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1 SWR2 Tandem - Manuskriptdienst Vom Knast auf die Bühne Wie

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2
SWR2 Tandem - Manuskriptdienst
Vom Knast auf die Bühne
Wie Musik ehemalige Straftäter verwandelt hat
Autor:
Bertram Schwarz
Redaktion:
Petra Mallwitz
Sendung:
Mittwoch, 17.07.13 um 10.05 Uhr in SWR2
__________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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1
MANUSKRIPT
Atmo: Gefängnistür
Erzähler:
Gefängnis Rottenburg am Neckar. Erst mal die Ausweise abgeben und dann die
Handys deponieren.
Gippsy:
Mir ist irgendwie n’ bisschen komisch, aber auf einer Seite irgendwo n’ bisschen
Freude, auf der andern Seite aber mehr, das überwiegt auch, ich will einfach hier
ganz schnell wieder weg. So dieses Gefühl.
OMP:
Mulmig, aber ich kenn mich aus, irgendwie. Es ist traurig, aber wahr, man kennt sich
aus, man fühlt sich irgendwie dazu gehörig. Also, Ich weiß wo was ist, weisch.
Atmo: Gefängnistür
Erzähler:
Das große Eisentor geht automatisch zu hinter den drei Besuchern. Sie sind wieder
drin. Freiwillig da, wo sie bis vor kurzem eingesperrt waren. OMP, Gippsy und AJ, so
nennen sie sich, lassen ihre Blicke an den Mauern entlang hinauf zum NATO-Draht
wandern und dann weiter nach hinten zu den Backsteingebäuden mit den Gittern vor
den Fenstern.
AJ:
Ich bin auch hier genau wie die Häftlinge, nicht anders. Ich bin früher
rausgekommen, aber ich muss nicht einen auf Star machen, ich fühl mich nicht
irgendwie jetzt hier so …, ich freu mich, die alle wieder zu sehen, auf jeden Fall, aber
ich will jetzt nicht unbedingt hier einen auf Star machen und des und des, das ist
Knast, das ist mein Knast, das sind meine Jungs, ich komm her um ein bisschen
denen Musik zu geben, das war es auch.
Erzähler:
AJ, Gippsy und OMP sind für einen Bühnenauftritt vor ihren ehemaligen Mithäftlingen
noch einmal zurück gekommen. Warum er hier war, frage ich den 27-jährigen AJ.
AJ:
Ich habe früher gern Leute verprügelt und … , ja, verschiedene Sachen, dark life halt,
also ich war jetzt, zuletzt war ich eineinhalb Jahre, es war leider mein zweites Mal,
aber zum Glück auch nicht so ne Riesenstrafe, aber das reicht auch jetzt auf jeden
Fall.
Erzähler:
Sein Kumpel OMP war über zwei Jahre hier eingesperrt.
OMP:
Ich hab‘ das Gesetz nicht eingehalten, ich hab die Regeln nicht befolgt und wurde
bestraft. (lacht).
2
Erzähler:
Glatze, Bodybuilderfigur, Sonnenbrille. OMP ist Anfang Dreißig, hat die Aura eines
Anführers. Der gleichalte Gippsy überragt OMP um einen Kopf - und wirkt viel in sich
gekehrter. Warum er im Gefängnis war:
OMP:
Wegen Körperverletzung und, ja, wegen Dummheit einfach.
Atmo
Erzähler:
Gippsy, OMP und AJ gehen in den so genannten Kultursaal des Gefängnisses. Zu
Probe und Soundcheck für ihren Auftritt am Abend. Beim Anblick der Wärter mit den
dicken Schlüsselbünden, der Überwachungskameras und der kahlen Gänge werden
ihre Augen schmal, ihre Blicke vorsichtig. Als sie noch hier eingesperrt waren, gab es
für Gippsy, AJ und OMP nur wenige Lichtschimmer - die „Angebote zur
Freizeitgestaltung“ - einmal in der Woche für eine Stunde. OMP erzählt davon:
OMP:
Es gab eine Musikgruppe, die sich Hiphop Gruppe genannt hat, ich bin einfach mal
vorbeigegangen, die Gruppe bestand aus Kaffee trinken, Witzchen reißen und
Geschichten erzählen und wir hatten jede Menge Spaß. Wir hätten nie gedacht, dass
da irgendwas ernsthaftes dahinter stecken könnte.
Erzähler:
Das ernsthafte steckte in ihnen selbst: eigene Texte für eigene Rapsongs. Dafür
beginnt die Gruppe zu arbeiten. Und OMP macht mit.
OMP:
Ich schreib schon immer Texte, schon sehr, sehr lange schreib ich Texte, seit ich
schreiben kann, seit ich denken kann, also so von kleine Kindergedichte, hin und her,
also schon sehr sehr lange schon Wörter gereimt und versucht mit Worten zu
spielen. Wer einfach was von mir wissen will, von meiner Persönlichkeit, der braucht
mir einfach nur zu zuhören, wenn ich rappe, und der weiß dann schon ungefähr, der
kann dann verbinden, wer vor ihm steht, was diese Person sagt, in dem Fall ich. Und
kann dann selber entscheiden.
Erzähler:
Wenig später kommt auch AJ zur Gruppe. Weil: vor dem Knast war bei ihm nicht nur
dark live.
AJ:
Ich hab halt schon ziemlich lang angefangen mit Freestyle, mein Bruder macht
Musik, mein Schwager macht Musik, die sind beide richtig gut, also ich hab eine sehr
musikalische Familie und so hab ich halt irgendwann mal angefangen, Texte zu
schreiben, zu freestylen, ich hab auch bei Freestyle Battles mitgemacht und die
Leute auseinander genommen, also war’s für mich kein Problem.
Erzähler:
Die Hiphop-Gruppe setzt sich ein Ziel: sie wollen eine CD aufnehmen.
3
AJ:
Wir haben uns dann zusammengetan, wir waren sieben, acht Leute, wir haben dann
vierzehn verschiedene Beats rausgesucht, haben uns zusammen geteilt, wer mit
wem jetzt n Track macht und aufnimmt, dann hat man halt in seinen Zellen
geschrieben, wir hatten halt nicht die Möglichkeit uns zusammen zu setzen, wir
konnten immer nur im Hofgang reden über die Themen, weil die Hiphop Gruppe war
nur einmal die Woche, und da war eh nicht viel zu machen.
Atmo
Erzähler:
Gippsy will mir noch eine Zelle zeigen. Einen Haftraum. Hier war Gippsy eingesperrt,
Einzelzelle, ein Schlauch zum Platzangst kriegen. Da, an diesem abgenutzten
Resopaltisch, da hat Gippsy überhaupt erst mit dem Schreiben begonnen.
Gippsy:
Für mich war das ein sehr schwieriger Weg hier drin, den ich gehen musste. Und
dieses Schreiben hat mir ein Stück weit dabei geholfen, zu mir selbst zu sagen: mach
weiter, gib nicht auf, mach dein Ding, und schreib deinen Text zu Ende, mach deine
Schule.
Erzähler:
Gippsy hat in seiner Knastzeit den Hauptschulabschluss nachgeholt - und dabei das
Songschreiben für sich entdeckt.
Gippsy:
Es gibt natürlich auch Situationen, wo das Schreiben an sich schon hilft, aber
trotzdem geht der Schmerz nicht weg, eben wenn‘s halt um Liebe geht oder so, wenn
man ne langjährige Beziehung hat und die geht da drin zu Bruch und bei solchen
Sachen hilft das Schreiben, aber trotzdem hat man die Probleme immer noch.
Atmo: Musik „Tagebuch“, instrumentales Intro
Atmo: Liedtext Das ist mein Tagebuch / geschrieben im Knast / meine Gedanken aufgeschrieben /
mit Blut auf ein Blatt / auch Gangster haben Gefühle / doch wir zeigen sie nicht / ich
schreib diese Zeilen / weil mich die Einsamkeit bricht.
Auch ich mach mir Gedanken / denken sie auch an mich / so wie ich an sie denke /
oder vergessen sie mich / das ist mein Tagebuch / geschrieben im Knast / meine
Ängste aufgeschrieben / mit Tränen auf’s Blatt.
Gippsy:
In meinen Texten spiegelt sich einfach mein Leben wieder. Also diese Sachen, die
ich da musikalisch von mir gebe, die sind halt passiert. Also da ist alles
wahrheitsgemäß. Da ist nichts erfunden daran. Das ist alles, so wie’s gesagt wurde.
Atmo: Musik „Tagebuch“, instrumentales Intro
4
Atmo
Erzähler:
Soundcheck im Kultursaal. OMP und AJ sind auf der Bühne, Gippsy kommt dazu.
Atmo
Erzähler:
„Mein Tagebuch“, eines von vierzehn Liedern auf der CD der Rottenburger
Knastrapper. Dass das mit der CD geklappt hat, liegt vor allem an einem Mann, der
den Gefangenen seit vielen Jahren so was wie ein Licht im Tunnel anbietet. Er heißt
Gerhard Brüssel, auf seinem Dienst-Briefkopf steht „Der Beauftragte für Freizeit und
Sport“. Brüssel hat schon Uriah Heep und Peter Maffay ins Gefängnis eingeladen, er
ist der, der den Gefangenen zeigt, dass es noch etwas anderes gibt als dark life.
Brüssel ist groß und wirkt unerschütterlich. Bis der Tag kam, an dem er etwas nicht
verstand.
Gerhard Brüssel:
Das Telefon klingelte und Herr Onken war am Telefon, stellte sich vor als
organisatorischer Leiter eines Balletts. Ich kannte zugegebenermaßen das
Bundesjugendballett vorher nicht. Und in diesem Moment dachte ich, der Mann ist
absolut falsch. Was kann ein Ballett von einer Justizvollzugsanstalt wollen?
Atmo
Erzähler:
Tanzen. Auf die Rapsongs der Gefangenen. Das Bundesjugendballett Hamburg:
acht ausgebildete Tänzerinnen und Tänzer um die zwanzig, aus aller Welt. Beim
Bundejugendballett erhalten sie den letzten Schliff für eine vielleicht große Karriere.
Zu der gehört eine Künstlerpersönlichkeit - deshalb suchen die Hamburger
ungewöhnliche Projekte.
Das Gefängnis in Rottenburg willigt ein. Gippsy erinnert sich, wie perplex er und die
anderen waren, als Gerhard Brüssel ihnen vom Bundesjugendballett erzählte. Das zu
ihnen ins Gefängnis kommen wolle.
Gippsy:
Wir sind Inhaftierte gewesen, wir hatten noch nie im Leben irgendwas mit Ballett zu
tun, und da war das natürlich erst mal so, ok, die Vorstellung davor, [rausschneiden:
bevor die an sich in Person da waren,] war natürlich so, ok, jetzt haben wir da so
lauter Ballerinas mit Tütü um uns rum, und die hüpfen dann da rum und machen den
sterbenden Schwan und so.
Atmo
AJ:
Das erste Treffen war, man hat jetzt einfach nur gehofft, dass da richtig krasse geile
Frauen antanzen kommen, und das war das einzigste, man weiß ja nicht, ich hab mit
Ballett nicht viel am Hut, aber, ist ja klar. Aber ne, die waren alle sehr sympathisch.
Das coole war auch, die kamen jeder von irgendwo anders, die eine aus Japan, die
andere aus Brasilien, also das war so wirklich multikulti.
5
Gippsy:
Und dann sind die halt da rein gekommen, und dann hat man halt auch gemerkt, die
sind ja eigentlich für ihre Verhältnisse …, weil die halt von draußen kommen und das
war ja auch von ihrer Seite aus das erste Mal Justizvollzugsanstalt, und wir haben
uns halt gedacht, die sind eigentlich ganz lustig, die sind eigentlich ganz cool drauf,
ich glaub das wird schon was.
OMP:
Ich hatte gar keine Vorstellung, ich hab’s jetzt nicht verurteilt oder hin und her, aber
ich war natürlich skeptisch mit Abstand, weil gerade diese zwei Welten aufeinander
prallen. Dieses stabile, ich nenn’s jetzt einfach mal, dieses stabile maskuline, dieses
grobe, mit diesem filigranen, mit dem femininen. Das ist dann schon ein bisschen so
…, stößt sich ab gegenseitig.
Erzähler:
OMP erinnert sich an die eindringliche Vorbereitungsrede von Gerhard Brüssel.
OMP:
Wir wurden bisschen vorher zurück genommen, benehmt euch! Klar benehmen wir
uns. Aber, wurde noch mal ausdrücklich gesagt: benehmt Euch!
Die waren sehr schüchtern, die saßen in der Ecke, wir saßen in der andern, Beamte
waren da. Sah alles sehr gefährlich aus, obwohl es das gar nicht war.
Atmo
Erzähler:
Die Tänzerinnen und Tänzer machen sich auf der Bühne warm. Am Rand steht
Lukas Onken, ihr organisatorischer Leiter. Onken war vor einem Jahr auf die Idee mit
Rottenburg gekommen.
Lukas Onken:
Wir waren noch nie im Gefängnis davor, ja es war wirklich ne spannende
Begegnung, man hat sich vorsichtig beäugt, und wir mussten zusammen auf die
Bühne, schauen wie das passt. Die Rapper waren mit ihren Songs beschäftigt,
unsere Tänzer mit den Schritten.
Erzähler:
Wie die elfenhafte Winnie Dias aus Brasilien. Über das erste Treffen sagt sie heute:
Winnie Dias:
It was a little bit a weird feeling, I think for all of us, and for the girls a little bit more. I
have never been to a prison before. And we didn’t know what to expect from the
prisoners.
Sprecherin overvoice Winnie Dias:
Es war etwas unheimlich, für alle von uns und besonders für die Mädchen. Ich war
noch nie in einem Gefängnis, sagt die zwanzigjährige Winnie. Wir wussten nicht, was
von den Gefangenen wohl zu erwarten war.
Atmo
6
Erzähler:
Manche der Tänzer standen schon als Kinder auf der Bühne. Gippsy sitzt im
Zuschauerraum und schaut den jungen Leuten in ihrer Anmut zu. Ihre Welt war vor
kurzem noch unvorstellbar weit weg von seiner.
Gippsy:
Ich hatte ja eigentlich gar nicht vor auf die Bühne zu gehen, weil ich strikt dagegen
war, irgendwie live zu rappen, hab mich dann aber überreden lassen, vom Kollegen
omp und von unserm Freizeitbeamten, Herrn Brüssel.
Gerhard Brüssel:
Er hatte in dieser Hinsicht gar kein Selbstvertrauen. Die Gruppe zog ihn mit, hat ihn
ermutigt, jetzt ist er mittlerweile eine Säule des Projekts. Und ich finde, solche
Projekte dienen einfach der Selbststärkung und der Selbstfindung und es ist auch
wichtig, dass man bei Leuten, die inhaftiert sind, ihre Stärken raus kitzelt,
Erfolgserlebnisse vermitteln kann, weil, viele hatten in ihrem vorherigen Leben keine
Erfolgserlebnisse.
Atmo: Musik „Rap auf Ballett“, instrumentales Intro
Liedtext:
Ein Leben in zwei Welten / wie sie unterschiedlicher niemals sein können / es
entsteht ein Projekt aus Rap und Ballett / Pas de Deux, ein Duett, ein neues
Kunstwerk entsteht.
Atmo: stille Klavieratmo
Maurus Gaultier:
Dann haben die Proben angefangen auf der Bühne da im Gefängnis, mit den
Rappern, die haben mitgemacht, die waren professionell, die haben uns respektiert,
wir haben die respektiert, echt gute Atmosphäre, alles lief gut, da kam auch schon
der erste Auftritt da.
Erzähler:
Sagt Tänzer Maurus Gaultier. Damals im Mai 2012 entsteht innerhalb weniger Tage
„Rap auf Ballett“, aufgeführt vor 150 Gefangenen. Auf der Bühne sechs ihrer
Mitgefangenen, darunter auch Gippsy, OMP und AJ. Um sie herum: Tänzerinnen und
Tänzer, die mit ihren Bewegungen beschreiben, was die Rapper mit Worten
benennen. Und das, was sie nicht aussprechen. Auch Gangster haben Gefühle,
rappt OMP. Manchmal nähern sich Tänzer und Rapper an, es gibt Blickkontakte,
flüchtige Berührungen.
Atmo: stille Klavieratmo
Atmo: Musik „Rap auf Ballett“
Erzähler:
Dann verlässt das Bundesjugendballett wieder Rottenburg. Der Sommer und der
Herbst vergehen. Bis das Bundesjugendballett erneut mit den Rappern auftreten will.
Wenn sie wieder frei sind. Im Winter werden OMP und AJ entlassen, dann auch
Gippsy.
7
Atmo: Musik „Clickbang“
Erzähler:
Gippsy, der sich vorher kaum getraut hat, vor seinen Mitgefangenen aufzutreten,
fährt am Tag seiner Entlassung nach Hamburg. Am nächsten Abend steht er auf der
Bühne des Ernst-Deutsch-Theaters. Maurus Gaultier erinnert sich:
Maurus Gaultier:
Das ist angekommen wie noch nie. Ich hab noch nie im Ernst-Deutsch-Theater die so
jubeln sehen, das war wunderbar. Und sogar die Eltern von einem Rapper konnten
kommen, das war so ein schöner Moment. Nach der Vorstellung, backstage, das war
unglaublich, da sind allen die Tränen gekommen, die waren so stolz auf ihren
Jungen sozusagen, das haben wir alle mitgefühlt, das war wunderbar.
Atmo: Musik: „Clickbang“
Gippsy:
Nach meiner Entlassung bei der ersten Aufführung auf dieser Bühne in Hamburg,
des war für mich genauso Neuland, weil das halt nicht 120 Menschen waren, die da
zugucken und auch nicht noch die Hälfte davon irgendwie, und wenn bloß per
Händegruß, bekannt ist.
Das waren ganz einfach fremde Menschen, das war ne ganz andere Art von
Menschen. Das waren die Leute, die sich eben Ballett, Oper und vielleicht auch
Theater, die sich so was anschauen und sich einfach gedacht haben, mal sehen was
uns da erwartet, Rap auf Ballett gab‘s noch nicht.
Erzähler:
Dem umjubelten ersten Hamburger Auftritt folgt eine Serie von Vorstellungen, alle im
Hamburger Ernst-Deutsch-Theater. Dann zieht Gippsy an seinen neuen Wohnort in
Süddeutschland. Rap auf Ballett scheint vorbei zu sein - und sein letzter
Knastaufenthalt soll definitiv sein allerletzter gewesen sein. Gippsy will neu anfangen.
Gippsy:
Und darum bin ich weg gezogen aus meiner alten Umgebung, darum leb ich heute
aufm Land und geh von morgens bis mittags arbeiten oder von mittags bis abends
arbeiten, verbring die meiste Zeit meiner Freizeit noch im Wald, weil ich mit Holz
noch heize, das heißt dann natürlich auch Arbeit, Vorbereitung, Holz aus dem Wald
zu holen, und so weiter, zurecht sägen, Holz hacken, alles Mögliche.
Atmo: Musik „Manchmal“
Erzähler:
Hört sich nach einem ruhigen, ja normalen Alltag an. Bis das Telefon klingelt.
Gippsy:
Der Alltag ist Alltag, aber wenn es dann heißt habt ihr nicht Lust, kommt doch nach
Hamburg, wir wollen auf Tour gehen, oder man weiß ok jetzt noch eine Woche, dann
ist Neuss, dann ist Düsseldorf. Und keine Ahnung wo, das ist dann halt schon, …,
dann besteht schon die Vorfreude, weil ich die Truppe wieder sehe vom
Bundesjugendballett, weil ich meine Jungs wieder sehe, und …, ich weiß nicht, das
passt einfach alles.
8
Atmo: Musik „Manchmal“
Liedtext:
Sowas wie Liebe gibt es nicht / ja das ist mir jetzt klar / denn nur am Anfang ist wie
immer alles wunderbar / damals sagte ich zu Dir / Du ich muss bald gehen / deine
Worte waren nur / das werden wir schon überstehn / Du warst immer für mich da / als
ich noch draußen war / doch seitdem bin ich hier drin / und wo bist du jetzt nur hin /
am anfang hast Du noch geschrieben / doch das machst Du auch nicht mehr / oh mir
fehlen Deine Briefe / ist es wirklich nur so schwer?
Erzähler:
Chippsy Liebeslieder, das Bundesjugendballett, die Gangstersongs der anderen
beiden Rapper: es beginnt eine Erfolgsgeschichte mit Auftritten in ganz Deutschland.
Atmo: Musik „… so eine Freundin hatte ich noch nie …“
Gippsy:
Ich fand s jetzt in Essen und in Neuss, wo wir vor 1300 Leute gespielt haben, wo
auch Jugendliche waren, Ältere waren, und so ne Riesenbühne mit Licht, das ist
mein Ding, auf jeden Fall, da geht mir einer ab.
Atmo: Musik
OMP:
Wir sind überall akzeptiert worden, toleriert worden, respektiert worden, sofort von
Anfang an bis Ende, das gibt einem natürlich ein sehr gutes Gefühl.
Atmo: Musik
Gippsy:
Wir können behaupten, wir haben‘s ein Stück weit geschafft, wir haben geschafft, die
Säle zu füllen, wir haben es geschafft die Leute anzusprechen und vielleicht haben
wir es sogar auch geschafft, dass manch einer der kultivierten Menschheit, sag ich
jetzt mal, von den die an und für sich Ballett anschauen, hören, klassische Musik und
so weiter, vielleicht haben wir‘s auch geschafft, dass die vielleicht ‚n Stück weit über
Straffällige, über Gefängnisse oder sonstiges vielleicht auch n bisschen anders
denken heute, dass die sagen, guck mal, die kommen aus der Haft und stehen heute
auf ‚ner Bühne vor 1000 Leuten, der Saal ist voll, also hammerhart und so geht s in
mir selber auch vor.
Erzähler:
Gippsy spricht, als stünde er vor einem Spiegel und erkenne sich selbst nicht mehr.
Er, der sich noch vor einem Jahr so wenig zutraute, der auf keinen Fall auf eine
Bühne wollte …
Gippsy:
Wir hatten schon so viele Situationen, wo man sich selber vorgekommen ist, als
wenn man jetzt wirklich was ganz Großes ist, als wenn man jetzt wirklich irgend so n
Star ist, wir wurden in Neuss angesprochen wegen Autogramme, Fotos zusammen
machen, so was gab‘s ja noch nie für uns. Des war für uns alles Neuland und da
steht man natürlich erst mal da und hat n Riesenfragezeichen im Kopf.
9
Aber wir haben es gemacht, wir hatten Spaß dabei Und danach sind wir halt
rumgerannt und haben uns wie, bei uns in Berlin sagt man halt, wie Pit inne Pilze
gefühlt. (lacht)
Atmo: Musik
Erzähler:
Im März 2013 geht „Rap auf Ballett“ in seine letzte Runde. Eine Knasttour. Erst
Hamburg Fuhlsbüttel, dann Würzburg, das Jugendgefängnis Adelsheim und zum
Schluss Rottenburg.
Atmo
Erzähler:
Der Nachmittag vor dem Finale in Rottenburg. Eine letzte Stellprobe - vor dem
letzten Auftritt Rap auf Ballett. Schade, dass es vorbei ist, sagt Winnie Dias.
Winnie Dias:
I mean, we’re always together, because we are travelling now together. And It’s fine.
We are friends with them. I mean, there was no problem. It’s really professional
relation. They are professional, it’s really fine.
Erzähler:
Man reise zusammen, man sei inzwischen befreundet, es sei einfach schön, sagt
Winnie. Und die Rapper richtige Profis.
OMP:
Inzwischen kann man sich auch mal in Arm nehmen und kurz knuddeln, wenn die
Show gut gelaufen ist, ohne Probleme.
Erzähler:
Für OMP ging mit dem Bundesjugendballett die Tür in eine ihm unbekannte Welt auf.
OMP:
Klar, sie tragen Strumpfhosen, ja. (lacht). Mein Gott. Aber die können was. Das was
sie machen, machen sie mit Leidenschaft, mit Herz. Und das gefällt mir. Und das ist
ehrlich und ich mag ehrliche Sachen und dann freue ich mich dass ich dabei sein
kann und es genießen kann und noch davon lernen kann.
Atmo
Erzähler:
Und dass gleich der letzte Vorhang fällt …
OMP:
Ja, Wenn’s nur mit dem Programm das letzte Mal ist, dann ist ja egal, weisch, wenn
irgendwas weitergeht, dann ist ja gut, wenn die Nachfrage besteht, wenn die Leute
da draußen sagen, der Scheiß ist gut, wir wollen mehr sehen, dann denk ich, sind wir
sicher bereit den Leuten auch mehr zu geben, ist ja klar. Angebot und Nachfrage.
10
Erzähler:
OMP will eine Bühnenkarriere, na klar, sagt er.
OMP:
Man kann nicht einfach nur erwarten, das alles auf einen zufällt, und wenn man nun
mal das Glück hat, dass einem was entgegenfällt, dann sollte man verdammt noch
mal auch seinen Arsch bewegen und gucken dass daraus was Gutes wird und dass
es bleibt und dass man diese Chance nutzen kann und das ist jetzt nicht nur auf
Musik bezogen, das ist auf alles bezogen.
Atmo
Erzähler:
Auch AJ will die Chance nutzen, will weiter auftreten. Er hat inzwischen eine Familie
gegründet und holt den Realschulabschluss nach.
AJ:
Ich zum Beispiel jetzt, ich hab aufgehört, irgendwie Faxen zu machen, kriminell, ich
versuch ja wirklich jetzt mich zu benehm‘. Ich hab halt das geschrieben, wie ich war
und hab versucht das irgendwie rauszuholen, so genauso hab ich gemacht, so hab
ich gehandelt, so hab ich gedacht. Ich hab einfach versucht, mit der Musik mich
wieder so n bisschen zu raffen, so das raus zu schreiben, raus zu lassen, aber zu
wissen, he, das war ein Abschnitt meines Lebens. Also, ich kann so sein, aber will
jetzt zurzeit einfach nicht so sein, weil ich hab Verantwortung. Ich hab halt das Leben
geführt, ich muss nicht irgendwie einen auf cool machen und erzählen, he ich bin so
krass, und bin das halt nicht. Ich erzähl das, was wirklich passiert ist und das ist halt
der Unterschied zwischen uns und irgendwelchen anderen Rappern.
Erzähler:
Kurz vor der Vorstellung steht Gippsy steht an der Saaltür und späht in den
Zuschauerraum, so dass ihn das Publikum sehen kann.
Gippsy:
Ich bin kein Bühnenprofi, ich nehm mir so selber meine Angst, ich guck mir das
Publikum an, die wissen dann schon mal wer ich bin, auch wenn ich hier bloß
rumsteh, die fragen sich wahrscheinlich sogar, Wer ist das? Was macht der hier? Ist
das einer von denen oder nicht.
Atmo
Erzähler:
Und dann noch einmal Rap auf Ballett. Ein letztes Mal diese Mischung aus Knast und
Anmut. Aus dark life und Leben im Sonnenschein. Und, ja, mit der Botschaft: Du
musst nicht im Dunkeln bleiben. Aber es liegt an Dir.
Gippsy:
Also ich für mich persönlich bin extrem stolz auf mich, weil erstens hab ich mir das
nie so vorstellen können, dass ich sowas mal irgendwann mache, dass ich selber
mal auf ner bühne stehe.
11
Und zweitens, denk ich, haben wir viel erreicht damit, ich red‘ von mir. Ich hab mich
auf ne andere Schiene gesetzt, ich seh‘ mich heute ganz wo anders, wo ich mich vor
diesem Projekt noch gesehen habe.
Gut, heute, ich bin entlassen, bin schon fast n halbes Jahr draußen, also ich find
diese ganze Geschichte „Rap auf Ballett“ hat sich für alle Beteiligten gelohnt, also
richtig gelohnt.
Atmo: Schlussapplaus
12
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