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Blutsbande – Wie aus einer arabischen Großfamilie in - riva Verlag

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Beate Krafft-Schöning
Blutsbande
Wie aus einer arabischen Großfamilie
in Deutschland der berüchtigte
»Miri-Clan« wurde
© des Titels »Blutsbande« von Beate Krafft-Schöning (978-3-86883-314-0)
2013 by riva Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.rivaverlag.de
Teil I
Die Miris
© des Titels »Blutsbande« von Beate Krafft-Schöning (978-3-86883-314-0)
2013 by riva Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
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Wie alles begann …
Anfang 2011. Bremen. Über zwei Jahre Recherche zu den Miris und kein
Ende in Sicht. Es geht um die Miris, einen mittlerweile bundesweit bekannten arabischen Familienclan, der sich hauptsächlich in Bremen, Berlin und
im Ruhrgebiet (Essen) angesiedelt hat. Das reine Aktenstudium ist im Prinzip beendet. Es waren Polizeiakten über die kriminellsten Miris in Bremen.
Ein Insiderkontakt hat mir viele Monate lang sämtliche Informationen
über den Familienclan geliefert. Schlimme Informationen. Informationen,
die Angst machen müssen. Der Straftatenkatalog der Clanmänner reicht
vom versuchten Totschlag über räuberische Erpressung, Überfälle, Drogendelikte bis hin zu schweren Körperverletzungen, Beleidigungen, Waffenbesitz … Viele Jahre Gefängnis hat da so manch einer hinter oder auch
wieder einmal vor sich, weil er es dann doch irgendwie nicht lassen kann
und stetig aktenkundig wird.
Aber wer sind die Miris? Wer sind sie wirklich? Was steckt hinter diesen
ganzen Straftaten? Wer sind diese Männer, die andere fast totschlagen, rauben oder Drogen dealen? Das alles sind Fragen, die es zunächst zu beantworten gilt.
Wer sind die Miris?
Die Familie Miri gehört der Volksgruppe der Mhallami (Mhallamaye,
Mhallamiye, Mardelli) an. Die Mhallami sind eigentlich ein Volk ohne
Land, über dessen Geschichte und Herkunft unterschiedlich berichtet wird.
Ein Großteil der Ur-Mhallami war zunächst wohl in der Türkei beheimatet.
Unter dem türkischen Präsidenten Kemal Atatürk werden die Mhallami
in den 1920er-Jahren innerhalb der Türkei teils zwangsumgesiedelt. Das
bedeutet für die Betroffenen oftmals den Verlust des Lebensraumes und
zusätzlich den Verlust des eigentlichen Familiennamens, da es sich die türkische Regierung einfach macht und die Menschen nach den neuen Wohnorten benennt, an denen sie angesiedelt werden. So kommt es auch zu dem
heute noch gültigen Familiennamen Miri.
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Blutsbande
In der Türkei werden die Mhallami bis heute als Araber bezeichnet
und nicht als Türken. Auch die Mhallamie selbst fühlen sich den Arabern
zugehörig und wehren sich dagegen, Kurden, Mhallami-Kurden oder Türken genannt zu werden. Mhallami sprechen Arabisch und sind sunnitische
Muslime.
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Die meisten Vorfahren der derzeit in Deutschland lebenden Mhallami
kommen aus dem Südosten der Türkei, vornehmlich aus den Provinzen
Batman und Mardin. Andere Mhallami stammen ursprünglich aus Syrien
und dem Libanon. Die Geschichte der Mhallami reicht zurück bis 1800 vor
Christus.
Viele Mhallami reisen Anfang der 1980er-Jahre als Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon nach Deutschland ein. Weltweit wird die
Anzahl der Mhallami auf 150 000 Menschen geschätzt: circa 60 000 in der
Türkei, etwa 50 000 im Libanon und rund 40 000 in Europa. In Deutschland
sollen etwa 13 000 Mhallami leben (rund 4000 in Berlin, geschätzte 2600 in
Bremen, 4900 in Essen und andere deutschlandweit verteilt). Sichere Zahlen liegen hierzu nicht vor. Lediglich die für Essen genannte Zahl darf als
gesicherter Richtwert gelten, da man hier tatsächlich einmal gezählt hat.
Zu den Mhallami in Deutschland gehören neben den Miris noch viele
andere Familien, die teils aus dem Libanon nach Deutschland flüchteten
oder aus der Türkei einreisten. Bereits in den 1920er-Jahren beginnt allerdings die Migrationswelle der Mhallami, um der problematischen Siedlungspolitik Atatürks zu entkommen.
Teile der Familie Miri aus der Türkei siedeln deshalb in den 1950erJahren in den Libanon um, weil sie dort bessere Lebensbedingungen für
sich und ihre Familien erhoffen. Ihr Werdegang kann als exemplarisch für
viele andere Mhallami-Familien mit gleichem oder ähnlichem Schicksal
angesehen werden.
Im Libanon angekommen, ist man zunächst guter Dinge. Der Vater,
Hakim Miri, baut einen kleinen Gemüsehandel auf und kann seine Familie
mit dem Erlös gut unterhalten. Es kommen sieben Kinder zur Welt. Bilder
aus den 60er- und 70er-Jahren zeigen den Wohlstand, in dem die Familie
einige Jahre lang lebt. Die Kinder tragen hübsche Kleider, man fährt einen
silbernen Oberklassewagen. Bilder aus einer anderen Zeit. Eine Schwarz© des Titels »Blutsbande« von Beate Krafft-Schöning (978-3-86883-314-0)
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Wer sind die Miris?
weiß-Aufnahme präsentiert einen kleinen Jungen, der frech in die Kamera
grinst: Kasim Miri.
Wenige Jahre nach dem Entstehen dieser Fotos geraten Teile der im
Libanon lebenden Mhallami – und damit auch die Familie von Hakim –
in die Wirren des Bürgerkriegs, der zwischen 1970 und 1989 im Libanon
herrschte. Als im Libanon lebende »Ausländer« werden die Lebensbedingungen für die Familie in den Folgejahren immer härter. Zunächst hat Hakims Familie Glück im Unglück, denn der für ihren Wohnbezirk in Beirut
zuständige Bürgermeister ist gemäßigt und kümmert sich nicht weiter um
in seinem Distrikt lebende Mhallami. Das soll sich wenig später jedoch
ändern. Nächtliche Hausdurchsuchungen durch immer wieder wechselnde
Milizführer gehören bald zum Alltag der Familie. Bomben fallen. Die Kinder von damals erzählen noch heute von Toten auf der Straße, »die da auch
manchmal länger lagen«. Eine Schule besuchen die Miri-Kinder in dieser
Zeit selten. Manchmal sei die Schule viele Wochen zu gewesen, berichten
sie heute.
Für Hakim Miri wird es nun immer schwieriger zu arbeiten. Er
braucht Passierscheine, um von A nach B zu kommen. Manchmal muss er
die Wachposten bestechen. Mehrfach landet der Familienvater im Gefängnis oder wird von israelischen oder unterschiedlichen libanesischen Pos­
ten einfach mal ein paar Stunden festgehalten. Die Familie hat im Libanon
keinen Staatszugehörigkeitsstatus. Mit einer Art Fiktionsbescheinigung
weisen sie sich aus und sind damit sofort für jedermann erkennbar nicht
libanesische Staatsbürger. Ein Mhallami sagt dazu: »Früher konnte man
sich einen Pass kaufen. Das haben aber viele nicht gemacht, weil sie dachten: Was soll ich damit? Die dachten, dass sie eh irgendwann zurückgehen
würden in die Türkei – irgendwann. In den 70er-Jahren, das war Libanons
Blütezeit. Viele kamen halt als Gastarbeiter.«
Nicht alle Mhallami-Familien flüchten damals aus dem Libanon. Heute in Deutschland lebende Nachfahren anderer Familien erzählen, dass sie
noch viel Verwandtschaft im Libanon haben und diese mittlerweile als voll
integrierte Mitglieder der dortigen Gesellschaft leben, inklusive Staatsbürgerschaft. Ein Vertreter einer solchen Familie berichtet, dass seine Familie
heute in Beirut die drittgrößte wahlberechtigte Familie in Beirut ist und
damit auch über einen gewissen Einfluss verfügt.
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Blutsbande
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Doch weiter mit der Geschichte der Miris: Ende der 1970er-, Anfang
der 1980er-Jahre beschließt Hakim Miri, den Libanon zu verlassen. Er hat
von anderen Mhallami gehört, dass man in Deutschland gut leben kann,
fernab vom Bürgerkrieg im Libanon.
Nachdem die Familie ohne Papiere in Deutschland angekommen ist,
bezieht sie mit sieben Kindern eine kleine Wohnung in Niedersachsen. Als
Bürgerkriegsflüchtlinge ohne Staatsangehörigkeit erhalten sie finanzielle
Unterstützung vom Staat, einen räumlich beschränkten Aufenthalt und ein
Arbeitsverbot. Er habe gleich zu Beginn arbeiten wollen, doch man habe
ihm jahrelang das Arbeiten verboten, begründet der heute über 70 Jahre
alte Familienvater seine viele Jahrzehnte währende Untätigkeit und Abhängigkeit von staatlichen Mitteln.
In den folgenden Jahren werden noch fünf weitere Kinder geboren.
Keines der Kinder dieser Familie erreicht einen höheren Bildungsabschluss, was zum Teil dadurch bedingt ist, dass mancher bereits früh massive Verhaltensauffälligkeiten zeigt. Auch abgeschlossene Berufsausbildungen kann niemand vorweisen. Hin und wieder beginnt der eine oder andere eine Berufsqualifikation, die dann jedoch schnell wieder abgebrochen
wird. Interessant an dieser Stelle ist, dass die Kinder, die mit den Eltern als
Flüchtlinge einreisen, demnach also ein Vorleben im Libanon haben, fast
alle keinen Bildungsabschluss erreichen. Im Gegensatz dazu beenden alle
in Deutschland geborenen Kinder ihre Bildungskarriere zumindest mit einem Hauptschulabschluss.
Fünf Söhne dieser Familie entwickeln sich viele Jahre nach ihrer Einreise beziehungsweise ihrer Geburt in Deutschland zu Intensivtätern, die
die Bremer und die niedersächsische Polizei inklusive der Justiz langfristig
auf Trab halten werden. Andere Söhne treten ebenfalls strafrechtlich in Erscheinung – jedoch nicht mit der Intensität wie die fünf Vorgenannten. Zu
den intensiv kriminell aktiven Brüdern gehört auch der einst frech in die
Kamera grinsende Junge Kasim Miri.
Vater Hakim und seine Frau sind heute alt. Sie haben die Kontrolle über
ihre Kinder schon lange verloren. Wenn wieder einmal einer von den Söhnen im Knast landet, ist man in der Familie traurig. Der Vater besucht keines seiner Kinder im Gefängnis, egal, wie lange die Haftstrafe andauert.
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Familienbande – von der Wiege bis in den Knast
Die Eltern haben 1994 durch eine Amnestie im Libanon (Altfallregelung für die in den 1950er-Jahren eingereisten Mhallami) rückwirkend die
libanesische Staatsbürgerschaft erhalten. In einem Zeitfenster von einem
Jahr können damals sogar ausgereiste Mhallami ohne Papiere, die einen
bestimmten Zeitraum im Libanon gelebt haben, den ersehnten libanesischen Reisepass erhalten. Diese Chance nutzen die Eltern, um endlich ein
Identifikationsdokument zu erhalten. Den im Libanon geborenen Kindern
bleibt diese Chance, trotz Geburtsnachweis aus Beirut, aus unterschiedlichen Gründen bis heute verwehrt. Das bedeutet, dass bis auf eine Tochter,
die durch Verheiratung die türkische Staatsbürgerschaft erhalten hat, keines
der Kinder eine Staatsangehörigkeit besitzt. Auch die später in Deutschland geborenen Kinder werden als Staatenlose geführt und sind bis heute
ohne ordentliche Ausweispapiere in Deutschland ansässig.
Familienbande –
von der Wiege bis in den Knast
Verwandtschaft kann manchmal eine Bürde sein. So auch im Fall der Familie Miri in Bremen. Schätzungsweise 600 Mitglieder dieser weitläufigen
Familie leben hier. In einer polizeiinternen Gesamtaufstellung von 2009
listet die Polizei Bremen 66 Namen intensiv strafrechtlich in Erscheinung
getretener Miris auf. Namen, die zunächst keine Auskunft darüber geben,
welches Ausmaß die kriminelle Energie tatsächlich hat. Ein Blick in die
eine oder andere Polizeiakte verrät dann mehr über das, was hinter dem
»Schrecken Miri« tatsächlich steckt.
Kasim
Kasim Miri alias Kesim K., Staatsangehörigkeit nach Aktenlage: türkisch
(bis 2012). Die Polizeiakte weist Mitte 2011 mehr als zehn »andere Personalien« und mehrere ED-Behandlungen in den vergangenen Jahren aus.
Seine Geburt liegt Anfang der 1970er-Jahre. Als Geburtsort ist xxxxx/Türkei eingetragen – nicht Libanon. Scheinbar hat die Polizei Bremen diese
Information ermittelt, denn es findet sich ein entsprechender Hinweis in
den Unterlagen, der darauf schließen lässt: KP 7 Verden xxxx05, Ermitt© des Titels »Blutsbande« von Beate Krafft-Schöning (978-3-86883-314-0)
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Blutsbande
lungsergebnis Polizei Bremen 1705xx, Auszug aus dem türkischen Personenstandsregister der Stadt S. vom xxxx93. Aus diesem Grund wird Kasim
Miri vom Zeitpunkt dieses Ermittlungsergebnisses auch als Kesim K. und
nicht als Kasim Miri geführt und erhält in den Polizeiakten die türkische
Staatsbürgerschaft.
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Hinsichtlich des Geburtstages und des Geburtsortes scheint der erwähnte
Miri recht kreativ zu sein: So sind unterschiedlichen Identitäten auch andere Geburtsjahre zugeordnet. Das bedeutet, dass das Alter Kasims schon
einmal um mehrere Jahre differiert und als Geburtsort wahlweise der in
der Türkei oder jener im Libanon Verwendung findet.
Kasims bereits länger als 20 Jahre andauernde kriminelle Karriere ist
vielseitig: gefährliche Körperverletzung, Körperverletzung, Diebstahl, Hehlerei, Betäubungsmittel-(BtM-)Handel, räuberische Erpressung, schwerer
Landfriedensbruch, Entführung. Rund 40 Fälle – Ermittlungsverfahren –
weist die Akte aus, wobei hier Verfahren einbezogen sind, die viele Jahre
zurückliegen. Kasim verbüßt in den vergangenen 20 Jahren mehrere Haftstrafen.
Seit Jahren verfolgt die Polizei jeden seiner Umzüge genauestens. So
wird deutlich, dass Kasim zwischen 2005 und 2011 mehrfach die Adresse
wechselt. Kasim besitzt keine gesicherte Staatsangehörigkeit trotz der polizeilichen Ermittlungen in der Türkei. Er darf erst seit Kurzem überhaupt
ins Ausland reisen. Den Führerschein hat man ihm schon vor geraumer
Zeit abgenommen, weil er BtM-Konsument war. Kasim ist verheiratet und
hat Kinder.
Mezaj
Mezaj Miri soll Anfang der 1980er-Jahre in Beirut geboren sein. Staatsangehörigkeit laut Polizeiakte: libanesisch/türkisch. Mezaj wird mit etlichen
Personalien geführt. Er wird in den letzten Jahren mehrfach ED-behandelt,
und es liegen unterschiedliche Personenbeschreibungen zu ihm vor. Bei
Mezaj scheint man sich auf Behördenseite sicher zu sein, dass er im Libanon geboren ist, denn es gibt in seiner Polizeiakte keinen Hinweis darauf,
dass er möglicherweise in der Türkei gemeldet war, bevor er als Kind nach
Deutschland eingereist ist.
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Familienbande – von der Wiege bis in den Knast
Mezaj scheint BtM-Konsument zu sein und wird in seiner Akte als
äußerst gewalttätig beschrieben. Er gilt stets als bewaffnet.
Mezaj tritt seit seiner frühesten Jugend polizeilich in Erscheinung.
Mehr als 80 Ermittlungsverfahren listet man bei der Polizei auf (Stand
2011), darunter Raub, bewaffneter Überfall, Körperverletzung, Diebstahl,
BtM-Vergehen, Handel mit Drogen. Mehrere Jugendhaftstrafen verbüßte er bereits im Alter bis 21 Jahren. Danach verübte Raubüberfälle in den
1990er-Jahren haben ihn für mehrere Jahre ins Gefängnis gebracht. Immer
wieder wird Mezaj auch in den vergangenen Jahren in Haft genommen.
Mezaj hat keinen Führerschein, ist verheiratet und hat Kinder.
Mezajs letzter Coup: Im Herbst 2012 wird er mit fast eineinhalb Kilogramm Heroin erwischt und landet, nachdem er erst Anfang 2012 auf freien Fuß gekommen ist, Anfang 2013 gleich wieder für 20 Monate in Haft.
Amin
Amin Miri, Ende der 1980er-Jahre in Deutschland geboren. Die Polizeiakte
weist ihn als libanesischen Staatsangehörigen aus. Das ist interessant, weil
er bei der Ausländerbehörde als staatenlos gilt. Amin wird in den vergangenen Jahren mehrfach ED-behandelt; es liegen mehr als fünf Personenbeschreibungen über ihn vor.
Die Liste der Ermittlungsverfahren ist auch bei diesem Miri lang, insbesondere wenn man bedenkt, dass er noch sehr jung ist. Bis 2009 listet die
Polizei Bremen mehr als 50 Ermittlungsverfahren auf, darunter Diebstähle, Raubüberfälle, Körperverletzungen, Landfriedensbruch und andere
Tatvorwürfe. Von der Polizei wird Amin Miri als gewalttätig eingestuft.
Er wird mehrfach zu Haftstrafen verurteilt, die zunächst jedoch stets zur
Bewährung ausgesetzt werden. Seit Ende 2012 verbüßt er eine 32-monatige Haftstrafe, weil er Ende 2011 unter anderem erneut wegen Körperverletzung verurteilt wird. Sämtliche bis dahin zur Bewährung ausgesetzten
Haftstrafen werden mit dieser Verurteilung sozusagen fällig, sodass es nun,
am Ende eines langen Straftatenweges, gemessen an der dem letzten Urteil zugrunde liegenden Straftat, zu dieser relativ langen Haftstrafe kommt.
Amin gelingt es, zum Haftantritt Ende 2012 in das Freigängerprogramm
der JVA Oslebshausen, Bremen, zu kommen, da er einen Arbeitsplatz
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Blutsbande
nachweisen kann. Bis zum Ende dieser Aufzeichnungen ist Amin im Freigängerprogramm verblieben. Amin Miri hat einen Führerschein.
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Faris
Faris ist heute Ende 30 und der Polizei Bremen sehr gut bekannt. Mit weit
mehr als 100 Ermittlungsverfahren insbesondere wegen Gewalt- und Drogendelikten gehört er zu den wenigen Älteren, die seit vielen Jahrzehnten
durchgängig kriminell aktiv sind. Vielfach enden kriminelle Karrieren mit
zunehmendem Alter, nicht so bei Faris.
Er verbringt viele Jahre seines Lebens im Gefängnis. Im Jahr 2010
beginnt er damit, ein Chapter des aus den USA stammenden Mongols MC
(Motorradclub) in Bremen aufzubauen. Der Mongols MC zählt sich selbst
zu den 1%ter-Clubs in der Clubszene. Was bedeutet das? Ein Prozent aller
Rockerclubs sind kriminell, verfolgen ihre eigenen Gesetze und machen
Gebietsansprüche geltend. 1%ter-Rocker respektieren weder staatliche
Gesetze noch Ländergrenzen. Man ist eine eigene »Nation«, in der man
nach eigenen Werten und Gesetzen lebt. In den Staaten und Skandinavien tobten aus vorgenannten Gründen harte Rockerkriege unter anderem
zwischen Mongols MC und den Hells Angels. Wenn hier davon die Rede
ist, dass um Gebiete gekämpft wird, geht es immer um Geschäfte – kriminelle Geschäfte wie Drogenhandel, Prostitution, Schutzgelderpressung
und vieles mehr. Der Rockerclub, der ein Gebiet beherrscht, beherrscht
vor allen Dingen die Geschäfte in seinem Gebiet. Die Hells Angels werden 1948 in den Staaten gegründet und setzen sich damals ausschließlich
aus weißen männlichen Amerikanern zusammen. Im Jahr 1969 folgt die
Gründung des Mongols MC, dessen erste Mitglieder vor allen Dingen lateinamerikanische Vietnamveteranen waren, die gerne auch bei den Hells
Angels angeheuert hätten, denen aufgrund ihrer Abstammung ein Zugang
zu den Hells Angels jedoch verweigert wurde. Diese Rassentrennung im
Rockermilieu hat bis heute einen gewissen Bestand, wird aber nicht mehr
zwingend verfolgt.
Im Jahr 2010 beginnt Faris also damit, in Bremen ein Mongols-MCChapter aufzubauen, und wird dessen Präsident. Mit zunächst fünf Mitstreitern beantragt er in den USA beim Motherchapter (Mutterclub) die
Genehmigung zur Gründung der Mongols Bremen mit allen dazugehöri© des Titels »Blutsbande« von Beate Krafft-Schöning (978-3-86883-314-0)
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Familienbande – von der Wiege bis in den Knast
gen Rechten der Mongols Nation. 2011 erhält er die gewünschte Erlaubnis
und kann endlich loslegen, was, wie später noch zu sehen sein wird, zu
großen Problemen führt.
Faris ist verheiratet und hat einen Sohn. Nach eigenen Aussagen verfügt er über einen Realschulabschluss, was in diesem Milieu nicht undenkbar, aber dennoch bemerkenswert wäre. Solange ich Faris’ Werdegang in
den Jahren 2010/11 verfolge, sitzt er mehrfach kurzzeitig in U-Haft. Anfang
Juli 2013 wird er dann längerfristig in U-Haft genommen, weil man ihn
und einen Clubbruder mit etlichen Kilogramm Drogen erwischt hat.
Maarouf
Maarouf Miri wird Mitte der 1980er-Jahre in Deutschland/Bremen geboren. In seinem Fall ist in der Polizeiakte festgehalten, dass er »libanesischer
Staatsangehöriger« ist oder scheinbar wahlweise als »Staatsangehörigkeit
ungeklärt« geführt wird.
Zu Maarouf sind, wie auch bei seinen Brüdern, mehrere Personenbeschreibungen vermerkt. Er wird in den vergangenen Jahren mehrfach ED-behandelt, inklusive DNA-Muster. Vor einigen Jahren notiert die Polizei: BtMKonsument.
In den vergangenen Jahren wird in über 50 Fällen polizeilich gegen
Maarouf ermittelt, unter anderem wegen schwerer Körperverletzung, Körperverletzung, Landfriedensbruch, Diebstahl, Erpressung, Verstoß mit Kokain, Hausfriedensbruch und besonders schweren Diebstahls. Er ist unter
anderem auch in die Schießerei im Jahr 2006 an der Bremer Discomeile
verwickelt. Maarouf Miri verbüßt mehrere Haftstrafen. Letzter Coup in
Maaroufs lange währender krimineller Karriere? Wegen des dringenden
Tatverdachts, an mehreren schweren Einbrüchen beteiligt gewesen zu sein,
sitzt er seit Juli 2013 mal wieder in U-Haft. Maarouf hat keinen Führerschein, er ist verheiratet.
Leider sind die fünf hier dargestellten Miris nicht die einzigen Mhallami,
die strafrechtlich massiv in Erscheinung treten. Zu den intensiv kriminell
auffälligen Mhallami in Bremen und Umgebung gehören auch Mitglieder
anderer Familien.
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Blutsbande
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Die Polizei Bremen ermittelt im Jahr 2010 erstmalig (ISTEC – Informationssammelstelle ethnische Clans) basierend auf Daten der Vorjahre aus
unterschiedlichen Quellen Ausgangszahlen zur Kriminalitätsentwicklung,
ausschließlich bezogen auf die in Bremen ansässigen Mhallami. Daraus
werden insgesamt 1191 Personen errechnet, gegen die aus polizeilicher
Sicht in irgendeiner Art und Weise etwas vorliegt. Die betroffenen Personen werden ab sofort im polizeilichen Erfassungssystem ISA-Web mit dem
sogenannten ISTEC-Merker versehen. Im Jahr 2010 selbst sinkt die Anzahl der so erfassten Mhallami zunächst auf 924. Bereits 2011 steigen die
Zahlen allerdings auf 1015 Personen. Der im Februar 2013 für das Vorjahr
erstellte ISTEC-Bericht weist insgesamt 1337 »gemerkte« Personen aus, die
»aktuell« erfasst werden, sprich der Polizei Bremen in irgendeiner Form
aufgefallen sind. Der unaufhörliche Anstieg der Fallzahlen macht der Polizei große Sorgen.
Die Tatsache, »dass die Mhallami in Bremen einen Bevölkerungsanteil von 0,4 Prozent ausmachen, ihr Anteil bei den Intensivtätern insgesamt jedoch bei rund zehn Prozent liegt, zeigt deutlich, dass wir ein Problem haben«, so das besorgte Resümee aus dem Polizeipräsidium Bremen
Ende 2012 in diesem Zusammenhang. Rund 20 Intensivtäter zähle man
zurzeit ausschließlich aus dem Bereich der Mhallami. Die Strukturen der
einzelnen Mhallami-Familien in Bremen seien der Polizei weitestgehend
bekannt, auch wenn man bis heute dabei sei, beispielsweise hinsichtlich
der Zuordnungen von einzelnen Personen zu verschiedenen Familien »zu
sortieren«.
In monatelanger Kleinarbeit werden hierzu im Rahmen des ISTECAuftrages neben der Auflistung von Ermittlungsverfahren gegen Mhallami zusätzlich Zuordnungen von Personen zu Familien oder Familien zu
Familienverbänden vorgenommen. Das sei nicht einfach gewesen, so ein
Kripo-Mitarbeiter, denn oftmals führten die Leute andere Namen, obwohl
sie nach Recherche der Polizei der gleichen Familie angehörten.
Akten. Viele Akten. Viele Informationen. Und doch ergibt alles kein abgerundetes Bild vom ganzen Ausmaß dessen, was man in Bremen seit Jahren
als »Miri-Clan« bezeichnet. Deshalb ist es notwendig, weiter zu suchen, die
Menschen, deren Akten vorliegen, persönlich zu treffen und nachzuhaken.
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