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1 Innsbruck: Bürgerliche Lebenskultur um 1900 Irmgard Plattner Wie

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1
Innsbruck: Bürgerliche Lebenskultur um 1900
Irmgard Plattner
Wie das Tagungsthema durch die gemeinsame Nennung der Begriffe „Stadt und Bürgertum“
bereits im Titel andeutet, handelt es sich bei dieser sprachlichen Paarung auch um eine
inhaltliche Kombination von großer Tragweite, um einen tiefgehenden Konnex von fast
symbiotischer Dimension. Denn das Bürgertum ist nicht denkbar ohne den örtlichen Rahmen
der Stadt, und vice versa ist städtisches Leben nicht denkbar ohne die Trägerschicht des
Bürgertums. Das städtische Passepartout bildet die Grundvoraussetzung für die Entwicklung
einer bürgerlichen Lebenskultur, und mehr: Es ist eine unabdingbare Voraussetzung, eine
conditio sine qua non. Das untersuchte städtische Ambiente ist das Innsbruck der
Jahrhundertwende, das ein prototypisches Beispiel für eine prosperierende Provinzstadt der
Habsburgermonarchie um 1900 darstellt. Deshalb scheint es zunächst sinnvoll, anhand
ausgewählter Parameter den Ordnungsrahmen dieser Stadt konkreter abzustecken und erst in
einem folgendem Abschnitt die sich darin entwickelnde bürgerliche Lebenskultur genauer
darzulegen.
Die Stadt als Ordnungsrahmen
Ein Blick auf die demographische Entwicklung weist Innsbruck um die Jahrhundertwende als
eine stark wachsende Stadt aus. Natürliche Bevölkerungsbewegung und Migration ließen die
Einwohnerzahl binnen eines Dezenniums beinahe verdoppeln. Nach den statistischen
Erhebungen lebten im Jahr 1900 28.866 Personen in Innsbruck, im Jahr 1910 bereits 53.194. 1
Bevölkerungswachstum von Innsbruck (in %) 2
Das Wachstum Innsbrucks
1881-1890
1891-1900
1901-1910
a
13,55
15,21
98
b
21,48
32,26
29,4
a = ohne Rücksicht auf Eingemeindungen
b = nach dem Umfang des Stadtgebietes von 1910
1
Der Vorgang der Eingemeindungen ist zu berücksichtigen. Gemeindelexikon der im Reichsrat vertretenen
Königreiche und Länder, Bd. 8, S. 2; Spezialrepertorium der österreichischen Länder, 1910, Bd. 8, Wien 1917,
S. 1; vgl. auch Statistische Monatsschrift, Bd. 39, Wien 1913, S. 212 f.
2
Ebd.
2
Altersstruktur und Geschlechtsverhältnis, Hauptdeterminanten des generativen, sozialen,
politischen und auch des Konsumverhaltens einer Gesellschaft, zeigen Innsbruck als eine Stadt
mit jugendlichem Image. Das Altersprofil hat die für die Bevölkerungsentwicklung optimale
graphische Form einer Pyramide, in der der Anteil der unter 30jährigen deutlich über der Hälfte
lag, nämlich bei 57,62%.3 Der Befund würde noch weitaus positiver ausfallen, wenn er nicht
durch zwei Faktoren stark beeinträchtigt worden wäre: einerseits durch eine weiterhin hohe
Säuglingssterblichkeit, andererseits durch die große Anzahl der an Tuberkulose Verstorbenen.
In Innsbruck lag in den Jahren 1910, 1911 und 1912 die Säuglingssterblichkeit bei 17,5% /
17,2% und 12,1%. 4 Übertragen auf die Bevölkerungspyramide ergibt sich daraus das
berührende Faktum, dass die Altersklasse von 0-5 Lebensjahre die meisten Sterbefälle aufwies,
nämlich 26%, gefolgt von der Altersklasse der 50-70 Jährigen mit 24,7%. 5 „Blasser Kinder
Todesreigen“ (Georg Trakl) bewahrheitete sich also immer noch.6 Neben der
Säuglingssterblichkeit war - wie schon erwähnt - die Tuberkulose ein weiteres Hemmnis in der
natürlichen Bevölkerungsentwicklung. Ihrer Bekämpfung widmete man zur Jahrhundertwende
große Aufmerksamkeit. Einige Zahlenbeispiele lassen auch hier die Dringlichkeit des Anliegens
verständlich werden: 1910 / 1911 / 1912 lag die Tuberkuloseziffer in Innsbruck bei 2,6 / 2,7
bzw. 2,1 (auf 1.000 Einwohner berechnet).7 Anders ausgedrückt bedeutet dies, dass in
Innsbruck z.B. im Jahr 1910 188 Menschen (= 18,1% der Verstorbenen) an Tuberkulose
starben.
Die quantitative Vergrößerung der Bevölkerung wurde von einer qualitativen Veränderung
begleitet. Zuwanderung und Binnenwanderung inklusive Eingemeindungen8 schufen
substantiell eine neue Innsbrucker Bevölkerung. 1910 waren nur noch 28,59% der Einwohner
auch in Innsbruck geboren, 35,64% in Tirol außerhalb von Innsbruck, 27,68% stammten aus
den österreichischen Ländern der Habsburgermonarchie und 8,09% kamen aus dem Ausland.9
hier Alterspyramide (Grafik!)
3
Österreichische Statistik, Ergebnisse der Volkszählung vom 31. Dez. 1910. Neue Folge, Bd. 1, Heft 3, Wien
1917.
4
Es können für einen exakten Vergleich nur die Jahre 1910/1911/1912 herangezogen werden, da in den
früheren Jahren in den Städten die Ortsfremden einbezogen worden sind und somit eine Verfälschung vor
allem in Städten mit Gebäranstalten wie Innsbruck eintrat. Vgl. Statistische Monatsschrift, Bd. 40, Wien 1914,
S. 209, 210.
5
Statistische Monatsschrift, Bd. 40, Wien 1914, S. 200 f.; Heimold Helczmanovski, Beiträge zur
Bevölkerungs- und Sozialgeschichte Österreichs, Wien 1973, S. 134, meint dazu: "1900 waren in den
Alpenländern 41% aller Verstorbenen unter 10 Jahren, 1910 immer noch 35%."
6
Georg Trakl, Dichtungen und Briefe, Bd. 1, Salzburg 21987, S. 219.
7
Statistische Monatsschrift, Bd. 40, Wien 1914, S. 224 f. und 229.
8
Hans Hochenegg, Rund um die Eingemeindung von Wilten im Jahr 1904, in: Tiroler Heimatblätter 49
(1974), S. 93 f., schreibt dazu: "Im Jahr 1904 wurde die Eingemeindung von Wilten und Pradl vollzogen. Die
bisher ungefähr 26.000 Einwohner zählende Landeshauptstadt vergrößerte sich um 13.000 Einwohner von
Wilten und 3000 Pradler auf 42.000 Personen." Die Festsetzung der vertraglichen Modalitäten erregte über die
Landesgrenzen hinweg Aufsehen, da es sich um die erste Eingemeindung in der Habsburgermonarchie
handelte, die von gewählten Mandataren durchgeführt worden war, sodass das sehr detailreiche und gut
ausformulierte Vertragswerk von anderen österreichischen Städten als Vorbild verwendet wurde.
9
Statistische Monatsschrift, Bd. 39, Wien 1913, S. 371.
3
Äußeres Kennzeichen für den Aufstieg Innsbrucks war das flächenmäßige Wachstum der
Stadt. Das Stadtgebiet vergrößerte sich [flächenmäßig] von 3,1 km2 (1890) auf 14 km2 (1910)
- ohne Berücksichtigung der optischen Täuschung durch die Eingemeindungen. Die
Bevölkerungsdichte sank dabei von 8.753 Einwohner/km2 (1900) auf 3.908 (1910).10 Unter
Einschluss der erst viel später eingemeindeten Gebiete Hötting und Mühlau betrug die
Gesamtfläche sogar 68,62 km2, die städtisch bewohnte Fläche hingegen (d. h. Häuser, Höfe,
Werkplätze, Gärten, Straßen, Plätze und Parks) nur 4,7 km2.11 Innsbruck blieb also trotz
Expansion und Wachstum das, was man heute eine „grüne Stadt“ nennen würde. Weite,
einladende Wiesen und Felder umrahmen die Stadt auf Postkartenansichten der
Jahrhundertwende und lassen eine bukolische Idylle vor Augen treten.12
Die Lebensqualität war hoch, und die Wohnverhältnisse waren [weglassen] gut, vor allem in
Relation zu den Großstädten Wien oder München. Einige Zahlenbeispiele können dies
verdeutlichen: In Innsbruck lebten in einem Haus durchschnittlich 26 Personen, in Wien 48.13
In Innsbruck kamen auf einen Bewohner durchschnittlich 75,52 m2 Haus- und Hoffläche, in
Wien nur 15 m2.14 Die meisten Wohnungen in Innsbruck, nämlich 86,4%, befanden sich in
Stockwerken, nur 0,47% in Kellern und 0,1% unter dem Dach. 15 Die Trennung von Wohnund Arbeitsplatz war so gut wie vollzogen: Über 90% der Mieteinheiten wurden nur zum
Wohnen benützt.16 Ein Vierpersonen-Haushalt war gängig, exakt kamen auf eine Wohnpartei
4,64 Personen, und die Anzahl der Häuser wuchs mit 34,7% Zunahme etwas schneller als die
Bevölkerung mit 31,8%.17 Innsbruck konnte (aber) bei all diesen Positiva auch noch mit einem
Spitzenwert aufwarten: Die durchschnittliche Größe einer Wohnung betrug fünf Räume; damit
hatte Innsbruck die größten Wohnungen unter den Städten der im Reichsrat vertretenen
Länder.18 Die blank geputzte Oberseite der Medaille hatte aber auch eine unansehnliche
Kehrseite. Nach genauerer Analyse der Wohnparteien müssen diese fast paradiesisch
anmutenden Verhältnisse (aber) relativiert werden. Die in der heutigen Zeit gängige Gleichung
eine Wohnung = eine Familie war zur Jahrhundertwende bei weitem nicht Usus. Von je 100
Wohnparteien bestanden im Jahr 1900 in Innsbruck nur 42,7% ausschließlich aus
10
Birgit Bolognese-Leuchtenmüller, Bevölkerungsentwicklung und Berufsstruktur, Gesundheits- und
Fürsorgewesen in Österreich 1750-1918 (Materialien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte 1), Wien 1950, S.
216.
11
Innsbruck nahm entsprechend der Größe der bewohnten Fläche den 13. Rang der 50 städtischen Wohnplätze
Österreichs ein. Vgl. Statistische Monatsschrift, Bd. 40, Wien 1914, S. 420.
12
Siehe auch Elisabeth Dietrich (Hg.), Stadt im Gebirge. Leben und Umwelt in Innsbruck im 19. Jahrhundert,
Innsbruck 1996.
13
Statistische Monatsschrift, Bd. 40, Wien 1914, S. 420.
14
Österreichisches Städtebuch, Bd. 5, Wien 1893, S. 21.
15
Österreichische Statistik, Ergebnisse der Volkszählung 1900, Bd. 65, Heft 2, Wien 1904, S. 28.
16
In Innsbruck wurden von je 100 Miteinheiten benutzt: zum Wohnen und Geschäft 4,7 (1890) und 6,5 (1900);
nur zum Wohnen 94,9 (1890) und 91,8 (1900). Ebd., S. 19.
17
Österreichisches Städtebuch, Bd. 5, Wien 1893, S. 29; Österreichische Statistik, Ergebnisse der
Volkszählung 1900, Bd. 65, Heft 2, Wien 1904, S. 7.
18
Ebd., S. 28.
4
Familienangehörigen, 18,2% waren mit Aftermietern und 12,7% mit Bettgehern besetzt,
28,3% hatten Dienstboten und 5,2% landwirtschaftliches oder gewerbliches Gesinde. 19 Diese
Verteilung von Wohnraum macht die soziale Diskrepanz zwischen den Klassen offensichtlich:
Auf der einen Seite die reichen, bürgerlichen Haushalte, die mit mindestens einem
Dienstmädchen ausgestattet waren,20 auf der anderen Seite die armen Arbeiterwohnungen, die
ohne die Aufnahme von Aftermietern oder Bettgehern, die - wie der Name schon sagt - nur
den Anspruch auf ein Bett, oftmals auch nur auf eine Betthälfte hatten, das Budget einer
Arbeiterfamilie bei weitem überstiegen hätten.
Ein kurzer Blick auf die Berufsverhältnisse in Innsbruck lässt den oft zitierten Stadt-LandGegensatz erkennen und in seinen vielfältigen Dimensionen erahnen. Der Berufszugehörigkeit
nach waren 1,06% in der Land- und Forstwirtschaft, 27,83% in Industrie und Gewerbe,
30,46% im Handel und Verkehr und 40,65% im Sektor D21 für das Jahr 1910 registriert
worden.22 Der Überhang im öffentlichen Dienst ergab sich aus der Funktion Innsbrucks als
Landeshauptstadt mit den jeweiligen Verwaltungseinrichtungen des Landes und des Bezirkes,
als Schul- und Universitätszentrum und als zentrale Kommandostelle des Militärs. Der Sektor
Handel und Verkehr erwies sich als der ausbaufähigste und erhöhte sich von 22,71% des
Jahres 1890 auf (eben) besagte 30,46%.23 Ansonsten blieben die Verhältnisse relativ konstant.
Der geringe Anteil von „Ackerbürgern“ steht im Gleichklang mit dem anwachsenden
Urbanisierungsgrad der Stadt.
Hier Berufsfelder (Grafik)
Diese Entwicklung wurde auch durch zahlreiche Bestrebungen auf dem Bildungssektor
unterstützt. Der hohe Stellenwert, den man der Bildung beimaß, hatte sich aus der bürgerlichen
Bildungsrevolution des 19. Jahrhunderts entwickelt, in der einerseits der Bildungsstatus zu
einem Kriterium für sozialen Aufstieg oder Differenzierung nach unten wurde, andererseits der
Glaube an die Allmacht der Bildung, daran, dass Bildung frei macht, dass sie dem Talent, der
Begabung, der Tüchtigkeit und der Leistung gleiche Chancen gibt, vorherrschte. Dies
bewirkte, dass die Bildung oft in der Dimension einer Ersatzreligion verehrt wurde.24 Auch in
Innsbruck wurde diesem allgemeinen Bildungsbedürfnis Rechnung getragen, indem - nebst der
19
Ebd., S. 36. Die Übertretung der 100%-Marke ergibt sich dadurch, dass Wohnparteien sowohl Aftermieter
als auch Bettgeher beherbergten bzw. sowohl Dienstboten als auch Gesinde.
20
Auf je eine Wohnpartei entfielen 3,4 Familienmitglieder und 1,4 Dienstboten. Ebd.
21
Der Sektor D beinhaltete folgende sehr unterschiedliche Kategorien: Aktives Militär, Hof-, Staats- und
öffentlicher Dienst, Unterricht/ Bildung, sonstige freie Berufe, Rentner/ Unterstützte, Anstaltsinsassen/
Berufsvorbereitung, ohne Berufsangabe/Berufslose.
22
Österreichisches Städtebuch, Bd. 6, Wien 1895, S. 20-23; Berufszugehörigkeit nach Hauptberufsklassen in
Innsbruck (Angaben in %): A 1,04 (1890) und 1,06 (1900); B 33,1 (1890) und 27,83 (1900); C 22,71 (1890)
und 30,46 (1900); D 43,13 (1890) und 40,65 (1900). Vgl. Österreichische Statistik, Berufsstatistik nach den
Ergebnissen der Volkszählung vom 31. Dez. 1910. Neue Folge, Bd. 3, Heft 7, Wien 1916, S. 2-6.
23
Ebd.
24
Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 21984, S. 403.
5
Verbesserung des Schulwesens - eine Reihe von Bildungsvereinen begründet und öffentlich
zugängliche Vortragsreihen initiiert wurden. Zu nennen sind hier die populärwissenschaftlichen
und volkstümlichen Vorträge der Universität, die Freie Akademische Lese- und Redehalle,
sowie das katholische Pendant, die Erste Tiroler Lesehalle und Bücherei, die Freie
Volksbibliothek des Volkswirtschaftlichen Vereins, das Lesezimmer des
Gewerbeförderungsinstituts, das Urania-Theater und die zahlreichen kleinen
Vereinsbibliotheken, die in jedem Jahresbericht rühmliche Erwähnung fanden.25
Bei diesem Bildungsenthusiasmus ist es nicht verwunderlich, dass der Statistik nach die
Innsbrucker gebildeter als die Tiroler anderswo, und die Tiroler insgesamt gebildeter als die
Wiener waren. Die Analphabetenrate lag 1910 in Innsbruck bei 1,25% und in Wien bei 2,56%.
Dieses Ergebnis ist in Relation zum österreichischen Durchschnitt mit 16,52% als beinahe
sensationell, in Relation zu den Alpenländern mit 3,87% als überdurchschnittlich und in
Relation zum Nachbarland Vorarlberg mit 0,81% als verbesserungswürdig zu beurteilen.26 Die
Gründe für den hohen Bildungsgrad sind in dem gut entwickelten, flächendeckenden und breit
gefächerten Schulsystem zu suchen. In Tirol gab es 1910 insgesamt 1.589 Unterrichtsanstalten,
die von 171.707 Schülern und Schülerinnen besucht wurden: zehn Gymnasien, von denen
sechs in geistlicher Hand waren und vier unter weltlicher Leitung standen, eine
Landesuniversität in Innsbruck, zahlreiche fachspezifische und berufsorientierte Schulen und
1.302 Volks- und Bürgerschulen. 27 Die durchschnittliche Klassengröße betrug bereits 1858 nur
28 Schüler. In Wien saßen 100-150 Kinder in einer Klasse.28
„A giant step forward“ gab es vor allem auf dem Sektor der Frauenbildung. Der perpetuierende
Ruf der Frauen nach einer Erweiterung der Bildungspalette und nach einer Öffnung der ihnen
verschlossenen Bildungswege blieb nicht ohne Widerhall. Die Jahrhundertwende wird in Tirol
mit der für die Provinz oft typischen Verzögerung die Zeit der Schulreformen.
Der Auftakt zu diesem Prozess wurde in der Gemeinderatssitzung vom 6. November 1894
gemacht, in der die Schulfrage auf der Tagesordnung stand, allerdings überschattet von
politischen Auseinandersetzungen und konfessionellen Querelen und unter den Vorzeichen
eines neuerlichen Aufflammens des schon für beendet erklärten Kulturkampfes. Auf Antrag des
Gemeinderates Fleckinger und trotz schärfster Erwiderung von Seiten der klerikalen
Abgeordneten, ihnen voran Univ.-Prof. Josef Hirn, wurde der Beschluss zur Errichtung einer
fünfklassigen Mädchenvolksschule, dreiklassigen Mädchenbürgerschule und einer dreiklassigen
Höheren Töchterschule gefasst.29 Ein starker und effektiver Widerstand formierte sich. Am 6.
November 1894 überreichte der Kaufmann Alois Lindner eine Petition mit über 500
gesammelten Unterschriften (ca. ein Drittel der damals Wahlberechtigten) dem Tiroler
25
Innsbrucker Nachrichten, 27.2.1902, 26.10.1903, 11.11.1905, 9.12.1908 und 14.6.1910.
Statistische Monatsschrift, Bd. 39, Wien 1913, S. 803; ebd., Bd. 40, Wien 1914, S. 591.
27
Österreichische Statistik, Statistik der Unterrichtsanstalten 1909/1910. Neue Folge, Bd. 7, Heft 3, Wien
1913, S. 310-312.
28
Adam Wandruszka/Peter Urbanitsch (Hg.), Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. 3, Wien 1980, S. 74.
29
Neue Tiroler Stimmen, 7.11.1894.
26
6
Landesausschuss und verlangte den Rekurs des Gemeinderatsbeschlusses, dem wegen der
gesetzlich vorgeschriebenen, aber fehlenden Absprache mit dem Landesschulrat und dem
Landtag stattgegeben wurde. Kritikpunkte waren der angeblich nicht vorhandene Bedarf an der
Schule und die zu großen Kosten und Belastungen für das Gemeindebudget.30 Die Stadt
Innsbruck aber gab sich noch nicht geschlagen, erklärte den Beschluss für null und nichtig,
meldete ihrerseits Rekurs an und begann in der Zwischenzeit mit dem Bau der Schule. Ob nun
durch die Einsicht der zuständigen Behörden oder unter dem Druck des schon existierenden
Schulgebäudes - 1898 wurde die Mädchenschule in der Sillgasse eröffnet und der erste Schritt
in Richtung eines größeren Bildungsangebotes getan.31
Die weitere Frauen-Bildungspolitik war gekennzeichnet durch einen forcierten Ausbau der
mittleren Bildungsebene. 1905 erfuhr der Handelskurs für Mädchen eine Aufwertung, indem er
durch die neue Verbindung von kaufmännischem Wissen und allgemeiner Bildung und durch
eine Aufstockung auf zwei Lehrgänge zur Handelsschule ausgebaut wurde. Für das Schuljahr
1906/07 öffnete erstmals die Mädchenbürgerschule, eine private, von der Sparkasse geförderte
Institution, in der Fallmerayerstraße ihre Tore. Sie war als eine dreiklassige Weiterbildung nach
der fünfjährigen Volksschule konzipiert mit der Zielsetzung, entweder „unmittelbar ins
praktische Leben zu führen“ oder als Bindeglied zwischen Volksschule und einer höheren
beruflichen Lehranstalt zu fungieren.32Am 18. Mai 1910 fand im Ratssaal der Handelskammer
eine Sitzung von Vertretern der k. k. Statthalterei, der Kammer und der Stadt Innsbruck statt,
die zu dem Beschluss führte, für die 90 bis 100 schulpflichtigen Lehrmädchen eine zweiklassige
gewerbliche Mädchen-Fortbildungsschule in Innsbruck zu errichten.33
Insgesamt also drei bedeutende Schritte zu einer verbesserten berufsorientierten Ausbildung.
Trotz - oder besser gesagt - neben all diesen Aktivitäten und Maßnahmen blieb weiterhin der
unerfüllte Wunsch nach einer allgemeinen höheren Schulbildung existent und verstärkte sich
noch durch die ersten Erfolge auf universitärer Ebene.
Am 14. November 1907 legte Elise Vonmetz die erste Lehrbefähigungsprüfung für
Mädchenlyzeen an der Universität Innsbruck ab,34 und noch im selben Jahr erlangte erstmals
eine Frau an der Universität Innsbruck einen akademischen Grad. Am 9. Dezember 1907
promovierte Adelheid Schneller, die Tochter des Landesschuldirektors und Dichters Christian
Schneller, in einem feierlichen und symbolträchtigen Akt und unter großer Anteilnahme der
Innsbrucker Gesellschaft zum Doktor der Philosophie.35
30
Ebd., 16.2.1895.
Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 5.1.1895. Stadtarchiv Innsbruck (StAI); Helmut Engelbrecht,
Geschichte des österreichischen Bildungswesen, Bd. 4, Wien 1986, S. 284.
32
Innsbrucker Nachrichten, 14.7.1906.
33
Protokoll der 2. Sitzung am 26.4.1910, Verhandlungen der Handels- und Gewerbekammer Innsbruck. Archiv
der Handelskammer Innsbruck; Innsbrucker Nachrichten, 13.7.1910.
34
Innsbrucker Nachrichten, 25.11.1907.
35
Ebd., 10.12.1907; Maria Streibl, Frauenstudium in Österreich vor 1945. Dargestellt am Beispiel der
Innsbrucker Studentinnen, phil. Diss. Innsbruck 1985, S. 87. Die zweite Promotion einer Frau war erst 1915.
31
7
Unter solch günstigen Vorzeichen wuchs der Druck auf die Behörden, die schon längst fällige
und nötige Schulreform auf dem mittleren Bildungssektor durchzuführen und das fehlende
Bindeglied zwischen Universität und Grundschule zu installieren, also den damals für Mädchen
gängigen Typus des Realgymnasiums einzuführen.36 Am 18. Juni 1910 traf der Gemeinderat
der Stadt Innsbruck nach langjähriger Verzögerungstaktik die Entscheidung, für das Schuljahr
1910/11 ein Mädchenrealgymnasium vom Typ A, d. h. mit Latein grundständig, und unter
Auflösung der ersten Klassen der Höheren Töchterschule zu eröffnen,37 und am 23. Juni 1910
erfolgte die Eingabe an das Ministerium um Zuerkennung des Öffentlichkeitsrechtes.38 Damit
hatte die Stadt Innsbruck ein durchgehendes und lückenloses Ausbildungssystem von der
Volksschule bis zur Universität geschaffen und dem weiblichen Bevölkerungsteil des Landes
einen leichteren Zugang zur höheren Bildung ermöglicht.
Wesentlichen Anteil an dieser Bildungspolitik und den prinzipiellen Urbanisierungs- und
Modernisierungsinitiativen hatte zusammen mit dem honorigen Gemeinderat der schon zu
Lebzeiten zur Institution gewordene Bürgermeister Wilhelm Greil (Amtszeit von 1896 bis
1923). Er gilt als der Wegbereiter des modernen Innsbruck, und Modernität bedeutete in
diesem Zusammenhang primär technischer Fortschritt: 1897 gab die Stadt die Errichtung eines
großen Elektrizitätswerkes an der Sill in Auftrag, am 7. Oktober 1903 kam es zur feierlichen
Eröffnung eines der größten Wasserkraft-Elektrizitätswerke Europas. 1905 wurde die Stadt
Eigentümer des Gaswerkes und ließ es umbauen und vergrößern, sodass bis ins Jahr 1914 das
Fassungsvolumen der Gasbehälter auf 16.500 m3 gesteigert werden konnte. 1890 wurden zur
öffentlichen Beleuchtung der Stadt die damals gängigen Auer-Gaslampen von den ersten
elektrischen Bogenlampen in der Maria-Theresien-Straße abgelöst. Der Ausbau des lokalen
Verkehrsnetzes schritt zügig voran. Der Anfang war gesetzt worden mit der Lokalbahn
Innsbruck-Hall, 1899 folgte die Strecke vom Bergisel nach Igls, und am 1. August 1904 wurde
die Stubaitalbahn eröffnet. 39
Eine Politik, die die Installierung einer modernen Infrastruktur betrieb, die Innsbruck einen
Hauch von großstädtischem Ambiente verlieh und die Signale setzte, den Anschluss an die sich
modernisierende Außenwelt nicht versäumt zu haben, konnte in einer Zeit der
Aufbruchsstimmung und des Fortschrittsoptimismus, in der die Stadtillumination zu Ehren
Kaiser Franz Josephs 1909 die Bevölkerung zu andächtigem Staunen oder
Begeisterungsstürmen hinriss,40 mit der breiten Zustimmung der bürgerlichen Kreise rechnen.
36
Innsbrucker Nachrichten, 10.4.1906. Diese Nummer der Innsbrucker Nachrichten inkludiert eine
ausführliche Darlegung über die Zulassung von Frauen zur philosophischen Fakultät.
37
Die Zeitung sprach sich sehr positiv über das neue städtische Mädchengymnasium mit grundständig Latein
aus und erklärten alle Befürchtungen bezüglich der Anforderungen und Schwierigkeiten für nichtig, da "die
Methode, was sich wohl von selbst ergeben wird, dem weiblichen Auffassungsvermögen angepaßt wird". Ebd.,
25.6.1910.
38
Amtsblatt der Stadt Innsbruck 1950/XII/5 (Schulgeschichte). StAI.
39
Alle wichtigen Daten zur technischen Modernisierung der Stadt in: Statistisches Handbuch der Stadt
Innsbruck mit statistischen Daten bis 1946, Innsbruck 1950, S. 209-216.
40
"Schon gestern (bei der Probeillumination) herrschte an gewissen Verkehrsknotenpunkten geradezu
lebensgefährliches Gedränge. Ganz Innsbruck, Alt und Jung, war auf den Beinen und durchflutete in
8
Und die Stadt konnte sich die Innovationen und die Modernisierung auch leisten. Die
Finanzlage war günstig, wenn nicht sensationell. Die Geschäftstüchtigkeit der Honoratioren
aus Gewerbe und Handel, die den Gemeinderat beherrschten, war unübersehbar. Die
Haushaltsführung des Jahres 1890 wies folgende Resultate auf: 1.252.218 Gulden Ausgaben
standen bei auffallend geringen Verwaltungskosten und hohem Besitzstand 1.110.890 Gulden
Einnahmen gegenüber.41 Die „schließlichen Cassareste“ beliefen sich auf sage und schreibe
2.081.092 Gulden, d.h. Innsbruck war im Bezug auf das Barguthaben eine der reichsten Städte
der Habsburgermonarchie und sogar wohlhabender als die Hauptstadt Wien.42
Innsbruck befand sich also auf dem Weg zu einer modernen Stadt, und so sah sich auch die
Stadt selbst am liebsten. Bei einem „Wahlaufruf an die deutschen Volksgenossen“ 1910 warben
die deutschfreiheitlichen Gemeinderäte und die zur Wahl neu vorgeschlagenen Kandidaten für
sich mit der eigenen Vergangenheit wie folgt: „Wer den ungeahnten Aufschwung unserer
Stadt mit unbefangenem Blick verfolgt hat, muss zugeben, dass sich Innsbruck aus einer
kleinen Provinzstadt innerhalb eines Jahrzehntes zu einer bewunderten Landeshauptstadt
empor entwickelt hat.“43 Auch das Ausland registrierte die Veränderungen positiv und
honorierte sie in gebührender Weise, indem man sich gerne zu Kongressen in Innsbruck
einfand. Die Neuesten Münchner Nachrichten bemerkten bezüglich der Generalversammlung
des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins in Innsbruck 1907 anerkennend:
„Diejenigen, die heuer wieder dabei sein sollten, werden sich wundern, wie sehr sich die Stadt
entwickelt hat, wie sie nach allen Seiten sich dehnt und weitet und an Glanz und Schönheit
keiner weit in der Runde nachsteht.“44
Wenn man zur genaueren Differenzierung des Begriffs „Modernität“ den Wehler'schen Katalog
der deskriptiven Dichotomien von modern und traditionell heranzieht,45 so findet man unter der
Spalte „modern“ viele Bestimmungen, die auf die Entwicklung Innsbrucks um die
Jahrhundertwende zutreffen: Industrialisierung, Verstädterung, Mobilität, hoher
Organisationsgrad der Gesellschaft, politische Demokratisierung, Säkularisierung,
Alphabetisierung, Durchsetzung universalistischer Werte, hohe Lebenserwartung, um hier nur
die wichtigsten anzuführen, waren in verschiedenen Abstufungen als mehr oder weniger
ausgeprägte Determinanten vorhanden, weniger in der politischen Partizipation - Stadt und
Land weigerten sich standhaft bis zum Ende der Monarchie das allgemeine Wahlrecht
einzuführen - mehr, wenn nicht gar vollständig, z. B. bei der Alphabetisierung.46 Wenn man das
unaufhaltsamen Strömen alle Straßen und Plätze, vor allem den Bahnhofsplatz und die Maria-TheresienStraße, die mit 36.000 Glühkörpern und Scheinwerfern und einer Gesamtstärke von 150.000 Kerzen beleuchtet
waren." Innsbrucker Nachrichten, 26.8.1909.
41
Österreichisches Städtebuch, Bd. 7, Wien 1897, S. 28 f.
42
Ebd.
43
"Wahlaufruf an die deutschen Volksgenossen", 1910. Universitätsbibliothek Innsbruck (UBI), Karton
100.003 GI 1910.
44
Neueste Münchner Nachrichten zur Generalversammlung des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins
in Innsbruck 1907. Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum (TLM), FB 8042/1.
45
Hans-Ulrich Wehler, Modernisierungstheorie und Geschichte, Göttingen 1975, S. 14 f.
46
Vgl. Thomas Nipperdey, Nachdenken über die deutsche Geschichte, München 1986, S. 48-59.
9
von Ernst Hanisch verwendete Attribut „gebremst“ vor Modernisierung setzt,47 scheint damit
der Vorgang der Veränderungen am besten umschrieben zu sein. Denn obwohl Innsbruck für
sich allein genommen zur Jahrhundertwende einen Höhepunkt im Modernisierungsprozess
erlebte, kann in Relation zu Großstädten wie München oder Wien von einer akzelerierten,
temporeichen Modernisierung keine Rede sein.
Innsbruck befand sich um die Jahrhundertwende also in einem Entwicklungszustand der
„gebremsten Modernisierung“, der sich sehr vielfältig in den verschiedensten Lebensbereichen
artikulierte, an der Oberfläche als leicht verifizierbarer technischer Fortschritt, tiefer gehend in
einem gesellschaftlichen Umwälzungsprozess, abschließend symbolisiert in einem vielleicht
nebensächlichen Faktum, dass über 85% der Bewohner Innsbrucks nicht mehr zu Hause im
Familienverband, sondern in öffentlichen Anstalten verstarben.48 Auch die Anonymität des
Todes war modern.
Bürgerliche Lebenskultur
Bürgerlich war die dominierende Kulturform und Kulturpraxis in Innsbruck, ohne deren
städtisches Passepartout sie aber nicht lebens- und entwicklungsfähig gewesen wäre. Die Stadt
stellte die Rahmenbedingungen, den Freiraum und die Öffentlichkeit, die erst die Entfaltung
bürgerlicher Kultur möglich werden ließ. Gesellschaften und Vereine, Gymnasien und
Universitäten, Theater, Museen, Versammlungen, Feste, Zeitungen und Verlage, Kaffeehäuser
und Gaststätten mit den verschiedenen Stammtischen bildeten wesentliche Elemente der
bürgerlichen Kultur, die eben nur in einem städtischen Ambiente gegeben sind. Diese
institutionalisierte Lebenswelt war Transporteur eines normativen Wertesystems, das Bildung,
persönliche Leistung, Fortschrittsglaube, Tabuisierung von Sexualverhalten, Reisetätigkeit,
eine Familienform mit getrennter Kinder- und Erwachsenenwelt, Dienstbotenhaushalt usw. als
klare Richtlinien für einen bürgerlichen Lebensstil vorgab.
Träger der bürgerlichen Lebenskultur war – nomen est omen – das Bürgertum, aber nicht
ausschließlich. Die Honoratioren in der Gemeinde- und Landespolitik, die höheren Beamten
und Militärs, die Eliten der Wissenschaft und Wirtschaft, die freien Berufe, die Gruppe der
ausschließlich von Haus-, Grund- und Rentenbesitz Lebenden, sie zählten großteils zur
Oberschicht des Besitz- und Bildungsbürgertums und bildeten die Spitze einer Pyramide, die
sich in ihren Wert- und Idealvorstellungen nach unten fortsetzte. Bürgerliche Kultur umfasste
nicht nur die oberen Gesellschaftsschichten und war auch nicht kongruent mit dem Bürgertum
als sozialem Begriff, sondern verbreitete sich auch in das adelige Selbstverständnis und in die
47
Ernst Hanisch/Ulrike Fleischer, Im Schatten berühmter Zeiten. Salzburg in den Jahren Georg Trakls (18871914), Salzburg 1986, S. 21.
48
Innsbruck hatte mit 85,1% die höchste Zahl der in Anstalten Verstorbenen von den österreichischen Orten,
wo sich Heilanstalten befanden. Statistische Monatsschrift, Bd. 29, Wien 1903, S. 223.
10
Lebenswelt der Arbeiter.49 Die Partizipation an den bürgerlichen Leitbildern setzte aber eine
gewisse ökonomische Basis voraus, die, da die unteren Einkommensklassen der Arbeiter,
Lehrlinge, Taglöhner oder Dienstboten hier bei weitem nicht mithalten konnten, dem
bürgerlichen Selbstverständnis der Verbreitung und Vergesellschaftung der eigenen kulturellen
Werte und Verhaltensmuster eine logische Einschränkung auferlegte.
Ein wesentliches Merkmal der bürgerlichen Kultur war ihr öffentlicher Charakter in
Abgrenzung zur privaten Sphäre. In historischen Dimensionen gesehen ist Öffentlichkeit eine
neue und moderne Erscheinung der Geschichte. Der Terminus war Ende des 18. Jahrhunderts
noch völlig ungebräuchlich, jedenfalls in Deutschland und Österreich, folglich muss der Begriff
Öffentlichkeit in einem direkten Zusammenhang mit der Entwicklung der bürgerlichen
Gesellschaft stehen und ist nach Jürgen Habermas sogar ein spezifisches Kennzeichen von ihr.50
Als Frühformen und Vorläufer dieser Sphäre nennt er im politischen Bereich den Typus der
höfisch-aristokratischen Repräsentation von Herrschaft, auf wirtschaftlicher Ebene den Beginn
eines permanenten Waren- und Nachrichtenverkehrs mittels periodischer Messen, Börsen, Post
und Presse in der frühkapitalistischen Ära und auf literarischem Gebiet die Entstehung von
Literaturzeitschriften, Salons, Lesegesellschaften und die Einrichtung von Kaffeehäusern
während des 17. und 18. Jahrhunderts als erste Anzeichen eines räsonierenden Publikums. Die
Existenz einer bürgerlichen Öffentlichkeit im 19. Jahrhundert ist dementsprechend auch unter
dem Blickwinkel eines Jahrhunderte langen politischen und sozialen Strukturwandels von
Öffentlichkeit zu sehen.
Erst in der klaren Trennung zwischen privater und öffentlicher Sphäre, in der Entwicklung von
der Lebensform des „ganzen Hauses“ hin zur bürgerlichen Kleinfamilie konnte dieser neue
gesellschaftliche Freiraum entstehen, in dem sich eine Kultur etablierte, die eben nicht
aristokratischen Kreisen und anderen exklusiven Minderheiten vorbehalten war, sondern im
wahrsten Sinn des Wortes „öffentlich“ war. Die bedeutendsten Träger und Gestalter dieses neu
entstandenen Forums von Artikulationsmöglichkeiten wurden die Presse, die Vereine,
öffentliche Feiern und staatliche Institutionen, die in ihrer Funktion an die alten Frühformen
von öffentlicher Repräsentation denken lassen.51 In der Folge soll nur auf zwei Teilaspekte
näher eingegangen werden, nämlich das Vereinswesen und die Festveranstaltungen.
Die Entstehung des Vereinswesen steht in direktem Zusammenhang mit der Entstehung der
modernen bürgerlichen Gesellschaft. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die
ersten Vereine bzw. Assoziationen begründet, die sich zu den früheren sozialen
Organisationsformen der Korporationen dahingehend unterschieden, dass sie freie und nicht
obligatorische Zusammenschlüsse bildeten, dass sie unabhängig vom rechtlichen Status der
Mitglieder waren und diesen auch nicht veränderten und dass sie selbst bestimmte und in einer
gewissen Weise spezifizierte Zwecke verfolgten. Das Vereinswesen wurde zu einer die
49
Wolfgang Kaschuba, Deutsche Bürgerlichkeit nach 1800. Kultur als symbolische Praxis, in: Bürgertum im
19. Jahrhundert. Bd. 3, hrsg. v. Jürgen Kocka, München 1988, S. 17-20.
50
Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Darmstadt 161984, S. 15.
51
Ebd., S. 172 f. und 217 f.
11
sozialen Beziehungen der Menschen organisierenden und prägenden Macht. Sie wurde das
bedeutendste Forum zur Artikulation individueller Bedürfnisse und zur Bildung von
Interessensgemeinschaften. Thomas Nipperdey meint dazu: „Alle bürgerliche Aktivität
organisierte sich in Vereinen.“52 Die Kirche sowie später die Arbeiterschaft übernahmen das
Erfolgsrezept. Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam es einerseits zu einer immer größer
werdenden Spezialisierung der Vereine andererseits oder folglich zu einem wahren Boom an
Vereinsgründungen. Bezüglich der Anzahl von Vereinen sind im Amtskalender für Tirol und
Vorarlberg des Jahres 1908 für Innsbruck 593 Vereine und für ganz Tirol bei 2.000 Vereine
registriert. Zwischen 1900 und 1908 wurden allein in Innsbruck 171 neue Vereine begründet,
Tendenz weiterhin steigend. 53
Ein wesentliches Merkmal des Innsbrucker Vereinswesens war die Spaltung entlang
ideologischer und klassenspezifischer Kriterien. Die politische Trias der Jahrhundertwende
manifestierte sich auch in diesem Bereich. Es gab das sozialistische, das katholische und das
deutschfreiheitliche Vereinsmilieu. Innerhalb des eigenen Milieus hatte man zahlreiche
Kontakte und Verbindungen aufgebaut, jedoch außerhalb des Milieus wenige. Bei einem
Aufruf im Jahr 1909, den Verkauf von Streichhölzern der Schutzvereine obligatorisch
einzuführen, haben sich laut Innsbrucker Nachrichten alle nationalen Vereine solidarisch
erklärt und den Aufruf unterzeichnet. Das ergibt folgende Liste von Vereinen, die als national
eingestuft wurden: Deutscher Schulverein, Südmark, Volksbund, Athesia, die katholische
Studentenverbindung Austria, der Deutsch-österreichische Alpenverein, Akademischer Alpiner
Verein, Akademischer Gesangverein, Tiroler Bergsteigergesellschaft Alpler, die akademischen
Burschenschaften Brixa, Pappenheimer, Suevia, das akademische Korps Gothia, der
Eisenbahn-Sängerklub, der Tiroler Gewerbeverein, Deutschvölkischer Arbeiterverband
Germania, Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband, Kaufmännischer Verein, Liedertafel,
Allgemeiner Tiroler Lehrerverein, Deutscher Männergesangverein, Innsbrucker Turnverein,
Deutscher Turnverein, Turnverein Jahn Wilten, Turnverein Friesen, Österreichischer
Touristenclub, Tiroler Radfahrerverband, Akademische katholische Studentenverbindung
Tirolia, Deutschvölkischer Radfahrerverein Urda, Deutscher Volksverein, Tiroler
Volkstrachten Erhaltungs- und Schuhplattlerverein. Dass katholische Studentenverbindungen
oder der Österreichische Touristenclub in dieser Auflistung genannt werden, ist Indiz für die
weit verbreitete nationale Gesinnung auch im konservativen und katholischen Vereinsmilieu.54
Zu den Hauptträgern des katholischen Vereinswesen zählten nach dem Amtskalender von 1908
folgende Vereine: Die katholischen Studentenverbindungen Austria, Leopoldina, Tirolia,
Rhenania und Vindelicia, der Landes- und Frauen-Hilfsverein vom Roten Kreuz, der
St.Vinzenz-Verein, der katholische Gesellenverein, der katholische Arbeiterverein, der
Zweigverein der Leo-Gesellschaft in Wien für Tirol und Vorarlberg, der Akademische
52
Thomas Nipperdey, Gesellschaft, Kultur, Theorie, Göttingen 1976, S. 175.
Amtskalender für Tirol und Vorarlberg, Jg. VI. (1908), S. 347-350.
54
Innsbrucker Nachrichten, 31.12.1909.
53
12
Leoverein, der Herz-Jesu-Verein zum Bau der neuen Herz-Jesu-Kirche in Innsbruck, der
deutsch-tirolische Verband der katholischen Arbeitervereinigungen, der Hilfsverein zum Wohle
der männlichen Arbeitsjugend, der Christliche Frauenbund, der Verein zum Schutz und zur
Fortbildung jugendlicher Arbeiterinnen, der katholische Jugendbund, der christlichsoziale
Arbeiterbund, das Arbeiterheim, der katholische Jünglingsverein, die Erste Tiroler Lesehalle
und Bücherei, der katholische Verein der Kinderfreunde, der Peter-Mayr-Bund, der Piusverein
zur Förderung der katholischen Presse in Österreich, der katholische Schulverein, die St. Lukas
Gilde (katholischer Künstlerverein) u. a. 55
Das sozialdemokratische Vereinsmilieu umfasste um die Jahrhundertwende folgende Vereine:
den Sängerbund Eintracht, den Gesangsverein Typographia, den Turnverein Karl Marx, den
alpinen Verein Naturfreunde, den Radfahrerverein Lassalle, den Verein Arbeiterheim und den
Fortbildungsverein für die Frauen und Mädchen Innsbrucks.56
hier Vereinsvielfalt (Grafik)
Aufgrund der so großen Vielfalt am Vereinssektor können hier exemplarisch nur einige wenige
Vereine näher vorgeführt werden, deren Auswahl nach den Kriterien Größe und Bedeutung
erfolgte. Ohne Zweifel muss deshalb auf die um die Jahrhundertwende äußerst populäre
Turnbewegung genauer eingegangen werden.
Die deutschen Turnvereine sind neben den Burschenschaften die ältesten Assoziationen, die
deutschnationales Gedankengut verbreiteten. 1811 wurde von Ludwig Jahn die Berliner
Turngesellschaft als erste öffentliche Assoziierung mit politischer Tendenz begründet und
damit das Fundament für ein weit verzweigtes Organisationsnetz gelegt, in dem erst ab den
1860er Jahren die Turnvereine aus Deutsch-Österreich als integrierte Bestandteile der
deutschen Nationalbewegung präsent waren und erstmals an den großen Nationalfeiern
teilnahmen.57 In dieser Zeit begann auch in Tirol nach einem ersten kurzen Intermezzo der
Jahre 1849/50, in denen der Innsbrucker Turnverein nach einem einjährigen Bestehen von der
k. k. Statthalterei wieder aufgelöst worden war, eine kontinuierliche Entwicklung der
Turnbewegung. Die Satzungen des Innsbrucker Turnvereins waren 1864 noch sehr allgemein
und ohne ideologische Färbung gehalten:
„Der Zweck des Turnvereins ist die Stärkung und Ausbildung des Körpers durch
gemeinschaftliche Turnübungen, Hebung des Turnwesens und Belebung des Gemeingeistes
unter den Turnern durch geselligen Verkehr. [...] Als Mitglied des Turnvereins kann
55
Amtskalender für Tirol und Vorarlberg, Jg. VI. (1908) S. 347-350.
Ebd.
57
Dieter Düding, Die deutsche Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts als Vereinsbewegung, in: GWU 42
(1991), S. 623; auch Wolfgang Weber, Von Jahn zu Hitler. Politik und Organisationsgeschichte des deutschen
Turnens in Vorarlberg 1847-1938 (Forschungen zur Geschichte Vorarlbergs, N. F. 1), Konstanz 1995.
56
13
jedermann aufgenommen werden, der das 18. Lebensjahr zurückgelegt hat und eines
unbescholtenen Rufes genießt.“58
Im Vergleich dazu das Grundgesetz des Innsbrucker Turnvereins von 1898:
„Der Zweck des Vereines ist, das deutsche Turnen zu pflegen und zu verbreiten, insbesondere
aber, seine Mitglieder durch gemeinschaftliche Turnübungen körperlich und sittlich zu
kräftigen und das deutsche Volksbewußtsein zu fördern. [...] Als Mitglied des Vereines kann
jeder aufgenommen werden, welcher das 18. Lebensjahr überschritten hat, unbescholtenen
Rufes, sowie arischer Abstammung ist und welcher sich als Angehöriger des deutschen Volkes
erklärt.“59
Die Situation hatte sich also um die Jahrhundertwende bereits wesentlich geändert und die
Frage nach dem Deutschtum bzw. nach dem besseren und besten Deutschtum wurde zu einem
bestimmenden Faktor für die Turnbewegung mit den Konsequenzen der Spaltungen und
Abspaltungen sowie eines zunächst vehement geführten verbalen Schlagabtausches zwischen
gemäßigteren und radikalen Turnern, der in eine allgemeine Radikalisierung einmündete.
Konkret ging es um die Einführung des Arierparagraphen und um das so genannte
„Schönerianertum“.
1893 wurde, „um die deutsche Turnsache aus dem damaligen völkischen Tiefstande
herauszuholen und durchdrungen von der Liebe zu ihrem Stammvolke, von wirklicher
Geistesfreiheit und germanischer Weltanschauung“, 60 in Innsbruck als Konkurrenzunternehmen
zum Innsbrucker Turnverein der Deutsche Turnverein begründet, der sich dem Deutschen
Turnerbund anschloss und sich damit auf die Grundlage eines radikalen rassisch bestimmten
Deutschtums und der Ideologie eines Georg Ritter v. Schönerer stellte. Im Originalton lesen
sich seine Zielsetzungen wie folgt:
„Der Zweck des Vereines ist die Pflege und Verbreitung des deutschen Turnens als Mittel zur
Erhöhung der Mannhaftigkeit, allgemeinen Tüchtigkeit und des Nationalgefühls im deutschen
Volke und hiermit Aneiferung, Gelegenheit und Anleitung zur körperlichen Ausbildung. [...]
Mitglieder können nur Deutsche (arischer Abkunft) sein.“61
Dieses offene Bekenntnis zu einem deutschvölkischen Turnwesen bildete auch den Anstoß zu
einer klareren ideologischen Positionierung der Vereine der Deutschen Turnerschaft. 1898
beschloss, wie oben erwähnt, der Innsbrucker Turnverein die Einführung des
Arierparagraphen, und auf Landesebene wurde der erste Gautag des neu gegründeten
deutschvölkischen Turngaus begangen. Ein Jahr später wurde in Wiener Neustadt der
grundlegende Beschluss zur Schaffung des ersten reindeutschen Kreises (= XV. Kreis)
innerhalb der deutschen Turnerschaft gefasst.62
58
Innsbrucker Turnverein, Grundgesetz 1864. UBI, Karton 100.001 Innsbruck T-U.
Innsbrucker Turnverein, Grundgesetz 1898. TLM, FB 40.934/1.
60
Festschrift 25 Jahre Deutscher Turnverein. UBI, Karton 100.001 Innsbruck T-U.
61
Deutscher Turnverein, Grundgesetz 1894. Ebd.
62
Denkschrift des Innsbrucker Turnvereins, Innsbruck 1903, S. 10.
59
14
Die Organisation des Turnens war in Innsbruck auf sechs Vereine verteilt: Den Innsbrucker
Turnverein, der mit Abstand der einflussreichste und auch wohlhabendste war, den Turnverein
Jahn in Wilten, der 1902 als Mitglied der deutschen Turnerschaft ins Leben gerufen worden
war, den Deutschen Turnverein, der sich seit seinem Gründungsjahr 1893 dem Turnen auf
schönerianischer Grundlage verpflichtet sah, sowie die 1911 begründete deutschvölkische
Turngemeinde Innsbruck, 63 die in ihren Zielvorstellungen mit dem Deutschen Turnverein
vergleichbar ist, und auf der ideologischen Gegenseite der Christlich-deutsche Turnverein und
der sozialdemokratische Turnverein Karl-Marx. Die angegebene Reihenfolge, deutsche
Turnvereine, christlicher Turnverein und sozialdemokratischer Turnverein ist zugleich eine
Antiklimax der Größe und des Einflusses.
Der Innsbrucker Turnverein war - wie schon erwähnt - der bedeutendste unter den
Turnvereinen. Die wesentlichen Gründe für seine Vormachtstellung waren folgende:
1. Er war der älteste. [Älteste?] 1864 wurde er - nomen est omen - von Franz Thurner
begründet und in einer ununterbrochenen Kontinuität weitergeführt.
2. Er hatte die besten Beziehungen zu den Innsbrucker Gemeindegremien. Das bedeutete
großzügige finanzielle Unterstützungen: 1880 Bau und Einweihung der Turnhalle in der
Fallmerayerstraße, 1901 servitutsrechtliche Absicherung der Benutzung der Turnhalle, 1908
Erwerbung der Turnhalle, 1910 Errichtung eines Waldspielplatzes am Natterer Boden.64
3. Den bürgerlichen Kreisen Innsbrucks entsprach seine ideologische Ausrichtung von einem
„gemäßigten“ deutschnationalen Kurs in Richtung einer so genannten deutschvölkischen
Bewegung.
Der Christlich-deutsche Turnverein ist 1908 begründet worden. In den Satzungen gab er sich
folgende Ziele: Die Ausübung und Förderung der deutschen Turnerei und verwandter
Leibesübungen, die Stärkung des deutschen Stammesbewusstseins, Treue gegen Kirche und
Staat, keine politischen Bestrebungen. Als Mitglieder waren alle Angehörigen des deutschen
Volkes ab dem vollendeten 17. Lebensjahr zugelassen. Bei der formellen Aufnahme in den
Verein musste der Turner folgende Eidesformel bejahen: „Versprechen Sie, Ihren
Vereinspflichten getreulich nachzukommen, das Turnwesen nach Kräften zu fördern und
jederzeit furchtlos, wie es einem Turner geziemt, der Kirche und dem Staate Treue zu wahren,
für das deutsche Volk und für das Vaterland Österreich einzutreten?“65
Wenn man diese vereinsstatutarischen Richtlinien mit denen der deutschen Turnvereine
vergleicht, so fallen zwei wesentliche Unterschiede auf: Erstens fehlt der viel bemühte
Arierparagraph, zweitens ist das wohlwollende Verhältnis gegenüber Kirche und Staat als
63
In diesem Artikel wird das Vereinsleben des Jahres 1912 der deutschvölkischen Turngemeinde beschrieben:
512 Turnzeiten mit 7.695 Besuchern, 6 ganztägige mit 81, 10 halbtägige Ausflüge mit 185 Teilnehmern,
Vorträge über: das Jahr 1813, Theodor Körner, eine Fahrt durch Spanien, Sonnen - und Luftbäder, Friedrich
Jahn, die deutsche Turnkunst, Bismarck; Sonnwendfeier, Julfeier; weitere Vereinsinstitutionen:
Vereinsbücherei, Bergsteigerriege, Vereinsmusik. Innsbrucker Nachrichten, 16.1.1913.
64
Festschrift, hrsg. v. Innsbrucker Turnverein anläßlich des 100jährigen Bestandes, Innsbruck 1963. TLM, W
14.230/4; Festschrift zum 50jährigen Gründungsfeste des Innsbrucker Turnvereins 1863-1913, Innsbruck 1913.
65
Satzungen des Christlich-deutschen Turnvereins Innsbruck 1908, S. 13. UBI, Karton 28.143.
15
wesentlicher Bestandteil der Vereinsideologie in den Statuten manifestiert. Im Prinzip war der
Verein als Sammelbecken für all jene gedacht, die zwar turnen wollten, sich aber nicht mit dem
deutschfreiheitlichen Gedankengut anfreunden konnten und eine Möglichkeit im christlichkonservativen Lager suchten. Eine bislang den deutschnationalen Kreisen überlassene Domäne
wurde nun von den konservativen Kräften für sich beansprucht. In der Konstituierungsphase
gab es deshalb Aufregung, da die deutschen Turnvereine den nationalen Ruf des Turnens
bedroht sahen. Die in den Innsbrucker Nachrichten veröffentlichte Erklärung des Innsbrucker
Turnvereins zur Gründung des Christlich-deutschen Turnvereins lautete:
„Der Innsbrucker Turnverein legt Verwahrung ein gegen die mißbräuchliche Aneignung des
Namens Franz Thurner durch den jüngst gegründeten Christlich-deutschen Turnverein.
Ebenso spricht der Innsbrucker Turnverein dieser Gesellschaft jede Berechtigung ab, sich für
ihre Zwecke auf Fr. L. Jahn als 'christlich-deutschen' Mann zu berufen, denn sein
germanisches Christentum deckt sich in keiner Weise mit der heutzutage namens der Religion
geforderten geistigen Knechtschaft und ultramontanen Hörigkeit. Der Innsbrucker Turnverein
verurteilt die Unaufrichtigkeit, welche genannter Turnverein durch die Wahl der schwarz-rotgoldenen Farben an den Tag legt, da er doch offenkundig gerade dazu ins Leben gerufen
wurde, um die in den schwarz-rot-goldenen Farben ausgedrückten Ideale deutscher Einheit
und Freiheit zu bekämpfen.“66
Eine weitere Fragestellung, deren vollständige Beantwortung nicht uninteressant gewesen
wäre, betraf die soziale Struktur der einzelnen Vereine. Wegen des fehlenden Quellenmaterials
konnte sie jedoch nur für zwei Vereine beantwortet werden. Nach den Mitgliederlisten des
Innsbrucker Turnvereins und des Christlich-deutschen Turnvereins konnten für das Jahr 1909
in absoluten Zahlen folgende soziale Profile erstellt werden:67
INNSBRUCKER TURNVEREIN
ordentliche Mitglieder
Arbeiter
CHRISTLICH-DEUTSCHER TURNVEREIN
ordentliche Mitglieder
19
20
Angestellte
136
31
Studenten
16
33
akad. Freiberuf.
36
9
akad. Beamte
44
12
Beamte
88
29
Gewerbe
166
39
Private
10
4
Frauen
103
45
66
Innsbrucker Nachrichten, 16.5.1908.
Jahresberichte des Innsbrucker Turnvereins bzw. des Christlich-deutschen Turnvereins für das Jahr 1909.
UBI, Karton 100.001 Innsbruck T-U.
67
16
insgesamt
515
222
Im Prinzip finden wir also bei beiden Vereinen ein bürgerliches Ambiente vor, auffallend ist der
starke Akademikeranteil im Innsbrucker Turnverein.
hier Turnvereine (Grafik)
Einige abschließende Bemerkungen: Das Turnen war in Tirol wie viele andere Bereiche
ideologisch gespalten: Von der Tradition, der Mitgliederzahl, der Präsenz im öffentlichen
Leben lag die Vorherrschaft bei den deutschfreiheitlichen Turnvereinen. Erst in der Zeit nach
1900 gründeten die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten eigene Turnvereine. Die
besondere Vorliebe der Bevölkerung galt dem Innsbrucker Turnverein bzw. dem Tiroler
Turngau, der in dem behandelten Zeitabschnitt von einem gemäßigten nationalen auf einen
radikaleren Kurs einschwenkte und eine Fusion mit den deutschradikalen Turnvereinen
vorbereitete. Nicht übersehen werden darf, dass das Turnen auch ein Betätigungsfeld für
Frauen darstellte. 1895 hatte der Deutsche Turnverein als erster Verein in Tirol das Frauenund Mädchenturnen aufgenommen. 1898 folgte die Frauen- und Mädchenriege des
Innsbrucker Turnvereins, 1907 ergänzt durch eine 2. Frauen- und Mädchenabteilung und 1913
abgerundet mit einer Vorturnerinnen-Vereinigung. 1909 kam die Damenliga im Christlichdeutschen Turnverein hinzu und eine Frauenabteilung im Arbeiterturnverein Karl Marx. Die
deutschvölkische Turngemeinde war bereits als Frauen- und Männerverein konzipiert.68
Die Zeit der Jahrhundertwende war auf jeden Fall eine Zeit des Aufschwungs und der
Prosperität der Turnbewegung, was auch in dem historischen Nebenfaktum seinen Ausdruck
fand, dass ab Juli 1912 dem Turngeschehen in den Innsbrucker Nachrichten eine eigene
wöchentliche Rubrik „Turnzeitung“ gewidmet war.69
Einen weiteren wichtigen Bestandteil im städtischen Vereinswesen bildeten die
Gesangsvereine. Der deutsche Gesang war prinzipiell männlich und national. Er war ein
wesentlicher Faktor für die Emotionalisierung nationalen Gedankenguts, weil er als gesungene
Sprache über unschätzbare Suggestivkraft verfügte und als Medium nationaler Inszenierung
eine beachtliche Anwendungsbreite bot. Er war ein Massenphänomen, über die Staatsgrenzen
hinweg organisiert, von seinem Einfluss her vergleichbar mit der Turnbewegung; und er war
ein wichtiger Katalysator in der Umwandlung nationaler Ideologie in nationale Mentalität. In
Tirol trat er um die Jahrhundertwende in verschiedenen nationalen Schattierungen auf, der
Disput um das beste Deutschtum war in vollem Gange, aber erst die ideologische
Zusatzkomponente „sozialistisch“ bzw. „katholisch“ grenzte ab und grenzte aus.
68
Innsbrucker Nachrichten, 30.3.1912 u. 24.7.1909; Jahresbericht des Christlich-deutschen Turnvereins für
das Jahr 1909. UBI, Karton 100.001 Innsbruck T-U; 100 Jahre Innsbrucker Turnverein, S. 21 u. 27. TLM, FB
34.034; Festschrift 25 Jahre Deutscher Turnverein Innsbruck, S. 2. UBI, Karton 100.001 Innsbruck T -U.
69
Innsbrucker Nachrichten, 6.7.1912.
17
Der älteste Männergesangsverein Tirols war die 1855 begründete Innsbrucker Liedertafel. Ihr
inneres Wertegefüge hatte sich seit der Entstehung bis in die Zeit der Jahrhundertwende in
wesentlichen Punkten verändert. Der Befund aus dem Vergleich der Vereinsstatuten gibt
wichtige Aufschlüsse darüber: In den Satzungen von 1858 heißt es: „Zweck der Innsbrucker
Liedertafel ist die Pflege und Ausbildung des mehrstimmigen Männergesangs in geselliger
Einigung. Die Liedertafel ernennt ihre Mitglieder durch Ausfertigung von Aufnahmskarten
und Diplomen.“70 Die Satzungen von 1910 lauten hingegen:
„Der Verein nennt sich 'Innsbrucker Liedertafel' und hat seinen Sitz in Innsbruck. Sein Zweck
sind die Pflege der Musik, insbesondere des deutschen Männergesanges und geselliger
Unterhaltung, sowie die Kräftigung der deutschen Gesinnung seiner Mitglieder. Die
Aufnahme der ausübenden und unterstützenden Mitglieder, welche arischer Abkunft sein
müssen, erfolgt über mündliche oder schriftliche, den Vor- und Geschlechtsnamen, Stand und
Wohnort enthaltende Anmeldung durch Beschluß der Vereinsleitung.“71
Zwischen diesen beiden Eckdaten hatte sich eine für die Zeit nicht atypische Metamorphose in
Richtung musikalisch offener, aber ideologisch restriktiver vollzogen. Deutscher
Männergesang, deutsche Gesinnung und Arierparagraph waren Bestandteile der statutarisch
festgelegten Vereinsideologie geworden. Wichtige Entwicklungsstufen von da nach dort sind
in den Brüchen der Vereinsgeschichte zu finden, einer Historie, die zugleich auch einen
wesentlichen Bestandteil der Geschichte des deutschen Männergesangs in Innsbruck darstellt,
da die Liedertafel die Wurzel und den Stamm bildete, aus denen sich die feineren
Vereinsverästelungen der Jahrhundertwende entwickelt hatten. 1860 kam es zur ersten
Abspaltung. Die Studenten, die in der Liedertafel sehr zahlreich vertreten waren, wollten im
Vorstand eine eigene Stimme haben, die ihnen aber nicht gewährt wurde. Deshalb traten sie
aus und gründeten 1863 den Akademischen Gesangverein. Von diesem sonderte sich 1872
aufgrund „des immer mehr erwachenden Nationalbewusstseins“72 die katholische
Studentenschaft ab und gründete ihrerseits 1896 den Akademischen Sängerbund. 1901 kam es
zu einer weiteren großen Austrittswelle aus der Innsbrucker Liedertafel, die den Deutschen
Männergesangverein entstehen ließ. Die Begründung zu diesem Entschluss lag nach Meinung
der Austretenden in der zu geringen deutschen Gesinnung der Liedertafel und der damals noch
vorhandenen Weigerung, den Arierparagraphen einzuführen.73 In der entscheidenden Sitzung
über den weiteren Weg der Liedertafel am 8. November 1901 analysierte der damalige
Vorstand der Liedertafel, Fritz Heigl, den Streit in den eigenen Reihen als Manifestation des
Zeitgeistes, den er wie folgt beschreibt:
70
130 Jahre Innsbrucker Liedertafel, älteste Chorvereinigung der Landeshauptstadt. Festschrift verfasst von W.
J. Meindl, Innsbruck 1985, S. 13. TLM, FB 60.808.
71
Satzungen der Innsbrucker Liedertafel 1910. TLM, FB 50.854.
72
Innsbrucker Nachrichten, 10.5.1913.
73
Festschrift der Innsbrucker Liedertafel zur Feier ihres 50jährigen Bestehens, Innsbruck 1905, S. 41. UBI,
Karton 100.001 L.
18
„Wir leben heute unter unangenehmen, ungünstigen Zeitverhältnissen. Die allseits sich
geltend machenden politischen und Parteibestrebungen gefährden und vergällen auch das
gesellschaftliche Leben, sie erschweren täglich mehr ein friedliches, harmonisches
Zusammenwirken, wie's solches bisher gab. Auch Gesangvereine, obwohl selbe mit Politik
und Partei eigentlich nichts zu tun haben oder haben sollten, obgleich einem idealen Zwecke
huldigend, bleiben, ob sie wollen oder nicht, von der bekannten Strömung unserer Tage leider
nicht verschont. Gegensätze und verschiedene Anschauungen hat es wohl immer gegeben,
allein der Kampf war früher ein anderer, es gab noch Gebiete, welche abseits von demselben
lagen, wo auch Nichtgleichgesinnte zu gemeinsamem Tun, zu fruchtbarer Arbeit sich wieder
zusammenfanden. Heute sind die Extreme, gepaart oder im Bunde mit Gehässigkeit und
blinder Leidenschaftlichkeit, nur zu vielfältig die Beherrscher des Tages, die Brandung des
Lebens tobt wilder als einstmals und es darf uns nicht wundern, wenn unter den gegebenen
Verhältnissen, jenes Wort immer ferner, immer weniger wahr erklingt, das wir Sänger so
gerne in mächtigen Akkorden ertönen lassen - die Harmonie!“74
Die Liedertafel wollte also für einen verinnerlichten, leisen Nationalismus, einen Nationalismus
der Tat, basierend auf einem romantischen Nationalismusbegriff, stehen. Sie wollte in einer
fiktiven Nationalismusskala eine vernünftige Mitte repräsentieren, die ihr ein Offensein
gegenüber anderen gesellschaftlichen Kräften ermöglichte.
Der Kontrapunkt zu den drei erwähnten Männergesangsvereinen war auf ideologischer Ebene
der Akademische Sängerbund. 1896 ins Leben gerufen, war er das Forum für katholische
Hochschüler, die sich die Pflege des deutschen Gesangs zur Aufgabe gestellt hatten. An seinem
Beispiel wird die strenge Polarisierung zwischen nationalem und katholisch-konservativem
Gedankengut und die Vorherrschaft der Ideologie über die Musik offenkundig, welche sich in
dem Ausschluss des Akademischen Sängerbundes aus dem Dachverband aller Tiroler
Männergesangsvereine, dem Tiroler Sängerbund, manifestierte. Denn das Ziel des Tiroler
Sängerbundes hätte eigentlich „die gemeinsame Pflege und Verbreitung des deutschen
Männergesangs, des Tiroler Volksgesangs und dadurch Kräftigung der Vaterlandsliebe und
des deutschen Sinnes; endlich Förderung eines harmonischen Zusammenwirkens der
deutschen Gesangvereine“75 sein sollen. Am Akademischen Sängerbund schieden sich die
Meinungen. Für die einen war er der klerikal-römische Konkurrenzverein,76 für die anderen der
Gesangsverein, der das deutsche Lied pflegte „ohne Preisgabe der ererbten Religion der Väter
und der angestammten Tiroler Treue zum Landesfürsten“.77 Der Ausschluss bedeutete ein
sichtbar gesetztes Zeichen der Abgrenzung und Abschottung der deutschen
74
Ebd., S. 42.
In den Satzungen von 1881 und 1898 ist das ehemalige Bundeszeichen des Vereines, der Tiroler Adler, nicht
mehr statutarisch verankert. Vielleicht auch dies ein Zeichen für eine verstärkte deutschnationale Gesinnung.
Vgl. Satzungen des Tiroler Sängerbundes 1860, 1881 und 1898. TLM, W 1163/5; W 1917/8; W 1371/4.
76
Mitteilungen des Akademischen Gesangsvereins 1902, S. 6. TLM, W 5556/7.
77
Neue Tiroler Stimmen, 20.11.1902.
75
19
Männergesangsvereine - 1895 waren achtzehn im Tiroler Sängerbund organisiert78 - von
katholisch-konservativen Gruppierungen und ihren ideologischen Positionen. Das Deutschtum
als bindende Kraft bewies zu wenig Integrationsvermögen, der liberal-klerikale Gegensatz
überwog. Dieselbe Aus- und Abgrenzung erfuhren auch die sozialdemokratischen Pendants der
Männergesangsvereine, der Sängerbund Eintracht und der Gesangsklub Typographia, die
ebenfalls keine Mitglieder des Tiroler Sängerbundes waren, wobei die Sozialdemokratie a
priori eigene Wege ging; jedenfalls konnte unter dem Quellenmaterial kein Ausschlussverfahren
wie im Falle des Akademischen Sängerbundes oder ein nicht genehmigtes Eintrittsgesuch
gefunden werden. Waren Bürgerwelt und (sozialistische) Arbeiterwelt auch als musikalische
Gegenwelten institutionalisiert? Ja, aber nur auf dem Gebiet der Organisation und
Repräsentation. Denn im Liedrepertoire lässt sich ein breites Band an Übereinstimmung
feststellen. Das Programm des Sängerbundes „Eintracht“ Innsbruck anlässlich eines
Festkonzertes 1915 lautete:79
1.a) Steinriegler, Marsch (Zither)
b) Deutsche Studentenlieder, Walzer (Zither)
2. Empor zum Licht, Männerchor
3.a) In die Ferne, Männerchor
b) Diendl mach auf, Männerchor
4.a) Post im Walde, Idylle (Zither)
b) Alpenröschen, Zitherterzett (Tonstück)
5.a) Waldabendschein, Männerchor
b) Gondellied, Männerchor
c) Tirolers Heimkehr, Männerchor
6.a) Wien, du Stadt meiner Träume, Solo
b) Lieder zur Laute
7.a) Über'm Bacherl steht a Hütt'n, Tiroler Nationallied
b) A Büchserl auf'm Rücken, Tiroler Nationallied
8.a) Waldeinsamkeit, Phantasie (Zither)
b) La Violetta (Zither)
9. Ein neues Lied, Chor mit Klavierbegleitung
Bei Durchsicht des Programms ist zu erkennen, dass sich die sozialistische Manifestation auf
den Männerchor „In die Ferne“ beschränkte, der vom Arbeiterliederkomponisten Ad. Uthmann
geschrieben worden ist, und möglicherweise auf das letzte Lied der Vortragsordnung,
ansonsten aber ein eher patriotisches, Tirol-bezogenes Liedgut vorgetragen wurde. 80
78
Festschrift des Tiroler Sängerbundes anlässlich des 50jährigen Regierungsjubiläums seiner Majestät Kaiser
Franz Joseph I. am 17. Juli 1898 in Innsbruck. TLM, FB 8703/3.
79
Programm des Sängerbundes "Eintracht" Innsbruck aus dem Jahr 1915. UBI, Karton 100.001 A.
80
Auch bei der Herbstliedertafel des Sängerbundes Eintracht 1902 wurde besonders der schöne Vortrag des
Walzers "Ein Sonntag auf der Alm" gelobt, der wohl dem volkstümlichen Liedgut zugewiesen werden kann.
Volkszeitung, 7.11.1902; bei der Herbstliedertafel 1908 setzte sich das Programm aus "Tendenzchören",
Schubert, Mozart, einer Komposition des Innsbrucker Musikdirektors Josef Pembaur, und Volksliedern
zusammen. Ebd., 21.10.1908.
20
Die Konzerte dienten auch als Demonstration und Untermauerung der Kunst- und
Kulturfähigkeit der sozialistischen Arbeiter, die von den bildungsbürgerlichen Kreisen
angezweifelt wurden. 81 Wohlwollende bürgerliche Anerkennung wurde hierbei freudig
begrüßt,82 eigenes „stimmliches Versagen“ als pekuniäres Problem abgetan.83
Das Liedrepertoire der deutschen Männergesangsvereine war vielfältig. Von Opern- und
Operettenarien über tirolische Volkslieder bis zum deutschen Liedgut und Eigenkompositionen
wurde alles gesungen und bei Konzerten vorgetragen. Als inoffizielle Nationalhymne des
Deutschtums kann die „Wacht am Rhein“ angesehen werden. Sie wurde zu allen erdenklichen,
bewusst deutschnationalen Anlässen gesungen, zumeist gemeinschaftlich am Ende der
Veranstaltungen, sodass die „Wacht am Rhein“ zum Symbollied des Deutschnationalismus und
ergo zum Angriffspunkt der Gegner wurde. Dem häufigen Einsatz des Liedes durch den
Akademischen Gesangverein begegneten die Neuen Tiroler Stimmen ironisch mit gespieltem
Erstaunen darüber, dass er „unsere künstlerisch schöne 'Volkshymne' mit der 'Wacht am Rhein'
vertausche, die wir gar nicht nötig haben. Besitzen wir doch leider nur ein kleines Gebiet dieses
herrlichen Stromes, auf dem die wackeren Vorarlberger ohnedies treue Wacht halten.“84
Ein weiteres Betätigungsfeld für Vereinsaktivitäten war die starke ideologische
Auseinandersetzung zwischen liberal-freiheitlichen und katholisch-konservativen Positionen um
die Jahrhundertwende. Der Streit zwischen klerikalem und liberalem Gedankengut bildete das
mächtigste Konfliktpotential in der Deutschtiroler Bevölkerung. Dies manifestierte sich unter
anderem auch in der Entwicklung des Vereinswesens, das auf der einen wie auf der anderen
Seite eine große Anzahl von Neugründungen aufzuweisen hatte: z.B. die Freie Schule, Freie
Weltanschauung und Akademische Redehalle auf der liberalen, Leogesellschaft, christlicher
Frauenbund, Erste Tiroler Lesehalle und Katholische Aktion auf der Gegenseite.
Die besonderen Merkmale der Vereine, die liberale Positionen vertraten und in der
Bevölkerung zu festigen suchten, waren erstens, dass sie auf die Stadt konzentriert waren und
einen prägenden Teilaspekt des Stadt-Land-Gegensatzes darstellten, zweitens die
unüberwindbar scheinende Barriere zwischen sozialer Oberschicht und Unterschicht zu
verringern vermochten, indem sich nämlich gerade in diesen Vereinen, vor allem in der Freien
Schule, Arbeiterschaft und liberales Bürgertum in Eintracht zusammenfanden, um für dieselben
Ziele zu streiten. Den freiheitlich gesinnten Vereinen stand ein gut organisiertes, weit
verzweigtes katholisches Vereinsnetz gegenüber, das zwar unterschiedliche Teilbereiche
abdeckte und verschiedene Lebensräume organisierte, aber im Wesentlichen durch ein einziges
und einigendes Ziel verbunden war: die positive Haltung zu katholisch-konservativen
Positionen vice versa die negative Haltung zu liberal-freiheitlichen Positionen. In einem
metaphorischen Vergleich wäre das katholische Vereinswesen mit einem Berg gleichzusetzen,
dessen Gipfel den Katholizismus und dessen Nebenspitzen Patriotismus und Kaisertreue
81
Ebd., 17.8.1908.
Ebd.
83
Ebd., 13.8.1903.
84
Neue Tiroler Stimmen, 20.11.1902.
82
21
symbolisierten. Das verbindende Motto war: „Für Gott, Kaiser und Vaterland“. Die
katholische Vereinstruktur ist damit ein Spiegel, eine Manifestation der fortschreitenden
Polarisierung und Abgrenzung zwischen katholischem Milieu einerseits und sozialistischem und
liberal-bürgerlichem Milieu andererseits. Einer Spaltung, wie auf politischer Ebene in die
katholisch-konservative und christlichsoziale Partei, wurde auf Vereinsebene
entgegengearbeitet. Man tendierte angesichts der als bedrohlich und existenziell eingestuften
Strömungen der Moderne zu einem vernünftigen, gemeinsamen und geschlossenen Vorgehen.
Spaltungen oder öffentliche Dispute und Konfliktaustragungen in den eigenen Reihen wurden
hintangehalten.
Der ideologische Konflikt zwischen liberalen und katholisch-konservativen Positionen wurde
um die Jahrhundertwende an zwei konkreten Fronten ausgetragen, beides noch verbliebene
Bastionen der katholischen Kirche. Wie die Freie Schule die Problematik des kirchlichen
Einflusses auf das Schulsystem aufgriff und sich für die Beseitigung der religiösen Übungen
und des Religionsunterrichts an der Schule einsetzte, so nahm sich die Akademische Redehalle
der zweiten bedeutenden, noch bestehenden Einflusssphäre der Kirche an: Der Ehe, die durch
die eingeleitete Ehereform nicht mehr ausschließliche Domäne der Kirche bleiben sollte. Am
17. November 1906 veranstaltete die Akademische Redehalle eine Versammlung im großen
Stadtsaal, in der Ludwig Wahrmund einen dreistündigen Vortrag zum Thema Ehereform hielt,
um der katholisch-konservativen Agitation von freiheitlicher Seite entgegenzutreten. Im
Vorfeld hatte es nämlich bereits heftige Diskussionen und Proteste gegen die geplante
Ehereform gegeben, die die Möglichkeit einer standesamtlichen Ehe mit der Eventualität der
Scheidung und der Wiederverheiratung vorsah. Der christliche Frauenbund sowie das
katholische Diözesankomitee mobilisierten dagegen. In Großplakaten affichierte man die
Erregung über diese Angelegenheit:
„Mitbürger! Eine große und vollberechtigte Bewegung geht augenblicklich durch Stadt und
Land. Es handelt sich um die wichtigste Angelegenheit unseres christlichen Kulturlebens, um
die Erhaltung der gesetzlichen Grundlagen unserer christlichen Ehe und unserer christlichen
Familie. Um der Bevölkerung unserer Stadt über die große Tragweite der angestrebten
Ehegesetzreform eine möglichst sachliche und umfassende Aufklärung zu bieten und zugleich
eine entschiedene Stellungnahme zu dieser folgenschweren Frage zu ermöglichen, wird So, 4.
März 8h eine Versammlung im Leosaal stattfinden.“85
In der Versammlung im Leosaal fassten die beiden Redner Pater Dominik Dietrich und Univ.Prof. Hofmann die Position der Ehereformgegner in folgenden Punkten zusammen:
„1. Die Ehe ist keine staatliche Angelegenheit, sondern eine kirchliche. Die Ehereform ist als
ein frecher Eingriff in die Rechte Gottes und als eine offene Rebellion gegen Christus zu
beurteilen.
2. Die Befürworter der Ehereform sind die prinzipiellen Gegner der katholischen Kirche:
Juden, Sozialdemokraten, Los-von-Rom-Kämpfer, Freimaurer und Männer wie der Führer
85
Plakat des Diözesankomitees zur Ehereform 1906. TLM, FB 6763.
22
der deutschradikalen Partei Karl Hermann Wolff oder der Tiroler deutschnationale
Reichsratsabgeordnete Dr. Erler.
3. Die Ehereform steht gegen den Patriotismus, da sie tausende von gebrochenen
Frauenherzen zurücklässt, Väter und Mütter hervorbringt, deren sich die unschuldvollen
Kinder schämen müssen und das beste Mittel zur Untergrabung der Familien darstellt.“86
Der Vortragsabend der Akademischen Redehalle war die Antwort auf die
Protestkundgebungen zugunsten des bestehenden Eherechtes. Das Auditorium belief sich auf
über 1.000 Personen, zumal auch die sozialdemokratische Volkszeitung vielfach die
Veranstaltung beworben hatte.87 Die Rede Wahrmunds beinhaltete selbstverständlich eine ProHaltung zur geplanten Ehereform, deren staatlichen Charakter Wahrmund anhand zahlreicher
Beispiele aus der Geschichte zu fundieren suchte, und wurde auch in gedruckter Form
veröffentlicht.88
Dort, wo sich bürgerliche Kultur nicht ideologisch spaltete, sondern harmonisch verband, war
die Heimatschutzbewegung. Eine Renaissance des Heimatbegriffes heutzutage lässt vielleicht
mit besonderem Interesse auf die Wurzeln dieser Entwicklung zurückblicken. Denn ein
charakteristischer Aspekt der Jahrhundertwende war gerade die Entstehung der
Heimatschutzbewegung, die nicht allein auf Vereinsbasis organisiert war, sondern allgemein im
alltags- und hochkulturellen Bereich ihre Ausprägung fand. Wortkreationen wie Heimatschutz,
Heimatroman, Heimatkunst, Heimatverein, Heimatmuseum usw. entstanden damals und
schmiegten sich an die bereits betagteren Ideologeme „Patriotismus“ und „Nation“ an. Der
Begriff „Heimat“ etablierte sich als ideeller Wert mit unklaren Konturen und fließenden
Übergängen zu patriotischem und nationalem Gedankengut. Dass sich diese neue ideelle
Ausformung gerade in der Zeit der Jahrhundertwende ereignete, hat einerseits sehr viel mit der
Entstehung des Metropole-Provinz-Gegensatzes zu tun, andererseits stellt sie eine bewusste
Entgegnung auf die internationaler und unüberschaubarer werdenden Lebenswelten dar. Der
Terminus „Heimat“ wurde als eine neue und im wahrsten Sinne des Wortes reaktionäre
Antwort auf eine als unmoralisch, verkommen, dekadent und ästhetizistisch eingestufte
Großstadt konzipiert; vice versa bedeutete er Neuorientierung, Identitätsfindung und
Aufwertung der kleinstädtischen und ländlichen Lebensräume. Die Heimatbewegung war
fortschrittsfeindlich, kulturpessimistisch und antimodernistisch, ihr Gegenbild war nicht die
Stadt an sich, sondern die Großstadt und Metropole, ihre Leitbilder waren Volkstum,
Tradition, Argarromantik und Naturbewusstsein. Die Trägerschichten dieser Bewegung waren
im (klein)städtischen und bürgerlichen Milieu zu finden. Seine wesentlichste vereinsmäßige
Ausformung fand der Heimatschutzgedanke in dem Verein für Heimatschutz in Tirol. Die
Konstituierung des Vereines - es war die erste derartige Organisation in Österreich - erfolgte
86
Der Kampf um die katholische Ehe in Österreich, zwei Vorträge gehalten am 4. März 1908 im Leosaale in
Innsbruck von Dominik Dietrich und Michael Hoffmann, Innsbruck 1906. TLM, W 5543/2.
87
Volkszeitung, 14.11.1906, 17.11.1906 u. 21.11.1906.
88
Ludwig Wahrmund, Die Eherechtsreform in Österreich, Innsbruck 1907.
23
am 9. September 1908 in Innsbruck.89 Einberufer war der Rechtsanwalt Dr. Emil Knoll. Zum
ersten Vorstand des Vereines wurde Gotthard Graf Trapp, k. u. k. Kämmerer und
Landtagsabgeordneter, gewählt, der diese Funktion bis ins Jahr 1940 ausübte. Als treibende
Kräfte hinter dem Obmann sind u.a. zu nennen: Dr. Reinhold v. Zingerle, Karl Inama v.
Sternegg, Dr. Paul Freiherr von Sternbach, Dr. Friedrich von Unterrichter, Dr. Alois Böhm,
Karl Paulmichl, Kunibert Zimmeter, der später zum zweiten Vorstand avancierte.90 Der adelige
und bildungsbürgerliche Einschlag im Führungsgremium ist evident.
Die Bedeutung der Vereinsgründung sah man selbst in zwei wesentlichen Punkten:
1. Der Zusammenschluss aller heimatbewussten Tiroler.
Die Errichtung einer Plattform und Artikulationsmöglichkeit für Gleichgesinnte, „die dieser
Verarmung der Heimat bewusst entgegenzuwirken, die Entwicklung des neuen Lebens im
Sinne der Anknüpfung an das Bestehende zu beeinflussen, für ihre Pflicht hielten“,91 bedeutete
für den Verein zugleich auch die Schaffung einer Basis bzw. eines Ausgangspunktes für die
Beeinflussung eines (zukünftig) gesellschaftsrelevanten Umdenkprozesses.
2. Die Erkenntnis und Verbreitung von Heimatbewusstsein als ideellem Wert. Diese
Anforderung wurde folgendermaßen ausformuliert:
„Wohl haben auch früher schon Apostel von Tirols einzigartigen Schönheiten, von unseren
Domen, Stiften [...], Kirchen, Burgen und Bauerngehöften, von der Erhabenheit unserer
Berge und der Lieblichkeit unserer Täler gepredigt, aber die Gesamtheit der Heimat damit zu
meinen, Tirol vor der immer mehr überhand nehmenden Verunstaltung zu bewahren, alle
neuen Bedürfnisse zu fördern, aber sie zugleich in Bahnen zu lenken, die an's teure
Überkommen anschließen, dem Lande und dem Volke seine ureigensten Formen zu erhalten
wissen, dieser Gedanke ist unserer Zeit vorbehalten geblieben.“92
Heimat wurde als Gesamtkonzept für Tirol, und Tirol als „Gesamtdenkmal“93 begriffen, dessen
Landschafts- und Ortsbild als schützens- und bewahrenswert galt. Der Heimat-Begriff war in
diesem Sinne ein Synonym für das Land Tirol, Heimatbewusstsein eine Gleichsetzung mit
Vaterlandsliebe, wie auch aus dem pathetischen Schlusssatz des Jahresberichtes 1912/1913
hervorgeht: „Mögen unsere Freunde und mögen alle Freunde des Vaterlandes daraus ersehen,
was wir wollen: Unserer Heimat, dem Lande Tirol, die Treue halten!“94
Der Heimat-Begriff diente dementsprechend der Aufwertung der „Provinz“ als Ganzes. Die
Heimatschutzbewegung bedeutet eine sichtbar gewordene Manifestation des ProvinzMetropole-Gegensatzes. Sie war eine Reaktion auf die in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts entstandenen europäischen Großstädte und deren Sogwirkung und Ausstrahlung
auf die Bevölkerung, die sich in einer immer größer werdenden Abwanderung aus den
89
Nobert Mumelter, 60 Jahre Heimatschutz in Tirol, in: Tiroler Heimatblätter 44/1 (1969), S. 1. Mumelter
nennt fälschlicherweise den 8. September als Gründungstag.
90
Innsbrucker Nachrichten, 10.9.1908.
91
Jahresbericht des Vereines für Heimatschutz in Tirol 1912/1913, S. 4. TLM, FB 54.647.
92
Ebd., S. 3.
93
Innsbrucker Nachrichten, 17.6.1913.
94
Jahresbericht des Vereines für Heimatschutz in Tirol 1912/1913, S. 4. TLM, FB 54.647.
24
ländlichen und kleinstädtischen Gebieten zeigte. Die Heimatschutzbewegung versuchte, den
Blickwinkel zu ändern, indem sie sich darum bemühte, Heimat als einen Wert zu erkennen, der
geschützt und bewahrt werden müsste.95
Feste und Feiern
Die Festkultur war neben dem Vereinswesen eine der wesentlichsten
Artikulationsmöglichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft und ein wichtiges Medium zur
Herstellung von politischer Öffentlichkeit. Die Anfänge des öffentlichen Festes mit politischideologischem Einschlag reichen in die Zeit der Französischen Revolution zurück, in welcher
der Typus des so genannten Revolutionsfestes entworfen worden war, das einen wesentlichen
Anstoß für die Installierung der deutschen Nationalfeste, der ersten großen Festereignisse im
deutschsprachigen Raum, bildete. Im Vormärz war dieser Festtypus, zu dem das Wartburgfest
1817, das Hambacherfest 1832 und die frühen Turner- und Sängerfeste zu zählen sind, ein
Surrogat für fehlende politische Versammlungsfreiheit. Die absolutistischen Regierungen des
Vormärz ließen nur diese Form der Versammlungsöffentlichkeit zu, da sie ihnen harmloser,
unverdächtiger und weniger gefährlich schien. Trotz der Liberalisierung des politischen und
gesellschaftlichen Lebens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor das öffentliche Fest
nicht an Attraktivität, da es weitaus mehr Bedürfnisse der bürgerlichen Gesellschaft abdeckte
als nur die politische Artikulation. Die ursprünglich alleinige Trägerschicht, das Bürgertum,
wurde nun durch die Arbeiterschaft ergänzt, die ihrerseits die Form des bürgerlichen Festes
übernahm, aber mit neuen Funktionen und Inhalten erfüllte. Die Festrequisiten zwischen
bürgerlicher und Arbeiterkultur waren überlappend.96
Feste und Feiern sind definitorisch unterschiedliche Kategorien, die aber fließende Übergänge
aufweisen und meist kombinatorisch auftreten. Mit dem Begriff Fest verbindet sich eine
kurzfristige Aufhebung der alltäglichen Lebenswelt durch eine neue, künstlich geschaffene,
außergewöhnliche Rahmensituation, die affektbetontes, mitunter ekstatisches Handeln
ermöglicht. Das Fest ist „ein Moratorium des Alltags“,97 in dem sich Erwartungshaltungen,
Hoffnungen, Sehnsüchte und Wünsche artikulieren dürfen. Die Feier ist dem Fest eigentlich
entgegengesetzt. Sie dient zur Verinnerlichung der eigenen alltäglichen Lebenssituation, indem
sie die Alltagswirklichkeit als ein sinnvolles Ganzes bewusst macht und dem einzelnen
sinnstiftende Ideen und Werte zur Bewältigung seines Alltages mitgibt. 98 Stefan Riesenfellner
95
Vgl. Wolfgang Meixner, Mythos Tirol. Zur Tiroler Ethnizitätsbildung und Heimatschutzbewegung im 19.
Jahrhundert, in: Geschichte und Region / Storia e regione 1. Jg. (1992), Heft 1, S. 88-106, hier S. 90.
96
Vgl. Dieter Düding/Peter Friedemann/Paul Münch (Hg.), Öffentliche Festkultur. Politische Feste in
Deutschland von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg, Hamburg 1988; Peter Friedemann, Feste und
Feiern im rheinisch-westfälischen Industriegebiet 1890 bis 1914, in: Sozialgeschichte der Freizeit, hrsg. v.
Gerhard Huck, Wuppertal 21982, S. 161-185.
97
Odo Marquard, Moratorium des Alltags. Eine kleine Philosophie des Festes, in: Das Fest, München 1989,
hrsg. v. Walter Haug/Rainer Warnig, S. 684 f.
98
Zur definitorischen Unterscheidung von Fest und Feier vgl. Winfried Gebhardt, Fest, Feier und Alltag. Über
die gesellschaftliche Wirklichkeit des Menschen und ihre Deutung, Frankfurt 1987, S. 52 f.
25
bringt es auf die kurze, prägnante Formel: „Feste heben das Alltägliche für eine kurze Zeit auf,
Feiern machen den Alltag erst richtig bewusst.“99 Aus der Widerspiegelung und der
Bewusstmachung realer Verhältnisse sowie der Entwicklung kollektiver Phantasien ergeben
sich wiederum Anknüpfungspunkte für politische Strategien. Die Feste sind öffentliche
Meinungsträger und Meinungsmacher, und sie produzieren unter den Teilnehmenden ein
Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidaritätsbewusstsein, aus dem die Möglichkeit zum
kollektiven Handeln erwächst.
Die unterschiedlichen Elemente von Fest und Feier lassen sich auch an der Innsbrucker
Festszene verifizieren. Als eine Mischung von Amüsement und ideologischer Botschaft
begegnet uns die kulturelle Festpraxis um die Jahrhundertwende. Die Statthalterei, bei der die
Feste angezeigt werden mussten, stufte die Feste ebenfalls als ein Kompositum von öffentlicher
Belustigung und politischer Versammlung ein. Als Dr. Hans Wenin für den 26./ 27. Juni 1901
die Sonnwendfeier bei der Statthalterei anzeigte, wurde ihm folgende Antwort zugesandt:
„Nach dem Festprogramm sind auch Reden in Aussicht genommen, was dem Feste den
Charakter einer öffentlichen Versammlung unter freiem Himmel geben würde. Da aufgrund
des zitierten Versammlungsgesetzes, während der Landtag versammelt ist, am Orte seiner
Sitzung und in einem Umkreise von 5 Meilen keine Versammlung unter freiem Himmel
gestattet werden darf, kann jener Teil des Festes, welcher nicht in bloßer öffentlicher
Belustigung besteht, d. h. das Halten von Reden, nicht gestattet werden.“100
Die ideologischen Positionen, die transportiert wurden, gruppierten sich entlang der
weltanschaulichen Leitlinien der Jahrhundertwende. In den drei großen Festevents des
Frühsommers fokussierten drei Weltanschauungen: Die Sonnwendfeier war das Fest der
Deutschnationalen, die Fronleichnamsfeier das Fest der katholischen und konservativen
Bevölkerung, der 1. Mai das Fest der sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Die Kaiserfeiern im
August und Oktober standen für das monarchische Prinzip. Die Schillerfeier war die
Vermittlungsinstanz von bürgerlichen Wertkategorien, die Jahrhundertfeier anlässlich der
Tiroler Erhebung 1909 bildete den Inbegriff eines patriotischen Festes. Die Märzfeier in
Erinnerung an 1848 und die Lassallefeier im August für den spiritus rector der Tiroler
Sozialdemokratie rundeten das sozialdemokratische Festjahr ab. Die Feiern anlässlich der
Amtsjubiläen von Papst Leo XIII. unterstützten zusätzlich die Verbreitung und Manifestierung
katholisch-konservativer Positionen. 101 Den äußersten rechten Rand des Festspektrums
deckten die Bismarckfeiern, Sedanfeiern und Geburtstagsfeiern des deutschen Kaisers Wilhelm
II. ab, die Anlass boten, eine extremere Gangart des Deutschnationalismus zu fordern.
99
Stefan Riesenfellner, "Leuchtendes Rot über dem wallenden Körper des Massen. Zur kulturellen
Selbstinszenierung der österreichischen Arbeiterbewegung um die Jahrhundertwende, in: Clios Rache, hrsg. v.
Karl Kaser/Karl Stocker, Wien 1992, S. 204.
100
Brief Statthalterei an Dr. Hans Wenin, 18.6.1901. Tiroler Landesarchiv (TLA), Statthalterei Präsidialakten
1901, Zl. 2826.
101
Vor allem zum 20- und 25jährigen Amtsjubiläum von Papst Leo XIII. fanden in Innsbruck große Feiern
statt, die von katholischen Vereinen in Zusammenarbeit mit den Landesbehörden organisiert wurden und
zumeist mit einer Loyalitätserklärung an das österreichische Kaiserhaus verbunden waren.
26
Die Jahrhundertwende war der Zeitraum der Entstehung einer weit gefächerten politischen
Fest-Öffentlichkeit und zugleich der Beginn eines strikten Abgrenzungsprozesses der einzelnen
Festveranstaltungen voneinander. Der Festbesuch wurde zu einer ideologischen
Standortbestimmung. Die Deutschnationalen gingen nicht mehr zur Fronleichnamsprozession,
die Maifeier war ausschließlich sozialdemokratisches Festterrain, die Sonnwendfeier festlicher
Sammelpunkt aller deutschnational Gesinnten. Die Trennlinien waren scharf gezogen. Der Typ
des politischen Integrationsfestes setzte sich immer mehr durch.102
Aus dem vielfältigen Festrepertoire der Jahrhundertwende wurde zur genaueren Betrachtung
die Schillerfeier ausgewählt, weil sich in der fast kultisch verehrten Person Schillers
möglicherweise am besten die Wertvorstellungen der bürgerlichen Lebenskultur widerspiegeln.
Der Kult um die Dichterpersönlichkeit von Schiller begann bereits in der Zeit des Vormärz.
Ausgangspunkt waren die Städte Stuttgart, Breslau und Leipzig. Schiller wurde zum geistigen
Vorbild für die bürgerlichen Emanzipationsbestrebungen gegenüber dem absolutistischen Staat.
Die Obrigkeit reagierte auf diese politische Deutung der Person und der Werke Schillers mit
zunehmender Restriktion. Schillerfeiern wurden eingeschränkt oder gänzlich untersagt, in
Preußen wurde das Verbot der Klassikerlektüre für Volksschulen ausgegeben. Den ersten
großen Höhepunkt fand die Schillerverehrung in den Feierlichkeiten zu Ehren seines 100.
Geburtstages 1859, die auch in Innsbruck festlich begangen wurden. Univ.-Prof. Friedrich
Stolz gedachte in seiner Ansprache zur Schillerfeier 1905 beinahe gerührt der großen
dreitägigen Gedenkfeier für „den Sänger der Freiheit und des Vaterlandes“ vom 9. bis 11.
November 1859, an die eine begeisterte Aufbruchsstimmung zu einer staatlichen Einigung aller
Deutschen geknüpft gewesen wäre. 103
Die nächste wichtige Station im Festkult um Schiller gehörte bereits in die Jahrhundertwende
und löste eine neuerliche Schillereuphorie aus: 1905 jährte sich nämlich der Todestag Schillers
zum 100-Mal, ein Datum, das geeigneten Anlass bot, des deutschen Dichters neuerlich zu
gedenken. Und das Festaufkommen war groß. Ein Fest löste das andere ab, sodass sogar
einzelne künstlerische Darbietungen wie mobile Versatzstücke von einem Fest ins andere
transferiert werden mussten, da die Nachfrage das Angebot überstieg. Die Vielzahl der
Aktivitäten zeigt, dass die Verehrung Schillers auch in Innsbruck eine nicht unbeträchtliche
Breitenwirkung hatte. Als Veranstalter fungierten primär Bildungseinrichtungen sowie
nationale und soziale Vereine, was in Korrelation mit den Inhalten stand, die in die Person
Schillers hineinprojiziert wurden. Die beiden größten Veranstaltungen waren die Schillerfeiern
des Deutschen Schulvereins am 21. Mai und des Jugendfürsorgevereins am 23. Mai im
Stadttheater, die beide einen sehr ähnlichen Verlauf nahmen. Das Plakat zur Feier des
Jugendfürsorgevereins beinhaltete folgende Programmpunkte:
102
Werner K. Blessing, Fest und Vergnügungen der "kleinen Leute", in: Volkskultur, hrsg. v. Richard van
Dülmen/Norbert Schindler, Frankfurt 1984, S. 362.
103
Innsbrucker Nachrichten, 22.5.1905.
27
1.
2.
3.
4.
5.
6.
Vorspiel zu Meistersinger von Nürnberg
Schiller und die Jugenderziehung, Festrede von Josef Wackernell
Ouvertüre zu Fidelio
Vorspiel der Musen, arrangiert vom akad. Maler Siber
Waffentanz aus „Gudrun“ von Klughart
Lebende Bilder zum Lied von der Glocke, arrangiert vom akad. Maler Siber,
musikalische Begleitung F. Stovenhagen, Deklamation von M. Höller
7. Andante cantabile aus op.11 von Tschaikowsky
8. Prolog von Angelika v. Hörmann
9. Apotheose Schillers, gestellt vom akad. Maler Siber104
Die Anwesenheit Schillers wurde mittels einer Büste, die von Blumenkränzen umrankt und auf
einen Sockel gestellt war, symbolisiert. Besondere Aufmerksamkeit scheint der Punkt 9 zu
verdienen, der die beinahe göttliche Verehrung Schillers in den Festreden auch in Bildsprache
umsetzte: Bezeichnungen wie „der Prophet“, „der Verkünder einer frohen Botschaft“, „der
hohe Priester des Ideals“, „der Hüter des heiligen inneren moralischen Feuers“, „der Vermittler
eines heiligen Vermächtnisses“105 gaben Schiller eine metaphysische Überhöhung. Denn es
wurde ja nicht die dichterische Leistung oder die reale Person Schillers verehrt, sondern eine
imaginäre Idealfigur mit vergöttlichten Zügen, in die zahlreiche bürgerliche
Wunschvorstellungen transferiert worden waren. Schiller als Inkarnation bürgerlicher Werte?
Die Festreden geben genaueren Aufschluss über die Motive des Schillerkultes.
Drei Leitmotive der Verehrung kristallisierten sich heraus:
1. Schiller wurde als der Repräsentant deutscher Kultur und damit der deutschen Kulturnation
verehrt, der den Feiernden die eigene nationale Größe bewusst machte. Prof. Wackernell
nannte die Schillerfeier 1905 „einen Festtag, an dem sich alle Deutschen mit gutem Gewissen
als Söhne einer großen Nation fühlen dürfen“.106 Die Tiroler Dichterin v. Angelika Hörmann
widmete Schiller einen Prolog, der bei den großen Feierlichkeiten im Stadttheater vorgetragen
wurde und dessen letzte Strophe wie folgt lautete:
„Du aber, Dichterfürst, Du großer, reiner
In lichten Höh'n erhebe deine Hand!
In Dank und Jubel treu wir deiner,
Beschütze, was du heiß geliebt wie keiner,
und segne unser deutsches Vaterland.“107
Die nationale Komponente in der Schillerverehrung gründete sich vor allem auf die beiden
Dramen Jungfrau von Orleans und Wilhelm Tell, die als „dramatische Hochgesänge der
104
Die Punkte 4, 6, 8, u. 9 waren auch bei der Feier des Deutschen Schulvereins vorgetragen worden. Vgl.
Plakat zur Schillerfeier des Jugendfürsorgevereins 1905. TLM, FB 6878.
105
Innsbrucker Nachrichten, 10.5.1905, 22.5.1905 u. 9.11.1909.
106
Ebd., 9.5.1905.
107
Ebd., 24.5.1905
28
Vaterlandsliebe“108 angesehen wurden. Bei genauerer Betrachtung des nationalen Elementes
lässt sich eine Entwicklung der Priorität erkennen. Im Vormärz wurde das nationale
Freiheitsstreben der Deutschen betont,109 bei der Schillerfeier 1859 der nationale
Einigungsprozess auf staatlicher Ebene und 1905 die Einheit der deutschen Kulturnation. Stolz
sagte dazu bei der Schillerfeier des Deutschen Schulvereins 1905:
„Wir fühlen uns, unbeschadet unserer aufrichtigen Liebe und Treue zu unserer
österreichischen Heimat, durch die gemeinsam durchlebte mehr als tausendjährige
Vergangenheit, durch die Gleichheit der Sprache und Kultur als ein Volk soweit die deutsche
Zunge klingt. In den Errungenschaften deutscher Bildung und Gesittung, deutschen Wissens
und Könnens liegen die Brennpunkte, in welchen alle Strahlen deutschen Volkstums sich
vereinen und den schönsten Ausdruck findet diese ideale Zusammengehörigkeit, die uns die
ganze Welt nicht rauben kann, an solchen Tagen wie der heutige einer ist, wo wir vor dem
Genius eines der größten deutschen Dichter uns huldigend verneigen.“110
2. Schiller wurde als Repräsentant des Freiheitskampfes der Völker gegen absolute
Regierungen verehrt, wobei diese Facette des Schillerkultes aufgrund der historischen
Entwicklung 1905 bereits zurückgetreten war. Univ.-Prof. Wackernell betonte in diesem Sinne
die historische Bedeutung der Werke Schillers für die deutsche Geschichte des 19.
Jahrhunderts, in denen eine neue Staatsordnung, „deren Grundlage die freie Selbstbestimmung
der Völker und die Gedankenfreiheit des Individuums bildeten“, 111 gefordert und gegen die
Standesvorrechte des Adels aufgetreten worden war. Vor allem die Sozialdemokratie hob diese
Komponente hervor und ehrte Schiller als „Freiheitsdichter“.112
3. Schiller wurde als Repräsentant der moralischen und ethischen Wertvorstellungen des
Bürgertums verehrt. Die Innsbrucker Festredner waren einhellig der Meinung, dass seine
„hoheitsvollen sittlichen Anschauungen“, seine „sittliche Vollkommenheit, die im Gegensatz zu
Nietzsche das Geistige über das Sinnliche stelle“, ein „Vorbild des strebenden, heroischen
Idealismus“ und „ein Vorbild der sittlichen Wertordnung“ darstellten.113 Immer wieder wurde
betont, dass Schiller diesen Idealismus nicht nur in seinen Werken vertreten, sondern ihn selbst
gelebt habe und dies untermauere seine Vorbildhaftigkeit für Schüler, Lehrer und Erzieher.
Dies erklärt auch die auffallend zahlreiche Beteiligung von schulischen Einrichtungen an den
Schillerfeierlichkeiten. Schiller wurde als sittlich-moralische Instanz betrachtet und sein Leben
als idealer Lebensweg einer bürgerlichen Existenz. In Schiller sah man die Personifikation aller
108
Ebd., 9.5.1905.
Prof. Prantl betonte in seiner Festrede anlässlich der Schillerfeier am Staatsgymnasium die Tatsache, dass
nur mit dem Geist Schillers die Soldaten in den Befreiungskampf gegen Napoleon gezogen waren. Ebd.,
10.5.1905.
110
Ebd., 22.5.1905.
111
Ebd., 9.5.1905.
112
Volkszeitung, 5.5.1905.
113
Innsbrucker Nachrichten, 9.5.1905.
109
29
bürgerlichen Ideale: Adel der Gesinnung, Wahrheit, Ehre, Vaterlandsliebe, Freiheit.114 Der
Grund für seine Verehrung lag darin, dass sich in ihm die Vorstellungen eines „idealen
Deutschen“ fokussierten. Schiller wurde so zum spiritus rector des national-freiheitlich
gesinnten Bildungsbürgertums.
Zusammenfassend ist festzuhalten:
1. Die Stadt Innsbruck befand sich um die Jahrhundertwende in einem Aufbruch, der mit einem
gebremster Modernisierungsschub bezeichnet werden kann. Die beginnende Öffnung nach
außen durch die erhöhte Zuwanderung, die langsam einsetzende Industrialisierung, die
technischen Neuerungen in der Infrastruktur, die Verbesserung der Einkommensverhältnisse,
der einsetzende Demokratisierungsprozess, die langsam fortschreitende Urbanisierung, die sich
bereits im Abschluss befindliche Alphabetisierung, die Erweiterung der Bildungspalette für
Frauen, die vermehrte Partizipation der Bevölkerung am öffentlichen Leben durch
Vereinsgründungen, Festveranstaltungen, politische Kundgebungen usw. waren bestimmende
Determinanten der Jahrhundertwende mit bedeutenden Rückwirkungen auf das geistige Klima.
2. Die bürgerliche Lebenskultur entwickelte sich im städtischen Passepartout. Die Stadt stellte
die Rahmenbedingungen, den Freiraum und die Öffentlichkeit, die erst die Entfaltung
bürgerlicher Kultur möglich werden ließ. Trägergruppe war zweifelsohne das Bürgertum, aber
nicht ausschließlich. Adel und Arbeiterschaft übernahmen und adaptierten bürgerliche
Lebensideale und Wertvorstellungen. Vereinswesen und Festkultur bildeten wesentliche
Ausdrucksformen der bürgerlichen Kultur im öffentlichen Raum. Die näher skizzierten
Beispiele - Turnvereine, Gesangsvereine, katholische und liberale Vereine sowie
Heimatschutzvereine - zeigen, dass das kulturelle Leben in der Stadt sich entlang ideologischer
und klassenspezifischer Kriterien spaltete. Es gab das sozialistische, das katholische und das
deutschfreiheitliche Milieu, wobei das erstere primär der Arbeiterschaft vorbehalten war.
Innerhalb des eigenen Milieus hatte man zahlreiche Kontakte und Verbindungen, jedoch
außerhalb des Milieus nur wenige. Die Ideologien und Ideologeme, die in der Vereins- und
Festkultur transportiert wurden, waren Patriotismus, Heimatbewusstsein, Nationalismus,
Katholizismus, Liberalismus, Loyalität zur Monarchie und Sozialismus. Sie korrelierten nicht
nach einem simplifizierenden Zuordnungsmuster mit den vorher geschilderten kulturellen
Milieus, sondern zeichneten sehr eigenständige Verbindungslinien. Nationalismus,
Patriotismus, Heimatbewusstsein waren Leitkulturen, die sich eng aneinander schmiegten,
fließend ineinander übergingen und als eine Art „Über-Identität“ fungierten, die in verschieden
starken Ausprägungen in allen drei Milieus zu finden war und dementsprechend eine bindende
und verbindende Funktion innehatte. So integrierend diese Ideologeme für die Innsbrucker
Gesellschaft der Jahrhundertwende waren, so trennend war für sie der Gegensatz zwischen
114
Ebd., 22.5.1905
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liberalen und klerikal-konservativen Positionen. Bürgerliche Lebenskultur fungierte daher als
wichtiger Transporteur in der Vermittlung ideologischer Inhalte. Ideologien - auch gefährliche
– fanden so im harmlosen, geselligen Ambiente und gesellschaftlich-kulturellen Rahmen der
bürgerlichen Welt ihre Ausprägung, manifestierten sich in den Symbolen und Ritualen der
Gesellschaft und bekamen dadurch den Anstrich einer „sauberen“ Normalität, weil sie
unbewusster Teil der Gesellschaft und unbewusster Teil des eigenen Ichs wurden.
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