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Auszüge aus: Raoul Schrott: Tristan da Cunha 1.) Seite 231f. WIE

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Auszüge aus: Raoul Schrott: Tristan da Cunha
1.) Seite 231f.
WIE IRENÄUS, der gegen die Montanisten predigte, ebenso vergeblich scheint mir zunehmend
meine Stellung auf der Insel. Sowenig sie sich um den Bau der Kirche kümmern, sowenig sind sie auch
zu den Plänen zu bekehren, neues Saatgut anzubauen. Als ich den Versuch gemacht hatte, die
mitgebrachten Weinstöcke anzupflanzen, lachten sie nur. Und hatten Recht damit. Überhaupt verstehe
ich von den meisten Dingen zuwenig, die ich hier überwachen soll; deshalb ist es kein Wunder, daß sie
auch in anderem auf den althergebrachten Wegen beharren. Doch derweil komme ich mir zunehmend
vor wie einer der ornamentalen Eremiten, die die Gärten des englischen Landadels auch in unserem
Jahrhundert noch zu zieren hatten. Da gab es eine ›Gotische Grotte‹ voller Muscheln, ein ›Felsgehäuse
des Hieronymus‹ samt Alkoven und einem Totenschädel über dem Eingang als memento mori oder, wie
im Manor House in Darlington, eine ›Einsiedelei des Sommers‹, deren Boden mit Schafsknöcheln
gepflastert war und die eine ausgestopfte Eule am Dach hatte. Über die Annonce, die der Hausherr in
die Zeitung gab, haben wir als Kinder gelacht, Du erinnerst Dich: der erfolgreiche Applikant sollte
dort sieben Jahre leben, ausgerüstet mit einer Bibel, eine Strohmatte als Bett, Grasbüschel als Kissen,
ein Stundenglas als Uhr; versorgt werden sollte er mit Wasser und Essen aus der Küche, ohne daß er
jedoch mit der Dienerschaft eine Silbe wechseln durfte. Eine Robe aus Kamelhaar hatte er zu tragen
und durfte weder seine Haare noch seine Nägel schneiden, dafür erwartete ihn nach diesen biblischen
sieben Jahren eine Summe von 700 Guineen. Und natürlich fand sich einer. Ebenso absehbar aber
verlor er seine pittoreske Anstellung gleich wieder, weil man ihn bereits nach drei Wochen im Pub von
Croft erwischte. Dieser Versuchung nun nicht auch selber zu erliegen, muß ich mich manches Mal
schwer überwinden, denn die Trunksucht unter den Siedlern ist groß; am liebsten tauschen sie von
den Schiffen Weinbrand ein. Im Suff bricht der Streit zwischen ihnen dann offen aus.
So kam ich letzthin ungewollt in die Rolle eines Schiedsrichters der Liebe. Denn so unchristlich ihre
Heiratsgebräuche auch scheinen, so unerbittlich wird hier darauf geachtet, wem welche Frau zusteht.
Greens Tochter Elizabeth war dem Thomas Glass versprochen, und sie hatten bereits vor meiner
Ankunft zusammen in einem Haus gelebt, als sein Neffe Samuel Swain, der hübscheste Kerl auf der
Insel und weit jünger als er, sich in sie verguckte. Dadurch kam es zum offenen Bruch; Elizabeth und
Samuel mußten, gleichsam vom Dorf ausgestoßen, auf die Kartoffelfelder ziehen, wo sie sich ein Hütte
bauten und mehr schlecht als recht ihr Leben fristeten. So unwahrscheinlich es klingt, ging im Dorf das
Gerücht um, man habe eine Summe Geld für den ausgesetzt, der Elizabeth wieder zu ihrem Thomas
zurückbrächte. Ein paar Tage danach kamen sie zu mir, wie weiland schon die Liebenden zu dem
Einsiedler Ogrin, um sich meinen Segen zu holen.
Ach, die Qual der Liebe, wie sie mir voll Inbrunst gestanden! Er liebe sie, sagte Samuel mit
glänzenden Augen, während Elizabeth nur die Augen zu Boden schlug, keinen Schlaf fände er ohne
sie; sie seien von einem Verlangen aufeinander erfaßt, das sie selber erschrecke; sie könnten
voneinander nicht lassen, es wäre stärker als sie; es ist, sagte er, als hätten sie ein Gebräu aus
Johanniskraut und Beifuß getrunken. Da er sich so gut mit Pflanzen auskenne, erwiderte ich, müsse er
doch wissen, daß der Samen des Zitwer nur gut gegen Spulwürmer sei, kurz, ich dürfte sie nicht
trauen und damit das Sakrament der Ehe brechen, weil Elizabeth zuvor einem anderen Mann
beigewohnt habe; vor Gott gelte ihr Bund mit Thomas Glass, seinem Onkel noch dazu. Daß sie beide
ihre Sünde nicht bereuten, wäre ihnen anzusehen, fügte ich an; wie sollte ich da ihre Liebe segnen?
Darauf antwortete Elizabeth, daß sie lieber in Sünde weiter leben wolle, statt zu Thomas zurückzukehren; und wenn eine solche Liebe eine Schuld wäre, dann würde sie sie zusammen mit
Samuel abbüßen und eher von der Hand in den Mund leben, als ins Dorf zurückkehren. Was hätte ich
ihnen fur einen Rat geben können, Charles? Sie kamen in jeder Hinsicht zum Falschen.
*****
2.) Seite 449f.
Eine Postkarte von Dir; eine dieser Werbepostkarten vielleicht, wie sie mancherorts gratis aufliegen,
schwarzweiß, eine Szene aus dem Stummfilm eines berühmten Komikers, wie er in den Wanten hängt, sich mit
einem Arm festhält, die andere Hand über den Augen, und aufs Meer sieht, den Hafen, ich weiß nicht - und auf
der Rückseite die paar Zeilen, wie es Dir geht, Deine Adresse, van Houten hat mit unterschrieben hat, als stünde
nichts mehr zwischen uns, und meine Martha schickt Grüße, einen Kuß. Doch die Bilder, das, dessen man
entgegensieht, sie sind unscharf geworden, da ist auch das Fernrohr keine Hilfe, mit dem ich über die Bucht
schaue; ich stehe nur draußen bei der Hecke im Beet, das langsam verwildert, und will nicht zurück ins Haus, wo
sich die Zeit angesammelt hat, in Abwesenheit Deiner.
Vielleicht wird es nur Sentimentalität gewesen sein, die Dich überfiel, vielleicht bloße Bosheit, mir zu
schreiben und diese Postkarte dafür zu nehmen, vielleicht alles zusammen, egal, beides führt zum selben Punkt
zurück. In ihn schreibe ich mich ein. je kleiner die Buchstaben dabei sind, desto materieller werden sie; die
Mikrographie des Bleis, die ein weißes Blatt so lange zu schraffieren scheint, bis es vollständig bedeckt ist. Alles
bewahrt sich dann in diesem Schwarz; und spiegelt sich glänzend im Licht. Allein so läßt sich die Zeit anhalten
und zum Stillstand zwingen. Nur dadurch schreibe ich mich zurück, zurück zu Dir und jener Sehnsucht, mit
der alles begann.
Die Allegorie meiner Begierden, meine Insel, die ich aus dem Atlantik gehoben habe, damit ich sie wieder und
wieder entdecken, sie erneut in Besitz nehmen und über die Schiffbrüchigen berichten kann, die Matrosen, die
wieder auf einem Schiff anheuern, die Familien, sie bleiben. Einige Anekdoten habe ich eingefügt, andere
weggelassen, manche wiederholten sich gar, ohne daß ich jedoch je an der Chronik etwas geändert hätte; den
Kreislauf der Jahrhunderte einmal so mitabgeschritten zu haben genügt, um die Idee einer Zukunft für bloße
Illusion zu halten. Und dennoch gebe ich alles weiter, gebe es ab in diesen nur unter der Lupe zu entziffernden
Zeilen, damit die Geschichte meiner Insel sich bewahrt, und ihr Ursprung. Denn das ist das Schwierige: der
Anfang; dagegen ist das Ende stets abzusehen. Schwieriger ist es nur noch, den Ort zu verlassen, den man liebt;
denn es bedeutet, dazu verdammt zu sein, diesen Verlust ewig zu bewohnen.
Dies ist mir bewußt geworden, seit diese Bögen vor mir liegen, gefalzt und zu einem Buch gebunden, das
kleiner ist als meine offene Hand. Aber auch, daß sie, obwohl mit den seltensten Marken frankiert, nie den
Empfänger erreichen werden, für den sie bestimmt sind. Dennoch aber werden sie übergeben werden, entsendet
an den einzigen Ort, der dafür in Frage kommt. Bleibt nur noch das Fecit: Mein Name ist Mark Thomsen; mehr
ist nicht von Belang, nicht mehr.
Auch bei den großen Entdeckungsfahrten haben jene, deren Aufgabe es war, Karten neuer Archipele
anzufertigen, statt ihren Namenszug einzugravieren, oft eine imaginäre Insel eingezeichnet, die sie auf den
Namen ihrer Geliebten tauften. Das war bekannt, niemand stieß sich daran, wenn man auf den nachfolgenden
Fahrten keine Spur von ihr fand. Es war, wie jeder wußte, wenn er unbeirrlich darauf zuhielt, der Horizont
jedoch leer blieb und nur Wolken sich auftürmten über dem Spiegel der See, die Insel der Frau des Kartographen.
*****
3.) Seite 571-575
Liebe Noomi, Du fragst, warum ich über Tristan da Cunha schreibe. Mein Vater hatte in seinen wechselnden
Büros stets eine Weltkarte hängen, und ich mit meinen zwölf Jahren reichte kaum über den Äquator, auf
Augenhöhe lag allein die Insel Tristan da Cunha; vielleicht ist das der Grund. Zumindest scheint mir dieser
Umstand ebensoviel und ebensowenig zu erklären wie der historische Umstand, daß die Portugiesen dieses Land
entdeckt haben, keine dreihundert Kilometer südlich von hier an der Küste von Itamaraju: die Insel des Wahren
Kreuzes, an dem wir Brasilianer immer noch zu tragen haben, wir verehren jetzt ja unseren ersten wahrhaft
demokratisch gewählten Präsidenten wie den Heiland höchstpersönlich, er schwingt für uns über den Favelas
eine Nationalflagge, auf der sich immer noch das Kreuz des Südens findet, aber wir werden auch unter ihm
miterleben, daß die Korruption wie eh und je die Oberhand behält - so wie jetzt die Syntax über meine
Englischkenntnisse: daß wir also zuerst dieses Land entdeckten, bevor wir auf eine Insel mitten im Südatlantik
stießen, die auf der Route zu den Chimären des Ostens lag. Oder besser: auf halbem Weg zwischen der einen
Phantasmagorie hier und der anderen dort. Die unzugänglichste Insel der Welt; jener Ort, der am weitesten von
allen anderen bewohnten Orten entfernt ist, weiter abliegend als Pitcairn oder Thule in Grönland. Der
eigentliche Pol dieser Erde, sieht man vom Nordpol ab, wo niemand ist, außer vielleicht gerade ein Deutscher, der
ihn jetzt rückwärts gehend für sich erobern will, oder der Südpol, wo ein paar Amerikaner in einem Dom hausen
und ihre unterirdischen Atombomben zünden (nein, das wart ja Ihr Südafrikaner).
Ich aber brauche für meine Geschichten Menschen; und auf diesem Pol, der meine Insel ist, leben immerhin
ein paar hundert, und das nun schon seit dreihundert Jahren, auf einem winzigen Schelf, auf dem man sich
gerade noch gegen die Natur behaupten kann - in der extremsten Existenzform, die es gibt (Ihr in Eurer
Antarktis lebt ja nur ein Artifizium; keine Spur von Autarkie - sonst hättest Du längst schon anrufen können,
nicht wahr?). Und sie leben dort ihre kommunistische Utopie aus (für die ich ungebrochen noch die größte
Sympathie empfinde; kaum einer, mit dem ich in Lissabon studiert habe, der nicht ein den Kapitalismus
verachtender Oppositioneller und Mitglied der KP war, obwohl von den Idealen nichts geblieben ist). Für Politik
hatte ich trotzdem nie viel übrig; nicht weil ich in meinem Alter zu desillusioniert wäre, sondern weil mein
Interesse immer eher dem Einzigen und seinem Eigentum galt. Wofür sich die Tristaner jedoch interessierten,für
welches dieser drei Dinge, habe ich bisher nicht herausfinden können - und auch niemanden gefunden, der mir
das beantwortet hätte. Eine undurchschaubare Gesellschaft, diese Insulaner; wie wir alle wahrscheinlich - nach
außen zumindest. Ein Rätsel mehr (aus dem wir Schriftsteller ungeachtet aller humanistischen Ideale Kapital zu
schlagen verstehen).
Doch dann bin ich hier in Brasilien auf zwei interessante Figuren gestoßen, einen Abenteurer namens
Lambert, der sich zum König der Insel erklärt hatte (ähnlich jenem französischen Hochstapler, der sich zum
König von Patagonien ernannte, Antoine de Tounens), und einen Reisegefährten Darwins, einen Maler namens
Earle, der sich unfreiwillig ein Jahr lang auf der Insel aufhielt. Aus beiden habe ich meinem Helden Gestalt
gegeben; Fleisch vom einen, Blut vom anderen (einen guten Schriftsteller unterscheidet von einem schlechten
Schriftsteller, habe ich irgendwo gelesen, daß der schlechtere Anleihen nimmt, während der bessere klaut - weil
die Kunst darin liegt, das Diebsgut so in den eigenen Zeilen zu verstecken, daß es sich fügt, nicht auffällt und
wie aus einer Feder ist). Ich selbst war nur drei Tage auf Tristan, die Reise hat mich ein Heidengeld gekostet, ich
kann also mit authentischen Eindrücken nicht gerade hausieren gehen - selbst wenn ich wollte. Aber an
Originalität war mir noch nie gelegen; Literatur liegt für mich im Versuch, für archetypische Situationen und
Emotionen die eine passende und allumfassende Formulierung zu finden, die rechten Worte und die richtigen
Sätze - darin besteht ihre Formelhaftigkeit, schon seit Homers epischen Zeiten. Ich halte mir eher auf die
Konstruktion etwas zugute.
Daß mein Name dann über dem Titel (den ich immer noch nicht gefunden habe) stehen wird, ist ein
unvermeidliches Übel. Die Öffentlichkeit war mir stets ein Greuel- und dafür habe ich doch (um wieder auf
meinen Roman zurückzukommen) seit meiner Jugend eine Vorliebe für Hochstaplerfiguren und andere
Luftgänger gehegt. Wahrscheinlich, weil sie meinem melancholischen 'Temperament so entgegengesetzt sind und
ich, wenn ich über meinen tintenblauen Schatten hätte springen können, gerne ein Seiltänzer wie sie geworden
wäre. Doch das verhindert schon meine Familiengeschichte - die ein dritter Grund ist, mich mit Tristan da
Cunha zu befassen: mein Ururgroßvater war Euclides da Cunha. Ich denke nicht, daß Du schon einmal von ihm
gehört hast; hier aber gilt er mit seinem Wälzer über die Niederschlagung des Aufstands einer religiösen Sekte als
Begründer der brasilianischen Literatur. Das hat mit meiner Arbeit zwar nur insofern zu tun, als es
Korrespondenzen zwischen dem Leben auf Tristan da Cunha und dem Hinterland gibt, das mein Ururgroßvater
beschreibt - der Hauptgrund liegt aber wohl in dem öffentlich stets abgeleugneten Wunsch, endlich mit einem
eigenen Werk aus seinem generationenlangen Schatten zu treten.
Und weil wir uns nun schon mit meinen psychoanalytischen Geheimnissen beschäftigen, so will ich Dir auch
den vierten und letzten Grund für die Wahl meines Sujets nennen: Tristan da Cunha ist eine Insel (nein, gleich
drei, mit den schönen Namen Tristan, Nightingale und Inaccessible). Und eine Insel ist eben von vornherein
allegorisch - letztlich für alles, für die Glückseligkeit und den Tod: ein Symbol für das Wasser, das sie umgibt, die
Luft, indem sie den Winden ausgesetzt ist, dem Feuer der Sonne, die ihre Zeit bestimmt, der Erde, die sie ist.
Unerreichbar mitten im Ozean. Ein Emblem des Unbewußten und das mythische Bild der Frau, der Jungfrau
und Mutter - oder was immer wir Männer in sie projizieren; warum sonst bin ich Schriftsteller geworden, wenn
nicht dieses Eros wegen? Ein Archetypus der Libido. Eine Insel als regressus ad uterum, die Suche nach den
Ursprüngen der Welt und des eigenen Ichs, um darin das Heil zu finden - das vorsintflutlichste Prinzip des
Schreibens, das es gibt. Es ist in diesem Sinne, daß Tristan, tödlich verwundet vom Riesen Morholt - um auf
Dich zurückzukommen - in einem Boot ohne Segel ausgesetzt wird, ein Spielball der Wellen, an die Küste Irlands
treibt, wo er zum ersten Mal seiner Isolde ansichtig wird und von ihrer Mutter, der Königin der Inseln, geheilt
wird.
Ein langer Brief an Dich, meine Isolde, weiter abschweifend, als ich es vorhatte. Ich muß Dir mehr
verschweigen, sonst wirst Du meiner bereits jetzt überdrüssig. Und da Du mir von Dir bisher nicht mehr als
zwei Zeilen verraten hast ... Nein, ich schreibe Dir keine schönen Worte, weil das mein Beruf ist, ich sitze jetzt im
Dunkeln, wo allein der Bildschirm meines Laptops über den Schreibtisch ,f1ackert, alle Lichter in der Stadt
ausgegangen, weil die Elektrizitätswerke streiken, aber ich denke an Dich wie in jeder meiner wei3en Nächte, Du
bist so wirklich und doch ebenso unwirklich, so fern von mir und Deine Stimme mir doch noch so nahe, der
Geruch Deiner Haut, Dein Gang, und ich wollte, Du würdest jetzt wieder nackt im Türrahmen stehen, nur um
Dich lange, lange ansehen zu können, während das Dunkel um Dich fällt und Dich in Deiner Nacktheit kleidet,
ihre Bitternis auf der Zunge, die auch die Deine ist, Marah, der Wind draußen wild in den Bäumen, bis Du kalte
Füße bekommst und zu mir ins Bett kriechst, nur damit ich Dich in den Schlaf spreche, zu sagen, daß da etwas
Dunkles in Deinen Augen ist, das ich immer sehen werde, nur so, zu sagen, daß da eine Stelle ist, an der Du
immer verletzbar sein wirst, innen an Deinen Armen, hinter Deinem Ohr, unter dem Rund Deiner Brüste, nur
so, um Dir zu sagen, daß dies auch für mich so unerwartet wie unerklärlich ist, nur so, zu sagen, daß ich
geduldig sein werde, obwohl ich mich aufs Warten nie verstanden habe, nur so, zu sagen, daß all die Namen, die
ich für Dich habe, nur der eine ist, Noomi, Dir all das zu sagen, jetzt und hier, und daß alle Schönheit immer
fordernd war. Rui
Warum lese ich den Schluß seines Briefes wieder und wieder und mißtraue doch jeder Zeile? Weil
ich weiß, daß dieses Begehren nur so lange vorhält, wie es ungestillt bleibt. Sich in diesem
sehnsüchtigen Gestus etwas Ungeborgenes ausdrückt und ich Verbindlichkeit verlange; ich hinter der
Maske dieser Worte etwas spüre, das nicht nur auf mich Anspruch erhebt, sondern über mich erst sich
selbst verwirklichen zu können glaubt. Doch nicht mit mir. Ich will nicht mehr nur die Verkörperung
all dieser unbehausten Begierden sein.
Und doch habe ich diese Rolle genossen. Ich brauchte nur beim Essen im Restaurant aufzustehen
und mir auf der Damentoilette die Augenbrauen leicht mit blauem Kajal nachzuziehen, das genügte
bereits, keinen Lidschatten und keinen Lippenstift, um an den Tisch zurückzukehren und den
plötzlich wieder aufmerksamen, fast überraschten Blick zu sehen, ohne daß darauf je von einem Mann
eine Bemerkung fiel, als wäre es so sehr Teil von mir. daß ein Kompliment jetzt nur bedeutet hätte, wie
wenig hübsch ich ihnen noch ein paar Minuten vorher erschienen wäre. Dieses leichte Erstaunen
bedeutete mir viel, nicht aus Eitelkeit, sondern weil es die Achtung war, die ich mir damit verschaffen
konnte, diesen Moment überspielend, den Faden des Gesprächs aufnehmend, als wäre nichts
geschehen, mir mit dem Daumen den bleiblauen Strich Antimon von der Fingerkuppe wischend. Die
Komplimente, wenn ich mein schwarzes Kleid angezogen hatte, die Haare hochgesteckt über den
silbernen Ohrringen, die ich mir selbst ausgesucht hatte, machten mich dagegen verlegen, die Eleganz,
die man an mir bewunderte, galt nur einem Kostüm, in dem ich mir trotz seiner Einfachheit verkleidet
vorkam; es hatte sowenig mit mir zu tun wie die Nacktheit, die Martin von mir wollte, als er mich bat,
die Schamhaare abzurasieren; sie verschaffte ihm ein paar leidenschaftliche Nächte, aber sie galt nur
einer glatten weichen Haut, nicht mir; das Entblößte an mir war für ihn nur obszön. Schön empfand
ich mich erst, als ich schwanger war.
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