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Ich will aber! - Wenn es nicht geht, wie es soll - bei eDidact

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Arbeitsmaterialien für
Erzieherinnen und Erzieher
Kreative Ideen und Materialien für Krippe, Kindergarten, Kita und Hort
Thema: Religion & Ethik, Ausgabe: 27
Titel: Ich will aber! - Wenn es nicht geht, wie es soll (20 S.)
Produkthinweis
Dieser Beitrag ist Teil einer Print-Ausgabe aus dem Programm „Kindergarten“
des OLZOG Verlags. Den Verweis auf die Originalquelle finden Sie in der
Fußzeile des Beitrags.
www.edidact.de/Suche/index.htm?category=102562&q=L10527
Alle Beiträge dieser Ausgabe
finden Sie hier.
Seit über 10 Jahren entwickelt der OLZOG Verlag zusammen mit erfahrenen
Pädagoginnen und Pädagogen kreative Ideen und Konzepte inkl. sofort
einsetzbarer Materialien und Vorlagen.
Die Print-Ausgaben der Ideensammlungen für den Kindergarten können Sie
auch bequem und regelmäßig per Post im Jahresabo beziehen.
Hörbeispiele
Für Beiträge aus dem Themenbereich „Sprachförderung“ bieten wir ab Ausgabe
11 die im Text mit  ausgewiesenenHörbeispiele kostenlos zum Download an.
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www.olzog.de  www.edidact.de
L10527
S10503
eDidact - Arbeitsmaterialien Kita
Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Inhaltsverzeichnis
Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Inhaltsverzeichnis
Wissenswertes für die Erzieherin
· Warum das Thema „Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll“?
· Inhaltliche Informationen
· Praktische Umsetzung
· Im Blickwinkel – Hinschauen und nachdenken
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Plauderstündchen – Erzähl mir was!
· Ich will aber! – Um jeden Preis?
· Xaverl will gewinnen
· Mit Kindern philosophieren: Wie wäre es, wenn es plötzlich keine Regeln
mehr gäbe?
·Buchtipps
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9
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Liederkiste – Sing mit!
· Mensch, das muss doch gehen!
· Ich will
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Gebete – Mit Gott auf Du und Du!
· Ich will – Du willst
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Spielmobil – Jetzt wird’s spannend!
· Wer führt? Wer folgt?
· Mit Grenzen gut umgehen
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Von Haus zu Haus – Elterngespräche
· Wie viel „Ich will aber!“ ist gut für mein Kind?
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Wissenswertes für die Erzieherin
Warum das Thema „Ich will aber! –
Wenn es nicht geht, wie es soll“?
W
„Ich will aber!“, ruft Kathrin, unterstreicht dies mit heftigen Gesten und schaut ihr Gegenüber herausfordernd an. Wie soll sich die Mutter dazu verhalten? Energische Willensäußerung zeugt doch
von Entschlossenheit. Durchsetzungskraft sollte doch als Zeichen von wachsendem Selbstbewusstsein nicht unterbunden werden. Nach dem Lehrbuch beginnt ja der Weg in die (unterstützenswerte) Selbstständigkeit mit dem „Nein“ des kleinen Kindes – und deshalb wird dieses Nein gerade von pädagogisch aufgeschlossenen Eltern oft zustimmend, vielleicht sogar folgsam bestätigt:
„Wenn du das nicht möchtest, dann eben nicht.“ Kinder sollen sich doch frei entfalten können,
ohne die Fesseln einer rigiden Autorität, die lange genug in dem hoffentlich überholten Leitsatz
gipfelte: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, hast du gefälligst zu tun, was ich will!“
Doch seit einigen Jahren hat sich das Blatt offensichtlich etwas gewendet: Jetzt wird immer öfter
von den „kleinen Tyrannen“ gesprochen, die ihre Eltern um den Finger wickeln, z.B. im Supermarkt
durch die Gänge toben und vor der Kasse die Eltern zum Kauf von unnützen Dingen nötigen. Jetzt
ist wieder die Rede von der Notwendigkeit, harte Grenzen zu setzen, das „Ich will“ zum Schweigen
zu bringen, Gehorsam und Folgsamkeit zu verlangen, damit wieder Ordnung und Frieden in die
erzieherische Welt einziehen können. Wie passt beides zusammen?
Um sich auf dem oft schmalen und von mancherlei Missverständnissen umlagerten Pfad zwischen
beiden Polen sicher zu bewegen, ist es wichtig zu klären, was denn mit einer für Kinder hilfreichen
Autorität gemeint ist. Abzulehnen ist eine Autorität, die auf Verweigerung und Verbote setzt, um
die eigene Überlegenheit zu demonstrieren und zu erhalten – eine Autorität, die den Widerspruch
des „Ich will aber“ im Keim erstickt. Abzulehnen ist aber auch der Verzicht auf Autorität, der dem
Kind schulterzuckend seinen Willen lässt, alle seine Wünsche erfüllt, durch Nachgeben allem Streit
ausweicht, um des Kinderglücks willen auf eigene Wünsche und eigenes Wollen verzichtet: „Wenn
du das so willst, dann machen wir das“ – obwohl viele vernünftige Gründe dagegen sprechen.
Durch die Presse ging der Bericht von einer Mutter, die im Winter ihr nur mit einer Windel bekleidetes kleines Kind auf dem Rad zur Kindertagesstätte fuhr, weil sich das Kind beharrlich geweigert
hatte, etwas anzuziehen. „Sie hat es so gewollt“, rechtfertigte sich die Mutter. Wie zeichnet sich
angesichts solcher Extreme eine „gute“, für alle Beteiligten hilfreiche Autorität ab?
Es geht um das aufmerksame Wahrnehmen des Kindes in seinen Lebensbedürfnissen. Gemeint
ist ein Blick für die Fähigkeiten des Kindes und auch dafür, was ihm zugemutet bzw. erlaubt werden
kann und was nicht. Oft verbieten Eltern ihrem Kind aus Ängstlichkeit, z.B. auf ein Klettergerüst zu
steigen. Umgekehrt geht es aber auch darum, Gefährdung und Überforderung zu vermeiden, etwa
im Straßenverkehr. Autorität steckt mit dem Blick auf die sich entfaltenden kindlichen Fähigkeiten
einen für das Kind sicheren Rahmen ab, in dem es sich und sein Können erproben kann – bis an die
gesetzten Grenzen hin.
Es geht um Verlässlichkeit, die dem Kind hilft, unangenehme Herausforderungen zu akzeptieren,
weil es um deren Begrenzung weiß. Da muss ein Kind z.B. die Abwesenheit der Bindungsperson
ertragen („Ich will aber, dass du da bleibst!“) oder auf ein bevorstehendes schönes Ereignis warten
(„Ich will aber jetzt …!“). Aber es weiß, dass die Abwesenheit enden und das Erwartete kommen
wird. Versprechen werden eingehalten, aber auch auf die Einhaltung von Regeln wird geachtet. Die
Erfüllung von Wünschen kann dauern, weil auf Zugesagtes, Versprochenes Verlass ist.
Es geht um den Willen der Bezugsperson mit verantwortlichem Weitblick. In der Begegnung mit
der umgebenden Wirklichkeit muss das Kind lernen, dass sich Vieles seinem Wollen entzieht: Da
schneidet die Schere anders, als es das Kind will; da hüpft das Kaninchen einfach weg; da geht der
Besuch am Abend heim, obwohl es noch so schön ist. Die Blume verwelkt, obwohl das Kind will,
dass sie noch weiter blüht; die Eltern sind müde und fordern ihr Recht auf Ausschlafen ein oder
die vermeintliche Freundin hat die erwartete Einladung zu ihrem Geburtstag nicht ausgesprochen
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Wissenswertes für die Erzieherin
(„Ich will aber, dass sie mich einlädt!“). In all diesen Fällen setzt sich dem Kind und seinem Wollen
etwas entgegen, mit dem es zurechtkommen muss. Genau das sollten Kinder auch im Umgang mit
ihren Bezugspersonen erleben: Sie sollten in gegebenen Situationen auf einen anderen Willen stoßen – nicht auf einen schroff abweisenden, sondern auf einen bestimmenden, der auch Verständnis dafür zeigt, dass er für das Kind durchaus herausfordernd ist. Dem Kind wird etwas abverlangt,
aber es werden ihm auch Brücken gebaut, vielleicht mit Ausblicken auf Schönes, Angenehmes, das
anderswo auf sie wartet, mit Trost, der den Enttäuschungsschmerz lindert, oder auch mit Ablenkung. Das Sich-Stoßen an Gegebenheiten will gelernt sein – und auch die Fähigkeit, konstruktiv
nach neuen Lösungen zu suchen. So können Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein und auch umsichtige Durchsetzungskraft gedeihen.
Es geht um hilfreiche Ordnungen: Von Anfang an begleiten Rituale die Lebensvollzüge, vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Sie sind unverzichtbare Orientierungsmarken in Raum und Zeit, und
die Kinder fordern sie ein. Sie strukturieren die Handlungsräume, in denen sich die Kinder dann sicher bewegen können. Hilfreiche Autorität schützt solche Ordnungen vor der Auflösung ins Chaos:­
sei es räumlich im Hinblick darauf, dass die Dinge ihren Platz haben und dorthin auch wieder zurückgebracht werden müssen, sei es zeitlich in Bezug auf Abläufe, die durch ihre Regelmäßigkeit
­Sicherheit bieten. Solche Ordnungen können durchaus auch an neue Gegebenheiten angepasst
werden. Dabei ist die Partizipation der Kinder wichtig, damit die Vorgaben wirklich den Bedürfnissen der Beteiligten gerecht werden. Allerdings müssen sie dann auch mit der Autorität der Erwachsenen davor geschützt werden, sich in Beliebigkeit zu verlieren. So entsteht ein lebendiges
Regelwerk, das allen guttut und mit dem sich Kinder zu Hause wie in der Kindertagesstätte zurechtfinden können – auch in jeweils verschiedenen Zonen und Räumen. Gleiches gilt für geordnete gemeinsame Gespräche und für Unternehmungen, die aus der Kindertagesstätte hinausführen.
Autorität ist für Kinder auch immer wieder eine Zumutung: Sie lockt zum Widerspruch, an ihr kann
man sich reiben. Sie schließt Auseinandersetzung und Streit ein – aber immer mit dem Ziel, die Kinder auf dem Weg in ihre Selbstständigkeit zu begleiten. Sie sollen zu einem eigenen Willen finden,
der ihnen zugleich hilft, bei ihrem Handeln den sicheren Blick für die unveränderlichen Gegebenheiten und deren Eigengesetzlichkeit nicht zu verlieren.
In religiöser Hinsicht geht es bei diesem Thema immer auch darum, wie die Autorität Gottes in
Anspruch genommen wird. Auch hier finden sich zwei Extreme: auf der einen Seite der unerbittlich strafende Gott, dessen Autorität zur Verstärkung einer rigiden menschlichen Autorität missbraucht wird („Gott sieht alles!“), und auf der anderen Seite der ausschließlich liebe Gott, der es
nur gut meint und angesichts der Härte der oft so unbarmherzigen Wirklichkeit unglaubwürdig
wird („Warum tut Gott nichts dagegen?“). Eine biblisch verstandene Autorität Gottes – etwa im
Sinne der Gebote (vgl. Ausgabe 12: „Ausgemacht ist ausgemacht – Regeln für die Gemeinschaft“) –
­schützt die Freiheit der Menschen mit verbindlichen Regeln, damit ihr Recht auf Selbstentfaltung,
ihr Recht auf Leben in einer geordneten Welt zur Geltung kommen kann. Somit verbindet sich die
Zusage von Schutz, Begleitung und Segen mit der nachdrücklichen Forderung, neben dem Willen
zur Selbstverwirklichung immer auch das geordnete Miteinander im Blick zu haben. Es gilt, einen
guten Ausgleich der unterschiedlichen Interessen zu finden. Dazu gehört auch das Zurückstecken
eigener Ansprüche.
Den Bildungsplänen entspricht das Thema in verschiedenen Bereichen:
· Kinder lernen, das Zusammenprallen des eigenen Wollens mit den Gegebenheiten der Umwelt
konstruktiv zu gestalten.
· Kinder erleben in ihren Autoritätspersonen Menschen, die sie bei diesem Gestaltungsprozess
einfühlsam begleiten.
· Kinder erleben in ihren Autoritätspersonen Modelle für einen Willen mit Verlässlichkeit und
­Weitblick.
· Kinder erfahren, wie ihnen sichere Ordnungsstrukturen Freiraum für eigene Tätigkeit eröffnen.
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Wissenswertes für die Erzieherin
· Kinder bringen sich selbst in die verantwortliche Gestaltung dieses Verhältnisses von Ordnungsstruktur und Freiraum ein.
· Kinder lernen Gott als Autorität kennen, die mit den biblischen Geboten eine Ordnung stiftet,
die den Menschen sinnvolle Gestaltungsräume eröffnet.
Inhaltliche Informationen
Ist das „Ich will aber!“ schon Ausdruck eines eigenständigen kindlichen Willens? Zur Beantwortung
dieser Frage muss man unterscheiden zwischen dem Bedürfnis nach Wunscherfüllung einerseits
und einem zielgerichteten Streben andererseits, das sich konstruktiv mit den Herausforderungen
der umgebenden Realität auseinandersetzt. Oft weckt irgendetwas die Begehrlichkeit, die durch
allzu prompte Wunscherfüllung nur umso rascher weiter wächst. Mit dem Bekommen ist das Ziel
erreicht, die Begehrlichkeit muss sich auf Neues richten. Das Bekommene hat dann keinen besonderen Wert: Es ist nichts, worauf man sich freuen konnte, von dem man überrascht wurde, auf das
man warten musste, das aus dem Alltäglichen heraussticht, für das man auf anderes verzichten
musste oder das eigenes Zutun, eigene Anstrengungen erforderte. Wenn das Bekommen des Gewünschten zur Gewohnheit wird, dann wird es rasch bedeutungslos, eines löst das andere ab. Es
findet keine Auseinandersetzung mit einer widerstrebenden Realität statt, die einem etwas abverlangt. Auch die Überraschung aus heiterem Himmel kann nur eine sein, wenn sie nicht selbstverständlich ist.
So soll es sein: Das Wünschen und Bekommen löst sich aus dem sicher Kalkulierbaren heraus; es
tritt etwas zwischen Wunsch und Erfüllung. Das Kind muss sich in seinem Wollen zugleich mit dem
Wollen anderer arrangieren. Es muss evtl. auch Verzicht in Kauf nehmen. Unter diesen Bedingungen kann sich echtes Streben nach dem Gewünschten entwickeln, das sowohl dem eigenen Begehren als auch der Realität gerecht wird. Dieses Streben ist auch etwas anderes, als nur Macht über
andere auszuspielen, um das Gewollte doch zu bekommen; es ist etwas anderes als Einflussnahme
mit allen Registern – vom Bitten und Betteln bis zum Schreien – so lange, bis man dann letztlich
doch wieder den Sieg davonträgt. Beobachtungen in entsprechenden Situationen haben gezeigt,
dass das Kind z.B. bereits vor der Mutter weiß, dass es sich durchgesetzt hat – sein zufriedenes
­Lächeln kurz vor deren entnervtem Nachgeben lässt das erkennen. Dieser Erfolg verlangt dem Kind
allerdings nur eine vordergründige Zielstrebigkeit ab: Sie wird der nötigen Auseinandersetzung mit
der über die engeren Bezugspersonen hinausgehenden Welt nicht gerecht. Und die ist in der Regel
nicht so nachgiebig. Auch ein Gefühl echter Dankbarkeit für das Erreichte wird so kaum aufkommen.
Echtes, konstruktives, zielstrebiges Wollen kann aber auch durch überfordernde Entscheidungen
gelähmt werden. Dann geht es dem Kind wie „Buridans Esel“, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann, von welchem er fressen will. Kinder können von
­einer Fülle an Entscheidungsmöglichkeiten und -nötigungen auch erschlagen werden: „Möchtest
du lieber da- oder dorthin in Urlaub fahren? Sollen wir lieber den Opa besuchen oder ins Legoland fahren?“ usw. Ein echtes „Ich will!“ kann gar nicht aufkommen, es erlischt in einem zufälligen,
wahllosen Zugriff, dessen Ergebnis dann auch nicht viel bedeutet. Und was sollen Entscheidungen
zwischen Alternativen, die man noch gar nicht beurteilen kann? Da sagen Kinder dann manchmal:
„Müssen wir heute tun, was wir selber wollen, oder dürfen wir tun, was du uns sagst?“ Auch ein
Übermaß an Angeboten und Entscheidungserwartungen kann das eigene Wollen behindern.
Aus religiöser Sicht spiegeln sich solche Zusammenhänge in der Gebetserziehung wider. Wird
Gott nach bestimmten zwischenmenschlichen Mustern als bloßer Wunscherfüller gesehen, verliert
er nach den entsprechenden Enttäuschungen seine Bedeutung. An Gott gerichtete Bitten sollten
die Bereitschaft einschließen, auch die Nichterfüllung bzw. das Warten auf Erfüllung zu akzeptieren. Außerdem sollte bei den an Gott gerichteten Bitten auch der mögliche eigene Beitrag mitge-
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Wissenswertes für die Erzieherin
dacht werden. Dann geht es nicht mehr nur um das Warten auf das Eintreffen des Gewünschten.
Auch tätiges Eingreifen kommt dazu – mit der Bereitschaft, sich den gegebenen Herausforderungen zu stellen. Das kommt auch in einem bekannten überlieferten Gebet zum Ausdruck: „Gott,
gib mir den Mut und die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und will. Gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine
vom anderen zu unterscheiden.“
Praktische Umsetzung
In den nachfolgenden Praxisanregungen werden Geschichten vorgestellt, die zum eigenen Nachund Weiterdenken anregen: eine Geschichte aus dem Alten Testament und eine aus unserer Zeit,
jeweils mit passenden Gesprächsanregungen. Daran schließt sich eine Philosophierrunde an. Lieder
ermöglichen mit der ihnen eigenen Leichtigkeit Zugang zum Thema. Das gilt noch mehr für die
angebotenen Spiele, in denen es um das Abstimmen wechselseitiger Führungsimpulse und um den
Umgang mit Grenzen geht. Gebetsvorschläge bedenken das Zusammenspiel von eigenem Wollen
und der Verantwortung für andere unter dem von Gott gewollten Schutz alles Lebendigen. Gerade
beim Thema dieses Kapitels sind auch Elterngespräche wichtig, für die die letzte Rubrik hilfreiche
Anregungen bietet.
Wir wünschen Ihnen die nötige Geduld und viel Geschick bei den alltäglichen Bemühungen, dem
kindlichen „Ich will aber!“ den förderlichen Weitblick zu eröffnen.
Im Blickwinkel – Hinschauen und nachdenken
Die Vorstellungen von wünschenswerter Autorität haben viel zu tun mit individuellen Erfahrungen
von klein auf. So hat sich z.B. das Programm der antiautoritären Erziehung seit den 70er-Jahren
­gegen die vorangegangenen autoritären Strukturen in Erziehung und Gesellschaft gerichtet. Der
gegenwärtig beklagte Werteverlust infolge mangelnden erzieherischen Nachdrucks drängt Erziehende dagegen zu einer entschlossenen Annahme der Autoritätsrolle. Dazwischen liegt die Vielfalt
der persönlichen Einstellungen zwischen Nachgiebigkeit und Strenge, Unsicherheit und Entschlossenheit, kurzem oder langem Zügel, strenger Konsequenz oder der Bereitschaft zu großzügigen
Ausnahmen. Auch eigene Erfahrungen prägen die Vorstellungen von guter Autorität. Ein bestimmtes Autoritätsmuster kann da nicht verordnet werden, denn persönliche Autorität lebt von der
Überzeugung derer, die sie vertreten. Kinder spüren deutlich, was echt und was bloß aufgesetzt ist.
Für sie ist entscheidend, dass sie in der Haltung der Erziehenden echte Zuwendung spüren, Verhaltenssicherheit und ordnende Konsequenz.
Damit wird es in einer Einrichtung immer auch verschieden praktizierte, individuelle Autoritätsrollen geben, mit denen die Kinder in der Regel auch ganz gut zurechtkommen können – so wie ja
auch bei Eltern und Großeltern die Autoritätsmuster verschieden gelebt werden. Genauso wichtig
wie die persönliche Überzeugung ist es aber auch, sich darüber zu verständigen, welche Autorität von Erwachsenen Kinder brauchen, was in der Einrichtung grundsätzlich gelten, was für alle
verbindlich sein soll. Das kann vor dem Hintergrund pädagogischer Einsichten und praktischer Erfahrungen geschehen. Es braucht Zeiten und Anlässe, zu denen konkrete Handlungssituationen gemeinsam bedacht und beurteilt werden, in denen die Autoritätsrolle der Erziehenden gefragt war.
Hier gilt es gemeinsame Strategien zu suchen, Schwachpunkte aufzuspüren und zu überwinden –
und zugleich eben auch individuelle Eigenheiten zu respektieren.
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Plauderstündchen – Erzähl mir was!
Pla
Ich will aber! – Um jeden Preis?
(Salomons Urteil; 2. Samuel 3,16 ff.)
Ziel:
· wahrnehmen, dass das eigene Wollen auch das Lebens­recht der anderen im Blick haben sollte
· bedenken, wo das Beharren auf dem eigenen Willen
­an­gemessen und wo das Verzichten sinnvoller ist
Fördert:
·Empathie
·Verantwortungsbewusstsein
·Nachdenklichkeit
Anspruch:
· mittel bis hoch
Alter der Kinder:
· 5 bis 10 Jahre
Anzahl der Kinder:
· gesamte Kindergruppe
Räumliche Voraussetzungen:
· ruhiger, gemütlicher Raum
Materialien:
·–
Vorbereitung:
· sich die Geschichte selbst aneignen
Durchführungszeit:
· ca. 30 Minuten
Die im Alten Testament überlieferte Geschichte vom Urteil des Salomon stellt beispielhaft dessen
Klugheit heraus, die ihn damals – als Sohn und Nachfolger des großen Königs David – berühmt
gemacht hat. Anlass zu seinem Richtspruch ist der Streit um ein Kind und die Frage, wer die echte
Mutter ist. Im Verlauf der Urteilsfindung geht es um die Einsicht, dass wahre Mutterliebe eher auf
den eigenen rechtmäßigen Vorteil verzichtet, als dem Kind zu schaden. Zugleich stellt die Erzählung eindringlich vor Augen, wie das starre Beharren auf dem eigenen Willen in die Sackgasse führen und letztlich schlimm ausgehen kann. So gilt es bei dem „Ich will aber!“ die Grenzen nicht aus
den Augen zu verlieren und das Wohlergehen der anderen Beteiligten im Blick zu behalten.
Die Salomongeschichte wird im nachfolgenden Erzählvorschlag aus der Perspektive des königlichen
Dieners Jehuda geschildert. Jehuda nimmt die Rolle eines Betrachters ein; er muss sich nicht den
Kopf zerbrechen wie Salomon. Er weiß auch nicht, wer die wahre Mutter ist, und kann das Verhalten beider Frauen aus der Distanz mitverfolgen. Auf diese Weise gewinnen in der Erzählung beide
Verhaltensweisen ihr Profil: Das „Ich will!“ um jeden Preis, das zur Katastrophe führen würde, und
das Verzichten zur rechten Zeit, um Schlimmes zu verhindern.
Oft ist der Kinderalltag geprägt vom Streiten um Dinge, vom Haben-Wollen, das bis zur Beschädigung von Gegenständen und sogar bis zu Verletzungen führen kann. Zum Glück wendet sich die
biblische Geschichte durch das kluge Urteil Salomons zum Guten und gibt uns dadurch Anlass,
auch rückwirkend das Verhalten der beiden Frauen sorgfältig zu bedenken. So kann die Erzählung
die Einsicht bestärken, dass sich das eigene Wollen mit der Berücksichtigung anderer Bedürfnisse
verbinden sollte – und das ist schließlich besser, als dem „Ich will!“ lediglich Widerstand und Verbot
entgegenzusetzen.
Schon seit etlichen Monaten ist Salomon König in Jerusalem. Ich bin Jehuda, einer seiner obersten Diener. Heute habe ich viel zu tun, denn es ist wieder einmal Gerichtstag. Da kommen Leute mit ihren
Streitigkeiten und erwarten, dass der König ein gerechtes Urteil spricht, mit dem alle Beteiligten zufrieden sind. Immer wieder muss ich mich wundern, mit welcher Klugheit unser König solche Urteile
spricht. Nicht umsonst ist er deswegen weit über unser Land hinaus bekannt und berühmt. Ob Salomon das heute wohl auch wieder gelingen wird?
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Plauderstündchen – Erzähl mir was!
Aber für meine Gedanken habe ich jetzt keine Zeit, denn all die Ratsuchenden und Streithähne stehen
schon vor dem Tor des Königspalasts an, und ich muss dafür sorgen, dass alles ordentlich vor sich geht.
Manche können nicht einmal hier im Hof vor der Halle des Königs mit ihren Streitereien auf­hören. O je,
da draußen geht es ja schon wieder schlimm zu. Ich schaue nach und sehe zwei Frau­en, die sich furchtbar zanken. Eine trägt ein kleines Baby auf dem Arm. „Gib her“, ruft die andere, „es ist mein Kind!“ –
„Du lügst“, schreit die Erste, „es gehört mir!“ Und jetzt fängt auch noch das Baby an zu weinen. Wie
bringe ich die bloß zur Ruhe, wenn ich sie jetzt in den Warteraum hereinlasse?
„Sag mir genau, was geschehen ist“, fordere ich die Frau mit dem Baby auf, und sie beginnt zu erzählen: „Wir zwei Frauen wohnen im selben Haus, schlafen sogar im selben Zimmer. Und wir haben auch
fast zur gleichen Zeit ein Kind bekommen. Leider ist das Kind meiner Nachbarin vor wenigen Tagen
gestorben. Jetzt will sie meines haben, aber das gebe ich nicht her. Das ist doch klar, oder?“ Die andere
Frau meldet sich heftig zu Wort: „Sie lügt! Ihr Kind ist gestorben, und in der Nacht hat sie die Kinder
vertauscht, hat mir das tote Kind in den Arm gelegt und meines genommen. Ich kenne doch mein
Kind! Das ist nicht recht!“ Da ruft die andere: „Stimmt überhaupt nicht, und ich will das Kind behalten.
Ich gebe es nicht mehr her, auf keinen Fall!“
Das ist wirklich schwierig zu entscheiden. Keine der Frauen kann beweisen, dass es ihr Kind ist. Ich bin
gespannt, was der König dazu sagen wird. Das möchte ich unbedingt miterleben. Gleich ist es so weit.
Ich ermahne die beiden noch, sich ruhig zu verhalten, und schon stehen sie vor dem König. Der hört
geduldig zu, was die Frauen zu sagen haben. Die eine presst das Kind an sich und ruft immer wieder: „Es
gehört mir, ich will es behalten!“ Die andere versucht vergeblich, es ihr aus dem Arm zu nehmen. Der
König denkt eine Weile nach, dann verkündet er: „Auch ich kann nicht entscheiden, wer die richtige Mutter des Kindes ist. Darum soll jede eine Hälfte des Kindes bekommen!“ Ist der König verrückt geworden,
denke ich, er wird doch nicht das Kind auseinanderteilen wie ein Stück Brot! Auch die beiden Frauen sind
starr vor Schreck. Schon lässt sich der König das Schwert reichen. Meint er es wirklich ernst?
Da ruft die Frau, die das Kind hat, laut und trotzig: „Das Kind gehört mir. Ich will es haben. Wenn ich es
nicht bekomme, dann soll es niemand bekommen!“ Wieder entsteht eine Pause, und der König nimmt
das Schwert fester in die Hand. Da ruft die andere Frau, und ihre Stimme klingt ganz verzweifelt: „Nein,
mein König. Das Kind soll leben! Auch wenn ich die Mutter bin, gebe ich es lieber meiner Nachbarin, als
dass es getötet wird. Lieber verzichte ich auf mein Recht, aber das Kind soll am Leben bleiben!“
Da legt der König das Schwert zur Seite und verkündet: „Jetzt weiß ich, wer die wahre Mutter ist.“
Er wendet sich zur ersten Frau mit dem Kind auf dem Arm und spricht: „Du willst nur deinen Willen
durchsetzen, willst nur haben, denkst überhaupt nicht an die anderen und schon gar nicht an das Kind.
Du hast keine Liebe für das Kind. Du kannst nicht die Mutter sein!“ Dann wendet er sich zur zweiten
Frau und sagt: „Und du verzichtest lieber auf dein Recht, auf dein Kind, auf deine Freude an ihm, nur
damit es am Leben bleibt und damit es ihm gut geht. Du bist die richtige Mutter!“
Salomon steigt vom Thron, nimmt der ersten Frau das Kind vom Arm und legt es behutsam in die
Arme seiner richtigen Mutter. Zuerst ist es noch ganz still im Saal, aber dann geht unter den Dienern
ein Gemurmel los. Die haben sich jetzt viel zu sagen.
Gesprächsanregungen:
· Wie findest du die Entscheidung des Königs? War sie richtig?
· Hätte man die richtige Mutter auch daran erkennen können, dass sie bis zum Schluss energisch um
ihr Kind kämpft?
· Eigentlich hätte die echte Mutter ja viel mehr Grund gehabt zu sagen: „Ich will unbedingt das Kind
behalten!“ Was meinst du?
· War es richtig, dass der König mit dem Tod des Kindes gedroht hat?
· Hat die erste Frau etwas falsch gemacht? Was meinst du?
· Kennst du das auch, dass man sich mit dem „Ich will aber!“ in etwas verrennt und gar nicht mehr
an die anderen denkt?
· War es für Salomon nötig, mit dem Schwert zu drohen? Hätte es auch eine andere Möglichkeit
gegeben, die richtige Mutter herauszufinden?
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Xaverl will gewinnen
Ziel:
· von der Fokussierung auf das beharrliche „Ich will!“ wegkommen und den Blick für weitere Zusammenhänge öffnen
· wahrnehmen, wie sich der Ärger über auferlegte Grenzen
zu neuen positiven Sichtweisen wandeln kann
Fördert:
·Weitsicht
· Auseinandersetzung mit dem eigenen Willen
·Einfühlungsvermögen
Anspruch:
·hoch
Alter der Kinder:
· 5 bis 10 Jahre
Anzahl der Kinder:
· gesamte Kindergruppe
Räumliche Voraussetzungen:
· ruhiger, gemütlicher Raum
Materialien:
·–
Vorbereitung:
· sich die Geschichte selbst aneignen
Durchführungszeit:
· ca. 30 Minuten
Xaverl fiebert auf einen Wettkampf hin, den er unbedingt gewinnen will. Aber da macht ihm ein
wirkliches Fieber einen Strich durch die Rechnung. Das setzt Xaverl sehr zu. Doch dann nimmt die
Geschichte eine fiktive Wendung zu einem Gespräch mit Gott, in dem Xaverl zunächst noch keinen
besonderen Sinn sehen kann. Als dann jedoch sein ärgster Rivale ihm Freundschaft anbietet, sieht
die Welt auf einmal ganz anders aus. So kann die Geschichte den Blick weiten vom engen „Ich
will!“ zur Offenheit für ganz andere Möglichkeiten.
Xaverl mag den Schwimmunterricht im Hallenbad. Er mag das Gefühl, so geschwind wie ein
Fisch zu sein. Er spürt gern die Kraft in seinen Armen und Beinen. Und er hört es gern, wenn
die Lisi sagt: „Im Brustschwimmen ist der Xaver schon fast so gut wie der Paul.“
Paul ist der beste Schwimmer aus der Gruppe. Beim Wettschwimmen ist er Erster geworden,
aber Xaverl war nur um eine Armlänge hinter ihm. Beim nächsten Wettschwimmen will Xaverl
gewinnen. „Du schaffst es bestimmt!“, sagt Lisi. „Üb’ noch den Startsprung und das Wenden.
Darin ist der Paul noch besser als du!“ Xaverl stellt sich vor, wie es sein wird, wenn er gewinnt.
Vielleicht ist er zwei oder drei Armlängen vor Paul. Paul wird Augen machen und das geschieht
ihm schon recht, dem Paul. Wie er immer schreit: „Ich bin der Beste! Ich bin der Beste!“ Xaverl
stellt sich vor, dass er beim Wettschwimmen so schnell ist, dass er vor Paul aus dem Becken
steigt. Lisi reicht ihm ein Handtuch, Xaverl reibt sich ab und sagt zu Paul, der verdutzt aus dem
Wasser klettert: „Ärgere dich nicht! Man kann nicht immer der Beste sein!“
Das nächste Wettschwimmen ist für Freitag angesetzt. Xaverl freut sich schon darauf. Nur
schade, dass die Lisi nicht dabei sein kann. Sie hat Röteln bekommen, leider, und wird nicht
mit ansehen, wie Xaverl gewinnt. Sie wird im Bett liegen und schimpfen wie ein Spatz und Xaverl die Daumen halten.
Am Freitagvormittag wundert sich Xaverl, wie langsam die Zeit vergeht. Der Morgenkreis im
Kindergarten will kein Ende nehmen. Das Spielen ist heute so langweilig und das Aufräumen
so anstrengend. Xaverl gähnt. Ihm ist heiß und sein Kopf ist schwer. Wenn es nur schon Nachmittag wäre! Sabine, die Kinderpflegerin, schaut Xaverl nachdenklich an. Auf einmal ruft sie:
„Na so etwas! Und ausgerechnet heute!“ – „Was ist los?“, fragt Xaverl. – „Na, schau in den
Spiegel“, sagt Sabine. „Armer Xaverl! Du hast Röteln bekommen. Du gehörst ins Bett!“ Xaverl
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sieht im Spiegel die roten Flecken in seinem Gesicht. „Aber das Wettschwimmen …“, stammelt
er. – „Tut mir leid, wirklich“, sagt die Kinderpflegerin. „Aber du darfst die anderen Kinder nicht
anstecken. Pack deine Sachen, Xaverl, ich rufe deine Mutter an, dass sie dich abholt.“
Xaverl will allein heimgehen. Er will mit niemandem reden und auch nicht hören, wie leid er
allen tut. Er will auch nicht mit der Mutter reden, die ihn abholt und nach Hause bringt. Er
geht sofort ins Bett und kriecht ganz tief unter die Decke. „In ein paar Tagen ist alles wieder
gut“, sagt die Mutter und lässt Xaverl allein. Ja, denkt er, aber das Wettschwimmen. Paul wird
gewinnen.
„Lieber Gott“, sagt er unter der Decke. „Wenn Röteln schon sein müssen, warum gerade heute? In den langweiligen Kindergarten lässt du mich gehen, aber zum Wettschwimmen lässt du
mich nicht! Weißt du, wie mich das ärgert?!“ – „Du hättest heute so gerne gewonnen“, sagt
der liebe Gott. – „Ich hätte die Chance gehabt – oder?“, fragt Xaverl. – „Natürlich“, sagt der
liebe Gott. „Den Startsprung kannst du wirklich gut und das Wenden geht auch schon viel
besser.“ – „Eben“, weint Xaverl, „und du verpatzt mir das Gewinnen.“ – „Ich verstehe, dass du
enttäuscht bist“, sagt der liebe Gott. „Aber solche unangenehmen Dinge haben oft auch eine
gute Seite.“ – „Wenn du meinst“, brummt Xaverl. „Da bin ich aber gespannt. Im Moment sehe
ich keine gute Seite. Gar keine.“ Er beschließt, an diesem Tag nichts mehr mit dem lieben Gott
zu reden. Er ist auch viel zu müde dazu. Er schläft ein.
Am frühen Abend – das Wettschwimmen ist längst entschieden – bekommt Xaverl Besuch.
Zuerst hört er die Stimmen im Vorzimmer. „Kind“, sagt die Mutter, „wenn du dich ansteckst
…“ – „Na, dann steck ich mich halt an“, antwortet eine Bubenstimme. Und schon kommt Paul
ins Zimmer herein. Xaverl setzt sich im Bett auf. „Du bist’s – hast du gewonnen?“ – „Ich hab
gewonnen“, sagt Paul. „Aber lieber wäre mir schon gewesen, wenn du hättest mitschwimmen
können. Jetzt weiß ich nicht genau, ob ich wirklich der Beste bin. Blöde Röteln! Also, das wollte ich dir sagen.“ – „Vielleicht gibt es wieder ein Wettschwimmen“, sagt Xaverl. – „In vierzehn
Tagen oder später, wenn du eben wieder ganz gesund bist“, antwortet Paul. „Mein Bruder ist
Schwimmer bei den Junioren. Er schwimmt erstklassig. Er wird mich trainieren. Magst du vielleicht mittrainieren?“ – „Mittrainieren?“, fragt Xaverl. „Na ja, warum eigentlich nicht?“ – „Also,
das wollt ich dir sagen“, sagt Paul und geht.
Xaverl lacht. Später muss er lange nachdenken. „Du, lieber Gott, bist du da?“ Und dann wird
er still, ganz still, damit er hören kann, was der liebe Gott ihm antwortet. „Ich bin da“, sagt der
liebe Gott.
„Du“, sagt Xaverl. „Der ist doch ganz nett, der Paul … Vielleicht kann ich ihn zum Freund gewinnen oder was meinst du? Ist es leichter, gegen einen Freund zu verlieren?“ – „Nein“, sagt
der liebe Gott, „aber das Trainieren ist lustiger.“
(Text gekürzt; aus: Lene Mayer-Skumanz: „… wenn du meinst, lieber Gott“ © 1998/2012 by Gabriel Verlag
­(Thienemann Verlag GmbH), Stuttgart/Wien. www. gabriel-verlag.de)
Gesprächsanregungen:
· Manchmal ist man ganz wild auf etwas, das man sich in den Kopf gesetzt hat. Hast du
das auch bei Xaverl wahrgenommen? Wo in der Geschichte?
· Kennst du das auch von dir selbst? Erzähle davon!
· Das Gespräch mit Gott hat sich die Erzählerin der Geschichte ausgedacht. Wie hättest du
an Xaverls Stelle mit Gott gesprochen?
· Xaverl hat nicht bekommen, was er unbedingt wollte – und er hat etwas bekommen, was
er zuerst gar nicht wollte. Wie passt das zusammen?
· Manchmal ist es ganz gut, wenn es anders geht, als man will. Hast du selbst auch schon
solche Erfahrungen gemacht?
(KH)
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Plauderstündchen – Erzähl mir was!
Mit Kindern philosophieren:
Wie wäre es, wenn es plötzlich keine Regeln mehr gäbe?
Ziel:
· den Sinn von Regeln erkennen
· Widersprüche zwischen freiem Willen und verpflichtender
Gemeinschaft wahrnehmen
Fördert:
· Fantasie und kognitive Kreativität
· Fähigkeit zum Perspektivenwechsel
· Auseinandersetzung mit komplexen Fragen
· Auseinandersetzung mit Werten und Normen
Anspruch:
· mittel bis hoch
Alter der Kinder:
· 4 bis 8 Jahre
Anzahl der Kinder:
· Kleingruppe: 7 bis 10 Kinder
Räumliche Voraussetzungen:
· ruhiger, gemütlicher Raum
Materialien:
· evtl. Materialien zum Gestalten eines Plakats
·Gesprächssymbol
Kosten:
·–
Vorbereitung:
· eigene Überlegungen zum Thema anstellen
Durchführungszeit:
· ca. 45 bis 60 Minuten
Thema und Methode:
Philosophisch ist der Frage nach der Willensfreiheit (und der Handlungsfreiheit) seit langem nachgegangen worden. Dabei reichen die Positionen von der Überzeugung, dass es den freien Willen
nicht gibt, weil er immer determiniert – also von außen beeinflusst – ist, bis hin zu der These, dass
Willensfreiheit durch eben diese äußere Beeinflussung nicht verhindert wird.
In der Erziehung wird die Willensfreiheit von Kindern durch Regeln oder den Willen anderer beschränkt. Diese Erfahrung machen Kinder tagtäglich im Kindergarten und zu Hause. Für Eltern und
Erzieherinnen fordert der kindliche, oft mit Trotz und Nachdruck formulierte Satz: „Ich will aber!“
die Auseinandersetzung mit dem Thema ein.
Als Herangehensweise an dieses Thema bietet sich ein Gedankenexperiment an. Kinder lieben solche
Experimente, weil sie dabei ihrer Fantasie freien Lauf lassen können. Das ihnen zugrunde liegende
Muster „Was wäre, wenn …?“ lässt sich auch in kindlichen Rollenspielen häufig beobachten. Als Methode im philosophischen Gespräch regen Gedankenexperimente Kinder zu neuen Sichtweisen der
Realität an. Die Vorstellungen der Kinder lassen sich dabei auf originelle und neuartige Weise miteinander verbinden, sodass innovative und einmalige Ideen entstehen. Darüber hinaus haben Gedankenexperimente den Vorteil, dass sie im Kopf weitaus leichter umzusetzen sind als in der Realität.

Tipp:
Lassen Sie es zu, wenn sich die Kinder beim Philosophieren in abstruse Übertreibungen und Blödeleien hineinsteigern. Sie sind wertvoll, weil sie der Sitz kreativer
Philosophie sind. Nur diese uneingeschränkte Freiheit im Denken und das tabulose
Sprechen ermöglichen neue, kreative Ideen.
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Plauderstündchen – Erzähl mir was!
Kindergarten ohne Regeln – eine (frei erfundene) Geschichte als Einstieg in das
Gedanken­experiment:
Die Kinder und die Erzieherinnen im Kindergarten hatten die Regeln satt. Alles war vorgeschrieben: wann sie morgens da sein sollten, wann sie wieder nach Hause gehen mussten,
wann Wochenende war und wann Ferien. Den Kindern wurde vorgeschrieben, dass sie vor
dem Essen ihre Hände waschen und sich an den Tisch setzen sollten. Es gab Regeln, wie man
mit den Spielsachen umgeht, wer wann welche Räume benutzt und wie laut man spielen darf.
Aber auch für die Erzieherinnen gab es viele Regeln: wann sie zur Arbeit kommen mussten und
wann sie wieder nach Hause gehen durften. Sie mussten sogar darauf achten, dass die Regeln
von den Kindern eingehalten wurden. Es waren wirklich viele Vorschriften, und alle beschlossen: Ab jetzt gelten keine Regeln mehr.
Am nächsten Tag waren fast keine Erzieherinnen im Kindergarten, weil sie lieber baden gingen
– einige Kinder auch. Andere Kinder stellten die Tische und das Spielzeug auf die Straße, weil
es dort so sonnig war. Die Jungen drehten die Stereoanlage ganz laut auf und ließen sie den
ganzen Tag laufen. Als Jonas etwas essen wollte, fand er seine Brotzeit nicht mehr. Lukas hatte
sie gegessen. „Es gibt keine Regeln mehr!“, rief er und sprang davon.
Maria fand an ihrem Garderobenplatz die kleine Lena aus der anderen Gruppe. Sie war gerade dabei, Marias Kuscheltier zu operieren. „Was machst du da?“ – „Es gibt keine Regeln
mehr“, sagte Lena, packte Marias Kuscheltier und ging davon. „Ich hab gerade die Hände gewaschen“, sagte Emil. „Lüg mich nicht an!“, entgegnete eine Erzieherin. „Es gibt keine Regeln
mehr“, sagte Emil, „also habe ich nicht gelogen.“ Als es schon spät war und einige Leute nach
Hause gehen wollten, war noch immer laute Musik zu hören. Manche Kinder schliefen dort,
wo sie gerade noch gespielt hatten, und auf der Straße hupten die Autos, weil immer noch
Tische und Spielsachen da waren. Viele Spielsachen waren verschwunden und eine Erzieherin
fand sogar ihr Geld nicht mehr.
„Wo sind die Kinder?“
„Wo ist mein Geld?“
„Wo sind die Erzieherinnen?“
„Wo ist die Ordnung?
Aber es war keiner da, der sich darum kümmerte. Wenn es keine Regeln gibt, braucht es niemanden, der aufpasst, dass sie eingehalten werden.
Ein Kind rief: „So kann das doch nicht weitergehen!“
Einstiegsfrage und mögliche weiterführende Fragen:
· Warum meint das Kind, dass es so nicht weitergehen kann?
· Soll jeder immer bekommen oder tun dürfen, was er gerade möchte?
· Woran liegt es, dass ihr das Gefühl habt, dass in der Geschichte irgendetwas schief-­
gegangen ist?
· Wofür sind Regeln gut?
· Gibt es bestimmte Fälle, in denen es gar keine Regeln geben sollte?
Die Kinder werden zunächst vielleicht euphorisch ihre Vorstellungen von einem Leben ohne Regeln
schildern. Im weiteren Verlauf wird sich aber die Erkenntnis durchsetzen, dass Regeln notwendig
sind, was bei Kindern nicht selten zu einer Tendenz zur Überregulierung führt. Hier kommt es dann
darauf an, mit geschickten Fragen herauszufinden, wo der freie Wille des Kindes zum Tragen kommen soll, z.B.:
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Plauderstündchen – Erzähl mir was!
· Wo sind Regeln für unser Zusammenleben besonders wichtig?
· Welche Regeln sind für Erwachsene und Kinder gleich wichtig?
· Wer macht die Regeln?
· Was passiert, wenn man gar nichts mehr selber entscheiden darf?
· Muss eine Regel immer für alle gleichermaßen gelten?
· Wann sollten Regeln verändert werden? Wie kann das geschehen?

Tipp:
Auch im Team lohnt es sich, von Zeit zu Zeit gemeinsam zu überlegen, welche
­Regeln wirklich sinnvoll sind, welche zu eng gefasst sind und ob die bestehenden
Regeln transparent und präzise sind. Um das zu überprüfen, kann ein Gedankenexperiment mit der Fragestellung „Welche Regeln würden wir machen, wenn wir
Kinder wären?“ in der Teambesprechung durchgeführt werden.
Abschluss und Reflexion:
Zum Abschluss überlegen Sie mit den Kindern, welche fünf „goldenen“ Regeln auf jeden Fall von
allen im Kindergarten eingehalten werden müssen, damit das Zusammenleben gut funktionieren
kann. Dazu können die Kinder ein Plakat mit Bildern, Symbolen u.Ä. gestalten, das einen zentralen
Platz in der Einrichtung bekommt.
Als letzten Gedanken zur Reflexion der Einheit können die Kinder den vorgegebenen Satzanfang:
„Regeln sind für mich …“ vervollständigen. Kinder, die nichts sagen möchten, geben das Gesprächssymbol einfach weiter.
(IB)
Buchtipps
Achim Bröger/Clara Suetens: Sophie will aber. Geschichten von Trotz und Selbstbewusstsein. Arena
Verlag, Würzburg 2004
Ernst Kahl: Papa, ich will einen Hund. Kein & Aber Verlag, Zürich 2008
Annette Langen/Imke Sönnichsen: Die kleine Motzkuh. Oder: Wie man schlechte Laune wegjagen
kann. Coppenrath Verlag, Münster 2000
Elisabeth Zöller/Brigitte Kolloch: Ich will aber nicht. Vorlesegeschichten vom Trotzigsein. Ellermann
Verlag, Hamburg 2004, 3. Auflage
John A. Rowe/Karl Rühmann: Aber ich will … Michael Neugebauer Verlag, Berlin 2002
Und noch ein Buch für die Erwachsenen:
Wolfgang Bergmann: Gute Autorität. Grundsätze einer zeitgemäßen Erziehung. Beltz-Verlag, Weinheim/Basel 2008, 4. Auflage.
Zwischen alten, vorgefassten Meinungen und neuen Schlagworten weist der Autor den Weg
einer verständnisvollen Autorität, die den Kindern und Jugendlichen die Sicherheit gibt, die sie
brauchen, und die ihnen Auseinandersetzungen abverlangt, die sie in ihrem Selbstverständnis
stärken. Gegen ein nur äußerliches und rigides Grenzen-Setzen zielt er auf solche Begrenzungen
des eigenen Willens, die im Inneren Wurzeln schlagen und die an Vorbildern anschaulich und
überzeugend werden.
(AW/FH)
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Liederkiste – Sing mit!
Mensch, das muss doch gehen!
Ziel:
· mit einem Lied den Blick vom eigenen „Ich will!“ auf die
Bedürfnisse anderer hin ausweiten
Fördert:
·Musikalität
·Empathie
· soziales Verhalten
Anspruch:
·mittel
Alter der Kinder:
· 4 bis 10 Jahre
Anzahl der Kinder:
·beliebig
Vorbereitungszeit:
·–
Durchführungszeit:
· ca. 20 Minuten
Text und Melodie: Daniela Dicker, Berlin
2. Strophe:
3. Strophe:
Kommst du dann in meine Nähe
sage ich dir jetzt schon: Wehe!
Denn wenn ich dann um mich schlage
kriegst du etwas ab – klapp!
Werf ich wütend mit den Sachen
kannst du nicht darüber lachen.
Alle haben Angst vor mir dann
und das will ich gar – nicht!
(Alle Rechte bei der Autorin über Liederland@web.de)
(HS)
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Liederkiste – Sing mit!
Ich will
Ziel:
· mit einem Lied den Blick vom eigenen „Ich will!“ auf die
Bedürfnisse anderer hin ausweiten
Fördert:
·Musikalität
·Empathie
· soziales Verhalten
Anspruch:
·mittel
Alter der Kinder:
· 5 bis 10 Jahre
Anzahl der Kinder:
·beliebig
Vorbereitungszeit:
·–
Durchführungszeit:
· ca. 20 Minuten
Text und Melodie: Kerstin Hörtreiter
(KH)
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Gebete – Mit Gott auf Du und Du!
Ich will – Du willst
Ziel:
· im Gespräch mit Gott die Wendung vom eigenen Wollen
zu den Wünschen anderer hin vollziehen
· die erwartete Erfüllung von Gebetswünschen im weiteren
Zusammenhang der Wünsche anderer sehen
Fördert:
· Hinwendung zu Gott
·Empathie
·Verantwortungsgefühl
Anspruch:
· gering bis mittel
Alter der Kinder:
· 4 bis 8 Jahre
Anzahl der Kinder:
·beliebig
Räumliche Voraussetzungen:
·–
Vorbereitungszeit:
·–
Durchführungszeit:
·minimal
„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“ – so lautet eine Bitte des Vaterunsers. Gottes
Wille zielt nicht auf das Unterwerfen oder Brechen des menschlichen Willens, wie es zuweilen in
früheren Zeiten ausgelegt wurde. Er zielt vielmehr auf die Einordnung des eigenen Willens in eine
umfassendere Sicht. In Gottes Geboten geht es um das Lebensrecht aller und die damit verbundene Verantwortlichkeit aller Beteiligten. Mit der Autorität des Willens Gottes wird das bekräftigt.
Jesu Gebetsworte „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ beziehen sich demgegenüber auf die
Grenzen unseres Verstehens, auf Belastungen, für die es keine plausiblen Erklärungen gibt, auf das
Hinnehmen- und Aushalten-Können. Vor diesen Grenzen aber liegt das weite Feld, auf dem es um
das Reifen des eigenen Wollens mit dem von Gott geforderten Blick auf all die anderen geht.
In den folgenden Gebetsanregungen wird diese Bewegung von der begrenzten, lediglich auf
die eigenen Wünsche gerichteten Sicht zur weiteren Perspektive des Willens Gottes im „Gebetsgespräch“ mit Gott benannt und an konkreten Erlebnissen der Kinder festgemacht. So kann das
Gespräch mit Gott auch in ein Nachdenken über Gott münden – ein Nachdenken über das, was
menschlichen und göttlichen Willen verbindet und unterscheidet.
Lieber Gott,
manchmal bin ich bei meiner Nachbarin zum Spielen.
Sie hat so schöne Spielsachen, und etwas davon
möchte ich immer gerne mit nach Hause nehmen.
Dann sagt sie, es gehört ihr, und sie braucht es auch für andere Kinder.
Ich will aber zu Hause mit diesen Sachen weiterspielen.
Du hast genug eigene Spielsachen, sagt meine Mutter dann.
Aber ich will eben gerade das haben, was mir jetzt so gut gefällt.
Lieber Gott,
es ist gar nicht so einfach, auf Sachen zu verzichten,
die man unbedingt haben möchte.
Hilf mir dabei, dass ich nicht so enttäuscht bin,
wenn es nicht so geht, wie ich es will.
Amen
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Gebete – Mit Gott auf Du und Du!
Guter Gott,
wenn du so groß und mächtig bist,
wie ich es mir denke,
dann könntest du mir doch alles geben,
um das ich dich bitte.
Es gibt so vieles,
was ich unbedingt haben will,
aber oft gehen meine Wünsche nicht in Erfüllung.
Könntest du überhaupt die Wünsche
von allen Menschen erfüllen?
Wenn sich die einen Sonnenschein wünschen
und die anderen Regen?
Wenn die einen beim Spielen unbedingt gewinnen wollen
und die anderen auch?
Wenn die einen schaukeln wollen
und die anderen auch?
Ich will dir auch weiterhin sagen,
was ich gerne haben will,
aber du musst ja auch an all die anderen denken.
Mach es so, dass es für mich
und für die anderen gut ist.
Amen
Lieber Gott,
meine Eltern sagen oft:
Nicht alles, was du willst, ist gut für dich!
Und dann meinen sie die Süßigkeiten
und dass ich die blöde Jacke anziehen muss,
wenn es kalt ist.
Oft ist es nicht gut für sie,
wenn sie abends fortgehen wollen,
obwohl ich es nicht will.
Ich möchte, dass sie zu Hause bleiben
und will sie einfach nicht gehen lassen.
Ich will so vieles,
und all die anderen Menschen wollen vieles.
Was willst eigentlich du?
Amen
(FH)
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Spielmobil – Jetzt wird’s spannend
Wer führt? Wer folgt?
Ziel:
· sich im Spiel kreativ mit dem eigenen Willen und dem
­Willen eines anderen auseinandersetzen
Fördert:
· Wahrnehmungsfähigkeit und Körpergefühl
·Empathie
· Selbstbewusstsein und Freude am Spiel
Anspruch:
·mittel
Alter der Kinder:
· 4 bis 8 Jahre
Anzahl der Kinder:
· gesamte Kindergruppe
Räumliche Voraussetzungen:
· Gruppenraum mit Platz zum Spielen
Materialien:
· evtl. Musik
Kosten:
·–
Vorbereitungszeit
·–
Durchführungszeit:
· je nach Spiel
Rücken an Rücken
Das Spiel wird paarweise gespielt. Die Kinder stehen Rücken an Rücken zusammen. Während des
Spiels ist Sprechverbot, evtl. kann jedoch Musik laufen. Nun bewegen sich die Paare durch den
Raum, nur durch den Druck des Rückens. Hier kommt es darauf an, eine ruhige Atmosphäre zu
schaffen, damit die Kinder den Partner gut spüren können. Es ist oft schwer, sich auf den ­Willen­­
(= Druck) des anderen einzulassen – oder aber den eigenen Willen durchzusetzen.
Der Spiegel
Zwei Partner stehen sich gegenüber (ca. 1 m Abstand). Nun werden von dem einen Partner pan­
to­mi­mische Bewegungen gemacht und der andere macht sie wie ein Spiegelbild nach. Bei wechselnder Führung gilt es, einen Gleichklang zu schaffen – ohne Worte! Ein Joker-Spieler darf Paare
trennen und die Haltung dessen einnehmen, der abgelöst wird. Der wird dann der neue Joker.
(HS)
Versteckter Anführer
Ein Kind wird als Anführer ausgewählt und vor die Tür geschickt. Währenddessen überlegt sich
die restliche Gruppe einen versteckten Anführer, auf den die Kinder dann eigentlich achten sollen.
­Anschließend stellen sich alle Kinder mit dem zuvor bestimmten Anführer im Kreis auf. Das Anführer-Kind stellt sich in die Mitte und macht Bewegungen vor, die alle Kinder wie ein Spiegelbild
nachahmen. Zwischendurch macht der versteckte Anführer andere Bewegungen (möglichst gegenläufige) vor, denen die Kinder dann folgen. Es gilt dabei aber zu verbergen, wer der versteckte Anführer ist. Findet das Kind in der Mitte den versteckten Anführer heraus?
(KH)
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Spielmobil – Jetzt wird’s spannend
Mit Grenzen gut umgehen
Ziel:
· sich im Spiel kreativ mit Grenzen auseinandersetzen
Fördert:
·Körpergefühl
·Gemeinschaftssinn
·Kreativität
· Freude am Spiel
Anspruch:
·gering
Alter der Kinder:
· 5 bis 10 Jahre
Anzahl der Kinder:
· gesamte Kindergruppe
Räumliche Voraussetzungen:
· Gruppenraum mit Platz zum Spielen
Materialien:
·Musik
Durchführungszeit:
· ca. 20 Minuten
Kinder erfahren in vielerlei Hinsicht Grenzen. Diese sind notwendig, sollen aber einen immer weiter
werdenden Spielraum ermöglichen. Innerhalb solcher Grenzen sollen Kinder eigene Erfahrungen
machen und sich ausprobieren können.
Bei diesem Spiel können die Kinder einen Eindruck davon gewinnen, wie sich Grenzen weiten, wie
man sich innerhalb dieser weiteren Grenzen besser entfalten kann – und dass manche Grenzen
nicht oder nur mit Weitsicht und Klugheit zu durchbrechen sind.
Anleitung:
Die Kinder werden in zwei Gruppen unterteilt: Eine Gruppe fasst sich an den Händen und bildet
­einen geschlossenen Kreis, die andere Gruppe stellt sich in die Mitte des Kreises. Die Gruppen­
größen sollten so gewählt werden, dass die Kinder in der Mitte eng beieinander stehen und die
Kreiskinder sich noch gut an den Händen festhalten können.
Ziel des Spiels ist es, dass bei jedem Durchgang möglichst viele Kinder aus der Mitte die Kreisgrenze durchbrechen, um dann selbst ein Teil dieser Grenze zu werden. Die Kinder, die mit ihren
gefassten Händen die Grenze bilden, sollen verhindern, dass Kinder aus der Mitte ausbrechen. Die
Kinder, die es nicht geschafft haben auszubrechen, bleiben so lange im Kreis, bis es ihnen doch
noch gelingt oder bis das Spiel beendet wird.
Die Erzieherin lässt nun Musik laufen. Solange die Kinder sie hören, bewegen sie sich frei im Kreis
(je weniger Kinder im Kreis sind, desto ausladender können die Bewegungen werden). Sobald die
Musik stoppt, versuchen die mittig stehenden Kinder auszubrechen. Werden sie durch die Hände
der Kreiskinder zurückgehalten, müssen sie in der Mitte stehen bleiben.
Welche Strategien entwickeln Kinder, um die Grenze zu überwinden? Gelingt es nur mit Gewalt
oder auch mit cleveren Ideen?
Am Schluss des Spiels werden die Gruppen getauscht.

Tipp:
Achten Sie als Erzieherin auf klare Regeln, wann die Grenze durchbrochen ist und
wann nicht. Im Spieleifer der Kinder kann es leicht zu Grobheiten kommen.
(KH)
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Von Haus zu Haus – Elterngespräche
Wie viel „Ich will aber!“ ist gut für mein Kind?
Ziel:
· sich darüber verständigen, wie Kinder dazu angeregt
werden können, den eigenen Willen mit dem Blick auf
ver­bindliche Ordnungen und die Bedürfnisse anderer in
Einklang zu bringen
Fördert:
·Erziehungspartnerschaft
· Kommunikation mit den Eltern über Erziehungsfragen
Anspruch:
·mittel
Anzahl der Kinder:
· alle Eltern
Räumliche Voraussetzungen:
·–
Materialien:
·–
Kosten:
·–
Vorbereitungszeit:
·–
Durchführungszeit:
· je nach Art des Elternkontakts
Die Fülle an Ratgeberliteratur zur Kindererziehung lässt die Unsicherheit vieler Eltern ahnen: Die
autoritäre Erziehung früherer Generationen erscheint als Schreckgespenst, aber mit freundschaftlicher Nachgiebigkeit sind Kinder schon oft zu Tyrannen ihrer Eltern geworden. Ratgeber zur neuen
Strenge und Disziplin und zum Grenzen-Setzen sind wieder „in“, aber wie passt das zu der gebotenen Förderung von Selbstbewusstsein, Individualität und Willensstärke? In Elterngesprächen könnten die nachfolgenden Aspekte zu Wort kommen (vgl. dazu auch S. 1 ff.).
Kinder brauchen Regeln:
Immer wieder sind Eltern erstaunt, wie das Zusammenleben so vieler Kinder in der Einrichtung gelingt. Da lohnt es sich, das Regelwerk der Einrichtung an ausgewählten Beispielen anschaulich vorzustellen: Regeln, die die Kinder von Anfang an vorfinden; Regeln, an denen sie zunehmend selbst
mitwirken; Verbindlichkeit, die freundlich und konsequent eingefordert wird; Ausnahmen, die die
Kinder als solche gut verstehen können.
Kinder brauchen Vorbilder:
Kinder lernen ihr Verhalten anhand von Vorbildern. Können sie bei diesen Vorbildern einen sicheren
Umgang mit den Regeln wahrnehmen? Oder soll von Fall zu Fall immer wieder Neues gelten? Wie
ernst werden die Kinder in ihrem Bedürfnis nach verlässlichen Ritualen und Regeln, die für alle gelten, genommen?
Kinder brauchen Pflichten:
Kinder wollen als vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft ernst genommen werden und auch ihren Beitrag dazu leisten. Dazu passt es nicht, wenn sie für jede Anstrengung belohnt werden und
die Ausnahmesituation so zum Regelfall wird: Dann muss jede Aufforderung mit Verlockungen unterstrichen werden, um das „Ich will aber nicht!“ zu überwinden. Kinder müssen lernen, Lustlosigkeit auch aus eigener Kraft zu besiegen.
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Ich will aber! – Wenn es nicht geht, wie es soll
Von Haus zu Haus – Elterngespräche
Kinder brauchen Elternliebe ohne Abhängigkeit:
Kinder leben davon, von ihren Bindungspersonen vorbehaltlos geliebt, geachtet und akzeptiert zu
werden. Schwierig wird es allerdings, wenn sich Eltern von den Liebesbezeugungen ihrer Kinder
abhängig machen, wenn das Kind mit kluger Dosierung seiner Zuneigung den Eltern abringen
kann, was es will. Das kann dazu führen, dass Eltern erpressbar werden, dass sie es kaum aushalten,
wenn Kinder ihnen „die kalte Schulter“ zeigen.
Kinder brauchen Eltern ohne schlechtes Gewissen:
Immer wieder ist zu lesen, dass heutige Eltern zu wenig Zeit für ihre Kinder haben und dass Kinder
unter Belastungen und Krisen ihrer Eltern leiden. Ein schlechtes Gewissen führt dann oft dazu, dass
Kinder mit Wohltaten überhäuft werden, dass sie viele Wünsche frei haben. Verunsicherte Eltern
überlassen den Kindern oft mehr Entscheidungen, als sie verkraften können. Das „Ich will!“ wird
dann wahllos und inflationär genutzt. Kinder können und sollen beim Essen entscheiden lernen,
wie viel ihnen guttut – aber mit der Erstellung des Speiseplans sind sie wohl überfordert. Sie können entscheiden, was die für sie wichtigsten Spielsachen für den Urlaub sind, aber nicht, wohin die
Reise gehen soll. Entscheidungen ohne Entscheidungshintergrund werden beliebig, das „Ich will!“
wird kraftlos.
Die Rede vom Grenzen-Setzen ist verführerisch oberflächlich. Genauer hinzusehen heißt, den unterschiedlichen, individuellen Gegebenheiten und Motiven auf die Spur zu kommen, die sicheren,
klaren und angemessenen Verhaltensmustern im Weg stehen.
Bei allem Nachdenken darüber, wie das Wollen des Einzelnen an dem der anderen zu messen ist,
soll das grundsätzliche Recht auf ein eigenes „Ich will!“, auf das eigene Leben jedoch nicht in den
Hintergrund treten:
Leben:
Ich will mich spüren mit allen Sinnen,
will schauen, schmecken, riechen, fühlen.
Aus dem vollen Krug, den mir das Leben hinhält, trinken
und im Augenblick verweilen dürfen.
Leben:
Ich will unverwechselbar Ich sein,
mit meinen Stärken und Schwächen.
Ich will mich freuen können, so wie ich mich freue – mal laut, mal leise.
Ich darf traurig sein und meine Trauer auf meine Weise verarbeiten.
Leben:
Mich in der Tiefe berühren lassen von der Fülle, die mir hingehalten wird.
An Begegnungen, Geschehnissen wachsen und reifen – und spüren,
wie Krisenzeiten zum Sich-Wandeln drängen,
und dabei gute Reifewege entdecken und gehen.
Ich will tanzen nach der Melodie meines Lebens.
(Beate Hüsslein, aus: Betrifft: Evangelischer Kindergarten, herausgegeben vom Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nr. 117, 1. Quartal 2012, S. 16)
(FH)
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