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CHANCEN Harte Prüfung Läuft es wie geschmiert? - Kati Thielitz

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CHANCEN
13. Oktober 2011 DIE ZEIT No 42
92
E X T R A : U N T E R N E H M E N S B E R AT E R
UND WIRTSCHAFTSPRÜFER
Der Blick von außen ist scharf. Deshalb holen sich
Firmen und Behörden Wirtschaftsprüfer und
Unternehmensberater ins Haus, sie sollen kontrollieren
und optimieren – nicht immer nur die Bilanzen. Auf
dieser Seite stellen wir ihre Arbeit vor. Weitere Artikel
gibt es auf ZEIT ONLINE. Zum Beispiel darüber, ob
Unternehmensberatung und Familie vereinbar sind
Der Schwerpunkt im Internet:
www.zeit.de/unternehmensberater
Läuft es wie geschmiert?
Harte Prüfung
Compliance-Berater Mathias Nell hilft Behörden, Unternehmen und Gesellschaften dabei,
Bestechung und Betrug aufzudecken – und dagegen vorzubeugen VON KATI THIELITZ
Was machen eigentlich Wirtschaftsprüfer? Und:
Warum gibt es sie überhaupt? VON BÄRBEL SCHWERTFEGER
W
Illustrationen: Karsten Petrat für DIE ZEIT/splitintoone.com
enn Mathias Nell seine
Mission verkündet, zeigen ihm manche Leute
den Vogel. »Verlogener
Quatsch!«, schimpfen sie.
Nell hilft international
tätigen Firmen und Banken dabei, betriebsinterne Betrugs- und Bestechungsdelikte aufzuklären und, noch wichtiger, für
die Zukunft möglichst zu verhindern. Das aber
halten gerade erfahrene Mitarbeiter, deren Chefs
Nell gerufen haben, oft für wirklichkeitsfremd.
Ohne Schmiergelder, sagen sie, ließen sich in Ländern wie China oder Russland doch keine Geschäfte machen. Mathias Nell, polierte Schuhe, schwarzer Anzug, ein Rest Wiener Akzent, schmunzelt,
wenn er so etwas hört. »In meinem Beruf braucht
man Durchsetzungsgeschick und Kreativität.«
Der 31-Jährige arbeitet als Compliance-Berater;
sein Auftrag ist es, Korruption auszumerzen. Damit
ist er eine Art Don Quijote der Geschäftswelt: Wie
Unkraut sprießt Korruption in Wirtschaft und Politik, Gesundheitsindustrie, Hochschulwesen und
Sport. Da ist der Pharmavertreter, der den Arzt besticht, um dessen Verschreibungsverhalten zu beeinflussen. Oder der Bankangestellte, der Insiderinformationen preisgibt und dafür Bares kassiert. Der
Kampf gegen unsaubere Umtriebe ist das Geschäft
von Compliance-Experten wie Nell.
Compliance – die Selbstverpflichtung von Unternehmen zur Gesetzes- und Regeltreue – erlebt einen
Boom. Nach den Skandalen der vergangenen Jahre,
Schmiergeldzahlungen bei Siemens und MAN, Spitzelaffäre bei der Telekom, Lustreisen auf Firmenkosten bei VW, rüsten Unternehmen auf: Sie bauen
ihre Compliance-Abteilungen aus, schulen ihre Angestellten, überarbeiten ihre Verhaltenskodizes. Dazu
holen sie sich Spezialisten von außen ins Haus, die
mit neutralem Blick die Lage beurteilen. Mathias
Nell hat Korruptionsbekämpfer in Ministerien trainiert, Betrugsrisiken für Banken untersucht und
korrupte Machenschaften in einer Gesundheitsstiftung enthüllt.
Es gefällt ihm, zwischen den Branchen hin und
her zu springen, heute in Berlin, morgen in Düsseldorf oder Hamburg zu arbeiten. Seine Geschäftspost
landet in der Münchner Zweigstelle der Steria Mummert Consulting AG, seines Arbeitgebers, aber ein
festes Büro hat Nell dort nicht. »Für mich ist es wichtig, meine Kunden bestmöglich kennenzulernen«,
sagt er. »Nur so kann ich vermeiden helfen, dass das
Kind in den Brunnen fällt.« Also arbeitet Nell meist
direkt bei den Kunden. Deren Namen nennt er nicht,
Diskretion gehört zum Ehrenkodex
seiner Zunft. Nächste Woche hat er in
einem Frankfurter Kreditinstitut zu tun,
Auftragsflauten kennt der Korruptionsjäger nicht.
»Gute Fachleute sind derzeit sehr
gefragt«, bestätigt Jürgen Pauthner von
der Frankfurt School of Finance &
Management, der auch geschäftsführender Partner einer Compliance-Beratung ist. Schärfere Gesetze, wachsende Bußgeldsummen und damit
verbundene Ängste der Vorstände schüren den Bedarf
an Fachpersonal für regelkonformes Verhalten: Der
ehemalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer zahlte
fünf Millionen Euro Schadensersatz an den Konzern;
MAN verlangt von Ex-Vorstandschef Håkan Samuelsson exorbitante 237 Millionen Euro. Weil Unternehmensleiter Aufsichts- und Kontrollpflichten
unterliegen, haften sie, wenn kriminelle Geschäfte
von Mitarbeitern auffliegen – absichern können sie
sich nur, indem sie nachweislich vorbeugen.
Jürgen Pauthner, 43 Jahre alt, hat Jura und BWL
studiert, er wollte einen Beruf, der beides verbindet.
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11
* Der Name Ernst & Young bezieht sich auf alle deutschen Mitgliedsunternehmen von Ernst & Young Global Limited, einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach britischem Recht.
Eher zufällig kam er 2000 zu einer Londoner Antikorruptionsberatung; seither lässt ihn die Verquickung von Recht, Geld und Moral nicht mehr los.
»Gesetze basieren auch auf ethischen Erwägungen.
Sie umsetzen zu können in der Wirtschaft, wo ihre
Nichtbefolgung massive Auswirkungen hat«, sagt
Pauthner, »das ist bis heute mein Traumberuf.«
Wer im Bereich Compliance arbeiten will, muss
sich auskennen mit Wirtschaft, nationalem und
internationalem Recht. Mindestens ebenso wichtig
ist aber die Fähigkeit, Regeln zu übersetzen in die
Sprache der Mitarbeiter. »Man braucht ein Gespür
dafür, wie Menschen ticken, warum sie gerade
abweisend oder skeptisch sind«, sagt Mathias Nell.
Er hat Volkswirtschaftslehre in Passau studiert, als
der Korruptionsforscher Johann Graf
Lambsdorff dort einen Lehrstuhl
übernahm. In seiner Promotion fragte sich Nell ein paar Jahre später, wie
Gesetze ausgestaltet sein müssen, um
Korruption tatsächlich zu verhindern.
Er gab Seminare, um auch jüngere
Semester für das Problem zu sensibilisieren – was nicht immer gelang:
Kurz vor den Prüfungen kamen manchmal Studenten mit Pralinenschachteln vorbei in der Hoffnung,
ihr Dozent würde im Gegenzug die Fragen verraten.
Nell schüttelt den Kopf und lacht. »Damals habe
ich entschieden, mit meinem Beruf dazu beizutragen, dass die Gesellschaft nicht völlig versumpft«, sagt er.
Antikorruptionsexperten sind wie er als externe
Berater tätig, in Compliance-Abteilungen von
Unternehmen und zunehmend in Nichtregierungsorganisationen. Chancen haben sie auch in öffentlichen Verwaltungen, wo etwa bei der Vergabe von
Bauaufträgen immer wieder Bestechung und Untreue auftreten.
Stuttgart hat ein vierköpfiges Antikorruptionsteam, angeführt von Peter Glinder, dem Abteilungsleiter des städtischen Prüfungsamtes. Fünf bis zehn
Verdachtsfälle hat Glinder im Jahr, er und sein Team
gehen jedem Hinweis nach. Alle drei bis sechs Monate
ruft er zudem die 25 Antikorruptions-Ansprechpartner
der verschiedenen Ämter zusammen. »Ich pendle
zwischen Stadtkämmerei, Haupt- und Personalamt,
Tiefbauamt und anderen Ämtern sowie Eigenbetrieben hin und her«. Momentan koordiniert Glinder
zusätzlich ein deutsch-russisches Forschungsprojekt
der Städte Stuttgart und Samara, das das Verständnis
für Antikorruptionsrichtlinien, geschäftliche Praxis
und Kultur im jeweils anderen Land verbessern soll.
Obwohl das Projekt noch bis Mitte 2012 läuft, weiß
er schon jetzt: Die Antwort darauf, wo Korruption
anfängt, fällt in beiden Nationen sehr verschieden
aus. »Praktiken, die in Deutschland als illegal gelten,
werden von vielen Russen im Alltag nicht als korrupt
angesehen.« So habe ihm ein russischer Professor
erzählt, dass es in Russland weit verbreitet sei, sich
den Ruf an eine Uni zu erkaufen. Gleiches gelte für
akademische Abschlüsse und Noten. Auch deshalb
findet sich Russland im Bestechlichkeitsranking der
Antikorruptionsorganisation Transparency International auf Platz 154 – Schlusslicht ist Somalia an 178.
Stelle. Deutschland hat immerhin Rang 15 erreicht,
obwohl es als Exportnation mit zahlreichen korrupteren Ländern konkurriert.
So wie die Justiz Wirtschaftskriminalität von Land
zu Land anders ahndet, so unterschiedlich ist der
moralische Kompass jedes Einzelnen ausgeprägt.
Wenn Mathias Nell in den Zeitungen von manchen
Entwicklungen in Unternehmen liest, fragt er sich,
ob Korruption im Spiel sein könnte. »Der Beruf
bringt es mit sich, dass man nach dem Korrupten
sucht«, sagt er. Bei jedem neuen Auftrag hofft Nell
aber zugleich, es nicht zu finden – oder zumindest
im Keim ersticken zu können. Schon die Pralinenschachteln der Studenten hat er, versteht sich, stets
abgelehnt.
1. Was sind Wirtschaftsprüfer?
Wirtschaftsprüfer sind privilegiert: Sie haben
sogenannte Vorbehaltsaufgaben, das heißt
Aufgaben, die nur sie übernehmen dürfen.
Dazu gehört die Prüfung von Jahres- und
Konzernabschlüssen bei Unternehmen aller
Branchen und Rechtsformen.
Außerdem dürfen sie – wie die Steuerberater
– ihre Mandanten steuerlich beraten und vor
Gericht vertreten. Besonders qualifiziert sind
sie außerdem für betriebswirtschaftliche Prüfungen: Sie erstellen etwa Unternehmensbewertungen bei Verkäufen, Umstrukturierungen
oder Fusionen. Auch als Gutachter oder Sachverständiger in allen Bereichen der wirtschaftlichen Betriebsführung kommen Wirtschaftsprüfer zum Einsatz. Zudem können sie die
treuhänderische Verwaltung übernehmen und
als Testamentsvollstrecker, Nachlass- und Vermögensverwalter, Insolvenzverwalter und Liquidator tätig sein.
2. Warum gibt es sie?
Wirtschaftsprüfer sind der Garant für öffentliches Vertrauen. Die Wirtschaftsprüfung
wurde geschaffen, um die Vertrauenswürdigkeit von Jahresabschlüssen sicherzustellen,
auf deren Zahlen sich im Grunde alle verlassen: Gesellschafter und kreditgebende Banken etwa, Lieferanten, Arbeitnehmer und die
Öffentlichkeit.
Unternehmen mit bestimmten Rechtsformen sind verpflichtet, einen Jahresabschluss
zu erstellen. Ab einer gewissen Größe muss
das Unternehmen den Jahresabschluss prüfen lassen, das ist gesetzlich vorgeschrieben.
Wirtschaftsprüfer erfüllen daher häufig letztlich einen gesetzlichen Prüfungsauftrag. Geprüft werden dabei die Verlässlichkeit und
die Ordnungsmäßigkeit der Informationen,
die das Unternehmen in seinem Jahres- oder
Konzernabschluss dokumentiert. Der Prüfer
bestätigt dem Unternehmen dann, dass es
die gesetzlichen Bilanzierungsregeln eingehalten hat, oder beschreibt, wo Verbesserungsbedarf besteht.
3. Wie arbeiten sie?
Grundsätzlich ist es die Aufgabe von Wirtschaftsprüfern, die Übereinstimmung des
Jahresabschlusses mit den tatsächlichen Verhältnissen zu prüfen. Dazu sind sie häufig
beim Kunden, also dem zu prüfenden Unternehmen. So sind beispielsweise die Wege
kürzer, wenn es Nachfragen in den einzelnen
Abteilungen wie Rechnungswesen oder Controlling gibt. Die Arbeit selbst hat extrem viel
mit Zahlen zu tun: Man geht Dokumente
und Belege durch, macht Stichproben und
vollzieht letztlich Gedankengänge und Rechnungswege nach.
Normalerweise sucht ein Wirtschaftsprüfer
erst einmal nicht unbedingt nach Unregelmäßigkeiten, zumindest nicht gezielt an
bestimmten Stellen. Sobald er jedoch Gesetzesverstöße entdeckt, muss er die Geschäftsführung darauf hinweisen, damit diese Abhilfe
schafft. Aufgrund der Schweigepflicht werden
die von ihm entdeckten Fehler in der Regel
nicht öffentlich. Nur selten kommt es vor,
dass Wirtschaftsprüfer – wie im aktuellen Fall
des Stromanbieters TelDaFax – einem Unternehmen das Testat verweigern und das auch
publik wird. Anders ist es, wenn ein Wirtschaftsprüfer von einem Unternehmen beauftragt wird, etwa aufgrund des Verdachts der
Unterschlagung oder der Untreue eine Sonderprüfung in einem bestimmten Bereich
durchzuführen. So untersuchten Wirtschaftsprüfer zum Beispiel beim Korruptionsskandal
bei VW, was es mit den Lustreisen, Sexpartys
und Bestechungen von Betriebsräten auf sich
hatte. Auch bei den Korruptionsaffären bei
Siemens oder MAN waren Wirtschaftsprüfer
im Einsatz.
4. Wo arbeiten sie?
Wirtschaftsprüfer arbeiten entweder bei einer
der vier großen, international tätigen Wirtschaftprüfungsgesellschaften KPMG, Ernst
& Young, PricewaterhouseCoopers oder Deloitte, bei einer kleineren Gesellschaft oder in
der eigenen Praxis, oft zusammen mit Anwälten und Steuerberatern. Manche übernehmen
auch – teils hochkarätige – Stellen in Unternehmen. So sind einige der Finanzvorstände
großer Konzerne gelernte Wirtschaftsprüfer.
Sobald sie jedoch eine Stelle in einem Unternehmen antreten, müssen sie ihre Bestellung
zum Wirtschaftsprüfer (siehe Punkt 5) wieder
abgeben, da sie mit der Festanstellung nicht
mehr unabhängig sind.
5. Wie wird man Wirtschaftsprüfer?
Die Ausbildungszeit beträgt mindestens sieben Jahre. Voraussetzung ist ein Hochschulstudium, meist – aber nicht zwingend – in
Betriebswirtschaft, sowie – je nach Dauer des
Bachelorstudiums – eine drei- oder vierjährige
Berufspraxis etwa bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Mindestens zwei Jahre davon muss man überwiegend mit der Erstellung
von Jahres- und Konzernabschlüssen zu tun
gehabt haben. Danach kann man sich zum
Examen anmelden, das als eine der anspruchsvollsten Prüfungen in Deutschland gilt. Es
umfasst sieben vier- bis sechsstündige Klausuren und eine mündliche Prüfung. Wer es besteht, kann zum Wirtschaftsprüfer bestellt
werden.
Inzwischen gibt es auch – zunehmend berufsbegleitende – Masterstudiengänge, die gezielt auf das Examen vorbereiten und bei denen
bestimmte im Studium erbrachte Prüfungsleistungen für das Examen anerkannt werden. So
bietet etwa die Mannheim Business School den
Master of Accounting & Taxation an. Und an
der Fachhochschule Mainz gibt es ab 2012 gemeinsam mit der Frankfurt School of Management einen Master of Audit. Zulassungsvoraussetzung für das Masterstudium ist mindestens
ein Jahr Praxiserfahrung bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Das Examen kann man
dann zwar unmittelbar nach dem Masterstudium ablegen, zum Wirtschaftsprüfer bestellt
wird jedoch erst, wer insgesamt mindestens drei
Jahre Berufspraxis aufweisen kann.
6. Was ist wichtig für die Karriere?
Neben einer hohen Fachkompetenz und einer
gewissen Begeisterung für Zahlen sind bei
Wirtschaftsprüfern vor allem Genauigkeit,
Durchsetzungsfähigkeit und Stressresistenz
gefragt. Schließlich stehen Wirtschaftsprüfer
einerseits im Dienste ihres Mandanten, sind
aber andererseits auch verpflichtet, problematische Vorgänge negativ zu bewerten. Vor
allem wenn es um die Prüfung von internationalen Konzernen geht, die oftmals unter
großem Zeitdruck von Teams in mehreren
Ländern unter die Lupe genommen werden,
sind auch Managementkompetenzen gefragt.
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