close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Er sah aus wie die fleischgewordene Inkarnation eines jugendlichen

EinbettenHerunterladen
Er sah aus wie die fleischgewordene Karikatur eines jugendlichen Linksautonomen: Das schlabbrige schwarze Kapuzenshirt, das über seinen knochigen Schultern hing wie der überdimensionale Umhang einer Vogelscheuche, trug die Aufschrift „Fight the System“, ein schmuddeliges Palästinensertuch bedeckte den mageren Hals, und auf den fettigen Haaren klebte eine Baseballmütze. Die Jeans glänzte speckig­schwarz, und die Turnschuhe hatten ebenfalls schon bessere Tage gesehen, ebenso wie die Sonnenbrille, deren rechter Bügel mit Pflaster umwickelt war und von den zahlreichen Schlachten des Zwanzigjährigen zeugte. Vielleicht war er auch nur im Suff gegen eine Tür gelaufen. Die Brille war jedenfalls völlig überflüssig in dem abgedunkelten, ungelüfteten Zimmer, in dem eine gigantische Musikanlage sowohl optisch als auch akustisch dominierte: Hart und aggressiv klang das Stück, das der Sänger ins Mikrofon rotzte. Er sang auf Englisch und verschluckte jede dritte Silbe, trotzdem gab es keinerlei Zweifel daran, dass er mit diesem Klangbrei gegen wirkliche oder auch nur angenommene, auf jeden Fall aber schreiende Ungerechtigkeiten, entsetzliche Missstände und die eigene ohnmächtige Wut anröhrte.
Lediglich eine sorgfältig gestickte 88 über dem Schirm der Baseballkappe – als Verdoppelung des achten Buchstaben im Alphabet unter Insidern das Synonym für „Heil Hitler“ – verriet, wessen Geistes Kind der schwarzgekleidete junge Mann wirklich war.
„Bullen, ey?“
„Guten Tag, Herr Frommer“, brüllte Victoria, zückte ihren Ausweis und hielt ihn dem Jüngelchen unter die Nase. „Polizei, Sie vermuten richtig. Mein Kollege und ich müssen mit Ihnen sprechen. Dafür machen Sie besser die Musik aus.“
Benno Frommer verzog abschätzig das Gesicht.
„Gefällt Ihnen wohl nicht, mein Geschmack, ey?“
„Nein“, schrie Victoria, „aber das tut hier nichts zur Sache. Aus, bitte!“
Es klang wie: Platz, Hasso! Doch Benno Frommer quälte sich tatsächlich aus seiner halb sitzenden, halb liegenden Position hoch und fummelte am Regler, wenn auch sichtbar widerwillig. Vielleicht kam ihm ja der Ton bekannt vor, dachte Robert, der Führer war schließlich ein bekennender Schäferhundfreund gewesen.
Die schlagartig einsetzende Stille war köstlich.
„Sind Sie wegen dieser Bullensau hier?“
„Nein“, erwiderte Robert im Plauderton, noch bevor Victoria etwas Scharfes erwidern konnte, „das sind wir nicht. Wir sind hier, weil wir den Mord an Ihrem Vater Hans­
Georg Schickler untersuchen.“ Er trat einen Schritt auf den Jungen zu und beugte sich leicht zu ihm hinab. „Und wenn ich Sie wäre, Herr Frommer, würde ich meine Sprache etwas mäßigen. Oder reicht Ihr Wortschatz dafür nicht aus? Dann helfe ich Ihnen gern: Zu einer ‚Bullensau’ könnte man zum Beispiel ganz einfach ‚Polizist’ sagen. Das fände der viel netter.“
„Ey, was soll das denn jetzt schon wieder?“, ächzte Schicklers Sohn. „Ich lass mich hier nicht dumm anmachen.“
„Recht haben Sie“, stimmte Robert ihm freundlich zu, „ich lasse mich allerdings auch nicht gern dumm anmachen. Also entweder Sie reißen sich jetzt zusammen, oder wir nehmen Sie mit aufs Präsidium. Kapiert, Bürschchen?“
Beschwichtigend legte Victoria ihm eine Hand auf den Unterarm. Es war einfach vernünftiger, es zunächst einmal auf die nette Tour zu versuchen. Von der Aussage des Jungen hing schließlich eine Menge ab.
Doch der grinste sie nur spöttisch an.
„So was zieht bei mir nicht, Mann, ey.“
Seine Körperhaltung verriet, dass er nun meinte, Oberwasser zu haben: Er lümmelte breitbeinig auf der Couch herum, die langen Arme auf der Lehne drapiert. Und zur Krönung dieser demonstrativ zur Schau gestellten Lässigkeit rülpste er nun auch noch leise. Victoria unterdrückte ein Seufzen. So ging es also nicht. Der Junge bevorzugte offenbar die härtere Gangart.
„Wir spielen hier kein Spiel, Herr Frommer“, versetzte sie scharf. „Ihr Vater wurde brutal ermordet, und wir sind hier, um die Tat aufzuklären. Sie können kooperieren oder es sein lassen. Dann nehmen wir Sie in der Tat mit. Ich kann Ihnen nur raten, endlich mit diesen kindischen Faxen aufzuhören und sich wie ein Erwachsener zu verhalten. Und nehmen Sie endlich diese Brille ab!“
Widerwillig kam Benno Frommer ihrer Aufforderung nach.
„Zufrieden?“
„Ja. Danke. Ich mag es einfach nicht, wenn man sich bei einer Unterhaltung nicht in die Augen sehen kann“, erklärte Victoria. Doch ihre Höflichkeit war vergebliche Mühe.
„Also, was wollen Sie von mir?“, raunzte Schicklers Sohn.
„Ein Alibi zum Beispiel“, entgegnete Robert liebenswürdig. „Wo waren Sie an dem Abend, an dem Ihr Vater getötet wurde?“
„Oh, schon klar, Mann“, höhnte Benno, „ich bin natürlich sofort verdächtig. Aber ich muss Sie enttäuschen, Polizist. Ich war mit den Kameraden zusammen. Im Roten Hahn. Das ist unser Stammlokal draußen im Heidviertel.“
„Roter Hahn? Nicht braune Henne, Herr Frommer?“
„Pah“, machte der wegwerfend, taxierte Robert jedoch voller Wut. „So’n Scheiß interessiert uns nicht. Wir sind nicht wie die alten Knacker. Die sind doch von gestern mit ihrem ganzen Gelaber. Wir sind Autonome Nationalisten, und dieser ganze Kram mit braun und rot ist uns piepegal.“
„Wie überaus fortschrittlich“, stichelte Robert. Die Provokation gelang.
„Sie haben doch keine Ahnung, Polizist. Wir sind nämlich l i n k s und national, und mit dieser Deutschtümelei der verkalkten Säcke haben wir nichts am Hut. Oder mit diesen endlosen, beschissenen Theorien. Wir reden nicht nur wie die anderen, verstehste, Mann, wir tun was, wenn uns was nicht passt.“
„Heißt das, dass Sie zu der allzeit gewaltbereiten Fraktion der Neonazis gehören?“, erkundigte sich Robert beiläufig, und fast hätte es geklappt.
Benno Frommer öffnete bereits den Mund, schloss ihn dann jedoch energisch wieder zu.
„Dazu sage ich nichts“, zischte er. „Aber mit Gelaber kommt man heutzutage nicht weiter. Soviel steht schon mal fest.“
„Das behaupten sie alle zu allen Zeiten, wenn das Hirn nicht reicht. Und es war immer falsch“, entgegnete Robert.
„Aber es ist doch –“
„Herr Frommer“, unterbrach Victoria diese sinnlose Diskussion ungeduldig, „uns interessiert Ihr Alibi. Und wir möchten auch noch einiges über Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater erfahren.“
„Hab ich doch schon gesagt“, maulte Benno. „Ich war den ganzen Abend mit den Kameraden zusammen. Die können Sie ruhig fragen. Die bestätigen das.“
„Das glaube ich gern. In Ihren Kreisen hält man zusammen, nicht wahr?“
„Mein Gott, Robert!“ ermahnte Victoria ihren Kollegen gereizt. Nur weil er etwas gegen Nazis, wie immer sie sich auch bezeichneten, hatte, konnte er doch nicht seine Professionalität vergessen.
Robert wusste selbst, dass er emotional auf diesen Jungen reagierte, und er wusste, dass sein Verhalten Victoria auf die Palme bringen musste. Aber er konnte nicht anders. Er hätte diese schwarzgekleidete Bohnenstange mit Wonne vertrimmen können. Der Junge schien sich trotz seiner zwanzig Lebensjahre noch irgendwo in der Pubertät zu befinden, maulte, ätzte vor sich hin, grämte sich und suhlte sich in Selbstmitleid. Alles war ungerecht, alle waren gegen ihn – und er selbst konnte als unschuldiges Opfer von allem und jedem für nichts. Dabei hatten sich lediglich seine Eltern scheiden lassen, als er drei war. Das passierte heutzutage Millionen von Kindern, ohne dass sie in die rechtsradikale Szene abrutschten.
Angestrengt fixierte Robert das über der Couch hängende Logo – ein Kreis mit zwei schwarzen Fahnen ­, während sich Victoria nach einem Blick auf ihn allein weiter abmühte.
„Herr Frommer, Sie waren also von wann bis wann im Roten Hahn?“
„Von so gegen sieben bis so gegen elf, würde ich sagen.“
„Können Sie uns Namen von Zeugen nennen, die Ihre Aussage bestätigen?“
„Na ja, Kalle war da, Adi, Fritze, Bernie.“
„Haben die Herren auch Nachnamen?“
Er nannte sie widerwillig.
„Gut, Herr Frommer, wir überprüfen das natürlich. Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?“
„Ich bin politisch tätig.“
„Aha. Und wovon leben Sie?“
„Hartz IV.“
Es klang mürrisch, und Victoria verstand ihn zumindest ansatzweise. Allzu üppig war das wahrlich nicht. Vielleicht wohnte er auch deshalb noch bei der Mutter, die ihnen vorhin mit sorgenvollem Gesicht die Tür geöffnet hatte.
„Eine Ausbildung, eine Lehre ...“, versuchte sie es noch einmal.
„So etwas liegt mir nicht.“
Das glaubte Robert sofort. Der Junge steckte derart voller Frust und Wut, dass er bestimmt nicht imstande war, sich irgendwo einzufügen oder einen geraden, höflichen Satz herauszubringen. Er warf Victoria einen schnellen Blick zu. Sie machte ihre Sache – zumindest hier in diesem Fall – wirklich ganz akzeptabel. Sie wirkte nach wie vor ruhig und besonnen, obwohl es ihr bestimmt ebenfalls in den Fingern kribbelte.
„Lassen wir das also“, befand sie scheinbar gleichgültig, „und kommen wir zu dem Verhältnis zu Ihrem Vater. Frommer ist der Mädchenname Ihrer Mutter. Den haben Sie wann angenommen?“
Benno streckte das Kinn angriffslustig vor.
„Vor acht Jahren. Als ich anfing zu denken. Weil ich seitdem mit dem alten Arsch nichts mehr zu tun haben wollte.“
„Das Verhältnis zu Ihrem Vater war also nicht besonders gut?“, formulierte Victoria gezielt die Untertreibung des Jahres.
„So was wie ein Verhältnis existierte gar nicht. Er ist damals abgehauen und hat uns einfach sitzen lassen. So einfach ist das.“
„Aber er hat Ihre Mutter, Ihre Schwester und Sie immer finanziell unterstützt.“
Benno fing an, mit den Armen zu fuchteln.
„Das ist doch auch nur so ein Scheißkapitalistengequatsche. Mit Knete geht alles. Kaufst dich halt frei, wenn du keinen Bock mehr auf deine Leute hast, ey? Ich kann das nicht mehr hören! Das ist ganz beschissener Kapitalismus. Und den muss man genauso platt machen, wo immer man kann, wie das ganze beschissene System selbst, das dahinter steht.“
„Sehen das Ihre Mutter und Ihre Schwester genauso?“
Er winkte mit der ganzen Verachtung seiner zwanzigjährigen Männlichkeit ab.
„Weiber. Die raffen doch eh nichts. Die sind dem Schickler noch in den Hintern gekrochen. Sogar Kaffee hat sie für ihn gekocht, wenn er sich mal herabließ zu kommen, um mit mir zu reden, weil ich ja so ein Problemkind bin.“
„Die Gespräche zwischen Ihnen und Ihrem Vater hielten Sie also für nutzlos?“
Er zog den Rotz hoch. Und tat Robert just in diesem Moment das erste Mal wirklich leid. Der Junge wirkte, als befände er sich in einem selbstgezimmerten Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gab.
„Die waren doch total daneben, ey. Er hat sich hier hingehockt und sofort mit seinem liberalen Gewäsch angefangen, von wegen Bildung und jeder hat ’ne Chance, und die muss man nur nutzen, und er würde mir dabei auch helfen, ich müsste ihm nur sagen, was ich will.“ Er schluckte unauffällig. „Ich habe ihm dann erzählt, was wirklich Sache ist. Entweder man hat es im Blut, oder man hat es nicht. So sieht es aus. Und dass das ganze blöde Gesäusel von Bildung und Toleranz und Multikulti absoluter Megamist ist. Genau wie dieses ganze Resozialisierungsgelaber.“ Er sprach das Wort aus, als hätte er Rattengift im Mund. „Das ist doch nur was für schwule Warmduscher.“
Er lachte scheppernd auf.
„Mein Alter war ein Ober­Weichei. Der hätte auch einen Hamster resozialisiert, wenn der bei seinem Anblick nicht abgehauen wäre.“
Es war tragisch und atemberaubend zugleich. Benno Frommer outete sich als genau jener Straftätertyp, den sein Vater mit Milde behandelt, dem er eine zweite Chance gegeben und der sie auch dringend benötigt hätte, da er seine erste nicht genutzt hatte. Statt dies jedoch auch nur ansatzweise zu erkennen, klammerte sich der Junge an etwas, was ihm niemand nehmen konnte: seine Abstammung. Moral, Wissen, Können lagen ihm halt im Blut. War man „Arier“, besaß man das alles automatisch. War man es nicht, hatte man halt Pech und schlug sich minderwertig durchs Leben. So einfach war das. Damals wie heute.
Robert schüttelte es regelrecht vor Widerwillen. Victoria hingegen nahm Schicklers Sohn offenbar nicht so mit. Für sie war Benno Frommer ein ganz gewöhnlicher Zeuge und möglicher Täter. Vielleicht lag das auch am Altersunterschied, überlegte Robert. Er hatte immerhin rund zehn Jahre mehr auf dem Buckel als sie. Und die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus hatte seine Jugend und die Zeit des Erwachsenwerdens geprägt. Er hatte die Treu­Deutschen schon immer verabscheut: Ihre abwegigen Thesen fand er menschenverachtend und die schmerbäuchigen kleinwüchsigen Nazigrößen mit ihrem Herrenmenschenwahn aufgeblasen, lächerlich und abstoßend.
Nachdenklich blickte Robert auf Benno Frommer hinab, der ihn in seinen speckigen, schwarzen Klamotten irgendwie an eine heimatlose Beutelratte erinnerte. Fast hätte er gegrinst. Wenn der Junge schon auf ihn so wirkte, dann musste die stets adrette Victoria ihn für einen richtigen Schmierlappen halten. Und die Altnazis erst recht. Die hatten es doch mit der Manierlichkeit gerade bei jungen Menschen, so nach dem Motto: Das Zusammenschlagen von Schwarzen ist völlig in Ordnung, solange dabei nur die Fingernägel kurz und blütenrein bleiben.
Robert fand, dass es sich lohnen könnte, hier einmal nachzubohren.
„Sie nennen sich autonomer Nazi. Ist das richtig?“, begann er.
„Autonomer Nationalist!“, korrigierte ihn Benno augenblicklich. In seiner Stimme klang Abwehr mit.
„Auch gut“, wischte Robert ungeduldig den Einwurf beiseite, „Was ich wissen will, ist Folgendes: Sie sehen nicht aus wie ein klassischer Nazi, und wenn ich Sie richtig verstanden habe, benehmt ihr euch auch nicht so brav und bieder wie die Alten, oder?“
„Stimmt genau“, grinste Benno, schwankend zwischen Unsicherheit und Freude darüber, dass der Polizist ihm so aufmerksam zugehört hatte.
„Und wie finden die Alten das?“
„Beschissen!“ Der Junge jubelte das Wort geradezu heraus. „Die haben Muffe, weil w i r nicht bloß mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen durch die Straßen marschieren. Wir tun was. Wir sind alle vernetzt. Das geht schnell. Und wir wehren uns und zeigen es allen. Wir mischen die Szene ganz gehörig auf.“
„Wie überaus erfreulich“, murmelte Robert und erntete dafür einen verblüfften Blick Bennos, der offensichtlich nicht verstand, worauf die Bemerkung abzielte.
„Herr Frommer“, beendete Victoria entschlossen das Intermezzo, „fällt Ihnen noch irgendetwas ein, was uns weiterhelfen könnte?“
„Um Schicklers Mörder zu finden?“
„Ja.“
„Garantiert nicht. Ich bin doch heilfroh, dass das Schwein krepiert ist.“
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
5
Dateigröße
176 KB
Tags
1/--Seiten
melden