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Die ganze Palette – für Buben wie für Mädchen - PHBern

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Schweiz 5
WOZ Nr. 10 8. März 2012
G e sc h lec h t e rg e r ec h t e Pä dag og i k
Die ganze Palette – für Buben
wie für Mädchen
Brauchen Buben einen anderen Unterricht? Warum sind viele Mädchen so still? Wie wird die Schule
beiden Geschlechtern gerecht? Die WOZ hat Fachleute gefragt, die sich nicht mit Schlagworten zufriedengeben.
Von Bet tina Dy t trich
Er (links) findet die Schule doof. Weil sie nicht bubengerecht ist? Oder weil er denkt, ein rechter Mann müsse die Schule doof finden?
Buben haben Probleme – das ist wohl unbestritten. Sie gelten öfter als verhaltensauffällig,
haben mehr Sprachschwierigkeiten, landen
häufiger in Sonderschulen, verstossen öfter
gegen Regeln, sind mehr krank, schaffen inzwischen auch seltener die Matura als Mädchen.
Doch warum ist das so? Muss man dringend
etwas dagegen tun? Und wenn ja, was? Dazu
gehen die Meinungen weit auseinander. Die
einen schreiben Bücher mit Alarmtiteln wie
«Die Jungen-Katastrophe» (Franz Beuster) oder
«Kleine Machos in der Krise» (Allan Guggenbühl). Sie fürchten, die «verweiblichte» Schule
sei schuld am Misserfolg vieler Buben: zu viele
Lehrerinnen, zu «weiche» Themen, zu wenig
Hierarchien. Andere, wie Maximilian Buddenbohm kürzlich in der Zeitschrift «Wir Eltern»,
fragen ganz entspannt: «Die Mädchen haben
aufgeholt. Aber muss man das gleich als Problem sehen?»
Hinter den unterschiedlichen Haltungen
zum «Bubenproblem» stehen entgegengesetzte Weltsichten. Die einen halten es für den
Ausdruck einer generellen, zunehmenden Benachteiligung von Buben und Männern. Meist
sehen sie Frauen und Männer als grundlegend
verschieden – «einander fremde Wesen», wie
der viel zitierte Psychologe Allan Guggenbühl
schreibt – und verstehen männliche und weibliche Identität als von der Biologie geprägt und
unveränderlich. Guggenbühl vertritt diese
Weltsicht. Man müsse «bestimmte männliche
Grundeigenschaften» akzeptieren, ist er überzeugt.
Umfrage bei 900 SchülerInnen
Die andere Seite argumentiert differenzierter.
Zum Beispiel Elisabeth Grünewald-Huber,
ehemalige Professorin an der Pädagogischen
Hochschule (PH) Bern. Sie wollte genau wissen,
was es mit den schlechteren Schulleistungen
männlicher Jugendlicher auf sich hat. An ihrem Forschungsprojekt (www.faule-jungs.ch)
waren fünfzig achte Klassen im Kanton Bern
beteiligt – von Realschule bis Gymnasium. Fast
900 SchülerInnen haben einen Fragebogen
ausgefüllt, dazu kamen geschlechtergetrennte
Gruppendiskussionen und Filmaufnahmen
von Deutsch- und Mathematiklektionen.
•  Die Umfrage zeigt: Männliche Jugendliche
fühlen sich von Lehrerinnen nicht benachteiligt. Zwei Drittel der Befragten fanden, das
Geschlecht der Lehrperson spiele keine Rolle.
Der Rest bevorzugt das eine oder andere Geschlecht – lange nicht immer das eigene.
•  Jungen und Mädchen haben auch die gleichen Erwartungen an die Lehrperson: Sie wünschen soziale und didaktische Kompetenz, Interesse an den SchülerInnen und Humor; die
LehrerInnen sollen «sich Respekt verschaffen
f oto: U R SU L A H Ä N E
und gleichzeitig einen ungezwungenen UmDoch welche Möglichkeiten gibt es denn,
gang mit der Klasse pflegen». Es stimmt nicht, Buben jenseits von Machotum zu stärken? Wie
dass Jungen Frontalunterricht oder gar Drill sieht eine geschlechtergerechte Pädagogik aus?
bevorzugen.
•  Klare Unterschiede gibt es dagegen bei Mei- Buben wollen reden: Ron Halbright
nungen und Verhalten: Schüler sind der Schule
gegenüber negativer eingestellt und erklären Hast du im Spiel getötet? Mit welchen Waffen?
häufiger, den Unterricht zu stören, als Schüle- Hast du schon einmal ein Tier umgebracht?
rinnen – was sich in den Filmaufnahmen bestä- Wofür würdest du dein Leben riskieren?
Wenn Ron Halbright mit Buben zusamtigt.
•  Mädchen wie Buben haben klare Vorstel- mensitzt, scheut er schwierige Themen nicht.
lungen davon, welche Fächer männlich oder Der Pädagoge, der aus den USA stammt und
weiblich seien: «Bei den Knaben mangelt es heute in Thalwil am Zürichsee lebt, ist Mitgrün­
in Sprachfächern und Lesen an Interesse, bei der und Vorstandsmitglied des Vereins NetzMädchen in Mathematik und Physik an Ver- werk schulische Bubenarbeit ­(­w ww.nwsb.­ch).
trauen in die eigene Begabung»,
Fachleute des Netzwerks ­bieten
schreibt Grünewald.
Schulbesuche und Weiterbildun­
gen für LehrerInnen an.
•  Buben haben deutlich tradi- Hinter den
tionellere Vorstellungen über Haltungen zum
Computergames seien ein
Geschlechterrollen als Mädchen – «Bubenproblem»
gutes Thema, wenn er in eine
am ausgeprägtesten in der RealBubengruppe komme, sagt Hal­
stehen
schule. Aussagen wie «Für Kinbright. «Gibt es Games, die euch
der ist es besser, wenn die Mutter entgegengesetzte
zu brutal sind? Ahmt ihr nach,
die Betreuung übernimmt» stim- Weltsichten.
was ihr seht? Wofür ­w ürdet ihr
men sie viel häufiger zu.
in den Krieg ziehen?» Und schon
sei man mitten in der Diskus­sion.
•  Mädchen nennen als Vorbilder
Personen aus den verschieDie einen fänden es geil, Soldat
densten Bereichen der Gesellzu sein, andere gar nicht. «Ich
schaft – Männer wie Frauen –,
suche die Kontroverse unter den
«während die Knaben (mit einzelnen Aus- Buben.» Danach sei es einfach, auch persönnahmen) ausschliesslich Männer aus einem lichere Fragen zu stellen: Wie reagierst du, wenn
kleineren Spektrum (Sport, Unterhaltung, Po- du verletzt wirst? «Wenn einer sagt, er weine
litik) nennen».
nie, entgegne ich: Als Baby hast du aber ge­
Eines scheint nach dieser Untersuchung weint! Wann hast du aufgehört?» Unterdrück­te
klar: Der Schulerfolg der Buben hängt weni- Trauer könne schnell in Aggression kippen.
ger von der Art des Unterrichts oder vom GeDas klingt nicht nach einer einfachen
schlecht der Lehrperson ab als von ihrer Ein- Aufgabe. Was macht Halbright, wenn Buben
stellung der Schule gegenüber – und von ihren abblocken? Das passiere nur, wenn er ihre
Selbst- und Männerbildern.
Sprache nicht finde, sagt er. Der richtige AnDiese Männerbilder sind in den letzten fang sei entscheidend. «Sicher frage ich nicht
Jahrzehnten immer antiintellektueller gewor- als Erstes: Wie fühlt ihr euch? Wenn ich nach
den: «Das Wort erscheint plötzlich als Frauen- Spielen frage, blockt kein Junge ab.» Halbright,
sache», schreibt der Schriftsteller und Berufs- der auch schon mit Strafgefangenen gearbeitet
schullehrer Jürgmeier – «nachdem während hat, macht immer wieder die Erfahrung, dass
Jahrhunderten der (männliche) Geist dem Buben reden wollen. «Wenn wir Männer uns
(weiblichen) Körper übergeordnet wurde.» Zeit nehmen, können wir Buben helfen, im akHeute gilt der Intellektuelle, der Dichter und tuellen Wirrwarr von MännlichkeitsvorstelDenker schon fast als Frau – Jürgmeier zitiert lungen etwas zu finden, was für sie taugt.»
als anschauliches Beispiel die BerichterstatSind Buben in der Schule benachteiligt?
tung über alt Bundesrat Moritz Leuenberger «Die Schule ist nicht geschlechtergerecht. In
(siehe Bildungsbeilage in WOZ Nr. 44/10). «Die diesem Sinn sind alle benachteiligt», sagt Hal­
Grundformel ‹Mann sein heisst, nicht Frau bright. «Wenn in der Mittelstufe die Hälfte der
sein› ist massgeblich für das schulische Elend Buben meint, sie müssten nicht für die Schule
der Buben verantwortlich», schreibt Jürgmeier, lernen, weil sie sowieso Profifussballer würder Genderstudies studiert hat. «Am Ende des den, stimmt etwas nicht. Wir geben den Buben
Versuchs, sich durch Entwerten und Zurück- Männerbilder weiter, die nicht lebenstauglich
ziehen in frauenfreie Zonen, eigene, männliche sind.» Buben würden schon in der Unterstufe
Orte zu retten, stehen Männer und Buben mit zu Konkurrenz statt Kooperation erzogen und
dem Rücken zur Wand.» Die «kleinen Machos lernten zu wenig, konstruktiv mit Konflikten,
in der Krise» in ihrem Machotum noch zu stär- Unzulänglichkeiten und Niederlagen umzugeken, scheint aus dieser Perspektive absurd.
hen, ist der Pädagoge überzeugt.
Und das Argument, Buben seien eben von
Natur aus gewalttätig und leseschwach? Hal­
bright glaubt nicht daran: «Mit drei oder vier
Jahren wissen Kinder, was von ihrem Geschlecht
erwartet wird. Sie sehen kaum Männer mit Kinderwagen. Dafür sehen sie in den Medien, dass
es Männer sind, die töten. Und in den Gratiszeitungen jeden Tag fünf halbnackte Frauen. Ist
das die Natur?» Die Unterschiede innerhalb der
Geschlechter – und zwischen geförderten und
nicht geförderten Kindern – seien viel grösser
als die zwischen durchschnittlichen Buben und
Mädchen. «Und wenn Buben von Natur aus die
Neigung hätten, schlechter zu sprechen, zuzuhören und zu lesen? Dann wäre es noch wichtiger, dass sie Unterstützung bekommen.»
Der Genderblick: Elisabeth Grünewald
Elisabeth Grünewald von der PH Bern sagt sogar: «Die Naturthese entlastet Lehrpersonen
in ihrem eigenen Unvermögen.» Wenn eine
Lehrerin oder ein Lehrer überfordert sei mit
den «Giele», sei es naheliegend, zu sagen: «Aha,
die sind eben von Natur aus so.» Vielen Lehrer­
Innen fehle ein Stück Genderkompetenz, um
anders mit der Situation umzugehen.
Angehenden LehrerInnen diese Kompetenz mitzugeben, ist ein Anliegen von Grüne­
wald. An der PH Bern leitet sie das Wahlmodul
«Starke Mädchen – starke Jungs». Am Anfang
diskutiert sie mit den Studierenden aktuelle
Pressebilder und Schlagzeilen: Warum führt
bei einer Hochzeit der Vater die Braut zum Altar, nicht aber die Mutter den Bräutigam? Wie
kommt ein Knabe im Kindergarten dazu, partout nicht mit «Mädchenfarben» malen zu wollen?
Die Studierenden lernen Gendertheorien
und Forschungsergebnisse kennen. In einem
Tagebuch halten sie ihre Beobachtungen fest:
«Werden sie in Gesprächen irgendwie manipuliert, in Rollen gedrängt als Frau, die man
belehren muss? Oder als Mann im Praktikum
sofort mit der Wartung der Computer betraut?
Diese Prozesse laufen ja fast immer unbewusst.
Und kommen uns völlig natürlich vor. Darum
wird auch immer mit der Natur argumentiert.»
Gegen die Natur hat Elisabeth Grüne­wald
überhaupt nichts: «Ich zeige den Studierenden,
dass der plumpe Biologismus den Komplexitäten in der Natur nicht gerecht wird – da gibt
es ja so viele Abweichungen vom bipolaren Geschlechtermuster und unterschiedlichste Spielarten. So ist bei Tieren nicht immer das Weibchen für den Nachwuchs zuständig. Da ist der
Biologieunterricht gefragt!»
So gebe es für LehrerInnen in jedem Fach
die Möglichkeit, Stereotypen zu durchbre
Fortsetzung auf Seite 6
6 Schweiz
WOZ Nr. 10 8. März 2012
Berner Primarlehrerin. «Da musste ich mich
selber an der Nase nehmen.» Um auch den
chen: von erfolgreichen Mathematikerinnen Mädchen gerecht zu werden, teilte sie die Klaserzählen, wenn Mädchen meinen, Rechnen sei se oft auf. «Dann konnten wir mit den Mädchen
nichts für sie. Oder einen Schriftsteller einla- Dinge unternehmen, die sie wünschten – tanden, um den Buben zu zeigen, dass auch Män- zen, Theater spielen, Geschichten erzählen –,
ner begeistert Bücher schreiben – und damit ohne dass die Buben dauernd blöde Sprüche
Geld verdienen. Texte lesen, in denen komplexe, machten.» Währenddessen übernahm der
untypische Mädchen- und Jungenfiguren vor- Schulsozialarbeiter die Buben – und übte mit
kommen. «Astrid Lindgren ist nach wie vor ihnen, das Klassenzimmer zu verlassen, ohne
die Tür zuzuschlagen.
hochaktuell.»
Auch Elisabeth Grünewald macht sich
Am Schluss lesen die Studierenden ihr
Gendertagebuch durch und präsentieren Grü- Sorgen, dass stille Mädchen zu kurz kommen
newald ihre Schlüsse daraus: «Häufig sagen können: «Sie gehören genauso wie die lauten
sie, es sei privat viel passiert. Sie fühlten sich Jungs zur Genderthematik – werden aber kaum
freier und selbstbestimmter und liessen es sich zum Thema, weil sie niemanden stören.» Und
weniger bieten, in stereotype Rollen gedrängt dass Mädchen von klein auf medial suggeriert
zu werden. Wer den Blick einmal geschärft hat, werde, ihre Hauptaufgabe sei es, schön und
sexy zu sein, müsse in der Schule kritisch themerkt, dass das Thema überall ist.»
matisiert werden.
Die «Verweiblichung» der Schule betrifft
In der Berufsschule: Jürgmeier
nur die Primarstufe: In den Sekundarschu«Warum denken Sie, es gebe bei Berufsschüle­ len sind die Geschlechter fast ausgeglichen,
rinnen und Berufsschülern besondere Wider­ am Gymnasium überwiegen die männlichen
stände gegen das Thema ‹Gender›? Das ist doch Lehrkräfte, an den Universitäten sowieso: Nur
ein Klischee», sagt Jürgmeier. Er ist ­Lehrer für knapp siebzehn Prozent der ProfessorInnen
Allgemeinbildung an einer Berufsschule in der sind Frauen. Und auch wenn heute junge
Lebensmittel­branche. ­Zu ­d iesem Fach gehören Frauen häufiger die gymnasiale Matura schaf­Sprachkompetenzen genauso wie
fen (58 Prozent), nimmt der
Politik, Wirtschaft, Ethik oder
Frauenanteil bei den HochschulÖkologie. Zusätzlich ­sollen laut Welche Bilder
abschlüssen auf 43, bei den DokLehrplan verschiedene «Blick- vermittelt
toraten noch weiter ab. Wenn es
winkel» berücksichtigt werden, Steff La Cheffe,
um Karrieren und Löhne geht, ist
darunter auch Gender.
die Benachteiligung der Frauen
welche
«Mein persönliches Ziel ist
noch lange nicht überwunden.
es, dass die Lernenden mindes­ Francine Jordi?
Grünewald glaubt, dass die
tens wissen, was ‹Gender› heisst.
Schule daran beteiligt ist: «ManDass sie zuordnen können, was
che Buben nehmen die Schule
biologisch bedingt und was so­
als Plattform, um traditionelle
zial konstruiert ist.» Das Krite­
Männlichkeit einüben. Sie profirium dafür sei einfach: «Was
lieren sich über Witze, Stören des
sich im Verlauf der Geschichte
Unterrichts,
Gruppenrituale.»
verändert oder in verschiedenen Kulturen un- Buben lernen also offenbar etwas in der Schule,
terschiedlich geregelt ist, kann nicht biologisch was nicht zum Schulstoff gehört. Etwas, was sie
sein. Ich hoffe, keiner meiner Schüler meint später brauchen können und was ihnen doch
beim Lehrabschluss, es sei eine Frage der Bio- auch zum Fluch werden kann.
logie, wer für den Haushalt zuständig ist. Auch
Denn es scheint, dass die Bereiche, in dewenn er persönlich findet, die Frauen sollen di- nen Männer immer noch klar im Vorteil sind,
ese Arbeit machen.»
direkt mit jenen zusammenhängen, in denen
Jürgmeier schaut mit seinen Klassen sie sich benachteiligt fühlen: Stärker auf StaWerbebilder an oder vergleicht Liedtexte: Wel- tus und gute Löhne fixiert, schaffen es mehr
che Bilder von Liebe, Männern und Frauen ver- Männer beruflich «nach oben», machen Geld,
mittelt die Rapperin Steff la Cheffe, welche die stürzen aber auch umso tiefer, wenn die KarSchlagersängerin Francine Jordi? Was ist der
Grund, dass sich die Rekordwerte von Marathonläufern und -läuferinnen immer mehr annähern? Auch wenn es nicht explizit um Gender Bücher zum Thema
geht, bleibt der Lehrer am Thema dran: Warum Elisabeth Grünewald, Anne Gunten: «Werkmappe Genderkompetenz. Materialien
wird für eine Gruppenarbeit eine junge Frau
für geschlechtergerechtes Unterrichten».
zur «Chefin» ernannt, in der konkreten Arbeit
Verlag Pestalozzianum. Zürich 2009.
aber nicht als solche anerkannt? Warum brauchen manche Schüler «schwul» als Schimpf- Jürgmeier, Helen Hürlimann: «Tatort, Fussball
und andere Gendereien. Materialien zur
wort? «Ich reagiere immer, wenn das passiert.
Einübung des Genderblicks». Interact
Wenn es um Homosexualität geht, gibt es übriVerlag. Luzern 2008.
gens viel grössere Widerstände als beim Thema
Thomas Ryner, Bea Zumwald (Hg.): «­C oole
‹Gender›.»
Mädchen, starke Jungs. Impulse und
Der Berufsschullehrer fragt aber auch:
Praxis­t ipps für eine geschlechterbewusste
«Warum will man vor allem Jugendlichen Ideale,
Schule». Haupt Verlag. Bern 2008.
zum Beispiel die Gleichheit von Mann und Frau,
beibringen? Weil man bei Erwachsenen nicht mehr an den Erfolg glaubt, werden Jugendliche
zum beliebtesten Objekt unterschiedlichster riere scheitert. Dass Männer weniger auf ihre
Missionen. Diese Haltung der Erwachsenen Gesundheit achten und öfter vereinsamen, hat
grenzt an Selbsthass.» Zuerst sollten die Schu- viel mit dieser Orientierung auf «Erfolg» zu
len selber gendergerecht werden, meint er. «Mit tun. Das engere Spektrum an Vorbildern von
gendergerechter Sprache, ausgewogener Ge- Buben, das in der Umfrage an den Berner Schuschlechterverteilung bei der Stellenbesetzung, len auffällt, gehört zur gleichen Geschichte.
Ermöglichung von Teilzeitarbeit.»
Zeit also, dass Buben wie Mädchen «die
ganze Palette» brauchen dürfen, wie es Elisabeth Grünewald nennt: «Stark auftreten, aber
Und die Mädchen?
gleichzeitig die weicheren, sozialen und für«In meiner letzten Klasse waren so viele an- sorglichen Elemente nicht ausschliessen. Es soll
spruchsvolle, laute Buben, dass ich froh war, keine Gefühle mehr geben, die als unmännlich
wenn die Mädchen still waren», erzählt eine gelten.»
Fortsetzung von Seite 5 Ru n d u m d e n F u s s ba l l
Acht Polizisten
mit Handschellen
Erstmals geht ein Staatsanwalt wegen einer im Internet geäusserten
«Aufforderung zu Gewalttätigkeiten» gegen einen Fussballfan vor.
Von Dinu Gautier
Delta-Sicherheitskräfte stürmen in Zürich den St. Galler Fansektor.
Der Kampf des St. Galler Staatsanwalts Thomas
Hansjakob gegen fehlbare Fussballfans hat eine
neue Stufe erreicht. Er verurteilte einen Anhänger des FC St. Gallen im Schnellverfahren – nicht
wegen Pyros oder einer Schlägerei, sondern wegen eines Eintrags im Fanforum fcsgforum.ch.
Simon Bach (Name geändert) kommt aus
St. Gallen und studiert in Bern Geschichte. Seit
fünf Jahren ist er in der Hooligandatenbank erfasst, weil er sich an einer Schlägerei mit Fans
des FC Luzern beteiligt hatte.
«Am letzten Donnerstag um 6.30 Uhr sind
etwa acht Polizisten mit Hausdurchsuchungsund Haftbefehl in mein Zimmer gestürmt»,
sagt Bach. Sie hätten den Schlaftrunkenen sofort mit Handschellen gefesselt und den Computer des 30-Jährigen beschlagnahmt. Nach
einem Aufenthalt auf dem Berner Polizeiposten
sei er in einem Käfigwagen nach St. Gallen gefahren worden, erzählt Bach. Dann gings zur
erkennungsdienstlichen Behandlung, «CSI Appenzell», wie es Bach nennt: Fingerabdrücke,
Handabdrücke, Fotos, DNA-Entnahme.
Am 16. Februar hatte Bach im Internetforum an einer Diskussion teilgenommen, ob
und wie man gegen eine angekündigte verschärfte Stadionordnung vorgehen soll. Bach
hielt nichts von einem Stimmungsboykott, wie
ihn Fanvertreter angekündigt hatten. Man solle
das ignorieren, nicht immer «blauäugig und
entrüstet auf solche Vorstösse reagieren». Auf
Nachfrage eines anderen Forumsteilnehmers,
was man sonst tun solle, schrieb Bach: «Wenn
sie einen rauszupfen wollen, halt die ‹Sicherheitsverantwortlichen› tüchtig zusammendreschen. Wie gewohnt. Wenn sie irgendwelche
Stadionverbote aussprechen, 90 Minuten lang
das Stadion einnebeln. Dagegenhalten halt.»
Bach sagt, mit «Sicherheitsverantwortliche» habe er die Delta-Security gemeint. Jene
Firma, die sich in der Vergangenheit den Vorwurf einhandelte, eigentliche Schläger zu beschäftigen. Jene Firma auch, die an einem Auswärtsspiel des FC St. Gallen im Zürcher Letzi­
foto: va l e r i a n o D i Dom e n i co, EQ I m ag e s
grund eine Person aus der Menge heraus zu
verhaften versuchte, was ihr wegen der Gegenwehr der St. Galler Kurve aber nicht gelang.
«Der Staatsanwalt bezog das Wort ‹Sicher­
heitsverantwortliche› auf die eigentlichen Sicherheitsfunktionäre des Vereins, was ich ein
Stück weit nachvollziehen kann», so Bach. Er
habe Hansjakob gegenüber sofort zugegeben,
dass er den Eintrag geschrieben habe. Auch
dass der Tatbestand der «Aufforderung zu Gewalttätigkeiten» erfüllt sei, bestreitet er nicht.
Aber etwas erstaunt sei er: «Ähnliches haben
ich und andere schon hundertmal im Suff irgendwo geschrieben.» Bach findet, es hätte gereicht, ihn auf den Polizeiposten vorzuladen.
«Das hätte man tatsächlich machen können», meint Staatsanwalt Thomas Hansjakob
auf Nachfrage. «In dieser Szene muss ich aber
davon ausgehen, dass Beweise vernichtet werden.» Man habe beweisen wollen, dass tatsächlich Bach Urheber des Postings war – und
das könne man nur mit Spuren auf dem Computer, eine IP-Adresse reiche dafür noch nicht
aus. Auch die DNA-Entnahme sei rechtmässig. «Wenn einer mit Gewaltakten droht, dann
muss davon ausgegangen werden, dass er diese
später auch in die Tat umsetzen könnte.» Der
Staatsanwalt räumt ein, dass man derzeit «sensibel» sei, wenn es um Sicherheitsfunktionäre
des FC St. Gallen gehe. Hansjakob hatte jüngst
Fans wochenlang telefonisch überwachen
lassen und für Tage in Untersuchungshaft gesteckt. Es galt einen Jugendlichen zu überführen, der dem Sohn eines Sicherheitsfunktionärs einen Schlag versetzt hatte.
Zurück zum Fall Bach: Am Nachmittag
war der Spuk vorbei. Er erhielt eine bedingte
Geldstrafe: fünf Tagessätze à dreissig Franken.
Letzte Frage an Hansjakob: Müssten Sie
nicht Hunderte von Leuten verhaften lassen,
wenn Sie alle Aufrufe zur Gewalt im Internet
verfolgen würden? «Ich kann nur das aufdecken, was mir auch gemeldet wird und die Region St. Gallen betrifft.»
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