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Einheit der Christen – von Jesus gewollt, aber wie real ist sie?

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Predigt an Christi Himmelfahrt, 09.05.2013 in Erzhausen
Pfarrerin Stephanie Stenzel
Einheit der Christen
– von Jesus gewollt, aber wie real ist sie?
Predigttext: Joh. 17, 20-26
Liebe Gemeinde,
wo ist Jesus eigentlich seit seiner Himmelfahrt geblieben? Und was macht er den ganzen Tag?
Gut, im Glaubensbekenntnis sagen wir: Er sitzt zur Rechten des Vaters..., also bei Gott.
Aber was heißt das? Er sitzt da...... und regiert? Schaut zu, wie`s auf der Erde so läuft?
Der Predigttext für diesen Himmelfahrtstag sagt uns etwas konkreter, was der erhöhte J. Chr. tut: Er
widmet sich seinem großen Herzensanliegen:
Er betet, er bittet Gott Vater inständig für alle Christen, für alle, die gläubig sind oder es noch werden,
um Bewahrung und um Einheit. Das ist das große Thema im Himmel!
Ich will nicht sagen: das einzige....... Aber es liegt Jesus mehr am Herzen als wir vielleicht denken.
Spaltung unter den Christen ist für Jesus ein Skandal!
Ich habe den Verdacht: Wir haben da sehr, sehr nötig, seine Fürbitte im Himmel!
Ein kurzer Blick zurück in die Anfänge der Christenheit und in die Kirchengeschichte zeigt:
Kaum war Jesus im Himmel, da gab es schon Auseinandersetzungen zwischen Christen, Gemeinden
und unterschiedlichen Strömungen.
Streit um Fragen wie: Wer gibt eigentlich den Ton an in der Kirche?
Streit um Fragen wie: Was darf man als Christ, was darf man nicht:
Darf man z.B. bedenkenlos alles essen, was auf den Tisch kommt?
Oder muss man erst mal prüfen, ob das Fleisch, das man auf dem Markt gekauft hat, nicht vorher zum
Opfer für heidnische Götter bestimmt war und deshalb für Christen unbedingt zu meiden ist.
Die einen sagten entschieden: „Opferfleisch hin oder her....... Was Gott geschaffen hat, ist gut und
genießbar. Mir schmeckt`s. Wo ist das Problem?!“
Die anderen sagten: „Nein! Wer so ´was macht, kann kein Christ sein!“
Uns mag das lächerlich vorkommen. Für die Christen damals war das eine zentrale Glaubensfrage.
Das hatte mit jahrhundertealten Traditionen und Ehrfurcht vor Gott zu tun.
Und deshalb stand die junge Christenheit mit dieser Frage vor einer Zerreißprobe!
Sie hat sie bestanden. Man hat das Gespräch gesucht, sich geeinigt und eine Lösung gefunden, die für
alle akzeptabel war. Die Christen blieben zusammen. Ich bitte für sie, damit sie alle eins seien.
Aber das war ja nur eine der Bewährungsproben. Viele sollten noch folgen.
Etwa in der Zeit der Christenverfolgung in den ersten Jahrhunderten, da drohte wieder Spaltung,
nämlich bei der Frage: Was machen wir denn nun mit den Christen, die feige waren,
die ihren Glauben vor den Verfolgern geleugnet haben, weil sie Angst hatten um ihr Leben....
Und jetzt, wo sich alles beruhigt hat, wollen sie wieder dazugehören zur Kirche.
Was machen wir mit denen?
Die Radikalen sagten: „Das geht gar nicht! Solche Umfaller können wir nicht dulden unter uns!
Wir hatten schließlich auch Angst - und sind aber treu geblieben!“
Und die anderen waren milder gestimmt: „Lasst uns barmherzig sein. Jeder macht Fehler.“
Wie findet man einen gemeinsamen Weg? Man fand keinen!
Die „Radikalen“ galten fortan als Ketzer.
Und so ging es in der Kirchengeschichte weiter:
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Harte Kämpfe in Glaubensfragen.
Und in Kirchenfragen: Soll es einen Papst geben oder
nicht oder zwei? Soll die Kirche weltliche Macht besitzen oder besser nicht? Soll sie arm sein oder
reich?
Soll man zu Maria und den Heiligen beten - oder auf gar keinen Fall? Brauchen wir viel Tradition oder
machen wir alles neu?
In vielen dieser Fragen wurde verbissen gestritten. Jede Partei natürlich vollkommen überzeugt, das
Richtige zu vertreten.
Und so manches Mal in der Kirchengeschichte endete das mit einem Bruch:
Exkommunikation: Unter unserem Dach ist für euch kein Platz mehr.
Oder Bewegungen verließen von sich aus die Kirche und gründeten eigene Kirchen.
Und das nicht nur in der Reformationszeit.
Ich erinnere mich etwa an die 70/80er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Das Thema Apartheid in Südafrika hatte auch die Christen betroffen: Trennung zwischen schwarzen
und weißen Christen.
Und in einigen Kirchen auch außerhalb Südafrikas wurde nun über die richtige Haltung in dieser Frage
sehr heftig gestritten. Ich weiß noch, dass eine Kirche so weit ging zu sagen:
Wenn ihr nicht gegen die Apartheitspolitik seid, dann könnt ihr nicht mehr Mitglied in unserer Kirche
sein!
Wenn ihr nicht gegen die Trennung von Schwarzen und Weißen seid, dann trennen wir uns von euch!
Da wurde wirklich schwer gerungen.
Nun möchte ich mit den Beispielen für Spaltung und Un-Einheit unter Christen lieber aufhören!
Es gäbe noch unzählige weitere Beispiele im kleinen und großen Stil. Jeder hier kennt sicher welche
aus eigener Anschauung......
Aber wie wollen heute ja nicht deprimiert nach Hause gehen.....
Mir geht es einfach darum: Dieses Gebet Jesu: Ich bitte für sie, damit sie alle eins seien das brauchen wir ganz dringend!
Und dass die Christenheit nach all diesen Kämpfen und Rivalitäten untereinander noch nicht
untergegangen ist, immer noch lebt und sich ausbreitet - das sollte uns lehren, an Wunder zu
glauben..... Und das hat seinen Grund nicht zuletzt sicher darin: dass Jesus unablässig für uns betet!
Wir haben heute weltweit Tausende von verschiedenen Konfessionen und Denominationen!
Das ist gar nicht nur bedauerlich. Es gibt auch gute Gründe dafür.
Denn verschiedene Kirchen und Gemeinschaften haben oft ja auch Zugänge zu verschiedenen
Menschen und Mentalitäten und Milieus und Kulturen. Wir mit unserer Art und unserem kirchlichen
Profil würden z. B. auf Menschen aus der Karibik wahrscheinlich nicht so einladend wirken.
Und die meisten von uns wiederum fühlten sich in einem Gottesdienst der Jesus Freaks (eine Art
christliche Punks und Outsider) vermutlich etwas unbehaglich.....
Also die berühmte Vielfalt hat durchaus ihre Berechtigung.
Aber in der Praxis ist das Miteinander der verschiedenen Richtungen und Konfessionen ja nicht immer
ganz so harmonisch und plausibel. In der Entstehungsgeschichte gab es oft Konflikte.
Man trennte sich nicht einvernehmlich, sondern feindselig.
Und gegenseitiger Respekt ist auch heute noch nicht selbstverständlich.....
Wobei ich nicht kleinreden möchte, dass es inzwischen in unseren Kirchen viele Bemühungen um die
Ökumene gibt. Die Verständigung zwischen Christen verschiedener Konfessionen liegt vielen am
Herzen. Fast jede Gemeinde hat dafür einen Ausschuss, ab und zu feiert man ök. Gottesdienste.
Es gibt gemeinsame soziale Projekte, hier z.B. die christliche Flüchtlingshilfe.
Es gibt Strukturen für die ökumenische Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen bis hin zum
Weltrat der Kirchen.
Es gibt ein Bewusstsein dafür, dass es bei der Einheit der Christen schon um mehr geht als nur um ein
Hobby für besonders Interessierte. Und die Zeit, in der man Witze machte über ök. Hundeturnen
(m.a.W.: Ökumene - das ist ja alles nur Spielerei....), diese Zeit ist vorbei.
Es wird schon ernsthaft gerungen um Verständigung. Und bei nahezu keiner Rede zur Ökumene fehlt
der Hinweis auf unseren Predigttext: Joh. 17 - Jesus will die Einheit!
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Die interessante Frage ist nun: Welche Art Einheit eigentlich?
Was hat Jesus sich vorgestellt? Was sagt er eigentlich genau?
Ich bitte für sie,...... damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir,
so sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast........
ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne,
dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst...... (VV 21.23)
Sie empfinden sicher auch: Sehr anspruchsvoll!
So eine innige Verbundenheit - das übersteigt ja eigentlich alles Menschenmögliche!
Wie sollen die Christen denn je so eine Harmonie hinkriegen?!
Die Antwort lautet schlicht: Gar nicht!
Jedenfalls nicht i. S. von: Wir kriegen das hin - durch Verhandeln und Konferenzen und guten
Willen...... Einheit, wie Jesus sie hier erbittet, ist kein Unternehmen, das wir Menschen planen und
durchführen, und was die Mehrheit sagt, wird gemacht oder so....
Ihr Katholiken habt 7 Sakramente, wir Protestanten 2 - einigen wir uns als auf 3,5....
Und wenn ihr auf den Papst verzichtet, dann ersparen wir euch das Lutherjahr......
Einheit, wie Jesus sie will, ist viel tiefer und umfassender und bezieht den Himmel mit ein!
Wir sollen teilhaben an dieser Gemeinschaft der Liebe zwischen Gott und seinem Sohn.
Mir fällt dazu kein anderes Bild ein als das von liebenden Eltern:
Vater und Mutter, die sich umarmen und ihre Kinder mit einschließen.
Gott Vater und Gott Sohn, die uns, die Kinder (die Christenheit) mit einschließen in ihren Bund.
Diese Art von Einheit erzielen wir nicht allein in ök. Komitees.
Ich glaube, nicht umsonst spricht Jesus sein Anliegen in einem Gebet aus.
Kein Auftrag: Liebe Christen, haltet Frieden, vertragt euch!
Sondern ein Gebet: Ich bitte dich, mein Vater..... gib du. Hilf du, wirke du!
Die Einheit, die Jesus will, die machen wir nicht, die empfangen wir.
Und das sollte uns hellhörig machen:
Zum einen - weil das eine ganz schöne Portion Demut verlangt!
Sich einzugestehen: Wir sind nicht in der Position von „Machern“. Wir sind Empfänger!
Wir sind angewiesen darauf, dass Gott tut, was wir streitende Geschwister nicht hinkriegen.
Diese Einsicht kann einen schon etwas demütig und bescheiden machen.
(Und das hilft uns vielleicht auch im Umgang miteinander........)
Und ein zweites:
Gott selbst will einbezogen sein. Es geht nicht nur darum, dass wir uns gut verstehen wir untereinander und wir mit den Katholiken und den Baptisten und den Pfingstlern usw.
Es geht auch darum, dass wir zusammen uns mit Gott gut verstehen.
Und deshalb ist für alle unsere Einheitsbestrebungen das Gebet so wichtig!
Dass wir uns gemeinsam an Gott wenden. Nicht nur Gespräche führen über unsere Vorstellungen von
Kirche, Glaube und Gott. Sondern gemeinsam mit Gott reden. Mit den Geschwistern aus den anderen
Kirchen Gott danken und loben, ihn bitten und ehren, ihn feiern als unseren gemeinsamen Herrn!
Ich glaube, dass das ein wichtiger Beitrag ist, Einheit zu leben und zu pflegen und dass das noch sehr
ausbaufähig ist....
Ich möchte auf noch ein paar Chancen hinweisen.
Dass Einheit, wie Jesus sie im Sinn hat, etwas ist, das wir erbitten und empfangen müssen,
soll ja nicht heißen, dass wir einfach passiv bleiben abwarten, bis der liebe Gott die Harmonie vom
Himmel fallen lässt.....
Natürlich will Gott unsere Beteiligung uns unser Mittun!
Also, was können wir beitragen:
1. Das gemeinsame Gebet nannte ich eben schon.
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2. Bevor wir über all die Unterschiede diskutieren und uns aufregen - wissen wir eigentlich,
wie viel Grundlegendes uns verbindet?
Der Glaube an Jesus Christus, an die Liebe Gottes, an die Bibel als Wort Gottes;
die Überzeugung, dass zum Christsein Nächstenliebe, Großzügigkeit und Vergebung
dazugehört; das Ringen um die Frage: wie können wir das leben? Wie lerne ich
Vergeben?
Und vieles, vieles mehr verbindet uns ja mit Christen aller Konfessionen.
Und wenn wir das mal viel stärker in den Blick nehmen, unser gemeinsames Fundament,
dann - glaube ich - reden wir anders, besser miteinander über die Unterschiede.
3. Die sollen wir natürlich auch ernstnehmen, die Unterschiede. Aber wie reden wir
miteinander?
Ich glaube, es ist schon viel gewonnen, wenn wir dem jeweils anderen zugestehen,
dass er sich auch Gedanken gemacht hat. Und dass nicht nur Machtstreben und
mangelnder guter Wille ist, wenn der andere meinen Standpunkt nicht übernimmt.
Die strittigen Fragen zwischen Katholiken und Protestanten, also z.B. das Abendmahl,
oder die Bedeutung der Ämter - Pfarrer, Priester, Bischof, Papst,
oder die Frage, was Kirche eigentlich ist oder sein soll diese Fragen sind meistens viel komplexer als wir annehmen.
Und viele Menschen in Gegenwart und Vergangenheit haben sich ernsthaft Gedanken
darüber gemacht und Gründe für ihre Überzeugung, die wir nicht einfach so abtun können.
Die anderen sind nicht unbedingt weniger klug und fromm als wir.
M.a.W.: Es hilft unserm Dialog weiter, wenn wir uns selbst ein wenig Demut zumuten.
Unsere Erkenntnis ist genauso wenig vollkommen wie die der andern.
Und manchmal begegnet man sogar Christen, die zu einer anderen Kirche
gehören, aber eine Sache aus dem Evangelium besser verstanden haben und
besser umsetzen als man selbst!
Wir dürfen auch lernen von anderen......
4. Nochmal zum Umgang mit Unterschieden, mit Dingen, die uns sehr fremd sind bei
Christen, die ihren Glauben anders leben als wir und die das auch sehr verteidigen:
Was einem auf den ersten Blick stur und abstrus vorkommt, das kann mit einer echten
Gotteserfahrung verbunden sein.
Ich weiß von katholischen Ehepaaren, die sich haben - halten Sie sich fest - lateinisch
Trauen lassen. Und zwar nicht nur Hundertjährige....., auch junge Leute. Die Freundin
meiner Patentochter plant das gerade. Warum machen die so ´was - freiwillig?
Das hängt damit zusammen, dass diese Menschen in einer lat. Messe eine tiefe
Gottesnähe erlebt haben, die sie sehr berührt hat. Das ist für sie miteinander verbunden.
Und dieselbe Intensität haben sie in anderen Gottesdiensten so nicht gefunden.
- Andere Christen haben Gott in charismatischen Gottesdiensten deutlich reden gehört,
und deshalb ist diese Art GD zu feiern ihnen so wichtig.
- Anderen geht es so mit luth. Messen oder ganz nüchternen Gottesdiensten.
- Wieder andere verbinden eine besondere Gotteserfahrung mit dem Besuch im
Orthodoxen Kloster auf der griechischen Halbinsel Athos, und da pilgern sie nun jährlich hin.
- Und es gibt sogar Menschen, die sagen, dass sie auf dem ev. Kirchentag Gott begegnet
sind.
Mir fällt es nicht so leicht, das zu glauben. Aber letzte Woche traf ich eine Frau, die das
behauptet hat. Also muss ich das schon ernst nehmen.
Wer bin ich, dass ich das jemandem abspreche?!
Jeder darf und soll zu seinem eigenen Profil stehen. Und das, was ihm lieb und vertraut ist, pflegen.
Ich bin auch nicht dafür, Unterschiede einfach zu übergehen, nach dem Motto:
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Wir glauben an einen Gott und fertig....
Aber wenn wir zugestehen, dass es lebendige Gotteserfahrung auch außerhalb unseres eigenen
kirchlichen Umfelds gibt, dass Gott größer ist als unser System,
dann kann das die Diskussion leichter machen.
Damit sind nicht alle Fragen gelöst, aber es kann das Gespräch voran bringen.
Ich möchte zum Abschluss einen Herrn zitieren, der Ökumene in einer Gemeinschaft von sehr
unterschiedlichen Gläubigen gelebt hat, vorbildlich gelebt hat:
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, der Erfinder der Losungen.
Wir singen nachher beim Abendmahl auch ein Lied von ihm.
Sein Leitwort zur Ökumene lautet:
In den wesentlichen Dingen lasst uns Einheit suchen. (Jesus Christus - die Mitte)
In den nicht so wesentlichen Dingen lasst uns Weite suchen. (GD-Fragen, alte – neue Lieder.....)
In allen Dingen aber lasst uns Liebe üben!
Denn die Menschen sollen nicht an Gott irre werden wegen der zerstrittenen Christen Sie sollen für uns gewonnen werden für den Gott der Liebe!
Die Einheit der Christen war und ist Jesus ein so wichtiges Anliegen, dass er in seinem allerletzten
großen Abschiedsgebet den Vater darum bittet und bis heute nicht aufhört, darum zu bitten.
Mit dem Lied, das wir gleich nach der Predigt singen, wollen wir uns diesem Gebet anschließen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus
Jesus. Amen
Stephanie Stenzel
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