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GENIAL VERRÜCKT. WARUM KÜNSTLER WIE ROBBIE WILLIAMS

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innenwelt
DAS MAGAZIN FÜR SEELISCHE GESUNDHEIT und lebensqualität
10
GRATMIS!
ZU
MEN
MITNEH
Kindheit im
Schatten
Hilfe für Kinder
psychisch kranker
Eltern
Demenz
Möglichst lange
„normal“ leben –
so wird es möglich.
Suizid vermeiden!
Foto: corbis – Andrew Haagen
Jedes Opfer ist eines
zuviel – Anzeichen erkennen
und rechtzeitig (be)handeln.
prominenter
seelen-
schmerz
Genial verrückt. Warum Künstler wie Robbie
Williams so häufig an Depressionen & Co leiden.
willkommen
Zu vertrauen muss man sich trauen
Es passiert schleichend. Zunächst verschwindet das Vertrauen in sich selbst. Die Selbstachtung wird immer weniger,
dafür gewinnt der innere Kritiker, der immer was zu nörgeln hat, Oberhand. Der Mut, Neues anzupacken, sinkt. Beziehungen werden brüchig. Denn wenn man sich keinen Funken Respekt entgegenbringt – wie dann auf andere Menschen
zugehen? Jede psychische Erkrankung kostet Betroffenen eine wertvolle Ressource: Vertrauen
10 zu sich, zum Umfeld, ins Leben. Prominente Zeitgenossen trifft der Seelenschmerz ebenso wie die
Kassiererin im Supermarkt oder den Manager im Nadelstreif. Der Umgang mit der Dunkelheit
im Gemüt mag vielleicht ein anderer sein, nicht zuletzt, weil ein Hauch „Wahnsinn“ zum Image
des Genies dazugehört wie Glamour zum Bühnen-Outfit. Bei Stars fallen emotionale Ausbrüche
oder stimmungsmäßige Abstürze gnädig unter die Rubrik „Allüren“. Ein bissl Exzentrik hat einer
wirkungsvollen Presse noch nie geschadet. Doch wenn der Vorhang fällt, sind alle gleich: In der
Einsamkeit des 5-Sterne-Hotelzimmers heult es sich nicht hübscher als am Küchentisch in der
Souterrain-Wohnung. Der Psychiater Michael Musalek skizziert die allgemein gültige Abwärtsspirale psychisch Kranker: „Alles was bisher gegolten hat, stimmt für den Betroffenen plötzlich nicht
mehr, ein Gefühl der Hilflosigkeit macht sich breit.“ Womit wir wieder beim Vertrauen wären. Musalek: „Es liegt in der Natur der seelischen Störung, egal ob Depression, Angsterkrankung oder
Sucht, dass es Betroffenen unmöglich ist, aus sich heraus Vertrauen zu schöpfen.“ Musalek, der
auch Präsident der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP) ist, richtet einen unGenial verrückt. Warum künstler Wie robbie
Williams so häufiG an Depressionen & co leiDen.
missverständlichen Appell an seine Kollegen. Denn der behandelnde Arzt hat eine wichtige Schlüsselrolle. „Es ist Aufgabe des Psychiaters, eine Atmosphäre herzustellen, in dem es dem Klienten
schrittweise gelingt, wieder Vertrauen zu gewinnen. Das schließt Vertrauen in die Therapie mit
ein, welches letztlich die Kraft gibt, – wieder – in der Arbeitswelt und damit in der Gesellschaft Fuß zu fassen.“ Um
Bewusstsein für die Kraft des Vertrauens zu schaffen, veranstaltete die ÖGPP ein Symposium, bei dem sich Vertreter
aus Psychiatrie, Politik, Pharma, von Betroffenen und Angehörigen erstmals um den runden Tisch versammelten und
angeregt über nötige Maßnahmen zur Vertrauensbildung diskutierten.
Den Bericht zu diesem und vielen weiteren Themen finden Sie in diesem Heft. Wir hoffen, es ist auch diesmal interessanter Lesestoff für Sie dabei – und freuen uns auf Feedback unter redaktion@innenwelt. at
innenwelt
DAS MAGAZIN FÜR SEELISCHE GESUNDHEIT UND LEbENSqUALITäT
GRATIS!
ZUM
MEN
MITNEH
Kindheit im
Schatten
Hilfe für Kinder
psychisch kranker
Eltern
Demenz
Möglichst lange
„normal“ leben –
so wird es möglich.
Suizid vermeiden!
prominenter
seelen-
schmerz
Eine gute Zeit wünscht Ihnen Ihre
Innenwelt
Aufreger Einsparung: Moderne Medikamente nur für Patienten erster Klasse?
sparen auf kosten psychisch kranker
Aus Kostengründen werden moderne Medikamente, immer öfter durch
günstigere Alternativen, sogenannte Generika oder Nachahmer-Präparate, ersetzt. Wobei „modern“ zum Beispiel bedeutet, dass die Wirkung
des Medikaments rascher als beim Nachahmer eintritt. Ein nicht unwesentlicher Faktor bei der Behandlung psychischer Erkrankungen. Für einen depressiven Menschen etwa macht es sehr wohl einen deutlichen
Unterschied, ob er sich drei bis vier Wochen gedulden muss, um vom
positiven Effekt der eingenommenen Tabletten zu profitieren. Oder ob
sich die Stimmung und damit die Lebensqualität bereits nach einigen
Tagen bessert.
Sparkurs am Irrweg
Ein Negativbeispiel als „Sparkurs-Pionier“ im österreichischen Gesundheitssystem ist das Land Salzburg. Eine so genannte Ökonomieliste zeigt
dort den Ärzten, welche Medikamente billig sind, also verschrieben werden dürfen, und welche aus Kostengründen nichts auf dem Rezeptblock
verloren haben. Unter den Vorschlägen, die dem Arzt gemacht werden,
befinden sich aber nicht nur wirkstoffgleiche, billigere Präparate, sondern
auch Medikamente mit ähnlichen, aber anderen Wirkstoffen.
PsychiaterInnen sehen sich in ihrer Freiheit, dem Patienten das individuell optimale Medikament zu verschreiben, stark eingeschränkt. Dann
nämlich, wenn der Patient auf ein Antidepressivum eingestellt werden
soll, das zur Behandlung seines Krankheitsbildes optimal scheint – dieses Medikament aber gemäß Liste um ein paar Cent teurer als ein anderes ist und deshalb nicht verschrieben werden darf. Das kann, warnen
Mediziner, die buchstäblich „gute Einstellung“ des Patienten zum Medikament verhindern. Dennoch: Sollte sich das Salzburger Experiment
bewähren, wird es eventuell auf ganz Österreich ausgedehnt werden.
Foto: fotolia – Kawa
Foto: corbis – Andrew Haagen
Jedes Opfer ist eines
zuviel – Anzeichen erkennen
und rechtzeitig (be)handeln.
2 I N N E NW E LT
Prominente Diskussionsrunde:
Bildrechte © Tirol Werbung
mit neuem
selbstbewusstsein
aus der krise
Univ.-Doz. Dr. Ernst Agneter, Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, Silvia Ballauf, BM Rudolf Hundstorfer, Mag. Edwin Ladinser
Foto: fotolia – Kawa
Menschen mit psychischen Erkrankungen verzichten immer öfters auf eine Therapie – ihr Vertrauen in die Psychiatrie, aber auch in Arbeitgeber und Gesellschaft sinkt. Eine hochkarätige Expertenrunde – darunter BM Rudolf
Hundstorfer – diskutierte diese prekäre Situation beim ersten Pentalog der Österreichischen Gesellschaft für
Psychiatrie und Psychotherapie.
Prekäre Arbeitsverhältnisse, wachsende Verunsicherung im Job und Existenzängste –
nicht zuletzt intensiviert durch die viel zitierte
Wirtschaftskrise – können psychische Erkrankungen fördern oder verschlimmern. Ursache
ist das sinkende Vertrauen in Politik, Wirtschaft und auch in die Psychiatrie. Die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie und
Psychotherapie (ÖGPP) schlug daher Alarm
und brachte Vertreter von Psychiatrie, Politik,
Pharma, Betroffenen und Angehörigen an einen Tisch: Beim ersten Pentalog „VERTRAUEN IN DER KRISE STATT VERTRAUENSKRISE“
analysierten Experten aus diesen Bereichen
unter Moderation der Gesundheitsjournalistin
Claudia Schanza vor Journalisten die aktuelle
Situation – denn der Dialog mit allen Beteiligten sei die beste Möglichkeit, Vertrauen herzustellen, erklärte Gastgeber ÖGPP-Präsident
Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, der auch mit
einem weit verbreiteten Vorurteil aufräumte,
dass psychisch Erkrankte am Arbeitsmarkt nur
eine Belastung darstellen würden. Tatsächlich,
so der Psychiater, seien gerade psychisch kranke Menschen besonders gute Mitarbeiter, die
Leistung erbringen wollen, sich dabei aber oft
zu viel abverlangen. Musalek: „Diese wertvollen Menschen sollten wieder neue Chancen
erhalten.“ Auch Arbeits- und Sozialminister
Rudolf Hundstorfer hatte wenig Erfreuliches
zu berichten: Während Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei den Ursachen seit Jahren stabil bei
12–13 % lägen und Krankheiten des Skelettund Muskelapparates zurückgegangen seien,
habe es bei psychischen Erkrankungen eine
Steigerung von rund 15 % im Jahr 1995 auf
rund 30 % im Vorjahr gegeben.
Aus der Sicht einer Betroffenen, die ihre psy- eigentlich los sei und welche Veränderung vor
chische Krankheit besiegt hat, erzählte Silvia sich gehe.
Ballauf, Peerberaterin und Mentorin bei PRO Die Sicht der Pharmaökonomie brachte Univ.MENTE. Ballauf: „Psychische Krankheiten sind Doz. Dr. Ernst Agneter, Facharzt für Pharmakovielfach vorprogrammiert, denn Halt und Si- logie und Toxikologie und Pharma Consultant,
cherheit brechen in unserer Gesellschaft ge- ein: „Im Straßenverkehr wird immer stark auf
nerell weg. Familienstrukturen lösen sich auf, Innovationen gesetzt, um die PersonenschäVerlässlichkeit in Beruf und Arbeit fallen weg. den zu reduzieren. Bei Arzneimitteln und BeDie Personaleinsparungen der Unternehmen handlungsmethoden wird dagegen nur eine
stellen für Betroffene eine große Belastung Spardiskussion geführt.“
dar, denn: Menschen,
ob psychisch krank oder
nicht, wollen arbeiten.“
Es gehe nicht um eine
Randgruppe,
sondern
um ein gesellschaftliches
2
Willkommen
3
News
Problem.
Der erste „Pentalog“ zur Situation psychisch kranker Menschen
Ähnlich sieht dies Edwin
4
Last Exit Burn-out
Ladinser, Geschäftsfüh
Im Buch „Brief an mein Leben“ beschreibt die deutsche Kommunikationsexpertin Miriam Meckel den Weg aus ihrem Burn-out
rer des Vereins HPE
6
Hoffnung bei Demenz
Österreich – Hilfe für
Demenz ist nicht heilbar. Ein frühzeitiger Behandlungsbeginn kann aber dazu beitragen, das „normale Leben“ so lange wie möglich zu Angehörige und Freun
erhalten
de psychisch Erkrankter:
8
Kreativ mit Ecken und Kanten
Genie und Wahnsinn liegen oft nah beieinander. Warum kreative „Viele Betroffene wollen
Geister „anders ticken“. Plus: die Hall of Fame prominenter
nicht nur medikamen
Exzentriker
tös behandelt werden,
12
Sommer, Sonne, Suizid
Gerade in der so genannten „schönen Jahreszeit“ leiden viele
sondern suchen auch
Menschen unter Depressionen. Die wichtigsten Schritte zur
psychotherapeutische
Suizid-Vermeidung.
14
Magersucht bei Männern
Unterstützung und Ar
Essstörungen machen vor dem starken Geschlecht nicht Halt.
beitsprojekte.
Davon
Infos und Angebote für Betroffene und deren Familien.
brauchen wir viel mehr
16
Kindheit im Schatten
Immer mehr Kinder leben mit psychisch kranken Eltern. Worunter und viel Innovativeres.“
sie am meisten leiden – und wie man ihnen helfen kann.
Die Angehörigen hätten
19
Infos und Tipps
am Anfang meist keine
Impressum: innenwelt: Informationen zum Thema Psyche für Betroffene, Angehörige und Ärzte. Eigentümer: Initiative
Vorstellung davon, was
Welt der Depression, unterstützt von Lundbeck Austria, Dresdner Strasse 82, 1200 Wien, 1201 Wien. Redaktion: Katja Beran
(Chefredaktion), Felicitas Freise, Mag. Sylvia Wasshuber-Haas, Andy Woerz. Fotos: phase5. Art Direction: Michael Beran/
mit den von psychischer
phase5. Grafik und DTP: Daniela Toth/phase5. Lektorat: onlinelekorat@aon.at. Redaktionsanschrift: Sommerergasse 14,
1130 Wien. E-Mail: redaktion@innenwelt.at.
Krankheit Betroffenen
Offenlegung nach §15, Abs. 1–4, Mediengesetz: Grundlegende Richtung des Mediums: Medizinische Informationen und
wegweiser
Wissenswertes für das Leben mit seelischen Erkrankungen. Entwurf, Satz: Redaktion innenwelt, 1130 Wien. Druck: Druckerei
Wallig, 8962 Gröbming. Alle Texte und Beiträge in der innenwelt wurden nach bestem Wissen und Gewissen erstellt. Irrtümmer sind jedoch vorbehalten. Alle Angaben sind ohne Gewähr. Jegliche Haftungsansprüche, insbesondere auch solche, die
sich aus den Angaben zu Krankheitsbildern, Diagnosen und Therapien ergeben könnten, sind ausgeschlossen.
„Ich habe in meinem Leben auch
viele Tiefs erlebt, ein schweres
Burn-out in Amerika, und bin durch
meine eigene Essstörung zur
intensiven Beschäftigung mit
Ernährung gekommen. Heute
weiß ich, wie einfach es sein kann,
die Balance zwischen Körper,
Geist und Seele zu halten.
Und das will ich
weitergeben.“
im dunkel der erschöpfung
Die Kommunikationsexpertin Miriam Meckel hat mit
„Brief an mein Leben“ ein Buch über ihren Weg aus dem
Burn-out geschrieben.
Ihr Lebenslauf liest sich, als hätte man nicht
eine Person vor sich, sondern drei: Die heute
43-Jährige hat Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Sinologie, Politikwissenschaft und Jura an den Universitäten Münster und Taipei studiert, war als Journalistin,
Moderatorin, Reporterin und Redakteurin in
Nachrichten- und Magazinformaten tätig,
wurde 1999 jüngste Professorin Deutschlands
am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Münster und
übernahm als Geschäftsführende Direktorin
die Leitung des Instituts für Kommunikationswissenschaft. 2001 wurde sie Staatssekretärin im Geschäftsbereich des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen
4 I N N E NW E LT
zunächst als Regierungssprecherin, später als
Staatssekretärin für Europa, Internationales
und Medien und ist seit 2005 Professorin für
Corporate Communication und geschäftsführende Direktorin am Institut für Medien- und
Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen. Zusätzlich veröffentlichte sie
zahlreiche Bücher, wissenschaftliche Zeitschriftenbeiträge und journalistische Artikel und hält Vorträge zu den Themenfeldern
Kommunikationsmanagement, Unternehmenskommunikation, Journalismus, Internet
und Medienwandel und, und, und … bis zum
Spätsommer 2008, als Miriam Meckel mit
der Diagnose Burn-out fünf Wochen in einer
Klinik im Allgäu Auszeit nehmen musste, um
wieder „zu sich“ zu finden. Ihre Erfahrungen
mit dem Zusammenbruch und dem Weg aus
der Erschöpfung hat sie nun mit „Brief an
mein Leben“ niedergeschrieben.
Komplett überreizt
Zugegeben, die Warnzeichen hätte sie – die
sich hauptberuflich mit Kommunikation beschäftigt – schon früher erkennen müssen,
hieß doch ihr letztes Buch, das sie vor der
Diagnose Burn-out verfasst hatte „Das Glück
der Unerreichbarkeit“, aber „aus Wissen entsteht nicht zwangsläufig Veränderung“, wie
sie sagt, und so führt die Getriebene in Sachen
Kommunikation 15 Jahre lang ein Leben mit
burnout
Warnzeichen für beginnendes
Burn-out (Auswahl):
• extremes Engagement
• regelmäßiges Überschreiten der
eigenen Grenzen
• sich selbst für unentbehrlich halten
• Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
• Überstunden statt Privatleben
• Verleugnen von Misserfolgen
habe viele Anzeichen, die dem Zusammenbruch vorausgegangen waren, nicht erkannt.
Ich habe mich in vielen Situationen, in denen
ich mich erkennbar nicht mehr stark fühlte,
dennoch überschätzt und das Letztmögliche
aus mir herausgepresst. Und ich habe einfach
nicht glauben können, dass ich nicht immer
so weitermachen kann. Ich habe es vor allem
nicht glauben wollen, nicht einmal inmitten
des Zustands der Erkrankung und vollständigen Erschöpfung.“
Rettungsnetz Beziehungen
250 E-Mails pro Tag und 40.000 Flugmeilen
pro Jahr. „Ich habe bislang versucht, meine
Leistung, meine Erfolge, meinen Input, meine Schnelligkeit zu steigern, irgendwie immer auf der Suche nach dem nächsten Kick,
der genug Adrenalin ausschüttet, damit ich
mich gut fühle und weiß, es ist richtig, was
ich mache.“ Bis schließlich Körper und Seele
streiken. Weder die zunehmenden Konzentrationsschwierigkeiten noch Schlafstörungen, Herzklopfen oder einen Hörsturz nimmt
sie als Alarmsignal wahr, erst eine zusätzliche
Infektion von Leber, Milz und Nieren in Kombination mit einem Nervenzusammenbruch
machen ihr klar, dass sie ihr Leben auf der
Überholspur nicht weiterführen kann. „Sie
sind vollkommen überreizt“, diagnostiziert
ihr Arzt, und Miriam Meckel übersetzt für
sich: „Ich sortiere nicht mehr richtig aus. Ich
vergesse auch nicht mehr das, was ich vergessen darf und muss, um Raum für Neues
zu schaffen. In der Sprache der Computernutzerin heißt das: Speicher und Prozessoren
in meinem Gehirn sind überladen.“ Gegen
die Diagnose Burn-out wehrt sie sich: „Ich
hasse dieses Wort. ‚Ich hatte ein Burn-out.‘
Dieser Satz vermittelt für mich immer eine
Stress-als-Lifestyle-Anmutung. Der Burnout gehört zum erfolgreichen Berufsleben
wie das Eigenheim zur Vorbildfamilie.“
Doch egal ob sie ihre Krankheit mit dem
Etikett „schwerer Erschöpfungszustand“
oder „Burn-out“ versieht, bei der Reflexion
darüber wird ihr klar, dass die auslösenden
Faktoren dieselben sind. „Es ist meist eine
Kombination von privaten und beruflichen
Fehlentwicklungen, Schicksalsschlägen oder
Katastrophen, die Menschen an den Punkt
bringen, dass sie für eine Zeit aussteigen
müssen aus ihrem normalen Leben, um gesund zu werden, um wieder zu sich zu finden
und neue Kraft zu tanken.“
Im Herbst 2008 begibt sie sich deshalb in
stationäre Behandlung in eine Klinik im Allgäu, freiwillig zwar, aber nicht ohne innere
Widerstände: „Der Prozess des Erkennens
und Annehmens hat lange gedauert. „Ich
gemeine Gültigkeit. In einem Interview mit
dem Magazin Der Spiegel, sagt sie: „Ich habe
lernen müssen, dass die eigenen Bedürfnisse
genauso viel wert sind wie die Bedürfnisse
anderer. Und wenn die Bedürfnisse konkurrieren, muss man das aushandeln, und man
kann es nicht immer nur so aushandeln, dass
es auf die eigenen Kosten geht.“ Und noch
etwas wird ihr im Lauf der fünf Wochen klar:
„In meiner Selbstdefinition als globale Nomadin, als flexibler Mensch, der sich durch
die Welt bewegen kann wie durch seine eigenen vier Wände, habe ich niemals den Mut
gehabt, darüber nachzudenken, ob mir meine Verwurzelung fehlt. Inzwischen weiß ich,
es ist so. Eine Forschergruppe an der Harvard
University hat über 72 Jahre 268 Menschen
auf ihrem Lebensweg verfolgt, um herauszufinden, welche Faktoren am stärksten zum
gesunden und glücklichen Altern beitragen.
In „Brief an mein Leben“ beschreibt sie, wie
befremdlich der starre Tagesablauf mit seinem Therapieangebot zunächst auf sie wirkt
und sie wiederum in einen fremdgesteuerten
Mitmachmodus bringt, „den ich auch aus
meiner Zeit in der Politik und anderen Phasen meines Berufslebens kenne. Ich durchlaufe Termine. Ich hake ab, ohne mich intenWarnzeichen für
siver mit einem Thema oder einer Aufgabe zu
bestehendes Burn-out
beschäftigen. Ich funktioniere.“ In der Klinik
gibt es aber auch Zeiten, die sie zum Innehal• Schlafstörungen
ten zwingen, so genannte „Inaktivitätstage“,
• Abhängigkeit von Internet, E-Mail, an denen sie auf ihrem Zimmer bleiben muss
Telefon
und 48 Stunden lang kein Buch, keine Mu• Antriebslosigkeit und Unpünktlichkeit
sik, keine Zeitung, kein Handy, keinen Laptop
• Missbrauch von Alkohol oder Drogen
zur Hand nehmen darf, ein „kommunikativer
• Appetitlosigkeit
Stubenarrest“. In dieser Zeit beginnt sie zu
• Angst vor Zurückweisung und
reflektieren – über die Krankheit, über sich,
Konflikten
ihr Leben, ihre Beziehungen, wie etwa zu ih• Stimmungsschwankungen
rer Lebensgefährtin, der Talk-Masterin Anne
Will. Und ihr wird klar: „Mein Aufenthalt in
Das Ergebnis lautet: Beziehungen sind wichder Klinik hat mir einige, nicht alle Antwortiger als alles andere. Wer in ein stabiles soten gegeben. Die meisten davon liegen in
ziales Netzwerk eingebunden ist, hat gute
einem langwierigen schwierigen Prozess,
Chancen, sein Leben gesund und glücklich
während dessen ich lerne, meine eigene Sizu verbringen.“ Das mag für einen Nichtbetuation anzunehmen. Und auch dabei hilft es
troffenen banal klingen, befindet man sich
zu erkennen, dass ich nicht allein bin, dass
jedoch in der tiefen Dunkelheit eines Burnich nicht die Ausnahme in einem Räderwerk
out, ist diese schlichte Erkenntnis vielleicht
der immer und überall gültigen Regeln bin.
der erste Schritt auf dem Weg zurück in ein
Bei so vielen Menschen kommt das Gefüge
neues Leben.
ihres bisherigen Lebens nicht als strahlende
und tragende Konstruktion
daher.“ So wie bei den anInfos & Hilfe
deren Patienten, auf die sie
während ihres Aufenthaltes trifft, etwa die ausgeMiriam Meckel, Brief an mein Leben –
brannte IT-Managerin oder
Erfahrungen mit einem Burnout,
die gemobbte PostanRowohlt März 2010,
gestellte. Auch wenn es
ISBN 978-3498045166
manchmal scheint, dass
Miriam Meckel, Jet-Settewww.burn-out.at
rin in Sachen Kommunihttp://www.burnoutportal.at/
kation, auf hohem Niveau
www.hilfe-bei-burnout.de
leidet, besitzen die Einwww.burnout.net/
sichten, die sie während
ihrer Therapie gewinnt, all-
I N N E NW E LT 5
eine frage des zeitpunkts
Je früher Alzheimer/Demenz diagnostiziert wird, desto länger kann die
Lebensqualität der Betroffenen erhalten bleiben.
Verschwundenes Wissen
Der Prozess beginnt viele Jahre vor dem
Auftreten der ersten klinischen Krankheitszeichen und verursacht lange Zeit keine
Symptome. Wenn die Angehörigen und der
Betroffen anfangen zu merken, dass „etwas
6 I N N E NW E LT
nicht stimmt“, kann die Krankheit bereits
weit fortgeschritten sein. Die Geschwindigkeit, mit der ihre Symptome zunehmen, kann
bei einzelnen Patienten sehr unterschiedlich
sein. Als Faustregel gilt, dass die Krankheit
umso rascher verläuft, je früher im Leben
sie auftritt. Nach und nach schwindet die
Erinnerung an erworbenes Wissen, und zwar
in der Reihenfolge, in der dieses erworben
wurde. Zu Beginn von Alzheimer-Demenz
stehen Gedächtnisstörungen im Vordergrund. Diese betreffen nicht die Erinnerung
an frühere Ereignisse, sondern die Fähigkeit
der Speicherung und des Abrufs von neuen
Informationen.
Die Patienten können sich den Inhalt von
Gesprächen oder die Mitteilungen aus Zeitung oder Fernsehen nicht mehr einprägen,
sie erinnern sich nur bruchstückhaft an kurz
zurückliegende Ereignisse, finden abgelegte
Gegenstände nicht und vergessen Verabredungen. Zusätzlich bestehen Störungen des
planenden und organisierenden Denkens.
Wortfindungsstörungen und Unsicherheiten der zeitlichen oder örtlichen Orientierung sind ebenfalls typisch. In Folge kann
sich der an Demenz erkrankte Mensch immer schlechter ausdrücken, er verliert die
Orientierung und findet sich in einer nicht
vertrauten Umgebung nur noch schwer
zurecht. Auch zeitliche Strukturen gehen
verloren, der Erkrankte bringt die Tageszeit
und das Datum durcheinander und verliert
allmählich komplett das Zeitgefühl. In manchen Fällen verändert sich in fortgeschrittenem Stadium auch die Persönlichkeit, die
Betroffenen können aggressiv, launenhaft
und eigensinnig werden.
Pandemie des Alters
Alzheimer-Demenz ist jedoch nicht nur Problem von einzelnen Menschen, sondern wird
sogar als „Pandemie des Alters“ bezeichnet
– d.h. eine Krankheit, die zum großen Problem der Gesellschaft in den Industrienationen wird. Schon heute gibt es in Österreich
circa 100.000 Demenzkranke (weltweit: über
35 Millionen), und man schätzt, dass sich
diese Fälle alle 20 Jahre verdoppeln, sodass
2050 in Österreich etwa 270.000 Menschen
betroffen sein werden (weltweit: 115,4
Millionen). Eine Tatsache, die nicht nur das
Gesundheitssystem vor große Herausforderungen stellen wird, sondern auch Familien
und Angehörige; sind doch sie es, welche die
größte Pflegelast tragen. Man schätzt, dass
hierzulande etwa 80 % der Patienten zu
Hause gepflegt werden, und 90 % der Pflegenden sind wiederum Frauen.
Faktor Zeit
Die Angehörigen sind es auch, die meist zuerst die Veränderungen an ihren Partnern/
Eltern/Großeltern bemerken und häufig
auch ansprechen. Denn der Betroffene will
sie in vielen Fällen nicht wahrhaben. Laut
einer aktuellen Studie, die im Rahmen des
25. Alzheimer Kongresses im vergangenen
März vorgestellt wurde, werden 93 % der
Alzheimer-Patienten zuerst von einem Familienmitglied zum Arzt gebracht. Die Studie
ergab jedoch auch, dass zwischen Erkennen
der Symptome durch die Betreuungsperson
bis hin zu einer Terminabsprache mit einem
Arzt im Durchschnitt 43 Wochen (d.h. fast ein
ganzes Jahr) vergehen. Dabei ist gerade der
Faktor Zeit immens wichtig bei der Diagno-
Foto: fotolia – view7
In den meisten Fällen beginnt es ganz harmlos. Zuerst mit ein bisschen Vergesslichkeit.
Plötzlich ist der Name eines Bekannten
nicht mehr auf Anhieb bewusst oder die
Tatsache, dass die Nachbarin auf Kur war,
wird dem Partner mehrfach als Neuigkeit
erzählt. „Er wird langsam alt“, denkt sich
der Partner vermutlich, und beide lachen
herzlich über solche Hoppalas des Gedächtnisses. Womöglich sind diese aber Signale
einer beginnenden Demenz und somit von
schleichendem Abbau von Gedächtnis, Fähigkeiten und Persönlichkeit.
Es gibt verschiedene Formen von Demenzen, aber in 60–80 Prozent der Fälle handelt es sich um Alzheimer-Demenz. Bei
dieser Krankheit beginnen aus bisher nicht
geklärten Gründen Gehirnzellen abzusterben. Ihre Bruchstücke werden danach nicht
vollständig abgebaut und bilden zusammen
mit anderen Eiweißen die für die Krankheit
charakteristischen Ablagerungen im Gehirn
(Alzheimer-Fibrillen und Plaques). Durch
diese Vorgänge schrumpft die Hirnmasse
deutlich. Ebenso verringert sich die Konzentration wichtiger neuronaler Botenstoffe
sowie die Anzahl der Nervenverbindungen.
Die Folge ist, dass es zum Ausfall von Gehirnarealen kommt, die für Gedächtnis,
Denkvermögen, Sprache und Orientierungsfähigkeit wichtig sind.
demenz
Foto: fotolia – view7
se und Behandlung von Alzheimer-Demenz.
Die frühe Diagnose hilft, die Krankheit frühzeitig zu behandeln und so ihren Verlauf zu
verlangsamen. Denn Demenzerkrankungen
sind fortschreitend, was bedeutet, dass der
Zustand der Betroffenen sich kontinuierlich
verschlechtert und die Schäden nicht mehr
rückgängig gemacht werden können. Wird
eine Demenz allerdings frühzeitig erkannt,
kann man ihre Entwicklung verlangsamen
und die bevorstehenden Beeinträchtigungen
um Monate bis Jahre hinauszögern.
Auch kann die Diagnose dank moderner
Untersuchungsmethoden heutzutage wesentlich früher gestellt werden. Mit psychologischen Tests, Magnetresonanz-Untersuchungen des Gehirns und eventuell auch
der Rückenmarksflüssigkeit kann AlzheimerDemenz mittlerweile bis zu fünf Jahre zeitiger festgestellt werden als in früheren Jahren, und das mit einer Genauigkeit von fast
hundert Prozent. Früherkennung ist jedoch
nicht nur für die Behandlung per se wichtig,
schließlich stellt die Diagnose die Familienverbände vor eine große Herausforderung. So
müssen Vorkehrungen getroffen werden, die
eine häusliche Versorgung der Betroffenen
sichert. Diese reichen von einer eventuellen
Berufsaufgabe von Angehörigen, über mögliche Baumaßnahmen in der Wohnung bis hin
zur Benennung eines Sachwalters, wenn dieser erforderlich ist. Erfolgt die Diagnosestellung zu spät, fühlen sich Erkrankte und deren
Angehörige oftmals überfordert und verzweifelt. Zudem sind manche Regelungen in
einem schon stärker fortgeschrittenen Stadium nicht oder nur mehr schwer durchführbar
(z.B. rechtliche Absicherung). Ebenso bleibt in
einem frühen Krankheitsstadium genügend
Zeit, sich zu überlegen, welche Hilfe von außen in Anspruch genommen werden kann,
um der neuen Situation zu begegnen.
Neben den Angehörigen sind es auch die
professionellen Betreuer wie Hausarzt oder
Pflegepersonal, die auf eine mögliche Demenzerkrankung aufmerksam werden. So
führt das Österreichische Hilfswerk im Rahmen seiner Initiative „Vergessen. Nicht vergessen sein“ derzeit ein Pilotprojekt durch,
bei dem das Betreuungspersonal im Falle des
Demenzverdachtes Erhebungen durchführt
und mit Fachärzten zusammenarbeitet. Erste
Ergebnisse aus der Pilotphase haben gezeigt,
dass sich bei 85 Prozent der Patienten mit
Demenzverdacht die Krankheit dadurch tatsächlich bestätigt hat.
Memory-Klinik und Gedächtnisambulanz
Um Demenz bzw. Alzheimer zu diagnostizieren, gibt es verschiedene Untersuchungen.
Die Diagnostik und Differenzialdiagnostik
(d.h. Alzheimer-Demenz von anderen Hirnleistungsstörungen abzugrenzen) ist jedoch
sehr zeitaufwändig, da auch Angehörige in
den anamnestischen Prozess einbezogen
werden müssen. Auf Grund dieses speziellen Versorgungsbedarfes wurden in Österreich Spezialambulanzen für Personen mit
Gedächtnisstörungen und Demenzkranke
etabliert. Sie sind unter den Namen „Memory Klinik“, „Gedächtnissprechstunden“,
„Gedächtnisambulanz“ oder „Gedächtniszentrum“ bekannt. Meist sind es an Spitäler
angegliederte ambulante Einrichtungen, die
Diagnostik, medikamentöse und nichtmedikamentöse Therapie (wie etwa Hirnleistungstraining, Realitätsorientierungstraining
etc.), psychosoziales Service und Schulungsangebote für Angehörige anbieten. Derzeit
gibt es ca. zwanzig derartige multidisziplinäre Serviceeinrichtungen (Adressen siehe
Kasten).
Im letzten Jahr publizierten die österreichischen Sozialversicherungen den ersten österreichischen Demenzbericht, der unter anderem eine Status-quo-Analyse der aktuellen
Versorgungssituation
Demenzerkrankter
in Österreich beinhaltet. In diesem Bericht
stellten die Autoren fest, dass es hierzulande
zwar schon viele Angebote für Menschen mit
Demenz gibt, häufig fehlt jedoch der Zugang
zu Informationen über sie. Dabei können Betreuungspersonen, die Informationen über
die Erkrankung, deren Verlauf und den Umgang mit Erkrankten erhalten und die über
mögliche Hilfs- und Entlastungsangebote
Bescheid wissen, mit der Rolle als Pflegende
nachweislich besser umgehen.
Memory-Ambulanzen in Österreich
Wien
Gedächtnisambulanz AKH
Dienstags 14–15.30 Uhr
T. 01/404 00-3547
Spezialambulanz für
Gedächtnisstörungen
am AKH Wien
T. 01/404 00-3124
GerontoPsychiatrisches
Zentrum der Psychosozialen Dienste in Wien
Mo–Fr 9–14 Uhr nach tel.
Vereinbarung
T. 01/310 00 16
Memory-Institut im
Geriatriezentrum am
Wienerwald
Di 9–12 Uhr
T. 01/801 10-3888
Memory Clinic an der
Psychiatr. Abteilung
des SMZ–Ost
T. 01/288 02-3050 oder
-3052
Niederösterreich
Gedächtnisambulanz des
allg. öffentl. Krankenhauses
Landesklinikum St. Pölten
T. 02742/300-15635 oder
-15608
E-Mail: neurologie@stpoelten.lknoe.at
Landesklinikum
Donauregion Tulln
Di ab 12 Uhr
T. 02272/601-0
Oberösterreich
Allgemeines Krankenhaus
(AKH) Linz
T. 0732/78 06-6810
Gedächtnisambulanz: DW
6830
Psychologischer Dienst: DW
6853
Abteilung für Akutgeriatrie
und Remobilisation: DW
1410
Alzheimer-Café:
Haus der Senioren Wels
T. 07242/461 63-20
E-Mail: s.boubenicek@
diakoniewerk.at
Psychiatrische Klinik Wels
T. 07242/40 75 11
Volkshilfe Steyr
Servicestelle Demenz
T. 07252/876 24
Salzburg
Landesnervenklinik
Salzburg
T. 0662 / 4483-4131
Christian-Doppler-Klinik
Salzburg
Neurologie: T. 0662/44 833015
Geriatrie: T. 0662/44 834131
Diakonie-Zentrum Salzburg
T. 0662/63 85-630
E-Mail: diakoniezentrum.
sbg@diakoniewerk.at
Tirol
Gedächtnis-Sprechstunde
an der Univ.-Klinik
für Psychiatrie
T. 0512/504-23633
www.tilak.at
Gedächtnis-Gerontopsychiatrie-Ambulanz Hall
T. 05223/508-2276
E-Mail: pkh.gedaechtnisambulanz@tilak.at
www.tilak.at
Steiermark
Gedächtnisambulanz
Univ.-Klinik für Neurologie
T. 0316/38 53 85
Gedächtnisambulanz zur
Erfassung einer
Hirnleistungsstörung der
Landesnervenklinik
Sigmund Freud Graz
T. 0316/21 91-2707
E-Mail: margarete.uranues@
lsf-graz.at
Krankenhaus der
Barmherzigen Brüder
T. 0316/59 89-2000
Kärnten
Gedächtnisambulanz
LKH Klagenfurt
Neurologische Ambulanz
T. 0463/538-22776
LKH Wolfsberg
Geriatrische Abteilung
T. 04352/53 34 53
I N N E NW E LT 7
Psychische Erkrankungen wie die
Depression treten
überdurchschnittlich
häufig bei kreativen
Menschen auf. Ein
Erklärungsversuch,
warum Genialität
und eine instabile
Seelenlage häufig
im Duett auftreten.
Und ein Streifzug
durch die „Hall of
Fame“ der
Exzentriker
Robbie Williams
Einer der erfolgreichsten englischen Popsänger überhaupt. Williams hat bisher mehr als 50 Millionen Alben verkauft. Der Womanizer ist von 1990 bis 1995 fester Bestandteil der erfolgreichsten
Boygroup der 90er Jahre „Take That“. Danach gelang ihm eine
grandiose Solo-Karriere. Im November 2005 verkauft Robbie
Williams an nur einem Tag 1,6 Millionen Konzertkarten für seine Welttournee. Er litt unter extremen Erschöpfungszuständen,
Depressionen und Drogenproblemen – hat heute aber sein Leben
dank Therapie im Griff.
gefangen im
8 I N N E NW E LT
Romy Schneider
Schauspiel-Legende Romy Schneider kämpfte zeitlebens mit Depressionen, die sie mit Pillen und Alkohol auf eigene Faust zu bekämpfen suchte. Im Mai 1982 findet ihr Lebensgefährte sie tot
in der gemeinsamen Pariser Wohnung. Offizielle Todesursache:
Herzversagen.
Foto: corbis – Andrew Haagen
Nutzungsrecht: Filmarchiv Austria
„krea-tief“
coverthema
Foto: corbis – Andrew Haagen
Ecken und Kanten
Der Begriff Kreativität geht auf das lateinische Wort creare zurück, was so viel heißt
wie „etwas neu schöpfen, erfinden, herstellen“, aber auch „auswählen“. Menschen, die
dadurch auffallen, dass sie aus sich heraus
Neues schaffen und das Talent haben, auch
Gewohntes in einen neuen Kontext setzen,
sind meist jene Zeitgenossen, die aufgrund
ihrer Persönlichkeit und gesellschaftlichen
Unangepasstheit aus dem Rahmen fallen.
Naturgemäß nicht immer zur Freude ihrer
Umgebung. Von Wolfgang Amadeus Mozart
etwa kann man durchaus behaupten, dass
er nicht richtig tickte. Still zu sitzen, auch bei
Hofe, fiel ihm schwer. Ärger noch aber war
seine, nun ja, unpassende Ausdrucksweise. Er
fluchte gerne und litt wohl unter einer Krankheit, die man heute als „Tourette-Syndrom“
bezeichnet. Grimassieren und verbale Obszönitäten sind typische Merkmale der Störung.
In Briefen unterzeichnete er bevorzugt mit
„Herzlichst Ihr Süssmaier Scheißdreck“. Das
für „Normalos“ ungewöhnliche Verhalten
war wohl die Kehrseite einer außerordentlichen, begnadeten Kreativität.
Prominente Tabu-Brecher
Dem musikalischen Genie des 20. Jahrhunderts kann man ebenfalls ein eher exzentrisches Wesen nachsagen. Robbie Williams ist
der Showman schlechthin, ein begnadeter
Selbstdarsteller und Performer. Ein Charakterzug, der aber auch, wie so oft bei Künstlern,
das Risiko birgt, dass die manische, produktive Phase unvermutet ins Gegenteil kippt.
Die Folge sind dann Selbstzweifel, Melancholie, Depression – ein Leiden, zu dem sich Robbie Williams immer bekannt hat. Ebenso wie
zu seinem Hang, die temporäre Nachtmeerfahrt der Seele, in dem das Vertrauen in die
eigenen Fähigkeiten schwindet, mit Sucht-
mitteln aller Art zu „kurieren“. Eine andere,
wesentlich produktivere Form der intuitiven
Selbsttherapie ist der Schaffensdrang, der
diesen dunklen Gezeiten der Psyche folgt.
Dass herausragende Genialität und eine angeknackste Psyche sozusagen Geschwister
sind, ist heute auch in der Öffentlichkeit
kaum mehr ein Aufreger-Thema. Das geht
so weit, dass das Outing eines Künstlers, an
einer psychischen Krankheit oder einer Sucht
zu leiden, schon oft Teil einer PR-Strategie ist.
Während die Supermarkt-Kassiererin oder
der Autoverkäufer es sich wohl kaum leisten
könnte, das persönliche Seelenleid preiszugeben oder gar zu zelebrieren, bedeutet
eine solche Offenheit für Künstler kein Stigma mehr. Teils auch, weil deren psychische
Krankheiten als Motor und sogar Voraussetzung fürs kreatives Schaffen angesehen werden. Inwieweit „Role Models“ aus der kreativen Branche dazu dienen können, psychische
Krankheiten zu enttabuisieren, ist umstritten.
Wird in den Medien die angeknackste Psyche
der Promis breitgetreten, sorgt das, immerhin, für Diskussionsstoff und Enttabuisierung
des Themas. Zu erleben, dass ein hochgejubelter Star die öffentlichen Sympathien nicht
verspielt, wenn er sich zu seinem Seelenleid
bekennt, kann dem Einzelnen helfen, Schamgefühl wegen der eigenen psychischen Erkrankung zu mindern. Man weiß mehr darüber, die Hemmschwellen, sich behandeln zu
lassen, sinken. So spricht man vom „DeislerEffekt“ (benannt nach dem depressiven Fußballspieler Sebastian Deisler), wenn ein berühmter Fußballspieler offen in den Medien
mit seiner Erkrankung umgeht.
Im falschen Film
Andererseits wird der Umgang mit Depression & Co oft medial heroisiert und die Bedeutung der Krankheit fürs tägliche, triviale
Leben heruntergespielt. Ein Beispiel dafür
ist der dänische Filmemacher Lars von Trier,
der an starken Depressionen leidet, die zum
Teil sogar stationäre Behandlung erfordern.
Trotzdem soll er, wie in den Medien berichtet wird, sein jüngstes Werk „Antichrist“ in
dieser dunklen Phase fertig gestellt haben;
was verwundert, wenn man weiß, dass es
depressiven Menschen im Normalfall schon
schwerfällt, morgens aus dem Bett zu kommen – ganz zu schweigen von Tätigkeiten,
die volle Konzentration, Disziplin und Kreativität brauchen. Michael Musalek, Psychiater
und ärztlicher Direktor des Anton-ProkschInstituts Wien-Kalksburg: „Einen Film zu
drehen und gleichzeitig depressiv zu sein ist
kaum möglich. Hier wurde für die Öffentlichkeit die Depression romantisiert – was für
‚Normalbürger‘ die ebenfalls an Seelenqualen leiden, den Druck erhöht und zu weiteren Selbstzweifeln führt, weil man eben in
der depressiven Phase keineswegs arbeiten
kann – vom Erbringen herausragender, viel
beachteter Leistungen ganz zu schweigen.“
Dennoch kann die Botschaft sein: Mit professioneller Hilfe lassen sich Depressionen
erfolgreich therapieren. Zahlreiche Prominente bekamen die Krankheit auf diese Weise in den Griff – wie auch Superstar Robbie
Williams. Darum gilt, für den Promi wie für
den Normalbürger, vor allem eines: bei den
ersten Anzeichen einer Depression zum Arzt
zu gehen. Je früher, desto besser.
Sven Hannawald
Der Deutsche gewinnt im Jahre 2002 als erster Schispringer der
Welt alle vier Spingen der Vierschanzentournee. Er litt an Burnout
und Depressionen.
Foto: Baumann
Kreativität ist ein Modebegriff, der für vieles
herhalten muss. In einer Zeit, in der Selbstverwirklichung im Trend liegt, gehört es fast
dazu, sich künstlerisch zu betätigen, also das
zu tun, was im herkömmlichen Sinn als „kreativ“ gilt. Tatsächlich zählt Kreativität aber
zu den hervorstechenden Charakterzügen
von Menschen, die sich stets an der Grenze
zwischen Genie und Wahnsinn bewegen –
und dabei nicht selten die Balance verlieren.
Denn Kreativität bildet stets eine Allianz mit
überdurchschnittlicher Sensibilität – was
wiederum zu erhöhter „Störanfälligkeit“ der
Seele führt. „Ich bin ein Mensch, der leicht
verbeult“, zitierte das Magazin „Stern“ den
Superstar Robbie Williams, der jahrelang an
Depressionen litt.
I N N E NW E LT 9
Edgar Allen Poe
Orpheus als Leitbild:
10 I N N E N W E L T
Foto: C.T. Tatman
Foto: Earl Theisen
Einer der populärsten und erfolgreichsten US-amerikanischen
Schriftsteller des 20. Jahrhunderts,
Nobelpreisträger. Hemingway litt
unter schweren depressiven Zuständen, Verfolgungsängsten und
Alkoholsucht.
Virgina Woolf
Foto: George Charles Beresford
Die britische Schriftstellerin Virginia Woolf litt zeitlebens an einer
psychischen Krankheit, vor allem wurde sie von Depressionen und
psychotischen Episoden gequält. So sehr, dass sie unfähig war, ihre
Gedanken zu Papier zu bringen. 1941 stopfte sich Woolf, die eine
gute Schwimmerin war, Steine in die Taschen ihres Gewandes und
ertränkte sich in dem Fluss Ouse im britischen Sussex.
stars mit seelenqual
Leonardo da Vinci
Bild: Selbstportait
Da Vinci war in allen künstlerischen Gattungen,
wie z.B. der Skulptur, der Malerei, der Architektur zuhause; er beschäftigte sich auch eingehend
mit Forschungen in den Naturwissenschaften,
der Technik, der Medizin und der Philosophie. Er
litt unter schweren Depressionen.
Oskar Werner
Er galt als einer der
größten Schauspieler
überhaupt. Seine letzten Jahre waren von
A l ko h o l p ro b l e m e n
und Depressionen gekennzeichnet.
Michelangelo
Maler, Bildhauer, Architekt.
Sein exzentrischer Charakter führt
immer wieder zu Konflikten. Trotzdem erhält er von Papst Julius II. den Auftrag zur Ausmalung der Sixtinischen Kapelle.
1547 erhält er die Bauleitung für die Peterskirche. Zeit seines
Lebens war er um die vollendete Darstellung des menschlichen Körpers bemüht. Er litt unter schwersten Depressionen.
Urheber: Jacopino del Conte
Modulare Behandlung
In Ergänzung zur bewährten medizinischen
und psychotherapeutischen Behandlung bietet das Orpheus-Programm eine „Anleitung
zur Lebensneugestaltung“: Angesichts der
Wiederbelebung des inhärenten menschlichen Potenzials zu Freude, Glück und Genussfähigkeit soll die Verführungskraft des
Suchtmittels und seiner künstlichen Erlebenswelt verblassen. Als Folge psychischer
Stabilität und Lebensfreude entsteht so ein
Gegengewicht zum Leben in der Abhängigkeit. Der Suchtkranke soll lernen, gute
Stimmung und Zufriedenheit aus sich selbst
heraus zu erfahren, ohne auf äußere Stimulanzien wie Alkohol, Drogen, Glücksspiel,
Computer etc. angewiesen zu sein.
Das Orpheus-Programm umfasst diverse Behandlungsmodule, die individuell kombinierbar sind und in dieser Bandbreite erstmals
in Europa zur Suchttherapie eingesetzt werden: Dazu zählen Kreativkurse, Maltherapie,
physikalische Behandlung, Gartentherapie,
Sportprogramme, Körperwahrnehmung, Genusstraining, etc. Darüber hinaus werden
auch Angebote zur philosophischen Reflexion integriert.
Ernest Hemingway
Nutzungsrecht: Filmarchiv Austria
Mit Kreativität ins neue Leben
Das Anton-Proksch-Institut in Wien-Kalksburg bietet ein neuartiges Behandlungskonzept bei Abhängigkeitserkrankungen.
Orpheus war im griechischen Mythos ein
begnadeter Sänger, der mit seinem Leierspiel den Gesang der Sirenen zu übertönen
vermochte und so verhinderte, dass er ihrer
Versuchung erlag. Im Gegensatz zu Odysseus, der sich mit qualvollem Verlangen an
einen Schiffsmast anbinden musste, hielt
Orpheus der unheilvollen Verführung sein
kreatives Potenzial entgegen und erreichte,
was Odysseus verwehrt blieb: persönliche
Freiheit und Autonomie. Angelehnt an diesen sinnträchtigen Mythos ist „Orpheus“
auch zum Titel eines neuen Behandlungsprogramms für Suchterkrankungen geworden, das am Anton-Proksch-Institut in WienKalksburg entwickelt worden ist.
„Das Orpheus-Programm markiert einen Paradigmenwechsel in der Suchttherapie, wobei
Abstinenz nicht mehr das Endziel, sondern
ein Teilziel auf dem Weg zu einem selbstbestimmten freudvollen Leben ist“, betonte
Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, ärztlicher Direktor des Anton-Proksch-Instituts.
„Rückfälle werden nicht mehr als komplettes
Scheitern der Therapie angesehen, sondern
als vorübergehende Krise im Rahmen einer
grundlegenden Neuorientierung.“
Der amerikanische Autor Edgar Allen Poe, der offenbar an einer
manisch-depressiven Erkrankung litt, schrieb einmal: „Die Leute
nennen mich verrückt, die Frage ist allerdings noch nicht geklärt,
ob es Wahnsinn ist und nicht erhabene Intelligenz.“ Der Schriftsteller litt unter anderem an Epilepsie, Depression, psychotischen
Attacken, Wahnvorstellungen und bipolaren Funktionsstörungen.
coverthema
Vincent van Gogh
Foto: Ollie Atkins
Sebastian
Deisler
Bild: Selbstportait
Vielfacher Teamnationalspieler und Vorzeigefußballer beim FC Bayern
München. Er beendete
mit 27 Jahren unter großem Medienwirbel seine
Fußballkarriere
wegen
Depressionen.
Genie trifft Wahnsinn
Elvis Presley
Foto: gemeinfrei
Der begnadete Rock´n´Roller
litt unter Tablettensucht und
unter Depressionen.
Rainer
Maria Rilke
Foto: Der Sascha, GFDL-SA
Als bekanntester Künstler, dem das Pendeln
zwischen Genie und Wahnsinn zugeschrieben
wird, gilt Vincent van Gogh. Der Mythos um
van Gogh, der zu Lebzeiten kaum ein halbes
Dutzend Gemälde verkaufte, heute aber zu
den bedeutenden Begründern der Moderne
zählt, ist ungebrochen. Im Dezember 1888 erlitt er einen psychotischen Schub, in dem er
seinen Freund und Künstlerkollegen Paul Gauguin mit dem Leben bedrohte. Er schnitt sich
auch Teile seines linken Ohres ab und wollte es
einer Prostituierten als Geschenk geben. Mit
nur 37 endete das Leben des großen Künstlers
in einer Nervenheilanstalt.
Der große deutschsprachige Lyriker litt unter Depressionen und
Selbstzweifeln.
Schon Aristoteles war der Ansicht, es gebe
„kein großes Genie ohne einen Schuss Verrücktheit“. Laut der britischen Zeitung „Independent“ haben Wissenschaftler zum ersten Mal Indizien dafür gefunden, dass Genie
und Wahnsinn tatsächlich zusammenhängen
könnten. Eine Studie mit mehr als 700.000
Erwachsenen zeigt, dass bei Personen mit
sehr guten schulischen Leistungen die Wahrscheinlichkeit, im Erwachsenenalter an einer
bipolaren Störung, also einer manisch-depressiven Erkrankung, zu erkranken, viermal
höher ist als bei Kindern und Jugendlichen
mit durchschnittlichen Noten.
Der Zusammenhang war besonders stark
bei Studenten der Musik und Literatur, zwei
Disziplinen, die in früheren Zeiten traditionell mit Genie und Wahnsinn in Verbindung
gebracht wurden. Die Studie wurde von Forschern des Instituts für Psychiatrie am King’s
College in London und dem Karolinksa Institutet in Stockholm durchgeführt.
Die Studie, geleitet von James MacCabe,
Professor für Psychiatrische Epidemiologie
am Institut für Psychiatrie, verglich die Abschlusszeugnisse von schwedischen Schülern
im Alter von 15 und 16 Jahren von 1988 bis
1997 mit Krankenhausakten von Personen
bis 31 Jahre, die wegen einer bipolaren Störung aufgenommen worden waren.
Die Ergebnisse wurden im „British Journal of
Psychiatry“ veröffentlicht und deuten darauf
hin, dass manische Zustände die intellektuellen Leistungen erhöhen können. Personen,
die unter starken Manien leiden, sind oft
geistreich, schlagfertig und erfinderisch. Diese Personen neigen auch zu übertriebenen
emotionalen Reaktionen, die es ihnen ermöglichen, ihre künstlerischen, literarischen
und musikalischen Talente zum Vorschein zu
bringen. Im manischen Zustand haben diese
Menschen außerordentliche Ausdauer und
eine starke Konzentrationsfähigkeit, heißt es
in der Studie.
Wieder Segel setzen
Das Wiener Atelier Sonnensegel bietet Menschen mit psychischen Erkrankungen die
Möglichkeiten zur Kreativität – im Fokus
steht die Wertschätzung der künstlerischen
Arbeit.
„Wenn man grundsätzlich dazu neigt, ein
Grenzgänger zu sein, verstärkt sich die
Möglichkeit zur Krise. Denn die künstlerische Arbeit bedingt sehr vieles, das zu psychischer Krankheit führen kann: ständige
Existenzängste und Unsicherheiten“, sagt
Sina Bründler, MAS, verantwortlich für die
Unternehmenskommunikation im Verein
pro mente Wien und operative Leiterin des
Ateliers Sonnensegel. Ziel der einzigartigen
Initiative ist es, psychisch kranke Menschen
mit künstlerischem Potenzial auf dem Weg
zu professioneller künstlerischer Arbeit zu
unterstützen.
Rund 500 Quadratmeter Fläche im Vierten
Wiener Gemeindebezirk stehen auch 19 so
genannten Freizeitgruppen zur Verfügung.
Die Angebote, welche ein- bis dreimal wöchentlich stattfinden, reichen von Tanz über
Keramik bis zum Schreiben. Darüber hinaus beherbergt das Sonnensegel noch zwei
besondere „Flaggschiffe“ des Vereins: die
Musikgruppe Groove Department und das
genannte Atelier für bildende Künstlerinnen
und Künstler.
Sonnensegel Programmtipp: Ad Hoc Theater, 1. Juni 19.00 Uhr, und Vernissage Murales
des Atelier Sonnensegel 10. Juni 19.00 Uhr.
Kontakt:
Atelier Sonnensegel
Preßgasse 28, 1040 Wien
T. 0664/811 91 91
www.promente-wien.at
I N N E N W E L T 11
frühlingstief
Während der Frühling für die meisten Menschen
Spaß und Lebensfreude bedeutet, kann er
für Menschen mit Depressionen zum
jährlichen Tiefpunkt werden.
jubeln. Und mit diesem
allgemeinen Gute-Laune-Trend nicht mithalten zu können bedeutet
emotionalen Stress. Vergleichbar dem Stress
zu Weihnachten, wenn ein „Fest der Liebe/
der heilen Familie“ postuliert wird und die
eigenen Lebensumstände diesem Stereotyp
so gar nicht entsprechen. Oder wie es eine
Betroffene anonym in einem Internetforum
formuliert: „Frühling bedeutet für mich Leidenszeit – seelische Leidenszeit ... die Sonne
scheint, blauer Himmel, die Pflanzenwelt erwacht wieder zum Leben ... Paare schmusen
öffentlich und halten Händchen ... und was
ist mit mir?? ... Fühle mich noch mehr ausgeschlossen – vom Leben ausgeschlossen!“
Ein Mensch, der sich seelisch, körperlich und
sozial auf dem Nullpunkt be- und empfin-
Suizid – vom Gedanken zur Tat
Bei den meisten Selbsttötungen durchlaufen die Menschen drei Phasen:
1. Erwägung
Der Mensch zieht einen Suizid z.B. wegen
der depressionsbedingten Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Selbstvorwürfen in
Erwägung. Auch beeinflusst seine Umwelt
sein Verhalten durch Selbsttötungen im direkten Umfeld oder Berichterstattung darüber in den Medien. Der Suizid wird in Erwägung gezogen, jedoch nicht unbedingt
in die Tat umgesetzt. In dieser Phase ist es
noch relativ einfach, zu intervenieren.
2. Ambivalenz
Suizid wird als Möglichkeit eingestuft, der
verzweifelten, als unerträglich erlebten Situation zu entkommen. Es werden Gründe
dafür und dagegen gesucht, am Leben zu
bleiben. Womöglich wird mit anderen offen
darüber gesprochen. Es ist eine Phase der
12 I N N E N W E L T
Unentschlossenheit, der Abwägung. In den
meisten Fällen macht der Suizidgefährdete
durch Hilferufe auf sich aufmerksam. Diese
sind jedoch häufig verschleiert – der Hausarzt wird z.B. wegen starker Kopfschmerzen
oder Schlafstörungen aufgesucht. Auch in
dieser Phase ist Intervention möglich.
3. Entschluss
In dieser Phase fällt der Suizidgefährdete
die Entscheidung zum Selbstmord und trifft
die Vorbereitungen dafür. Häufig werden
auch Sachen geordnet oder weggegeben.
Meist wirkt er dabei nach außen hin ruhig
und kalkuliert. In dieser Phase ist es bereits schwierig, zu intervenieren, weil der
Suizidgefährdete bereits seinen Entschluss
gefasst hat.
det leidet, somit umso mehr, wenn er sieht,
wie die anderen um ihn herum ihr Leben
genießen und er selbst nicht teilhaben kann
an der neu erwachten Lebensfreude. Zum
Leiden mischen sich Schuldgefühle, wenn
er nicht so normal funktionieren kann, wie
die Gesellschaft das von ihm erwartet. Eine
andere Internet-Nutzerin im O-Ton: „Man
meint, im Frühling wird alles besser. Man
meint, jetzt müsse man wieder mehr Kraft
haben und gerne bunte Sachen anziehen
und sich leichter fühlen, wieder mehr raus
und Aufbruch ... aber wenn einer da mit der
Kraft nicht mit kann? Eine leise Mahnung,
aufzupassen, nicht die gewöhnlichen, auch
von der ‚gesunden‘ Umwelt auferlegten Ansprüche, nicht über sich selbst drüberzustülpen. ‚aber jetzt ist doch Frühling, jetzt geht
es dir doch gewiss besser, geh doch raus und
freu dich an der Natur.‘ Ha, ha.“
Suizid bei Sonnenschein?
Solche Ratschläge wirken in diesem Moment nur zynisch und helfen Betroffenen
keinen Schritt weiter, im Gegenteil. Frühlingsgefühle heißen für Menschen, die an
Depressionen leiden, eben nicht „Glück und
Lebensfreude“, sondern „Trauer und Verzweiflung“. Denn ein Team des Londoner Institutes für Psychiatrie hat herausgefunden,
dass sich an heißen Tagen mehr Leute umbringen als an kühleren. In der Studie, die im
British Journal of Psychiatry veröffentlicht
wurde, haben die Wissenschaftler mehr als
50.000 Selbstmorde in England und Wales
in den Jahren 1993 bis 2003 untersucht und
festgestellt, dass bei einer durchschnittlichen Tagestemperatur von 18 Grad jedes
weitere Grad mehr die Suizidrate um etwa
Fotos: fotolia – Eduard Härkönen, Olga Struk
Es klingt paradox, ist aber traurige Wirklichkeit: das schöne Wetter schlägt manchem
aufs Gemüt. Wenn die Tage länger werden,
fallen sie noch tiefer in ihre seelischen Täler,
und mit den Temperaturen steigt ihre Verzweiflung. Während sich den meisten der
Nebelmonat November aufs Gemüt legt,
gibt es andere, welche die hellen Sonnenstrahlen noch tiefer in ihrer Krankheit versinken lassen, denn bei manchen Menschen
mit Depressionen verschlimmert der Frühling die Lage. Die eigene triste Situation und
das Gefühl, sich in einem dunklen Abgrund
zu befinden, stehen in grellem Kontrast zum
strahlend blauen Himmel und der blendenden Laune der Menschen in der Umgebung.
Dazu kommen Lieder, Bücher, Filme, die das
Frühjahr als Zeit der Liebe, des Verliebens
und fröhlichen durchs Leben Schreiten be-
suizid
vier Prozent ansteigen lässt. Bei gewalttätigen Selbstmorden stieg die Rate sogar um
fünf Prozent.
Eine Tatsache, die Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Universitätsklinikum Leipzig und Vorstand der
Stiftung Deutsche Depressionshilfe, für den
deutschen Raum bezüglich Suizidversuche
Prof. Dr. Ulrich Hegerl
Universitätsklinikum Leipzig AöR
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie
und Psychotherapie
Semmelweisstr. 10
04103 Leipzig
Fotos: fotolia – Eduard Härkönen, Olga Struk
nicht bestätigen kann: „Ein Zusammenhang
zwischen den Jahreszeiten und Suizidversuchen wird immer weniger deutlich, und die
Fluktuation innerhalb der Jahreszeiten ist
nicht sonderlich stark. In einer eigenen Untersuchung zu Suizidversuchen und Jahreszeiten wurde bei Männern kein Unterschied
gefunden, bei Frauen war sogar ein Rückgang
der Suizidversuche im Frühjahr zu erkennen.
Die Ursachen hierfür sind unklar.“
Hilfe aus dem Netz
Erfreulicherweise hat sich auch die Zahl der
Suizide in Deutschland in den letzten 30 Jahren von etwa 18.000 auf 9.000 halbiert. Zu
den Gründen hierfür zählt, dass depressiv
Erkrankte heute häufiger und besser behandelt werden und leichter einen Weg aus ihrer
Isolation finden. In diesem Zusammenhang
werden Netzwerke für die Prävention immer
wichtiger. Darunter sind auch soziale Netzwerke im Internet oder Internetforen zu verstehen. Prof. Hegerl: „Generell ist das Internet
wichtig für Menschen mit Depressionen, weil
sie die Anonymität des Netzes schätzen und
sich über diesen Weg häufig vorinformieren
und Rat suchen. Die Nutzung von Internetforen kann bei Menschen mit Problemen und
Ängsten bei der sozialen Kommunikation
der erste Schritt aus ihrer Isolation sein. Wir
bieten im Rahmen der Stiftung Deutsche
Depressionshilfe ein Diskussionsforum an,
das sich seit der Gründung durch das Kompetenznetz Depression/Suizidalität im Jahre
2001 mittlerweile zum größten Online-Forum für Betroffene und Angehörige zum Thema Depression im deutschsprachigen Raum
entwickelt hat. Wir verzeichnen 150–200
Postings (Wortmeldungen) pro Tag – seit Bestehen des Forums sind es 350.000 –, haben
10.000 registrierte Nutzer, 40.000 Zugriffe
pro Monat und wissen, dass 15- bis 20-mal
mehr Menschen mitlesen als posten. Aus diesem Forum ist mittlerweile sogar ein Buch
hervorgegangen. Moderiert wird das Forum
von einem Facharzt und einer Diplom-Soziologin. Wir können auch feststellen, dass das
Forum nicht als Alternative zur professionellen Therapie eingesetzt wird, sondern als zusätzliche Unterstützung. Es ist sehr spannend
zu verfolgen, wie sich die Nutzer über diese
Selbsthilfeplattform selbst organisieren.“
So wurde beispielsweise von Betroffenen
aus dem Online-Forum heraus ein nahezu
als Standardwerk über Depressionen anzusehendes Buch verfasst („Schattendasein – Das
unverstandene Leiden Depression“, MüllerRörich et al. 2007, Springer Verlag). Über
300 Originalzitate von Patienten aus dem
Forum geben in diesem Buch einen authentischen Einblick in die Welt von Menschen
mit Depressionen. Weiters wurde eine politische Organisation zur Repräsentierung von
Menschen mit Depressionen in der Gesundheitslandschaft (Deutsche Depressionsliga)
gegründet. Das in dem Forum gesammelte
Erfahrungswissen tausender Betroffener, die
z.B. aus Betroffenensicht und ungeschminkt
Gründe für gescheiterte Arzt-PatientenBeziehungen und Behandlungsversuche
schildern, wird zudem zu einer überraschend
wertvollen Lernquelle für Behandler.
Unterstützung in
„Schönwetterphasen“
Tatsächlich können unbehandelte Depressionen im schlimmsten Fall zum Suizid führen.
Etwa 90 Prozent aller Suizide erfolgen vor
dem Hintergrund einer oft nicht optimal
behandelten psychiatrischen Erkrankung.
Depressionen erhöhen das Risiko um das 15bis 20-Fache, und etwa 4 Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid,
wie eine Studie in „The Lancet“ im vergangenen Jahr feststellte.
Da der Weg von der Absicht zur Ausführung
bei einem Suizid meist lang ist, sollte das
Umfeld unbedingt auf Warnsignale achten.
Auch Prof. Hegerl weiß um die Wichtigkeit
von Prävention: „Die häufigste Ursache für
Suizid ist Depression, weshalb eine frühzeitige und konsequente Behandlung sehr wichtig ist. Es ist erforderlich, den Menschen aus
seiner Isolation herauszuholen. Menschen
mit Depressionen geben sich häufig selbst
die Schuld an ihrer Situation, sind hoffnungslos, häufig zu erschöpft, um einen Arzt zu
suchen, einen Termin auszumachen und ihn
I n fo un d Hi l fe
Telefonseelsorge
T. 142, 0–24 Uhr
www.telefonseelsorge.at
Rat auf Draht/Teenager-Hotline des
ORF
T. 147
http://rataufdraht.orf.at
Ö3-Kummernummer
T. 0800 600 607, 16–24 Uhr
Sorgentelefon für Kinder, Jugendliche
und Erwachsene
T. 0800 201 440 , Mo–Fr 13–20 Uhr,
Sa 13–17 Uhr
www.sorgentelefon.at
Suizid-Hinterbliebene und verwaiste
Eltern
T. 0664/533 60 44, 12–22 Uhr
www.verwaisteeltern.at
Kriseninterventionszentrum Wien
T. 01/406 95 95, Mo–Fr 10–16 Uhr
www.kriseninterventionszentrum.at
Sozialpsychiatrischer Notdienst
T. 01/313 30, 0–24 Uhr
www.psd-wien.at
Institut für
Suizidprävention
www.hilfe-in-der-krise.at
Buchtipp
Depressionen bewältigen: Die
Lebensfreude wiederfinden.
So erkennen Sie frühzeitig die Signale,
finden wirksame Hilfe und beugen Rückfällen vor.
Ulrich Hegerl, Svenja Niescken.
Trias April 2008, ISBN-10: 3830433794
wahrzunehmen. Weist jemand die Anzeichen
einer Depression auf, d.h. er ist antriebslos,
isst nicht, interessiert sich für nichts mehr
oder hat Schlafstörungen, sollte ein Angehöriger ihn unterstützen. Konkret bedeutet
das, den Arzttermin für ihn ausmachen, ihn
dorthin begleiten und ermuntern, die Therapie durchzuhalten.“
Die Gratwanderung zwischen Da-Sein und
Bevormundung ist dabei sicherlich nicht
einfach und womöglich stößt der helfende
Partner auf krasse Zurückweisung. Dennoch
– gerade in „Schönwetterphasen“ ist es für
einen Menschen in einer Depression umso
wichtiger zu spüren, dass er mit seiner Angst
und Trauer nicht allein gelassen wird.
I N N E N W E L T 13
Magersucht gilt immer noch
als „Frauenproblem“. Tatsächlich sind aber immer mehr
Männer von der Krankheit
betroffen.
leider
Foto: fotolia – arkna
hunger
14 I N N E N W E L T
Foto: fotolia – arkna
essstörungen
Ob Skispringer oder Tour-de-France Teilnehmer – mancher Sportler scheint nur aus Haut
und Knochen zu bestehen. Und viele Jahre herrschte die verbreitete Meinung, dass
diese ausgemergelten Gestalten nichts als
logisches Ergebnis von intensivem Training
bei entsprechender Ernährung waren. Mittlerweile ist auf die Tour-de-France-Fahrer
der Schatten des Dopings gefallen und auf
die Skispringer jener der Essstörung. Tatsächlich sind Spitzensportler anfällig für Essstörungen, denn häufig ist das Erreichen einer
bestimmten Leistung an einen bestimmten
BMI (Body Mass Index) gebunden oder wie
es der Schweizer Nationaltrainer Joachim
Winterlich formulierte: „Ein Kilo mehr bedeutet beim Springen gleich einen Meter
weniger.“ Resultat so einer „Leistungsphilosophie“ ist neben anderen derzeit auch
der 31-jährige deutsche Skispringer Martin
Schmitt, der sich laut eigener Aussage von
nur 1.300 Kilokalorien täglich ernährt und
nach der Vierschanzentournee wegen eines „schleichenden Erschöpfungssyndroms“
pausieren musste.
Diese prominenten Vertreter der magersüchtigen Männer stellen jedoch nur die Spitze
des Eisbergs dar. Noch immer gelten Essstörungen als typisch weibliches Problem, und
das Verhältnis zwischen den Geschlechtern
beträgt 9:1.
Obwohl es Unterschiede bei Essstörungen
von Männern und Frauen gibt, überwiegen
die Gemeinsamkeiten“, sagt Mag. Bernhard
Wappis. Der Klinische- und Gesundheitspsychologe weiß, wovon er spricht, denn
er war als Jugendlicher selbst magersüchtig
und veröffentlichte mit „Darüber spricht
man(n) nicht ... Magersucht und Bulimie bei
Männern“ einen autobiographischen Erfahrungsbericht und Ratgeber für Männer, die
unter Magersucht oder Bulimie leiden. Dies
liegt mittlerweile fünf Jahre zurück, doch
das positive Echo hält an und beweist, dass
Essstörungen kein typisch weibliches Problem sind. „Ich hatte viel Feedback aus dem
gesamten deutschsprachigen Raum, und fast
alle Reaktionen waren sehr positiv. Es meldeten sich sowohl Männer als auch Frauen mit
Essstörungen und sagten, sie fänden es sehr
mutig von mir, mit meinem Problem an die
Öffentlichkeit zu treten. Es war meine Absicht, Betroffenen Mut zu machen und ihnen
zu zeigen, dass sie es schaffen können.“
Vom Muskelmann zum Magermann
Als Verschiedenheit sieht Mag. Wappis den
meist unterschiedlichen Beginn der Krankheit bei Männern und Frauen: „Während
Frauen vor Beginn einer Essstörung ein
Schlankheitsideal vor Augen haben, geht es
Männern häufig um einen muskulösen, gut
definierten Körper, den sie mit Sport erreichen möchten. Irgendwann kommt dann
der Punkt, an dem Training allein nicht mehr
genügt und die Ernährung ins Spiel kommt.
Durch Diäten oder Hungern kippt man dann
in die Essstörung. Dies passiert jedoch vorwiegend Männer, bei denen die Grundpersönlichkeit nicht gefestigt ist, die sich stark
über Leistung definieren und sehr kontrollbedürftig sind. Häufig treten Essstörungen
bei Männern auch zusammen mit Homosexualität auf. Zum einen, weil sie sich ihrer Sexualität unsicher sind, zum anderen, weil in
der homosexuellen Community ein höherer
Druck in Richtung eines ästhetischen Männerbildes herrscht.“
Das gewandelte, feminisierte Männerbild
der letzten Jahrzehnte kann ebenfalls Auslöser für Binge Eating (Fressanfälle), Bulimie
(Ess-Brech-Verhalten) oder Anorexie (Magersucht) sein. Werbung und Medien zeigen
den gepflegten, jungen, schlanken Körper als
Grundvoraussetzung für Glück und Erfolg.
Wie früher den Frauen wird jetzt auch Männern ein Idealtyp vorgegeben, der nur über
Verzicht (Nahrung) und Kontrolle (Training)
erreichbar ist. Das Fehlen von realen Vorbildern macht Mannequins, Schauspieler oder
Sportler zu fatalen Role Models.
Ein Indianer kennt
keinen Schmerz?
Sich einzugestehen, krank zu sein und Hilfe
zu suchen, ist für viele Männer noch schwieriger als für Frauen, oder wie es ein Betroffener in einem Internetforum ausdrückt: „Ich
kämpfe gerade mit der Krankheit, von der
ich bis vor ein paar Jahren noch dachte, dass
es eine typische Frauenkrankheit ist. So denken ja leider noch sehr viele. Man sieht es ja
schon alleine an Selbsthilfegruppen, die fast
ausschließlich für Frauen sind. Mir fällt es
wahnsinnig schwer, mir Hilfe zu holen oder
mir helfen zu lassen. Leider. Und manchmal
würde ich mir einfach wünschen, mich mal
fallen lassen zu können und die ewige Kontrolle mal aufgeben zu können. Aber da bleibt
die Angst vor dem Aufprall.“ Mag. Bernhard
Wappis kennt diese Haltung sowohl aus seiner eigenen Erfahrung als auch aus seinem
Berufsalltag als Psychologe: „Weil Männer
häufig noch die Lebensphilosophie ‚Ein In-
dianer kennt keinen Schmerz‘ haben, ist die
Schwelle für sie viel höher, bei einer Essstörung Hilfe zu suchen. Dazu kommt die Scham,
dass sie ein vermeintlich weibliches Problem
haben. So kommen sie erst zur Beratung
oder zum Arzt, wenn ihre Essstörung bereits
chronisch ist oder gravierende Begleitkrankheiten auftreten. Dabei ist der Schritt, Unterstützung anzunehmen, zugleich der erste
Schritt, das Problem zu lösen!“
Infos und Hilfe
• Bernhard Wappis, Darüber spricht
man(n) nicht-Magersucht und Bulimie
bei Männern, ISBN 3- 8334- 2744-2,
Mai 2005
• Mann Sein – Internetplattform zu
männlichen Gesundheitsproblemen
(U.a. Essstörungen, Burn-out, Depression)
T. 0650/512 80 13, mannsein@gmx.at,
www.mann-sein.at
• sowhat – Institut für Menschen mit
Essstörungen, Wien (u.a. mit einer
Selbsthilfegruppe für Männer mit
Essstörungen),
T. 01/406 57 17, wien@sowhat.at,
www.sowhat.at
• Netzwerk Essstörungen Innsbruck,
T. 0512/57 60 26,
info@netzwerk-essstoerungen.at,
www.netzwerk-essstoerungen.at
• Homepage der Spezialambulanz für
Essstörungen bei Kindern und
Jugendlichen am AKH Wien,
T. 01/404 00-3014,
essstoerung@meduniwien.ac.at,
www.ess-stoerung.eu
• Österreichische Gesellschaft für
Essstörungen,
info@oeges.or.at, www.oeges.or.at/
• intakt – Therapiezentrum für
Menschen mit Essstörungen,
Tel.: 01/22 88 77 0-0; office@intakt.at,
www.intakt.at
• Bulimie.at – Internetforum für Betroffene und Angehörige, www.bulimie.at
I N N E N W E L T 15
psyche und familie
kindheit
ohne „kind sein“
Wenn Mama oder Papa
psychisch krank sind, trifft
KATJAauch
BERANderen Kinder.
das
Worunter betroffene Kids
am meisten leiden –
und wie man ihnen
helfen kann.
Foto: fotolia – Friday
„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu
großzuziehen“ lautet ein afrikanisches Sprichwort. Vor allem dann, wenn Eltern psychisch
krank sind, ist ein Netzwerk an Unterstützung
dringend gefragt. Die innenwelt im Interview
mit Mag. Reinhard Gstättner, Kinderpsychologe und Experte der Jugendwohlfahrt.
Wie viele Kinder in Österreich leben
mit psychisch kranken Eltern?
Laut internationalen Statistiken entwickeln
innerhalb eines Jahres ca. 30 % der Gesamtbevölkerung eine psychische Erkrankung,
die Lebenszeitprävalenz liegt bei etwas über
40 %. Da der Höhepunkt dieser Kranheit
meist im früheren Erwachsenenalter auftritt
– also dann, wenn für gewöhnlich Familien
gegründet werden –, kann man davon ausgehen, dass sehr viele Kinder Erfahrungen
mit zumindestens einem Elternteil haben,
der an einer psychischen Krankheit leidet.
Warum nimmt die Zahl der Betroffenen
drastisch zu?
Zum einen sind psychische Erkrankungen –
wie z.B. Depressionen und Angsterkrankungen – tatsächlich auf dem Vormarsch, und
damit gibt es auch mehr erkrankte Eltern.
Zum anderen sind die gesellschaftlichen
Institutionen, wie Kindergarten und Schule,
heute weitaus kompetenter, sensibler und
differenzierter im Umgang mit den ihnen
anvertrauten Schützlingen – da wo früher
vielleicht nur von „schlimmen Kindern“ gesprochen wurde, wird heute viel mehr auf
die Ursachen und die dahinterstehenden
Probleme der Kinder geschaut – und mitunter wird erkannt, dass der vermeintliche
„Zappelphilipp“ einen schweren Rucksack
mit familiären Sorgen z.B. um einen erkrankten Elternteil zu tragen hat.
Welches Risiko haben diese Kinder, selbst
einmal von einer psychischen Krankheit
betroffen zu sein?
Kinder, deren Eltern betroffen sind, bringen
neben den biologischen Risikofaktoren auch
noch die entsprechenden psychosozialen Risikofaktoren mit – insbesondere dann, wenn
der Familie kein angemessener Umgang mit
der Situation gelingt.
Worin liegen für betroffene Eltern die
größten Schwierigkeiten in der Erziehung
ihrer Kinder?
Erkrankten Eltern fällt es zumeist schwer, für
ihre Kinder da zu sein und deren Bedürfnisse wahrzunehmen. Zusätzlich haben gerade
diese Kinder umgekehrt den Eindruck, für
ihre Eltern da sein zu müssen, was für Heranwachsende aber eine eindeutig inadäquate Rolle ist. Denn auch wenn Kinder, die für
einen erkrankten Elternteil Verantwortung
übernehmen und ihn versorgen, dabei sehr
stark und erwachsen wirken können – auf
längere Sicht sind sie damit überfordert.
Keinesfalls darf ein Kind, auch wenn es sich
scheinbar von sich aus anbietet, vom Helfer-
system des erkrankten Elternteiles als „CoTherapeut“ missbraucht werden.
Wie nehmen kleinere Kinder die Krankheit der
Eltern wahr?
Vor allem kleinere Kinder können die Phantasie entwickeln, dass sie Schuld daran
haben, dass es dem erkrankten Elternteil
gerade nicht gut geht, oder er sich anders
verhält als sonst üblich.
Was belastet speziell ältere Kinder
oder Jugendliche?
Grundsätzlich problematisch ist, wenn betroffene Kinder keine Möglichkeit haben,
sich jemandem mit ihren Sorgen und Ängsten anzuvertrauen, weil sie fürchten müssen, dann ein „Geheimnis“ zu verraten. Aus
Studien ist bekannt, dass eine zuverlässig
emotional verfügbare Bezugsperson einen
wichtigen Faktor darstellt, der Kindern hilft,
mit dieser schwierigen Situationen zurecht
zu kommen. Ältere Kinder belasten weiters
Befürchtungen bezüglich des eigenen Er-
Stufenplan zur Unterstützung betroffener Familien
• Ideal ist, wenn die Familie selbst über
entsprechende Ressourcen verfügt, also
z.B. im Falle einer Krise oder eines stationären Krankenhausaufenthaltes eines
Elternteiles der andere Elternteil, Großeltern oder andere erwachsene Angehörige einspringen können, die das Kind
bereits kennt.
• Ist dies nicht der Fall, stellt die öffentliche Hand in Form der Jugendwohlfahrtsträger Einrichtungen für die
kurz- und längerfristige Versorgung und
Unterbringung der Kinder – wie z.B. so
genannte Krisenzentren und Wohngemeinschaften – zur Verfügung, wo den
Kindern im Bedarfsfall auch psychologische und psychotherapeutische Unterstützung ermöglicht wird.
• Darüber hinaus wird versucht, Familien so weit unterstützend zu begleiten, dass Kinder in ihrem gewohnten
Lebensumfeld verbleiben können. Dies
kann durch Zuschaltung verschiedener
Hilfen geschehen, die Eltern im alltäglichen praktischen Lebensvollzug, aber
auch in Erziehungsfragen unterstützen
und beraten, sowie durch Kooperation
mit verschiedenen Stellen wie dem
Psychosozialen Dienst und ähnlichen
Angeboten.
I N N E N W E L T 17
Hier gibt’s Hilfe
psyche und familie
Jugendamt Wien
www.wien.gv.at/menschen/magelf/
krankungsrisikos. Wichtig ist es, ihnen stets
zu vermitteln, dass sie auch in schwierigen
Phasen von ihren Eltern geliebt werden und
keine Schuld an deren psychischen Problemen tragen.
Entwickeln betroffene Kinder zwangsweise Belastungssymptome?
Ob Kinder in einer derartigen Situation
überhaupt Belastungssymptome entwickeln, hängt ganz wesentlich davon ab, wie
die Erwachsenen mit der Problematik umgehen. Kinder sind umso besser gegen die Entwicklung von psychischen Krankheitssymptomen geschützt, je mehr Sicherheit sie
bisher in der Beziehung zu ihren Hauptbezugspersonen, ihrer Umwelt und sich selbst
entwickeln konnten – in der Psychologie
nennt man das „Copingstrategien“.
Welche psychosomatischen Symptome
drohen, wenn ein Kind keine Copingstrategien entwickeln kann?
Wenn Kinder in ihren Copingstrategien über
einen längeren Zeitraum überfordert sind,
können sich abhängig von der individuellen
Disposition ganz unterschiedliche Symptome entwickeln – neben psychosomatischen
Beschwerden können sowohl aggressive
und dissoziale Verhaltensweisen, sozialer
Rückzug und depressive Symptome, Ängste,
ja, ich möchte die
zwanghafte Züge, aber auch schulische Lernund Leistungsschwierigkeiten auftreten.
Wie können Eltern trotz ihrer Erkrankung
eine „gute“ und tragfähige Beziehung zum
Kind beibehalten?
Wichtig ist es, trotz aller Turbulenzen so
weit wie möglich Sicherheit, Stabilität und
Kontinuität zu vermitteln. Für Kinder ist es
ungemein entlastend, zu wissen, dass der
betroffene Elternteil in guten Händen ist
und entsprechend kompetente Unterstützung und Behandlung erfährt. Dem Kind
muss dabei immer klar vermittelt werden,
dass ihm das uneigennützige Hauptinteresse und die Liebe der Eltern gilt. Darüber hinaus darf nicht übersehen werden, dass es oft
ganz einfache Dinge sind, die in turbulenten
Phasen des Lebens Kindern Sicherheit vermitteln können – hier sind fixe Rituale ganz
wichtig.
Welche Rituale können das sein?
Alle liebgewonnenen Gewohnheiten, die
Regelmäßigkeit, Vorhersehbarkeit, Ruhe und
damit Sicherheit vermitteln. Etwa die Gutenachtgeschichte, das Kuscheln vor dem
zu Bett Gehen, aber auch das gewohnte
wöchentliche Fußballtraining oder andere
Hobbys, die die außerfamiliären Kontakte
des Kindes fördern.
HPE – Hilfe für Angehörige psychisch
Erkrankter
www.hpe.at
Die einzige Einrichtung, die derzeit
vorbeugende Hilfe für Kinder psychisch
kranker Eltern anbietet, ist der Verein
„TAKA TUKA“ der Caritas. TAKA TUKA
bietet kostenlose und anonyme Hilfe:
T. 0650/533 35 09, Mo–Fr 9.00–13.00 Uhr
147 Rat auf Draht
147 – die Hotline für Kinder und
Jugendliche von orf.at
Bei „147 Rat auf Draht“ wirst du von
fachlich geschulten Beratern und Beraterinnen betreut: von Psycholog(inn)en,
Psychotherapeut(inn)en, Lebens- und
Sozialberater(innen) und einem Juristen.
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Chaos ist keine Lösung.
Aber ein guter Anfang.
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Die 30-jährige Julie wünscht sich eine berufliche Veränderung und hängt ihren Job in der Werbebranche an
den Nagel. Ihr Freund Simon unterstützt sie nicht wirklich, er lebt in seiner eigenen Welt. Da taucht plötzlich
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nimmt ihren Lauf.
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schräglage
Der Hang zum schwarzen Humor
Geheilt vom Schmerz
Erfolgsgeschichten chronisch Kranker
Autor: Dr. med Thomas Hartl
Uberreuter Verlag
ISBN: 978-3-8000-7449-5
Dieses Buch zeigt, dass sich niemand mit seinen Schmerzen abfinden muss. Es zeigt, dass es mehr Wege gibt, als
nur Schmerzmittel zu schlucken und still vor sich hin zu
leiden. Es zeigt, dass Schmerzen auf allen Ebenen des
Lebens – Körper, Geist und Seele – geheilt oder gelindert werden können. Das Buch porträtiert Menschen,
die aktiv nach Wegen aus der Schmerzhölle gesucht und
ihren Weg gefunden haben. Ihre Erfahrungen und das
neueste Wissen von Experten bieten praktische Hilfe für
Betroffene.
Detox your Life.
Wie Sie Ihren Körper
beim Entgiften unterstützen und sich
von Belastungen befreien
Autor: Dr. med. Christian Matthai
Kneipp Verlag
ISBN 978-3-7088-0479-8
Detox bedeutet „Entgiften“. Das Buch basiert auf den
neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und zeigt,
wie man seinem Körper beim Entgiften helfen kann, ihn
von Belastungen befreit und das Immunsystem optimal
unterstützt. Besondere Berücksichtigung finden dabei
die beiden „Entgiftungsorgane“ Leber und Niere. Die
Empfehlungen beziehen sich auf die Bereiche Ernährung,
Sport, Vitalstoffe, Stressmanagement und das Meiden
von Umweltbelastungen. Der passionierte Lifestylemediziner Christian Matthai informiert in seinem neuen
Buch über Detox-Möglichkeiten, die durch wertvolle
Tipps, eigens von ihm kreierte Rezepte und Detox-Pläne
einfach in den Lebensalltag integriert und in die Praxis
umgesetzt werden können.
Wahnsinnig genial!
ANDY WOERZ
Ist man von etwas besonders begeistert, sagt man im Affekt oft wahlweise
„Wahnsinn!“ oder „Genial!“ Nicht, dass
der Gebrauch der beiden Worte auch
etymologisch gleichzusetzen wäre, aber
man erahnt, dass Genie und Wahnsinn
im Volksmund mitunter deckungsgleich
verwendet werden. Man hat erkannt,
dass beide Zustände die Grenzen der
Normalität überschreiten. So bequem
Normalität (also, „dem Gerüst der Norm
entsprechend“) auch sein mag – will man
das wirklich? Ist es nicht spannend, sich
ab und zu über Grenzen hinauszulehnen?
An welche Situationen erinnern Sie sich
am ehesten in Ihrem Leben und im Leben
anderer? An die „normalen“, oder an
jene, die ein wenig an oder über Grenzen
gegangen sind? Wagen wir ein kleines
Gedankenexperiment: Sieht man sich die
beiden Ausdrücke „Genie“ und „Wahnsinn“ genauer an, und verschiebt man die
Buchstaben, kommt man unter anderem
auf folgendes Ergebnis: „Sinne – hinwagen“. Wagen Sie sich an ihre wahnsinnig
genialen Sinne heran. Genialität und
Wahnsinn haben etwas mit Wahrnehmungsverschiebung zu tun. Im positiven
und im negativen Sinn. Sehen Sie sich als
perfektes Ganzes. Betrachten Sie sich als
– Achtung, es folgt „eine Prise Wahnsinn“
– einen Satz. Man hat herausgefunden,
dass man einen Satz sehr wohl lesen
kann, sofern der erste und der letzte
Buchstabe der Wörter am richtigen Platz
sind. Der rset knan tatol deiuranchnedr
sien und man knan es iernmomch onhe
porbelm lseen, wiel wir nchit jeedn
bstuchbaen aeilln lseen, srednon das
wrot als gzanes.
Kitzeln Sie das Genie in sich. Verschieben Sie Ihre Normalität innerhalb Ihres
persönlichen „Satzes“. Wagen Sie Ihren
genialen Wahnsinn.
WDD-1846, 05/2010
Trau Deiner Phantasie –
wage Ungewöhnliches!
Mach das Ziel zu Deiner
Leidenschaft – bleib dran!
Erkenne Deine
Verantwortung – lebe sie!
Lundbeck ist die einzige Pharmafirma, die
sich auf die Behandlung psychiatrischer und
neurologischer Erkrankungen konzentriert.
Weitere Informationen über
Lundbeck unter: www.lundbeck.com
Spezialist in Psychiatrie und Pionier in Neurologie
www.lundbeck.at
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