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Ebenso wie man nicht nicht kommunizieren kann, kann - Lentzmusik

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D ATENTRANSFERS
IM
Z EITALTER
DER KOMMERZIALISIERTEN
U.
©D R . P ETER L UTZE
K O MMUNIKATIONSSOZIOLOGE
K OMMUNIKATION
Ebenso wie man nicht nicht kommunizieren kann, kann man - allerdings in wachem Zustand - auch nicht nicht kognizieren (s. 1.). Die Umwelt, der wir begegnen, ist voll-symbolisierte Kulturwelt. Von Anderen wurde sie vor uns in ihren materiellen und immateriellen Gegebenheiten entmaterialisiert und durch Symbole vollständig ersetzt. In diesen Codierungen
ist Umwelt transportabel und, in sozialer Orientierung, von Kindern erfahr-, erles- und erlernbar, weil vermittelbar.
Die interpersonale Situation im Vorgang der Sozialisation produziert also immer auch eine Re-Produktion bereits geleisteter Konstruktion von Seiten des Sozialisators. Dabei sind die Sozialisanden als Beobachtungshandelnde koproduzierend beteiligt. Zudem wird durch die im interpersonalen Datentransfer vorgeschalteten Sozialisationsagenten eine Komplexitätsreduktion sowie eine Zensurfunktion für die kleinen Emotionalempiriker protektiv relevant. Zeitgleich befinden sich die Sozialisanden innerhalb der interpersonalen Situation mit ihren durch den Sozialisator (Re-Produzent) antizipierten Reaktionen nahezu ständig im Sanktionsbereich interpersonaler Kontrolle.
Mit der Einführung der Technik des Fernsehers trat der interpersonalen die der para-interpersonale Kommunikation
hinzu (s. 2.). Mit dem Fernsehgerät existiert neben der interpersonalen nun auch eine fernanwesende ‚Betriebsanleitung’
in der und für die Lebenswelt. Bei der Produktion von Welt(-auslegung-)wissen sind heutzutage beide relevant und bilden als Einheit die Nahwelt der Kinder der Medienkultur.
Mit der audiovisuellen Fernanwesenheit in der Nahwelt ist jedoch - antonym der interpersonalen Situation - die Entkopplung von Datenproduktion und Datenverarbeitung gegeben. In der Folge ist ein absoluter Kontrollverlust hinsichtlich
der Textproduktion der (Klein-) Kinder (s. 3. u. 4.) mit Wirkung auf Wertvorstellungen und Normen festzustellen.
Seit der Kommerzialisierung der Medienkultur ist eine Kommunikationsstruktur konstitutiv, in der die hier Agierenden
darauf angewiesen sind, wahrgenommen zu werden. Die Quotenorientierung hat damit im Leitmedium Fernseher eine
Kommunikationsästhetik hervor gebracht, deren Komposition einzig dem Zweck der Aufmerksamkeitserzeugung geweiht
ist und in deren Verlauf sich eine Metatextur im TV-Geschehen kristallisiert: die im TV-Geschehen horizontal siedelnden
Sub-Texte (s. 4.).
Mit den Sub-Texten jedoch ergibt sich - neurowissenschaftlich fundiert (s. 5.) - eine Prägestruktur, mit welcher sich eine nie da gewesene Teil-Entkopplung der Generationen vollzieht. Sie sorgt zudem dafür, dass sich eine internationale
Generation in etwa geschlossener Einheit generiert, die in ihren Einstellungs- und Meinungsprofilen in sich eher harmoniert als mit der Elterngeneration. Damit wäre eine Matrix-Sozialisation (s. 6.) zu belegen, deren Existenz sich im Nachweis des Matrix-Effekts aufzeigen lässt.
Mit der audiovisuellen Betriebsanleitung verschaffen wir Menschen Zutritt in die Wohn- und Kinderstuben, die wir im
‚richtigen’ Leben nicht einmal über die Schwelle unserer Haustür treten lassen würden. Mit den TV-Daten in Talk, Fiktion
und Werbung etc. lassen wir unsere (Klein-) Kinder allein und setzen sie damit der ungeschützten Decodierung dieser
Daten aus.
Johann H. Pestalozzi schrieb 1797: „Soviel sahe ich bald, die Umstände machen den Menschen, aber ich sahe eben
sobald, der Mensch macht die Umstände, er hat eine Kraft in sich selbst, selbige vielfältig nach seinem Willen zu lenken“
5
(1998 : S. 46).
Joshua Meyrowitz argumentiert systemisch: „Wenn eine neuer Faktor in eine alte Umgebung eingebracht wird, dann so lernen wir aus der Systemtheorie und der Ökologie - ist das Ergebnis nicht die alte Umwelt plus der neue Faktor, sondern ein neue Umwelt“ (1990: 53).
Im konstruktivistischen Programmkonzept Kultur nach Siegfried J. Schmidt heißt es heute: „Ein Programm enthält nicht
nur eine Menge Regeln, sondern es braucht immer Programmanwender. Das erlaubt die Konsequenz, daß der Mensch
der Schöpfer aller Kultur ist, und die Menschen Geschöpfe einer je spezifischen Kultur sind“ (2000b: 106).
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K O MMUNIKATIONSSOZIOLOGE
I NHALT
1.
KOGNITION - ÜBER INTERPERSONALE VERMITTLUNG ALS GRUNDLAGE DER
TEXTHERVORBRINGUNG ........................................................................................................................ 3
2.
THEORETISCHE HERLEITUNG: PARA-INTERPERSONALE KOMMUNIKATION ................................. 4
3.
RE-KONSTRUKTION, KONTROLLE UND KONTROLLVERLUST........................................................... 4
3.1. DIE NEUZEIT (INFORMATIONSHIERARCHIE) .......................................................................................................... 5
3.2. DAS MITTELALTER (INFORMATIONSGRENZE) ....................................................................................................... 5
3.3. MEDIENKULTUR (ZERFALL VON INFORMATIONSGRENZE UND INFORMATIONSHIERARCHIE)....................... 6
4.
SUB-TEXTE: KONTROLLVERLUST IN DER KOMMERZIALISIERTEN MEDIENKULTUR..................... 6
4.1. SUB-TEXTE (EXKLUSIVITÄT): AUDIOVISUELLE DATENREDUKTION .................................................................... 7
4.2. SUB-TEXTE: ABSOLUTER KONTROLLVERLUST..................................................................................................... 7
5.
NEUROWISS. EXKURS: ANATOMIE DER GEHIRNENTWICKLUNG; MILIEU UND KONSTRUKTION 8
6.
MATRIX-SOZIALISATION.......................................................................................................................... 9
6. 1. MATRIX-SOZIALISATION: DIE THESE...................................................................................................................... 9
6. 2. MATRIX-EFFEKT ALS BELEG: INTERKULTURELLE SYMMETRIE DER TV-ÄSTHETIK ...................................... 10
6. 3. MATRIX-SOZIALISATION - DREI STUDIEN: „ERSTAUNLICHE GESCHLOSSENHEIT“ … „GRUNDLEGENDE
WERTEWANDEL“...................................................................................................................................................... 10
6. 4. DER PARA-ABSTRAKTE ZYKLUS........................................................................................................................... 11
7.
SCHLUSSBETRACHTUNG ..................................................................................................................... 11
LITERATUR:.................................................................................................................................................... 12
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1. K OGNITION -
ÜBER INTERPERSONALE
V ERMITTLUNG
ALS
G RUNDLAGE
DER
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K O MMUNIKATIONSSOZIOLOGE
T EXTHERVORBRINGUNG
Menschen reagieren nicht auf Zeichen oder Daten, sondern auf Texte. Sie reagieren einzig auf die Bedeutung, welche
die Daten in ihrer Wahrnehmung, in ihrer Kognition wachrufen (evozieren). Dies war eine Erkenntnis Herbert Blumers
(vgl. Wenzel, 2000: 48), eines Vertreters der Chicago School, die sich im Lichte des Symbolischen Interaktionismus nach
George Herbert Mead kristallisierte. Dieses Bedeutungsgefüge nennen wir Kultur, womit Kultur zum Programm einer
Gesellschaft avanciert: Kultur als Funktion von Gesellschaft (vgl. Schmidt, 2000a: 32-41; ders., 2000b). Darüber wertet
sich der Konstruktivismus zur Theorie für das Entstehen dieser Codebücher der Kulturen auf. Jedes kulturelle Codebuch
wird im Prozess der Sozialisation vermittelt.
1
Würden wir einen Menschen nach seiner Geburt kognitiv-intellektuell unbetreut lassen, er würde sterben. Er benötigt
Zuwendung und Anleitung, kognitiven ‚Input’, um sich kognitiv-intellektuell zu entwickeln, um Rekurrenzen anzulegen
und letztlich, um, auch auf einer minimalen Basis, aus Daten Texte werden zu lassen: zu kognizieren. Gleichzeitig dient
die Kognition der Entlastung des Menschen.
Man kann, so Watzlawick, nicht nicht kommunizieren (kommunikatives Axiom, ders. et al., 1990; vgl. a. Marc / Picard,
2000). Ebenso kann man - jedenfalls in wachem Zustand - aber auch nicht nicht kognizieren (kognitives Axiom, vgl. Lutze, 2004: 54-56; ders. 2005: 236). Wahrnehmen, kognizieren, bedeutet nämlich zugleich, die Daten der Umwelt:
Ö
zu ‚scannen’,
Ö
sie mit im Gedächtnis abgelegten Repräsentationen abzugleichen und mit Bedeutung zu versehen (rekurrenter
Abgleich, ‚Textproduktion’)
Ö
sowie die aus den Daten gewonnenen Informationen ebenso im ‚neuronalen Aktenschrank’ des Gehirns - dem
Gedächtnis - rekurrenzfähig ‚abzuheften’.
Der Mensch produziert in wachem Zustand immer Bedeutung. Er kann nicht anders. Ständig, bewusst oder unbewusst, scannt er seine Umwelt unter der Dauerfrage: „Was geht hier eigentlich vor?“ (Goffman, 1980), etwa im Modus:
Gefahr vs. befriedeter Raum. Ziel ist die Reduktion einer komplexen Umwelt. Erst die Entlastung der Umwelt in Kulturwelt verschafft ihm Ruhe und reduziert die Datenmenge. Wäre der Mensch zur Entlastung, der ja die Schaffung und
Vermittlung der Kulturwelt voraneilte, nicht in der Lage, er hätte nie Ruhe, besäße keine befriedeten Räume: Der Mensch
würde nun in diesem Fall stressbedingt - Überreizung - bald sterben!
Peter Berger und Thomas Luckmann haben die „Vielfalt an Möglichkeiten der Menschwerdung“ (1980: 51) in der Theorietradition von Alfred Schütz auf die Vorgänge der Typisierung, Schematisierung und Habitualisierung sowie der Institutionalisierung hin analysiert, dabei jedoch die individuelle Entwicklung immer in der Anwesenheit des gesellschaftlichen
2
Aprioris (Soziogenese , Kultur) diskutiert (Feilke, 1994). Als Kulturneuling durchläuft jeden Mensch diesen Prozess, das
hidden Curriculum (von Hentig, 2002): die unter soziokultureller Anleitung stattfindende Ersetzung der Umwelt in Kulturwelt. Wichtigste Begleiter des Kulturneulings sind seine Kulturagenten, die Eltern. Durch sie wird er primär über das sich
unbewusst vollziehende Instrument der Ko- u. Re- Konstruktion in das Kulturprogramm (Schmidt, 2000b) „ein-gelebt“
(Schmitd/Zurstiege, 2000: 154).
Dem (Klein-) Kind kommt dabei keineswegs eine passive Rolle zu. Es agiert in der interpersonalen Beziehung zu den
Kulturagenten als Beobachtungshandelnder (Def., vgl. Lutze, 2004: 118 ff.). Mit seinen Handlungen erzeugt es die ReKonstruktion des Kultursystems, auch wenn die Agenten das Verhalten des Kindes fehl interpretieren (vgl. Nicolaisen,
1999: 109). Ihm wird, salopp formuliert, eine Lesebrille verpasst, mit welcher der junge Mensch fortan seine Umwelt
scannt und mit Bedeutung versieht: aus Daten werden Texte. Diese Brille hat Einfluss auf seine Basic Personality
(Claessens, 1972), die sich - auch neurowissenschaftlich bestätigt (Eliot, 2001) - lebenslanger Resistenz erfreut.
3
4
Der Prozess [der Soziabilisierung und] der Sozialisation vollzieht sich in der Atmosphäre der Intersubjektivität, also in
interpersonaler Rahmung. Dabei spielt die Sprache als Kommunikationsmittel eine absolut entscheidende Rolle hinsichtlich der Entwicklung des Kulturprogramms (vgl. Schmidt, 1996: 95, 131). Denn die Sprache stellt das System typisieren-
1
2
3
4
„Der Staufer-Kaiser Friedrich II. (1194-1250) ließ Kinder von Ammen aufziehen, denen es verboten war, mit ihnen zu sprechen. Er wollte herausfinden,
welche Sprache diese Kinder sprechen würden. Sie starben" (Bauer, 2005, S. 107f., Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler).
„Diese in der Ontogenese jedes neugeborenen Gattungswesens zu beobachtende rasante sowohl kognitive wie interaktive Kompetenzentwicklung gelingt
jedoch nur deshalb, weil Kind und Betreuungspersonen gemeinsam ein ‚Hilfssystem der Enkulturation’ nützen können, das Produkt der Soziogenese unserer soziokulturellen Lebensweise ist und sich in jeder sozialisatorischen Interaktion zwischen Betreuungsperson und Kind reproduziert" (Nicolaisen,
2000: 109).
Soziabilisierung meint den „ersten Prozesse der Sozialisation, den man mit D. Claessens als Soziabilisierung bezeichnen kann. Indem sie [die Mutter]
sich dem Säugling zuwendet, ihn anlacht, drückt, mit ihm spielt, erste Worte unterrichtet, ihn tröstet und wiegt, erschließt sie ihm, der bei der Geburt ein
Bündel animalischer Bedürfnisse ist, die Umwelt, lockt seine Aufmerksamkeit aus dem Gefängnis elementarer Triebe und pflanzt ihm die Fähigkeit ein,
soziabel zu sein“ (Neidhardt, 1966, S 62).
In der Soziologie meint Intersubjektivität ein sozial stattfindendes Erfahrungshandeln, das im Handeln mit anderen einen objektivierenden Eindruck auf
den einzelnen hinsichtlich eines gesellschaftlich geteilten Codesystems zur (persönlichen) Herstellung von Texten erzeugt.
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der Erfahrungsstrukturen dar (Mead, 1980; Schütz, 1982). Diese sind darin sozial objektiviert. Sprache trägt also das gesellschaftliche Apriori in sich (Schütz/Luckmann, 2003). Der intersubjektive Gebrauch der Sprache führt mithin zur objektivierten Wirklichkeit (Berger/Luckmann, 1980).
Anders formuliert: Von der soziokulturellen Umwelt des jungen Menschen hängt es also ab, ob er die Idee einer
Schlange zukünftig als gefährlich oder als harmlos (vgl. Schütz, 1982: 89) ‚liest’. Mit anderen Worten: Objektiv evoziert
das Zeichen Schlange eine kollektive Idee in die Vorstellung, die sich dann aber subjektiv unterscheiden kann: Textproduktion in z.B. gefährlich oder ungefährlich, je nach direkter oder indirekter Erfahrung mit dem Zeichen, dem Datum.
Letztlich ist hier zu folgern, dass es ebenso viele Wirklichkeiten gibt wie Menschen existieren (Basistheorem des Konstruktivismus; Merten, 1994: 309).
Innerhalb der Medienkultur tritt der interpersonalen Vermittlungssituation des Kulturprogramms im jeweiligen Ausschnittmilieu eines Menschen nun das der para-interpersonalen Kommunikation (Lutze, 2004; 2005; Herleitung und De5
finition s. 2.). gegenüber. Und Fernsehen muss nicht wie das Lesen erst mühevoll erlernt werden. Fernsehen kann jeder, dessen Gehirn in der Lage ist, visuelle und auditive Reize zu verkoppeln (i.d.R. ab dem vierten Lebensmonat). Im
6
nächsten Schritt ist darum die Frage theoretisch zu klären, ob nach der Phase der Soziabilisierung und Enkulturation
die Sozialisation auch in der Fernanwesenheit der simulierten Intersubjektivität des Para-interpersonalen - also via TV möglich ist.
2. T HEORETISCHE H ERLEITUNG :
PARA - INTERPERSONALE
K OMMUNIKATION
Friedrich Krotz, sich auf Peter Hunzikers Definition von sozialem Handeln stützend, beschreibt Kommunikation mittels
Medien (etwa Telefon) und mit Medien (Fernsehen). Peter L. Berger/Thomas Luckmann skizzieren in der auf Alfred
Schütz beruhenden Typisierung, über den auf den Symbolischen Interaktionismus nach George Herbert Mead zurückgehenden imaginären Rollentausch, den Akt der Institutionalisierung, welchen Klaus-Jürgen Tillmann seinerseits als über Verhaltensbeobachtungen möglichen interaktionalen Zuschreibeakt der Typisierung/Etikettierung markiert. Mit Herbert Blumer reagieren Menschen nicht auf Daten (Dinge, Rollen-Handeln, Personen und Geschehensabläufe; neurobiologisch über die kürzlich entdecken Spiegelneurone zu belegen [Bauer, 2005]), sondern auf die mit ihnen verbundenen
Bedeutungen. Zudem sind im Procedere des sozialen Handelns nach Talcott Parsons die hinter diesen Handlungen stehenden Ziele und Intentionen erlernbar, eben weil sie lesbar sind. Die Rahmung liefert u.a. Erving Goffman, worin (dichte) Beschreibungsstrukturen sich etwa auch nach Clifford Geertz (1987) ermöglichen und sich die Kultur ebenso sozialkonstruktivistisch nach Siegfried J. Schmidt als Funktion von Gesellschaft (1996; 2000) apostrophiert.
Damit tritt in der kommerzialisierten Medienkultur (Motiv: Intention der Verhaltensänderung) der interpersonalen Kommunikation die der para-interpersonalen Kommunikation hinzu; dergleichen für Handlungen (Lutze, 2004; 2005).
Folglich gelten alle Daten, die
Ö
in der simulierten Intersubjektivität der Fernsehsituation gelesen
Ö
und in der senderseitig unterstellten Reziprozität
Ö
im Modus des imaginären Rollentauschs kogniziert werden,
7
als relevant im Akt des para-interpersonalen Kommunizierens bzw. - Handelns (ders., 2004; 2005). Und zwar auch dann,
wenn daraus Bedeutung produziert wird, welche derart vom Sender (absolut) nicht intendiert oder gar vorhersehbar
war/gewesen wäre. Darin sowie mit der horizontalen Autonomie (s. 2.2.), sind sämtliche Kommunikationsansätze, auch
die der Cultural Studies (J. Fiske, S. Hall) ad adsurdum zu führen.
Das Kind mutiert vor dem Fernseher in der para-interpersonalen Situation fernanwesender Daten von seiner interpersonalen Rolle des Beobachtungshandelnden zum Handlungsbeobachter; ähnlich einer Bahnhofssituation, in welcher das
bunte Treiben lediglich Sinn suchend beobachtet wird (ders., 2004; 2005).
3. R E -K ONSTRUKTION , K ONTROLLE
UND
K ONTROLLVERLUST
Denn die Technik des Fernsehers laboriert mittels der gleichen Zeichensysteme wie die ‚Wirklichkeit’: auditive, visuelle
und emotionale Daten. Bis dahin vermittelte das soziale Milieu den Schlüssel zum Codebuch der Gesellschaft an die
Kulturneulinge. Ein Kind kannte bald z.B. das Datum Schlage, ob sie aber als gefährlich oder harmlos eingestuft wurde,
5
6
7
Fernsehen muss nicht erlernt werden. Experimente mit Rhesusaffen zeigen, dass diese, konfrontiert mit ihren Feinden über das Fernsehgerät, das gleiche Fluchtverhalten wie in der Natur zeigen.
Die Mutter-Kind-Beziehungen „bewirkt im Vorgang der Soziabilisierung nicht allein den Aufbau von Aufmerksamkeit und Vertrauen im Kind, sie beinhalten
auch schon eine ständige Vermittlung von Werten und Normen, eine Kulturübertragung, die mit dem Begriff der Enkulturation bezeichnet wird“ (Neidhardt, 1966, S 63f.; Hvh.i.O.).
Bei der Notwendigkeit zur Kooperation und Koordination verschiedener Handlungsperspektiven greifen Individuen auf die basalen Erfahrungen von darin
als gegenseitig gültig erwarteten Werten, Normen und Regeln zurück - in der Abb. als Schlüssel veranschaulicht).
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war der Vermittlung durch sein Milieu geschuldet. Mit anderen Worten: Die interpersonal vermittelte Bedeutung stellt sich
vor die ‚Wirklichkeit’ des Zeichens und steuert, bei Erscheinen des Zeichens, die Interpretation des Individuums und damit seine Reaktion auf es.
Und weil der Mensch seine Umwelt scannt, gelehrig ist und folglich auch aus einer ihm unbekannten Umwelt sukzessive ‚seine’ Kulturwelt erschafft, hat ihn diese Fähigkeit nicht nur in Urzeiten vor dem Säbelzahntiger bewahrt, sondern hilft
bsplw. kleinen Kulturneulingen nach einer ersten Phase des Ein-gelebt-werdens, sich in einer komplexen Welt bald marginal zurechtzufinden. Diese Verhaltenssicherheit wird Kindern in sozialer Orientierung rekurrenzfähig - etwa zuerst im
Umgang mit Eltern und Geschwistern etc. - vermittelt. Neue Geschehen werden dem Typus nach mit im Gedächtnis abgelegten Modellen bzw. Schemata verglichen und erzeugen darüber dementsprechende Reaktionen. Jedes gescannte
Datum kann daher konsolidierend wirken oder zu neuen Modellbildungen führen. Je öfter Kinder nun für sie neuen bzw.
bestimmten Daten ausgesetzt sind, desto tiefer graben diese sich im Gedächtnis ein.
Zum ersten Mal in der Geschichte der
Menschheit ist aber der Prozess der Sozialisation teil-entkoppelt. Als Folge ist der Kontrollverlust der Erwachsenen über die Datentransfers
in Richtung Kindheit zu konstatieren. Die Medienkultur hat die Informationsgrenze sowie die
Informationshierarchie mit weit reichenden gesellschaftlichen und kognitiv-intellektuellen Folgen eliminiert.
3.1. D IE N EUZEIT (I NFORMATIONSHIERARCHIE )
Die Neuzeit als Buchgesellschaft (dergleichen
für die Antike) unterwies die Kinder im Lesen
und Schreiben. Ohne die Eltern und Lehrer hatten sie weder Zugang zum Wissen (Bücher: In8
formationshierarchie, s. Abb. 1 u. ) noch Einblick in die Erwachsenenwelt (Geheimnisse), denn bestimmte Daten waren hier für sie tabu. Diese Daten wurden in ihrem Beisein nicht behandelt. Erst in der Unterweisung durch Erwachsene und mit alphabetischen Texten/Daten konfrontiert - innerhalb eines Curriculums, welches dem jeweiligen Entwicklungsstand und darin der Anatomie der Gehirnentwicklung korrespondiert -, wurden aus den Kindern mühevoll kleine Leser. Jetzt konnten sie Buchstaben zu Worten und
Worte zu Sätzen verkleben. Dennoch blieb ihnen der Sinn zahlreicher Worte oft noch verborgen. Sie kannten die hinter
den Worten liegenden Ideen noch nicht. Komplexe oder unangebrachte Texte verweigerten sich den kleinen Lesern ergo
immer noch. Denn alphabetische Texte/Daten selegieren ihre Konsumenten. Erst eine erwachsenenähnliche Lesefähigkeit befähigt zum ungehinderten Zugang zur Buchwelt. Erst jetzt besteht relativ freier Zugang zur Welt der Erwachsenen.
Dieser Leser aber ist nicht mehr Kind!
3.2. D AS M ITTELALTER (I NFORMATIONSGRENZE )
Selbst im von uns teils als barbarisch empfundenen Mittelalter hatten die Erwachsenen die absolute Kontrolle über die
Datentransfers. Im Mittelalter gab es den Begriff und das damit verbundene Verständnis der Kindheit nicht. Der Terminus
Kind stellte eher ein Verwandtschaftsverhältnis, als einen schützenswerten Zustand dar. Köperverletzung von Kindern,
selbst schlimme Misshandlungen erfüllten eher den Straftatbestand der Sachbeschädigung. Kinder galten hier mit der
Vollendung des siebten Lebensjahres als Erwachsene. Doch obwohl die Kinder des Mittelalters quasi ungehinderten Zugang zur Welt der Erwachsen hatten, war den Erwachsenen doch stets die Macht gegeben, die Kinder vom Ort des Geschehens zu entfernen. Indem sie dies nicht vollzogen, signalisierte sie den Kindern die Handlungen etc. als gesell9
schaftlich legitimiertes Verhalten, welches die Kinder im Rahmen dieser interpersonalen Sozialisation internalisierten.
Mit der Abwesenheit eines Gedächtnisses außerhalb des Körpers (Bspl. Bücher) war hier eine natürliche Informationsgrenze gegeben (s. Abb. 1 o.). Wissen wurde bis auf eine privilegierte Schicht ausschließlich interpersonal vermittelt. Die
Möglichkeit über den eigenen ‚Tellerrand’ zu blicken, war hier absolut begrenzt.
8
9
© Peter Lutze; Veranstaltung WiSe 2007/08: Instrumentierung des Alltags, Institut für Soziologie (ifs), Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU)
Wissenschaftler attestieren dem des Schreibens und Lesens unkundigen Erwachsenen des Mittelalters wegen der fehlenden Konfrontation mit alphabetischen Texten in der Kindheit den intellektuell-kognitiven Status des Kind-Erwachsenen (soziale Literalität: Fähigkeit der Bevölkerung, lesen und schreiben zu können). Die Abwesenheit alphabetischer Texte in der Kindheit lässt Menschen grundsätzlich im konkreten Denken verharren und nicht zum abstrakten Denken gelangen (den kritischen Phasen der Anatomie der Gehirnentwicklung geschuldet) [Sturm, 1984; Postman, 1987; Lukesch, 1999].
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3.3. M EDIENKULTUR (Z ERFALL
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VON I NFORMATIONSGRENZE UND I NFORMATIONSHIERARCHIE )
Ganz anders die Medienkultur mit Leitmedium Fernseher. Sobald Babys in der Lage sind, visuelle und auditive Reize zu
verkoppeln (etwa ab vier Monaten) und Kleinkinder dazu ein nur marginales Sprachverwendungswissen dominieren (etwa ab zwei bis drei Jahren), können sie fernsehen (Eliminierung der Informationsgrenze und Informationshierarchie). Die
Neuzeit kannte keinen dreijährigen Leser. Selbst wer das Alphabet beherrschte, decodierte längst nicht jedes/n Datum/Text. Zudem erzeugt die einfache Standardisierung (dieselbe alphabetische Datenquelle) die gleiche Anzahl an Vor10
stellungen wie dieser Text Leser hat (s. Abb. 2 u.).
Mit dem Fernseher standardisiert sich neben
der Quelle auch das Datum (duale o. doppelte
Standardisierung; Lutze, 2005: 237) und damit
die rekurrenzfähige Vorstellung von demselben:
Bilder erzeugen für das rezipierende Massenpublikum in der Regel genau eine Vorstellung,
weil das audiovisuelle Geschehen seine eigene
gedächtnisfähige Ersetzung generiert. Bsplw.
hatte Winnetou bis 1962 ebenso viele Gesichter
wie Leser. Mit der Verfilmung des Stoffes bekam er ein Gesicht: das von Pierre Brice (Abb.
2 o.).
Der Fernseher vermittelt Daten im Modus des
11
Die
geschlossenen Bedeutungstransfers:
vermittelten Daten lassen keine Interpretation in
Bezug auf die Faktizität des Datums mehr zu.
Die Daten werden jedoch dann nahezu unhinterfragt übernommen, wenn das Welt(-auslegungs-)wissen noch defizitär ist. Außerdem potenziert die Kommerzialisierung des Fernsehgeschehens diese Vermittlungsstruktur rasant. Mit ihr verbindet sich nun auch die Kommerzialisierung
(und Internationalisierung) der ‚persönlichen’ Erfahrungen. Damit verändert sich nicht nur die Struktur der Kognition auf
der individuellen Ebene, sondern auch das Codebuch (Programmstruktur) einer Kultur nachhaltig.
Es entstehen innerhalb einer Gesellschaft verschiedene Codebücher, die intergenerational differieren können. Mit anderen Worten: ältere und jüngere Individuen greifen möglicherweise auf unterschiedliche Welt(-auslegungs-)wissen hinsichtlich der gleichen Termini zurück, wenn sie einerseits mit der tradierten Struktur, andererseits aber durch ein Geflecht
aus tradierter Sozialisation und Mediensozialisation in die Gesellschaft eingeführt wurden.
4. S UB -T EXTE : K ONTROLLVERLUST IN
DER KOMMERZIALISIERTEN M EDIENKULTUR
Wie oben angeführt wird Fernsehen unter fast
denselben Bedingungen erfahren wie sich die
Lebenswelt in interaktiven Wahrnehmungsprozessen darstellt, denn es simuliert Intersubjektivität. Der interpersonalen Kommunikation tritt
mit dem Fernsehen die para-interpersonale hinzu (Lutze, 2004). Interpersonal jedoch nimmt
etwa ein Kind beobachtungshandelnd in seiner
12
Lebenswelt teil (s. Abb. 3 li., Pkt. 1 ). Damit
ermöglichen sich auch Sanktionen hinsichtlich
der Bedeutungsproduktion. Para-interpersonal
kogniziert es lediglich handlungsbeobachtend
(s. Abb. 3 li., Pkt. 3) - einer Bahnhofssituation
vergleichbar (Beobachtung von Menschenmassen, ohne von diesen explizit wahrgenommen zu werden (s. Abb. 3 li., Pkt. 2). Das Kind produziert unsanktioniert Bedeu-
10
11
12
© Peter Lutze: Instrumentierung, WiSe 2007/08, ifs, WWU; jpg Winnetou: http://thumbs.filmstarts.de/wallpaper/WinnetouI01.jpg
Im Sinne der dualen o. doppelten Standardisierung, vgl. Lutze, 2004: 123 f.
© Peter Lutze: Instrumentierung, WiSe 2007/08, ifs, WWU
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tung auf der Basis der ihm zur Verfügung stehenden defizitären Zustände. Die Folge: Teil-Entkopplung des intergenerationalen Datentransfers und darin eine unkontrollierte Hervorbringung von Texten rezipierender (Klein-) Kinder.
4.1. S UB -T EXTE (E XKLUSIVITÄT ): A UDIOVISUELLE D ATENREDUKTION
Politiker benötigen sie, Journalisten erst recht und natürlich Werbungtreibende oder Künstler: Aufmerksamkeit. Sie sind
auf die Wahrnehmung ihrer Person oder ihres Themas etc. angewiesen. Wer heute nicht wahrgenommen wird, ist bereits morgen Schnee von gestern. Doch die Ware der Erzeugung von Aufmerksamkeit funktioniert in den westlichen
Volkswirtschaften nicht mehr ohne medienfundierte Werbesysteme (Lange, 2000: 305).
Im erziehungswissenschaftlich-soziologischen Verständnis mutiert der Terminus Mediensozialisation in der Kommerzialisierung der Medienkultur zur Medienerziehung. Die Werbung laboriert ausnahmslos mit der Intention, Einstellungen
und Verhaltensweisen der Beobachter durch den Einsatz spezifischer Werbemittel im Sinne vorher abgesteckter Marketingziele beeinflussen zu wollen (Gleich, 2003). Gleiches gilt für die TV-Veranstalter. Ihre Intention ist dahingehend verkümmert, lediglich ein Massenpublikum versammeln zu müssen, denn der Wert der Sendezeit für die Werbung richtet
sich an der Zuschauerzahl aus (Tausend-Kontakt-Preis). Zudem dürfen die Sendungsformen nicht der Konsumästhetik
widersprechen, ansonsten ziehen die Werbungtreibenden ihre Spots zurück. Somit schleicht sich in der kommerzialisierten Medienkultur trotz Sendervielfalt - dies mag diffus anmuten - eine doppelte Datenreduktion ein. Dafür sorgt die Quote:
a)
TV-Vertikale: Innerhalb der Genres (Unterhaltung,
Sport, Werbung, Serien etc.) werden sich die Informationsverläufe in den Sendungsformen zunehmend
ähnlicher. Zudem kopiert die Konkurrenz erfolgrei13
che Sendungsformen relativ hurtig (s. Abb. 4 li.).
b) TV-Horizontale (Exklusivität): Produzenten und
Sender setzen innerhalb der Sendungsformen auf
eine im Verwenden gleicher mimetischer und diskursiver Stilmittel (Sub-Texte) sich immer ähnlicher
werdende Ästhetik bzw. Ideologie. Die Omnipräsenz
der Sub-Texte (Horizontale) innerhalb aller Genres
(Vertikale) garantiert eine außerordentlich hohe Konfrontationswahrscheinlichkeit mit ihnen, weil die SubTexte sendungsformenübergreifend - also horizontal
- siedeln (s. Abb. 4 li.).
4.2. S UB -T EXTE :
ABSOLUTER
K ONTROLLVERLUST
Hierüber erlangen diese Texturen eine horizontale Autonomie. Es generiert sich ein Medium im Medium, welches hochgradig prägend laboriert:
Ö
Die Produzenten sind zwar am Zustandekommen der Sub-Texte beteiligt, dies aber unwissentlich. Zudem
üben sie keine Kontrolle über Art und Weise der Existenzbildung, Kumulation und Informationsgehalte der
TV-Horizontalen aus. Die einzelnen Sendungsformen werden schließlich unabhängig voneinander produziert,
ja konkurrieren wegen der Quote sogar miteinander. Die Sub-Texte nun speisen sich aus der Vertikalen - den
Einzelproduktionen innerhalb der Genres - und generieren damit die Horizontale: es entsteht tatsächlich ein
unabhängiges Medium im Medium: eine TV-Ästhetik horizontaler Autonomie.
Ö
Im Lichte der Begrifflichkeit der Kognition ist zudem zu konstatieren, dass die Produzenten die Sendungsformen auf der Basis ihrer Wissensbestände geschaffen haben, und zwar mit Hinblick auf deren Decodierung
durch die Rezipienten. Sie unterstellen demnach in der Fernanwesenheit ihrer Produkte eine Reziprozitätsquelle, welche bei Kindern derart noch nicht vorhanden ist. Demnach verlieren sie gleichwohl die Kontrolle
über die Decodierung - die Texthervorbringung - der rezipierenden (Klein-) Kinder. Diese aber interpretieren
die audiovisuellen Daten ausschließlich auf der Basis ihrer defizitären Welt(-auslegungs-)wissen und produzieren rekurrenzfähige Texte / Bedeutung.
Diese Sub-Texte habe ich identifiziert und näher untersucht. Es handelt sich hierbei um Daten in etwa gleicher Entropie (Informationsgehalt), die sich über ihre vertikale Vermassung in der Horizontalen zu prägungsaktiven Datensträngen
generieren. In ihrer Omnipräsenz sind ihnen eine immens hohe Konfrontationswahrscheinlichkeit - die Horizontale - so13
© Peter Lutze; Instrumentierung, WiSe 2007/08, ifs, WWU
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wie eine enorme Kopplungsenergie inhärent. Die Sub-Texte sind in aller Regel ‚grammatischer’ Struktur, diskursiv und
mimetisch, und daher der Ästhetik zurechenbar.
Erste Berechnungen stützen den Anschein, als wären Meinungs- und Einstellungsprofile junger Menschen am Ranking
der Sub-Texte der TV-Horizontalen ablesbar. Fast alle Zuschauer, ergo auch (klein-) kindliche Gehirne, werden, unabhängig von ihren TV-Verweilvorlieben, mit diesen omnipäsenten Meta-Daten ‚beschossen’. Die kommerzialisierte TVÄsthetik horizontaler Autonomie ist in nahezu jedem Haushalt der westlichen Welt präsent. Insbesondere BRD und USA
14
gelten als mit TV-Geräten voll versorgte Medienkulturen.
5.
NEUROWISS .
E XKURS : A NATOMIE
DER
G EHIRNENTWICKLUNG ; M ILIEU
UND
K ONSTRUKTION
15
Kommunikationsmodelle wie etwa das veraltete S-R-Modell gewinnen dann wieder an Bedeutung, wenn man sie auf
den TV-Konsum von (Klein-) Kindern anwendet. Werden nun die aktuellen Erkenntnisse der Neurowissenschaften auf
die Kommunikationsverhältnisse der kommerzialisierte Medienkultur perspektiviert, dann jedenfalls ist die ‚Kulturrevolution’ der Hochkultur mit Leitmedium TV in vollem Gange.
16
Die Entwicklung des Gehirns (Abb. 5 li.) folgt einer festgelegten Anatomie. Diese Anatomie vollzieht sich in Intervallen, den sog. sensiblen oder kritischen Phasen: Das Gehirn prägt zu bestimmten Zeiten
physisch diverse Regionen aus. Diese sind dann, um sich prosperieren
zu können, allein auf Datenbeschuss von außen angewiesen (betroffen
ist auch die Steuerung der Motorik!). Kommt es zur jeweiligen Phase
nicht zu den entsprechenden Inputs, prosperieren sich diese Regionen
nicht recht oder verkümmert gar irreversibel. Aber auch ein Zuviel bestimmter Daten führt dazu, dass andere Regionen zugunsten der überforderten Areale ihre Daten löschen, sich nicht weiter entwickeln und
den überforderten Regionen ihren ‚Speicherplatz’ überlassen (infantile
Amnesie). Das Gehirn ist erst mit Vollendung des fünfzehnten Lebensjahres erwachsenenähnlich betriebsbereit (Eliot,
2001). Geht es um Emotionen, nennen die Neurowissenschaftler gar ein Alter von fünfundzwanzig, manche von fünfunddreißig Jahren, bis die betroffenen Hirnregionen ‚ausgeprägt’ laborieren.
Um in Anglizismen zu formulieren: Die Softwarekonfiguration und Hardwaresteuerung - sämtliche sensorischen, motorischen, emotionalen und kognitiv-intellektuellen Fähigkeiten des Menschen (Ausnahme: vegetative Steuerung [Herzschlag, Atmung etc.]) - muss durch Datenbeschuss von außen geweckt und trainiert werden, auch dann, wenn die Gene
für eine viel versprechende Zukunft stehen. Hierzu folgt ein erschütterndes Beispiel aus den USA (Eliot, 2001):
Ö
ad Softwarekonfiguration: Genie, das aktuelle Wolfskind in den USA, wurde im Alter von zwölf Jahren aus ihrem
‚Gefängnis’ befreit. Bis dahin war sie nie mit Sprache konfrontiert worden und blieb nach ihrer Befreiung, trotz intensivster Bemühungen, sprachlich auf dem Stand einer Zweijährigen (kritische Phase in der Entwicklung des Sprachzentrums: zwischen dem dritten Lebensmonat bis sechstes Lebensjahr).
Die Tatsache der kritischen Phasen - hier am Beispiel des Sprachzentrums - lässt sich auch nicht mit dem Einwand
widerlegen, dass Erwachsene doch immer noch eine Fremdsprache erlernen könnten. In der Tat, sie können, wenn auch
langsamer als Kinder. Denn jegliche menschlichen Sprachen unterliegen einer Universalgrammatik (nach Noam Chomsky; vgl. a. Bickerton, 2002; Eliot, 2001), die mit der Muttersprache als Input das Sprachzentrum angereizt und entwickelt
hat. Wer aber diese der Muttersprache inhärente Universalgrammatik in der sensiblen Phase der Entwicklung des
Sprachzentrums nicht aufnimmt, wird mit Sprache nie umzugehen lernen (s. Genie)!
Ö
ad Hardwaresteuerung: Neben anderen Defiziten ist Genie heute nicht in der Lage, ihren Blick über vier Meter hinaus scharf zu stellen. Und das, trotz gesunder Augen. Ihr Gehirn hat diese Aufgabe - die Steuerung der Linsen über
eine Distanz von mehr als vier Metern - in der dafür kritischen Phase nicht erlernen können. Das Zimmer, welches
sie bis zu ihrer Befreiung nie verlassen hatte, maß in der größten Ausdehnung vier Meter.
Der Mensch ist ein unangepasstes Mägelwesen und darum, weil er auf Input angewiesen ist, ein ausgesprochenes
‚Sozialtier’. Die Neurobiologie kann heute berichten, dass die Wirklichkeitskonstruktion des Individuums sowie Art und
Weise, später Informationen zu scannen, zu verarbeiten und zu speichern, Ergebnis seines Milieus ist. Zum Milieu na14
„Ein Viertel aller amerikanischen Kinder unter zwei Jahren hat einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer. Das ergab eine Studie des kalifornischen Forschungsintituts der Kaiser Family Foundation. Amerikanische Wissenschaftler zeigten sich besorgt über die Ergebnisse der Befragung. ‚Gerade in dieser
Entwicklungsphase brauchen Kinder keinen Fernseher, sondern Eltern, die sich mit ihnen beschäftigen' erklärte Michael Rich von der Havard Universität
gegenüber der 'Washington Post’“ („Skala“, 30.10.2003, 12.05h, WDR5)
15
Reiz-Reaktions-Schema
16
http://www.neurolabor.de/DAT-Web/Gesundes%20Gehirn.gif
8
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hezu eines jeden Menschen zählt aktuell die audiovisuelle Medienumwelt. Das Gedächtnis an sich rekurriert gar zu
100% auf die Umwelt, also auf das Milieu des Menschen (Eliot, 2001; Bauer, 2005; Spitzer, 2005), ergo auch auf die
Texte aus dem Medienmilieu.
So gilt sowohl für Softwarekonfiguration als auch für Hardwaresteuerung: Was Hänschen nicht lernt, … Aber auch das
Umgekehrte hat Gültigkeit: Was Hänschen kognizierte, hat Hans längst internalisiert. Da wir jedoch von Massenkommunikation und damit von einem allgegenwärtigen Milieu reden, wird hier auch seine enorme Prägekraft deutlich, eben weil
es in nahezu jedem Haushalt präsent ist.
6. M ATRIX -S OZIALISATION
Die ständige Verfügbarkeit des Fernsehers und die Kommerzialisierung dieses Massenmediums haben Kommunikationsverhältnisse erweckt, die bis dato einzigartig in der Menschheitsgeschichte sind, es klang ja bereits an. Denn auch
via TV erlernen Kinder Handlungsmodelle etc. und übernehmen die durch sie decodierten Bedeutungen für und Werte
von Handlungsrollen - Stichwort Normativität - sowie die mit ihnen verbundenen Attribute; dergleichen für Dinge.
6. 1. M ATRIX -S OZIALISATION :
DIE
T HESE
Das Gehirn beginnt erst um das Alter von sechs Jahren damit, diejenigen Hirnregionen zu vernetzen, die fortan am Aufund Ausbau der Ratio beteiligt sind. Alle bis dahin eingegangenen Daten wurden damit ohne rationale Größe archiviert,
sind aber am Auf- und Ausbau der sich langsam entwickelnden Ratio beteiligt und fungieren analog - Stichwort Konstruk17
tion - fortan auch als Inputfilter (Kommwiss.: Merten, 1991; Phänomenologie: Schütz, 1982; Soziologie: Soeffner, 1988;
Neurowiss.: Spitzer, 2005).
Darüber hinaus steht zu bedenken - es klang
bereits mehrfach an -, dass (Klein-) Kinder als
Kulturneulinge kaum über gedächtnisfähiges
Wissen (Relevanzen und Typizitäten, Schütz,
1982; Motivverstehen etc.) zum rekurrenten
Abgleich einkommender neuer Daten verfügen.
Vieles begegnet ihnen im TV zum ersten Mal.
Auch differenzieren sie die Inputs nicht nach
Textsorten wie zum Beispiel nach TV-Fakten
vs. TV-Fiktionen. Sie kognizieren, produzieren
Bedeutung und legen diese Erfahrungen als
‚neuronale Akten’ im Gedächtnis im Modus „Ich
habe es doch selbst gesehen!“ (von Hentig,
18
1993: 30) ab. Die Abbildung sechs links verdeutlicht die Macht der Medienkultur mit Leitmedium Fernseher.
Mit Maturana (2000a) soll hier die weiter oben schon angeführte Aktivität der Kognition (vgl. 1.) im Sinne Descartes’
übernommen werden, nämlich Kognizieren als Akt des Erkennens (vgl. Gehlen, 1950). Ebenfalls mit Maturana ist von
der gleichen Initialstruktur des Lebewesens bei seinem Existenzbeginn auszugehen (2000b). Ergo sind für (Klein-) Kinder enorme Symmetrien in ihren defizitären Zuständen des Neuronalen, Intellektuell-Kognitiven und ihres Welt(auslegungs-)-wissens zu konstatieren. Somit also kann die folgende These formuliert werden:
¾
Wenn unbekannte, in etwa symmetrische Daten auf eine in etwa symmetrische neuronale Initialstruktur treffen
und die Entwicklung des Gehirns einer biologisch dominierten Anatomie folgt, dann ergeben sich aus den
symmetrischen Dateninputs notwendig auch in etwa symmetrische Bedeutungsproduktionen (Texte)! Dergleichen für kognitiv-intellektuelle und motorische Fähigkeiten.
Das aber hätte zur Folge, dass sich bestimmte Einstellungs- und Meinungsprofile dort ähnlich verbreiteten, wo bestimmte TV-Daten, also eine bestimmte TV-Ästhetik, omnipräsent sind. Mit den Sub-Texten ist diese Metaebene der
kommerzialisierten Medienkultur identifiziert. Dann jedoch repräsentiert sich in der audiovisuellen Ästhetik der Fernsehwelt die Grundlage für das Entstehen eines von den Eltern etc. teil-entkoppelten und damit neuen Codebuchs innerhalb
einer Gesellschaft!
17
18
Soeffner spricht gar vom „individuellen Zoll“ (ebd.: 9).
© Peter Lutze; WiSe 2007/08, ifs, WWU
9
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6. 2. M ATRIX -E FFEKT
ALS
B ELEG : I NTERKULTURELLE
SYMMETRIE DER
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TV-Ä STHETIK
Der hohe Anteil US-amerikanischer Produktionen dient hier nun als Beleg. Zu sprechen wäre vom Matrix-Effekt in Bezug
auf Gesellschaften gleicher Medienästhetik. Das Duale System positioniert sich in der BRD seit 1984. Das TVGeschehen darf in der kommerzialisierten Medienkultur nicht im Widerspruch zur TV-Werbung stehen, andernfalls - wie
erwähnt - ziehen die Werbungtreibenden ihre Spots zurück. Bei den Privaten Fernsehbetreibern in Deutschland liegen
die Anteile US-amerikanischer Sendungsformen im von Kindern stark frequentierten fiktionalen Bereich und des Doku/Soap bei über 70% (eigene Untersuchungen, s. Tab. 1 u.):
Genre
Prod.-Land pro7
d
10%
d plus
4%
Serie/Soap/Doku
usa
78%
usa plus
8%
gesamt
100%
Serien nach Prod.-Land in %
je Jan. 2001-2004, 18-23h
Privatsender
rtl
rtl2
sat.1
srtl
18%
0%
40%
24%
4%
0%
11%
0%
74%
98%
43%
71%
4%
2%
6%
5%
100%
100%
100%
100%
gesamt
17%
4%
74%
5%
100%
d
21%
usa
79%
Lebensweltliche TV-Kontexte, Serien nach Produktionsland, Private in % (d = deutsche -, usa = US-Produktion).
19
Gerade aber (Klein-) Kinder konsumieren mit jährlich wachsenden Zahlen die fiktionalen TV-Angebote der Privaten (vgl.
Feierabend/Klingler, 2007). Mit einem derart hohen Anteil US-amerikanischer Sendungsformen in Deutschland (vgl. Tab.
1 o.: 79% USA, 21% BRD) ist notwendig auf die gleiche Konsumästhetik der Medienkultur der BRD wie der USA zu
schließen, andernfalls wären die Sendungsformen unvereinbar mit den hiesigen Werbebotschaften und würden infolgedessen nicht mit den diesen kombiniert ausgestrahlt.
Jetzt, da in der BRD erstmals diejenigen befragt werden konnten, die mit der kommerzialisierten Medienkultur als fernanwesendes Ko-Milieu aufgewachsen sind, werden die „deutsch-amerikanischen Zwillinge“ (Zinnecker et al., 2002: 9;
Stichwort: Culture-Patchworking) entdeckt und bilden eine Zwillingsgeneration, die „frappierende Ähnlichkeiten im Profil“
(ebd.) der Einstellungen und Meinungen aufweist. Die Zwillinge leben aber in unterschiedlichen Ländern. Zwischen Ihnen schäumt gar ein gewaltiger Ozean.
Noch bis Mitte der 1980er-Jahre galt in der Soziologie das Entstehen einer Generation als umfassende Einheit (also in
etwa gleiches Einstellungs- und Meinungsprofil) als nahezu unwahrscheinlich. Der Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Dr. Michael Mitterauer, schrieb noch 1986: Hinsichtlich der Vielfalt von Jugendstilen „erscheint es jedoch
fragwürdig, ob jene Übereinstimmung in Einstellungen, Motiven, Orientierungen und Wertvorstellungen, die der Generationsbegriff postuliert, in umfassender Weise gegeben ist“ (247 f.). Bronfenbrenner insistierte noch, dass das Verhalten
dem Herkunftsland zuzuordnen sei (2000: 79f.).
Doch auch, wenn die deutsch-amerikanischen Zwillinge nicht zusammenkommen können, so sind sie Kulturneulinge
der kommerzialisierten Medienkulturen der USA (kommerzielles TV von Beginn an) und der BRD (sukzessive kommerzialisiert seit 1984) und erfahren ein Ausschnittmilieu ihrer Umwelt relativ symmetrisch: die konsumästhetische Ideologie
der kommerzialisierten Medienkultur, welche offensichtlich symmetrische und hoch prägungsaktive Daten erzeugt: Metadaten - die Sozialisations-Matrix -, deren offenkundiges Ergebnis wir in den deutsch-amerikanischen Zwillingen wahrnehmen.
6. 3. M ATRIX -S OZIALISATION - DREI S TUDIEN : „E RSTAUNLICHE G ESCHLOSSENHEIT “ … „G RUNDLEGENDE W ERTEWANDEL “
Mittlerweile sprechen drei Studien von Wertewandeln und formulieren mit Worten - grundlegend; erstaunliche Geschlossenheit etc. -, die für Wissenschaftler sonst eher tabu sind. 20 Darunter befinden sich auch Ergebnisse eines Instituts in
21
der BRD, welches für seine eher konservative Haltung bekannt ist. Diese Wertewandel haben sich rasch vollzogen.
Die ‚neuen’ Werte unterscheiden sich teils dramatisch von denen der älteren Generationen.
Die Wertewandel werden in der BRD ab Beginn bis Mitte der 1990er Jahre sowie ab 2001/2002 derart drastisch beobachtet. Erstaunlich ist - wie erwähnt -, dass sie mit derjenigen Generation auftreten, die seit 1984 hierzulande mit der
kommerzialisierten Medienkultur aufwuchs. In nicht einmal zwölf Jahren haben sich Wertewandel um einen Betrag voll19
20
21
Lutze, 2004, „Die Matrix-Hypothese“, in: http://miami.uni-muenster.de/servlets/DocumentServlet?id=1792, S. 416
Vgl. Zinnecker et al.; Jugend 2002, 14. Shell Jugendstudie
IFD-Allensbach, 2001: http://www.ifd-allensbach.de/news/prd_0110.htm
10
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zogen, der Statistiker taumeln lässt: mehrfach Veränderungen um 30%! Es sind aktuell Werte betroffen, die vor wenigen
Jahren noch in etwa mit denen der Elterngeneration harmonierten. Es sind hier also Wertewandel gemeint, die sich bei
gleichzeitig relativ stabilen Einstellungs- und Meinungsprofilen der Eltern vollzogen haben.
6. 4. D ER
PARA - ABSTRAKTE
Z YKLUS
Diese TV-Daten konsolidieren sich in der Lebenswelt und fließen darüber zurück (Quote) ins Mediensystem usf. Es handelt sich um eine Struktur para-abstrakter Orientierung (Abb. 7 u.), 22 deren Motor die Quote darstellt: Derart geprägte
Kulturneulinge geben ihre ‚Programmvorlieben’ an die TV-Sender zurück (Quote),
die diese nun ihrerseits erneut bedienen.
Das neue Angebot setzt die nächste
Schleife medienfundierter Prägung in
Gang, die sich in der Sozialwelt nunmehr
konsolidiert (para-abstrakte Interaktion)
etc. Damit beschleunigt die Medienkultur
den Prozess der Teil-Entkopplung der
Generationen. Das Szenario konsolidiert
sich seinerseits, womit die Medienkultur in
ihrer Wirkung enger zu zirkulieren beginnt:
eine Endlosschleife laboriert.
Die verwendeten ästhetischen Texturen
sind berechenbar, worin sich Interpretationsintervalle ausdrücken. Vorsichtig formuliert wäre mit dem Modell ebenso eine
gefühlte Wirklichkeit eines Kollektivs kommerzialisierter Medienkultur mathematisch berechenbar.
7. S CHLUSSBETRACHTUNG
Es war einzugehen auf sechs Sachverhalte:
o
die Funktionsweise des Kognizierens,
o
die Einführung der para-interpersonalen Kommunikation,
o
Verlust der Informationsgrenze und Informationshierarchie in der Medienkultur,
o
die Einführung der Sub-Texte als autonome Metatextebene sowie
o
- unter Berücksichtigung der Anatomie der Hirnentwicklung -
o
auf die Matrix-Sozialisation der kommerzialisierten Medienkultur.
Das Beispiel der deutsch-amerikanischen Zwillinge belegt anhand des referierten Matrix-Effektes eindrucksvoll die
Richtigkeit der Matrix-Hypothese. Die Wissenschaftler in Ausrichtung der tradierten Medien(-Wirkungs-)forschung stehen
ob der statistischen Wert vor einem Rätsel und ringen nach Erklärungen, analog für die Politik. Doch diese Zwillingsgeneration umfassender Einheit ist Faktum, obwohl die Zwillinge in voneinander getrennten Gesellschaften beheimatet
sind. Diese Generation verdeutlicht uns, dass die Meta-Ästhetik als Metadatenstruktur der kommerzialisierten Medienkultur präsent ist, enormen Einfluss auf die Normativität hat und darauf wartet, in Theorie und Praxis der Soziologie eingeführt und in der Politik bekannt gemacht zu werden.
Die Theorie der Matrix-Hypothese erlaubt es m.E. zudem, das Pferd der soziologischen Methode umgekehrt aufzuzäumen, da die Beobachtung der Metaebene offenbar zuverlässige Rückschlüsse auf Meinungs- und Einstellungsprofile
der Gesellschaft erlaubt. Indem die Medieninhalte auf der Metatextebene beobachtet und analysiert werden, können Soziologen die soziologische Methode nach Husserl anwenden und nach Durkheim empirische Soziologie betreiben. Diese
Aussicht einer derart prägungsaktiven Matrix ist mehr als erschreckend, zeugt sie doch davon, dass Adorno mit seiner
Dialektik der Aufklärung (Kulturindustrie) doch eigentlich wesentlich untertrieb.
Wir leben in einem Zeitalter, in dem der Verlust der Kindheit zu beklagen ist, denn aus Kindern sind Kunden geworden,
um deren Aufmerksamkeit - alle Folgen in Kauf nehmend - rücksichtslos gebuhlt wird.
Dr. Peter Lutze
22
Lutze, 2004, „Die Matrix-Hypothese“, in: http://miami.uni-muenster.de/servlets/DocumentServlet?id=1792, S. 216
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Seele and Geist
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