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2. Vorlesung - diese Aufwertung von Bewegung gleichermaßen wie

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Prof. Dr. Dirk Oschmann, VL 1800-1930
2. Vorlesung
- diese Aufwertung von Bewegung gleichermaßen wie die Identifikation des Beweglichen
mit dem Lebendigen lassen sich durch eine Fülle an Beispielen verifizieren. Gleich ob Lenz
angesichts der erwähnten Entsprechung zwischen physischer und moralischer Welt behauptet,
der glücklichste Zustand des Menschen sei ein „Zustand der Bewegung“, ob Rousseau
meint, „[o]hne alle Bewegung ist das Leben nichts als ein schläfriger Zustand“, ob es sich um
ärztliche Anweisungen handelt, die bereits damals „Bewegung“ in der freien Natur verordnen,
um die Gesundheit zu fördern, oder ob Stadtplaner das Niederreißen der Stadtmauern
postulieren, um den Zugang zur Natur zu erleichtern und die Einrichtung von sogenannten
„öffentlichen Bewegungsplätzen“ zu ermöglichen – allemal figuriert Bewegung als jenes
Zauberwort, das den Menschen in die Freiheit, in die Natur oder zu sich selbst zurückführt
und das ihn mit dem Leben verbindet. Denn „[d]as Leben ist von der Bewegung nicht zu
trennen: durchaus ruhende Formen würden todtseyn.“ (A.W. Schlegel) Da insbesondere die
Natur selbst als Bewegung begriffen wird, leuchtet Novalis’ in den „Lehrlingen zu Saïs“
erhobene Forderung ein, der Mensch solle „Mitbewegung“ sein, um wieder in die Harmonie
der Dinge einzutreten und dem Ideal der Spiegelbildlichkeit von Makro- und Mikrokosmos zu
genügen.
- durchweg erscheint Bewegung außerordentlich positiv besetzt
- doch Anfang des 19. Jh. treten bereits erste Gegenstimmen auf, die die Verluste von
Bewegung, Geschwindigkeit und Beschleunigung formulieren: Goethes Plädoyer für die
Langsamkeit (Vgl. Manfred Osten: „Alles veloziferisch“ oder Goethes Entdeckung der
Langsamkeit. Frankfurt/M. 2003), mehr aber noch der preußische Staatsmann Ancillon, der
1828 eine zweibändige Bestandsaufnahme seiner Gegenwart veröffentlicht unter dem Titel
Zur Vermittlung der Extreme in den Meinungen. Für den Grundzug seiner Epoche hält er
dabei die radikale Ausrichtung aller Lebensverhältnisse auf die Idee der Bewegung:
„Alles ist beweglich geworden, oder wird beweglich gemacht, und in der Absicht oder unter dem
Vorwand, Alles zu vervollkommnen, wird Alles in Frage gezogen, bezweifelt, und geht einer allgemeinen
Umwandlung entgegen. Die Liebe zur Bewegung an sich, auch ohne Zweck und ohne ein bestimmtes
Ziel, hat sich aus den Bewegungen der Zeit ergeben und entwickelt. In ihr, und in ihr allein, setzt und
sucht man das wahre Leben.“
Mit polemischer Schärfe beklagt Ancillon über fünfzig Seiten hinweg, in welch umfassender
Form „dieser Hang zur Bewegung“ sämtliche Lebensbereiche durchdrungen und den mit ihr
verbundenen Wertentscheidungen Geltung verschafft hat.
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Prof. Dr. Dirk Oschmann, VL 1800-1930
„In unserm Zeitalter ist es auffallend, wie die Ideen über die besten Mittel, die Erziehung des Menschen,
die Verwaltung des Staats und die Cultur des Volks zu sichern, immer beweglicher geworden sind, und
die Principien über den Zweck des Staats, die Bestimmung des Menschen und das Ziel der Cultur in
demselben Verhältniß von ihrer einwirkenden Kraft verloren haben. Man bemerkt und beherzigt nicht
genug, welchen Weg diese beweglichen und bewegten Ideen zurückgelegt, und welche Fortschritte sie in
extensiver und intensiver Hinsicht gemacht haben. Die Haupt=Tendenz des Jahrhunderts geht dahin, die
beweglichen Ideen, für welche man eingenommen ist, zu verwirklichen, ihren Sieg über die Principien
vorzubereiten und ihren Triumph zu sichern.“
Immerhin verleiht der Autor am Ende der Hoffnung Ausdruck, daß man nicht auch noch eine
„bewegliche“ Gesetzgebung anstreben möge, damit zumindest die Fundamente der
bürgerlichen Ordnung intakt bleiben.
Ancillons empörte Invektive erfaßt prägnant eine Entwicklung, die Mitte des 18.
Jahrhunderts einsetzt und seither die gesamte Moderne beherrscht, sofern sie ihr
Selbstverständnis aus einer geradezu ubiquitären Bewegungs-, Dynamisierungs-,
Mobilisierungs- und Flexibilisierungsrhetorik heraus entfaltet. Zugleich wird seit der
„Sattelzeit“ (Koselleck) eine Fülle von Phänomenen im Horizont des Bewegungsbegriffs auf
eine Weise diskutiert, die in der Verschränkung des Beweglichen mit dem Lebendigen sowie
der Bewegung mit der Freiheit auch ein gewandeltes anthropologisches Verständnis
ankündigt, wie es sich später im Vitalismus weiter ausgeprägt hat. Am Anfang dieses
Prozesses steht die Universalisierung des Bewegungskonzepts, am Ende stehen die mitunter
dogmatischen Diskurse von Mobilität und Beschleunigung, letztlich aber „der flexible
Mensch“.
- als Motive für diesen Wertewandel hin zur Bewegung und zum Beweglichen führt Ancillon
zwei genuin aufklärerische Aspekte an, nämlich die prinzipielle Skepsis und die damit
verbundene
Idee
der
Perfektibilität,
also
die
Verheißung
einer
unablässigen
Vervollkommnung der Welt und des Menschen selbst. Diese Verheißung jedoch hat sich für
Ancillon keineswegs erfüllt, im Gegenteil. Denn die maximale Aufwertung der Bewegung
bedroht regelrecht die Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft, sodaß ihm Bewegung nicht als
positiver Wert, sondern als Chaos induzierendes Krisenphänomen erscheint.
- die Grunderfahrung der Beschleunigung und daß alle Lebensverhältnisse urplötzlich ins
Rutschen kommen können, prägt bereits das späte 18. und frühe 19. Jh. – bei 3 Revolutionen
innerhalb von 50 Jahren wenig verwunderlich: 1789-1795, Juli-Revolution 1830, Bgl. Rev.
1848; Beschleunigung also kein Phänomen des 20. und 21. Jahrhunderts, wie manche
geschichtsvergessene Soziologen meinen: - Anläßlich der Eröffnung der Bahnlinie zwischen
Paris und Orléans reflektiert etwa Heine die Relevanz „der großen Bewegungsmächte“ für die
Sinneswahrnehmung, ja für die gesamte Existenz: Heine zitieren: Lutetia (1855), S. 448f.
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Prof. Dr. Dirk Oschmann, VL 1800-1930
- die Grunderfahrungen von Bewegung und Beschleunigung schlägt sich bereits im 18. Jh.
signifikant in neuen Zeitbegriffen nieder, zugleich „moderne Bewegungsbegriffe“
(Koselleck): Fortschritt, Neuzeit, Revolution, Entwicklung, Geschichte, Krise, Zeitgeist
- grundlegender Unterschied im Blick auf Fragen von Bewegung ist ihre sinnliche
Erfahrbarkeit: die ästhetischen Bewegungskonzepte und die neuen Zeitbegriffe sind das
eine, das andere aber ist die voranschreitende Industrialisierung im 19.Jh. mit Schnellpost
(ab 1821), Eisenbahn und Dampfschiffahrt, neuen und schnelleren Kommunikationsformen
(Telegraphie); Eisenbahn aber wichtigster Erfahrungsgrund und zentrales Sinnbild der
Entwicklung (siehe Heine); zwischen 1833 und 1850 Ausbau des Streckennetzes auf 7000
KM in Dtland, zwischen 1820 und 1850 außerdem Ausbau des Chausseestraßennetzes von
14774 KM auf 52975 KM
- Grunderfahrung von Bewegung und Beschleunigung, die bereits das 18. Jahrhundert
macht und die sich bereits da begrifflich sedimentiert (Fortschritt, Revolution, Geschichte,
Krise, etc.); wenigstens ein Bsp., in dem diese Entwicklung zudem ihren stärksten lit.
Ausdruck findet, in Goethes 1797 veröffentlichtem Epos Hermann und Dorothea, in dem
Goethe die alten Werte der constantia, perseverantia und ataraxia (Beharrlichkeit,
Beständigkeit, Seelenruhe) in den Gestalten von Hermann und Dorothea als die eigentlichen
Lebenswerte veranschaulicht, das Bewegliche hingegen als Bedrohung des Lebens, nicht als
Freiheit (Beweglichkeit – Mobilitas – Wankelmut!); Hintergrund der Szenerie ist der
historische Bruch der Französischen Revolution, mit der alles ins Wanken geraten und der
Umsturz in die beweglich gewordene Welt endgültig vollzogen ist – dagegen wollen
Hermann und Dorothea eine festen Bund schließen, zitieren aus dem 9. und letzten Gesang,
wo die Opposition von Beharrlichem als dem Festen und Sicheren einerseits und dem
Beweglichem als dem Freien und Bedrohlichen explizit entfaltet wird, S. 512ff.
(Verlobungsszene);
- daß Goethe sich in diesem Zusammenhang für das Epos als Gattung entschieden hat, ist
kein Zufall, denn es ist zugleich eine Entscheidung gegen den Roman als die beweglichste
Gattung (in der Wahrnehmung der Zeitgenossen) (kommentieren); das stärker formalisierte
Epos (gebundene Rede, etc.) repräsentiert in gattungstheoretischer Hinsicht mehr das
überzeitlich Geltende im Unterschied zum Roman, der sich stärker auf das historisch
Kontingente – das Bewegliche – einläßt; Gattungsentscheidungen demnach nicht beliebig,
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sondern geschichtsphilosophischer und ästhetischer Index eines historischen
Bewußtseinsstandes
- die Grunderfahrung von Bewegung verstärkt sich, wie letzte Woche angedeutet, im 19.
Jahrhundert durch technisch-industrielle Entwicklung – Bewegung und Beschleunigung
unmittelbar sinnlich erfahrbar mit der Eisenbahn als wichtigstem Symbol dieser
Transformation der Lebenswelt; zudem Bewegung und Beschleunigung zunehmend ein
Problem der Lebensführung; ganz am Ende des 19. Jahrhunderts, in den 80er und 90er
Jahren, dann Erfindung von Auto und Flugzeug als Fortsetzung dessen, was Heine schon um
die Jahrhundertmitte die „großen Bewegungsmächte“ genannt hat, zeitgleich mit der
Entwicklung des Films (1895) als „movie“ oder „motion picture“; die technischen
Möglichkeiten, sich in Bewegung zu versetzen und Bewegung darzustellen, explodieren
förmlich am Ende des Jahrhunderts; parallel dazu läuft die vom Vitalismus, der stärksten
intellektuellen Strömung nach 1870 nochmals forcierte Gleichsetzung von Leben und
Bewegung mit ihrer bis heute normsetzenden Kraft (Nietzsche, Bergson, Simmel)
- solche Beschleunigung ist für die Literatur nicht äußerlich – sie reagiert darauf, indem sie
die sozialen und technischen Wandlungsprozesse in ihrer bewußtseinsgeschichtlichen
Relevanz selbst darstellt (Heine u.v.a.m.), aber sie betrifft auch unmittelbar den lit. Markt;
schnellere Druckerpressen erhöhen allg. Frequenz der Druckerzeugnisse, Bedeutung von
Zeitungen und Journalen steigt – nicht zuletzt als Ort der Erstpublikation: Übergang von
Literatur in Publizistik etc.; Publikationen in Zeitschriften, Journalen – Gattungswechsel,
häufig zu den „kleinen Formen“ (Feuilleton, etc.); neue Formen der Autorschaft; mehr
Autoren schreiben mehr und müssen zunehmend davon leben können; am Ende des
Jahrhunderts Bestimmung des „Dichterischen“ durch Stefan George: Ton – Bewegung –
Gestalt (Vorrede zur Dante-Übertragung)
- stand im 18. Jahrhundert die Entdeckung von Bewegung als eines äußerst positiven Wertes
im Vordergrund, so faßt Simmel Ende des 19. Jahrhunderts den Stand der Dinge in die
Formel vom „absoluten Bewegungscharakter der Welt“ (Philosophie des Geldes, S. 714)
- nach diesen allg. Überlegungen nun konkret zur ersten Phase zwischen 1800 und 1830:
- Zeit seit der Französischen Revolution bis 1830 literarische und philosophische Blütezeit
insbesondere hier in Weimar und Jena, aber auch in Heidelberg, Berlin und Wien als den
kulturellen Zentren in einem Staatsgebilde ohne politisches und urbanes Zentrum
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- in Weimar herrschen noch „die großen Vier“: Goethe, Schiller, Herder und Wieland, in
Jena und weit darüber hinaus dominiert bis 1800 die Frühromantik den Ton mit den Brüdern
Schlegel, Novalis oder Tieck; in diesem äußerst produktiven und zugleich streitbaren Klima
entstehen direkt nach der Jahrhundertwende etliche Grundwerke der „deutschen Klassik“ und
des Idealismus – wenige Beispiele: Schillers klassische Dramen Wallenstein (1800), Maria
Stuart (1801), Die Jungfrau von Orleans (1801), Die Braut von Messina (1803) und Wilhelm
Tell (1804), Goethe publiziert 1808 Faust (1. Teil), Hegel verfaßt hier in Jena die
Phänomenologie des Geistes etc.
- und doch geht hier zugleich etwas zuende, die fruchtbare Konstellation Weimar-Jena
(Goethe spricht von der „Doppel-Stadt“) befindet sich bereits in Auflösung; Konstellation
insofern, als sich hier alles auf engstem Raum abgespielt hat (Weimar hat etwa 2000 EW,
Jena etwa 6000) im Spannungsfeld von Hof und Universität, von Kunst und Wissenschaft,
von Literatur und Philosophie, von Klassik, Romantik und Idealismus die vielfältigsten
und einander inspirierenden Berührungen ergeben hatten, gemeinsame Projekt möglich
waren; jetzt aber bewegt sich die Szene, Berlin gewinnt an Bedeutung: nach dem AtheismusStreit geht Fichte 1799 nach Berlin, 1801 stirbt Novalis, kurz danach gehen F. Schlegel und
sein Bruder August Wilhelm ebenfalls nach Berlin, 1803 geht der Philologe Christian
Gottfried Schütz nach Halle und nimmt als Herausgeber das wichtigste Rezensionsorgan, die
Allgemeine Literatur-Zeitung, mit, 1803 stirbt Herder, 1805 Schiller, 1806 schlägt Napoleon
die Preußen in der Schlacht von Jena und Auerstedt und beendet damit das „Alte Reich“,
nämlich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation; daraufhin geht auch Hegel nach
Berlin; Wieland lebt auf seinem Gut in Oßmannstedt und scheint sich als Repräsentant der
Hochaufklärung ohnehin selbst überlebt zu haben;
- übrig bleibt gewissermaßen „nur Goethe“, die Doppel-Stadt hat merklich an
Anziehungskraft verloren, nichtsdestoweniger entstehen in Weimar noch Goethes große und
einsame Alterswerke (in Auswahl): Die Wahlverwandtschaften (1809) sein „bestes Buch“ –
auf Ringvorlesung hinweisen!, Aus meinem Leben Dichtung Wahrheit (1811ff.), der Westöstliche Divan (1819), Wilhelm Meisters Wanderjahre (1829), Faust. Der Tragödie Zweiter
Teil (postum)
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