close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

EBOLA und die BOKU EBOLA und die BOKU – Wie geht denn das

EinbettenHerunterladen
EBOLA und die BOKU
Wie geht denn das zusammen ?
Die rekombinanten Tabakpflanzen in denen in den USA das „Wundermittel“ ZMapp exprimiert
wurde, stammen aus den Laboren in der Muthgasse 18.
EBOLA und die BOKU – Wie geht denn das zusammen ?
Friedrich Altmann, Department für Chemie, BOKU Wien
Die Verwendung von Tabakpflanzen zur Expression von therapeutischen Antikörpern wurde durch die
Entdeckung der Gene für die zwei Enzyme ermöglicht, welche die pflanzliche Glykosylierung für den Menschen
immunogen machen (core α1,3-Fucose, Xylose). Das erlaubte in der Folge die Konstruktion von Pflanzen, in
denen diese Enzyme weitestgehend ausgeschalten sind. Diese Entwicklung fand an der BOKU statt. Die
transgenen Pflanzen wurden an kooperierende Firmen in Deutschland und in Folge den USA weitergegeben. Dort
entschieden sich nun Virologen dafür, die anti-Ebola Antikörper in dem neuartigen Expressionssystem Tabak
herzustellen, was den Vorteil hat, dass die Antikörper keine α1,6-Fucose tragen. Solche unfukosylierten
Antikörper haben eine etwa 50-fach höhere Effizienz bei der Antikörper-vermittelten zellulären Zelltoxizität
(ADCC), was für die Virus-Bekämpfung von grossem Vorteil ist. Der Einsatz dieser in Pflanzen produzierten
Antikörper ist ein Novum. Während die Tatsache, dass die 2 versuchsweise mit diesem neuen Präparat (ZMapp)
behandelten Patienten nun genesen sind, beweist zwar nicht unbedingt dessen Wirksamkeit, sehr wohl aber die
grundsätzliche Verträglichkeit. Sollte sich erweisen, dass man das dringende benötigte Mittel gegen Ebola rasch
genung und in ausreichender Menge auf diese Weise herstellen kann, wäre das die Krönung der zähen Arbeit
von Herta Steinkellner und ihren Mitstreitern Friedrich Altmann und Richard Strasser.
Ein völlig anderer Aspekt, der sich aus der Immunogenität pflanzlicher Glykoprotein ergibt, ist ihr Einfluss in der
Allergiediagnostik. Die core α1,3-Fukose kommt in Pflanzen (Pollen, Nahrungsmittel) und Insekten (Bienengift,
Wespengift etc.) vor und führt bei ca 1/5 aller Allergiker zu falsch positiven Reaktionen. Ein von der AltmannGruppe entwickelter Inhibitor für solche Patienten die Diagnostik treffsicherer machen.
Als im Frühsommer die ersten Berichte über die Ebola-Epidemie in Westafrika erschienen, feuerten ein
paar Neuronen in einem hinteren Winkel meines Gehirns. Ebola, Ebola, ... da war doch was. Hatte ich
nicht vor gewisser Zeit einen anti-Ebola-Antikörper analysiert, welcher in den Tabakpflanzen von Herta
Steinkellner (vom Department für Angewandte Genetik und Zellbiologie, DAGZ) exprimiert worden war?
In der Tat, da gab es sogar eine Publikation (Castilho et al., 2011), für die in meiner Forschungsgruppe
Analysen der Glykosylierung dieses Antikörpers durchgeführt worden waren. Herta hatte sogar die
Ehre, Coautorin des Papers zu sein, in dem in vitro die besonders gute Wirkung dieses Antikörpers
gezeigt wurde(Zeitlin et al., 2011). Schade, dass diese Arbeit wohl nur für den Elfenbeinturm der
Wissenschaft war und den jetzt betroffenen Menschen nicht helfen wird.
Wie ein Donnerschlag kam dann die Nachricht, dass dieser Antikörper zwei Patienten in Liberia
verabreicht worden war. Dieses Präparat, genannt ZMapp, genaugenommen ein Gemisch aus drei
Antikörpern, war allerdings noch kein zugelassen Medikament. Gerade erst waren Versuche mit Affen
abgeschlossen worden, deren Ergebnis nur mässig überzeugend war. Gegen alle Regeln der Zulassung
und Anwendung neuer Medikamente wurde ZMapp an diese Patienten getestet, von denen man heute,
22. August 2014, weiss, dass sie geheilt sind. Die ethischen und moralischen Implikationen dieses
Versuchs füllen die Zeitungsspalten und beschäftigen die WHO.
Hier möchte ich die wissenschaftlichen Hintergründe dieser aufregenden Geschichte, deren Ende freilich
noch gar nicht abzusehen ist, darlegen.
Tierische Zellen zur Expression von Glykoproteinen
Nachdem um 1980 die rekombinante Expression einfacher Proteine in Bakterien gelang, tauchte bei
Interferonen, Antikörpern und anderen Serumproteinen rasch das Problem auf, dass diese Proteine
natürlichweise Zuckerketten tragen, also Glykoproteine sind. Baktieren können solche Glykosylierungen
aber nicht durchführen (wenn überhaupt, dann ganz andere und das ist mindestens genauso
unerwünscht wie keine Glykosylierung) und so schlug die Stunde der allerdings viel teureren und
komplizierteren tierischen Zellkultur, bei der die BOKU unter Prof. Hermann Katinger im frühesten
Stadium mitmischte. Es wurden nebst Anderem Zellen aus Mäusen (z.B. NS0-Zellen) und vom
chinesischen Hamster (CHO-Zellen) eingesetzt. Letztere haben sich gegenüber allen anderen tierischen
Zellen durchgesetzt und der Produktivität und verwandten Faktoren war dafür ein wesentlicher Grund,
dass CHO-Zellen die Glykoproteine nicht mit für Menschen fremden Zuckerresten (α1,3-Galaktose und
N-Glykolylneuraminsäure) ausstatten. So gut wie alle Tiere tragen solche Strukturen auf ihren
Glykoproteine, höhere Affen aber verloren diese Merkmale – vermutlich als Reaktion auf Pathogene,
welche diese Strukturen als Rezeptoren nutzten.
Alternative Expressionsysteme
Daneben wurde auch mit allerlei Schimmelpilzen und Hefen experimentiert, deren Glykosylierung
allerdings noch drastischer von der menschlichen abwich. Einem Wiener Molekularbiologen, Tilman
Gerngross, gelang hier ein vielbeachteter Coup, indem er die Enzymmaschinerie von Pichia pastoris
gezielt so modifizierte, dass diese Hefe nunmehr human Glykosylierungen (genauer N-Glykosylierungen)
erzeugen kann. Seine Start-up Firma wurde kolportierterweise um 400 Mio. € an Merck verkauft. Diese
Summe wird verständlich, wenn man sich die jährlichen Umsätze mit rekombinanten Antikörpern von 50
oder mehr Milliarden $ vergegenwärtigt.
Ungeachtet des Siegeszuges der CHO-Zellkultur wurde und wird auch mit Insektenzellen und mit
Pflanzen als Expressionsystem experimentiert. Und hier kommen die beiden BOKU Departments für
Chemie bzw. für Angewandte Genetik und Zellbiologie ins Spiel. Ausgehend von der Beobachtung, dass
das Hauptallergen des Bienengifts ein Glykoprotein ist, postulierte Prof. Leopold März - später dann
viele Jahre Rektor der BOKU - einen Zusammenhang zwischen der Allergenität und der Glykosylierung
dieses Proteins. Darauf soll im Kapitel „Zucker als immunogene Determinanten“ eingegangen werden.
Im Angesicht der enormen Produktivität der tierischen Zellkultur und der zahlreichen Zulassungen der
entsprechenden Produkte stellt sich natürlich die Frage, warum man an alternativen
Expressionssystemen arbeiten sollte. Der ursprüngliche Antrieb der billigeren Produktion stand Pate bei
der Förderung des grossen EU-Projekts Pharmaplanta, bei dem anti-HIV Antikörper (die „Katinger“Antikörper) in Mais oder Tabak für eine kostengünstige HIV Prophylaxe in z.B. afrikanischen Ländern
erzeugt werden sollten. Immerhin erwies dieses Projekt (an dem auch die BOKU beteiligt war), die
grundsätzliche Möglichkeit der technischen Produktion von „Plantibodies“.
Ein zweiter und nach wie vor aktueller Punkt ist die biologische Sicherheit. Produkte aus tierischer
Zellkultur müssen aufwändige und teure Virus-Inaktivierungsschritte über sich ergehen lassen, was bei
weniger stabilen Proteine sehr problematisch ist. Ein pflanzliches System ist hier von vorneherein als
wesentlich unbedenklicher anzusehen.
Ein dritter Punkt könnte die patentrechtliche Situation bei der Herstellung von nicht-fukosylierten
Antikörpern sein. Soll heissen, man kann den Patentschutz auf dahingehend modifizierte tierische Zellen
umgehen, wenn man die Antikörper in Pflanzen herstellt.
Schliesslich kann man noch die schmerzliche Erfahrung vieler Forscher und Forscherinnen ins Treffen
führen, dass sich ein bestimmtes Zielprotein in einem ansonsten gut funktionierenden Expressionsystem
schlecht bis gar nicht herstellen lässt. Alternativen zu haben, erscheint somit grundsätzlich als sinnvoll.
Fig. 1: Tabakpflanzen in einem Gewächshaus der Firma Kentucky Bioprocessing. ( Quelle: Berliner Zeitung
25. August 2014 bzw. Foto: kentucky bioprocessing)
Jedenfalls gibt es Forscher und Firmen, welche an die Sinnhaftigkeit von Pflanzen als Expressionssystem
glauben. Eine Vielzahl von Pflanzen kommt hier in Frage. Eine exotische anmutende, aber bereits
tatsächlich zur Herstellung eines Arzneimittels eingesetzte Möglichkeit sind Karottenzellen
(www.protalix.com), Mooszellen (www.greenovation.com) , Mais (mit dem Vorteil ein natürlich
konserviertes Erntegut zu erhalten) oder eine Tabak-Variante (Nicotiana benthamiana). Tabak bietet
Vorteile im Hinblick auf Biomassebildung und den Modus der Einbringung des Transgens. Dieses wird in
Form einer Virussuspension auf die ausgewachsenen Pflanzen aufgebracht und etwa eine Woche später
werden die Blätter samt rekombinantem Antikörper geerntet. Notabene handelt es sich dabei um für
Menschen völlig ungefährliche Pflanzenviren. Aus einer Vielzahl von Gründen werden die Pflanzen in
abgeschlossenen Gewächshäusern gezogen (siehe Fig. 1). Dies und das nachfolgende, aufwändige
Downstream Processing enttäuschen freilich die ursprünglichen Hoffnungen auf eine sehr
kostengünstige Produktion in Pflanzen.
Zucker als immunogene Determinanten auf Glykoproteinen
Die Strukturaufklärung der Bienengift-Glykosylierung durch Erika Staudacher und Friedrich Altmann
zeigte das Vorhandensein der „unmenschlichen“ core α1,3-Fukose (Kubelka et al., 1993). Dieses
Strukturmerkmal wurde etwa zur gleichen Zeit andernorts auch in pflanzlichen Glykoproteinen entdeckt
und als immunogene Determinante erkannt (Fig. 2). Altmann zeigte, dass in der Tat viele
Bienengiftallergiker IgE Antikörper gegen diese Struktur aufweisen (Tretter et al., 1993). Die Antikörper
sind sehr spezifisch gegen die core α1,3-Fukose und und führen bei etwa einem Fünftel aller Allergiker
zu Kreuzreaktionen gegen alle möglichen Extrakte aus Pflanzen, aber auch gegen Insektengifte oder
Küchenschaben – jedenfalls bei der in vitro Serumanalyse. Diese „cross-reactive carbohydrate
determinant“ (CCD) wird seit geraumer Zeit allerdings als klinisch irrelevant erachtet, da ganz
offensichtlich Personen mit anti-CCD IgE zum Glück keineswegs allergisch auf all diese Stoffe reagieren.
Daraus ergibt sich ein beachtliches Problem für die in vitro Allergie-Diagnostik. Personen mit anti-CCD
IgE sind scheinbar auf alles allergisch, was von Pflanzen stammt und obendrein noch auf Insektengifte.
Da Bienen- und Wespenstiche qua anaphylaktischem Schock äusserst ernste Komplikationen bis hin zum
Tod durch Kreislaufversagen auslösen, belastet eine solche Diagnose diese Patienten sehr - in den
meisten Fällen aber völlig unnötig. Nachdem die etablierten Firmen dieses Problem der falsch-positiven
Allergietests einige Jahre offenbar ignorierten, versuchen nun BOKU-Forscher eine einfache und
kostengünstige Methode zu verbreiten, wie die CCD-Problematik gelöst werden kann (Holzweber et al.,
2013) (siehe auch www.proglycan.com).
Während sich somit alle Experten weitgehend einig sind, dass die pflanzlichen CCDs klinisch keine Rolle
spielen, gibt es den etwas isolierten Fall anaphylaktischer Reaktionen auf rekombinante Antikörper aus
Mauszellen. Der Grund dürften α1,3-Galaktose-Reste sein, die bei allen Tieren aber nicht bei höheren
Affen und Menschen auftauchen und somit immunogen sind. Im Allgemeinen dürfte diese α-Gal ähnlich
irrelevant sein wie die core α1,3-Fukose und bei Fleisch- oder Milchallergien einen ähnlich
verschleiernden Effekt haben. Die wenigen Fällen von klinischen Komplikationen bei der Verabreichung
eines rekombinanten Antikörpern führen offenbar in der gegenwärtigen Diskussion über die Zulassung
von ZMapp zu warnenden Stimmen über die Gefährlichkeit von noch nicht zugelassenen Medikamenten
(siehe z.B. Kapitel „Kaum erprobtes Medikament kann schwere Nebenwirkungen haben“ in
http://www.lifeline.de/news/medizin-gesundheit/zmapp-so-wirkt-der-antikoerper-cocktail-gegenebola-id136107.html). Notabene, die anaphylaktischen Schocks traten bei Gabe von dem längst
approbrierten und tausendfach eingesetzten mAb Cetuximab auf.
Zurück zu den pflanzlichen Glykoproteinen. Die Anwesenheit von anti-CCD IgG Antikörpern lässt sich bei
etwa 50 % aller Personen feststellen. Generell sieht man es nicht gerne, wenn gegen ein parenteral
verabreichtes Protein Antikörper im Blut des Patienten vorhanden sind, da die gebildeten
Immunkomplexe zu Entzündungserscheinungen führen können. Auf jeden Fall senken sie die
Halbwertszeit und somit Wirksamkeit des Präparats. Man spekuliert auch, dass es über AntigenPräsentation zum „Epitop-Spread“ führen könnte. Dann würden Antikörpern gegen das Protein selbst
gebildet, was vor Allem für Daueranwendungen (Substitutionstherapien) besonders unerwünscht ist.
Mehr dazu auch noch im folgenden Kapitel „Enzymsubstitution“.
Eine andere, schon lange bekannte Determinante auf Glykoproteinen und Zellen von Säugetieren ausser
Menschen (und Menschenaffen) ist die α1,3-Galaktose (auch alfa-Gal oder – nach ihrem Entdecker
Galili-Epitop genannt, ein zufällige Silbenähnlichkeit). Die α1,3-Gal sitzt auf β1,4-gebundenen
Galaktosereste von N-Glykanen und ist ein Hauptgrund dafür, dass man menschliche Herzklappen nicht
so einfach durch solche von Schweinen ersetzen kann. Mäusezellen wie die bekannten NS0 Zellen
statten rekombinante Proteine mit einer beträchtliche Menge an α1,3-Gal-Resten aus, was in seltenen
Fällen zu Komplikationen zu führen scheint (siehe oben unter „Cetuximab“).
Weniger problematisch scheint die N-Glycolylneuraminsäure (NAGA) zu sein, die im Menschen nicht
mehr vorkommt, aber evolutionär sogar noch später als die α1,3-Gal verloren ging. Eine Theorie will es,
dass der Konsum von roten Fleisch über Wiederverwertungswege dazu führt, dass auch auf
menschlichen Geweben etwas NAGA vorkommt und dort als fremd und somit als Antigen erkannt wird.
Der dadurch bewirkte unterschwellige Entzündungsstatus wäre dann ein Grund dafür, dass Vegetarier
oft gesünder sterben als Fleischesser.
Fig. 2: Hauptstrukturen von N-Glykanen verschiedener Organismen. Man, Fuc, Gal und GlcNAc stehen
für die Zucker Mannose, Fukose, Galaktose und N-Acetylglukosamin. Die Strukturen stellen wesentliche
Exponenten aus der grösseren Zahl an Strukturen, die man in den Systemen findet. Man beachte, dass
humanisierte Pflanzen (wie sie auch für die Produktion von ZMapp verwendet werden), weder die
pflanzen-typische und immunogene 3-gebundene Fukose, noch die Säugetier-typische, aber die
Wirksamkeit dämpfende 6-gebundene Fukose enthält.
N-Glykane in Pflanzen
N-Glykane in Insekten
Fucα
GlcNAcβ-2Manα
Manα
6
Manβ− 4GlcNAc b- 4GlcNAcβ−
3 2
3
GlcNAcβ-2Manα
Fucα
Xylβ
6
6
Manβ-4GlcNAcβ -4GlcNAcβ3
3
Manα
Fucα
Manα
N-Glykane in humanem IgG
GlcNAc β-2Manα
GlcNAc β- 2Man α
Manα
N-Glykane auf IgG aus
humanisierten Pflanzen
GlcNAc β- 2Man α
6
Manβ− 4GlcNAc β- 4GlcNAcβ−
3
Fucα
6
6
Manβ− 4GlcNAc b- 4GlcNAcβ−
3
Gal α−4GlcNAcβ- 2Manα
6
6
Manβ− 4GlcNAc β- 4GlcNAcβ−
3
Fucα
6
6
Manβ− 4GlcNAc b- 4GlcNAcβ−
3
Gal α−4GlcNAcβ- 2Manα
Fucα
Manα
6
Manβ− 4GlcNAc b- 4GlcNAcβ−
3 2
3
Manα
Fucα
Xylβ
GlcNAc β- 2Man α
Enzymsubstitution
Das Vorkommen immunogener Determinanten in Pflanzen exprimierten Glykoproteinen verbietet die
pharmazeutische Nutzung von in Pflanzen erzeugten Glykoproteine, wie z.B. Antikörpern, die parenteral
(also durch Injektion) verabreicht werden müssen. Bemerkenswerterweise hielt diese theoretische
Betrachtung die Firma Protalix nicht davon, ihr Produkt Glucocerebrosidase (aka Taliglucerase alfa, aka
ElelysoTM) unter dem „Orphan drug act“ auf den Markt zu bringen. Zucker spielen hier zweimal eine
Rolle. Zum Ersten, da dieses Mittel gegen Morbus Gaucher eingesetzt wird und dieses eine hereditäre
Erkrankung ist, bei welcher der Abbau von Glykolipiden in Lysosomen nicht bis kaum stattfindet.
Normalerweise werden lysosomale Enzyme über den Mannose-Phosphat-Rezeptor an den Zielort
befördert. Als Ersatz kann ein fehlendes Enzym aber auch von aussen durch den Mannose-Rezepter
(insbesondere auf phagozytierenden Zellen zu finden) aufgenommen werden. Ursprünglich wurde für
diesen Zweck Glucocerebrosidase aus CHO Zellen mit Glykosidasen (Sialidase, Galaktosidase und NAcetylglukosaminidase) bis zu den Mannose-Resten verdaut. Ein neues Präparat wird aus
Karottenzellkultur gewonnen und weist von vorneherein die benötigten terminalen Mannosereste auf.
Allerdings handelt es sich hier um „wild-typ“ Karottenzellen, welche auch die immunogenen Zucker
Xylose und 3-Fukose übertragen. Klinische Tests haben offenbar die Unbedenklichkeit dieses Präparates
bescheinigt, man kann sich aber bessere Lösungen vorstellen.
Glykobiotechnologie von Pflanzen
Das Vorkommen immunogener Determinanten in Pflanzen exprimierten Glykoproteinen verbietet die
pharmazeutische Nutzung von in Pflanzen erzeugten Glykoproteine, wie z.B. Antikörpern, die parenteral
(also durch Injektion) verabreicht werden müssen. Bemerkenswerterweise hielt diese theoretische
Betrachtung die Firma Protalix (im Verband mit Pfizer) nicht davon ab, ihr Produkt aus unmodifizierten
Karottenzellen (siehe obiges Kapitel) auf den Markt zu bringen.
Vernünftiger erscheint es hingegen, Pflanzen genetisch dahingehend zu verändern. Der erste
dahingehende Versuch wurde mit einem Moos unternommen, welches gegenüber höheren Pflanzen
den Vorteil hat, der homologen Rekombination zugänglich zu sein. Man konnte hier also ganz gezielt die
beiden unerwünschten Gene inaktivieren, was der Vitalität der Moos-Gewebekulturen keinerlei
Abbruch tat (Koprivova et al., 2004). Das war möglich geworden, da die Gene für die α1,3Fucosyltransferase und kurz später die Xylosyltransferase von BOKU Forschern aufgespürt worden
waren (Leiter et al., 1999, Strasser et al., 2000). Herta Steinkellner und ihr damaliger Doktorand Richard
Strasser versuchten via RNAi (inhibierender anti-sense RNA) ähnliches zunächst mit Arabidopsis thaliana
(Strasser et al., 2004), dem Hauspflänzchen der Pflanzengenetik und – nachdem offenbar wurde, dass
diese Blümchen den Eingriff gut vertragen hatte – mit Nicotiana benthamiana (Strasser et al., 2008).
Diese grösseren Pflanzen sind gut geeignet zur Produktion von nenneswerten Mengen rekombinanten
Proteinen. Antikörper lassen sich damit jedenfalls recht gut herstellen und wenn man diese FXDoppelknockout-Linie verwendet, tragen die Antikörper die sogenannte „GnGn“ Struktur, wie sie in Fig.
2 rechts unten dargestellt ist. Für manche Zwecke mag es nun wichtig sein, die Enden mit Galaktose
oder sogar Sialinsäure zu verlängern und all das gelang weltweit erstmals am VIBT BOKU (Castilho et al.,
2010, Strasser et al., 2009).
Der Vergleich mit den humanen IgG Strukturen würde als weiteren Unterschied das Fehlen der α1,6gebundenen Fukose aufzeigen. Aber, genau das ist ein grosser Vorteil – jedenfalls überall dort, wo die
Wirkung des Antikörpers den Mechanismus der „Antibody dependent cellular cytotoxicity“ (ADCC), also
die Rekrutierung von NK-Zellen (natürlichen Killerzellen) benötigt. Das ist punktgenau bei
Virusinfektionen und Tumorzellen der Fall. Diese ADCC wird unerklärlicherweise durch die Fukose
vermindert. Anders gesagt, nicht-fukosylierte Antikörper sind hier etwa 50-mal effektiver (Shields et al.,
2002, Strasser et al., 2009). Herta Steinkellners Doppelknockout Tabak erzeugt genau diese Art von
optimaler Glykosylierung.
Nicht zuletzt das war vielleicht ein Grund, weshalb Larry Zeitlin und seine Mitstreiter beschlossen, ihre
anti-Ebola mAbs in genau dieser Tabaklinie, welche irgendwie im Umweg über eine deutsche Firma nach
Kalifornien zu Mapp Biopharmaceutical gelangt war. Diese Firma wiederum beauftragte Kentucky
Bioprocessing damit eine Versuchscharge für erste Testungen herzustellen (siehe Fig. 1). Tja, und das ist
nun das geheimnisvolle Mittel (oft fälschlich „Impfstoff“ genannt), das hoffentlich tatsächlich hilft und
ebenso hoffentlich bald in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Es handelt sich jedenfalls um den
ersten Antikörper aus Pflanzen, der pharmazeutisch eingesetzt wird und gleichzeitig auch um eines der
ersten nicht-fukosylierten Präparate. Sollten sich diese Hoffnung erfüllen, dann werden sich neben
vielen genesenen Patienten auch ein paar österreichische Forscher sehr freuen, auch wenn ihnen nicht
sehr viel mehr bleiben wird, als das schöne Gefühl einer guten Sache den Weg bereitet zu haben.
Literatur:
Castilho, A., Bohorova, N., Grass, J., Bohorov, O., Zeitlin, L., Whaley, K., Altmann, F., and Steinkellner, H.
(2011) Rapid high yield production of different glycoforms of Ebola virus monoclonal antibody. PLoS One
6, e26040.
Castilho, A., Strasser, R., Stadlmann, J., Grass, J., Jez, J., Gattinger, P., Kunert, R., Quendler, H., Pabst, M.,
Leonard, R., Altmann, F., and Steinkellner, H. (2010) In planta protein sialylation through overexpression
of the respective mammalian pathway. J Biol Chem 285, 15923-15930.
Holzweber, F., Svehla, E., Fellner, W., Dalik, T., Stubler, S., Hemmer, W., and Altmann, F. (2013)
Inhibition of IgE binding to cross-reactive carbohydrate determinants enhances diagnostic selectivity.
Allergy 68, 1269-1277.
Koprivova, A., Stemmer, C., Altmann, F., Hoffmann, A., Kopriva, S., Gorr, G., Reski, R., and Decker, E.L.
(2004) Targeted knockouts of Physcomitrella lacking plant-specific immunogenic N-glycans. Plant
Biotechnol J 2, 517-523.
Kubelka, V., Altmann, F., Staudacher, E., Tretter, V., Marz, L., Hard, K., Kamerling, J.P., and Vliegenthart,
J.F. (1993) Primary structures of the N-linked carbohydrate chains from honeybee venom phospholipase
A2. Eur J Biochem 213, 1193-1204.
Leiter, H., Mucha, J., Staudacher, E., Grimm, R., Glossl, J., and Altmann, F. (1999) Purification, cDNA
cloning, and expression of GDP-L-Fuc:Asn-linked GlcNAc alpha1,3-fucosyltransferase from mung beans. J
Biol Chem 274, 21830-21839.
Shields, R.L., Lai, J., Keck, R., O'Connell, L.Y., Hong, K., Meng, Y.G., Weikert, S.H., and Presta, L.G. (2002)
Lack of fucose on human IgG1 N-linked oligosaccharide improves binding to human Fcgamma RIII and
antibody-dependent cellular toxicity. J Biol Chem 277, 26733-26740.
Strasser, R., Altmann, F., Mach, L., Glossl, J., and Steinkellner, H. (2004) Generation of Arabidopsis
thaliana plants with complex N-glycans lacking beta1,2-linked xylose and core alpha1,3-linked fucose.
FEBS Lett 561, 132-136.
Strasser, R., Castilho, A., Stadlmann, J., Kunert, R., Quendler, H., Gattinger, P., Jez, J., Rademacher, T.,
Altmann, F., Mach, L., and Steinkellner, H. (2009) Improved virus neutralization by plant-produced antiHIV antibodies with a homogeneous beta1,4-galactosylated N-glycan profile. J Biol Chem 284, 2047920485.
Strasser, R., Mucha, J., Mach, L., Altmann, F., Wilson, I.B., Glossl, J., and Steinkellner, H. (2000) Molecular
cloning and functional expression of beta1, 2-xylosyltransferase cDNA from Arabidopsis thaliana. FEBS
Lett 472, 105-108.
Strasser, R., Stadlmann, J., Schahs, M., Stiegler, G., Quendler, H., Mach, L., Glossl, J., Weterings, K., Pabst,
M., and Steinkellner, H. (2008) Generation of glyco-engineered Nicotiana benthamiana for the
production of monoclonal antibodies with a homogeneous human-like N-glycan structure. Plant
Biotechnol J 6, 392-402.
Tretter, V., Altmann, F., Kubelka, V., Marz, L., and Becker, W.M. (1993) Fucose alpha 1,3-linked to the
core region of glycoprotein N-glycans creates an important epitope for IgE from honeybee venom
allergic individuals. Int Arch Allergy Immunol 102, 259-266.
Zeitlin, L., Pettitt, J., Scully, C., Bohorova, N., Kim, D., Pauly, M., Hiatt, A., Ngo, L., Steinkellner, H.,
Whaley, K.J., and Olinger, G.G. (2011) Enhanced potency of a fucose-free monoclonal antibody being
developed as an Ebola virus immunoprotectant. Proc Natl Acad Sci U S A 108, 20690-20694.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
213
Dateigröße
203 KB
Tags
1/--Seiten
melden