
L Mhm
sie haben (3)
gesiezt, ja.
L gesiezt. Mhm.
Ja, und dann kommen se und wollen (?) haben, das tut so gut. Und alles. Wir
L @1@
sind auch zufrieden, dass die Kinder zu uns geneigt sind, dass, wissen sie,
auch die Älteren, die Verheirateten, die haben auch ihre Probleme wir, ich
hab gesagt, schon vor ein paar Jahren meiner Frau, ich sag: die Kinder, sind
glücklich, dass sie den Kontakt haben zu uns und wir auch. Warum? Weil man
L Mhm.
kann so auf einer pf so würd sagn unverbindlicher Weise den Kindern darauf
hinweisen und sagen, so tut´s nicht und das, das bringt, weil man hat doch die
Erfahrung im Leben und ja das äh
L Aber dringen nich, das nich, sollen uns hören, wir
sagen
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A:
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A:
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A:
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A:
W:
L wir haben uns nie versucht nie einzumischen. Ähm, wir haben uns
L Mhm.
zurückgehalten (1) soviel wie möglich und auf keinen Fall wenn jemand
vielleicht den Kontakt haben verloren da dann zwischen gehen, das nicht geht
und sucht euch wieder, das ist das Beste. Und das hat sich auch bewährt.
L Mhm.
Wir haben bis heute mit allen, wir sind jetzt (3) 6 Kinder, die verheirat sind,
sind und (4)
Mit allen? Das ist doch schön.
Die kommen alle. Weihnachten wird immer hier gefeiert.
L Bei Ihnen zu Hause?
Ja.
Mit allen Kindern und Enkeln?
Allen Kindern und Enkeln.
Freuen sich schon. @1@
@1@
Jo, das is (2) das pf (2)
is pf ja is das ham wir
L Eine Tradition.
L Ostern is ham wir dreima (?) mit di Kinder.
Mit de Verheiratete.
Ja. Das immer bei uns so. Und neues Jahr sind wir mit unsern Freunden –
nehmen wir frei. @2@
Ah ja und dann machen die Kinder dann auch was mit ihren Freunden?
L Jaa
Ja, mit ihren Freunden.
Ja.
Und sin mit unser Freunde, das ist schon so ein Gewohnheit jetzt und
L Is schon
Tradition.
Tradition. Würd ich sagen.
Ja.
Mit unser Freunde (2) sind wir schon jetzt auch dreißig Jahre zusammen so
L Immer
mit denselben Freunden?
Ja, immer mit acht, zw- vier Familien zusammen und so, jetzt waren unserer
Kinder noch klein, jetzt sind se schon alle erwachsen. Bis jetzt verstehen wir
uns hundert Prozent.
Ah, ja. Das ist ja
L Und so ne Freundschaft wollen sich jetzt auch unsre Kinder
sich auch einbauen so, aufbauen. Ihr, sagen se, ihr seid für uns ein Vorbild.
L Ja
Soviel Jahre haben die Kinder immer gesehen, wie wir uns gut verstanden
haben. Bis jetzt. Von jung auf bis jetzt.
Und sind schon alt und grau
L Ja.
L Mhm.
de Haare gefärbt, ja? Bis jetzt verstehen wir uns gut.
L Mhm. Also auch schon in Russland?
Ja.
Und dann wohnen die auch jetzt hier in der Nähe?
(?) ferti
Ja, die konnten nich anders, wir haben uns mal zusammen gefunden ganz, die
sein ei-eigentlich, äh, aus einer Mennonitenfamilie, die (?) (Spricht extrem
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(4)
W:
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A:
W:
A:
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A:
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A:
S:
A:
leise und undeutlich) Probleme hat, die neue… und und pf sind sehr zufrieden
(?) Die ganze Jahre, es sind jetzt ja schon (3) pf über über dreißig Jahre.
L dreißig Jahre.
Über dreißig! Sind jetzt schon.
L Fünfundzwanzig Jahre. (2) Dreißig.
Und äh, gehen die Familien jetzt alle in ihre Kirche?
Ja.
Ja.
Alle zusammen. (5) Und der Glaube spielt ja bei ihnen auch eine wichtige
Rolle?
Sehr wichtig.
Ja, und wie war das denn bei den Kindern, haben sie da auch ihnen freie Wahl
gelassen? Ob sie das möchten oder nicht.
L Ja.
Ja.
Ja.
Ja? Mussten sie nicht mit in die Kirche, konnten sie sich das aussuchen?
L wi-wi
Wie gesagt.
L Bei uns, äh, ähm ich weiß nicht, bei uns war, stand das nicht zu
Diskussion. Ich weiß nicht, es is, es war so, dass die äh, die Älteren die gingen
und die Jüngeren, die wollten auch und so ist das.
L Bei uns war das gar nicht,
dass die Kinder sagen, sie wollen nich.
Mhm.
Wir haben, ähm, (4) der eine Sohn und der äh, is so´n bisschen wankelmütig,
aber, na ja. Bestimmen kannst das nich.
Mhm.
Nur, ich denke mal ich bin überzeugt in meinem Glauben und äh der Herr hat
uns auch augensichtlich geantwortet äh äh geantwortet und sich äh ja
offenbart und äh, weiß es nich
Mhm.
@Bei uns@äh
L Wie gesagt, (?) wachsen, was die Kinder hier zu Hause gelernt
haben.
Ja?
In Gemeinschaft und Reden.
L Es ist auch von der Gemeinschaft her. Ich weiß nicht. Die
haben ihre Sonntagsschule, ihre Kinder- äh- stunden, und (hüstelt)
Habe ihre Freunde da und so
Zum Vorgese, dann habe sie Bibelschule
L Ja.
dann, mit der Bibel und Kinderstunde. Und die Kinder sind, und die kleine
Kinder sind, äh , sind beschäftigt in de Kinderstunde, bisschen vorbereiten und
auch viel Zeit, sind immer beschäftigt. Und das freut uns. Dass se nich einfach
L Ja, mhm.
L Ja.
auf de Straße sin. Dass se auch, jetzt Ada is jetzt 17 Jahre und beschäftigt
sich auch viel. Mit di Bibel und so, wollen was wissen, Bibelschule gehe se
auch. Und jetzt mit die Kleine haben wir vielleicht jetzt, äh, die geht auch gern.
Ja.
Und geht auch mit Gott so, und, freut uns.
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A:
Ja. Was wäre denn gewesen, wenn jetzt eines der Kinder so im Kindesalter,
mit sieben Jahre, oder so, gesagt hätte, es möchte nicht in die Kirche gehen?
Hätten sie dann das Kind (1) trotzdem mitgenommen?
Das kann man gar nich. Das Kind mit, das wird aggressiv, wird böse, das
L Mhm.
bringt nix, das bringt nix. Wann du nur, ich sage nur, wann wir wollen, dann
musst du mit dem Kinde spreche, hauptesache, du musst ein Vorbild sein.
L Ja.
Wenn der sieht, das nich ich ist, kannst du nix, das kriegst du nich hin. Das
L Ja. Mhm.
kam a nich. Wie gesagt müssen mer immer ein Vorbild sein für de Kinder.
Ja.
Das ganze Leben. Du kannst da nichts äh wa versteckt sein.
Ja, ja, natürlich.
Äh, (?) (redet sehr leise und undeutlich – wahrscheinlich zu seiner Tochter
Lena)
Wie gesagt, das hat unser (?), (schwer zu verstehen, da im Hintergrund der
Vater spricht) @1@… so ein guter Charakter, so´n gutes Kind, überhaupt
Ja?
Jedes Kind hat sein Gutes. Ich hab´s so gut mit meine Kinder, dass se zu
Hause sind. Geb se nie gerne @weg@ @1@
@Ja@
Kanns nix machen, müsse ihre Wege gehen.
Ja, Irgendwann heiraten sie und sind aus dem Haus.
Ja, mein Mann sagt, musst de freigeben, ja. Muss ich ja. Erste dass sie (?), ich
bete, dass, (?) muss das mit Liebe machen, muss se freigeben. Dann, das ,
für die Kinder schwer, wenn ich se nich freigeben, das hab ich so jetzt doch so
L Ja.
hingekriegt, dass ich so (2) so doch, ja
Ja, schön. @1@
Müsse ihre Wege gehen.
Ja, mhm.
Wo Olga jetzt auf de Bibelschule ist, jetzt schon 2 Monate, ja. So begeistert,
es gefällt ihr so, nur aber hat so Heimweh.
L Ach, je. @1@
Ich sach, Kind, es is aber auch gut, dass du Heimweh hast, is auch nich
normal, wenn du jetzt kein Heimweh. Aber so begeistert is sie da, es gefällt,
ganz andere Welt, sagt sie, so.
Ja.
Die Leute da, beschäftge mit de Bibel und so, streng da. Das is schön, sag
ich. Hat se immer Fragen. Heut- Gestern hat se angerufen und hat dem Papa
L Mhm.
paar Fragen gestellt und das und das. Papa, wie is das. (1) Das is schön.
Ja.
Setz dich mal hin, guck. (spricht dies zu einem ihrer Kinder)
@2@ Ja. Sie haben mir gesagt, bei einem der ersten Besuche, wo ich da war,
ham sie mir mal gesagt, dass sie, wenn die Kinder gegessen haben, immer
versucht haben viel zu erzählen.
L Ja. Sprechen mit de Kinder, wenn se essen, wenn es
auch gut schmeckt. Wann mer spreche mit de Kinder, mit´em Essen, geht es
rein.
Hab ich so gesagt.
Ja, ja.
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A:
S:
L Ah ja,
L das ist die Methode. @2@ Haben sie dann viel
den Kindern erklärt, oder wie?
Ja, das dann klappt es am Besten. Dann sitze se und dann bist du dabei,
L @2@
L Mhm.
nich? Äh äh, wie gesagt die (?) die stellt immer hin alles, und da äh steht alles,
ich setze mich immer am letzte hin. Und dann setze ich mich hin und dann
spreche ich. Manchmal äh sprech ich auch bis se satt sin, dann setz ich mich
hin und ess. Da-das klappt am Besten. Und das un da, dass ich nich
L @2@
L Ja.
aufstehe und nich ablenke und nur höre zu. Und der Papa sitzt auch und
L Ja.
zusammen immer sprechen sie.
Und das klappt gut. Das mit die
L Mhm.
L Ja?
Erwachsene,
L Das is so so eine psychologische
L Ja, ne gute Methode. @1@
Und das klappt gut.
Ja.
Hauptesache, dass so je- äh (2) wir haben das so hingekriegt, dass zur Zeit
immer Esse is, um dieselbige Stunde immer. Das hab ich immer versucht
dass immer zu Zeit Esse is. Bis jetzt. Und Kinder sind deshalb so gewohnt.
L Also essen sie immer mittags und abends zusammen?
Ja immer?
Morgens auch?
Morgens un- das Essen steht immer. Muss immer morgens essen. Ich hab
gesagt, ein kleines Stückche, brauchst nich satt esse. Aber ein kleines
Stückchen Brot musst de vielleicht, dass das ins Blut kommt, (spricht kurz auf
russisch) Sau-Sauerstoff. Und wann´s zur Schule kommst, und Hunger haben,
da kannst de dich nicht so konzentrieren Wann´s so´n kleines Stückche Brot
isst, hab ich das doch hingekriegt. Und das verstehen se auch. Frühstück
L Mhm.
L Mhm.
muss immer sein, find ich. Nicht einfach geht, wenn sich da, klar Brot,
Butterbrot nehmen´s sich selber, das steht alles, jeder packt sich ein, aber das
mach ihnen. Aber das auf´m Tisch das Essen steht immer.
Und meistens ist die Familie gemeinsam?
Das ist jetzt
Das ist jetzt, zur Zeit, dass Lena ist zu Hause
L Nein,
L Das is, äh, war
nich immer so. Weil äh
L Mhm.
L Lena hat gearbeitet bis fünf.
L Ja, äh,(?) war auch arbeiten
bis ein Uhr und dann ich bin um 12 gekommen (3). Und dann ham wir abends
dann, oder da ham wir dann Samstags. Wir haben immer versucht, Zeiten zu
finden, oder Sonntags nach´m Gottesdienst, das war immer fast so. Dieses
L
Samstags morgens war der Papa, Va- immer Brötchen kaufen, frische
Brötchen, und dann frühstücke in Ruhe. Steht früher auf, kauft Brötchen und
dann frühtstücken mer zusammen.
Mhm.
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A:
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A:
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S:
A:
W:
S:
Das, irgendwas muss in einer Familie, ich weiß nich, andere Familie, die mehr
äh vielleicht mehr, ich weiß nich, vielleicht mehr in der Musik haben, die
musizieren dann zusammen, (?) legen dann, das, dann, in der Familie müssen
L Singen, wir können das nich.
äh die Eltern müssen, wie sie das machen, das is äh das is
L Mhm. Und sie haben dann
versucht über de Mahlzeiten, Kontakt zu den Kindern zu haben?
Ja nicht nur, aber das, na ja, ja, wir essen gern, man sieht es uns ja auch an.
L @1@
Ich esse auch gern. @3@
So, und wie gesagt, meine Frau, die hat immer nur, bis jetzt, die kocht sehr
gut, hat auch Spaß auf das. Und äh und (3)
L Ja.
Als meine Kinder noch kleiner war´n, ham´s mich immer gesagt, Mama,
Geschirr waschen, backen, nähen alles, das macht euch immer alles Spaß,
machst das gerne, Ich sach, wenn man das macht von Herzen so, vielleicht
will das auch nicht, gefällt nicht, trotzdem, ich mach das gut, muss das gut
machen, wenn ich euch anziehe, ne, das muss gut aussehen.
Und wann
L Mhm.
ich back, das Gebäck muss auch gut sein, oder wenn die Suppe muss auch
gut schmecken, und Geschirr muss auch sauber sein. Das immer, klar muss
man de Kinder entsprechen. Das, anders geht das gar nich, so, so soll das
L Mhm. Ja.
L Mhm.
manchmal, die Kinder nur, wie soll ich: ich, ich, nur ich. Das geht nich,
manchmal hab ich das auch probiert, aber das ging nich. Mein Mann hat
gesagt, das muss machen, wir haben deshalben de Küchendienst auch
gemacht, und das war kein Streit nich.
Also alle Aufgaben wurden verteilt? An Jungs auch, oder nur an die Mädchen?
L Ja, ja.
Die Jungens auch, aber die Jungens habe ihre Arbeit gehabt.
Was denn zum Beispiel?
Mit ´em Papa haben sie mit ´em Auto, mit ´em Bauch, Papa war immer
beschäftigt. Die Jungs immer dabei und die Mädchen haben bei mir mit.
L Ja.
L Mhm.
Waren immer beschäftigt, auch fleißig, keiner fehlt.
Also glauben sie schon, dass es spezielle Aufgaben für Jungs gibt und
spezielle Aufgaben für Mädchen?
Wir
klar
L Sicher, es sind Sachen, die Mädchen, wo wir haben gesagt, wie kannst du
das sehen, tragst den schweren Koffer
das
L Mhm.
L Das sagen wir unser Kinder auch, dass
eine Schande, wenn Mädchen
L Oder, oder, wenn, hier schwere Arbeit muss
machen oder draußen, wenn das viel Laub war äh und alles, das muss immer,
und Rasenmähen, solange die zu Hause waren, und eben solche Sachen, die
haben auch zu Hause, die Geschirr gewaschen, das war nich so, dass die, die
nichts so, dass, da haben wir schon drauf geachtet, dass die wussten, dass
auch Geschirr gewaschen muss werden. Nur das, aber, haben wir doch mehr
L Mhm.
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A:
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S:
W:
S:
W:
S:
W:
so verteilt, ja, die wollten das auch nicht zu Hause, das is klar, die wollten
lieber in der Garage was äh gebastelt und gemacht als zu Hause, aber,
wenn’s dann hart auf hart ging, dann mussten se ran und mussten auch mal
Geschirr spülen.
Ja.
Das sag ich, is ne Schande, he, nichts machen, Geschirr, das heute so
bequem hier alles, wenn da noch dreckiges Geschirr hier steht, das sag ich, is
eine Schande. Dann muss, war das so schwer, ich hab immer das geträumt,
dass ich warmes Wasser, wo ich kann waschen mich und baden mit Seife und
alles. Manch einer war in der Stadt, habe das gehabt, wir haben im Dorf haben
L Mhm.
das nich gehabt, das hier, das warme Wasser, eine Schande wo das dreckig
L Mhm.
is. Die Kinder nich, die können auch hier dreckig sein, wenn se nich, die
wollen dann überhaupt nix, haben ein Tag im (?) kehret und sehen das gar
nicht
Und sie haben eben gesagt, dass sie also, äh, Gespräche hatten mit den
Kindern, wo jeder seine Meinung sagen konnte, und ähm, war das denn,
L Ja.
wenn, wenn irgendwelche Konflikte da waren oder wie?
Wenn auch Konflikte waren, habe se das richtig gesagt, wie se das gemeint.
Jedes Kind hat gesagt, Papa, du machst das nich richtig oder Mama, die
L Ja?
konnte jeder seine Meinung sagen, jeder wie sie das denkt. Und wir auch,
genau, das war nich das (spricht mit ihrem Mann kurz auf Russisch.) Habe
gesagt wie er das meint, oder ein Vorschlag gegeben, vielleicht wie, wie mer
das besser machen, so, wie mit die Kleine jetzt. Die äh, will sich das
durchsetzte mit de andere mit die wegfahren, oder, übernachten. Ich hab mit
de ersten Kinder hab ich mich durchgesetzt, mit die Kleine, die die wickelt
mich da äh
Und ich, ich, seh das manchmal gar nich
Und dann
L Um den Finger, ja.
L Mhm.
sach se, Mama, das das hab ich, das is doch richtig so, und da pass ich schon
auf.
Die helfe mich mit, und das ich schon gut, wir werden älter. Und die
L Mhm.
L Mhm.
Kleine sagen, gestern grad haben wir mit ihr gesproche, die Kleine, Papa sagt,
du bist schon kein Baby, du musst schon verantwortlich sein, was du sagst
und was du machst, du kannst nicht immer weg, wenn du willst, dahin, da
L Mhm.
musst zu Hause auch sein, ich hab das überhaupt nicht
L Irgendwelche
Verantwortungen werden äh, (3) dem Kind angeboren, die müssen wissen,
dass sie nich so, na ja, was ich will und das mach ich, es gibt auch
L Mhm.
Verantwortung, es gibt auch äh, Sachen, die man muss machen äh, obwohl
L Ja.
man das nich so gerne machen will, und äh, das is, bei uns dann äh, ja, dann
musst du machen, das, ich weiß es nicht, wir ham auch nich so das wir da so
große Konflikte haben mit den Kindern, wir sagen, jetzt guck mal, die sind
L Mhm.
weg, die warn weg, die zwei, jetzt wir waren alle schön da, deine Freunde und
is auch für
alle waren auch hier, Mama hat schön gekocht für alle
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A:
W:
S:
W:
L Also wir könne nich alles
deine Freunde oder Freundinnen, die was hier waren, ist das nicht äh, fair,
L Mhm.
dass du dann was auch dazu beitragst? Das Geschirr wegräumst, da sag ich,
das Essen, das kostet auch was, dafür wurde gearbeitet, das is nich so, dass
S:
L Mhm.
W:
es äh (1) vom Himmel kommt oder irgendwie, und es äh so werden Gespräch
geführt, und ich weiß es nicht, ungefähr, das war jetzt, mit der Kleinsten, jetzt,
gestern, ham wir so. Ich sage, du musst dir das überlegen, das is ja nich so,
man kann hier äh überall nur hin und her fliegen, da sein und da sein, Freunde
und, und keine Verantwortung und jemand soll die bearbeite, es gibt keine
A:
L (?)
W:
in unsere Familie keine Sklaven und Herrn, wir sind alle hier einer für den
anderen da und drum musst du dich umgucken, das is, das is, ich sage. Ich
S:
L Mhm.
W:
seh das nich ein, dass Mama dich bearbeiten soll und deine Freunde und alles
und dich, du bist schon, elf Jahre wirst du schon bald. (3) Ich hab äh gesagt,
S:
L Mhm.
W:
ich sag, zehn Jahre alt war ich, hab ich äh von unserem Dorf die Herde Tiere
hab ich selbst behütet, ich war, Hirte, hab das alles gemacht, weil es war so,
dass und äh mir wurde das ganze alles schon anvertraut in zehn Jahren, elf
Jahren, so wie du warst, bist jetzt. (2) Ich sach, ich denke mal, dieses kann
man dir aber auch schon, na ja
S:
Mhm.
A:
Das is genauso, wie mit de Olga, is jetzt wegen Bibelschule, hat immer die
Wäsche gebügelt gehabt, das hat se gemacht, wann se das hat gemacht is
mir egal, aber sie hat das gemacht, und ich rann hier, dann is, is ihnen
peinlich. Einmal hab se das nich gemacht, bin ich unten gange und habe
gebügelt, das war, äh das war schrecklich, Mama bügelt alle, Mama bügelt.
S:
L Mhm.
A:
Und dann jetzt hat die Ada das, weiß ich nich, wann se das macht, aber is
immer gebügelt, alles.
Ja, für die ganze Familie.
S:
L Mhm. Für die ganze Familie?
A:
Wann se das jetzt macht, weiß ich auch nicht, aber die macht das, und es gibt
kein Gespräch, nich. Die weiß, dass keiner da- für sie das macht und das
S:
L Mhm. Also,
so hat jeder hier seine Aufgabe.
A:
Ja, es gibt auch keine Streit. Das, die weißen das, die Kleine, die muss auch
aufräumen und die kriegt ihre Dienste und
Macht die,
S:
L Und macht sie das auch?
A:
die muss das machen, die Ada passt schon gut auf. Ich hab ihnen da
S:
L @2@
(Vater und Mutter sprechen kurz auf Russisch)
A:
Ich hab das aufgeschrieben, Edith eine Woche, Ada eine Woche und äh, wann
se de Ada nich kann, dann bittet sie sie und dann anders macht sie für sie.
Und das is schon wichtig. Brauch ich gar nicht dabei sein.
S:
L Mhm.
L Und wenn
jemand das nicht machen würde, wie würden sie dann die Kinder bestrafen?
A:
Die macht das eh, da brauch ich gar nich.
S:
L Mhm.
L Dafür sorgen dann die Kinder
schon?
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A:
Nein, nur, äh, dann sagt man ab und zu mal dann das Wort, und weiß es nich ,
bestrafen (3) @ich weiß nich@, es sind andere Sachen, die dann vielleicht,
L Mhm.
L Wie gesagt.
äh, da wo ne Strafe folgt, aber nich in dem das
L Was sind das denn für Sachen?
Ja, wenn se dann ungehorsam sind, oder wenn se dann
L Edith hatte ein paar Mal
Hausarrest.
Dass se sich dann verhalten vielleicht irgendwie nicht korrekt bei ihren
Geschwistern, dann dass se dann weg is, die Freunde hier, dann, dass ihre
ganzes Aufgebot von Freunden hier und dann dann es is se weg von dieser
Welt.
Die hört und sieht nix.
L Dann hört se nix. Die liebt das so, wenn das Haus voll ist, proppevoll un
ich, aber ich, hab das immer, immer geliebt, dass meine Kinder, dass das
Haus voll is, ihre Freunde, dass se hier sind, hab se nie gesagt, geh dahin
oder bleib da. Kommt her mit eure Freunde und bleibt hier.
L Es is so abends müssen
se zu Hause sein bis zu ne bestimmten Zeit, so, dass wenn’s e dann jetzt ma
L (?)
später weg, und das einmal und das zweite Mal, und äh einmal wurde es
L Mhm.
sogar schon Zehn Uhr, ja und dann war es Arrest.
Das klappt.
Das ist ein wirksame Strafe?
Ja, das is schon äh,
L Da haben wir gesagt, O.K., wir haben die das gesagt, jetzt
hast d´es eben und jetzt musst du zu Hause bleiben und da darf auch keiner
zu dir, das is jetzt vorbei.
Wenn wer anruft, ich hab Hausarrest, sagt se gleich.
Mhm.
Ist ein gute Strafe.
Ja. Und es ist ihnen aber schon wichtig, dass die Kinder lernen gehorsam zu
sein? Also den Eltern gegenüber.
Ja.
Das is ist äh ja, das is is wichtig, unbedingt, da kommt nichts vorbei. Und ich
weiß es nicht, ich hab gesagt solang sie Füße unter dem Vater seinen Tisch
gestreckt werden, wird gehorcht. So hab ich gesagt, wenn ihr weg seid, dann
L Mhm.
macht ihr so, wie ihr´s wollt, aber solange ihr hier, wenn Mama was sagt,
L Mhm.
da acht ich auch ganz streng darauf, dass wenn Mama was sagt, wenn das
schon, weißt, dann
L Is mir dann auch bei de zweite Sohn, der erste war bisschen
net so hart, aber der andere, der jüngste is bisschen so, hat er mich einmal so
(2), ich sag, bisschen grob, hat er sagt, war er, seine Frau, seine Frau is nach
Hause gefahren, sind wir ins Schlafzimmer gegangen. Ham gesagt: Bist jetzt
groß, hast schon deine Familie, ich hab gesagt, ich weiß nicht wann, du du
traust dich mit der Mutter so sprechen, dann deine Frau sitzt hier, will ich mal
wissen, wie du mit deiner Frau zu Hause sprichst. Ich erlaub dich nich so mit
mir sprechen. Ich hab auch groß gezogen, ich hab das nich verdient und noch
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A:
einmal Junge, bitte trau dich, noch einmal so zu sprechen, hat schon zwei
Kinder, und wann man das verliert, und die Kinder sind manchmal grausam.
L Mhm.
Wir haben gesagt, wie gesagt, gut erzogen, haben viel Mühe gegeben,
manchmal kommt das auch so, aber wenn das einmal lasst, anders mal wird
das noch mehr. Ich sach, noch einmal, Junge. Ich sag, so was erlaub ich mir
L Mhm.
nich, oder mit Papa ansprechen, ich sag, so was gibt´s nich. Ich hab mit so ne
viel Mühe euch erzogen, hab mir soviel Mühe gemacht, dass ihr eure Kinder
ein Vorbild seid. Hat noch kleine Kinder. Wenn du deine Kinder großziehst, da
L Mhm.
wirst de sehen, wie das schwer ist. Und das noch einmal. (3)
L Mhm.
L Mhm. Aber bei so
einem Gespräch, wo dann jeder seine Meinung sagt, da können die Kinder
auch ihre Meinung sagen, sagen, was sie auch gut finden, vielleicht auch an
der Erziehung. Und versuchen sie dann auch Kompromisse zu finden? Oder
L Ja.
worauf läuft so ein Gespräch hinaus?
Ja, wir kommen zusammen, eben jeder sagt was, und
ENDE KASSETTE SEITE 1
W:
A:
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A:
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A:
(?) Wenn ´s dann zum Brodeln kommt, mit der Stimme, ist zwar selten, aber
Manchmal meint er´s gar nicht erst so, mit seiner Stimme dann, Kinder sagen
das ihm, und das Kinder sagen, und wir auch. Das bringt eine gute
L Ja
Ich finde, dass äh die Eltern auch äh, (4) fair müssen sein auch zu seinen
Fehlern, mal äh sagen, das ist ein Fehler. Es muss nicht sein, dass, wer ist
L Ja. Das auch.
schon ohne Fehler, wer macht schon keine Fehler. Und drum äh nur äh da
bestehen: ich hab immer Recht, (2) das kannste vielleicht mit kleinen Kindern
da durchsetzen, aber bei den Großen wird’s dann eine Ablehnung äh
erbringen. Wenn
Wenn äh ich dann sagen tu, es
L Und noch um Verzeihung bitten.
L Ja.
is nich, wir haben in der Familie, bei uns ham wir, unsre Mutter hat uns äh
gelernt auch um Verzeihung zu bitten. Man schuldet es sich einander. Und
das ham wir auch versucht in unserer Familie, damit ich de Kinder auch mal
sage: Verzeihung. Auch als se klein warn.
Tschuldigung, ich war
L Mhm.
L Tschuldigung.
habs nicht recht macht oder ich äh hab gelogen oder was weiß ich. So, das äh
das muss schon sein!
L Mhm.
Das gibt nicht, das kann nicht verzeihen.
Wenn nich verzeihen, wenn nicht um Entschuldigung bitten nicht kann, das ist
auch ne schwere Sache, und wie gesagt, jeder Mensch macht mal Fehler und
dann ich hab mit meiner Frau, die ha das nicht gelernt gehabt, da- das muss
L Ich hab
das schwer gehabt. Musst das erst lernen.
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L das musst ich jetzt ihr beibringen, und beibringen, indem
dass ich mich entschuldigt hab, wo sie Schuld war. So, und das hat sei es
angesehen, warum soll ich mich entschuldigen, weil ich bin ja Schuld. Aber
L Mhm.
solang du das äh nicht, wenn du auf deinem stehst, dann will der andere auch.
Dann passiert überhaupt nichts.
Das is schw- und na ja.
Mhm. Ja,ja.
Haben viel gelernt in unser Leben. Und mit unser Kinder auch, dass sie hören.
Ja. Ja. Und würden sie sagen, dass sie ihre Kinder so erzogen haben, wie sie
selber auch erzogen wurden? Mit denselben Werten.
Nicht immer.
Was, was machen sie denn anders?
Ähm, bei uns wars, wars äh ziemlich hart. Ich hatte, äh ich, die Wagenleitners
L Mhm
waren (?) (er spricht insgesamt sehr leise an dieser Stelle) (2) und der Opa,
der war (2) grausam zu uns. Vatter (3) auch, ja ich
L Mhm.
muss so, drunter es waren (?). Und dann alles Mögliche. Aber die hatte große
(?), die litten (?) und wie die jetzt, wo meine Frau jetzt sagt, äh, die lässt sich
nicht ebend äh anschreien, oder von den Kindern äh irgendwie brutal
behandelt zu sein, und äh unser Mutter, die war immer äh war äh Waisenkind
L Mhm.
der Vatter war früh gestorben, war noch sieben Jahre alt oder so und die
Mutter ist dann musste weg, die wurden dann ausgesiedelt und die ist dann
auch verhungert und gestorben. Und da war die allein und äh das das hat ihr
Leben auch geprägt gehabt, dass sie war alleine und dann war der Hunger (?)
so´n bisschen. Und ihren Kindern wollt sie dann immer äh den Trost finden.
Wenn se das dann nicht gefunden hat, dann hatte se bitterlich geweint immer
und war so, das kannten wir nicht, drum (?) als wir schon älter waren, konnten
wir gar nicht äh,
Unser Vatter, der hätte das auch nicht geduldet. Der
L Mhm.
L Manche äh
äh wenn der gegen Mama dann, kann vielleicht auch das sein, solange die
Kinder weiß noch nicht so äh bewusst das alles machen, dann prägt sich da
schon schlimmeres in eine Gewohnheit und das, wo wir noch kleiner waren,
dass Mama, da hat der schon drauf geachtet, dass da keiner, der hat sie sehr
lieb gehabt. Und äh ja die hatten auch so keine zu Hause keine Streitigkeiten,
ham wir nicht erlebt. Mutter war sehr, hat ihm immer alles dass er zufrieden
war. Und wir haben auch oftmals gesehen, dass Vater vielleicht mal nicht so
richtig war, die Mama war, war, hat etwas weh getan, uns so was, ich weiß
nicht, ich hätte nie, wenn meine Frau mal geweint hat, das ich hab sie immer
vielleicht abgesch(?), das hat mich gekränkt, ich weiß nicht, so was, drum ist
das äh, pf, ich weiß es nicht, das ist so drin. (5) Meine Mutter hat immer
L Mhm.
gesagt, Blut wird nicht zu Wasser. Und das kommt nicht, das ist nicht so, dass
L Mhm.
das Blut oder was, das ist das, was erzogen wurde mit der Muttermilch
eingepflanzt wird in einen Menschen. (4) Und drum bin ich, so bin ich, ist
unsere Gesellschaft (?) (6) Das entwickelt sich nicht auf dem richtigen, es ist
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die ganze, das die Freiheit, und das Ganze, was er will, das kann er machen.
Und alles das und alles. Das ist nicht das Wahre und, weißt du, die Kinder
L Wollt ich grade sagen.
äh, wir hatten keinen Fernsehen, aus unseren, ich will mal sagen, religiösen
Gründen gehabt, dann hat sich das geändert bei uns im Kopf, wir haben aber
trotzdem, wir hatten einen Fernseher, aber wir haben gesagt, raus mit dem,
das tut, das verhindert unsere Familie, das ist ein Hindernis, so die ham jetzt
L Mhm.
auch unten im Keller, da steht schon äh dieses äh (3) so ´n Videogerät und
das alles, aber das das dann gucken sie zu wenigsten das, was se
einschalten, das kann man zu wenigsten ein bisschen prüfen, oder, wir prüfen
das auch gar nicht das gibt schon untereinander nur aber die Brutalität, das
diese (1) dieses, na ja, das, das Erziehen, das auch Sex mit dem allen, das
das alles so, ich weiß nicht, ich hab meinen Kinder auch mal gesagt, weißt´e
was, das ist, das sind Gefühle der Liebe, diese Gefühle hat Gott den
Menschen gegeben und man soll nicht mit seinem Leibe umgehen wie, ich
weiß es nicht, es ist ein Mensch, ich hab bei meinen Kinder gesagt, und nicht
nur meinen, auch bei uns in der Gemeinde in der Kirche, was, ich sage,
weißt´e , ich hab ne Gruppe gehabt, äh, Jugendliche, es war ne Zeit lang, es
war so´n bisschen, hab mich n paar Jahre so damit beschäftigt gehabt, da hab
ich mit den Jungs gesagt: Jetzt setzt mal ihr euch hin und jetzt guckt euch mal
an. Ne, guckt mal an. Auch de Mädchen. Und was sind das für Jungs, auch
die Mädchen, was das für Blüten sind, (2) Und um so eine zu haben, da muss
man sich doch (?). Um so eine zu haben, soll man in vielen Händen sein,
bevor man, w-was wollt ihr haben, was wollt ihr haben, eine blühende, eine
einmalige und die für mich ist und der für mich ist? Dann bietet euch doch an
und sagt, ich hab
L Mhm.
solange auf dich gewartet und jetzt is er gekommen. Oder: Ich wollte dich
schon solange und jetzt hab ich dich. Ich kann sagen, ich hab mich, hier bin,
so wie ich bin, so, ich hab´s für dich, ich hab alles für dich, ich hab meine
Gefühle für dich, ich hab mein Leib für dich, ich hab meine Gedanken, alles für
dich. Beidseitig, ist das dann gibt’s eine Harmonie. Und wenn einer kommt
L Mhm.
und der ist, der war schon und weiß, wo und mit wem und nicht nur alles und
w- wie stellt ihr euch das vor? Da ham die mich mit großen Augen angeguckt,
aber die lieben mich bis heute, die sind verheiratet, die heirateten und alles
und dann kommen se und sagen: (Spricht extrem leise!) (?) Es ist so, dann,
und ich weiß es nicht, ich sag ja, bis heute, wenn wo is, ich, es ist mir was ab
und zu fast peinlich, wie die um mich sind, das alles. Und auch meine Kinder
auch so, ich hab auch meine Kinder gesagt, unsere Ada, die war da wohl in
der sechsten Klasse und dann sind wir mal gefahren und hinten waren die
Mädchen und dann hihihi, hahaha, und dann hör ich dann äh Sexualunterricht
in der Schule. Ich sag, hey, hallo, äh, ich h-hab mal en paar Fragen, was wie
ist das euch so lächerlich da hinten? Eh, und, sag ich, sprich doch raus da mit
der Sprache, und dann hab ich denn gesagt, ich sag, wisst ihr was, das ist
normal. Der Herr hat, Gott hat den Menschen als eine Frau geschaffen und
den andern als einen Mann, es sind nur zu für alles kommt eine Zeit, es
kommt mal eine Zeit und dann werdet ihr jemanden lieben, ja auf einmal
werdet ihr einen bevorzugen, von, von vielen anderen und dann ihr müsst
euch heute lernen nicht, ich sage, das was da in den äh (3) Magazinen und
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S:
alles, was da in den Zeitschriften und alles, ich sag, das is schmutzig, das is,
das is nicht normal, das is (4) wobei ich bin auch nicht so konservativ, dass
L Mhm.
alles von unten bis oben zugedeckt soll sein und alles no aber ich bin auch
nicht, ich sag, wenn ihr alle eure Schönheiten schon rauslegt und zeigt den
Jungs, was wollen die, dann haben die ja überhaupt kein, kein Interesse mehr
an euch, is ja das is es. Hat auch geklappt. @Meine Mädchen@ die haben
@2@
alle geheiratet @ganz@ schnell, die warn, die sind alle ich sag ja @1@ ham
die immer gelacht: schon wieder eine von euch. Ja, das ist, man brauch nich
viel, man muss den Menschen sagen, wo seine äh guten Schätze sind. Wo
das,
so man muss hinweisen, sagen hier, wenn der Mensch das wirklich
L Mhm. Ja.
ma begreift und mit diesem richtig umgeht, das sind dann, man- wir sagen oh
L Ja.
altmodisch @ha@, das is nie ein Mann, ich weiß es nicht, das muss einer
durchgetriebener sein, der vielleicht auch so eine will, ich weiß es nicht, aber
jeder von de Männer, der will eine saubere haben, immer, wo sollen se denn
her sein, wenn ich, ich der andere und der dritte, wir äh sind wir mit einem äh
äh
L Wollte nur sagen, manche Mutter oder äh das manche Kinder brauchen zu
Hause nichts machen, sind se richtig stolz: ich mach das alles allein. Drum
sagen, das ist doch falsch, wenn das Mädchen geht und die Familie, kann
L Mhm.
nichts machen, dann kommt die schwere Zeit für das Kind, und das Kind ist
umgehen, kann nich
dann arm dran. Und dann mit de Küch kann se nit
L umgehen.
bügeln, kann nix, und das ist sehr schwer für das Kind, und dar- dann kommt
der Streit, ja? Und dann fährt die Familie auseinander. Ja gut, das Kind wo
kann das das denn lernen? Zu Hause. Und wer kann das noch so schön
beibringen? Nur die Mutter. Ich weiß, das meine Mutter hat gesagt, ihr, hat uns
L Mhm.
auch nich gelernt und wie schwer, ich hab das gehabt. Gut, dass hat er mich
alles vorgebracht.
Wir hatten ja keine Mädels da
L Aha.
Hat die Wäsche gewaschen, hat gestrichen, all das, muss man das alles
irgendwie so, musst man alles wohndlich auch machen und da- da- ich konnt
das nicht. Hab das nicht alles vor-äh vorgezeigt. Und ich hab das später
L Mhm.
gemacht, mit di Wäsche und alles. Ja, nicht jeder wird so´n Mann kriegen, wie
ich hab den Papa gekriegt. Ich hab meine Mutter gesagt, ich wer meine Kinder
nicht so erziehen, meine Kinder werden alles können, wenn sie in ihre Familie
kommen, hab das auch so hingekriegt. Und äh meine Schwiegersöhne sage
L Mhm.
immer danke.
Ja? @2@
Die könne alles und hab auch nicht die Schwierigkeiten dann, kann ein
bisschen nähen, könne auch kochen, backen und alles, ja.
Wird hoch getragen die Schwiegermutter. @2@
@2@ So soll es sein.
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Hab mir viel Mühe gemacht.
L Ja.
Ja, da war ja der eine Schwiegersohn jetzt, der letztes mal, der war drüben
L Ah, ja.
der hat nen Bauernhof, der andere auch jetzt hier, der sitzt dann der
L der andere war grad jetzt
L Terrasse
Terrasse, der arbeitet, das
L Komm, ich mach euch die Terrasse, er macht das
von ganzem Herzen, ich seh das und das macht ihm so äh so Freude,
wirklich. Ich seh, dann macht er se am Besten.
L Da kamen die Kinder, ja, jetzt kam
was: ham die Kinder von anderen Familien, jetzt, die lebten in der Stadt, die
L Ja.
konnte gar nichts. Die ham, und die ham geheiratet, und äh, äh, wir haben
grad gebaut, dieses Haus, (3) und dann na ja dann kam er, wollte helfen.
L Mhm.
L Ham wir noch ein
Schwiegersohn, der ältere Schwiegersohn, der konnte mehr.
Dann ja äh und der, und dann hat er den Hammer vorne an den Kopf gekriegt,
und hat dann so, und dann la- ham, meine Söhne und die waren viel jünger,
der eine war damals 13, der andere, oder 12 und 14, aber die haben immer
mit mir, die warn, äh, ich hab, die warn immer mit mir. Die konnten das, die
haben da reingehauen und ich merk das, pass auf, würg ihn nicht ab, die ham
se, weil er den Hammer an Kopf hat, und ham ihm immer (?) und dem war das
so peinlich. Und dann hab ich gesagt: „So, Jungs, wenn ich noch mal was
höre, dann werdet ihr´s merken.“ Und, Alexander, hab ich gesagt, den
Hammer nimmst du hier so und versuchst richtig auf den Nagel zu hauen,
dass er 2 Hammerschläge drin ist. So machst´e das. (4) Ja, und äh, dann
immer Mut zugesprochen. Heute, der macht den KIinker so fein. Der ist im
Bauen so fein. Und so, er hat das alles gelernt, hat mit mir immer
L Is alles gelernt.
gearbeitet. Und, es war ne Zeit, ich konnte nicht mehr. Die haben, dann haben
L Mhm.
die gesagt: Bleib mal zurück, wir machen das. Ja, heute, (4)
Und so
L Mhm.
isses, es is, man muss überall.
Die Kinder haben es sehr schwer, wann se weggehen.
Es ist so, äh, gelernt, lernen haben se das nicht gekonnt, weil se von der
sprachlichen Seite, so sind se nun handwerklich, und se sind klar mit des, ham
ihre Häuser, denen geht’s gut. Denen geht´s wirklich gut. (3) Pf, und wir
brauchen und nicht groß sorgen. Wenn dann in allen Ecken fehlt, dann ist
auch das Eheleben (1) nicht so schön. So isses, weißt du. Der Mann der tut
sich dann vielleicht n bisschen traurig (?), und wenn, wenn das andere en
bisschen so. (?) Wenn die Kinder von zu Hause angelernt sind, oder wenn se
(?).
Und würden sie sagen, dass sie ihre Kinder anders erzogen haben als die
hiesigen (?)? Oder überhaupt, dass sie ein anderes Leben führen als hier (?) ?
Ja, doch, ja.
Ich will mal sagen, viel anders. Äh, bei uns kommt
L Ganz anders.
L Ja?
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nicht in Frage mit sechzehn Jahre; Ich will alleine ausziehen, ich will alleine
leben.
Na, das ist auch bei den Aussiedlern, es gibt´s schon.
L In unser Familie.
L Es
gibt schon.
L Ja.
Aber ganz, ganz selten, ganz selten. Und, es (2) ah, die Kinder, (5) das ist,
L Mhm.
(redet sehr leise weiter, quasi als zu sich selbst) in unsere christlichen Kreisen.
Die sehen das auch so.
Nein, ich mein jetzt, äh, aber trotzdem, trotzdem, wir haben, wir verkaufen ja
unser Haus, und jetzt kam eine Familie, die Eltern und die Kinder und die
Enkelkinder und die wollten ein großes Haus, wohnen zusammen. Nicht ein
Einheimischer war da.
L Waren alles Russlanddeutsche?
Ja.
L Ach so.
Nicht einer von den Einheimischen.
Die wollten dann, ich muss, ich
L Die haben alles getrennt.
muss das ganz getrennt haben. Wir sind uns sehr einig und alles, aber keiner
will gemeinsam. Und diese Bequemlichkeit, das hat eine, eine Wirkung, der
Mensch ist nicht, immer jung, er wird älter, und wenn er, wenn ich als Vater
oder Mutter nicht die Gemeinschaft mit meinen Kindern pflege, wenn se auch
groß sind, wenn ich alleine bin, nur immer alleine, dann
L geht´s nicht gut, ich
brauch sie.
Und dann kommt die Zeit, dann wollen die auch dich nicht mehr haben, dann
L Mhm.
musst du ja hin, da drehen se durch in dem andern Heim und dann sind se
fertig. Das, das, diese Werte hat Gott in den Menschen gepflanzt,
eingepflanzt. Ich weiß nit, ich bin kein Atheist. Äh und ich bin mir sicher,
Menschen, die sich, die menschlich miteinander umgehen, die können das,
die haben das auch im Alter. So,
L Mhm. Da würden sie sagen, dass das bei Russlanddeutschen
anders ist.
Wir sind so viele jetzt hier, gehen se mal in ein Alterheim, das is, ganz wenig,
das mal ein Aussiedler, Mutter oder Vater, im Alterheim ist, die sind alle zu
Hause. So, die sind alle zu Hause. Das is, (2) Bei uns war das ne Schande im
Alterheim, Vater oder Mutter. Pf, das war, das war in unserem Dorf, so was
gab´s gar nicht, das gab´s nicht.
L Mhm.
Und das versuchen sie dann auch noch ihren
Kindern (2) nahe zu bringen? Mit dem Familienzusammenhalt.
Ja, se mach auch ein Vorbild mit ihrer Mutter, ja? Sag, ich (?) ja, mei- Mu(murmelt)
Wir haben jetzt gebaut, ich will mal so sagen, wir haben gebaut, was als wir
geplant haben, ham wir gesagt, vielleicht finden wir nen Bauernhof.
L wo man
Wir ham, wir sind sechs Geschwister. Aber, ich will mal so sagen, mit
Ausnahme einer, wir haben alle ihr sagen, die andere auch, nur die hat die
Möglichkeit vielleicht so nicht, die wohnt in ner Mietwohnung, aber die anderen
haben gesagt, du kannst dich aussuchen, bei wem du willst. So. Nur,
L Mhm.
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(4)
S:
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A:
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W:
S:
davon, weil ich der Älteste bin, und wir hatten uns da wohl auch´s meiste
geholfen und mit uns war, die is so zugeneigt, ich denke mal unser Kinder sind
schon alle, die meisten, groß, die andern haben noch kleine Kinder und alles.
Die is gerne bei uns und da ham wir gesagt, vielleicht wird bei uns sein.
Die Kinder habe zu ihr gesagt, (?) ich sag, die Oma hat auch euch gern.
So, und Oma wieder, die die überlegt sich auch, da will ich ja gar nicht hin, ich
muss mit meine Kinder gut auskommen, damit, wenn´s mal kommt, dann
denken se vielleicht, (?) ich hab auch was Gut´s.
So, das is, das ich will es
L Mhm.
nicht sagen, ich weiß es, dass nich überall es ist, aber das ist zu viel in unsere
Gesellschaft heutiges Tage in Deutschland. Die Menschen, die sagen, oh, ich
hab meine Rente, solange es mir gut geht. Und dann könne se mich in
Alterheim, dann is mir egal, aber das isses nicht.
Das isses nicht, das ist
L Mhm .
nicht mit einen Jahr da oftmal abgetan auch nicht mit zwei. Das sind se
jahrelang, 10 Jahr und mehr noch da – und ich ich möchte das nicht.
Mhm. Wo würden sie sagen, sind noch Unterschiede? Von ihrer Familie her,
so wie sie leben.
Weiß nicht, (3) Ich denke mal, aber das ist, bei uns wird noch alles, oder mehr
zu Hause gekocht, äh, die Gerichte werden, es wird noch mehr so, aber das
wissen wir nicht. Man siehts doch schon, weil aber so. (3)
Fühlen sie sich denn schon wie Hiesige? (3) Nein?
Die Kinder schon. Ich, wie gesagt auf de Arbeit, ich bin auch viel zu Hause,
Mhm.
dass ich an meine Arbeit komme, dann kann ich dann (?) sagen (?), wirklich.
Wir äh, wir, (Mikrofon wird gerichtet) ich äh, (4) ich hab mich sehr bestrebt
sprachlich zu weiterkomm, damit, und auch ich hab mich auch sehr bemüht,
die Gesellschaft zu verstehn und auch sich anzupassen, (3) Nur ein Mensch,
bei uns is es so, wir waren da nicht so,
Und das ist schwierig und das sind
L Mhm.
die meisten, die waren da auch nicht zu Hause. Man hat uns immer das auch
vorgeschoben, dass wie gesagt, in unserer (?) die Deutsche.
Und woran liegt es denn, dass sie sich hier auch nicht zu Hause fühlen?
Nein, zu Hause fühl ich mich schon. Doch, zu Hause fühl ich mich schon, nur
L Is
unser zu Hause.
aber wir Einheimische sagen das, weil die (2) Rutschi(?), die sind gekommen
woanders, das sind, wir sind aufgewachsen, ich hab in vorher jemande
gesehen, is, immer das zu verstehen, ich greif vielleicht ein bisschen zu tief,
L Mhm.
oberflächlich, ich hab ich will mal sagen so, ich hab, ich weiß, dass ich diese
Rente, die ich verdiene, was ich bekommen ha, gib ich unserem Staat, durch
meine Kinder und alles. Ich hab brauch mich nicht schämen. Ich brauch auch
keine fremde Rente haben, wenn ich e mal ne Rente hab, we- weil ich die
nicht verdient hab. Erstens. Zweitens warum soll ich hier nicht zu Hause sein,
ich bin Deutscher, bin geboren als Deutscher, das sind, irgendwo, meine
Vorfahren waren hier. Das ist, jer- nur sie sa´n, wie wir uns fühlen.
So,
L Mhm.
L Genau.
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Wir können nichts nicht uns richtig so fühlen, weil wir hier nicht aufgewachsen
sind. Obwohl ich für dieses Land mehr empfinde oftmals wie ein einheimischer
Deutscher, der sagt, was will ich in diesem Land. Das tut mich ab und zu (2)
das ist nicht richtig, das ist nicht richtig. Ich weiß es, äh, man hat sich vielleicht
L Mhm.
abgekoppelt oder hat sich von der Vergangenheit sich irgendwie distanziert
und äh man wollte nichts mit dieser zu tun haben, das ist nicht richtig, ich
muss zu meinen Fehlern auch stehen, mein oder den Fehlern meiner Eltern,
oder. Ich komm hier, das ist hier geboren und was ist, nur ich machs nicht,
warum soll ich da büßen mein Leben lang. Das is es auch nicht, das. Warum?
Drum, ich bin aber trotzdem en Deutscher. Und wir, ham wir denn nicht als
L Mhm.
Deutsche was vorweisen der Welt? Oder den anderen Menschen, dieser Stolz
den vermiss ich, Deutsch zu sein. Ich weiß, ich mein jetzt nicht äh, im
L Bei den Einheimischen?
schlechten Sinne, dass man sich wieder erhöht. Aber trotzdem, wir ham eine
Kultur, ich war, in Russland war ich stolz auf Goethe. Auf Schiller, auf Bach.
L Mhm.
S:
(7)
S:
Und bei den Einheimischen vermissen sie das?
W:
Ja, und hie- hier, pf, da wird alles so, ich weiß es nicht. (4)
S:
Ja. (5)
(Mutter sagt etwas zu Vater in leisem Ton)
W:
Ada, ich sag doch nicht alle. Ich sag´s ja. Das is, was ich seh. Man versucht,
ich weiß ja nicht. Sicher, trotzdem. Bin auch in Kreisen, da wo auch
vernunftige Menschen sind und äh, das ist trotzdem dann halt, das erzähl ich
den auch. (?) Ich sag, was is, was is mit euren Kindern? (4) Jaja. Vielleicht ist
es auch so besser. Ich weiß es nicht. Ja, aber dann sind wir n bisschen falsch
erzogen. Man hat uns immer gesagt, ihr seid Deutsche. (5) Deutsche sind
S:
L Mhm.
L Ja, mhm.
W:
freundlich und @2@. Weiß nich.
S:
Und trotzdem sehen sie so viele Unterschiede zwischen sich und den hiesigen
Deutschen, dass sie zwar wissen, sie sind hier zu Hause, rein rechtlich
gesehen, aber gefühlsmäßig bestehen da schon Unterschiede?
W:
Äh.
A:
L Die verstehen sich, gucken sich nur an, brauchen gar nichts sprechen, die
verstehen sich schon. Man muss genau zuhören, dann versteht man vielleicht
auch das Hälfte.
S:
Aha.
W:
Das is das Zusammen-Sein, das Zusammen-Aufwachsen, das, das wir haben
das doch nicht wirklich. Da sind viele Begriffe und alles die von vor dreißig
Jahren, die heute doch gar nicht mehr gebraucht werden, oder vor vierzig
Jahren, die heute überhaupt nicht. Aber we- die die spreche einer den
anderen an, da wissen die, da sind schon Welten da. (6) Und äh, als Kind und
S:
L Mhm.
W:
alles als Kind tust du, du bist da wo du bist, da bist du zu Hause. So, du lebst
S:
L Mhm.
W:
dann ganz äh weißt du, wir sind, als Kinder ham wir schon dann schon mal
mitgekricht, dass wir Deutsche sind. Und dass es da, aber man hat das gar
nicht so gesehen oder pf, so. Und dieses alles ham wir ja nicht mitgekriegt. Mit
unsern Kindern ist das ganz anders schon.
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W:
S:
W:
S:
W:
S:
Mhm.
Die hören das so locker.
Ja, wenn, die sich unterhalten schon mit den Einheimischen und alles und das
Gespräch und alles das ist bei denen, weißt du, die können das schon auch,
wie einer sagt, mit einem Blick, u-und oder äh dann verstehen die sich schon.
Mhm.
So. Das ist schwierig einem Menschen das aufzuholen, das was mit den
Jahren das was spontan unmittelbar, so weißt du so, das was in den
Menschen gesät und gepflanzt wird und so weiter. Das Verstehen. Das is
Glauben sie denn, dass ihre Kinder sich schon wie Einheimische fühlen?
Glaub ich, sicher. Die ham ja nichts anderes. Die ham ja nichts anderes. Die
L Mhm.
L Mhm.
sind äh Deutsch, nur dass sie geboren sind irgendwo, (?) das sind das ist ja
usch nicht der Sinn. Der Sinn ganzer Sache ist ja. Das sind ja viele, die sind
aus Schlesien gekommen aus Vorpommern, aus, wer weiß, aus äh die sind ja
alle Einheimisch heute, nur die sind ja als Kinder hierher gekommen, nur die
L Mhm.
Alten, mit den Alten da verstehen wir uns besser. Mit den ganz Omas und
Opas, wenn da ein Gespräch wird, dann kommt
L Ja, Hundertprozent.
L Wie, mit den einheimischen
Alten?
Ja.
J-, nein, mit den die aus Schlesien, aus Vorpommern gekommen und. Dann
L Aus Schlesien.
L Ach so.
auf einmal pf, dann ham wir ja so viel gemeinsam, aber nur mit den ganz alten
Menschen.
L Ja. Vielleicht haben die noch ne ähnliche Prägung.
Ja, sicher. Ja.
Mhm.
Und äh, das heißt jetzt, ich hab da mit Integr- Integretatit- Integration, ich hab
da keine Probleme, dass die Kinder hier integriert werden. Das ist überhaupt
kein Problem.
Die sind hier zu Hause und die die sind die fühlen sich
L Nein, nein, nein.
auch hier zu Hause. Die lassen sich, bei denen kommt auch nichts anderes
auf. Und die verstehen auch, ich sag ja, (3) äh, eima, äh, äh, dann in
L Ja.
Russland, wenn ein junger Mensch die Schule geendet hat, 10.Klasse, dann
gab´s eine große Feier, das war sehr äh (spricht ein russisches Wort) (5) Was
wissen die von- ich bin diesen Frühling hingekommen, grad zu dieser Zeit, da
warn die, ham die grad die Schule, ham sie alle Examen und ich guckte nur
rein, oh, sag ich, hatte ich zu meinem, ham die heute Schulende. Die
brauchten nichts, ich wusste ja worum es geht. (5)
Weil ich weiß wie da
L Mhm.
angezogen wird, wie sie sich fühlen. Das ist so nah, das ist so verständlich.
Jeder Volk hat seine (3) seine na ja Sitten.
Mhm. Und was würden sie sagen, welche Sitten haben sie so hier in der
Familie dann gelebt? Weil, sie haben ja die Sitten aus Russland, kennen sie
ja, und jetzt kennen sie ja auch sie Sitten aus Deutschland. Welche haben die
ihren Kindern vermittelt?
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W:
Äh, ich denke mal, wir haben nicht versucht, wissen sie, wir haben (3) die
Sitten ham wir doch noch unsere deutschen in der Familie.
Die sie von ihre Vorfahren her kannten?
Ja.
Obwohl das ja nicht immer dieselben Sitten sind wie jetzt hier.
Muss nicht. Weil äh, wir haben wir ham s uns auch entwickelt, wir ham auch
was von den Russen mit. Das isses nicht, nur aber trotzdem äh (4) ja, man
L Mhm.
hat immer gesagt, wir sind Deutsche, ihr seid Deutsche, ihr müsst ne deutsche
Frau haben oder ein deutsches Mädchen, Das haben wir von zu Hause
gehört. Wenn wir n bisschen ausgingen so, dann hat schon Opa gesagt, pass
mit auf! Oder Mama hat das auf einer anderen leisen Weise gemacht. Das ist
nicht gut. Und ich hab das auch erkannt. Ich hab auch gesagt, wenn meine
Frau mich Faschist nennt, oder und äh für das war bei mir, gleich in die
L Mhm.
Fresse, das war eine Antwort, gleich sofort, das war eine Beleidigung, die ich
nicht geduldet hab. Und was wäre dann? Davor hab ich mich also.
So,
L Mhm.
wollten die Deutschen das oder wollten sie das nicht, die hiesigen, jetzt
kommen wir wieder zurück, aber die haben mit dem Krieg, ham die uns an
sich gehalten, nicht alle, muss nicht, ist nicht Hundertprozent, aber sehr viel,
sehr viel, weil wir warn immer noch verachtet, und das hat uns immer zu dem
Volk, zu dem deutschen Volk dann auch gestoßen.
Mhm. Aber ihre Kinder dürfen heiraten, wen sie wollen? Oder finden sie auch
wichtig, dass ihre Kinder Russlanddeutsche heiraten oder Hiesige oder
Russen, oder ist das egal?
Hauptsache, de- das Kind steht dazu.
Aha.
Wir haben das: wen du willst, den (?)
Also, egal, welche Nationalität?
Ja, das is, wobei wir äh rein praktisch gesehen, den Kindern auch sagen solln,
dass es auch indem Schwierigkeiten gibt, kann geben. Mu-muss man´s
vorbereiten
vorbereiten
L Muss man sprechen.
L Kannste sowieso, wenn se sich lieben,
kannst du nichts tun.
Nein, kannste nicht und willste auch nicht, darfste auch nicht. Ja, wenn se sich
L Ja, will ich auch nicht.
lieben, wenn se sich magen und wollen, was willste sagen? So. Nur äh
L Ja.
vorwarnen oder, wie gesagt, hinweisen
L Ja, und bisher ihre Kinder, ihre Söhne
sind ja verheiratet und auch einige Töchter? Haben die äh
L ausschließlich
Aussiedler.
Ja? Alle mit Russlanddeutschen verheiratet?
Ja. Unsere äh Nichte, die hat nen Einheimischen.
Mein Bruder seine Tochter hat auch einen Einheimischen.
Ja, die andere Nichte hat auch en Einheimischen. Äh
L Und das klappt auch?
Das klappt.
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Klappt gut. Sehr schön, An-, meine Schwester ihre Tochter hat schon drei
Kinder. So, einen guten Mann. Und die andere hat jetzt auch ein Baby.
Verstehen sich gut.
Die sind zufrieden.
Mhm.
Überhaupt, ich denke die einheimischen Männer sind viel weicher. Die
Mädche sind wie gesagt, so (?) immer
Die einheimischen Männer. Ja?
Mhm.
Ja, gut.
@1@
Ich glaub, das war schon alles. Dankeschön.
Ende der Aufnahme
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1.3.4 Kindinterview mit Ada Wendler
Datum:
Ort:
Anwesende:
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06.11.2003
Lesezimmer im Haus der Familie Wendler
Kind:
Ada Wendler (A2)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
Ja. Ich bin, ich bin geboren und bin dann halt mit zweieinhalb Jahren nach
Deutschland gekommen.
Und dann kannst du dich
L An gar nichts erinnern.
An gar nichts? Hast du gar keine Erinnerung an Russland?
Ich find es zwar schade, aber ich hab absolut keine.
Ne?
Ja, und halt auch russisch-mäßig hab ich auch nur deswegen gelernt, weil ich
hier halt Predigten gehört hab in unsere Gemeinde. Und halt, dass auch ab
und zu mal Russisch geredet wird. Sonst. Also, dass ich das verstehen kann
und halt, wenn es wirklich sein muss, ich mich verständigen kann, weil ich
weiß, wenn mit, da is keiner, dann rede ich auch russisch. Das hört sich
vielleicht katastrophal an, aber mir ist das egal. @2@
L @2@ Und wenn, also die
Frage ist ja eigentlich, es geht um Veränderungen, die man so sieht am
Leben, wie das Leben in Russland ist und wie es hier ist, und wie man mit
diesen Veränderungen umgeht. Und dann ist die Frage @1@ ob, kannst du
denn dazu was sagen, wenn du dich jetzt so an Russland nicht so erinnern
kannst, kannst du trotzdem was sagen zu dieser Frage?
Gar nichts. Ich glaub ich versteh das auch nicht richtig, was ich jetzt sagen
soll.
Ja, was du meinst, wie das Leben sich verändert hat. Wenn man jetzt in
Russland lebt oder in Deutschland, was da anders ist. Es sind doch zwei doch
unterschiedliche Länder.
Als erstes denke ich mal die Nahrung, dann das Verhalten und so. Ich mein,
O.K., Verhalten würd ich auch nicht so sagen, das kommt wieder auf die Eltern
an, wie sie dich erziehen. Ich mein, ob dein Kind hier jetzt total, keine Ahnung,
L Mhm.
(4) ja, ob es jetzt gute Manieren hat oder nicht, das kommt wirklich auch nur
auf die Erziehung an.
Ja, und hast du denn mal Erzählungen gehört aus Russland so, dass du dir
das Leben da ein bisschen vorstellen kannst?
Ja, ich kann mir vorstellen, zum Beispiel, als meine Eltern, die haben ein
neues Haus gebaut, und dann sind halt sofort Deutschland rübergefahren.
Und was ich total faszinierend finde, die haben wirklich gebaut, und die haben
in der Zeit nicht schlecht gelebt, ne. Und trotzdem sind sie halt nach
Deutschland halt (2) ja rüber gewandert, oder so. Übergesiedelt. Woran, also
von den Erzählungen kann ich mir einfach so vorstellen, na ja, das ist
übertrieben, also das ist so´n älteres Haus. Also ich hab das auch durch
Videoaufnahmen gesehen. Das ist so´n hellblaues Haus, außen gestrichen.
L Ahja.
Is mehr auch äh aus Holz, ich weiß nicht ob das jetzt Holz war, oder.
Mhm.
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Und es ist total große ja hier Zäune und ganz, ganz klein. War überhaupt
L Mhm.
allgemein nichts drin.
Und kennst du dann so´n bisschen die Geschichte der Russlanddeutschen?
Ne.
Ne? Oder was den Deutschen in Russland alles passiert ist, weißt du da was
drüber?
Ja, ich weiß halt von meiner Oma hier, dass halt Christen verfolgt wurden und
wie schwer es für meine Eltern halt war. Also was, letztens saß ich so und hab
einfach überlegt, wie die sich so umstellen mussten, weil die wurden ja verfolgt
als Christen. Und als die nach Deutschland kamen, dass sie dann auf einmal
wirklich frei waren, wie sie damit umgegangen sind. Weil äh bei uns in der
Gemeinde ist es ja total so aktuell, was heißt, das muss aktuell sein, dass man
den Leuten halt von Gott erzählt in der Öffentlichkeit. Und wie sie das auf
einmal auf einmal war es ihnen erlaubt laut zu reden über Gott. Ich weiß nicht
wie sie sich am Anfang verhalten haben, deshalb kann ich die Leute halt als
das bei uns hier rauskam, und beim Straßeneinsatz, und dass äh sie trotzdem
einfach dahinter standen und gesagt haben, macht das. Ganz gut. Ja.
L Mhm.
@2@ Du hast
öfter die Gemeinde angesprochen, spielt das für dich ne große Rolle im
Leben?
Ja, also mir macht, hier Gemeinde, es gibt auch Momente, wo ich da nicht so
gerne hingehe, also allgemein äh mir wurde da sehr vieles beigebracht. Ich
hab durch Leute, die mich halt äh unterrichtet haben. Wovon ich einfach total
begeistert bin, das ist einfach von meinem Jugendleiter, der ist 22 und der ist
wirklich, also der ist im Moment Zivildienst, und ich vermiss ihn total, is mein
Cousin.
Ah, ja. Wie heißt er denn?
Alex Wendler. Er macht das total gut, er ist ein wirklich leidenschaftlicher
Christ und das fasziniert mich. Meine Schwester ist auch voll so drauf. Meine
Schwestern.
L Wie heißen die?
Lina und Olena. Also, das ist wirklich einfach auch das gewesen, dass ich äh
einfach stärker geworden bin, dass ich gesagt hab, ich möchte Jesus folgen.
Also, mir macht Christ-Sein allgemein wirklich Spaß.
L Mhm.
L Ja?
Ja, also mir macht das richtig Spaß. Ich bin das total gerne. Eigentlich rede ich
mehr so lieber darüber, als @überhaupt irgendwas@
Ja, is ja gut. So hat jeder sein Thema. Ähm, wie kamst du denn zu dem
Glauben an Gott? War das auch von deinen Eltern, oder wer hat dich dazu
gebracht? Wurdest du auch so erzogen?
Ich denk schon. Ich mein, ich hab zwar immer, ne das kommt auf mich selber
an, kommt auch von mir aus irgendwie, aber ich denk schon, dass das da sehr
viel von Eltern auch geprägt wurde. Aber halt einfach, dass ich irgendwie
gesehen habe, dass meine Eltern nicht irgendwie gesagt haben: Tu dies, tu
das! Und trotzdem das nie gemacht haben, sondern die haben wirklich
dementsprechend auch vorgelebt. Und äh halt auch hier auch, was Probleme
und so anbetrifft, dass sie einfach auf Gott auch geschaut haben, und was ich
einfach auch dazu sagen muss, dass meine Eltern mir nie was verboten
haben, also das is, sie ham mir beigebracht, was gut und schlecht ist, und ich
L Ne?
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durfte dann halt äh selbst, ich mein jetzt hier Alkohol und Rauchen und so, und
ich durfte halt selbst entscheiden, ob ich das jetzt mache. Und äh also sie ham
immer mit mir darüber geredet und ich durfte halt immer fragen kommen, und
wenn zum Beispiel irgendwie schulische Veranstaltungen warn, wo halt nur wir
Jugendlichen zusammen waren, da durfte ich da immer hingehen. Und ich,
manchmal meinte Mama, bleib doch zu Hause. Aber ich hab gesagt, Mama,
ich geh dahin. Weil das war einfach auch die Chance gewesen wo ich einfach
über Gott erzählen konnte. @2@
Und das ist total
L Ah so. @2@ Ja.
interessant. Einfach, wenn man das so macht, ist es im ersten Augenblick,
irgendwo, man hat Angst, aber die Leute kommen von selber, weil die kennen
dich. Also es macht total Spaß.
L Mhm.
L Mhm. Du hast gesagt, sie haben dir
beigebracht, was gut und was Böse ist. Was würdest du denn sagen, was ist
denn gut und was böse?
Für mich ist gut, äh äh dass man die Menschen einfach, egal wie sie sind,
einfach wirklich versucht zu akzeptieren. Einfach, äh über sie wirklich nicht zu
L Mhm.
lästern, auch nicht hinterm Rücken, oder so, weil ich möchte das auch nicht,
dass man das einfach über mich macht, deshalb tu ich das auch nicht. Ich äh
L Mhm.
denk mal auch, dass das auch nicht nach der Bibel mäßig einfach erlaubt ist,
oder so. Ja, und böse ist für einfach auch, jemand einfach verletzen. Ich denk
L Mhm.
ma das is für mich einfach, is mehr so das Gefühlsmäßige, ja so. (5) Ich hab
L Mhm.
total gute Eltern, muss ich ehrlich sagen. Ich schwärm überall davon.
L Ja?
L @Echt?@
Was findest du so gut?
Also, ich, ich hab einmal so´n Moment gehabt, wo ich von Mama einfach nicht
gesehen habe, dass sie mich liebt. Dass ich einfach gedacht habe, dass ich zu
wen-, dass ich einfach zu wenig Aufmerksamkeit von ihr krieg. Sie hat immer
gesagt, tu dies, tu das. Und ich hab nie gesehen, dass sie zu mir gesagt hat,
danke, oder: du hast es toll gemacht. Und äh, meine Mama ist auch irgendwo
so gewesen, dass früher, es wurde auch so gesagt, äh, wenn du jemand
Komplimente gibst, dann wirst du automatisch stolz. Und es ist jetzt
L Mhm.
auch irgendwie so die Mode, sag doch, sag doch, sag doch, dass du gut
aussiehst, sag doch, dass du das toll gemacht hast, und so. Und ich versuch
das auch schon, weil ich möchte das haben, und ich versuch das auch
anderen Menschen schon zu sagen. Und in dem Moment einfach, wenn ich
L Mhm.
das dann sage, seh ich das einfach auch, dass das dem Mensch total gut tut.
Weil sie das einfach, manche kriegen das nicht viel und ich weiß auch, dass
L Mhm.
sie das viell- gl- hinkriegen oder nicht. Und, äh ich hab da so´n Moment
gehabt, und ich damit richtig lange gekämpft und ich hab gebetet und ich hab
auch mit Lina geredet und Olena, das hat mich total geistlich fertig gemacht.
Und dann ähm ist ein Punkt gekommen, das hat meine Schwester dann
angeschnitten, weil die war auch dann in dieser Verfassung @gewesen@,
aber das war bei ihr so´n Ausbruch gewesen. Und sie ist dann weggegangen.
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Welche Schwester war das?
Olena. Bevor sie halt zur Bibelschule weggegangen ist. Ähm, red ich zu
schnell?
Nein, das ist gut. @2@
Bevor sie halt zur Bibelschule weggegangen ist, ähm also hat sie sehr viel zu
Hause gemacht, weil, sie hat gesehen, dass wir bauen, und sie wollte das
dann irgendwie schon ein bisschen ausgleichen, weil sie ist weg, und wir
müssen das jetzt halt machen. Und sie hat sehr viel zu Hause auch gemacht,
sie hat alles eingepackt auch schon, was man einpacken kann. Mama hat ihr
trotzdem jeden Tag gesagt: mach das! Aber sie hat ihr nie irgendwie gesagt:
du hast es gut gemacht. Und das, sie war fertig gewesen, da hat sie das
angeschnitten, und dann ist sie weggegangen, da hab ich Mama einfach
gesagt: Mama, hier und so, und ich möchte, dass ihr auf mi- Ich hab, ich hab
nicht geweint, ich war richtig, mach, ich hab das total vom Herzen gesagt.
Und äh ich bin dann runter gegangen zu Papa, ich sag, Papa, ich hab Mama
das gesagt, was ich ihr sagen wollt. Und er so, und was macht sie jetzt? Ich
so: sie @weint@. Und dann is er hochgegangen zu ihr, und sie hat richtig
geweint. Und äh (3) und dann, als wir später mit Lina darüber gesprochen
haben, hat sie gesagt, du hast Mama total verletzt. Irgendwo ganz tief, nicht
so, dass sie so nachtragend ist, einfach so innerlich. Und ich hab einfach von
dem Augenblick an angefangen zu sehen, wo sie mir ihre Liebe zeigt. Zum
Beispiel wir haben ja Arbeiter gehabt, und die haben bei uns gewohnt, und
ähm sie steht morgens auf, vier Uhr, fünf Uhr auf und macht uns das
Mittagessen, bevor sie zur Arbeit geht, Das kam, das war für mich
selbstverständlich. Aber welcher normale Mensch würde so früh aufstehn und
das Mittagessen machen. Dann ähm wie sie den Tisch einfach gedeckt hat,
L Mhm.
einfach in jeder Sache, die da aufm Tisch stand, sei es Gebäck, sei es Brot,
oder hier dieser Aufschnitt, das war einfach wirklich mit sehr viel Liebe
gemacht worden, und ähm Mama ist mehr so´n Typ, das durch Taten einfach
ihre Liebe auch zeigt. Und das hab ich halt angefangen auch ähm dann zu
sehen und sie einfach mehr äh ja zu lieben, sag ich mal, zu akzeptieren. Und
L Mhm.
einfach auch irgendwo ist der Wunsch auch gekommen, einfach auch
gehorsamer zu sein. Ich muss sagen, ich bin nicht @wirklich gehorsam@, ich
hab @total@ das Problem damit, aber ich möchte das verändern. @2@
@2@ Wie alt bist du jetzt?
Ich bin siebzehn.
Siebzehn.
Ja. Und dann, also es ist noch nicht ganz zu Ende die Geschichte. Dann war
eines Tages, ich weiß nicht, hab ich einfach den Wunsch gehabt, war ne
zeitlang, einfach ihr zu sagen, wie wertvoll sie ist, und dann ähm (2) bin ähm
ich zu ihr, nein nicht zu ihr runtergegangen, wir waren beide im Keller, und
ähm ich irgendwie, na, du machst das jetzt einfach, ich war total aufgeregt
gewesen. Weil ich sag das nicht oft. Und ich bin zu ihr hingegangen und hab
ihr einfach gesagt, was für ne Mama sie ist, und wie toll ich das finde, was sie
einfach ähm tut, und dass ich das einfach nie gesehen habe, wo sie einfach
mir ihre Liebe zeigt. Und ähm sie hat mich dann einfach in den Arm
genommen und hat geweint. Ich fand das so toll, ich fand das so toll. Bin ich
zu Schule gegangen, und jetzt wo ich Moment habe, wo ich mit jemand rede,
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A2:
und die haben wirklich alle Probleme mit ihren Eltern, sogar jetzt noch
schlimmer, weiß nicht, ist mir noch nie so aufgefallen, die haben alle Probleme
L Mhm.
mit Eltern. Halt auch mit, die Töchter mit ihren Müttern, und sie wollen wirklich
auch mehr Aufmerksamkeit. Echt, das is, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, warum
das so gekommen ist, doch glaub ich, dass ich Menschen dadurch einfach
helfen kann. Ich meint auch so, das sagt doch mal euren Müttern, sagt doch
mal „Dankeschön“ für das Essen, sagt doch, das es lecker schmeckt, oder
ähm einfach, ich hab den-, aber ich denk auch, dass man es zum Beispiel
auch so machen könnte, dass man irgendwie der Mama sagt, so, geht weg,
ich mach das ma fertig, weil man dadurch auch, man soll ja Liebe auch durch
Taten zeigen, nicht nur durch Worte. Ja, ich liebe dich, und dann kommt nichts
hinterher.
Ja, das ist total wichtig.
Ja, ich arbeite noch,
L Mhm.
L @2@
Ne schöne Geschichte.
ist noch nicht zu Ende.
Ja, aber du hast eben bei der Geschichte gesagt, dass du zu deinem Vater
gegangen bist und ihm das erzählt hast. Ne, dass du deine Mutter
angesprochen hast. Was würdest du denn sagen, hast du zu deinem Vater ein
sehr enges Verhältnis?
Ähm, (5) Ich weiß nicht, aber ich bin damit zufrieden, muss ich ehrlich sagen.
Ich hab kein e-, ich würd nicht sagen, dass es-, O.K., wenn, wenn ich
irgendwelche Probleme habe, und ich überleg so, ich kann zu ihm hingehen
und ihm das sagen, und er wird mir helfen. (3) Zum Beispiel hab ich auch en
Problem gehabt wegen einem Jungen. Da hab ich gesagt, Papa, was soll ich
machen? Er so, Ada, guck dir das so an, Ada, du bist erst siebzehn Jahre, und
hier und so. Und dann hat er mir das schön alles ausgelegt, und äh O.K., ist
gegangen. Dann hat ich auch ma wieder so´n Problem, ähm ich hab total en
großen Wunsch gehabt, und ich wollte das, ich wollte das haben, dann hat er
für mich gebetet, und das war richtig toll gewesen. Das war, mein größter
Wunsch war es einfach, den Heiligen Geist zu bekommen, und ich war ähm,
meine Freunde hatten den alle schon, und die ham mich natürlich auch
angespornt und so. Und dann hab, und ich hab auch zu Hause viel gebetet,
und hab ich, ich wollte den einfach haben. Ich bin zu Papa runter gegangen,
dann hat er für mich halt gebetet, das war jetzt nicht so: Bekomm ihn einfach,
sondern einfach so, dass ich Geduld habe. Das war ganz, ganz viel, einfach,
er ist er ist nicht so´n gefühlsmäßiger. Ich denk, was mich einfach so ihn lieben
lässt, ist einfach so die starke Schulter. Er ist einfach derjenige, der wenn ich
mal Liebe brauche, oder so einfach zwischendurch, er sitzt manchmal so,
komm ich einfach und lege mich einfach in seine Arme, dann hält er mich fest,
und dann geh ich. Das ist einfach das, was mich, weiß ich nicht. Ich weiß
L Mhm.
einfach, dass das nicht jeder hat, und ich schätze das total.
Mhm. Mhm, ja, (4) wer von beiden, deine Mutter oder dein Vater, wer hat euch
denn hauptsächlich erzogen, was würdest du sagen?
Na, weiß ich gar nicht. Ich würd sagen, meine Geschwister. Ja, würd ich
L @Ja?@
sagen, ich würde was, was so, ich kann mich auch an Momente erinnern, wo
Mama, Papa, weil ich zu Mama so war, dass er einfach gekommen ist, sauer,
weil ich so zu ihr war. Aber im Grunde genommen ham mich meine
Geschwister erzogen, Lina und Olena, wirklich. Weil ich hab auch manchmal
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so Momente gehabt, wo ich gesagt hab, Mama liebt mich nicht, da war ich, ich
weiß nicht mehr wie alt ich da war, dreizehn, vierzehn, ich wollt auch nicht
mehr leben und alles Mögliche. Da hab ich mich auch versteckt. Ich hab
gesagt, ich mach meine Augen zu und dann werd ich nie wieder aufwachen
und so. Also, total schlimm. Und dann warn halt meine Schwestern für mich
da,
und die sind dann mich suchen gegangen, also es war Olena gewesen
L Mhm.
zu dem Zeitpunkt, also ich hab, ich hab, also es ist nicht so, dass ich zum
Beispiel äh irgendwie nur mit Olena, hat wenn es mir schlecht geht, bin oder
so, auch mit Lina, abwechselnd, jetzt im Moment ist es auch Olena, obwohl sie
weg ist. Weiß ich nicht. Ich weiß einfach, dass ich zu ihr gehen kann, oder zu
ihr, beide werden mir helfen. (4) Auch schulmäßig, das ham sie alles, einfach
L Mhm.
sie mitgekriegt. Also ich hab total äh viele Probleme gehabt wegen der
L Mhm.
Schule, das heißt nicht Probleme, ich hab da immer Schiss gehabt, ich hab
eigentlich en Hauptabschluss, was heißt Hauptabschluss, Hauptempfehlung
L Mhm.
und bin damit auf Realschule gegangen. Und ich hab Englisch-Probleme
gehabt, Mathe-Probleme und überhaupt so. Ich habe äh, ich muss sagen, ich
hab echt viel gelernt, im Nachhinein, meine Güte, hast du gelernt, und dann
kamen immer nur vieren und fünfen, das war total deprimierend. Trotzdem
waren die halt immer da, oder kurz vor der Arbeit, immer früh aufgestanden,
noch mal kurz durchgelesen, da lag manchmal n Zettelchen hier und da: Ich
denk an ich. Wird für dich beten. Und das hat einen immer total aufgebaut. Ich
hab auch so einige da-, ne ein Zettel in meiner Bibel liegen, einfach was die
mir dann halt aufbauend aufgeschrieben haben und so. Man wusste halt
einfach, die haben sich dann auch interessiert, was hast du bekommen, waren
auch bereit zu helfen und alles zu tun, damit ich eine gute Note kriege.
L
Mhm. Also, da hör ich irgendwie raus, eigentlich, also findest du es gut, du
hast ja neun Geschwister, ist ja eine sehr außergewöhnliche, sehr große
Familie, bist du zufrieden damit?
Ja, ich bin zufrieden. Weil ähm, meine Eltern keine Lieblingskinder haben, und
ich weiß auch nicht, wie man mit neun Kindern, weiß ich nicht, jetzt im
Nachhinein, wenn ich, weiß nicht, ob ich jetzt älter werde, einfach so, wenn,
wenn ich jetzt das Bewusstsein kriege, neun Kinder, das is ja ziemlich, guck
mal meine kleine Schwester, ich muss die eigentlich erziehen. Das ist total
L Ja?
schwer. Meine Eltern sind, ja das ist eher, die sind schon klar sind die mehr
so, ja hier, ist nicht mehr so das Wahre, und jetzt muss ich einfach hinterher.
Auch was Schule betrifft, das ist total schwer. Erziehung ist total schwer.
@1@
Ernsthaft, das ist richtig schwer, also ich weiß nicht.
Und hat dir jemand gesagt, dass du für die Erziehung deiner kleine Schwester
zuständig bist? Oder hast du dir das selber so gedacht?
Ach, das war irgendwo ja, Lina und Olena haben das so, jetzt bist du dran.
@Ja, sie@ haben dich erzogen und @1@ du musst jetzt die Edith, so heißt
L Ja.
sie, ne,
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L Ja, Mama hat auch nicht Zeit gehabt, die war auch immer hier, hier
auch hier ständig, wir ham ständig hier auch Leute gehabt, früher, jetzt nicht
mehr so viele, wo mein Vater selbstständig war und das war auch grad der
Anfang, und das war total schwer, denk ich, für meine Mama. Ich krie- hab das
so nicht mitgekriegt. Allgemein, krieg ich was Firma so betrifft, gar nichts mit.
L Mhm.
Ich find das auch gut. Meine Schwester meinte auch einmal, sei froh, dass du
da nichts mitkriegts. Ja, ich kriech hier gar nichts mit und bin total
ausgeschlossen aus der Familie. Die so: Ada, sei doch froh, ich würde so
gern gar nichts wissen, so und du sei froh, dass du da bist. Ernst, aber ich
L @1@
denk mal, dass ich das mit Edith hinkriegen werde. Ich denk ma schon.
Was willst de ihr denn beibringen?
Also ich will ihr beibringen, dass Schule wichtig ist. Ich will ihr beibringen, dass
sie ab der 5.Klasse anfängt, Englisch zu lernen, Mathe, und alles einfach. Ich
war Mathe C-Kurs und äh Mathe C-Kurs und Englisch C-Kurs und bin auf die
Realschule gegangen, und ich hab durch Nachhilfe das nachgeholt. Und, äh
die brauch das danach nicht machen, was ich, dass ich ständig da geheult
habe und alles Mögliche. Das bracht sie dann einfach nicht. Und, ja, ich
möchte ihr auch beibringen, einfach, was Gott betrifft. Ich mein bei anderen
Menschen gelingt es mir irgendwie besser als bei ihr, weiß ich nicht. Ich hab
gedacht, Ada, du erzählst anderen so von Gott und alles Mögliche, aber was
ist mit deiner Schwester? Und ich weiß nicht, ich hab ich hab in ihrem Alter,
ich denk immer, Edith, du bist zehn Jahre, und du, sie will keiner, ihre
Freundinnen sind dreizehn, vierzehn, und die will so sein wie die. Und das
geht nicht, die ist erst zehn, und das wird ihr total schwer fallen, weil wenn die
dann ähm dann halt mit den Jugendlichen halt weg sind, muss sie zu Hause
sitzen, obwohl sie schon im Kopf halt so ist wie die. Und die ist total schon so.
Ich sag auch immer, Edith, du bist zehn, und sie sagt, Ada, es ist O.K., die
Kinder sind jetzt älter. @4@
L @3@ Ja. Musst du auch manchmal mit ihr
schimpfen?
Ja, muss ich. Aber ich tu das manchmal schon, weil das zuviel ist. Manchmal
L Ja?
weiß ich, dass ich das einfach nicht machen sollte, aber ich tu´s trotzdem weil
das zuviel ist. Sie hat gestern um halb elf ihre Hausaufgaben gemacht. Ich
krieg zuviel, um halb elf. Ich hab gesagt, Edith, du wirst morgen im Unterricht
schlafen. Oh, Mann. @1@ Aber irgendwo bin i auch Schuld gewesen, weil ich
nicht da war, als sie die einfach Hilfe brauchte. Aber sie hätte das trotzdem
irgendwie (?) @1@
Hast du denn das Gefühl, dass du allein für sie verantwortlich bist?
Nein, ich hatte das Gefühl am Anfang gehabt, total, als- . Ne, das kam für
L Nein?
mich so: bumms. Weil auf einmal hat sie zu verstehen begang- angefangen zu
verstehen, einfach so viele Dinge, und so. Das war einfach so, pf. Aber dann
jetzt Lena ist ja noch da, wenn ich absolut keine Ahnung mehr hab, sie ist
einfach noch da und sagt, Ada, ruhig, still, nichts sagen. Oder wo die einfach
auch sagen, Ada, versuch einfach auch gar nichts zu sagen, wenn sie dich
irgendwie fertig macht. Ich versuch das und ich merke das. Dann kommt da
mal so´n Wort und dann guckt se mich an. So, was kommt von mir. Dann denk
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ich mir, was soll ich jetzt sagen. Soll ich was sagen, oder soll ich ruhig sein?
Oder hinter meinem Rücken, ich merke das nicht. Ah, ich war genauso.
Ja?
Nur noch schlimmer, ich glaub, ich war noch schlimmer.
Ja?
Ja. Schlimmer.
Und ähm ham deine Eltern dich dann auch bestraft manchmal?
Oh, das weiß ich gar nicht, weiß ich gar nicht.
Und ähm machst du das bei Edith, bestrafst du sie dann auch?
Inwiefern?
Ja, weil du gesagt hast, du schimpfst mit ihr, ne? Wenn sie dann trotzdem
manches nichts so macht, obwohl du ihr das so sagst? Wie reagierst du dann?
Ich gib einfach auf. Ich lass es einfach. Weil sie sollte zum Beispiel einmal
draußen fegen und sie hatte kein Bock dadrauf gehabt, bin ich ein Tag
hinterher gelaufen, zweiten Tag und dann hab ich das selber gemacht, und ich
weiß auch nicht, ob das richtig ist. Im Nachhinein hab ich gedacht, warum
machst du das? Oder manchmal ähm soll sie das machen, und dann sagt
Mama, ich soll das dann machen. Und ich sag, Mama, sie muss das machen.
Und dann wieder und, und obwohl Mama, obwohl Mama nicht Recht hat, hat
sie trotzdem Recht, du musst das machen, weil du gehorsam sein musst. Ja,
und ich weiß nicht. Ma gucken, was (2) Ich kann das nicht, ich bin erst noch
dabei, weiß ich nicht.
Klar, du bist siebzehn Jahre alt. @1@ Dann erzieht man ja normalerweise
noch kein Kind. Wieviel Kinder willst du denn mal später haben, oder wie
stellst du dir eigentlich so deine Zukunft vor?
Mhm,
L Willst du überhaupt Kinder? Ich hab das jetzt einfach vorausgesetzt. Es
kann auch sein, dass man keine möchte, ist auch O.K.
Also, ich weiß nicht, wie viele Kinder ich haben möchte. Ich weiß nicht, ob ich,
ich bin letztens, (?) Keine Ahnung. (3) Ja, ich weiß es nicht.
L Willst du denn
überhaupt welche haben?
Ja, ich will schon welche haben, aber ich weiß nicht wie viele, (2) keine
Ahnung, vielleicht komm ich irgendwann noch man zu dem Zeitpunkt, dass ich
sagen kann, drei, zwei, eins oder so.
Ja, (4) und so beruflich hast du gesagt, möchtest du Erzieherin werden?
Nein, nicht Erzieher, ich will überhaupt mein, mein als, irgendwann mal wollte
ich Arzt werden, dann hab ich gesehen, geht nicht, realistisch, dann hab ich
gesagt, Sozialpädagoge, und ich bin so vieles gegangen, Papa, Papa hat en
eigen- eigenes Firma und dann wollt er, dass ich Steuerfachangestellte werde.
Und ich hab mich auch schon wirklich, so Steuerfachangestellte, hab ich auch
schon damit abgefunden, Praktikum gemacht und O.K. alles, und dann hab ich
auf einmal ne fünf in Mathe gekriegt, hab ich gesagt, oh, Abschlusszeugnis.
Und ich muss ehrlich sagen, ich habe gebetet, ich hab gesagt, Gott, was
möchtest du, was ich machen soll. Und dann kam die fünf auf´m Zeugnis, da
war ich fertig. Ich hab so ne sch- Zeit hinterher mir, ich hab gesagt, manche
Leute wollen lieber noch zehn sein, ich bin froh, dass ich siebzehn bin. In die
Zeit zurück, ne, nie wieder. Und ähm und dann stand ich und ich hab, ich
wollte ein Jahr noch eine Schule besuchen, wo noch mehr auf rüberging, hier,
also halt Mathe, was heißt Mathe, ja halt Mathe, Steuerfachangestellte und
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Büro und alles Mögliche. Und dann konnte ich diese Schule nicht besuchen,
weil ich ne fünf habe. So, nein, nicht deswegen,
L Mhm.
weil voraussichtlich ich keinen Realabschluss kriegen sollte. So, dann mit
L Mhm.
Lehrer geredet, dann hat die Lehrerin mit dem Lehrer geredet, ich sollte noch
ne zweite fünf kriegen, und ähm, ich hab gedacht, warum, ich die ganze Zeit
so durchgekämpft, die ganze Realschule durch und dann jetzt sollt ich nen
Hauptabschluss kriegen., ich hab gedacht, ich krieg zu viel. Und auch zu
Hause gebetet und, und, und meine Schwestern hier. Und dann kam n
Wunder, Lehrer hat mir gesagt, er gibt mir ne vier, obwohl ich ne fünf kriegen
sollte, das war richtig, das war korrekt, das er mir ne fünf gibt. Und mir wurde
auch vorher gesagt, Ada, wenn dieser Lehrer dir ne Zensur gibt, dann bleibt
das, du brauchst gar nichts tun, das bleibt. Der hat mir ne vier gegeben. Ich
fass es nicht. Weil ich wusst so, wenn du keinen Realschabschluss kriegst, ich
hab gesagt, ich mach meinen Realabschluss, egal wie, dann müsst ich
irgendwo zwei Jahre meinen Realabschluss machen, oder sitzen bleiben.
Sitzen bleiben wurde mir nicht empfohlen, weil ich, wegen den Lehrern,
gleiche Lehrer wieder und alles Mögliche. Und ob ich das überhaupt auch
schaffen würde, würde wieder fraglich sein. Dann hab ich meinen
Realabschluss gekriegt, da war wieder der Himmel offen, und ich wusste, jetzt
nicht was. Was soll ich jetzt machen. Ja, und dann hab ich mich in einer
Schule an- ja pf Schule angemeldet, und ich wollte Sozial, die haben gesagt,
sie haben gar kein Platz mehr, sie stecken mich in Hauswirtschaft. Hab ich
geguckt, so dann kann ich bestimmt als Springschüler raus und kann, das ist
meistens so, dass welche nicht kommen. Ja, und dann, ja weil ähm dann
wollte ich, ich hab dann, bin dann zum Arbeitsamt gegangen, hab mir die
Berufe angeschaut, mir das zu Hause einfach so durchgelesen, hab mich
dann für Diätassistentin entschieden. Dann ähm hat sich auch sehr vieles gut
angehört, ich wollte halt mehr nich Küche gehen, halt mehr so mit Leuten und
ähm, so, ja und dann, im Nachhinein, hab ich gesagt, nein, weil mein
Schwager der ist Altenpfleger, der hat mir das auch total abgeraten. Also,
warum müsst ihr euch eigentlich immer so Berufe aussuchen, die (1) keine
Ahnung. Und dann ähm, ja und wie kam ich jetzt auf Sozialassistentin? Dann
hab ich das irgendwo gehört, einfach nur dieses Wort. Sozial- ich hab,
irgendwas mit Sozial hab ich, einfach nur irgendwas mit Sozial hab ich gedmit Menschen, ist mir egal was. Dann ähm, meinte Lina so, möchtest du mit
alten, Kindern oder jungen Leuten arbeiten, Ada, du musst dich entscheiden.
Ich hab überlegt, ähm, ich denke mal mit Jugendlichen. Eigentlich, mein
größter Wunsch ist es einfach irgendwo Menschen, die kaputt sind, richtig
kaputt, ich möchte irgendwo n christliches, ich weiß nicht wohin, ich weiß
nicht, ob es so was überhaupt gibt, ins christliche, einfach den Menschen den
Menschen einfach dadurch zu helfen, dass ich denen einfach von Gott
erzähle, und dass sie dadurch einfach Errettung finden. Wo die ihre Sorgen
einfach ablegen können, das ist mein größter Wunsch. Und, ja und ähm da
hab ich im Internet geguckt, dann hab ich ein paar Schulen geguckt nach
Sozialassistentin, ähm, dann hab ich auch für mich beten lassen in der
Jugendstunde und dann kam ähm mir so´n Gedanke, jetzt im Nachhinein weiß
ich einfach, dass kam deshalb, weil die für mich gebetet haben. Und dann bin
ich, geh zum Berufsberater, und frag ihn was, überhaupt mit Sozialassistentin,
ob du damit überhaupt Chancen hast, oder was du überhaupt für Aussichten
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hast, und ähm ich bin gegangen, und ähm ja, es war sehr gut, der Mann hat
das sehr gut gemacht. Er hat dann mir halt schön aufgemalt, was ich für
Richtungen hab mit Sozialassistentin. Ich wusste gar nicht, was ist das
überhaupt. Hab da jetzt irgendwas entschieden und ich weiß gar nicht was das
überhaupt ist. Er so, du arbeitest dann halt mit Kindern, du bist die zweite Kraft
hat von halt Erzieher und er so, wenn du das vielleicht nicht möchtest, dann
kannst du auch weitergehen, irgendwie hat er mir das aufgemalt, ich weiß es
jetzt im Moment nicht, muss mir da nochma angucken. Ja, und dann hab ich
gedacht so, dann geh ich erstmal zwei Jahre, und mach Sozialassistentin, er
meinte so, und auch während dieser Zeit, kannst du einfach gucken, vielleicht
kommt dir in der Zeit irgendwie Idee, dass du vielleicht eher medizinisch
gehen möchtest, pflegerisch oder vielleicht doch Diätassistentin oder
irgendwas, oder dass du auf einmal denkst, das ist überhaupt nichts für mich,
sondern eher Kunst, also der hat das total gut gemacht. Er hat gesagt, ich soll
mich nach einem Jahr bei ihm wieder melden, und also total gut geholfen, hab
ich nie erwartet.
Und jetzt bist du schon dabei, in der Ausbildung?
Ich bin nicht in der Ausbildung, nein, ich mach dieses Jahr ein, ich hab mein
zehnte Klasse beschlo- abge- beendet und jetzt mach ich diese
Hauswirtschaftsschule, also, ein richtig verlorenes Jahr, nennt man so was, ja.
@1@ Und danach willst du die Ausbildung machen?
Ja.
Ma gucken.
L Ach so. @1@
L Und ähm war das für deinen Vater nicht, war das
O.K. für ihn, weil er wollte doch, hast du eben gesagt, dass du
Steuerfachgehilfin wirst?
Das war katastrophal gewesen.
Schrecklich gewesen, ich hab jetzt
L Echt?
einfach den Mut dazu gekriegt, Sozialassistentin zu werden, das ist mein
größter Wunsch, dass sozial mit Menschen irgendwie zu arbeiten. Weil ich mit
ihm darüber gesprochen habe. Meine Schwester, mein Olena, die ist
Bäckereifachangestellte und Papa hat auch sie halt, Büro und so. Und das war
schlimm für sie gewesen, sie hat gesagt, sie hat alles, ihr war alles egal, ihr
war egal was, bloß nicht Büro, sie hat auch ein Jahr Pottgraben besucht und
so, also halt auch so, beruflich dann und so, und dann ähm, hat sie hat die
Bäckerei gemacht. Und für Papa ist das ein total niedriger Beruf.
L Was?
Niedriger Beruf, was heißt niedriger. Seine Kinder, und und ähm die sind viel
besser, ich hab einfach auch durch ihn, dieses Realabschluss geschafft, weil
er an mich geglaubt hat. Ja, und der hatte natürlich auch seine ganzen
Vorstellungen jetzt, dass ich arbeiten werde und so. Und dann hab ich gesagt,
ich mach das nicht, ich br- ich mach das nicht. Und dann hab ich mich total
versagt gefühlt, total. Und dann hab ich ihm gesagt, Papa, is so, wenn ich jetzt
diese Berufsrichtung geh, ich hab gesagt, Papa, ich geh jetzt Diätassistent,
werdet ihr mich segnen? Ich hab gesagt, ich möchte, dass ihr mich segnet.
Wenn nicht, dann geh ich das andere. Er so, klar segne ich dich. Und hm so,
was war dann gewesen? (4) Ich weiß nicht, wie ich ihm das dann klargemacht
habe. Auf jeden Fall ähm, war ich immer noch nicht zufrieden, hab ich immer
gerutscht und gerutscht, und dann kam das eine, dass ich doch Chancen
habe, meine Mathe fünf doch ausgleichen und halt dann irgendwie doch BüroRichtung zu gehen. Das war so schlimm gewesen, ey. Dann ähm, ich weiß
nicht wie ich dazu kam, und dann hab ich nochma mit ihm darüber geredet.
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Das war abends, bin ich im Keller gewesen. Und er war im Büro, dann hat er
mich gerufen, und hat gesagt, setz dich, wir reden mal. Ja, und dann ham wir
geredet, dann hat er einfach nur von Lina geschwärmt, er ist total fasziniert
von Lina, weil ähm (2) also sie wird nicht bevorzugt, aber sie macht das
wirklich gut, sie ist ähm, sie hat hier ihre Ausbildung schon, dann hat sie sich
weiterbilden lassen, und dann sie macht hier jetzt die ganze SteuerSteuererklärung, keine Ahnung, was sie macht, auf jeden Fall, also macht sie
sehr viel, und solche Leute werden gesucht, und er hat sie zu Hause. Und er
ist total stolz auf sie. Zum Beispiel wollte er zu seinem jetzt Steuerberater
gehen, dann meinte er so, wir gehen zusammen, soll er sehen, wen er
verloren hat, weil sie sollte bei dem ne Ausbildung machen, und die wollten sie
nicht haben, weil die meinten, die schafft das nicht. Weil sie halt auch
Hauptschule besucht hat und so, halt auf Steuerfachangestellte, und will
L Mhm.
das jetzt auf einmal werden und so, überhaupt nicht möglich. Ja, und jetzt will
sie sich auch weiterbilde lassen, jetzt für zehn Monate. Ich dank ma, das ist
auch berechtigt. Dann hab ich auch halt mit ihm darüber geredet. Und er
meinte dann, Ada, geh was du willst. Mach was du willst. Er so, ich so, Papa,
werdet ihr mich denn auch finanziell dann auch unterstützen, er hat gesagt, ja.
Gut, O.k., Weil diese Schule, die ich dann besuchen möchte, kostet halt Geld
und dann Busfahrten kostet auch Geld. Ich hab jetzt einfach den Mut dazu
gekriegt, das zu machen.
Ich fühl mich jetzt im Moment
L Fühlst du dich gut dabei?
gut. Er weiß, glaub ich, noch nichts davon. Er ist jetzt drei Tage weg, oder so.
Ja, @2@. Ja, und deine Schwester arbeitet jetzt da im Geschäft?
Ja, die ist richtig drinne. Und
Ja, die ist seine
L Ist sie dann eine Angestellte?
seine, ähm wie heißt das, Sekretärin. Die macht das auch, macht auch für
meinen Bruder das ganze auch da.
Macht sie es gerne?
Sie macht das sehr gerne, und ich weiß nicht, das würde mir bestimmt
auch Spaß machen, aber ich weiß nicht, vielleicht kommt das noch
irgendwann. Weil Olena hat gesagt, wenn sie wiederkommt, dann macht sie
Büro irgendwas, keine Ahnung, wie sie auf die Idee da kommt. Ich denk, dass
se sich abgekühlt hat jetzt im Moment, und dass sie vielleicht irgendwelche
neue Illusion gekriegt hat.
Keine Ahnung. Aber er hat ihr, zum Beispiel sie
L @2@
ihm das gesagt, und Papa hat mir das selber dann erzählt, dann meint er so,
ich hab nichts dazu gesagt. Also weil ich wollt ihr jetzt nicht, sie dann wieder
unter Druck stellen oder so. Weil sie hat sich richtig lange als Looser gefühlt,
Olena. Weil sie hat nicht das geschafft, was Papa wollte, sie fühlte sich bei
dem total nich äh ähm, sie fühlte sich halt geliebt trotzdem, aber nich dieses
ähm dem is sie einfach nichts. Und das, ich weiß nicht, einmal kam das raus
und er war total schockiert gewesen. Die hat geheult und der war total
schockiert gewesen. Weil er hat sie ständig auch damit aufgezogen: Ja, hier
und auf einmal wumm hast du Bäckereiangestellte gemacht. Und dann meint-,
meinte sie so: Was ist denn da, was ist denn Unterschiede zwischen dem und
dem, das ist doch auch ein anerkennender Beruf, und dann hat sie ihm das
versucht beizubringen, und weiß ich nicht. (2) Ja.
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@1@ Aber du hast schon den Eindruck,
dass wenn ihr so was bei euren Eltern ansprecht, dass das dann auch
fruchtet?
Inwiefern?
So dass sie sich, dass sie euch zuhören und auch versuchen, sich zu
verändern.
Oder sie versuchen, uns zu verändern.
@2@ Das ist die Frage jetzt.
(Mikrofon knattert) (?), dass sie trotzdem ihr Ziel irgendwie haben möchten,
aber trotzdem muss ich einfach dazu sagen, dass sie einfach nur möchten,
dass es uns gut geht, und dass wir nicht schwer arbeiten müssen. Das ist
L Mhm.
einfach der (3) dass sie einfach möchten, dass wir halt Geld haben nicht durch
schweres Arbeiten. Weil das, und er wirklich, er ist einfach der Meinung,
L Mhm.
warum sollen meine Kinder, die sind doch nicht dumm, und oh wie oft kam ich
zu ihm, Papa, ich kann das nicht mehr, ich schaff das nicht. Natürlich Ada, du
bist dumm, du kannst das auch nicht. Und dann hat er mich ständig auch äh
äh damit aufgebaut. Geh weiter, du schaffst das, weil meine LehrKlassenlehrerin hat total nicht daran geglaubt, dass ich das schaffe,
Realabschluss. Sie hat sofort gesagt, die hier mit Hauptabschluss gekommen
sind, kriegen Haupt-, und dann, ich denk ma, dass Papa einfach viel mit ihr
geredet hat auch, hat sie einfach mich akzeptiert total, ah, ich hab so ne gute
Lehrerin, wirklich. Sie war streng, aber auch gerecht. Und sie ist jetzt auf
L Mhm.
L Mhm.
Rente gegangen, und, also total gute Lehrerin, total. Total gut. Echt, ich
vermisse dieses Strenge, ernst. Was, was Schule betrifft, weil in dieser Schule
L Ja?
wird nichts von mir gefordert entweder du machst oder du machst es nicht.
Und wenn du es nicht machst, ist auch pf. Und da war´s hier Stoff Stoff Stoff.
Und ihre Arbeiten, die waren schrecklich gewesen. Boah, umfangreich, aber
es hat sich gelohnt. Ja.
L Mhm. Würdest du sagen, weil ihr seid ja jetzt doch ne
russlanddeutsche Familie, ne? Würdest du sagen, dass ihr euch irgendwie
L Ja.
unterscheidet von den Einheimischen hier?
Keine Ahnung, weiß ich gar nich. Ich denk ma schon, dass wir uns
unterscheiden, auch schon allein, dass wir Christen sind.
Also würdest du sagen, das überwiegt, dass ihr Christen seid, das
unterscheidet euch mehr, als dass ihr jetzt aus Russland stammt.
Ich denk ma schon, das ist auch schon so, weil als Christ bist autom-, was
heißt autom- , du bist so anders, ich mein, du tust auch schon viele Dinge
nicht, die die Menschen halt als normal sehen. (3) Ich würd, ähm ja hier,
dieses tägliche sonntags in die Kirche gehen und dann auch noch mitten in
der Woche, die gucken mich als wenn man vom Mond kommt, oder so. Oder
ja, was noch zum Beispiel. Einfach diese Ehrlichkeit auch. Die können das
L Mhm.
einfach nicht verstehen. Nein, ich weiß nicht, ich denk ma, dass ich dazu auch
nicht viel sagen kann, weil wir halt auch nicht viel mit Deutschen zu tun haben.
Mit Einheimischen?
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S:
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S:
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S:
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S:
A2:
S:
A2:
S:
A2:
S:
A2:
S:
A2:
Ja. (3) Deutsche- wir sind Deutsche, wir sind Deutsche. Ja, Lina hat mir das
letztens erklärt: Oma ist deutsch, Opa ist deutsch, Papa ist deutsch, Mama ist
deutsch, deutsch, obwohl wir Russen sind, komisch. @2@
L @2@
Wie kommst du
drauf, dass ihr Russen seid?
Nein, das ist ja so, weil ich aus Russland komme, ich bin. weil du da geboren
bist, dann bist du eine Russin, aber du bist deutsch, deine Nationalität ist ja
Deutsch. Weiß ich nicht. Muss ma tiefer hinein gehen, um das zu verstehen.
@2@ Hast dich noch nicht so damit beschäftigt?
Ne.
Interessiert dich nicht?
Ne, nich so ga-, also was schon, hier: du bist keine Russin, du bist eine
Deutsche, weißt du, aber im Nachhinein ist mir das egal. Weil ich finde, die
Leute können (?) auch O.K., und ich hab damit nie en Problem gehabt.
Aber trotz allem sind deine Freunde alles Russlanddeutsche?
Ja, weil ich in der Kirche bin.
Und da sind nur Russlanddeutsche?
Ja, sind im Moment nur Russlanddeutsche.
Mhm.
Das ist das einfach.
Und wenn das jetzt einheimische Gläubige wären?
Ich denk ma, das wär kein Problem gewesen. Also, ich kenn jetzt hier Nicole,
die hat sich bekehrt, und die heiratet jetzt auch nen Russen aus unserer
Gemeinde. Kein Problem hab ich damit. Sie wird auch von allen so akzeptiert.
Und, ich mein,
L Sie ist nicht anders?
Nein, ich mein, was sind wir, wir sind alle Deutschland aufgewachsen. Wir sind
so wie sie, außer dass wir halt russisch sprechen. Und sie will, das Problem
ist, die will dann auch russische reden, aber sie kann das halt dann nicht, sie
versteht das dann halt nicht. Weil bei uns ist das schon so, unsere Lehrer halt,
bei uns auch jetzt Bibelschule und so, Bibelkurs wird halt auch bet-. Die sind
auch alle sehr gut ausgebildet und die sprechen halt auch russisch. Also, sie
sprechen halt besser russisch. Eigentlich können sie in Deutsch gar nicht
unterrichten. Und das ist auch so´n Problem im Moment. Wir Deutschen, wa
Deutsch, wir, die wir hier halt jetzt aufgewachsen sind, hier und brauchen was
auf deutsch, weil wir verstehn das nicht. Wenn er, wir haben einen Prediger,
der ist total gut, wenn er auf Russisch anf, eh, der predigt nur russisch und der
benutzt Wörter, ich mein allgemein russische versteh ich, aber wenn er
anfängt da über sein- überhaupt was Gott betrifft, diese ganzen Wörter, die
kann ich überhaupt nicht verstehn. Ich kapier dann wohl n bisschen, uppsa,
jetzt versteh ich wieder was, aber was der jetzt so richtig, also, der geht richtig,
gut auch. Ja, und jetzt wird das auch übersetzt, das geht nicht anders. Was
kann ich denn auch dafür.
Sprichst denn auch noch russisch?
Ja, ja, ich sprech nich russisch, wenn ich nicht muss. Ich, ich weiß, wenn ich
muss, dann rede ich. Oder ich mach das dann auch so, wenn, wenn ich wenn
ich auf Deutsch rede und der mich nicht versteht, dann rede ich automatisch
russisch.
Wenn ich weiß einfach, dass dieser Mensch @trotzdem@ nicht
L Mhm.
gut deutsch versteht, dann rede ich automatisch, ja dann versuch ich deutsch
und russische halt rein zu nehmen. Das mach ich automatisch, ich weiß nicht
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A2:
S:
A2:
S:
(5)
A2:
S:
(3)
A2:
warum. Oder, oder wenn ich weiß, jetzt musst du ganz russisch reden, dann
komm ich manchmal total durcheinander. Und dann auf einmal hab ich alles
vergessen, das war mir total peinlich, ey. Da sollt ich mich mit einem
Menschen unterhalten und dann ähm dann hab ich so getan, als wenn ich kein
Russisch kann. Gut, im Nachhinein merk ich auch, dass ich kaum Russisch
kann. @2@ Aber sonst. Ganz O.K.. Also so was meine Geschwister und so,
da kommen mal so Wörter raus, aber dass ich wirklich so lange Russisch rede
einfach so, das kann ich nicht. Das fällt mir total schwer. Ich
L Ja.
weiß auch nicht ob ich grammatisch auch richtig bin. Es gibt schon lustige
Beispiele, die ich halt sage. Dann wiederhol ich das und dann lachen die mich
aus und so.
Is auch irgendwo lustig.
L @1@
L Ja, wieso nich. Hat man was zum
Lachen. (1) Wenn du später mal Kinder hast, möchtest du denen Russisch
beibringen?
Nicht unbedingt Russisch. Ich kann das nicht. Ich kann das nicht. Ich weiß es
@2@
nicht.
Würdest du es denn wollen, dass deine Kinder noch ein bisschen damit
Kontakt haben mit dem Russlanddeutschen, oder ist dir das egal, sollen die
sich so wie Hiesige fühlen, wie Einheimische sein?
Ich denk mal, ich weiß jetzt nicht wie unsere Gemeinde sich entwickeln wird.
Ich würd meine Kinder auch in die Gemeinde mitnehmen, ich mein, ja, also bei
uns wurde größtenteils russisch geredet, aber dann kam einfach ein Punkt, wo
das einfach durchgesetzt wurde, Leute, die jungen Leute verstehen nichts. Ihr
müsst deutsch predigen. Und jetzt lernen ganz viele halt (1) deutsch predigen.
Und die predigen und dann klappt auch bei denen, obwohl die halt manchmal
Satzstellung und Wörter auch falsch haben, aber er lernt, und das ist und das
sieht, dass der Mensch will, und das macht einfach auch ne höhere Stellung,
und ich finde, möchte schon, dass meine Kinder russisch verstehen sollten,
weil, ja das sind halt englisch, deutsch, russisch, ich weiß auch nicht was noch
kommen wird. Ich find das wichtig, find das allgemein auch wichtig. Weil
L Mhm.
einfach auch weil ihre Eltern halt russisch verstehen, sag ich mal meine
Kinder und so, dass es einfach auch wichtig ist, dass die das auch wissen. Ich
mein, die müssen ja nicht alles wissen, aber die müssen n bisschen schon
verstehen, das find ich wichtig, allgemein, auch so von jeder Sprache. (2) Ich
hab damit noch nicht beschäftigt, deshalb kann ich darüber nicht viel reden.
@2@
Ja.
L Ja, ja, ne, ist auch O.K., ist O.K.. Ist schon O.K. so. @1@ Ja. (1) Ach so,
jetzt noch die letzte Frage. Immer die „Fühl-Frage“. Fühlst du dich als wie ne
Russlanddeutsche oder wie ne Einheimische oder wie ne Russin? Wie fühlst
du dich?
Aber nich wie ne Deutsche. (3) Weiß ich gar nicht.
Und warum nicht wie ne Deutsche?
Weiß ich nicht. (1) Obwohl ich war, ich hab hier in der Schule nur deutsche
Freunde gehabt. Ich mein jetzt, wo ich jetzt in der Schule bin, dann hab ich
mehr Aussiedler, was heißt mehr, schon bin ich mehr mir Aussiedlern
zusammen. Und da, ich war immer nur mit Deutschen zusammen, immer. Von
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Kindergarten auf war ich immer mit Deutschen zusammen. Keine Ahnung
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warum.
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704 Ende der Aufnahme
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1.4 Familie Schwarz
1.4.1 Gruppendiskussion mit Familie Schwarz
Datum:
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15.09.2003
Wohnzimmer im Haus der Familie Mejder
Mutter: Lydia Schwarz (L), Vater: Jascha Schwarz (J)
Kind 1: Daniel Schwarz (D), Kind 2: Andi Schwarz (A)
Großmutter: Rita Mejder (R), Großvater: Mischa Mejder (M)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
(...) Es werden noch einige Einführungen zum Gebrauch der Aufnahmegeräte
gegeben.
S:
Ja, und zwar meine Frage wäre jetzt, also, es soll eine Gruppendiskussion
sein, das heißt ein Gespräch mit der ganzen Familie. Und das kann ruhig ein
lockeres Gespräch sein. Also, sie müssen nicht immer drauf warten, bis ich ne
Frage stelle und sie dann antworten und dann frage ich den nächsten,
sondern wenn jemand was sagt und ein anderer möchte dazu gerne was
sagen oder findet das interessant, kann er ruhig reden. Ohne, dass ich was
sage. Ich muss eigentlich auch gar nicht viel dazu sagen, sondern ich höre
ihnen zu. Und manchmal frag ich auch etwas nach. Und das Thema soll sein,
es soll darum gehen, was sich verändert hat von dem Leben in Russland und
so, wie es jetzt in Deutschland ist. Da hat sich ja einiges verändert, es gibt
gute Sachen und schlechte Sachen und das sehen vielleicht auch die
einzelnen Generationen oder die einzelnen Personen unterschiedlich. Und da
würde ich gerne einmal ihre Meinung dazu hören, was sie meinen, wo die
Hauptunterschiede sind zwischen dem Leben in Russland und dem Leben
hier.
Dazu kann ich nichts sagen.
A:
@2@
R:
Er isch hier geboren.
S:
Stimmt. Ja gut, da kommen nachher noch andere Fragen, da kannst du dann
was sagen.
@1@
A:
Juhuu.
@1@
S:
Hab was vorbereitet für euch.
@3@
L:
Also mir geht das erste alte Beispiel. Dass es äh (3),
Was?
D:
L Ein altes
L ein altes
L:
dass zum Beispiel, (1)
J:
L Nix vorsagen
L:
mein Mann kann es nich verstehn, ich kam
gestern von der Kirche nach Hause, bei mir stand eine Ziege (2) im
@Garten@3@wirklich@.
S:
@1@ Die kann dann im Swimming-Pool sich abkühlen. (3) Und was frisst die
Ziege? Euern Rasen?
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D:
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D:
L:
J:
L:
J:
L:
L Grünzeug.
L Alles.
Von Weitrauben die (2) Blätter.
Wohin willscht du mit die Ziege?
Da gibt’s auch, da gibt’s auch so ein, so ein Tor bei uns, näh, da geht man
durch, da, da die Blätter essen die auch.
Ja, ja die standen ganz
tam leschit
L Vierzig Euro
sechsunddreißig Euro
Ja @natürlich@ ich hatte noch mal @1@. Die
standen ganzen Tag auf dem Flohmarkt, haben Sachen verkauft, was habt ihr
eingenommen? Sechzig Euro, für vierzig Euro haben sie die-, sofort die Ziege
gekauft
L fünfunddreißig (2) ohhhh
L Wir haben no gehandelt, ne, also? Du kannst
das gar nich
L Noch Brötchen machen?
@1@ Und der kann das nich begreifen, dass wir haben zwar ein eigenes
L Hallo, will jemand noch Brötchen?
L Ja
Ja.
Haus, aber das is eine Siedlung, das geht nich.
L Mama, Bienenstich.
Mama, Bienenstich.
Mama, wo gehst du hin?
Noch Brötchen machen.
Nee (1) bleib ma hier.
L Ich will aber auch, lass sie mal machen. (2)
Nu,
Und Gespräch?
erzähl mal weiter.
L Genau.
Bienenstich?
Iss Zuckerkuchen.
Ja, Bienenstich.
Ja, genau das. Das is
Bienenstich.
Nee, Bienenstich is mit Füllung.
Und da meinst du, dass das der Unterschied wäre, in Russland wär das jetzt
nicht schlimm gewesen, eine Ziege zu halten?
Da is alles möglich. Da kannst du machen, was du willst, wenn du in eigenes
Haus wohnst. Da is es deins, und hier? Hast du gekauft und immer noch nich
deins. Darfst nich dies, darfst nich jenes, gar nix darfst du. (2) Und das is für
mich traurig.
Und das fällt ihm so schwer, an diese Vorschriften zu halten, ne? Also, was wir
alles schon gehabt haben, (1) Tauben, Kaninchen, Hühner. (1) Alles.
L Und
Ja, alles nur vorübergehend.
Is schlimm, ne?
L Kampfhähne.
Jaa, man möchte ja auch (1)
in Frieden leben mit Nachbarn, ne? (2)
Mit Nachbarn hat man weniger Stress wie die eigene Frau, ne? Sei mal
L Ja, ich
ehrlich
ich kann nich in ruhig leben, wenn ich weiß, dass die dagegen sind.
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M:
J:
Die sind doch nich dagegen.
L Ach, die waren doch gar nich da. @1@
L Der ersL Die waren
gar nich da, aber in zwei Tagen würden die kommen.
L Mama,
der erste, der gekommen
is, der hat sich nich beschwert, der hat gefragt, ob er die Ziege streicheln darf.
Das sind Kinder (2) gewesen. @1@ Ja klar, Kinder freuen sich ja drüber. Vor
dem Zaun standen bei uns gestern bestimmt was weiß ich wie viel Kinder.
@1@ Freu dich doch, da haben sie wenigstens was zu bewundern.
Ah, das is nich die Thema, ne? Thema is heute nich die Ziege, oder? (1) Ja,
mein Schatz.
Ja, aber das is ja auch (1), ne. Kann man ja Parallelen ziehn (1) zu Russland.
Ist die denn jetzt noch da die Ziege?
Ja, die is bloß bei, (2)
bei Nachbarn auf der Wiese, die haben ein
L bei Nachbarn (1) auf der Wiese
Hab gesagt, wenn ich morgen von der Arbeit komme, bitte die Ziege weg
@1@.
(?) wie ich von der Schule kam.
Und jetzt ist sie gekommen, unsere ähm paar Nachbarn halten ähm, weiter,
die halten Pferde. Und da is sie jetzt auf der Wiese.
Mhm (verneint) bei ständigen (?)
Oahhh, bitte
Und das is für die was ganz Tolles, der is ja aufgewachsen in einem
Selbstversorger- so Haushalt, nä, is was ganz Tolles, Lebendiges zu haben
und nachher das (1) selber zu füttern und nachher das selber zu schlachten.
(1) Das is für die was ganz Tol-, i-, für mich is das unbegreiflich. Da nehm ich
lieber diese vierzig Euro und kaufe mir ein @Schnitzel oder so@ fertig@.
Das schmeckt (?) fertig.
Ziegenfleisch haben wir nie gegessen, wie kommt ihr da drauf? (2)
Hab gehört, dass es lecker is. @1@ Würde da ein Schaf rumlaufen, würde ich
den Schaf mitnehmen.
Da is eben ne Ziege durchgegangen, da musste
L @1@
ich die Ziege nehmen.
Oah, nächstes Mal kommt dir ein Krokodil durch die Gegend oder @irgend
ein@ Elefant
L Genau. Mama, ich wollt noch n Affen haben.
Affen, ja ja.
N ganzen Swimming- n Krokodil- Schuh, Lederschuh.
L @Nein@
Nein. Das is alles nich realistisch.
Du hast doch gesagt, wenn n Krokodil kommt.
Nee. (?)
Was habt ihr denn alles in Russland gehabt, Jascha?
Was mich in Deutschland stört, das is (1) Besuch nach Termine, (1) das is das
Schlimmste, (1) was siehst du Meinungen. Ich darf nich mal meine (1)
Schwester besuchen ohne Termin. (2) Also das (1) unbegreiflich. In Russland
wusst ich überhaupt nich, was das heißt Termin @1@. Has- hab ich Lust geh
ich sowieso.
Is keiner da, geh ich zum
L Brauchst dich nicht einjeladen
L Geh .
nächsten.
Oder, is keiner da, hab ich Pech gehabt.
Und hier? Kommst
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R:
L Ja.
L Ja.
du an, ja du hast dich nich angemeldet, da kann doch nich angehn. (2)
Das is schon bei Russlandsdeutsche auch so.
Ja, aber das kommt ja woher.
Ja,
hier in Deutschland kommt das.
L Ja, weil
Aber in Deutschland isch (1) besser leben wie in Russland. Verschiedene
L Ja, klar. Luxus is hier
Luxus is hier. Gehen um das geh- welche das
Aber ihr könnt ja nich hier leben und Luxus genießen und auf nichts
verzichten, da muss man eben solche Sachen (1) respektieren, wie Termine
L Ja
oder was weiß ich.
L Oder verbinden. Das wär auch nich schlecht.
L Genau, verbinden. (2) Außerdem möchte ich
endlich wieder ein Kaninchen. Das wird ich auch selber von meinem eigenen
L Manchmal geht das gar nich verbinden, weil das eben (1) das Leben is hier
so strukturiert, Arbeit und dann andere Arzttermine oder, was weiß ich.
L Hatten wir auch in
Russland. Nur in Russland brauchst du nich so oft zum Arzt, ne. Da, wenn du
zum Arzt gehst, kriegst du sowieso keine @Krankmeldung, ne, das is
umsonst, krank.@ Hier gehst du zum Arzt, wenn (2) du ne Krankenmeldung
L Und wie war und wie war
brauchst
auf der Arbeit?
Mein Vater hat zwanzig Jahre gearbeitet, einziges Mal zwei Wochen krank
gewesen (1) wegen Mandelentzündung mussten sie entfernt werden. Sonst
Kranksein gibt’s nich. Da gabs keine Kranken. Oder w-, ne, (?) weniger, ne?
Was, was sagt ihr davon?
Gabs in Russland krank geiern?
Was?
Gabs Krankenmeldungen in Russland?
Ja, gibt’s Krankenmeldungen, gibt’s.
Ja.
L Türlich.
L In Russland, gabs
Aber nit so viel wie in Deutschland.
L Also ich weiß nicht.
Ja, gibt’s Krankenmeldungen.
L Dann gehst du in Krankenhaus, sagst du ich bin krank,
da kriegst du nich so einfach so ne Krankenmeldung.
Dort auch nit.
Ja, dort nich. Hier ja.
Hier, (1) dort auch. Er isch gegangen Fieber, Fieber, über sechsunddreißig
schnell, schnell zu- zum Arzt und geh (?) verschreiben.
Ja.
Ja?
Also ich (1)
weiß nich, vielleicht hab ich davon wenig was mitgekriegt, aber
L Stimmt das
Ja, ja, du
bist jung selber noch gewese.
Ja. (1) Ich hab da das nie gebraucht, aber hier. So was von gemütlich. Willst
du nich zur Arbeit, gehst zum Arzt, der sagt (2) erzählst ihm, dass du krank
(?). Is doch nich in Ordnung, oder? (1) Find ich auch.
Hier und da gibt’s Vorteile und Nachteile. Hier gibt’s mehr
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L Was schön is in
Deutschland is, das sind die Autos, ne. Straßen, bisschen sauberer als in
Russland.
L Gehscht du ins Geschäft, kannscht du aussuche, was du willst.
L Ja.
Kannscht du ins Urlaub fahren. (2) Morgen wir fahren nach Türkei.
Ja?
Und danach
L In Russland zwanzig Jahre gelebt, ich wusste gar nicht, was das heißt
Urlaub.
Und hier muss man jedes Jahr Urlaub machen oder zweimal im
L Ja
L Muss
im Jahr. Wie muss man nich? Ja, dann hast du Probleme, Kinder wachsen
man nich.
auf oder, Kinder sehen nix, Nachbarskinder sehen alles.
Es gibt genug Deutsche, die keinen Urlaub machen.
L Ja, gibt’s genug.
L Gibt’s genug in der
Umgebung solche? Erzähl was.
Wer ist das? Einen Nachbar aus
L Gibt’s, gibt
unserer Gegend?
Nein, nein, gibt’s, gibt’s. (1) Jascha, viele.
L Es gibt genug Sozialhilfeempfänger
L Ja, gibt es
Sozialhilfeempfänger, ja, aber das sind schon für mich verlorene Leute. Das
sind, in Russland sind das Pitschi, weißt du. (1) Wie heißt, wie nennt, wie
nennt man das auf Deutsch? (3)
Jemand, was nich arbeiten will.
L Nei-, nein
Ja, was nich arbeiten will. In Russland heißt das Pitschi, ne. Auf Deutsch gibt’s
nich zu übersetzen.
Jascha, wie kannst du so was sagen? Du bist selber arbeitslos, von Sozialhil-,
von arbeitslos auf Sozialhilfe, das ist nicht weiter Weg.
Mein Schatz, was heißt arbeitslos?
L Haben sie dir ein Jahr gegeben?
Du weißt nicht oder was?
Wir suchen ja schon Arbeit.
Ich hab Arbeit, wenn ich will, dann geh ich arbeiten. (2) Nur, so lange ich nich
arbeiten muss, geh ich auch nich arbeiten. Ich hab zwölf Jahre malocht, jetzt
muss n bisschen Pause sein.
So geht das los.
(?)
Und was hat denn deine Schwester in Russland gesacht, (1) wenn du ohne
Termine zu ihr kamst?
Da wohnten wir in ein Haushalt.
Ach so.
Ah, wir haben angerufen. Bei uns is in alle Telefon gewese, haben angerufen.
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J:
R:
L:
R:
Wir hatten gar kein Telefon.
Ah, wir haben gehabt. Alle.
Ja, die haben ländlich gewohnt und wir haben in einer Stadt gewohnt.
L In einer großen
Stadt.
L:
Nowosibirsk is ja riesige Stadt. Und wenn einer, einer wohnt da und der
andere auf de andere Seite,(1) dann muss man schon anrufen. Wir haben alle
Telefon gehabt.
J:
Mhm, wir wohnen ländlich (1) bis zum nächstem is auch zwei, drei Kilometer
(2) und da gingen wir hin und wenn da keiner da is, dann gehen wir eben
zurück. Und ahm (2)
R:
L Messer (1) noch, Messer
L:
Aber ein-, diesen Eindruck hab ich schon, dass man (2) da, wurde, hier is das
Leben irgendwo auch einfacher, ne, durch viele Geräte, auch in der Küche
und was weiß ich was, ne (2) und da is es viel schwerer alles so, ne. Und
A:
L (?)
L:
wenn ich an die al-, Einmachzeit denke vor dem Winter und alles, ne, aber
trotzdem, man hat da Zeit gehabt. (2) Und hier nich. (1) Obwohl es alles schon
ausgeplant ist und planiert und strukturiert. Aber trotzdem, man hatte keine
J:
L Da brauchte man keine
L:
Zeit.
J:
Zeit zum bummeln, (1) Brauchte man nich, weißt du. Zum einkaufen brauchte
man keine Zeit.
(5 Geklapper, es werden Speisen und Getränke gereicht)
R:
Mit wem teilen noch das?
J:
Ich will noch Tee.
R:
Tee, ja.
D:
Ich will (1) im Moment gar nix.
R:
Gleich geb ich auch ganze.
(5 Geklapper, es werden Speisen und Getränke gereicht)
L:
Und das (1) weiß ich nich. Is irgendwo schon Unterschied, ne.
J:
Gewaltiger Unterschied. (3) Jetzt vielleicht nich so doll (1), weil (1) wir sind ja
auch schon (1) fünfzehn Jahre da raus, ne. Als wir da raus warn, also auch in
Dschambul bin ich da über die (1) beim Aroport (?), über, nu, bis über über die
Grenze bis Neumosk (?), durch die (1) hast gestempelt den Pass, und gehst
rein, ne. Ganz andere Welt, da gibt’s alles. Da musst du schon für ne
Schachtel Zigaretten, wer weiß, wie viel (1) Laden umklappen, wenn du so
was kriegst. Hier gehst du rein, stehen die alle parat. Alles, was du willst, so
was haben wir noch nie gesehn. Hier zwei Meter weiter steht alles. O.K., ja.
R:
Rei-, Deutschland is sehr reiche (1) Land. (3)
L:
Russland is auch sehr reich an Bodenschätzen, Ma, aber da muss (1) ein
richtiger (1) Führer kommen und das alles, was die versäumt haben in diesem
J:
L Mein
L:
Jahrhunderten
J:
Schatz, es geht nich. Guck mal hier in Deutschland, die kommen nich mal mit
so einem kleinen Land zusammen, (1) fertig.
L:
Warum nich?
J:
Wa-, was (1) jedes Jahr geht’s hier schlimmer, schlimmer, schlimmer, zwölf
M:
L Ja
L:
L Ja
J:
Jahre
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R:
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J:
L:
R:
L:
(4)
L:
J:
L:
J:
L:
A:
Aber in Russland, du meinst besser?
Welches Lebensstandard haben die erreicht im Vergleich zu Russland.
Ja
Ja, guck mal, wenn das Ru-, äh wenn der Russland nich so groß wäre, wenn
der kompakt wäre, vielleicht so groß wie Kasachstan, dann wär das vielleicht
auch was Vernünftiges. Da i- is so eine große Fläche, da is keine Übersicht. In
Moskau gibt’s schönes Leben, (1) da gibt’s reiche Leute, die sind boahhh.
Familien, die wollen nie raus.
(?)
L Hä, von Mafia so.
Normale Leute, ja, normale Leute wer- arbeiten,
L Normal so dann, jeder, der reich is, is Mafiosi, ne
Konferenzen
L Ja, das stimmt auch. Von
seinem Geld kann man net leben.
Auf jeden Fall, wenn du in Russland ein einfa- ein ganz normaler arbeitenArbeiter wärst ohne Beruf, hättest du dein eigenes Haus nicht gehabt, hier
hast du es.
Wieso hätt ich da kein eigenes Haus gehabt? (1) Mein Vater hatte auch kein
vernünftige Beruf (1), wir hatten ein eigenes Haus
L Ah, wann hat Vater gekriegt
seine Haus?
Hallo, wann Vater hat gekriegt? Mit vierzig Jahre
Und mein- und meine
mit vierzig, ah du dreißig
L Was vierzig, nein, mit vierzig sind, sind wir da weggezogen, kann man
sagen. Als er vier- fünf- fünfundvierzig war, wir sind, ich bin da aufgewachsen.
Zwanzig Jahre hab ich da gelebt. In meinem Haus.
Und hat er das Haus ge- gez- mhm, also gekauft?
L Mit siebenundzwanzig.
Gekauft, selber gebaut. Erst
den Rohbau gekauft und selber ausgebaut. Mein Opa, (1) die hatten noch in
achtziger Jahre sich n Haus in Dschambul gekauft.
L Ah dort Jascha, diese Häuser
nich so wie hier Häuser. Das kann man nich vergleichen.
L Nu ja.
L Da kann man einfach
bauen, da brauchst du keine (1) Vorschriften, hier darf man nicht mit
Schlagbaum, da, Dioxide verschiedene sonst noch was, da sind wir in Schlag
gewohnt, zwanzig Jahre, keine Dioxide, kein Krebs, kein gar nix hat uns
gestört. (1) Hier darf man so was nich machen. Hier musst du teuer bauen. (1)
Anders geht nich. Die Vorschriften sind so.
Ja, das is ja auch (1). Wenn da zwei oder drei Generationen gelebt hätten,
L Ich habe noch Brötchen andere
dann wärs vielleicht was rausgekommen. Hautausschlag oder Krebs oder was
weiß ich was.
Also eigentAlso eins
L In drei Generationen sind wir sowieso alle schhhhh.
Also eins weiß ich, also ich, ich hab noch nie so viele Allergien gehört (1) wie
in Deutschland. Sonnenallergie, wie kann man gegen Sonne allergisch sein,
L @2@
das hab ich nie kapiert.
Blumenallergie
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L:
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A:
D:
J:
Ja, das Heuschnupfen und so was alle, ne. Also, wir haben so was da nie,
also entweder hast du zu trockene Haut (1) @1@ oder @normale Haut@.
Aber irgendwie Allergie oder (1) ham wir nie gekannt.
L Was is das, Oma was is das?
Plätzchen, na verna, Weihnachtsplätzchen. Sehr gut.
L Ja.
Das stimmt. Obwohl hier so (1) viel auf die Umwelt geachtet wird, ne.
Ja?
Die Leute sind irgendwie so (1) empfindlich. Weil ich denke mal,
L Weil, es is so. Ja genau empfindlich,
ich denke mal, weil sie seit Kindheit schon mit Antibiotika, die sitzen so wie
einer unter einer Käseglocke, ne.
Das Kind darf kein
L Willschst du etwas, Tee, Kaffee?
Schnupfen kriegen, das darf gar nichts durchmachen, ne. @1@ Oder wenn
L A patschimu? Oder Fanta? Habe noch Fanta.
hier die türkischen Kinder angucke, ne, dann macht die Rotze fast, fast bis
hierhin, das sieht zwar eklich aus, aber (1) die stehn das durch, ne. Dadurch
L Ja genau
wie bei Michel
sind die vielleicht nich so anfälliger.
Ne?
Ja.
Wer?
Bei Michel.
Desto, wie, wie schmutziger du bist als Kind, so stärker wirst du als
Erwachsener. @1@
L Saugeil.
D:
@1@
M:
Ich weiß ich hab zwei Kinder gehat, die sind gar nit krank gewesen, vierzig
Grad is kalt gewesen in Sibirien. (2) Die sind gar nicht (1) krank gewesen, die
sind immer in die Schule gegangen, s- so richtig (1) alles. Und nicht krank
gewesen. Und so eine Kälte.
D:
L Jannik, Jannik und Jessi, die sind ja oft krank.
A:
Ja, echt.
R:
L Ande-, andere Kinder sind oft krank gewesen. Un- unsere Kinder sind nit
M:
L Jaa.
R:
krank.
Tschakajala. Tak.
M:
Unsere sind nicht, nicht krank gewesen. Und nichts (1) sagen.
D:
Mama war nich krank.
L:
L Abgehärtet. (1) Wie hast du uns abgehärtet?
R:
Ja@1@
Wann sie
sind geboren, de kaljaska (Kinderwagen) die sind nach Balkon, hat geregnet,
sie sind haben sie geschlafen, zwei, drei Stunden.
Auf
L:
L Oahh @1@
@Auf dem Balkon@?
R:
dem Balkon, ja.
Raus, ganze Tag, äh, regnets nit, regnets.
J:
Raus, fertig.
M:
Ja in Kasachstan liegt n-, ein Jahr gewesen, bis (1) haben die gebadet so um
null, was Schweine da gefressen. @1@ Haben die gebadet.
R:
L Ui, ui, bitte, bitte hör auf. Nein, nein, nein.
L:
So eine Zinnwanne.
M:
Eine Zinnwanne, ja.
J:
Wars im Russland denn schön, wir, mussten die, ob wir wollen nich, einmal
am Tage zusammen essen, ne, bei meiner Familie zum Beispiel. Hier kenn ich
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L:
M:
(3)
L:
J:
M:
J:
M:
J:
M:
das (1) gar nich, nur bei seinem Bruder im Saarland. Die kommen da einmal in
Woche alle zusammen.
Ja, die kommen (1) alle zusammen.
Hier, kenn ich keinen, nich aus meiner Verwandtschaft, nich aus ihrer
Verwandtschaft nirgendswo gibt’s so was. Hier find ich totaaal (1) los. Da geht
(1) geht alles, was da zwischen Familie los ist, verloren.
In der eigenen Familie oder mit Geschwistern und so noch?
Geschwister, auch so. (3) Eigene Familie heißt, so lange sie Kinder sein, ne.
Sobald die Kinder aus dem Haus is, die kommen dann immer noch einmal die
Woche dazu, ne. Zu-, zum am Wochenende zusammen essen, ne? Und das
L So ist es, ja.
Find ich sehr gut. Und hier gibt’s so was nich.
Warum, wir essen doch zum Geburtstag und so
Wa- Warum, nit
L Ja zum Geburtstag
zum Geburtstag, zu jede Weihnachte, zu Ostern
L Na, er meint, ja aber er meint dieses
Wir treffen uns bei den Eltern, das
regelmäßig, einmal in der Woche.
L So was wie in im Saarland. (?) Die sind da jedes
meint er.
Wochenende bei meinen Eltern.
L Ja, beim Vater und bei der Mutter, die kommen
alle.
Okay, wenn einer nich kann, aber die anderen.
L Ja, wenn er nich kann, ts
Mann das Gewürzfleisch (?) schmeckt lecker.
Da brauchst du die nich einladen, die kommen sowieso.
Nee, nee, die @brauchste nichts sagen@, kommen oder nich, die kommen
sowieso.
Immer bei den Eltern dann?
Ja.
L Ja.
Oder auch mal abwechselnd?
Nee, bei den Eltern.
L Immer bei den Eltern.
Zwar die, die helfen auch mit
L Immer bei den Eltern.
oder jeder bringt ein Salat oder was weiß ich was, aber die treffen sich immer
L Ja, (1) bringen was mit.
bei den Eltern.
Aber nur die Woche sind die da. Die brauchst de nich einladen, (1) rufen nich
an, die kommen selber. (1) Das weißen die schon.
Ja, das is da so (1) ein Brauch oder was weiß ich, ne.
L Ja, aber in Russland war
es bei eu-, bei fast jeder Familie so.
Also ich kann das, kenne so was
L Weil das
aus Russland. Hier, is auch nit
L Das is bei ihnen, das is dort so gewesen und hier is auch noch
so.
Ja.
Ja. Und da is das alles
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(?)
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A:
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J:
L:
J:
R:
J:
L Ich kenn das aus Russland nich, weil unsere Oma schon
ganz früh hier war. Wir hatten sowieso keine Oma und
L Mit seine Eltern treffen
nu, pf seine Eltern haben ja in Kasachstan gewohnt und in Sibirien und da (1)
L Wir hatten unsre Oma, ich hab, ich kannte
kannte man das auch nich.
noch meine Uroma
Aber bei mir haben sie getroffen immer Geschwister mit Kinder.
Nu ja, aber auch an Feiertagen.
Aber nich jedes
Ja, nur Feiertagen.
Wochenende.
Und Geburtstag und Weihnachten
L Opa
Weil jede hat Familie, jeder rin, jeder arbeitet.
L Opa, deine Eltern haben länger gelebt als Omas, ne?
L Aber nich am Wochenende.
Nu, nich, aber dort is zwei Tage, ich zum Beispiel zwischen Wochenend Tage
L Ja, die haben lang gelebt. Mein Vater is auch fast
frei und Sonntag. A Katja isch zu Hause, (1) ganze Tag.(1) Mit de-, mit de-,
L neunzig geworden.
L Mhm (bejaht) L Ja, ja
mit dem.
Daran liegts auch. (1) Ich muss so wie
L Ja. Daran liegts auch, aber wenn
siebenundfuffzig Jahre schuften, ich komme, ich kann
L Aber in Russland hast du doch nich
Wochenende gearbeitet.
Ich habe gearbeitet im Geschäft. Ja,
Woche Samstag ja, jede Samstag.
L Auch Wochenende?
Wochenende?
L Samstag, aber
nich Sonntag. Jede Samstag.
Jede Samstag.
Haben da die Geschäfte denn offen?
Im Geschäft.
Ja.
Ich habe im Geschäft, ich bin am Sam- Samstag nacht, Sonntag bis vier Uhr
gebacken. Mit den Kindern immer aufsteigen, ich habe Pfannkuchen gemacht,
gebacken. Kind erklären. Immer. Am Sonntag dann ich bin schon müde, weißt
du was? Ich muss vorbereitet Essen, bis wann er nimmt die Kinder von die
Kindergarten. Das Essen muss fertig sein. (1)
Also bei uns in Sibirien war das so, da war ganz normal, dass die Frauen
gearbeitet haben, bei Jascha war das anders, da, wo er aufgewachsen is.
L Oma
Ja, fast alle.
L Da, da waren die Frauen
L Wieso, was heißt mein Jahrgang? Weil ich aus der
Menonnitengemeinde komm, bei Menonniten dürfen die Weiber nich.
L Nein, in Dschambul
Ja, in Dschambul haben die Mädels auch genauso gearbeitet wie auch die
L Nein, Frauen
Ja, Frauen auch genauso.
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L:
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L:
M:
L Nein, meisten haben sie zu Hause. Die, wie ich kenne, alle
sind zu Hause gewesen.
Ja, weil da waren (1) meisten in Dschambul, ne, die Deutsche, ne, entweder
Baptiste, Pedidisiatniki, Pfingstler, Baptisten oder Menonniten, ne. So größere
Gemeinden, die Deutschen, was da waren. Und bei denen, Frauen dürfen zu
Hause sitzen. Nur bei Katholischen, (1) da sollen die Frauen malochen.
Nein, jes- da nit wegen das, weil sie haben
nein, sie haben gehabt
L So ist es
L Müssen (1) sogar
Hühner, Schweine, muss man da äh, in Dschambul is großer Garten gewesen,
stimmt das? Muss man bearbeiten, verkaufen
L Oma, kannst du mir die Sprite geben?
Ah, da sind, wir sind, ich bin sehr zufrieden (1), dass wir sind im Deutschland,
unsere Kinder vor kennen, meine Enkelkinder kennen etw- etwas (1) hier.
Sehen etwas. (2) Wir, bei uns hat fünfzehn Jahre gebraucht, bis, bis wir sind
nach Deutschland gekommen. Fünfzehn Jahre. (1)
Ich habe gedacht immer zwölf oder dreizehn.
Fünfzehn.
L Nein, fünfzehn. Du bisch nur
geboren, wir haben schon zu meine Oma, dann zu (1) zu deine Oma
L Haben wir je-, jedes Jahr haben wir
Aber, Jascha, das hat mit katholisch auch nix zu tun. Wir haben, wir waren,
L Womit hat es was zu
tun?
wir waren überhaupt nicht gläubig da. Das hat mit katholisch
L Ja wot und Gläubige, die durften
dort doch arbeiten, mein Schatz, bei gläubige Leute, mindest- (1) Damen,
L Nein.
Hallo, Dschambul
die durften da nich arbeiten, die haben wirklich nach der Bibel gelebt. In
der Bibel steht: Ein Mann muss versorgen. (1) Und das gilt.
L Nein.
Jascha, du hast, und die Frau hat zu Hause gearbeitet
(spricht etwas auf Russisch)
Dedje Papa? Ja, wot eto ni (?)
L Ja und?
Ja.
I sto
rabotala eto schenschina i net? (972)
Nein. A eto ni snat schto sie sind Baptiste, sie sind keine Baptiste.
Das hat mit Religion nichts zu tun.
L Mit Religion nix zu tun.
Aber auch nicht mit (1) Nowosibirsk und Dschambul, das kannst du mir auch
nicht erzählen.
L Aber du kennst das so aus deiner Familie. So habe ich das gemeint. Dass
viele Frauen zu Hause warn, die mussten gar nicht Garten versorgen, Tiere
L (?)
L Garten
war immer noch Vaterversorgung und Kinderversorgung, Mutter hatte (1) mit
Wäsche zu tun, kochen zu tun, so was.
Ja, und bei uns in der Stadt, da musste, da musste
,ja, da muss nur
L Die hatte keine Zeit zum Arbeiten
Geld rein geschoben werden, weil wir in der Wohnung lebten, ne, und da, da
L Kann nich arbeiten,
war nur vom Geld alles, da musste man arbeiten.
wann die vier, fünf Kühe gehabt haben.
Ja, d-, da brauch die
Frau nur zu Hause arbeiten, hat so (1) Arbeit. Das ist noch schlimmer wie, wie
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M:
R:
M:
L:
L Ja, und viele Kinder. Und keine
Waschmaschine, ne? Und keine Spülmaschine, besonders das nicht. (1) Ja,
L Ja
L Ja, hier
letzte Z-, letzte Jahre hatten wir ne Waschmaschine (1) aber früher (1) als ich
L Ah, wir haben @1@
so war als meine Jungs, da gings immer am Samstag früh los mit, mit dem
Auf-, Sonnenaufgang, @1@ weil ganzer Abend voller Wäsche @1@. Und
dann
L Und dann hat man geweint (? Erzählt weiter)
Koldelal, Daniel (2) willscht du etwas?
Ja, ich will ein
(?)
Plunder
L Was?
L Hä
L Blunde? Mhm, russisch (?), ich habe
noch Plätzchen solche.
Wie würden, was würden sie denn sagen sind die Unterschiede (1) vom Leben
in Russland und jetzt hier in Deutschland?
Ja, in Deutschland gefällt mir´s besser. Ja.
Und wieso?
Nu ja (1), is keine Kälte. Und ich hab immer im Straßenbahn gearbeitet, da
kommt einer rein und der andere raus und ich muss unten drehn. Die Hände
frieren zusammen, ja, die kann sich gar nicht mehr aufmachen. Die Ohren
zweimal abgefroren (1) Menschen zu hieso (?) einer Kuh (2) und (1) so is
L @1@
Lebenswiedlich (?). Ja, mir ham ja nich so arch schlecht (1) gelebt, aber das
Essen haben wir gahat. Aber nich so viel wie hier.
Weil ich habe immer gebacken immer so, auf de Winter, wir haben alles,
L Sie hat
wenn wir haben Urlaub gehat, wir haben gesammelt diese Himbeeren,
Alles eingemacht. Und denn
Johannesbeere
L Das ham wir alles eingemacht
war Gurken, Tomaten
L Und den ganzen Urlaub, wenn du einmachen würdest
Tomaten, Gurken und sonst noch alles, dann hätten wir alles im Keller. Scht,
voll.
L Ja
Wir haben kein Wohnzimmerschrank gehabt, aber dafür @zwei
Kühlschränke, gehungert haben wir nich@2@.
L Ja, gehungert haben wir nich.
Gehungert haben wir nich.
War dort im Keller (1), im Keller, oben is Schnee, ah unten isch Keller gewe-,
aber wir hatten alles ei-, wann wir machen nich, dann wir können
L Haben alle gemacht,
(2) ganze Sommer.
Ich hab sie immer mitgenommen, (1)
L Wir müssen etwas essen.
alle vier (2) bei jetzt pflücken.
Hatten wir n Eimer, wann
L Mit de Essen, wir haben nich schlecht gelebt, weil
de zwei Eimer ge-, gepflückt hast, musstest in Kolchos ein Eimer abgeben
und ein Eimer
Ja, oder Kartoffel, da haben die extra von der Arbeit auch Grundstücke zur
Verfügung gestellt, um Kartoffel einzupflanzen, dann musste man mit der
ganzen Familie die einsammeln für die, sonst, wovon sollst, willst du leben in
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D:
S:
@3@
L:
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D:
L:
M:
D:
A:
S:
D:
L Ja
Sibirien?
Dann kannst, wenn du nich vorbereitscht für de Winter, dann kannscht du
nisch leben.
L Nein, da muss man alles selber haben und a-, alles selber.
Was da fehlte, (1) also keine Gemüse im Winter, keine Früchte, keine
Kartoffeln so was gabs gar nich im Laden. Als der Frühling kam, das war
L In Dschambul
sie haben etwas gehabt aber uns? Ne. Nur rote Beete i Mohren, ah ich habe
L Im Laden, (1) im Laden gabs gar nix.
gedacht, na ja
nur rote Beete, Kartoffeln, Kraut.
L Im Laden im Winter gabs auch gar nix.
L Wozu
war denn der da der Laden?
Nur eingemachte Sachen. Frische Sachen gabs im Winter überhaupt nich, bei
L Nein, nein
uns in Kasachstan nich.
Ah bei uns is gewesen Weißkraut, rote Beete, Möhren i Kartoffeln, das wärs.
L Mama
Ja? (1) Da isch nix mehr.
Nu Kartoffeln ham wir immer jedes Jahr gesetzt (3), das haben wir geliebt. (3)
L Geh mal raus und spiel ein bisschen.
Lass ihn doch sitzen, warum soll er gehen?
Er kann doch spielen, wenn er will.
L Jetzt Frage zu Daniel, zu Andi.
Oh jeh.
L Jeh. Kann man fragen.
Aber du hast ja dort noch nicht gelebt, oder?
Nein.
L Nein.
L Nein, dort hat er nicht.
Aber wie findest du es, wenn äh un-, unsere Russlandsdeutsche uns
besuchen zu Hause, wie findest du das, Daniel?
Na ja, sobald es nicht im Streit end-, en-, endet, find ich’s gut.
Hat es denn schon mal im Streit geendet?
Ja. (1) Selten. Öfter.
Selten und öfter?
Aber stört dich das, wenn die Russisch alles sprechen?
Ja.
L Bisschen.
Ja, die (1) verstehn ja nich.
L Die verstehn.
Ein bisschen verstehn w-, wir davon schon.
Den Sinn, ne?
L Ja, ein bisschen.
Ja den Sinn, aber
L Viel nich.
Sprecht ihr denn gerne Russisch?
Ja.
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(2)
A:
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L:
D:
L:
Wir können nichts.
Na ja, aber ihr würdet gerne?
Ja.
Und warum gibt’s da Streit, wenn russlanddeutsche Freunde kommen?
Weiß ich nicht, die sprechen da Russisch.
L Ja, die verstehn doch des nich. @1@
Und ihr merkt nur, es ist ein Streit, aber ihr wisst nicht, was los ist.
Ja.
In H. dort gibt’s keine Russlandsdeutsche?
Doch.
L Doch.
Wodurch merkst du, dass es Streit ist?
Die schrein.
L Schrein, genau.
@1@
Die diskutieren ein bisschen lauter.
Ja lautes Diskutieren, das hab ich schon von meiner Mutter.
Ja, russische Sprache is halt ein bisschen lauter.
L @Laut diskutieren.@
Wenn man Russisch ganz leise spricht, dann hört man doch überhaupt nichts.
Ja trotzdem, dann schreit man doch nich rum.
Genau.
Na ja, wenn man sagt, du weißt es nich (?), dann muss man schreien, sonst
kapiert der andere nich.
L Das stimmt gar nicht.
L Aber irgendwann
Manchmal sagt ihr auch irgendso auf Deutsch und dann verstehn wir und
dann wissen wir, dass ihr euch streitet.
@1@
Aber ihr freut euch ja, wenn wir zu Hause Besuch haben, ne?
Ja, aber nicht, wenn ihr euch dann streitet.
L Und warum? (3) Warum freut ihr euch
immer auf den Besuch?
Kommt drauf an auf welchen. Auf John freuen wir uns, weil wir den kennen
und weil der lustig ist. (2)
John? Ist das ein Russlanddeutscher?
Ja.
Und er heißt John?
Mit Spitznamen.
L Das ist ja nur der Spitzname.
Ah ja. Habt ihr denn auch russlanddeutsche Freunde?
L Mama, und äh
Freunde nich, nein.
L Doch.
Jaga und Jessi.
Sind die Russlandsdeutsche?
Natürlich. Die sind auch hier geborn wie ihr, aber die Eltern sind aus Russland.
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(?)
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(3)
A:
M:
A:
(3)
M:
L Die sind auch hier geborn.
L Aus Russland, ja. Aus Russland.
Das sind ab-, nu ja, Jessi nich.
Und in unserem Dorf, wer war da, eine Familie ist zur Miete zugezogen, damit
habt ihr doch auch Kontakt. Sie heißt Sergej, ne?
L dej, dej
Nicht wirklich.
Ach so.
Sergej benimmt sich wie ein Russe, der ärgert jeden @1@. @Da machen die
nichts so zusammen@.
L Also das ist wirklich wieder Stempel, ne. Die Männer auf
der Party oder so die sind so aufbrausend und das ist wie ein Stempel, ne. (2)
So und das manchmal also an den Kindern in der Klasse oder so, dann sagen
die das auch schon, ne. (3) Ja, dass die so aufbrausend sind. Die können sich
nicht zusammenreißen oder müssen sofort mhm Konflikte oder was weiß ich,
was anderes irgendwie äh mit Macht lösen oder Kraft.
Ja, die Russen haben einen Nachteil, die können nicht deutsch sprechen, ne.
Wie soll man sonst erklären, nur mit der @Faust@1@.
@1@ Papa
Und in Russland? (1) Auch.
Ja in Russland, da war das normal.
L Alle Russlanddeutsche haben laute Stimmen.
L In Russland haben alle
Ja, das (1) das bin ich gewöhnt, aber wenn das jetzt noch lauter ist (1) wenn
L Ja
L Ja, aber
man schon streit-, wenn schon ein Streit anfängt. Das ist für mich Streit.
warum denn nich äh bisschen leiser reden hier? (?)
L Weil, (1) sie haben gesagt, wir sind Faschisten, die haben gewusst, dass
L Hitzig, sehr alle laute Stimme
(?)
ich auch.
Nu ja, das is ja.
L Ja?
Das is schon auch, das is anders gewesen.
Zum Beispiel, zum Beispiel die (?) daran bin ich gewohnt.
Aber
L Das is ganz schön laut.
das is für mich dann normal reden immer.
Und ihr findet also, Russlanddeutsche streiten sich mehr als Deutsche?
Nich wirklich.
Also bei uns in der Klasse bei mir, da sind mehrere Deutsche also, ja die
streiten sich fast jeden Tag.
In der Schule?
Ja. In der Schule.
Ja, in Russland in der Schule haben sie (1) nicht so viel. Klar hat es da auch
gegeben, aber da is das nich so viel.
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L:
M:
R:
L Ja, aber das liegt hauptsächlich, weil wir mit der
Klasse
L Hier ist das schlecht bei euch, dass sie ihr könnt mache mit die Lehrer, was
sie wollen.
Aber in Russland is das nich mehr. Wenn da ein Lehrer
L Opa,
reinkommen is, dann is aber alles ruhig gewesen. Fertig. (1) Wann er sagt
setzt sich bitte, wie er reinkommen, alle aufgestanden.
L Sind, müssen wir auch
machen.
Ja, und dann haben sich gesetzt und dann (1) hats nix mehr gegeben.
L Aber bei
uns, bei uns, sind die Lehrer schon dran gewöhnt, dass, dass die
L Die machen
hier ja mit die Lehrer, was sie wollen.
L Ja, ihr habt ja hier nicht wirklich Respekt
vor den Lehrern.
L Ja, ja das stimmt, die schlagen uns ja nich mit so, mit so nem
Ding, da.
Das is, das is schade, ne, das is überhaupt nich
Das is @schade, ne@.
schade.
Das is schade, ich würd den ja n- (1) zurückschlagen.
Ach ja.
Ja in der Schule, ich werde mich doch nicht in der Schule schlagen.
L Und dann würdest du rausfliegen aus die Schule und
was machen? Mit zwölf Jahre den ganzen Tag malochen gehn? Kohle
L Ja
schleppen? Ja, ja, ein Tag und dann (1) kaputt.
L Ja, bist kaputt.
Desha-, (1) deshalb uns jeden Tag schlagen
L Deshalb jeden Tag
Hier muss man lernen, da in Russland haben wir Prügel gekriegt.
Ja.
L Lernst was dazu.
Ja?
Ja. Als du keine Prügel kriegst und nix lernst und bist dumm.
L Ja.
Wieso hat ma euch in Russland geschlagen? (1) In der Schule?
In der Schule nich, aber ich hab zu Hause gekriegt.
L Zu Hause kriegst du immer.
Wann der Lehrer se gesagt hat oder heute is er schlecht gesessen oder was,
zu Hause hast du es s- aber bestimmt gekriegt.
Ich hab nichts gekriegt.
Ja du nich, aber mir. (3) Von meinem Vater hab ich gekriegt. Wann der Lehrer
was gesagt hat, und der hat das nich gemacht, hat das nich, die Haus
Aufgabe hab ich nich
L Und was, wenn du die verlierst?
Oahh, dann kriegst du zu Hause. Der Lehrer s-, sagts nur de Eltern, weiter
nichts.
Wie alt warst du, als Opa von der Gefangenschaft kam?
Ja (1) ich? Zwölf Jahre. Zwölf Jahre
So wie Daniel bin ich gewesen.
L So wie Daniel
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A:
Er hat fünfundzwanzig Jahre war er (1) bei Deutsche. (2) Bei Deutsche Armee
hat er gedient. Mein Vater. (1) Dann ist er zurückgekommen, sagt, ich hab
zwei Kinder und meine Frau (1) der hätt ja könne hier bleiben. So sind ja viele
hier geblieben.
Na klar, steht ja Frau und macht (?)
Ja. Und der nein, ich fahr zurück auf Russland, ich hab zwei Kinder und ne
Frau, ich bleib hier nich. Ja, ist er grad nach (?) gekommen, da hat dann
schon die (?) gestanden. (2) Haben sie ihn gleich raus, fünfundzwanzig Jahre.
Das war (?) Zwölf Jahre ist er abgesessen (2) im Wald in (?) is auch Sibirien,
da sind ja alle in die Gefängnisse die deutsche Soldate, alles, was (?) Und
dann ist er zurückgekommen, bin ich nur, ich hab ihn ja nich gekennt. Ich nich
L Ich bin auch satt.
und mein Bruder. Die haben keinen kennt, die sind durch gegangen. Ja, auf
einmal ist dann so ein schwarzer Mann gekommen (1) Mir kennen ihn gar nich
(2) dann sagt die Mutter, das is euer Vater. Wir sind in Wald ge-, wir sind in
den Wald rein @1@ so wie (?) Ja. Ja, dann hat er mitgebracht Plätzchen (2)
L Plätzchen
die haben wir ja nich gehabt um die Zeit. (2) (?) Ja, sagt er komm. (?) Und er
hat uns ja auch nich gesehn. (?) Er hat uns nich gekannt und mir ihn nich.
Dann is er langsam doch noch gekommen, kommt rein, rein. Dann sind mir
rein gegangen. (?) Und zwölf Jahre hab ich (?) Weil uns hat er das alles nich
erzählt. Weil wir gehen in die Schule, dann können mir was da (1) quatschen.
Wann sie mich gefragt haben, wo ist dein Vater, hab ich gesagt, weiß ich nich.
(2) Was soll ich sagen?
L Nix.
Aber dort um Russland (1) da sind (2) Deutsche gewesen. Überall sobald
L Nu ja.
In
meinem Ausweis, es hieß Deutscher.
So wars immer in Nowosibirsk, im Bus wenn fahren wir kennen net deutsche
Sprache sprechen. (1) Wann ein Wort sprechen, alle gucken so und sagen sie
Faschiste, Faschiste.
Ah haben wir auch dort nie getan, wir haben ganz wenig Russlandsdeutsche
L Nein
L Ganz wenig, ganz wenig
gekannt.
Draußen überhaupt kein deutsch gesprochen?
L Nein, nein. Zu Hause mit die Eltern
L Nein
so, ja, wenn niemand nich da ist.
Dann ja. Aber (1) auf der
Wir können das nich.
Straße oder auf der Arbeit, nö. (2) Niemand hat nich
L Ich bin sehr zufrieden, dass
wir sind nach Deutschland gekommen. (1) Zum Beispiel unsere Gration, ich
bin ja sechzig Jahre, die Frau dort sitzen neben dem Haus mit Halstuch und
das und hier sind mir mit de Mädes mit de Männer Chef. (?) Moder-,
moderner, moderner, ja. Sind moderner.
L Ja, die wohnen ja reicher wie mir
dort.
L Ja, moderner.
Das is nich moderner hier, die sagen, das ist, was heißt modern?
Fortschritt.
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L:
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L:
J:
L:
J:
Forschritte. Du Germania, Deutschland hat Forschritte wie Russland.
Ah, aber liegt die Fortschritte daran, dass du äh zum Beispiel abends nicht vor
die Tür sitzt und (1) Samen knackst, sondern abends tust du spazieren gehen
L Nein
oder joggen.
L Spaziere und jogge, so im Russland dieses Joggen dort gibt es da so
net.
Ja und das is Fortschritt oder was?
Ja und äh ja. I dort Frau sitzen zum Beispiel um acht um sieben Uhr sitzen
in de- in dem Haus und äh und (1) keine mit Taschtuch, keine ich, keine
howange (?) Frau anziehe Hose, das isch alles.
Nein, da hat
L Das war früher so.
L Früher, heute nich.
Frau muss immer Rock
L Früher so
Keine Hosen
tragen (1), Hosen sind keine gewesen. Und bei de Junge auch nich. (2) S-, sie
haben auch keine Hosen angehabt.
Letzte Zeit
Aber
L Doch.
Ja, schon mit vierzehn oder so
L Doch letzte Zeit waren sie.
früher hats nie.
ne.
Und finden sie das so besser, wenn man auch Hosen tragen kann?
Besser, (1) bequemer und besser.
Du konntest dich in Russland auch anziehen, was du willst.
Früher nein.
Hascht du gesehen unser Hund
Natürlich konntest du das anziehen, nur auf dich, auf dich würde jeder gucken
L Ja, uh
L Ja
ej, was is das da?
Aber (1) Hier sind alle so, deswegen is es normal. Aber anziehen könnt ihr so
was auch.
L Hier sind auch, hier sind auch Pärchen mit Zopf (?)
Zum Beispiel, m-, mein Onkel, ne, aus Kanada. Der is auch so was (2)
ungefähr wie ich, gradeaus, was er meint, das macht er auch und (1) dann
muss es auch richtig sein. Der kommt hier an in n- Shorts ne,
@zweiundsiebzich Jahre alt@1@ in Shorts und kurze Hemd
L Und dann in die
Gemeinde sofort
Sofort so zur mennonitische Gemeinde, ne. Gucken an.
Wir kommen da rein, hoch, ne, wird uns einer kommt entgegen.
wer
L Eh, er genau so
seid ihr da und (1) ja, wir waren gleich angezogen @1@. @Ich nur bisschen
kleiner, er größer@. (1) Und dann meine sie ja, was machst du denn hier? Ah
nee, die Schwester is gekommen. Wie kannst du hier bei uns so auftreten, das
geht nich, du. Der hat sie angeguckt, geht’s nicht, dann geht es eben nicht,
L So alt
dann geh ich wieder. Nee, nee, du musst bleiben, das geht nicht, dass du
gehst.
@2@
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M:
J:
L:
J:
R:
J:
Aber er macht, was er will, auch wenn er hier ist, ne. Hier in Deutschland gibt’s
auch ne n- nich überall so, was.
Ist er denn auch mennonitisch? Der Onkel?
Ja, (1) aber da in Kanada, da kannst du die Mennoniten hier mit diese
Mennoniten gar nich vergleichen. Da wird in der Kirche auch geklatscht, auch
getanzt, auch richtig lustige Kirche, auch Mennonitenkirche sind so. Da laufen
Mädels auch in Hosen zur Kirche, auch in Shorts gehen sie da, also das is
richtig (1) ganz anders, ganz anders.
Die sind so wie die Kirche hier in O.
Ich glaube, das liegt dann hier an n- Mennonitengemeinde zum Beispiel, da
sie so streng sind, weil sie nich verlieren wollen sein (1) deutsch. Sie haben
ein deutsch kennen gelernt da in Russland und dieses deutsch wollen sie nich
aufgeben. Deutscher is (1) f-, für, für Russland ne, Deutscher war besser als
ein Russe, ne, als jeder andere. Wir waren so erzogen Deutscher is ein
Deutscher und du musst als ein Deutscher dich benehmen so.
L Fromm, sauber.
Ja, fromm, sauber, und schön also immer korrekt sein.
Das stimmt. Die Deutsche sind immer vorne gewesen.
Und das haben die da kennen gelernt und jetzt wollen sie das nich aufgeben.
(1) Denen is diese (1) Jugend hier oder überhaupt auch die Leute, die hier so
L Was willscht du, Andi?
rumlaufen, irgendwie vulgär würd ich sagen oder (1) passt nit zu diesen
L Willst rausgehen?
Willst raus?
Bestimmungen. Und das, was sie da kennen gelernt haben, das wollen die
behalten, deswegen sind sie auch hier ein bisschen streng würd ich sagen.
@Meiner Meinung nach auf jeden Fall@.
Und deswegen sind in der Gemeinde nur Russlandsdeutsche.
L Ja.
Nur
L Ja.
Russlandsdeutsche und nur noch also Familie zu Familie, von klein bis groß.
Warum sie so groß sind, weil in jeder Familie fünf, sechs und neun Kinder
L Zehn Kinder
sind.
Und du gehst aber nicht mehr in eine mennonitische Gemeinde?
Nee, nur zu Hochzeit oder zu Begräbnis auch.
Und wie kam das? Weil als Kind bist du ja sicherlich auch
L Ja ich bin dort zur
Jugend gegan-, noch zur Sonntagsschule besucht als Kind und dann später
Jugend auch besucht. Nach dem Militär hab ich den Draht verloren. Also
sogar vor dem Militär, zwei Jahre vor dem Militär. Sobald die Schule alle wird,
da bin ich von zu Hause ausgezogen und dann konnt ich irgendwo auf der
Straße leben. (2) Eine Zeit auf der Straße als junger Mann. Traurig, aber wahr.
@1@
Ja.
Und dann, als ich hier rüber kam (1)
eins, zwei, drei Mal doch ab und zu
L Andi
Mal war ich als erste Zeit im Endeffekt hab ich die besucht.
(?) sagt, du hast Glaube geschrieben, du hast kein Glaube, ja?
L Ja, ich als glaubend (1)
hab ich mich auch geschrieben kein Religionzugehörig-.
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J:
L Ich hab kein Glauben, der hat kein
Glauben.
Als wir geheiratet haben, da äh, hat der Vater gefragt, wie sieht es denn aus.
Die meinten, dass bei denen ist so, dass die Frau auf den Glauben von dem
Mann rübergehen muss. Ja, und wir haben eben so beschlossen, dass ähm,
ich war katholisch und Jascha hat hingeschrieben keine Religionszugehörig-.
Und dann hat Jascha gesagt, ja, welche Religion soll sie denn annehmen, ich
hab geschrieben keine Religionzugehörig-. Und da war er also ziemlich
empört, ne (1) darüber.
Ja meine Eltern, weißt du, wir sind so nach Deutschland gekommen, ich und
mein Vater, meine Mutter und zwei Geschwister noch. Und Vater war noch
drüben, der (1) musste da noch was erledigen, letzte Sachen dort verkaufen
du ein bisschen arbeiten noch. Und alle Papiere habe ich hier in U., in B. alles
ich hier gemacht, ne. Meine Mutter ist ein bisschen äh schwach in lesen und
sonst (1) gar nicht lesen. Musste ich alles machen. Und da hab ich mich auch
aufgeschrieben, also Familie habe ich Mennoniten ausgeschrieben und ich
keine Religionzugehörig- (2)
Da sind ihr in B. gewesen?
Ja, in U. und dann, ne, B. und dann U..
Ah wir sind unsre (?)
Ja. Wie mir kommen sind ganz welche Russen müssen sie, der erste
L Aus
Polen meistens.
Welche Religionszugehörigkeit haben sie denn?
Katholisch.
Ich könnte mich auch nich aufschreiben lassen Mennoniten, ne, weil ich war ja
nich getauft.
Ich könnte mich nich aufschreiben lassen als
L Ja, du kannst
Mennoniten. (2) Weils irgendwann wars auch (?)
Bereust du das denn so im Nachhinein, dass du den Zugang da verloren hast
als junger Mensch?
L Nein.
Ich meine ich lebe sowieso mit bei Gott (2) beschützt mich
und (1) also ich habe mit dem ein Draht und so, warum muss ich dann jetzt zu
Mennonitengemeinde gehören? Was such ich denn da? Für mich is egal,
welche Gemeinde oder was da für (1) Zwänge oder sonst noch was (1) man
hat seinen Sinn und (1) der muss bleiben.
Und wie erzieht ihr jetzt die Kinder, die sind katholisch oder?
Katholisch.
Waren die katholisch? Sind immer noch katholisch, ne?
ENDE KASSETTE 1, SEITE 1
S:
D:
J:
L:
D:
J:
L:
Ihr besucht den katholischen Religionsunterricht, oder?
Ja. Ich schon. Doch, in der Schule.
L Jetzt.
Müssen die. Bis vierzehn.
Bis vierzehn, dann
L Also, bis zur vierte Klasse hast du gar nich besucht, so wie ich
das mitgekriegt hab?
L Doch. Türlich.
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M:
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M:
L:
L Doch.
Aber du nich.
Das is Gottesdienst, aber Reli-Unterricht haben die immer besucht.
L Ach so.
Ach so, ach so.
Das haben sie.
Das war so, als wir geheiratet haben, da hab ich (1) also (1) wir waren, hatten
überhaupt mit äh, mit Reli- mit Kirche nichts zu tun. Bloß als wir nach
Deutschland kamen, wurd wurd man auf einmal überall nach der Religion
gefragt, ne. Und klar, meine Mutter und mein Vater, die wussten ja, dass die
Omas und Opas katholisch warn, also sind wir katholisch, haben wir uns
überall reingeschrieben. Ja und als wir geheiratet haben, da haben wir
gedacht, ja (1) ohne Religion geht’s ja auch irgendwie nicht, ne. Alle
Kindergärten, so viele Schulen sind katholisch und so und wir haben ja nichts
anderes gekannt. Also ich war katholisch, also, wenn er keine
Religionszugehörig- ist, dann bleiben die Kinder (1) katholisch. Dass wir eben
diesen o- Tür offen lassen, ne. Ja.
Und seitdem, äh, seitdem wir in O. in
L Ich will aber evangelisch sein.
diese Gemeinde hingehn, äh, wollen die natürlich davon jetzt nichts mehr
wissen und da hab ich gesagt, wartet mal @1@ bis vierzehn und dann äh
könnt ihr das selber entscheiden, ne. Weil die haben diesen ganz krassen
Unterschied kennen gelernt (1) und äh, bei mir sieht es so aus ähm, (1) bevor
ich getauft worden bin äh, da hab ich auch versucht, aber das klappt nicht bei
mir. Ich muss katholisch bleiben, sonst krieg ich auf dem Land überhaupt kein
Arbeitsplatz. Ich hab das mit dem Pastor besprochen und er hat gesagt, das is
okay. Ne.
Und bei ihnen, sie sind ja beide katholisch, hat das denn auch irgendwas mit
L Ja
L Ja
ihrem praktischen Leben zu tun?
Nein. Ich geh nur son (1) in die Kirche @wann@ äh Beerdigung und zu
L Wann Beerdigung is und Hochzeit
Hochzeit. Aber so zu Weihnachten ah wot, so wot nein. (1) Weil wir sind net
L Weihnachten
aufgewachsen mit dene. (2)
Nein, so haben sie in de Häuser
L Ja, die kennen das nicht.
gesammelt, getauft, so (1) also keine Interesse, keine Interesse.
L Ja, da da is kein Pastor gewesen oder n richtiger, da
haben sie sich müssen verstecke.
(?) da gehst du nich hin.
Mein
L Ich weiß.
L Ich weiß.
Vater und meine Mutter, da kommen die alten Leute zusammen, (1) sagt er
jetzt Mischa geh raus, gleich kommen die Kom-, Kommunisten
L Heimlich
L Ich hab auch
immer Schmiere gestanden @2@
Und wann sie (2)
ich auch. Ich bin immer draußen , der Vater
hat gesagt, einer muss drauß sein. Fertig. Und wenn einer kommt is er
Fremder (1), da sind ja ganze Straße alle Russlandsdeutsche gewese. (2) Nur
mir, Russlandsdeutsche, alle Straße.
Also von der Kindheit weiß ich noch so, weil Oma hat ja uns geschrieben, weil
in Deutschland immer Weihnachten war, ne. Und (1) bei uns gabs immer ein
festliches Essen, aber die Eltern, das war immer so, ne. Und, aber die Eltern
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A:
(2)
L:
S:
J:
L:
J:
L:
J:
S:
J:
konnten uns das nicht richtig erklärn, @was Weihnachten is@. Die wollten
irgendwo die Tradition bewahrn@ und dass es was Besonderes is und
Feiertag is, aber welche, was dahintersteckt oder warum wir machen (1), das
das, das konnte man nicht.
@2@
Ja,
L Wann kommen die Fragen an uns?
L Gleich. Bisschen Geduld. ()
und unsere Oma, die w-, war ähm Mutter v- von dem Vater, also die war
wirklich, die ganz, ganz fromme Frau.
L Glaubig
Ganz glaubiche Frau.
L Die hat immer
gebetet.
L Das stimmt.
Katholisch?
Ja, also die war so was von fromm und so.
Also, die is, die is echt
L Richtig katholisch.
ein Vorbild, ne. Die hat sich, die hat alle verstanden, auch die Jugendlichen,
ne, die hatte für jeden Verständnis und war so (1) ach die war einfach lieb.
@1@
L Wie die Omas eben von die Zeiten. (1) Meine Oma war auch so ähnlich.
Also die war nichts s- (1) meckern. @1@
Die hab ich gar nich gekannt.
Nee, hast du auch nich.
L Nein, hast du nich.
L Schade.
Und euch hab ich ja schon gefragt, ob ihr russlanddeutsche Freunde habt, ne,
ihr habt gesagt.
Sonst einheimische Freunde, ja? Hauptsächlich. Und
L Mhm (bejaht), einen.
L Ja
wie ist das dann bei der mittleren Generation, habt ihr russlanddeutsche, also
ist euer Freundeskreis mehr russlanddeutsch oder habt ihr auch einheimische
Freunde?
Russlanddeutsch
L Würd ich auch sagen.
Also ich würde sagen, bei mir Hälfte Hälfte jetzt mittlerweile. (1) ne, und (1)
aber (1) wenn sagen wir mal nicht mein Mann wäre oder so, würden auf jeden
Fall mehr Deutsche sein. (3) Weil wir haben geheiratet, wir haben ganz viele
Bekannte, also von (1) bevor er (1) die gek-, er hat die schon gekannt, du, ich
wurde so quasi reingeführt, ne. Aber wenn das nich wäre, ich würd sagen, bei
mir würden mehr Deutsche.
Und wieso?
Die is früher nach Deutschland gekommen
L Ich fühle mich (1) bisschen,
manchmal zur Hälfte, aber die Hälfte, die schwankt, (1) so @1@
L Sie is schon
mehr Deutsche wie Russe.
Ja, ja, das merkt man sehr stark. Und jedes
@1@
Jahr immer schlimmer.
Und woran merkst du das?
Die Frau-, die Russenfrauen sind irgendwie anders, die äh meckern nich so
viel. Machen, was der Mann sagt.
@1@
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Ja, das hat jeder Mann gerne.
Ja.
Und in Russland ist es immer noch viel mehr wie hier in Deutschland. Hier in
Deutschland w-, haben die Frauen viel zu viel zu sagen.
L Ja
Das liegt aber nich an mir. In allem Bekanntenkreis haben die Frauen was
L Das liegt, nein
zu sagen. Ja, alle.
L Ja, weil sie alle nach Deutschland gekommen sind. Würdet ihr
alle in Russland leben, dann würdet ihr leben, so wie Mann euch gesagt hätt.
Nein. In Nowosibirsk isch ganz andere gewesen. Alle haben seine Meinung
gesagt. Vielleicht in Dschambul, ha- ha- in Dsachambul, weil Frau haben
L Ausnahmsweise
gesessen zu Hause, sie haben keine Worte zu sagen. Aber wo Frauen
L Ja.
haben gearbeitet gleiche wie Männer
L Ich würde meine Frau nich mal
arbeiten lassen.
Wirklich?
Ja, wirklich. Ich hab auch was dagegen, dass sie hier malocht, aber (2) wenn
ich sie sage, nein du bleibst zu Hause, dann wirst du unglücklich. Und das will
ich auch nicht. @1@ Lass sie mal malochen und glücklich werden
bitte.
L Das, das
hat mit Frauen in Russland allgemein nichts zu tun, das hat (1) was zu tun in
L Nichts zu tun
diesem Sozialfeld, wo du aufgewachsen bist. Und das is wieder mit
L Ja
Religion, mit Mennoniten und Gemeinde zu tun, zu tun. Mit Religion, mit
L Ne, ne nix zu tun, nix zu tun.
L Mama
Mennonitengemeinde zu tun.
Und da bei uns in de Stadt Nowosibirsk ganz anderes. Frauen haben gearb-,
Männer haben gearb-, haben das gleiche gesagt. Männer und Frauen.
In Mamas Verwandtschaft und in Papas Verwandtschaft haben alle Frauen
gearbeitet. Meine Cousine ist Lehrerin, (1) andere ist äh Näherin und dann
L Alle
hat sie irgendwie Umschulung gemacht zur Kinderpflegerin. Andere studiert
Architektur (1), ne in Saarland Cousine und auch äh
L Aber das is schon hier. (1)
L Hier
Nimm mal ihre Mutter. (2)
Ihre Mu-, mei-, ja, die hat auch gearbeitet. Buchhalter wische. Ja, Tante Erika
L (?)
hat wische Buchhalter gearbeitet.
Ja. Alle Tanten
L Ja, wische Buchhalter.
(?)
L Ja
Ja, auch schon im Büro. Und dann immer getippt und so auch diese, ne. Auch
äh qualifizierte Arbeiten, nich nur putzen und so, ne.
L Wie kommt
L Wie kommt eine deutsche
Frau zu eine qualifizierte Job in im Russland, hä, das kannst du mir mal.
L Weil ja Institut sakonschil
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L:
Wie kommt eine Deutsche in Institut überhaupt? (wird ärgerlich)
Weil muss man etwas in de Kopf haben.
Oder zuviel Barani gehabt.
Nein, in de Kopf muss
Sie hat zwei, ein Kind gehabt. Sie hat abends
L Ja
ge- mhm am Tag gearbeitet, abends sie hat gelernt. Ded Wanja hat alles
gekocht und gemacht und
L Ich weiß,
ich weiß, dass mein Cousin, der auch sehr äh
(?)
toller Kopf, der kommt in n- etot Technajum nich rein, warum?
L Ja, weißt du warum? Weil
der im Komsomol nich reingetreten ist.
L Ja, weil der sein Komsomol (?), weil der
ein Deutscher is.
Ja.
Nein, nich weil er Deutscher is. Er durfte nich in im Komsomol reintreten
L Nein
von dem Elternhaus her und deswegen hat er keine Chance gehabt, höhere
L Ja
Bildung zu nehmen. Elvira, die war in Komsomol reingetreten, deswegen
L Ja
durfte sie als Deutsche weiter studieren.
Ich bin auch Komsomol gewesen.
Tante Erika auch. Ich habe auch
L ja
Und deine
Cousins dürften nicht in Komsomol reintreten, weil der Glaube da im Weg
L Dann habt ihr
euch auch gar nich geschämt? (1) Also könnt ihr euch nich beklagen.
L Warum?
Ihr hattet da schönes Leben.
Warum? War- Deutsche äh im Komsomol, ich, ich habe auch Technikum zu
L @2@
En-, ich habe auch beendigt. Im Tag gearbeitet, abends ich habe gelernt. (2)
Ich habe ge-, gearbeitet im Sonntag und Samstag.
L Da @treffen zwei Welten
aufeinander.@3@
L Das is
ja, das is, das is auch dasselbe. Also hier kann man auch
(1) spalten, ne. Da sind auch Deutsche gespaltet gewesen, eine Deutsche
leben wie Deutsche, andere Deutsche leben wie Russen. (1) Die Deutsche,
die leben wie Russen, die (1) haben sowieso mehr im Kopf wie die Russen
und dann lebt man auch wie ein Russe, der hat es gut da. (1) Ja, sehr gut.
Aber welche Deutsche lebt denn wirk- wie ein Deutscher, wie nach der Kirche,
nach der Bibel oder so? Die hattens sehr schlimm da.
L Warum schlimm? Nein,
nit schlimm.
L Doch, die hattens
L Warum, nicht alle Deutsche haben gelebt na- nach der
Bibel, das sind nich die Grenzen, das sind deine Grenzen, die du mitgekriegt
hast, das sind nich die Grenzen.
L Ja, das sag ich ja irgendwo (?). Welcher lebt
denn nach die Bibel und wirklich wie ein Deutscher? Weil äh ein Deutscher,
L Ja, das is wirklich wie ein
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L:
der muss nach der Bibel leben. Für mich is es normal.
Deutscher, wer sagt das? Nee.
Wer sagt das? Das is wieder dein
soziales Umfeld, weil deine von Mennoniten aus, aber das kannst du nich auf
alle Russlandsdeutsche beziehen.
Ja gut, okay.
Jetzt spaltet es sich. Welche Deutsche
L Von deinem Umfeld.
haben da gut gelebt, welche nich gut? Sieht man.
Wieso habt ihr denn nich gut gelebt?
Wir haben gut gelebt, aber ich meine
L Die haben gut gelebt
L Ihr habt ja auch ein eigenes Haus gehabt,
oder?
Wir haben konservativ nur äh Wohnung gehabt.
L Was habt ihr in der Wohnung
gemacht?
Kooperativwohnung.
Normale Wohnung.
L Eigene Wohnung.
L Ihr habt malocht bezahlt und
nix mehr. Ihr habt kein Garten, keine Schweine, keine Enten, keine Hühner,
keine (1) Kanickel, gar nix.
L Nein
Dafür mussten wir malochen. (1) Dafür mussten die malochen.
L Die malochen. Und was hast
du gemacht?
Ich hab seit dem dritten Jahr (1) Fußboden gewaschen, Wäsche versorgt (2)
L Ja
L Wäsche hat sie
auch teilweise Essen erwärmt. Ganz früh hab ich gelernt gebacken. Und ich
hab im Herbst alle einmachen gemusst.
Ja, ja.
L Ja, das musst sie alles einmachen.
Und was ist mit deiner Schwester?
Hab ich sie immer mitgenommen, (1) war ich sag, wann ma das nich macht
nach de Winter, dann sitzen ma. Schließen mir das Maul und fertig.
L Aber
weil, weil ich bin so spät gekommen von der Arbeit um neu- Uhr, da
Geschäfte haben sie gearbeitet vom End bis acht Uhr abends. Ich habe um
L Kein, keine
neun Uhr ar- arbeiten gehabt, um halb zehn.
Kein vernünftiger Mann würde seine Frau so lange da irgendwo draußen
arbeiten lassen.
Er hat noch nicht getroffen, ich habe mit die Tasche Lebensmittel gebracht.
L Das is nich normal.
Das is normal für Stadtleben. Du bist auf dem Land aufgewachsen, das is was
L Ja, das is
ganz anderes. Für de, für mich is es nich normal hut (?) so (1), wie deine
ganz anderes.
L Das stimmt, Papa.
Mutter zu leben, für mich wär das nich normal, weil ich (1) in der Stadt
aufgewachsen bin. Du kannst das nich vergleichen.
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L Das stimmt Papa. Das kann man
nich vergleichen. Äh, wo ich hier äh unseren Garten gesäte (?), wie, wie
L Nein.
Auf dem dritten Stock sitzt du und ie
lange hab ich da gesessen? Wie war das vielleicht ein Jahr mit Freunden.
haben auf dem Land gelebt.
Mach ma für mich was Neues, ich kannte ja nur die Stadt und nur ein bisschen
Gras.
Du weißt nur, wie du hier in Deutschland warst, aber da weißt du nicht.
Nein, ich weiß nur, was es in der Stadt so gab, Straßen
Gabs auch kein Unterschied zu H., meinst du.
Ja.
Auf einmal Kühe, kann man auf die Wiese gehen du klettern auf den
Bäumen.@1@
L Ja
Was sind denn für dich typische Frauenaufgaben und typische
Männeraufgaben?
Frauen putzen mehr und kochen.
R:
@2@
L:
Ihr wurdet ja nich gefragt. @1@
J:
L Eigentlich, (1) eigentlich war das bei uns in der
Familie da drüben in Russland auch nich aufgeteilt. Mein Vater hat auch
gemacht, was, was unter die Hand kommt. Was gemacht werden muss, das
muss gemacht werden. Nur doch (1) gabs kochen muss ne Frau zum Beispiel,
waschen muss ne Frau (1). Garten, das muss schon Mann machen. (1) Vieh
versorgen muss ein Mann, Geld verdienen muss eine Mann.
S:
Kinder versorgen?
Oder erziehn?
J:
Das gemeinsam, was heißt Kinder versErziehen, das tagsüber solange der Mann malocht, macht die Frau. Wann
A:
L Beide
J:
Mann zu Hause ist, kommt automatisch der Mann zur Rede. (2) Weil (1) die
Kinder, ne, die sehen überwiegend nur die Frauen zu Hause. So wie´s bei uns
war und dann, nee, das is so, je weniger achtest du darauf, was sie sagt, ne.
Und dann kommt abends der Vater, wenn du einmal was gesagt hast, dann
M:
L Ja
J:
hörst du automatisch, ob du willst oder nich. Ne, wenn du nich hörst, dann
@2@
knallts, ja.
M:
Knallts
S:
Und ist das jetzt mit deinen Kindern auch so?
J:
Dass sie auf mich mehr hören als auf sie? Ja, schätz ich mal schon.
Ja?
M:
L Ja.
R:
Bei uns isch umgekehrt gewesen.
J:
L Die, die hören auch auf sie sehr stark, aber
warum? (1) Da hab ich auch ein bisschen (2) darauf geachtet (1), dass sie sie
nich einfach so pff vorbei lassen. Was sie sagt, muss getan werden. Das is
meine Meinung. Und das, darauf achte ich, ne.
(3)
S:
Und was sind für dich typische Frauen- und Männeraufgaben?
L:
Von Russland her? Oder hier?
Gibt’s keine. (2) Nee. (1) Und es
S:
Jetzt.
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J:
R:
J:
R:
A,D:
R:
L:
R:
M:
kommen äh die Zeiten auch jetzt mit zwei Kindern oder wenn auch vielleicht
mehr, dass ich bin da überzeugt, es kommen solche (1) Zeiten mit dieser
wirtschaftlichen Lage, dass eine Familie mit den Kindern nicht existieren kann.
(1) wenn eine Frau nicht mitarbeitet.
L Ach du meine Güte, was erzählst du hier für
Blödsinn?
Irgendwann mal kommen solche Zeiten.
L Wie haben die Leute in Russland existiert? Da gabs da
war das Leben viel schlimmer.
Da ga, da kannst du nicht vergleichen.
Was kann man nich ver-, du hast keine Ahnung, deswegen kannst dus nich
vergleichen.
Ja gut, aber ich, ich meine, es gibt überhaupt keine Unterschiede. Wenn ein
Mann, wenn ein Mann arbeitet, um die Familie zu versorgen und wenn mich
L Ja, Unterschiede
Beruf erfüllt und ich kann so dazu was beitragen zu der Familie, damit´s ihr
besser geht, warum denn nich? (2) Dann muss natürlich auch so sein, wenn
der Mann kommt, dann äh sitzt er sich nich hin wie ein Pascha, weil ich auch
arbeite, dann müssen dann die Haushaltarbeiten auch aufgeteilt werden.
Das hier in Deutschland (1) kannst du ich teilen. Männerarbeit, Frauenarbeit,
weil die Frauen haben viel zu viel zu sagen.
Warum das denn?
L Ja.
Nein, die haben genauso viel Rechte wie alle anderen.
L Genau.
Und das is ja, das is es ja, deswegen kannst du nich aufteilen (1) auf Männeroder Frauenarbeit. (1) Weil die wollen genau so viel oder (1) haben noch
genau so viel zu sagen wie wir Männer.
L Nu was. Ich habe gearbeitet, ich habe
gekochen und gewaschen, gleiche Arbeit gemacht wie deine Mutter.
L Du redest wieder
du redest
wieder von deinem, von deinem dörflichen
Ja. Aber du
L Weil ich ja nix anderes kenne
ja, du kannst das nich
ja is richtig. Aber du musst das nich auf alle
L Ich sage dir meine Meinung.
Russlandsdeutsche beziehen.
Wie war das denn für sie? Was sind für sie typische Frauen- und
Männerarbeiten?
L Oh. Ich habe gear-, er hat gearbeitet, ich bin gekommen, habe
gekocht, gewaschen, sag fast gleiche wie deine Mutter.
L Und was sind
Männerarbeiten?
Hä?
Was sind Männerarbeiten in Russland?
Im Russland, er is gekomme auf der Couch geses-, er hat is immer auf der
@2@
Couch gewesen.
Er hat uns zu Kindergarten weggebracht.
L Kindergarten. Er hat weggebracht und
zugemacht.
L Und morgens bin ich immer so spät auf Arbeit gekommen, bis ich sie
zum Kindergarten habe gebracht.
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L:
J:
L:
D:
L Jetzt weißt du die Männeraufgabe in Russland. Geld verdienen und Sofa
drücken (2) hä.
Nein, er er hat die Kinder im Karal (?)
L Straßenbahn bis ich sie reingebracht hab, ja,
Straßenbahn is weg, muss ich warten, bis der andere kommt. (1) Und da is (1)
vierzig Grad und so Schnee, siehst du manchmal gar nichts. Ja. Dann haben
sie mir auf der Arbeit, ich bin immer zu spät kommen. (1) Aber (2) ich kenn
L Bei uns is gleiche gewesen,
nich, muss ich bis ich sie reinbracht (1) in de Kindergarten und die Kleine
keine Gerechtigkeit, Männer und Frauen gleiche.
L Ja, aber Papa hat mitgekocht.
musst ich ausziehn bis sie das (1) lassen, (2) das isch traurig gewesen.
L Papa hat nit gekocht und nit gewaschen.
L Also ist für dich jetzt zum
Beispiel normale Frauenarbeit kochen und waschen.
Nein.
In je- in Russland war das so.
Normale meine Meinung muss gleiche sein, zusammen kochen, zusammen
L Ah, muss
Nein, i i Daniel hat
äh w- zusammen spazieren.
L Was muss zählt sich nich, was war zählt sich.
gefragt, wot deine Meinung. Muss, muss man Daniel zusammen alles
L @2@
machen. (1) Männer und Frau mussen alles zusammen.
Weil deswegen is e ja auch ein Ehe-Gemeinschaft, weil man gemeinsam alles
L Ja, ja
machen kann und arbeiten gemeinsam und kochen gemeinsam und alles
gemeinsam.
Und wenn jeder so aufgeteilt ist, dass is
L I spazieren gemeinsam.
deins und das is nich meine Arbeit, dann is es keine Gemeinschaft.
Kann ich dir was erzählen, bitte? Zu die Gemeinschaft. Gemeinschaft muss
L Das is meine Meinung
man leben. (2) Gemeinsam muss man leben. Und leben, das heißt doch nich,
dass man immer gemeinsam dies machen, gemeinsam dies machen,
gemeinsam dies machen.
Wir leben zusammen
Klar, bestimmte Aufgaben
jeder macht seins. Aber leben zusammen.
Bestimmte Aufgaben, klar, warum soll ich, warum soll ich Reifen wechseln,
L Klappt es nich?
wenn er das besser kann? Ne, bestimmte Aufgaben, klar.
L Ach nee. Warum soll
ich denn die (2) Spiegel oder sonst noch was putzen, wenn du das besser
kannst? @2@
Hab ich paar Mal versucht.
L Hast du noch nie gemacht.
@Paar Mal versucht@3@.
Beim Versuch @ist es auch geblieben@2@.
Ja, gibt’s doch noch.
Geh raus hier.
L Ja, aber Gemeinschaft kannst du,
Gemeinschaft
heißt aber nicht, was du meinst, die richtig Frau von Russland darfst du nich
arbeiten und ich, ich hab zu sagen, ich bin der Verdiener, das is nicht mehr
Gemeinschaft.
L Das stimmt.
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L:
M:
L:
J:
Moment, wir leben gemeinsam, du machst deins, ich mach meins. Leben tun
wir gemeinsam, aber dann ist es viel einfacher zu leben, weil du weißt, was du
zu tun hast und ich weiß, was ich zu tun hab. Und leben tun wir gemeinsam
und so, du weißt, dass ich das kann, ich weiß, dass du das kannst. Ich denke,
du machst es, du denkst ich machen das, im Endeffekt bleibt es liegen.
Dafür gibt’s Kommunikation. Da muss man alles besprechen, alles regeln.
L
Kommunikation klar, wenn du malochst oder wenn ich maloche. (2) Dann
L Ich werde auch
sehen wir uns ab und zu mal Stunde oder zwei am Tage, hä.
malochen.
Deswegen
besprechen wir für den nächsten Tag und so bewältigen wir Tag für Tag.
Das kann man doch auch anders leben, (2) regeln.
Hier die Deutsche, die kochen gar nich (2). Ich weiß, mein Vorarbeiter is
deutsch (2), zwölf Jahre mit ihm gearbeitet, ich gehe. Wann er kommt von der
Arbeit geht’s in die Kneipe (2), da essen die und die kocht nicht. Überhaupt
keine Kinder (1) nix. Sag ich du bezahlst ja dümm (?), ja einmal bin ich da
gewesen, einmal in die Kneipe, hier in Deutschland. (2) Was ham wir
genommen, bisschen zu essen, ja zwei Schlucke da (1) fünfzich D-Mark.
Hmm, sag ich Jürgen, von fünfzich D-Mark kann ich die ganze Woche essen
(2) zu Hause. Und er sagt nein, mir ja, das is Arbeit sagt er. Wenn mir
L Das is wirklich so
kommen, sie arbeit, ich arbeit bis mir gekocht haben, (1) dann gehen mir
besser da essen. Oder Restaurant, oder dahin oder da.
L Und das is auch
bisschen typisch so von äh für Russlandsdeutsche, ne. Ein
Russlandsdeutscher, der geht nie in die Kneipe und kauft sich da was.
L Nee, nee.
Zu besonderen Anlässen vielleicht.
L Der geht in die Kneipe, aber der nimmt ne
Flasche mit.
L Ja @2@
L:
@2@
L:
Und zum Beispiel unsere Oma auch, ne. Die is nie ins Cafe gegangen, ne.
Wofür geh ich ins Cafe, da bezahl ich vier Mark für so eine Tasse Kaffe, von
einem Pfund kann ich ja so lange trinken. (1) Ne, aber auch f-, für uns jetzt
essen gehen, das is wirklich was Besonderes noch.
R:
L Wir sind immer essen
gegangen und so.
J:
L Aber zum besonderen Anlass zählt nicht jeder Abend.
L:
L Besondere Anlässe. Geburtstag oder
R:
L Nicht jeder Abend, nein, besondere
L:
Weihnachten, damit keiner kochen was braucht, oder so, ne. Das is wirklich
M:
L Ja
L:
so.
R:
Weil alle Frauen arbeiten und sie sind auch müde von arbeiten.
Die
J:
L Kannst du dir vorstellen?
R:
Frauen Russen haben schw- schwierig gehabt wie wir.
J:
Aber die Männer aber auch.
Was tu ich hier als ein Mann? In
M:
L Ja, die haben
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D:
A:
D:
S:
Deutschland, viel? Eigentlich zu viel @1@. Für deutsche für deutsche
Verhältnisse. Aber wenn man nich so wie ich zum Beispiel in Russland
malochen müsste, (1) dafür was ich jetzt habe hier
Kann man net vergleichen und äh die und äh das. Dort kann, ich bin zufrieden.
L Ja
Die
Leute habens dort schwerer, dafür sind sie auch enger zusammen. (3) Hier ist
das Leben zu einfach und dann denkt jeder nur an sich, viel zu viel Gedanken
und dann viel zu viel Zeit zum denken. @2@
Jetzt mal eine Frage, wie fühlen sie sich denn hier, noch als
Russlandsdeutsche oder als Deutsche? Also schon als Einheimische?
Nein, mir mir
L Nein, wir fühlen nicht wie aus Russland.
L Ich fühl mich als
Russlandsdeutscher. Ich war da drüber ein Deutscher, hier bin ich ein Russe
geworden.
L Ja, das haben sie Faschisten gesagt und hier sagen sie Russen.
Das bleibt schätz ich mal sogar noch für meine Kinder.
Was?
Na die nich mehr.
L Nein.
Ah dir sagt man auch Russe
Ah sie sind doch hier geboren, waren sie aufgewachsen.
L Das geht doch nich darum.
Unsere oj, ihre Eltern (1), wir reden zu Hause Russisch, ne. Die Eltern von
denen Kumpels, die reden zu Hause und sagen die Russen da. (1) Machen
dies und jenes, oder die Russen haben so und so.
L Ja, weil die wissen, dass wir aus Russland kommen, wir reden
zu Hause nich viel Russisch.
L Ja egal, aber die Eltern von Kumpels von denen
sagen, das sind Russen. Und dann sind sie automatisch Russen. Und die
werden Russen bleiben schätz ich mal, vielleicht ein Leben lang.
L Wann sie aufwachsen
L Die sagen nur so, aber
Oder vielleicht nach der Schule?
L Nach der Schule wird sich bisschen ändern. Wirst
du sehen.
Vielleicht.
Wie fühlst du dich denn? Denkst du, ich bin ein Deutscher, so wie ein
Einheimischer oder fühlst du dich ein bisschen anders?
L Bisschen anders. Ein
bisschen anders, aber ich denk nich, dass ich aus (1) Russland komme oder
so. (2)
Und warum fühlst du dich anders?
Weiß ich nich.
Wirst du denn in H. auch oft Russe genannt?
Ja, öft-, oft.
Ja
L Nö, aber das lass ich mir nich mehr gefalln.
Nicht jeden Tag.
Schlag ich zu.
Ist das denn etwas Schlimmes?
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L:
Ja, das (1) damit ärgert man uns.
L Ja, ganz schlimm.
Mir ist das egal.
Und warum findest du das schlimm, wenn man zu dir Russe sagt?
Weil er isch hier geboren.
L Ja, das auch, weil ich hier geboren bin und
L Dann bin ich ein
Deutscher.
Ja.
Ja, das is eigentlich für denen is es unfair, ein Russe zu sein, weil die kennen
nich mal russisches Leben. Ich bin zum Beispiel stolz, auch wenn sie zu mir
Russe sagen, ich bin immer noch stolz darauf, dass ich in Russland
aufgewachsen bin. Dafür kann ich äh viel mehr als jeder Deutsche zum
Beispiel. Da lernst du was. (1) Und hier, die die kennen wirklich keinen Russ-,
keine Russischkenntnis, waren in Russland nie. Haben damit überhaupt nichts
zu tun, wie kann er ein Russe sein, ne?
Fühlst du dich denn russlanddeutsch oder russisch?
Nein, ich fühl mich deutsch. Ich bin auch ein Deutscher. Aber wenn mich zu
L Russlanddeutsch
mir jeder immer sagt ein Russe, (1) ich bin stolz darauf, dass ich ein Russe
bin, weil Deutschrusse, ne, oder so.
L Ja
Aber kein einheimischer Deutscher, das willst du auch nicht sein?
Nä, also
dazu
L Einheimischer Deutsche will ich auch nich sein. Dazu bin ich nich zu
haben, also ich mag mehr, mehr Action also wie hier ein normaler Deutscher,
L Ja, bei uns kommt das nicht mehr schon in Frage, wir sind so (?) so bleiben
was unternimmt der schon? Setzt sich abends vor, vor, vor n Fernseher und
wir
guckt und guckt n bisschen Fußball.
Und was unternimmst du?
Ja, zum Beispiel zum See. Viele Deutsche machen das zum Beispiel nich. In
L Zum
Berlin, da gibt’s
Ja, das geht ja n-.
Beispiel angeln, See, Mama
Mama, zum Beispiel beim
Zehn-Meter-Brett springen auch nicht viele Deutsche runter.
Aber Daniel, ich glaube, das hängt, das hängt damit zusammen, dass Papa
dich unterstützt in solchen Aktivitäten.
Ja, das auch (1), aber hier, wo wir beim, bei diesem See in W. warn
L Da sind
nur Russlandsdeutsche, stimmt. @3@
Ja, das stimmt. Ja und, wo siehst du da ein
Deutschen, der von da in diesen
L Einen dunkelhäutigen haben wir da
gesehn.
Ja (1) öfters sogar. Ja.
Ja, und ähm, da bin ich
Das stimmt, da sind ganz, ganz wenig Deutsche.
ja auch froh rüber, wir können
L Weil die meinen, das is Natur, weißt du? Wie von
früher her, wo die da gelebt haben. Und Deutsche sagen mehr, ja wir gehen
dann ins Schwimmbad, da is sauberer. @2@
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Ja für dene is das Wasser zu schmutzig, weißt du. Das is auch nich nur das
Wasser, (1) gibt’s (1) mehrere Gründe. (2) Zum Beispiel.
L Fische
Einer hat
L (?) Ja, vielleicht gibt’s da paar, aber ganz selten. Nee, warum?
Aussiedler, die sind dafür (2) zelten joi, joi @1@ zusammen packen, weg.
Wir werden zusammengetrommelt per Handy, was nimmst du mit, was nehme
ich mit (1) und dann vielleicht äh Frauen noch bisschen überreden, weil
Frauen sind da ja @doch so n bisschen empfindlich@ und dann geht’s ab, ne.
@2@
Und wie fühlst du dich, deutsch oder russlanddeutsch?
Oh, mehr deutsch. (2) Ja, wie gesagt, ich hab so, ich war ganz, ganz lange äh
in der Mitte. (1) Aber letzte Jahre schwankt das mehr zu deutsch.
Ja, mit deiner Lehre is da auch zu tun.
Genau.
Warum das denn?
Ja, weil du in der Lehre nur mit Deutsche zusammen bist.
L Weil du die Deutsche hast.
L Ja.
Oj, ich arbeite auch mit die Deutsche immer.
Ich hab
L Du fühlst dich schon längst wie Deutsche, das weiß ich.
Ja, wie fühlen sie sich denn?
Wie Deutsche. (1)
Wie eine einheimische Deutsche?
Nein, nit wie Einheimische äh, aber, aber nit wie aus Russland, wie Russe
komme.
L Du bist gemischt.
Gemischt @2@, mittel.
Ja, bei ihr fehlt nur noch die Sprache. Wenn sie vernünftig deutsch reden
L Ja
könnte, dann würde sie schon längst Hiesige sein.
De, die da, das lernt die nich mehr.
@2@
Ja, aber bei ihr fehlt nur noch das Reden, sonst die redet nich so gut.
Aber vom Verhalten und vom Verständnis und so
Ja.
L Komplett.
Also,
welche Russe würde hier abends (1) joggen gehen oder (1) äh jeden Tag
Schwimmbad gehen oder
zweimal in der Woche.
L Jede Tag.
Einmal in der Woche.
L Einmal in der Woche
Sauna, bei meiner Mutter is alles geregelt.
L Sauna äh Restaurant oder Cafe, das das macht kein Russe.
Das ist doch gesund.
Ja, gesund ist das, aber
L Auch deutsch @3@
Das is, wir machen zu Hause ne Sauna und springen einfach in den Pool.
Das is noch gesünder, ne?
L Ja, zu Hause in de Sauna, ich habe net zu Hause
Sauna.
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S:
Also ich weiß noch, ähm, als ich Jascha kennen gelernt habe du da hat er
Sprachkurse beendet und wir warn ja damals nit so lange in Deutschland, ne
(1) und äh, und dann äh ja, war er bei uns und so, ne. Aber bei den Eltern fühlt
er sich sowieso nich wohl, ne, der hat sowieso alles im Auto gehabt, alle seine
Sachen. Ja, dann is er öfters nach O. gekommen und dann, ja saßen wir so
(murmelt etwas im Hintergrund)
und er sagte dann so, ja, ich weiß nicht, wo ich mir was suchen soll, entweder
in B: oder in O., ne. (1) Ja und äh, ja und dann hab ich so überlegt und als er
dann weg war und so und dann sagte meine Mutter zu mir. Ja, Lydia, was ist
denn los, stimmt was nicht und so und dann hab ich auch gesagt. Ich will bei
ihm würde nie (1) im Kopf (1) Vorschlag kommen, er soll bei uns wohnen, ne.
Und dann sagte meine Mutter dann, ja wieso, soll er doch zu uns kommen.
@2@ Alle Russlandsdeutsche die sind auch wie kannst du denn so was
sagen? @2@
Und da hat sie gesagt, wieso die treiben sich
L Da war sie schon deutsch.
sowieso irgendwo rum, ob die irgendwo schlafen oder lieber bei mir im
sauberen Bett, dann soll er doch lieber bei uns schlafen, ne? (2) Ich war ganz
auch außer Wolken, ich konnte mir das, aber (1) sehr viele waren empört
darüber.
Russlanddeutsche?
Ja.
Meine Eltern, die erste @3@
L Und der lebte bei uns schon eineinhalb Monate
und meine Mutter so, wieso kommen die denn nicht? Interessiert die denn gar
nicht, wo äh, wo sein, wo der Sohn lebt und so? Und irgendwann mal sind die
dann gekommen, haben dann ein Treffen vereinbart, aber da hat er schon bei
uns gelebt, also (2) weiß ich nicht, zwei Monate oder was weiß ich was.
Bei und, bei mir isch ganz andere Vorstellung nur gewesen äh in die Stadt
Nowosibirsk. (5)
Aber damals lebten die jungen Leute auch nicht so.
Auch nit. Nu ich ha-, wann, wann ich wir haben so gelebt in Nowosibirsk, ich
habe ganz anderes gehört.
L Mama
Mama
Ja, aber meine Mutter, die hat sich das so (1) ne, alles in Deutschland, die hat
immer
äh, angepasst und die hat sofort immer die Vorteile
L Alles angepasst.
gesehn, ne. Und dann beim ersten Treffen, als dann die Eltern (1) da warn,
L Mama
die haben sofort gesagt, (1) wann wollt ihr heiraten. Uneheliche Kinder
kommen nich in Frage @1@ ne, das is wo wer aufgewachsen is, ne. Und
meine Mutter sagte och, lebt doch für euch selber und ihr seid doch noch so
jung und so, ne.
@1@
Warum heirate, sie können so leben. Nur diese, diese, diese Briefe (1)
Unterschrift.
Und äh, Vater hat sofort gesagt, passt auf. (1) Uneheliche Kinder (1) kommen
nicht in Frage, ne.
Also, würden sie sagen, dass sie sich sehr schnell hier angepasst haben in
Deutschland an die Gesellschaft?
Und fühlen sich auch wohl dabei?
Ich
Schnell.
fühle wohl (1) überall.
Und wie ist das bei ihnen?
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(?)
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D:
A:
S:
A:
S:
A:
S:
A:
J:
M:
J:
L:
M:
J:
M:
A:
J:
A:
Wa- bei uns zu Hause haben wir immer deutsch gesprochen. Bei uns is kein
so Probleme gewesen (1) wie bei de Russen. Die kommen hier, die können
kein Wort deutsch. (2) Und bei mir ist das so gewesen, ich komm in
Sprachkurse, zeigt mir der Lehrer ein Bild, da is ne Katze drauf. (?) Sagt er,
das weiß ich doch was, denk ich, wie ein Kind. Sag ich, ich bin schon
achtundvierzig Jahre (19 und so das Gabel sag ich das und das und das, ja
ganz genau. Ja. Und de Pole sind dabei uns gewesen und Russen. Die
haben, die haben gar nix gewusst. Die weißen nicht, wie sagen auf deutsch
Gabel oder was oder ein Messer.
Also die erste Russlandsdeutsche, die haben schon wirklich die Wurzeln noch
mitgebracht, ne.
L Ja. (1) Die haben schon
L Aber diese gemischte Ehen oder n
später
also mit Russlandsdeutsche also überhaupt
L Später, die späte Aussiedler
nix mehr zu tun. Und sonst würden die auch nicht die Sprachkurse einführn
(?)
L das sind
Russ, und könne auch kein Wort (2) nix
L Ja
L Mama, ich wollte noch was mhm (1) sagen. Da
beim See mhm. Da, da springt ja auch niemand, kein einziger Deutsche, da
sind nur viellei- und (1) Russlandsdeutsche. (2) Ja, von diesem Hunnenbaum,
aber nicht von den kleinen.
Woran erkennst du denn, ob das ein einheimischer Deutscher ist oder ein
Russlanddeutscher?
Mhm, weiß ich nicht. Ans Aussehn, ähm am Gesichtsausdruck.
(es sprechen kurz alle durcheinander)
An der Sprache kann man sofort erkennen.
Nicht, wenn die sprechen auch, auch so her
am Gefühl und Ausdruck
L am Gefühl her
Aber wenn man euch sprechen hört, würde man das jetzt nicht unbedingt
vermuten.
Mhm, nicht unbedingt. Wir ham (2)
Ihr habt ja auch eigentlich deutsche Namen, also wie könnte man jetzt euch
L Ja.
erkennen?
Uns?
L Die kann man noch nich erkennen, die (1). Auf jeden Fall von Russen nur
die Kumpels, die das von den Eltern haben. Sonst die beide, die kann man
L Ja
nich als Russe bezeichnen, die kannst du nich
L Weil die Eltern wissen, dass
wir aus Russland kommen, ne, und die Kinder
L Ja
Dadurch haben die dieses (2) Spitznamen Russe, ne, aber sonst. (2) Ich
glaube nich, dass man denen noch als Russen
L @nein, nein
Ja sehen nich, aber (1) ähm, ich weiß es nich.
L Ja, der Gedanke vielleicht oder (?)
die gehen noch im Schnee baden, ne, die sind eben anders.
L Ja, genau.
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@2@
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A:
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A:
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A:
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J:
D:
S:
D:
S:
D:
M:
D:
Spontaner oder risikobereit.
Ja risikobereit.
L Ja, genau.
Wir haben, wir können mehr Action vertragen.
Cooler, ne?
Nein, das liegt mehr (1) an der Action. Wir mögen halt ein bisschen mehr
L Ja zum Beispiel
Action als ein normaler Deutscher.
L Zum Beispiel ähm
L Also was ich, also was Jascha ihnen beibringt, ne, zum
Beispiel vom Dach springen in den Pool, ne, oder andere Sachen, ich finde
das gefährlich. Für ihn ist das normal, weil die in der Kindheit das auch
gemacht haben, auch schwie-, schlimmere Dinge. So unterscheidet sich das
ja schon,
L Für mich auch.
ne.
Ah, Mama, wer (1) springt denn scho-, schon vom Zehn-Meter-Brett,
Ja. Äh, ich kenn
deutscher Kind von neun Jahr?
L Nu ja, gibt Schlimmeres.
L Du kennst
keinen, der das macht.
Nee, kenn ich auch nich.
Ja, da
L Daher, daher kenn ich auch
L Aber ich kenne auch viele Aussiedler mit zwölf, mit vierzehn,
sogar mit neunzehn, die nich mal schwimmen können.
Das liegt nich
L @Ja@
daran, dass er Deutsche oder Aussiedler ist, das liegt daran, wer
L Doch das merkt man
auch
auf m, auf m Zehn-Meter-Brett waren grund (1) sätzlich
L Wieso denn ´das?
mehr ähm mehr Russlandsdeutsche.
Du meinst, Russlanddeutsche sind irgendwie mutiger? Und das findet ihr
L Ja.
natürlich gut, weil mutig will ja jeder sein.
L Ja, und ähm
L Überall gibt’s gute und
überall gibt’s schlechte.
Zum Beispiel auch, ähm, wir haben eine Nachbarin, die is ganz fein und so,
die will nich nach der Sauna oder so im Schnee baden oder vom Dach
springen.
(Lydia murmelt etwas)
(3)
@3@
A:
Nein, aber du bist ja nich feinhals (?). Noch viel feiner.
D:
Ja, aber das is ja nich mehr normal, die hat, die kriegt gar kein Spaß, Spaß
ab. Ich krieg gar kein Spaß ab, wenn es auf einmal nä, und in dieses Wasser
geh ich nich, ist doch viel zu schmutzig. Oder oh nä, so ratsch ich mir die Haut
auf.
A:
Oder o nä, einmal gesehn ne Glasscherbe gefunden, is da überall ne
Glasscherbe. Ja wir haben
wir haben im See, da ähm wo wir
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J:
M:
J:
A:
L:
A:
(4)
L Du bist ein Sportler
sonst immer waren ü (2) über ähm, wer weiß wie viele Scherben gefunden, na
L Sport hast du gern
und? Wenn man so drauf guckt, sieht man keine. (2) Ja und (1), ich hab da
letztens ne Uhr gefunden, macht auch nix.
Noch mal an sie ne Frage, fühlen sie sich nun deutsch oder russlanddeutsch?
Ich, ich fühl mich deutsch, aber
Nein, nein.
L Einheimisch?
L Russendeutsch.
Russlandsdeutscher. So bin ich da gewesen und so bin ich auch hier. (1)
Russlandsdeutscher.
Und wie sind die einheimischen Deutschen anders wie sie?
Ja manche ja. Ah manche sind gute Leut. So (1) wie ich gearbeit hat, hat a
gute Vorarbeiter gehabt, ja, nix gesagt, ja, die sprechen ja besser wie mir,
aber (2) immer sind mir gut gewesen. Aber sind mir auch so Schweine dabei
gewesen, wann ich, dass ich hab müsse lerne auf den Maschinen, in
Russland is das ja gar nich gewesen. Ja haben sie sich, der Chef hat gesagt,
eine Woche arbeitst du zusammen mit ihm, lernst du, dann bleibst du hier.
Wann du das die zwei Maschinen nit lernst, (1) dann fliegst du raus, ja. Ich
hab geweint, gleich kommt das richtig und eines, der Arbeiter, das ich kenn,
der is immer froh gewesen, wenn’s bei mir nich geklappt hat, hat er immer
gelacht. Und hat immer (1) so roi, das is ein Russ, der kann nix. Zu mir hat
er’s nich gesagt, aber zu de andere Kollegen, zu de Kollegen hat er doch
mehr gesagt. (2) Ja, ich die Maschinen kennen gelernt (1) ja, und er hat ja
weitergearbeitet auch, andere Maschine (2). Da is er gekommen einmal, hab
ich mir so eine Stange genommen, sag ich, wann de noch einmal an mein
Arbeitsplatz kommst, kriegst das auf den Kopf. Und so is das fertig gewesen.
Dann is er nich mehr vorbeikomme, hat mich @nich gelacht@, nix mehr. Is
und dann haben sie ihn sofort rausgeschmissen. Ich hab niemand nix gesagt
und meinem Vorarbeiter hab ich’s ja gesagt. (2) Ja sagt er, du darfst kein, der
is bekloppt. Nu, sag ich, ich habs ihm einmal gezeigt, sag ich wann er noch
einmal (?). Ich (1) sag ich, geh nich verloren.
Was mich in Deutschland, was ich hier so sehe, is (?) hier zu verpetzten, das
is das Allerbeste. Kommst du irgendwo her, gehst zu Bullen oder machst ne
Anzeige sofort, dann hast du noch s-, s-, das is doch
L Das war in Russland
allerletzte.
L Ja.
L Wo is, wo is der Sinn, also (2) man muss sich doch auch
irgendwie, ich weiß nich, menschlich verhalten.
L Ja, nit so. Ich sag doch manche sind
gut.
L Von nix und wieder nix kriegst ne Anzeige an den Hals und dann musst du
dafür entweder blechen oder Knast. Ob du Recht hast oder nicht.
L Das stimmt, bei
uns ist in der Klasse, is auch so, jeder verpetzt jeden, außer , ja außer uns,
außer den Junges, die werden voll vernachteiligt, wenn wir was sagen, das
stimmt auch
Ja, das wird nit geglaubt. Wird einfach beiseite
L Ach, ihr Armen!
geschoben.
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J:
L:
J:
L:
M:
A:
J:
L:
(?)
R:
D:
Ich sag, überall gibt’s gute Leute und überall gibt’s auch schlechte Leute. (2)
Das is so. In Russland und hier auch.
L Wenn ich ganz klein war, also da war einer
Großer, der, äh in der vierten Klasse war der dann. Ich war, ich bin am heulen
am ersten gekommen, dann hat er auch immer zu mir Russe gesagt und alle
(?) da, da sagt er jetzt aber nich mehr. Äh ich und meine Freunde, ne, ja, der
hat auch so Freunde, aber die haben sich da nich eingemischt, da, da haben
die, da haben wir n Ball ges- n Ball weggenommen, denen, ne. Da wollte er
den wieder haben, ist der mir äh, is ähm der vor mir weggelaufen, und dann
hab ich dem Stolperfalle gest- gestellt also und dann haben die
ja,
L eine kleine Schramme
und seit dem Moment ich mhm, mhm, mich eine Großer, aber (2) (?) Wenn bei
mir jemand, wenn auf mich jemand Russe sagt oder so (2) mhm, entweder
geh ich den Lehrern sagen, aber die meinen toll, das wär doch nich schlimm
L
Wenn du Lehrer gehst sagen, dann ist das auch verpetzen
L Ja, aber, die du aber,
ja aber wenn ich den einmal was sage, zum Beispiel, komm ich renn euch
noch n-, n-, nächstes Mal hinterher oder so. Entweder hörn die auf oder wenn
die noch mal was machen, dann, dann, ja dann wehr ich mich halt. Nich mit
Worten, sondern mit Fäusten.
L Ja
L Aber je älter die werden, desto besser.
Und bei ihnen jetzt, wie ist ihr Freundeskreis, haben sie russlanddeutsche
Freunde oder deutsche?
L Meiste
ja, meiste russedeutsche.
L Meiste Russlandsdeutsche.
Und wieso ist das so?
Ich, meiste RussendL Wie kriegt man hier in Deutschland Freund? (2) Gibt’s
L Ja
so was überhaupt?
Freunde nur über Arbeit.
Meine Kerstin.
Kerstin is Nachbarin.
Na ja, aber beste Freundin für mich.
Für mich beste Nachbarin.
Beste Freundin @2@
L Russlandsdeutsche mir gehen alle zusammen.
Marc, Marcel
L In Russland bedeutet das unter Freunde, bezeichnet man so
was, wenn du auch wirklich in, in ja (2) pff in in Schlamassel steckst, dann
kommt dein Freund und zieht dich raus. Oder so irgendwie. Freund is Freund,
der, der is für alles da. Gibt’s so was?
Natürlich.
(Alle reden kurz durcheinander)
Meiste is Russendeutsche für unsere Jahre, aber Deutsche sind auch sehr
gut.
L Mama, ich hab Freunde am meisten Deutsche.
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L:
J:
Aber wann wir sind nach Deutschland gekommen Flugzeug, ich habe Kinder
gesagt, Kinder hier mir mussen leben, mir mussen anpassen mit die-, zu
diesem Leben. Wir haben so lang gewartet auf diese Leben. (2) Hier wir
mussen sterben, ihre Kinder mussen hier leben, so ich habe meinen Kindern
gesagt.
Mhm, und sie haben ja auch eben gesagt, dass sie sich schon ganz deutsch
fühlen und so und trotzdem
L oh ah anpassen früher und meiste unsere Jahre sind
Russendeutsche.
Ja und warum w-, hast du dann keine deutschen Freunde?
Pff Freunde ich habe bei Arbeit so und so im Schwimmbad, so. Ja, das hab
L Arbeitskollegen, ja
ich.
Das sind keine Freunde.
Warum nicht? Kannst du erklären,
aber das sind keine Freunde.
warum du hast keine deutschen Freunde?
Warum?
Ja.
Ich weiß nit, weil (1) meiste Russedeutsche sind und unsere bei unsere,
L Weil bei Deutsche gibt’s keine Freunde
bei unsere Jahre.
L Weil, wenn man beides, ich hab ja beides. Ich hab
Russlandsdeutsche und Deutsche und ich hab bemerkt, ob es Geburtstag ist
oder so (1) es is sehr, sehr schwer, diese zwei Gemeinschaften zu
kombinieren.
Nee, mein Schatz, das is überhaupt kein Problem. Jeder Russe von uns jeder
L Doch.
(1) Aussiedler von uns, der kann deutsch reden. Und wenn du ihn ein, zwei
Mal aufmerksam darauf machst, wir hatten schon solchen Party
L Ja
Und?
Russlandeutsche standen an einer Ecke (1) und Deutsche waren doch an
einer anderen. Nachher, wenn die angetrunken warn, dann, dann geht’s
bisschen leichter.
Mein Schatz, du kannst doch nich (1) zwei verschiedene Kompanien
zusammenbringen und
du kannst es, aber du kannst
L Sag ich doch, sag ich doch.
doch nich von denen erwarten, dass sie sofort zusammengehn. (1) Bisschen
Zeit hat gebraucht, nicht mal ein Abend, zum Schluss war alles da
durcheinander.
Ja, so ist es.
L Ja, aber ich, ich hab da meine Schwierigkeiten, weil ich
L Du hast deine
Schwierigkeiten, das is dein Problem. Aber das heißt nicht, dass die Leuten
nicht zusammen kommen.
L Weil, ich fühle doch irgendwo, dass die vielleicht,
auch wenn es nur am Anfang ist sind, ne, so bisschen, ja mhm sich genieren.
L Die Deutsche sind so
bisschen (?), weißt du? Die, die sind nich so, die Russen sind langwe. Langwe
auf Deutsch?
Träge.
L Träge.
Träge, ja. Wenn er was will, dann geht er, holt er sich.
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L:
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J:
A:
L:
J:
L:
J:
L Nee. An meinem
dreißigsten Geburtstag kein Russlandsdeutsche war am Tisch, (1) nur
Deutsche. Die haben alle mit Schaschlik gestanden irgendwo auf der
L Wo e
ihnen gefällt. Und er hat sich nich
L Ja.
Aber das is nich Gemeinschaft.
Die Deutsche kennen so was nich, deswegen, du hast gesagt, setzt euch,
haben sie sich gesetzt. Russen, die kennen sich aus. Schaschlik wird
gegessen da, wo er warm ist. Und nich warten, bis da jeder am Tisch sitzt und
dann ist er kalt und dann schmeckt er sowieso nich.
L Du interpretierst das so, ich
interpretiere das so.
L Du denkst wie die Deutschen denken. Sag ich dir so.
Wie interpretierst du es denn?
Ja, dass die sich unwohl fühlen, wenn so Russlandsdeutsche, Deutsche so
nebeneinander oder durcheinander an einem Tisch sitzen.
Wer fühlt sich unwohl, die Deutschen oder die Russlanddeutschen?
L Ja, beide
vielleicht.
L Nein, Russland werden, die fühlen sich nirgendwo unwohl.
L Und dann hab ich als
Arbeit- Arbeitgeberin große Probleme, dass ich nicht allen gerecht werde. Und
dann in meinem Bekanntenkreis oder auch Freundeskreis sind noch viele
unterschiedliche (1) Alters, ne. Also ich hab auch, was weiß ich Achtzigjährige
oder Sechzigjährige und ich hab auch ganz junge, ne. (1) Und äh, da hab ich
äh, also gemeinsam, alle die zu bringen also quasi so alle zusammen, dass
(1) seh ich sehr schwierig.
Du musst das nich so schwierig machen. (3) Wird schon klappen, sowieso.
L Auf ner
kleinen Party
L Nee, ich feiere meine Geburtstag, das war, Nachbarin hat mir eine
spontane Party organisiert, meine Nachbarin. (2) Kerstin und Freundinnen, ja.
(1) ja, und äh, ja von unsere Bekannt- russlandsdeutsche Bekanntenkreis, die
kommen so oder so @2@.
Ja,
L Die brauchst du nich einladen, das sind doch Russen,
weißt du.
L Seid ihr zu Hause? Fertig, ne. Also du weißt immer, wenn du, wenn du
nich kochen musst, dann musst du abhauen von zu Hause, anders gehts nich.
Du kannst, mein Schatz, du kannst doch Leute begrüßen und nix aufs Tisch
stellen. Wie die Deutsche das machen.
Du bist doch Deutsche.
L Das bei den Russlandsdeutschen? Kannst du vergessen.
L:
@3@
R:
Ich wollte dich fragen, Lydia, Kerstin einmal im Neues Jahr isch mit ihrer
Familie zu unserer Familie gekommen. Isch wollte fragen, wie hat sie gefühlt?
L:
Die hat sich gut gefühlt, weil
ENDE KASSETTE 1, SEITE 2
L:
Ja, super. Die hat sich super gefühlt, die hat getanzt und die findet auch gut,
dass zum Beispiel bei Russlandsdeutschen (1) ah bei den Partys wird sehr
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R:
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L:
A:
(?)
R:
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M:
S:
M:
R:
M:
D:
viel getanzt. Und die äh typische Deutsche, ich meine äh, nich nich Christen,
die die stehn meistens nur am Tresen, ne.
Aber Mama, Marc und Marcel fanden es ähm bei Oma auch sehr schön.
Ja.
Und ähm zum Geburtstag haben die Oma ja auch gratuliert, also die sind nicht
gekommen, wir sollen gratulieren.
L Mhm, die haben, ja, Grüße bestellt, ne.
Ja, Marc und Marcel.
L Die sind erste Mal bei mir gewesen.
Marc und Marcel achten eigentlich nicht so (1) derbe auf das Äußere.
Nu ja, ich habe vorbereitet wie Deutsche. Selbstbedienung alles in die Küche,
alles nehmen.
Alles, (1) wie nördlicher man wohnt, so schlimmer wird das auch hier alles,
das Ganze mit den Deutschen. Guck mal, südlich, ne, wohnen die Deutsche,
die sind auch viel anders, (1) in Bayern zum Beispiel und da (?) find ich @so
was von cool@1@(1) wie sie da leben. (1) Ganz anders, Mentalität und (1)
Leute sind anders. (1) Kannst du nicht vergleichen.
Wann Lydia hat mich angerufe, kann Gäste mit Familie kommen, ich habe
gesagt, ja bitte. (2) Mit Kinder. Sie hat so gewundert Kerstin, nit jede eiEinheimische können so machen, ja Lydia?
Bei welchem Fest war das?
Neues Jahr, Silvester
L Silvester
Feiern viele Familien das zu zusammen?
Ja.
L Ja.
Nee, wir haben einmal daraus ne Party gemacht. Weiß ich auch nicht mehr,
wie, äh ich glaube, das war 2000.
Neues Jahrhundert.
L Zwei
Oj, diese, diese
Jahr
Ah ja
L 2000 in der Halle. Russlandsdeutsche haben Halle (1) gemietet und ganz,
L Genau
ganz groß gefeiert, 2000. Da waren wir dabei, ne.
L Ja.
Genau, das war voll cool. Echt.
(Die Kinder murmeln etwas)
Bei mir von der Arbeit kommen bil einige Leute im au- i- , ihnen auch gefällt
sehr. (2) Wann ich bin krank gewesen, sie haben besucht, ah andere
Deutsche wie, und wie bei de Russe, das is doch interessant. (2)
Ich hätt jetzt auch eine Frage zur Erziehung. Vielleicht erst mal an die ältere
Generation, was haben sie versucht ihren Kindern beizubringen, was war
ganz wichtig? Was sollten die Kinder unbedingt lernen?
Unsere Kinder, ja?
Ja
Ja (2), das is, dass se deutsch bisschen lernen können, wie man da
gekommen sind,
fleißig sein. Das haben sie gelernt. (2) Sie is
L Fleißig sein
ganz klein gewesen, die hat alles, sie is bei der Arbeit und (1) so hat se alles
mitgemacht.
Und das is noch so gewesen, (1) die is auf äh (1) Brücke
L Opa, hat, was
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L:
M:
L:
S:
M:
L:
J:
R:
L:
M:
gefahren und da hat se (1) die (1) (?) geschenkt. (?) So Süßigkeiten, die hab
ich eingeschlossen und sie (1) und meine jüngste Tochter, die haben sie
gefunden und geschmacht (1) haben sie sie aufgemacht und nu
L Alle probiert.
@1@
Alles haben sie probiert. (1) Und dann (1) liegen die ganzen Zettel am Bett
unten drin, die habens versteckt, weil (1) so viel essen, das geht @nit.@
Süßigkeiten, die haben nur genascht. Und da sind sie ja nicht so (1) ja
gewesen.
Wenig
L Gabs sehr wenig, und dadurch können wir mit Süßigkeiten nicht
umgehn.
Hier, in Deutschland?
Ja, teilweise auch.
Teilweise, ja. (1) Is ja kein Problem für mich.
L Ich habe Probleme. (1) @1@ Meine Süßigkeit (1)
nach oben. @1@
Meine Mutter hat (1) von uns immer was versteckt, damit wir zu besonderen
Anlässen was haben. Und wir haben immer was @gefunden@2@.
Hier oder dort?
Dort.
L Dort.
Hier, ich spreche von für mich. (2) Ich mache für mich, ich mag
L Und äh, wir
mögen unheimlich viel Süßes. (2) Aber ich würde, wollte noch ergänzen, ihr
habt ja auch trotzdem immer irgendwie versucht, dass wir auch Kontakt haben
zu Russlandsdeutsche. Da durch Kasachstan, ne. Weil bei uns in Sibirien
L Ja
L Ja
Durch Kasachstan, dass se mit
gabs nich so viele
de Russlandsdeutsche ein bisschen sind zusammen. (1) Ich hab auch kein
Russ, war ein Mann geworden (1) so ein sauberer Russ (?) und dass hab ich
nit gewollt. Ich hab nur was mit Russlandsdeutsche.
Als Ehemann?
Ja, als Ehemann. Weil da sind ja keine
L Also, meine Mutter würde mit nem Deutschen
auch sehr gut zufrieden sein@1@, so jetzt, ne?
L Ja, jetzt, aber da
Aber da nicht.
Also sie wollten, dass ihre Töchter einheim-, nein russlanddeutsche Männer
heiraten?
Ja
in Russland. Kein Russen.
L in Russland
Ja, das hatten meine Eltern auch bei mir. Ich hatte ne Russenfreundin und ich
durfte die nicht heiraten, ich durfte nich mal Freundschaft haben. Also, was
heißt Freundschaft, ja, aber aufpassen, nicht, dass da
L Etwas passiert
Ja, bei dem is ja noch stärker durch (1) Christsein, ne, oder durch den Glaube,
ne, ja, ja, ich noch stärker.
Meine Mutter hat gesagt so, wann eine Russin hier reinkommt in Kasachstan,
dann kannst du gleich deinen Koffer nehmen und (1) du bist nicht mehr unser
Sohn. Das hat sie mir gesagt. (1) Zu mir.
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R:
A:
L:
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J:
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J:
M:
S:
M:
J:
M:
J:
Ja, Oma, Oma hat immer gesagt, (1) äh, jedes Vieh hat seinen Stall. (1)
Durcheinander gibt’s nich. @1@
Wieso stimmt doch, man kein äh, (1) man kann kein, kein zum Beispiel (2)
L Das stimmt ja.
L Ja,
genau, man kann kein Tier zwingen, zum Beispiel ein Hund im Kuh- im
hier sind auch schon (1) die sind verheiratet, wie gesagt mit Kasachen, mit
Kuhstall.
Grusinen und mit allem. Die Russlandsdeutsche, mein ich.
Die letzten kommen.
L Die letzten, was jetzt kommen, die sind alle gemischt, (1) alle.
Und das finden sie schlecht?
Ja, das is sehr schlecht.
Wieso?
Weil das is nicht unsere Nation, das is
Ja, das is nicht
L Das is nicht eure Wurzeln, sozusagen
unsere. (1) Wie uns meine Elteren (1) aufgezogen haben, so will ich auch
meine Kinder aufziehen. (1) Weil dem hab ich gesagt. Nur Russlandeutsche
kannst heiraten. In Russland sind ja nur Russlandsdeutsche, da sind ja keine
L Nee, mir
L Und was
ist mit Deutsch?
Deutsche Art.
Russlandsdeutsche sind nit Deutsche
L Deutsche, mir sind Russlandsdeutsche gewesen.
gewe-.
L Ja, aber ähm in Russland ähm (1) und (1) und, ja also, was du meinst
L Nein.
L Was in Russland?
jetzt, nur Russlandsdeutsche könnte das auch durch ein Deutschen ersetzt
werden, Mama?
Da gabs keine Deutsche
ich weiß, aber könnte doch sein.
L Nur Russendeutsche
nur Russen und
L Nur Russlandsdeutsche
L Aber
wenn zum Beispiel in äh ein Russlandsdeutscher hier nach Deutschland
kommt, dann will er immer noch, dass seine Kinder Russlandsdeutsche
heiraten, nicht hiesige Deutsche. Das meinte er.
Ach so.
Oder meinst du, ein Hiesiger wäre, äh ein Hiesiger wäre dir auch okay oder
L Ja,
nicht so gut?
Nein, nich so gut.
Wieso denn?
Weil ich kann nich so die Sprache. (1) Nu ja, so (1) kann ja auch verstehen
und sprechen, aber (1) bei dene is ganz anders. (1) Die Mädchen, die wollen
(1) gar nix machen (1) zu Hause.
Und die Jungs auch. Die
L Und die Junges auch.
gehen, die gehen (1) weg. Aber ein Russlandsdeutscher, wenn der seine (1)
l Auf jeden Fall viel fauler wie die.
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M:
D:
L:
M:
D:
M:
S:
M:
D:
A:
Gute (?) hat, dann bastelt er. Wenn auch nich heute, dann morgen. Kommt er
von der Arbeit und macht doch das. Aber der (1) Deutsche sagt, zu was
brauch ich das? Ich hab meine (?), fertig.
Viele, viele, vie- ah, gibt’s auch Aussiedler auch solche. Ich wollte sagen, dass
viele Deutsche mit dreißig, fünfunddreißig bis vierzig Jahre und leben noch bei
den Eltern im Haushalt. Weil in Russland, wenige also, gibt’s doch, mir ist
sofort John eingefallen.
Aber der hat eine eigene Wohnung.
Ja gut, der is, is wieder mal was anderes. Bei Mutti gegenüber gehen @1@
L Ja
Ja
Also
Russlandsdeutsche heiraten schon sehr früh im Vergleich zu Deutschen.
Selbständiger werden die.
L Ja und also wirklich sofort Familie und was
eigenes, das kommt viel schneller, (1) als bei den Deutschen. Anders rum
kann ich das auch verstehen, wenn die wirklich studieren oder so, dann sind
die erst mit über dreißig fertig (1), ne.
Aber wie viel Prozent studieren? (1) Guck mal hier bei die Arbeit jeder
Arbeitskollege is schon (1) fünfunddreißig, fast vierzig, lebt immer noch bei
Meine Jungs kennen
Mutti und Mutti macht ihm Butterbrote zur Arbeit.
L Ja
schon so was nit. Ich hab der verboten, ich hab gesagt nich dass du denen
Butterbrote schmierst. (2) Ja, sag doch mal.
Ja, ihr macht
L Ja, ich schmier doch.
das selber, das is doch viel, voll gut. So muss das sein.
L Das is, ja, das is gut. So muss das sein.
Unsere Kinder merken das auch schon, ne, weil die sagen so oft zu uns, wenn
die im Garten helfen oder beim Swimming-Pool bauen ham die ganz oft
geholfen, ham gesagt (2) wer von unsere Nach-, Nachbarn macht so eine
Arbeit überhaupt? Sag mir mal einen, der soviel arbeitet. @Die merken das
auch schon.@ Ne?
L Das is, das is, das is auch so.
Aber das is gesund.
Arbeiten is gesund.
L Ja. Aber
Aber, Mama,
Mama
L Die (?) zur Arbeit, die machen
Ich sag, wenn ich gearbeitet hab, sagt sie, ich komm zu Hause ich mach gar
nix. (2) Gar nix, Finger sag ich, mach mal die Hand so. Sagt er nein. Das
reicht mir absolut, was ich hier bin. Der is Vorarbeiter arbeiten (1) oder gibt er
mir, anderen und dann sitzt er im Büro. (2) Wirklich und mir müsse maloche,
L Mama
Akkord mache, hab ich mal Akkord richtig nit geschafft, (1) dann krieg ich kein
Geld.
Arbeiten sie heute noch?
Nein. (1) Jetzt bin ich arbeitslos.
Mama
In den war auch Markus Kraft, ne, die Mutter von, äh, die hat sich ja getrennt
von (1) ähm von Markus seinem Vater, ne, und dann haben die jetzt aber
auch, auch n Mann ein rein Deutscher und so und die haben jetzt aber auch
Schwierigkeiten gehabt. Ähm, die Mutter von Markus ähm, die (1) die spricht
auch ähm sehr viel Russisch und dann, tja, der Mann, ihr Mann versteht das
dann nicht.
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L:
J:
Zu Hause sprechen die nur Deutsch. (1) Meine Cousine (1) hat
L Die sprecht mit
dem (1) auch Deutsch, mit dem mit dem Jungen, da er sagt doch. Er weiß es
doch besser, bestimmt.
Wer? (2) Wer spricht mit, wie meinst du das? Elvira spricht mit Markus (1)
L Msit dem
Russisch.
Markus.
Ja
Ja, weil er ja auch Russisch im Unterricht hat.
L Wie Deutsch
Ja und wieso hab ich keinen russischen Unterricht mit euch beiden?
L:
J:
L:
J:
A:
L:
R:
D:
@1@
A:
Ja, nicht mit denen, (1) aber von der Schule.
L:
Wir haben schon sehr viele, also einige Ehen, ne (1) und zum Beispiel meine
Cousine, die hat Russen geheiratet, die sind hierhin gekommen. Die hat ihr
Studium gemacht, ah Informatik studiert (2), ja und dann äh sind die
auseinander gegangen und sie hat jetzt einen deutschen, ne, und der Sohn ist
sehr, sehr gut, der geht (1) extra in die Schule mit (1)
Privat-, ja, das ist
A:
L Privatgymnasium
L:
mit für die Kinder, für hochbegabte Kinder, die bestimmte IQs erreichen, ne.
(2) Und der lernt da ganz viele Spreichen und weil sie ja Russisch
A:
L Sprachen, Spanisch,
L:
und weil sie ja Russisch kann, spricht sie snatürlich auch mit ihm, (1) von
A:
Französisch
L:
dieser Sicht, aber sonst Probleme haben die nich.
A:
Mama, da darf man sich eine Sprache aussuchen, der hat sich äh Russisch
D:
L Russisch
A:
ausgesucht.
D:
Dass der das in der Schule lernt. (1) Will ich auch machen.
M:
Ja, haben die auch Unterricht äh auf Russisch?
D:
Nein, der, der nur auf dem Privatgymnasium, nicht
auf dem
normalen
A:
L Privatgymnasium
L:
L Nur im Gymnasium.
J:
L Nein.
D:
Gymnasium.
L:
Für hochbegabte Kinder.
M:
L Hier ham sie nur Englisch und Französisch gehabt.
J:
Du musst dich freuen, dass du Russisch nich lernen musst. Da is so eine
Grammatik. Oahhh.
L:
L Das is viel, viel schwerer als in Deutsch.
A:
Ja, guck dir das Englische mal an.s
J:
L Ich hab zehn Jahre gelernt, nix kapiert. So ein bisschen nur,
ich kann zwei Sätze schreiben (3) Ich kann zwei Sätze zusammenstellen auf
L:
L @Das war ehrlich@
R:
L @1@
J:
Russisch und n bisschen schreiben, aber nich viel mehr. Zehn Jahre gelernt.
D:
Ich will auch Russisch lernen, ich lern schon über zehn Jahre. @2@
M:
Und kannst nich, ja?
D:
Nä, weil ich, weil die das immer enorm vergessen.
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A:
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J:
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A:
J:
A:
J:
A:
Du kannst doch.
L Immer, ich im Urlaub
L Was bin ich froh, wenn die fehlerfrei Deutsch lernen.
Ja, aber immer, wenn äh
(alle sprechen durcheinander)
Wieso (wollt ihr Russisch lernen?)
Damit wir auch was mitbekommen.
Wir wollen mal wissen (2) unsere Freunde, unsere Freunde sie können
L @2@
L Ja, weil
L Die wollen nur was mitkriegen
Russisch, unsere Freunde, die verstehen einfach und es gibt auch welche,
wenn sie Russisch sprechen, die verstehen gar nix.
die nur Russisch können und so. Ja, mit Russisch, es gibt sehr viele
russlanddeutsche Kinder in Deutschland.
L Kinder in eurem Alter, die sprechen alle Deutsch.
Nein.
Daniel, Jannick
L Nicht wirklich.
Daniel, Alisa, die können auch Deutsch sprechen.
Die können aber auch Russisch, aber das find ich ja grad, wenn mich einer auf
Russisch fragt, was ich will auch gerne Russisch können.
Und du weißt nichts, ja?
L Und was ist, wenn dich jemand plötzlich auf Afrikanisch fragt? Willst du auch
Ja, Afrikaner
Ich bin ja, ich bin ja nich, also (2) Russisch,
L Das is ja Englisch, ich versteh das.
L @2@
weil, Russisch will ich lernen, weil guck mal, Bekannte von uns können das
ganz viele und deswe-, ich will auch mal was verstehn.
L Die meisten
Ja, so verstehst du gar nix, ja?
L Den Sinn bekommst du ja schon mit
Nee, den, ja den Sinn. Manchmal nur.
Eh, ihr, ihr redet ja genug mit Mama Russisch. Musst du nachfragen und nit
kapieren.
Ja, aber wenn ihr zu schnell redet und dann, dann merkt ihr gar nicht auf mich.
L Ja, das kann man gar nicht.
Guck mal, das (1) ja doch. Ich habe in Russland bis zu sechste Klasse, ne, (1)
oi bis zur erste, bis zu sechs Jahre auch kein Russisch gelernt. Wir haben zu
Hause deutsch gesprochen, bin in de Schule ich (1) musste auf einmal
russisch reden, ne. (2) Dann geht das automatisch, ob du willst oder nich
willst. Wenn du das willst, dann willst du, das wird dann sofort schnell.
L Ja, ich will auch ganz schnell lernen.
Du willst, das weißt du nich, du willst jetzt hier. Und wenn du auf die Straße
L Doch
L Ja
gehst spielen, dann vergisst du das sofort.
Nä, ihr vergisst das immer.
Was, wir vergessen die?
Ja. Immer wenn einmal hab ich die mit sechs oder weiß ich nicht mit wie viel
L Ich hab
Jahren oder mit acht oder so, da wollt ich Russisch lernen. Jeden Tag ne
Stunde mit Mama, das weiß ich noch ganz genau. Und das hast du dann
vergessen.
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A:
M:
A:
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M:
(3)
S:
J:
L:
J:
R:
Nee, wir haben
Und mit dem Papa wollt ich auch mal
L Du bist ja hier aufgewachsen, weißt du das
noch?
L Brauchst keine Russisch.
Ich, ich habe doch euer
(alle sprechen durcheinander)
Besser Englisch lernen.
Aber ich will auch noch Russisch lernen.
Andi, ich hab dir Wörter aufgeschrieben, hast du die auswendig gelernt?
Ja.
Einmal und dann ha- zweiten Tag hast du die vergessen, da muss nur
L Nein
bisschen mehr Wille sein, damit du das wirklich von dir aus lernst.
L Ich will das aber auch.
Und ich hab euch auch die ABC auf ru- auf deutsch übersetzt (1). Habt ihr das
auswendig gelernt?
Hast du das?
L Ja, ich n bisschen.
Tja. Du weißt nich mal, dass ich das hab, ne.
@2@
Und dann willst du russisch lernen.
Ja, ist wahr. Ich möchte das lernen. Ihr müsst mich jeden Tag holen und (1)
ähm abends ne Stunde
L Das geht bei dir so, wie bei mir. Ich will auch ein Millionär sein.
L Ja
Das ist genauso wie bei
Ja, aber tu aber zu wenig dafür.
L Oh, nee. Das sind zwei Kinder zusammen. @1@
dir. Du willst es und tust nix dafür.
Ich will das und tu auch was dafür.
L Ich will auch, dass du der erste Fußballer bist.
Andi du kannst doch ein Wort, immer sagts du Kuh, das isch Korowa.
Ja, das kann ich.
Das kann der.
Ich kann wohl ein paar verschiede Wörter, aber ich kann noch keinen Sätze
zusammen stellen.
Wie hast du mir erzählt? (Es folgt ein kurzer russischer Satz.)
L Genau, das Gedicht.
Das
Gedicht, das kannst du.
L Das kann der.
Aber wie auch die Großen erzählt, ich muss immer
lachen.
Und bei euch, was würdet ihr sagen, was ihr den Kindern beibringen wollt? Die
mittlere Generation jetzt?
Willst du sagen oder soll ich?
Sag du mal.
Also (1) was meine Meinung ist (2) die müssen ehrlich sein, das auf jeden Fall.
(2) Ehrlich muss es sein, zweitens müssen die fleißig sein.
Die
L Oh, meine warn
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L:
sollen sich vor keiner Arbeit scheuen.
L Und menschlich sein.
Wenn man ehrlich ist, dann ist man automatisch menschlich. Ein ehrlicher
Mensch kann nich unmenschlich sein. (2) Ehrlich, das is, das is so viel. Allein
wenn du ehrlich bist, dann kannst du dich, das (2) viele Sachen nicht machen,
@das du machen würdest.@
Ja, echt ey.
Ehrlich und man, man soll (2) also, was (2), was denn noch?
Was im Geschäft (?)
Also ich
L Es gibt, es gibt Geschäfte, wo ähm, (2) wo die Leute einen meistens
anlügen. Es gibt so was.
L Nu ja, das gibt’s auch.
Ein schöner Geschäftsmann kann nich ehrlich sein, was? @1@ Ein guter
Geschäftsmann.
Doch kann man auch, kann man auch. (2) Also für mich ist das sehr wichtig,
also (1) dass die (2) sagen wir mal keine Professoren oder so werden, aber
ganz normale Menschen, aber bloß für mich ist das sehr wichtig, dass die
irgendwie mit Drogen nichts mehr zu tun haben. Oder Alkohol oder so.
L Oh, das is
schlimm.
Das is für mich sehr wichtig. Die können ganz normale (1)
Durchschnittsarbeiter sein oder Hauptsache, die haben noch Spaß an ihrem
Beruf aber (1) ja Verantwortung spüren auch. (5)
Ehrlich sein, und dann Eltern soll man bisschen mehr (2) Respekt vor
L Prespekt
Erwachsene, vor Eltern sowieso, vor Erwachsene wär das auch nich schlecht
(1) Respekt zu haben.
L Ja
Ja, Respekt hab ich ja, aber wenn die dann ein, einen so richtig auf den Geist
gehen und dann nich alles verstehn oder wenn dann, wenn die dann nur die
Mädchen, zum Beispiel in der Schule bei (?) wieso, äh, wieso find ich Frau
Korn nich so gut? Weil die am meisten die Mädchen drangenommen hat, die
hat die Mädchen mehr beachtet, die hat ähm den Mädchen mehr geholfen bei
L Das ist bei Lehrerinnen meistens so.
den Arbeiten hat die die Mädchen mehr geholfen.
Ja, du als Junge musst das selber schaffen. (1) Jungs müssen fleißiger sein
wie Mädels, Mädels brauchen Hilfe.
L Ja, aber trotzdem.
Und für uns in Russland war es zum Beispiel normal im Bus, dass wir älteren
Menschen einen Platz gegeben haben.
L Aber hier nicht.
Hier is, das is keine, keine, das is keine Ausnahme.
L Ich bin da gewesen (?) bin zum Arzt gefahrn,
morgens früh wie die ganzen Schüler (1) mit dem Bus fahrn. Ich kann nich
stehn mit dem Stock (1) und ka einer steht nicht auf und sagt, setzten sich
bitte.
Also die Deutschen.
L (?) musst selber Junge, mach mal Platz, ich will sitzen.
@1@
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D:
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L:
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J:
L:
J:
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J:
(?)
A:
L:
M:
A:
S:
D:
A:
In Russland is das so nich gewesen. Wenn er gesehen hat, dass ein alter
L Nee, die haben mehr Respekt vor dem
Mensch hereinkommt, der st-, der steht auf, bitte setzten sie sich. Selber, da
Alter gehabt.
brauchst du gar nix sagen. Aber die, die knatschen ane rrrr, aha, (1) die
kennen auch mal s Bein treffen, wann de da geht. Das ist ka (1), das is kein,
(2) die werden nich erzogen.
Aber das glaub ich ist jetzt in Russland auch vielleicht ganz anders.
Hier
L Ja, jetzt
L Ja, jetzt
fünfzehn Jahre zurück, da war es hier auch noch anders, da haben die Leute
auch n bisschen mehr Respekt gehabt vor den älteren Leuten.
Ja,
L Jetzt nicht.
jetzt, jetzt ist überall die Welt so schlecht geworden bäh. (2)
Muss man
L Ja, voller Technik
nach Paraguay auswandern.
Obwohl Handy, Handys find ich gut, aber sonst.
Würdest du das gerne? Ist das ernsthaft?
Also, auswandern nicht unbedingt sofort, aber hinfahren gucken ja.
Wo? Ich will auch mit.
Und was reizt dich da?
Ich weiß nicht.
Weil er das Land noch nicht kennt.
L Weil er das Land noch nicht kennt.
Und ich hab da sogar Verwandtschaft und das (1) muss man wissen.
L @Die er auch nicht
kennt.@3@
Ja, ich mein in Kanada könnt ich da auch (1) meinen Onkel einmal aus
Aussehen hier, ich hab da Cousins kennen gelernt, Cousinen und Enkel und
was nich alles und (1) das war nich schlecht. Das war (1) (?) die leben noch
schlimmer wie die Deutschen hier leben @2@ aber, na ja. Onkel sagte, ne,
der is schon zweiundsiebzig war er (2) vor fünf, ne vor vier, vor drei Jahre.
Und damals hat er gesagt, wer in Russland n bisschen gelebt hat, der hat da
viel geschafft. (1) Er war da auch kurz mal in Russland, ne, aber hat immer
noch so n bisschen russisches da und hier
Ja. Neugier oder (1) durch-, ich
L (?)
weiß auch nicht, was das ist, aber er meint, wer in Russland war, der bleibt ein
bisschen Russe sowieso.
Die machen mehr, zum Beispiel was ich schon gesagt hab, das mit dem See.
Das is schmutzig das Wasser, da geh ich nich rein. Und dann spring ich da
einfach rein.
Das hast du schon gesagt.
L Das hast du schon gesagt.
Ja, deswegen, aber ich fühl mich auch. Ich wurde ja auch in Deutschland ähm
geboren und so, aber ich fühl mich nicht so. Nich ähm gerade so ganz viel wie
n Deutscher.
Ich hätte da noch eine Frage an euch. Wie würdet ihr später eure Kinder mal
erziehen, wenn ihr welche habt?
Ich weiß es noch nicht.
Ich würde (3) ähm, ich würde den Spaß lassen, aber manchmal auch (2)
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L:
A:
L:
A:
L:
A:
L:
D:
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D:
M:
(3)
S:
J:
L:
L Ja Spaß, Spaß
helfen
haben, aber Grenzen muss sch-, müssen schon gesetzt werden.
Richtig, ja
L Ja, richtig, das ist sehr gut.
@4@
Grenzen muss man haben, überall.
So ist das auch.
Das sage ich oft, ne. @3@
Das auch.
Findet ihr es gut, wie eure Eltern euch erziehen? Seid ihr damit zufrieden?
L Ja.
Ich bin ganz zufrieden, mein, also ich hab noch nich so einen Vater gesehn,
der immer, immer einen zur Rampe mitgebracht hat und so das stimmt.
L Ja.
Oder immer, wenn wir zum See wollen, fragen wir ihn, ja wenn du mir das und
das bitte hilfst, dann könnt-, könnten wir zum See fahrn oder manchmal fahrn
wir auch einfach so zum See und so. (2)
Ähm, Ru-, Russlanddeutsche find ich haben mehr Spaß (1) als
L Genau, die
Deutsche. Zum Beispiel Deutsche (1) Ich hab, hier zum Beispiel Kaidels, ich
können mehr Spaß vertragen.
hab noch nie gesehen, wo die zur Rampe gefahren is, wo die zum See
gefahren is und Papa, (2) auf Papa, der fährt immer zum See.
L Hab ich auch noch nie gesehn.
Und damals noch halbe Siedlung mit.
Ja, deswegen.
Und ich sage immer, wofür brauchst du die Verantwortung noch für drei oder
vier Kinder? (1) Und der, so lange Platz da is, der sammelt alle.
Letzte Mal saßen wir mit fünf Stück hinten, sind da äh stand noch n R.,
L Is auch nicht gut.
n R., n R. ähm vier nä nä in R., das is sechs Kilometer weiter entfernt. Und da
standen noch welche. Und dann, dann sind wir da mit sechs Stück hinten,
einen vorne oder so, sind wir da dann einfach hingefahren und hatten Spaß.
Und sobald es schneit
Sobald es schneit, wird bei uns jedes Mal
L Ja das wird toll.
geklingelt, ob er schläft oder nicht. Kann uns Jascha mit Schlitten ziehn mit
dem Auto? @2@ Das is echt.
Es haben auch schon versucht welche nach zu machen, aber (1) bei keinem
hat es so viel Spaß gemacht wie bei uns.
Ich will ihn gar nich mehr sehn den Schnee. Das is es ganzes Leben Schnee
gewesen, ganzes Leben, ich kann ihn gar nit mehr sehn.
Wir können noch genug davon.
L Ja, und ihr wollt Schnee.@1@ Und ich will den
gar nich sehn.
Und jetzt noch mal, wart ihr denn zufrieden mit eurer Erziehung, die ihr
genossen habt von euren Eltern her?
Ich hatte überhaupt keine Erziehung.
Die Straße hat ihn erzogen, ne. @1@
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(?)
D:
J:
M:
D:
J:
D:
L:
D:
J:
(?)
Ja, bisschen was in der Sonntagsschule beigebracht (1) als kleiner Junge und
dann später mal (3) Straße, ja Schule und Straße. Zu Hause, was hab ich
genossen da Erziehung. Kommst nach Hause, machst Hausaufgaben, Vater
kontrolliert, hast falsch gemacht, geh mach noch mal, fertig. Oder wenn du bist
fertig mit Hausaufgaben, erst mal den Garten durchbuddeln, dann kannst du
draußen gehen. Oder machst dies und die-, ich wusste schon, was ich zu tun
hab. Wenn ich das gemacht hab, dann darf ich auch draußen rumlaufen. Oder
wenn ich das nich gemacht hab und draußen spiele, kommt Vater von der
Arbeit nach (?).
Warum hast dus nich gemacht?
Ja, entweder gehst du da in dein Zimmer und bleibst da sitzen oder (1) kriegst
ein bisschen mit dem Gürtel oder ein Stock und darfst du wieder laufen.
Ich bleib im Zimmer sitzen.
Und hast du das bei deinen Kindern auch so angewandt? Also bestraft ihr
eure Kinder auch?
Bis jetzt, wie viel mal hast du Prügel gekriegt von mir?
Zwei mal.
Zwei mal. Und du? Du einmal.
Nä, mehrmals ham wir beide mehrmals gekriegt, aber das war auch wo wir
kleiner warn, jetzt macht Papa das ganz selten.
L Wisst ihr noch, wofür ihr das gekriegt habt?
Nö, nicht mehr.
Ja, äh einmal (1) haben wir irgendwas umgeschmissen, weiß ich nicht. Oder
(2) ne, sonst weiß ich nicht. Einmal haben wir was ganz ähm, ne Wertsache
oder weiß ich nicht kaputt gemacht. Oder ähm, manchmal
L Das weiß ich
nicht.
Weiß ich auch nicht. Da träumt er. Ich weiß, dass du einmal Prügel gekriegt
hast, weil du Eier klauen warst. @1@
Nein, da, da hab ich keine Prügel gekriegt.
Doch.
L Ja, aber natürlich. Da hab ich dir den Arsch vollgesohlt. @1@
Ja?
Da musstest du noch bei dem Bauer arbeiten.
Ja, genau.
Ich war dabei, aber die haben mich nich erwischt.
Aber du hast da keine Prügel gekriegt. (1) Du hast einmal Prügel gekriegt, war
er auch noch erste oder zweite Klasse (1) und da haben wir gesagt jetzt räum
dein Zimmer auf. Der meinte nee, mach ich nicht. Hab ich ihn so genommen
was sagst du mir? Und dann meint er mir, wart ab, ich werde größer ich
schlage dir zurück. Jetzt ist aber Schluss. Aufs Bett gelegt, (1) Hintern hoch
L @1@
L Daran kann ich mich nicht
und poff, poff, poff. Noch mal so was? Nee, nie wieder.
erinnern.
Weißt du nicht mehr, ne?
Weiß ich auch nicht.
Aber ich weiß das.
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L:
J:
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M:
L:
J:
Aber die Eier da gelassen, und deswegen hast du auch Prügel gekriegt. Seine
Sache da irgendwo stehen gelassen und ab.
Aber, aber äh, ich war das aber nich, das war Daniel.
Na und? Daniel wurde gar nicht erwischt.
Nein, ich wurde, ich (1) wurde nicht erwischt. Der wurde schon erwischt.
Der wurde verpetzt.
Ja.
L Ich wurde nicht erwischt, ich wurde verpetzt.
L Nein?
Echt?
Warum
wurde ich nicht verpetzt?
Also ich lege noch ganz großen Wert darauf, dass sie zusammen halten.
Ja, und das muss auch sein. (1) Bei den Brüdern (2) also
Sind ja nur zwei Brüder.
Aber mhm, Papa, da, ähm einmal
Ich glaub, glaube gabs auch manchmal ein oder zwei mal, dass einer kommt
von der Straße und heult und zweiter hat sich da nich eingesprungen, hab ich
den gerufen und hat er von mir auch noch Prügel gekriegt. Das (1) könnte
ruhig (2)
Und warum?
Weil er nich eingesprungen ist. Einer hat Prügel gekriegt von jemand und
dieser hat da zugeguckt und is nicht dazwischen gegangen. Und da hat er zu
Hause auch noch was abgekriegt.
Die zwei Brüder müssen immer zusammen halten.
Aber wenn Daniel früher was auf der Schule gekriegt hat, dann konnte ich nix
für.
Nein. Ja, das war je was ganz anderes.
Ich hab nicht auf der Schule was bekommen, die haben alle was von mir
bekommen.
L Daniel. (2) Ich glaube, dass so wie ich das beurteilen kann, dass Jaäh, dein Vater ist dir nich so ein großes Vorbild.
Nee, der is auch kein Vorbild.
Ja, weil äh die haben versucht, ihn ja christlich zu erziehn, bis zum zehnten,
elften Lebensjahr hat das ja geklappt (1). Ja und als er dann äh zum Militär
gegangen ist
L War schon vor dem Militär. Nach der achten Klasse gings los und da
hab ich schon zu Hause, hatten sie zu Hause nichts zu melden. Da hab ich
gemacht, was ich wollte, ne.
Ja, und nach dem Militär hat er dann zu seinem Vater gesagt oder wann war
das, du hast mir immer gesagt, nicht den anderen dann schlagen, ne. Oder
wer äh dir eine Backe auf die Backe haut, stellt eine zweite dazu, ne. Und da
hat er gesagt würd ich da, wenn ich überleben will, wenn ich nach deinem
Motto gearbeitet hätte oder gelebt hätte, ne.
Würd ich auch nich, dann würd ich jeden Tag mit nem blauen Auge nach
Hause kommen.
@1@
Ja, jetzt geht’s aber nicht um dich. (2) Ja und äh Jascha findet das auch ganz
falsch und ich finde das so in Ordnung, ich kann da die Meinung nich teilen,
aber das er ganz einfacher Arbeiter und ganzes Leben lang malocht hat (1)
und für Jascha ist das überhaupt kein Vorbild.
Was soll man malochen, malochen. Leben ist auch dafür da, du musst auch
was Schönes da raussuchen. Nicht nur ganze Leben tun, tun, tun, tun damit
man überlebt. Das is nich Sinn der Sache.
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J:
L:
S:
L:
Aber ebn hast du ja gesagt, das ist für dich ein großes Ziel, dass die Kinder
lernen zu arbeiten.
Die mussen wissen und können zu arbeiten, aber nicht unbedingt das ganze
Leben durcharbeiten. Das muss nicht sein. Aber man, wenn man schon in
eine Situation kommt, dann muss man sich auch ein Ausweg (1) machen
können. (2) Wenn es nicht sein muss. Von schöne Sache wird man
automatisch zugezo-, äh angezogen. Aber schlimmere Sache, da muss man
auch rauskommen können. Und wenn du das (1) immer alles so hinkriegst,
warum sollst du nicht leben.
Welche schlimme Sachen, was meinst du damit?
Zum Beispiel, was man nicht will.
Egal, wo du nich hinkommst. Zum Beispiel stell ich dich jetzt irgendwo (1)
Münster, Frankfurt, egal wo hin und sage hier, du musst da und da hin. Du
kommst da nich raus einfach so.
Selbständig.
Ich weiß nicht, was du meinst.
Nimm mal ein Fahrrad auseinander (1), du kriegst ihn nicht wieder zusammen,
das meine ich.
L Nö, ich nicht.
Ja also. Und so was darf nich sein. Ein Mensch muss alles können.
Auch eine Frau?
Ne Frau is auch ein Mensch. (2) Warum nicht?
Man kann nich alles können, Jascha.
Nu, warum nicht? Was du nich kannst, das kannst du lernen. (1) Außer das
heißt, dass du das nicht willst. Dann wirst du das auch nicht lernen können. (3)
Ein Mensch is so eine (1), ein Mensch is
L Jascha, du widersprichst dich doch total.
Zuerst mal sagst du eine Frau muss alles können und zweitens, und vorher
hast du gesagt, eine Frau muss zu Hause wissen und auf ihren Mann hören.
Ja, aber können muss sie doch alles. Kann sie alles.
Was?
L Aha, sehr clever.
Du musst
alles können und alles äh, aber zu Hause sitzen und Mund halten.
So was hab ich zu dir nie gesagt, das war in Russland. Das war in Russland
L Zu mir nicht.
L Aber du
fandest, findest das doch so toll.
Ich fand das toll. Und das ist auch nicht so verkehrt. Dass ein Mann hat zu
sagen und die Frau macht mit.
L @1@
L @1@
In manchen Sachen ist das gar nicht so verkehrt.
Auch wenn der falsch Ma- äh, der Mann falsch denkt?
Der Mann soll falsch denken?
L Aber er is
L @1@
Ah, dieser Betracht ist es gar nich gekommen, ne? (1) Dieser Betracht.
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R:
(3)
J:
M:
L:
J:
L:
M:
L Nee,
dafür, wenn ein Mann falsch denkt, dann muss die Frau äh ihn auf den
richtigen Gedanken bringen. (1) Aber nicht sagen, was zu tun is. (1) Das (1),
L Mhm
das sind zwei verschiedene Sachen.
Also wie ein Fuchs sein.
Und, wie war das bei dir, bist du zufrieden mit deiner Erziehung, die du von
deinen Eltern genossen hast?
Früher isch ganze andere Erziehung.
Ah ja, ja
L Jetzt, frage is nicht dich. Du antwortest für
mich, für sie, bist du (?) oder was?
Doch eigentlich schon. Ich denke mal äh (2) ich bin äh (2) ich bin ein (1), auf
mir ist ein guter Mensch gelungen. Find ich schon.
So wie ich oder
L Streng aber gerecht, ne?
was ich bis jetzt erreicht habe oder was, welche Last ich auf meinen Schultern
trage und Verantwortung und allen anderen Dingen, die inbegriffen sind, ich
finde schon. (2) Ja, im Groben. Ich hab zwar (1) Probleme, sagen wir mal mit
Umgang mit dem Alkohol oder so, ne, aber so in der Erziehung her, ja, ich gab
mein Bestes überall (1) manchmal mehr, manchmal weniger (1) Aber (1) doch.
Die Frage war ja anders, ne, wie du das siehst wie du erzogen warst.
Hab ich ja auch gesagt. Im Grunde genommen bin ich mit meiner Erziehung
zufrieden, weil aus mir ein guter Mensch gelungen ist. (4)
Im Grunde genommen bin ich ja auch zufrieden, ne, im Grunde genommen.
(3)
Aber? (2) Bei mir @gibt’s kein aber.@ (6) Was, womit du nicht zufrieden bist,
das hat dir die Straße reingelegt und nicht die Eltern. (5)
Würde mein Vater ein bisschen strenger zu mir sein, würd ich auch ein
bisschen anders sein. (1) Meine Eltern, ich würde sagen, waren nicht streng
genug zu mir.
Du hast gesagt, sie sind sehr streng gewesen.
Aber nicht streng genug.
Wohin, nicht streng genug?
Wenn mein Vater würde streng genug, ne, mit mir, dann könnte ich auch von
zu Hause mit vierzehn Jahre nicht abhauen. Oder mit fünfzehn. (1) Dann wäre
es gar nicht erst möglich gewesen. Oder würde mein Vater vielleicht (1) nicht
so viel arbeiten, ein bisschen mehr (1) Zeit für mich haben, würde so was
vielleicht auch nicht passieren.
Das kann der Vater, der musst arbeiten.
L Das kann ich auch sagen, unsere Eltern haben sehr
viel gearbeitet
und wir, wir haben nicht viel von den Eltern gehabt.
L Zu viel, ne?
L Ja, und
deswegen versuch ich auch (?)
L Wir waren in Kinder-, in Kindereinrichtungen
sehr oft untergebracht oder in den Sommerferien, wir haben nicht, nicht viel
von den Eltern gehabt, das stimmt schon und das hab ich vermisst als, als
Kind.
Wenn du malochen musst, ganzen Tag
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L Ja verständlich, aber so wie ich, wie ich
jetzt das beurteilen kann, ne.
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M:
L:
R:
J:
L:
R:
L:
J:
@3@
Sie sind in Kindergarten gewesen und dann
L Ja dort war so ein Leben, das war
so.
Da sie sein, wenn die Schule zu Ende, Ferien sind Pionierlager haben sie
geschickt auf zwei Monat. Weil alle, wir mussen arbeiten.
Die Kinder flüstern etwas, Mischa fordert Jascha auf, mit ihm nach draußen zu
gehen, um zu rauchen.
Okay, die letzte Frage. @1@ Schon wieder die letzte, ne? (1) Würdet ihr auch
wollen, dass eure Kinder auch Russlanddeutsche heiraten? Das haben ja die
Eltern so gewollt.
L Nein, es muss damit Schluss sein. (1) Russlandsdeutsche,
Russlandsdeutsche
L Also, mir ist es vollkommen egal. Wird er da eine (1) Schwarze
oder Dunkle oder Rote oder ist das Brasilianer oder Deutsche, Russe ist mir
L Hauptsache die verstehen sich.
voll vollkommen egal. Soll er selber entscheiden. Ich werde ihm nie sagen, die
darfst du nicht heiraten oder die, die sollst du heiraten. Nee, das wird nie der
Fall sein.
Also ist dir egal, russlanddeutsch, deutsch, einheimisch, afrikanisch
L Is egal,
ganz egal.
L Is mir egal.
Sollen die sich
aussuchen die beste und dann (1) wird es auch gut sein.
L Hauptsache die Ehe hält und (1)
Ein Mensch ist ein Mensch, da legt die Farbe oder Nation kein, kein, du musst
nur einen vernünftigen Mensch finden. (2) Das ist meine Meinung.
(Rita spricht gleichzeitig am Telefon, das zuvor geläutet hat.)
Gut.
L Früher (1) hab ich viel gedacht Musleme, Musleme is, also die kommen
nicht in Frage. Jetzt find ich auch so, ja gut, strenge Musleme würd ich auch
nicht unbedingt haben. Aber strenge Musleme können nur Männer sein (2)
Mädels die werden sich sowieso einrichten auf die Jungs, wenn sie auch
Musleme sind, ne, und ich hab nur Jungs, deswegen ist mir völlig egal (1),
wen sie sich holen.
Aber das stimmt. In Russland mit de Kinder können sie net so viel machen wie
hier. Das stimmt. Hier isch mehr Angelegenheit, mehr, mehr
L Ja
L Ihr habt auch
weniger Zeit gehabt als wir.
L Weniger Zeit, ja, das stimmt. (3) Zum Beispiel
Schwimmbad bei uns überhaupt nit gewesen.
Ja, aber der See.
L Ja, aber wann willst du denn machen, wenn du um halb zehn
abends
L Überhaupt, so und so nit gewesen. Für die Kinder hier isch viel,
viel mehr Gelegenheit.
L Ich muss aufs Klo.
Ja, musst du das so laut sagen, dass das auf die Kassette kommt?
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2720 L:
@Das wird ja aufgenommen@
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2722 Ende der Aufnahme
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1.4.2 Großmutterinterview mit Rita Mejder (Familie Schwarz)
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28.10.2003
Wohnzimmer im Haus der Mejders
Großmutter:
Rita Mejder (R)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
Ich habe jetzt ein paar Fragen, aber es ist ganz ähnlich wie bei der
Gruppendiskussion, also bei dem Gespräch, wo Lydia auch dabei war,
L Ach so
ganz ähnlich. Und ich möchte jetzt noch einmal die einzelnen Generationen
hören, ja. Also ich hab auch schon mit Lydia gesprochen noch mal und mit
Jascha auch so ein Interview geführt, die Kinder sind noch zu klein.
Nu, die Kinder sind noch (2)
Ja, aber mit ihnen und ihrem Mann noch einmal. Und jetzt, (1) Frag ich einfach
noch mal bei ihnen, was würden sie sagen noch mal für sie selber jetzt, für
ihre Generation und für sie selber, was waren die Hauptunterschiede (1) von
dem Leben, was sie in Russland hatten und von dem, wie sie jetzt hier leben?
(2) Ganz Unterschied. (2) Ich, ich schätze schto Deutschland isch mehr besser
(1) für, für unsere Generation über- unglaublich. Alles besser. (1) Dort um
diese Zeit, weil bei sechzig Jahre, sie sitzen vor dem Haus mit Taschentuch
und warten, dass ja hier ganz anderes. (3) Ganz anderes. (1) Im Urlaub fahren
und das und das, gibt’s Leute, das sitzen so. Also kannst du, ah wir haben
gleich umgedreht auf die Stellung Deutschland. (2) Wann wir sind
angekommen in Deutschland wir mussen gleich (3) einrichten wie in
Deutschland. (3)
Also würden sie sagen, dass sie es hier besser finden?
Besser, ja. (1) Vom Leben, von alles besser. Gibt’s auch viel Problem,
verständlich, jedes Jahr schlimmer und schlimmer. Und wann wir sind
gekommen, fünfzehn Jahre is leichter gewesen und jetzt schlimmer und
schlimmer. (2) und in Russland isch auch schlimmer und schlimmer (1).
Deswegen.
Mhm. Was war denn am Anfang, als sie nach Deutschland kamen am
schwierigsten für sie?
Schwierigste: Papiere. Papiere kommen so viel Papiere so Kopf, dort bei uns
isch im Russland keine Papiere gegeben. Papiere, Papiere, jetzt wo von jede
A-, Beamte kommen Papiere und Papiere, Papiere. S Schlimmste is Papiere.
(2)
Haben sie die dann immer selber ausgefüllt?
Papiere ja. (3) Selber ausgefüllt, manchmal ich bitte jemand, manchmal selb,
weil ich kann lesen bisschen (2) und schreibe ich bin gekommen nach
Deutschland kann lesen und schreiben. (2)
Ja, haben sie dort in Russland schon Deutsch gesprochen?
Nei. (1) Wir haben, wir sind gewohnt im Nowosibirsk, (1) dort sind f-, keine
Deutsche gewesen. So große stöckiche Häuser. Zwischendurch sind (1)
Deutsche gewesen. Wann jemand spricht, so gucken sie auf die, ich weiß net
wie. Die Eltere haben gesprochen, sie sind zu Hause gesessen, die Eltere
haben gesprochen auch auf Deutsch, a- aber wir haben geantwortet auf
Russisch. (1) Zum Beispiel Leute wo haben sie gewohnt in Dschambul oder im
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Karaganda, do-, dort sind viele Deutsche gewesen. Sie haben gesprochen
norddeutsch, aber wir (1) näh. Wir haben in der Schule gelernt (1)
Mhm, aber ihre Eltern sind beides auch Deutsche gewesen?
Deutsche gewesen. In der Ukraine sie sind geboren. Geboren in der Ukraine
sie sind hier verheirat, Lunenburg, nit weit vom O. wegen des Krieges. Ah
dann, die Russe sind gekommen, haben gesagt wir, sie fahren nach Ukraine
in f- ihre Land (1) kommen se ah dann scht (1) ins Nowosibirsk. In Sibir. Da im
sechsundvierzigste im Nowosibirsk ick bin gebore. (2)
Ja. Und in ihrem Pass
stand auch immer Deutsche.
L Deutscher. Deutscher und Russlanddeutscher.
Nur Deutscher. (3)
Und was würden sie so sagen, wie haben ihre Eltern sie erzogen?
(3) Die Eltere, wie haben sie erzo-, vom eine Seite gut (1) @1@ dass wir
mussen ehrlick sein, (1) fleißig sein (1), aber sie haben wenig wie ich mit
meine Kinder (1) (?) Vom eine Seite sie haben gesagt sehr ehrlich sein, sehr
fleißig sein. Das is gut. Vom andere Seite früh statt gewesen, aber mehr mit
de Kinder me- wenig beschäftigt. Zum Beisp- ich wollte sehr gerne tanzen (1),
zum Beispiel tanzen dla mich, für mich isch alles gewesen. Aber Elter haben
gesagt nein, wir haben kein Geld für das und das. Für meine Kinder, isch, isch
gleiches Bild auch gewesen. (1) Wenig, wenig mit de Kinder so beschäftigt
gewese wie hier in Deutschland hier mache se mehr. Mehr Gelegenheit. (1)Mit
de für de Kinder hier. (2) Hier isch, ka ma Schwimmbad gehn und das und
das. Ah dort konntesch ni-. Ich hab im Schwimmbad hier gelernt (?),
schwimmen, ja. Wie meint schwimmen, uh auf de Rücken halten ins Wasser,
dann umdrehn mich so. Ah ich habe Angst gehat (1) bis daher ich bin gegang
ins Wasser. Daneben bei uns is Fluss (1) Od gewesen. Aber ich haben so viel
gesehn, dass Leute haben so viel getrunken ins Wasser (2) eh ich habe Angst
gehat. (3) Hier isch mehr für de Kinder. (2)
Und ähm, würden sie sagen, dass sie Lydia und, Lydia hat noch eine
Schwester, ja
dass sie ihre Kinder genauso erzogen haben, wie ihre
Ja.
Eltern sie selbst erzogen haben? Oder haben sie da gesagt, nee, das will ich
auf keinen Fall machen, ich will was anderes machen?
Meine Kinder? Ja, etwas anderes ich habe gemacht wie ma- mein-, aber
trotzdem nit alles. Wann a- Ansehen zurück (1) dann, ich habe ganz anderes
etwas gemacht.
Ja, was denn?
@1@ Mit de Kinder mehr beschäft. (2) Bisschen anderes.
Mehr Zeit
Ja, mehr Zeit
bisschen mit de Kinder. Und dass hat (1) bei meiner Mutter ich sehe bei de
Lydia, bei de- weil wir haben dort kein Zeit. Wir mussen arbeiten und dort in
Russland isch gewesen im Sommer ich habe keine Oma gehabt (1). Ich bin
selber wir sa-, ich muss arbeiten. Den ganzen Sommer wir haben geschickt in
Pionierlager (1) dort (3).
Mochten die Kinder das?
Ha?
Mochten die Kinder das?
Das ging, ginge von einem Alter, eine ein Monat ja, dann (2)dann wissen sie
das, eh, das isch. Ich bin selber gearbeitet Pionierlager, ich hab gelernt im
Russland so Pionier waschataja auf Russisch. Mit de Kinder beschäftigt. In de
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Schule Pionierleiter (2) gewesen. I- Ich habe auch dort gearbeitet (1) im
Pionierlager. (1) Für mich isch das dort sie sind mehr mit de Kinder beschäftigt
am Tag, aber (1) die Eltere mussen arbeiten, die hier isch ganz anderes. (2)
Ganz anderes Leben, ganz anders.
Was ist denn hier anders?
Nu ich meine mit de Kinder und das ganz anderes. Dort isch eine Probleme
gewesen vor be- das Lebenmittel muss bei dir sein, (1) das Lebensmittel sein.
Fleisch und das und das. Bei uns isch immer das gewese, weil ich habe
gearbeitet im Geschäft. Einige Leute haben einmal in in de Woche Fleisch nur
gegessen, das auch so gewesen. Aber bei uns mit de Essen isch alles
gewesen. (2) Unsere Kinder haben das nich bemerkt. Ich habe viel gebacken
(2), viel gebacken, die die Kinder sind ausgewachs mit de Backen. Ich habe
gearbeit in Geschäft auch von Morgen bis Abend und Samstag auch halbe
Zeit, ich bin gekommen von der Arbeit .(1) Nach dem Arbeit ich bin
gekommen ich habe (1) bis zwei, drei Uhr in de Nacht etwas (1) von de Teig
(1) gemacht. Deswegen Kinder sagen, Mama besser hier. So.
Mhm. War ein hartes Leben.
L Ja, hartes, aber von eineme Seite, die Kinder
hatten dort mehr Freude. Ich meine, wann äh, Geburtstag oder Feiertage
dann, sie freuen sich. Zum Beispiel am de Ko-(?), auch Süßigkeit so etwas
Besondere, ah hier kann man (1), die könne, Kinder haben alles. (1) Das ich
meine. Jede Tag Eis, ah dort wa des is etwas viel Besonderes. Sie erinnern
sich die diese Kinder. Zum Beispiel, wenn ich bin klein gewesen, jemand
isch krank isch vom Schwester gewesen (2), zum Beispiel isch bin krank
gewesen und meine Mutter hat mir Limonade gekauft und Piroschen. I
Bonbons teu- teure. Ah Schwester sind rumgegangen Rita gib mir bitte, oder
meine Schwester, die isch krank gewesen, isch bin Erika gib mir. (1)
Wisschen. Das erinner, das isch in Gedenknis reingefallen. (1) Und das isch
von einige Seite dort haben mehr Freude die Kinder, wann etwas
Besonderes. Ah hier und de Feiertag kann man nix machen, alles wissen
sie, alles haben sie. (2)
U- Und dort auf de, äh, wann
Ja, ja, das stimmt schon.
Neues Jahr, wir haben aufgehängt diese äh Bonbons teure, meine Mutter hat
aufgehängt, isch keine Spielzeug gewesen, nein. Bonbons, Plätzchen, wir
haben jede da abgeschnitten das wer, ja @1@ ja, wot das erinner ich.
(2) Das vom eine Seite, die Kinder hat dort mehr Freude zum Beispiel, wann
is etwa- Beso- bei hat heute Geburtstag. Oh, ich habe Geburtstag, ich krie
etwas. Zum Beisp- meine Lydia und Ada, (1) wann Geburtstag sie ha- wir
sind auf den Markt gegangen, haben Obst gekauft, dort ist sehr teuer
gewesen (1). Zum Beispiel meine (seufzt) Lydia (seufzt) isch, isch geboren
einundzwanzigste Juni, Anja zweiundzwanzigste Jul und Basar isch, oh Basar
auf Russisch, auf dem Markt is sehr teuer gewesen diese Obst. Ich habe
gesagt, ich bin auf den Markt gegangen mit ihnen, was sie möchten bitte. (2)
A- äh kaufets. Wot solche Geschenke Geburtstag. (3) Aber eine Tag meine
Kinder hat gesagt, meine Kinder haben gesagt, wir möchten auch Kinderfest
haben, wie hier. Nu ja, möchten sie bitte. (1) Kinderfest. Ah, dann haben s
gesagt, nein, von Kindert- sch über haben nix davon. Kinder sind gekommen,
haben sie gegessen und weggegangen. Besser auf den Markt gehen. (2)
@1@
Und kaufen etwas, was sie, willscht du Obst, willscht du das, das. Ich habe
nix. Aber dort isch auch teuer gewesen. Aber äh die Kinder reden, wenn sie
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noch. (3) Die Kinder sind gegangen dort im Russland Kindergarten von
Morgen bis Abend. Jetzt nit so, wie früh. Meine Anja ge-, gewesen Jasse. So
Jasse das vorte Kindergarten. Wer arbeitet, können sie abgeben zum Beispiel
diese kleine Kinder, ab ganze Woche zwischen zwei Tage sie können
übernachten dort, dritte Tag ich kann sie mitnehmen. Mit nit Lydia, aber diese
wot zweite Anna war bei mir nich zu Hause (?) (spricht leiser)
Ja, und würden sie sagen, dass sie dort anders gelebt haben, als die
russischen Familien? Weil sie waren ja Deutsche.
Deu-, besser. (1) Je- einige Seite besser. Weil wir haben alles vorbereitet,
wir sind nit faul gewesen. Alles vorbereit, zum Beispiel un Urlaub wir haben
gesammelt Beeren, Himbeeren, Johannisbeere, haben sie eingemacht.
Gurken, Tomaten, Kraut. Alles, das isch Urlaub wir haben gemacht. Für das,
das etwas ganze Winter, etwas zu essen isch. (2) I un de Keller, unter de
Schnee so große Keller gewesen, dort wir haben alles, alles. Und Kartoffeln
gehabt und Kompotte gekocht (?) was hier in Deutschland wir
Die Russen haben
das nicht gemacht?
Ah. Ganz we-, haben se einige gemacht, einige waren zu faul gewesen. (1)
Wir haben verschiedene Salate gemacht, weil zum Beispiel meine Schwester
hat ge- gearbeitet, wo sie in Kühlschrank, große so, großer Handel. Sie hat
das und mir gegeben, nu, zum Beispiel Kisten mit, mit, mit diese Ente oder,
oder mit anderes. Ah ich habe ich- ihr anderes (1) gekauft. Und so wot haben
wir umgetauscht. Deswegen bei uns isch (4) Wir haben ein Sack Zucker
gekauft, ein Sack Mehl das immer is bei uns gewesen. Ah hier braucht man
nix. Dort isch wichtig Probleme (1) Lebensmittel besorgen. (3) Wir sind im
Sommer immer rausgefahren mit de El- mit de Kinder im Sommer am
Sonntag. (5) Meine zweite Tochter hat auch vorges Mal, hat auch (2) äh rede-,
sie redet mit Mama will sie oft auch gefahrn, das is so gut gewesen, ich
erinnere mich. Ah jetzt meine Kinder, ich kann nicht verlang. Fa- für sie isch
nix neues. (2)
Jetzt für die Enkelkinder?
Für die Enkelkinder. Nix neues. Da so isch um jede Familie. (3) Aber (2) diese
eingemachte Gurken, Tomat, das isch auch viel Kraft. Je- jetzt geht alles aus.
Alle Krankheit, alles, alles. Aus Russland die Leute sind mehr krank (1) wie,
wie Deutsche. Weil sie haben Anfang vom junge haben sie gearbeitet und
geschuftet und vorbereitet das Essen a- auf de Winter und das jetzt alles geht
raus. (1) Alle Krankheit. (3)
Was ähm, waren denn die Dinge, die sie ihren Kindern unbedingt beibringen
wollten? Was sollten die lernen?
Ehrlich sein und fleißig sein. (2) Und nit lügen @1@. Ehrlich sein und fleißig
sein (2), aber nit stehlen, nu, Dieb, keine Dieb. Das muss nicht sein. (2)
Und hats geklappt @1@?
Ja, hat geklappt. Mit meine Kinder hat, sie mussen selbständig sein, meine.
Die meine Kinder sind wirklich selbständig gewesen. Weil bevor gehen in die
Schule, rau- Ausgang von de Tür isch große Schild gewesen. Hascht du
augschalten Gerät in de Küche? Hascht du nit vergessen den Schlüssel?
Lydia kommt von de Schule (1) so ein Schild. Du musst vor, du musst Esssen
warm machen. (3) @1@ (1) Hasch du ausgeschalten Gerät? Lydia isch
gekommen, hat äh, f- für sich äh Suppe warm gemacht oder Eispiegel
gemacht, sie haben mir geholfen oft. Mit diesem sie se jetzt meine Kinder
selbständig.
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Ja, Lydia ist ja auch eine sehr aktive Frau @1@.
Ja, aktive Frau. (2) Sie isch aktive Frau.
Und einen Sohn haben sie nicht?
Nein, zwei Töchter,
Zwei Töchter. Hätten sie einen Sohn anders erzogen?
Genauso?
L Nein.
Genauso.
Hätte der auch helfen müssen im Haushalt?
Ja. (2) Mein Mann hat gearbeitet und wie im Russland meiste, mei- mein
Mann zum Beispiel hat die Kinder in de Kindergarten gebracht. Dann er isch
gekommen, essen warm gemacht und auf der Couch gelegen. (3)
Wer hat denn bei ihnen hauptsächlich die Kinder erzogen, sie oder er?
Ich meistens. (1) Ja, wenn von mir ansteht (?). Vom Mann nein. Weil er hat
erlaubt alles. (2) Er, er isch gekommen nach der Arbeit, auf der Couch de, de
Zeitung gelesen (1) und macht , sie haben gemacht, was se wolle. (2) Oh,
Mama kommt bald, scht.
Warum war das denn so, dass sie streng
L Ich weiß net.
Hat sich so ergeben?
Vielleicht, ich bin mit die mehr gewesen. (2) Weiß nit. Ah sie haben vor mir
Angst. (2) Von ihm nein.
Er hat sie nie bestraft?
Ich hab auch Kinder nie, nie geschla-, nur ein oder zwei Mal Lydia ich habe
und Anna im Leben. Aber das isch wirklich gewesen.
Was haben sie da gemacht?
Äh, die Lydia zum Beispiel von der Schule.(2) Sie sind weggegang drida ah
hinter dem Stadt, mit dem Zug. Ha- haben sie dort von der Schule
übernachtet, ah die Eltere haben sie dort gesucht dann. Dann wir haben
gesucht, alle Eltern. Und das hat sie gekriegt. (4)
Ja. War ja gefährlich.
War sehr gefährlich. (1) Datscha. Auf Russisch Datscha. (2) Sie wollte faun-,
ff- feiern mit ihr, mit ihre Klasse auf der Datscha dort weit, weit, weit. Dort is
früher so viel passiert besonders die junge Mädchen in de acht Klasse. In de
neun Klasse. (1) Das isch sehr, das isch erste Mal sehr (1). Nit nur ich und
andere Eltern haben auch. (3) nein, meine Kinder haben ganz wenig. (2) Aber
(seufzt) (2) hier, meine sind äh, wie kann man sehr, sie sind ganz wenig krank
gewesen. (2) Ganz wenig.
Gut abgehärtet.
Ja. Wann sie sind klein gewesen ganz Baby ich habe sie gestellt auf die
Balkon, nu, bei uns in, auf den Balkon gestellt, regnet nit regnet, die haben
geschlafen und (3)
Mhm. (2) Und von der, ich hab eben schon mal gefragt, ob Unterschiede
waren zwischen ihrer Familie, weil sie warn ja deutsch, und den russischen
Familien. Gabs denn da auch Unterschiede so in der Mentalität?
(1) Ja, gibs. Sieht ma, so. Wann kommen sie rein, sie sagen Deutsche sind
mehr fleißig. (1) Besonderes be-, bemerken sie und sagen, da, wo sind
eigenen Haus haben sie, bei de Deutsche alles glitzert, (1) aber der Russe nit.
Der Deutsche sind fleißiger, (1) sauberer. (4)
Und ähm jetzt leben sie schon seit fünfzehn Jahren in Deutschland.
Ich habe nit, eine Minute nit, nit bereut. Dass wir sind hier. Dass unsere Kinder
und unsere Enkelkinder das wohnen. Gibt’s Probleme, ja, aber (1)
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Was denn für Probleme?
Nu, in Deutschland jetzt gibt’s auch Probleme jetzt i- im Land gibt’s auch
Probleme. Früher ich glaube bisschen weniger. (1) Ah jetzt gibt’s auch
Probleme, aber trotzdem ich habe nicht bereut, nit eine Minute. (2) Dass wir
sind nach Deutschland gekommen.
Fühlen sie sich wohl. (3) Und wo würden sie sagen gibt es Unterschiede
zwischen Russlanddeutschen und Deutschen hier?
Das gibt’s Unterschied. (1) Wir sind äh Hiesige sind ganz andere als die
Aussiedler, wie Russlanddeutsche. Ich wann gehen vorbei sieht man gleich,
das isch Hiesige äh oder Russlanddeutsche.
Ja, woran sehen sie das denn?
L Wie sie laufen (1), wie sie angezogen sind, (1)
das sieht man. Wann für die junge Leut zum Beispiel wie mei Enkelkinder, wer
isch, wer isch hier (1) aufgewaschen, bemerkt man nit. Aber zwischen uns
sieht man gleich. (1) Ich weiß nit, sieht man. (1) Sie laufen ganz andere,
Ja? @1@
(1) wegen der Sprache noch zuer-. Nur Mund aufmachen und (2)
Ja, da hört man vielleicht den Akzent.
Inter Akzent überhaupt. (1) Sie sind ganz andere ausgewachs-.
Und was würden sie denn sagen ist denn anders bei denen so von der
Mentalität her?
(2) Ich weiß net (1) genau, aber (1) was anderes. (1) Vom den Kindheit sie
haben ganz anderes. (2) Zum Beispiel die (1) Kinder (2), die Mutter geht (1) n
in zur Arbeit, wann de Kinder sind schon so groß. Sie beschäftigt mit de
Kinder. (1) das isch Unterschied. (1) Ah dann, wann de Kinder sind
ausgewachsen, dann gehen se (1) zur Arbeit. (3) Ah das bemerkt man bei de
Kinder. (2) Ich sehe von de Kinder, von Kindheit, wie Gabel ä-, halten, wie
Messer halten. Von Kinder. Kindergarten wissen sie das. Dort bei uns in
Russland war mehr, mehr Intelligenza oder wie heißt das.
Hier in Deutschland?
In Deutschland (1) wie dort. (2) Von Kindheit sie in de Kopf reinsetzten alles
das. (3) Sie sind kak scasat (1) spakoina, sie sind ruhicher. So langsam. Ah
unsere sind schnell, sch- so (2) schnell, hektisch, schnell, schnell, schnell,
schn-. Alles muss anpassen, ah de Hiesige langsam, mit de Ruhe. Stimmt
doch? (2) Wenn nein, haben wir morgen Zeit.
So langsam mit der
@1@
Ruhe. Ah de Deutsche mussen alles (1) anfassen.
Die Russlanddeutschen?
Russlanddeutsche, ja.
Haben sie denn auch hiesige Freunde?
Ach (seufzt). A- bei Arbeit do, ah son- nein. (1) Bei Arbeit. (1) So.
Also haben sie meistens, also ihre Freunde sind Russlanddeutsche?
L Russedeutsche.
Wieso ist das so?
(2) Ich weiß net. (2) Und so und so. (3)
Ist es einfacher mit Russlanddeutschen?
Isch einfacher, glaub ich, weil du bisch in diese Person gleiche Meinung und
gleiche das. Ganz andere. Zum Beispiel bei Arbeit bei uns isch eine (2) Olja.
(1) Sie sagt, sie isch jetzt dran gewesen, so, ich wollte mit meinem Mann nit
leben, weil ich habe Stress, ich muss Ruhe haben, sie hat Wohnung
genommen. Unsere (1) nu, Russendeutsche machen das niemals nich. (2)
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Warum ich muss für ihn kochen, warum ich muss das und das und das? Das
für mich Stress. Ich, ich möchte nur für sich sein, sie sagt so. (3)
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Und Russlanddeutsche würden dann bleiben bei dem Mann?
R:
Ja, wann se, wann se isch krank, tut bleiben oder Mann krank. (2) Sie machen
alles. (1) Mit Gewalt, aber machen se.
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Wie mit Gewalt, was bedeutet das?
R:
L Nu, ich meine mit Gewalt zum Beispiel, wenn Frau
isch krank trotzdem sie macht das. Ich meine so. Ah Deutsche, nein. (3) Aber
ich habe viel ge- gelernt von de (1) Hiesige. Nu zu Beispiel für sich
beobachten, (1) ins Urlaub fahren und so meh-, mehrere Gesundheit achten.
(1) Ah Russlanddeutsche, nein, in Russland nit so. Ich habe viel gelernt. (1)
Brauch man keine golde- äh, keine Sache so teure, besser ins Urlaub fahren.
(1) Für, für die Gesundheit is besser. Ah wot Russlanddeutsche, diese sind
nit so. Wann se se, wann se bauen und sie sehn Nachbaren hat Tür,
zweite kauft noch teurer. Geld hat er oder nein, besser er fährt nit ins Urlaub,
besser er esst nit etwas oder kauft nit, aber kauft so Tür teure (1) wie bei
Nachbaren. So isch au- gewesen (1) bei de Russedeutsche. (2) Ah, mit diese
Hiesige machen das net. (2) Er wohnt für sich, (2) wie der (1) denkt zum
Beispiel, für mich isch das besser, das besser. (2) Ich habe viel gelernt in
Deutschland. (3) das Leben isch ganz anderes, ich habe viel gelernt. (1) ich
bin gekommen nach Deutschland, ich habe gleich gesagt (1). Wir sind hier
angekommen, wir mussen hier passen, wir machen wie die Deutschen. (8)
S:
Ja. Mhm. Und wie ist das jetzt so, die Kinder sind ja schon groß, sie haben ja
auch schon Enkelkinder, jetzt so was das Leben von ihnen und ihrem Mann
betrifft, wer trifft die Entscheidungen?
R:
Ich. (1) So isch gewesen in Russland und hier. (2)
S:
Hat sich nichts verändert?
R:
Nichts verändert.
S:
Und warum sie?
R:
Ja, sie, weil meine Mann, wir sind verschiedene Leute. (1) Ehrlich sagen.
Meine Mann is so (1) zurück ganz, fuffzig Jahre. Meinung und a-, andere,
äh, verschiede Meinung das Leben und das alles. (3) Ihm isch, gibs
verschiedene Leute, ihm isch e-, egal. (1) Kaufscht teuer etwas oder das, ihm
isch egal (1), meinem Mann. Ah mir isch nit egal. (1)
S:
Sind sie dann eher der
Manager?
R:
Ja, vo- im Russland so gewesen und hier so. Ich habe geführt in Russland (1)
alles (2), und hier. (2)
S:
Und ihr Mann wollte das nie? War er zufrieden, wenn sie es machen?
R:
L Er isch zufrieden, ja. Immer schon
alle gewesen. So egal ich habe, e- erste Mal gesehn. (1) Ah, ich bin wann ich
bin jung ge- gewesen, ich wollte Entscheidungen . (1) Weil seh, wir sind ganz
verschiedene Leute. Ganz, noch n in Russland. Ah die Kinder sind so klein
gewesen, (1) Lydia isch drei Jahre, Anna isch ein Jahre, meine Mutter gesagt,
Rita, was denkscht du? (1) Guck mal. No einige Mutter leben dort ganz, ganz
arm. (1) Wann wir in Deutschland, is Sozialhilfe und das, ich bin gleich bei (?).
Das schlimm, aber er sagt nein.
(...) unverständlich
R:
Er mag gerne trinken. Früher (2) wann er isch jung gewesen, wann er trinkt,
bemerkt man nit so. Aber älter und dann merkt man so sehr.
S:
Hat er auch schon in Russland getrunken?
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Ja. (1) Aber er hat gearbeitet noch, wobiern (?), kochen und alles. (1) Aber er
sagt, nein, nein. (2) Nur wegen das. (2)
Und deswegen war ihm alles egal?
Im- immer schon. (2)
Und haben sie denn mal mit dem Gedanken gespielt, sich zu trennen?
Ja, meine Mutter hat mich hat mich abgeredet. Lydia isch ja alst drei Jahre Anein Jahr, sagt, Rita, wasch denkst du. Wirklich einige Mutter wohnt sehr
schlecht , das kann man nich vergleichen mit Deutschland. Wann, wenn isch
gewesen so wie in Deutschland, aber nit hier.
Dann hätten sie sich getrennt?
Getrennt. (1) Ah meine Mutter sagt, ja, bis wir können wir helfen dir, aber wir
können, bleibscht doch, steckscht doch alleine. I die Kinder kriegen keinen
Vater mehr. Aber n junge, ganz jung ich bin gewesen, die Jahre sind vorbei,
jetzt lohnt sich nit. (3)
Hat sich nichts geändert, er trinkt auch heute noch?
Nu ja. Er sagt nein, er hat das verdient, bin kein Penner, ich habe gearbeitet,
ja er hat gearbeitet ganzen Tag, ganzes Leben. (1) Er sagt nein. Deswegen
immer schon (?). Aber die Kinder er hat gebracht, weil ich habe gearbeitet in
Geschäft (1) auch wie hier von zehn bis sieben Uhr (1) er hat in Kindergarten
gebracht die Kinder (1). Zurück, nach Hause genommen (1) und warm e- ich
habe gekocht, er hat warm gemacht, das er hat gemacht. (3) Ah weiter nix
mehr, alles an mir. (1) Lydia sieht un arme, das isch wie bei uns gewesen, ich
habe alles gemacht, alles das (1) so Lydia auch wollte, ich sehe. (2)
Entscheidung machen, alle. (2) Ah wir sind ganz verschiedene Leute. (2) Von
allen Seiten. Er isch fuffzich Jahre, hundert Jahre zurück. (2) Er braucht nix.
Nur Kühlschrank, Toilette und Couch. (1) Nie wohin gehen, nix, nix, nix. Nit
spazieren. Meine Mein-, meine Meinung is so, wenn Mann und Frau mussen
zusammen zum Beispiel, wenn arbeiten, ja wann frei is, mussen zusamzusammen aufstehen, zusammen frühstücken, zusammen zum Beispiel
wegräumen und dann spazieren zusammen, das (2). Bei mir geht das nit. (1)
Ich sage, ehrlich. (2) Nur zählt sich, der Mann.
Wie bitte?
Nur zählt, ich, bei mir zählt sich Torstock (?) der Mann, ah der Mann? (1) Ganz
selten, wir frühstücken zusammen, (1) weil ich stehe später auf, er steht (1).
Ich stehe früh auf, er steht später auf (2), er esst keine Frühstück, gleich
warmes Essen (2). Er wartet, bis ich koche. (3) Ich gehe in die Schwimmbad,
in die Sauna überall, ich muss allein. (1) Uberall. (1) Ja, wenn Besuch oder so
die Lydia oder wer uns einladt zu Geburtstag, vierzig Jahre werden wir gehen.
So. (1) Und keine Spaziergang, keine Schwimmbad, keine Sauna. Nix, nix,
nix. (1) Braucht nit. Wenn brauchst du nit, ich brauche. Willscht du, sitz zu
Hause, mir isch egal. Ich hab meiste Freunde so, wer de Männer sind
gestorben, so was. (1) So ungefähr. Wer (1) alleinstehend, meisten solche
Freunde. Deswe- kann man ur- ur- unternehmen etwas (2) und so (seufzt). (2)
Wann gute Familie ich meine so muss sein. Aufstehn, zusammen
frühstücken, zusammen wegräumen, zusammen kochen, zusammen
spazieren, wot so isch meine Meinung. (2) Ah das, nee.
Und sie wollen (?)
Zu spät, sechzig Jahre kannst du mein. Überhaupt Russenmänner sind ganz
erzogen wie deutsche Männer. (2) Vom Kindheit. (1) Russenmänner aus
Russland, sie sind trick sind, sie sind Männer, sie sind Chef der Familie (1) um
alles. Ah de Frau muss (1) Sorgen machen. (2) Ah wot die Deutsche, vom ei326
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hiesige Männer helfen viel. (3) Bei der Russedeutsche, das de Frau muss (1)
das alles machen. (1) Aber dass de Frau geht zur Arbeit und gleiche Arbeit
machen, verdienen das Geld, das zählt Russenmänner. (3) Das zählt für ihne.
Aber sie haben ja auch immer gearbeitet, ne?
Ganzes Leben.
Auch jetzt, sie arbeitet doch jetzt noch?
L Äh jetzt. Ganzes Leben. (2)
Und zu Hause mussten sie dann auch noch alles machen?
Alles alleine. Mhm. (1) Ich meine, wann un drei Woche, wann ich sage durch
(1) staubsaugen machen, das sch-. Nur vor dem Haus er fegt, ich mach nix.
(1) Zu Hause, nein. Nu jetzt i-, wann ich, er sitzt zu Hause jetzt (1), ich arbeite
ja, er kocht. Er kocht für sich. Wann ich bin zu Hause, dann ich koche für
beide. Ich sage du bist zu Hause, bitte koch.(1) Ich gehe morgens früh weg,
ich komme um acht Uhr au-, warum ich muss noch kochen? (2) Weil ich, ich,
ganz gewöhnt (?) isch ganz anderes. Früher ich habe das nich bemerkt.
Früher ich habe ge-, gearbeitet, Lydia hat hier gelebt mit de Kinder, ich habe
gewasch- und gekocht mit de Ba-, jetzt ich kann nit. Der Körper is schwächer
geworde. Älter. (1) Ausgenutzt (1) kann ma sagen. Ausgenutzt ganz. (2) Ah
jetzt mei Mann kocht für sich. Jetzt. Aber wann ich bin zu Hause, dann ich
koche (2) zwei Tage vor oder ein Tag, nu wann kommen Kinder, dann ich
koche, weil er kann nur kochen Eintopf, Spiegel@eier@, gebratenes Kartoffel,
Salzkartoffel oder solche leichte Sachen. Er hat jetzt noch gelernt. Ah so,
wann ich bin gekommen zur Ar-, er hat gearbeitet, ich habe gekocht. (3)
Und ähm, er hat nie daran gedacht, einmal eine Therapie zu machen?
Pff, er sagt doch, ich bin keinen Penner. (1) Ich ha- ich arbeite. Wer sitzt dort,
bettelt, wot der er nei.
Arbeitet er jetzt auch noch?
Nein, nein. Er sagt, ich habe, er hat ganzes Leben gearbeitet.
Hat er hier in Deutschland auch gearbeitet?
Jaa. (1) Zwölf Jahre.
Ah ja.
Zwölf Jahre oder elf Jahr, zwö- äh halbes. Zwölf Jahre. Er sitzt nur (1) drei
Tag, ja, zwölf Jahr. (3) Schon (1) drei dritte Jahre er sitzt zu Hause. Aber
Männer sitzen, das schaffens net. De Frauen finden immer Arbeit (1) ah de
Männer nein. (5)
Und wie sind sie dann immer damit umgegangen so mit der, ich sag jetzt mal
Sucht oder mit der Krankheit ihres Mannes?
L Mit de Krankheit. (1) Wann de jung war, merkt
man nit.
Haben sie es nicht bemerkt?
Nu ich bemerke, aber nit so auf die Nerve, wie wann der Mensch wird älter,
dann geht’s mehr auf de Nerve. (1) Auf diese (1) dann bemerkscht du (1)
alles. (2) Aber w- wann du bisch ganz jung, du hasch noch Familie, Sorgen,
das geht so. (2) I wann der junge Mann trinkt, das is nit so (1) bemerkt man
wie diese. (4) Ohne trinken, er kann nit. (2) Fast eine Flasche (3) Wodka. (2)
Fast eine. Manchmal auch, meistens. (3) Nur Gedenk (?) muss, trinken und
rauchen und weiter nix. (2) Rauchen und trinken. (Sie spricht sehr leise) (5)
Und ihre Kinder, haben die das auch bemerkt?
J- Ja. Anna meine zweite sagen (1) Mama, ich heirate, das isch egal welche
Nationalität, aber er muss nit trinken und nit rauchen. Ich habe bei dir Mama
gesehn. Bei dir isch kein Leben. (1) Ich sie meine ich wollte nit so leben, aber
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(3) Ich möchte von de Leben etwas haben. (3) Ah ich habe gelebt we- wegen
de Kinder. Kinder sind aufgewachsen und dass es lohnt sich nich mehr. Nach
Deutschland gefahren und dann es lohnt sich nit mehr. (3)
Jetzt meinen sie lohnt es nicht mehr, etwas zu ändern?
Mhm (verneint) (4) Und diese Jahre sind (1) kommen verschiedene Krankheit
(seufzt) (2). In der Mensch wird alles nervös, alles nervös, alles. (2) Alles
lähmt sie, von de Herz alles. (3)
Haben sie denn dann versucht ihre Kinder so zu erziehen, dass sie keinen
Alkohol trinken?
Ja.
Haben sie das verboten den Kindern?
Nein, nein, nein. (1) Wann ich Jung gewesen vielleicht andere Sache, aber die
Mädchen (1) die stehen (1) in der Nähe der Mutter (1) wie die Junge. Die
Junge zu de Vater stehen sie mehr wie die aue(?). (1) Ich glaube so. Weil ich
sehe von meine Bruder, (1) mein Bruder isch vierundvierzich Jahre gestorben
hier in Deutschland wegen det Herz. Die zweite Kind isch vierzehn Jahre
gewesen, wann Vater isch gestor-, mein Bruder gestorben. I (1) Daniel heißt
er, da- Daniel sagt, wann, (1) wann is Vater gewesen ich habe alles erzählt.
Aber wenn du mal geht nei, das isch kann man, (1)das Mädchen stehe in de
Nähe, zu de Nähe zu de Mutter, ah Vater, ah Ki- diese Junge stehen zu de
Vater. (3) Weil das so schlechte Jahre sechzehn, fünfzehn Jahre (1) wann
etwas frage haben sie Frage an de Vater. (2) Ah ni die Mutter. (1) I Daniel hat
gesagt, Mama, wann isch Vater gwaesen, Vater isch habe alles erzählt. Aber
de Mutter nein, ah dir nein. (3)
Und ihre beiden Töchter haben ihnen alles erzählt?
Ja, meistens erzählt, meisten nei. @1@ Weil ich habe wenig Zeit mit denen
gehabt. Das isch Problem. Wann mehr Zeit, mehr unterhalten vielleicht das,
jetzt, Lydia ich sehe isch mehr beschäftigt mit den Kindern wie ich. (1) Weil sie
sagt selber (1) das fehlt mir. (2) Weil keine Zeit. (4)
Und so verheimlichen konnte man das nicht vor den Kindern?
Nei. (2) Nei. Oi, er steht auf und trinkt und trinkt. (1) So, er, (1) eine
geschlagen die Frau, er von mir nie. (4) Auf de Couch liegt er(1) oder (1) sitzt
so (1) Zei-, leist äh Zeitung lest er. (3)
Und sie meinen ja, sie haben ja eben gesagt, die Hiesigen würden viel
schneller ihre Männer dann verlassen
und sie meinen eine hiesige Frau
L Ja
in ihrer Situation hätte schon längst
L Schon läng- da ve- (1), schon länger (2).
Ich weiß schon einige Deu- Russedeutsche haben sie nit ausgehalten und (2),
Zeitung gemacht(?). Ich weiß schon einige Leute heute. Wer da lebt hier, ich
weiß auch solche Leute. (2)
Woran meinen sie liegt das?
Ich weiß nit, keine Ahnung. Vom de Erziehung oder was.
Und für sie würde das aber nicht in Frage kommen?
Jetzt nein. Wann ich bin jung gewesen, ich wollte das machen. Ah jetzt nein.
Es lohnt sich nit. (2) Das Leben is schon fast vorbei.
Och, na ja
S:
@1@
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Nu trotzdem, ich meine junge Leben sie, ganze, beste Jahre. (2) Fast vorbei.
(3) Ich weiß nicht, wie- weil wir sind ganz verschiedene Leute. Ganz
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verschieden. Vom (1) alle Seite. Ganz. (1) Was isch im Haus, was das, er hat
nix, nix. Er sagt, (1) mir isch egal (1) wasch du kaufschtt, was das.
Und das war schon immer so?
Das war immer so mit ihm. (3) Mit ihm ich kann, äh was isch gut gewesen, ich
kann mit de Geld machen, was ich will. Wot das isch gut bei ihm. Nur eins. (1)
Ich habe Geld gehat, ich habe in der Hand alles ge-, bis jetzt, er geht nit zur
Sparklasse zu faul. (1) Weiß nix. Wann etwas mit mir passiert, er kann keine
Papiere nix, nix. Wegen de Hausbau, ich habe alles gemacht. Papiere, ich
habe alles gemacht. Wot er spricht deutsch, ich spreche nit so deutsch, ich bin
Beamte gegangen überall, überall. Vom Anfang ich bin überall hingegangen.
(3) Ah er hat gut gesprochen, weil im Karaganda haben sie gesprochen
Deutsch. (1) Seine Eltern (1) dort sind viel Deutsche gewesen. (1) Aber au der
isch nit gegangen. (1) Isch bin überall wegen de Haus Papiere alles, ich. Alles
ich. (2) Wegen de Haus, mir isch egal. Er braucht nix. Ich brauche das ich auich brauche selbst viel.
ENDE KASSETTE 1, SEITE 1
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Schwimmbad und u- Sauna und alles gehen. Wot, das wir haben, das ich
muss ausnutzen, was ich hab. Was hat mir gefehlt in Russland isch das nix.
(5)
Das wollen sie dann jetzt so ei bisschen nachholen?
Nachholen, ja. (3) Mehr anziehen, mehr das, alles. Wot, nu solche Sache.
Kleinigkeit, aber solche Sache. (2)
Und ihr Mann hat anscheinend das Bedürfnis nicht.
Nhnh (verneint) (4)
Jetzt noch mal die Frage, wie fühlen sie sich so? Fühlen sie sich schon al eine
Hiesige?
Eine Hiesige nei, aber (1) äh, ihre Meinung alles, ich bin auch der Seite
Hiesige.
Ja?
Ja, alles. (1) Auf ihre Mein- mein- meine Meinung, nu ihre Meinung ich bin auf
ihrer Seite. Ah ich fühle nit, weil äh bei mir isch ganz anderes Leben. Vielleicht
isch gewesen anderes Mann, anderes Leben, dann andere Sache. Ah so. (2)
Und welche Meinung haben sie so von die Hiesigen?
Muss man mehr für sich (1) zusammen alles machen (2).
Ach so, sie meinen, das wäre bei den Hiesigen so.
Ja, un de Eh- wie sie hier, alles zusammen, alles frühstück-, alles essen,
zusammen gehen sie wie (1) (seufzt) zusammen Aben- und wenn der Mann
sagt, koch heute und dann gehen wir zusammen essen, gehen wir spazieren.
(1) So die Frau fühlt sich ganz nach das. Mehr aufmerksam (2)
Und sie glauben, dass die russlanddeutschen Männer so nicht sind?
Nein. Keine aufmerk-, gi- gibt’s einige Leute, gibt’s, aber nit. Aufmerksam für
de Frau, Deutsche haben mehr Russendeutsche. (2) Gibt’s, aber nit (1) fuffzig,
sechzig Prozent. Weil sie sind so aufgewachsen, alles aufmerksam für de
Männer und net für de Frau. (2) Und das steckt schon drin bei ihnen. (2)
Gibt’s, zum Beispiel wie mein Cousen (1) eine Frau isch gestorben (1) ihre
Frau, er hat das überlegt, er hat das überlegt und sagt, was bedeutet diese
Frau. Er sagt so, ich weiß, was bedeutet Frau, was kann man zusammen
machen. Er sagt, was ich habe nit gemacht mit Ida, seine erste Frau, das jetzt
ich mache mit meiner Freundin, sie wohnen zehn Jahre schon. Sie zusammen
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aufstehn, zusammen essen, zusammen gehen spaziern. Er bügel- bügelt, sie
kocht, wot solche. Das, was ich habe (1) bei meiner Frau habs nit gemacht,
jetzt wir machens zus-, ich weiß, was bedeutet zusammen, ah nit allein in vier
Wände. (2) So sagt meine Cousin. Das muss man alles uberlegen. Er sagt
kann nit sitzen zwischen die Wände gucken und das machen zusammen. (2)
Aber sie sind jetzt auf die Rente. Hun zusammen gearbeitet bis zum Beispiel
wann Vera isch spät gekoch- zu fr- gekommen, er hat gekocht oder sie hat
gekocht, er bügel- (1) bügelt Wäsche, nit jeder Russlandd-, Russ-,
Russenmamm macht das ehrlich sag-. (1) Er sagt, ich habe (1) viel
verstanden. (1) Im Leben, das isch, muss man alles überlegen. (3) Im Leben
muss man alles, dann der Mensch kann auf die Wege stellen, was machen.
(2) Das so oder so. (4) Wie (1) aufstehn, essen, zusammen gehen machen
und wo gehen spazieren und so ganzes kann ma immer noch. (1) Auch mein
Schwester is sehr, alles zusammen. Sie s- sagt, ich bin froh, dass ich bin
allein. Ja, wot du bisch froh, du weißt nit, wie allein sein, immer, immer allein,
allein, allein. (1) Nit besprechen, nit das, das is so schwer. (3)
Lebt ihre Schwester noch?
Nein, sie i- mit dem Mann. Aber, aber sie mit dem Mann alles zusammen, ich
meine so. Sie sagt, sie isch froh, da wann sie isch allein (1) von meinem Mann
aus. Ich sage, ich bi-, ich sage, du weißt net, was bedeutet das. (3) Muss man
alles uberlegen. (1) Ah dann alles auf de Waage stellen. (2) Nit weit, meine
Cousin bitte, er sagt ich habe das bei meiner Frau ni gemacht ah das, ah jetzt
ich weiß, ich muss nachholen. (4)
Aber bei der Gruppendiskussion kam ja so raus, dass sie eigentlich wollten,
dass Lydia einen Russlanddeutschen heiratet.
Mi sch egal. (1) I- normalerweise, mir isch egal, aber mit meiner zw- zweiten
Tochter, mir isch nit egal, dass er isch Jugoslawe. Russedeutsche ich habe
gesagt oder äh Hiesige. Wir sind gekommen nach Deutschland, wir mussen
Hiesige, ah so. Aber wie meine Tochter jewo as as Jugoslawe geheiratet, das
isch mir nit egal gewese.
Und wieso?
Mhm, das isch andere Nationalität, , Muselmane, andere Glaube alles
andere.
Ach, ist das ein Moslem?
Ein Moslem, ja, jetzt Kinder sind keine Glaube, nix. Mit sechzehn Jahren,
dann mussen sie entscheiden. Die Tochter sagt selber, früher ich habe das
nit bemerkt, aber an Kinder, das bemerkt man gleich Unterschied. Aber sie
isch drin, jetzt muss sie leben wegen den. Kinder (1) auch. (1) Sie sagt, we- de
Kinder ich muss leben. (Seufzt) (1) So is mein Leben, so ich wollte, ich habe
gewolt so, so ich muss (1) mitnehmen, das isch.
Versteht sie sich denn gut mit ihrem Mann?
Versteht sie gut, weil er, sie lasst alles nach ihm, was er sagt, soll macht sie.
Die erste Zeit er sechs Jahre ni- nit gesehen seine Eltern, oi Ibro, Ibro, was
Ibro sagt, das sich alles. Wann einige sagen, Anna sagt was, er er macht
trotzdem wie er will. (3) So, er is zu Anna er, (1) gut (1) mei Schatz, mei
Schatz. Aber si musste nit arbeiten, wie bei Moslem Frau mussen zu Hause
sein. Er sagt Frau, Männer mussen verdienen, ah Frau mussen zu Hause
sein.
Würde sie denn gerne arbeiten?
Sie? Ja zwischen die Leute, sie wollte, aber die Kinder sind noch klein. (1)
Aber an I weine, sagt sie, sie wollte auf andere Seite nein. Sie sagt, wann ich
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würde arbeiten, sie sagt, dann geht mehr auf Jugoslawia. Warum muss für
andere arbeiten? Weil er äh sie helfen viel (1) mit de Geld.
Seiner Familie?
Seiner Familie, ja. (3) Sie helfen dort viel. (1) Viel, viel, viel. Sie sagt, warum
ich muss arbeiten und dort dann, dann er schickt dort mehr Geld noch. Ah ibei ihrer Gesundheit isch auch net so viel. Nit so nit so gut. (3) Ah so er geht
zu ihr gut. Sch- mei Schatz, mei Schatz, so. (3)
Und Lydia hat ja einen Russlanddeutschen.
Lydia hat Russedeutsche geheiratet. (3)
Und damit waren sie zufrieden?
J- ja, mit Russedeutsche bin gleich so, mit Jakov ich habe, ich verstehe und
ich sage mehr, wie mit Ibro. (4) Wei, wenn Jascha sagt, er beleidigt nit. Wenn
ich Ibro sag zum Beispiel ich muss zuerst überlegen, was ich Ibro sagen. Ich
muss zuerst überlegen. Wann etwas ich sage nit so, dann Ibro sagt ah, weil
ich bin Jugoslawe, gleich er denkt so. Ich muss gut überlegen. Jascha kann
sagen, was ich will (3) aber mit Ibro muss gut überlegen. (2) Er wird gleich
beleidigt. (3)
Finden sie denn, dass Lydia und Jascha ihre eigenen Kinder gut erziehen?
Ja, ich finde. Weil sie is mehr beschäftigt mit de Kinder. (2) Anna, zweite
Tochter is wie so sieht, putze, putze, putze. Aber die Lydia geht fort mit de
Kinder, dann putze, putze. (2) Ah bei der Anna putze, putze, putze. @1@ Sie
putzt, putzt, putzt, die erste Stelle. So und diese Jahre, Denise isch schon fünf
Jahre, sechs wird sein (1) äh S- Sabine wird vier sein und diese Jahre Lydia
hat im Schwimmbad schon gegangen und das und das und das. Ah Ibro
erlaubts nich. Er sagt ich bin aufgewachsen auch so, geht auch für meine
Kinder so. (4) Lydia Kinder sehen mehr, wie de Jüngste seine. Sie sehen nur
Jugoslawia, Wischo. Dorf, wo wohnen Ibro seine Eltern, weiter nix. (2) Lydia
Kinder sehen mehr. (2) Mit de alles. Sie isch mit de Kinder gesessen und
diese Jahre, die Kinder kennen schon schwimmen und das und das und das.
Bei de Anna nein. Die muss zuerst fragen. (1) Kopf isch dort (1) Ibro. (2)
Mann. (6)
Glauben sie denn, dass ihre Enkel ähm noch russlanddeutsch sind?
Nein. Nein @1@ Sie sind hier geboren, nein. (2) Dasch hundert Prozent, nein.
Besonderen Daniel, alles, zuerst sie können nit Sprache russische, zuerst ssie sind ganz erzogen ganz anderes. Näh. Das isch wollte überhaupt nit, aber
Was wollten sie nicht?
Dass sie, sie sind wie erzogen wie Russendeutsche.
Nee, finden sie das nicht gut?
Nein. (3) Sie sind d- doch in Deutschland sie mussen so anpassen wie wir. Isie sie sind hier gelernt, aufgewachsen, ge- geboren hier (1). Die Ibro (2)
(klopft vier Mal auf den Tisch) er sagt, er will etwas soll jugoslawische sein. Ah
Annas (1) Jascha nein. (4)
Und kann denn Anna auch etwas Russlanddeutsches den Kindern beibringen
oder nur jugoslawisch und deutsch?
Anna? Nein, keine Russe, nur jugoslawisch. Anna kann selbst schon
jugoslawisch äh äh sie versteht was russisch, aber jugoslawisch sie kann
mehr. Sprecht wie ich weiß nit wie. Sie sind einige Wörter etwas, kann man
vergleichen mit de russische (1) einige Wörter (3). Sie kann mehr jugoslawisch
wie r-, wie russisch. Die Kinder, jugoslawisch verstehn sie, die erste versteht,
aber kann nit sprechen. (3)
Und finden sie sie das gut?
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(6)
S:
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(seufzt) Lass sie doch. Das sind ihre Kinder (2). Ich kann nix zu sagen. (2) Das
sind ihre Kinder. (6)
Ja, vielleicht noch ne letzte Frage, wenn sie so Streitigkeiten haben
untereinander, wie lösen sie die denn?
Mit de Mann?
Ja, zum Beispiel.
(?) uns hin und äh verschiedene Meinung ich meine, immer.
Und wie gehen sie damit um, wie lösen sie die?
Ich sage so, er sagt so, trotzdem ich mache meins. Ja, ich, ich sage (1) oi ich
weiß nix. (3)
Finden sie denn einen Kompromiss oder macht jeder so, wie er denkt?
Nein, macht nit jeder so, wie er denkt. (3) Ich sage so, er sagt so. (4) Ich weiß
nit. Ich habe in n- nicht das (4) was er sagt eine Meinung seine. Er will sagen.
(2) Ihm isch egal. (2) Wot solche Seite. (5) Willscht du Tee?
Nein Danke, ich möchte nicht.
Plätzchen?
Hab ich schon.
Noch eine letzte Frage, dann is schon fertig. Noch mal zu Erziehung. Wie
haben sie früher versucht, ihren Kindern etwas beizubringen, weil sie haben ja
gesagt, dass sie wollten, dass die Kinder ehrlich sind, dass sie keine Diebe
werden und so
L Ich habe mehr unter u- Unterhaltung immer. (2) Unterhaltung,
gesprochen, so wot
So haben sie versucht, ihnen das
L Versucht, ja
Ihnen immer wieder gesagt oder?
Ja. (1) Immer gesagt und das und das. Ehrlich und fleißig sein.
Und das hat
L Das hat geholfen, das hat geklappt. Und selbständig sein, nu, so.
Und wie haben das ihre Eltern bei ihnen früher gemacht, wie haben die
versucht ihnen was beizubringen?
Ich glaube, sie haben wenig gesprochen. (2) So mussen sie das, so wot so,
wir mussen das. (2) Wir sind Eltern, wir sind besser, sie mus- (2) sie mussen
das. (1) Machen und alles. (2)
Und dann (1) haben sie das so gemacht, wie die Eltern gesagt haben?
Wie die Elteren gesagt, aber wann wissen auge (?) was, dann wir haben
selber verstanden gehabt, dass sch- zum Beispiel gib oder fleißig, das is
wirklich gut und in der Schule haben sie auch. Jetzt isch ganz andere in der
Schule früh jewesen wie jetzt. (1) Jetzt was älere älter äh Lehrer sa-, sagen,
so muss sein. (2) Ah jetzt in de Schule? Du weischt do-, so wie, du weischt
doch selber wie das läuft. Die Lehrer haben keine Wörter, keine Prespekt (1),
die Schüler haben keine Prespekt vom die Lehrerin. Ach, wir haben, die Eltere
wissen besser. (2) Die sch-, die äh schul äh die Lehrerin wissen besser wie
wir. So wir haben wieder (2) gelernt mit dem, mit dem Kopf. Alle, alle so. (2)
Meine Meinung is so gewesen. (3)
Und hier ist das anders?
Hier isch ganz anderes. Hier Schüler haben keine Prespekt vom de Lehrerin,
sie können sagen, was se wollen. (1) Übertrieben glaub ich. (1) Ich meine
Meinung is so und is sehr streng isch in Russland gewesen in de Schule. Hier
nein, vielleicht dort isch jetzt (1), früh- nein. (2)
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(6)
S:
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Das haben sie dann auch gelernt, dass man auch den Eltern gehorsam sein
muss?
Mhm (bejaht).
Ja gut, dann denk ich, war es das.
Danke.
Ende der Aufnahme
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1.4.3 Großvaterinterview mit Mischa Mejder (Familie Schwarz)
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28.20.2003
Wohnzimmer im Haus der Mejders
Großvater: Mischa Mejder (M)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
Es ist sehr nett, dass sie mir auch ein Interview geben
@1@
Jah, was
Jetzt möchte ich nämlich noch mal mit den einzelnen Generationen sprechen,
ich hab auch mit Lydia und Jascha schon einzeln gesprochen,
die Kinder
Mhm
sind noch n bisschen klein aber mit ihnen und ihrer Frau möchte ich noch
L Ja
sprechen und ähm, einfach um zu hören, wie die einzelnen Generationen
noch mal so über bestimmte Fragestellungen denken. Und eigentlich geht’s
um (1) was ganz Ähnliches wie bei diesem Gespräch, das wir schon mal
hatten mit Lydia und Jascha und den Kindern. Das war ja so ein Gespräch mit
der ganzen Familie.
L Ja
Und ähm hier geht’s eigentlich auch um ähnliche Fragen, nur dass ich jetzt die
Generationen einzeln befragen möchte. So jetzt stell ich ihnen dann noch mal
die Frage, ähm, was würden sie sagen, für sie selber und für ihre Generation,
was waren so die Hauptunterschiede (1) zwischen dem Leben in Russland
und dem Leben hier, was war da für sie
anders?
L Ja,
in D-Deutschland is ja viel
besser @le@ben wie in Russland. (1) Jaa, (1) das is ja klar. (2) Wenn’s uns
da (1) gut gegangn wär, wärn mir vielleicht hier nich rübergekom, mir haben
da alles schon jehabt, mein Vater, der hat sein Haus jehabt (3). Im Krieg
haben sie uns alles ausgesiedelt nach Sibirien. (3)
Ja
Wo kamen sie denn
ursprünglich her, wo sind sie geboren?
Von Odessa.
Das is Ukraine. Ja, da hab, da bin ich geborn, aber ich
Ach ja.
weiß nix mehr, s war im vierzehnten Jahr. (2) Gedenkt mir, ich bin ja n kleines
Kind gewesen (2) wie se und verschleppt habbe. Das nur äh, vom Vater hab
ich das gehört, von meiner Mutter (1), wie das (1) gewese. (2) Ja, so ist das.
(2)
Und dann haben sie in Sibirien sind sie praktisch aufgewachsen?
Ja, ja. (3) In Sibirien aufgewachsen. (2)
Aber dort, waren sie doch auch immer Deutscher, oder?
Ja, immer deutsch. (1) Weil unsre Eltern sind ja alle deutsch gewesen, da ham
sich immer (1) Ausweis überall geschrieben deutsch. (2) Nicht russisch, ich
hätt ja nicht @russisch schreiben können, wo wir geboren sind deutsch@.
Ja. Ja.
Mein Vater is ja Deutscher, ihre Eltern sind ja auch Deutsche, alle Heinriche.
Ja, und die weißen schon, wenn so eine Familie is wie Heinrich, das haben sie
schon gemerkt, dass das is kein Russe. (2) Das @sieht@ man schon vom
Namen vor.
Ja, das is all richtiger deutscher Name. Da
L Ja, Mejder ist ja auch
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M:
unten Saarland, wo mein Bruder jetzt wohnt, da (3), sind viel Mejder Stadt da
kleine, Lebach, Steinbach und so geht das alles @bei dene@. (4)
S:
Würden sie denn sagen, dass sie dort in Russland, weil sie ja Deutsche
waren, dass sie anders gelebt haben als die Russen? Waren deutsche
Familien dort anders?
M:
Ja, geschäftigt(?) ham ma all, alle eine gehabt, aber Deutsche haben immer
mehr gehabt wie die Russen.
Weil mir haben mehr gearbeitet. Mir
S:
Wieso denn?
M:
haben mehr verdient
( Frau Mejder verabschiedet sich und geht einkaufen.)
M:
So (2), mir haben unsere Häuser gehat, die Russen alle in de Wohnungen
gelebt.
Ja. Fast. Und mir haben unser Haus gehat und (1) selber alles
S:
Ja?
M:
gemacht. Und da hem mir auch schon Rita und ich, wie ich geheirat hat,
Eigentumwohnung, gehat, nicht so was. Das is unser gewesen. (2) Weil (1),
so viel Geld hatten mir nich gehat zum hierher nach Deutschland fahrn. Da
ham ma das, die Wohnung verkauft, ham ma unser Geld kriecht. Zwei Kinder,
haben sich angezogen schön und sind ab (1) geflogen @1@ nach Russland,
ja. Weil das Geld ham wir schon gehabt, weil das is unser Eigentum gewesen.
(2) Meine Eltern haben ihre Haus gehabt (2) die Russen, mir haben unser
Schweinchen gehat, unser (1) Kaninchen, unser Hühner, unser Garten. Da
ham ma könne schon leben. Und was übrich is, alles, die Russen haben alles
gekauft. Wenn im neunte Stock wohnt, der hat ja gar nix. (1) Hat er alles von
uns gekauft. Fleisch. Alles. (3)
S.
Und würden sie denn sagen von der Mentalität her, gab es denn da auch
Unterschiede zwischen den Deutschen und den Russen?
M:
(2) Nu ja, es sind gewesen auch so (1) schlechte Leute und gute Leute so bei
den Russen auch. Wo ich gearbeit hat, ich bin ganz allein deutsch gewesen.
Die andren sind alle Russen gewesen. Nu, einer sagt (1), der Michel is (1) kein
schlechter Kerl, der andere sagt, das is doch, der schaut doch dahin, immer.
Wie viel, dass man de Wolf nicht füttert, der schaut immer in de Wald rein,
habens gesagt. @2@ Habens äh, auf Russisch nur gesacht. Ähnlich so. (3)
Einer sagt, äh, der hats russisches Brot gegessen und jetzt haut er ab. Und
hier (1) is kahles Leben jeworden (1) und jetzt sachen se, der hat es richtig
gemacht, dass er abgehauen ist von hier. Aber die Russen können ja nich
weg. Die sind jetzt alle gemischt, ist die Frau ein Deutscher, er is ein Russ. (2)
Und (1) die kennen gar nix Sprache und nix, mir haben ja (2) so Schwäbisch
ham wir immer zu Hause gesprochen, nur zu Hause. (2) Auf der Arbeit darfst
du das nett machen. Ja, mit wem? Kannst ja, lauter Russen.
S:
Also ihre Eltern haben mit ihnen noch Deutsch gesprochen?
M:
Zu Hause, ja. Zu Hause immer. Wenn niemand nich da is. Und ihre Eltern
auch. Aber nur zu Haus, aber nicht auf der Straße oder (2) oder auf der
@Arbeit@, nein. Das geht nicht. Das musst du nur Russisch sprechen. Aber
zu Hause haben wir immer Deutsch gesprochen. (2)
S:
Sie mit ihren Kindern auch?
M:
Ja, manchmal, aber die sind ja immer in den Kindergarten gangen, in die
Schule auch, das is ja alles Russisch. Wir haben (1) nicht viel Zeit mit dene,
(1) manchmal ja. Meistens haben sies ja hier gelernt schon. So Ahnung haben
sie ja schon gehabt (1) bisschen. So wie die jetzt kommen, die können gar nix
und die verstehn auch gar nix. Kannst noch mal so prost (?) das Wort sagen,
(1) die wissen gar nix. Aber meine Kinder haben schon ein bisschen gewissen.
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Weil die haben müssen recht lernen Russisch. Da is nix Deutsch gewesen. (2)
Aber die haben, wie ich in die Schule gegangen bin, da haben wir eine Stunde
in der Woche gehat Deutsch.
Ja. Eine Stunde is Englisch, Französisch
Ah ja.
gewesen und Deutsch, kannst dir rauswählen, was de willst, da hab ich
Deutsch. Da hat mich immer der Lehrer weggeschimpft, der kommt nich von
der Schule, der is nich da, sagt er Michel, kannst de gut, geh. @1@ Na ja, wir
haben n deutscher Lehrer gehat. (3)
Was glauben sie denn haben ihre Eltern versucht, wie haben ihre Eltern sie
erzogen?
Mich? Ja mein Vater is ja zwölf Jahre gar nich, in Gefängnis gesessen. Ja, nur
ich, Mutter und mein Bruder (1) sind gewesen. Im Wald hän sie uns in den
Wald, Sibirien.
Und warum saß denn ihr Vater im Gefängnis? Als Kriegsgefangener?
Ja, weil er gedient hat beim (1) Hitler. Und wie er zurück gekommen is, hat er
uns gesucht, dann hatten sie ihn gleich runter und (1) ins Gericht und weg.
Und haben ihn gar nich gesehn. Bis ich schon groß gewesen bin, mein Vater.
Zwölf Jahre bin ich gewesen, dann hab ich ihn das erste Mal gesehn. (2)
haben s uns erst, den haben sie fünfundzwanzig, das zählt sich in Russland,
weil er (3) bei de Deutsche gedient hat. Und dass hat, haben sie immer
gesacht, das is (1) ein- gegen die Russen gegangen. Er hat geschossen
gegen die Russen. (1) Und bei dem, die anderen Leute, die sind manche, die
Kriegsgef-, die sind hier geblieben. Er hat ja auch hier, auch können hier
bleiben. Aber der hat immer gesacht, ich hab Frau, zwei Kinder und die sind
im Wald und ich fahr zurück. Na ja, und wie er dann zurückgekommen is
haben sie ihn gar nich zu uns gelassen. Gleich vom, von Odessa haben sie
ihn gleich, da is so ne große Haft (1), mit dem Schiff und auf dem Schiff haben
sie ihn gleich Polizei und alle in den Wagen rein und weg. Alle, die Deutsche,
was von Deutschland gekommen sind.
Ja, und dann sind sie also bei ihrer Mutter groß geworden?
L Ja.
Und sie hatten noch einen Bruder?
War der jünger oder älter?
Ja.
Älter. (2) Der is
(2) fünf Jahr älter wie ich.
Ah ja. Und wie hat ihre Mutter sie denn dann erzogen?
Ja, die hat gearbeit im Wald, die ham Holz gesägt. Alle Frauen, alte Männer
und Kinder. Männer sind keine gewesen. Die sind alle im Gefängnis gewesen.
Da arm, da ham wir arm gelebt nach dem Krieg. Haben sie uns in ne Barracke
rein, (1) ein Meter auf n andern, zwei Säck(?) auf m Stroh geschlittert.
Gedenkt mir noch. (2) Ja, und dann. Schwierig. (2) Aber mir haben auch
immer Kartoffeln, mein ältester Bruder hat schon elf Jahren angefangen zu
arbeiten. Musst er arbeiten. Dann haben se meine Mutter gebracht, tot. Fertig,
die kann nicht mehr laufen und nix. Und dann sind da so Burken so warme
gewesen. (2) Ja, ham mir sie reingebracht und mir ham müssen alles schüren
mit Holzkohle. Holz is da genug gewesen. Alles mit Holz. Auf sechs, sieben
Jahren hab ich da schon geschürt und alles. Mein Bruder is älter gewesen, der
hat das reguliert. Dann is er eine Woche in den Wald gegangen, weil das is so
weit gewesen. Einen Samstag is er gekommen und sonntags abends is er
wieder weg. Ganze Woche sind mir zwei allein gewesen. (3) Haben mir ä
Ziege gehat, dann ham ma sie gemolken, haben ma Milch bisschen gehabt.
(2) Ja, muss Futter immer (1), für sie sorgen, so Kartoffel ham mir ja da genug
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gehabt. Mir sind ja von Kartoffel aufgewachsen. (?) (3) Ja. (2) Und Brot haben
sie uns auch, die so Karten gegeben, (2) wenn die Karten weggegessen hast,
hast kein Brot net können kaufen. (4) Und wie der Vater entkommen ist,
(hustet) (3) 56 Jahr, dann haben sie uns rausgelassen. Kannst fahre, aber nur
nicht nach Odessa, wo du früher gebore bist. So in Sibirien kannst du überall
rumfahre, aber nicht dahin (1), mir haben ja im Dorf ein russischen
Kommendant, der hat uns (1) bewacht, gesagt (3) un (1), die ältere, die
Frauen, die hatten ziemliche, äh, jede Woche Anmeldungen bei ihm. Dass sie
hier sind, dass sie nicht weglaufen. (?) Haben sie müssen jede Woche, und
dann is, ein Monat, einmal haben sie gesagt melden. Kinder nicht, nur von der
Schule aus (1) habens schon. Der Lehrer hat schon gesacht, ja, der, der, der
is da. (2)
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S:
M:
S:
M:
S:
M:
Und als ihr Vater dann wiederkam waren sie zwölf Jahre alt?
Ja.
Und können sie sich denn da noch erinnern, wie er sie so erzogen hat? Oder
war es da schon zu spät?
L Tja @1@ Der is froh gewesen, dass er raus vom
Gefängnis is und hat er wieder seine Frau und seine Kinder. (2) Da hat er nix
(3) Und dann is er auf die Arbeit gangen und er isch n gu-, guter Putzer
gewesen. Der hat da im Gefängnis geputzt. (2) Und den Herren alle da, die
haben ja ihre alle Häuser alleinig gewohnt, muss (?) sind die im Gefängnis
gewesen. Dann hat er immer, wenn was rau-, runtergefallen ist, hat er (2) da
sind keine Tapete gewesen, alles Putz und (1) mit Kalk verweißelt. Des hat er
runter gemacht, da hat er bie(?) immer besser gelebt. Weil die anderen sind
alle im Wald, das is Schnee bis zwei Meter. Müssen sie Wald säge. (2) Und er
hats (1) immer besser gehat. (2) Da haben sie n Stück Brot mitgeben (3). Ein
Offizier oder andere, da hat er immer bei ihnen gearbeit so. Bei dem is (1)
bissel so (1) gewesen. Aber die andere haben, wenn er kein (1) zwei KuKube- (1) Meter sägt Holz, kriegts halb Brot. Kriegt er’s nicht. Die Norme, was
er hat, die musst er mache. (?) Sterbt. März so, (2) Maler isch er gute gewese,
hat könne streichen (2) alles inne hat er gemacht, so. Bei dem is auch (1)
bisschen besser durchgekommen. (3) Ja, und hier hat er auch wieder (1) auf
der Baustelle gearbeitet, auch wieder Putzer. (4)
War er auch in Deutschland?
L Ja, der is hier gestorbe. Jetzt, vor zwei Jahren.
Achtundachzig is er gestorben.
Ach so, ihre beiden Eltern kamen noch nach Deutschland.
Ja, ja, ja, mir sin all. Mir sind erster, weil ich (1), m-, m-, meine Frau (2) haben
sie ihre Eltern hier nach Deutschland gelassen. Uns haben sie nich gelassen.
Haben gesagt junge Leute brauchen auch Arbeit und die alten, die kriegen
Rente sagen sie, und fahren. Da bin ich rüberkommen, (1) da hab ich meine
Elteren ein Visum gemacht (1), dann sind die ein Jahr später. (1) Sie sind
achtundachtzig gekommen, wir sind siebenundachzig. (2) Dann sind sie bei
mir hier gewohnt. (1) Dann haste, haben mir ne Wohnung genommen für sie.
Nicht unten, da sind keine so viel Wohnungen gewesen. Mein Bruder hat
gebaut da unten Saarland, das is neben französische Grenze da nich weit (2)
und dann (1) hat er gesacht, ich nehm die Eltern zu mir. Ich hab ein Haus,
brauchen sie die Miete nich bezahlen (2) und (1) die sind ja schon alt, können
ja nix mehr, ich geb ihnen zwei (1) Wohnungen im Haus, da is alles Küche
nebendran, Toilette, brauchen sie nich auf die Steiche hochlaufen. Könne-, nu,
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sind sie da beim Bruder. (3) Da sind sie auch gestorben. (2) Zuerst der Vater
und dann die Mutter, (1) nach nem Jahr. (5)
Und als sie dann nach Deutschland hierher kamen, mit ihren Töchtern, was
war da für sie die größte Umstellung?
(3) Das is so gewesen, ja, das Sprachkurse ham mir gemacht (1). Ah das
machen alle, was komme aus Russland, die müssen Sprachkurse sechs
Monate lang machen. (2) Nu ja, bin ich so (2) noch (2) hat der Lehrer mir
gezeigt ein Bild, da is die Katze drauf, rot und lächelt, hab ich müsse lachen,
sag ich (1) was hältst du mich vor ein Kind, oder was? (2) Hab ich zu ihm
gesagt (1) ja, sag ich, das is die Katze, das is, ab ich alles gewisst und die
Pole, die hän können gar nix, aus Polen. Die hän schlecht deutsch. (2) Ja, sag
ich, weil (1) ich geh, such mir Arbeit. Ich kann nich hier sitzen. Ich bin kein
Ingenieur, sag ich, ich bin n Arbeiter gewesen, ich w-, will nich hier sitzen. (1)
Das (2) ich versteh das alles, was du sprechst und was du sagst und (1)
schreiben kann ich auch n bisschen, n- nich so gut, aber (1) das Nötigste hab
ich gekennt. Ja, sagt der Lehrer, gehen sie ins Arbeitsamt (2) und sagen sie,
das du willst Arbeit suchen. Ja, ich muss Arbeit suchen, und dann, sag ich so
und so. Ja, sagt sie, wir, sie brauchen ja nich mehr lernen, wenn er sich Arbeit
sucht (1) und findet. Könne aufhörn. So, ja. Das machen gibt er Ro-, Rita
Limosin (?), der is schon lang her, füfundzwanzig Jahre (1). Der is Musiklehrer
gewesen. Und der hat immer bei de deutschen Hochzeit gespielt und alles,
der hat die Tanzechefe und die ganze Firme hat der gewusst. Sach ich, ja, ich
kenn den ja noch von Sibirien, der hat unsre Hochzeit gespielt, das is ihre
Cousin (2). Sach ich so, Peter, sag ich, ich kann nich mehr in die
Sprachschule gehen, ich muss Arbeit haben. Hoo, sagt er, ich kenn die ganze
Chef (2) bei derer Hochzeit hab ich gespielt, bei dem Geburtstag. (1) Sagt er
sät, ich hab hier ein Auto nie jehabt, komm, setz dich rein, fahrn mir hin. (2) Ja,
und Bad Essen (?) sind mir gefahrn, sagt er, was willst denn den Bau oder,
sag ich, nein, den Bau möchte ich nich. Ich möchte so, de Hallo als so, als
Schlosser, hab ich ja gearbeitet, sag ich, is auch bekannt alles. (2) Na ja, sagt
er, komm, fahrn mir. Ich sprech mit ihm. Komm mer rein zum Chef (1), war (?)
Habewerk, die machen Lampenschirme (2). Ja, sagt er, Peter, was bist du
kommen? zu ihm. (2) Ich such Arbeit. Ja, sagt er, du bist doch ein guter
Musiker. Nein, nicht ich, mein @Cousin@. Ach so ja, kann der Deutsch? Ja.
Und das is am zweiundzanzigste hab ich Geburtstag jehat (2) und er sagt,
Morgen kannst du anfangen. Ja, ich, brauch ein Geburtstag. Und der hats
vergessen, was ich Geburtstag. Der hät mich ja nicht ge- gesagt, Geburtstag,
is ein guter Mann gewesen. (3) Nu ja, dann hab ich (1) die Fliege (?)
zusammengebaut. Und sind zwölf Mann gewesen, aber alle Deutsche. (1) Ich
bin der erste Russlandsdeutsche in der Firma gewesen. (2) dann sind sie
schon schweiße gekommen, Dreher (2). Nu, da hab ich (1) zwölf Jahre
gearbeitet. (4) Dann is, ja, zwei Jahre (2) is er Pleite gegangen, keine mehr
Arbeit. (3) Dann hat er die Alte auch (2) zwölf, zweihundert Pluett (?) hat er
uns raus. (2) Hat keine Arbeit, sagt er, und die Junge hat er gelasst, (1) ja und
uns die Ältere, nach fünfzich, so achtundvierzich die hat er alle. Sacht er, ie
Junge könne noch arbeite, aber is auch schon alt gewesen, der Chef. Ich kann
auch schon nich mehr. (2) Nu ja, nu so, jetzt bin ich arbeitslos. (3) Bin ich
einundsechzich (2), ich hab ja noch zwei Jahre arbeitslos (3). Und dann geh
ich auf Rente, ja wer nemmt dich jetzt so? Einundsechzich Jahre, da wollen
sie dich gar nich mehr sprechen. Die Junge laufen rum und haben keinen
Arbeit. (3) So is das. (4)
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Jetzt noch mal, als sie dann ihre Kinder erzogen haben in Russland, sie haben
ja zwei Töchter, was wollten sie denen beibringen? Was war ihnen wichtig,
das die Kinder lernen?
Hier meinen in Deutschland oder da?
In Russland, als sie sie erzogen haben.
Ah, nu ja, da sind alle Kinder in die Schule gegangen. Das (1) oder in den
Kindergarten, als sie klein gewesen sind oder (1) die was alte Leute noch zu
Hause, die habens zu Hause behalten. Ja, sie hat gearbeitet und ich. Mir
können nich. Erst haben mir sie in den Kindergarten abgegeben (2) und dann,
wie sie schon (1) in die Schule gegangen sind (1), dann haben sie (1)
Russisch nur gelernt und so. Die haben nich so schlecht gelernt, sind noch
schlechtere gewesen. (4) Nich so gut, aber nich so schlecht, kann man sagen,
ist normal gewesen. Ich bin, die haben schon besser gerechnet wie ich in der
Schule. Weil die haben das alles gelernrt.
Wie haben sie denn ihre Kinder erzogen?
(4) Na, die (3), wie meinen das?
Was war ihnen wichtig? Wollten sie zum Beispiel, dass das jetzt ehrliche
Menschen werden oder es gibt ja verschiedene Ziele, die man so hat bei
Kindern. Was waren da so ihre?
Meine Kinder? Das sie immer ehrlich sind, und wann sie sagen, mehr gehen
und dann und dann kommen wir, das sind sie auch, so habens auch gemacht.
Dass sie sich nicht vermischen mit die Russen (1), da hab ich immer Angscht
gehabt.
Ja?
Weil, wann die, so die schon erwachsen gewesen, aber schon in der Schule
kommen schon Jungs und alles. (3) sag ich nein, das gibt’s nich. Lydia, das is
doch äh Pioniere in der Schule müssen sie so rote anziehn, sag ich, du trägst
die nich rein. Wie, alle sind drin und ich (1) nich? Sag ich nein, wir wollen auf
Deutschland und fertig, du brauchst kein Kommunist sein. Das gibt’s nich. (2)
Ja, hat sie geweint. Alle sind Pionieren, nur ich nicht. (2) Da is sie gehe und
hat sie de Lehrer- der Lehrerin gesagt. Ja, hat sie mich rausgerufen in die
Schule (2). Warum, alle Kinder sind Pioniere, die Lydia is nich. Warum? Sag
ich mir, ich will auf Deutschland fahre, mir sind Deutsche und ihr sind Russen.
Ihr könnt ja reintreten, ihr wohnt in eurem Land, aber ich, sag ich will, bei dem
brauch ich das nich. Dann haben sie mich überall hingeschleppt (?). Die hat
geweint, Lydia. Da haben die Mädchen alle gesagt, oh mir sind Pioniere und
du nicht. Das is, klar. (4) Und so is sie auch @nit eingetreten@. Ne. Die hat
welle immer eintreten, is sie nich eingetreten. (3) So is das.
Und warum wollten sie nicht, dass sie vielleicht einen Russen mal heiratet?
Na, weil ich hab gewusst, sie sollte einen Russlandsdeutschen heiraten, oder
aber kein Russ. Sag ich, das is schon vermischt. (2) Die lernt dann niemals
nicht Deutsch, wenn die einen Russenmann hat. Der Russenmann kann nich
Deutsch und die lern-, wann die zusammen wohnen, niemals und ihre Kinder
auch nich. Das hab ich ihr schon da gesacht. Bei dem hab ich immer, soll sich
n Russlandsdeutsche nemme oder n Deutsche. Das hab ich nix dagegen,
aber kein Russe. Da gibt’s ja so viele Nationen Kasachen, Usbeken,
Tdschiken (2) uih. Manche sind vermischt mit den Schwarzen und des, sag ich
(3) so hat meine Mutter und mein Vater gesacht (1), wenn du eine Russennin
nimmst, brauchst gar nit mehr ins Heus rein. Da hast dein Koffer (2) und hau
ab. Ich brauch hier keine Russen hier. Dann hab ich schon Angst gehat, ja.
Dann musst ich mir schon eine Deutsche suchen. (2) Mein Vater auch. Ich
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brauch in mein Haus keine Russin, sagt er, und keine Tadschikin und keine
Schwarze, und keine Kasachinnen nich. Mir sind deutsch und bleiben deutsch.
So hat er immer gesacht (1) und meine Mutter auch. Und wenn du eine
reinbringst, eine Russin, (1) sofort kannst sagen, ich hab nix dagegen, was
horchst du nicht auf mich? Dann hab ich schon gesucht n deutsches
Mädchen, russlandsdeutsches Mädchen.
Haben ihre beiden Töchter auch Russlanddeutsche geheiratet?
Ja. Nein, die jüngst hat eine Jugoslawen. Die hat ein Jugoslaw. Ich bin auch,
so bin ich gewesen, ja, hab sie auch schon hier rausgeschmissen und welle
rausschmeißen. Ich hab ihn lieb und fertig. (2) Da sag ich mach du, was du
willst. (3) Ah jetzt kommens, ah, was willst de machen? Nu, sie leben ja,
Hauptsache sie leben gut. Na ja, er sprecht gut Deutsch. (2) Alles deutsch.
Arbeit, Firmen deutsch. (2) Nu so, muss ja auch nach Jugoslawien fährt er
auch, das is auch seine Elteren da. Fahrt sie mit den Kinder auch mit (2) und
jetzt kann sie schon jugoslawisch und russisch, drei Sprachen kann sie wie
automatisch. (4) Aber t Lydia, die (2) sprechen ja das meiste Deutsch. Kinder
v-, verstehen gar nix (1) Russisch (2). Und sie ver- oh du jeh, Jascha und sie
verstehn ja Russisch, aber (1) die Kinder nich. (1) Die kennen nur, die
sprechen in der @Schule Deutsch@ und zu Hause Deutsch, isch alles klar.
Würden sie es gut finden, wenn die Kinder noch Russisch sprechen würden?
Ja, Sprache is, wie man mehr kennt, is es besser. Aber, s Haupt, hab ich
immer gedacht deutsch, fertig. Wenn sie auch nich russisch kennen, aber sie
wollen auch lernen. Weil wann t Lydia und der Jascha was sagen, dann
sagen, dass die es nicht verstehn. Dann sagen sie das Russisch. Und die
fangen an Schon wieder mit dem Scheiß da, von dem Russisch, wo mir
nichts verstehn. Die können doch deutsch spreche, dann hann sie, sie
@sprechen deutsch, aber, aber es is nich@ (1) sehn, da sprechen sie
russisch. Das dies nich verstehn. (5)
Aber sie hätten es lieber gehabt, dass auch die andere Tochter einen
Deutschen geheiratet hätte?
Ja. Ja, ich hab ja gekämpft in dere Ehe. N Russlandsdeutscher oder n
Deutscher.
Also ein Hiesiger wäre auch gut gewesen?
Nu ja, der is ja n Deutscher. (2) Aber, nein, der Jugoslaw hat sich dran
gemacht und der is noch ledig gewesen, hier hat er gearbeit, seine Eltere sind
alle in Jugoslawien. Der is zu seinem Onkel hergekommen. (2) Geld verdiene.
(2) Und da hat er sich hier mit ihr in der Discotheke bekannt gamacht. (3) Und
dann (1) ja. (2) Mhm, der hat ein Wohnung (1) gehat, hier Studentenwohnung,
dann sind sie immer zu ihm fürs Nebendragehn (?) (2). Und da sag ich, ihr
habt, das is eins, jetzt helft das doch nicht. Und sind se kommen und sagt sie,
ja mir wollen heiraten, ich hab die Anne gern und ich verdien mein Geld. Der
hat im Bau (1), als Maurer. (2) Ja, und dann, nu sag ich, geht zusammen. (3)
So leben sie jetzt, sie kommen ja öfters hierher auch (1) was ich brauch so.
Sie hat ein Auto, ich hab kein Auto, er hat n Auto (1). Wann sie Kinder bringen
(2), dann (1) sind sie ja immer hier (1), können sie wohin fahrn, einkaufen oder
was. (3) Mehr hat ja niemand (?) hier, nur uns. Und sein Bruder ist jetzt auch
hier. Hat er auch, hat er auch eine Russlandsdeutsche genommen, de Anne
ihre (1) äh (2), no Bekannte. Ist noch von Sibirien aus. Jetzt hat dem sein
Bruder hat se geheirat. (2) No. (3) ber die sprechen gut Deutsch. (4) Er und
Zel (?) auch.
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Würden sie denn sagen, dass sie sich in Deutschland schon so ganz zu
Hause fühlen?
Ja. @1@
Fühlen sie sich schon wie ein Hiesiger?
Nein. Ein Hiesiger kann besser sprechen und äh (1), die hören doch das in der
Sprache, das ich nich so spreche wie ihr. (2)
Aber sie sprechen doch gut.
Nu ja, ich versteh alles und tu sprechen. (1) Aber das (1) hört man doch. (3)
Aber sonst (1) bin ich zufrieden. Mein Geld immer verdient, ich hab gebaut, ich
hab meins, ich weiß das ist meins und (1) da kann ich machen, was ich will.
Und (1) hab mein Arbeit gehabt (1) gute. Bin nicht draußen im Winter
gewesen, ich hab immer mit den Schrauben ganz zusucht (?) gearbeit. Is nicht
kalt. Und im Sommer ist nicht heiß. Ist gute Arbeit hier is. Aber manche haben,
die quälen sich, die kriegen keine Arbeit, die haben die die Leihfirma da, wie
viele Häuser (?) warn lauter Russlandsdeutsche. Und sind alle schon
gemischt. Die suchen Arbeit und die Leihfirma, die kriegen ganz wenig
bezahlt. Heute musst zu eine Firma, hat er keine Arbeit musst in de andre
Firma. Und so geht das, dumm scheiß (?) drum rum und weit. Und dann kann
er nich Deutsch sprechen, das, (1) der weint. (2) Das is schwer. Und Frau (1),
Frau macht alles. Wenn de ins Arbeitsamt musst oder wohin, dann muss sie
immer mit.
Wie ist das denn bei ihnen, wer macht das denn bei ihnen?
Was?
Wenn sie zu irgendwelchen Ämtern müssen oder so.
Ich und Frau gehen immer zusammen. Ja, wir gehen zusammen. Ja, wir
L Zusammen?
gehen zusammen. Ja, mich (2) haben sie @noch gar nich@. Arbeitsamt bin
ich gewesen, fertig. Jetzt haben sie mich angerufen, bin ich reingefahrn, sacht
sie, ich hab das nur welle n sagen, sie brauchen jetzt nicht drei Monat, früher
ist ja jede drei Monat musst ich mich abmelde. (2) Und jetzt brauchen sie ein
Jahr gar nicht mehr kommen. Sag ich, och, das is gut. Sag ich, warum brauch
ich da jetzt, wenn is was, dann ruf ich an. (2) So und fertig, bin ich weg. Und
weiter be- so en Amt bin ich äh, wozu brauch ich. (2) Mich ruft niemand @hier
an und ich geh auch, selber geh ich nich@ ich krieg mein Arbeitslosengeld.
Fertig.
Wer trifft denn bei ihnen in der Familie die Entscheidungen?
Entscheidungen? Sie hat eigentlich.
Ja, mit dem Geld und so was.
Echt?
Sparkasse bin ich noch einmal nich gewesen, ich weiß gar nich, wo die ist. (1)
Das, sie geht ja auf die Arbeit, da fahrt sie im-, immer neben vorbei. Sag ich,
warum brauch ich dann? Meine Beine sind auch (1) schon nich so gut. Sag
ich, wann du da bist, ist ja egal. Kommt doch auch mal ei-, einer. Zwei, ich und
sie können (1) hingehn, aber sonst alles sie. Einkaufen, das macht sie. (2)
Alles.
Warum ist das so, dass sie alles entscheidet?
Nein, sie entscheidet ja, sie fragt mich. Kaufen wir jetzt das oder das oder das
oder wie meinst du das. Ja, sag ich, wenn du das willst, bitteschön kauf. Du
musst arbeiten (1) die arbeit schwer. Und ich sitz zuhause, sag ich, (2) das
Geld haben mir, warum nicht kaufen?
Als was arbeitet denn ihre Frau?
Sie? (2) Äh (2) Spülmaschine bei (3) äh (4) in der Stadt im Zentrum.
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Ah ja.
Die spült das Geschirr, Gläser und Kaffee. Das große Cafe´, (3) da arbeit sie.
Volle Stunden, acht Stunden und so. Manchmal auch länger, wann eine krank
is, dann muss (1) für sie arbeiten und so. Und die musst noch zwei Jahre
vielleicht arbeiten und es zieht. Da is sie auch immer krank. (4)
Und sie sind dann zu Hause?
Ich bin immer zu Hause.
Und wie gestalten sie dann ihre Freizeit? Sie haben ja jetzt viel Zeit, was
machen sie so den Tag über?
Ja, da fern sehen. Oder Zeitung @lesen@.Oder geh ich raus, der Nachbar,
der Nachbar, der (1) Nachbar hat jetzt verkauft, es war wer da reinkommt weiß
ich nich und ich und er haben immer ich zwölf Jahre gearbeitet. Er hat jetzt, er
hat drei große Kinder und der Platz ist zu wenig. (2) Jetzt hat er hier neben der
Bahn gebaut und das hat er verkauft.
Und sind das hier hauptsächlich Russlanddeutsche?
Dr- vier Familien. (2)
Russlandsdeutsche, ja, ein Pole und ein Deutscher.
L Russlanddeutsche
Ein Hiesiger.
Und ihre Freunde oder ihre Bekannte sind das Russlanddeutsche oder sind
L Ja
das Hiesige?
L Nein. Ich hab nur den Vorarbeiter gehat, wie ich gearbeitet hab, der is
öfters herkomme mit de Frau, das sind Hiesige. Ja, gehen mir raus auf
Terrasse, dann trinken mir Bier da, quatschen. (2) Er is immer zu mir kommen.
Und er ist ein Hiesiger?
Ja. (1) und sie auch, seine Frau. (2)
Und sie haben aber mehr Kontakte zu Russlanddeutschen?
Ja, ja mehr.
Wieso ist das so?
Nu ja, weil ich sie alle kenne (?), die und die. Auf einmal sagt er was Russisch
und (2), so is das. (2) Und die Russlanddeutsche was ihre, ihre Schwester (1)
mit ihre Mann, die kommen auch immer hierher oder mir gehen zu ihnen. (1)
Er ist der ihre Cousin, der Musiker, der hat auch russlandsdeutsche Frau (2),
aber Kinder können auch bei ihnen (1) nicht Russisch. (3) Alles Deutsch. (2)
Und sie haben ja gesagt, dass sie sehr zufrieden sind mit ihrem Leben
Ja
Gibt es denn auch Probleme (1) bei Ihnen?
(3) Nein so (1) so @sind bei@ mir kein so große Probleme. Da hab ich mehr
gehat in Russland, @ja@, wie hier. (3) Aber jetzt (2), ich hab mir hier kann
man sagen immer Arbeit gehat und (1) ich hab nich äh (3) manche oih, besser
lernen wie Arbeit. Sag ich, aber was brauch ich das lernen, wenn ich das kann
alles? Ich kann sprechen, mich versteht jeder Hiesiger, der Chef versteht mich
und ich versteh ihne auch. Weiter brauch ich ja nix. Und Arbeit, fertig. Ja ma,
hier sitzen a, b, c und so geht das und geht. (2) Dann kommt, eine Lehrerin
haben mir, die quatscht die ganze Stunde von ihrer Katze zu Hause, wie sie
spielt mit ihre und so. Sag ich, ich bin schon in de Jahre, wenn ich jetzt noch
(2) bisschen krieg gar keine Arbeit. Da muss, musste lang- musste mal
bisschen noch ist reinkommen und dass (2)
Also sie finden es wichtig, dass man arbeitet.
Ja. Das is allererstes, hab ich immer drangedacht. Und wie ich gebaut hab,
hab ich ja auch Schulden genommen (2) Ja (2) hast immer Angst, ja. Morgen,
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übermorgen schmeißens dich raus. Ja mit was kann ich das abzahlen? (2) Ja,
Kinder sind hier und Enkelkinder, die sind alle, bis du gebaut hast sind sie alle
hier gewohnt. Sie können ja nicht für Miete bezahlen und noch bauen und,
dann sind sie hier gewohnt mit den Enkelkindern, ja was machen bis sie
gebaut haben. (3) Und so, nu Gott sei Dank, zwölf Jahre sind vorbei, jetzt hab
ich schon keine Schulden mehr, nu ich hab nicht so viel genommen, weil
meine Elteren und ihre Elteren, die haben mir viel geholfen, sind alle auf Rente
gewesen. (2) Die haben uns viel geholfen. (3) Mit Finanzen. (2) Ah, dem Dank
und ihre Mutter is auch hat n Schlag gehabt und is auch anderthalb Jahre im
Rollstuhl hier gewesen, ja, die musst sie pflegen, hat sie müssen Arbeit
schmeißen. Die kann man ja nicht alleine hier sitzen, die kann nix. (3) De
linkse Hand hat sie n bisschen gegessen, aber musst de alles hinstelle (1) auf
de Rollstuhl. Denn komm ich, dann bring ich sie raus auf Terrasse im
Rollstuhl, dann da bisschen rum. Ja, und wenn de arbeiten musst. Und wir
haben angefangen, mir haben viel Arbeit. Jede Samstag haben wir und immer
neun, zehn Stunden.
Am Haus oder was?
Nein, auf der Arbeit. Ja, wenn de kommst, hast du keine Lust mehr. Und
dreißig Kilometer fahren, von da bis her, siebzig jeden Tag. Und ich hat das
angefangen, sag ich, mir können doch nich ewig (1) sag ich siebzehn(?) in
dere Wohnung sein. Wenn mit uns was is sag ich, kriegen das meine Kinder,
dann haben sie schon was. Aber da in der Wohnung musst du ewig zahlen,
jeden Monat zahlen und es gibt keine Ende mehr. Sag ich, wenn ich das
ausgezahlt hab (2) is fertig. Haben meine Kinder (1) was. (3) Bei dene heb ich
gesagt nur bauen. (1) Nu, der Jascha hat, Lydia hat viel mitgeholfen (2), also
hammers (2) hingekriegt. Und hier is nich so teuer, das sind Reihenhäuser (3)
Ja, ist doch ein schönes Haus.
Ja. (1) Jetzt zu zweit ist das noch zu viel.
Wie viel Zimmer haben sie denn?
Hö?
Wie viel Zimmer haben sie denn?
Oben ham ner drei, ja, und hier (2) was, Küche, Toilette, Abstellraum.
Heizung, Das reicht.
Und der Garten dabei, ist doch schön.
Ja. @1@ Riesen ist der so groß, aber der reicht so. Rasen mähn @1@ Im
Sommer is ja bisserl besser, gehst ja immer raus und -. (3)
Was meinen sie denn, leben die Hiesigen anders als sie selbst?
Ja, ich so weiß ich nicht. Aber ich weiß nur mit dem unserm Vorarbeiter mir
sind ja gut immer zusammen mit seiner Frau, sagts, mir können besser im
Restaurant essen (2) oder trinkt da n Gläschen Bier (2). Sag ich, das kost
doch so teuer. Na ja und? Mir haben keine Kinder, sie arbeitet, ich arbeit. (2)
Ja, wann es so soll ich kochen, wenn ich komm? (1) Und er macht, will gar
nicht kochen. Nu ich, wenn die auf der Arbeit ist, ich mach mir was warm oder
mach mir des oder sag, ich geh nie in die Kneipe (1) oder Restaurant. Mir
gehen in Restaurant, wenn eppe Geburtstag hat oder Kinder, oder von uns,
dann gehen mir. Aber das is einmal im Jahr, (1) zweimal. Aber die, die leben
nur für sich. (2) Die kochen zu Hause nicht, anziehn, weg fertig. (2) Sag ich für
das Geld kann ich mir ne Kiste Bier kaufen, (1) was ihr heute veressen tut. (1)
Und alles, was ich brauch, das reicht mir Monate. Sag ich und ihr, da sind mir
einmal, da noch n (?), sagt er, komm Michel, ich bezahl, dass du mal siehst,
wie die Leute schön sitzen da. Sag ich, Jürgen, soviel Geld hab ich nicht, weil
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ich bau und er hat ne Wohnung mit der Frau, weiter hat er nich. Ja sind mir da
gesessen, was ham mir da zwei Glas Bier getrunken und zwei Schluck Korn.
Und er hat noch Würstchen genommen, hamm mir sechszig (1) Dmark
bezahlt. Sag ich sechzig D-Mark? Das reicht mir aufn ganze @Monat so@.
Und ich und du sag ich haben jetzt für das a-, ausgegeben (1) (?). Aber sagt
er du bist doch da die Leute, einer singt, der eine juxt, der aner kreischt. @1@
Die sind alle halber besoffen. (2) Ah, sag ich, nein Jürgen, das geht nicht, sag
ich. Du kannst gehen, oh, das macht doch viel Spaß. Sag ich, so ein Spaß will
ich nicht haben. (4) Und so sind meinst, mein ich so, aber weiter so. Mir gehen
immer zusammen (2) Ja, heut bei Nikolai, Morgen bei dir, aber mir gehen nicht
(2) anders hin. (2) Oder kommt ihre Schwester oder fahren mir dahin oder zu
ihrem Cousen oder (2) meine Kinder kommen, die kaufen ein die schwere die
Kiste. (2) Fanta, Limonade und Bier, was mir brauchen. Es reicht uns so. (2)
Ja, wenn de was brauchst Papa, ruf an. Mir kommen. Kommt sellig (?) t Anna
oder t Lydia oder t Jascha oder er, der Ibro, ei das is de älter ihre Mann. (2)
So. (2)
Also haben sie viel Kontakt mit ihren Kindern und ihren Verwandten?
Ja. Wir haben Verwandte nur, ich hab nur einen Bruder da in Saarland weiter,
von meiner Seite. Aber sie hat ein Cousin, die hat drei Cousine. Und ihre
Schwester mit dem Mann, die hat auch Kinder. (2) Und die so kommen mir
immer zusammen. (2) Und feiern Weihnachten.
Und ist das wichtig, der Zusammenhalt untereinander?
L Nur auf Weihnachten, Neues Jahr, so wenn. Die
arbeiten ja alle. Die können ja nicht jeden Tag, so wie ich. Die wann se nur zu
Hause sind. (3) Ja, die nur, wann die arbeit, die kann ja nich kochen, die ja,
die muss das erste kochen, s zweite kochen, und wenn sechs, sieben, acht
Leute zusammen kommen, dann muss sie alles kochen. Die kauft ein im
Geschäft, aber alles machen sie zu Hause. (3)
Glauben sie denn, dass das anders ist bei den Hiesigen mit den Verwandten,
oder ist das ähnlich wie bei den Russlanddeutschen?
Ich mein (3) das kann ich gar nicht wissen. (2) Hiesige @1@ ich kann,
Arbeitskollegen ja, die sind immer zusammen gegangen, wie ich gearbeitet
hab, die Hiesigen. Die sind immer zusammen. (2) Heute geb ich aus, Morgen
du, die sind immer zusammen. Ah, und welche Kneipe, gehen mal in die, da is
besser. Haben sie immer gesprochen so (1) mit den andern. Ja, die sind alle
in Bad Essen geboren alle da nebendran. Und die Ledig gehen so, die
Verheirateten gehen mit den Frauen. Nu die nehmen sich immer nur als
Arbeitskollege sind sie gewesen. (3)
Und sie haben ja eben gesagt, dass sie sich nicht wie ein Einheimischer
fühlen.
@Nein.@ (2) Ich (1) so sprech ich ja alles mit, aber (1) mir haben ganz
andres, wie kann man sagen? (3) Weil (1) t Hiesige, die brauchen viel mehr
Geld wie mir. (1) Viel mehr. Sagt der Vor- (?), was brauch ich so ein Haus?
Sag ich du verdienst mehr wie ich. Du bist Vorarbei- und n Meister is er schon.
Und sagt er da soll ich mich da quälen und noch mal hier? Ich hab meine
Wohnung, ich brauch nich fegen, ich brauch nix machen. Kein Rasen mähen,
nix. Und du musst hier immer malochen. Ist einmal was kaputt, musst du
selber machen, ja das mach ich ja auch. Ich brauch das nicht. Mir reichts,
wenn ich auf der Arbeit gearbeit hab, fer- fertig. Und Russlandsdeutsche, die
(1) wollen alles selber machen. (2) Fast machen se alles selber. (3) Und
sparen immer zusammen, als dass (2) fertig haben. Ah, sagt, er für wen soll
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ich sparen? Ich hab keine Kinder. (2) Meine Mutter, die wohnt da holl-, an der
holländischen Grenze sagt er, die hat a Haus, die wollt mich i-, allein. Vater
gestorben sagt er, ich will in das Loch nicht reingehn. (1) So. (1) Jetzt ist sie
krank gewesen, paar letzte Jahre (2) hat er ne russlandsdeutsche Freu
genommen. Und sie will nicht ins Heim gehen. Sie will, das ist mein Haus, (1)
und fertig, seine Mutter. Und er will nicht hin. Sag ich, du kannst doch auch,
das is a groß Haus, sag ich und eine Mutter, weiter hast doch niemand. Sag
ich meine Eltern, komm sagt ich, mit uns haben sie nich könne leben, ich hab
zwei Kinder, hab ich mir a Wohnung genommen. Sinds alleine gewohnt. Was
sie brauchen, kommen sie runter. Ja, mir brauchen das, das, das fertig. Lydia
oder Jascha oder ich, wenn ich zu Hause
ENDE KASSETTE 1, SEITE 1
M:
(...) kann das gehn? So n großes Haus. Na wirklich Kind (?). Und sie auch
nicht. Seine Frau noch nicht. (6) Nu außen hat ja uns alles die Firma gemacht.
Aber innen haben wir alles selber gemacht. Alles selber, Firma ist doch zu
teuer. (1) Aber wann des selber machen kannst, warum nicht? (1) Ham wir
tapezieren, oder wenn ich das nicht kann, kann t Lydia machen das (2) und
fertig. Und t Lydia ham wir alles mit der Hand gebaut und Wände, und die
Klinker, alles. Hier hats die Firma gemacht, alles. Und da s Dach, alles, seine
Elteren, ich. (1) Wir ham n Eimer voll gekocht, Suppe, zwei, drei Hähnchen rei,
abgekocht. Da sind (1) die Jascha sei, Jascha seine Eltern sind doch
Mennoniten
Ja, und äh (1) die helfen, ah noch
S:
Ah ja, genau. Hat er ja gesagt.
M:
mehr als so wie mir Russlandsdeutsche. Mir sind ja katholisch. (1) Und des
sind Mennoniten. Die helfen alles mit. Und die trinken nicht, rauchen nicht, nix.
Nur arbeiten.
S:
Und dieses (?) als Katholik? Sie können trinken und rauchen?
M:
L Ja
Ja, ja. Ich trink
und rauch. (1) Nu mäßig, nicht so, aber, (1) wenn ich Lust hab trink ich, ess
ich, fertig, leg ich mich hin. (2) Aber immer nur zu Hause.
S:
Nur zu Hause, nur wenn sie zu Hause sind.
M:
L Nur wenn ich zu Hause bin. (1) Ja.
Nur, wenn ich zu Hause bin. Na ich bin ja alleine.
(Es klingelt an der Tür. Rita Mejder kommt vom Einkauf nach Hause zurück. Sie und
Mischa sprechen kurz über den Einkauf und die Preise.)
(...)
M:
Hier kann man einkaufen, (1) wenn man t weißt und geht man hin und
nemmts. In Russland ists so. Da is ein Sort Brot, (1) Brötchen (1), nein, das
kann, wie (?) und was. Nudeln (2), Fleisch ham wir auch letzte Zeit auf dem
Turnn (?), kannst nicht mehr kaufen. (3) Zu viert haben meine kriegt, ein Kilo,
zwei Kilo Butter (2), zwei Kinder und ich und sie. (1) Fertig. Mehr kannst du
nicht kau-, hast du Geld, ich habe, kriegst nicht. Bis die Karte dir nicht
wegnimmt. (2) Mehr kannste nicht kriegen. (4)
S:
Ja. Ja, und dann hätt ich vielleicht noch ne letzte Frage. Wenn sie so in der
Familie Konflikte haben, oder mal hatten früher oder jetzt haben, wie lösen sie
die?
M:
(1) Jaa. Manchmal ich und t Frau n so was (1) nicht klappt, dann (1) die hats
vergessen halbe Stunde. (1) Halbe Stunde u- kannst de wieder sprechen. Sag
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ich, du hast doch alle Weil gra- geschrien, jetzt bist du schon wieder gut, sagt
sie, ich kann nich lang. @1 Fertig, ich weiß nich wa-@
Finden sie denn dann nen Kompromiss, wenn sie sich über irgendetwas
streiten oder machen sie das so, wie sie denken und ihre Frau, wie sie das
denkt?
Ja, ich (1) denk immer meins, was @ich denke@ (1) und sie, ich mach doch
sag, wenn du schreist, sag ich, mach ich sowieso was ich will. (1) Du bist ja
den ganze Tag nich zu Hause, (1) was. Da schreit sie, ah ich muss auf Arbeit
und so. Das is doch nich meine Schuld. (2) Nu und dann kommt sie, is sie
wieder gut. (2) Aber auch so (1) öfters gibt’s bei uns keins so (1) was. Gebt
einmal Kleinigkeiten (1), aber, wie gesagt, das hätts du nich könne, brauchen
kaufen, ja, ich will es kaufen. Sag ich das is Übliches alles, sag ich (1) ah da
fängts an. (1) Du brauchst nix, nur Bier (1), rauchen, (1) da fangts an. (2)
Und dann entsteht ein Streit?
L Nein, kein, nu das is, nur @so@
L Nur eine
Meinungsverschiedenheit.
L Normal, ja so. Aber Streit, nein. (2) Ich hab meine Kinder
noch nich geschlagen, und sie nicht und mir haben (1) manche, die die sind
blau alle @1@ vom @1@ die Russen, wenn sie angesoffen sind (1) dann
kriegt die Frau die schmeißt er raus und alles, die Kinder schreien. (2)
Bei den Russlanddeutschen auch?
Nein, bei den Russen. (1) Bei den Russlandsdeutschen gibt’s auch, nu aber
gehen sie wieder zusammen (1) geht das auch. Es gibt ja auch (1)
verschiedene Leute (1) wie die Hiesige auch. Manche sagt (1) gut, der aner
meint da, bist doch n (1) Faschist. So (1). Musst man immer nach (1) und
seins denken, fertig. (2) So ist es. (2)
Haben sie immer nachgegeben?
Ja. Immer nachgegeben, so. Immer. Ich hab in
meinem Leben noch gar nicht gestritten, wie manche hier in Discotheken und
so, da gebts dann Streit mit Hiesigen und denen und alles. Wie sie mir
erzählen. (2) Aber ich hab noch nie in Russland mich n- nie mich gestritten (1).
Und wenn man dumm is, sag ich, ja, mach, ich geh weg. Ist immer alles okay
gewesen. (4)
In der Familie dann auch, haben sie da auch nachgegeben?
(2) Ja, wenn, wenn sie n bisschen nervös is, geb ich auch nach. Ja, mach
Ja?
doch meins, was ich will, ah. (1) Denk ich ja, ja @1@ schrei, schrei. Mach
doch.
Also ist ihre Frau hier so ein bisschen der Chef?
Ja. (1) Ja, weil sie arbeitet. (1) Das tut ihre, weil morgens lieg ich noch und sie
muss (1) malochen gehen. Ja. (1) Das is auch auf den Nerven. Dann sagts du
kriegst dasselbige Geld wie ich (1) und ich muss malochen acht Stunden da
und du liegst schön zu Hause die ganze Zeit. Ja, sag ich, das is doch auch
nich meine Schuld, (2) dass ich älter bin wie du. (3) Und so ist das. (2) Leben
kann man, Gott sei Dank (3) mir sind nich hungrig und hän alles, was mir
brauchen. Zu anziehen ham mer, zu essen und trinken auch, kann man Gott
danken, dass man so reingefallen sind.
Glauben sie denn, dass ihre Kinder noch und ihre Enkelkinder wie
Russlanddeutsche sich fühlen?
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M:
Nein, die Enkelkinder nich mehr. (1) Nein, nein, die @weißen ja gar nix@, die
sind ja hier geboren.
S:
Finden sie das denn schade oder finden sie das gut?
M:
L Das is gut. Ja, das is wunderbar.
Die sind nur noch deutsch, (2) nur deutsch. Ja, und Jascha und Lydia, die
können sprechen wie sie wollen, die können ja auch deutsch und können ja
auch russisch (2) das is nicht meine Sache. Hauptsache, dass die Familie ist
deutsch. Das, das is für mich wichtig gewesen. (1) Dass keine Russen hier
sind, echte. Das hab ich immer mir gewünscht, so ist auch rausgekommen.
Nur die eine, nu ja, (1) hab ich nix könne mehr machen mit der Anna. (2) So,
der zittert, wenn die alleinig kommt mit die Kinder hierher, er kommt mit Auto,
ruft er sofort an. Ist die Anni da? (1) Ist die Anni da? Zwei, drei Mal, sag ich ja,
die is da. Ich hab gedacht, die ist (?). Sag ich mal meine Tochter fährt nicht
hin, das is vielleicht du machst du das, aber sie nicht. Wo kann die mit dene
zwei kleine Kinder hingehn? (2) Dann ruft er schon sofort an. Wann die nicht
zu Haus is fertig. Dann sucht er schon. Na und sie, sie fahrt ja nur zu uns.
Weiter hat sie ja niemand. (3)
S:
Also sind sie mit, mit ihrem zweiten Schwiegersohn nicht so einverstanden?
M:
Nich so arg. (2) Mit dem Jascha komm ich besser aus. (3) Ja, mir hat mir ja
nichts Schlechtes gemacht, die ganze Türen hat er auch gewechselt, aber hat
er mir neue reingebaut und alles. (1) Der hat von uns keinen Pfennig nich
genommen. Das macht er, was du ihm sagst, das macht er. Er sagt nich, ich
kann nich oder was, das macht er alles. (3) Der Jascha auch, wenn er zu
Hause is so was (1) macht er auch alles. Wenn sie die Dielen wascht hat sie
gewaschen draußen ja, der Rauch kann ich nicht ran @1@. Die Lydia hat sie
ruckzuck dran gemacht fertig. (1) der Jascha hat die Bilder raufgenagelt (1),
alles festgemacht, halbe Stund, ist alles gut gewesen. (1) So kann ich nicht
sagen, beklagen is (1) was ich sag, das machen die. Oder t Rita sagt, was sie
braucht so, kommen die Mädel, t Anna, die putzt die Decke alle ab, wenns
Staub is, das macht Anna auch. (3) Alles. Weil ich kann da mit meine Beine
dann rauf nicht krabbeln. (2) Und die sind noch jung, die können das machen.
(1) Ich bin zufrieden mit meinen Kindern, kann man sagen Gott sei Dank.
S:
Auch mit den Enkelkindern?
M:
Jaa. Nur die Kleinen, die sprechen alles deutsch. Die gehen in den
Kindergarten. @1@ Alles deutsch.
S:
Finden sies auch gut, wie ihre Kinder die Enkel erziehen? Finden sie das gut
so, wie sie das machen?
M:
Ja.
S:
Oder würden sie das anders machen?
M:
Nein, ich bin zufrieden so.
(Rita ruft etwas aus der Küche)
(...)
M:
Das is ne russische Zeitung, (2) kriegen mer. Les ich sie immer, (1) was da
passiert.
S:
Ja. Ist ja auch interessant.
Okay, dann vielen Dank.
M:
Ja
Ende der Aufnahme
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1.4.4 Mutterinterview mit Lydia Schwarz
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02.09.2003
Terrasse im Haus der Familie Schwarz
Mutter:
Lydia Schwarz (L)
Interviewerin: Svetlana Kiel (S)
Also ganz grob soll es darum gehen (2) um die Veränderung
L Mhm
wie sich das Leben so verändert hat, wenn man das jetzt so betrachtet von
Russland und Deutschland
L Ah ja
also in den verschiedensten Bereichen, da gibt’s
Traditionen, es gibt Familienkonstellationen, Erziehungsfragen
die Umwelt
L Ja
es gibt ja ganz andere Normen und Werte hier in Deutschland. Darum geht’s
eigentlich. Ganz allgemein, welche Veränderungen es gibt und wie man damit
umgeht.
Also, äh, was ich so, ich kam ja als ich sechzehn kam, ne, war, und was ich so
empfinde, dass da der Staat ganz viel übernimmt von der Erziehung. Das hab
ich erst geschaltet, als ich meine Kinder hatte, ne. Ich hab mir dann gedacht,
ja wie war es denn bei deinen Eltern und so (2). Ja, da war es so, da gibt’s ja
ganz viele Kindergärten, ich weiß ja nicht, in fünfzehn Jahren hat sich jetzt
also wirklich ganz viel verändert. Aber damals, da is es normal, dass Vater
L Mhm
und Mutter gearbeitet haben, ne, meine Mutter, wenn sie überhaupt nich
anders wusste, hat uns auch in so ein Internatkindergarten abgegeben, da
konnten wir auch richtig nachts schlafen mit allem drum und dran und auch
der Kindergarten, der war zwar, sagen wir mal von morgens bis abends, man
hat praktisch nur äh die Familie richtig abends erlebt, ne
und Kinder auch
L Mhm
dadurch, es sind Vor- und Nachteile, ne, also ich hab, ich vermiss da im
Nachhinein, ne, dass die Eltern so viel weg warn, aber man wird, die Kinder
sind wesentlich selbständiger so im Vergleich, ne, zum Beispiel jetzt die
L Ja?
Kinder im Kindergarten oder in der Grundschule oder wie wir es damals warn,
ne? Also ich hab auch, dritte Klasse, das war normal, dass man gebügelt hat
sowieso, Wäsche gewaschen, Boden gewischt hat. Das war das
Grundsätzliche, ne?
Zu Hause, wir haben gewohnt in
L Ja, zu Hause dann oder
einem zehnstöckigen Haus, ne, und ist ja klar, so wie bei meinem Mann die
Geschwister, wo die Selbstversorger warn, dass die noch viel mehr
übernehmen mussten, ne, so mit Tieren und äh, weil die lebten ja davon.
Garten und alles drumherum, ja (3)
Ja, das man äh, zum Beispiel bei
L Stimmt
meinem Mann in der Familie ganz viele Kinder, ne, und dass die auch die
Verantwortung schon automatisch übernehmen mussten, ne. Sag mal meinen
Kindern, ich krieg jetzt ein Kind, die sagen ne, wir, wir @machen das auch
nicht auf@. Ja, das kann man natürlich auch erziehen, ne @aber@ äh, aber
ne es ist doch was anderes, ne? Oder auch zum Beispiel Schule, ne,
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Grundschule oder andere Schule, wir waren da im Unterricht, haben dann ne
ganz lange Pause gehabt und dann Mittagessen, ja, gabs auch Betreuung
nachmittags mit uns wurden Hausaufgaben gemacht, Nachhilfeunterricht (2)
und da kamen wir fertig nach Hause, ne?
Ja, oder auch zum Beispiel
L Mhm
Sportverein, es wurde automatisch von der Schule, eh, äh, organisiert und
hier, egal was die Kinder machen, dann musst du erst mal in den Verein
eintreten, Tischtennisverein, Fußballverein oder was weiß ich was, dann
musst du die Kinder fahrn und dann stellt sich ja überall bei jeder Kleinigkeit
eine große Frage: Wie sind die versichert, wodurch sind die versichert @2@.
Da äh (1) wurde einfach alles auch der Schule aus, oder ich kann mich nich
erinnern, dass ganz, diese ganz grundlegende Werte und Norme, dass uns
mal die Eltern uns beigebracht haben (2). Du musst dann dem älteren
Menschen Platz im Bus lassen oder solche Dinge, ne, das wurde alles in der
Schule beigebracht, ne. Es waren ja erst Oktoberkinder, diese grundsätzliche
Norme und Werte waren bei Oktoberkindern schon und wenn man das
L Mhm
gespeichert hat und einigermaßen quasi umgesetzt hat, dann durfte man
Oktoberkind werden und @Pionier und so@ ja, aber äh, in Komsomol durft ich
nie reintreten, ne, weil unsere Eltern haben uns so geimpft, dass wir nach
Deutschland fahrn und dass wir dadurch Schwierigkeiten kriegen, dass (1) ich
hab immer gesagt, ich bin noch nicht so weit, ich hab hier noch schlechte
Noten und da kann ich mich noch verbessern, ich fühle mich noch nicht so, ja?
Ne, aber äh, (3), ja, es is, es is aber, da hat der Staat viel übernommen.
Natürlich, es is, heißt nich, dass da alles positiv war, es gibt überall Vor- und
Nachteile, hier und da, irgendwo, find ich ja auch irgendwo richtig, wenn man
die Kinder in die Welt setzt, man muss auch selber irgendwas beibringen oder
Verantwortung tragen. Aber, das sind die krassen Unterschiede, was mir
sofort so auffallen, als ich meine Kinder
ja, mhm
L so von den Institutionen her
Dass der Staat, ja. Oder im Sommerferien, ne, drei Monate Sommerferien
gabs bei uns, Juni, Juli, August, grundsätzlich, ne. Ja, die Eltern hatten nie
Schwierigkeiten, wohin mit den Kindern (2). Wir wurden einfach in
Pionierlagern gemeldet, von der Arbeit aus ging das, von den Eltern aus und
dann, och, wir wohnen in der Stadt, ja, da is schöne, schöne, schöne frische
Luft und das is irgendwo im Wald, fahrt mal dahin, zack uns für sechs Wochen
angemeldet @2@egal, weinten wir nicht oder Sehnsucht, einmal in sechs
Wochen haben, kamen die uns besuchen @1@, gabs natürlich solche Tränen
@1@. Das tut euch gut, frische Luft, Gemeinschaft, das wars. @1@ Ja.
Also war die Beziehung schon anders zu deinen Eltern als die Beziehung, die
du zu deinen Kindern hast?
Ja.
Wo liegen da die Unterschiede?
Ich finde, ich finde es viel intensiver, eh, also, mhm, um, äh, Kinder kommen
auch mit mir so (2) solchen Sachen, teilweise auch intimen, was ich nie
gemacht hätte. Zum Beispiel kam mein Sohn und hat gefragt: Mama, wie
schreibt man denn eigentlich Liebesbriefe? @2@ Oder so was, ne? Oder, äh
(1), die haben auch keine Hemmungen, Mama guck mal da, da am Po ganz
hinten. Würd ich nie machen, ne @2@ Oder zum Beispiel, als ich meine erste
Regel bekam (spricht leiser), total unaufgeklärt, ne, ich hab gedacht, oh Gott,
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du musst sterben, ich hab erst mal geweint, bevor ich meinen Eltern das
überhaupt gesagt habe, ne? Ja (3)
Ja, ja, wenn man dann, wenn das Vertrauen vielleicht nicht so da war
Ja, doch (2) diese intimen Sachen oder mein ältester Sohn, der erzählt ganz
viel, wie er sich wirklich fühlt, ne, das is klar, du kriegst jede Streitigkeit mit,
jede Kleinigkeit, jede Fetzerei zwischen den Kindern, ne und dann muss man
das immer wieder aufs Neue regeln und dadurch versteht man die ja auch
besser. Oder sagen wir mal, wenn ich die Hausaufgaben dabei immer sitze,
was meine Eltern nie gemacht haben, ne, ich meine, vielleicht kommen meine
Eltern aus ganz, ganz einfache Arbeitsschicht, die dadrauf kein Wert einfach
gelegt haben, deswegen, die saßen mit uns nie mit Hausaufgaben oder haben
uns gesagt, ihr müsst dann diese oder diese Ziele euch setzten, nöh, so wie
es gelaufen ist, das ist nicht das Schlimmste und dann war es schon in
Ordnung. Und damals vor fünfzehn Jahren funktionierte das also wirklich, du
gibst mir was, ich dir was, ne? Zum Beispiel kann ich mich erinnern in der
Grundschule, da hat meine Mutter, die hat in Schuhgeschäft gearbeitet, dann
hat meine Mutter quasi Schuhe meiner Lehrerin gesteckt und dafür hat sie mir
bisschen mehr geübt oder hat mich irgendwie schon durchgebracht, ne, weil,
ich hab bis jetzt noch Rechenschwäche, ich kann mit Mathe überhaupt nichts
anfangen @1@. Ja, und, wenn ich mit Kindern zum Beispiel an den
Hausaufgaben sitze, ne, weiß ich ganz genau, was die nich können, dann
schaut man einfach tiefer rein, ne. Klar, persönlich muss man viel
zurückstecken, wenn man sich so (1) auch ich meine so von Gesellschaft her
(2). Aber (3)
Wie meinst du das, von der Gesellschaft her?
Ja, ich meine im Vergleich zu Russland, ne? Wo der Staat soviel übernommen
hat und
L Ach so, dass man es selber nicht leisten muss
Ja, mhm.
Mhm, na ja. (2) Und hast du dich bewusst entschieden, es bei deinen Kindern
dann anders zu machen oder kam das automatisch, weil das hier eben anders
ist?
Ne, auch bewusst. Weil mir das auch irgendwo fehlte, ne. (2) Ich würde auch
früher als Kind viel mehr mit Eltern zusammen sein, mir fehlte das, ne (2).
Also, entweder war meine Mutter da oder mein Vater, aber zu Feiertagen
waren wir natürlich zusammen, aber zum Beispiel Ferien gabs nie irgendwie
Urlaub mit der Familie, das war ja total undenkbar. Oder die haben als ich älter
war, haben die mich für die Sommerferien nach Kasachstan geschickt, ne?
Weil in Novosibirsk in diese, da waren also nich so viele Russlanddeutsche
wie in Kasachstan, ne, und meine Mutter immer mit dem Gedanken, wir fahrn
nach Deutschland und dass ich wenigstens einen Kontakt mit den Deutschen
habe, weil die hatte ganz große Angst, dass ich Russen heirate. Ja, und
deswegen hat sie mich als ich älter war einfach in Flugzeug gesetzt und da
wurde ich abgeholt und da habe ich meine Ferien dann verbracht, ne.
L Mhm.
Also war das bei dir in der Familie schon so, dass sich jeder als Deutscher
gefühlt hat?
Ja, ja. Also auch im Klassenbuch in der Schule stand ich als einzige (1)
Deutsche, alle anderen (2)
L Und wie hast du das empfunden?
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Nö, also, nicht negativ, ne? Nicht negativ. Jeder wusste, dass ich Deutsche
war, äh, bei meiner Schwester ein einziges Erlebnis hab ich also negatives.
Äh, die wurde einmal so ein bisschen, nicht verprügelt, aber irgendwie gabs
Rauferei, ne, und dann haben die zu ihr gesagt, ach, ihr seid ja auch
Faschisten, ne, oder so. Von meiner Mutter von der Arbeit hab ich äh so
mitgekriegt was Negatives, weil, wir versuchten immer die Papiere zweimal im
Jahr abgeben, ne, einmal richtig und einmal, damit es noch mal verarbeitet
wird, ob wir vielleicht dürfen, ne. Und, äh, als dann Absage kam, d