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1 Über Samuel Steinherz Wie kommt ein Tiroler - BMSJ.eu

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Über Samuel Steinherz
Wie kommt ein Tiroler Historiker dazu, sich mit dem in Prag wirkenden Historiker
und Juden Samuel Steinherz zu befassen? Das ist nicht allein Zufall, aus dem oft
neues entsteht, sondern hängt vor allem mit dem wissenschaftlichen Leben in der
weitläufigen Habsburgermonarchie zusammen.
Schon wegen seiner 1905 publizierten urkundenkritischen Studie über die
Vereinigung Tirols mit den österreichischen Ländern unter Margareta von Tirol und
Rudolf IV. im Jahre 1363 ist Steinherz den Tiroler Historikern, insbesondere den
Spezialisten für das Tiroler Mittelalter bekannt. Sein Name wurde vom Tiroler
Historiker Emil von Ottenthal, der später Direktor des Instituts für Österreichische
Geschichtsforschung in Wien wurde, 1898 und 1902 mit anerkennenden Worten in
Besetzungsvorschlägen für eine Professur in Innsbruck genannt, wenn auch mit dem
Bemerken, dass Steinherz nicht nach Innsbruck passe. Das muss im Nachhinein
nicht unbedingt als deutschnational und antisemitisch gewertet werden, Steinherz
hätte zu dieser Zeit tatsächlich nicht in das erzkatholische Provinznest Innsbruck mit
seinen etwa 38.000.- Einwohnern hinein gepasst. Noch heute, am Fronleichnamstag,
findet unter Beteiligung der Universität die Fronleichnams-Prozession durch
Innsbruck als machtvolle Demonstration der Herrschaft der katholischen Kirche
statt. Bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts war in der Nähe von Innsbruck
eine beliebte Wallfahrtsstätte für das „Anderl von Rinn“, der nach einer
Ritualmordlegende Opfer durchreisender Juden gewesen ist.
Der Mediävist Harold Steinacker ist eine der herausragendsten Persönlichkeiten der
jüngeren Innsbrucker Universitätsgeschichte, er war 1917/1918 Seminarkollege von
Steinherz in Prag, beide kannten sich von Wien her. Nach dem ersten Weltkrieg ist
Steinacker, der mehrere Generationen von österreichischen Historikern ausgebildet
hat, zu einem der ersten Bannerträger des Nationalsozialismus geworden. 1939 hielt
er eine „Rektorsrede am 50. Geburtstag des Führers“ und erinnerte 1942 in einer
Gedenkstunde auf den als Frontoffizier gefallenen Kleo Pleyer auch an Steinherz,
freilich ohne ihn zu nennen: „In dem tschechoslowakischen Freimaurerstaat wagte
er [Kleo Pleyer] es, einen Studentenstreik gegen einen jüdischen Rektor in Gang zu
1
bringen“. Die braune Vergangenheit von Steinacker war für die Österreichische
Akademie 1964 allerdings kein Hindernis, ihn zum Ehrenmitglied zu wählen.
In der altösterreichischen Universitätsgeschichte gibt es zahlreiche Berührungen
zwischen Prag und Innsbruck. Zum Beispiel waren in den achtziger Jahren des 19.
Jahrhunderts zwei Tiroler an der deutschen philosophischen Fakultät als
Professoren tätig, der Anglist Alois Brandl, den eine steile Karriere von Prag bis
nach Berlin geführt hat, und Julius Jung, der über dreißig Jahre in Prag Professor
der Alten Geschichte war. Im Briefwechsel zwischen Brandl und den in Innsbruck
gebliebenen Tiroler Geologen und Dichter Adolf Pichler aus den 80er und 90er
Jahren des 19. Jahrhunderts treten immer wieder judenfeindliche Positionen zum
Vorschein, beide betonen aber, wie es sich gehörte, dass sie „treffliche Juden“
kennengelernt hätten. Die Briefe aus Prag von Julius Jung an den Tiroler Alfons
Huber, der in Wien zum großen Reichshistoriographen geworden ist, spiegeln vor
allem den böhmischen Nationalitätenkonflikt wider.
Der berühmte Römischrechtler Paul Koschaker ist 1909 von Innsbruck nach Prag
(bis 1915) gegangen. Er hat von dort die besten Eindrücke mitgenommen, in seinen
Erinnerungen schreibt Koschaker: „Prag war eine geistig regsame Stadt, wie auch
die Čechen geistig und wirtschaftlich die Elite der slawischen Nation Österreichs
waren. Was die kleine deutsche Minderheit betraf, so ergab sich dasselbe schon
daraus, dass sie zum großen Teil aus Juden bestand, deren Familien, schon seit
langem in Prag ansässig, weitgehend assimiliert und hoch kultiviert waren, so dass
die Juden als Träger des Deutschtums in Prag galten. Damit scheint es mir
zusammenzuhängen, dass es keinen ausgesprochenen Antisemitismus gab“.
Tatsächlich galt beispielsweise der Fakultätskollege von Koschaker, der umfassend
gebildete Jurist Ludwig Spiegel, der zeit seines Lebens gläubiger Jude geblieben ist,
als eine repräsentative Persönlichkeit des sudetendeutschen Volkes. Er war nicht
zuletzt deshalb für das Studienjahr 1926/27 zum Rektor gewählt worden, ohne dass
die nationalistischen Studenten dagegen protestiert hätten. Er starb vor Antritt des
Rektoramtes im August 1926, es muss die Frage offen bleiben, ob er denn dieses
Rektorsamt tatsächlich angetreten hätte. Die Beisetzung von Ludwig Spiegel auf dem
Straschnitzer Friedhof in Prag war eine zeremonielle Demonstration des gesamten
2
deutschen Bildungsbürgertums von Prag. Steinherz hat wie viele seiner Kollegen
daran teilgenommen.
Beim Schreiben einer Biografie von Käthe Spiegel, der großartigen und
hochbegabten Tochter von Ludwig Spiegel, die in den 30er Jahren von den zur
Naziideologie überlaufenden deutschen Professoren auf das gemeinste drangsaliert
wurde und die auch zuschauten, wie sie ein Vernichtungslager verschickt wurde, ist
mir Samuel Steinherz immer wieder begegnet. Steinherz war ihr Lehrer im Fach
Geschichte und hat sie für die Erforschung der jüdischen Geschichte in Prag
gewonnen. Durch weitere Recherchen wurde mir deutlich, welche vornehme
Persönlichkeit Samuel Steinherz tatsächlich war. Tschingis Aitmatow hat seinem
Roman den programmatischen Titel „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ gegeben
und den schönen Gedanken vorangestellt: „Im Aufeinanderprallen des Ewigen und
Momentanen im Leben gewinnt der Mensch der Arbeit insoweit Interesse und
Gewicht, als er Persönlichkeit ist, über geistig-seelische Dimensionen verfügt, seine
Zeit sich in ihm konzentriert“. Ein solcher Mensch war Samuel Steinherz.
Die Schilderung eines Lebenslaufes, wenn sie einen Typus herausarbeitet, kann für
sich einen kulturgeschichtlichen Wert beanspruchen. Steinherz tritt aus seinen
historischen
Studien
altösterreichischen
zunächst
Historikers
als
Typus
hervor.
Der
eines
sehr
gut
österreichische
ausgebildeten
kommunistische
Schriftsteller Jura Soyfer hat einmal Studenten der Geschichte und angehende
Professoren dieses Faches als „sehr strebsame junge Leute“ beschrieben, die „mit
zweiundzwanzig schon richtig uralte Privatgelehrte“ gewesen seien. Eine solche
Charakterisierung mag auf den Studenten und heranwachsenden Historiker
Steinherz zutreffen.
Die zeitgenössischen biographischen Eckdaten von Samuel Steinherz sind im Zweiten
Jahrgang 1926 von Kürschners Deutscher Gelehrten Kalender eingetragen. Mit ein
paar Daten erweitert findet sich seine Kurzbiographie noch in Kürschners Fünften
Ausgabe 1935. Im nächsten Jahrgang, das ist jener für
1941/42, ist der Name
Steinherz gelöscht. Sein Name fehlt auch in den Totenlisten, welche in Kürschners
Ausgabe von 1950, die alle seit 1935 bekannt gewordenen Todesdaten nachträgt.
1947 notiert der große, in Wien wirkende österreichische Historiker Leo Santifaller
3
im Kontext mit der Edition von Briefen und Aktenstücken von Sickel, dass das
Todesdatum des von Steinherz nicht feststellbar gewesen sei. Das erste inhaltliche
Porträt von Steinherz hat erst der tschechische Mediävist František Kavka 1983
gegeben, worauf mich Michal Svatoš mit warmherzigen Worten aufmerksam
gemacht hat.
Für Samuel Steinherz, dem am 16. Dezember 1857 in Güssing in Südburgenland
geborenen Sohn einer nach Graz abgewanderten jüdischen Händlerfamilie, war es in
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein bisserl kapriziös, das Studium der
Geschichte zu wählen. Berufsaussichten für jüdische Historiker gab es praktisch
keine, deshalb wählten Juden Rechts- und Staatswissenschaften, Medizin,
Naturwissenschaften oder Technik, das alles ermöglichte ihnen, einen „Freien Beruf“
als Rechtsanwalt, Chemiker, Techniker usw. auszuüben. Steinherz brauchte einen
sehr langen Atem, um sich als Historiker durchzusetzen. In Graz und in Wien am
Institut für österreichische Geschichtsforschung hat Steinherz zuerst gelernt,
überlieferte
schriftliche
Geschichtsquellen
zu
einem
bestimmten
Thema
zusammenzutragen und konsequent zu bearbeiten. Dass seine Wiener Institutsarbeit
über die Beziehungen Ludwigs I. von Ungarn zu Karl IV. zwischen 1342 und 1378 in
den Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 1887 und
1888 in zwei Teilen gedruckt wurde, ist ungewöhnlich und war eine große
Anerkennung.
Steinherz blieb trotz seines gelungenen wissenschaftlichen Debüts viele Jahre ohne
richtige Anstellung. 1892 resümiert er 35jährig gegenüber dem führenden Wiener
Historiker Engelbert Mühlbacher, er müsse von seinen Eltern „wie ein hilfloses
Kind“ erhalten werden. Um eventuell als Ausweg noch die Rechtsanwaltslaufbahn
einschlagen
zu
können,
begann
er
in
Graz
mit
dem
Studium
der
Rechtswissenschaften in Graz und schloss dieses 1894 mit der Promotion ab.
Es war für Steinherz zweifellos ein Glücksfall, Anfang 1894 von Theodor von Sickel
für die Bearbeitung der Nuntiaturberichte, die das Hauptprojekt des nach der
Öffnung des Vatikanischen Archivs 1881 gegründeten Österreichischen Historischen
Instituts in Rom war, für ein bescheidenes Stipendium herangezogen zu werden.
Nuntiaturberichte
sind
die
diplomatischen
Korrespondenzen
zwischen
den
4
päpstlichen Nuntien am Kaiserhof und dem Vatikan. Sie geben über die politische
und kirchliche Entwicklung in Europa während des 16. und 17. Jahrhunderts gute
Auskunft. Sickel war Protestant und der Auffassung, dass die Weltanschauung auf
die exakte historische Wissenschaft keinen Einfluss nehmen dürfe. Steinherz erwarb
sich durch seine beharrliche, exakte Editionsarbeit, die ihn in verschiedene Archive
Europas führte, Anerkennung von Sickel, aber auch in der österreichischen
Historikerelite. Der Papsthistoriker Ludwig von Pastor, Professor in Innsbruck und
seit 1901 Direktor des österreichischen Historischen Instituts in Rom, hat 1905 Papst
Pius X. den dritten Band der von Steinherz bearbeiteten Nuntiaturberichte, das sind
die Berichte des Nuntius Delfino 1562 bis 1563, persönlich übergeben, zusammen mit
der Edition der Aktenstücke zur Geschichte des Konzils von Trient des tschechischen
Historikers Josef Šusta.
1895 wurde Steinherz von Alfons Huber in Wien für österreichische Geschichte
habilitiert, 1898 auch für allgemeine Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit.
Das spricht für Huber, der sich gelegentlich ziemlich aversiv über getaufte und
ungetaufte Juden geäußert hat. Grundlage für die Habilitation von Steinherz war
seine Arbeit über die Beziehungen Ludwigs I. von Ungarn zu Karl IV. und der erste,
1897 publizierte Band der Nuntiaturberichte aus Deutschland. Steinherz konnte an
die Gründung einer Familie denken, er heiratete im Frühjahr 1896 Sophie Kestel,
mit der er fünf Töchter hatte.
Es war für den 44jährigen Steinherz wieder eine glückliche Fügung, dass Ende
Februar 1901 mit entscheidender Unterstützung von Sickel seine Berufung als
außerordentlicher Professor der Historischen Hilfswissenschaften an die k. k.
Deutsche Karl Ferdinands Universität in Prag zustande gekommen ist. Er selbst
scheint sich nicht mehr viel Hoffnung auf eine Professorenlaufbahn gemacht zu
haben, denn im November 1900 hat er in Wien mit seiner Familie eine neue
Wohnung im III. Bezirk in der Kegelgasse 2a bezogen, vielleicht hat er schon
versucht sich als Jurist zu etablieren.
1908 wird Steinherz in Prag zum Ordinarius der Historischen Hilfswissenschaften ad
personam ernannt, in der Nachfolge von Adolf Bachmann übernimmt er im April
1915 das wirkliche Ordinariat für österreichische Geschichte. Er verknüpft diese mit
5
der „Österreichischen Reichsgeschichte“, also mit der rechtswissenschaftlich
argumentierenden Darstellung des Werdens der Habsburgermonarchie. Nach dem
Ende der Monarchie und der Errichtung der Tschechoslowakei kündigt Steinherz
weiterhin ausgewählte Kapitel aus der Österreichischen Geschichte an. Eine ihm von
Josef Šusta angebotene Übernahme der Allgemeinen Geschichte des Mittealters
lehnte Steinherz ab. Das zeigt die sehr starke Verankerung von Steinherz im Denken
Altösterreichs. Die Vorlesungen aus neuerer böhmischer Geschichte übernahm der
von Steinherz geförderte Wilhelm Wostry, der zu dieser Zeit in seiner
wissenschaftlichen Tätigkeit wie in seinem Auftreten loyal zur ČSR gestanden ist.
In Prag setzte Steinherz seine sich harzig hinziehenden Arbeiten an der Edition der
Nuntiaturberichte fort, dazu
kommt die
Drucklegung einer
Anzahl
von
urkundenkritischen Spezialuntersuchungen, darunter 1907 die Herausgabe der
Briefe des Prager Erzbischofs Anton Brus von Müglitz aus den Jahren 1562 bis 1563
und dessen 1563 datierte Denkschrift über die Herstellung der römisch katholischen
Glaubenseinheit im mehrheitlich utraquistischen und protestantischen Böhmen. Alle
Arbeiten von Steinherz sind bleibender Bestandteil der Geschichtswissenschaft.
Prominente österreichische Historiker nehmen öfter auf diese Bezug, wie in dem
2008 von Karel Hruza heraus gegebenen Buch „Österreichische Historiker 1900 bis
1945“ deutlich wird.
Die Familie Steinherz hat Logis an nobler Prager Adresse genommen, sie war Teil
des Deutschen Bildungsbürgertums. Steinherz, der sich nur wenig tschechische
Sprachkenntnisse aneignete, hat sich durchaus wohl fühlen können in der
Habsburgermonarchie, die mit ihrer Patina viel Heuchelei, Dünkel und Niedertracht
zugedeckt hat. Er wird Mitglied des „Vereins für Geschichte der Deutschen in
Böhmen“, er wird ordentliches Mitglied der „Gesellschaft zur Förderung deutscher
Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen“, die seit 1924 „Deutsche Gesellschaft
der Wissenschaften und Künste für die Tschechoslowakische Republik“ heißt, und
ist Obmann ihrer historischen Landeskommission. Nach Wien reduzierten sich die
Kontakte, Steinherz wurde dort zunehmend „übersehen“, er kam nicht einmal in die
Nähe einer Wahl in die Österreichische Akademie der Wissenschaften. Vom
Tagesgeschehen hielt sich Steinherz abseits, dadurch unterscheidet er sich
wenigstens von den meisten seiner Fachkollegen, die sich mit den reaktionärsten
6
Triebkräften der bürgerlichen Gesellschaft arrangierten und oft genug deren
ideologische Frontkämpfer waren.
In den Akten der philosophischen Fakultät Prag fällt der Name von Steinherz nicht
besonders auf, er stimmt mit der Fakultätsmehrheit. Die Fakultät war sich wie alle
bürgerlichen Professorenkollegien in ihrer Klassenstellung völlig einig. Differenzen
ergaben sich aus dem banalen Universitätsalltag wie er an jeder Universität zu
finden ist. Albert Einstein, 1911/12 Fakultätskollege von Steinherz, gab seinem
Nachfolger Philipp Frank zur Amtsübergabe ein paar Erläuterungen über zwei
Gruppierungen. Auf die Frage von Frank, ob sich die Grundsätze der beiden
Fakultätsparteien unterscheiden, ob es vielleicht politische Unterschiede seien oder
pädagogische oder sonst was, antwortet Einstein: „Ich habe derartige Unterschiede
noch nicht gefunden. Ich kann nur einen Unterschied finden: die eine Partei ist
schmierig und die andere dreckig“.
Im deutschen Kulturleben bewegt sich Steinherz unauffällig, seine historischen
Arbeiten waren für irgendeine aufgeregte öffentliche Rezeption nicht geeignet.
Historische Ereignisse, die an sich fähig gewesen wären, die Richtung seines Denkens
und Handelns zu bestimmen, blieben vorerst ohne erkennbare Wirkung. Das kann
als eine allgemeine Eigenschaft von Kleinbürgern im Imperialismus bezeichnet
werden, in ihrer Anpassung, auch in ihrer Unterordnung, die im Ergebnis Billigung
bedeutet. Der Beginn des ersten Weltkrieges stellt das Weltbild von Steinherz, so hat
es den Anschein, auch nicht in Frage. Nach dem vierten Kriegsjahr, als der Hunger
die Massen ergriff, bedauert er zu Beginn der Sommerferien 1918 gegenüber einem
Wiener Freund, er müsse wohl in diesem Sommer in Prag bleiben, es habe sich
wegen der Zeitumstände nichts angeboten.
Für das Studienjahr 1922/23 hatte die philosophische Fakultät den Rektor zu stellen
und der 65jährige Steinherz wurde im Sommersemester auf Grund seines
Dienstalters gewählt. Gleich nach seiner Wahl organisierten sich deutschnationale
studentische Banden und kündigten scharfe Proteste an, falls er das Amt antreten
sollte. Steinherz war vom Zweifel an seinem Deutschsein offenkundig getroffen, er
glaubte mit einer am 6. Juli 1922 veröffentlichten Erklärung über sein „Deutschtum“
dem Antisemitismus die Spitze zu nehmen:
7
„[…] Ich bin durch meine Eltern, durch Erziehung und Schulbildung ein Deutscher,
habe mich immer als solcher bekannt, und habe niemals auch nur den geringsten
Anlass gegeben mein Deutschtum zu bezweifeln. Ich muss daher jede Discussion über
diesen Punct ablehnen. […]“
Der tschechische Historiker Václav Vojtíšek stellt in einem 1966 abgefassten Bericht
über seine Erfahrungen mit deutschen Fachkollegen in Prag fest, dass die meisten
Professoren und Dozenten jüdischer Herkunft „der deutschen Sache ergeben“
gewesen seien. Es wird richtig sein, wenn Vojtíšek diesen deutschjüdischen
Professoren unterstellt, sie hätten kein Interesse am tschechischen Milieu gehabt.
Steinherz mag eine apolitische Haltung gehabt haben, eine apolitische Haltung ist zu
allen Zeiten natürlich auch eine politische und macht, es muss das gesagt werden,
manches Unheil erst möglich. Bertolt Brecht beginnt 1932 seine „Ballade von der
Billigung der Welt“ so: „Ich bin nicht ungerecht, doch auch nicht mutig / Sie zeigten
mir da heute ihre Welt / Da sah ich nur den Finger, der war blutig / Da sagt ich eilig,
daß sie mir gefällt/“.
Dem Historiker Hans Hirsch, der seit 1918 in Prag war und 1926 nach Wien ging,
schreibt Steinherz aus den Sommerferien 1922, er schlafe nicht wie ein Gerechter,
„sondern wie zehn Gerechte“. Dann fügt er noch eine kleine abfällige Bemerkung
über den von der Deutschen Universität diskriminierten Historiker Rudolf Koss
hinzu, dieser gebe sich bei Präsident Masaryk als Opfer seiner gemäßigten auf
Völkerverständigung gerichteten Haltung aus.
Im November 1922 kam es zu einer scharfen Streikaktion von deutschnationalen
Studenten, die auf den Rücktritt von Steinherz als Rektor abzielte. Hauptorganisator
war der aus einer kinderreichen sudetendeutschen Arbeiterfamilie stammende
24jährige Geschichtestudent Kleo Pleyer, der wohl auch in den Vorlesungen von
Steinherz gesessen ist. Sein Bruder Wilhelm Pleyer hat aus nazistischer Sicht in
seinem 1934 veröffentlichen und vielgelesenen Roman „Der Puchner“ darüber
geschrieben, wie deutsche Studenten gegen die „Standarte Judas auf den Mauern der
ältesten deutschen Universität“ protestierten.
8
Steinherz, dem immerhin 52 Prager Hochschullehrer am 21. November 1922 ihr
Vertrauen aussprachen und der von der liberalen „Lese- und Redehalle der deutschen
Studenten in Prag“, von der „Freien Vereinigung sozialistischer Akademiker“ und
vom „Verein jüdischer Mediziner“ solidarischen Rückhalt erhielt, entschloss sich in
seinem Rektorsamt zu bleiben. Es ist das eine überraschende und sehr mutige
Haltung von Steinherz.
Noch war die Horde der Nazis klein an Zahl, die deutschnationalen Studenten
mussten mit einer wüsten antisemitischen Deklaration ihren Streik beenden, dürften
auch von der würdigen Haltung von Steinherz überrascht gewesen sein. Nazistische
Sympathiestreiks hat es in Wien, Innsbruck und Graz gegeben, Solidaritätsadressen
von Professorenkollegien an Steinherz sind aus Österreich keine überliefert. Im
Februar 1923 reichte Steinherz ein Rücktrittsgesuch ein, das tschechoslowakische
Schulministerium lehnte dieses mit der Begründung ab, dass nach der Verfassung
der ČSR alle Bekenntnisse gleich seien: „Deshalb kann ein Jude Rektor sein,
besonders, wenn er gewählt und bestätigt ist“.
In Europa begann insgesamt eine kurze Periode der relativen Stille. Der
österreichische Lyriker und Journalist Arthur West (1922-2000) schreibt ein schönes
Gedicht „Zeitzeichen“: „Die Zeichen der Zeit sind / durchaus deutbar. / Die Zeichen
der Zeit sind also / auch durchaus mißdeutbar. / Manche verstehen sie richtig, / manche
jedoch falsch; / und manche deuten sie richtig / für sich, jedoch falsch vor den andern, /
damit diese andern die Zeichen / nicht richtig verstehen“.
Hat Steinherz die Zeichen der Zeit analysiert und aus den Auseinandersetzungen um
sein Rektorat irgendwelche Konsequenzen gezogen? Bruchstücke der Überlieferung
lassen Interpretationen zu, sie müssen nicht richtig sein. Es treten für den Historiker
Konturen seiner Persönlichkeit als ein seinem Glauben treu ergebener Jude
deutlicher als bis dahin hervor. Steinherz verharrte nicht, um mit Kant zu sprechen,
in „Unmündigkeit“, er brachte den Mut auf, „anders zu denken“.
Zum 70. Geburtstag von Steinherz hat die Deutsche Universität am 8. Dezember
1927 eine schöne akademische Feier im Klementinum ausgerichtet, Wilhelm Wostry
sprach die akademische Würdigung. Mit 1. März 1928 wurde Steinherz emeritiert.
9
Steinherz
hat
inzwischen
begonnen
sich
sowohl
wissenschaftlich
wie
wissenschaftsorganisatorisch mit der Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
und besonders in Prag zu befassen, er näherte sich der internationalen jüdischen
Organisation B’nai B’rith an. Vojtíšek nennt in seinem Bericht Steinherz einen
„Zionisten“. Eine solche Parteinahme von Steinherz ist mir in den Akten nicht
aufgefallen, was aber nicht alles bedeutet. Es ist das eine Formulierung, die den
politischen Verhältnissen in der CSR der sechziger Jahre entsprechen könnte. 1927
gab Steinherz einen Sammelband „Die Juden in Prag“ heraus, mit dem Untertitel:
„Bilder aus ihrer tausendjährigen Geschichte“. Es war die Festgabe der Loge Praga
des Ordens B’nai B’rith zum Gedenktag ihres 25jährigen Bestandes, Steinherz
schrieb darin über „Die Einwanderung der Juden in Böhmen“. Auf Wunsch von
B’nai B’rith organisierte er eine „Gesellschaft für Geschichte der Juden in der
čechoslovakischen Republik“, die ab 1929 ein eigenes Jahrbuch mit ihm als
Schriftleiter herausgab. Es war für Steinherz der Aufbruch zu einer neuen und nicht
nur für ihn selbst sehr wichtigen Aufgabe. Die „Gesellschaft“ und ihr „Jahrbuch“,
von Steinherz mit seiner großen Erfahrung angeleitet, stimulierte historische Studien
zur Geschichte der Juden in Böhmen und Mähren, die zu den „jüdischesten“
Provinzen der Habsburgermonarchie gehört hat.
Steinherz hat als Emeritus seinen Forschungen einen Richtungswechsel gegeben, er
hat nicht aufgehört weiterzugehen und ist immer deutlicher getragen von der Liebe
zu seinem Glauben. Der neunte und letzte Jahrgang dieses Jahrbuches erschien 1938,
Steinherz schrieb darin eine Abhandlung über „Sage und Geschichte“, die das
Wirken des Buchdruckers Mardochai Kohen aufgreift, dem und dessen Sohn Bezalel
ein Grabstein aus dem Jahre 1592 auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag
gewidmet ist. Dieser Blick auf einen unter den vielen tausenden von Grabsteinen auf
dem alten jüdischen Friedhof war die letzte publizierte wissenschaftliche Arbeit vom
inzwischen 80jährigen Steinherz. Es mag das Ausdruck seiner spirituellen
Vertiefung sein.
Anlässlich seines 80. Geburtstages ehrte am 28. November 1937 B’nai B’rith Samuel
Steinherz.
Am
14.
Dezember
1937
druckte
die
Bohemia
einen
kleinen
Geburtstagsartikel für ihn ab und erinnert, dass sein Rektorat „zu heftigen
politischen Auseinandersetzungen auf akademischem Boden“ geführt habe: „Als
10
Mensch und Lehrer erfreute sich Steinherz der ungeteilten Sympathien seiner Kollegen
und
Schüler“
-
so
die
Bohemia.
Die
massiven
Judenverfolgungen
in
Hitlerdeutschland schienen weit weg zu sein.
Nach der Heimholung der Ostmark ins Reich im März 1938, so die Sprachregelung
von Deutschland für die Annexion Österreichs, war die bürgerlich demokratische
Tschechoslowakei in das Zentrum des Interesses deutscher Banken und
Industriekonzerne gerückt. Das von Steinherz geliebte Wiener Institut für
Geschichtsforschung stellte 1938 dem ersten Heft seines in diesem Jahr unter der
Leitung der österreichischen Historiker Wilhelm Bauer und Otto Brunner
herausgegebenen 52. Bandes, ohne in irgendeiner Weise dazu gezwungen zu sein, die
Hymne voran: „Was seit dem Fall des ehrwürdigen alten Reiches die Besten unter
unseren Vorfahren immer wieder ohne Erfolg erstrebt haben, ist durch den
entscheidenden Zugriff eines gottbegnadeten Führers, den wir mit Stolz und Freude
den unsern nennen dürfen, Wirklichkeit geworden. Österreich ist ins Reich
zurückgekehrt.“ Wilhelm Bauer, der „Juden auf den ersten Blick zu erkennen“
meinte, hat am Beginn seiner akademischen Karriere dem Prager Professor
Steinherz noch seine Arbeiten geschickt, um sein Wohlwollen zu erlangen.
Mit 1. September 1939 wurde die Deutsche Universität Prag in die Verwaltung des
Deutschen Reichs übernommen. Steinherz war nach einem langen Leben in der
Habsburgermonarchie
und
in
der
bürgerlich
demokratischen
Republik
Tschechoslowakei im Deutschen Reich angekommen. Das Leben ging für ihn und
seine Familie noch irgendwie weiter, vielleicht getragen von der Hoffnung, auch diese
Zeit der Verfolgung werde irgendwie vorbei gehen.
Am 6. Juli 1942 wurden Steinherz und seine Frau Sophie, wahrscheinlich mit den
beiden bei ihnen lebenden Töchtern Antonie und Irene, nach Theresienstadt
deportiert. Salomo bar Simeon hat im 12. Jahrhundert geschrieben: „Und als sie
mitsammen geschlachtet wurden, bevor ihre Seele entwich, da ergriffen sie einander bei
den Händen, und starben mitsammen im Strome und verwirklichten an sich das Wort:
In ihrem Tod nicht getrennt“. Welch religiöser Trost in der Realität der herzlosen
Welt! Am 16. Dezember 1942 ist Samuel Steinherz verstorben, kurz zuvor hat er, fast
erblindet, noch über jüdisches Leben in Böhmen vorgetragen.
11
(Prof. Gerhard Oberkofler hielt diesen Vortrag am 23. Juni 2011 im Jüdischen Museum in
Prag im Rahmen der Steinherz-Vorlesungen der Samuel-Steinherz-Siftung.)
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