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Ansprache zum Werkstattgottesdienst 2014 Wir sind „Frei wie noch

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Ansprache zum Werkstattgottesdienst 2014
Wir sind „Frei wie noch nie“ – und meinen wir das ernst? Oder bleibt da ein
Beigeschmack?
Es ist eine alte Menschheitserfahrung, dass Versuche zur Befreiung meistens in
eine neue Sackgasse führen. Dieses Manko aufgreifend, hat die Bibel definiert,
was Freiheit wäre, wenn sie wäre….
Christus hat uns „zur Freiheit befreit“. Warum ist uns dieser Satz so wertvoll,
dass wir ihn als zentrale Aussage der Bibel hier in die Mitte des Gottesdienstes
stellen?
Drei fast schon bekannte Bilder können uns dazu etwas sagen:
Auf dem Werksattplakat sehen wir ein Symbol der Freiheit – die Vögel.
Wie sieht deren Freiheit aus? Vogelfrei sein, allein reicht nicht, sonst wäre dieser
Schwarm nicht auf unser Plakat gekommen. Sie folgen einer Struktur, die sie erkennbar macht.
Ein anderes ansprechendes Bild ist ein Album der Rockmusik:
4-Wege-Straße „4 way Street“ von Crossby, Stills, Nash & Young. Jeder dieser
Vier konnte sich neben dem Anderen entwickeln, jeder hatte die Freiheit einerseits er selbst zu sein, andererseits etwas für die Gruppe zu leben. Uns so nannten sie ihr Album.
In seinem Buch „Die Morgenlandfahrt“ schreibt Hermann Hesse über einen
Bund, der zu einem gemeinsamen Ziel unterwegs ist und das Bundesgesetz beachtet. Wer aber mitgenommen werden wollte, musste neben dem großen gemeinsamen Ziel auch seinen eigenen Traum dabei im Herzen tragen. Den galt es
ebenso zu erfüllen. Und damit war gar kein hochtrabender Anspruch gemeint.
„Seinen eigenen törichten Kindheitstraum“ nennt er das.
Ebenso im „Glasperlenspiel“: nicht das rückhaltlose Suchen und Profilieren des
Selbst steht da im Mittelpunkt, sondern sich einzuordnen.
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Man bringt sich ein aus einem Plus an Individualität, nicht aus einem Minus.
Die individuelle Verwirklichung ergibt sich im Dienen schon fast nebenbei. So
stellt uns das Hermann Hesse in seinem Hauptwerk das befreiende Verhältnis
von Dienen und Verwirklichung vor Augen.
Der soziale Aspekt der Freiheit lässt uns erkennen, wie wir unsere Freiheit vorfinden. Wir bleiben frei, uns zu verwirklichen, wenn wir uns einbinden in eine
Struktur, die uns bindet, aber auch trägt.
Frei sind wir dann, wenn wir unserer inneren Stimme folgen können, wenn wir
so leben und arbeiten, dass wir es sind, die handeln und – aus diesem Plus an Individualität – uns einbringen können. Den Gesetzen der Inneren Notwendigkeit
zu folgen, wurde immer als Bestandteil des Gewissens geachtet. Im kirchlichen
Raum steht absolut nichts über dem Gewissensentscheid. Diese letzte Freiheit ist
auch der Gradmesser, wenn wir vor Gott stehen. Uns schränkt dann keine
menschliche Festlegung mehr ein. Schließlich kam Jesus nicht, um Verbote aufzustellen, sondern zu ermutigen und die Angst zu nehmen.
So gilt wohl der Anspruch, aus der Wucht der Unbedingtheit zu leben. Wohin
haben wir das mit dem Gewissen heute abgegeben, wo doch dieser Begriff zunehmend aus dem öffentlichen Raum ausgewandert zu sein scheint? Haben Facebook & Co. das übernommen? Oder ist eine entfremdete Form von Selbstverwirklichung an diese Stelle getreten? Ist es mehr ein narzisstisches Kreisen um
den Rausch unserer eigenen Potenziale?
Hat es unser Gewissen an die Seite gedrängt?
In der heutigen Schriftlesung beglückwünscht Paulus zur neu gewonnenen Freiheit. Und nicht umsonst ergeht gleichzeitig die Erinnerung:
„Aber missbraucht eure Freiheit nicht als Freibrief zur Befriedigung selbstsüchtiger Wünsche, sondern dient einander in Liebe.“
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Nutzen wir unsere Freiheit, die innere Stimme, um unseren inneren Kompass, zu
stärken und dem Gewissen zu folgen? Oder lassen wir uns verführen, bis wir
nicht mehr wir selbst sind? Dann wäre es möglich, dass wir, einer Zwiebel gleichend Schale um Schale um einen Kern sind, der nicht mehr existiert.
Dagegen können wir uns stark machen, durch das Gebet, durch Konzentration,
das Orientiert-Bleiben auf ein Ziel hin, das Zurücknehmen von Ablenkungen,
die Stille, ein Wachstum mit Vertiefung, Verbunden-Sein mit Himmel und Erde.
Häufig entsteht das produktive Tätig-Sein erst in Verbindung mit Kontemplation. Wie Hermann Hesse im „Glasperlenspiel“ eindringlich schreibt, kannten
Menschen, die Großes geleitstet haben, einen Weg in die Meditation oder in
einen ähnlichen Zustand.
Mit zunehmender Freiheit wächst die individuelle Verantwortung zwar auch für
unsere Selbstwerdung, aber auch für soziales Miteinander in der Gemeinschaft.
Dabei entstehen neue Bindungen und Grenzziehungen. In unseren sozialen Bezügen und auch in Beziehung zu uns selbst sehen wir uns als „Gebunden durch
selbstbereiteten Ordnungszwang“, wie Thomas Mann die Dialektik der Freiheit
auf den Punkt gebracht hat.
Wie gehen wir mit unserer Freiheit als soziale Wesen um? Entsteht dadurch auch
Freiheit für die Anderen oder nehmen wir uns nur unsere Freiheiten heraus und
engen unsere Mitmenschen dadurch ein?
Werden Andere durch den Gebrauch unserer Freiheit an den Rand gedrängt oder
rausgedrängt? Werden Menschen, die am Rande stehen, eingelassen? Sind wir
eine Geschlossene Gesellschaft, innerhalb derer man sich vielleicht sogar frei
fühlen kann? Doch bauen wir unsere Gesellschaft, unser Land zu einer Festung
um? Wie gebrauchen wir auch hier unsere Ressourcen? Wie unser Finanzen?
Sind wir bereit zu teilen? Unterstützen wir Strukturen des gerechten Handels mit
den armen Ländern unserer Einen Welt?
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Unsere Freiheit realisiert sich in unserer Kultur über weite Strecken auch über
die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Defizite hierbei sind die massiv erlebten Einschränkungen an Freiheit vieler Menschen, die in unserem Kontext leben.
Dem begegnen wir mit Themen- und Interessengruppen, durch die über unser
Tätigsein Freiräume erwachsen, in denen Selbstverwirklichung stattfinden kann.
Diese Erwartungshaltung wird uns überall, wo offene Strukturen zur Mitbeteiligung einladen, angeboten. Sind wir „Frei wie noch nie“ uns da einzubringen
oder Neues zu gestalten?
Für uns Menschen ist Freiheit so etwas wie ein Schwebezustand, vorübergehend
erhalten, um daraus Neues entstehen zu lassen. Die Wachstumsprogramme sind
in uns und um uns herum.
Nutzen wir also die Freiheit von etwas, gleichzeitig aber auch die Freiheit für etwas - dann gehört komplementär zu unserem „Frei noch nie“ ein „Gebunden wie
noch nie“, das Gehalten Sein, in unseren Gruppen, die 4-Way-Street.
Es entsteht das neue Gepräge der Gesellschaft, der OA, von Familien und
Freundschaften mit ihren Eigengesetzlichkeiten, Eingrenzungen, Rücksichten,
Bezogenheitsmustern und mit ihrem Schutzraum, der uns hält.
Freiheit muss zuweilen auch verteidigt werden gegen Versuche, die unsere Freiheit erneut untergraben würden. In seinem „1984“ hat Orwell in bündiger Form
einen Marker aufgestellt, der manchen von uns sagt, in welchem erschreckendem Maß wir unsere Freiheit auch schon wieder abgegeben oder verloren haben:
„Freiheit bedeutet die Freiheit zu sagen, dass zwei und zwei vier ist.“
Der Anspruch an unsere Freiheit bringt es mit sich, den Anfängen zu wehren und
Nuancenverschiebungen zur Unfreiheit der Unwahrhaftigkeit hin nicht mitzutragen.
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Unsere Freiheit besteht immer in werdenden und vergehenden Freiräumen, existieren diese nun allein innerlich oder bloß äußerlich oder werden sie auf beiden
Ebenen realisiert.
„Die Innere Freiheit des Christenmenschen“ von Luther neu ins Bewusstsein gehoben und auf drastische Weise erlebt von Bonhoeffer, selbst unter den Bedingungen des Konzentrationslagers erlebt, drängt uns, die Aufmerksamkeit und
Sorgfalt auch bei diesem Aspekt der Freiheit zu kultivieren.
Nicht nur Unfreiheit kennt viele Gesichter, auch die Freiheit. Versuchen wir uns
immer unserer Freiräume bewusst zu bleiben und im dialogischen Miteinander
diese für uns und die Mitmenschen auszubauen. So tun wir etwas für die Menschenwürde in allen Zusammenhängen, die uns Gott in dieser Welt als Aufgabe
anvertraut.
Matthias Stieber
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Seele and Geist
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