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Ausbildung bei Insolvenz Wie weiter nach der Wahl - ver.di Jugend

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ARENA
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Magazin der ver.di Jugend
Ausgabe 3/09
Ausbildung
bei Insolvenz
Tipps für den Ernstfall
Wie weiter
nach der Wahl
Unsere Wahlanalyse
Wofür
ist Geld da?
Entwicklung oder Rüstung
2
ARENA 3/09
AusbildungsPerspektiven
experten
sichern
der ver.di Jugend. Rund
um Ausbildung, Beruf,
Interessenvertretung und
gewerkschaftlich Aktive.
R
e
Perspektiven sichern
4 Internationale Erfahrungen
Ab ins Ausland
6 Ausbildungstipps Ausbildung bei Insolvenz
9 Ausbildung heute Beruf mit Peilung
Interessen vertreten
10 JAV-Konferenz
Strategien gegen die Krise
12 Fokus JAV Auf zur nächsten Runde
14 Unsere Wahlanalyse
Wie weiter nach der Wahl
16 Erfolg gegen Dumpinglohn
„Besser als wie man denkt”
Gewerkschaft
erleben
3
Editorial
ARENA – das Magazin
A
Interessen
vertreten
A
12
N
Gewerkschaft erleben
18 Begriffsbestimmung
Was heißt eigentlich „Revolution”?
19 Angeschnitten & verlinkt Weblinks
20 News aus Naumburg Naumburg ist eine Baustelle
22 Entwicklungshilfe auf dem Prüfstand
Die neue ARENA und damit auch die letzte Ausgabe für 2009 ist da.
Mit dem Jahreswechsel geht manches zu Ende, während anderes einfach
weiter läuft und dann wieder neues auf uns zukommt. Doch der Reihe
nach: In den letzten Wochen vor Weihnachten schreiben alle die Nächstenliebe wieder ganz groß und zahlreiche karitative Organisationen werben
um Spenden. Wie die Spendenbereitschaft unserer Regierung aussieht und
was arme Ländern ansonsten noch von uns bekommen, lest ihr ab Seite 22.
Hinter uns liegt mit dieser Ausgabe nicht nur die Bundestagswahl
und damit das Superwahljahr. Auch der 60. Geburtstag der Bundesrepublik
neigt sich dem Ende entgegen und die vierte bundesweite JAV-Konferenz ist auch vorüber. Zu den Folgen der Wahl aus Gewerkschaftssicht lest
ihr mehr auf Seite 14. Was es 60 Jahre nach der Verabschiedung des
Grundgesetzes zu feiern gibt oder eben nicht, stellen wir auf den Seiten 26
und 27 zur Diskussion. Und dann gibt es natürlich den Rückblick nach
Erkner, wo sich Ende Oktober knapp 200 JAV-Mitglieder und junge Betriebsund Personalräte getroffen haben. Mehr dazu auf Seite 10.
Leider immer noch nicht vorbei ist die Wirtschaftskrise. Wie es um
Azubis steht, deren Ausbildungsbetrieb in die Insolvenz geht, beschäftigt
uns ab Seite 6. Mit Lohndumping werden wir unter der neuen Regierung und in diesen Krisenzeiten ebenfalls verstärkt konfrontiert werden.
In diesem Zusammenhang berichten wir auf Seite 16 von einem
erfolgreichen Streit zweier ver.di-Mitglieder gegen sittenwidrige Löhne.
Vor uns liegt mit dem Erscheinen dieser ARENA-Ausgabe eine neue
Runde harter Tarifkonflikte. Tipps und Tricks, wie JAVen ihre Auszubildenden für begleitende Aktionen zu den Verhandlungen mobilisieren
können, lest ihr in der Rubrik Fokus JAV. Viel erreichen lässt sich hier nur
mit vielen aktiven Mitgliedern. Die KJAV des E.ON-Konzerns hat sich
dafür einiges einfallen lassen. Mehr dazu in unserem Mitgliedsinterview
auf Seite 24. Außerdem fragen wir uns in diesem Heft, was eigentlich
eine Revolution ist, stellen euch die neue Ausbildung zur Geomatiker/-in
vor und empfehlen den neuen Film über das Modelbusiness „Picture me“.
Für das neue Jahr viel Spaß bei der Arbeit, Kraft und Ausdauer
und natürlich eine tolle Zeit in der ver.di Jugend,
Wofür ist Geld da?
24 ver.di Jugend ist … Mit Nachdruck weitermachen
26 60 Jahre BRD
Party ohne Ende?
28 Filmkritik Sarah Ziff Picture Me
29 pimp your brain Wolkenkratzer
30 Kompetenzen für Aktive Bildungsprogramme
für dich
wünscht euch eure ARENA-Redaktion.
ARENA 3/09
Perspektiven
Ausbildungsexperten
sichern
5
Internationale
Erfahrungen
AB INS
AUSLAND
mit fremden Menschen und Kulturen.
nissen oder Sammeln neuer Erfahrungen im Umgang
Verbessern von Fremdsprachenkennt-
Kompetenzerweiterung, lebenslangem Lernen,
Viele haben deshalb schon mit dem Gedanken
gespielt, aber die meisten jungen Menschen trauen
sich nicht, ihn dann auch tatsächlich wahrzumachen: den Auslandsaufenthalt. Warum sind viele,
vor allem junge Menschen, nicht geneigt für
ein paar Monate den Schritt ins Ausland zu wagen?
Wir lesen und hören ständig von
4
Fragen nach mangelnder
Mobilität
Genau mit dieser Thematik beschäftigt sich momentan die Kommission der Europäischen Gemeinschaft in dem so genannten Grünbuch „Mobilität zu Lernzwecken junger Menschen“. Grünbücher
sind Diskussionspapiere zu einem bestimmten
Thema, meist als Vorlagen für Verordnungen und
Richtlinien der Europäischen Kommission. In
diesem werden Fragen aufgeworfen, welche Neuerungen oder Verbesserungen an bestehenden
Systemen und (Förder-) Programmen nötig sind.
Woran fehlt es, damit mehr junge Menschen
Lust auf Berufs- und Lebenserfahrungen im Ausland
bekommen und dann auch dorthin gehen?
Antworten auf die Fragen kann hierzu jede Bürgerin
und jeder Bürger der EU geben. Denn das Grünbuch steht bis zum 15. Dezember im öffentlichen
Konsultationsverfahren.
Viele würden ja gerne,
scheitern dann aber
an Geld- oder Organisationsfragen.
Auszubildende kaum
berücksichtigt
Im Grünbuch werden bestehende Probleme
der Finanzierung genauso thematisiert wie besondere Zugangsschwierigkeiten für benachteiligte Personengruppen. Virtuelle Mobilität oder
Qualitätsstandards für die „mobile Lebensphase“ sind weitere Themen darin. „Einen bitteren Beigeschmack bekommt das Papier allerdings durch eine auffällig starke Fixierung auf die
Gruppe der Studierenden. Viele Nichtakademikerinnen und Nichtakademiker könnten sich
abschrecken lassen, ins Ausland zu gehen“,
so bewertet Christian, Mitglied des Arbeitskreises
Internationales der ver.di Jugend, das Grünbuch.
Zahlreiche Mängel am
bisherigen Entwurf
Die Befürchtung bleibt, dass die mit dem
Auslandsaufenthalt verknüpften Lernziele nicht
erreicht werden, wenn junge Menschen ihren
Ausbildungs- und Arbeitsplatz im Ausland antreten. Die Ausbeutung von jungen Menschen,
wie es auch Erfahrungen mit Praktika in Deutschland zeigen, könne nur mit Begleitung durch
Außenstehende oder Kontrollinstanzen der EU
verhindert werden. Zudem klärt das Grünbuch
bisher nicht, wie sichergestellt werden kann,
dass jungen Menschen keine Nachteile am Arbeitsplatz bei ihrer Rückkehr ins Herkunftsland
entstehen.
Beteiligung ist
gefragt
Nichtsdestotrotz ist es unterstützenswert,
wenn über eine stärkere Einbindung von Auslandsaufenthalten zu Lernzwecken nachgedacht
wird. Denn egal, ob man in der Berufsausbildung,
im Studium, in der Fort- oder Weiterbildung
ist oder im Berufsleben steht: Mehr internationale
Erfahrung erhöht nicht nur die eigenen Kompetenzen, sondern unterstützt auch die internationale Verständigung. Vor allem junge Menschen
sind daher aufgerufen, sich jetzt in den Diskussionsprozess einzubringen. Im Netz können Interessierte einen Fragebogen der Europäischen Kommission dazu ausfüllen. <
6
ARENA 3/09
Perspektiven
Ausbildungsexperten
sichern
7
Ausbildungsstart
Ausbildung bei
Insolvenz
Das System kriselt weiter: Die Pleiten in Deutschland häufen sich – und
betroffen sind auch Auszubildende. Wenn der Ausbildungsbetrieb in die
Insolvenz geht, ist für viele der mühsam gefundene Ausbildungsplatz
weg und die Zukunft ungewiss. Auf Fragen, wie die Rechtslage bei Insolvenz ist, was Auszubildende in so einem Fall tun und an wen sie sich
wenden können, gibt ARENA einige Antworten.
Erst die Pleite – dann der Schock
Im ersten Quartal 2009 lag die Zahl der Unternehmensinsolvenzen
um zehn Prozent über dem Wert des Vorjahres. Und nicht nur klassische
Industriebranchen sind betroffen. Auch der Einzelhandel spürt
den kalten Wind. Ein prominentes Beispiel: Die Insolvenz von Karstadts
Mutterkonzern Arcandor. Für Anna Kirsch und Petra Teichert war
die Karstadtfiliale an der Lorenzkirche in Nürnberg ein Traumausbildungsplatz – bis sie zu Beginn des dritten Ausbildungsjahres von
der Insolvenz erfuhren. Im September berichteten sie im Bayerischen
Fernsehen von diesem Schock: „Man macht sich schon Gedanken,
wie’s weiter geht, ob man zur Arbeit kommt und dann ist das Haus zu
und leer“, schildert Petra die Ungewissheit über ihre Zukunft. Auch
Anna machen fehlende Informationen zu schaffen: „Ich würde gerne
wissen, ob es für Auszubildende ein extra Gesetz gibt, das besagt,
dass Auszubildende von einer Insolvenz nicht betroffen werden. Denn
wenn bei uns gekürzt wird, wäre es schlimmer, dann würden wir
noch weniger bekommen als ohnehin schon.“
enz
v
Insol
Vergütung und Kündigung bei Insolvenz
Der Arbeitgeber kann tatsächlich bei Insolvenz eine Kürzung der
Ausbildungsvergütung vereinbaren, diese muss jedoch laut § 17 Abs. 1
des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) höher sein als die des vorangegangenen Jahres. Auch die Kündigung wird im BBiG geregelt: Nach § 22
Abs. 1 Nr. 1 stellt eine drohende Insolvenz keinen wichtigen Grund zur
Kündigung dar. Dem Insolvenzverwalter steht allerdings ein „besonderes
Kündigungsrecht“ zu, wenn der Betrieb stillgelegt wird. Ein Insolvenzverwalter ist der rechtliche Vertreter des Betriebs und rückt an
die Stelle des ursprünglichen Vertragspartners, der im Ausbildungsvertrag als Ausbildender genannt ist.
Pleite – viele kennen
das aus ihrem Alltag, aber
nur wenige aus der Ausbildung. Das könnte sich in
der Krise ändern.
Neuer Eigentümer – alter Ausbildungsvertrag
Ein anderer Fall tritt ein, wenn der Betrieb gemäß § 613a des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) an einen neuen Eigentümer übergeht. Dieser
übernimmt mit dem Betrieb alle Verbindlichkeiten gegenüber den
Angestellten und den Auszubildenden: Die Ausbildung wird nahtlos fortgeführt. Auszubildende sollten auf keinen Fall einen neuen Ausbildungsvertrag mit neuer Probezeit unterschreiben, sondern darauf
bestehen, dass ihr alter Vertrag weiterhin gilt. Wenn unklar ist,
ob es sich um eine Betriebsstilllegung oder einen Betriebsübergang
handelt, können Mitglieder die kostenlose Rechtsberatung der
ver.di in Anspruch nehmen. Das Gleiche gilt für den Fall, dass Kündigungen ausgesprochen werden, obwohl der Betrieb lediglich
unter eine neue Leitung gestellt wird.
Keine Panik – der Ausbildungsbonus hilft
Wenn ihrem Betrieb die Pleite droht, brauchen Auszubildende
nicht gleich in Panik zu verfallen, denn passieren könne ihnen anfangs
„im Prinzip gar nichts“, so Ringo Bischoff, ver.di Bundesjugendsekretär. Auch Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer der IHK München-Oberbayern kann verunsicherte Auszubildende beruhigen: „Alles geht
erst einmal den geregelten Weg weiter.“ Den Weg frei für die Ausbildung
bei Insolvenz macht eine Gesetzesänderung beim so genannten Ausbildungsbonus. Ab Juni 2009 können Betriebe, die Auszubildende aus
insolventen Ausbildungsbetrieben übernehmen, diesen Bonus bei
der Agentur für Arbeit beantragen. „Wenn ein Betrieb es jungen Auszubildenden ermöglicht, ihre Ausbildung fortzusetzen, dann soll
das künftig mit dem Ausbildungsbonus gefördert werden”, erläutert
der ehemalige Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) die entsprechende Gesetzesänderung. Bisher war der Bonus in Höhe von bis
zu 6.000 Euro an enge Vorgaben gebunden. Er wurde nur gezahlt,
wenn die Ausbildung durch einen zusätzlichen Ausbildungsplatz fortgeführt wurde und der Jugendliche als „schwer vermittelbar“ galt. >
8
ARENA 3/09
Perspektiven
Ausbildungsexperten
sichern
9
Ausbildung
heute
Beruf mit
Peilung
> Tipps für Azubis bei Insolvenz
Sobald es Anzeichen für eine Insolvenz gibt, sollten Auszubildende
den Arbeitgeber möglichst schnell schriftlich dazu auffordern, Stellung
zu beziehen. Sie können aber auch selbst beim zuständigen Amtsgericht nachfragen, ob ein Insolvenzantrag für ihren Betrieb gestellt
wurde. Was es bei Insolvenz zu beachten gilt:
I Wenn das Ausbildungsentgelt ausbleibt, besteht Anspruch auf
Insolvenzgeld. Spätestens zwei Monate nach Kenntnis der Insolvenz muss
der Auzubildende diese Hilfe bei der Arbeitsagentur beantragen.
Die Arbeitsagentur springt dann ein und zahlt die Ausbildungsvergütung.
Jeder Cent zählt,
wenn man pleite ist. Bei
Insolvenz gilt: Nichts
unbedacht unterschreiben
und sich informieren.
I Auf keinen Fall beim Arbeitgeber eine Erklärung unterzeichen,
dass auf die Ausbildungsvergütung verzichtet wird, um weiter beschäftigt
zu werden. Wenn Auszubildende das unterschreiben, verlieren sie
möglicherweise ihren Anspruch auf Insolvenzgeld oder spätere Ansprüche
gegen den Betrieb.
I Bei einer insolvenzbedingten Kündigung im dritten Ausbildungsjahr
sollten Auszubildende bei der zuständigen Stelle (z. B. Kammer, Innung)
erfragen, ob eine Zulassung zur Abschlussprüfung bereits möglich
ist. So können sie ihre Ausbildung vielleicht frühzeitig beenden.
I Bei Kündigung auf Grund einer Betriebsschließung muss man
darauf achten, dass in der schriftlichen Kündigung die Eröffnung des
Insolvenzverfahrens und die Betriebsschließung als wichtiger
Grund aufgeführt werden.
Insolvenz
I Die Arbeitsagentur und die zuständige Stelle können Ausbildende
bei der Suche nach einem neuen Ausbildungsplatz unterstützen.
Der Insolvenzbetrieb sollte dies sowieso tun.
Grundsätzlich gilt: Weiter zur Arbeit und in die Berufsschule gehen
und nichts unterschreiben, ohne sich vorher umfassende Beratung geholt
zu haben – bei der ver.di Jugend, beim Betriebsrat oder der Jugendund Auszubildendenvertretung. <
Navigationsdaten zu
schicken dreidimensionalen
Grafiken umbauen – wer
Geomatiker/-in lernt, weiß
bald, wie das geht.
Geomatiker/-in
Geo was? Wem der Begriff Geomatik nichts sagt, dem sei versichert:
Jeder, der ein Navigationsgerät benutzt oder die Welt mit Google Earth
betrachtet, profitiert von der Technik und den Erkenntnissen der
Geomatik. Sie bringt Orientierung und Ordnung in die Welt – zumindest
geografisch. Und weil sich die Anforderungen und Aufgabengebiete
in der Geomatik ständig erweitern, entsteht zur Zeit unter der Beteiligung
von ver.di der neue Ausbildungsberuf Geomatiker/-in. Laut des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) wird der Beruf mit dreijähriger Ausbildung bis August 2010 in Kraft treten.
Angehende Geomatiker/-innen und Vermessungstechniker/-innen
lernen im ersten Jahr das Gleiche und spezialisieren sich anschließend.
„Vereinfachend kann man sagen, Vermessungstechniker/-innen beschaffen
die Daten und sind eher im Außendienst tätig, während Geomatiker
diese Daten aufbereiten und vorwiegend am PC arbeiten“, so Marlies
Dorsch-Schweizer vom BiBB.
In der Geomatik kommt modernste Technologie mit tollen Namen
wie Satellitengeodäsie, Fernerkundung und Computer Aided Design (CAD)
zum Einsatz. Die Satellitengeodäsie vermisst die Erdoberfläche anhand
des globalen Navigations- und Vermessungssystems GPS. Damit ist es heute
möglich, weltweit zentimetergenau zu navigieren. Die Fernerkundung
interpretiert mit spezieller Software Satellitenaufnahmen der Erdoberfläche
und erkennt so beispielsweise Waldschäden und Altlasten. Mit Hilfe
von CAD-Programmen geben Geomatiker/-innen raumbezogene Daten
als dreidimensionale Darstellung oder Animation wieder.
Jobs finden Geomatiker/-innen im öffentlichen Dienst (Vermessungs- und Katasterämter), aber auch in der Privatwirtschaft in Ingenieurund Vermessungsbüros. Chancen für Geomatiker/-innen könnten
auch mit der Technologisierung des Alltags einhergehen: „Dadurch, dass
Geodaten zum Beispiel über Navigationssysteme immer mehr ins
alltägliche Umfeld kommen, ist gut vorstellbar, dass die Geomatik sich
zunehmend verbreiten wird“, prophezeit Dorsch-Schweizer. Mit
Sicherheit lässt sich über Berufschancen allerdings nie etwas sagen. Am
wichtigsten ist und bleibt eben: Der Beruf darf nicht zur täglichen
Quälerei werden, sondern muss Spaß machen. <
10
ARENA 3/09
WORKSHOPS
„Ziel: Übernahme“ war das zentrale Motto
der Konferenz. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise haben sich die Aussichten auf die
Übernahme nach der Ausbildung eher noch weiter
verschlechtert. Doch erste Berufserfahrungen
bleiben auch in Krisenzeiten essenziell für den
erfolgreichen Einstieg in das Arbeitsleben.
Wie die Krise die JAV-Arbeit verändert hat und
mit welchen Mitteln Interessenvertretungen
auf die aktuellen Entwicklungen reagieren können,
waren gleich zu Beginn zwei Fragen, mit denen
sich die Teilnehmenden aus den unterschiedlichsten Branchen auseinandersetzten.
Erkner bei Berlin.
Mitglieder aus dem ganzen Bundesgebiet in
und Willingen trafen sich dieses Mal knapp 200 JAV-
Konferenz ein. Nach Weimar, Magdeburg
DISKUSSIONEN
Die ver.di Jugend lud zur 4. bundesweiten JAV-
AKTIONEN
Ende Oktober war es wieder soweit.
STRATE
GIEN
GEGEN DIE
KRISE
Miese Aussichten und
viele Ideen
„Bei uns sieht es seit dem Sommer richtig übel
aus. Unsere Azubis sind völlig desillusioniert, was
ihre Chancen nach der Ausbildung betrifft“,
klagt Ralf aus Göttingen. Im Laufe der Konferenz
fasste er jedoch neuen Mut und bekam gleich
mehrere Anregungen, die Übernahme trotz
schlechter betrieblicher Situation durchzuboxen.
Nach dem allgemeinen thematischen Einstieg
begann schon am Mittwoch die erste Workshopphase. Überstundenabbau, Arbeitszeitmodelle,
die Zusammenarbeit mit dem Betriebs- oder Personalrat und der gesamten Belegschaft, die
Möglichkeiten von Betriebs- und Dienstverein-
Interessen
vertreten
11
JAVKonferenz
ZIELE
KREATIVITÄT
INTERESSEN
FEEDBACK
barungen und die betriebliche Öffentlichkeitsarbeit als wichtige Instrumente zur Durchsetzung
höherer Übernahmequoten waren die Themen
der Workshops.
Konkrete Lösungsvorschläge
und klare Strategien
An diesem ersten Nachmittag führten die
Teamenden in ihre Themen ein. Am nächsten Tag
standen dann konkrete Handlungsmöglichkeiten auf dem Programm. Was sind unsere Potentiale, wie können wir als betriebliche Interessenvertretung ansetzen und unsere Ziele erreichen?
Mit ersten Antworten auf diese Fragen ging es
am Nachmittag dann in die konkrete Planung von
Aktionen vor Ort. „Mir hat diese Konferenz
vor allem deshalb so gut gefallen, weil ich von
allen Workshops etwas mitbekommen habe“;
erzählt Larissa aus Erfurt begeistert. Am Nachmittag bildeten die Teilnehmenden neue Arbeitsgruppen, in denen aus jedem thematischen Workshop mindestens eine Person dabei war. Die
so gemischten Gruppen konnten daher auf alle
bisherigen Ergebnisse aufbauen. Jetzt hieß es,
konkrete Strategien für die Öffentlichkeitsarbeit
zu entwickeln und konkrete Aktionen vor Ort
zu planen.
Dem Ziel ein Stück näher
gekommen
Am Abend und am letzten Tag ging es dann
in die Praxis. Die Zukunft der Pflege ohne die Übernahme von Auszubildenden führte eine Workshopgruppe als satirisches Theaterstück auf. So wollen sie auch ihre Kolleginnen und Kollegen auf
die Übernahmeproblematik aufmerksam machen.
Eine andere Gruppe stieß in Erkner öffentlich
und symbolisch „Ausgelernte“ in einen Hartz IVPool. Das vielfältige und konstruktive Feedback
der übrigen Interessenvertretungen ergab oftmals
noch wichtige Verbesserungsvorschläge. „Wir
haben schon einen gut ausgearbeiteten Plan, wie
wir die Übernahme bei uns durchsetzen werden“, freuen sich zwei Kollegen aus NRW. Dem Ziel
„Übernahme“ sind die, die in Erkner dabei waren,
in diesen drei Tagen ein Stück näher gekommen,
findet Bundesjugendsekretär Ringo Bischoff.
Der reiste übrigens noch mit einer 40köpfigen
Delegation von der JAV-Konferenz direkt
zum Bundeskanzleramt um eine 3 mal 1,50 Meter
große Postkarte für Frau Merkel zu übergeben,
auf der die Konferenzteilnehmenden zur Wiederwahl gratulieren und ihren Einsatz für Übernahme einfordern.
Die ver.di Jugend Aktiven lassen eben nichts
unversucht! <
12
ARENA 3/09
Interessen
vertreten
13
Fokus JAV
" Mehr Infos und Ideen zu Tarifaktionen
Auf zur
nächsten Runde
Zu Ende Dezember 2009 wurden die Entgeltregelungen für Bund
und Kommunen im öffentlichen Dienst gekündigt. Darum steht 2010
wieder eine Tarifrunde an. Angesichts der Spar-Rhetorik der neuen
Regierung wird es nicht einfach werden, ein akzeptables Ergebnis zu
erzielen. Doch es ist möglich – mit vereinten Kräften. Und hier sind
natürlich auch die JAVen gefragt.
Mitdiskutieren
Anfang Oktober hat die Bundestarifkommission für den Öffentlichen Dienst in Berlin die Forderungsdiskussion für die Tarifrunde 2010
begonnen. Das ist der Auftakt für eine bundesweite Mitgliederdiskussion: Bis die Forderungen am 15. Dezember 2009 endgültig beschlossen
werden, haben alle Mitglieder die Möglichkeit, vor Ort an verschiedenen Veranstaltungen teilzunehmen, um sich aktiv in die Debatte um
die Forderungen einzumischen.
Soviel dürfte klar sein: Von nichts kommt nichts und aktiv
werden bringt was. Schließlich geht es um unsere Arbeit und um unser
Leben. Deshalb geben wir hier einige Anregungen, wie ihr euch als
JAV einbringen und die Verhandlungen mitgestalten könnt. Und denkt
dran: Gemeinsam sind wir stark. Je mehr Menschen ihr für das Thema
begeistern und mitreißen könnt, desto stärker können wir in die Verhandlungen gehen. Und desto besser werden letztlich die Chancen auf
einen guten Tarifabschluss.
Beteiligung ist das
Zauberwort. Je mehr dabei
sind, desto besser wird
tendenziell das Ergebnis.
Austausch organisieren
Bereits in dieser Phase der Forderungsfindung ist es wichtig,
die Belegschaft möglichst intensiv mit in den Prozess einzubeziehen.
So erreicht man, dass sich die Beschäftigten mit den Forderungen
identifizieren können und bereit sind, sich zu engagieren. Gute Möglichkeiten für den Austausch bieten Jugendversammlungen. Als Einstieg
ist ein kurzes Input-Referat zum Thema sinnvoll. Und mit einem Fragebogen – der natürlich nicht das persönliche Gespräch ersetzen kann –
könnt ihr dann einen Einblick in die Bedürfnisse und Interessen der jungen
Menschen im Betrieb bekommen. Auf dieser Basis lassen sich Schwerpunkte herausfiltern, die dann in weiteren Dikussionen konkretisiert werden.
Die endgültigen Forderungen stellen die Tarifkommissionen auf
Grundlage der vorangegangenen Diskussionen auf. Sobald die Forderungen beschlossen sind, gilt es, die Beschäftigten darüber zu informieren. Das geht zum Beispiel per SMS-Service, E-Mail-Newsletter, Flyer,
findet ihr unter verdi-jugend.de/
interessenvertretung/service/tarifpolitik
Schwarzem Brett, Blog oder Internetforum. Entscheidend ist an
diesem Punkt, mit den Beschäftigten möglichst persönlich im Gespräch
zu bleiben – zu informieren, zu diskutieren, die Entscheidung zu
begründen und dafür zu werben.
Tarifverhandlungen stärken
Wenn es harte Verhandlungen werden – und diesmal sieht es ganz
danach aus – kann das ganz schön an die Substanz gehen. Möglicherweise
übt der Arbeitgeber Druck aus und verbreitet Angst in der Belegschaft.
Im Verlauf der Verhandlungen bauen die ver.di Aktiven deshalb mit gemeinsamen Aktionen ihrerseits schrittweise Druck auf den Arbeitgeber auf.
Das hilft Solidarität zu erleben, Angst abzubauen und Entschlossenheit zu
demonstrieren. Gute Aktionen machen Spaß – und motivieren. Denn
ver.di will natürlich auch junge Menschen begeistern, Gewerkschaftsmitglied zu werden und sich zu engagieren.
Aktionsideen
Hier einige Ideen, wie ihr aktiv werden könnt:
I „Button-Day“ –an einem bestimmten Tag tragen alle Beschäftigten
einen Button, auf dem eine zentrale Forderung zu lesen ist.
I Gemeinsamer Gang zum Betriebs- oder Personalrat – das kann wie ein
Streik aussehen, ist aber keiner.
I Aktionen auf der Straße – Die Öffentlichkeit ist ein machtvolles Druckmittel. Aktionen auf der Straße dürft ihr während der Friedenspflicht
(kein Arbeitskampf während laufender Tarifverträge!) allerdings nur außerhalb der Arbeitszeit durchführen.
Viele weitere ausführlich beschriebene Aktionsideen findet ihr
in der Arbeitshilfe „Besser leben – mit Tarif“. Ihr könnt sie unter dem gleichnamigen Link auf www.verdi-jugend.de downloaden – neben zahlreichen
anderen nützlichen Materialien zum Thema Tarifpolitik. <
Solidarität ist unsere
Waffe. Perspektiven und
Gerechtigkeit für alle
ist unser Ziel. Besser leben
mit Tarif!
ARENA 3/09
Interessen
vertreten
15
Unsere
Wahlanalyse
gesellschaftlicher Opposition wieder stärker zusammen.
parlamentarischer, gewerkschaftlicher und zivil-
abheben. Und vielleicht wachsen Bündnisse zwischen
wird sich wieder stärker von der Regierung
Lager im Parlament wieder klarer hervor. Die Opposition
WIE
WEITER
NACH
DER WAHL
Nach der Bundestagswahl treten die politischen
14
Angesichts der Wahlversprechen, die FDP
und Union abgegeben hatten, konnte es einem
am Wahlabend schon Angst und Bange werden. Steuersenkungen, vor allem für Gutverdienende, Angriffe auf die Mitbestimmung und
den Kündigungsschutz und neue Einschnitte in
allen sozialen Sicherungssystemen. Während
der Koalitionsverhandlungen gab sich vor allem
die Union dann doch gar nicht so grausam.
Angriffe auf gewerkschaftliche Errungenschaften
wie den Kündigungsschutz verbat sich Angela
Merkel sogar. Ob das nur Teil einer Salamitaktik
ist, um in kleinen Schritten am Ende doch den
unsozialen Zielen näher zu kommen, wird sich erst
noch zeigen. Würde die neue Regierung
jetzt gleich den ganz großen Vorschlaghammer
an den Sozialstaat anlegen, würde sie sicherlich zuviel Unmut in der Bevölkerung wecken.
Es gilt daher, wachsam zu bleiben.
Niedrige Wahlbeteiligung –
Sozialer Protest der Bevölkerung
Angesichts der zahlreichen Probleme, mit denen
unsere Gesellschaft konfrontiert ist, gibt es
auch keinen Grund, sich jetzt frustriert zurückzuziehen. Gewerkschaftliche Positionen wurden
ja nicht grundsätzlich abgewählt. Den 15,2 Millionen Union-Wählenden und 6,5 Millionen
FDP-Wählenden stehen 17,2 Millionen Menschen
Ausbildung für alle!
Unter diesem Motto fordert
die ver.di Jugend ein
Grundrecht auf Ausbildung
von der neuen Koalition.
gegenüber, die einfach nicht zur Wahl
gegangen sind. Nicht zu vergessen die 20,5
Millionen Menschen, die sich für eine der
drei vertretenen Oppositionsparteien entschieden haben. Es ist also keinesfalls so, dass
sich eine Mehrheit der Bevölkerung wirtschaftsliberale Lösungen für die Krise wünscht.
Mindestlohn wichtiger
denn je
Die Idee eines gesetzlichen Mindestlohns
konnte ver.di im Wahlkampf zu einem wichtigen
Thema machen. In der EU hat mit 21 Staaten
eine überwiegende Mehrheit bereits Mindestlöhne gesetzlich verankert. Und das wird auch
hierzulande immer wichtiger. Denn ab 2011 wird
die Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für die
neuen EU-Staaten gelten. Mit einem gesetzlichen
Mindestlohn kann verhindert werden, dass
Arbeitgeber die unterschiedlich hohen Lebenshaltungskosten ausnutzen, um die Löhne
noch weiter zu senken. Gerade Auszubildende
wären beim Berufseinstieg davon betroffen.
Dass Mindestlöhne keinesfalls Arbeitsplätze vernichten, wie oft von Arbeitgeberseite argumentiert, lässt sich in den vielen europäischen
Staaten mit Mindestlohn beobachten.
Chancen für neue
Bündnisse
Trotz aller Hiobsbotschaften bietet die neue
politische Konstellation auf Bundesebene auch neue
Chancen. Schließlich gibt es im Parlament jetzt
eine starke Opposition. Und mit einer rein bürgerlichen Regierung erhalten die Gewerkschaften
wieder einen wichtigeren Stellenwert. Denn je mehr
die Koalition reine Arbeitgeberinteressen vertritt,
desto wichtiger wird das betriebliche Gegengewicht.
Und das werden auch schon bald die Oppositionsparteien merken. Zu erwarten ist daher nicht nur eine
Zunahme der sozialen Ungerechtigkeiten, sondern ebenso eine Stärkung von sozialen Bündnissen –
zwischen Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, denen sich vielleicht die eine oder andere
Oppositionspartei in ihrer Politik anschließt.
Die ver.di Jugend bläst jedenfalls schon mal
zum Angriff auf die Ungerechtigkeitsfront. Unter dem
Motto „Ausbildung für alle“ fordert die Gewerkschaftsjugend von der Politik, endlich ein Grundrecht
auf Ausbildung gesetzlich zu verankern und die
Ausbildungsumlage durchzusetzen. Im Rahmen der
Kampagne „Was soll Politik?“ werden die Aktiven der ver.di Jugend auch weiterhin daran erinnern,
dass die Jugend eigene Vorstellungen von guter
Politik und ein Recht auf Zukunft und Perspektiven
hat. <
16
ARENA 3/09
Interessen
vertreten
17
Erfolg gegen
Dumpinglohn
„BESSER
ALS WIE
MAN
DENKT”
Rechtswidrig
Schuldhaft
Sittenwidrig
aber ganz sicher nicht zu.
der ca. 18.000 Beschäftigten trifft dieser Slogan
bedingungen und vor allem die Löhne und Gehälter
seit August 2009 für sich. Für die Arbeits-
Textildiscounter KiK Textilien & Non Food GmbH
„Besser als wie man denkt.“ So wirbt der
Bereits im vergangenen Sommer hatte das
Arbeitsgericht Dortmund den von KiK gezahlten
Stundenlohn von 5,20 Euro als deutlich zu
niedrig verurteilt, im März bestätigte das Landesarbeitsgericht Hamm nun dieses Urteil und
bezeichnete den Stundenlohn sogar als sittenwidrig.
Sittenwidriger
Lohnwucher
Dem Urteil vorausgegangen war eine Klage
zweier Frauen aus Mühlheim, die bereits seit mehreren Jahren für den Discount-Riesen tätig
waren. Die Frauen wurden ursprünglich als geringfügig beschäftigte Packerinnen eingestellt,
übernahmen im Laufe der Zeit aber immer andere
Aufgaben. Auch wenn KiK selbst nicht tarifgebunden ist, sind die Löhne im Einzelhandel in Nordrhein-Westfalen doch grundsätzlich durch Tarifverträge geregelt. Deshalb klagten die beiden Frauen mit Unterstützung von ver.di gegen den ihrer
Ansicht nach zu niedrigen Stundenlohn und bekamen vor Gericht Recht. „Sittenwidriger Lohnwucher“
sei das, entschied das Arbeitsgericht und setzte
einen Stundenlohn von 8,21 Euro für die Aushilfskräfte fest. Und das Gericht in Hamm ging sogar
noch weiter. Im Urteil wurde ausdrücklich festgehalten, dass im Fall KiK der Straftatbestand
Zwei mutige Frauen
haben dem Billigdiscounter
die Zähne gezeigt –
und gemeinsam mit ver.di
Erfolg gehabt.
Ke
keine Lo in bezahlter U
hnfortza
rlaub
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n
Stunde im Krankhe g
nlohn
itsfall
5,20 E !
uro !!
des Wuchers vorliegt und das Unternehmen
rechtswidrig und schuldhaft handelte. Weiter steht
im Urteil zu lesen, dass „einige Regelungen
im schriftlichen Arbeitsvertrag in bemerkenswerter
Weise gegen arbeitsrechtliche Vorschriften verstoßen“. Diese Aussage bezog sich auf das Fehlen
von bezahltem Urlaub und der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die Formulierungen „rechtswidrig“ und „schuldhaft“ im Urteil waren nicht
nur bemerkenswert und ungewöhnlich deutlich,
sondern für die Klägerinnen auch von besonderer Bedeutung. Das Gericht schloss eine Revision
ausdrücklich aus und verurteilte das Unternehmen außerdem zu einer Nachzahlung an die beiden
Frauen, die jahrelang für viel zu wenig Geld
gearbeitet hatten. Außerdem musste KiK für die
höheren Löhne einen nicht unwesentlichen
Betrag an die Renten-, Kranken- und Sozialversicherung nachzahlen.
ver.di hilft
klagen
Das rechtskräftigte Urteil zu den sittenwidrigen
Löhnen führt aber leider nicht automatisch zu einer
allgemeinen Erhöhung der Stundensätze bei
KiK. „Es ist nicht so, dass KiK jetzt allen Beschäftigten von sich aus mehr Geld bezahlt – oder
bezahlen müsste“, erklärt Stefan Najda aus dem
Fachbereich Handel von ver.di, „aber alle, die
jetzt individuell klagen, haben riesige Erfolgschancen. Beschäftigte, die ihre Forderungen
geltend machen, bekommen mittlerweile
sofort ihr Geld.“ ver.di biete deshalb allen KiKBeschäftigten neben der allgemeinen Rechtsberatung auch noch eine individuelle Beratung an,
so der Gewerkschafter, „wir tun alles, um die
Angestellten dort zu unterstützen.“
Erfolg macht
Mut
Der Erfolg der beiden Klägerinnen macht
vielen Beschäftigten Mut, ebenfalls ihre Rechte
einzuklagen. Seit den ersten Klagen sind viele
von ihnen ver.di-Mitglied geworden und kämpfen
mit Hilfe und dem Rechtsschutz der Gewerkschaft für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Und der Kampf gegen die skandalösen Zustände bei KiK wird sicher noch eine
Weile andauern. Bislang sind noch wenige im
Unternehmen gewerkschaftlich organisiert. Obwohl KiK auch ausbildet, gibt es dort weder
Jugend- und Auszubildendenvertretungen noch
Betriebsräte. Aber vielleicht machen die jüngsten Erfolge ja Mut, etwas daran zu ändern und sich
für die eigenen Rechte und die der Kolleginnen
und Kollegen einzusetzen. <
18
ARENA 3/09
Gewerkschaft
erleben
19
Begriffsbestimmung
Weblinks
#
A:D*
Was heißt denn
„Revolution”?
Zum 20. Mal jährt sich in diesem Jahr
der Fall der Berliner Mauer und das Ende der
DDR. Der 9. November 1989 wurde bald
als friedliche Revolution bezeichnet – und
als erste gelungene auf deutschem Boden.
„Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche
Revolution in der Musik statt“, lästerte noch
vor 80 Jahren Kurt Tucholsky über die missglückte
Novemberrevolution 1918, die der bis dahin
einzige Versuch für einen revolutionären Umsturz
in Deutschland war. Darum denkt man beim
Begriff „Revolution“ wohl eher an Russland oder
Kuba.
Trotzdem kann das Geschehen rund
um den Fall der Mauer tatsächlich als Revolution
bezeichnet werden – zumindest bis zum
November 1989. Danach wurden die Geschehnisse
weniger von den Menschen auf der Straße
und mehr von den Regierungen Westdeutschlands, der USA und der UdSSR geprägt.
Laut Lexikon findet eine Revolution dann
statt, wenn in kurzer Zeit alle wichtigen politischen
und wirtschaftlichen Einrichtungen eines
Gesellschaftssystems gestürzt und durch neue,
grundlegend andere ersetzt werden. Dieser
Umsturz muss gegen den Willen der Herrschenden
vollzogen werden und auf eine dauerhaft neue
Ordnung zielen. Eine Revolution setzt tiefe soziale
und politische Spannungen in einer Gesellschaft
voraus, die begleitet werden von einem Verlust an
gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Dem russischen Revolutionär Wladimir Iljitsch
Uljanow, aka Lenin, zufolge ist eine solche
Situation dadurch gekennzeichnet, dass „die oben
nicht mehr können“ und „die unten nicht
mehr wollen“. Dieser Unwillen entlud sich in der
Geschichte meistens gewaltsam und am Ende
kamen häufig diktatorische Regime an die Macht.
Dennoch wurden Revolutionen von
großen Philosophen wie Kant und Hegel als notwendige Mittel zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung auf dem Weg zu einer freien Gesellschaft gesehen, von Marx gar als die „Lokomotiven der Geschichte“ bezeichnet. Nur in Bezug
auf Revolutionen in Deutschland herrschte
Misstrauen: „Selbst im Fall einer Revolution würden
die Deutschen sich nur Steuerfreiheit, nie Gedankenfreiheit erkämpfen“, schrieb der Dramatiker
Friedrich Hebbel schon 1836 in sein Tagebuch. <
www.
Angeschnitten &
verlinkt
Noch mehr Informationen zu unseren
Themen? Hier gibt´s ausgesuchte Weblinks
für alle, die weiter lesen wollen.
Ab ins Ausland
Seite 4
Die Möglichkeiten, im Ausland Erfahrungen zu
sammeln, sollen verbessert werden. Dabei kannst
du dich einbringen. Unter folgendem Link findest
du einen Fragebogen zum Grünbuch Mobilität.
www.ec.europa.eu/yourvoice/ipm/forms/dispatch?
form=greenpaper&lang=de
Wie weiter nach der Wahl
Seite 14
Mehr Informationen, Material und Aktionsberichte zu den Aktivitäten der ver.di Jugend nach
der Wahl findet ihr auf der Kampagnenseite
www.was-soll-politik.de
„Besser als wie man denkt.“
Seite 16
Auf der Kampagnenseite von ver.di finden sich
viele Informationen zum Thema sittenwidriger
Löhne, aktuelle Entwicklungen dazu und Möglichkeiten, selber aktiv zu werden. www.mindestlohn.
de/meldung/kik-lohn-sittenwidrig
Wofür ist Geld da?
Seite 22
Ein übersichtlich gestaltetes Portal, das zahlreiche
Hilfsorganisationen nach ihren Aufgabengebieten
sortiert und viele Informationen liefert.
www.spenden.de
Die Website der Informationsstelle Militarisierung forscht und informiert seit 13 Jahren zu
den Themen Militär und Rüstung und gibt zahlreiche Publikationen heraus. www.imi-online.de
Party ohne Ende?
Seite 26
Rassismus und Antisemitismus sind in Deutschland
alltäglich. Wer sich dagegen engagieren möchte,
findet im AK Antirassismus Ansprechpartner/-innen. www.jugend.verdi.de/interessenvertretung/
in_der_gesellschaft/antirassismus <
20
ARENA 3/09
Gewerkschaft
erleben
21
News aus
Naumburg
" www.jugendbildungszentrale.de
www.verdi-bildungsportal.de/jugendseminare
Naumburg
ist eine Baustelle
Andy sitzt in ihrem Büro. Sie kneift die Augen zusammen, sieht genauer
hin. Doch, es stimmt: Ihre Computertastatur wandert über den Schreibtisch. „Wo sie wohl hin will“, denkt Andy. Die NAUMBURGER Bildungssekretärin seufzt. „Raus hier wahrscheinlich. Der Tastatur ist es sicher auch
zu laut.“
Es ist Montagvormittag und die Geräusche in der ver.di Jugendbildungszentrale geben Anlass zur Sorge. Es klingt nach Abriss – zum Glück
ist es aber keiner. Und Sorgen muss sich auch niemand machen, denn
NAUMBURG wird nicht dicht gemacht, sondern verbessert und deswegen
umgebaut. „Wieso denn schon wieder?“ könnte rufen, wer die 50jährige Geschichte des Hauses kennt .
Zu oft mussten im letzten Jahr Seminare „ausgelagert“ und in anderen
ver.di Häusern durchgeführt werden. An sich wäre das nicht schlimm,
da die anderen ver.di-Häuser natürlich auch ganz wundervoll sind und die
Jugend immer gern bei sich aufnehmen. Allerdings standen gleichzeitig
in Naumburg Betten leer. „Wieso mussten denn dann Seminare ausgelagert
werden?“ fragen sich die aufmerksamen Leserinnen und Leser zu Recht.
Klasse Sache: kleine „Klassen“
Die Antwort ist einfach und einleuchtend: In kleinen Gruppen lernt es
sich meist besser. Darum sind die Naumburger Seminare immer nur mit so
vielen Teilnehmenden belegt, wie es gut für die Gruppe und die Lernprozesse ist. So kommt es, dass in einigen Wochen des Jahres zwar alle
Seminarräume belegt sind, aber längst nicht alle Betten.
Es muss also ein weiterer Seminarraum her. Die letzten Umbaumaßnahmen haben sich auf den Freizeitbereich konzentriert. Mit Erfolg,
denn jetzt gibt es das Stehcafé für die Pausen während der Seminare
und das „Lewerenz“ für’s Abendvergnügen mit allem, was dazu gehört.
Dadurch ist die alte „Disco“ im untersten Stockwerk verwaist, was
den Naumburgern ganz gut ins Umbaukonzept gepasst hat; so gut sogar,
dass gleich zwei neue Räume geplant wurden und gebaut werden.
Wunder der Technik, genauer gesagt mobile Trennwände, machen
es nämlich möglich, einen großen Raum mit über 60 Quadratmetern in zwei kleinere mit jeweils circa 30 Quadratmetern aufzuteilen.
Back to the roots!
Um noch einmal auf die zahlreichen vorangegangenen Umbaumaßnahmen zu sprechen zu kommen: Die herrlich hellen Räume waren schon
mal Seminarräume. So sind sie 1957 nämlich gestartet, bevor dort
eine Bibliothek mit Arbeitsgruppenräumen ihren Platz fand. Irgendwann
wurden die Bücher nach oben geholt und die Abende nach unten verlegt. Lernen und Feiern allein sind aber ungesund, darum wurden aus dem
Partykeller eine Disco und ein Sportraum gemacht. „Der Sportraum
muss bleiben!“ so machten die Dauergäste in Naumburg gleich zu Beginn
der Umbauplanungen ihre Forderungen klar. Teamende und hauptamtliche Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in Ausbildung verstehen
sich auf’s Verhandeln, darum bleibt der Sportraum auch wo er ist. Allerdings münden Verhandlungen oft in Kompromissen. In diesem Fall wurde
es ein guter: Die Wand zwischen Seminar- und Sporträumen lässt sich
ebenfalls wegschieben, so dass in Zukunft sogar ein kleiner Konferenzraum für bis zu 70 Personen in Naumburg gebucht werden kann.
Die Tastatur hat inzwischen die Tischkante erreicht. „Sie will sich
doch hoffentlich nichts antun“, denkt Andy. „Hey, so schlimm ist es nun
auch wieder nicht.“ weist sie die Tastatur zurecht und schiebt sie
zurück an ihren Platz. „Außerdem fangen gleich die Seminare an, und
dann ist sowieso Ruhe im Haus.“
Auch wenn manche sagen, sie kämen vor allem wegen des guten
Essens immer wieder her, geht es im Haus in erster Linie doch um
den Seminarbetrieb – und das gilt auch, wenn umgebaut wird. Aus diesem
Grund werden die lauten Arbeiten auf die seminarfreien Zeiten
gelegt. Mit Seminarbeginn kann Andy also aufatmen. Und ihre Tastatur
auch. <
Mal wieder Umbau in
Naumburg. Über die Kante
braucht da niemand zu
springen. Danach wird vieles
noch besser sein.
ARENA 3/09
Gewerkschaft
erleben
23
Entwicklungshilfe auf dem
Prüfstand
Die Deutschen spenden gerne. Laut dem
Marktforschungsunternehmen GfK gaben sie im
ersten Halbjahr 2007 843 Millionen Euro
für wohltätige Zwecke, ein Jahr später waren
es bereits 903 Millionen Euro – Tendenz
steigend. Gemessen am Gesamtspendenvolumen
steigerten sich die Gaben für langfristige
Entwicklungshilfeprojekte von 5,4 Prozent in
2007 auf 9,3 Prozent in 2008.
Entwicklungshilfe.
verfolgen: Anspruch und Wirklichkeit der staatlichen
kann man das ganze Jahr über im Großen
Was sich zu Weihnachten bei uns im Kleinen zeigt,
eigenen Wohlstand teilhaben lassen.
zeit. Für ein paar Wochen möchte man andere am
WOFÜR
IST GELD
DA?
Jedes Jahr zum „Fest der Liebe“ ist Spenden-
22
Schwarze Schafe
und Lippenbekenntnisse
Das hört sich prima an. Ohne Spenden würden
viele wichtige Entwicklungs- und Notprogramme
nicht existieren. Auch die Regierungen
der Industrienationen geben sich wohltätig.
So beschlossen die G-8-Staaten auf ihren
Gipfeln regelmäßig die Aufstockung ihrer Entwicklungshilfeetats. Leider blieben das meist Lippenbekenntnisse. So darf man sich angesichts steigender
Rüstungsausgaben zu Recht fragen, wie es um
die internationale Solidaridät bestellt ist – nicht nur
zu Weihnachten.
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Industrienationen werden
wortbrüchig
Ganz im Gegensatz zur Bevölkerung kündigt
die Bundesregierung zwar an, umfangreich helfen
zu wollen, bleibt dann aber ebenso wie die
übrigen G8-Staaten hinter ihren Beteuerungen zurück. Vor vier Jahren beschlossen die führenden
Industrienationen, die jährliche Entwicklungshilfe
bis zum Jahr 2010 auf 100 Milliarden Dollar
zu verdoppeln. Davon sollte die Hälfte Afrika zugute kommen. Nachdem das Jahr 2010 jetzt
beginnt, stellt sich die Frage, wie es denn mit den
Beschlüssen von damals heute aussieht. Laut
der internationalen Entwicklungshilfeorganisation
One sieht es nicht so aus, als ob die G8-Staaten
ihre Versprechen erfüllen würden. Erst ein Drittel
der angekündigten Mittel sei bis Ende 2008
geflossen, urteilt One in einem Bericht vom Juni.
Die Staaten der Europäischen Union haben
sich verpflichtet, im kommenden Jahr 0,51 Prozent
ihres Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe auszugeben. One bezifferte die von Deutschland für 2010 zugesagte Entwicklungshilfe
auf 4,5 Milliarden Euro. Doch dieses Ziel wird wohl
nicht erreicht werden: Da die Vorgaben an
die Wirtschaftsleistung geknüpft sind, schrumpfen
die Zieletats für Entwicklungshilfe auf Grund
der schlechten Konjunktur. 0,51 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sind nächstes Jahr viel
weniger, als ursprünglich gedacht.
Rüstungsausgaben
steigen
Was bei der Entwicklungshilfe schwer fällt,
geht beim Wettrüsten umso leichter von der Hand:
Die weltweiten Militärausgaben sind laut des
Stockholmer Sipri-Instituts in 2008 auf ein neues
Rekordniveau von 1.464 Milliarden Dollar gestiegen. Auch die Bundesregierung hat Geld für’s
Militär: 2009 ganze 31,2 Milliarden Euro. Und
die deutsche Industrie steht weltweit hinter den USA
und Russland an dritter Stelle der größten Rüstungsexporteure. Waffen statt Hilfe für die Menschen,
so ließe sich etwas überspitzt das deutsche Engagement für den globalen Süden zusammenfassen.
Aktiv werden für
Solidarität
In der Weihnachtszeit wächst bei vielen
der Wunsch, die Armut mit wohltätigen Spenden
zu bekämpfen. Natürlich lässt sich mit Spenden
alleine die Welt nicht verändern. Es bedarf auch
sozialen Engagements und ak tiven Handelns –
zum Beispiel in konkreten Projekten im In- und Ausland. Militärische Lösungen setzen dagegen
immer an der falschen Stelle an – an den Symptomen, nicht den Ursachen. Schon Ghandi sagte:
„Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist
der Weg.“ <
24
ARENA 3/09
Gewerkschaft
erleben
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ver.di Jugend
ist …
Mit Nachdruck
weitermachen
Wie unterscheidet sich eure Konzern-JAV von einer normalen JAV?
Wir von der Konzern-JAV vertreten rund 2.300 Azubis an 85 Ausbildungsstandorten, während eine normale JAV bei uns zwischen 50 und 150
Azubis vertritt. Die kümmert sich vor Ort um die individuellen Probleme
der Azubis und wir packen die übergeordneten Themen an. Die wichtigsten sind Übernahme, Ausbildungsqualität und Erhalt der Ausbildung
in den Regionen.
Interview mit Christian
Hanika, Vorsitzender der KJAV
der E.ON Energie AG.
Stichwort Übernahme. letztes Jahr im Juni gab es einen guten
Tarifabschluss, der die Übernahme aller Azubis garantiert hat. Das war
vor der Krise.
Gott sei Dank, ja!
Und dieses Jahr im Juni habt ihr noch mal demonstriert. Worum ging es?
Seit Anfang des Jahres läuft ein Umstrukturierungsprojekt bei E.ON,
das 9.000 Mitarbeiter einsparen soll. Wir haben dann im Mai mit einer
Unterschriftenaktion innerhalb einer Woche 19.000 Unterschriften
von E.ON-Beschäftigten gesammelt. Dann gab’s die Demo am 18. Juni
in Düsseldorf mit 5.500 Azubis und Beschäftigten von E.ON. Die
Aktionen waren erfolgreich: Im August hat der Konzernbetriebsrat
mit E.ON eine Grundlagenvereinbarung beschlossen. Darin ist festgelegt,
dass die Azubis bei E.ON ihren hohen Stellenwert behalten. Die Ausbildung wird quantitativ und qualitativ weiterhin auf mindestens gleich
hohem Niveau fortgesetzt.
Gute Argumente, um sich zu organisieren! Was macht ihr in dieser
Richtung?
Wir sind vor den Tarifverhandlungen im letzten Jahr mit einer Mitgliederwerbeoffensive gestartet. Wir haben einen Flyer erstellt, den „Spickzettel
zum ver.di-Werben“, ein Argumentationspapier für die JAVis vor Ort.
Dann haben wir die JAVis ins Gebet genommen, dass sie laut Betriebsverfassungsgesetz verpflichtet sind, das Bestmögliche bezüglich Übernahme für die Azubis rauszuholen. Der entsprechende Passus besagt, dass
ein JAVi indirekt verpflichtet ist, sich in Tarifverhandlungen stark zu
machen. Bei uns in den Betrieben ist es ja so, dass man in puncto Übernahme nur mit der Gewerkschaft ver.di über die Tarifverhandlungen etwas
erreichen kann. Der Umkehrschluss: Als JAVi bin ich verpflichtet, zu ver.di
zu gehen und gute Ergebnisse für die Azubis zu erzielen. Und das kann
ich nur, wenn ich in den Tarifverhandlungen stark bin. Damit konnten wir
die JAVis überzeugen, die dann die Multiplikatoren vor Ort waren.
Und über die JAV-Verteiler haben wir dann die Sachen dementsprechend
eingespeist.
Was waren das für Materialien?
Zum Beispiel eine ironische Verzichtserklärung von der ver.di Jugend,
wo in etwa drin stand: „An die Personalabteilung. Hiermit verzichte ich auf
alles, was mir nicht zusteht. Da ich kein ver.di-Mitglied bin, möchte
ich mich nicht an den Erfolgen anderer bereichern und verzichte auf: die
37-Stunden-Woche, die tariflich festgelegte Ausbildungsvergütung,
Übernahme nach der Ausbildung, Weihnachtsgeld, Sonderurlaub“ und
so weiter. Und für die Tarifverhandlungen im nächsten Jahr rüsten
wir noch mehr auf.
Was habt ihr geplant?
Wir erstellen beispielsweise gerade eine Liste mit jeweils einer
haupt- und einer ehrenamtlichen Ansprechperson für jeden der 85 Standorte, an denen E.ON ausbildet. Der Ehrenamtliche könnte eine Vertrauensperson, ein engagierter Betriebsrat oder ein JAVi sein und der oder
die Hauptamtliche könnte eine Bezirks- oder Jugendsekretärin sein.
Diese Leute sind an der Basis bei den Azubis tätig. Sie sprechen die Azubis
dann an, geben ihnen unsere Flyer und gehen diese persönlich mit
ihnen durch. Denn wir haben festgestellt, wenn die Azubis per E-Mail eine
Gewerkschaftsinfo bekommen, diese oft sofort gelöscht wird. Deshalb muss man die Flyer immer auch in altmodischer Papierform austeilen.
Wie erfolgreich wart ihr bisher mit der Mitgliederwerbung?
Von den 2.300 Azubis waren vor der letzten Tarifrunde ca. 20 Prozent
organisiert, jetzt sind es ca. 40 Prozent. Das ist noch verbesserungsfähig, deshalb hören wir nicht auf, sondern machen mit Nachdruck verstärkt weiter. <
Die KJAV bei E.ON hat
schon einiges erreicht – gute
Ausbildung für Azubis
und Perspektiven für junge
Beschäftigte.
ARENA 3/09
Gewerkschaft
erleben
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60 Jahre BRD
die Schulter, da sich der Mauerfall zum 20sten Mal jährte.
die Menschen in Ost- und Westdeutschland auf
deutschen Grundgesetzes. Am 9. November klopften sich
Sektkorken zum 60-jährigen Bestehen des Bundes-
deutschen Jubiläen selbst. Am 23. Mai 2009 knallten die
PARTY
OHNE
ENDE?
Deutschland feierte sich 2009 zu verschiedenen
26
Der 9. November steht aber für weitaus
mehr als nur den Mauerfall. 1918 begann an
diesem Datum die deutsche Revolution,
die zur Abdankung des deutschen Kaisers führte.
Fünf Jahre später misslang Adolf Hitler ein
erster Versuch, mit einem Putsch an die Macht
zu kommen. Und am 9. November 1938 organisierten die Nazis die Reichsprogromnacht. An
diesem Tag wurden 30 000 männliche Juden
verhaftet und in Konzentrationslager deportiert,
400 jüdische Menschen wurden allein an diesem Tag ermordet. Die Nazis plünderten in fast
allen Städten und Dörfern jüdische Geschäfte,
zerstörten Synagogen, private Häuser und Wohnungen oder zündeten sie an.
Mit dem Nationalismus
geht die Tür auf
Nationalismus und Rassismus stehen in enger
Verbindung zueinander. Denn konstruieren sich
die Menschen erst zu einem „Volk”, wird
schnell zwischen „Volksangehörigen“ und „Volksfremden“ unterschieden. Entscheidungen
werden meist willkürlich auf Grund von Hautfarbe,
Sprache und Religionszugehörigkeit und nicht
nach dem Besitz eines deutschen Passes getroffen.
Um das „eigene Volk” aufzuwerten, werden andere
„Völker” abgewertet. Dass diese Aus- und Abgren-
Hurrah
deutsch
laN D
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zung im äußerten Fall auch in Massenmord
endet, zeigte der Nationalsozialismus. Auch einige
Politiker/-innen nutzen Nationalismus, um ihre
rassistischen Ideologien zu verbreiten. Parolen wie
„Das Boot ist voll” oder „Kinder statt Inder”,
sind dabei nur die medial transportierten Spitzen
des Eisbergs.
Gerade im Jubiläumsjahr 2009 wird Deutschland ständig als die „geläuterte Nation“ dargestellt, als ein Land, das aus seiner Vergangenheit gelernt hat. Wenn in Deutschland rechts
motivierte Straftaten wie zum Beispiel Körperverletzung begangen werden, waren es immer
Einzelne. Neonazis seien nur eine kleine Minderheit, heißt es dann schnell. Dass rechte Ideologien wie zum Beispiel Rassismus, Antisemitismus
und Chauvinismus aber nicht nur bei den Nazis
zu finden sind, zeigt die Studie „Vom Rand
zur Mitte” der Friedrich Ebert Stiftung aus dem
Jahr 2006. Sie arbeitet durch verschiedene
soziologische Befragungen heraus, dass ein Viertel aller befragten Menschen mit deutschem
Pass ausländerfeindlich eingestellt sind.
Ein Problem aus der Mitte
der Gesellschaft
Auch der Antisemitismus, der scheinbar nur
am rechten Rand der Gesellschaft zu finden ist,
entpuppt sich als gesamtgesellschaftliches
Problem. Laut der Studie stimmten fast 20 Prozent
Deutschland 2009. Kaum
Grund zum Feiern, meint der
AK Antirassismus und
fordert statt dessen kritische
Auseinandersetzung.
der Befragten dem Satz zu: „Auch heute noch
ist der Einfluss der Juden zu groß”. Rechte Ideologie
findet sich also nicht nur bei Jung- und Altnazis,
sondern ist gerade auch ein Problem der nur scheinbar demokratischen Mitte. Erschreckend ist die
Zahl der rassistischen Morde seit der so genannten
Wiedervereinigung 1989. Mindestens 149
Menschen mussten sterben, weil sie nicht in das
rassistische und menschenverachtende Weltbild ihrer Mörder/-innen passten. Im Jubiläumsjahr 2009 werden Demokratie und Freiheit
gefeiert, die Maueropfer werden betrauert, doch
den Opfern rassistischer Gewalt wird keine
Beachtung geschenkt.
Partyanimal oder
Partycrasher?
Die ver.di Jugend veröffentlichte vor einigen
Monaten das Papier, „Zur Lage des Systems:
8 Thesen über die Krise”. In diesen Thesen wurde
festgestellt, dass das System Kapitalismus nicht
mehr funktioniert und die Zeit reif ist für eine neue
Gesellschaft. Der AK Antira meint dazu: „Wenn
der Kapitalismus nur durch den Staat, also die Nation
funktioniert, wären vielleicht viele Probleme
schon gelöst, wenn es keine Nationen mehr gäbe.“
Und so unvorstellbar es uns heute erscheint:
Nationen, wie wir sie heute kennen, gibt es erst
seit dem 18. Jahrhundert. <
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ARENA 3/09
Gewerkschaft
erleben
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Filmkritik
pimp
your brain
Filmkritik
Jung, schön und ausgebeutet. In Picture me
zeigt Sarah Ziff die
Kehrseite des ModelBusiness.
Picture Me Sarah Ziff
Geld, Ruhm, Glamour, eine Eintrittskarte in die Welt der Schönen
und Reichen: Darauf hoffen alle, die davon träumen, ein Super-Model zu
werden. Die Realität im Model-Business sieht oftmals völlig anders aus.
Zwanzig-Stunden Tage ohne eine Pause und etwas zu Essen, Demütigungen
durch zumeist männliche Fotografen und Agenten und sexuelle Belästigung sind dort leider häufig an der Tagesordnung.
Über diese Realität hinter den Kulissen der glitzernden Modewelt
hat das amerikanische Model Sarah Ziff jetzt den Dokumentarfilm
„Picture me“ gedreht. Gemeinsam mit ihrem Ex-Freund, dem Filmemacher
Ole Schell, hat sie mehrere Jahre lang ihre Kolleginnen auf FotoShootings und bei den großen Schauen in Mailand, Paris oder New York
mit der Kamera begleitet.
Herausgekommen ist dabei ein Abbild dieser fremden Welt, das
deutlich zeigt, dass es hier nicht in erster Linie um Kreativität und Schönheit sondern vor allem um Geld und Macht geht. In Form von Interview-Schnipseln und Videotagebüchern erhält der Zuschauer Einblicke
in das Leben dieser Mädchen und Frauen, und wer vielleicht einmal
Neid empfunden hat angesichts der hohen Gagen, fühlt schnell eher Mitleid mit den ausgehungerten Models.
Gegen diese Zustände will Sarah Ziff jetzt vorgehen und in den
USA eine Gewerkschaft für Models gründen. Unterstützung bekommt
sie bei diesem Vorhaben von ihren Kolleginnen Victoria Keon-Cohen
und Dunja Knezevich. Die beiden Frauen haben in Großbritannien durchgesetzt, dass Models dort von der Schauspielergewerkschaft Actor‘s
Equity vertreten werden können. Ihre Forderungen erscheinen vergleichsweise gemäßigt: Geregelte Arbeitszeiten, insbesondere für Minderjährige, Unfallschutz, Hilfe bei sexueller Belästigung und die Möglichkeit,
während eines Foto-Shootings etwas zu Essen zu bekommen.
Wann der trotz des ernsten Themas stellenweise sehr unterhaltsame
Film in Deutschland in die Kinos kommt, steht zur Zeit noch nicht fest.
Nach der Premiere im April auf dem New Yorker Gen Art Festival gewann
er im Mai bereits beim Dokumentarfilmfestival in Mailand den „Leonard Horse“ Preis für den besten Film – es besteht also Hoffnung für die
deutschen Zuschauerinnen, sich bald selbst ein Bild vom „Traumberuf
Model“ machen zu können.
Sarah Ziff will ihre Dokumentation nicht als persönlichen Rachfeldzug missverstanden wissen. Sie liebt ihren Beruf und wird neben
ihrem begonnenen Studium weiter modeln. Ihr ging es darum, die
Schattenseiten des Rampenlichts zu zeigen und Unterstützung bei der
Gründung der Gewerkschaft zu bekommen, damit besonders die
sehr jungen Mädchen vor Übergriffen und Ausbeutung geschützt werden.<
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Wolkenkratzer
Kluge Köpfe für eine starke Gewerkschaft. Damit das auch so bleibt, gibt´s hier das obligatorische
Hirntraining – pimp your brain.
Anleitung
Es gilt eine Stadt wie Manhatten zu planen. Ihr könnt auf jedes Feld einen Wolkenkratzer bauen.
Deren Höhe gebt ihr mit Zahlen von 1 (niedrig) bis 6 (hoch) an. Die Zeilen und Spalten stellen
die Straßen dar, in denen jede Gebäudehöhe nur genau einmal vorkommen darf. Hat eine Straße
mehr Felder als es Gebäudehöhen gibt, könnt ihr auch Parks anlegen. Diese Felder bleiben dann
einfach leer.
Die Zahlen um das Planungsfeld sagen, wie viele Gebäude man sieht, wenn man von der
jeweiligen Seite in die Straße hineinblickt. Natürlich kann man ein Gebäude nur sehen, wenn die
Häuser davor niedriger sind. Plant eure Stadt nach diesen Vorgaben!
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ARENA 3/09
Gewerkschaft
erleben
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Kompetenzen
für Aktive
Bildungsprogramme
für dich
Bildung genießen. Gewerkschaft erleben. Freunde gewinnen: Jugendbildungsarbeit gehört seit je her zum Angebot der Gewerkschaften. Nebenstehend findet ihr das zentrale Bildungsprogramm der ver.di Jugend für
die kommenden vier Monate. Mehr Infos gibt es unter www.verdi-jugend.de
Wenn es ein zentrales Bildungsprogramm gibt, so denkt ihr
euch jetzt vielleicht, gibt es vielleicht auch regionale Bildungsprogramme –
und damit liegt ihr genau richtig. In denen findet ihr ebenfalls JAVSeminare, Wochenendseminare zu den unterschiedlichsten Themen und
Rhetoriktrainings. Falls es in eurem Bundesland Bildungsurlaub, also
zusätzliche Urlaubstage speziell für den Besuch von Seminaren gibt, auch
Bildungsurlaubswochenseminare. Wer ein Seminarprogramm zugeschickt bekommen möchte, schreibt einfach eine Mail an jugend@verdi.de –
Postleitzahl und Wohnort angeben nicht vergessen!
jav
zur Seite 31
Ort für alle Seminare
Naumburg – Bildungszentrale der ver.di Jugend, Unter den Linden 30,
34311 Naumburg. Infos über Naumburg und zur Anreise findet ihr unter
www.jugendbildungszentrale.de.
ver.di Jugend kennenlernen: Das Bildungsangebot ist genauso vielfältig wie das echte Leben.
jav
Anmeldung
Anmelden könnt ihr Euch per Telefon 05625/999711, Fax 05625/7093 und
unter jugend.verdi.de
Teilnahme
An den Seminaren können alle unter 28 Jahren teilnehmen, an JAV-Seminaren ausschließlich JAV-(Ersatz-)Mitglieder. Für ver.di-Mitglieder entstehen
in der Regel keine Kosten für Teilnahme, Unterkunft, Verpflegung und
An-/Abreise. Die Kosten für JAV-Seminare (zu erfragen in Naumburg) trägt
der Arbeitgeber. Der Anmeldeschluss für JAV-Seminare ist vier Wochen,
bei allen anderen sechs Wochen vor Beginn des Seminars – wenn nichts anderes vermerkt ist. <
" Dezember
07.–11.12.
07.–11.12.
14.–18.12.
Telekom: AV 3 – Organisieren – Informieren – (Ver)Handeln
Mehr Zeit für Wichtiges –
Arbeitsorganisation und Selbstmanagement
JAV Praxis 2 BetrVG – Ausbildung checken und verbessern
" Februar
01.– 05.02.
01.–
08.–
08.–
08.–
05.02.
12.02.
12.02.
12.02.
15.– 19.02.
15.– 19.02.
Medienbranche, Druckindustrie und Theater:
JAV Praxis 3 - Organisieren - Informieren - (Ver)Handeln
JAV Praxis 1 BetrVG – Einführung in die Arbeit der JAV
JAV Praxis 2 BetrVG – Ausbildung checken und verbessern
Telekom: AV 3 – Organisieren – Informieren – (Ver)Handeln
Argumentieren statt Resignieren –
In Diskussionen und Verhandlungen überzeugen
Engagement – Ganz oder gar nicht?
GPS 2 – Staat Macht Gesellschaft
" März
01.– 05.03.
05.– 07.03.
10.– 12.03.
12.– 14.03.
15.– 19.03.
22.– 26.03.
22.– 26.03.
29.– 01.04.
29.– 31.03.
29.– 31.03.
29.– 01.04.
JAV Praxis 1 BetrVG – Einführung in die Arbeit der JAV
Workshop: Konkurrierende Gewerkschaften im Betrieb
JAV Spezial BetrVG –
Die Arbeit der Gesamt- und Konzern-JAV
EU und Du – Grundwissen Europa für Gewerkschafter/-innen
Aktuelle Entwicklungen in der Pflege(ausbildung) –
Wohin geht die Reise?
JAVen zwischen Mut und Zumutung – Es ist dein Auftritt!
JAV Praxis 2 BPersVG – Ausbildung checken und verbessern
AV Spezial: Ausbildungsqualität und Ausbildungsstandkontrolle
bei der Telekom
Zusammenarbeit zwischen AVen und Betreuungsgremium
Zusammenarbeit zwischen JAVen und BR/PR
Traue keiner Statistik … – Statistiken
Toolbox
jav-Wahl
D I E A R B E I T S H I L F E „ J AV- W A H L N A C H B P E R S V G “
Unentbehrlich für die Wahl-Vorbereitung
Der Leitfaden informiert über alles rund um die JAV-Wahl:
mit ausführlichem rechtlichen Teil, Tipps für einen kreativen Wahlkampf, Aktionsideen, Musterformularen und Fristenplaner.
F LY E R U N D P L A K AT E „ J E T Z T W I R D G E W Ä H LT “
Mobilisierungstools für eine hohe Wahlbeteiligung
Das Plakat und der Flyer erzeugen Aufmerksamkeit und informieren
über die JAV-Wahl. Für eure eigenen Themen gibt es Gestaltungsvorlagen im JAV-Design der ver.di Jugend. Einfach ausfüllen und ausdrucken.
P O W E R P O I N T P R Ä S E N TAT I O N „ G E M E I N S A M F Ü R
JUNGE BESCHÄFTIGTE“
Kompakte Informationen für Versammlungen aller Art
Mit der Präsentation könnt ihr die Aufgaben der JAV und wichtige
Infos zur JAV-Wahl vorstellen. Für eure eigene Präsentation
gibt es eine Mastervorlage. Inhalte einfügen und präsentieren.
D I E T O O L B O X J AV- W A H L
Für eine erfolgreiche Wahl
Alles was ihr für einen professionellen, kreativen und erfolgreichen
Wahlkampf braucht. Die Materialien eurer Toolbox könnt ihr
individuell zusammenstellen. Einfach bei eurer ver.di Jugend vor Ort
nachfragen.
www jav info
Das Serviceportal für JAVen
Impressum
Herausgeberin
ver.di Jugend
Paula-Thiede-Ufer 10
10179 Berlin
www.verdi-jugend.de
Redaktion und Gestaltung
ver.di Jugend
in Zusammenarbeit mit
kp works. Berlin
Titelbild
Linda Wölfel
Fotos im Innenteil
Nikolaus Brade, Sven Ehlers,
Jan Michalko, stock.xchng,
Linda Wölfel
Lithografie
bildpunkt, Berlin
Ausgabe 3 / 09
November 2009
Druck
apm AG, Darmstadt
Gefördert aus Mitteln
des Kinder- und Jugendplans
des Bundes.
Auflage
14.600 Exemplare
101010-0706 -1140301
V.i.S.d.P.
Frank Werneke
Document
Kategorie
Seele and Geist
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