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Melancholie und ihre Masken, wie sie sich in späten Werken von

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MASARYK UNIVERSITÄT IN BRUNN
PÄDAGOGISCHE FAKULTÄT
LEHRSTUHL FÜR DEUTSCHE SPRACHE UND
LITERATUR
Melancholie und ihre Masken, wie sie
sich in späten Werken von Joseph Roth
widerspiegeln
Diplomarbeit
Brno, 2004
Jaroslava Kadlčková
Danksagung:
Ich möchte mich vor allem bei dem Betreuer meiner Diplomarbeit Mgr. Pavel Váňa
für seine Hilfe und Unterstützung bedanken. Ich möchte mich auch bei ihm für die,
von ihm organisierten internationalen literarischen Seminare, an denen ich teilnehmen
konnte, bedanken. Diese interkulturellen Begegnungen der Studentinnen der
Pädagogischen Fakultät der Masaryk Universität Brunn und der Studentinnen der
Universität Regensburg haben mich inspiriert und dazu motiviert, sich für deutsche,
bzw. österreichische Literatur mehr zu interessieren. Hiermit bedanke ich mich auch
bei Dr. Harald Tanzer aus der Universität Regensburg, dass er uns die Begegnung mit
den Studentinnen aus Regensburg ermöglicht hat.
2
Hiermit erkläre ich, daß ich die Diplomarbeit selbständig verfasst habe und keine
anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe. Alle Stellen der
Arbeit, die wörtlich oder sinngemäß aus Veröffentlichungen oder aus anderweitigen
fremden Äußerungen entnommen wurden, sind als solche kenntlich gemacht.
Brno, 1.5.2004
3
Inhaltsverzeichnis
4
I . EINLEITUNG
6
1. BIOGRAPHISCHER HINTERGRUND
7
1.1. Kindheit und Jugend
7.
1.2 Militärdienst
12
1.3 Roth als Journalist
13
1.4 Roth in Berlin
16
1.5 Roths Reisen und Werke
17
2. DIE MONARCHIE UND IHRE ROLLE IM LEBEN UND WERK VON
JOSEPH ROTH.
22
2.1 Mythos der Donaumonarchie
24
3. DAS FALSCHE GEWICHT
26
3.1. Inhalt des Romans
3.2 Anselm EibenschQtz als tragisch-melancholische Figur
3.2.1 Grenzschenke in Szwaby
27
28
29
3.3.Leibusch Jadlowker, Kapturak als Eichmeisters Gegenpol..33
3.4 Melancholie der galizischen Landschaft
4.HIOB.
35
37
4.1 Hiobmotiv
38
4.2 Famile Singer und das Leben in Russland
39
4.2.1 Die alte Heimat Zuchnow
39
4.2.2 Mendel Singer
39
4.2.3 Deborah Singer - Mendels Frau
4.2.4 Mirjam, Jonas, Schemarjah und Menuchim
41
43
4
4.3 Familie Singer und Amerikaaufenthalt
46
4.3.1 Mendel Singerund seine Skepsis gegenüber Amerika
46
4.3.2 Mendel Singer und seine tiefsinnige Suche nach der Identität
47
4.3.3 Zu wenig, zu wenig habe ich getan
48
4.3.4 Mendels Abkehr vom Gott und schließliche Versöhnung
50
4.4 Autobiographische Momente im Roman Hiob
5. LEVIATHAN
53
56
5.1 Charakterisiernug der Novelle
57
5.2 Personenkreis
58
5.3Leiden des Korallenhändlers
59
6. GEMEINSAME NENNER DER ANALYSIERTEN WERKEN.
63
IL SCHLUSSWORT.
64
III. LITERATURVERZEICHNIS
66
IV. RESUMÉ.
68
5
EINLEITUNG
Als ich im Jahre 2001 ein Interkulturelles Seminar der Studentinnen der Masaryk
Universität Brno und Universität Regensburg zum Thema Joseph Roth und sein Werk
absolviert habe und dabei ich den Autor und seine Romane genauer kennengelernt
habe, habe ich mich für seine Werke begeistert. Sein Erzählstil eines sehr
aufmerksamen und präzisen Beobachters des Geschehens wirkt sehr authentisch. Er
nähert uns die Zeit und Ort des Geschehens sehr gut an.
Schon bei den ersten Begegnungen mit Roths Werk fällt, die eigenartig bedrückte
Atmosphäre auf. Die Figuren seiner erzählerischen Welt erweisen sich als
Melancholiker, die sich aber hinter zahlreichen Masken verbergen. Sie versuchen auf
diese Weise ihre Unzufriedenheit, ihre Ängste zu verhüllen, die Unmöglichkeit, sich
in ihrer Welt zurechtzufinden zu überspielen.
Diese Melancholie ist sehr auffallend bei dem militärischen Charakter bei
Eichmeister Eibenschütz in Das falsche Gewicht, Mendel Singer in Hiob, sowie dem
Perlenverkäufer Nissen Piecznik in Leviathan. Nicht nur die erwähnten Figuren leiden
jedoch unter der Last der verborgenen Melancholie. Dieser Melancholie der meisten
Figuren Roths, ihren Hintergründen und auch ihren Masken in der erzählerischen
Gestaltung durch Joseph Roth auf die Spur zu kommen, war der Ausgangspunkt der
vorliegenden Arbeit und ihr Erkenntnisinteresse.
6
/. BIOGRAPHISCHER HINTERGRUND
1.1. Kindheit und Jugend
Für Joseph Roths Biographen, war es keine leichte Aufgabe die richtigen
Informationen zu bekommen, um einen Lebenslauf dieses Autors zu schreiben. Dieser
„Mythomane", wie ihn der amerikanische Schriftsteller David Bronsen1 nennt, liebte
es, Geschichten zu erzählen, überall wo er ein Publikum dafür fand. Diese
Geschichten betrafen nicht selten sein eigenes Leben. Roths Freund Hermann Kesten
erklärt diese Eigenschaft Roths folgendermaßen:
Keinem kritischen Beobachter von Menschen, keinem Kenner der eigenen Regungen
und unserer fast stets widersprüchlichen Erwägungen und Beobachtungen entgeht es,
daß alle unsere Wahrheiten im Umgang mit Menschen und mit uns selber aus Fiktion
und Fakten sonderbar und unauflöslich gemischt sind, daß alle unsere
ausgesprochenen Gefühle und Urteile Elemente von Dichtung und Wahrheit
enthalten, daß kein Mensch keinem Menschen ununterbrochen die nackte Wahrheit
sagen kann.
Sein Geburtsort war Brody, damals eine mittelgroße Grenzstadt des österreichischungarischen Kaiserreichs, heute Teil der Ukraine. In dieser zu dieser Zeit zu zwei
Dritteln von Juden bewohnten Handelsstadt wurde Joseph Moses Roth 1894 geboren.
Seinen Vater, der die Familie noch vor der Geburt des Sohnes verlassen hatte, hat
Roth nie kennen gelernt. Und dieser unbekannte Vater wurde zum Helden mehrerer
Geschichten, eine unerschöpfte Quelle immer neuer Erfindungen. Sowohl mündlich
als auch schriftlich gab er seinen Freunden oder Bekannten unterschiedliche
Auskünfte über seinen Vater. Einmal war er ein österreichischer Eisenbahnbeamter
(frühzeitig pensioniert und in Wahnsinn gestorben)3, dann der >Kapsel-Roth<, der
berühmte Wiener Munitionsfabrikant, ein Kunstmaler, ein hoher österreichischer
Staatsbeamter, ein Edelmann, sogar ein polnischer Graf, mit dem seine Mutter eine
kurze Affäre hatte, oder ein Offizier. Diese Aussagen Roths sind ein Beispiel für die
der Theorien Freuds darstellen, nach denen viele Leute sich einen Vater ausdenken,
wenn sie keinen haben.
In einem Brief an seinen Verleger Gustav Kiepenheuer schrieb er:
Er muß ein merkwürdiger Mensch gewesen sein, ein Österreicher vom Schlag
der Schlawiner, er verschwendete viel, trank wahrscheinlich und starb, als ich
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sechzehn Jahre alt war, im Wahnsinn. Seine Spezialität war die Melancholie,
die ich von ihm geerbt habe. Ich habe ihn nie gesehen. Doch erinnere ich
mich, daß ich als Knabe von vier, fünf Jahren einmal von einem Mann
geträumt habe, der meinen Vater darstellte. Zehn oder zwölf Jahre später sah
ich zum erstenmal eine Photographie meines Vaters. Ich kannte sie bereits. Es
war der Herr aus meinem Traum.4
Nachům Roth, Joseph Roths Vater, stammte in der Wirklichkeit aus
Westgalizien und war unter Chassidim5 aufgewachsen. Er sollte Rabbiner
werden, aber er wurde Getreideeinkäufer einer Hamburger Firma. 1892 wurde
er in Brody mit Maria getraut. Ihr Mitgift wollte er dazu benutzen, in
Westpreußen als Holzhändler selbständig zu werden. 1893 wurden Waren
seiner Hamburger Firma in Kattowitz veruntreut. Er fuhr mit seiner Frau nach
Kattowitz, später allein nach Hamburg. Im Zug nach Hamburg scheint eine
geistige Erkrankung zum Ausbruch gekommen oder auffällig geworden zu
sein. Er kam zunächst nach Deutschland in eine Heilanstalt, später wurde er
bei einem wundertätigen Rabbi im russischen Teil Polens in Pflege gegeben.
Er wurde geschildert als „ bildschön mit blondem Vollbart und den gleichen
leuchtenden Augen, die Jospeh Roth besaß. " Er genas nie wieder und lernte
seinen Sohn nie kennen.
Maria (Miriam) Grübel, Roths Mutter, wurde wahrscheinlich 1872, in Brody
geboren. Bei ihrer Heirat war sie 20 Jahre alt. Die Tochter des jüdischen
Tuchhändlers Jechiel Grübel war zweiältestes von sieben Geschwistern, hatte
die jüdische Volksschule, den Cheder, besucht und war streng gläubig erzogen
worden. Ihre Heirat mit Nachům Roth wurde von ihren Brüdern ausgerichtet
und auch ihre Mitgift wurde von ihnen besorgt.
Eineinhalb Jahre hat Maria mit ihrem Mann gelebt. Als er von seiner Reise
nicht zurückkehrte, zog sie wieder ins Elternhaus in einer der Hauptstraßen
von Brody. Nicht Ehefrau, nicht Witwe, lebte sie künftig vor allem für ihr
Kind. Von ihrem Bruder Sigmund in Lemberg erhielt Maria regelmäßige
finanzielle Zuwendungen. Mutter und Sohn scheinen also eingeschränkt
gelebt, aber keine Not gelitten zu haben. Roth besucht zuerst Volkshochschule
und dann ein Gymnasium, erhielt Violinunterricht.
8
Nach der Volksschule und dem Gymnasium in Brody, schrieb sich Roth an die
Germanistik an der Universität Wien ein. Als Hauptstadt des Kaiserreichs und sein
kulturelles, gesellschaftliches und politisches Zentrum, war Wien die Stadt der fast
unbegrenzten Möglichkeiten für den jungen Roth.
Fast sein ganzes Leben lang, ausgenommen die Jahre in Berlin, war Roth sehr arm.
Diesen Zustand konnte man ihm nicht anmerken, denn er wahrte in Kleidung und
Auftreten den Schein, der einem selbstbewussten Wiener „Gigerl" entsprach, wie ihn
sein Freund, der polnische Dichter, Józef Wittlin, beschrieben hat7. Sein dandyhaftes
Aussehen ließ in ihm keinen galizischen Juden erkennen. Er achtete auch sehr darauf,
dass man auch in seiner Aussprache keine Spuren seiner galizischen Heimat merkt.
Sein gesprochenes Deutsch war ein korrektes Hochdeutsch ohne Spuren des Wiener
Dialekts. Es haben sich nur wenige von den Briefen aus der Studienzeit in Wien
erhalten und diejenigen, die geblieben sind, sind Zeugnisse der schweren
Lebensumstände Roths, aber diese Briefe sind nicht von Bitterkeit oder Selbstmitleid
erfüllt. Der Ton dieser Briefe ist „von spielerischer Leichtigkeit und die Schilderung
der Entbehrungen wird ins Humorvolle gewendet. "* So schreibt er in einem
Geburtstagsbrief an seine Cousine Paula Grübel in lässigen und lustigen Tönen:
Herr Wind, mein Freund, hat Frau Wolke geheiratet. Ich war bei der
Hochzeit. Es war sehr lustig. Nun gebärt Frau Wolke täglich Kinder: große
und kleine Regen. Das ist eine fatale Geschichte. Ich muß den Wind bitten,
doch aufzuhören. Denn seine Söhne verpatzen mir täglich meine frisch
gebügelte Hosenfalte. Du weißt, das ist mein Heiligtum.
Der Cousine berichtet er noch in diesem Brief, wieder auf eine lustige Weise, fast
unbekümmert, dass er kein Honorar bekommen hat für seine Gedichte, die in
»Österreichs Illustrierter Zeitung« erscheinen hätten sollen. Deswegen kann er es sich
nicht leisten, ins Kaffeehaus zu gehen, wie es zu der Zeit Journalisten und
Schriftsteller zu tun pflegten, und konnte nicht einmal eine Zeitung kaufen. „Wenn ich
Geld hätte, würde ich es zum Fenster hinauswerfen. [...] Mein Herz ist schwer und
meine Tasche leicht. Aber wenn meine Tasche so schwer wäre, wie mein Herz, so
wäre mein Herz so leicht wie meine Tasche. "I0 Es ist bemerkbar wie sich Roth durch
alle diese Bemühungen den äußeren ,Schein zu bewahren', eigentlich sich selbst, sein
Innerstes, sein Intimstes, vor anderen geheim gehalten hatte. Er war selber ein Meister
der äußerlichen Masken, die keine Einsicht in seine Seele den anderen erlaubt
9
hatten."
Aus diesem Grunde musste Roth schon während seines Studiums eine Beschäftigung
suchen. Er war ein Privatlehrer für die Söhne der Gräfin Trauttmansdorff, was seine
gesellschaftliche Entwicklung sehr beeinflusst hat. Das war für ihn eine Möglichkeit,
mindestens als Beobachter, Zutritt in eine ihm bisher völlig unbekannte und fremde
Welt von Stil und Niveau zu bekommen. Die zweite Verdienstmöglichkeit war
Journalismus. Da er ohne Bekanntschaften aus diesen Kreisen war, musste er sich
etwas ganz Originelles einfallen lassen. Und das tat er. Dem Redakteur der
»Österreichs Illustrierte Zeitung« schrieb er einen Bewerbungsbrief, in dem jede
Wendung und jedes Wort sehr sorgfältig und meisterhaft gewählt wurde, aus dem eine
gewisse Ironie, sowie ein stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein des jungen Studenten
sichtbar ist.
Sehr geehrter Herr Redakteur! Es ist das Schicksal der Armen, daß
sie Allem, was sie beginnen, eine Entschuldigung voraus schicken müssen. Ich
gehöre leider zu dieser Gattung und deshalb bitte ich Sie um Verzeihung.
Wofür? - Nun, daß ich es wage, Sie zu stören. Daß ich es unternehme, Sie mit
meiner unbedeutenden Persönlichkeit zu langweilen und Ihnen Ihre gewiß sehr
kostbare Zeit zu rauben. Aber, bitte, verlieren Sie nicht die Geduld. [...]
Es ist nicht die Sehnsucht nach Druckerschwärze, die mich Ihnen schreiben
heißt, sondern die Not. Sie lehrt heutzutage nicht mehr beten. [...] Die Not
lehrt heute bitten. [...]
So erlaube ich mir denn, Ihnen einige Proben meiner Mühe zu bringen und
Ihnen meine Dienste anzubieten. Vielleicht können Sie mich brauchen.
19
Vielleicht verwenden Sie Einiges in der Sonntagsbeilage.
Und der Brief hat gewirkt. Joseph Roth hat die Stelle bekommen und sein erster
Beitrag erschien am 17. Oktober 1915. Das war das Gedicht Welträtsel. Bis zum
September 1916 erschienen in dieser Zeitschrift noch sechs Beiträge Roths, vor allem
waren es Gedichte und kleine Prosastücke. Roths Cousine Paula Grübel war von
seinen Gedichten, die er ihr auch in Briefen geschrieben hat, begeistert und wollte sie
ordnen und herausgeben. Sie schätzte die Zahl der Gedichte auf 150 und war der
Meinung, dass die Gedichte genau die seelischen Zustände des jungen Roth spiegeln.
Leider wurden die Gedichte in der Warschauer Wohnung seines Freundes Józef
Wittlin während eines deutschen Angriffs zu Beginn des zweiten Weltkriegs zerstört.
Ab 1916 war er im Militärdienst. Nach dem Ende des Kriegs, im Dezember 1918
kehrte er nach Wien zurück. Da er mittellos war, musste er sein Studium aufgeben
10
und eine Arbeit suchen. Dank seiner Bekanntschaften in den journalistischen Kreisen
konnte er wieder in Zeitungen veröffentlichen. Gleich nach seiner Rückkehr von der
Front konnte er in der Zeitung »Frieden« ein Kurzfeuilleton veröffentlichen. Die
Honorare, die nach dem Stand von 1916 bezahlt wurden, waren nicht ausreichend für
ein sorgloses Leben. Dann gründete der bisherige Chefredakteur des »Frieden«, Bruno
Karpeles, eine neue Zeitung. Sie hieß »Der Neue Tag«. Einer der ersten Mitarbeiter
im Team dieser Zeitung war Joseph Roth. Roth schrieb weiterhin Beiträge für die
»Österreichs Illustrierte Zeitung«. Vor allem richtete Roth seine journalistische
Tätigkeit auf »Der Neue Tag« aus. Dort lernte er viele Kollegen kennen, die ihn
förderten. „Jetzt glaubte der ewig zögernde, skeptische und krankhaft selbstkritische
Roth an sich und sein Können"13, erinnerte sich später Fred Heller, ein Kollege von
Roth und ehemaliger Redakteur der Wiener Wochenzeitung »Der Frieden«. In einem
Notizbuch Roths aus den Jahren 1918 und 1919 findet man ca. 90 Themenvorschläge
für seine Artikel. Und in diesen 13 Monaten, in denen »Der Neue Tag« aktiv war,
verfasste Roth über 100 Artikel. Nach der Auflösung der Zeitung »Der Neue Tag«
Ende April 1920, sah Roth für sich keinen Grund, weiter in Wien zu bleiben. „Den
Wienern stand, so kurz nach der großen Völkerschlächterei, der Kopf nicht nach
Federkünsten"14, meint zu der Auflösung der Zeitschrift Sebastian Kiefer.
Schon im Sommer desselben Jahres war er in Berlin, wo er sehr bald in mehreren
Zeitungen als Feuilletonist tätig war. Seine Arbeit in Berlin brachte ihn auf mehrere
Reisen durch ganz Europa, von Russland bis Albanien. Am liebsten hielt er sich in
Paris auf, wo er den größten Teil seiner Werke schrieb. Nach Paris zog er endgültig
Ende Januar 1933, nach der Machtübernahme in Deutschland durch die
Nationalsozialisten. In diesem Jahr begann sein Leben im Exil und endete im Mai
1939 in einem Pariser Krankenhaus.
11
1.2 Militärdienst
Um seine Soldatenzeit hat Roth ein Netz von Legenden geschaffen. Genauso viel wie
sonst nur noch um seinen Vater. Er machte sich gerne zum Offizier und fabulierte oft
von einer längeren Kriegsgefangenschaft in Russland, er legte sich einige
Auszeichnungen zu. In der Wirklichkeit brach Roth 1916 sein Universitätsstudium ab
und meldete sich gemeinsam mit seinem Freund Wittlin freiwillig zum Militärdienst.
Aus ihnen selbst nicht ganz klaren Gründen überwanden die beide eine bislang recht
heftige Abneigung gegen Waffengewalt und Militär. Roths Musterung erfolgte am 31.
Mai 1916 in Wien, und am 28. August rückte er in die dortige Einjährigen Schule des
21. Feldjäger-Batallions ein. Noch im selben Jahr starb Franz Joseph 1. Der Tod des
vorletzten österreichischen Kaisers und seine Beisetzung in der Kapuzinergruft, bei
der Roth als Soldat der Hauptstadtgarnison Spalier stand, hinterließen starke
Eindrücke in der Phantasie des werdenden Schriftstellers.
„Als er begraben wurde, stand ich, einer seiner vielen Soldaten der Wiener Garnison,
in der neuen feldgrauen Uniform, in der wir ein paar Wochen später ins Feld gehen
sollten, ein Glied in der langen Kette, welche die Straßen säumte. Und währen ich die
Nähe des Todes, dem mich noch der tote Kaiser entgegenschickte, erbittert maß,
ergriff mich die Zeremonie, mit der die Majestät (und das war: Österreich - Ungarn)
zu Grabe getragen wurde. Die Sinnlosigkeit seiner letzten Jahre erkannte ich klar,
aber nicht zu leugnen war, dass eben diese Sinnlosigkeit ein Stück meiner Kindheit
bedeutete."
Erst im Frühjahr 1917, als er nach Galizien beordert wurde, verließ Roth Wien. Dort
fand er eine Zeitlang im Räume Lemberg, im Bereich der 32.
Infanterietruppendivision, im Pressedienst Verwendung. Nach einigen Angaben war
er auch mit der Zensur von Briefen befasst. Im August 1917 befand er sich „in
galizischen Sümpfen," zehn Kilomter hinter der vordersten Front. Es ist nicht bekannt,
ob er an Kampfhandlungen teilgenommen hat, aber gewiss sah er das Elend der
Soldaten, und was er erlebte war für seine Sensibilität mehr als zu hart
„Ich habe furchtbare Momente erlebt und Momente vollgrausiger Schönheit" schreibt
er im August 1917 an Paula Grübel aus einem ostgalizischen Augiasstahl, einem ganz
kleinem Städtchen. Im grauen Dreck sieht man bloß ein Paar Judengeschäfte. Alles
schwimmt, wenn es regnet, alles stinkt, wenn die Sonne scheint. Doch hat er der
Aufenthalt hier einen großen Vorzug: Man ist 10 km vom Schuss entfernt... "
12
Die Kriegsniederlage, das Ende einer mehrhundertjährigen Reichsgeschichte bedeutet
für die Einwohner des übriggebliebenen österreichischen Staates nicht nur den
Verlust des Sicherheitsgefühls der Vorkriegsjahre. Der alten Generation ging die
Vergangenheit verloren, der jungen stellte sich eine unsichere Zukunft, zusätzlich
belastet durch die Kriegserfahrungen. Gertrude Stein bezeichnete sie als Lost
Generation. Remarque beschreibt diese Generation sehr treffend im Roman Im
Westen nichts Neues:
Wir sind verlassen wie Kinder und efahren wie alte Leute, wir sind roh
und traurig und oberflächlich - ich glaube wir sind verloren.17
Dieses innere Gefühl betrifft auch Joseph Roth, er selbst versucht sich mit
diesem Gefühl durch sein Schreiben auseinanderzusetzen.
1.3 Roth als Journalist
Nach Versuchen zu seiner Famillie, durch die er durch die Grenzveschiebung getrennt
wurde, zurückzukehren, beschließt er in Wien zu bleiben. Mittellos, die Fortsetzung
seines Studiums in weite Ferne gerückt, wird er Journalist und findet zunächst als
lyrischer Feuilletonist seine Bestimmung.
Joseph Roth arbeitete sein Leben lang für die Zeitung, war als Journalist immer der
Gegenwart zugewandt, von der politischen Verantwortung der Schriftsteller
überzeugt, und scheute sich nicht dies zu tun: er klagte gegen den Krieg, das
reaktionäre Akademikertum, die falsche Gelehrsamkeit, die spießbürgerlich
gewordene Revolution, die Hitlerei. Das Feuilleton der damaligen Zeit war weit
anspruchsvoller als heutzutage, der Leser erwartete literarische und essayistische
Texte von zeitlosem Wert, die Kulturberichterstattung spielte nur eine Nebenrolle.
Ich bin Journalist, kein Berichterstatter, ich bin ein Schriftsteller, kein
Leitartikelschreiber.
Typisch für Roth war, dass er immer wieder den Blick des Lesers auf das scheinbar
Nebensächliche lenkte
Nur durch minutiöses Beobachten der Wirlichkeit kommt man zur Wahrheit.
13
Er bediente sich dabei den unterschiedlichsten Blickwinkeln, mal war er Plauderer,
I
bald Korrespondent oder Satiriker, dann wieder Kritiker. Roth versucht alle
gesellschafliche und soziale Ereignisse der detaillierten Untersuchung zu
unterwerfen, so dass sein (nicht nur) journalistisches Werk objektiv wirkte. Man
erkennt die unvergängliche Aktualität Roths, wenn er über Menschen, Straßen und
Verkehr schreibt. Obwohl seine besten Arbeiten für das Feuilleton der Mehrzahl
seiner Romane an künstlerischer Reife überlegen und vielseitiger sind, außerdem
mehr stoffliches Interesse bieten, liegt der Schwerpunkt des Interesses immer noch auf
seinen Romanen und Erzählungen. Für Roth selbst war journalistisches und
schriftstellerisches Schaffen eine Einheit.
Wenn deutsche Journalisten Bücher schreiben, bedürfen sie beinahe einer
Entschuldigung. Wie kamen sie dazu? Wollen die Eintagsfliegen in den Rang höherer
Insekten aufsteigen Wollen sie, die dem Tag angehören, in die Ewigkeit eingehen?
Professoren und Kritiker säumen den Weg, der in die Nachwelt führt. Dichter, die
gleichsam schon von Geburt eingebunden waren, wollen manchmal eine genaue
Grenze zwischen Journalistik und Literatur ziehen und im Reich der Ewigkeiten den
Numerus Clausus für Tagesschriftsteller einführen. (...) Ein Journalist aber kann, er
soll ein Jahrhundertschriftsteller sein. Die echte Aktualität ist keineswegs auf 24
Stunden beschränkt. Sie ist zeit-und nicht tagesgemäß.
Trotz des Erfolges seiner Arbeit befand sich Roth auf einer andauernden Flucht, und
zugleich auf einer immerwährenden Suche. In seinem gesamten Werk, dreizehn
Romane, acht Erzählungen sowie hunderte von Feuilletons und Glossen finden wir
immer wieder dieselben Themen, Schauplätze und Figuren, zwischen denen er
versucht seine Vergangenheit und seine Erfahrungen zu verstehen und zu verarbeiten.
Auch er selbst taucht in einen Romanfiguren
(...) da stand mein Freund Tunda, gesund und frisch, ein junger starker Mann von
allerhand Talenten, auf dem Platz vor der Madeleine, inmitten der Hauptstadt der
Welt und wußte nicht, was er machen sollte. Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine
Lust, keine Hoffnug, keinen ehrgeiz und nicht einmal Egoismus.- So überflüsig wie er
war niemand in der Welt. ~
Geprägt von seinen Kriegserlebnissen, ohne den Rückhalt einer erfüllten Kindheit,
haltlos nach dem Untergang seines Vaterlandes, der österreichisch-ungarischen
Monarchie, schuld an der Krankheit seiner Frau, fand er sich 1926 in Paris.
Ich kenne, glaube ich, die Welt nur wenn ich schreibe.
14
Er war ein Assimilant, ging nach Wien und Berlin um ein deutscher Schriftsteller zu
werden, schuf als solcher in Paris seine größten Werke, wurde ein Franzose aus dem
Osten. Seine wahre Heimat aber war die Schriftstellerei:
Das Vaterland des echten Schriftstellers ist die Sprache.23
Hier, in seinen Romanen; fand er die geforderte Klarheit. Nicht nur wenn man nichts
zu sagen hat, muss man schweigen, sondern auch, wenn man etwas nicht genau
ausdrücken kann.'4
Sein Stil war eine objektive Darstellung, eine starke Bildhaftigkeit, überraschender
Witz in der Formulierung, eine Neigung zum Extremen. Beobachtung und
künstlerische Phantasie schlossen sich für Roth nicht aus- im Gegenteil, erst durch
das, was der Künstler hinzufügt, lies sich, seiner Auffasung nach, Realität durch
Gestaltung vermitteln.
Schon während des Ersten Weltkrieges schreibt Roth für die Kriegszeitung seiner
Infanterietruppendivision. Im Jahre 1919 gründete Benno Karpeles, der schon das
pazifistische Blatt "Der Friede" betreut hatte, bei dem Roth publizierte, die Zeitung
"Der Neue Tag", in der Roth unter der Rubrik "Wiener Symptome" seine Gedanken
veröffentlichte. Als das Blatt nach kurzer Zeit ihr Erscheinen einstellen musste, ging
Roth nach Berlin, wo er Mitarbeiter der "Neuen Berliner Zeitung" wurde, allerdings
gleichzeitig für andere Zeitungen und Zeitschriften schrieb, weil er auch nicht zuletzt
seinen Lebensunterhalt sichern musste. Seine Artikel für den "Vorwärts" etwa
zeichnete er mit der "rote Joseph", 1923 arbeitete er für Wiener und Prager Zeitungen,
im gleichen Jahr begann seine Arbeit bei der "Frankfurter Zeitung", bei der er "als
einer der Starjournalisten der Weimarer Republik Karriere machte".
Als Paul von Hindenburg 1925 zum Reichspräsidenten gewählt wird, bedeutet das
einen tiefgreifenden Wandel im Roths Leben. Er verlässt Deutschland und geht nach
Frankreich.
Er arbeitet nun fast ausschließlich für die "Frankfurter Zeitung", deren FeuilletonRedaktion Arthur Holitscher, René Schickele, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer,
Franz Theodor Csokor, Anton Kuh oder Soma Morgenstern angehören. Roth entfernt
sich von den tagespolitischen Themen, er verfasst Literaturrezensionen und
Feuilletons im "Stil der Wiener Schule, die inhaltlich und vor allem stilistisch zum
15
Besten gehören", was "in den Zeitungen jener Jahre" erschien. Zu erwähnen sind
Roths Reisereportagen, die ihn in den folgenden Jahren nach Russland, Polen,
Spanien, Albanien, Jugoslawien, Frankreich, Italien und Deutschland führen.
Trotz der einsetzenden literarischen Karriere Roths und seiner zunehmenden Arbeit an
seiner Prosa blieb er, wenngleich die Anzahl seiner Beiträge nun zurückgeht, auch
Journalist und Essayist. Seine journalistische Tätigkeit nimmt dann im Jahre 1933
wieder merklich zu, denn Roth geht noch im Februar 1933 ins Pariser Exil, und er
arbeitet bis zu seinem Tod im Jahre 1939 für unterschiedlich orientierte Exilpresse:
für das "Pariser Tageblatt", die "Pariser Zeitung", "Das Neue Tage-Buch", "Die
Sammlung", den "Christlichen Ständestaat" und die "Österreichische Post".
1.4 Roth in Berlin
Roths Aufenthalt in Berlin ist ein wichtiger Markenstein in seinem Leben.
Hier begann er Filmrezessionen in dem Boulevardblatt Neue Berliner Zeitung, später
das 12 Uhr Blatt, zu veröffentlichen, welche er nebenbei auch noch selbst auf der
Straße verkaufte, um über die Runden zu kommen. Es dauerte nicht lange bis er Fuß
fassen konnte und auch im Berliner Tageblatt und im Feuilleton des Berliner Börsen
Courier ,einer bürgerlich-reaktionären Zeitung, erschien. Es beginnt sich sein
politisches Engagement welches sich klar gegen die Reaktion richtete abzuzeichnen:
Ich kann wahrhaftig nicht mehr die Rücksicht auf ein bürgerliches Publikum teilen
und dessen Sonntagsplauderer bleiben, wenn ich nicht täglich meinen Sozialismus
verleugnen will'
Über die Stadt in der er sich niemals heimisch fühlte schreibt er:
Kein Ostjude geht freiwillig nach Berlin. Wer in aller Welt kommt freiwillig nach
Berlin (...) In Berlin freut man sich nicht. In Wien werden Witze gemacht, in Berlin ist
das Blasphemie. Sie ist die Hauptstadt ihrer selbst (...) Sie hat keine eigene Kultur,
keine eigene Religion, keine Gesellschaft.. Aber sie hat alles, was überall in allen
anderen Städten erst durch die Gesellschaft entsteht.'
Doch es begannen in Berlin gerade die Goldenen Zwanziger während der unter den
schwierigsten wirtschaftlichen Bedingungen die Kultur die seltsamsten Blüten treiben
sollte. Die Stadt pulsierte, Joseph Roth fühlte sich in Berlin jedoch nicht wohl. Er
kam um Karriere zu machen, was ihm auch gelang, und er fand genug Stoff für seine
16
Erzählungen. Doch spürte er einen gewissen Ärger, eine Abscheu gegen diese Stadt
und er schreibt. Er befasst sich mit solchen Themen wie Verkehr, das Stadtleben, das
Kino, Theater, die literarische Szene, die sozialen Nöten und hat immer den Menschen
im Vordergrund, oft die Armen, Vertriebenen, Leidenden. Er beobachtet die Stadt mit
den Augen Eines der den Wahnsinn dieser Stadt durchschaut hat:
Sie allein von allen Städten, die ich bisher gesehen habe, hat Humanität aus Mangel
an Zeit und anderen praktischen Gründen. In ihr würden viel mehr Menschen
umkommen, wenn nicht tausend vorsichtige, fürsorgliche Einrichtungen Leben und
Gesundheit schützten, nicht eil das Herz es befiehlt, sondern weil ein Unfall eine
Verkehrsstörung bedeutet und die Ordnung verletzt.
Am 5. März 1922 heiratete er in Wien Frederike Reichler, die ihm nach Berlin folgte.
Als die Inflation die deutsche Wirtschaft endgültig schulterte, kehrten sie im Juni
1923 gemeinsam nach Wien zurück.
1.5 Roths schriftstellerisches Werk und seine Reisen
Zwischen 1922 und 24 entstanden seine ersten Romane das Spinnennetz, Hotel
Savoy, und die Rebellion, die er schon seit 1920 schrieb. Das Spinnennetz handelt
vom aufkeimenden Nationalsozialismus und den gesellschaftlichen Strukturen, die
ihm den Nährboden vorbereiten. Drei Tage vor dem Putschversuch Hitlers in
München, der in diesem Roman sogar namentlich erwähnt wird, erschien der Roman
als Vorabdruck, und ist ein Zeugniss dafür, dass Roth ein ausserordentliches
politisches Gespür gehabt hat. Im Frühjahr 1925 lebten Joseph Roth und seine Frau
zum ersten Mal in Paris, in der Stadt die ihm bald zur Exilheimat werden sollte.
Schon die anstehenden Kanzlerwahlen wiesen ihm in fast prophetischer Weise die
Zeichen der Zeit:
Wenn es Hindenburg wird, reise ich ab, ich weiß was dieser Wahl folgen wird. 16 Und
er ist begeistert von Paris: Paris ist eine wirkliche Weltstadt. (...) Die wirkliche
Weltstadt ist objektiv. Sie hat Vorurteile, wie die anderen, aber keine Zeit sie
anzuwenden.2H
Um mit Roth auch weiter im Kontakt zu bleiben, bot die Redaktion der Frankfurter
Zeitung ihm eine Korrespondentenreise durch Südfrankreich an. Für Roth stellte diese
17
í'! *$ŕ.
Reise einen, wenn nicht den Höhepunkt seiner Korrespondententätigkeit, dann
bestimmt seines Lebens dar. Aus Marseille schreibt er am 22. August 1925:
Ich gehe heute in den alten Hafen für die Nacht. Das ist die Welt in der ich eigentlich
zu Hause bin. Meine Urväter mütterlicherseits leben dort. Alle verwandt. Jeder
Zwiebelhändler mein Onkel.29
1926 gab die Frankfurter Zeitung die Korrespondenz an F. Siegburg ab. Roth bereißte
daraufhin Rußland; die einzige Alternative zu Paris war für ihn Moskau. Über Berlin
und Frankfurt kehrte er nach Paris zurück, und beendete dort 1927 die Flucht ohne
Ende, welche er während der Rußland-Reise konzipierte, 1929 stellte er Rechts und
Links fertig. 1927 bereiste er Albanien und das Saargebiet, 1928 folgte eine
Reportagereise durch Polen, im gleichen Jahr erscheint Zipper und sein Vater. Schon
seit 1926 kündigte sich die geistige Erkrankung seiner Ehefrau Frederike an. Die
schöne Wienerin erregte das Interesse Aller, und besonders die Eifersucht ihres
Gatten. Er versuchte seine Frau, die er sehr liebte, nach seinen Idealen zu formen und
unterdrückte ihre wahre Persönlichkeit.30 (Vergl.: Cziffra von G.; Der heilige Trinker,
S.52) Das tragische Schicksal dieser Liebe endete für Frederike 1929 in einer Berliner
Nervenheilanstalt; Diagnose Schizophrenie.
1930 brachte man sie nach Österreich um sie bis 194031 in verschiedenen Anstalten
zu pflegen. Roth, der wieder in Paris lebte, verlor sich, gequält von Schuldgefühlen,
immer mehr im Alkohol. Ab 1929 erschien Roth aus rein materiellen Gründen in den
chauvinistisch-reaktionären Münchner Neuste Nachrichten, die er 1924 im
Bilderbogen selbst noch beschimpfte. 1930 erschien Hiob, Roths erfolgreichstes
Buch, 1932 der Radetzkymarsch. 1933, unmittelbar nach der Machtübernahme Hitlers,
ging Roth endgültig nach Paris.
Jede Hoffnung ist aufzugeben, endgültig, gefaßt, stark, wie es sich gehört. Zwischen
uns und ihm ist Krieg. Jeder Gedanke an den Feind wird mit dem Tode bestraft. Alle
Schriftsteller von Graden die dort geblieben sind, werden den literarischen Tod
erleiden.32
Seine Schriften kamen in Deutschland sofort auf die Schwarze Liste. Er machte eine
Vortragsreihe durch Polen, fuhr nach Niederlanden, aber im Exil in Paris verfiel er
verzweifelt über das private und politische Schicksal seiner Heimat dem Alkohol.
18
Seine letzten Veröffentlichungen sivd voll von der Skepsis, Melancholie und
Depression.
Wir haben Alle die Welt überschätzt: selbst ich, der ich zum absolut Pessimistischen
gehöre.- Die Welt ist sehr, sehr dumm, bestialisch. Ein Ochsenstall ist klüger. Alles:
Humanität, Zivilisation, Europa, selbst der Katholizismus; Ein Ochsenstall ist noch
klüger.
Helmuth Nürnberger schreibt über Roths letzte Jahre:
Während Hitler seine braunen Sturmabteilungen ausschickte und Stalin damit
beschäftigt war, seine eigenen Offiziere zu liquidieren, schrieb Roth als politischer
Publizist Artikel und Reden für einen habsburgischen christlichen Ständestaat. Das
Missverhältniss der Kräfte ist nicht ausdrückbar. Roth kämpfte tapfer mit seinen
Mitteln, aber was war er anderes als ein Politisch-Ratloser, zuletzt ein zerstörter
Mann, ein hilfloser Trinker? (...) ein österreichischer Don Quijote34.
Am 27. Mai 1939 stirbt Roth endgültig in Paris.
/
Anmerkungen:
1 David Bronsen schrieb die ausfuhrlichste und umfangreichste Biographie Joseph Roths. Die erste
Ausgabe erschien in Köln 1974.
2 Zit. Joseph Roth, Briefe 1911-1939, Herausgegeben und eingeleitet von Hermann Kesten, Köln Berlin 1970, S. 10,11.
3 Nach David Bronsen, Joseph Roth, Eine Biographie, Köln 1981; S. 34.
4Zit.ÖTOme«/1981,S. 33.
5 Chassidim : Chassidim (hebr. chassid :fromm) nennt man die Anhänger des vom Rabbi Israel ben
Elieser,genannt Baal-Schem-Tov (1700-1760),geschaffenen Chassidismus.
Diese Bewegung entstand in den polnischen Südprovinzien Podolien und Wolhynien unter der sozial
diskriminierten und von Kosakeneinfallen heimgesuchten jüdischen Bevölkerung.
6 Vgl. Józef Wittlin, Erinnerungen an Joseph Roth, in, Hermann Linden (Hrsg.), Joseph Roth, Leben
und Werk, Ein Gedächtnisbuch, Köln - Hagen 1949, S. 49
7 Vgl. Kindermanns Erinnerungen an Roth in, Bronsen/l9S\, S. 133.
8 Zit. Bronsen/l9$l,S. 135.
9Zit.Äo/M970, S. 30.
10 Zit. Roth/\970, S. 31.
11 Vgl. Hermann Linden, Tage mit Joseph Roth, in, Linden (Hrsg.)/1949, S. 27-34.
19
12 Zit. Nürnbergerl\9i\, S. 47.
13 Zit. A7ans Westermann, Joseph Roth, Journalist, Eine Karriere, Bonn 1987, S. 27.
14 Zit. Sebastian Kiefer, Braver Junge - gefüllt mit Gift, Joseph Roth und die Ambivalenz, Stuttgart Weimar 2000, S. 18.
15 Zit. Nürnberger/ 1981/ S. 49
16 Zit. Nürnberger/ 1981/ S 50
17 Zit. Erich Maria Remarque.lm Westen nichts Neues,Kiepenheuer & Witsch, Köln, KiWi 272
18 Zit. Joseph Roth: Briefe 1911-1939. Hg. Hermann Kesten. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin
1970
19 Zit. Joseph Roth: Werke.Hg. Westermann/Hackert Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1989-199IS. 825
20 Zit. Joseph Roth: Werke,Hg. Westermann/Hackert Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1989-1991 S.419
21 Zit. Joseph Roth: Werke,Hg Westermann/Hackert Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1989-1991 S. 826
22 Zit. Joseph Roth: Briefe 1911-1939. Hg. Hermann Kesten. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin
1970S. 452
23 Joseph Roth: Werke.Hg. Westermann/Hackert Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1989-1991 Bd. 3, S.
675
24 Zit. Joseph Roth: Briefe 1911-1939. Hg. Hermann Kesten. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin
1970, S. 70
25 Zit. Joseph Roth: Briefe 1911-1939. Hg. Hermann Kesten. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin
1970S. 40
26 Zit. Joseph Roth: Briefe 1911-1939. Hg. Hermann Kesten. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin
1970, S 57
27 Zit. Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende. Roman, Kiepenheuer & Witsch , Köln,
KiWi S. 329
28 Zit. Joseph Roth: Briefe 1911-1939. Hg. Hermann Kesten. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin
1970, S. 70
29 Joseph Roth: Briefe 1911-1939. Hg. Hermann Kesten. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin 1970, S.
70
30 Zit. Geza von Cziffra, Der heilige Trinker, ein Ullstein Buch Verlag, 1989, S. 52
31 Zit. Joseph Roth: Briefe 1911-1939. Hg. Hermann Kesten. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin
1970, S. 57
20
32 Zit. Joseph Roth: Briefe 1911-1939. Hg. Hermann Kesten. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin
1970, 266
33 Zit. Joseph Roth: Briefe 1911-1939. Hg. Hermann Kesten. Kiepenheuer & Witsch, Köln, Berlin
1970
34 Zit Helmuth Nürnberger: Joseph Roth. Eine Biographie. Rowohlt Taschenbuch Verlag.Hamburg
1981. S. 91
21
2. DONA UMONARCHIE UND IHRE ROLLE IM ROTHS LEBEN
UND WERK
Österreich steht am Anfang und am Ende des Lebens dieses Autors, aber ist auch
zwischendurch gegenwärtig als eine ständige seelische Obsession.
Monarchie unterging definitiv im Jahre 1918 und zwei Jahrzente nach dem
Untergang der Donaumonarchie arbeitet Roth in Paris an der Kapuzinergruft, an Das
falsche Gewicht, an der Geschichte der 1002. Nacht und an verschiedenen politischen
Artikeln mit Habsburgisch-legitimischer Tendenz (Nürnberger, 89). Er erklärt nicht
ohne Sentimentalität, was Österreich und die Vergangenheit für ihn bedeuteten. In
einem Artikel spricht er sogar den toten Monarchen direkt an: Aber dich, mein Kaiser
Franz Joseph, suche ich auf, weil du meine Kindheit und mein Jugend bist...'
In einem anderen Zeitungsartikel trauert er dem Habsburger Mythos nach. Im
Feuilleton über die k. u k. Veteranen schreibt er nostalgisch:
Ihren epochalen Charakter unterstützt die historische Tatsache, dass sie
verschwunden sind, endgültig verschwunden, wie nur die Kindheit selbst
entschwinden kann und wie das Reich der Habsburger, dessen Tod noch wunderbarer
war als sein Leben.
Der Grund dafür, warum er ständig die zerfallene Monarchie umjubelt, ist seine
Meinung, dass es im Laufe von einigen Jahrhunderten der österreichischen Geschichte
innerhalb des Reiches eine nationale Wesenseinheit bildete und das auch trotz des
verschiedenen Charakters der einzelnen Nationalitäten und trotz der verschiedenen
Identität einzelner Völker. Roth meinte, dass es im habsburgisehen Reich ein Gefühl
der Zusammengehörigkeit und der gemeinsamen Identität entwickelte. Gerade dieses
Gefühl findet im Werk von Roth seinen Niederschlag und wird von ihm mit dem
Zerfall der Donaumonarchie so beweint. Für seine monarchistische Gesinnung spricht
auch der Fakt, dass sein Herkunftsland das österreichische Galizien war, ein Teil des
multikulturellen und mehrsprachigen Reiches, wo slawisch-deutsch-jüdische
Elemente die Hauptrolle spielten. Das Zusammenwirken der Kulturen dieser Völker,
die Fähigkeit, kulturelle Einflüsse gegenseitig wahrzunehmen, erwies sich hier als
höchst produktiv. Man könnte sie als kollektive mitteleuropäische Identität
bezeichnen. In der Novelle „Die Büste des Kaisers (1935) äußert Roth seine eigene
22
Stellung und benutze dazu den Hauptprotagonisten den Graf Morstin. Der sei ein
Vertreter der für Roth so wichtigen altösterreichischen Identität, die von den neuesten
Geschehnissen der europäischen Geschichte gefährdet wurde:
In dem Dorfe Lopatyny also lebte der Nachkomme eines alten polnischen Geschlechts,
der Graf Franz Xaver Morstin - eines Geschlechts, das (nebenbei gesagt) aus Italien
stammte und im sechzehnten Jahrhundert nach Polen gekommen war. Der Garf
Morstin hatte als junger Mann bei den Neuner Dragonern gedient. Er betrachtete sich
weder als einen Polen noch als einen Aristokraten italienischer Herkunft. Nein: wie so
viele seiner Standesgenossen in den früheren Kronländern der österreichischungarischen Monarchie war er einer der edelsten und reinsten Typen des
Österreichers schlechthin, das heißt also: ein übernationaler Mensch und ein Adeliger
echter Art. Hätte man ihn zum Beispiel gefragt - aber wem wäre eine so sinnlose
Frage eingefallen? -, welcher "Nation" oder welchem Volke er sich zugehörig fühle:
der Graf wäre ziemlich verständnislos, sogar verblüfft vor dem Frager geblieben und
wahrscheinlich auch gelangweilt und etwas indigniert. Nach welchen Anzeichen auch
hätte er seine Zugehörigkeit zu dieser oder jener Nation bestimmen sollen? - Er
sprach fast alle europäischen Sprachen gleich gut, er war fast in allen europäischen
Ländern heimisch, seine Freunde und Verwandten lebten verstreut in der weiten und
bunten Welt. Ein kleines Abbild der bunten Welt war eben die kaiser- und königliche
Monarchie, und deshalb war sie die einzige Heimat des Grafen.
Die ethnisch vielseitige Identität eines Altösterreichers, das ist eine Darstellung des
idealen Österreichs, eine Utopie nationaler Toleranz. Aber das ideale Österreich
dieses Autors wäre das Reich der slawischen Kronländer - ohne deutschösterreichische Gebiete der heutigen Alpenrepublik. Auch ohne Ungarn. Für die
Bewohner dieser Territorien hatte Roth eher Antipathien. Die national gesinnten
Ungarn waren für Roth ebenfalls Zerstörer des Kaiserreichs. Ihm ging es um ein
austroslawisches Österreich. Seine Sympathie galt den Slawischen Ländern (von
Böhmen, Mähren, Galizien, über Bukowina bis Slowenien. (Slowakei war dabei für
Roth ein magyarisiertes slawische Element, deswegen erwähnt er sie nicht). So sah
seine ideale Vorstellung des habsburgischen Reiches, er sehnte jedoch nach dem zwar
wahren, aber nicht perfekten untergegangenen Österreich - Ungarischen Reich.
Es gab natürlich auch in Österreich-Ungarn mehrere Konflikte und Spannungen
zwischen den einzelnen Völkern (Deutschen, Ungarn, Italiener, Slawen, Juden). Im
Kontext der europäischen Geschichte Mitte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts
gewann aber das von Roth geschaffene übernationale Ideal des alten Reiches eine
besondere Bedeutung. "Die Errichtung der Habsburger Monarchie in Österreich",
23
schreibt er in seiner Publikation "Statt eines Artikels" (1936), werde die sichere
Niederlage der nationalsozialistischen Ideologie bedeuten! Der Vielfältigkeit seiner
alten Heimat stellt Roth die Bestialität des Nationalismus, dessen Höhepunkt
Nationalsozialismus war, gegenüber.
2.1 Mythos4 der Donaumonarchie
Zu der Zeit aber hat sein vorgestelltes Bild der Donaumonarchie die typischen Züge
eines Mythos erreicht, das vom Gefühl der gebrochenen Identität und der
nostalgischen Sehnsucht eine innere Stütze zu finden, begleitet wurde.
Und diese Sehnsucht hat bei Roth tiefere Wurzel. Er sehnt nach der Monarchie, aber
in der Wirklichkeit sucht er seine eigene Identität. Er verließ Galizien gleich nach dem
Abitur. Zu den wichtigsten Lebensstationen wurden Wien, Berlin, Amsterdam und
Paris. Als einer der brillantesten Journalisten seiner Zeit, reiste er viel. Diese ost-,
mittel- und westeuropäische Verschiedenheit sollten Roth zu einem Europäer
machen. In der Emigration wurde aber seine ostjüdische Identität, die er sein ganzes
Leben behielt, mit der westjüdischen konfrontiert. Roths Lebensgefährtin aus Berliner
Zeit, Andrea Manga Bell, erklärte, sie habe in ihm selbst ganz stark den östlichen
Menschen gespürt:
Die Leute des Ostens sind viel unmittelbarer, sie haben noch eine unbefangene und
kindliche Herzlichkeit, die man sonst nur bei primitiven Menschen und Völkern findet.
Solche Menschen können anstellen, was sie wollen, sie bleiben unschuldig und naiv. "
Wenn er sich noch am Anfang seiner literarischen Tätigkeit als Österreicher jüdischer
Abstammung betrachtete, so wurde seine Bindung zum Judentum nach dem Zerfall
der Monarchie immer schwächer, was sich in seiner immer stärkeren Zuneigung zum
Katholizismus als der universellen Konfession des Habsburgerreiches äußerte. Der
Holocaust, der bei vielen jüdischen Autoren ihre Beziehung zum Judentum völlig
veränderte, war ihm vom Schicksal erspart. Gestorben ist Roth kurz bevor der Zweite
Weltkrieg begann.
24
Wenn Roths Ausreise aus Galizien (1913) in die Metropole der Monarchie im
Rahmen des einheitlichen Staates verlief und mit einer Emigration schwer zu
vergleichen war, so beginnt er ab 1918 eine Heimat nach der anderen zu verlieren:
dem Zerfall der Habsburger Monarchie folgte der Anschluss der Ersten Republik an
Deutschland und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Exil bedeutete
für ihn schon eine endgültige Entwurzelung. Seine Wurzel sind also nur imaginäre
Wurzel, die er in seinem Werk schafft, wobei er sie auf die Donaumonarchie seelisch
aufpfropft.
Anmerkungen:
1 Zit. Helmut Nürnberger, Joseph Roth, in, Rohwolts Monographien, Reinbeck bei Hamburg 1981, S.
89
2 Zit. Nürnberger 1981/S. 93
3 Zit. Joseph Roth, Gesamte Werke in sechs Bänden, Köln 1990, Band 5, S. 655 - 656
4 Vergl.Claudio Magris, Der habsburgische Mythos in der modernen österreichischen Literatur, Wien,
2000
5 Zit. Nürnberger 1981/S. 25 - 26
25
3. DAS FALSCHE GEWICHT
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Roman erschien zum ersten Mal bei Kiepenheuer Witsch Verlag in Berlin im Jahre
1937
26
3.1 Inhalt des Romans
Erzählt wird die Geschichte von Anselm Eibenschütz, der auf Wunsch seiner Frau
nach einem zwölfjährigen pflichtgetreuen Militärdienst die Armee verlässt und als
Eichmeister in ein Städtchen in Galizien an der österreichisch-russischen Grenze der
habsburgischen Monarchie kommt. Mit der Moral des Soldaten und einer tief
verwurzelten Ehrfurcht vor dem Gesetz tritt Eibenschütz an, Recht und Ordnung
durchzusetzen. Aber das Grenzgebiet ist eine Gegend, in der die Gesetze des Staates
keine Gültigkeit mehr zu haben scheinen.
Eibenschütz steht als Vertreter der staatlichen Ordnung vor einer Aufgabe, die er nicht
bewältigen kann, gerade weil er im Gegensatz zu seinem Vorgänger "nicht alt, nicht
schwächlich, nicht trunksüchtig war, sondern im Gegenteil, stattlich, kräftig und
redlich.'
Sein schmeichlerischer Schreiber Nowak hat eine heimliche Beziehung zu
Eichmeisters Frau Regina, die von ihm auch ein Kind erwartet. Eibenschütz fühlt sich
einsam, besucht oft eine verrufene Schenke im Dorf Szwaby. Besitzer dieser
Schenke ist ein Mann namens Leibusch Jadlowker. Über Jadlowker lernt Eibenschütz
die schöne Zigeunerin Euphemia kennen, deren Zauber er sofort verfallen ist. Um mit
Euphemia Liebe und Glückseligkeit zu genießen, vernachlässigt er seinen Dienst als
Prüfer. Der steigende Alkoholgenuß verursacht, dass Anselm Eibenschütz Gesetz und
Gewissen zugunsten einer unwirklichen Wahnwelt verliert.
Seine Frau Regina und ihr Kind sterben an Cholera. Die schöne Euphemia liebt einen
Maronihändler Sameschkin, Eibenschütz aus der unerwiderten Liebe, trinkt mehr und
mehr, und wird in seiner Tätigkeit als Eichmeister immer unerbittlicher, doch aber
auch unglücklicher. Schließlich wird er vor der Schenke Jadlowkers ermordet.
Maronihändler Sameschkin verlässt dieses Gebiet, jedoch ohne Euphemia, die in der
Schenke bleibt, um sie zu verwalten.
27
3.2 Anselm Eibenschütz als tragisch - melancholische Figur:
Das Hauptproblem, das uns wie ein Leitmotiv durch den ganzen Roman begleitet, ist
seine Einsamkeit. Diese Einsamkeit ist verbunden mit Mangel an Entscheidungskraft,
der verhindert, dass Eibenschütz etwas gegen sie unternimmt.
Der Eichmeister Anselm Eibenschütz ist für sein ganzes Leben geprägt durch seine
militärische Vergangenheit. Er lebte zwölf Jahren in der Kaserne und er hatte nichts
selber zu entscheiden, sondern nur zu gehorchen gehabt. Deswegen ist er unfähig
geworden, seine eigene Entscheidung zu treffen. Die einzige Entscheidung, die er
trifft, ist die Heirat mit einer gleichgültigen Frau. Er entscheidet sich für Regina nur,
weil er einsam ist wie alle anderen in der Kaserne.
Besonders schmerzhaft empfand er, das Verlassen seiner Uniform. Auf Wunsch seiner
Frau, muss er die Kaserne einer bosnischen Militärgarnison verlassen und bekommt
als abgerüsteter Militärbeamter Zivilbeamten-Posten. Als Eichmeister muss er Zivil
tragen aber aus „Furcht vor der Furcht" bleibt er seinem Dienst und seinen Pflichten
mit einer soldatischen Disziplin getreu. Dies führt dazu, dass er sehr abgemessen
wirkt und aus diesem Grund halten Leute Abstand von ihm.
Es gibt jedoch Passagen im Roman, in denen es so aussieht, als ob es Eibenschütz
gelungen hätte, seine Einsamkeit zu überwinden. Gerade erst in Zlotogrod
angekommen, kann Eibenschütz beim Eisbruch des Flüsschens Struminka erste
Kontakte zur Bevölkerung knüpfen. An diesem Tag ist er ausgelassen wie alle
Einwohner Zlotogrods und siehe da, dass die Einheimischen mit ihm auf einmal
reden. „Der undjener fragte den Eichmeister, woher er komme und was er hier zu
machen gedenke. Er gab Auskunft, freundlich und zufrieden.'"
Hier benutzt Roth eine schöne Metapher: Ein brechendes Eis als Symbol dafür, dass
es auch ein wenig Eis gebrochen hat, das Eibenschütz von den anderen trennte. Er
fühlt sich jedoch wieder fremd und einsam, als er zu seiner Frau ins Zimmer
zurückkommt, er sagt: „ Regina, jetzt sind wir ganz allein "3
28
3.2.1 Grenzschenke in Szwaby: Illusion des Zufluchtsortes
Anselm flüchtet vor seiner eigenen Einsamkeit in die Grenzschenke in Szwaby.
Als er erfahren hatte, dass seine Frau das Kind eines anderen erwartet, hält er es nicht
mehr in seinem Haus aus und flüchtet in die Grenzschenke in Szwaby. Es ist seine
typische Reaktion: Sobald sich Probleme auftun, flüchtet er, anstatt sich diesen zu
stellen.
Es ist auch mit Sicherheit kein Zufall, dass ausgerechnet die Grenzschenke das Ziel
seiner Flucht ist. Verständlich also, dass Eibenschütz nach einem Ort sucht, an dem
Menschen verkehren, die ähnlich fühlen wie er. In der Schenke finden gerade
Taugenichtse und Verbrecher eine Zuflucht, ebenso Deserteure und andere nach der
Heimat suchende Menschen. Wahrscheinlich ist auch genau das der Grund, warum
Eibenschütz anfangs diesen Ort immer wieder aufsucht. Er ist doch auch ein
„Heimatslose"
,, Obwohl sie ungeheuerliche Mengen Tee und Schnaps tranken und große Handtücher
um die Schultern gehängt bekommen hatten, um sich den Schweiß abzuwischen,
machten sie dennoch den Eindruck von Frierenden - so heimatlos fühlten sie sich
bereits, kaum eine Stunde entfernt von der Grenze ihrer Heimat.
Sicherlich scheint die Schenke oberflächlich betrachtet für alles offen zu sein und für
alle Freiheiten zu stehen, doch eines ersetzt sie nicht, die Heimat. Es werden zwar dort
an die Fremden Handtücher verteilt, und es gibt Tee und sicherlich ist es gemütlich
warm. Aber dennoch machen die dort Verkehrenden den Eindruck von Frierenden.
Zunächst fühlt sich der Fremde, wie auch der Eichmeister Eibenschütz, dort sicher
und geborgen. Doch ist dieses Gefühl nur von kurzer Dauer. Schon bald wird auch der
Romanheld die bittere Erfahrung machen, dass die Grenzschenke nicht der Ort der
unbegrenzten Möglichkeiten sein kann.
Roths Held Anselm Eibenschütz erfährt in der Grenzschenke zum ersten Mal, was die
wirkliche und wahre Liebe ist; er beginnt eine Frau auch solcher Art und Weise zu
begehren, dass ihm alles andere langsam egal wird.
Euphemia, die Freundin Leibusch Jadlowkers, der der Besitzer der Schenke sei, lässt
in Eibenschütz Phantasien aufkommen, wie er sie vorher nicht kannte ^4ls sie auf ihn
zutrat, war es ihm, als erführe er zum ersten Mal, was ein Weib sei. Ihre tiefblauen
Augen erinnerten ihn, der niemals das Meer gesehen hatte, an das Meer.
29
Der sonst so beherrschte und monotone Eichmeister wirkt jetzt plötzlich sehr lebhaft.
Auch längst vergessene Begebenheiten drängen sich ihm durch ihre Erscheinung
wieder auf.
Das alles weist daraufhin, wie sehr sich Eibenschütz zu dieser Frau hingezogen fühlt.
Die Kälte und das Unverständnis seiner Frau Regina vergisst der Eichmeister, wenn er
bei Euphemia ist. Er lebt nur noch für sie.
,, Solang der Sommer dauerte, war Eibenschütz glücklich. Er erfuhr die Liebe und alle
seligen Veränderungen, die sie einem Manne bereitet. Bieder und einfach, wie er war,
mit etwas schwerfälligem Gemüt, erlebte er die erste Leidenschaft seines Lebens
gründlich, ehrlich, mit allen Schauern, Schaudern, Seligkeiten. Nicht nur nachsichtig,
auch nachlässig übte er in dieser Zeit seinen Dienst aus. (...) Was man bei Tage, ohne
Euphemia tat, war ohne Belang. '*
Er blüht auf, hat Freude und Genuss am Leben, wie er es vorher nicht kannte. Dieses
Gefühl begleitet Eibenschütz so lange, bis ihm ein Rivale, der Maronihändler
Sameschkin, die Geliebte wieder nimmt.
Eibenschütz hat sich so sehr in die Liebe zu Euphemia gesteigert, dass er nicht
akzeptieren kann, dass auf einmal alles vorbei sein soll:
„Ja, damals begann das große Leiden des Eichmeisters Anselm Eibenschütz. 7)w
kannst nicht mehr hier wohnen bleiben', sagte ihm eines Nachts Euphemia,
^Sameschkin ist gekommen, du weißt!' (...) 'Sameschkin', sagte sie, 'kommt jeden
Winter. Ihm gehöre ich eigentlich. " 7
Dieses plötzliche Ende der Liebe erträgt Eibenschütz mit Schwierigkeiten. Der
Schmerz ist für ihn sehr groß, als er erkennt, dass seine begehrte Euphemia ihn nur
benutzt hat, um sich die Zeit zu vertreiben.
Sein Leben erscheint dem Eichmeister plötzlich völlig leer, er sieht keinen Sinn mehr
in der eigenen Existenz. „Er lag lange wach und sah den Mond durch die Luke und
kam sich sinnlos und töricht vor. Sein ganzes Leben war sinnlos. Welch ein böser Gott
hatte ihn zu Euphemia gebracht? "8. Eibenschütz fällt in die monotone Einsamkeit
zurück und verdrängt die Einsamkeit und ständige Heimatlosigkeit durch übermäßiges
Trinken. Roth beschreibt seine sich vertiefende Alkoholsucht sehr treffend:
In seinem Inneren brannte der Schnaps, wenn er ihn getrunken hatte und die
Sehnsucht nach dem Schnaps, solange er ihn nicht getrunken hatte. In Wirklichkeit
glühte in ihm die Sehnsucht nach einem Menschen...
Aus dem einst so ehrgeizigen Anselm Eibenschütz ist ein verantwortungsloser
Mensch geworden, der lieber trinkt und Karten spielt. Ebenso stört es ihn gar nicht,
30
bei den Leuten zu verkehren, die mit falschen Gewichten handeln. Eine tiefe
Stumpfsinnigkeit macht sich bei Eibenschütz breit. Anselm verlor nicht nur die
geliebte Euphemia, sondern auch seine Frau Regina, die an Cholera starb. Ihr Tod
ging ihm schon ziemlich nah, obwohl er diese Frau eher hasste denn liebte. So aber
hat Eibenschütz gar niemanden mehr und ist noch einsamer als je zuvor. Zwar hält er
sich jeden Tag in der Grenzschenke auf, in der immer viele Menschen verkehren.
Doch mit der Gegenwart wird er nicht fertig und entwickelt sich zum Alkoholiker:
,Er übertraf alle Trinker. Er wohnte wieder in der Grenzschenke in Szwaby, sein Haus
in Zlotogrod verwaltete nur die Magd, und er kümmerte sich nicht darum, wie sie es
verwaltete. Er konnte sich überhaupt um nichts mehr kümmern. Er trank." °
Als Soldat war Anselm gewohnt, sich immer ordentlich zu reinigen, jetzt aber lässt er
sich gehen:
„Er, der zeit seines Lebens so fleißig darauf bedacht gewesen war, sein Aussehen zu
pflegen, aus dienstlichen Gründen, die eigentlich bereits Gebole seiner Natur
geworden waren, begann jetzt nachlässig zu werden, in der Haltung, im Gang, im
Angesicht. (...) Es war ein ganz neuer, ein ganz veränderter Anselm Eibenschütz. "
Nicht nur sein Äußeres wird mehr und mehr unterlassen, aber es kommt gleichzeitig
auch zu einer inneren Verhärtung und im Dienst erweist er sich als ein Unmensch, der
mit einer enormen Strenge das Gesetz durchsetzt. Es führt bei ihm jedoch zu einer
gewissen Schizophrenie. Natürlich weiß er, dass in dieser Gegend niemand
unschuldig ist und dass jeder das Gesetz verletzt, der neue Eibenschütz in ihm jedoch
sagt: „Herz habe ich nicht im Dienst. "n Diese Passage erweist deutlich, dass er sich
noch nicht dessen bewusst ist, dass er langsam verfallt. Seine Maske der Melancholie
zeigt sich in seiner Stellung: anstatt das Problem zu lösen, versucht er sein schlechtes
Gewissen, durch einen gewissen Diensteifer zu überdecken. Dies macht er aber
unbewusst, erst später soll er zu der Erkenntnis kommen, dass dies ein großer Fehler
war, der ihm das Leben kostete.
Es ist auch der „neue Eibenschütz," der aus dem Anlass Kapturaks die Kontrolle des
Ladens, der einem der ärmsten Bewohner Zlotogrods Mendel Singer gehört,
inszeniert. Dabei ist völlig klar, dass die Existenz des armen Händlers bedroht wird,
weil er eine hohe Geldstrafe bezahlen muss. Bei dieser Aktion kommt Eibenschütz
erst recht in den Zwiespalt mit sich selbst, der „alte Eibenschütz" in ihm bemerkt:
„ Das hätten wir nicht tun dürfen " .
31
Letztlich erkennt Eibenschütz, dass das Gesetz unmenschlich ist, und er ein
Unmensch war. Hier sehen wir deutlich, dass das Gesetz ihm Entscheidungen ersetzte,
aber nicht das Gewissen. Es entsteht in ihm ein Konflikt zwischen Recht und
Gerechtigkeit, er schwankt verzweifelt zwischen Gut und Böse. Seine Unsicherheit
wird immer deutlicher.
Der Eichmeister, der sich zuletzt für einen verlorenen Menschen hält, fragt
verzweifelt:
Wer regiert eigentlich die Welt ?14 (Diese Frage ist anscheinend auch Frage des
Autors angesichts der Zeitereignisse.)
Seinen tragischen Höhepunkt erreicht der Roman, als der Eichmeister von Leibusch
Jadlowker, den Aselm einst verhaftet hatte, ermordet wird. Der Grund für den Mord
war bei Jadlowker, nicht nur das Gefängnis, sondern auch die Empörung Jadlowkers
wegen der Kontrolle des Ladens von Mendel Singer.
In der Sterbestunde sieht sich Anselm Eibenschütz vor den himmlischen Richter
gestellt. Der Gott tritt als der Große Eichmeister auf, erklärt dem Sterbenden: ,^4lle
deine Gewichte sindfalsch, und alle sind dennoch richtig. Wir werden dich also nicht
anzeigen!"
Dieses geheimnisvolle Urteil ist ein Beweis dafür, dass Roth tiefe Verständnis für
menschliche Schwächen hatte. Perfektion und tadelfreies Verhalten hat er vom
Menschen nicht verlangt und genau die schwächeren Charaktere liegen ihm sehr
nahe. Hilflosigkeit und Melancholie Anselms sind seiner Meinung nach nur Folgen
mehrerer Zusammenhänge in seinem Leben. Es ist ein Beweis für Roths stark
entwickelte Empathie: Der Leidende erkennt fremdes Leiden und findet dadurch
Versöhnung und Sündenerlass. So erwidert der größte Eichmeister : „Genaue Waagen
gebe es überhaupt nicht, "
Obwohl also diese Szene sehr hoffnungsvoll und versöhnlich wirken soll und auch
natürlich wirkt, ist in ihr eine gewisse Portion Ironie und Trostlosigkeit versteckt, die
nicht den Eichmeister Eibenschütz, sondern den Autor selbst betrifft.
32
3.3 Jadlovker und Kapturak als Eichmeisters Gegenpole
Hier sind wir bei den beiden Figuren, die einen Gegenpol zu Eichmeister bilden und
seinen Untergang symbolisieren. Zunächst ist Anselm Eibenschütz davon überzeugt,
einen verlängerten Arm der monarchistischen Justiz in einem von der Hauptstadt weit
entfernten Stadt zu verkörpern. Er stößt jedoch auf Jadlovker und Kapturak. Jadlovker
ist ein Betrüger und Besitzer der Grenzschenke in Szwaby. Kapturak ist der
Schmuggler, der die Flüchtlinge aus Russland über die Grenze hinübersetzt, wobei die
Grenzschenke ein Ort ist, wo sich alle treffen. Außerdem vermittelt Kapturak Arbeit
für Männer aus der Umgebung und besorgt manchen Papiere zur Auswanderung nach
Amerika. Kapturak ist ein nicht gekrönter König dieser Gegend. Er hat seine eigene
Regel, nach denen sich alle richten. Er ist intelligenter als durchschnittlicher Mensch
hier, deswegen ist er auch so erfolgreich. Eibenschütz, der daran gewöhnt ist, sich an
das österreichisch-ungarische Gesetz zu halten, hält Kapturaks Regel als
Gesetzüberschreitung und Anarchie. Er ist jedoch mit solcher Einstellung alleine und
versucht sich mit dieser Situation auseinanderzusetzten. Jadlowker und Kapturak sind
sich dessen bewusst, dass Eibenschütz sich den Bedingungen anzupassen versucht. Die
Lösung seiner Situation findet er darin, dass er sich im Eichmeisterdienst streng an das
Gesetz hält, außer Dienst ist es ihm egal, ob jemand das Gesetz überschreitet. Eine
Ausnahme macht er im Falle Jadlowkers. Der sei sein Gegner auch was die Liebe zu
der schönen Zigeunerin Euphemia betrifft, deswegen lässt Eibenschütz ihn festnehmen.
Mit der absichtlichen Festnahme des Leibusch Jadlowkers durch den Eichmeister ist
die Grenze zwischen Ordnung und Anarchie bereits verschwommen und alles gipfelt
schließlich in der Maßnahme gegen den Laden der Familie Singer. Diese haben einen
so armseligen Laden:
„ daß er sich sogar von den sehr armseligen dieser Gegend unterschied. So arme Leute
gab es in der Gegend nicht, die bei Blume Singer eingekauft hätten. Und dennoch
konnten sie immerhin noch leben - so hilft Gott den Armen. Ein klein wenig Herz
schenkt Er den Reichen, deshalb kommt von Zeit zu Zeit einer von ihnen und kauft
irgend etwas, was er nicht braucht und was er auf der Straße fortschütten wird. "Aber
der Rahm im Laden ist sauer, die Rosinen verschimmelt und die Gewichte falsch,
weshalb der Eichmeister zur Amtshandlung schreitet und die Existenz der Familie
Singer ruiniert - denn Gesetz ist Gesetz.
33
Derjenige, der dem Eichmeister dazu einen Anlass gegeben hat, war Kapturak.
Kapturak war es, der den Eibenschütz auf den Gedanken gebracht hat, dass auch dieser
Laden kontrolliert werden muss. Roth beschreibt Kapturak als eine Art des teuflischen
Einbläsers, als eine Schlange, die sein Opfer hypnotisiert, damit es ihren
Erhaltungstrieb verliert und infolgedessen auch eigentlich ihrer eigenen Auflösung
hilft.18 So hat Eibenschütz ein letztes Mal die Gewichte geprüft und die Stärke der
Gesetze und ihrer Redlichkeit vorgeführt, indem er den schwächsten Teil der
Gesellschaft vernichtete.
Dieses starre Festhalten an den Grundsätzen der Ordnung und die Maßlosigkeit des
unbedingt geltenden Gesetzes erzeugt sogar bei Jadlowker tiefe Verachtung. Er lauert
Eibenschütz vor der Schenke auf und erschlägt ihn. In der abschließenden (zugegeben
rätselhaften) Parabel bleibt zwar offen, worin die Richtigkeit und Falschheit von Gewichten
und Maßen besteht - Im Prinzip wird aber daraus klar, auf welcher Art und Weise sich den
Gesetzüberschreitungen Jadlowker und Kapturak unterschieden:
"Die meisten sterben dahin, ohne von sich auch nur ein Körnchen Wahrheit erfahren zu
haben. Vielleicht erfahren sie es in der anderen Welt. Manchen ist es aber vergönnt, noch in
diesem Leben zu erkennen, was sie eigentlich sind. Sie erkennen es gewöhnlich sehr
plötzlich, und sie erschrecken gewaltig. Zu dieser Art Menschen gehörte der Eichmeister
Eibenschütz."
Und mir bleibt nur beizufügen, dass weder Jadlowker, noch Kapturak zu solchen Leuten
zählten.
Ein wichtiger Aspekt meiner Werkanalyse ist die Betrachtung der Beziehung zwischen
Kapturak und Jadlowker und Eibenschütz aus der Hinsicht einer inneren Symbolik. In der
Persönlichkeit des Eichmeisters soll die Habsburgische Monarchie dargestellt werden,
Kapturak und Jadlowker dagegen verkörpern eine Anarchie und auch das verkehrte System,
dass immer nach dem Untergang etwas langjährigeres ensteht und das sich durch den Verlust
der Sicherheiten charakterisieren lässt.
34
3.4 Melancholie der galizischen Landschaft
Zur melancholischen Stimmung des Romans Das falsche Gewicht trug auch die
Schilderung der Landschaft bei. Als der aus Mähren (Mikulov-Nikolsburg)
stammende Beamter in Zlotogrod eintrifft und dort den strengen Winter erlebt,
während in den westlichen Regionen des Reiches bereits der Vorfrühling herrschte,
verstärken Schnee, Finsternis, Kälte, Eiszapfen sein Gefühl der Einsamkeit und
Fremdheit. Es ist sehr interessant und merkwürdig, dass Joseph Roth sehr oft die
Schilderung der galizischen Landschaft benutzt, um uns die Stimmung und die
Atmosphäre anzunähern. Wie die galizische Natur einmal als bedrohlich, einmals als
beglückend, abhängig von der Stimmung der Wahrnehmenden, veranschaulichen zwei
Jahre des Eichmeisters. Das brechende Eis auf dem Fluss Struminka, die im
Vorsommer nach Akazien duftende Nacht des verliebten Eibenschützes. Im Sommer
herrscht eine unerträgliche Hitze, aber mit dem erfrischenden Regen entschließt sich
der verliebte Anselm, in die Schenke zu Euphemia einzuziehen. Mit dem Herbst und
Winter kommt zum Untergang und zum moralischen und sozialen Sinken des
Beamten und schließlich kommt auch der verdiente Tod aus der Hand Jadlowkers. Es
zeigt sich also, als ob dieses Land für die Einheimischen ein schönes, friedliches
Land, für die Fremden dagegen ein tückisches Land voll von den „Sümpfen," in
denen man leicht untergehen könnte, wäre.
Anmerkungen:
1 Joseph Roth, Roths Werke in 6 Bänden, Köln 1990, Bd. 3, S. 139
2 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S.141
3 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S 141
4 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 155
5 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 157
6 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 191
7 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 193
8 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S.194
9 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 212
35
10 Roth. Köln 1.990/Bd. 3, S.210
11 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 210
12 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 214
13 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 214
14 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 215
15 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 229
16 Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 230
17 Roth. Köln 1990/Bd. 3, S. 216
18 Vergl. Roth, Köln 1990/Bd. 3, S. 216
19 Vergl. Nürnberger, 1981, S. 126
36
4 HIOB, ROMANEINES
EINFACHEN
MANNES
Roman erschien zum ersten Mal im Jahre 1930 bei dem Kiepenheuer Verlag in
Berlin.
37
4.1 Hiobmotiv
Seit langer Zeit gehören Leid, Melancholie, Katastrophen, Krankheit und Tod zu den
Erfahrungen, die Menschen wie einst Hiob1 immer wieder fragen lassen: Wie kann
Gott diese Übel zulassen? Warum müssen selbst Kinder und Unschuldige leiden?
Diese brennende Frage und vergebliche Suche nach dem Warum von Leid und Tod ist
bis heute immer noch sehr aktuell. Und so ist es auch natürlich, dass die biblische
Hiobgeschichte so viele Schriftsteller inspirierte. Hiob ist ein Sinnbild für einen vom
Schicksal geschlagenen Menschen. Vor allem jüdische Autoritäten deuten an Hiob
und vergleichen sein Schicksal mit dem Schicksal des jüdischen Volkes. Stefan Zweig
meinte sogar, dass jüdische Volk der „Hiob unter den Völkern"2 sei. Margarete
Susman deutete 1946 das Hiob-Schicksal als Symbol für die Leidensgeschichte der
Juden.
Höhepunkt der literarisch verarbeiteten Hiob-Geschichten ist Joseph Roths „Hiob.
Roman eines einfachen Mannes" aus dem Jahr 1930. Er erzählt hier die Geschichte
eines modernen Hiob: Ein jüdischer Lehrer Mendel Singer, der in Galizien lebt,
wandert nach Amerika aus, und dort trifft ihn das Unglück in seinem Leben so hart,
dass er sich von Gott abwendet. Aber durch die wunderbare Heilung seines Sohnes
wird er schließlich zu Gott zurückgeführt.
38
4.2 Familie Singer und das Leben in Russland
4.2.1 Die alte Heimat Zuchnow
In Zuchnow, einem aus dem Roman nicht näher zu lokalisierenden kleinen russischen
Dorf lebt die jüdische Familie Singer. In ihrem Leben dominiert bittere Armut und
..schlichte Frömmigkeit" des Kopfes der Familie Mendel Singer. Er, dessen „Leben
ständig schwer undzuweile Plage war" verdient in seinem Beruf als Bibellehrer
M'lamed 5 - kaum genug um die bald sechsköpfige Familie zu ernähren. In der
Gesellschaft steht Mendel Singer ganz unten und wird von seiner eigenen Frau dafür
wenig geachtet.
Durch Geburt seines epileptischen Sohnes Menuchim, den Mendel als Strafe für seine
Sünden betrachtet, wird die ohnehin schon angespannte Familiensituation noch weiter
belastet. So erfährt man im weiteren Verlauf des Romans zahlreiche Einzelheiten aus
dem Alltagsleben der Familie. Dabei wird klar, dass Roth, der Schwerpunkt der
Beobachtungen und Beschreibungen auf die Hauptfigur, auf Mendel Singer legt.
4.2.2 Mendel Singer
Eine äußerst melancholische und gleichzeitig eine der mit dem Schicksal meist
versöhnten Figuren im Roman.
Roth beschreibt deutlich Mendels Wahrnehmung seiner russischen Heimat, sowohl
auch im Schtetl6, als auch außerhalb des Schtetls. Mendel Singer ist ein aktives
Mitglied der kleinen-jüdisch orthodoxen Gemeinde fühlt sich in ihr wohl. Diese Welt
sei nur von Gott gelenkt und jeder Eingriff in diese eigene Welt wird von Mendel als
„Strafe Gottes" empfunden, zum Beispiel bei der Pockenimpfung der Juden . In
diesem Rahmen lehnt er auch ein Hilfsangebot des russischen Arztes ab, der bei
Menuchim eine heilbare Form der Epilepsie diagnostiziert. Mendel, der
Gottesgläubige, denkt, dass Menuchim „kein Doktor heilen kann, wenn Gott nicht
will7" und außerdem möchte er nicht, dass sein jüngster Sohn im Spital „unter
russischen Kindern" aufwächst und dort „kein heiliges Wort" hört.
39
Auch in anderen Situationen dringt Mendels Angst vor dem Land, seinen Bewohnern
und den russischen Gesetzen zu Tage. Seine eigene Fremdheit ist eine innere
Fremdheit der russischen Welt und auch der Natur gegenüber und wird besonders
deutlich nach dem Neumond-Fest,0 dargestellt. Er bekam Lust sich auf den Boden zu
legen, hatte aber Angst vor der unbekannten Erde und dem gefahrvollem Gewürm,
das sie höchstwahrscheinlich beherbergte. " '
Er fühlt sich bedroht von der Natur und vor den Bauern und Soldaten, die für ihn
Gewalt, Pogrome und Mannes-Kraft symbolisieren. Er selbst ist anders, er kann sich
durch das monotone Gebet beruhigen, ist demütig, aber auch vorsichtig. Auch seine
Reise nach Dubno - er muss die notwendigen Papiere für die geplante Auswanderung
beantragen - macht seine Hilflosigkeit und eine Abneigung gegen Russland und
dessen Autoritäten deutlich.
Es war in der Tat nicht einfach, sich Mendel Singer in einem Amt vorzustellen. Nie in
seinem Leben hatte er mit urjadnik gesprochen. Nie hatte er einen Polizisten
begegnen können ohne zu zittern. Den Uniformierten, den Pferden und den Hunden
ging er sorgfältig aus dem Weg. " "
Kein Wunder, dass Mendel in Dubno scheitert. Aufgrund seiner jüdischen Religion
wird er von den Beamten schlecht behandelt und glücklicherweise trifft er einen
anderen Juden der ihm weiterhelfen kann und an den Schieber und Organisator
Kapturak vermittelt.
Mendel Singer lässt sich also nicht nur vor Gott demütigen, sondern auch vor den
Beamten, und er verkörpert zunächst ganz den demütigen Dulder Hiob ''.
Roth beschreibt in diesem Zusammenhang eine kleine Szene, die wie eine Utopie
wirkt, Mendel Singer kehrt vom Amt zurück, auf dem er sein
Auswanderungsersuchen gestellt hatte, und verbringt mit dem Bauer Sameschkin die
Nacht am Straßenrand auf der nackten Erde. Mendel beobachtet die Natur und denkt:
"All das hat der Herr in sieben Tagen geschaffen. Und wenn ein Jude nach Amerika
fahren will, braucht er Jahre!"
Kurz darauf schmiegt sich Mendel an den Bauern und weint: "Der Bauer drückt seine
Fäuste gegen die Augen, denn erfühlt, dass auch er weinen würde. Dann legt er einen
Arm um die dünnen Schultern Mendels und sagt leise:" Schlaf, lieber Jude, schlaf dich
40
aus." Eine rührende Szene, die eine Empathie gegenüber dem leidenden Juden
erweckt.
Mendel Singer ist also eine introvertierte Figur, die jedoch nicht gefühllos ist.
Bemerkenswert ist sein Verhältnis zur Ehefrau Deborah. Er ist zunächst ihrer
gegenseitigen Entfremdung überhaupt nicht bewusst, aber schließlich merkt er, dass
ihre Beziehung schon leer ist.
Sein Leiden quillt nicht aus der gegenseitigen Entfremdung mit seiner Frau, sondern
daraus, dass er das Gefühl hat, dass mit der Geburt des kranken Kindes der Zerfall der
Familie beginnt. Die alte Sicherheit des Lebens, alte Sitten, Gewohnheiten, das alles
muss den neuen Zeiten weichen. Seine Familie ist nicht mehr vor den „bösen
Umwelt" isoliert. Seine eigene Tochter verkehrt mit Kosaken, Söhne werden in die
zaristische Armee eingezogen. Er der fromme, demütige, kleine M lamed muss sich
damit auseinandersetzen, was für ihn natürlich überhaupt nicht leicht ist.
4.2.3 Deborah - Mendels Frau
Sie entspricht in ihrer Darstellung einer typischen Frauenrolle innerhalb des Schtetls
und dient ihrem Ehemann, der weit entfernt vom realen Leben ist, als eine Art
Vermittlerin und Diplomatin zwischen Mendel Singer und der Außenwelt. Sie hat
auch eine andere Lebensphilosophie: während sich Mendel Singer eher passiv verhält,
ihr ist nicht der Gedanke fremd, dass der Mensch sein Schicksal wenn nicht selbst
formt, dann mindestens mit formt. Ahnlich wie Mendel hat auch sie ein reserviertes
Verhältnis zu ihrer russischen Heimat, kommt aber mit dem alltäglichen Leben inund außerhalb des Schtetls besser zu recht. Sie ist jedoch in ihrem Leben unzufrieden.
Diese Unzufriedenheit erweist sich vor allem dadurch, dass sie ihren Mann sehr oft
vornimmt:
"Viel zu gering war Mendel Singer in ihren Augen. Die Kinder warf sie ihm vor, die
Schwangerschaft, die Teuerung, die niedrigen Honorare und oft sogar das schlechte
Wetter. "N
41
Sie ist eigentlich auch sehr melancholisch und leidet nicht weniger als ihr Ehemann.
Ihre Verzweifelung erweist sich am deutlichsten, als sie ihrem kranken Sohn zu helfen
versucht. Zuerst betet sie zum Gott ihrer Väter, aber in diesem Gebet liegt nicht der
"heimliche, traute Glanz"*5 wie bei Mendel, sondern, im Gegenteil, nur verzweifelte
Bitte aus der Finsternis des Lebens
"als schüfe sie sich eigene Nächte, die Furcht in ihnen zu vergraben, und eigene
Finsternisse, um zugleich die Gnade in ihnen zu finden. Denn sie glaubte, wie es
geschrieben stand, dass Gottes Licht in den Dämmernissen aufleuchtete und seine
Güte das Schwarze erhelle. "I6
Sie hofft also, dass es ein Wunder geschieht, das die Finsternis verschwindet und
bleibt das Gotteslicht. Wenn es nicht so ist, scheint ihr der unfassbare Gott sehr
entfernt zu sein. Dies ist auch der Grund, warum sie zu einem Wunderrabi in
Kluczýsk geht, um ihn um Hilfe zu bitten. Sie braucht jemanden, der dem Gott näher
als sie ist. Vor dem Besuch beim Rabbi erlebt sie eine traumlose und angstvolle
Nacht, sie kann nicht mehr beten.
"Sie wagte nicht mehr Gott anzurufen, er schien ihr zu hoch, zu groß, zu weit,
unendlich hinter unendlichen Himmeln, eine Leiter aus Millionen Gebeten hätte sie
17
haben müssen, um einen Zipfel von Gott zu erreichen."
Der Besuch beim Rabbi bedeutet für sie Hoffnung. Rabbi weissagt, dass Menuchim
gesund wird. Dies aber geschieht nicht gleich, sondern es wird noch Jahre dauern.
Seitdem vernachlässigt Deborah andere Kinder und widmet sich nur noch ihrem
kranken jüngsten Sohn Menuchim. Ordnungsmäßig kommt als Folge der Belastung
der Familie durch den Krüppel - die Entfremdung zwischen Mendel und seiner Frau
Deborah. Sie fixiert sich auf den Sohn und verzichtet auf körperliche Beziehung mit
Mendel Singer. "Eine Wand aus kaltem Glas trennte sie von ihrem Mann. " . Und so
bleibt es in der Beziehung bis zu ihrem Tode in Amerika.
Wie schon erwähnt wurde, wird sie zu ihren Kindern Mirjam, Schemarjah und Jonas
gleichgültig. Diese Gleichgültigkeit ändert sich in der Zeit, als den beiden Söhnen
Soldatendienst in der zaristischen Armee droht. Deborah betet sogar wieder an den
Gräbern ihrer Vorfahren, bemüht sich wieder um den Söhnen zu helfen. Allerdings
kann sie nur einem beider Söhne helfen, weil sie wenig Geld hat, um sie beide beim
42
alten Kapturak zu erkaufen. Deborah leidet aber am meisten, als sie erfährt, dass sie
ihren kranken Sohn nach Amerika nicht mitnehmen darf.
Zwei große Meerevoll Tränen sind ihre beiden Augen. Die Pferdehufe hört sie
klappern. Sie fährt, sie schreit auf sie weiß nicht, dass sie schreit. Der Wagen hält, sie
springt aus ihm, leichtfüßig wie eine Junge. Menuchim sitzt noch auf der Schwelle. Sie
fällt vor Menuchim nieder. Mama, Mama lallt Menuchim. Sie bleibt liegen. "I9
Sehr eigenartig ist Deborahs Verhältnis zu ihrer Tochter Mirjam. Im Gegensatz zu
Mendel Singer, der den Fakt, dass seine Tochter mit Kosaken verkehrt, für eine
gewisse Art der Tragödie der Familie hält, Mutter Singer dies bejaht. Deborah selbst
findet ihr Leben an der Seite des armen Lehrers als verloren und projiziert ihre
unerfüllten Träume in Mirjam. Denn sie fühlte, [...] sie selbst sprach aus ihrer
Tochter. ""^Deswegen ist Deborah froh, dass sich die Familie Singer für die
Auswanderung in die USA entscheidet. Sie sieht darin die Möglichkeit des besseren
Lebens, nicht für sie, sondern für ihre Tochter Mirjam. Mendel Singer betrachtet die
Auswanderung als einen Ausgangspunkt für die Rettung seiner Tochter aus dem
Einfluss der teuflischen Kosaken, die immer für die Juden als Symbol der
Vernichtung und Pogrome dienten.
4.2.4 Mirjam, Jonas, Schemarjah und Menuchim
Mirjam ist die einzige Tochter in der Familie Singer. Ihr Schicksal wird in dem
ersten Teil des Romans nur gering angedeutet. Doch wird aber klar, dass Mirjam ein
sensibles Mädchen sei, die nach der Liebe sehnt. Ihre Mutter kümmert sich um
Menuchim und auch ihm gehört die ganze mütterliche Liebe. Zu den anderen Kindern
wird Deborah Singer gleichgültig. Mirjam wächst mit ihren Brüdern praktisch auf der
Straße und wenn sie älter wird, macht sie auf sich Soldaten aufmerksam. Ihr beliebtes
Spiel ist, mit ihnen zu kokettieren und dann in einer süßen und heißen Furcht floh das
Mädchen vor seinen Verfolgern2' Sie ist sehr schön und ist sich noch nicht dessen
bewusst, dass sie jene lustsüchtigen Offiziere provoziert, obwohl sie in der
Wirklichkeit nur Interesse an ihrer Persönlichkeit vorbringen möchte und nicht nach
der körperlichen Beziehung strebt. Schließlich wird sie auch ein körperliches
Verhältnis gleich zu drei Soldaten haben.
43
Soldaten, die Kosaken genannt werden, stellen auch eine andere Drohung für die
Familie. Jonas und Schemarjah müssen zur Rekrutierung. Jede jüdische Familie
bemüht sich darum, dass ihre Söhne zu den Soldaten nicht eingezogen werden.
Deswegen müssen die jungen Juden entweder eine körperliche oder geistige
Behinderung vortäuschen, oder einen andern Weg zu finden, um nicht in die
zaristische Armee eingerückt zu werden. Jonas und Schemarjah sind beide leider
eingezogen. Retten kann sie nur ein alter skrupelloser Aufkäufer und Schmuggler
Kapturak, der aber dafür eine Summe Geld fordert, dass er die Söhne von der
Soldatendienst befreit. Allerdings kann nur einer „gerettet" werden, der andere muss
in die Armee. Der jüngere Sohn Jonas opfert sich. Jonas macht es gerne, er hat im
Gegensatz zu seinem Vater eindeutig positive Einstellung zu Russland. Für ihn ist die
Landschaft „ungeheuer weit" und er eröffnet seinem Bruder, dass er ein Bauer und
betrunken sein möchte. Er geht sogar noch weiter; kurz nach dieser Offenbarung, die
er auf der Rückreise von der Musterung in Targi macht, passt sich Jonas aktiv dem
russischen Verhalten an, nimmt ein Trinkangebot wahr, leert seine erste
Schnapsflasche und rutscht betrunken im Schemarjahs Schoss. Zwar schämt er sich
anfänglich über sein Verhalten im Zug, doch formuliert er deutlich wie er sich sein
weiteres Leben vorstellt: „Ich kann ein Soldat sein und die Welt sehen. Ich möchte ein
Bauer sein. "". Er kehrt sich bewusst von seiner in der Tradition verhafteten jüdischen
Familie ab: „Man beweinte ihn zu Hause als einen Verlorenen, aber man vergaß ihn
nicht. "2S. In jedem Fall ist das "Genommensein" der Söhne für die jüdische Familie
unerträglich und die freudige Bereitschaft Jonas, russischer Kosak - zu werden, ist
Grund genug, ihn für "einen Verlorenen", einen vom Glauben Abgefallenen
anzusehen. Denn "Kosak" ist für die russischen Juden seit den Jahren nach 1648, seit
den entsetzlichen Pogromen der Chmelnizkisehen Kosakenhorden, das Symbol für
ihre schmerzlichen Erfahrungen in Jahrhunderte der Unterdrückung, Bedrohung und
Vernichtung.
Schemarjah dagegen möchte ein Jude sein: „Ich will sein, was ich bin, (...) ein Jude
wie mein Vater Mendel Singer. "24 Doch will er nicht in den väterlichen Fußstapfen
treten; Schmerjah möchte lieber „ ein reicher Mann sein und das Leben sehen'" . In
Russland will und wird er nicht bleiben. Ihm wurde ein nächtlich-illegaler
44
Grenzübertritt ermöglicht, er verabschiedet sich noch kurz mit seiner Heimat Russland
und sein Ziel wird Amerika.
Menuchim, ein kranker Sohn der Familie Singer. Im ersten Teil des Romans wird er
nur als ein Krüppel dargestellt, dessen Leiden bei uns nur Mitleid erweckt. Er wird
von seinen Geschwistern sogar bedrückt (besonders heimtückisch von seiner
Schwester Mirjam). Er selbst ist von seinen Eltern geliebt, schließlich aber doch
verlassen.
45
4.3 Familie Singer und Amerikaaufenthalt
4.3.1 Mendel Singer und seine Skepsis gegenüber der Amerika
Für Mendel Singer im "Hiob"-Roman bedeutet Amerika 'Krieg' und vom Anfang an
"tödlich" ist. Zwar ist es "ein heller und heißer Tag", an dem
die Singers in New York ankommen, und sie fahren in einem „schweren Wagen"26
durch die Straßen - keine idyllische Erlebnisse sind jedoch zu erwarten. Außerdem
wird alles Erlebte aus der Perspektive des alten Mendel berichtet, der in seiner
Orientierungslosigkeit in der fremden Welt völlig überfordert ist. Aber ähnliche
Überforderungen, z.B. auf dem Schiff bei der Überfahrt nach Amerika, hat Mendel
bisher ohne die in Amerika auftretenden Vernichtungs- Gefühle überstanden27 und
der Erzähler distanziert sich
niemals vom New Yorker Empfinden seines Protagonisten. Joseph Roth ist ein starker
Kritiker der USA und sein Standtpunkt wird deutlich gerade bei der Figur Singers,
mit der sich Roth idnetifiziert. Mendel erlebt: "wütende Wucht", "Zertrümmerungfür
ewige Zeiten", "Erschütterung der Fundamente",
"Hitze wie graues schmelzendes Blei", "feuchte, klebrige, schmerzliche Glut",
"Verlötung
des Gehirns", "im offenen Feuer brennende Füße",
"Amerika drang auf ihn [Mendel Singer] ein, Amerika zerbrach ihn, Amerika
zerschmetterte ihn." "Amerika" ist tödlich, vom ersten Augenblick an, also
wesensmäßig.
Trotz dieses Eindrucks wird Mendel Singer später Amerika als "das Land
Gottes [...], wie einmal Palästina" und New York als "die Stadt der Wunder, wie
einmalJerusalem" 29 beschreiben. So beschreibt Joseph Roth Illusionen eines
Ostjuden Mendel Singers. Diese Meinung wird sich noch bei Mendel Singer ändern.
Interessant ist die Beschreibung der Mendels vollständig amerikanisierten "Kinder".
Roth betrachtet ihren naiven Glauben an den American Way of Life, mit beißendem
Spott: In der "geistigen Leere" ihrer bürgerlichen Ideologie glauben sie, dass
46
"die Armut ein Laster [ist], der Reichtum ein Verdienst, die Tugend der halbe Erfolg,
der Glaube an sich selbst ein ganzer, der Tanz hygienisch, Rollschuhlaufen eine
Pflicht, Wohltätigkeit eine Kapitalsanlage, Anarchismus ein Verbrechen, Streikende
die Feinde der Menschheit, Aufwiegler Verbündete des Teufels, moderne Maschinen
Segen des Himmels, Edison das größte Genie " °
Und das Schicksal von Mendels Sohn Schemarjah, der in Amerika "Sam" genannt
wird, zeigt endgültig, was Mendel Singer denkt: "Amerika hat uns getötet. Amerika ist
[...] ein tödliches Vaterland. Was bei uns Tag war, ist hier Nacht. Was bei uns Leben
war, ist hier Tod."
Dies weist daraufhin, dass Mendel Singer Amerika nie begriffen hat, er hat sich nie
assimiliert und er weißt es ganz genau.
Mendel Singer hat zwar nie Russland als sein Vaterland bezeichnet, er fühlte sich in
Russland nie zu Hause, aber seine Vorstellung von Amerika als ein Land der Väter
stürzt auch ab.
4.3.2 Mendel Singer und seine tiefsinnige Suche nach der Identität
Mendel Singer wird im Roman am deutlichsten geschildert. Über ihn wissen wir das
meiste. Seine Probleme, sein Leiden, das alles schildert Joseph Roth ganz genau, zum
Beispiel die Schilderung der Entfremdung Singers von seiner Familie als Reaktion an
die neuen Umständen: "Was gehn mich diese Leute an?
dachte Mendel. [...] Mein Sohn, meine Frau, meine Tochter, dieser Mac?". "
Für Schemarjah und Mirjam entwickelt sich dann der Amerikanismus zur
alles bestimmenden Lebenshaltung, zum Teil auch für Deborah, sofern sie zum
Beispiel
"eine große goldene Kette trägt" und "an eines der Lustweiber [erinnert], von denen
manchmal die heiligen Schriften erzählen".
Dadurch wird aber Mendel Singer deutlich klar, was er während der Überfahrt nur
noch nicht bemerkt hat, was aber der Fall ist, seit er Menuchim zurückgelassen hat:
dass nämlich mit all seinen familiären Beziehungen auch seine eigene Identität
entzogen ist:
47
"Bin ich noch Mendel Singer? Ist das noch meine Familie? Bin ich noch Mendel
Singer? Wo ist mein Sohn Menuchim? Es war ihm, als wäre er aus sich selbst
herausgestoßen
worden, von sich selbst getrennt würde er fortan leben müssen. Es war ihm, als hätte
er sich selbst in Zuchnow zurückgelassen, in der Nähe Menuchims. " 34
Selbstentfremdung und "Einsamkeit" verlassen Mendel in Amerika nicht mehr. Er
wird aber keineswegs herausfinden, wo die Ursache und ein Fehler dafür ist.
Die größte (Selbst-)Täuschung besteht darin, daß er meint, Freisein von materiellen
"Sorgen" und familiäres "Glück" seien in Amerika herstellbar, ohne daß vorher das
zentrale Problem "Menuchim" gelöst sein müßte. Menuchim brauche man nur noch
an das bereits hergestellte Glück nachträglich anzuschließen, nachdem man ihn aus
Rußland geholt hätte. Der Brief der Familie Billes mit guten Nachrichten über den
Krüppel scheint dies zu bestätigen "'Siehst du', sagte Mendel [...], 'dieser Brief ist ein
guter Brief35 Alles sieht sehr einfach aus, Menuchim kommt nach Amerika und das
Problem der Gewissensbisse und alle Schuldgefühle der Eltern Singer, dass sie ihr
Kind verlassen haben, verschwindet. Mendel Singer verspricht sich von der Einreise
Menuchims sehr viel. Nach dem, der erste Weltkrieg in Europa ausbricht, sind alle
Pläne für die Einreise Menuchims vereitelt und Mendels Hiob-Schicksal wird sich
langsam erfüllen.
4.3.3 "Zu wenig, zu wenig habe ich getan "
Mendel reagiert schon sofort nach der Nachricht über den Ausbruch des Kriegs und
nimmt nun plötzlich, ohne dass schon ein die Familie betreffendes neues Unglück
geschehen ist, den ganzen Jubel, den er vorher im Psalmen Beten und chassidischen
Tanzen und Schaukeln ausgedrückt hat, zurück
"Zu wenig, zu wenig - sagte er sich - habe ich getan. Manchmal erschrak er über die
Erkenntnis, daß sein einziges Mittel [!], das Singen der Psalmen, ohnmächtig sein
könnte in dem großen Sturm, in dem Jonas und Menuchim untergingen. Die Kanonen,
dachte er, sind laut, die Flammen sind gewaltig, meine Kinder verbrennen, meine
Schuld ist es, meine
Schuld! Und ich singe Psalmen. Es ist nicht genug! Es ist nicht genug!"
Schon immer ist Mendel davon ausgegangen, daß das Elend seiner Familie von
"Sünden",und Schuld verursacht wird, aber er ist sich keiner konkreten Schuld
48
bewußt gewesen. Auch Joseph Roth selbst hat ihm zu Beginn folgendermaßen
beschrieben: "Seine Seele war keusch. Er brauchte nichts zu bereuen, und nichts gab
es, was er begehrt hätte."
Nun aber, nachder Nachricht vom Ausbruch des Krieges, weiß Mendel schlagartig,
worin seine "Schuld" besteht und zwar darin, dass er nur gebetet, aber nichts "zu
wenig" - getan hat. Diese Passivität wirft er sich wieder vor, als er seinen Sohn
Schemarjah nach dem Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg, ziehen lässt. Der
patriotische Sam möchte für sein neues Vaterland kämpfen und auch sterben. Deborah
ist damit eimverstanden, obwohl sie einst noch in Russland sehr viel für ihre Söhne
gemacht hat, damit sie nicht einbezogen worden wären.
"Der Zar ist was anderes, und Amerika ist was
anderes!", entgegnet sie auf Mendels Bedenken. "Mendel [aber] debattierte nicht
weiter. "**
Erst als keine Nachricht von Sam eintrifft, versteht Mendel:
"'Bleib, Sam!' hätte ich sagen müssen. 'Lange Jahre habe ich gewartet, um einen
kleinen Zipfel vom Glück zu sehen. Nun ist Jonas bei den Soldaten, wer weiß, was mit
Menuchim geschehen wird, du hast eine Frau und ein Kind und ein Geschäft. Bleib,
Sam!' Vielleicht wäre er geblieben. "39
Schemarjah wurde im Krieg getötet, Deborah bricht zusammen und kurz darauf stirbt
sie auch Mirjam wird verrückt. Mendels Hiobsleiden erfüllt sich langsam und er fragt
sich wieder verzweifelt, wo er den Fehler gemacht hat, worin seine Schuld besteht.
Er kommt allerdings zu einem neuen Ergebnis: "Vielleicht war das unsere Sünde",
daß "nicht die Wärme der Liebe in uns war"40 - so beginnt er den Gedankengang, aber
er führt ihn weiter, ohne von "Gott" und seiner "Strafe" für die fehlende Liebe zu
reden. Vielmehr sieht er den Mangel an Liebe zwischen ihm und Deborah als
mögliche innere Ursache für all die Schicksalsschläge:
" Weil nicht die Wärme der Liebe in uns war, sondern zwischen uns der Frost der
Gewohnheit, starb alles rings um uns, verkümmerte alles und wurde verdorben." 4
49
Nach der Zerstörung seiner Familie ist er überhaupt nicht in der Lage, dieser Gedanke
irgendwie innerlich verarbeiten. Er fühlt sich lebendig-tot, beschuldigt jedoch des
Zustands sowohl auch den Gott, sondern auch Amerika.
"Amerika hat uns getötet", das weiß er genau4*. Dem Gott gegenüber bewahrt er sich
immer noch eine demütige Stellung. Sein Gott ist ihm jedoch so entfernt, daß er eine
Gebets-Mittlerin, wie einst auch seine Ehefrau die Mittler gebraucht hatte, braucht.
4.3.4 Mendels Abkehr vom Gott und schließliche Versöhnung
Nachdem sich die Hiobsbotschaften nun so gehäuft haben, dass Mendel sie
nicht verkraften kann, fühlt er sich von Gott ungerecht behandelt, und will den
Gebetsmantel und alles was dazu gehört verbrennen. Aber vier Juden, die das
Feuer wahrgenommen haben, kommen zu ihm und reden mit ihm. Sie halten
ihm seine eigenen bisherigen Ansichten vor, dass „Gottes Schläge einen
verborgenen Sinn " hätten, erinnern ihn an den biblischen Hiob, dem
Ähnliches geschehen sei. Die Rede ist von Wundern, an die Mendel jedoch
nicht mehr glauben will. Er ist so tief in seiner Trübsinnigkeit, dass er negiert,
alles, was er bisher mit dem Gott erlebt hat. Joseph Roth beschreibt sehr
psychologisch Mendels Melancholie, die nichts anderes als eine Depression
ist.
„ Gott ist grausam, undje mehr man ihm gehorcht, desto strenger geht er mit
uns um.. Befolgst du die Gesetze, so sagt er, du habest sie nur zu deinem
Vorteil befolgt. Und verstößt du nur gegen ein einziges Gebot, so verfolgt er
dich mit hundert Strafen.. Gütiger als Gott ist der Teufel. Da er nicht so
mächtig ist, kann er nicht so grausam sein.. " 4
Ein Freund Namens Rosenberg fragt nach, ob Hiob nicht vielleicht doch eine
Schuld auf sich geladen habe, weil er Menuchim zurückgelassen habe.
"Vielleicht, lieber Mendel, hast du Gottes Pläne zu stören versucht, weil du
Menuchim zurückgelassen hast? Ein kranker Sohn war dir beschieden, und ihr
habt getan, als wäre es ein böser Sohn." 44
Mendel lässt sich auf nichts ein und lässt sich nicht trösten. Doch plötzlich
wird er beredt:
50
"Nein, meine Freunde! Ich bin allein, und ich will allein sein. Alle Jahre habe
ich Gott geliebt, und er hat mich gehasst. Alle Jahre habe ich ihn gefürchtet,
jetzt kann er mir nichts mehr machen. Alle Pfeile aus seinem Köcher haben
mich schon getroffen. Er kann mich nur noch töten. Aber dazu ist er zu
grausam. Ich werde leben, leben, leben. " 44
Von diesem Zeitpunkt an betet er nicht mehr, aber seine Freunde, die ihn vor
dem Schlimmsten bewahrt haben, sorgen dafür, dass er nicht vollends
untergeht. Mendel Singer muss seine Depression selbst überwinden und
obwohl er sich vom Gott abkehrt, langsam wird es ihm jedoch gelingen.
Eines Tages taucht, dank der Erfindung des Grammophons, in der
Musikalienhandlung seines Freundes Skowronnek, in der er sich oft nützlich
macht, eine neue Musikplatte auf mit einem Lied, das heißt "Menuchims
Lied". Mendel wird auf seltsame Weise von dieser tröstlich wirkenden Musik,
von der eine große suggestive Kraft ausgeht, anerührt. Der Weltkrieg ist
inzwischen zu Ende. Man schreibt das Jahr 1919. Es wird wieder einmal
Frühling. Ostern naht. Mendel denkt an die alte Heimat, an die Kindheit seiner
Kinder, als alle noch voll Hoffnung waren, dass der Messias kommen werde,
und er beschließt, zurückzufahren nach Zuchnow und will den Ozean noch
einmal überqueren.
Und dann erscheint in dem Viertel ein Kapellmeister, von dem man sich
erzählt. Er heißt Alexej Kossak und kommt aus Zuchnow, und ist kein anderer
als Menuchim, der kranke Sohn von Mendel. Er hat inzwischen ärztliche Hilfe
erfahren, ist ein großer Künstler geworden und befreit den Vater aus seinem
Elend. Die Weissagung des Rabbi hat sich erfüllt.
Am Osterabend bzw. Pessachfest bei der Seder-Feier geschieht dann das große
Wunder, an dem sich beide begegnen und Mendel Singer den Sohn wieder
erkennt. Aber nicht nur das, Menuchim überbringt dem Vater die freudige
Mitteilung, dass Jonas, der seit 1915 verschollen war, lebt, und er macht ihm
auch Hoffnung darauf, dass er Ärzte finden wird, die Mirjam von ihrer
Verwirrtheit heilen können. Der Sohn übernimmt hier eine fast messianische
Aufgabe und führt die Reste der Familie wieder zusammen.
51
Mendel ist glücklich und spricht von einem Wunder und sieht nach der
Wiedererkennung seines Sohnes seine Vergehen gegen Gott ein. Er schämt
sich zugleich, dass er ihn einen allmächtig-bösen "Isprawnik", nämlich
Polizeichef, genannt hat. Jetzt hat er alle Aussicht, "nach späten Jahren in den
guten Tod (einzugehen), umringt von vielen Enkeln und 'satt am Leben', wie es
im 'Hiob' geschrieben stand". Und der letzte Satz lautet: "Mendel schlief ein.
Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder." 45
52
4.4 Autobiographische Momente im Roman Hiob
Joseph Roth war eine äußert interessante Persönlichkeit, deren Leben nicht
gerade glücklich war. Seine Vaterlosigkeit hat ihn das ganze Leben
beeinflusst, Er selbst hat ständig seine Identität und seinen Gott gesucht, seine
Ehefrau war geisteskrank und er trank sehr viel.Er war zugleich ein brillanter
Schriftsteller, ein intelligenter Mann, seine Zeitungsartikel waren treffend und
gedankenkreich. Natürlich fragt man, was passier wäre, hätte er einen Vater
kennengelernt, hätte er gesunde Frau und Kinder gehabt... genauso wie es uns
schon bei der Hiob-Geschichte eingefallen ist. Es wäre ein gewagter Gedanke,
zu vermuten, dass es sich Roth mit der Persönlichkeit Hiobs (sowohl auch des
biblischen, als auch des Roman-Hiobs) identifiziert (er war nämlich ein
brillanter Schriftsteller, dessen Fantasie unerschöpflich war), doch finden wir
im Roman einige Merkmale, die daraufhinweisen, dass sich Roth von seinem
Leben inspirieren ließ.
Während Roth seinen "Hiob" schrieb, saß seine schwer gestörte Frau im
Nebenzimmer. Später machte er sich Vorwürfe, dass er nicht besser auf sie
aufgepasst hat. Er hätte si mehr geliebt. Er wurde von Schuldgefühlen geplagt,
hinzu kamen berufliche Schwierigkeiten und akute Geldsorgen. Ein weiteres
Problem war der Alkoholismus. Er steckte zweifellos in einer schwierigen,
wenn nicht sogar aussichtslosen Lage. Zudem mag sich Roth zeitweise auch
entwurzelt gefühlt.
Ein zweites biographisches Moment ist Roths damalige Hinwendung zum
Ostjudentum, seine Besinnung auf seine Verwurzelung in der osteuropäischen
Kultur und Tradition, wie sie auch in seinem Essay "Juden auf Wanderschaft"
(1927) zum Ausdruck kommt. "Es ist furchtbar schwer, ein Ostjude zu sein"*6
behauptet Roth hier. Die Heimatlosigkeit von Menschen hat Roth mehrmals in
seinen Romanen thematisiert und als eine jüdische Realität dargestellt.
In diesem Roman drücken sich auch Roths Verbundenheit und heimliche
Solidarität mit seiner Heimat und ihren jüdischen Menschen aus, aber auch
Kritik an der ostjüdischen Orthodoxie - Mendel erscheint reichlich engstirnig -
53
und an der westlichen Zivilisation. Kritik insbesondere an Amerika, wird
deutlich in dem zweiten Teil des Romans. Roth schildert, wie sich die Familie
in Amerika einzuleben versucht und macht sich gleichzeitig lustig über das
Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Seine versteckte Kritik am
amerikanischen Way of Life kommt in den Reaktionen von Deborah und
Mendel auf Amerika deutlich zum Ausdruck.
Eindeutig wie vom Roths Leben ist die Szene, als die geisteskranke Mirjam
den Anfall hatte. Einen ähnlichen Anfall bekam Roths Frau Friederike, Roth
selber versuchte sie in mehrere Heilanstalte und Nervenklinike zu schicken.
Auch das Moment, als Deborah einen Wunderrabbi wegen ihres kranken
Sohnes besucht, wurde von der wirklichen Ereignis inspiriert. Verzweifelt,
suchte Roth für seine Frau Hilfe bei einem Wunderrabbi, ihr Zustand hat sich
sogar nach dem Besuch für eine gewisse Zeit verbessert, später aber wieder
verschlechtert.
Friederike starb als Opfer des nazistischen Euthanasie Programm ein Jahr nach
Roths Tode im Jahre 1940.
Anmerkungen:
1 Hiob ; Job; ist eine Gestalt aus dem Alten Testament, geschildert im Buch Ijob. Ijob lebte als wohlhabender Mann im Land
Uz. Vor seiner Leidenszeit hatte er 11.000 Tiere und zahlreich Knechte und Mägde; seine sieben Söhne und drei Töchter sind
durch einen Hauseinsturz ums Leben gekommen (Ijob l,l-3.l8f). Nach seiner Armut hatte Ijob das Doppelte seines Besitzes,
auch bekam er wieder sieben Söhne und drei Töchter. Diese Töchter heißen Jemima, Kezia und Keren-Happuch (Ijob 42,10-14).
Ijob wird als frommer Mann geschildert, dessen Gottestreue - mit Erlaubnis Gottes - vom Satan schwer geprüft wird. Er verliert
Besitz, Kinder und Gesundheit. Während seine Freunde Sünde hinter dieser Bestrafung vermuten, beteuert Ijob sein Unschuld
und seine Treue zu Gott. Da er auch über das Unrecht klagt weist ihn Gott am Ende zurecht und gibt ihm Familie und Habe
wieder. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnen die BegriffeHiobsnachrichr oder Hiobsbotschaft eine Unglücksnachricht.
2 Vergl. Margarete Susman, Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes,
3 Vergl. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Kiepenheuer Witsch, Berlin 1974, S. 1
4 Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 1
5 Vergl. J.Kadlčková/ročníková práce, Masarykova univerzita, Brno 2003
6 Vergl. J.Kadlčková/ročníková práce, masarykova univerzita Brno, 2003
7 Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 13
8. Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 13
54
9.
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42.
43.
44.
45.
46.
Zit. Joseph Roth. Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 13
Vergl. Anhang, Schtetl, J.Kadlčková/ročníková práce, 2003
Vergl. Anhang, IKadlčková/ročníková práce, 2003
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 35
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 13
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 9
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 10
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 14
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 17
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 24
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 109
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 99
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 31
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 38
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 53
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 22
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 39
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 26
Vergl. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 113 (Ende des
8.Kapitels
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 116 - 120
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 123
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 13é
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S.154
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 119
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 124
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 119
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 134
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 144
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 8
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 147
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 14
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 154
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 154
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 154
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 159
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 159
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. 159
Zit, Joseph Roth, Juden auf Wanderschaft, Kiepenheuer Witsch, Berlin, 1974
55
5.LEVIATHAN
Erschien zum ersten Mal im Jahre 1940 bei dem Kiepenheuer Verlag
56
5.1 Charakterisierung der Novelle
Der Leviathan ist eine von Roths ost-europäischen Erzählungen. Beim Erstdruck hatte
die Novelle den Titel Der Korallenhändler. In der posthum veröffentlichten Fassung
heisst die Erzählung schon Der Leviathan.
Vollständig gedruckt wurde die Erzählung erst nach dem Tode des
Verfassers 1940. Wie die meisten Werke Roths auch diese Erzählung ist aus
Elementen drei verschiedenen Kulturen zusammengesetzt: die deutsche, die jüdische
und die slawische. Er benutzt deutsche Sprache , das zweite Element ist die jüdische
Kultur, Mythologie und Lebensweise und die slawische Welt dient als Schauplatz für
das Geschehen.
Der Begriff Leviathan (v. hebr.: liwjatan der sich Windende) hat mehrere, teilweise
aufeinander basierende Bedeutungen. In der Mythologie des Alten Testaments ein im
Meer lebendes Schlangenmonster. Die Vorstellung wurzelt im altorientalischen
Mythos vom siebenköpfigen Leviathan, den Baal und Anath besiegen.
Dementsprechend berichtet das AT von dem durch Gott geköpften Leviathan (Psalm
74,14). Weiter wird Leviathan als schlafender Drache geschildert, der als Instrument
des Bösen geweckt werden kann (Hiob 3,8)
Nach der Beschreibung (zusammen mit Behemot) Hiob 40,25 - 41, 26 trägt Leviathan
als Mischwesen eher die Züge eines Krokodils. In den Apokryphen begegnet
Leviathan als weibliches Fabelwesen, das zusammen mit Behemot am Ende der Zeit
besiegt wird. (1. Hen. 60.7)
Die jüdische Mythologie schildert den apokalyptischen Kampf zwischen Leviathan
und Behemot, welche am Ende der Tage von den Gerechten verzehrt werden.'
Der Leviathan ist ein riesiges Tier, von Gott geschaffen und getötet, sonst hätte es das
ganze Leben vernichtet (nach der jüdischen Überlieferung). Auch die Korallen
gehören in die jüdische Überlieferung (almong = in der Bibel noch Sandelholz => erst
später Koralle). Diese jüdischen Elemente sind es, die die Erzählung vom
gesellschaftlichen Bereich in den Bereich des Mythischen transferieren.
57
5.2Personenkreis:
Die beide Hauptfiguren der Erzählung sind der Korallenhändler Nissen Piczenik, der
echte Korallen verkauft und sein Gegenspieler Jenö Lakatos aus Budapest, der mit
künstlichen Korallen aus Celluloid handelt.
Nissen Piczenik
ist ein einfacher Mann, ein Korallenhändler aus dem kleinen Städtchen Progrody; Er
ist zwar am Anfang als ein angesehener Korallenhändler dargestellt, seine Stellung
wird sich im Verlauf der Novelle ändern. Seine Sehnsucht nach dem Meer- nach der
Heimat der Korallen ist stark, dass er sich von der Gesellschaft des Schtetls isoliert.
Auch seine Frau ist ihm fremd geworden; er lebt nur für seine Korallen, denen er
Leben und Zauberkraft beimisst.
Er zieht sogar aus dem Schtetl aus und sein Kontakt mit dem Wasser sind Ausdruck
einer Entfremdung von seiner jüdischen Identität (er vergisst sogar die Gebote seiner
Religion.
Lakatos -> Piczeniks Gegenspieler (Anhänger von Kunststoff, Technik und neue
Verkaufsmethoden); er ist der Ausdruck einer neuen Zivilisation,
wird als „Teufel" bezeichnet. Lakatos hat keine persönliche Beziehungen zu den
Korallen er nimmt sie nur als Handelsware und Mittel des Profits.
Auf dem ersten Blick scheint es eine Geschichte des verwirklichten Glücks zu sein,
weil Piczenik am Ende doch zum Meer kommt (sein Traum geht in Erfüllung) und mit
dem Schiff „Phönix" nach Kanada fahren will, doch der geht mit ihm unter. Piczenik
ist nicht einfach ertrunken, sondern er begeht Selbstmord „ ... bevor die Rettungsboote
gefüllt waren, über Bord stürzte zu seinen Korallen, zu seinen echten Korallen. ")•'
Mit der „Phönix" geht auch die alte Ordnung dieser Welt unter. Sie erscheint dem
Korallenhändler als „einzige Heimat", für die er sein Leben gibt.
58
5.3. Leiden des Korallenhändlers
Schicksal Pieczniks sind die Korallen und die Sehnsucht nach dem Meer. In der
ersten Phase des Romans, als er noch ein angesehener Korallenhändler ist, sehen wir
in Nissen Piecznik nur eine Figur, die ein beschauliches Leben des jüdischen
Kaufmanns führt. Korallenhändler Nissen Piczenik betrachtete jedoch seine Korallen
nie als eine Ware, deshalb benutzte er für seinen Handel auch keinen Laden:
Er betrieb das Geschäft in seiner Wohnung, das heißt: er lebte mit den Korallen, Tag
und Nacht, Sommer und Winter, und da in seiner Stube wie in seiner Küche die
Fenster in den Hof gingen und obendrein von dichten eisernen Gittern geschützt
waren, herrschte in dieser Wohnung eine schöne geheimnisvolle Dämmerung, die an
Meeresgrund erinnerte, und es war, als wüchsen dort die Korallen, und nicht als
würden sie gehandelt.2
Es heißt sogar im Text: "Es war, als schüfe oder pflanzte und pflückte er selbst die
Korallen, mit denen er handelte."
Langsam ändert sich seine Vorliebe fast zu einer Obsession. Den Startpunkt dafür,
dass sich seine Vorliebe in einen Drang zur Flucht entwickelt, ist der Besuch eines
Matrosen Namens Komrower aus Odessa. Die Anwesenheit dieses jungen Menschen
vom Meer hatte bei Piczenik alle verborgenen Wünsche und Träume plötzlich in den
Tag gebracht. Roth beschreibt psychologisch sehr genau Vision des Korallenhändlers:
Dennoch gestand er sich, daß er eigentlich selber nicht wußte, warum und
wozu er hier in der Schenke mit dem Matrosen und den unheimlichen Gesellen
saß. Hatte er doch sein ganzes Leben regelmäßig und unauffällig verbracht,
und seine geheimnisvolle Liebe zu den Korallen und ihrer Heimat, dem Ozean,
war bis zur Ankunft des Matrosen und eigentlich bis zu dieser Stunde
niemandem und niemals offenbar geworden. Und es ereignete sich noch etwas,
Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. Zit. Joseph Roth,
Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. Zit. Joseph Roth, Hiob, Roman eines
einfachen Mannes, Berlin 1974/ S. was Nissen Piczenik aufs tiefste erschreckte. Er,
der keineswegs gewohnt war, in Bildern zu denken, erlebte in dieser Stunde
die Vorstellung, daß seine geheime Sehnsucht nach den Wassern und allem,
was auf und unter ihnen lebte und geschah, auf einmal an die Oberfläche
seines eigenen Lebens gelangte, wie zuweilen ein kostbares und seltsames
Tier, gewohnt und heimisch auf dem Grunde des Meeres, aus unbekanntem
Grunde an die Oberfläche emporschießt.
Roth schließt seine psychologische Vision mit diesem Satz ab: "Diese Verwunderung
und dieser Schrecken aber vollzogen sich gleichsam unter der Oberfläche seines
59
Bewußtseins. . Deswegen ist nötig zu bemerken, dass alle seine Gefühle, seine
Sehnsucht nach dem Meer und nach der Heimat der Korallen tief in ihm verborgen
und verheimlicht wurden. Roth beschreibt den Korallenhändler als jemanden, der
unter anderem auch darunter leidet, dass er keine seelisch verwandte Person, die ihn
versteht, findet: "Weit und breit gab es keinen Menschen, mit dem er von seiner
Sehnsucht hätte sprechen können, in sich verschlossen mußte er es tragen, wie die See
die Korallen trug. . Damit wird seine Vereinsamung immer tiefer und die Welt
seiner Phantasie beansprucht immer mehr Zeit in seinem Leben. Natürlich ist er dann
sehr glücklich, wenn er jemanden trifft, der mindestens am Meer gewesen ist, der
sogar ein Matrose ist. Die Abreise des jungen Matrosen bringt den Helden auf den
Gedanken, auch nach Odessa zu fahren, um das Meer endlich zu erblicken. Roth
schildert wiederum diesen plötzlichen und unwiderstehlichen Drang mit einer
sinnreichen psychologischen Bemerkung:
Solch ein Wunsch kommt plötzlich, ein gewöhnlicher Blitz ist nichts dagegen, under
trifft genau den Ort, von dem er gekommen ist, nämlich das menschliche Herz. Er
schlägt sozusagen in seinem eigenen Geburtsort ein. Also war auch der Wunsch
Nissen Piczeniks. Und es ist kein weiter Weg von solch einem Wunsch bis zu seinem
Entschluß.
Er fährt nach Odessa, wo er fast drei Wochen bleibt, obwohl er damit einen hohen
Verdienst aus dem Korallenhandel verliert, und genießt das Blick ans Meer, an die
Schiffe, an die weite Ferne. Definitiv wird daraus klar, dass nicht das Städtchen
Progrody mit seinen Sümpfen ringsherum die Heimat Nissen Piczeniks bildet,
sondern die Welt des Wassers, des Meeres. Nissen Piecznik verrät die innere
Bewegung jedoch niemandem: "Im Städtchen Progrody aber wusste kein Mensch,
was alles sich in der Seele des Korallenhändlers abspielte, und seine Maske der
Melancholie und der Sehnsucht widerspiegelt sich sehr deutlich in dem Moment, als
er zu lügen beginnt, was er eigentlich in Odessa gemacht hat.
Eines Tages erscheint in der Nachbarstadt Sutschky ein Händler Namens Jenö Lakatos
aus Ungarn, der die falschen Korallen aus Celluloid verkauft. Sie sind billiger als die
echten und Nissen Piecznik muss sich mit der Konkurrenz abfinden. Natürlich kann er
nicht den billigen Preisen Lakatos konkurrieren und aus diesem Grund nimmt er das
Angebot an und kauft von dem Ungarn eine gewisse Menge der Celluloidkorallen ab.
60
Nissen Piecznik fängt an, die echten und die falschen Korallen zu vermischen und
damit beginnt sein Verfall. Er verdient zwar mehr als vorher, aber er selbst weiß, dass
er die echten Korallen, dass er sie verraten hatte, an die falschen Schwestern, die
Korallen aus Zelluloid... "9 Dieses Leben mit den falschen Korallen und weit vom
Meer weg erträgt er nicht mehr. "Er spürte... Nicht Progrody, der Ozean war seine
Heimat. Also faßte er eines Tages den tödlichen Entschluß seines Lebens. "w. Er
beschließt, nach Kanada auszuwandern und, wie schon erwähnt, ertrinkt er samt allen
Passagieren des Dampfers vier Tage nach der Abfahrt von Hamburg..
Nissen Piczenik zählt zu den typischsten Figuren der Erzählprosa Joseph Roths in
Hinsicht auf einer geschöpften seelischen Heimat, einer innerlichen Welt, wo der
Mensch sich wohl fühlt, sich zu Hause fühlt, wo man Heimat hat. Durch seine fiktiven
Vorstellungen versucht Piczenik mit dem Meer eins zu werden;
Er träumte manchmal davon, daß das große Meer - er wußte nicht welches, er
hatte niemals eine Landkarte gesehen, und alle Meere der Welt waren für ihn
einfach: das große Meer - eines Tages Rußland überschwemmen würde, und
zwar just jene Hälfte, auf der er lebte. Dann wäre also die See, zu der er
niemals zu gelangen hoffte, zu ihm gekommen, die gewaltige unbekannte See
mit dem unmeßbaren Leviathan auf ihrem Grunde und mit all ihren süssen und
herben und salzigen Geheimnissen.'
Zwar wird es keine Meeresüberschwemmung in Progrody geben, aber Piczenik
ertrinkt mit mehr als zweihundert Passagieren des Dampfers "Phönix" im Ozean.
Roths Kommentar am Ende des Romans ist besonders passend:
" Was aber Nissen Piczenik betrifft, der ebenfalls damals unterging, so kann man
nicht sagen, er sei einfach ertrunken wie die anderen. Er war vielmehr - dies kann
man mit gutem Gewissen erzählen - zu den Korallen heimgekehrt, auf den Grund des
Ozeans, wo der gewaltige Leviathan sich ringelt.". Und Roth fügt hinzu: "... ich
bürge dafür, daß er zu den Korallen gehört hat und daß der Grund des Ozeans seine
einzige Heimat war."
Anmerkungen:
1 Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. S. 192
2 Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. S. 169
3Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. 170
4 Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. 178
61
5 Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. 178
6 Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. 178
7 Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. 173
8 Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. 178
9 Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. 193
1 0 Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. 195
1 1 Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. 172 - 173
1 2 Joseph Roth, Der Leviathan. Erzählungen. München, 1977. 2.Aufl. 193
62
6. GEMEINSAME NENNER DER ANALYSIERTEN WERKEN
Roman Das falsche Gewicht, Hiob und die Novelle Leviathan haben manche
gemeinsame Züge. Sie spielen sich alle, wenn nicht die ganze Zeit, dann mindestens
teilweise in Galizien ab, in dem Gebiet, aus dem der Schriftsteller stammte. Ein
anderes Merkmal sind die männlichen Hauptfiguren, deren soziale Rolle sich im
Verlauf der Zeit ändert. Sie müssen ihre Stereotypen wechseln, sie müssen alle
Schicksalschläge durchleiden, um dann versöhnt und zufrieden zu sterben.
Melancholie aller drei Figuren besteht darin, dass sie ihre Identität suchen, dass sie
sich heimatslos und von ihrer eigenen Umgebung entfremdet fühlen. Bei Anselm
Eibenschütz ist die Heimatslosigkeit dadurch verursacht, dass er praktisch
unfreiwillig in einem fremden Ort geriet, wo er als Eichmeister tätig sein musste, und
das alles ohne seine geliebte Uniform; Bei dem frommen Tora-Lehrer Mendel Singer
ist der Grund seiner Heimatslosgkeit zunächst die fremde russische Landschaft
außerhalb des Schtetls und später wird er sich in Amerika heimatslos fühl, weil er
einfach anpassungsunfähig ist. Nissen Piecznik dagegen, der Hauptheld der Novelle
Leviathan ist vom Anfang an zu der Meerestiefe, wo das Ungeheuer Leviathan und
die geliebten Koralle leben, herangezogen. Unser Korallenhändler erreicht seine
ersehnte Heimat, als er mit anderen Passagieren des Schiffes Phönix ertrinkt.
63
7. SCHLUSSWORT
Joseph Roths Werk stellt eine große Anregung für Analyse dar. Es wäre keine leichte
Aufgabe dies komplett und detailliert zu analysieren. Deswegen habe ich nur zwei
Gesichtspunkten gewählt, wonach ich gewähltes Werk betrachtet habe. Mein Thema
war Melancholie und ihre Masken in den späten Werken (besonders in den Werken
Das falsche Gewicht, Hiob und Leviathan) wie sie sich in diesen widerspiegeln.
Meine Arbeit besteht aus drei größeren Einheiten, die weiter in kleinere Kapitel geteilt
sind. Die erste Einheit bildet die Biographie Roths, da sie meiner Meinung nach in
einem sehr engen Zusammenhang zu seinen Werken, insbesonere den drei in der
Arbeit behandelten Romanen, steht.
Die zweite Einheit ist ein kurzer Überblick über die Donaumonarchie in ihren letzten
Jahren, ergänzt durch Roths persönliche Stellung zur Donau Monarchie
Die dritte Einheit besteht aus der Analyse der drei Romane (Das falsche Gewicht,
Hiob, Roman eines einfachen Mannes und die Novelle Leviathan) in Verbindung mit
der Thema der Arbeit und dem leitmotivischen Begriff der Melancholie.
Die latente Melancholie von Joseph Roths Figuren, vor allem von dem militärischen
Charakter Anselm Eibenschütz, dem frommen Mendel Singer und dem, nach der
Illusion sehenden Korallenhändler aus den Werken Das falsche Gewicht, Hiob und
Leviathan ist ein gemeinsamer Nenner in diesen Werken und das Erkenntnisinteresse
dieser Arbeit. Die von Joseph Roth beschriebene Melancholie war kein irrelaer
Zustand, der nur die dargestellten Figuren betraff. Joseph Roth als ausgezeichneter
Psychologe beschrieb die ganze Reihe von klinischen Symptomen der Depressionen
und ihrer Arten, Melancholie und das Leiden der Figuren sind sehr real und zeugen
davon, dass er selbst gelitten haben muss, aber durch sein Schreiben versuchte er sich
zu heilen. Seine Sensibilität eines genialen Künstlers führte ihn einersseits bis zu
seinem bitteren Ende, andererseits gönnte ihm solche literarische Meisterstücke zu
schöpfen.
Eine Erfahrung des Leidens ist der Kern seiner Werken, Alles Leiden und alle
Leidenden stehen im Zusammenhang. Empathie und Verständnis sind ein Schlüssel zu
64
der Erkenntnis der Nachsicht denn: Wie Roth das geheimnisvolle Urteil im Roman
Das falsche Gewicht seinem Freund llja Ehrenburg darstellte: Nach den Worten des
sterbenden Eichmeisters : Freilich sind meine Gewichte leichter als vorgeschrieben.
Aber so ist es bei allen: Anders kann man in unserer Stadt nicht leben. Nach Roths
Meinung erwidert der allerhöchste Inspektor: genaue Waagen gebe es überhaupt
nicht.
Anmerkung:
1 Vergl. Helmut Nürnberger, Joseph Roth, Rowohlt Bildomonographien, Hamburg,
1989, S.126
(! « • £ • .
•o
7. QUELLENVERZEICHNIS
Primärliteratur:
*Joseph Roth: Werke in 6 Bänden, Kiepenheuer und Witsch Verlag, 1990, Band 3,
Band 5
*Joseph Roth: Der Leviathan. Erzählungea München, 1977. 2.Aufl.
* Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende, Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1989
* Joseph Roth: Juden auf Wanderschaft
Sekundärliteratur:
•
Michael Kessler, Fritz Hackert (Hrsg.): Joseph Roth. Interpretation.
Rezeption. Kritik. Tübingen, 1990.
• Géza von Cziffra: Der heilige Trinker. Erinnerungen an Joseph
Roth.Frankfurt/M.1989.
• Joseph Roth: Briefe 1911-1939. Hg. Hermann Kesten. Kiepenheuer & Witsch,
Köln, Berlin 1970
• Joseph Roth: Werke,Hg. Westermann/Hackert Kiepenheuer & Witsch, Köln,
1989-1991
• David Bronsen: Joseph Roth. Eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln
1974
• Helmuth Nürnberger: Joseph Roth. Eine Biographie. Rowohlt Taschenbuch
Verlag,Hamburg 1981
• Joseph Roth: Unter dem Bülowbogen, Prosa zur Zeit. Hg. R.-J. Siegel,
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1994
• Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues,Kiepenheuer & Witsch,
Köln, 1979
• Wolfgang Müller-Funk: Joseph Roth. München, 1989
Internetquellen:
http://www.inst.at/trans/7Nr/durusoy7.htm
http://xarch.tu-graz.ac.at/home/joba/joeref/#arbeit
66
http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/roth/index.html
67
Resumé o této diplomové
práci:
Ve své diplomové práci „Die Melancholie und ihre Masken, wie sie sich in den späten
Werken von Joseph Roth widerspiegeln", jsem se zabývala hlubší analýzou tří
pozdních děl rakouského spisovatele Josepha Rotha. Jedná se o díla Das falsche
Gewicht (Falešné závaží), Hiob (Job) a Leviathan. Všechna tři díla jsem hodnotila a
analyzovala z hlediska toho, jak je v nich vylíčena melancholie hlavních hrdinů a jaká
je celková atmosféra těchto děl. Také jsem ve své práci kladla důraz na
autobiografické momenty ze života Josepha Rotha, neboť si myslím, že jeho dílo
život jsou úzce propojeny.
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Seele and Geist
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