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08.04.2000, F.A.Z., Titelseite Berliner Seiten (Berliner Seiten ), Seite BS1 - aus B - 1298 Wörter
Ey, Alter, wie viel brauchst du?
Die Rauschgifthändler werden immer aggressiver
Nachmittags um 2 Uhr betreten drei Schülerinnen im Alter zwischen zwölf und vierzehn
Jahren den U-Bahnhof Schönleinstraße in Neukölln. Sofort werden sie von vier Jugendlichen
und einem Kampfhund, dessen massiger Schädel von Bisswunden und Narben gezeichnet
ist, umringt. Während zwei Jungen wie beiläufig mit ihren Handys spielen, versuchen die
beiden anderen, die Mädchen zu einem Rauschgiftgeschäft zu überreden. "Hasch, Koks,
Speed oder Braunes", leiert einer. Obwohl die Schülerinnen nicht wollen, lassen die Dealer
nicht locker und grapschen noch grob ein Mädchen an, bevor es mit seinen Freundinnen in
der nächsten U-Bahn verschwinden kann. Einen Deutschen, der helfen will, schlagen die
Männer mit der Drohung: "Du Nazischwein, isch lasse meine Hund los", ebenfalls in die
Flucht.
Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht Meldungen über neue Straßenhandelsplätze oder
über das rabiate Vorgehen der Dealer die Öffentlichkeit aufschrecken. Bis vor wenigen Jahren
gab es mit dem Bahnhof Zoo (einschließlich Breitscheidtplatz), der Potsdamer/Ecke
Kurfürstenstraße und dem Kottbusser Tor in Kreuzberg drei überschaubare
Rauschgifthandelsplätze. Heute blüht das Geschäft im Untergrund des öffentlichen
Nahverkehrs, besonders auf den U-Bahn-Linien 9 (zwischen Turmstraße und Leopoldplatz)
und 8 (zwischen Leinestraße und Alexanderplatz sowie rund um die Weddinger Pankstraße).
"Der Drogenhandel ist in die Fläche gegangen", sagt Jutta Porzucek, die stellvertretende
Leiterin des Rauschgiftreferates beim Landeskriminalamt (LKA). 36 Straßen, Plätze oder
Adressen habe die Polizei seit Mitte 1999 zum "gefährlichen Ort" erklärt, sagt Polizeisprecher
Uwe Kozelnik. Auf Grundlage des Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetzes (ASOG)
dürfen die Beamten dort auch ohne begründete Verdachtsmomente die Ausweise der
Passanten kontrollieren, Taschen durchsuchen, Häuser betreten oder Platzverweise
aussprechen. Anfang 1997 gab es zwanzig solcher Brennpunkte mit eingeschränkten
Persönlichkeitsrechten.
Angst
vor
Repressalien
haben
die
oft
selbst
"schwerstabhängigen
Straßenhändler" (Porzucek) nicht. Weil sie meistens nur geringe Verkaufsmengen bei sich
führen, die vor Gericht als Ration zum Eigenverbrauch durchgehen würden, kehren sie nach
vorläufigen Festnahmen oft schneller wieder an den Tatort zurück als die Polizisten. "Die
meisten verlassen unser Haus ohne Haftbefehl", sagt Jutta Porzucek. Besonders schwer
machten es die Dealer der Polizei bis vor kurzem an dem vor zwei Jahren neu entstandenen
Drogenumschlagplatz Turmstraße und Ottopark in Moabit. Lange Zeit nahmen sie hier die
Fensterplätze des Kaufhausrestaurants von Hertie in Beschlag und koordinierten von dort aus
ihre "Läufer" per Funktelefon. Einer möglichen Überwachung der Telefone kommen die oft
türkisch- oder arabischstämmigen Händler durch häufige Wechsel der Handy-Chipkarten
zuvor.
Dass der Polizei oft die Beweismittel fehlen, wissen die Kleindealer genau. Aus dem früher
konspirativ geflüsterten "Psst, psst" ist daher ein deutlich hörbares, fast forderndes "Ey, Alter,
wie viel brauchst du?" geworden. Tiergartens Bürgermeister Jörn Jensen ist das "aggressive
Dealen"ein Dorn im Auge. "Die Form des Handels ist ziemlich unverschämt geworden", sagt
auch Elfriede Koller, die Drogenbeauftragte des Senats. Eine fünfzigjährige Mitarbeiterin ihres
Stabs sei im Ottopark mit den Worten "Na, Oma, willst du Koks" angesprochen worden.
Aufsehen erregte am 15. März der Fall eines 23 Jahre alten Libanesen, der in der Perleberger
Straße von drei Männern aus einem vorbeifahrenden Fahrzeug erschossen wurde.
Unschuld verloren.
Innensenator Werthebach sprach bei insgesamt 10 085 aktenkundigen Verstößen gegen
das Betäubungsmittelgesetz (BTM) von einem Rückgang der Rauschgiftkriminalität um 5,5
Prozent im vergangenen Jahr im Vergleich zu 1998. Frau Porzucek glaubt nicht an die
Aussagekraft solcher Zahlen: "Der Drogenhandel ist ein so genanntes Kontrolldelikt. Wenn die
Polizei heute aufhören würde, zu kontrollieren, hätten wir ab morgen keine
Rauschgiftkriminalität mehr." Anders als bei Raub oder Mord werden Rauschgiftdelikte außer
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von der Polizei fast nie zur Anzeige gebracht. Wegen der Gewaltbereitschaft der Szene
schauen Passanten lieber weg. "Sogar im Straßenhandel sind Gaswaffen, Messer und
Kampfhunde mittlerweile an der Tagesordnung", sagt Porzucek. Genaue Zahlen über Handel
und Konsum haben weder die Justiz noch die Drogenbeauftragte. Bestenfalls die stetig
steigenden Klientenzahlen des Berliner Verbundsystems der Drogenhilfe können einen
Hinweis geben. Während sich dort 1990 rund 4250 Süchtige betreuen ließen, waren es 1998
schon 7441.
Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung hat der Ostteil der Stadt seine Unschuld verloren.
Der Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg gilt wie der Volkspark Hasenheide in Neukölln als
Handelszentrum für Cannabisprodukte, die Frankfurter Allee in Friedrichshain heißt im
Szenejargon "Junkfurter". Nach Polizeiangaben sollen hier neben deutschen Dealern aus der
rechtsradikalen Hooligan- und Türsteherszene und Mitgliedern der so genannten
Jugoslawenmafia einige Portugiesen, die ihr Geld zuvor als Bauarbeiter am Potsdamer Platz
verdienten, neue, eigene Verteilerringe aufgebaut haben. Mit der Verhaftung von zwei
Männern, bei denen Mitte März zusammen rund elf Kilogramm Amphetamin, zehn Kilogramm
Marihuana und Haschisch, knapp ein Kilogramm Kokain, mehrere Waffen und
Blankoausweise sichergestellt wurden, ist der Justiz ein Schlag gegen die "Hooligans"
gelungen. Auch in dem einst beschaulichen westlichen Wilmersdorf schlägt man sich
neuerdings mit illegalen Suchtmitteln herum. Erst im Februar des Jahres kam es in der
Bezirksverordnetenversammlung zum Parteiengezänk, weil die CDU im Preußenpark
zahlreiche Bäume und Büsche abholzen wollte, um so den Dealern das branchenübliche so
genannte Bunkern (Verstecken) der Ware im Unterholz zu erschweren.
Tendenz zum "Müllschlucker".
Auffallend an fast allen Orten des Berliner Straßenhandels ist, dass etliche Dealer, anders
als früher, nicht mehr nur mit einem bestimmten Suchtstoff handeln. "Viele bieten inzwischen
alles an, und die Kundschaft probiert auch alles", sagt Frau Porzucek. "Die Tendenz geht zum
Müllschlucker",
bestätigt
Orhan
Akbiyik,
der
Chef
der
türkisch-arabischen
Drogentherapieeinrichtung Nokta. Akbiyik hat wie seine Kollegen in den deutschen
Drogenberatungsstellen festgestellt, dass sich immer weniger Süchtige das Rauschgift mit der
Nadel in den Körper injizieren. Die Zahl der 8000 intravenös Heroinsüchtigen in Berlin ist seit
Jahren angeblich ziemlich konstant. "Unsere ältesten Junkies sind inzwischen Mitte 40,
Anfang 50", sagt die Drogenbeauftragte.
Als weitaus besorgniserregender bezeichnet Elfriede Koller die seit Jahren wachsende Zahl
der vergleichsweise jungen Haschisch-, Ecstasy- und Amphetaminkonsumenten. Wie aus
ihrer Jahresbilanz 1999 hervorgeht, konsumieren inzwischen bis zu dreizehn Prozent der
Fünfzehn- bis Siebzehnjährigen regelmäßig Ecstasy oder Cannabis. Darauf reagieren die 150
Mitarbeiter des Rauschgiftreferats. "Bei den von uns besonders verfolgten größeren
Vorgängen ist die Schwerpunktdroge ganz klar Cannabis", sagt Porzucek. Neben 103
Kilogramm Cannabisharz und 57 Kilogramm Marihuana stellte die Polizei 1999 drei
Kilogramm Amphetamin, 12 200 Tabletten Ecstasy sowie 322 Kilogramm Kokain und 40
Kilogramm Heroin sicher.
Der bislang größte Fahndungserfolg der Polizeigeschichte gelang dem LKA, als die
Beamten am 28. August 1999 bei einem Deutschen 300 Kilogramm Kokain beschlagnahmen
konnten. Längst hat das aggressive Aufputschmittel sein früheres Schickeria-Image verloren.
"Der Konsum ist wesentlich stärker verbreitet, als wir das bisher angenommen haben", sagt
Frau Koller. Nach dem Preisverfall - der Grammpreis sank innerhalb von zehn Jahren von 250
auf 100 Mark - schnupften heute sogar Arbeiter Kokain. Wirbel unter den Konsumenten rief
vor zwei Jahren eine Verunreinigung der Droge mit Lidokain hervor, einem Betäubungsmittel
aus der Zahnmedizin. Als die Polizei von dieser hochgradig gesundheitsschädlichen
Beimengung erfuhr, warnte sie über die Streetworker und Drogensozialarbeiter die Kokser der
Stadt vor dem Gebrauch der gefährlichen Mixtur.
"Unser eigentliches Gegenüber ist ohnehin nicht der Abhängige", sagt Frau Porzucek vom
LKA. Die Polizei habe das so genannte Junkyjogging nie als Selbstzweck betrieben. Vielmehr
sei die Vertreibung der Süchtigen immer dann unumgänglich, wenn irgendwo die Entstehung
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einer offenen Szene drohe. Auch auf der Linie 8 will die Polizei jetzt einschreiten. Nachdem
sich die Eltern des Hermann-Hesse-Gymnasiums und später auch Helga Köppe, die
Schulleiterin der Carl-Legien-Berufsschule, bei den Behörden über den ruppigen Stil der
Rauschgifthändler beschwert hatten, haben Polizei, BVG und Wachschutz ihre Präsenz auf
den U-Bahnhöfen massiv verstärkt.
An der Boddinstraße sind seit einigen Tagen regelmäßig Lautsprecherdurchsagen zu
hören, in denen die Passagiere der BVG aufgefordert werden, nicht länger als bis zum
Eintreffen des nächsten Zuges auf dem Bahnhof zu verweilen. "Das ist wie im Faschismus
hier", mault ein Süchtiger. Nach einem kurzen Telefonat via Handy fährt er schließlich
murrend seinem Dealer, der jetzt am Alexanderplatz in Mitte steht, hinterher. "Wir müssen uns
wohl oder übel damit abfinden, dass wir nie wieder eine drogenfreie Stadt haben werden",
sagt Frau Porzucek.
ANDREAS KAISER
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.
Autor/en: Kaiser, Andreas
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