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Liebe deinen Hund wie dich selbst. Ein klinischer Test

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Lizentiatsarbeit am Volkskundlichen Seminar der
Universität Zürich
Eingereicht von:
Michael Guggenheim
Liebe deinen Hund wie dich selbst. Ein klinischer
Test sozialwissenschaftlicher Theoriebildung am
Beispiel veterinärmedizinischer Konsultationen.
Oktober 1999
1
Inhalt
1.
EINLEITUNG ..................................................................................................................................... 4
2. HISTORISCHE UND METHODISCHE VORBEMERKUNGEN .................................................. 9
2.1. EINE KURZE GESCHICHTE DER MENSCH-TIER-BEZIEHUNGEN UND DER VETERINÄRMEDIZIN ........ 9
2.1.1. Die Geschichte der Haustiere ................................................................................................. 11
2.1.2. Die Geschichte der Kleintiermedizin ...................................................................................... 13
2.2 SOZIALWISSENSCHAFTEN UND REFLEXIVITÄT ................................................................................. 15
2.2.1. Ethnographie und Soziologie .................................................................................................. 20
2.2.2. Theoretische Reflexivität ......................................................................................................... 24
2.3. METHODISCHE ANMERKUNGEN ....................................................................................................... 25
2.4. DIE AUSWAHL DER THEORIEN UND DIE AUSWAHL DES UNTERSUCHUNGSFELDES ....................... 28
3. DIE DREI THEORIEN......................................................................................................................... 32
3.1. HUMANKONSTRUKTIVISMUS ............................................................................................................ 32
3.1.1. Zur Geschichte des Humankonstruktivismus: Weshalb Tiere draussen bleiben müssen...... 32
3.1.2. Regeln und Sozialfähigkeit; Wittgenstein und Collins ........................................................... 35
3.1.2. Polimorphes und mimeomorphes Handeln: Unterscheidungen sind immer besser.............. 40
3.1.3. Zusammenfassung .................................................................................................................... 41
3.2. AMPLIFIKATIONISMUS ...................................................................................................................... 42
3.2.1. Die Mitberücksichtigung von Tieren in sozialwissenschaftlichen Theorien ......................... 43
3.2.2. Was Tiere alles können............................................................................................................ 45
3.2.3. Die Neudefinition der Interaktion: Mead oder Mead?........................................................... 53
3.2.4. Eine vorsichtiger Amplifikationist: Shapiro ........................................................................... 57
3.2.5. Zusammenfassung .................................................................................................................... 59
3.3. AKTEUR-NETZWERKTHEORIE.......................................................................................................... 60
3.3.1. Die Geschichte der Akteur-Netzwerk-Theorie (erzählt als eine AkteurNetzwerksgeschichte) .......................................................................................................................... 60
3.3.2. Aktanten und Tiere, Agnostizismus und Ontologie................................................................. 62
3.3.3. Kritik an ANT: Die Welt ist ihre Beschreibung, aber sie wird nicht immer so beschrieben,
wie sie ist: Was bleibt vom Realismus?.............................................................................................. 65
3.3.4. Zusammenfassung .................................................................................................................... 78
4. EINSCHUB: TIERE, BESITZER UND VETERINÄRMEDIZINERINNEN IN
LEHRBÜCHERN ....................................................................................................................................... 80
4.1. ÜBER DAS FEHLEN EINER SPEZIALISIERTEN LITERATUR................................................................. 80
4.2. H. G. NIEMAND: PRAKTIKUM DER HUNDEKLINIK: DIE SOZIALTECHNOLOGIE DER
VETERINÄRMEDIZIN ODER ANT AVANT LA LETTRE ............................................................................... 82
2
4.3. HOLZWORTH UND MCCURNIN/POFFENBARGER: PHILOSOPHIEN DES VERTRAUENS ..................... 87
5. DIE THEORIEN IM KLINISCHEN TEST....................................................................................... 93
5.1. WIDERSTAND UND KOOPERATION. DER EIGENSINN DER TIERE UND SEINE (MISS-) ACHTUNG .... 93
5.1.1. Humankonstruktivistisches Schweigen.................................................................................... 96
5.1.2. Das Amplifikationistische Dilemma, oder: Multiple Empathien ......................................... 100
5.1.3. Falsifikation von ANT: Eigensinnige Aktanten und entmachtete Repräsentanten.............. 104
5.1.4. Kooperation statt Widerstand................................................................................................ 109
5.2. RASSE UND ERZIEHUNG ................................................................................................................. 110
5.2.1. Die Begriffe 'Rasse' und 'Erziehung' und ihre Anwendung auf Tiere und Menschen ......... 110
5.2.2. Die unwichtige Kategorie Geschlecht................................................................................... 111
5.2.3. Widerstandserklärungen........................................................................................................ 112
5.3. SOZIALER, PAPIERENER UND PHYSISCHER KITT: VERBUNDENES TRENNEN UND UMVERTEILEN. 118
5.3.1. Protokoll: die Ablösung auf dem Papier............................................................................... 119
5.3.2. Exkurs: Caramel und Miles, Nuscheli, Schätzimeiti und Sean – Namen und Biographien
............................................................................................................................................................ 121
5.3.3. Ablösung: MeLeiHus in Aktion ............................................................................................. 132
5.3.4. TierarztgehilfInnen als Trennhilfen ...................................................................................... 134
5.3.5. Raum: Die räumliche und zeitliche Ordnung der Klinik als Mensch-Tier Trenninstanz ... 137
5.4. EIGENSCHAFTEN ............................................................................................................................. 142
5.4.1. Die körperliche Integrität der Tiere...................................................................................... 142
5.4.2. Psychos und Somas................................................................................................................ 146
5.4.3. Wege zum Tierarzt: Wer hat ein Problem?........................................................................... 153
5.5. SEMIOTIK VON SINNEN ................................................................................................................... 157
5.5.1. Wie ein Sinn aus Laien Experten macht und umgekehrt ...................................................... 159
5.5.2. Ich riech was, was du nicht riechst ....................................................................................... 161
5.5.3. Der Weisse-Mantel-Effekt: Sozio- und Biosemiotik ............................................................. 162
6. SCHLUSS............................................................................................................................................... 168
BIBLIOGRAPHIE.................................................................................................................................... 174
3
1. Einleitung
Auch Haustiere werden krank. Innerhalb der Sozialwissenschaften ist die Frage, was
mit Menschen geschieht, wenn sie krank werden, ein Thema, das viel Beachtung
findet. Die Verwaltung und Organisation kranker menschlicher Körper und Geister
hat SozialwissenschaftlerInnen dazu angeregt Bibliotheken zu füllen. Alle
Auseinandersetzungen um Alternativmedizin versus Schulmedizin, westliche Medizin
versus nichtwestliche Medizin oder die sogenannte Medikalisierung waren immer
auch Auseinandersetzungen über die (Ir-) Rationalität und den Betriebsmodus der
Moderne, über Technokratie und Technologie oder Bürokratie, beobachtet am
Gegenstand des menschlichen Körpers.
Dass Tiere ebenso in ein medizinisches System eingebunden sind, hat kaum jemanden
interessiert. Tiere, die in vieler Hinsicht die Modernisierungsverlierer par excellence
sind, kommen in den Sozialwissenschaften kaum vor. Am ehesten noch hat sich die
Ethnologie mit ihnen beschäftigt. Tiere teilen denn auch verschiedene Charakteristika
mit den der Ethnologie abhanden gekommenen vormodernen Gesellschaften. Sie
werden als gefährdet und unselbstständig dargestellt, ohne Macht und Fähigkeit zur
Repräsentation. Aber die interpretativen Sozialwissenschaften, die sich mit modernen
Gesellschaften befassen, haben die Tiere entweder nicht beachtet oder sich aus
theoriestrategischen oder politischen Gründen von ihnen abgegrenzt.
Dementsprechend interessierten sich die Sozialwissenschaften nicht für die
Veterinärmedizin. Dies widerspiegelt die gesellschaftliche Wahrnehmung. Denn
obwohl heute in fast jedem Haushalt Haustiere vorhanden sind und diese Haustiere
regelmässig – und sei es nur zum impfen – zum Tierarzt gebracht werden müssen, ist
die Veterinärmedizin in der Öffentlichkeit kaum präsent. Jede Erhöhung der
Krankenkassenprämien für Menschen provoziert epische Debatten; dass ein
Veterinärmediziner für seine Leistungen Phantasiepreise verlangt, wie in Zürich
kürzlich geschehen, bleibt jahrelang in der Öffentlichkeit undiskutiert (Meier 1999).
Tiere sind halt keine Menschen. Diese Einsicht ist gleichermassen trivial wie brisant.
Diese Arbeit soll weder ein Plädoyer für Tierrechte sein, noch soll sie die
Veterinärmedizin innerhalb der medizinischen Disziplinen stärken. Vielmehr will ich
untersuchen, wie mit Tieren und ihren Körpern medizinisch umgegangen wird, und
was daran spezifisch tierisch ist. Damit begebe ich mich in eine Auseinandersetzung
um die Fundierung der Sozialwissenschaften, die ihre Begründung und Notwendigkeit
4
oft durch spezifische Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen zu legitimieren
versuchten. Weil ich erhebliche Zweifel an diesen Legitimationen hege, versuche ich
über den Umweg der Diskussion veterinärmedizinischer Praktiken diese
Fundierungen der Sozialwissenschaften zu analysieren. Ich will damit nicht den
Tieren Rechte und Pflichten zuweisen, oder gar, noch schlimmer, diejenigen der
Menschen entwerten. Vielmehr geht es darum, die Voraussetzungen, die die
Sozialwissenschaften mit sich herumtragen, an einem geeigneten Gegenstand zu
überprüfen. Weil es mir ebenso wenig darum geht, die Erkenntnisansprüche der
Sozialwissenschaften einfach zu entwerten, sondern darum, diese auf Theoriedefizite
und Inkonsistenzen abzuklopfen, vergleiche ich verschiedene Theorien miteinander.
In den letzten zehn Jahren entwickelte sich insbesondere im angelsächsischen
Sprachraum eine erneute Diskussion um das Verhältnis von Menschen zu Tieren.
Diese Diskussionen, die schon durch ihren Gegenstandsbereich die Grenzen von
Natur- und Sozialwissenschaften überschritten, haben die Grundlagen der bisher für
selbstverständlich angesehenen Trennung zwischen Naturwissenschaften und
Humanwissenschaften zunehmend in Frage gestellt. Sozialwissenschaften, Recht und
Ethik waren alles Disziplinen, die sich nur mit Menschen beschäftigten. Die
Entwicklungen der letzten Zeit, nicht zuletzt unter dem Einfluss von Ökologie- und
Tierrechtsbewegungen,
aber
auch
die
neueren
Entwicklungen
der
Transplantationsmedizin und der Biotechnologie (bzw. deren populäre Darstellungen)
haben diese Trennung verwischt. In den Sozialwissenschaften äusserte sich dies vor
allem in neuen Diskussionen um so zentrale Begriffe wie 'Handlung' oder
'Interaktion', die nun nicht mehr als menschliche Spezifika angesehen werden
konnten.
Parallel zur Erweiterung des sozialwissenschaftlichen Fokus auf Tiere entstand in der
Wissenschaftsforschung ein Dilemma, das ich damit verknüpfen will. Indem die
Wissenschaftsforschung
die
Naturwissenschaften
selbst
einer
sozialwissenschaftlichen Analyse zugänglich machte, verschwand scheinbar die
Möglichkeit einer naturwissenschaftlich beschreibbaren Natur als ein ausserhalb von
sozialwissenschaftlichen Erklärungsansprüchen liegendes Feld. Erkenntnisse etwa aus
der Biologie, die bis anhin noch als harte Garanten für eine Fundierung
anthropologischer Grundannahmen gelten konnten, unterlagen nun selbst den
Erklärungsansprüchen der Wissenschaftsforschung. Für die Wissenschaftsforschung,
5
und damit die Sozialwissenschaften, existierten nur noch sozialwissenschaftliche
Phänomene und weil dies selbst den SozialwissenschaftlerInnen ein bisschen
unangenehm und unwahrscheinlich war, versuchte man einen Ausweg aus diesem
Dilemma zu suchen. Einer davon ist die Akteur-Netzwerk-Theorie, die alle
Eigenschaften von Lebewesen und Dingen als ein Resultat von Netzwerken zu
verstehen versucht. Die Akteur-Netzwerk-Theorie geht nicht mehr von im Vorhinein
identifizierten und damit wissenschaftlichen Disziplinen und spezifischen Theorien
zugeordneten Dingen in der Welt aus, sondern versucht mit einem eigenen Vokabular
die Welt vor ihrer disziplinären Strukturierung einzufangen.
Meine Arbeit versucht folgende drei Stränge zusammenzubringen: Erstens die
Position herkömmlicher interpretativer Sozialwissenschaften, die ich
Humankonstruktivismus nenne, die die von den Sozialwissenschaften analysierten
Gegenstände als Ergebnis menschlicher Hervorbringung betrachten. Dann diejenige
Position, die sich für eine Wiedereinführung von Tieren in sozialwissenschaftlichen
Theorien einsetzt (von mir Amplifikationismus genannt) und schliesslich die eben
beschriebene Akteur-Netzwerktheorie. Dabei prüfe ich die Theorien nicht in erster
Linie auf ihre innere Konsistenz oder Kohärenz, sondern vergleiche sie miteinander in
Bezug auf die erzählerischen Effekte, die sie produzieren. Dieses Vorgehen ist
offensichtlich umständlich und aufwendig, aber es macht sichtbar, welche
Verfremdungseffekte Theorien an den mit ihnen produzierten Erzählungen herstellen.
Mit diesen drei Theorien fühle ich der Aufnahme von Krankengeschichten in der
Veterinärmedizin auf den Zahn, die ich in einer universitären Kleintierklinik, sowie in
einer privaten Kleintierpraxis beobachtet habe. Ich stelle die vordergründig einfachen
Fragen: Was geschieht bei der Aufnahme von Krankengeschichten? Was ist ein
Patient? Was sind die Handlungsspielräume von Tieren in dieser Situation (oder
haben sie gar keinen)? Was unterscheidet BesitzerInnen von ihren Tieren?
Die Arbeit ist folgendermassen aufgebaut:
Ich beginne mit einer Einführung ins Thema, indem ich die Geschichte der MenschTier-Beziehungen und die Geschichte der Kleintiermedizin rekapituliere (Kap. 2.1).
Dann erläutere ich im Kapitel 2.2 über "Sozialwissenschaften und Reflexivität" die
theoretischen Grundlagen meines Vergleichs. Dabei geht es mir vor allem um eine
Kritik des Reflexivitätsbegriffs, wie er in der Ethnographie in der letzten Dekade
diskutiert wurde. Ich wende gegen eine zu enge In-eins-Setzung von Forschern und
Weltsicht ein, dass sich Theorien als eine Art Brille verwenden lassen, um die Welt
6
auf eine andere Art und Weise zu sehen, als man sie üblicherweise sehen kann.
Theorien sind nach meiner Auffassung gerade nicht mehr oder weniger adäquate
Repräsentationen der Welt, sondern Mittel, um bestimmte Aspekte der Welt
überhaupt erst sichtbar zu machen oder zum Verschwinden zu bringen. In den
Kapiteln 2.3 und 2.4 erläutere ich kurz meine Methoden, weshalb Mensch-TierInteraktionen in der Veterinärmedizin geeignet sind, um die drei von mir diskutierten
Theorien miteinander ins Gespräch zu bringen und begründe die Auswahl der drei
Theorien. Im dritten Kapitel diskutiere ich die drei Theorien nacheinander. Ich
versuche sie dabei jeweils zuerst innerhalb der Geschichte der Sozialwissenschaften
zu situieren, um nachher einen Abriss der jeweiligen Position zu liefern. Dabei
fokussiere ich die Diskussion auf Mensch-Tier Interaktionen.
Im vierten Kapitel wende ich die Theorien ein erstes Mal an, und zwar auf
veterinärmedizinische Lehrbücher. In einer ersten unsystematischen Auswertung lasse
ich die Autoren von Lehrbüchern als Protosozialwissenschaftler auftreten und schaue,
wie sie über die Interaktionen mit BesitzerInnen und Tieren schreiben. Dabei weise
ich ihre Beschreibungen den von mir diskutierten Theorien zu. Im letzten Kapitel
präsentiere ich meine Forschungsergebnisse: Im ersten Unterkapitel vergleiche ich
stur eine einzelne Episode mit den drei verschiedenen Theorien. Im weiteren Verlauf
löse ich dieses starre Raster auf und interpretiere verschiedene Aspekte der
Interaktionen mit einzelnen Theorien, wobei ich jeweils begründe, weshalb eine
bestimmte Theorie Vorrang erhält.
Dank:
Ich möchte mich bei folgenden Personen ganz herzlich für das Zustandekommen
dieser Arbeit bedanken: Mein grösster Dank gilt allen Ärzten und Ärztinnen, allen
TierarztgehilfInnen sowie allen TierbesitzerInnen und Tieren, die diese Arbeit
überhaupt ermöglichten. Insbesondere danke ich denjenigen, die auf meine Fragen
und Bitten geantwortet haben oder mir sogar für Interviews neben ihrer enormen
Arbeitsbelastung zur Verfügung standen.
Dann bedanke ich mich für die Betreuung der Arbeit bei Helga Nowotny, Ueli Gyr
und Walter Leimgruber. Ebenso danke ich allen, die diese Arbeit begleitet,
kommentiert und kritisiert haben: Moni Dommann, Rainer Egloff, Priska Gisler,
Alessandro Maranta, Barbara Richner, Sascha Rösler und Gisela Unterweger. Der
Professur für Wissenschaftsphilosphie und Wissenschaftsforschung der ETH Zürich
7
sowie Bettina Minder und Susanne von Ledebur danke ich für die Bereitstellung
zweier Arbeitsplätze. Ein letzer Dank gilt meinen Eltern.
8
2. Historische und methodische Vorbemerkungen
2.1.
Eine kurze Geschichte der Mensch-Tier-Beziehungen und der
Veterinärmedizin
Bevor ich meine Arbeit beginnen kann, soll wenigstens ansatzweise die Geschichte
der Kleintiermedizin dargestellt werden. 1 Denn noch vor fünfzig Jahren gab es die
Möglichkeit nicht – und es wäre auch niemand auf die Idee gekommen – seine Katze
einer Ultraschalluntersuchung zu unterziehen oder sie für mehrere Hundert Franken
chirurgisch behandeln zu lassen. Um an diesen Punkt zu gelangen musste sich
einerseits die Veterinärmedizin technisch rapide dem Stand der Humanmedizin
annähern, andererseits mussten Haustiere einen solchen emotionalen Wert für ihre
Besitzer gewinnen, dass sie bereit waren, die Kosten für diese Entwicklung zu tragen.
In aller Kürze werde ich deshalb zuerst einen Überblick über die Geschichte der
Haustiere und damit über einen Teil der Geschichte der Mensch-Tier-Beziehungen
geben, um dann die Geschichte der Veterinärmedizin unter diesem Blickwinkel zu
betrachten. Zugleich bietet diese Geschichte die Möglichkeit, den Literaturstand
sozialwissenschaftlicher Beschäftigung mit Tieren zu referieren. Dazu ist zu
bemerken, dass in den letzten 10 Jahren dieses Gebiet erst eigentlich entstand.2 Bis
dahin wurde die Geschichte der Züchtung und der Mensch-Tier Beziehungen wie
auch diejenige der Veterinärmedizin, wenn überhaupt, vor allem von BiologInnen
oder VeterinärmedizinerInnen geschrieben. Damit will ich nicht einen
Zuständigkeitsstreit über diese Angelegenheiten vom Zaun brechen, sondern bloss
anmerken, dass die Sozialwissenschaften sich bis vor kurzem nicht für Mensch-Tier-
1
Eine kurze Bemerkung zur Verwendung der Geschlechtsformen und zur Zitierweise vorweg: Ich
verwende im Singular bei unbestimmtem Geschlecht abwechslungsweise die feminine und die
maskuline Form. Im Plural verwende ich bei unbestimmtem Geschlecht durchgehend die Gross-ISchreibweise. In einfachen Anführungszeichen schreibe ich jeweils uneigentliche Rede und
Pseudozitate, d.h. Begriffe die in bestimmten Diskursen eine spezifische Bedeutung haben. Wörtliche
Zitate stehen in doppelten Anführungszeichen. Einfache Anführungszeichen innerhalb wörtlicher
Zitate bezeichnen Zitate in Zitaten. Innerhalb von Zitaten bezeichnen drei Punkte kurze Auslassungen,
drei Punkte in Klammern Auslassungen ganzer Sätze. Hervorhebungen sind kursiv.
2
Ein Indikator dafür ist die Neugründung von zwei Zeitschriften, "Anthrozöos" und "Society and
Animals". Erstere erscheint seit 1987 und versteht sich als eine interdisziplinäre Zeitschrift, die sich mit
dem Mensch-Tier-Verhältnis auseinandersetzt. "Society and Animals" erscheint seit 1993 und ist
stärker sozialwissenschaftlich ausgerichtet.
9
Beziehungen zuständig fühlten. Eine Ausnahme stellte die Ethnologie dar. Wie andere
Gesellschaften mit Tieren umgingen, war in der Ethnologie schon immer eine
wichtige Frage, aber bis vor kurzem wurden nie westliche Gesellschaften untersucht,
um die es hier schliesslich geht3.
In den letzten Jahren nahm die Betrachtung der Mensch-Tier-Beziehung einen
enormen Aufschwung, und mit diesem Aufschwung veränderte sich auch der
Blickwinkel auf das Thema. So hat sich die Sichtweise durchgesetzt, dass die
Geschichte der Zähmung und Züchtung nicht bloss eine Unterwerfung der Tiere unter
menschliche Macht und Willkür, sondern ebenso eine von den Tieren aktiv verfolgte
Geschichte ist.4 Die neu gewonnene Perspektive einer Koevolution und einer
gemeinsamen Geschichte von Menschen und Tieren nähert sich damit wieder nichtwestlichen Vorstellungen und westlichen Commonsense-Vorstellungen des MenschTier-Verhältnisses an.5 Die Änderung des Blickwinkels steht nicht zuletzt in einem
Zusammenhang mit dem Aufkommen und einer Ausdifferenzierung ökologischer und
tierrechtlicher Diskurse, die nach einer einseitig biozentrischen, von romantischen
Ganzheitsvorstellungen durchdrungenen Phase sich soweit differenziert haben, dass
‚Natur‘ weder ein unberührbares Ding noch eine menschliche Konstruktion ist.6 Der
ausgewogeneren Sichtweise zum Trotz lässt sich jedoch nicht behaupten, dass in den
westlichen Gesellschaften der Umgang mit Tieren irgendwie konsistent‚ 'natürlich'
oder gar 'tiergerecht' sei. Tiere werden einerseits in tierisch-industriellen Komplexen
zu Würsten verarbeitet, in Labors genetisch soweit standardisiert, dass es fraglich ist,
ob sie nicht eher Artefakte denn Natur seien, und auf der Jagd zum Vergnügen bis zur
Ausrottung einzelner Arten geschossen, andererseits aber in Zoos 'konserviert', als
Heimtiere verhätschelt und in der Populärkultur vermenschlicht.
3
Die ethnologische Diskussion dreht sich vor allem um Fragen der Klassifikation und Taxonomie.
Dazu gehören nicht nur Fragen nach Taxonomien im biologischen Sinn, sondern auch in Bezug auf
Essbarkeit, Heiligsprechung, Tabus etc. Als Zugang zur Literatur siehe Ingold (1994c).
4
Siehe dazu Budiansky (1992). Der Klassiker einer evolutionstheoretischen Geschichte der Haustiere
ist Zeuner (1967).
5
Zu den nicht-westlichen Vorstellungen von Mensch-Tier-Beziehungen siehe Ingold (1994b, 1994a),
zum auseinanderdriften von philosophischen und Commonsense-Vorstellungen von Tieren und
Menschen siehe Rollin (1990, 1-20) und Thomas (1983).
6
Zwei neuere gute Diskussionen ökologischer Diskurse und Naturvorstellungen im Allgemeinen sind
Descola (1996) und Cronon (1995).
10
2.1.1. Die Geschichte der Haustiere
Die Herausbildung der Haustierhaltung, und davon insbesondere von Hunden und
Katzen, soll hier Thema sein.7 Dabei will ich vor allem zwei Aspekte betrachten.
Erstens die zunehmende Wertschätzung von Haustieren in tieferen sozialen Schichten
und zweitens die Züchtung spezieller Sorten von Haustieren.
Bis ins 16. Jahrhundert war das Halten von Haustieren eine der Aristokratie
vorbehaltene Beschäftigung. Es wurden immer schon Hirten und Jagdhunde von
anderen Schichten gehalten, aber diese Tiere hatten nicht denselben
menschenähnlichen Status und wurden bei Nichtgebrauch unzimperlich umgebracht.
Viele Hexen in den Hexenprozessen des 16. und 17. Jahrhunderts wurden deswegen
verurteilt, weil sie zuviel Zuneigung zu Haustieren zeigten (Serpell 1990). Im Laufe
des 16. und vor allem des 17. Jahrhunderts wurden Haustiere langsam in den
Haushalten des städtischen Mittelstandes en vogue; man hielt Ottern, Affen,
Eichhörnchen, Hasen und sogar Igel und Fledermäuse (Thomas 1983, 110). Die
Haustiere unterschieden sich von allen anderen Tieren durch drei Merkmale (die auch
heute noch gelten): Sie wurden in die Wohnräume gelassen (und in die Kirche), es
wurde ihnen ein Name verliehen und sie wurden nicht gegessen (Ebd., 112ff).
Insbesondere Ende des 18. Jahrhunderts mit der aufkommenden Industrialisierung
und Verstädterung, als Tiere immer weniger zum alltäglichen Lebensumfeld der
Menschen gehörte, erwachte eine neue Sensibilität gegenüber Tieren. Je mehr sich die
Menschen in den Städten in ihre kleinen Wohnungen zurückzogen und sich die
Bindungen der Grossfamilien auflösten, desto mehr Heimtiere besassen sie. Die
Zunahme an Haustieren führte neben ihrer übertriebenen Vergötterung auch zur
langsamen Anerkennung ihrer mentalen Kapazitäten und moralischer
Berücksichtigung (Ebd, 118 ff.). Die ersten Tierschützer waren alle Heimtierbesitzer
und argumentierten aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit Tieren. Ab dieser Zeit
nahm das Wissen über Zoologie und der Drang die Umwelt zu gestalten zu, und so
7
Ich folge hier hauptsächlich der englischen Geschichtsschreibung. Über England existiert die beste
und ausführlichste Literatur zu diesem Thema, was mit dem speziellen Verhältnis der Engländer zu
ihren Tieren zu tun hat. Siehe dazu Ritvo (1994) und Thomas (1983). Soweit ich in Erfahrung bringen
konnte, existiert keine Geschichte der Haustiere für den deutschsprachigen Raum oder gar die Schweiz.
Eine gute Studie, die den Umgang mit Tieren im 19. Jahrhundert im Allgemeinen behandelt und auf
die ich im folgenden auch Bezug nehme, stammt von Buchner (1996). Verschiedene Schlaglichter auf
die Geschichte des Mensch-Tier Verhältnisses bietet eine Ausgabe der Hessischen Blätter für Volksund Kulturforschung (Bimmer 1991).
11
entstanden die ersten Züchtervereine und Hundeclubs (Ritvo 1987). Ritvo behauptet,
dass die ästhetische Umgestaltung von Tieren eine Möglichkeit war, sich die den
Städtern zunehmend abhanden gekommene Tierwelt wieder anzueignen und damit
zugleich neue Formen der Naturbeherrschung auszudrücken. Mit der Züchtung
spezieller Rassen liess sich die hierarchische Gliederung unter den Hunderassen
zementieren. Reinrassige Hunde, darunter vor allem Windhunde und Spaniels, waren
die wertvollsten Hunde, während Bastarde dem gemeinen Volk vorbehalten waren
und belächelt wurden (Swabe 1997, 145f.). Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde mit
dem Erstarken des Hygienediskurses die Hundehaltung in Städten zu einem Problem
und das Bürgertum fixierte sich darauf, den Hundebesitz der unteren Schichten
anzuprangern. Denn es wurde befürchtet, dass nicht rassereine, ungepflegte und
herumstreunende Hunde gefährlich und Quellen von Dreck und Verunreinigung seien,
sowie die schon für Menschen knappe Luft und Nahrung aufbrauchten. Für das Übel
wurden die Besitzer verantwortlich gemacht, denen Zeit und Geld fehle, um für die
Hunde aufzukommen. Ein weit verbreiteter Topos, mit dem das Bürgertum das
Unbehagen vor herumstreunenden und unsauberen Hunden ausdrückte, war die Angst
vor Tollwut, obwohl die Tollwutgefahr vergleichsweise gering war (Ritvo 1994). Der
Hygienediskurs äusserte sich jedoch nicht nur in Bezug auf Hundehaltung, sondern
führte zu einer starken Trennung und weiteren Funktionalisierung von Tieren. Je mehr
die Hunde verhätschelt wurden, desto aggressiver wurden wildlebende Tiere aus den
Städten vertrieben. Ein weiterer Teil dieser Entwicklung war die Verschiebung der
Schlachthäuser an die städtische Peripherie (Buchner 1996, 194). Die
Tierschutzbewegung erlebte einen Aufschwung und der Sadismus der Schlachter und
Kutschenfahrer wurde angeprangert. Die Schlachter wurden zum Feindbild einer
mitleidigen bildungsbürgerlichen Kultur, die furorisch Tierquälereien verfolgte.
Buchner bemerkt zu Recht, dass die Industrialisierung der Schlachtung und die
Züchtung von Luxushunden eine Gemeinsamkeit haben: Die Tiere werden in beiden
Fällen zur Zweckerfüllung menschlicher Bedürfnisse optimiert (Ebd., 193). Erst im
Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde das Halten von Haustieren als
Selbstverständlichkeit in allen gesellschaftlichen Schichten akzeptiert. Heute hat das
Halten von Haustieren nie geahnte und noch nie dagewesene Ausmasse erreicht.
Ganze Industrien kümmern sich um das Wohlergehen der Tiere und bieten eine
immer weiter gehende Palette von Dienstleistungen insbesondere für Hunde und
Katzen an. Zugleich werden wieder vermehrt Tiere wie Ratten und Frettchen
12
gehalten, die vorher aus den Städten vertrieben wurden oder exotische Tiere wie
Papageien und Reptilien, die bis anhin Zoos vorbehalten waren.
2.1.2. Die Geschichte der Kleintiermedizin
Damit die Kleintiermedizin entstehen konnte, musste den Tieren genügend Wert
zugesprochen werden, damit es sich lohnte, sie überhaupt zu pflegen.8 Bis vor dem
Ende des 19. Jahrhunderts war dies nicht der Fall, ausser bei einzelnen Jagdhunden.
Obwohl schon lange vorher die Angst vor Tollwut die europäischen Menschen
beschäftigte,
waren
Hunde
nur
Objekte
von
Klassifikations-
und
Beschreibungsbemühungen. Die ersten Bücher über Hundemedizin erschienen Ende
des 18. Jahrhunderts, aber weit bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde Hundemedizin
als etwas Unnötiges angesehen. Veterinärmedizin, die in der sozialen Anerkennung
ohnehin weit unter der Humanmedizin stand, war Pferdemedizin. Erst in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden dann die ersten Kleintierkliniken; das erste
Lehrbuch für Hundemedizin erschien 1888. Der grosse Aufschwung der
Kleintiermedizin fand erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt und hatte
aussermedizinische Gründe: Das Pferd, das im 19. Jahrhundert in Europa ein
unabdingbares Arbeitsmittel war, wurde vom Dieselmotor verdrängt. Die
Veterinärmediziner in den Städten, die eben noch diejenigen Pferde gepflegt hatten,
die Trams, Kutschen und Feuerwehrwagen zogen, hatten keine Arbeit mehr. Also
behandelten sie fortan Hunde – und bald auch Katzen.9 Denn bis Ende der ZwanzigerJahre gehörte Katzenmedizin nicht zu den Tätigkeiten der VeterinärmedizinerInnen.
Mit ihnen beschäftigte man sich nur als Träger von Krankheiten wie Toxoplasmose
oder Tuberkulose, die für den Menschen gefährlich werden konnten. Erst danach und
vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Katzenmedizin einen Aufschwung.
Im Zuge der Institutionalisierung und Verwissenschaftlichung der Veterinärmedizin
8
Der hier folgende Abriss basiert ausschliesslich auf dem 6. Kapitel der Dissertation von Joanna
Swabe (1997, 137-168). Diese scheint die einzige Darstellung der Geschichte der Kleintiermedizin zu
sein, die sozial- bzw. kulturhistorisch verfährt. Allerdings basiert sie im Wesentlichen auf Quellen für
England (19. Jh.) und die Niederlande (20.Jh.). Alle anderen Geschichten der Veterinärmedizin
erzählen eine Fortschrittsgeschichte des veterinärmedizinischen Wissens. Für weitere Literaturhinweise
und eine hervorragende Sammlung von Bildquellen, die hier nicht berücksichtigt werden kann, siehe
Dunlop (1996).
13
wurden die neuen Techniken der Humanmedizin in die Veterinärmedizin eingeführt:
Die Anästhesie ermöglichte präziseres und erfolgreicheres Arbeiten (vorher wurden
die Tiere in Tücher eingerollt, damit sie sich nicht mehr bewegen konnten) und
Pasteurs Einsichten in die Wichtigkeit von Antiseptik und Hygiene wurden
aufgenommen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Kleintiermedizin enorm ausdifferenziert
und ähnlich wie die Humanmedizin technisiert. Noch in den dreissiger Jahren wurde
Röntgen eingeführt, es folgten Ultraschall und neuerdings Computertomogramme. Es
entstand eine Vielzahl von Subdisziplinen wie Chirurgie, Medizin, Ophtalmologie,
Dermatologie, Gynäkologie und neuerdings Homöopathie, Psychologie und
Akupunktur. Damit hat zum Ende des Jahrtausends die Auseinandersetzung um
Schul- versus Alternativmedizin in die Veterinärmedizin Einzug gehalten.
Die Entwicklung der Kleintiermedizin ist somit verknüpft mit der Entwicklung und
Spezialisierung in der Humanmedizin, aber sie beruht auch auf der Karriere einzelner
Tierarten – vor allem der Katze – als von ihren BesitzerInnen als wertvoll angesehene
Tiere, deren Leben zu erhalten sich lohnte.10 Dies ist Teil eines Wandels
gesamtgesellschaftlicher Wertvorstellungen, die sich neben der Verbreitung des
Vegetarianismus und dem Erstarken der Tierschutzbewegung in der rechtlichen
Stellung der Tiere niederschlägt.
In der Schweiz wird momentan ein neuer "Grundsatzartikel Tiere" erarbeitet. In
diesem Grundsatzartikel soll die klassische Zweiteilung in Rechtssubjekte und
Rechtsobjekte, die das römische Recht unternimmt, aufgehoben werden.11 Die Tiere
würden demnach neu als "mitgeschöpfliche Wesen" anerkannt, deren "Würde" es zu
berücksichtigen gälte, auch wenn sie nicht von den Tieren selbst eingeklagt werden
könne (Spühler 1999, 13). Eines der Hauptprobleme für rechtliche Regelungen liegt
9
Wie Swabe bemerkt, ist der Dieselmotor ironischerweise in doppelter Weise für den Aufschwung der
Kleintiermedizin verantwortlich. Denn ein guter Teil der heute behandelten Hunde und Katzen ist von
Autos angefahren worden.
10
Ein ungewollter Nebeneffekt davon ist die Abschiebung vieler Haustiere in Tierheime und die
darauffolgende Tötung. Wie in Tierheimen damit umgegangen wird, dass sie von denselben Personen
zuerst für ihre neuen BesitzerInnen gepflegt werden, um sie dann doch zu töten, beschreibt Arluke
(1994).
11
Ein grundlegender Aufsatz zur Rechtsgeschichte stammt von Tannenbaum (1995). Tannenbaum
argumentiert, dass Tiere als Sachen genügend geschützt werden können, es sei unnötig, ihnen einen
anderen rechtlichen Status zuzuweisen. Gegenargumente dazu finden sich in Mench (1995) und
Shapiro (1995). Zur rechtlichen Stellung der Tiere in der Schweiz siehe Nabholz (1983). Zur aktuellen
Diskussion um die Änderung des Rechtsstatus siehe Luchsinger (1998) und Spühler (1999).
14
jedoch darin, dass es schwierig ist, einen einheitlichen rechtlichen Status für alle Tiere
oder nur schon alle Säugetiere zu entwerfen, und es umgekehrt nicht möglich ist, für
Hunde, Katzen oder Ratten getrennte Gesetze zu entwickeln, je nachdem, ob es sich
dabei um Haus- oder Labortiere handelt.
2.2 Sozialwissenschaften und Reflexivität
Wissenschaftliche Rationalität ist nicht frei von historischen und kulturellen
Einflüssen. Erst recht gilt dies für alle Formen von interpretativer Wissenschaft,
wobei mittlerweile unklar ist, ob diese Bezeichnung überhaupt Sinn macht. In der
Ethnographie12 erfolgte der scheinbare Zusammenbruch der Rationalität Mitte der
achtziger Jahre, als die ersten historischen Studien über die wissenschaftliche Praxis
früherer EthnographInnen erschienen.
Ethnographie, so das Resultat dieser Studien, produziert nach bestimmten Regeln ein
Bild des 'Anderen', und dieses Bild ist nicht 'objektiv', sondern relativ zu diesen
Regeln (Berg und Fuchs 1993a). Der Ethnograph, so lautete die Analyse, entwirft ein
Bild einer Gesellschaft in einem Vakuum, dem ethnographischen Präsens, in dem er
nicht mehr vorkommt, nachdem er einmal sichergestellt hat, dass die Leserin ihm
glaubt, dass er 'dort' war (Geertz 1993, Fabian 1994).
Die Individuen einer Gesellschaft treten als RepräsentantInnen ihrer Kultur auf, sie
sind zusammen Verkörperungen aller kulturspezifischen Verhaltensweisen. Es ist die
Aufgabe der Ethnographin diese Verhaltensweisen von den einzelnen Menschen zu
abstrahieren, um so zu einem vollkommenen Bild der jeweiligen Kultur zu kommen.
Dieser 'klassische' Erkenntnismodus wurde umgehend kritisiert, da er ein Akt
neokolonialistischer Objektivierung des 'Anderen' durch den westlichen Blick sei. Als
Heilmittel wurde Reflexivität vorgeschlagen (Denzin und Lincoln 1994, Marcus
1994): Die Autor- und damit Machtposition der Ethnographin sollte zum Ausdruck
gebracht, bzw. die dialogische Grundlage der Ethnographie sichtbar gemacht werden.
15
Die so produzierten Ethnographien wurden von Bourdieu als narzisstisch denunziert
und Geertz kritisierte, dass die Informanten durch die Interpretationsleistungen ihrer
Gesprächspartner zu Protophilosophen hochstilisiert worden seien (Bourdieu 1993a,
Geertz 1993).
Erstaunlich an der Diskussion ist die fast vollständige Ausschliessung von
Gesellschaftstheorie. Historische Umstände determinieren den Erkenntnismodus einer
Disziplin, so der Tenor, und was man dagegen tun kann, ist die Offenlegung dieses
Erkenntnismodus, indem man fortlaufend seine eigenen Methoden reflektiert und sich
selbst nicht aus dem Text verschwinden lässt. Ein Erweiterung der Argumentation
bestand dann darin, tabuisierte Themen zu reflektieren. Dass beispielsweise Liebe und
Sex im Feld den Erkenntnisprozess mitbestimmen, wurde spätestens nach dem
Erscheinen von Malinowskis Tagebüchern klar (Malinowski 1986, Kulick und Wilson
1996).
Die Kritiker narzisstischer Reflexivität, wie etwa Bourdieu, beharrten dagegen auf
dem Standpunkt, die eigene Position des Forschers sei nur als Position innerhalb eines
sozialen Feldes reflektierbar. Erkenntnisinteressen werden so in eine Relation zum
Ort eines Forschers im sozialen Raum gebracht, d.h. eine Ebene, die wiederum vom
Forscher nicht kontrollierbar ist. Gemäss Bourdieu besteht die einzige Möglichkeit
darin, seine eigenen Kategorien zu überprüfen, um einer Reifizierung der sozialen
Welt zu entkommen, in die man so unwiderstehbar eingebunden ist. Diese Praxis
nennt er „wissenschaftliche Reflexivität“ (Bourdieu 1993a). Die Wissenschaftlerin
geht dabei so vor, dass sie alle ihre Kategorien auf ihren Entstehungszusammenhang
untersucht und sich selbst innerhalb dieses Entstehungszusammenhangs verortet. So
soll es dann möglich werden, dass untersuchte Feld zu „objektivieren“. Wacquant, der
Bourdieus oft unsystematischen Gedanken zusammenfasst, unterscheidet drei
verschiedene Formen von Reflexivität bei Bourdieu (Wacquant 1996, S. 66ff.).
Die erste Form bezieht sich auf die soziale Herkunft des Wissenschaftlers, die zweite
auf die Position der Wissenschaftlerin innerhalb des akademischen Feldes und die
12
Ethnographie verwende ich hier als Bezeichnung für eine Methode, die ihre Wurzeln in der
Ethnologie hat, aber heute im Spannungsfeld verschiedener Sozialwissenschaftlicher Subdisziplinen,
von Ethnologie über Soziologie, Volkskunde und Cultural Studies steht. Im wesentlichen handelt es
sich um eine v. a. im angelsächsischen Sprachraum geführte Debatte, die die Fächer cultural bzw.
social anthropology, sowie die Literaturwissenschaften umfasst. Auf dem europäischen Festland
16
dritte, die für Bourdieu charakteristische, schliesslich auf den „intellektualistischen
bias“ (ebd., 67). Der intellektualistische Bias bezeichnet den Fehler „die Welt als
Schauspiel (wahrzunehmen) …, und weniger als konkrete Probleme, die nach
praktischen Lösungen verlangen“ (ebd., 67), oder genauer, die Kategorien die der
wissenschaftliche Commonsense für die Welt bereitstellt, ungeprüft für die relevanten
Analysekategorien zu halten (Bourdieu 1996, 284 ff.).
Die Reflexivitätsleistungen selbst, und hier beginnt das Problem, sind nach Bourdieu
jedoch nur vom Kollektiv der WissenschaftlerInnen leistbar, indem sie die Arbeiten
anderer einer reflexiven Analyse unterziehen.
In beiden Fällen, der narzisstischen wie der wissenschaftlichen Reflexivität, wird
jedenfalls von einem sehr starren Erkenntnissubjekt ausgegangen. Jeder und jede kann
nur so denken, wie er oder sie denkt, und das beste, was man dagegen tun kann, ist
entweder dies laut zu sagen oder die Entzauberung der eigenen Gedankenwelt qua
Reflexion der eigenen Position vorzunehmen.
Ich möchte im folgenden aufzeigen, dass diese Idee die Möglichkeiten
wissenschaftlicher Methoden unterschätzt und auf einer viel zu deterministischen
Konzeption von Kultur beruht. Nicht, weil ich erneut den objektiven und
unschuldigen Blick einführen möchte, sondern weil ich der Meinung bin, dass es
komplexere Verbindungen zwischen der kulturellen Einbettung von
WissenschaftlerInnen und ihren Methoden und Theorien gibt.
Der Fehler, den meiner Meinung nach sowohl Bourdieu wie die anderen
ReflexivistInnen begehen, liegt in der Darstellung sozialwissenschaftlicher Arbeiten
begründet. Im Normalfall wird keine oder allenfalls eine Theorie und ein
Kategorienrahmen angewendet. Manchmal geschieht dies mit der Absicht, die
Superiorität der eigenen Theorien und Kategorienrahmen gegen rivalisierende
durchzusetzen. Die rivalisierenden Theorien werden dann jedoch nicht in der eigenen
Arbeit angewandt. In jedem Fall vertritt die Wissenschaftlerin ihre Theorie und nur
scheint mir die Rezeption nicht so eindeutig bestimmten Fächern zuordnungsbar, weshalb
Ethnographie hier als ein Begriff steht, der alle mit Ethnographie beschäftigten Fächer meint.
17
ihre Theorie (dies gilt erst recht für Bourdieu)13. Dieser Darstellungsmodus produziert
selbst den Anschein, es sei völlig unmöglich, die Welt mit anderen Augen als den
eigenen anzuschauen. Dabei besteht gerade in der Ethnographie ein Grundmerkmal
jeder Forschung darin, dass die Welt in einer Mischung aus eigener und fremder
Weltsicht wiedergegeben wird. Ein Ethnograph produziert weder "an ethnography of
witchcraft written by a witch (nor) an ethnography of witchcraft as written by a
geometer", wie es Geertz ausdrückt (Geertz 1984, S. 125). Die grundlegende Idee von
‘going native’ beruht gerade darauf, den eigenen Blick partiell zu suspendieren und
einen anderen, fremden zu übernehmen. Dieser spezifische Blick bleibt jedoch auch
innerhalb der Ethnologie starr. Niemand vergleicht eine Ethnographie über Hexerei,
die von einer Hexe geschrieben wurde mit einer Ethnographie über Hexerei, die von
einem Geometer geschrieben wurde auf derselben Ebene, um etwas über die
spezifischen Qualitäten der verschiedenen Sichtweisen herauszufinden.14 Noch
unvorstellbarer ist es, dass jemand für sich in Anspruch nehmen würde, er selbst
könne sowohl eine Ethnographie aus der Sicht einer Hexe, wie auch eines Geometers
schreiben. Der Grund dafür liegt in einem deterministischen Konzeption dessen, was
eine Hexe oder ein Geometer überhaupt sehen kann. In jedem Fall sind es spezifische
Qualitäten, die dazu führen, dass die Ethnographin mehr bzw. besser sieht als eine
Hexe oder ein Geometer (was nach Bourdieu wiederum auf die wissenschaftliche
Reflexivität in seiner dritten Form zurückführbar ist).
Weiter bleibt anzumerken, dass ’going native’ selten als Prozess verstanden wird, wie
es der Begriff eigentlich nahelegen würde. Ethnographien sind immer im Status des
‘gone native’ bzw. ‘identity regained’ geschrieben. Sobald man ‘going native’ als
einen Prozess ansieht, während dem sich die eigene Wahrnehmung immer verschiebt,
13
Bourdieus offensichtliche Hauptfeinde „Postivismus“, „Methodologie“ und „Empirizismus“ werden
zwar von Bourdieu immer wieder pauschal abgekanzelt, aber nie eingehend diskutiert; man erfährt
nicht einmal präzis, welche Positionen er damit meint. Vgl. Dazu Bourdieu (1996, S. 276f., 285).
Alexander wirft Bourdieu grundsätzliches Verschweigen seiner Quellen und intellektueller Einflüsse
sowie Missrepräsentation attackierter Theorien vor (Alexander 1995). Dass es sich hierbei wiederum
um das herkömmliche Spiel der Wissenschaft oder in Bourdieus Terminologie, der Logik des
wissenschaftlichen Feldes handelt, ist offensichtlich, ändert jedoch nichts am Sachverhalt.
14
Die Ethnologie bekundet sogar offensichtliche Mühe damit, dass divergierende Ethnographien
überhaupt möglich sind, sogar wenn sie im Abstand von 50 Jahren mit vollkommen unterschiedlichen
Methoden und Theorien durchgeführt werden. Der Streit um Margaret Meads versus Derek Freemans
Samoa wird zu grossen Teilen so geführt, als könne nur jemand der beiden Recht haben, mit der
Implikation, dass Mead eine Fälscherin oder Freeman ein miserabler Wissenschaftler sein muss. Siehe
dazu den Titel, das Vorwort und die Kritiken zur Neuauflage von Freemans Buch (Freeman 1996).
18
sowohl auf dem Weg hin, wie auf demjenigen zurück, wird offensichtlich, dass die
Möglichkeit bestehen würde, sehr wohl mehr als ein Bild einer Kultur zu erhalten.
Der entscheidende Punkt hierbei liegt nicht so sehr im Sachverhalt selbst, sondern
darin, dass er systematisch aus jeder Ethnographie getilgt wird, mit dem Ziel, zum
richtigen Bild zu kommen.
Meine Kritik setzt also an zwei Punkten an, die aber denselben Hintergrund haben:
Ob versucht wird, sich selbst zu reflektieren, wie in der narzisstischen Reflexivität
oder ob die Wissenschaftlerin im sozialen Feld positioniert wird wie bei Bourdieu: In
beiden Fällen gibt es keine Möglichkeit anders zu sehen und zu denken, als man sieht
und denkt.
Ein wichtiger Grund für diese Position liegt in den behandelten Themen begründet.
Beide Formen der Reflexivität beziehen sich auf Untersuchungen, die von
Machtbeziehungen, in die die Forscherin verwickelt ist, durchzogen sind. Ob es wie
bei Bourdieu um die Reproduktion sozialer Ungleichheiten durch gesellschaftliche
Institutionen in Frankreich geht oder wie in der Ethnologie um das Verhältnis von
Ethnographen zu meist marginalisierten 'Anderen': Das Reflexivitätsproblem definiert
sich über den Versuch, Machtbeziehungen aufzudecken oder im Idealfall (?!)
aufzulösen. Weil diese Machtverhältnisse unausweichlich sind und sich im Denken
niederschlagen, liegt eine starre Konzeption des Verhältnisses von Macht und
Denkstilen nahe.15 Daran ändert auch ein mehrdimensionales soziales Feld von
Bourdieu nichts, es potenziert nur die Anzahl der möglichen Relationen.
Entsprechend hilflos und unklar bleibt, was mit diesen Formen der Reflexivität
erreicht werden soll. Der naheliegendste Gedanke wäre in jedem Fall ein Ende der
wissenschaftlichen Tätigkeit. Denn wenn die Arbeit der Forscherin ohnehin immer
von ihrer Machtposition als meist staatlich bezahlte Intellektuelle durchdrungen ist
und es das explizite Ziel der Ethnographie sein soll, in welch abstraktem Sinn auch
immer, die Machtstrukturen der Welt zu glätten, dann ist dieser Versuch per
Definitionem zum Scheitern verurteilt. Oder noch schlimmer: Die reflexive
15
Zu Recht kann man dagegen einwenden, dass neuere Machtbegriffe, die auf Foucault oder Bourdieu
beruhen, flüssig, relational und weich sind. Nur glaube ich, dass die genannten Machtbegriffe vor allem
auf das untersuchte Geschehen, und nicht auf das Verhältnis von ForscherInnen und Beforschten
bezogen werden.
19
Ethnographie vollendet die Unterwerfung, weil sie den eigenen Blick qua
Selbstreflexion vor Kritik immun macht und nichts anderes als ein weiteres
Instrument von Politik ist (Berg und Fuchs 1993b, 92, Bennett 1998).
Dazu möchte ich zuerst einen Vergleich mit der Praxis qualitativer Soziologie
einführen, um dann aufzuzeigen, wie eine Verschränkung von Theorie und Methoden
zu diesem Zweck angewandt werden kann.
2.2.1. Ethnographie und Soziologie
Die Reflexivitätsdiskussion, wie sie in der Ethnographie geführt wurde, ist in der
Soziologie kaum und erst viel später zur Kenntnis genommen worden.16 Der
Reflexivitätsbegriff taucht in der Soziologie vor allem in drei Zusammenhängen auf,
die jedoch nur indirekt mit dem ethnographischen Verständnis von Reflexivität
verknüpft sind: In der Ethnomethodologie, in Gouldners Soziologiekritik in "The
Coming Crisis of Western Sociology" und in der Rede von „reflexiver
Modernisierung“.
Die ethnomethodologische Verwendung des Begriffs bezieht sich auf ein Beobachten
des Beobachtens, bzw. auf die Tatsache, dass alle sozialen Handlungen von
kompetenten, sozusagen soziologisch gebildeten, Akteuren ausgeführt werden, und
dass diese Handlungen nur unter Einbezug der Anwesenheit eines Beobachters
thematisiert werden können (Garfinkel 1967b). Diese Reflexivität führt nicht zu einer
Neubestimmung empirischer Praktiken oder Schreibweisen.
Gouldners Reflexivitätsbegriff kann am besten als eine Mischung aus einer
narzisstischen und Bourdieus Position beschrieben werden, bzw. als vergessen
gegangener Vorläufer der beiden (Gouldner 1971, 481ff.). Allerdings leitet Gouldner
seinen Reflexivitätsbegriff aus persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen und
einem epistemischen Relativismus her und nicht aus dem 'linguistic turn'. Seiner
weitreichenden Forderung nach einer radikal reflexiven Soziologie, die nicht nur das
16
Eine wichtige Ausnahme bildet Bourdieu, wobei ich es bezeichnend finde, dass der Titel seines
Buches „Reflexive Anthropologie“ und eben nicht „Reflexive Soziologie“ lautet, auch wenn es auf
einem Seminar am soziologischen Institut der Universität Chicago beruht und ein Unterkapitel „Die
Ziele der reflexiven Soziologie“ heisst. Soweit ich es beurteilen kann, wird dieses Buch auch eher in
der Ethnologie als in der Soziologie rezipiert.
20
Denken der Soziologin, sondern auch ihr Leben umfassen müsse, ist dann aber kaum
jemand gefolgt.17
Der Reflexivitätsbegriff der Theoretiker der reflexiven Modernisierung hingegen
bezieht sich auf einen historischen Wandel (Beck, Giddens et al. 1996). Demnach, so
die These, hat in den westlichen Gesellschaften eine Phase der Selbstthematisierung
ihrer Grundlagen eingesetzt, in der die ästhetischen, politischen und moralischen
Leitbegriffe der Moderne neu besetzt werden müssen. Weil nun das
sozialwissenschaftliche Vokabular von der Gesellschaft aufgenommen wurde
beeinflusst dieser Prozess auch die Sozialwissenschaften, aber er äussert sich eher in
der Problematisierung empirischer Resultate als in der Darstellungsweise
sozialwissenschaftlicher Texte.
Ein Grund dafür ist, dass sich die Methodendiskussionen in der Soziologie stärker um
die Auseinandersetzung zwischen interpretativ-qualitativ und quantitativ orientierten
Ansätzen konzentrierte18 und die qualitativen Ansätze, zumindest theoretisch, immer
versuchten dem 'Subjektivitätsvorwurf' zu begegnen. Narzisstische Reflexivität würde
in diesem Zusammenhang ein Eingeständnis der alten Vorwürfe der quantitativen
Soziologien bedeuten.
Ein weiterer Grund liegt aber in der stärkeren Theorielastigkeit der Soziologie und
insbesondere des Verhältnisses von Empirie und Theorie. Das Lehrbuchverfahren ist
stark von einem Ideal durchdrungen, nach dem eine zuerst aufgestellte Theorie durch
Daten verifiziert oder falsifiziert wird. Die qualitativen Theorien der
Nachkriegssoziologie versuchten davon wegzukommen, indem ein Mäandrieren
zwischen Theorie und Daten vorgeschlagen wurde (Strauss 1991). Auf jeden Fall
konzentrierte sich die Auseinandersetzung um das Verhältnis von Empirie und
Theorie, während dem Akt der Präsentation der Daten kaum Aufmerksamkeit zuteil
wurde. Die einzigen Gebiete in denen die Reflexivitätsthematik prominent vertreten
ist, bildet die Wissenschaftssoziologie (Woolgar 1988). Dies ist insofern naheliegend,
17
Man beachte die heute nicht mehr vorstellbare Emphase: "... a Reflexive Sociology is and would
need to be a radical sociology. Radical, because it would recognize that knowledge of the world cannot
be advanced apart from the sociologist's knowledge of himself and his position in the social world, or
apart from his efforts to change these. (...) Radical, because it would accept the fact that the roots of
sociology pass through the sociologist as a total man, and that the question he must confront, therefore,
is not merely how to work but how to live." (Gouldner 1971, 489, Kursiv im Original)
18
Die Debatte ist längst überholt und mir liegt es fern, mich daran zu orientieren. Ich halte es jedoch
für eine sinnvolle Erklärung für die Nichtrezeption der Reflexivitätsdebatte.
21
als die sozialwissenschaftliche Problematisierung wissenschaftlicher Produktion nach
einem Rückbezug auf sich selbst geradezu schreit.
In der oben angesprochenen Wende in der Ethnologie hingegen ging es vor allem um
die Frage der Präsentation des Materials, ums Schreiben. Die Ethnographie blieb
damit stark dem geisteswissenschaftlichen Hintergrund verhaftet: die Welt wird
relativ unmediiert aufgeschrieben, der Anthropologe ist ein Schriftsteller, der seine
Erfahrungen direkt, allenfalls beeinflusst und behindert durch seinen Körper, zu
Papier bringt. In diesem Konzept bleibt die Theoriebildung peripher und ist eine posthoc Angelegenheit, die die eigentliche Produktion von Daten nicht beeinflusst. Was
die Sicht der Welt und damit die Ethnographie beeinflusst, sind kulturelle Einflüsse,
denen die Ethnographin relativ hilflos ausgeliefert ist.
Die stärkere Theorielastigkeit der Soziologie blendet zwar den Forscher aus, sie hat
aber die Möglichkeit reflexiver mit der Reflexivität umzugehen, als dies die meisten
EthnographInnen können. Ich möchte dies an einem Beispiel von Gesa Lindemann
vorführen. Gesa Lindemann sucht nach Konstruktionsprozessen von Geschlecht
anhand einer Episode, die ihr eine transsexuelle Frau (also eine Mann-zu-FrauTranssexuelle) erzählt hat. Lindemann interessiert sich dabei für zwei Fragen:
„1. Wie ist das Verhältnis der Konstruierenden zum Konstruktionsprozess?
2. Wie werden Konstruktionen als etwas unhintergehbar Wirkliches erfahren?“
(Lindemann 1994, 116)
Die Episode geht so: Die Transsexuelle wurde eines Tages von jungen Männern sehr
plötzlich auf dem Trottoir überholt. Sie erschrak und fühlte sich hilflos, aber es
passierte weiter nichts. Nach diesem Vorfall, war es ihr jedoch unmöglich auf ihrem
Nachhauseweg durch einen Park zu gehen, den sie vorher immer durchquerte. Vor
dem Vorfall wusste sie im Kopf zwar, dass es für Frauen gefährlich sein solle, den
Park zu durchqueren, aber erst danach hatte sie Angst dies zu tun.
Lindemann produziert nun ein „Gespräch der Theorien“, indem sie die Episode mit
vier verschiedenen „Analyseinstrumenten“ interpretiert: Goffman, Garfinkel, Butler
und Plessner (Lindemann 1994, S. 115 f.). Hier ist nicht von Interesse, was dabei
herauskommt, sondern die Art ihres Vorgehens. Die Episode, die sie durchexerziert,
behandelt sie als gegeben. Sie zweifelt nicht am Realitätsgehalt der Erzählung. Sie
macht keine ‚Quellenkritik‘. Es interessiert Lindemann nicht, weshalb und in
welchem Setting ihr diese Geschichte erzählt wird. Sie problematisiert nicht, ob und
wie Gefühle, wie beispielsweise Angst, in Sprache umgesetzt werden. Sie
22
problematisiert auch nicht ihre eigene Rolle als Interpretin, die sie in Bezug auf ihre
Klientin innehat oder die sie in Bezug zum wissenschaftlichen Feld einnimmt.
Dies alles arretiert sie, um die Leistungsfähigkeit von Theorien zu erproben.
Theorien sind für Lindemann eine Art Maske, die über die empirischen Daten gelegt
wird und aus diesen Daten Sinn generiert, wobei die Beurteilung dieses Sinns einem
Gemisch aus Erfüllung von Zielvorgaben und theorieinhärenten Fehlern unterliegt. Es
bleibt unklar, ob die Theorien empirische Daten oder die Fragestellung Lindemanns
erklären sollen. Denn es ist ja keineswegs sicher, ob die verschiedenen Theorien
überhaupt dazu geeignet oder gar intendiert sind, Lindemanns Fragen zu beantworten.
Garfinkel ist der einzige, der sich selbst zu Geschlechtskonstruktionen von
Transsexuellen geäussert hat, während Plessner, dessen Theorie Lindemann
favorisiert, sich nicht einmal explizit mit Geschlechtskonstruktionen befasst hat.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass zumindest Garfinkel und Goffman, deren
Arbeiten sehr stark geprägt sind von einer bestimmten Art und Weise Episoden zu
erzählen, möglicherweise darauf bestehen würden, dass die Erzählung der Episode
selbst theorieabhängig ist und dies bei Lindemann so nicht eingefangen werden kann.
Umgekehrt würde sich Butler wahrscheinlich nicht von der Erzählung einer Episode
beeindrucken lassen würde, da ihre Theorie darauf aufbaut, dass Diskurse gerade
solche Episoden strukturieren und nicht umgekehrt. Allgemein ausgedrückt:
Lindemann geht davon aus, dass es möglich ist, eine Theorie auf ein Fallbeispiel
anzuwenden, auch wenn diese auf methodisch vollkommen verschiedenen
Grundlagen erarbeitet wurde, als die Theorie es eigentlich erfordern würde.
Was ich von Lindemann übernehmen will, ist die Idee, dass sich eine Gegebenheit in
verschiedenen Theorien formulieren lässt und dass diese Reformulierungen neue
Weltsichten generieren. Das heisst, dass ich als Interpret fähig bin, verschiedene
Versionen eines Sachverhalts zu produzieren, um erst im nachhinein ein Urteil über
die dabei angewandten Theorien und ihr Verhältnis zum Sachverhalt zu fällen.
Erst so werden die Erklärungsansprüche der verschiedenen Theorien einem Test
ausgesetzt: Theorien werden nicht hauptsächlich aufgrund ihrer inneren Struktur und
Konsistenz, sondern anhand der Erzählungen, die mit ihnen möglich sind, beurteilt.
23
2.2.2. Theoretische Reflexivität
Nun möchte ich mein eigenes Programm präzisieren. Wie bis jetzt klar wurde,
verfolgen die Ansätze der Reflexivität das Ziel, das wissenschaftliche Vorgehen der
eigenen Verschleierung zu entreissen und die Erkenntnisansprüche in einen
Zusammenhang zu setzen, der üblicherweise verdeckt blieb. Differenzen entstanden
dabei über die Frage, worin der Zusammenhang bestehe und was das Endresultat
dieser Kontextualisierung sei.
Auf der einen Seite steht die narzisstische Reflexivität, die den Zusammenhang in
nahen, lebensweltlichen Räumen verortet und durch Verarbeitungen als bewältigbar
ansieht. Diese Variante führt zu einer tendenziellen Schwächung der
Erkenntnisansprüche, indem sie jegliche Verallgemeinerungen ablehnt, da diese der
partikularen Feld- und Aufschreibesituation nicht gerecht werden.
Auf der anderen Seite steht Bourdieus Variante, die eine Kontextualisierung nur
innerhalb des akademischen Feldes zulässt. Einzelne ForscherInnen können nicht zu
besseren Resultaten gelangen, indem sie über sich selbst reflektieren. Und die
Erkenntnisansprüche zu schmälern, indem man sie partikularisiert, hält Bourdieu für
einen politischen Fehler, der die Sozialwissenschaften ihres kritischen Potentials
beraubt.
Mein Ziel ist es, erstens dem Narzissmus der Ethnologie zu entfliehen und dennoch
selbst reflexiv zu bleiben, ohne diese Aufgabe anderen zu überlassen. Auf der Ebene
des Produktes, des Texts, soll damit erreicht werden, dass die Welt als eine multiple
erscheint, die Multiplizität dabei auf meine deklarierten Operationen rückführbar und
nicht zu einem Lippenbekenntnis oder Rätsel wird.
Dazu müssen verschiedene Ebenen der wissenschaftlichen Arbeit isoliert werden, um
erkennbar werden zu lassen, dass sie miteinander verknüpft sind. Ich gehe davon aus,
dass Methoden, Theorien, Tatsachen, Werte und Interpretationen einander gegenseitig
bedingen. Diese Ansicht gilt innerhalb der Wissenschaftsforschung als trivial und
wird mittlerweile auch von analytischen Philosophen wie Putnam geteilt (Putnam
1994). Diese Ausgangsannahme verwende ich dazu, erstens die Ereignisse und
zweitens die Methoden als fest zu setzen:. Daraus folgt: Theorien, Werte und
Interpretationen werden vervielfältigt.
Zu den Ereignissen: Die Ereignisse betrachte ich als fix, weil ich sie nur einmal sehen
kann und weil ich nur eine Person bin. Wenn ich in der Klinik meine Notizen oder
24
Ton- und Bildaufzeichnungen mache, dann kann ich sie genau einmal von derselben
Situation machen. Jede neue Aufzeichnung ist eine andere Aufzeichnung. Daraus
folgt sofort, dass die Ereignisse durch meine Methoden bedingt sind. Es gibt keine
Ereignisse, die nicht den Einschränkungen durch meine Methoden unterliegen. Dazu
brauche ich kein philosophisches Argument über die Existenz einer
beschreibungsunabhängigen Realität, ich kümmere mich nicht um sie, und halte fest,
dass sie in meinem Fall nicht zugänglich ist. Meine Position ist diesbezüglich
eingestandenermassen naiv, denn auch wenn ich Ereignisse als bloss räumlichzeitliche
definiere,
so
unterliegen
sie
meinem
Blick
und
meinen
Aufzeichnungsfähigkeiten.
Die Methoden sind fix, insofern ich mein Datenmaterial immer mit denselben
technischen Methoden erarbeite, um es dann verschiedenen Theorien zugänglich zu
machen. Dies ist dadurch möglich, dass alle von mir verwendeten Theorien eine
Interpretation von Daten aus teilnehmender Beobachtung möglich machen. In diesem
Fall ergibt sich eine wesentliche Erleichterung durch die gute Vergleichbarkeit von
Theorien, im Unterschied etwa zum Beispiel von Lindemann, die mit dem Problem zu
kämpfen hat, dass die verschiedenen Theorien auf vollkommen verschiedenen
Methoden aufbauen.
2.3. Methodische Anmerkungen
Da die ganze Arbeit eine Übung in der Verschränkung von Theorien und Methoden
ist und ununterbrochen auf methodische Vorannahmen Bezug nimmt, erläutere ich
hier nur kurz, wie ich das Material, auf dem diese Studie basiert, erzeugt habe. Der
Hauptteil der Arbeit basiert auf teilnehmender oder vielmehr danebenstehender
Beobachtung, die ich von Anfang April bis Mitte Juli 1999 an vier Tagen in der
Woche in der medizinischen Abteilung einer grossen veterinärmedizinischen Klinik
in der Schweiz durchführte. Da die disziplinäre Ausdifferenzierung der
Veterinärmedizin weniger weit fortgeschritten ist als in der Humanmedizin, werden in
der medizinischen Abteilung alle Fälle der inneren Medizin sowie dermatologische
Fälle behandelt. Danach wechselte ich für eine Woche zur Onkologie, um dann
weitere zwei Wochen in einer Privatpraxis zu verbringen. Die letzten beiden Orte
dienten mir als Vergleichsbasis. Ich beobachtete jeweils Interaktionen zwischen dem
medizinischen Personal, den TierbesitzerInnen und den Tieren. Dabei handelt es sich
25
nur um Kleintiere, also Hunde und Katzen, in der Privatpraxis zusätzlich noch um
Nagetiere. Die ÄrztInnen stellten mich jeweils zu Beginn der Konsultation kurz vor,
wobei ihnen überlassen blieb, wie sie dabei vorgingen.
In der Privatpraxis wurde an zwei Vormittagen in der Woche operiert, so dass ich
insgesamt vier Vormittage bei Operationen anwesend war.
Neben der Beobachtung der Interaktionen zwischen Tieren, BesitzerInnen und dem
Personal beobachtete ich die Durchführung der wichtigsten diagnostischen und
therapeutischen Techniken wie Ultraschall, Computertomogramme, Bestrahlungen
und Röntgen.
Die von mir beobachteten Konsultationen in der medizinischen Abteilung wurden von
zehn verschiedenen ÄrztInnen (zwei Frauen und acht Männer) und sieben
TierarztgehilfInnen (ein Mann und sechs Frauen) durchgeführt. Drei der Ärzte (alles
Männer) befanden sich jedoch in Austausch zwischen den Abteilungen und waren
eigentlich Gynäkologen bzw. Chirurgen.
Im Text unterscheide ich nicht zwischen AssistenzärztInnen, OberassistentInnen und
DoktorandInnen, ich nenne alle Arzt/Ärztin, da die Hierarchien zwischen den
ÄrztInnen für meine Arbeit nicht besonders wichtig sind. Dies heisst nicht, dass die
Hierarchien für andere Bereiche des Klinikbetriebs irrelevant wären. Die einzelnen
Konsultationen wurden jedoch selbstständig von jeweils einer Ärztin und einer
Pflegerin durchgeführt, ohne Überwachung oder Betreuung durch Vorgesetzte. Neben
den hier aufgezählten Personen arbeiteten immer noch verschiedene
Schnupperlehrlinge sowie TierärztInnen, die als Gäste ihr Wissen auffrischen wollten,
in der Klinik.
Über die TierbesitzerInnen verfüge ich keine genaueren Daten. Alle Angaben über
Alter, Beruf und Status der BesitzerInnen sind meine Schätzungen. Meiner
Einschätzung nach ist das Publikum in der Klinik sehr durchmischt. Weil ein Teil der
BesitzerInnen durch andere ÄrztInnen an die Klinik überwiesen wird, handelt es sich
zumindest bei diesem Segment um BesitzerInnen, die vielleicht nicht immer
vermögend, zumindest aber bereit sind, substanzielle Beträge für ihren Hund oder ihre
Katze auszugeben. Die Kosten für eine Behandlung müssen von den BesitzerInnen
getragen werden und können leicht tausend Franken übersteigen. In der Praxis
entsprach das Publikum meiner Einschätzung nach der Lage der Praxis in der Stadt,
die sich in einem mittelständischen Wohnviertel befand. Auf der Onkologie hingegen
bestand die Klientel aus eher wohlhabenden Personen, die es sich leisten konnten und
26
wollten, mehrere tausend Franken für ihr Haustier auszugeben. Insgesamt
protokollierte ich doppelt so viele Fälle von Besitzerinnen (81) wie von Besitzern
(42).
Ich fertigte einen Aufzeichnungsbogen an, auf dem ich die wichtigsten Eckdaten der
beteiligten Akteure für jeden Fall festhielt. In der Medizin hielt ich auf diese Weise 96
Fälle fest, dreissig weitere "Fälle" protokollierte ich, deren Inhalt nicht richtige
Konsultationen waren, sondern in Abwesenheit der Besitzer oder in Form von
Telefongesprächen stattfanden.
Insgesamt beobachtete ich jedoch über 500 Konsultationen (14 Wochen lang je vier
Tage mit zweimal im Schnitt 5 Konsultationen pro Arbeitsplatz). Die Differenz
kommt deshalb zustande, weil ich mich in einem Raum befand, in dem immer zwei
Konsultationen zusammen stattfanden, so dass ich beide beobachten konnte, auch
wenn ich mich auf einen Fall konzentrierte. Weil sich viele Fälle stark glichen und
Routinehandlungen waren, die sich zu Idealtypen verdichteten, protokollierte ich sie
nicht bei jedem Vorkommen. Dies gilt insbesondere für Impfungen, die
normalerweise vollkommen gleichförmig und routiniert verliefen. In der Klinik
wurden sie vor allem am Freitag und am Ende eines jeden Morgens durchgeführt. In
der Praxis waren schätzungsweise achtzig Prozent der Fälle Impfungen. Weil
Impfungen sehr schnell durchgeführt werden können und in der Praxis, den ganzen
Tag Konsultationen stattfinden (nicht wie in der Klinik nur am Morgen), beobachtete
ich in den zwei Wochen ungefähr 150 Konsultationen. Davon protokollierte ich 17
Fälle.
In der Klinik machte ich eine Woche lang Videoaufnahmen. Aus technischen und
organisatorischen Gründen konnte ich jedoch nur 4 Fälle aufnehmen. Eine
Videoaufnahme diskutierte ich im Nachhinein mit zwei ÄrztInnen.
Während meines Aufenthalts besprach ich mit dem anwesenden Personal in
Arbeitspausen oder am Ende des Tages die behandelten Fälle oder bat sie um
Erklärungen, die ich ebenfalls protokollierte. Insbesondere auf der Onkologie und in
der Praxis, wo ich mich kürzere Zeit aufhielt, führte ich sehr ausführliche Gespräche
mit dem Personal. Dies war leicht möglich, weil dort in Arbeitspausen eine wesentlich
intimere Atmosphäre herrschte, da die jeweiligen Behandlungs- bzw. Praxisräume
geschlossen waren.
Zusätzlich zu diesen Gesprächen interviewte ich noch vier ÄrztInnen (je zwei Männer
und Frauen) der Klinik nach meiner Beobachtungszeit. Dies hatte den Vorteil, dass
27
die Interviews sehr fokussiert durchgeführt werden konnten und ich als Interviewer
schon über einige Vertrautheit mit dem Gesprächsthema verfügte. Die Interviews
folgten einem groben Leitfaden und wurden transkribiert. Die Transkription ist
wörtlich und berücksichtigt keine nicht-sprachlichen Äusserungen (wie Ein- und
Ausatmen, Räuspern etc.) sofern sie nicht essentiell für das Verständnis der Passage
sind. Weil nicht alle Interviewten deutscher Muttersprache sind, wurden fehlerhafte
Passagen in korrektes Deutsch übersetzt, sofern damit keine Sinnentstellung
einherging. Dies betrifft insbesondere falsche Deklinationen und Konjugationen
sowie falsche Personalpronomina. In den wenigen Fällen, wo die Fehler wichtig zum
Verständnis sind, habe ich erläuternde Anmerkungen angebracht. Ziel der Interviews
war es, erste Resultate den Interviewten zu präsentieren, um ihre Reaktionen darauf
zu hören und so meine Aussensicht mit einer Binnensicht zu vergleichen. Die
Auswertung der Interviews erfolgte parallel zum anderen Material und orientierte sich
an den dort gewählten Themenfeldern. Ich führte keine unabhängige Inhaltsanalyse
der Interviews durch.
2.4.
Die
Auswahl
der
Theorien
und
die
Auswahl
des
Untersuchungsfeldes
Die Theorien, die ich miteinander vergleiche, beziehen sich nur darauf, wer als
Akteur in sozialwissenschaftlichen Erzählungen auftauchen darf und welche
Eigenschaften diese Akteure besitzen. Sie sagen nichts über den spezifischen
Untersuchungsgegenstand aus. Es gibt zuwenig Literatur über Veterinärmedizin, aber
auch über den Umgang mit Tieren im Allgemeinen, um einen Vergleich aufgrund
schon vorliegender Literatur vollziehen zu können. Die Anamnese in der
Kleintiermedizin eignet sich jedoch aus verschiedenen Gründen, um die Theorien zu
überprüfen.
Erstens besetzen Säugetiere im Alltagsverstand eine hinreichend ambivalente Stelle,
so dass der Alltagsverstand nicht schon die eine oder andere Theorie zu favorisieren
scheint. Heimtiere im speziellen eignen sich deshalb, weil sie als domestizierte Tiere
einem kulturellen Einfluss der Menschen unterliegen, andererseits aber nicht zu
denjenigen Tieren gehören, die als am höchsten entwickelte gelten.
Zweitens ist der Untersuchungsgegenstand räumlich wie zeitlich relativ leicht
abgrenzbar. Alle Interaktionen finden im Untersuchungsraum statt. Der
28
Untersuchungsraum hat eine von mir überschaubare Grösse, so dass ich jeweils alles
erfassen kann, was in einer Untersuchung geschieht. Der Untersuchungsraum bleibt
während des ganzen Zeitraums meiner Forschung derselbe und damit stabil. Falls die
Handlungsfähigkeit an den Raum gekoppelt ist, in dem sie stattfindet, so ist dieser
zugänglich und kontrollierbar (vgl. Kap xx). Die Untersuchungen haben eine zeitliche
Ordnung, die ebenfalls relativ stabil ist und einen mir zugänglichen Zeitrahmen
umfasst, nämlich zwischen 15 und 30 Minuten. Falls der Akteursstatus an diese
zeitliche Ordnung gekoppelt ist, so ist diese ebenfalls untersuchbar (vgl. Kap.X).
Im folgenden werde ich die drei Theorien zuerst in ihrem Entstehungskontext
situieren, dann werde ich sie kurz umreissen und kritisieren. Am Schluss werde ich
sie tabellarisch nebeneinanderstellen.19 Die Theorien sind nicht so homogen, wie ich
sie hier präsentiere und die Ansichten der verschiedenen Theoretiker innerhalb eines
Stranges unterscheiden sich teilweise stark. Ich ordne die Theorien strikt nach den
Aussagen, die sie über die Handlungsfähigkeit von Entitäten20 machen und nicht nach
anderen Aussagen, die sie teilweise miteinander verbinden oder trennen. Dies gilt
insbesondere für die AmplifikationistInnen, die ich relativ gewaltsam unter einem
Label vereinige, mit dem Ziel ihre Mittelposition zuzuspitzen. Die Unterscheidung
der Theorien nach Handlungsfähigkeit führt zu folgender Aufteilung: Unter
Humankonstruktivsmus verstehe ich eine Position, die ein anspruchsvolles
Handlungskonzept erarbeitet und dies nur Menschen zuweist. Die zweite Gruppe, die
ich AmplifikationistInnen nenne, behalten das anspruchsvolle Handlungskonzept bei,
aber sie erweitern den Kreis der Entitäten, die handlungsfähig sind, auf Tiere. Die
dritte Gruppe schliesslich, die Akteur-Netzwerk TheoretikerInnen, erweitern den
Kreis der handlungsfähigen Entitäten auf alles mögliche, indem sie eine
Handlungskonzeption erarbeiten, bei der 'Handlung' vollkommen losgelöst von
Intentionalität, Kreativität oder Zweck-Mittel Relationen definiert wird.
Als Ausnahme muss dabei Donna Haraway erwähnt werden: Ich werde ihr ein
eigenes Unterkapitel widmen. Im Verlauf der Arbeit werde ich öfters auf sie
19
Die Tabelle eignet sich zur zwischenzeitlichen Ortsbestimmung und als Ergänzung zu den jeweiligen
Zusammenfassungen der verschieden Theorien. Siehe Seite XX.
29
zurückgreifen, ohne ihr eine definierte Position, vergleichbar mit den anderen
Theorien zuzuweisen. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass sie verschiedene Aspekte
der anderen Theorien in je unterschiedlichen Zusammenhängen vertritt. Insbesondere
mäandriert sie zwischen Amplifikationismus und Akteur-Netzwerk-Theorie, wobei
sie beide Positionen manchmal ineinander verschmilzt, manchmal gegeneinander
ausspielt. Haraway vertritt zweifellos den komplexesten, aber auch den am
schwierigsten umzusetzenden und inkohärentesten Ansatz.
Um eine Verbindung zur Veterinärmedizin herzustellen, möchte ich ein Beispiel
voranstellen, an dem ich nachher die drei Theorien abarbeiten werde. Daran lassen
sich auch die Fragen, die ich an die Theorien stelle, herausarbeiten.
Ein älterer, ruhiger Mann, vielleicht sechzig Jahre alt, betritt mit einem Dackel an
der Leine den Untersuchungsraum. Y., der behandelnde Arzt, begrüsst ihn und sagt,
er solle seinen Hund auf den Untersuchungstisch heben. Nachdem Y. die
Krankengeschichte aufgenommen hat, will er den Hund untersuchen. Bis anhin
hielt der Besitzer den Hund fest und streichelte ihn, nun lässt er ihn los, um Y. die
Untersuchung zu ermöglichen. Kaum beginnt Y. mit der Untersuchung springt der
Dackel hoch und schnappt nach Y. Y. spricht den Dackel an: "Ja, Schnäggli, komm
Schnäggli…". O., die anwesende Pflegerin, kommt, um den Dackel zu halten. Der
Dackel lässt sich aber kaum mehr berühren, er schnappt auch nach O.. Y. und O.
versuchen nun, sich langsam dem Hund anzunähern. Der Hund springt hoch und
beisst Y. in die Hand. Er blutet. Y. ist sichtlich entnervt und holt einen riesigen,
verstärkten Handschuh, der ihm bis zum Ellbogen reicht. Damit nähert er sich dem
Dackel. Der Dackel beisst in den Handschuh, ohne Y. dabei zu verletzen, aber Y.
ist zu unbeweglich mit dem Handschuh, so dass er den Dackel auch nicht fassen
kann. O. ist für kurze Zeit verschwunden und kommt mit einem Seil zurück. Sie
versucht sich von hinten dem Hund anzunähern und ihm das zur Schlinge
gebundene Seil ums Maul zu legen. Der Dackel bewegt sich aber bei jedem
Versuch zurück und schnappt nach O. Y. und O. sind sichtlich entnervt, sie werden
mutiger und unvorsichtiger. Y. wird ein zweites Mal gebissen. Er sagt: "Ich will ihn
nicht vergewaltigen" und zieht eine Spritze mit einem Sedierungsmittel auf, die er
geschickt in einer Überraschungsaktion dem Dackel in den Rücken injiziert. Dann
20
Ich verwende den Begriff 'Entität' nicht in einem strikt philosophischen Sinne. Ich verwende ihn in
der ganzen Arbeit als einen Überbegriff, um Dinge, Menschen und Tiere zusammenzufassen, ohne
30
macht er sich ein Betadine-Bad für seine blutende Hand und wartet bis sich der
Dackel beruhigt. Der Besitzer sass während der ganzen Szene in der Ecke auf
einem Drehhocker, den normalerweise die ÄrztInnen zur Untersuchung
gebrauchen. Er schwieg. Jetzt fragt er, sichtlich ungerührt, ob es oft solche
Patienten gäbe. Y. antwortet mit ironischem Unterton, dieser Patient sei eher
ungewöhnlich, da er nicht bloss schnappe, sondern richtig angreife. {78}
Das oben beschriebene Ereignis ist einigermassen spektakulär, und in seiner
Erzählform ziemlich plausibel. Aber wie ich zeigen werde, lässt sich die Geschichte
auch anders erzählen, mit ziemlich erstaunlichen Resultaten.
Wenn wir die Episode interpetieren wollen, so drängt sich eine erste Frage auf: Wer
ist darin Akteur? Daraus folgen weitere Fragen, die nach der Begründung für die
Zuweisung des Akteursstatus fragen: Wie wird jemand oder etwas zum Akteur? Ist
dies eine vorgängige Annahme oder handelt es sich dabei um einem situativen,
epistemologisch begründeten Befund? Welches sind die Kriterien, aufgrund derer für
oder gegen eine den Akteursstatus entschieden wird? Handelt es sich dabei um
Sprachfähigkeit oder Intentionalität, um Bewusstsein oder Personenstatus oder etwa
bloss um Verhalten? Welche Methoden gibt es, dies zu überprüfen und wird dies
überhaupt versucht? Und schliesslich: Welche rechtlichen, politischen und ethischen
Folgen haben die verschiedenenen Theorien?
ihnen damit irgendwelche spezifischen Eigenschaften zuzusprechen.
31
3. Die drei Theorien
3.1. Humankonstruktivismus21
3.1.1. Zur Geschichte des Humankonstruktivismus: Weshalb Tiere draussen
bleiben müssen
Unter Humankonstruktivismus verstehe ich eine Position, die behauptet, die soziale
Welt, d. h. die Welt, wie wir sie wahrnehmen, sei eine Hervorbringung von sozialen
Handlungen, die bestimmte Charakteristika aufweisen, so dass nur Menschen fähig
sind, diese Handlungen zu vollziehen. Die Eigenschaften der Welt existieren demnach
nicht ausserhalb ihrer Interpretationen/Gebrauchsweisen durch Menschen und jede
Erklärung der Eigenschaften darf nur auf diese Interpretationen zurückgreifen.
Üblicherweise wird heute von Sozialkonstruktivismus gesprochen. Es gibt immer
mehr Bücher, die im Titel die Worte führen: „die soziale Konstruktion von…“.22 Die
Konstruktionsbegriffe dieser Ansätze sind teilweise sehr unterschiedlich, aber die
meisten teilen ein Anliegen: Zu zeigen, dass die untersuchten Qualitäten der Welt
nicht „von Natur“ aus so sind, wie sie sind, sondern eben sozial produziert werden.
In die Welt gesetzt wurde die Idee der sozialen Konstruktion von Berger/Luckmann
Ende der 60er Jahre (Berger und Luckmann 1994). Um die Diskussion in dem hier
interessierenden Kontext zu verstehen, muss jedoch die Vorgeschichte betrachtet
werden.
Für die Vorgeschichte verknüpfe ich drei verschiedene Strömungen der
Sozialwissenschaften, die sich alle in einem Punkt treffen: Ihre Begründung als
Sozialwissenschaft funktioniert durch einen Abgrenzungsakt gegenüber den
Naturwissenschaften mittels einer Fokussierung auf spezifische Eigenschaften von
21
Der Begriff ist eine Erfindung von mir. Ich verwende ihn, um die erste Position von der zweiten
begrifflich sinnvoll abzugrenzen.
22
Für eine gute Übersicht und Kritik der Literatur siehe Hacking (1999).
32
Menschen.23 Die drei Strömungen sind erstens die Kulturanthropologie, wie sie von
Boas begründet wurde, zweitens die phänomenologische Soziologie, die ausgehend
von Schütz zum Sozialkonstruktivismus von Berger/Luckmann geführt hat, sowie
drittens die Position von Harry Collins im Speziellen, die sich aus der WittgensteinInterpretation von Peter Winch herleitet. Obwohl ich mich im weiteren auf die
Position von Harry Collins konzentriere, erläutere ich kurz die verschiedenen
Hintergrundstränge, da auch in den anderen beiden Theorien auf sie Bezug
genommen wird.
Wie Horigan in seinem Buch "Nature and Culture in Western Discourse“ (Horigan
1988) ausführt, mussten sich die Sozialwissenschaften (er diskutiert vor allem die
amerikanische 'cultural anthropology') bei ihrer Institutionalisierung Ende des 19.
Jahrhunderts gegen die Naturwissenschaften und insbesondere die Biologie
abgrenzen. Eine eigene Disziplin erforderte einen eigenen Gegenstand und solange
die menschliche Gesellschaft in der Terminologie der Evolutionstheorie beschrieben
wurde, konnte sich die cultural anthropology nicht als eigenständige Wissenschaft
behaupten. Also machte Boas 'Kultur' zum Schlüsselbegriff für die neue
Wissenschaft. 'Kultur' war das Partikulare, das sich nicht durch die Gesetze der
Evolution beschreiben liess, sie war nun nicht mehr ein Produkt rassischer
Zusammensetzung, wie es die Eugeniker noch behaupteten.
Sprache war die Haupteigenschaft des Menschen, die seine Kultürlichkeit ausmachte,
und die neue Wissenschaft hatte sich der Erforschung der sprachlich vermittelten
Welt zuzuwenden.
Damit wurde ein grosser Graben zwischen Natur und Kultur errichtet, den die
SozialwissenschaftlerInnen im Laufe des zwanzigsten Jahrhundert immer wieder
heroisch verteidigten.24 Die Errichtung von Disziplinengrenzen fiel mit der
Gegenstands- und Methodendiskussion zusammen. Natürlich entlehnten die
23
Man müsste einmal eine Geschichte der Sozialwissenschaften als eine Geschichte der Anlehnung
und Abgrenzung von den Naturwissenschaften schreiben. Naturwissenschaft taucht in fast jedem
sozialwissenschaftlichen Text entweder als Kontrastfolie oder Vorbild auf, um Methoden und Theorien
zu definieren. Ein schönes Fallbeispiel dazu ist Gieryns Studie über die Debatten des U.S. Kongresses,
in denen die Gemeinsamkeiten und Differenzen der Wissenschaften diskutiert wurden (Gieryn 1999).
24
Der neueste buchlange Versuch dazu ist Alan Wolfes „The Human Difference“ (1993). Sein TolstoiArgument, "other animal species may, like humans, make war and peace, but, unlike the human
species, they do not read and write War and Peace" bringt er gegen KI, Soziobiologie, Systemtheorien,
postmoderne 'alles-ist-Text-Theoretiker' sowie animal-rights Philosophen in Anschlag, die er alle des
'Anti-Humanismus' anklagt (Ebd., 110).
33
Sozialwissenschaften immer wieder Konzepte und Theorien aus der Biologie
(Maasen, Mendelsohn et al. 1995), aber der spezifische Gegenstandsbereich und die
spezifische Methodik wurde zumeist gegen die Naturwissenschaften errichtet. Dies
gilt insbesondere für die Kulturanthropologie und die interpretative Soziologie aus der
Berger und Luckmann hervorgingen.
Schon Schütz, der Berger/Luckmann massgeblich beeinflusste, unterschied die Naturvon den Sozialwissenschaften dadurch, dass die Naturwissenschaften ihre Ordnungen
über eine vollkommen ungeordnete Welt stülpen. Der Natur sind keine
"Relevanzstrukturen" immanent; die soziale Welt hingegen liegt in einer für alle ihre
Mitglieder vorgegliederten Art und Weise vor:
"Die Konstruktionen, die der Sozialwissenschaftler benutzt, sind daher sozusagen
Konstruktionen zweiten Grades: es sind Konstruktionen jener Konstruktionen, die im
Sozialfeld von den Handelnden gebildet werden, deren Verhalten der Wissenschaftler
beobachtet und in Übereinstimmung mit den Verfahrensregeln seiner Wissenschaft zu
erklären versucht. "(Schütz 1971, 7)
Bei Berger/ Luckmann heisst der Schlüsselbegriff dann “Weltoffenheit” (Berger und
Luckmann 1994, 50).25 Das zweite Hauptkapitel ihres Buches beginnt mit den
folgenden Sätzen: “Der Mensch hat eine eigenartige Stellung im Reich der Tiere. Im
Unterschied zu den anderen höheren Säugetieren hat er keine artspezifische Umwelt,
(…). In diesem Sinne leben alle nichtmenschlichen Lebewesen in geschlossenen
Welten, deren Strukturen durch die biologische Ausrüstung jeder Spezies im voraus
bestimmt ist. Im Gegensatz dazu ist die Umweltbeziehung des Menschen durch
‘Weltoffenheit’ charakterisiert. (…) So kann man zwar sagen: der Mensch hat eine
Natur. Treffender wäre jedoch: der Mensch macht seine Natur – oder, noch einfacher:
der Mensch produziert sich selbst.” (Ebd., 51ff.).
Auf dieser Grundlage bauen sie dann ihre Theorie der sozialen Konstruktion der
Wirklichkeit auf. Sie zeigen, dass die Institutionen, die wir im Alltag als gegeben
hinnehmen, nicht einfach da sind, sondern eben sozial konstruiert werden. Es ist die
menschliche Fähigkeit zu “Objektivationen”, d. h. zur Begreifbarmachung der Welt,
die die “Wirklichkeit der Alltagswelt” hervorbringt (Ebd., 37). Die Objektivationen
25
Diesen Begriff übernehmen sie von Plessner und Gehlen. Überhaupt entlehnen sie einen Grossteil
der Mensch/Tier-Diskussion der deutschen philosophischen Anthropologie.
34
bestehen vor allem aus Zeichen bzw. Zeichensystemen, von denen die Sprache das
machtvollste darstellt. Dadurch, dass Sprache kulturell tradiert wird, und wir sie als
Kind schon als vorgegebene lernen, wachsen wir in eine scheinbar objektiv gegebene
Welt hinein.
Berger und Luckmann wollten damit die “Wirklichkeit der Alltagswelt” erklären, aber
in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wurde ihr Konzept ausgeweitet auf die
Untersuchung der Wirklichkeit der Naturwissenschaften.
3.1.2. Regeln und Sozialfähigkeit; Wittgenstein und Collins
Die Variante des Konstruktivismus, die hier jedoch interessiert, bezieht sich nur
nebenher
auf
Berger/Luckmann.
Zentralere
Figuren
für
diese
Konstruktivismusvariante sind Wittgenstein, bzw. sein Interpret für die Soziologie –
Peter Winch.
Ausgehend von den Untersuchungen in der Folge von Berger/Luckmann gelangten
auch die Naturwissenschaften als Untersuchungsgegenstand in den Blick der
Konstruktivisten. Die Naturwissenschaften, so die Erklärung 'mechanistischer'
Philosophien, würden ein getreues Abbild der Natur produzieren, weil ihre Methoden
einen direkten Zugang zu den Regelmässigkeiten der Natur gewährleisten. Der
Forscher selbst ist in dieser Sicht nichts anderes als eine Maschine, die Daten
aufzeichnet.
Harry Collins gehörte Mitte der siebziger Jahre zu einer Gruppe von
WissenschaftsforscherInnen, die mit Bezug auf Wittgenstein diese Idee von
Wissenschaft kritisierten. Als Grundlage der Kritik diente das Beispiel 'Regelfolgen'.
Eine Regel lässt sich nach Winch nur aufgrund eines kulturellen Kontextes verstehen.
Wer "2, 4, 6, 8" weiterschreiben soll, schreibt "10, 12, 14, …". Aber weshalb? Unsere
Testperson könnte auch "2, 4, 6, 8, 2, ,4, 6, 8, ... " weiterschreiben und würde dabei
genauso einer Regel folgen. Man könnte nun eine weitere Regel formulieren, die den
Gebrauch der ersten Regel erläutert. Aber diese Regel wäre genau gleich
missinterpretierbar, und so weiter ad. lib. Was folgt daraus? Erstens lassen sich
Regeln keine Regeln zu ihrer eigenen Anwendung entnehmen. Zweitens ist es in
einem offenen System unmöglich einen ausreichend präzisen Algorithmus zu finden,
der alle möglichen Abweichungen des Regelgebrauchs aussschliessen würde. Drittens
35
schliesslich, braucht es etwas anderes, das erklärt, weshalb jemand dennoch einer
Regel folgen kann. Um zu erklären, weshalb man "2, 4, 6, 8, 10, 12, ..." schreiben soll
(und weshalb die meisten Testpersonen es können), muss man Rekurs nehmen auf
Schulerfahrung, auf die Entwicklung der Arithmetik und ihre Funktion in unserer
Mathematik etc., das heisst auf soziale und kulturelle Faktoren.26
Dieses Beispiel lässt sich nun auf die Wissenschaft übertragen. Woher weiss eine
Wissenschaftlerin, dass in der Natur eine Regelmässigkeit vorliegt? Weil die Regel in
der Natur ist? Eben nicht, weil wir noch so viele empirische Daten haben können und
nie wissen, welche Strukturen ihnen zugrunde liegen. Die Methoden und technischen
Geräte, die die Daten und Theorien produzieren, erfordern "skills", um sie zu bauen,
anzuwenden und abzulesen (Collins, Vries et al. 1997).
Ursprünglich
war
das
Argument
also
gegen
eine
mechanistische
Wissenschaftsphilosophie gerichtet. Seit 1990 argumentiert Collins damit gegen
überrissene Versuche der künstlichen Intelligenzforschung, Maschinen als intelligent
bzw. handlungsfähig darzustellen und insbesondere gegen Akteur-NetzwerkTheorien. Er verfolgt damit das Ziel, die Soziologie frei von nicht-menschlichen
Akteuren zu halten:
"I believe that the stuff of sociology is the exploration of the consequences of
whatever it is that allows there to be the kind of variation between groups of human
beings that is not found between groups of horses, cats, and dogs." (Collins 1998,
495. Kursiv im Original) Das "whatever it is" ist "entities that can follow rules within
a form of life" (Collins 1998, 495). Dafür prägt er einen Begriff: "Socialness", den er
folgendermassen definiert: " ... the capacity to attain fluency in one or more cultures"
(Collins 1998, 497).
Sozialfähigkeit27 ist nach Collins an eine Spezies gebunden. Dieser Schritt ist
notwendig in Collins Konzeption, denn seine Definition von "entities that can follow
rules" würde es eigentlich nahelegen, für jede Entität einen Sozialfähigkeitstest
26
Die Argumente finden sich in Collins (1990, 30 ff., 1992, 5 ff.), Winch (1966, 36 ff. ), sowie
Wittgenstein (1996, 106 ff.). Dies ist eine 'skeptische' oder 'soziologische' Wittgenstein-Interpretation,
weil sie behauptet, eine Makrostruktur wie Kultur würde gewährleisten, dass Regeln korrekt
interpretiert würden. Dagegen stehen ethnomethodologische, anti-skeptische oder kognitivistische
Positionen, die Regeln als ununterscheidbar von ihrem Gebrauch auffassen, oder wie in der
kognitivistischen Interpretation, psychologische Strukturen als Gewährleistung für das Regelfolgen
verantwortlich machen. Für die entsprechende Diskussion innerhalb der Wissenschaftsforschung siehe
Lynch (1992) und Bloor (1992).
36
durchzuführen. Nur: Sozialfähigkeit würde so höchstwahrscheinlich nicht auf
Menschen beschränkt bleiben, was Collins auch einsieht. Collins greift deshalb zu
einem Trick. Er gibt zu, dass die Grenze zwischen Sozialfähigkeit und
Nichtsozialfähigkeit schwer zu ziehen ist. Er vergleicht die Situation mit der Grenze
zwischen einem Feld und einem Teich: Wir können nicht genau sagen, wo das Feld
aufhört und wo der Teich beginnt; dennoch kann niemand in einem Feld ertrinken.
Analog dazu wissen wir nicht genau, wo wir die Grenze zwischen sozialfähig und
nicht-sozialfähig ziehen müssen, aber es gibt eine. Unter diesem Handlungsdruck
entscheidet sich Collins für eine harte Variante: Die Grenze muss zwischen Spezies
verlaufen und nicht zwischen Individuen und deshalb verläuft sie zwischen Tier und
Mensch; allenfalls Delphine dürfen die Seite wechseln. Weshalb sie zwischen Spezies
verlaufen muss, erläutert Collins nicht, aber er versichert uns, dass Sozialfähigkeit
vererbt ist.
Bis zu diesem Punkt ist die Argumentation ontologisch. Ironischerweise war es
gerade die Wissenschaftsforschung, unter anderem angetrieben durch Collins, die der
Ontologie den Garaus gemacht hat, indem sie gezeigt hat, dass Ontologien Betriebsund Produktionsbestimmungen unterliegen. Ontologien haben einen Zweck, und sie
sind nur durch epistemologische Verfahren aufrechtzuerhalten bzw. werden von ihnen
erst ermöglicht.28
Weil Ontologien Betriebsbestimmungen unterliegen, muss Collins einen Test
anbieten, der seine Unterscheidung bestätigen soll. Und hier kommt er in die
Hexenküche: Wie finden wir heraus, ob eine Einheit Sozialfähigkeit zeigt, oder nicht?
Indem wir überprüfen, ob sie Regeln folgen kann innerhalb einer Kultur! Um das zu
überprüfen, müssen wir diese Kultur aber selbst verstehen.29 In Collins Worten:
"...one cannot know whether something has socialness until one sees it demonstrate
social fluency, and one cannot recognize social fluency unless it is exhibited in a
social language in which one is fluent oneself." Aus dem Test, ob etwas
Sozialfähigkeit zeigt, wird ein Test, ob es Mitglied einer Kultur ist, die wir verstehen.
27
Im folgenden übersetze ich "socialness" mit "Sozialfähigkeit".
Siehe dazu Knorr Cetina (1993).
29
Dazu muss man weder ein Kulturkonzept vertreten, das Kultur als Käfig konzipiert, in dem
Menschen gefangen sind, so dass sie andere Kulturen unmöglich verstehen können, noch müssen
Kulturen dazu eindeutig unterscheidbare Einheiten sein.
28
37
Wir überprüfen nicht mehr, ob eine Einheit eine bestimmte Eigenschaft hat, sondern
ob sie wie wir ist.
Collins Beispiele zeigen das Problem deutlich:
Erstes Beispiel: Wenn man einem englischen Hund paté de foie gras verfüttert, so
schmeckt er dasselbe wie ein französischer Hund und es wird auch kein Hund paté de
foie gras verweigern, weil er Vegetarier ist.
Zweites Beispiel: Hunde können keine Zimmer putzen, weil sie die Unterschiede
zwischen sauber und dreckig, wertvoll und wertlos etc. nicht kennen. Das heisst, sie
kennen unsere Kategorisierung der Welt nicht: "What the dog lacks is fluency in the
relevant social language. I think it lacks this fluency because it lacks the potential to
gain it – it lacks socialness." (Collins 1998, 498) Dagegen lassen sich aber vier
verschiedene Formen von Gegenargumenten anführen:
Erstens funktioniert diese Form von Test mit Menschen aus anderen Kulturen auch
nicht: Ein !Kung Mann kann mein Zimmer nicht aufräumen, ja nicht einmal mein
Mitbewohner kann es, auch ihm fehlt das Wissen zu unterscheiden, was für mich
Dreck ist und was nicht.
Zweitens können wir nicht wissen, ob ein französischer Hund etwas anderes schmeckt
als ein englischer, weil wir ihn nicht fragen können.Wobei wir schon von der
Voraussetzung ausgehen müssen, dass Collins mit Geschmack nicht
neurophysikalische Reize meint, sondern subjektive Eindrücke.
Drittens mag er vielleicht keine paté de fois gras aus einem Grund, den wir uns nicht
einmal vorstellen können, der aber genauso 'kulturell' ist, wie Collins' Vegetariertum.
Viertens und letztens ist unklar, welche Differenzierung der Ebene 'Kultur' bei Tieren
entsprechen sollte: Verhalten sich englische Dobermänner zu französischen
Dobermännern wie Franzosen zu Engländern? Oder verhalten sich Dobermänner zu
Bernhardiner Sennenhunden wie Engländer zu Franzosen? Oder wie, um in die
Untiefen von Rassentypologien herabzusteigen, Afroamerikaner zu Eurasiern?
Die Parallelisierung von tierischer Rasse und menschlicher Rasse beleuchtet auch das
Verhältnis von Biologie und Sozialwissenschaften bei HumankonstruktivistInnen.30
Die Frage der Entstehung von Sozialfähigkeit muss dazu stets vor der Tür bleiben.
Wenn Collins versichert, Sozialfähigkeit sei Spezies-spezifisch und damit genetisch
30
Ich diskutiere dies ausführlicher im Kapitel 5.2 über „Rasse und Erziehung“.
38
bedingt, begibt er sich in grössere Schwierigkeiten. Um dies zu beweisen, muss er
evolutionstheoretische Argumente zu Hilfe nehmen, und im Moment sieht es nicht so
aus, als würden diese unbedingt für ihn sprechen. Ausserdem ist gerade die
Geschichte der Evolutionstheorie selbst voll von Abgrenzungskämpfen um die
Mensch-Tier Unterscheidung, die eng an die jeweiligen historischen Umstände
geknüpft sind. (Latour und Strum 1986, Haraway 1989, Sheehan und Sosna 1991,
Gould 1995).
Wenn Collins von Kultur spricht, dann meint er etwas Festes und Gegebenes. Da
seine Theorie in Bezug auf Sozialfähigkeit eindeutig ontologisch verfährt, existiert
auch keine Sozial- oder Kulturgeschichte von Sozialfähigkeit (obwohl nach der
konstruktivistischen Doktrin "socialness" vor Collins gar nicht existierte).31
Es ist auffallend, dass Collins ein wichtiges Argument vieler 'animal rights'TheoretikerInnen und FeministInnen überhaupt nicht zur Kenntnis nimmt: Wem
Personenstatus, Handlungsfähigkeit oder Sozialfähigkeit zugestanden wird, so meinen
diese, ist einer andauernden Erweiterung unterworfen.32 Ursprünglich waren diese
Konzepte beschränkt auf weisse bürgerliche Männer und erst eine
Inklusionsgeschichte von mehr als 300 Jahren führte dazu, dass zuerst alle weissen
Männer, dann Frauen und Kinder, Nicht-Weisse und schliesslich Tiere und Natur
dazuzählten.33
Die Nichtberücksichtigung dieses Arguments ist weniger Absicht als eine Folge von
Collins wissenschaftstheoretischer Position, die er gegen ANT und Reflexivisten wie
Woolgar erarbeitet (Collins und Yearley 1992a, 301-310). Dabei geht es ihm vor
allem darum, Wissenschaftsforschung als ein Instrument zu gebrauchen um
Wissenschaft zu entzaubern und so prosaisch erscheinen zu lassen, wie sie tatsächlich
ist. Dazu muss aber das Betreiben der Wissenschaft als eine soziale Tätigkeit
31
Hier entsteht ein doppeltes Problem, denn Collins hält am Unterschied zwischen 'natural kinds' und
'social kinds' fest. Die Unterscheidung bezieht sich darauf, welche Dinge in der Welt bestehen bleiben,
wenn man den Anteil ihrer sozialen Konstruiertheit entfernt. 'Berg' ist ein natürliches Ding, denn wenn
man alles Soziale vom Berg abzieht, bleibt immer noch ein Haufen Gestein übrig, von dem man sich
runterstürzen kann, während zum Beispiel Geld aufhört Geld zu sein, sobald wir es nicht mehr als Geld
behandeln (Collins und Kusch 1998, 13). Die Unterscheidung ist aber gerade im Licht der
Wissenschaftsforschung betrachtet sehr problematisch, denn es geht ja nach Collins gerade darum, zu
untersuchen, wie Dinge ihre 'natürlichen' Eigenschaften erhalten.
"socialness" stellt nun ohne Zweifel ein soziales Ding und kein natürliches Ding dar, was soviel
bedeutet, wie dass es nur existiert, wenn es sozial institutionalisiert wird.
32
Klassischerweise ausgeführt in Singer (1996).
33
Dieses Argument wird im nächsten Kapitel ausführlicher betrachtet.
39
dargestellt werden, die realistisch beschrieben werden kann. Dieser 'soziale
Realismus' ist dem 'natürlichen Realismus' der NaturwissenschafterInnen und
EpistemiologInnen genau entgegengestellt.34 Denn im 'natürlichen Realismus' sind es
die wahren Qualitäten der Dinge, die sich der Wissenschaftlerin aufdrängen; im
sozialen Realismus sind es hingegen die WissenschaftlerInnen, die Dinge mit
Qualitäten belegen. Der 'soziale Realismus' ist damit vor allem ein Instrument, um der
Wissenschaft ihre behauptete Eigendynamik zu nehmen und diese politischer
Verantwortlichkeit zu öffnen. Denn wenn die Dinge ihre Eigenschaften von den
WissenschaftlerInnen erhalten und nicht umgekehrt, und wenn alles was
WissenschaftlerInnen tun, soziale Handlungen sind, so liegt hier ein Angriffspunkt für
Wissenschaftspolitik.
3.1.2. Polimorphes und mimeomorphes Handeln: Unterscheidungen sind
immer besser
Um die strikte Trennung zwischen Natur/Kultur bzw. Verhalten/Handeln ein bisschen
zu entschärfen, entwickelt Collins Handlungsbegriffe, die seiner Meinung nach quer
zu den Begriffen von Handeln versus Verhalten laufen. Diese Begriffe sind poli- und
mimeomorphes Handeln (Collins und Kusch 1998).35
Mimeomorphes Handeln ist imitierendes Handeln, und nach Collins können sowohl
Menschen als auch Computer und Tiere mimeomorph handeln. Im Falle von
menschlich-mimeomorphem Handeln können auch Intentionen mit im Spiel sein. Der
entscheidende Unterschied liegt darin, dass mimeomorphes Handeln mit Regeln
ausreichend beschrieben werden kann, während polimorphes Handeln die Kreativität
des Handelnden voraussetzt, d. h. die Fähigkeit Neues hervorzubringen und
Überraschendes zu tun. Obwohl Collins die Verbindung von Methodik und der
Unterscheidung mimeomorphes vs. polimorphes Handeln nicht diskutiert,
interpretiere ich ihn so, dass mimeomorphes Handeln (das ja auch menschliches
34
Collins behauptet nicht, der 'natürliche Realismus' sei falsch. Für die NaturwissenschaftlerInnen ist
der 'natürliche Realismus' eine unabdingbare Vorannahme, um überhaupt arbeiten zu können. Nur der
Rest der Welt (sociologists, historians, scientists away from the bench, and the rest of the general
public) sollte diesen Realismus auf keinen Fall teilen (Collins und Yearley 1992a, 308). Man beachte
die aufgezählten Gruppen und ihre Reihenfolge.
35
Bei "poli" handelt es sich nicht um einen Druckfehler. Collins will neben dem Wortstamm poly(grch. viel) auch polis (grch. Stadtstaat) mitklingen lassen.
40
Handeln sein kann) auch ohne verstehende Soziologie ausreichend beschrieben
werden kann (da es ebensogut auch von Robotern gelistet werden kann). Polimorphes
Handeln hingegen kann nur mittels einer verstehenden Soziologie ausreichend
beschrieben werden. Diese Interpretation bringt Collins jedoch in ein Dilemma:
Würde ich eine Beschreibung von Fabrikarbeit machen, die nächsten Monat durch
Roboter ersetzt wird, so wäre die Beschreibung kaum soziologisch zu nennen, da ich
die Arbeit ausreichend beschreiben könnte, wenn ich den mimeomorphen Anteil der
Arbeit beschreibe.
Auf jeden Fall gilt: Menschen zeichnen sich durch polimorphes Handeln aus, und
wenn ich dies adäquat beschreiben will, muss ich zu den Methoden der verstehenden
Soziologie greifen. Alle Beschreibungsversuche, so Collins, die auf einer
reduktionistischeren Ebene funktionieren, sind nicht sozialwissenschaftlich.
3.1.3. Zusammenfassung
Collins Humankonstruktivismus baut auf zwei Grundlagen auf: Die
Sozialwissenschaften haben einen eigenen, spezifischen Gegenstand, nämlich
polimorphe Handlungen, die von sozialfähigen Entitäten, den Menschen, ausgeführt
werden und eine eigene Methode, die verstehende Soziologie. Wittgenstein ist der
Angelpunkt für die Theorien, denn sein Problem des Regelfolgens lässt sich auf
Beobachter wie Beobachtete beziehen. Damit schliesst Collins bewusst alle
nichtmenschlichen Entitäten aus. Sie sind weder Untersuchungsgegenstand der
Sozialwissenschaft, noch können sie in einem sozialwissenschaftlichen Idiom
beschrieben werden. Alle Anzeichen, die auf polimorphe Handlungen von nichtmenschlichen Entitäten hinweisen, sind Fehlzuschreibungen. Sie sind entweder
Projektionen solcher Eigenschaften oder in die Entität hineinverlegt worden.
Im Falle von Tieren heisst dies, dass ich über Tiere keine Aussagen machen kann, da
sie nicht in einem sozialwissenschaftlichen Idiom beschrieben werden können. Alle
Aussagen, die ich über Tiere mache, müssen in dem zuständigen Fachidiom gemacht
werden, sofern sie als wissenschaftliche Aussagen Gültigkeit beanspruchen wollen.
Eine Beschreibung der Interaktion zwischen Tieren, BesitzerInnen und
VeterinärmedizinerInnen würde die Tiere ignorieren und alle Eigenschaften von
Tieren nur als Zuschreibungen, die von Menschen gemacht werden, berücksichtigen.
41
Alle 'Handlungen' der Tiere, die per Definition nur mimeomorphe sein können,
blieben unberücksichtigt.
3.2. Amplifikationismus36
AmplifikationistInnen
teilen
die
theoretischen
Grundannahmen
der
HumankonstruktivistInnen, aber sie erweitern den Kreis der sozialfähigen Entitäten
um Tiere oder zumindest um einen Teil der Tiere.
Sie verschieben jedoch den Schwerpunkt der Argumentation von der Fähigkeit,
Regeln zu folgen zur Interaktionsfähigkeit. Eine Folge der Verschiebung ist die
Konzentration auf Mensch-Tier Interaktionen anstatt Tier-Tier bzw. Mensch-Mensch
Interaktionen.
AmplifikationistInnen, als deren VertreterInnen im folgenden Clinton Sanders,
Arnold Arluke, Barbara Noske, Janet und Steven Alger und Kenneth Shapiro
vorgestellt werden, vertreten den Standpunkt, dass Tiere Aufnahme in
sozialwissenschaftliche Betrachtungen finden sollten, weil sie interaktionsfähig sind.
Interaktionsfähigkeit wird in Abhängigkeit zum Menschen definiert und vom Willen
zur Interaktion abhängig gemacht.
Im folgenden versuche ich die verschiedenen amplifikationistischen Argumente zu
bündeln, aber ich muss vorausschicken, dass die Argumentationen keineswegs
kohärent oder theoretisch ausgearbeitet sind. AmplifikationistInnen argumentieren
gegen den Commonsense der Sozialwissenschaften und weniger für eine spezifische,
ausgearbeitete Theorie. Deswegen schöpfen ihre Argumente die Kraft vor allem aus
ihrer Abgrenzung gegenüber etablierten sozialwissenschaftlichen Theorien. Ich werde
im folgenden zuerst einen Verschnitt von Argumentationen präsentieren, die man
gegen Collins verwenden kann, um dann die Theorie von Shapiro als eine mögliche
Ausarbeitung einer Interaktionstheorie mit Tieren zu diskutieren.
Zwei Dinge sollen vorneweg im Auge behalten werden:
Erstens: Der Hintergrund von Collins Argumentation bildete die Frage, wie eine
spezifische, kulturelle Wirklichkeit definiert und verstanden werden kann. Der
Ausgangspunkt dazu bildete die Frage, wie (Natur-)wissenschaft ein Wissen der Welt
42
generiert und welches Verhältnis dieses Wissen zur Welt hat. Amplifikationisten
hingegen sind nicht an wissenschaftstheoretischen Fragestellungen interessiert. Ihnen
geht es darum, Tiere um der Tiere Willen in den Sozialwissenschaften hoffähig zu
machen. Collins verbannt Tiere aus der Sozialwissenschaft, und zwar nicht, weil er
gerade Tiere vor der Türe haben will, sondern weil die Verbannung der Tiere eine
Konsequenz seiner konstruktivistischen Argumentation darstellt.
Zweitens: Collins ging es in Übereinstimmung mit dem ethnologischen
Grundproblem der Magie darum, als Aussenstehender eine fremde Gesellschaft zu
verstehen (Kippenberg und Luchesi 1995). Dabei liegt alles Gewicht auf dem
Verstehensbegriff. Denn Verstehen bedeutet für Collins, herauszufinden, was ein
Gesellschaftsmitglied selbst von seiner Gesellschaft versteht, und nicht, was die
Ethnologin als Aussenstehende versteht. Das Problem liegt nun weniger in der Frage
begründet, ob dies überhaupt möglich sei, sondern in der Verschiebung des Fokus bei
den
Amplifikationisten.
Für
AmplifikationistInnen
geht
es
um
Interaktionsmöglichkeiten, und wie diese mit einem Verstehensbegriff von Collins
zusammenhängen ist unklar, denn Interaktionspartner sind per Definitionem 'innen',
das heisst sie beobachten nicht bloss, sondern nehmen an Interaktionen teil.
3.2.1.
Die Mitberücksichtigung von Tieren in sozialwissenschaftlichen
Theorien
Am Anfang aller amplifikationistischen Bemühungen steht Tierliebe. Oder negativ
ausgedrückt: Unzufriedenheit mit der Vertreibung der Tiere aus dem Reich
sozialwissenschaftlicher Theorien. Die Tiere sollen mitberücksichtigt werden, da sie
auch in westlichen Gesellschaften wichtige Bestandteile der Gesellschaft darstellen.
Sie sollen jedoch nicht, wie dies zum Beispiel die Technikforschung für die Technik
36
Wiederum eine Begriffsschöpfung von mir. Ich habe den Begriff gewählt, um die Ausweitung des
Gegenstandsbereichs der Sozialwissenschaften kenntlich zu machen
43
fordert, als blosse Untersuchungsobjekte berücksichtigt werden, sondern als
Interaktionspartner.37
Noske, die diese Position am eindringlichsten vertritt, argumentiert, dass
sozialwissenschaftliche Konstruktionen jedem Commonsense widersprechen würden
und dass dieser Commonsense wissenschaftlich wieder rehabilitiert werden müsse:38
"Contrary to current notions about humans and animals I never once felt myself to
be a superior human subject dealing with an inferior and passive animal object: My
experiences with animals were of a personal inter-subjective nature and seem
strangely incompatible with the ideas about humans and animals that were later
conveyed to me (Sie beschreibt Kindheitserfahrungen). Had I been all wrong about
animals, had I only projected my own romantic notions onto animals and onto my
relationships with them? Yet I remember distinctly that animals and I not only were
having a relationship from my point of view but also from the point of view of the
animals themselves." (Noske 1989, vii)
Wenn Noske recht haben soll, so muss die Theorie der Interaktion umgeschrieben
werden. Prinzipiell gibt es dazu zwei Möglichkeiten: Entweder man erweitert den
Interaktionsbegriff so, dass auch Tiere darunter fallen (wobei die Voraussetzung, dass
Tiere im Vergleich zum Menschen defizitär sind, bestehen bleibt), oder man zeigt,
dass Tiere nicht defizitär sind, so dass der Interaktionsbegriff unverändert bleibt und
trotzdem auf Tiere angewendet werden kann. Die meisten vertreten eine
37
Siehe dazu Rammert (1998). Grundsätzlich wären Berücksichtigung als Untersuchungsobjekt und
Berücksichtigung als Interaktionspartner voneinander unabhängig, aber wie man im nächsten Kapitel
sehen kann, fällt sowohl im Falle der Technik, wie auch im Falle der Tiere eine verstärkte
Berücksichtigung als Untersuchungsobjekt zusammen mit einer Aufwertung des Interaktionsstatus.
Dahinter liegt das Problem verborgen, dass sich SozialwissenschaftlerInnen kein geeignetes
Instrumentarium zuweisen, um Objekte anders als Akteure oder Interaktionspartner zu thematisieren.
Hier liesse sich auch eine Binnendifferenzierung von Geschichte versus Soziologie, Ethnologie und
Volkskunde anführen, denn eine Technikgeschichte liess sich schon immer als eine Geschichte
technischer Objekte schreiben, während es unmöglich schien, eine Soziologie der Objekte zu
schreiben. Die Geschichte ging deshalb den Weg von einer Geschichte der technischen Objekte zu
einer Geschichte des Umgangs mit oder der Produktion von technischen Objekten, während die
Soziologie/Ethnologie/Volkskunde den umgekehrten Weg beschritten. Bernward Joerges nennt dies
das "Tom-Hughes-Paradox der Techniksoziologie" (Joerges 1996, 233). Den SoziologInnen gilt
Hughes als Garant für die Thematisierung des Technischen im Sozialen, obwohl Hughes gerade
derjenige war, der das Soziale im Technischen der Geschichtswissenschaft zugänglich machte.
38
Dies scheint meiner Behauptung zu widersprechen, es gäbe einen sozialwissenschaftlichen
Commonsense, der das Gegenteil behaupte. Es macht wohl Sinn, hier von Commonsense als kulturell
gebunden zu reden und sozialwissenschaftliches Denken als eine Kultur zu verstehen, die neben und
zugleich in der westlichen Kultur situiert ist. Die ganze Problematik hängt genau an diesen
Unterscheidungen. Ich vermute, dass sogar Collins beide Commonsenses teilt. Als
Sozialwissenschaftler ist man hier an einem Punkt angelangt, an dem sich Commonsense-Denken und
sozialwissenschaftlicher Commonsense widersprechen, ohne dass dies reflektiert würde.
44
Doppelstrategie, die beide Argumente gleichzeitig verfolgt, wobei versucht wird,
Tiere nicht als defizitär sondern als 'anders' zu definieren.
Ich beginne mit dem zweiten Aspekt.
3.2.2. Was Tiere alles können
AmplifikationistInnen stützen sich häufig auf neuere Untersuchungen der
sogenannten kognitiven Ethologie und der Primatologie, um zu zeigen, dass die
interaktionistischen, kognitiven, sprachlichen und sozialen Fähigkeiten der Tiere
wesentlich besser ausgebildet sind, als bislang von Menschen angenommen.39
Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch Sprachgebrauch, sagen die
Philosophen. Nein antworten die PrimatologInnen: Man kann Schimpansen die
American Sign Language, eine Taubstummensprache, beibringen und sie können
sogar selbst neue Ausdrücke kreieren. Andere fügen bei: Es gibt ausdifferenzierte
Kommunikationsmittel, die nicht lautsprachlich funktionieren, die wir ebenfalls
Sprache nennen sollten, z. B. bei Delphinen und Walen. Technikbegeisterte
behaupten: Der Mensch ist ein 'Homo Faber', er alleine entwickelt Technologien, um
sich seine Umwelt gefügig zu machen. Nein: Primaten gebrauchen Werkzeug um zu
ihrem Essen zu gelangen, antworten die PrimatologInnen. Nur der Mensch ist fähig
zur Selbstreflexion, sagen die PhilosophInnen. Er allein kann von sich selbst, als
einem 'ich' denken und über dieses 'ich ' nachdenken. Woher könnt ihr dies Wissen?,
antworten die kognitiven EthologInnen und die PrimatologInnen fügen an: Gorillas
können sich im Spiegel erkennen. Nur der Mensch kann intentional handeln, sagen
die PhilosophInnen. Er kann sich ein Ziel setzen und es zu erreichen versuchen, die
Tiere handeln nach ihrem Instinkt. Nein, antworten die kognitiven EthologInnen: Fast
alle Tiere können sich Ziele setzen und sie erreichen. Nur der Mensch gründet einen
Staat und gibt sich selbst damit eine gesellschaftliche Organisationsform, sagen die
StaatstheoretikerInnen. Nein, antworten einmal mehr die EthologInnen: Tiere sind
45
ebenso fähig, Statuspositionen in ihren eigenen Gesellschaften auszuhandeln und
Sanktionen zu ihrer Durchsetzung zu etablieren. Nur der Mensch verfügt über Kultur,
sagen die SozialwissenschafterInnen, nur er unterscheidet sich durch verschiedene
Bräuche und Riten, die nicht durch genetische Vererbung weitergegeben werden
innerhalb seiner Spezies. Nein, antworten die PrimatologInnen, und zeichnen Karten,
auf denen regional unterschiedliche Schimpansenkulturen eingezeichnet sind.
Ich will hier nicht zu tief in die Untiefen dieser Diskussion eintauchen, die schon jetzt
ganze Bibliotheken füllt, sondern nur zwei Punkte beleuchten: In einem ersten Schritt
widme ich mich der Frage, inwiefern die Tatsache, dass Tiere untereinander
möglicherweise interagieren, notwendig ist, um daraus Mensch-Tier Interaktionen
möglich zum machen. Dann wende ich mich dem Problem des Anthropomorphismus
zu.
Sie und wir, oder: If lions could speak
Nehmen wir den Fall der Sprache: Abgesehen vom Fall Washoe, einem Schimpansen
der ASL lernte, können wir davon ausgehen, dass es keine Tiere gibt, die auch nur
ansatzweise eine menschliche Sprache sprechen
40
. Was bedeutet das? Der Fall
Washoe zeigt, dass Sprachfähigkeit nicht d a s Kriterium zur Mensch-Tier
Unterscheidung ist, wie man uns glauben machen wollte. Aber weshalb sollte ein Affe
gerade eine menschliche Sprache sprechen? Es ist anzunehmen, dass Tiere
hochdifferenzierte Kommunikationsmöglichkeiten besitzen, um sich zu verständigen.
Wenn dem so ist, dann bestünde das Problem eher darin, dass die Menschen unfähig
sind, diese Sprache zu verstehen. Und die Tatsache, dass wir sie nicht verstehen, darf
kaum als Kriterium dazu dienen, ihnen die Sprachfähigkeit abzusprechen.
39
Die Literatur dazu ist immens, ich kann sie hier nicht referieren. Einen sehr guten und kurzen Abriss
aus philosophischer Perspektive bietet das Kapitel "Mensch und Tier" in Böhme (1985). Aus
philosophischer Perspektive zu beachten ist ausserdem Midgley (1978). Die primatologische
Forschung wird ausführlich diskutiert in Haraway (1989). Als Einstieg in die kognitive Ethologie
eignen sich Bekoff (1996), Griffin (1992) und Mitchell (1997). Insbesondere im Sammelband von
Mitchell werden kapitelweise Intentionalität, Bewusstsein, Kognition und Sprachfähigkeit kontrovers
diskutiert. Die aufsehenerregende Arbeit zu den verschiedenen Kulturen der Schimpansen stammt von
Whiten et al. (1999). Siehe dazu auch den Kommentar von de Waal (1999).
40
Der Originalartikel über Washoe ist Gardner (1969). Eine gute Kontextualisierung der
Sprachexperimente findet sich in Haraway (1989, 140 ff.). Wokler zeigt, dass die Theorien über
Sprachfähigkeit von Primaten während der Aufklärung mit viel mehr Sophistication als heute diskutiert
wurden (Wokler 1995).
46
Aus einer grossen Unterscheidung wird ein praktisches und ethisches Problem, das
wiederum demjenigen der Ethnologie gleicht. Tiere sind 'die Anderen' und zwar die
radikal Anderen. Im Gegensatz zur Ethnologie, die es immerhin geschafft hat, fremde
Sprachen zu lernen und so zumindest ansatzweise die Andern zu verstehen, sind wir
bei Tieren weit davon entfernt. Im Falle der Ethnologie führte dies zu einer
Entkolonialisierung der Haltung, die 'wir' den 'Anderen' entgegenbringen und zur
Konstruktion eines globalen 'wir'. Kulturrelativismus, die Anerkennung des Andern,
der ja das Resultat dieses Prozesses ist, ist nur möglich, wenn wir überhaupt Kenntnis
der Unterschiedlichkeit von Kulturen haben. Der Kulturrelativismus kann erst dann
entstehen, wenn wir akzeptiert haben, dass der Andere, zumindest prinzipiell, ähnlich
ist wie wir. Erst wenn wir akzeptiert haben, dass die Anderen gleich sind, können wir
sehen, inwiefern sie verschieden sind. Hier ist zu bemerken, dass 'gleich' sich im
vorhergehenden Satz auf die Biologie und 'verschieden' auf die Kultur bezog. Die
Ethnologie konnte durchsetzen, dass Kultur als etwas Wandelbares, Biologie als
etwas Stabiles verstanden wurde. Die Menschen unterscheiden sich demnach
untereinander durch instabile kulturelle Grenzen, von den Tieren hingegen durch
stabile biologische Grenzen. Der momentane Stand der Diskussion ist insofern
vergleichbar mit dem Stand der cultural anthropology vor Boas, als der grosse Graben
zwischen den 'Primitiven' und den 'Zivilisierten' als ein biologischer Graben
angesehen wurde.41 Wenn nun der biologische Graben zu einem kulturellen Graben
gemacht wird, stehen wir vor dem Problem, Tiere anerkennen zu müssen, aber nicht
zu wissen, als was wir sie anerkennen sollen. Die AmplifikationistInnen versuchen
den Graben mit Empathie zu überbrücken. Der Überbrückungsversuch mittels
Empathie ist aber nicht unproblematisch, denn er handelt sich den Vorwurf des
Anthropomorphismus ein.
41
In der Moderne bedeutete ein biologischer Unterschied immer auch eine Rechtfertigung für ethische
Nichtberücksichtigung, bzw. Entwertung. Diese Logik wird mit den genannten Argumenten
zunehmend in Frage gestellt. Ich will die Problematik hier nicht ausdiskutieren, sondern nur anmerken,
dass sich meiner Meinung nach ethische Rechtfertigungen meist viel zu leichtgläubig auf irgendwelche
Unterschiede berufen und diese hochstilisieren. Ethische Argumentationen sind sich insofern meist viel
zu wenig bewusst, inwiefern sie von momentanen empirischen, meist biologischen 'Tatsachen'
abhängig sind. Siehe dazu Krebs (1997).
47
Wie ich dir, so du dir: Anthropomorphismus, Empathie und eine Ethik
der (Für-) Sorge
"Good participatory observation is basically an exercise in empathy while at the
same time one is aware of the impossibility of total knowledge and total
understanding" (Noske 1989, 169, Kursiv im Original)
"We … contend that this unique endeavour (sozialwissenschaftliche Studien von
Tieren) requires that the investigator be intimately involved with the animal-other
and that the researcher's disciplined attention to his or her emotional experience can
serve as an invaluable source of understanding. (…) We also contend that coming
to see the world through the eyes of the animal naturally leads to situations in
which the objective, nonjudgmental stance of the conventional ethnographer is
inappropriate." (Sanders und Arluke 1993, 378)
Im
folgenden
will
ich
die
Verbindung
von
Empathie
und
Anthropomorphismusvorwurf betrachten, wobei ich methodische Probleme
ausblende. Ich werde im Kapitel 3.3.4 über Shapiro eine komplexe Methode
präsentieren, die die zugrundeliegenden Probleme methodisch einigermassen
umschiffen kann. Im folgenden beschäftige ich mich mit Problemen der
Repräsentation und mit methodologischen Überlegungen, die von konkreten Fällen
absehen. Es geht mir dabei um theoretische Kritik an den AmplifikationistInnen aus
der doppelten Sicht einer behavioristischen und einer humankonstruktivistischen
Perspektive. Die AmplifikationistInnen nämlich in der unangenehmen Situation sich
gegen zwei Seiten rechtfertigen zu müssen: Behaviorismus wird sowohl von
EthologInnen
wie
von
HumankonstruktivistInnen
als
adäquate
42
Beschreibungsmöglichkeit für Tiere angesehen.
Empathie ist der Ersatz für die Unmöglichkeit zu wissen, was ein Tier will und fühlt.
Empathie überbrückt diese Leerstellen durch Ableitungen von dem, was die
Beobachterin denkt und fühlt. Nach Ansicht der AmplifikationistInnen ist dies
42
Die schneidendste Anthropomorphismsukritik aus ethologischer Sicht ist Kennedy (1992). Kennedy
geht davon aus, dass Anthropomorphismus, da er eine menschliche Universalie ist, auf einer
genetischen Disposition beruht. Trotz seiner Allgegenwart muss er jedoch unbedingt vermieden
werden, weil anthropomorphistische Aussagen keine wissenschaftliche Grundlage haben, sondern
blosse Projektionen sind. Bei Computern hält er den Anthropomorphismus noch für problemlos, da es
offensichtlich sei, dass er metaphorisch sei; bei Tieren hingegen sei er gefährlich, denn hier werde er
schnell wörtlich genommen (Ebd., 96).
48
legitim, denn es verhindert die Entwertung der Tiere.43 Die empathische Beschreibung
liefert ein Bild von Tieren, in dem diese nicht bloss als Maschinen auftauchen. Es
ermöglicht den LeserInnen nachzuvollziehen, wie und weshalb ein Tier handelt, aber
um den Preis der Ersetzung der Kategorien der Beobachteten ('emisch') durch die
Kategorien der Beobachter ('etisch').
Was hier erstaunt, ist nicht, dass ein etisches Vokabular ein emisches ablöst, sondern
dass die Verwendung eines etischen Vokabulars qua Empathie als ein quasi-emisches
Vokabular ausgegeben wird, und dass dieser Winkelzug von Vertretern emischer
Positionen durchgesetzt wird. Deshalb gewinnt hier auch der Vorwurf des
Anthropomorphismus an Schärfe: Anthropomorphismus wird gemeinhin als
"misattribution of properly human traits" definiert (Guthrie 1997, 52). Nach dieser
Definition ist Anthropomorphismus ein Zuschreibungsfehler, der entweder als
Arroganz oder als falsche Empathie interpretiert werden kann. Wenn ich sage: "Diese
Katze hat Schmerzen", so liegt der anthropomorphe Fehler erstens darin, überhaupt
anzunehmen, dass die Katze Schmerzen haben kann und zweitens anzunehmen, ich
könne wissen, wie diese Katze Schmerzen empfindet. Dies wäre die Arroganz.
Mitchell nennt ersteres "inaccurate Anthropomorphism" und letzteres "subjective
Anthropomorphism" (Mitchell 1997, 407 ff.).
Der Vorwurf des inaccurate Anthropomorphism ist mit ähnlichen Problemen
konfrontiert wie Collins "Sozialfähigkeit"-Kriterium. Wenn man behauptet, einer
Entität würde fälschlicherweise eine Eigenschaft zugeschrieben, die
menschenspezifisch sei, so muss dazu bereits bestimmt sein, dass diese Eigenschaft
menschenspezifisch ist, was die Argumentation tautologisch macht. Ein scheinbarer
Ausweg ist die vorherige Festlegung eines neutralen zu überprüfenden Kriteriums,
wie es Spada vorschlägt: Zuerst wird ein Kriterium bestimmt, dann wird überprüft, ob
eine Entität dieses Kriterium erfüllt, so dass schliesslich bestimmbar wird, ob die
Zuschreibung von X antropomorphisierend ist oder nicht (Spada 1997).
Spada weist ausserdem darauf hin, dass die nicht-anthropomorphe Position in den
Anthropomorphismusdiskussionen üblicherweise als objektive, wissenschaftliche
43
Empathie scheint mit Leiden verknüpft zu sein. Jeremy Benthams Diktum, es komme nicht darauf
an, ob Tiere denken oder sprechen, sondern ob sie leiden können, ist das bekannteste Beispiel dafür. Es
scheint einfacher zu sein, einen Ausdruck des Leidens als einen der Erleichterung, Genugtuung oder
Neid festzustellen, bzw. empathisch nachzuvollziehen.
49
gelte und unbenannt bleibe. Demgegenüber prägt sie den Begriff
"Mechanomorphismus", für die scheinbar 'objektive' Position (Ebd., 43).
Viel problematischer ist hingegen der subjektive Anthropomorphismus. Denn hier
geht es weniger um falsche Zuschreibungen per se, sondern um den Inhalt der
Zuschreibungen. Wenn Sanders, wie oben zitiert, sagt: "We also contend that coming
to see the world through the eyes of the animal naturally leads to situations in which
the objective, nonjudgmental stance of the conventional ethnographer is
inappropriate", dann macht er sich des subjektiven Anthropomorphismus schuldig. Er
behauptet, er könne "durch die Augen" von Tieren sehen. Was soll man darunter
verstehen?
Die Behauptung funktioniert meiner Meinung nach nur dann, wenn Sanders davon
ausgeht, dass 'Tiere'44 im wesentlichen über dieselben Fähigkeiten und
Sinneseindrücke verfügen, wie wir selbst und diesen denselben Sinngehalt
zuschreiben. Um nicht in die einfachste Falle zu tappen und davon auszugehen, die
zugeschriebenen Sinngehalte seien identisch mit denen, die man selbst hat, gibt es die
Möglichkeit der Einnahme eine anderen Rolle. Rolle ist hier noch stärker als in der
sozialwissenschaftlichen Theorie als schauspielerische Rolle zu verstehen. In unserem
Fall muss man die "least-human"-Rolle einnehmen (Sanders und Arluke 1993, 383).45
'Least-human' bedeutet nichts anderes als dass man die Unterschiede zwischen den
Spezies minimiert, um die Lebenswelt des Anderen zu verstehen. Eine andere
Möglichkeit würde darin bestehen, sich Wünsche und Ziele in dieser anderen,
fremden Welt zu imaginieren, um vom beobachteten Verhalten zum Handeln
vorzustossen. Dies demonstriert Eileen Crist anhand der Arbeiten der frühen
Naturalisten George und Elizabeth Peckham (Crist 1996). Wenn die Peckhams durch
genaue Beobachtungen in die Lebenswelt von Wespen vorstossen, so unterliegen sie
44
'Tiere' erscheint hier in Anführungszeichen, weil bei Sanders und Noske von Hunden, Affen,
Delphinen und Pferden die Rede ist, kaum aber von Wölfen, Kakerlaken, Schafen, Gartenschnecken
oder Goldfischen. Die Aufzählung weist darauf hin, dass Empathie stark an emotionale Nähe geknüpft
ist, insofern meist von Haustieren oder Tieren, wie Menschenaffen und Delphinen die Rede ist, die
symbolisch ohnenhin massiv anthropomorphisiert sind.
45
Der Begriff ist von Sanders. Er entlehnt ihn aber Mandells Begriff der "least-adult role", den sie zur
Beschreibung ihrer Rolle als Forscherin in einer Kinderkrippe verwendet (Mandell 1988). Die Theorie
ist im Prinzip an die Schauspielmethoden von Stanislawski und Strasberg angelehnt, aber weder
Sanders noch Mandell sehen diese Parallele. Der Witz von Strasbergs Methode besteht ja darin, dass
die Übernahme einer fremden Rolle mittels einer Verbindung zu eigenen Erlebnissen geschieht, und
dass das Spielen einer Persona durch Inkorporierung dieser vorgestellten Lebensweise spielbar wird.
50
nicht einem simplen Anthropomorphismus, argumentiert Crist, denn sie gehen nicht
davon aus, dass die Welt der Wespen und die Ziele in dieser Welt menschlich seien.
Am besten lässt sich dies an einem Beispiel sehen:
„When she flew away we naturally supposed that she had gone in search of her
prey, and we were on the qui vive to observe every step in her actions when she
came home. Alas! When she came back half an hour later, she was empty-handed.
(...) She flew this way and that, in and out among the plants, high and low, far and
near, and at last, satisfied, rose in circles, higher and higher, and disappeared from
view. (...) We felt sure that when she came back she would bring her victim with
her, and when we saw her approaching we threw ourselves prone on the ground,
eagerly expecting to see the end of the drama; but her search had been unsuccessful
— she carried nothing. In the realms of wasp-life, disappontments are not
uncommon, and this time she had us to share her chagrin, for we felt as tired and
discouraged as she perhaps did herself.“46 (Peckham und Peckham 1905), zitiert
nach (Crist 1996, 817 f.)
Das scheinbar gerichtete Handeln der Wespe wird von den Peckhams dazu verwendet,
das Verhalten der Wespe als logisch geordnet und subjektiv bedeutsam
wahrzunehmen. Die Peckhams selbst schreiben so der Wespe selbst keine Intentionen
zu; das Intention-haben der Wespe entsteht im Text aus der Beschreibung der
Ordnung ihrer Handlungen, es handelt sich dabei um eine implizite Verkörperung von
Wissen. "The Peckhams do not directly ascribe mental processes or states to the wasp:
the relevance of intent and knowledge in the wasp's world emerges as an effect of,
rather than an attribution in, their writing."(Ebd., 816)
Im Gegensatz zu Collins Position, die keine erkennbaren ethischen Positionen
beinhaltet, schreiben AmplifikationistInnen im Pathos moralischer Superiorität. Die
Beseitigung der Ungleichbehandlung der Tiere ist AmplifikationistInnen ein
Anliegen. Allerdings liefern sie kaum konkrete Ansätze für eine spezifische Ethik. Es
sind zwar Ansätze zu 'animal rights'-Konzeptionen sichtbar, aber diese werden nie
ausgeführt. Wenn Sanders sagt, man solle als Ethnograph den neutralen Standpunkt
46
Der besondere Reiz dieser Beschreibung entsteht dadurch, dass es hier nicht wie in den bekannten
Tiergeschichten und den meisten anderen hier zitierten Arbeiten um Haustiere oder wenigstens
Säugetiere, sondern um Insekten geht.
51
aufgeben, so sagt er nie, wann und wie. Bei Recherchen im Schlachthaus? Oder auf
dem Biobauernhof?
Die AmplifikationistInnen können sich auf Alltagserfahrungen stützen, in denen Tiere
als Alter Ego wahrgenommen werden und starke emotionale Bindungen zu ihnen
aufgebaut wurden. Diese Erfahrungen zeigen den AmplifikationistInnen, dass Tiere
ethisch irgendwie berücksichtigt werden müssen. Ihre Ethik ist in diesem Sinn eine
Commonsense-Ethik, die sich nicht um fachphilosophische Argumentationen bemüht.
Meiner Meinung nach ist eine fachphilosophische Absicherung für diese Positionen
auch gar nicht nötig, solange man bloss feststellt, dass Entitäten im Alltag über
normativ relevante Eigenschaften verfügen und man nicht in einem naturalistischen
Fehlschluss die normativ relevanten Eigenschaften in den Entitäten innewohnenden
Kapazitäten festmacht. Diese Position impliziert jedoch einen starken Relativismus
und die von den AmplifikationistInnen nicht gewollten Position, dass ethische
Standards aus Zuschreibungen und nicht aus inhärenten Eigenschaften folgen. Denn
es ist offensichtlich, dass einer Spezies im einen Moment eine Eigenschaft
zugeschrieben wird, im anderen nicht. Ausserdem werden Spezies mit ähnlichen
Eigenschaften von AmplifikationistInnen extrem ungleich behandelt. Man denke nur
an Katzen und Marder.
Die amplifikationistische Position schwankt zwischen einer Ethik der Fürsorge, wie
sie von Donovan im Anschluss an Gilligan ausgearbeitet wurde, und einer
'klassischen' 'animal rights'-Position, wie etwa bei Singer (Gilligan 1984, Donovan
und Adams 1996, Singer 1997). Donovan argumentiert gegen Singer, dass sich
ethische Verpflichtungen gerade aus der Ungleichheit der beteiligten Entitäten
ergeben und dass es deswegen sinnlos sei, offensichtlich ungleiche Entitäten wie
Tiere und Menschen an denselben Kriterien für ethische Berücksichtigung zu messen.
Ausserdem sollen ethische Verpflichtungen nicht aus den Eigenschaften autonomer
Subjekte abgeleitet werden, sondern relational aus Abhängigkeiten, wie sie sich im
Mutter-Kind Verhältnis oder eben im Mensch-Tier Verhältnis zeigen. Sanders und
Noske scheinen entweder zu unbedarft oder uninteressiert an diesen sich
widersprechenden Positionen und nehmen abwechselnd beide ein.
Politisch und juristisch folgt aus dieser Position implizit ein Einsatz für eine
Höherstellung von Tieren als Rechtssubjekte, aber weder Sanders noch Noske ziehen
diese Konsequenzen.
52
3.2.3. Die Neudefinition der Interaktion: Mead oder Mead?
Obwohl George Herbert Mead Tiere als nicht handlungsfähig ansah, stützen sich die
AmplifikationistInnen zumeist auf ein Mead'sches Interaktionskonzept, um die
Interaktionsfähigkeit von Tieren zu fassen (Cohen 1989, Sanders und Arluke 1993,
Alger und Alger 1997). Mead eignet sich besonders gut, weil er Interaktionsfähigkeit
als kommunikativen Prozess versteht. 'Role-Taking', d. h. die Übernahme des
(imaginierten) Gesichtspunktes von Alter, ermöglicht die Interaktion. Ein weiterer
Vorteil von Meads Theorie ist, dass die subjektiven Sinngehalte den objektiv
beobachtbaren Handlungen nachgeordnet sind. Er geht "von aussen nach innen", und
nicht "von innen nach aussen" vor (Mead 1978, 46). In der nachfolgenden Diskussion
geht es deshalb darum, wie man vorgehen soll, wenn man keine (sprachlichen)
Hinweise auf die subjektiven Sinngehalte vorliegen, wie es bei Tieren ja der Fall ist.
Ich verwende im folgenden durchgehend den Begriff Interaktion in der Bedeutung
sozialer Interaktionen. Ich spreche nicht von Handlungen, weil dieser Begriff bei den
diskutierten AutorInnen selten auftaucht und zu viel Gewicht auf die subjektiven
Sinngehalte legt. Dieses Vorgehen ist kompatibel mit demjenigen im vorhergehenden
Kapitel, denn auch dort ging es nicht darum, subjektive Sinngehalte zu diskutieren,
sondern Handlungsfähigkeit als eine Fähigkeit relativ zu einem sozialen oder
kulturellen Kontext zu bestimmen.
In Bezug auf Tiere stellen sich dann zwei Fragen, die je nach Mead-Interpretation
verschieden beantwortet werden (und die Antworten der Amplifikationisten fallen
dementsprechend verschieden aus).47
a) Erstens stellt sich die Frage, ob für eine Interaktion Alter auch interaktionsfähig
sein muss oder nicht. Wenn nicht, dann können Menschen zwar mit Tieren
interagieren, aber dies hat dann nichts mehr mit den Fähigkeiten von Tieren zu tun,
sondern mit denen der Menschen. Damit wäre man bei einer Position angelangt, die
sich nicht mehr mit spezifisch amplifikationistischen Argumenten gegen die
HumankonstruktivistInnen abgrenzt, sondern viel näher bei einem ANT-Ansatz steht.
Dies zeigt sich etwa bei Cohen (Cohen 1989). Cohen geht davon aus, dass Menschen
53
mit nicht-menschlichen Objekten interagieren, genauso, wie sie mit Menschen
interagieren. Er stützt sich dabei auf das Mead'sche Interaktionskonzept und beruft
sich auf die Unterscheidung von 'internalized' versus 'overt role-taking'. 'Overt-role
taking' findet in Anwesenheit von Personen statt und wird hauptsächlich sprachlich
vermittelt. 'Internalized role-taking' hingegen bezieht sich auf eine nicht-sprachlich
antwortende Entität, sei es eine abwesende Person oder ein Ding (der Status von
Tieren in dieser Unterscheidung ist unklar). Der einzige Unterschied zum 'overt roletaking' in der Interaktion besteht darin, dass Handelnde sich bewusst sind, dass die
Interaktion nicht reziprok funktioniert. Dies ist jedoch noch kein Grund, so Cohen, zu
sagen, Menschen würden nicht mit Dingen interagieren. Entscheidend in dieser
Argumentation ist der Begriff 'als ob' (Ebd., 195): Menschen interagieren mit Dingen
'als ob' diese interaktionsfähig wären. Das 'als ob' bezeichnet den involvierten
Anthropomorphismus, aber es macht ihn nicht zu einem Problem, sondern zu einer
handlungsermöglichenden Annahme. Solange die Handelnde nicht den Fehler begeht,
zu glauben, diese Form der Interaktion beruhe tatsächlich auf Gegenseitigkeit, gibt es
für Cohen kein Grund zur Kritik am Interaktionskonzept.
Die Belegstelle für diese Mead-Interpretation entlehnt Cohen aus "Geist, Identität und
Gesellschaft":
“Der Techniker, der eine Brücke konstruiert, spricht mit der Natur genauso, wie wir
mit dem Techniker sprechen. (…) In seinem Denken nimmt er die Haltung
physischer Objekte ein. Er spricht zur Natur, die Natur antwortet ihm. Die Natur ist
insofern intelligent, als es bestimmte Reaktionen der Natur auf unsere Handlungen
gibt, die wir uns selbst darlegen und beantworten können und die sich auf Grund
unserer Antwort verändern. Das ist die Veränderung, auf die wir zu reagieren
vermögen, und schliesslich erreichen wir einen Punkt, an dem wir mit der Natur
zusammenarbeiten.
47
Im folgenden geht es weniger um eine korrekte Mead-Interpretation (die es offensichtlich nicht gibt,
da Mead's Position höchst widersprüchlich ist), als um den Nachvollzug der Inanspruchnahme von
Mead für eine amplifikationistische Theorie. Deswegen kritisiere ich weniger die verschiedenen MeadInterpretationen in Bezug auf den 'wahren Mead', als ihren Gebrauch für eine amplifikationistische
Theorie.
54
So hat sich die moderne Wissenschaft aus der sogenannten Magie entwickelt.
Magie ist die gleiche Reaktion, doch mit der zusätzlichen Annahme, dass physische
Objekte so wie wir denken und handeln“ (Mead 1978, 229).48
Aus Cohens Position kann noch ein anderer Schluss gezogen werden, der der
amplifikationistischen Position zuwiderläuft. Wie Hilbert in einer Antwort auf
Sanders und Arluke ausführt, ist diese "als ob" Annahme nicht für Interaktionen
zwischen Menschen und Nichtmenschen, sondern auch zwischen Menschen und
Menschen gültig. Das "als ob" demonstriert, dass Role-taking eine theoretische
Annahme ist, die jeder Praxis Hohn spottet. "Rather than 'animals do it too', I want to
say, 'We don't do it either.' Taking the role of the other, for example, is something,
that by and large doesn't happen."49 (Hilbert 1994, 535) Anders ausgedrückt: Es
kommt gar nicht darauf an, ob wir es mit einem Menschen, einem Tier oder einem
Stein zu tun haben, wir interagieren in jedem Fall damit, ohne role-taking und die
anderen sozialpsychologischen Theoreme, die erfunden wurden, um zu verstehen, was
das spezifische an menschlichen Interaktionen darstellt. Hilbert stellt damit Cohens
Argumentation auf den Kopf, aber mit demselben Resultat: Cohen demonstriert, dass
wir role-taking immer tun, ungeachtet dessen, wer oder was unser Gegenüber ist;
Hilbert behauptet, wir würden es nie tun. In beiden Fällen hat Interaktion nichts mit
den Eigenschaften des Gegenübers zu tun.50 Role-taking ist in jedem Fall eine
Projektion des menschlichen Akteurs.
b) Falls Alter interaktionsfähig sein muss, so stellt sich zweitens die Frage, was eine
Entität interaktionsfähig macht. Alger und Alger definieren symbolischen
48
Das Zitat, wie auch die folgenden, sind der deutschen Ausgabe entnommen. Diese Mead'sche
Position wurde in der Wissenschaftsforschung, soweit ich sehe, nicht zur Kenntnis genommen, obwohl
sie sehr nahe bei ANT liegt. Mead verfolgt hier nicht eine naive "lasst die Natur für sich selbst
sprechen"-Position, wie sie von Emil du Bois Reymond formuliert wurde. Ausserdem, und dies wurde
bislang auch nicht entdeckt, führt er eine viel subtilere Magie-Definition ein, als sie in den Magie- und
Rationalitätsdebatten der siebziger Jahre angeführt wurde (Kippenberg und Luchesi 1995). Magie, so
Mead, unterscheidet sich nicht durch mangelnde Rationalität/Falsifizierbarkeit/Kohärenz etc. von
Wissenschaft, sondern nur durch das Nichteingestehen der anthropomorphisierenden Voraussetzungen
ihrer Praxis.
49
Wobei Hilbert hier davon ausgeht, dass role-taking ein bewusster, explizierbarer Prozess ist (der er
nach Hilbert sein muss, denn sonst ist role-taking der Sozialwissenschaftlerin nicht zugänglich). Eine
ethnomethodologische Interpretation hingegen würde wohl zeigen, dass role-taking vollkommen
routinisiert und implizit abläuft und erst sichtbar wird, wenn sie verunmöglicht wird.
50
Sanders und Arluke erwähnen Cohen zweimal in Zusammenhängen, die den Eindruck vermitteln
Cohen sei 'auf ihrer Seite' (377), bzw. vertrete einen "traditional symbolic interactionism" (382). Sie
verschleiern damit, dass Cohens Argumentation ihre eigene Position unterminiert.
55
Interaktionismus als eine Perspektive, in der Menschen als "active constructors" der
sozialen Welt gesehen werden (Alger und Alger 1997, 67). Diese Definition
versuchen sie, anders als Mead, nun auf Tiere auszuweiten. Mead's Position, gegen
die sie argumentieren, lautet folgendermassen:
"Natürlich neigen wir dazu, unseren Haustieren eine Persönlichkeit zuzuschreiben;
wenn wir uns aber ihre Voraussetzungen näher ansehen, so können wir erkennen,
dass es keinen Platz für dieses Hereinnehmen des gesellschaftlichen Prozesses in
das Verhalten des einzelnen Tieres gibt. Es hat nicht den dafür notwendigen
Mechanismus – die Sprache. Darum sagen wir, es habe keine Persönlichkeit. Es ist
nicht für die gesellschaftliche Situation verantwortlich, in der es sich befindet.
(…)Wir schreiben den Tieren gern Persönlichkeit zu, doch gebührt sie ihnen nicht,
und letztlich erkennen wir auch, dass sie keine Rechte haben. Es steht uns jederzeit
frei, ihr Leben zu beenden; es geschieht kein Unrecht, wenn einem Tier das Leben
genommen wird. Es hat nichts verloren, weil es Zukunft für das Tier nicht gibt. Es
hat in seiner Erfahrung kein 'ICH', das durch die Reaktion auf das 'Ich' irgendwie
unter seiner Kontrolle stünde, so dass es eine Zukunft haben könnte. Wir sprechen
zu ihnen und tun dabei so, als verfügten sie über die gleiche innere Welt wie wir."
(Mead 1978, 226)51
Wieder taucht das 'als ob' Argument auf, aber diesmal dient es dazu, Tieren die
Fähigkeit zur symbolischen Interaktion abzusprechen. Anders als im Falle von Cohen
geht es hier um "overt role-taking", und vor allem handelt es sich um eine Sicht auf
Interaktionen aus der Perspektive von Alter. Alger und Alger versuchen die
Sprachlastigkeit von Meads Interaktionskonzept aufzulösen und durch einen
erweiterten Interaktionsbegriff zu ersetzen. Sie gehen in Übereinstimmung mit Mead
davon aus, dass symbolische Interaktion Selbstbewusstsein, internalisierte
Konversation sowie die Fähigkeit zur Evaluation von Handlungsalternativen
basierend auf 'role-taking', erfordert (Alger und Alger 1997, 70). Sprache ist dazu
nicht nötig, sondern stellt bloss einen Sonderfall dar. Ausserdem sei Mead's
Konzeption der Interaktion viel zu stark auf praktische Ziele (Primärbedürfnisse)
ausgerichtet, soziale Ziele (die Erhaltung einer Gruppe) hingegen würden bei ihm
vernachlässigt. Diese sozialen Ziele seien jedoch mit gleichen Recht als symbolische
Interaktion zu bezeichnen. Das neue Kriterium ist nun nicht mehr Sprachfähigkeit,
51
'ICH' steht hier für das englische "me", 'Ich' für das englische "I".
56
sondern ob Tiere zwischen verschiedenen Handlungsentwürfen wählen, und wenn ja,
wie sie solche Wahlen vollziehen (Ebd., 70).
Auch diese Position steht vor einem Überprüfungsproblem. Alger und Alger
schliessen an ihre Mead-Diskussion Ergebnisse einer Umfrage an, bei der sie zum
Ergebnis kommen, dass die von ihnen Befragten KatzenhalterInnen ihre Katzen als
Interaktionspartner ansehen. Damit sind sie in die humankonstruktivistische Falle
gelaufen, denn das einzige, was sich aufgrund einer Umfrage bei KatzenhalterInnen
sagen lässt, ist dass diese mit Katzen umgehen als ob Katzen interaktionsfähig sind,
und nicht, ob sie es wirklich sind.
3.2.4. Eine vorsichtiger Amplifikationist: Shapiro
Abschliessend möchte ich kurz Kenneth Shapiros Position vorstellen, die durch
grössere Umsicht als die anderer AmplifikationistInnen und bescheidenere
Behauptungen auffällt (Shapiro 1990). Shapiro basiert seine Methode "kinesthetic
empathy, social construction, and history" auf einem phänomenologischen Ansatz,
der auf Schütz zurückgeht. Wie schon ihr Titel besagt, beruht sie auf drei Grundlagen:
kynästhetische Empathie, soziale Konstruktion und Geschichte.
Das Zentrum bildet die kinästhetische Empathie, die im wesentlichen eine Form der
Anteilnahme an der Welt der Tiere ist. Darunter muss man sich etwas ähnliches wie
Sanders' "least human role" vorstellen:
"I can know Sabaka's actions and incipient intentions and stay with them, at least at
some moments, by emphasizing with them, by taking up his bodily posture and
attitude. (...) The thrust of the present discourse is to show that I have more than
merely a sense of his physical movement; I can know what is significant to him and
what and how he is experiencing in a certain moment. Through this involvement
and reflection on it, I realize that his experience is of a phenomenal field. He is
embedded in a lived rather than an objective space." (Ebd., 186)
Das bedeutet für Shapiro aber weder, dass die Welt seines Hundes ihm eins zu eins
zugänglich wäre, noch dass diese seiner eigenen Welt gleichen soll. Shapiro zeigt
ausführlich, dass die Lebenswelt des Hundes, anders als die des Menschen, sich vor
allem durch Räumlichkeit und nicht durch Zeitlichkeit auszeichnet. Sabaka kann
stundenlang an einem Ort bleiben, er wartet nicht, er ist zu Hause. Seine Identität ist
57
räumlich. Sein Selbst wird weniger durch die Summe seiner Erfahrungen, als durch
den umgebenden Raum definiert (Ebd., 189).52
Die Differenz zur menschlichen, zeitlich bestimmten Identität kann nicht durch eine
simple Übernahme oder Imitation einer hündischen Art sich zu bewegen überwunden
werden. Insofern unterscheidet sich Shapiros Ansatz von der Idee einer 'least human
role'. Wo die Idee einer 'least human role' davon ausgeht, Analogien oder Inferenzen
zum Anderen zu konstruieren und qua diesen Inferenzen auf die Erfahrungen der
anderen zu schliessen, so geht Shapiro davon aus, dass kynästhetische Empathie auf
viel grundlegenderen Eigenheiten des Leibes beruht. Tiere teilen mit Menschen die
Fähigkeit zur Intentionalität, dass heisst sie erfahren die Welt ungeteilt durch ihren
Leib. 'Leibsein' bedeutet im phänomenologischen Vokabular, dass jegliches
zurechtfinden in der Welt durch den als 'Selbst' gefühlten Leib zustandekommt.
Denken und Wahrnehmen findet nicht ausserhalb oder getrennt vom Körper statt,
sondern mit und in ihm. Empathie funktioniert nach Shapiro auf genau dieser
grundlegenden Ebene des in-der-Welt-seins. Empathie ist möglich, weil Menschen
wie Tiere 'Leib sind' und auf dieser Ebene sich momentweise "vergessen können":
"However, here I take empathy to refer to a moment in which I, if only focally,
forget myself and directly sense what you are experiencing. We all have at least
fleeting moments of this." (Ebd., 191)
Gerade weil diese Momente nicht sprachlich vermittelbar sind, ist die Interaktion mit
Tieren besonders geeignet, um Empathie zu erforschen.
Shapiro ist allerdings nicht so naiv zu glauben, die hier so nebulös vorgetragenen
Gedanken liessen sich eins zu eins umsetzen. Die Erfahrung von Empathie findet in
einem vorstrukturierten Geflecht von Vorstellungen über Mensch-Tier Beziehungen
statt. Shapiro nennt sie "social construction" und "history" (Ebd., 193 f.).
Unter sozialer Konstruktion versteht Shapiro die gemeinsame Wahrnehmung der
sozialen Welt einer Gruppe oder Gesellschaft im Berger/Luckmann'schen Sinn. Das
heisst, dass die Möglichkeit und Form der Empathie davon abhängig ist, wie Tiere in
52
Die Darstellung Sabaka's weist grosse Ähnlichkeit mit orientalistischen oder überhaupt klassisch
ethnologischen Beschreibungen von Menschen auf. 'Der Orientale' oder 'der Primitive' hat im Bild der
Westler ebensowenig einen Zeitsinn oder eine Geschichte, sondern lebt inmitten eins Raumes, der ihm
gibt, was er braucht (Said 1981, Fabian 1983). Einmal mehr definiert sich das westliche Subjekt in
Abgrenzung gegen alles andere. Die Raumverbundenheit wurde ausserdem aus
sozialwissenschaftlichen Theorien vertrieben, um sie gegen territorialistische ethologische Theorien,
wie diejenigen von Eibl-Eibesfeldt zu schützen (Eibl-Eibesfeldt 1994).
58
einer Gesellschaft wahrgenommen werden. Für westliche Gesellschaften erwähnt
Shapiro diesbezüglich die Idee, dass Tiere als Spezies und nicht als Individuum
wahrgenommen werden, dass Haustiere als "minimal animal", das heisst in bestimmte
Formen gezüchtet, kastriert und in ihrer Adoleszenz fixiert (Neotenie), auftreten.
Auch die Art und Weise, wie Tiere wissenschaftlich konzeptualisiert werden und wie
die wissenschaftlichen Konzepte sich zu einem Alltagsverständnis von Tieren
verhalten beeinflussen die Empathie. Soziale Konstruktionen prägen unsere
Wahrnehmung von Tieren auf einer allgemeinen Ebene, sie sind jeder spezifischen
Wahrnehmung einzelner Tiere vorgängig. Empathie ist jedoch immer auf einzelne
Individuen gerichtet und mit diesen verbindet uns eine bestimmte Geschichte –
'history'.
Geschichte besteht für Shapiro aus geteilten, gemeinsamen Erlebnissen. Empathie
beruht auf dem Wissen um die vergangenen Erlebnisse eines Individuums und dies
trifft ebensosehr auf Menschen wie auf Tiere zu. Jede Form von Empathie ist
demzufolge partikular und jede Geschichte (nun im literarischen oder
wissenschaftlichen Sinn), die über ein Tier geschrieben wird, beruht auf diesen
partikularen gemeinsamen Erfahrungen. Die gemeinsame Geschichte ist nicht
unbedingt Vorbedingung zur Empathie, aber sie ermöglicht das Verstehen
spezifischer Handlungen. Und zwar beidseitig. Es ist nicht nur Shapiro, der zu Sabaka
qua Geschichte ein empathisches Verhältnis hat, es ist auch Sabaka, der qua
Geschichte ein empathisches Verhältnis zu Shapiro hat. Das Wissen, das sich aus
diesen Umständen gewinnen lässt, bleibt immer spezifisch und partikular, auf das
Verhältnis der zwei bezogen. Insofern verneint Shapiro überhaupt die Möglichkeit ein
allgemeines Wissen über 'Tiere' oder 'Hunde' zu gewinnen. "If we take seriously the
importance of individual history, we cannot claim to be analyzing the essential
dogginess of the dog" (Shapiro 1990, 194).
3.2.5. Zusammenfassung
AmplifikationistInnen stossen sich an der Nichtberücksichtigung von Tieren in
Sozialtheorien. Sie zeigen, das die Verbannung der Tiere eine Folge der Geschichte
der Sozialwissenschaften ist und betonen Alltagserfahrungen und Commonsense als
erste Garanten für eine Neukonzeptualisierung von Sozialtheorien. Um dies zu
ändern, erweitern sie das Konzept von Interaktionen so, dass auch Tiere
59
interaktionsfähig sind. Dazu wird gezeigt, dass die Kriterien, die die
HumankonstruktivistInnen einführten, um Tiere auszuschliessen, entweder nicht
haltbar oder nicht relevant sind. Um die methodischen Probleme der Sprachlosigkeit
von Tieren zu bewältigen, wird auf das Konzept der Empathie zurückgegriffen: Das
Ein- und Mitfühlen erlaubt es, zuverlässige Aussagen über ein Tier zu machen. Auf
den Vorwurf, diese Methode produziere lauter Anthropomorphismen wird
geantwortet, dass die Entscheidung ob Mechano- oder Anthropomorphismus eine a
priori Entscheidung sei, die erhebliche Überprüfungsprobleme mit sich bringe. Um
Empathie vom Anthropomorphismus zu befreien, wird die ‚least human role‘
eingenommen. Wie die HumankonstruktivistInnen halten die AmplifikationistInnen
an universellen, ontologischen, Tieren und Menschen biologisch inhärenten
Fähigkeiten zur Interaktion fest. Ein Resultat davon ist nicht zuletzt, dass eine
ethischen Position möglich wird, die Tiere als Akteure in Geschichten zulässt und sie
damit ethisch berücksichtigbar macht.
3.3. Akteur-NetzwerkTheorie
3.3.1. Die Geschichte der Akteur-Netzwerk-Theorie (erzählt als eine AkteurNetzwerksgeschichte53)
Als Bruno Latour zusammen mit Steve Woolgar 1979 eine der ersten der sogenannten
Laborstudien verfasste, gab es eine Akteur-Netzwerk-Theorie noch nicht (Latour und
Woolgar 1979). Es gab nur ein Buch, eine Ethnographie der Salk Laboratorien, worin
Latour und Woolgar die Erforschung eines Tripeptides dokumentierten. Ihre
Aufmerksamkeit richtete sich auf den von ihnen so genannten Einschreibeprozessen,
mit denen aus unsicheren Beobachtungen harte Fakten gemacht werden. Es gelang
ihnen damit, der Wissenschaftsforschung eine neue Begrifflichkeit für die
53
Akteur-Netzwerk-Theorie wird im folgenden mit 'ANT' abgekürzt. Die Geschichte von ANT als
ANT-Geschichte zu erzählen ist ein ziemlich schwieriges Unterfangen: Der Witz von ANT liegt vor
allem in der Beschreibung von Vorgängen, die technologische und soziale Aspekte zusammen
beinhalten. Da die Entwicklung der Sozialwissenschaften relativ wenig und die der Subdisziplin
Wissenschaftsforschung sehr wenig von technologischen Hilfsmitteln abhängt, ist eine ANT-Erzählung
auf diesem Gebiet schwierig. Ich versuche es dennoch. Insofern würde sich eine Analyse der
Sozialwissenschaften gut für eine Kritik von ANT und insbesondere Latours "Wir sind nie modern
gewesen" eignen (Latour 1995).
60
Konzeptualisierung der Verbindung von Instrumenten und Theorien in der
Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Sie produzierten selbst Inskriptionen, die, auf
ihr Gerippe reduziert, zu Andockpunkten für eine Weiterverwendung wurden. Je
länger die Begriffe in einem Netzwerk von WissenschaftsforscherInnen zirkulierten,
desto unabhängiger wurden sie von ihren Urhebern Latour und Woolgar. Mit den
weiteren Verbündeten, Michel Callon, Madeleine Akrich und John Law, sowie der
Vermittlung durch wichtige Universitätsverlage, hunderte von Seiten
Programmiersprachen54 und andere Wissenschaftseinrichtungen produzierten Latour
und seine Anhänger ein ganzes Netz von Begriffen (Netzwerk, Verbündete,
Inskription, Übersetzung, obligatorischer Durchgangspunkt, Hybrid, Aktant, black
box), das entgegen der post-hoc vorgegebenen Intention der Autoren zu einer
'Theorie' wurde55. Die Akteur-Netzwerk-Theorie, wie diese Forschungsrichtung nun
genannt wurde, entwickelte sich zu einem 'obligatorischen Durchgangspunkt' für alle,
die innerhalb des Bastards Wissenschaftsforschung etwas sagen wollten.
Dies lag nicht zuletzt daran, dass das Netzwerk ANT mittlerweile nicht mehr bloss
eine Beschreibungsmöglichkeit für wissenschaftliches Arbeiten darstellte, sondern
sogar dazu anhob, eine Alternative zu allgemeinen Gesellschaftstheorien darzustellen.
Moderne und Postmoderne, die Unterschiede zwischen westlichen und
nichtwestlichen Gesellschaften, die Stellung des lieben Gottes: Alles wurde in einer
"symmetrischen Anthropologie" miteinander verknüpft (Latour 1995). Im Jahre 1999
schliesslich wurde es Standard, seine Analysen in ANT-Terminologien zu kleiden,
egal, ob sie von der Entdeckung von Stresstheorien oder chinesischer Medizin
handelten und damit zwei Drittel einer einzigen Ausgabe des Zentralorgans der
Wissenschaftsforschung, 'Social Studies of Science', füllten (Hsiang-lin Lei 1999,
Viner 1999). Zum selben Zeitpunkt versuchte Latour die Geister, die er rief, wieder
loszuwerden. Zugleich war es ein verzweifelter Akt, seine eigene Theorie empirisch
54
Was wenig erwähnt wird: "… testing the strength of a claim by operationalizing Hesse's qualitative
Arguments as we have done through hundreds of pages of programming language (see especially the
programs Leximappe ™, Lexinet ™, Candide ™)…" (Callon und Latour 1992, 363). Den Millionen
Aktanten zum Trotz, die Callon und Latour hier für ihre Sache einsetzten, war dieser Teil ihres
Netzwerkes vergleichsweise extrem schwach. Es kommt eben nicht nur darauf an, wie stabil
Netzwerke sind, sondern auch, dass sie sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort befinden. Das genannte
war ein Schleppnetz in einem Goldfischglas.
55
Einer der Nägel im Sarg der ANT ist nach Latour die missbräuchliche Verwendung des Begriffs
'Theorie' im Zusammenhang mit ANT. ANT sei nichts anderes als eine spezielle Methode (Latour
1999a).
61
zu widerlegen: Er publizierte ein einziges Artikelchen in einem Sammelband, der
nichts anderes tat, als einen weitereren obligatorischen Durchgangspunkt zu
markieren und die Anwendung von ANT aus der Wissenschaftsforschung hinaus in
weite Bereiche anderer sozialwissenschaftlicher Subdisziplinen zu tragen (Latour
1999a). 'Once you have a network, everything looks like an actant', wie die
Engländerin zu sagen pflegt. Obwohl in diesem Sammelband noch versucht wurde,
Abänderungen und Varianten der ANT zu formulieren, so war sie schon weitgehend
eine black box geworden: Es brauchte mittlerweile heroische Anstrengungen um ANT
zu kritisieren, alle Begriffe waren miteinander verschweisst und funktionierten in den
Augen der meisten Anwender. Wer etwa den Aktantenbegriff kritisieren wollte,
musste mittlerweile umständliche Diskussionen über die Grundlagen der Linguistik
führen, obwohl Latour selbst sich eher beiläufig auf ebendiese bezog (Lenoir 1994).
Die einzige Ausweichmöglichkeit bestand darin, ANT zu ignorieren, allerdings auf
die Gefahr hin, nicht rezipiert zu werden.
Die ehemaligen Gegner, wie z.B. Collins, die ein Gegenprogramm zu ANT
entwarfen, stellten sich dem Netz ANT nicht mehr in den Weg, sondern nahmen nur
noch implizit und hinter vorgehaltener Hand dazu Stellung. Auch wenn ihre Texte
sich direkt gegen ANT wendeten, so kam ANT nicht mehr explizit darin vor.56
3.3.2. Aktanten und Tiere, Agnostizismus und Ontologie
Der zentrale Begriff für die vorliegende Diskussion ist der Aktantenbegriff. Der
Begriff des Aktanten wurde von Latour und Callon eingeführt, um nichtmenschliche
Akteure zu bezeichnen. Nichtmenschliche Akteure fanden ihren Eingang in ANT über
die Frage, welche Rolle Instrumente und Geräte in der Produktion wissenschaftlicher
Fakten spielen. Latour und Callon versuchten eine Beschreibung wissenschaftlicher
Arbeit zu liefern, die Fakten oder Realität als ein Resultat des Forschungsprozesses
beschreiben, die nur in Kombination von Nachdenken, Aufschreiben,
Instrumentengebrauch etc. zustandekommt. Daraus entwickelten sie das Konzept
eines Netzwerkes, eines Zusammenschlusses verschiedener Entitäten
unterschiedlichster Provenienz. Netzwerke sind sozusagen die Träger oder Gerüste
62
der Fakten; Fakten existieren, solange Netzwerke stabil sind. Und stabil sind sie, weil
sie möglichst geblackboxed sind, das heisst ihre eigenen Herstellungsbedingungen
verunklären und verbergen.
Der Begriff Aktant bezeichnet alle Einheiten der Netzwerke. Aktanten haben keine
definierten Eigenschaften, ihr Akteursstatus beruht nicht auf irgendeiner
innewohnenden Kapazität. Aktanten sind Aktanten, weil sie Bestandteil eines
Netzwerkes sind.
"An actant is a list of answers to trials – a list which, once stabilized, is hooked to a
name of a thing and a substance. This substance acts as a subject to all the
predicates – in other words, it is made the origin of actions" (Latour 1991, 122).
Diese Definition bricht mit allen sozialwissenschaftlichen Handlungsdefinitionen, die
den Begriff Akteur immer von Intentionen, Zwecken und Mitteln herleiten. Ein
Aktant verfolgt nicht ein Ziel. Er dient höchstens dazu, weil jemand anders ihn
braucht, um ein Ziel zu erreichen. Die Eigenschaft eines Aktanten wird nicht aus
seinen Absichten heraus abgeleitet, sondern aus der Funktion, die er innerhalb eines
Netzwerkes einnimmt. Die Eigenschaften der Aktanten sind nach Latour nur sichtbar
im Prozess ihrer Hervorbringung. Der Prototyp dieser Hervorbringungsmechanismen
ist das Labor. Im Labor wird eigens eine Vorrichtung, nämlich das Experiment,
entworfen, mit dem spezifische, bis anhin unbekannte Eigenschaften von Entitäten
produziert werden.
Am klarsten ist dies ersichtlich am einfachen Beispiel des Hotelschlüssels (Latour
1996, 52 ff.). Hier geht es nicht um Wissenschaft. Es geht um Hotelgäste, die ihre
Zimmerschlüssel mitnehmen, anstatt sie an der Reception abzugeben. Was tut ein
Hotelier dagegen? Zuerst wendet er sich persönlich an sie und bittet um Hinterlegung
des Schlüssels. Beim hundertsten Mal ist er dessen überdrüssig geworden und schreibt
vielleicht eine Hinweistafel: "Vergessen sie bitte nicht, ihre Schlüssel an der
Rezeption abzugeben". Allerdings gibt es Gäste, die die Sprache in der die
Hinweistafel geschrieben ist, nicht beherrschen oder die schlicht keine Hinweistafeln
lesen. Dann schreibt der Hotelier auf die Rechnung: "Moi … je reste ici". Daneben
ein Piktogramm eines Schlüssels. Falls die Gäste immer noch nicht kapiert haben,
56
Im neuesten Buch von Collins, das zu einem guten Teil nichts anderes als eine Kritik an ANT
darstellt, finden sich genau zwei Referenzen auf ANT oder ihre Vertreter (Collins und Kusch 1998, 13,
181).
63
hängt er ein Gewicht an den Schlüssel. Oder, neuerdings: Er kauft sich ein
elektronisches Lesegerät mit Magnetkarten, das an das Schloss gekoppelt ist und den
Schlüssel überflüssig macht. Hinweistafeln, Anmerkungen auf Rechnungen,
Gewichte: Dies sind alles Aktanten, an die die Aufforderung des Hoteliers, den
Schlüssel gefälligst hierzulassen, 'delegiert' wurde. Die Aktanten, egal ob Worte,
komplizierte technische Vorrichtungen oder blosse Metallklumpen: Sie tun alle
dasselbe, aber nicht aus demselben Grund: Sie 'übersetzen' eine Aufgabe auf ihre je
spezifische Weise. Der Hotelgast wird den beschwerten Schlüssel nicht im Hotel
lassen, weil er rechtschaffen ist; er wird ihn dort lassen, weil er in der Hosentasche
stört. Damit vollzieht sich auch ein Wandel in der Handlung des Gastes. Zuerst war es
Pflicht, den Schlüssel zu hinterlegen, beim Gewicht ist es Egoismus. Weil die
Hotelgäste im Durchschnitt eher egoistisch denn pflichtbewusst sind, lässt jetzt auch
ein grösserer Teil der Gäste den Schlüssel zurück.
Aber, und das ist der zentrale Streitpunkt: Mit dem Wechsel von Worten zu
Gewichten oder Magnetkartenlesegeräten verschiebt sich die Arena, in der gespielt
wird, vom 'sozialen Pol' (Worten) zum 'technischen Pol' (Magnetkarten). Nach Latour
macht es überhaupt keinen Sinn, hier zwischen Sozialem und Technischem zu
unterscheiden, denn die entscheidenden Unterschiede im Resultat – das Verhalten des
Besitzers – entspringen nicht dieser Unterscheidung. Die entscheidenden
Unterschiede liegen darin, welche Anlässe und Möglichkeiten der Hotelgast hat, den
Hotelier zu verärgern – Latour nennt dies Gegenprogramm — also: ob er es aus
Boshaftigkeit oder Nachlässigkeit tut. Dies hängt zweifellos von den Eigenschaften
der Aktanten ab, aber diese Eigenschaften wiederum sind nicht davon abhängig, ob es
sich um Menschen oder Dinge handelt.
Ein weiterer Grund für den Kollaps der Unterscheidung zwischen sozialem und
technischem Pol liegt darin, dass es nach Latour sinnlos ist, zu sagen, der
Schlüsselbeschwerer sei 'technisch' und die Worte des Hoteliers seien eine 'soziale
Interaktion'. Der Schlüsselbeschwerer enthält ebenso die Intentionen des Hoteliers
wie die Worte, und der Schlüsselanhänger entfaltet seine Wirkung auch nur in
bestimmten Fällen, nämlich wenn der Gast versteht, wozu das Gewicht da ist. Das
heisst nun nicht, dass der Schlüsselbeschwerer kein technisches Objekt ist. Er ist es
sicher mehr als die Worte des Hoteliers, aber er ist nicht nur technisches Objekt.
64
Latour spricht deswegen von 'Polen', von denen Entitäten näher oder weiter entfernt
sind.57
Und vor allem: Diese Unterscheidungen, ob technisch oder sozial, sind nicht von
Ontologien abhängig. Nach Latour geht es darum, zu verfolgen, wie einer Entität so
etwas wie ontologische Eigenschaften verliehen werden.58 Ontologie ist ein Produkt
eines Netzwerks und nicht etwas der Welt Vorhergehendes.
3.3.3. Kritik an ANT: Die Welt ist ihre Beschreibung, aber sie wird nicht immer
so beschrieben, wie sie ist: Was bleibt vom Realismus?
ANT schlägt quer und ist mit einer Anzahl scharfer Kritiken umgeben, die ANT jede
Legitimation als Sozialtheorie absprechen. Insbesondere im sogenannten
'epistemological chicken'-Streit, der zwischen Callon/Latour und Collins/Yearley
ausgetragen wurde, ging es schliesslich um die bescheidene Frage, wer die
"radikalere" Form von Wissenschaftsforschung betreibt. Im Schlepptau dieses
Armdrückens tauchten ein paar grundsätzliche Fragen auf, die ich im Folgenden
erläutere. Sie dienen dazu, ANT weiter zu charakterisieren und zugleich mit den
anderen Theorien ins Gespräch zu bringen.
1. ANT ist bloss eine neue Sprache
Angesichts der Neologismie Latours liegt der Verdacht nahe, ANT sei bloss alter
Wein in neuen Schläuchen. Allein das Glossar von "Pandora's Hope" (Latour 1999b)
umfasst zehn Seiten, und es ist zu befürchten, dass sich die Anzahl der Begriffe noch
vervielfachen wird.
Collins und Yearley behaupten, dass ANT im Prinzip bloss old-fashioned
Wissenschaftsforschung sei, die durch ein paar neue Vokabeln angereichert wurde.
Die neuen Vokabeln seien aber sinnlos und überflüssig.
Sie demonstrieren ihre Behauptung, indem sie einen der zentralen Aufsätze von
Callon, "Some Elements of a Sociology of Translation: Domestication of the Scallops
and the Fisherman of St. Brieuc Bay" umformulieren (Callon 1986). In dem Aufsatz
beschreibt Callon, wie Meeresbiologen und Fischer in der Bretagne versuchen,
57
Siehe dazu auch Latour (1995, 68 ff.)
65
Kammuscheln zu züchten. Die Beschreibung der verschiedenen Züchtungsversuche
sieht dann folgendermassen aus:
"The Researchers place their nets but the collectors remain hopelessly empty. In
principle the larvae anchor, in practice they refuse to enter the collectors. The
difficult negotiations which were successful the first time fail in the following
years. (…). The larvae detach themselves from the researchers' project and a crowd
of other actors carry them away. The scallops become dissidents. The larvae which
complied are betrayed by those they were thought to represent." (Callon 1986, 219
f.)
Collins und Yearley schreiben diese Passage in die Sprache der 'history of science' um
– wie sie meinen. Das sieht dann so aus:
"The researchers place their nets, but the collectors remain hopelessly empty. In
theory the larvae ought to anchor, in practice they don't. The difficult experiments
which were successful the first time fail in the following years. (…) The larvae fail
to attach themselves and get carried away. The larvae seem to have changed their
nature – the first experiment appears to have succeeded under unrepresentative
experimental conditions." (Collins und Yearley 1992a, 316)
Ist das jetzt dasselbe? Was hat sich verändert? Bleibt die Welt gleich wenn sie
verschieden beschrieben wird, oder etwa nicht? Collins und Yearley vertreten zwei
sich widersprechende Thesen: Erstens behaupten sie, dass die Sprache die Welt nicht
affiziere: "The language changes, but the story remains the same" (Collins und
Yearley 1992a, 315). Wenn dem so wäre, dann ist unverständlich, weshalb sie soviel
Aufhebens um die neue Sprache machen. Lassen wir Callon und Latour in ihrem
Idiom schreiben, das gibt den Geschichten einen exotischen Geschmack, satt werden
wir auch ohne Additive und Gewürze.
Offensichtlich glauben Collins und Yearley aber selbst nicht daran. Eine neue
Beschreibung der Welt produziert eine neue Sicht der Welt, die neue
Handlungsspielräume, neue Beschränkungen, neue Politiken und Ethiken möglich
macht; das lässt sich nicht zuletzt aus der 'klassischen' Wissenschaftsforschung lernen.
Weshalb ist dann diese Form der Beschreibung so ungeheuer?
Die Antwort lautet: Sie gibt Dingen Macht und das beschränkt die Menschen in ihrem
Handlungsspielraum. Gesellschaft verliert Macht an die Natur. Bevor ich die Folgen
58
Ich betone nochmals, dass die Verwendung des Begriffs 'Entität' hier nur dazu dient Menschen,
66
davon erläutere, will ich zuerst nochmals auf die Definition der Aktanten und ihre
sprachliche Form zurückkehren.
2. Anthropomorphismus und ANT
Wenn Collins und Yearley die Passage von Callon umschreiben, dann verfahren sie
nach einem scheinbar einfachen Schema: Alle Tätigkeitsverben, die sich auf nichtmenschliche Entitäten beziehen, werden durch Vorgangs- oder Zustandsverben
ersetzt. Aus "The larvae… refuse to enter the collector" wird "… the larvae ought to
enter the collector, in practice they don't". Aus " …the larvae detach themselves from
the researchers' project…" wird "… The larvae fail to attach themselves…" Aber
werden die Larven hier tatsächlich enthandelt? Offensichtlich nicht. "Fail to attach
themselves" ist ein Tätigkeitsverb. Die Passage vermittelt immer noch den Eindruck,
als hätten es die Larven nicht geschafft, obwohl sie es eigentlich wollten. Dasselbe
gilt für "the larvae ought to enter the collector, in practice they don't".
Die englische Sprache (die deutsche ebenso) hat einen Anthropomorphismus
eingebaut und wir können nichts dagegen tun. Sogar wenn die Larven tatsächlich in
jedem Sinn keine Handlungsfähigkeiten besitzen, beschreiben wir sie kaum anders,
als hätten sie sie doch. Wenn Collins wirklich jegliche Handlungsfähigkeit von den
Larven abziehen wollte, dann müsste er folgendes schreiben: Im Prinzip sollten die
Larven durch Saugkräfte, die von 'der Natur' (!) produziert werden, an die Netze
geheftet sein, in der Praxis verhinderte eine andere physikalische, 'natürliche' Kraft,
dass sie dies taten.
Nun ist dies tatsächlich eine Möglichkeit, das Ankerverhalten der Larven zu
beschreiben, und wir bemerken, dass die Beschreibung nun eher der Sprache von
NaturwissenschaftlerInnen gleicht als derjenigen von SozialwissenschaftlerInnen.
Aber dieser Schluss bringt einen nicht weiter, denn das einzige Resultat davon,
nämlich dass die Sprache der MeeresbiologInnen eine andere ist, als die von
WissenschaftsforscherInnen, ist nicht erstaunlich.
Es zeigt aber noch etwas anderes: Nach Collins und Yearley darf ein
Wissenschaftsforscher, wenn er über nicht-gesellschaftliche Dinge spricht, entweder
nur in der Sprache der jeweiligen Wissenschaft sprechen und damit die Sichtweise der
Dinge und Tiere zusammenzufassen, ohne bestimmte Eigenschaften schon vorauszusetzen.
67
WissenschaftlerInnen übernehmen, oder in der Alltagssprache. Wenn der Sprecher die
Sprache der Naturwissenschaften wählt, dann bedeutet dies aber automatisch, dass er
einen Beitrag zur Diskussion der Naturwissenschaften machen will. 59 Aber, und dies
übersehen Collins und Yearley, es kann keine Vorschrift sein, über Natur nur im
Modus der Naturwissenschaften zu schreiben. Wieso soll ein Dichter nicht Berge und
Täler oder Computer und Festplatten besingen? Weshalb soll ein
Wissenschaftsforscher nicht seine Variante des Verhaltens von Muscheln schreiben?
Die Konfusion besteht einmal mehr darin, dass unklar ist, ob sich ein Schreibmodus
wie "Naturwissenschaft" bzw. "Sozialwissenschaft" oder gar "Poesie" nun auf einen
bestimmten Gegenstand oder eher auf eine bestimmte Art der Erklärung und deren
Effekte bezieht.60
Zusätzlich wird das Problem dadurch verkompliziert, dass auch ein
Wissenschaftsforscher ununterbrochen in irgendeiner Form das Verhalten von Larven
beschreiben muss und dass die Alternative zur Sprache der Naturwissenschaft - die
von Collins bemühte Alltagssprache - selbst indifferent zu diesen
Handlungskategorien ist. In der Alltagssprache sagen wir andauernd Dinge wie:
"Plötzlich machte das Auto einen Satz nach vorn" oder: "Das Buch wollte und wollte
nicht im Regal bleiben" und niemand, auch keine Physikerin, wendet dagegen ein,
man müsse korrekterweise formulieren: "Der Autofahrer stand unvermittelt aufs
Gaspedal, so dass das Auto…" oder "Die Neigung des Regals war zu steil, so dass die
Reibungskräfte
nicht
ausreichten…".
Kurz:
Die
Alltagssprache
ist
anthropomorphisierend, und wir können daraus wenig über das wirkliche Verhalten
der Dinge in der Welt lernen. Der entscheidende Punkt an den Geschichten, die
Callon und Latour erzählen, liegt denn auch nicht darin, dass sie ein
anthropomorphisierendes Vokabular verwenden, sondern dass sie den Dingen einen
Aktantenstatus zuweisen. Mit dem Anspruch symmetrisch, soziale wie natürliche,
technische wie diskursive Aspekte als Bestandteile eines Netzwerkes in einer Sprache
59
Oder er schreibt eine Parodie. Die Parodie zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie das Idiom
des parodierten Gegenstandes verwendet, ohne ein Beitrag zum Gegenstand zu sein.
68
zu vereinen, kollidieren sie zwangsläufig mit allen Abgrenzungsversuchen, die
bestimmte sprachliche Formen bestimmten Entitäten zuzuweisen versuchen.
Dies zeigt sich auch darin, dass sie von zwei Seiten zugleich kritisiert werden:
Einerseits, weil sie zu viel Handlungsfähigkeit nicht-menschlichen Akteuren
zuschreiben und damit dem Anthropomorphismus verfallen, andererseits, weil sie
Menschen zu wenig Handlungsfähigkeit zugestehen. McClellan etwa wirft Latour
vor, ein extrem verengtes Konzept von Motivationen und Intentionen zu haben
(McClellan 1996). WissenschaftlerInnen seien für ihn nichts anderes als
machiavellistische HerrscherInnen über Maschinen, deren einziges Ziel es sei,
möglichst grosse und stabile Netzwerke zu bilden. 'Wissen' sei in der Latour'schen
Konzeption kein Wert an sich mehr, sondern nur noch ein Effekt der
Netzwerkbildung. Der Mensch hinter den Netzwerken sei vergleichbar mit 'homo
oeconomicus', dessen Ziel der Profitmaximierung keinerlei Auskünfte über die
Spezifika bestimmter Formen von Profitmaximierung erlauben.
3. Kuchen backen, Waffen-Bürger und MeLeiHus: Die Grösse von Aktanten
Als dritten kontroversen Punkt möchte ich die Frage nach der Grösse von Aktanten
betrachten. In Sozialtheorien, wie wir sie kennen, ist die Handlungseinheit
üblicherweise ein Mensch oder eine Ansammlung von Menschen, die dann mit
Begriffen wie Klasse, Schicht, Denkkollektiv, Kultur oder Institution belegt wird. Ein
Mensch konnte relativ einfach definiert werden und bildete als Handlungseinheit kein
Problem der Erkennbarkeit für einen Beobachter.61 Bei Kollektiven wurde es schon
schwieriger. Bei ANT werden nun aber kleinere Akteure eingeführt und damit wird
die Definition einzelner Aktanten immer schwieriger, nicht zuletzt, weil jetzt auch
60
Die Rolle der Dekonstruktion ist hierbei entscheidend, denn es geht ja nun nicht mehr nur darum,
was die Gegenstände und Sprachen der Wissenschaften voneinander unterscheidet, sondern auch wie
sich verschiedene wissenschaftliche Sprachen in Bezug auf ihren Gegenstand und andere (nicht-)
wissenschaftliche Sprachen legitimieren. Wie schwierig das geworden ist, sieht man schon daran, wenn
man Habermas dabei zuschaut, wie er in einem "Exkurs zur Einebnung des Gattungsunterschiedes
zwischen Philosophie und Literatur" gegen Derrida und seine Exegeten in den Literaturwissenschaften
argumentiert (Habermas 1988, 219 ff.).
69
nicht mehr zwischen technischen und sozialen Akteuren unterschieden wird. Das
Problem lässt sich demnach in zwei Subprobleme unterteilen:
a) Sind Aktanten nicht selbst schon wieder unterteilbar in technische und soziale?
b) Wie sieht man, wo ein Aktant beginnt und wo er aufhört?
Zu a) Gingras wendet gegen ANT ein, dass Callon und Latour den Fehler begehen,
Relationen und Identitäten miteinander zu vermischen (Gingras 1995). Latour und
Callon würden den Fehler machen, aus der Beobachtung, dass an einem Prozess
technische und soziale Prozesse beteiligt seien, zu folgern, dass sich technische und
soziale Prozesse nicht unterscheiden liessen. Er verwendet dazu das Beispiel eines
gebackenen Kuchens: Der fertige Kuchen erscheint homogen, und ein Kind glaubt
möglicherweise daran, dass der Kuchen aus einer homogenen Substanz bestehe. Aber
der Koch kann mit Leichtigkeit zeigen, dass der Kuchen aus verschiedenen,
voneinander unterscheidbaren Zutaten besteht. So kann er etwa eine chemische
Analyse der Inhaltsstoffe anfertigen oder einfach einen zweiten Kuchen backen (ebd.,
128). Aber hier fällt Gingras auf seine eigene Argumentation herein, denn dem
fertigen Kuchen ist nicht anzusehen, wie er hergestellt wurde und was seine Zutaten
sind. Und sein eigenes Beispiel zeigt, dass es auf die Rekonstruktionsmethode
ankommt, zu entscheiden, was am Kuchen technisch oder sozial ist. Eine chemische
Analyse produziert eine Liste von Inhaltsstoffen, die genau definieren, woraus der
Kuchen besteht, aber dieses 'woraus' ist per Definition nichts Soziales. Das Soziale im
Kuchen enthüllt sich möglicherweise als implizites Wissen oder als Tip im Kochbuch.
Eine soziale Analyse des Kuchens nach dem Backen würde sich vielleicht in
Qualitätsurteilen äussern: "Er ist zu trocken, du hast ihn zu lange im Ofen gelassen!"
Oder man beobachtet, wie der Kuchen hergestellt wird und stellt fest, dass der
Eischnee unsorgfältig untergehoben wurde; deshalb ist der Kuchen nicht gut
aufgegangen. Aber es stellt sich noch ein anderes Problem: Derselbe Kuchen lässt
sich mit zwei verschiedenen technisch-sozialen Mischungen backen: Ich kann ihn
61
Wie man einem Menschen ansieht, ob es ein Mensch ist, war jedoch nicht immer unbestritten: Lord
Monboddo hielt es noch Ende des 18. Jahrhunderts für erwiesen, dass die, auf den Bengalen von den
Schweden angetroffenen 'Eingeborenen' mit Schwänzen, Menschen seien. Er hielt die biologische
Variabilität für viel wahrscheinlicher als die Universalität unserer biologischen Ausstattung: "...and the
most incredible thing, in my apprehension, that could be told, even if there were no facts to contradict
70
'von Hand' herstellen, indem ich Eier, Mehl, Schokolade und Butter mit viel
implizitem Wissen mische, aber ich kann ihn auch in einer Fabrik aus Eiweisspulver,
Mehl, E 322, Kakaobutter, Sojalezithin und ohne implizitem Wissen, dafür mit
Unterstützung von Aufsichtspersonal, Extrudern und Qualitätskontrollen herstellen.62
Natürlich kann ein Beobachter des Herstellungsprozesses immer noch zwischen
technischen und sozialen Aspekten unterscheiden. Aber, und dies ist meiner Meinung
nach die Quintessenz von ANT: Dies spielt keine Rolle für die Beurteilung des
Resultats: den Kuchen.
Zu b) Wie ich schon das Kuchenbeispiel zeigte, ist plötzlich unklar, was überhaupt
Bestandteil eines Kuchens ist. Der Grund für diese Unklarheit liegt darin, dass ANT
die Identifikation bestimmter Identitäten mit bestimmten Eigenschaften aufgibt und
damit zusammenhängend: Die Zuständigkeit von Disziplinen für diese Eigenschaften
ebenfalls entwertet. Um beim Beispiel des Kuchens zu bleiben: Die Inhaltsliste der
Chemikerin sieht anders aus als die des Kochs und nochmals anders als die des
Sozialwissenschaftlers. Die jeweiligen Listen sind disziplinär vorgegeben: Moleküle,
Eier, implizites Wissen. ANT will alles zusammen: Moleküle und Eier und implizites
Wissen.63 Das mag im Falle des Kuchenbackens noch einfach zu lösen sein, denn am
Ende liegt ein Kuchen vor. (Die Ausnahme bildet die Frage, welche
Beschreibungssprache wofür gültig sein soll, s.o.). Aber es gibt viel schwieriger zu
beschreibende Gemengelagen in der Welt, zum Beispiel den oder die 'Meleihu'
(Michael 1997) oder die "Bürger-Waffe", bzw. der "Waffen-Bürger" (Latour 1998).64
Nun ist es einfach, Gingras zu folgen und diese Minihybride in ihre Einzelteile zu
it, would be, that all men in different parts of the earth were the same in size, figure, shape and colour."
Zitiert nach Ingold (1994b, 16).
62
Natürlich behaupte ich, dass ein handgemachter Kuchen besser, als ein in der Fabrik hergestellter ist.
Aber, so traurig dies für den Romantiker in mir ist, dies scheint nur ein technisches Problem zu sein,
das bald gelöst sein wird. Ein Vorbote davon ist die Aufregung um Gentech-Gemüse: Wir wollen daran
festhalten, dass man sieht und schmeckt, dass Gemüse "technisch" ist, aber dies wird immer
schwieriger festzustellen, weswegen das Gemüse gekennzeichnet werden muss.
63
Kochrezepte sind gute Beispiele für die Missachtung von 'Disziplinengrenzen' und deren
sprachlichen Hoheitsgewässern. Es ist nicht ungewöhnlich etwas in der folgenden Art in einem
Kochbuch zu lesen: "Wenn sie eine kalorienreduzierten Kuchen herstellen wollen, so ersetzen sie den
Zucker durch Sacharin. Dabei müssen sie jedoch die Masse sehr sorgfältig unterheben und bei höherer
Temperatur backen. Damit der Geschmack nicht bitter wirkt, geben sie wenige Tropfen Zitronensaft
bei." Keine Köchin stört sich an solchen Formulierungen, aber für jeden Wissenschaftsforscher stellt
diese alltagssprachliche Beschreibung eine Herausforderung dar.
71
zerlegen: Sie enthalten einen Bürger und eine Waffe, bzw. einen Mensch, eine
Hundeleine und einen Hund. Es ist sogar offensichtlich, dass der Waffen-Bürger zum
Beispiel sehr unstabil ist und nur temporär überhaupt existiert. Aber er verfügt über
Eigenschaften, über die weder ein Mensch noch eine Waffe für sich alleine verfügen.
Wenn der Waffen-Bürger jemanden erschiesst, so war es weder die Waffe noch der
Bürger alleine, der die Tat vollbracht hat. Dies gilt auch für die moralische Bewertung
der Tat: Die Waffenlobby argumentiert, nicht die Waffe töte, sondern die moralische
Verkommenheit des Bürgers. Die Waffengegner argumentieren, ohne Pistolen könne
man nicht so leicht jemanden umbringen: Erst die Pistole mache aus dem Vorhaben,
es meinem Nachbarn einmal zu zeigen, einen Mord (Latour 1998, 31 ff.).
Dasselbe gilt für den MeLeiHu, nur ist die Lage hier um einiges komplizierter. Wenn
der MeLeiHu im Supermarkt ein unschuldiges Kind anfällt, wer war dann schuld?
Der Hund, weil er das Kind anfiel oder der Besitzer, weil er nicht genügend früh an
der Leine riss? Und die Leine? Oder umgekehrt gefragt, was, wenn der Hund nicht an
der Leine gewesen wäre? Ist dann der MeHu ohne Leine immer noch ein Aktant oder
sind es jetzt zwei? Und wenn es der Hund des Cousins des Besitzers ist?
Wir haben nur drei Bestandteile, aber eine beinahe unbegrenzte Möglichkeit an
Schuld- und Handlungsverteilungen. Das Hauptproblem am MeLeiHu-Beispiel ist die
Unklarheit, wer eigentlich wen womit zum Handeln bringt. Ist beim Waffenbürger
wenigstens noch einigermassen klar, dass der Bürger am Ende des Netzwerkes ist, so
verschwindet diese Gewissheit beim MeLeiHu vollkommen. Michael bemerkt, dass
die Konzeption von Callon und Latour immer noch Humanismus voraussetze
(Michael 1997). Wenn man aber den Hybrid als Analyseeinheit akzeptiert, dann
verschwindet auch der Humanismusrest:
„But when one begins to think of the hybrid as the unit of analysis, then does one
move from humanism (with its attendant thoughts of human rights and values) to
hybridism (with notions of hybrid rights and values)? But, then, are not humans
hybrids? The question now becomes: How can we talk about the valuation of
hybrids by hybrids?“ (Ebd., 27)
4. Repräsentation und Ethik:
64
Der MeLeiHu ist ein 'Minihybrid' bestehend aus den drei Einzelaktanten Hund, Leine und Mensch.
Auf englisch: Hudogledog (Human, Dogleash, Dog).
72
Wie ich am Ende des ersten Einwandes geschrieben habe, liegt der Haupteinwand von
Collins und Yearley gegen Callon und Latour in der Form der Politik. Collins und
Yearley wollen zeigen, dass Wissenschaft eine Tätigkeit von Menschen ist, dass
deshalb das Weltbild der Wissenschaft kontingent ist, und dass aus dieser Einsicht
politischer Handlungsspielraum eröffnet wird. Die Beschreibung von Callon und
Latour mag aus dieser Sicht sogar realistischer sein als die humankonstruktivistische
Variante, aber weil Fischernetze, Hotelschlüssel und Muscheln nicht am politischen
Leben teilnehmen, kann man ihren Beitrag aus den Geschichten streichen. Die Kraft
der sozialwissenschaftlichen Beschreibung à la Humankonstruktivismus liegt darin,
dass auch die Eigenschaften der natürlichen Welt nicht so sein müssen, wie sie sind,
sondern menschlichem Einfluss unterliegen.
Latour's Antwort auf diesen Einwand ist zweideutig65:
Zuerst ist festzuhalten, dass Latour in einem Interview mit Crawford behauptet,
Wissenschaftsforschung als Kritik an Wissenschaft interessiere ihn nicht.
"One of the reasons I no longer like "irréductions"66 is that there is still a hint of
critique in it. The next books I want to write without critique – without
denunciation. I hope that will show the possibility of doing other social sciences
which are not predicated on the task of unveiling and denouncing as the critique
always asked us to do." (Crawford 1993, 267)
Latour zum Trotz werden seine Texte aber als massive Kritik wahrgenommen. Ich
nenne dies das Hacking-Paradox des Sozialkonstruktivismus: Hacking unterscheidet
verschiedene Positionen des Konstruktivismus anhand ihres Kritikanspruchs (Hacking
1999, 5ff.). Am einen Pol stehen die historischen KonstruktivistInnen. Sie zeigen
nichts anderes, als dass ein gegebenes, jetzt naturalisiertes X, früher einmal andere
Eigenschaften hatte. Dann folgen mit zunehmendem Kritikpotential, ironische,
reformistische, demaskierende, rebellische, und schliesslich revolutionäre
KonstruktivistInnen. Letztere wollen zeigen, dass, weil ein X konstruiert ist, und sie
dieses X für schlecht halten, ein revolutionär anderes X möglich und machbar ist. In
dieser Skala ist Latour bestenfalls als ironischer Konstruktivist einzuordnen. Aber
obwohl ironische KonstruktivistInnen bloss rekonstruieren, wie die Welt im Moment
65
Ich rede hier nur von Latour, da ich keine Texte von Callon kenne, wo er sich zu diesem Problem
äussern würde.
73
geordnet ist, wird auf diesen Hinweis viel nervöser reagiert, als auf den viel
radikaleren Anspruch, die Welt tatsächlich neu zu ordnen, weil man eine andere
Ordnung für besser, gerechter etc. hält. Denn diese revolutionären Forderungen lassen
einen immer noch im Glauben, es gäbe eine wahre, ideale und gerechte Weise, die
Welt zu ordnen.67
Der zweite Aspekt von Latour's Position ist aber, und das wird von den meisten
KritikerInnen übersehen, dass für ihn alle 'politischen' Entscheidungen immer noch in
den Händen von Menschen liegen. Dies folgt aus der Verknüpfung von Netzwerken
und dem Konzept der Repräsentation. Bei Latour steht nämlich am Ende eines jeden
Netzwerkes ein Mensch, der alle Aktanten des Netzwerks repräsentiert. Genau gleich,
wie in der Politik der Wähler dem Politiker seine Stimme gibt und sich damit selbst
zum Verstummen bringt, übergeben alle Aktanten, von Mikroben, Hotelschlüsseln bis
hin zu Muscheln ihre Stimme ihren Vertretern, seien es WissenschaftlerInnen,
PolitikerInnen oder Hoteliers. Die Muscheln sprechen nie selbst, sie werden von den
Fischern oder Meeresbiologen vertreten und die einzige Möglichkeit ihren Dissens zu
äussern, besteht darin, ihre Gefolgschaft im Netzwerk zu verweigern, d.h. nicht zu
ankern. Exit or loyalty (Hirschman 1970).
Am Ende von "Wir sind nie modern gewesen" schlägt Latour ein "Parlament der
Dinge" vor (Latour 1995, 189 ff.). Das Parlament der Dinge ist für Latour nichts
anderes als die Anerkennung des Faktischen: "Ist es zuwenig verlangt, nur öffentlich
zu billigen, was ohnehin schon getan wird?" (Ebd., 192) Ohnehin getan, wird die
Vermischung von menschlichen und nichtmenschlichen Wesen in grossen
Netzwerken. Was Latour also fordert, ist nichts anderes, so lese ich ihn zumindest, als
dass in einer öffentlichen Form diese Hybride als Hybride anerkannt werden. Dies
heisst aber nicht, und deshalb ist das Parlament der Dinge ein in die Irre führender
Begriff, dass die 'Dinge' selbst als Repräsentanten wirksam würden. Um Hirschmann's
Begriffe wieder aufzunehmen: 'Voice' ist keine Alternative für Dinge, nur für
Menschen.
66
Irréductions, mit "a politico-scientific essay" untertitelt, ist der theoretische Teil von "The
Pasteurization of France", eines von Latours Hauptwerken (Latour 1988).
67
Insofern ist es auch nicht erstaunlich, dass sich die 'science wars' weniger an marxistischer,
feministischer oder multikulturalistischer Wissenschaftskritik, die immer noch auf quasiuniversalistischen Rationalitätsstandards aufbaut, sondern am Relativismus entzündeten.
74
Latour's Welt besteht aus Repräsentierten und ihren Repräsentanten: Repräsentanten
können nur Menschen sein, sie alleine haben die Möglichkeit zu 'Voice'.
Repräsentierte können alle und alles sein: Angestellte, Wähler, Tiere, Pflanzen,
Steine, Instrumente. Ihnen gemeinsam ist ihre Beschränkung auf 'exit' oder 'loyalty'.68
Exkurs: Donna Haraway's Repräsentationskonzept
"Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden." (Haraway zitiert
Edward Said zitiert Karl Marx: Der 18. Brumaire des Napoleon Bonaparte)69
Donna Haraway folgt Latour in ihrer Konzeption des Aktanten, wie auch in der
Weigerung, Soziales von Natürlichem zu separieren, aber sie entwirft ein vollkommen
anderes
Repräsentationskonzept
als
er.70
Wo
Latour
deskriptiv
Repräsentationsverhältnisse als Netzwerke thematisiert, deren 'Legitimation'71 aus der
Stärke des Netzwerks erwächst, entwirft Haraway eine Ethik der Repräsentation.
Dazu stellt sie Latours Konzeption normativ auf den Kopf. Wo für Latour ein
Netzwerk dann am stabilsten ist, wenn möglichst viele Entitäten blackboxed sind,
beharrt Haraway auf der Idee, dass 'natürliche' Vertreter über einen unvermittelteren
Zugang zu ihren Ko-Akteuren verfügen. Sie argumentiert, dass die Vertretung durch
68
In einem neueren soziologischen Werk, dass das Problem der Vertretung diskutiert, wird weder auf
Latour Bezug genommen, noch wird bemerkt, dass es keine Gründe gibt, nicht-menschliche Wesen aus
der Definition der Repräsentation auszunehmen (Weiss 1998). Die Definition der Repräsentierten ist
absolut kompatibel mit Latours Konzept. Weiss definiert Stellvertretung mit folgender
"Strukturformel": A handelt für B im Hinblick auf die Aufgabe x".
Er präzisiert dies folgendermassen:
"a) Bei A soll es sich um ein handlungsfähiges Subjekt, d.h. im Normalfall um einen einzelnen Akteur,
u. U. aber auch um eine kleine Gruppe von Akteuren handeln.
b)Dagegen ist das Spektrum von Möglichkeiten, die Stelle von B auszufüllen sehr viel grösser. Vor
allem kann es sich hier auch um "korporative Akteure" und (reale oder ideale) Gemeinschaften
handeln.
c) Die Relation "handelt für" (im weiteren Sinne) kann mindestens die folgenden vier "formalen"
Hauptbedeutungen haben:
"stellt dar", "macht präsent" (Repräsentation im engeren Sinne), "spricht anstelle von", "handelt für" im
engeren Sinne, dabei wäre unter "Handeln" ein zielgerichtetes Eingreifen in Wirklichkeit (physischer,
soziopsychischer oder auch transzendentaler Art) zu verstehen; "entscheidet anstelle von" ..." (Weiss
1998, 30f.)
69
Mit "Sie" ist jeweils jemand anderes gemeint: Bei Haraway sind es Tiere, bei Said Orientalen und bei
Marx Arbeiter. Zitiert in Haraway (1989)
70
Die Verweise auf Latour finden sich meist in Fussnoten verstreut. Die Nähe zu Latour wird jedoch
implizit in allen ihren Texten seit "Primate Visions" deutlich. Siehe dazu Haraway (1989, 6,
dies.1995b, FN, 6, 11 & 14, Seiten 185 ff., dies.1997, 13).
71
Legitimation steht hier in Anführungszeichen, weil dieser Begriff mit ANT unvereinbar ist.
Legitimation beinhaltet immer schon, dass es auch illegitime Repräsentationsverhältnisse geben kann.
Dies lässt sich in ANT Terminologie schlichtwegs nicht ausdrücken.
75
techno-wissenschaftliche Vermittlung starre Bindungen produziere, die den
'ursprünglichen Bindungen' fehlen. Dies zeigt sie anhand der Repräsentation von
Föten und Jaguaren:
"Beide Fragen beruhen auf einer politischen Semiotik der Repräsentation. (...) In
jedem Fall ist das Objekt der Repräsentation die Verwirklichung der kühnsten
Träume des Repräsentanten. (…) Das Repräsentierte muss aus den es umgebenden
und konstituierenden diskursiven wie nicht-diskursiven Zusammenhängen
herausgelöst und in den Herrschaftsbereich des Repräsentanten verbracht werden.
Diese magische Operation bewirkt die Entmächtigung gerade derjenigen – in
unserem Falle: der schwangeren Frau und der RegenwaldbewohnerInnen –, die
dem nunmehr repräsentierten 'natürlichen' Objekt 'nahe' sind. (...) Das
Repräsentierte ist dauerhaft auf den Status dessen reduziert, der Handlungen
entgegennimmt, nicht (und niemals) zum Ko-akteur in einer artikulierten Praxis
einander unähnlicher aber miteinander verbundener sozialer Partner wird."
(Haraway 1995b, 45)
Das heisst nichts anderes, als dass die Stärke der Netzwerke im Latour'schen Sinn von
Haraway normativ entwertet werden: Die Definition, was ein Jaguar ist, und wie mit
Jaguaren umgegangen werden soll, wird stabiler durch technowissenschaftliche
Beschreibung und Verwertung, aber dies geschieht auf Kosten seiner "natürlichen"
Ko-akteure. Was Haraway deshalb fordert, ist eine Neubewertung von
Netzwerkbindungen:
Die
'nahen'
VertreterInnen
sollen
wieder
ein
Repräsentationsrecht erhalten. Deswegen ist es nach Haraway auch falsch, Tieren
Rechte zuzuweisen:
"Das letzte, was Tiere 'brauchen', ist der (in welcher kulturhistorischen Form auch
immer auftretende) Subjektstatus des Menschen. Genau dies ist an vielen
Diskursen, die sich mit den Rechten von Tieren auseinandersetzen, problematisch.
Das einzige, was für die Tiere dabei herausspringt, ist das 'Recht' auf permanente
Repräsentation – sie werden (z.B. in juridischen Diskursen als geringerwertige
Menschen repräsentiert. Mit anderen Worten würden die Tiere das Recht erhalten,
fortwährend 'orientalisiert' zu werden.(...) Es geht nicht um neue Repräsentationen,
sondern um neue Praktiken, andere Lebensformen, in denen sich menschliche und
nicht-menschliche Lebensformen zusammenfinden." (Haraway 1995a, 103)
Haraway unterscheidet hier Repräsentation von Praxis. Repräsentiert zu werden,
gleicht einer Entmündigung, der es zu widerstehen gilt. Statt dessen soll eine Praxis
ausserhalb von Repräsentationsverhältnissen angestrebt werden. Repräsentation in
76
diesem Sinne ist ein Produkt von Institutionen, deren Regeln nur bestimmte
Repräsentanten zulassen. Alle Akteure, die diese Regeln nicht erfüllen können, sei es
wegen Unkenntnis der Regeln, fehlender Macht oder Sprachlosigkeit, müssen
repräsentiert werden. Haraway will diese Regeln ausser Kraft setzen. Sie will das
System der Vertretung umgehen, indem neue Praktiken entwickelt werden, die
Vertretungen überflüssig machen.
Im Gegensatz zu Latour, der meiner Meinung nach kein Ausserhalb von
Repräsentationsverhältnissen für Dinge und Tiere kennt, strebt Haraway gerade dies
an. Die Stabilität von Netzwerken beruht ihrer Meinung nach nicht auf einer
'tatsächlichen' Stabilität, die bei Latour als eine Art allgemeines Gesetz dargestellt
wird, sondern auf einem sehr spezifischen Wissenschaftssystem, das bestimmte
Repräsentationsverhältnisse voraussetzt. Bei Latour wird die Wissenschaft immer
'besser', weil sie immer längere Netzwerke baut. Nach Haraway wäre es aber möglich,
die Geltungsregeln so zu ändern, dass 'nahe' Bindungen höher bewertet werden als
starre und lange.72
Die Gefahr bei Haraway besteht zweifellos darin, 'nahe' Bindungen zu
essentialisieren. Tendenziell läuft sie Gefahr, Frauen, Mütter, UreinwohnerInnen etc.
in ihren Eigenschaften als naturnahe Wesen festzuschreiben. Natürlich würde
Haraway dies als eine Unterstellung weit von sich weisen, und es wird auch
konterkariert durch ihre Propagierung des 'Cyborg' als umfassende Metapher für
Technokörper,73 sowie durch ihre Apostrophierung der Begriffe 'nahe' und 'natürlich'.
Aber gerade die Apostrophierung zeigt, wie eng das Terrain zwischen
Essentialisierung und Konstruktivismus ohne ethischer Fundierung ist.
72
Entscheidend bei der Frage ist, inwiefern starke Netzwerke per se, sozusagen ontologisch 'stark' sind,
oder ob sie diese Eigenschaften nur unter spezifischen, technowissenschaftlichen Umständen zeigen.
Dass eine ANT-Geschichte der ANT oder anderer Sozialwissenschaften so schwierig zu schreiben ist,
kann unter diesen Umständen verschieden interpretiert werden: Entweder zeigt dies, dass die 'Stärke'
der Netzwerke tatsächlich situativ bedingt ist, oder aber, dass die Sozialwissenschaften eben sehr
ineffizient und unstabil sind und es versäumt haben, starke Netzwerke auszubilden. Wie Collins und
Yearley zu Recht anmerken, wird es dann aber schwierig zu erklären, weshalb 'big science'Sozialwissenschaft quantitativer Art mit maximaler Computer- und Formalisierungsunterstützung im
Laufe der sechziger und siebziger Jahre nicht alle anderen Formen von Sozialwissenschaften aus dem
Feld geschlagen hat (Collins und Yearley 1992b, 377).
73
Es ist erstaunlich, welche Karriere der Cyborg-Begriff erlitten hat. Im Laufer der Rezeption wurde er
zu einer Art luststeigernder Vokabel, die allen Diskussionen über Technisierung des Natürlichen
beigemischt wurde. Dabei verlor er alle ambivalenten Verbindungen zu Haraway's
Repräsentationskonzept. Für eine Übersicht siehe Gray (1995).
77
Wer ist 'nahe' beim Fötus und wer ist fern? Wer ist ein Kinderexperte: Der Vater oder
die Pädiaterin? Wer entscheidet, ob ein Tier weiter gepflegt oder eher euthanasiert
werden soll? Wer weiss besser, ob ein Hund unter Kopfschmerzen oder unter einem
Virenbefall leidet, die Veterinärmedizinerin oder der Tierbesitzer?
3.3.4. Zusammenfassung
ANT bricht mit den meisten Vorannahmen von Sozialtheorien, weil ANT nicht nur
das Soziale, sondern sämtliche Geschehnisse in der Welt beschreiben will. Weder der
sozialwissenschaftliche noch der naturwissenschaftliche Beschreibungsmodus liefern
eine sinnvolle Sicht auf die Welt. Deshalb wird die Welt als eine Ansammlung von
Netzwerken beschrieben, die ihrerseits aus Aktanten bestehen. Am Ende jedes
Netzwerkes steht ein Mensch, dessen macchiavellistisches Ziel es ist, sein Netz zu
vergrössern. Netzvergrösserungen werden erreicht, indem Aktanten, d.h. Entitäten,
die auf 'trials' antworten, kooperieren. Alle Begriffe wie Kooperation oder Widerstand
sind symmetrisch mechanomorph und anthropomorph. Sie erhalten ihre Definition
nicht über a priori zugewiesene Eigenschaften von Entitäten. Es ist umgekehrt so,
dass alle Entitäten ihre jeweiligen Eigenschaften nur temporär als Netzwerkfunktion
zugewiesen erhalten. Dies gilt auch für Menschen, mit Ausnahme ihrer Fähigkeit zur
Repräsentation. Menschen unterscheiden sich einzig und allein von Nichtmenschen
dadurch, dass sie andere Entitäten repräsentieren können. Weil ANT vor allem ein
realistischer Beschreibungsmodus sein will und versucht, jeglichen Kritikanspruch
loszuwerden, setzt ANT zumindest explizit keine Ethik voraus.
78
79
4. Einschub: Tiere, Besitzer und VeterinärmedizinerInnen in
Lehrbüchern
4.1. Über das Fehlen einer spezialisierten Literatur
Im Gegensatz zur Humanmedizin kennt die Veterinärmedizin keine Diskussion der
Rolle der verschiedenen Akteure in medizinischen Interaktionen.74 Weder gibt es eine
solche Literatur von einem eigenen Forschungszweig wie der Sozialpsychologie, der
Psychologie oder der Medizinsoziologie, noch existiert sie innerhalb der
Veterinärmedizin selbst.75 Die VeterinärmedizinerInnen, die ich interviewte, sagten,
sie hätten während ihrer Ausbildung kaum etwas Theoretisches darüber erfahren.
Während meines Aufenthalts in der Klinik wurde auch nie auf irgendwelche Texte,
Positionen oder Autoren Bezug genommen, wenn wir über Arzt-Besitzer-Tier
Interaktionen sprachen, sondern immer nur auf die eigene Erfahrung oder auf
mündlich überliefertes Wissen. Dies kann kaum auf die fehlende Problematik dieser
Interaktionen zurückgeführt werden, wie im Laufe der Arbeit klar werden wird.
Wieso auch? Es ist offensichtlich, dass die Tatsache, dass der Patient stumm ist, den
Anlass eher verkompliziert, indem der Besitzer als Vertreter des Patienten eine
wichtige Rolle spielt. Dabei sollte aber nicht vergessen gehen, dass die Privilegierung
des Standpunktes des Patienten auch in der Humanmedizin nicht so offensichtlich ist,
wie sie uns erscheint. Die Person, die eine Krankheit erfährt und diejenige, die die
Autorität zur wahrheitsgetreuen Erzählung dieser Krankheit innehat, muss nicht
dieselbe sein. Byron J. Good zeigte zum Beispiel, dass in der ländlichen Türkei die
74
Eine sehr gute Diskussion über die Geschichte wie die Arzt- Patientenbeziehungen in der
Humanmedizin in Lehrbüchern dargestellt werden, findet sich in Armstrong (1984) und Gothill (1999).
Dort finden sich auch weitere Literaturhinweise.
75
Per Zufall fand ich einen Artikel, der sich dazu äussert (Miller 1999). Darin bemängelt die Autorin,
dass VeterinärmedizinerInnen zu wenig in ihrer Ausbildung im Aufnehemen der Patientengeschichte
trainiert würden und erläutert die Wichtigkeit dieses vernachlässigten Teils der veterinärmedizinischen
Tätigkeit. Sie zitiert ausserdem ein Buch, das ich nicht auftreiben konnte: Myrha Milani: The Art of
Veterinary Practice: A Guide to Client Communication. Darin werden drei Rollen der
Veterinärmedizinerin beschrieben: Veterinärmedizinerin als 'God', Veterinärmedizinerin als 'best
friend', sowie Veterinärmedizinerin als 'facilitator'. Die Rolle als 'facilitator' ist zwischen den anderen
beiden angesiedelt und wird als Idealrolle angesehen.
80
Autorität in der Erzählung einer Krankheit nicht unbedingt dem Kranken, sondern
bestimmten Familienmitgliedern zufällt (Good 1994, 158 ff.).
Das grundlegende Fehlen einer solchen Literatur lässt sich auf mindestens drei Dinge
zurückführen: Erstens beschäftigen sich VeterinärmedizinerInnen dem Namen ihres
Berufes nach mit Tieren. Die gesamte Ausbildung konzentriert sich um das Tier. Der
Besitzer gilt als eine black box, die erschwerend oder erleichternd in den
Interaktionsprozess eingreifen kann, aber als solcher nicht thematisiert wird.
Zweitens ist die Veterinärmedizin, zumindest in der Form, wie ich sie kennengelernt
habe, und wie sie in den Lehrbüchern dargestellt wird, ausschliesslich einem
mechanistischen Wissenschaftsideal verpflichtet. Der Körper der Tiere wird als eine
Ansammlung von Organen, Funktionen oder Systemen vorgestellt. Im Verhältnis zur
Humanmedizin existiert keine Beitrag von Seiten "seelischer" Disziplinen, wie
Psychologie, Psychoanalyse oder Psychosomatik.76
Schliesslich besitzen die Patienten der Veterinärmedizin offensichtlich einen weniger
hohen sozialen und ökonomischen Stellenwert als diejenigen der Humanmedizin. Das
zeigt sich auch in der finanziellen Organisation: Veterinärmedizinische Behandlungen
müssen normalerweise von den BesitzerInnen selbst bezahlt werden. Die Wertigkeit
und die finanzielle Situation haben den Effekt, dass veterinärmedizinische
Behandlungen verhältnissmässig eingeschränkt und billig sein müssen.77 Dies hat zur
Folge, dass hauptsächlich somatische, lebensbedrohliche Krankheiten behandelt und
erforscht werden, psychosomatische hingegen kaum.
Dennoch existieren Diskussionen über das Arzt-Besitzer-Patientenverhältnis und zwar
in Form von kurzen Kapiteln in Lehrbüchern, die meist am Anfang, dem eigentlichen
Inhalt des Buches vorgestellt sind.78 In vielen Lehrbüchern fehlen sie gänzlich und ich
hatte den Eindruck, es handle sich dabei um eine Form von Auflockerung zum
76
Das heisst nicht, dass Tieren notwendigerweise eine 'Psyche' abgesprochen wird. Das
veterinärmedizinische System ist einfach (noch) zuwenig ausdifferenziert, um eine solche Literatur zu
kennen.
77
Obwohl die veterinärmedizinische Versorgung, wie auch der veterinärmedizinische Wissenskorpus
in den letzten fünfzig Jahren analog zur Humanmedizin förmlich explodiert ist (Swabe 1997).
78
Meine Auswahl ist weder vollständig, noch repräsentativ, sie beruht auf einer Konsultation der
Lehrbücher der Bibliothek der veterinärmedizinischen Klinik der Universität Zürich. Berücksichtigt
habe ich alle dort vorhandenen Bücher zur Kleintiermedizin, die entsprechende Kapitel enthalten. Bei
den folgenden Ausführungen geht es ohnehin nicht darum, ob dies die Sicht 'der' Veterinärmedizin
darstellt.
81
Buchanfang.79 Im Unterschied zum restlichen Inhalt der Bücher wird dabei nicht auf
konkrete Fälle oder bestehende Literatur Bezug genommen, sondern sie erscheinen
unsystematisch den Erfahrungen der Autoren entsprungen. Der Schreibstil und die
Form orientieren sich dabei an Ratgeberliteratur: Das Ziel der Texte ist eine
Optimierung der Anamnese, bzw. der Fähigkeit der VeterinärmedizinerInnen die
Anamnese nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Ein weiteres Merkmal der
Einführungskapitel ist, dass sie sich weder sprachlich noch sachlich an die
Arbeitsteilung der Disziplinen halten. Sie sind der Ort, an dem alles zur Sprache
kommt, in dem der Kontext der veterinärmedizinischen Arbeit plötzlich auftaucht.
Hier werden Arbeitsabläufe plötzlich problematisch, die soziale Rolle von Tieren
scheint auf, und die Logistik und technologische Einrichtung einer Praxis enthüllen
ihr Eigenleben. Im folgenden benutze ich solche Ausführungen, um zu sehen, wie
LehrbuchautorInnen Interaktionen in der Klinik konzeptualisieren. Sie nehmen so für
einen Augenblick meine Position ein und sprechen als unautorisierte
Sozialwissenschaftler. Ich will nicht demonstrieren, dass VeterinärmedizinerInnen
gute oder schlechte SozialwissenschaftlerInnen sind, sondern, dass sich das Problem,
wie über Hunde, Besitzer und Ärzte gesprochen werden soll, mit gleicher Schärfe
auch für sie stellt.
4.2. H. G. Niemand: Praktikum der Hundeklinik: Die Sozialtechnologie
der Veterinärmedizin oder ANT avant la lettre
Die fünfte Auflage des "Praktikums der Hundeklinik" von Hans G. Niemand bietet
eine ausführliche quasi-Aktor-Netzwerk-Analyse einer Anamnese (Niemand 1984).
Bevor Niemand zum medizinischen Teil kommt, erläutert er die ideale Praxis und den
idealen Umgang mit Hunden. Er beginnt mit dem optimalen Praxisstandort und endet
mit "dem Hund auf dem Untersuchungstisch". Dieser Ablauf folgt ausschliesslich der
Optimierung aller Praxisabläufe unter Zuhilfenahme der gegenwärtig besten
Technologien. Die Welt ist für Niemand mechanomorph, egal welche Entitäten sich
79
Ausführungen über Besitzer und Hunde finden sich nur in allgemeinen Lehrbüchern. In allen
Lehrbüchern von Teildisziplinen, wie Chirurgie oder Dermatologie finden sich solche Ausführungen
nicht, denn diese setzen an einem Punkt ein, an dem der Patient schon in Subfunktionen oder
Körperteile 'zerlegt' ist und als 'ganzer' gar nicht mehr in den Blick gerät.
82
in ihr bewegen. Alle sind Puppen in einem behavioristischen Kabinett, die von der
Veterinärmedizinerin zu ihren Zwecken eingespannt werden müssen.
Niemand beginnt mit Kauf und Einrichtung der Praxis. Sie soll verkehrstechnisch gut
erschlossen, ebenerdig gelegen sein, "damit Rüden nicht an zu vielen Ecken
vorbeilaufen müssen" (Ebd., 2) und sich möglichst im Eigentum der Ärztin befinden.
Die Eingangstür sollte nach Möglichkeit einen automatischen, elektrisch verzögerten
Türöffner haben, weil "die Verzögerung von 2-3 Sekunden den psychologischen
Effekt (hat), dass der Patientenbesitzer den Eindruck des persönlichen Türöffnens
hat." (Ebd., 2) Im Keller sollte sich ein Toilettenraum befinden, "an den sich die
Hunde schnell gewöhnen, weil er für den Hund verführerisch riecht." (Ebd., 2) Das
Wartezimmer sollte ausreichend gross und freundlich eingerichtet sein.
"Farbpsychologie = lindgrün beruhigt, gelb heitert auf, oliv tranquilliert. Praktisch:
Rauhfasertapete mit schnell zu erneuerndem Kunstharzanstrich. Durch ein Aquarium
oder einen Käfig mit bunten, bewegungsfreudigen oder auch singenden Vögeln kann
man zur Ablenkung der Patientenbesitzer beitragen." (Ebd. 3.)
Der Untersuchungsraum schliesslich sollte gut schallisoliert und hell sein. "Räume,
die nur künstlich beleuchtet werden können, sind ungeeignet, weil Farbabweichungen,
wie sie z.B. im Beginn eines Ikterus (Gelbsucht, d. A.) auftreten, nicht immer zu
erkennen sind." (Ebd. 3)
Niemand reiht in kürzest möglichem Stakkato Massnahmen aneinander, mit denen
Besitzer wie Hunde gezwungen werden, ihre Position einzunehmen. Bauliche
Massnahmen haben direkte Auswirkungen, die über alle Sinne vermittelt werden.
Farben, Gerüche, Licht, Formen sollen Besitzer und Hund beruhigen, fröhlich
machen, und von Verunreinigungen der Praxis abhalten. Hunde und Besitzer folgen
psychologischen Mechanismen, deren Gesetze bekannt sind. Beide haben zwar ihre je
spezifischen Eigenschaften, aber diese sind gleichermassen bekannt und durch
geeignete architektonische Technologien beherrschbar. Abweichungen individueller
oder 'kultureller' Art sind kein Thema. Weder Hunde noch Besitzer sind für Niemand
Handelnde, mit denen kooperativ etwas erreichtet werden soll. Sie sind bloss Glieder
in einer Kette auf dem Weg zur Krankheit, wie dem Ikterus.
Was die Einrichtung anbelangt, so ist sie auf Hund und Besitzer ausgerichtet: Die
Formung von Hund und Besitzer nach den Bedürfnissen des Arztes ist gleichermassen
wichtig. Bei der Untersuchung des Hundes aber verschwindet der Besitzer
83
zunehmend aus dem Bild. Die Rolle des Besitzers ist jetzt geschrumpft zu einem
Aktanten im Netz der Untersuchbarkeit des Hundes.
"Beim Hinaufheben auf den Untersuchungstisch Kopf des Hundes durch den
Besitzer halten lassen! Stehende Hunde, wenn sie weiterhin stehenbleiben sollen,
nicht an die Hinterbeine fassen, weil sie sich dann meist hinsetzen. Während der
Untersuchung möglichst mit dem Hund sprechen (Stille macht ihn unruhig und
misstrauisch) und mit Körper, Arm oder Hand (siehe Abb. 84) zum Hund
Verbindung halten. Keine Angst zeigen. Zögerndes und ängstliches Untersuchen
macht Hunde misstrauisch, widerspenstig und angriffsbereit. (…) Bei sehr bissigen
Hunden bewährt sich ein Schnauzenband besser als ein Maulkorb, weil es dem
Hund ungewohnt ist (siehe Abb. 88). Wenn möglich Kopf des Hundes von hinten
mit beiden Händen halten, von vorn Band überwerfen (siehe Abb.89). Bissigkeit
aus Misstrauen besonders häufig bei Chow-Chow und Skye-Terrier, aus
Ängstlichkeit (Angstbeisser) bei wesensschwachen Schäferhunden, aus Schärfe bei
Rottweiler und Dobermann. (…) Einmaliges Durchsetzen gegenüber dem Hund
genügt in der Regel. Beim zweiten Mal pariert er meist ohne Zwangsmittel." (Ebd.,
58-61)
Der Besitzer wird zum Gehilfen der Ärztin. Er tut, was von der Ärztin angeordnet
wird, oder tut es einfach so. Die Ärztin redet mit dem Hund, denn dies beruhigt ihn.
Mit dem Besitzer wird nicht unbedingt geredet. Im obigen Abschnitt hat der Besitzer
die psychologischen Eigenschaften verloren, die er vorhin noch hatte. Jetzt tut er
einfach, was der Arzt von ihm erwartet. Er ist nun vollkommen unspezifisch und
mechanomorph. Der Hund hingegen ist zum Problem geworden. Sein Eigenschaften
haben sich multipliziert, und zwar zum Schlechten hin. Er ist eine Ansammlung von
Gefahren und Widerstandsprogrammen geworden. Der Hund ist jetzt ausdifferenziert
nach Rasse, die mit seiner Gefährlichkeit gekoppelt ist. Die Ärztin hat es nicht mehr
mit dem Hund zu tun, sondern mit "wesensschwachen Schäferhunden". Die Aufgabe
der Ärztin ist es, des Hundes Herrin zu werden, indem sie bestimmte Techniken zur
Durchsetzung lernt. Dazu dienen ihr Hilfsmittel wie Maulkörbe oder Bänder, nicht
jedoch der Besitzer. Zu Beginn des Abschnittes verdiente seine Kooperation noch ein
Ausrufezeichen, im Gefahrenfall nützt er nichts mehr.
Die Untersuchung selbst beginnt hingegen schon, bevor sich der Hund auf dem Tisch
befindet: "Es ist ratsam, den Hundebesitzer zuerst einmal nur von weitem und kurz zu
begrüssen, um das Augenmerk weitgehend auf den Patienten richten zu können.
Häufig lassen sich bei dieser Inaugenscheinnahme schon verschiedene krankhafte
84
Symptome feststellen: " (Ebd., 62) Danach folgt eine Aufzählung von beobachtbaren
Symptomen wie Lahmheit, Parese (leichte Lähmung/Muskelschwäche), Ohrschütteln,
erschwerter oder beschleunigter Atmung, Husten, Abdomen, kachektischem
Ernährungszustand (Schwäche), Fell, Tränenstrasse und Apathie.
Indem der Hundebesitzer "nur von weitem und kurz" begrüsst wird, werden übliche
Begrüssungsrituale ausser Kraft gesetzt, um den Hund ins Zentrum der
Aufmerksamkeit zu setzen. Der Hundebesitzer ist jetzt zu einem Hindernis im
Gelände geworden, der nur noch durch minimale Anforderungen an Höflichkeit die
Aufmerksamkeit verdient. Erstaunlich an diesem Passus ist ja nicht, dass geraten
wird, den Hund schon beim Eintreten in die Praxis zu beobachten, sondern dass dies
mit der räumlichen Organisation von Begrüssungsritualen kollidiert. Üblicherweise
begrüsst man jemanden von nahem, so dass die Aufmerksamkeit der in die
Begrüssung verwickelten nur auf den Begrüssten gerichtet sein kann; Niemand
hingegen schlägt vor, diesen Aspekt zu umgehen. Andererseits spricht er nur davon,
den Besitzer zu begrüssen, nicht hingegen den Hund.
Nachdem die erste Begutachtung des Hundes am Boden vorbei ist, kommt die
eigentliche Untersuchung auf dem Tisch:
"Zur Vermeidung unnötiger Aufregung lasse man einen kleinen, leichten Hund von
dem Besitzer allein auf den Tisch heben. Einen grossen und schweren Hund hebe
man gemeinsam mit dem Besitzer auf den Tisch; dabei soll der Besitzer möglichst
in der Nähe des Kopfes des Patienten bleiben.
1. Anamnese
'Wes des Herz voll ist, des gehet der Mund über.' Dieses Sprichwort trifft in
besonderem Masse auf die Besitzer kranker Vierbeiner zu. Geschwätz oder ins
Masslose ausufernde Krankheitsberichte sollte man nach Möglichkeit mit den
Worten abzubrechen versuchen: 'Sehr interessant, was sie bisher erwähnt haben,
aber sagen sie mir zuerst einmal, weswegen sie mit ihrem Hund zu mir gekommen
sind.'
Weiterhin beim Ermitteln des Verhaltens nie Suggestivfragen stellen! Beispiel:
Hund mit Durchfall.
Suggestivfrage: Sie haben doch ihrem Hund nicht etwa Wasser oder Milch zu
trinken gegeben?
Diese Frage wird fast ständig verneint!
Bessere Fragestellung: Wieviel Wasser oder Milch haben sie ihrem Hund eigentlich
in den letzten Tagen zu trinken gegeben?
85
Fragestellung so, als ob falsches Verhalten richtig wäre, weil dann am ehesten eine
der Wahrheit entsprechende Antwort zu erwarten ist. (Ebd., 64, Kursiv im Original)
Hier ist die einzige Stelle, an der der Besitzer ausführlicher zur Sprache kommt.
Anamnese ist wichtig, sie steht an erster Stelle, noch vor dem Thermometrieren, der
Auskultation und Perkussion und der allgemeinen Untersuchung mittels Augen und
Nase. Aber der Besitzer ist auch bei der Anamnese vor allem ein Problem. Es sind
nicht wenige oder manche Besitzer, die geschwätzig sind, sondern es ist der Besitzer
per se und es gibt eine Formel, einem Zauberspruch gleich, die ihn vom Reden abhält.
Neben seiner Geschwätzigkeit ist der Besitzer vor allem ein Reservoir an Wissen,
über das die Ärztin nicht verfügt und das möglichst unverfälscht angezapft werden
soll. Entgegen Niemand's eigener Forderung, man solle keine Suggestivfragen stellen,
schlägt er vor, Suggestivfragen so zu stellen, dass die "Wahrheit" als Antwort erwartet
werden kann. Es geht nicht darum Suggestion zu vermeiden, weil man dem Besitzer
gegenüber ehrlich sein soll, sondern weil Besitzer "Wahrheit" ungern preisgeben.
In den vorher zitierten Texten erfährt man einiges über das tatsächliche Vorgehen von
VeterinärmedizinerInnen. Aber was mich hier interessiert, ist, wie über Besitzer,
ÄrztInnen und Tiere geredet wird, was Erwähnung findet und wie sich diese
Beschreibungen zu den drei Theorien verhalten.
Vom Vokabular einmal abgesehen handelt es sich um makellose ANT-Theorie.
Besitzer und Hund sind nichts anderes als Aktanten in einem Netz, mit dem
ungenannten Ziel Behandlungserfolg. Hunde wie Besitzer werden genau wie Latours
Aktanten beschrieben: Sie sind Antwortgeber in 'trials'. Besitzer und Hund
unterscheiden sich nicht grundsätzlich darin, wie sie auf Handlungen der Ärztin
reagieren können. Dies ist ein Effekt davon, dass sie von Niemand als Widerstände
wahrgenommen werden, wobei die Gründe für ihren Widerstand unthematisiert
bleiben. Das Geschehen in der Veterinärmedizin wird nicht als eine Handlung
verstanden, die auf gegenseitigem Vertrauen, Verständnis und Empathie beruht, was
ja die Fähigkeit zu Vertrauen und Verständnis voraussetzen würde. Weder Hunde
noch Besitzer verfügen darüber in einem ontologischen Sinne, sondern weil sie nicht
danach gefragt werden.
Und was ist mit der Ärztin? Im Gegensatz zu einer ANT Beschreibung, wo sie die
Hauptrolle spielen würde, bleibt die Ärztin weitgehend unsichtbar. Sie ist Addressat
von Empfehlungen und Anweisungen, die sie mit der Kapazität, eine Praxis zu
führen, ausstatten. Aber sie selbst hat keine Eigenschaften und kein Gesicht. Die
86
Ärztin ist nicht die Heldin im Kampf um Leben und Tod oder die fürsorgende Mutter.
Sie ist eine Art Kaderangestellte von Herrn Niemand, die seine Befehle ausführt, um
den Praxisablauf zu optimieren. Sie ist eine Ausführende von Anweisungen, nicht
mehr und nicht weniger. Ihre Sinne sind wach, technikgestützt und neutral. Sie spricht
mit dem Hund, aber nicht aus Tierliebe, sondern aus dem Wissen um den
besänftigenden Effekt.
4.3.
Holzworth und McCurnin/Poffenbarger: Philosophien des
Vertrauens
Die beiden Lehrbücher von Holzworth "Diseases of the Cat" und
McCurnin/Poffenbarger "Small Animal Physical Diagnosis and Clinical Procedures"
gleichen sich stark in ihrer Diskussion des Verhältnisses von Ärztin, Besitzer und Tier
(Holzworth 1987, McCurnin und Poffenbarger 1991). Die Technologien und
Innenarchitektur der Praxis spielt in beiden kaum eine Rolle. Sie beschränken sich im
wesentlichen auf 'soziale' Interaktionen. Diese werden viel flexibler als bei Niemand
dargestellt und von spezifischen Fähigkeiten der verschiedenen Akteure abhängig
gemacht. Dabei wird auch auf veränderte Eigenschaften der Akteure Bezug
genommen:
"Another significant trend is reflected in the naming of pets. Fluffy, Tippy, Mittens,
and Whiskers are now George, Otis, Mildred, and Dorothy – a clear sign that,
however psychiatrists interpret anthropomorphism, pets are considered people.
Their families, not surprisingly, expect medical care comparable to that available
for humans." (Holzworth 1987, 1)
Die Personifizierung durch Namensgebung wird in einen Zusammenhang mit
gestiegenen Anforderungen an die Veterinärmedizin gebracht. Es ist für Holzworth
nicht die Tatsache, dass Katzen Namen erhalten, die diese Anforderungen auslösen,
sondern der Wandel von typischen Katzen- zu Menschennamen. Indem die Katze den
Namen von Menschen erhält, wird ihr das Recht zu medizinischer Versorgung
verliehen. Hier wird für die "Personifizierung" von Katzen im wesentlichen die
Besitzerin verantwortlich gemacht. Aber in der Art wie über Anthropomorphismus
gesprochen wird, scheint durch, dass Holzworth die Auffassung teilt, dass Katzen
ernstzunehmende Akteure sind. Gleich darauf heisst es :
87
"If a veterinarian has not been lucky enough to grow up with cats, he should
acquire one or two and become familiar with feline behavior in health and disease.
An understanding of cats' ways and assurance in handling them are quickly sensed
by both animal and owner and go far to win the confidence of both." (Ebd., 1)
Vertrauen von Katze und Besitzer ist notwendig und kann gelernt werden, indem man
selbst Katzen hält. Hier sind die Mechanismen der Vertrauensbildung für Katze und
Besitzer noch ziemlich unspezifisch und für beide gleich. Sie sind nicht abhängig oder
problematisch von bestimmten Fähigkeiten. Für die Erhebung der Krankengeschichte
hingegen werden die spezifischen Eigenschaften relevant. McCurnin und
Poffenbarger (im folgenden abgekürzt McCurnin) schreiben:
"The traditional role of our profession has been to care for all animals on the planet.
However, we have a broader level of knowledge and understanding now that
includes the human-animal bond.
Most of our historical information about our patients must come from the animal
owner. Our patients communicate in their own ways to us, but we must also be
skilled in obtaining pertinent information from our clients. Accurate historical
client information can be as important as the patient's clinical finding." (McCurnin
und Poffenbarger 1991, v)
Besitzer und Tier kommunizieren mit der Ärztin, aber auf ihre je eigene Weise. Die
Kommunikationweise des Tieres ist rätselhaft und unverstanden, "in their own ways",
aber sie findet statt. Natürlich ist der Bogen von der Rolle der Veterinärmedizinerin
als Fürsorgerin aller Tiere auf der Welt, über die verbesserte Kenntnis des MenschTier Verhältnisses, das die meisten Tiere auf der Welt wieder ausschliesst, zu den
kommunikativen Details überzogen. Aber es deutet wenigstens an, dass eine
Verbindung zwischen dem Selbstbild der Ärztin und der Kommunikation mit Tier
und Besitzer besteht.
Im Gegensatz zu Niemand, der vorschreibt, man solle nur den Besitzer von weitem
grüssen, schlägt McCurnin vor, auch das Tier zu grüssen und somit zu beiden eine
persönliche Beziehung herzustellen. Der Besitzer soll mit Namen und Titel
angesprochen werden, das Tier nur mit Namen. Im folgenden ist bei beiden Autoren
vor allem von den Besitzern die Rede, das Tier gerät aus dem Blick. Allerdings finden
sich bei beiden Autoren noch kürzere Abschnitte zur Beruhigung aufgeregter und
bissiger Tiere. Holzworth geht nicht davon aus, dass Katzen in jedem Fall überwältigt
werden können:
88
"There are some cats – luckily few – to which it is impossible to administer oral
medication of any kind, and both owner and veterinarian must accept that there are
limitations to what can be done for such an animal." (Holzworth 1987, 9).
Diese Ansicht respektiert, wenn auch mit Bedauern, ein 'Selbstbestimmungsrecht' der
Patienten. Die Katze ist soweit fähig, Widerstand zu leisten, dass eine medizinische
Versorgung nicht im gewünschten Masse möglich ist. Die Katze ist nicht wie bei
Niemand ein widerständiges Objekt, das von der Ärztin unter Einspannung des
Besitzers überwunden werden muss, sondern ein widerstandleistendes Objekt, das
emotionale Effekte bei Besitzer und Ärztin hervorrufen kann und dessen
Widerstandskraft soweit gehen kann, dass diese in einen zu akzeptierenden Willen
übergeht. Die Widerstandskraft wird dann, wiederum anders als bei Niemand, nicht in
der Rasse angelegt, sondern als eine unspezifische indivivuelle Eigenschaft
angesehen: "some cats".
Holzworth und McCurnin beschäftigen sich viel ausführlicher als Niemand mit dem
Ablauf der Anamnese und sie geben dem Besitzer viel mehr Spielraum. Andererseits
schreiben sie viel kürzer über den Umgang mit Tieren, obwohl sie sie als Akteure
ernst nehmen.
Die Aufnahme der Krankengeschichte ist für Holzworth, wie für McCurnin, zentral
für eine gute Diagnose. McCurnin entwickelt eine "philosophy of physical diagnosis
and history taking". Die 'Philosophie' beruht auf der Anerkennung der Ambivalenz
medizinischer Praxis:
"The practice of medicine is imprecise. Consequently, there is an artistic as well as
a scientific component. Its principal and distinctive feature is human ability. (...)
The foremost is the power of attention, the concentration of the mind on a single
thought or object (the owner of the animal during history taking or the animal
during physical examination). This sounds simple, but very few professionals ever
attain it." (McCurnin und Poffenbarger 1991, 4)
Tier und Besitzer sind hier Zeichengeber, sie sind unbestimmt in ihrer Rolle und
damit auch nicht Objekte der Manipulation. Die Aufgabe der Ärztin ist die Erreichung
eines Zen-artigen Bewusstseinzustandes, der jedoch für die meisten ausser Reichweite
liegt.
Das Aufnehmen der Krankengeschichte wird weiter spezifiziert als ein Bestandteil der
veterinärmedizinischen Tätigkeit, deren Zweck weiter geht als blosse
Informationssammlung.
McCurnin
nennt
neben
dem
Zweck
der
89
Informationssammlung noch die Funktion der Beziehungsaufnahme zu Patient und
Besitzer, der Bildung eines gemeinsamen Wissensschatzes von Besitzer und Ärztin,
einer gemeinsamen Problemdefinition, sowie der Bildung einer Basis für Diagnose
und Therapie.
Das heisst nicht, dass das Wissen des Besitzers eins-zu-eins übernommen und
anerkannt würde. Auch für McCurnin ist der Besitzer eine problematische
Auskunftsquelle: "It is sometimes difficult to differentiate client observations about
her pet from her conclusions."80 (Ebd., 8) Sein Rezept zur 'Wahrheit' vorzustossen,
besteht im Aufbau von Vertrauen: "Feelings of guilt regarding the pet may result in an
unsatisfactory interview. For example, intentional or unintentional trauma to the
animal or possible ingestion by the pet of an illegal drug may be reasons that the
client does not reveal the whole truth. The client's trust then, becomes important in
bringing out the necessary information." (Ebd. 8)
Vertrauenstechniken werden aber keine vorgestellt – ausser dem Vorschlag, man solle
dem Besitzer möglichst oft in die Augen schauen. McCurnin sieht zwar die
Problematik, aber er weiss nicht, was zu tun ist. Die Ärztin bleibt als Folge davon die
grosse Unbekannte. Sie wird von McCurnin mit einem Problembewusstsein versorgt,
dass BesitzerInnen unzuverlässige menschliche Wesen sind, mit denen nur auf
Vertrauensbasis sinnvoll kommuniziert werden kann, aber wie Vertrauen hergestellt
werden kann; und dass dies auch eine Leistung der Ärztin ist, bleibt unthematisiert.
Holzworth schlägt eine einfache Technik vor, um die Krankengeschichte zu erfassen.
Der Sprachfluss des Besitzers ist für ihn im Gegenteil zu Niemand in allen Details
relevant:
"Never should the veterinarian underestimate what may seem to be fanciful or
irrelevant observations on the part of an owner. A cat that 'makes a noise like a
duck honking' may have a cryptococcal granuloma of the nose,..." (Holzworth
1987, 3).
Noch in der kleinsten, unscheinbarsten Redewendung können sich Hinweise auf
Symptome verbergen, und deswegen muss die Ärztin genau zuhören. Der
80
McCurnin verwendet durch den ganzen Text hindurch die weibliche Form für ÄrztInnen und
BesitzerInnen. Für ein Lehrbuch aus dem Jahre 1991 in einer Disziplin, die relativ unbeeinflusst von
PC-Debatten und Culture-Wars blieb, ist dies aussergewöhnlich.
90
geschwätzige Besitzer ist für Holzworth eine Informationsquelle und nicht eine
Belästigung.
Holzworth und McCurnins Erzählungen lassen sich als eine Mischung aus
Humankonstruktivismus und Amplifikationismus beschreiben. Der Arzt interagiert
hauptsächlich mit BesitzerInnen und Tieren. Das räumliche und technische Inventar
hat keine Bedeutung. Die ÄrztInnen agieren in einem 'leeren' Raum. Vor diesem
leeren Hintergrund heben sich Tiere und BesitzerInnen als spezifische Akteure ab.
Tiere sind sozial konstruierte Akteure im Sinne von Shapiro, aber sie verfügen
dennoch über die Fähigkeit zur Kooperation oder nicht-Koopperation, sowie
Kommunikation. Nur ist es sehr schwierig, diese Kommunikation genauer zu
definieren.
Die BesitzerInnen sind Informationsquellen. Die Hauptschwierigkeit besteht darin,
eine Vertrauensbeziehung zu ihnen herzustellen, so dass man möglichst genaue
Informationen über das, was wirklich vorgefallen ist, erhält. Ansonsten machen die
BesitzerInnen nicht viel. Sie sind keine Mittel auf dem Weg zum Ziel, wie bei
Niemand. Dies ist auch von der Position des Arztes abhängig, der bei Holzworth und
McCurnin ein viel bescheideneres, machtloseres Wesen ist als bei Niemand.
'Vertrauen' kann als der Begriff angesehen werden, der aus einem ANT-Machtspiel à
la Niemand kooperative Interaktionen à la Holzworth und McCurnin macht.
Die Verschiebung von ANT avant la lettre bei Niemand zu den Philosophien des
Vertrauens bei Holzworth und McCurnin/Poffenbarger folgt möglicherweise einer
historischen Entwicklung, die sich in den veterinärmedizinischen Lehrbüchern mit
einiger zeitlicher Verspätung zur Humanmedizin vollzieht. Wie Armstrong in seinem
Aufsatz "the patient's view" ausführt, enwickelte sich zwischen 1935 und 1975 erst
eine eigentliche "Patientensicht" in humanmedizinischen Lehrbüchern (Armstrong
1984). Genau wie bei Niemand werden in der ersten Hälfte des beschriebenen
Zeitraums die Worte des Patienten als blosse Hinweise auf Symptome aufgefasst. Die
Aufgabe des Arztes ist es, einen möglichst direkten Zugang zu den Symptomen durch
das Dickicht der Worte der Patientin zu schlagen. Er sollte keine Suggestivfragen
stellen und sich möglichst an die zwei Leitfragen: "Of what does he complain?" und
"How long have the symptoms been present?" halten (Ebd., 737). Erst langsam setzt
sich in den Lehrbüchern die Auffassung durch, dass eine zwischenmenschliche
Beziehung zwischen Arzt und Patient vorliege und dass die Worte und die non91
verbale Kommunikation auf die dahinterliegende "Person" und ihre Subjektivität
verwiesen. In den 70er-Jahren schliesslich hat die "Laiensicht" ihr eigenes Gewicht
und ist eine eigene "Theorie", die es jetzt nicht mehr möglichst auszuschalten gilt
(Ebd., 742). Dies zeigt sich vor allem in der Betonung der Unhintergehbarkeit von
Schmerz als subjektivem Empfinden, die es nun verunmöglicht, von einem
untersuchenden Blick und einem passiven Objekt zu sprechen. Statt dessen sprechen
jetzt zwei Subjekte. In einem ergänzenden Aufsatz zeigt Armstrong zusammen mit
Gothill, dass parallel dazu der Arzt, der bis anhin in den Lehrbüchern eben nur ein
objektivierender Blick war, als "embodied subject" entstand (Gothill und Armstrong
1999).
Wenn Niemand ungefähr die Sicht der Humanmedizin in der ersten Hälfte des
Jahrhunderts repräsentiert, so entspricht die Sicht von Holzworth und
McCurnin/Poffenbarger ungefähr derjenigen zwischen dem zweiten Weltkrieg und
den 70er-Jahren. Die Subjektivität von Schmerzempfindungen sind nicht wichtig,
ebensowenig hat das Laienwissen der BesitzerInnen eine eigene, zu berücksichtigende
Qualität. Auch hat sich der Arzt als "embodied subject" noch nicht herausgebildet.
Es bleibt die Frage, ob die veterinärmedizinischen Lehrbücher einfach der
Humanmedizin um jeweils eine Generation hinterherhinken, oder ob sich eine eigene
Sichtweise auf die Arzt-Patientenbeziehungen herausstellen wird.
92
5. Die Theorien im klinischen Test
5.1. Widerstand und Kooperation. Der Eigensinn der Tiere und seine
(Miss-) achtung
Ich beginne damit, dass ich zwei empirische Fälle miteinander bearbeite, um anhand
von ihnen die drei verschiedenen Theorien zu diskutieren. Das erste ist eine
Untersuchung, wie sie im Normalfall abläuft, ich rekonstruiere sie als ein
idealtypisches Standardbeispiel, wie es jeden Tag mehrmals in der Klinik geschieht.
Das zweite ist ein singulärer Realfall, ich rekonstruiere ihn von meinem Protokoll.
Beide Skizzen erzähle ich zuerst in einer Alltagssprache, die vielleicht am ehesten mit
einem 'Light-Amplifikationismus' charakterisiert werden kann. Erst in einem nächsten
Schritt übersetze ich sie in die verschiedenen Theoriesprachen.
Eine Frau betritt mit ihrem Schäferhund den Untersuchungsraum. Die Ärztin D. hat
die Besitzerin schon am Eingang begrüsst, und sie zu einem von zwei
Untersuchungstischen gebracht, die in einem hellen, offenen Raum nebeneinander
stehen. Auf dem Weg zum Tisch sind sie an einer Waage vorbeigegangen, und die
Besitzerin hat den Hund auf die Waage dirigiert. Nun lässt D. den stählernen, mit
einer Plastikunterlage bedeckten Untersuchungstisch in die unterste Position
fahren, so dass er sich noch eine Hand breit über dem Boden befindet. Die
Besitzerin sagt, "Hopp" und klopft auf den Tisch; der Schäfer springt hoch. D. fährt
den Tisch in die Höhe, so dass der Kopf des Hundes auf Brusthöhe zu stehen
kommt. D. nimmt einen Zettel hervor und fragt die Besitzerin nach der
Krankengeschichte. Z., eine Gehilfin hält den Hund fest, krault ihn und sagt dazu
immer "jaja, bss bss". Nachdem D. die Krankengeschichte aufgenommen hat, legt
sie Stift und Papier weg, und beginnt den Hund zu untersuchen. Z. hält den Hund
jetzt fester umschlungen, die Besitzerin steht vor dem Hund, spricht mit ihm und
krault seinen Kopf. D. öffnet die Augenlider und schaut auf die Schleimhäute,
dasselbe macht sie mit der Lefze, so dass sie das Zahnfleisch sehen kann. Dann
betastet sie die Lymphknoten und streicht durch die Haare. Dazwischen bedeutet
sie der Gehilfin, Fieber zu messen. Die Gehilfin nimmt ein elektronisches
Fieberthermometer aus einem Blechköcher und stösst es dem Schäferhund in den
Anus. D. hört unterdessen mit ihrem Stethoskop Herz und Lunge ab. Schliesslich
nimmt sie einen Gummihandschuh hervor, zieht in über, und steckt dem Hund
einen Finger in den Anus, um Prostata und Analdrüsen abzutasten. Sie wirft den
93
Handschuh weg, macht Einträge im Protokoll, um sich schliesslich der Besitzerin
zuzuwenden und mit ihr eine erste Diagnose und weiteres Vorgehen zu besprechen.
Der Schäferhund blieb während der ganzen Untersuchung ungerührt stehen. Er
bewegte sich kaum. Bei der Untersuchung des Anus bewegte er sich leicht nacht
vorne; er ging leicht mit der Bewegung des Fingers mit, ansonsten blieb er
vollkommen ruhig stehen.
Zweites Beispiel:
Ein älterer, ruhiger Mann, vielleicht sechzig Jahre alt, betritt mit einem Dackel an
der Leine den Untersuchungsraum.81 Y., der behandelnde Arzt, begrüsst ihn, und
sagt, er solle seinen Hund auf den Untersuchungstisch heben. Nachdem Y. die
Krankengeschichte aufgenommen hat, will er den Hund untersuchen. Bis anhin
hielt der Besitzer den Hund fest und streichelte ihn, nun lässt er ihn los, um Y. die
Untersuchung zu ermöglichen. Kaum beginnt Y. mit der Untersuchung, springt der
Dackel hoch und schnappt nach Y. Y. spricht den Dackel an: "Ja, Schnäggli, komm
Schnäggli…". O., die anwesende Gehilfin, kommt, um den Dackel zu halten. Der
Dackel lässt sich aber überhaupt nicht mehr berühren, er schnappt auch nach O. Y.
und O. versuchen nun, sich langsam dem Hund anzunähern. Der Hund springt hoch
und beisst Y. in die Hand. Er blutet. Y. ist sichtlich entnervt und holt einen riesigen,
verstärkten Handschuh, der ihm bis zum Ellbogen reicht. Damit nähert er sich dem
Dackel. Der Dackel beisst in den Handschuh, ohne Y. dabei zu verletzen, aber Y.
ist zu unbeweglich mit dem Handschuh, so dass er den Dackel auch nicht fassen
kann. O. ist für kurze Zeit verschwunden und kommt mit einem Seil zurück. Sie
versucht sich von hinten dem Hund anzunähern und ihm das zur Schlinge
gebundene Seil ums Maul zu legen. Der Dackel bewegt sich aber bei jedem
Versuch zurück und schnappt nach O. Y. und O. sind sichtlich entnervt, und
werden mutiger und unvorsichtiger. Y. wird ein zweites Mal gebissen. Er sagt: "Ich
will ihn nicht vergewaltigen." und zieht eine Spritze mit einem Sedierungsmittel
auf, die er geschickt in einer Überraschungsaktion dem Dackel in den Rücken
injiziert. Dann macht er sich ein Betadine-Bad für seine blutende Hand und wartet
bis sich der Dackel beruhigt. Der Besitzer sass während der ganzen Szene in der
Ecke auf einem Drehhocker, den normalerweise die ÄrztInnen zur Untersuchung
81
Ich fertigte immer kurze Beschreibungen der TierbesitzerInnen an. Weder das Klinikpersonal noch
ich verfügten jedoch über soziodemographische Angaben zu den einzelnen BesitzerInnen. Siehe dazu
auch Kapitel 5.3.1 über Protokolle. Hinweise auf bestimmte Lebensumstände ergaben sich nur, wenn
diese im Zusammenhang mit den Tieren thematisiert oder von den BesitzerInnen selbst zur Sprache
gebracht wurden.
94
gebrauchen. Er schwieg. Jetzt fragt er, sichtlich ungerührt, ob es oft solche
Patienten gäbe. Y. antwortet mit ironischem Unterton, dieser Patient sei eher
ungewöhnlich, da er nicht bloss schnappe, sondern richtig angreife. {78}82
Als Einstieg zum Theorievergleich beginne ich mit den offensichtlichsten Beispielen:
Weigerungen von Tieren, sich behandeln zu lassen. In 152 Behandlungen gab es 19
Fälle von Tieren, die sich weigerten. Ist das viel oder wenig? Die Beantwortung der
Frage hängt nicht zuletzt davon ab, wie man die Situationen beschreibt und welche
Rolle Tieren als Akteuren darin zugewiesen wird. Gerade weil Weigerungen so
offensichtliche Formen von Interaktionen darstellen, sind sie aber schwierig zu
diskutieren. Denn es ist ja nicht unbedingt offensichtlich, dass Tiere kooperieren. Von
152 protokollierten Behandlungen liefen 133 ungefähr so ab, wie im ersten Beispiel
beschrieben. Zahlenmässig ist dies also der Normalfall. Die Tiere bewegen sich kaum
und lassen alles mit sich geschehen. In wenigen Fällen, wovon der oben beschriebene
eine krasse Ausnahme darstellt, wehren sich die Tiere. Insgesamt zweimal sah ich,
wie jemand gebissen wurde; normalerweise wurden Hunde mit Maulkörben und
Katzen mit Masken aus Zeltstoff genügend früh entschärft. Nur in Notfällen wird
ihnen eine Beruhigungsspritze verabreicht. In einem, mit dem oben beschriebenen
vergleichbaren, Fall war es unmöglich, einem Hovawart einen Katheter zu setzen. Der
Arzt haute ihm deshalb auf die Nase. Irgendwann eskalierte die Situation so weit, dass
es zu einem Handgemenge kam. Es endete damit, dass der Arzt auf dem Rücken des
Hundes sass, ihm die Knie zwischen die Schulterblätter drückte und ihm von hinten
den Mund zuhielt {B 16}.
Aber das blosse Zahlenverhältniss verdeckt das Problem: Es sieht zwar so aus, als sei
eine Weigerung der Tiere, ihr Widerstand, die Tatsache, dass sie sich wehren können
ein Beispiel von sozialer Interaktion. Dies wird auch durch die Begriffe impliziert: Sie
verweisen auf Handlungen, denen sogar ein heroischer Subtext anhaftet. Im Duden
der sinn- und sachverwandten Wörtern wird man unter dem Stichwort 'Widerstand'
auf gewaltlosen Widerstand, Obstruktion und Eigensinn, Verschwörung verwiesen.
Lauter Begriffe, die eine höchstmögliche Handlungsfähigkeit voraussetzen. Im
Gegensatz dazu, machen die anderen Tiere, die Normalfälle, nichts, sie halten still, sie
82
Die Ziffern in geschwungenen Klammern verweisen auf die Fallnummer in meinen Aufzeichnungen.
95
kooperieren. In den vorhergehenden Begriffen widerspiegelt sich ein zunehmendes
Handlungspotential, aber es reicht kaum an die 'Widerstands'-Begriffsgruppe heran.83
Das ganze Problem ist aber nicht nur ein sprachliches, sondern es beruht auf den
Erwartungen, die an Tiere gestellt werden (können). Offensichtlich wird im Kontext
der Kleintiermedizin die Erwartung gestellt, dass Hunde und Katzen fähig sind, bei
Untersuchungen ruhig zu bleiben.84 Wie lässt sich das nun mit den drei Theorien
erzählen?
5.1.1. Humankonstruktivistisches Schweigen
Wenn wir obige Widerstandsepisode mit Collins erzählen wollen, so entsteht
folgende Schwierigkeit. Ich, als Aufzeichnender, bin Sozialwissenschafter. Ich bin
legitimiert über das Geschehen zu berichten, soweit es Menschen betrifft. Was
nichtmenschliche Akteure angeht, so sollte ich mich auf die Expertise einer dazu
qualifizierten Person verlassen. Eine solche war mir leider nicht zur Hand, dies ist
ein Fehler meiner Untersuchungsanordnung. Aber wer hätte dies sein sollen? Ein
Veterinärmediziner? Eine Ethologin? Eine kognitive Ethologin? Die
VeterinärmedizinerInnen, die eigentlichen Spezialisten für solche Situationen, sind
nicht sozial- oder verhaltenswissenschaftlich trainiert, solche Situationen zu
interpretieren, wie aus dem folgenden Interviewausschnitt mit einer Ärztin
hervorgeht:85
M: Habt ihr etwas gelernt in der Ausbildung über das Verhalten von Tieren oder
hast du das alles learning by doing gelernt? (...)
D: learning by doing. Das ist nur learning by doing. Ich meine, du hast natürlich
deine Vorlesung gehabt über Tierverhalten, aber, ja aber, erstens hab ich die nicht
83
Neben diesen sprachlichen Bedeutungen enthüllt die Problematik von Widerstand und Kooperation
auch eine merkwürdige Voraussetzung wissenschaftstheoretischer Diskussionen. Denn wenn es dort
um die Frage geht, welche Rolle die Natur, d.h. die Untersuchungsgegenstände bei der Produktion von
Wissenschaft spielt, dann ist immer von ihrer Widerständigkeit die Rede, im Sinne einer
Handlungsbeschränkung, nie jedoch von ihrer Kooperationsfähigkeit. Die Leistung der Natur ist in
wissenschaftstheoretischen Diskussionen somit immer etwas, das gegen den Menschen gerichtet ist,
oder zumindest von Menschen überwunden werden muss, nie jedoch etwas, das mit Menschen
produziert wird.
84
Der ausserordentliche Charakter des Widerstandes wird auch daraus ersichtlich, dass in der rubrik
"animal behavior case of the month" des journal of the american veterinary association zum
überwiegenden Teil Fälle diskutiert werden, bei denen BesitzerInnen oder Klinikpersonal von Tieren
angegriffen wird, oder das Tier auf andere Weise Widerstand signalisiert. Siehe dazu zum Beispiel
Horwitz (1994), Beaver (1994), Overall (1995) und Taliaferro (1996).
85
M. ist in den Interviews jeweils der Autor. Zahlen in Klammern (2) geben Sprechpausen in Sekunden
an.
96
regelmässig besucht und es ist ein relativ akademischer Stoff und du kannst so was
nur einschätzen, wenn du die Erfahrung hast, also wirklich learning by doing.
M: Was heisst akademischer Stoff?
D: Ja, also das wird dann natürlich sehr trocken herüber gebracht, wie wenn du
natürlich den praktischen Bezug dazu hast. Ich meine, es kann dir jemand dreimal
erzählen, wenn die Katze die Augen nach unten dreht, musst du vielleicht
aufpassen, aber das kriegst du erst mit, wenn die Katze oder der Hund schaut und
die dann wirklich so reagiert haben und gebissen haben oder explodiert sind. Und
dann weisst du ungefähr, wie sie reagieren könnten. Es kann mir jeder, weisst du,
eine Beschreibung ist wieder etwas anderes, wie wenn du das wirklich miterlebst.
M: Also ist das jetzt ein Beispiel, das wirklich gebracht wurde, oder hast du das
jetzt erfunden?
D: Das hab ich jetzt erfunden, aber so ungefähr ist es gelaufen.
M: Und das ist für dich ein Merkmal, an dem du siehst…
D: Ich sehe an den Augen der Tiere relativ, ich muss sagen, beim Hund noch mehr
als bei der Katze, aber an den Augen vom Hund kannst du sehr viel sehen, ob er
beisst oder beissen könnte und am Verhalten.
D. versucht aus Erfahrung zu lernen, und es interessiert sie nicht, ob es sich dabei um
irgendeine Form wissenschaftlich beschriebener und erklärter Phänomene handelt. Sie
verfügt über ein implizites, durch langen Umgang mit Tieren eingeübtes Wissen
darüber, wann ein Tier beissen könnte. Das scheint trivial, aber dies ist es nicht, denn
andere
Verhaltensweisen
sind
Zeichen
für
Krankheiten
und
wenn
VeterinärmedizinerInnen darüber sprechen, dann spielt es sehr wohl eine Rolle, ob
dies als ein Symptom in einem Lehrbuch beschrieben ist.
Aber, um zu Collins zurückzukommen: Aufgrund der Abwesenheit einer zuständigen
Tiere-die-sich wehren Wissenschaftlerin müsste ich schweigen, was das Verhalten des
Tieres angeht.
Dann sähe die Erzählung ungefähr so aus:
Kaum beginnt Y. mit der Untersuchung des Hundes, zieht er seine Hand
blitzschnell zurück. (Unser Strohethologe müsste jetzt einfügen: Da der Dackel ein
Angstbeisser ist und sich in einer Angstsituation befindet, attackiert er instinktiv
alles, was sich ihm annähert). Er scheint vor dem Dackel Angst zu haben. Y.
spricht den Dackel an: "Ja, Schnäggli, komm Schnäggli…" Dabei handelt es sich
offenbar um ein seltsames anthropomorphistisches Ritual, das dazu dient, Angst
unter den Behandelnden abzubauen. O., die anwesende Gehilfin kommt, um den
Dackel zu halten. Auch O. lässt vom Dackel ab. Y. und O. versuchen nun, sich
97
langsam dem Hund anzunähern. (Nun wäre wieder unser Strohethologe gefragt:
Ein bestimmtes Reizlevel ist überschritten, der Dackel hat noch mehr Kraft als
vorher.) Y. reagiert zu langsam und zeigt Anzeichen von Schmerz. Y. ist sichtlich
entnervt und holt einen riesigen, verstärkten Handschuh, der ihm bis zum Ellbogen
reicht. (…) Y. wird ein zweites Mal gebissen. Er sagt: "Ich will ihn nicht
vergewaltigen." Diese Begrifflichkeit ist Ausdruck einer anthropomorphistischen
Konzeption des Dackels. Es ist eine Metaphorik, die untersuchte Tiere als unwillige
Objekte imaginiert, deren Willen notfalls gebrochen werden muss. In
obenstehender Formulierung hat sie den Effekt, den Arzt als galant und vorsichtig
erscheinen zu lassen. Er stellt sich so als eine rücksichtsvolle Person dar. (…) Der
Besitzer sass während der ganzen Szene in der Ecke auf einem Drehhocker, den
normalerweise die ÄrztInnen zur Untersuchung gebrauchen. Er schwieg. Jetzt fragt
er, sichtlich ungerührt, ob es oft solche Patienten gäbe. Y. antwortet mit ironischem
Unterton, dieser Patient sei eher ungewöhnlich, da er nicht bloss schnappe, sondern
richtig angreife. Y. interpretiert jetzt das Verhalten des Hundes als "Angriff", weil
er sich dabei eine Verletzung zuzog. Er versucht sich dafür zu rechtfertigen, indem
er dem schuldlosen Hund Absichten unterstellt. Der Besitzer, der offensichtlich
nichts Spezielles in der Situation sah, wird von Y. mit Ironisierung bestraft, weil er
die Selbstgefährdung von V. geringschätzte. Für V. aber ist die Selbstgefährdung
Teil seiner beruflichen Identität, sie ist Ausdruck seiner Aufopferung für die Tiere.
Was leistet obige Erzählung? Sie lenkt den Blick auf merkwürdige Handlungen der
Menschen: Am Ende bleibt eine Ansammlung von Beschwörungen und
Zuschreibungen,86 die das ganze Geschehen verfremden, weil wir die Erklärung für
diese Zuschreibungen ausserhalb des eigentlichen Geschehens suchen. Es ist nicht der
Dackel, der Y. dazu bringt, einen Handschuh zu holen, sondern es ist der Wille von
Y., beziehungsweise sein Berufsethos, den Dackel zu behandeln. Ebenso ist es seine
spezifische Art mit Dackeln umzugehen und seine Unfähigkeit, den Dackel richtig
einzuschätzen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten in solchen Situationen zu handeln.
Wenn wir das mit folgender Interviewpassage mit einem anderen Arzt vergleichen, so
wird dies offensichtlich.
M: Du wurdest nie gebissen?
86
Struktur und Inhalt dieser Rituale und Zuschreibungen bleiben hier nur angedeutet, sie werden in den
nachfolgenden Kapiteln ausgeführt.
98
E: Von einem Hund? (3) Von einem Hund kann ich mich nicht erinnern, wobei bei
gewissen Hunden, bei denen ich Zweifel habe, wo ich denke: DER (1) könnte, dann
(1) verwende ich einen Maulkorb. Und wenn die Leute das nicht wollen, dann
beginne ich etwas zu machen von hinten, und bei der ersten Reaktion, dann kriegt
er einen Maulkorb und wenn die Leute nicht wollen, weil gewisse Leute nicht
wollen, dann ist es für mich abgelaufen, also ich setze nicht meine Hände in
Gefahr, nur weil die Leute keinen Maulkorb wollen auf dem Tier, weil es sonst
schlecht aussieht, oder. Also zuerst kommen meine Hände, meine Gesundheit
kommt immer als erstes, das ist für mich wichtig, ist klar.
M: Also du hast schon Fälle erlebt, wo die Besitzer keinen Maulkorb...
E: Jaja, ganz klar.
M: Und dann? Nachher gehen die wieder nach Hause...
E: Ich schaue, was ich machen kann ohne. Aber wenn's nicht geht, dann sage ich
ganz klar: Schauen sie, ich mach's nicht, "jaja aber ich halte" (er imitiert die
Besitzerin), nein. Das ist genau vorgestern passiert mit einer Katze. Eine Katze ist
noch schwierig zu halten, du hast auch nicht einen richtigen Maulkorb.
M: Ja, mmm
E: "Ja, ich halte" und ich: Ja, aber sie halten, aber es sind meine Hände, die da
unten sind, oder. "Nein, nein, aber ich halte", dann versuche ich vielleicht einmal,
ich gehe nah, ich versuche etwas, das nicht gefährlich ist und ich weiss, ich kann
schnell weg, oder. Und wenn die erste Reaktion kommt, dann ist für mich fertig,
ich sage: O.K., also ohne Maulkorb kann ich ihn nur untersuchen, wenn ich ihn
beruhige mit einer Spritze. (…)
M: Und was ist dann vorgestern passiert?
E: Das war eine Katze und die hat die Besitzerin selber gebissen und sie hat
gemeint, sie kann die Katze schon halten, kein Problem, sie kennt die Katze, also
mit ihr, kannst du dir vorstellen, sie beisst sicher nicht und dann hat sie schon
einige Löcher in den Händen gehabt und ich keins, weil ich von Anfang an gedacht
habe, gefällt mir nicht, oder, und am Schluss wurde sie gebissen und die Katze zum
Röntgen und so, müssen wir betäuben und sie will das nicht, ich habe gesagt, also
ohne, machen wir kein Röntgen, bei der Katze.
M: Und dann habt ihr kein Röntgen gemacht?
E: Und dann haben wir kein Röntgen gemacht. Ich kann's nicht also (empört)
M: Jaja, klar
E: "Also ich komme selber und halte sie", ja, man sieht's oder, wie sie gut halten
kann. Und wenn ein Tier nicht will, es will einfach nicht, du kannst ein Tier halten
wie du willst, es bewegt sich einfach ein bisschen, also, es gibt Tierärzte, die von
99
Anfang an alle Hunde nur mit Maulkorb anschauen. Das gibt's. Ich kenne einen, der
sagt: O.K. Maulkorb drauf, irgendwo ist es vielleicht nicht falsch.
Gebissen zu werden, so wie es hier beschrieben wird, ist vor allem eine Frage der
Einschätzung der Tiere, sowie der eigenen Vorsicht. Natürlich könnte jedes Tier
gleich mit einem Maulkorb versehen werden, und das Problem wäre gelöst. Aber
offensichtlich wird dies als ein Misstrauensbeweis der Besitzerin gegenüber
angesehen und so wird versucht, möglichst selten einen Maulkorb umzulegen.
Ausserdem besteht ein Konflikt zwischen der Aufgabe dem Tier zu helfen und der
eigenen körperlichen Unversehrtheit.
E. ist vorsichtig, ihm ist seine Hand wichtiger als das Röntgen einer Katze, bei Y. war
dies offensichtlich nicht der Fall.
Die Hauptungereimtheit der humankonstruktivistischen Geschichte liegt darin, dass
sie nicht erklären kann, weshalb es überhaupt so weit kommt, dass ein Arzt sich
beissen lässt. Es braucht eine kulturelle Erklärung dafür, weshalb nicht einfach jedes
Tier einen Maulkorb erhält, bzw. weshalb solche Tiere überhaupt behandelt werden.
Und diese Erklärung funktioniert hier nur so, dass der Berufsethos der ÄrztInnen
dafür herhalten muss. Die Selbstgefährdung von V. erscheint so als individuelle
Verantwortlichkeit, wie diejenige eines Kletterers. Die Stärke der
Humankonstruktivistischen Erklärung liegt aber zweifellos in der Beleuchtung der
verschiedenen Weisen, wie mit Tieren umgegangen werden kann.
5.1.2. Das Amplifikationistische Dilemma, oder: Multiple Empathien
Wenn wir die Widerstandsepisode als eine amplifikationistische zu erzählen
versuchen, so kann man erst einmal alles lassen wie es ist, solange man nicht zum
Empathie-Modus greifen will. In ihrer Ursprungsversion kann man die Episode als
einen Light-Amplifikationismus verstehen. Die Tiere vollziehen soziale Handlungen,
insofern sie Handlungen von ÄrztInnen, GehilfInnen und BesitzerInnen zu
interpretieren scheinen und die Menschen darauf mit anderen Handlungen antworten.
Der Kampf mit dem Dackel ist ein Kampf wie eine Schulhofrauferei und setzt ein
gegenseitiges Verständnis von Handlungen voraus. Das wird auch auf der
sprachlichen Ebene reflektiert, wenn es etwa heisst: "der Dackel lässt sich überhaupt
nicht mehr berühren". Damit ist sprachlich vorausgesetzt, dass der Dackel überhaupt
ein Verständnis der Situation hat, ohne dass ich als Beobachter zu den Einzelheiten
100
seines Verständnisses Zugang hätte. Aber ich sehe wiederum an seiner Reaktion, dass
er "sich nicht mehr berühren lässt". So bleibt mein empathischer Beitrag noch
beschränkt, ich gebe wieder, was ich sehe, ohne mich dabei in die Position der
beteiligten Akteure zu versetzen. Weder interessierte mich dabei, weshalb der Dackel
sich wehrte, noch weshalb Y. sich beissen liess. Im Empathiemodus müssen diese
Gründe berücksichtigt werden. Bevor ich die Geschichte nochmals erzähle, muss
jedoch eine Anmerkung zur Möglichkeit der Empathie in solchen Situationen
angebracht werden: Da ich nicht der Besitzer der Tiere bin, entfällt die Möglichkeit,
Empathie durch 'history' im Sinne Shapiros zu verbessern. Ich verfüge nicht über das
Wissen, wie dieser oder jener Hund in bestimmten Situationen reagiert, dasselbe gilt
auch für die ÄrztInnen. Empathie beruht deshalb in meinem Fall auf sehr situativen
Empfindungen und Generalisierungen, die ich im Laufe meiner Beobachtungen
erwarb.
Kaum beginnt Y. mit der Untersuchung, springt der Dackel hoch und schnappt
nach Y. Der Dackel ist sehr nervös und offensichtlich von der Fremdheit der
Situation überfordert. Er mag es nicht, wenn er angefasst wird und da Y. auf
subtilere, frühere Signale nicht reagierte, schnappt er jetzt nach Y. Y. spricht den
Dackel an: "Ja, Schnäggli, komm Schnäggli…". O., die anwesende Gehilfin
kommt, um den Dackel zu halten. Eine zweite Person, die auf ihn los geht, hat dem
Dackel gerade noch gefehlt, auch sie nimmt er als eine Verletzung seiner
körperlichen Integrität wahr und schnappt nach ihr. Y. und O. versuchen nun, sich
langsam dem Hund anzunähern. Nachdem Y. und O. offensichtlich immer noch
nicht verstanden haben, dass sich der Hund nicht anfassen lassen will, springt er
hoch und beisst Y. in die Hand. Dies scheint das einzige Zeichen zu sein, das
verstanden wird. Y. blutet. (…) Y. wird ein zweites Mal gebissen. Er sagt: "Ich will
ihn nicht vergewaltigen." und zieht eine Spritze mit einem Sedierungsmittel auf, die
er geschickt in einer Überraschungsaktion dem Dackel in den Rücken injiziert.
Dann macht er sich ein Betadine-Bad für seine blutende Hand und wartet bis sich
der Dackel beruhigt. Der Besitzer sass während der ganzen Szene in der Ecke auf
einem Drehhocker, den normalerweise die ÄrztInnen zur Untersuchung
gebrauchen. Er schwieg. Jetzt fragt er, sichtlich ungerührt, ob es oft solche
Patienten gäbe. Y. antwortet mit ironischem Unterton, dieser Patient sei eher
ungewöhnlich, da er nicht bloss schnappe, sondern richtig angreife.
Nun ist die Erzählung nicht fremd geworden, aber sie hat scheinbar an
wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit eingebüsst, denn mein Empathieren erinnert eher
101
an Brehms Tierleben und vorabendliche Tierfilme, als an sozialwissenschaftliche
Texte. Aber ich habe nichts anderes gemacht, als diejenigen Interpretationen, die ich
im humankonstruktivistischen Teil auf Arzt, Besitzer und Gehilfin anwandte, nun auf
den Dackel auszuweiten. Der Wechsel des Genres ist allein eine Folge dieser
Ausdehnung der zu interpretierenden Entitäten auf den Hund. Aber neben dieser
Genreverschiebung drängt sich vor allem ein ethisches Problem auf. Sanders ist der
Meinung, dass sich empathiebedingt Situationen aufdrängen würden, in denen der
Ethnograph seine objektive und nichtwertende Position aufgeben solle. Ich habe das
nie gemacht. Noch die schreiendste Ungerechtigkeit hätte ich an mir vorbeiziehen
lassen. Aber wenn wir genau hinschauen, so müsste ich wenigstens jetzt, im Text,
diese Position aufgeben. Wenn ich den Dackel wirklich ernst nehme, hat er dann nicht
deutlich gezeigt, dass er sich nicht untersuchen lassen will? Verweist nicht der
Wortgebrauch der Vergewaltigung auf genau diese Missachtung des Willens? Und ist
nicht die Tatsache, dass er bloss sediert und eben nicht vergewaltigt wurde, eine
blosse Kaschierung der scheinbar sanften Methoden? Man kann dagegen
argumentieren, dass der Dackel kein Verständnis für die Situation haben kann, weil er
nicht weiss, dass der Arzt ihm helfen wird und dies seine Sedation rechtfertigt oder
sogar verlangt. Aber dann stellt sich umgekehrt die Frage, weshalb die Katze in der
Interviewpassage nicht geröntgt wurde. Denn dies ist ein Beispiel, wo sich die Katze,
wenn auch mit indirekter Hilfe ihrer Besitzerin, durchsetzen konnte.
An diesem Beispiel lässt sich sehen, wie problematisch Haraway's Konzeption
'natürlicher' Nähe ist. Haraway will ja 'natürlichen' Vertretern einen privilegierten
Zugang zu den ihnen nahestehenden Akteuren einräumen. Aber die Medizin baut
gerade darauf auf, dass diese Beziehungen gelöst werden. Das medizinische System
ist ein Resultat gesellschaftlicher Ausdifferenzierungsprozesse. Es produziert
ExpertInnen, die über spezifische Fertigkeiten verfügen, mit kranken Menschen
umzugehen. Die gesamte sozialwissenschaftliche Medizinforschung beschäftigte sich
immer nur damit, wie das medizinische System, als ein Beispiel von
gesellschaftlichen Institutionen, Körper und Subjektivitäten neu kategorisiert und
verwaltet.87 Voraussetzung dieser Neukategorisierungen ist gerade, dass die Medizin,
und nicht die PatientInnen oder die Öffentlichkeit, legitimiert ist, diese
87
Eine gute Aufarbeitung der verschiedenen Stränge findet sich in Gerhardt (1989).
102
Neukategorisierungen vorzunehmen. Die mit der Medizinforschung einhergehende
Medikalisierungskritik,88 an die Haraway mit ihren 'natürlichen' Vertretern implizit
anschliesst, versuchte, einen Teil dieser Definitionsmacht an die Öffentlichkeit oder
die PatientInnen zurückzugeben.
In der Humanmedizin war dies im wesentlichen eine Auseinandersetzung, wer das
Recht hat, über den Körper der PatientInnen zu verfügen: Das medizinische System
oder die 'Person' Patientin. In der Veterinärmedizin geht es nun darum, wer über das
Tier verfügen kann: Die Person 'Tier', das medizinische System oder die Besitzerin?
Im ersten Beispiel blieb der Besitzer, der 'natürliche' Vertreter, vollkommen
indifferent gegenüber dem Geschehen. Er nahm es für gegeben, dass sein Hund
behandelt werden wird, egal, ob dem Hund dies passt oder nicht. Wenn ich mit
Haraway argumentieren wollte, so müsste ich nun den Besitzer entmündigen, denn er
hat trotz seiner 'Nähe' das Recht des Tieres auf Selbstbestimmung vollkommen
unterhöhlt. Umgekehrt verhält es sich beim Beispiel mit der Katze. Hier ist es die
Besitzerin selbst, die den Willen der Katze missachten will. Das Resultat, dass aber
dem Willen der Katze dennoch stattgegeben wird, ist ein Produkt der Weigerung von
D., die Katze ohne Maske zu behandeln, und der Weigerung der Besitzerin eine
Maske aufsetzen zu lassen.
In beiden Fällen kann man nicht sagen, dass die 'natürlichen' VertreterInnen im Sinne
ihrer Tiere gehandelt hätten, wenn man davon ausgeht, dass sich die Tiere nicht
behandeln lassen wollten.
Im Gegensatz zur humankonstruktivistischen Geschichte geraten die
unterschiedlichen Stile der ÄrztInnen aus dem Blickfeld. Die Thematisierung der
Handlungen der Ärzte beim Humankonstruktivismus wird gegen eine moralischen
Messlatte eingetauscht, die ich durch die Übernahme der Sicht der Tiere gewonnen
habe. Es wird nicht mehr ein Diskurs über das Eigene, sondern über das Fremde und
Andere geführt.
88
Als bekanntes Beispiel dafür siehe Illich (1977)
103
5.1.3.
Falsifikation von ANT: Eigensinnige Aktanten und entmachtete
Repräsentanten
"As Yves Gingras pointed out …, it may be that animal rights activists are simply
mobilizing animals as resources to consolidate a power base that they otherwise
would not have. After all, who says that the whales need someone to speak on their
behalf? Perhaps the test of this Latourian hypothesis would be whether it is possible
to construct a narrative of animal-rights activism in which the animals resist their
spokespersons. According to Latour …, such things happen whenever the animals
survive even when the activists fail to liberate them!" (Fuller 1996, 470)
Oder: After all, who says that the dogs need someone to speak on their behalf? Wer
ist überhaupt die 'spokesperson' für den Dackel? Die Frage knüpft an Haraway's
natürliche Vertreter an, muss jetzt aber in ANT-Terminologie umformuliert werden.
Bevor ich die ANT-Version erzähle, muss deshalb entschieden werden, wer nun als
Akteur, d.h. als Netzwerkbauer und wer als Aktant in der Geschichte auftauchen soll.
Der Arzt ist gesetzt. Sein Ziel ist die Therapie des Hundes; Hund und Besitzer sind
Aktanten in seinem Netzwerk. Auf der anderen Seite aber, ist es schwieriger: Was
macht der Besitzer? Nichts. Heisst das, er baut selbst kein Netzwerk? Für den
Moment können wir ihn einmal aus dem Spiel lassen. Und der Hund? Baut er ein
Gegennetzwerk? Nein. Ich lasse ihn als Aktanten im Netz des Arztes. Um die
Ausgangssituation zu bewältigen, starte ich mit einem MeLeiHu, der aber sofort in
seine Einzelteile zerlegt wird.
Ein MeLeiHu betritt den Untersuchungsraum. Y., der behandelnde Arzt, begrüsst
den Besitzer, und sagt, er solle seinen Hund auf den Untersuchungstisch heben.
Nachdem Y. die Krankengeschichte aufgenommen hat, will er den Hund
untersuchen. Um die Untersuchung zu ermöglichen, löst sich der MeLeiHu wie
geheissen auf. Der Besitzer zieht sich zurück und entlässt den Hund aus seiner
Hybridisierung in eine Aktantenposition. Kaum beginnt Y. mit der Untersuchung,
springt der Dackel hoch und schnappt nach Y. Der Dackel hat ein Gegenprogramm
gestartet. Y. versucht als erstes, um das Gegenprogramm des Dackels zu brechen,
einen sozialen Aktanten einzusetzen: er spricht mit dem Dackel: "Ja, Schnäggli,
komm Schnäggli…". Das Sprechen produziert Subjektivität des Dackels, es stattet
ihn mit Reaktionsfähigkeit auf lautsprachliche Äusserungen aus, auf die der Dackel
nun reagieren muss. Der Dackel reagiert offensichtlich nicht im gewünschten Sinn,
er schnappt immer noch. Das zweite Modul seines Gegenprogramms ist O., die
Gehilfin, die den Dackel festhalten soll. Mit ihr umgeht Y. die Sprachreaktionen
104
des Dackels, indem der soziale Aktant O. den Dackel auf seine
Bewegungsfähigkeit reduzieren soll. Der Dackel lässt sich aber überhaupt nicht
mehr berühren, er schnappt auch nach O. Y. und O. versuchen nun, sich langsam
dem Hund anzunähern. Der Hund springt hoch und beisst Y. in die Hand. Er blutet.
Y. ist sichtlich entnervt und wechselt in einen technischen Modus: Er holt einen
riesigen, verstärkten Handschuh, der ihm bis zum Ellbogen reicht. Damit nähert er
sich dem Dackel. Der Dackel beisst in den Handschuh, ohne Y. dabei zu verletzen.
Die Ersetzung der sozialen durch technische Mittel macht Y. unverletzbar, aber
deswegen nicht durchsetzungsfähiger. Ein weiterer technischer Aktant wird
eingebracht: O. ist für kurze Zeit verschwunden und kommt mit einem Seil zurück.
Sie versucht, sich von hinten dem Hund anzunähern und ihm das zur Schlinge
gebundene Seil ums Maul zu legen. Der Dackel bewegt sich aber bei jedem
Versuch zurück und schnappt nach O. Y. und O. sind sichtlich entnervt, und
werden mutiger und unvorsichtiger. Y. wird ein zweites Mal gebissen. Er sagt: "Ich
will ihn nicht vergewaltigen." und greift zu einer weiteren Steigerung: Er ersetzt
mechanische durch chemische Aktanten: Er zieht eine Spritze mit einem
Sedierungsmittel auf, die er geschickt in einer Überraschungsaktion dem Dackel in
den Rücken injiziert. Dann macht er sich ein Betadine-Bad für seine blutende Hand
und wartet bis sich der Dackel beruhigt. Durch die Sedation wurde der Dackel auch
seiner Bewegungsfähigkeit beraubt. Er ist jetzt reduziert auf seine physischen
Eigenschaften. Der Besitzer sass während der ganzen Szene in der Ecke auf einem
Drehhocker. Er schwieg. Jetzt fragt er, sichtlich ungerührt, ob es oft solche
Patienten gäbe. Er macht keine Anstalten, sich zusammen mit dem Dackel als
MeLeiHu zu vereinen. Y. antwortet mit ironischem Unterton, dieser Patient sei eher
ungewöhnlich, da er nicht bloss schnappe, sondern richtig angreife.
Der Unterschied zwischen der ANT-Version und den anderen zwei Versionen liegt
vor allem darin, dass die Eigenschaften des Dackels Effekte der Handlungen von Y.
sind. Die ethischen Probleme der amplifikationistischen Position rührten aus der
Anwendung eines Subtraktionsmodells von Eigenschaften her: Menschen oder Tiere
verfügen über bestimmte Eigenschaften, und sobald sie den Menschen oder Tieren
abgesprochen werden, sind sie Anlass zu ethischer Besorgnis. Die
HumankonstruktivistInnen vertreten dieses Subtraktionsmodell nur für Menschen, für
Tiere hingegen ein Additionsmodell – Tiere verfügen über sehr wenige
Eigenschaften, die meisten werden ihnen bloss zugeschrieben – , so sie nicht
indifferent dieser Frage gegenüber stehen. In ANT hingegen ist es möglich, die
Eigenschaften nicht in Bezug auf ein Ideal hin zu messen. Zu Beginn meiner
105
Erzählung wird der Dackel mit sozialen Eigenschaften – z.B. auf Sprache zu reagieren
– ausgestattet, die ihm dann sukzessive weggenommen werden, bis er auf seinen
Körper reduziert ist. Es ist nicht so, dass der Hund zu Beginn der Episode über
vorgegebene ethisch relevante Eigenschaften verfügen würde, die ihm dann in einem
Akt von Hundeverachtung abgesprochen werden. Denn diese Eigenschaften erhält er
erst im Lauf der Episode. Und weil keine ethisch relevanten Kategorien eingebracht
werden, weder von Y. noch von P, weder vom Besitzer noch von mir, geschieht
nichts. Dass sich der Hund wehrt, lässt sich nicht als ethische Problematisierung
verstehen, denn der Hund ist nicht fähig, sich sprachlich, dem Terrain ethischer
Diskurse auszudrücken. Er bräuchte dazu einen Repräsentanten, der ein
Gegennetzwerk zu demjenigen von Y. aufbaut. Im Prinzip funktioniert die Erzählung
genau gleich, wie bei Latours Hotelschlüssel. In meiner Erzählung nimmt der Hund
die Position von Latours Hotelgast ein. Worte haben in beiden Fällen weniger
Gewicht als Schlüsselanhänger respektive Spritzen. In beiden Fällen scheinen aber
Höflichkeitsregeln zu existieren, die die jeweiligen Akteure dazu zwingen, zuerst zu
reden und erst dann zu technischen Hilfsmitteln zu greifen.89
Sehen wir nun das Katzenbeispiel an: Dort hat D. mit der unangenehmen Tatsache zu
kämpfen, dass die Besitzerin nicht bereit ist, sich aus ihrer MeKa-Hybridposition
(Mensch-Katze) zu lösen, obwohl die Katze genau dies versucht, indem sie ihre
Besitzerin beisst! D. steht jetzt einem MeKa-Hybrid gegenüber, in dem die
Repräsentantin der Katze ethisch relevante Positionen formulieren kann – sie hält
einen Maulkorb für unzumutbar. Die Ausformulierung dieser Position hält D. vom
Einsatz von Betäubungsspritze oder Maulkorb ab, und sie produziert damit ein
Mindestlevel an 'Würde' der Katze, das D. nicht unterschreiten darf. Er steht nun
einem extrem komplexen Hybrid gegenüber, der über eine Vielfalt von Funktionen
verfügt, die für ihn nicht mehr in seinem Sinne kontrollierbar sind. Der Besitzerin
gegenüber will er sich nicht unhöflich zeigen und ihr das Vertretungsrecht auf ihre
Katze absprechen (juristisch kann er es ohnehin nur in Extremfällen von
Tierquälerei). Die Besitzerin produziert eine 'Würde' für die Katze, die er einhalten
muss, und die Katze selbst weigert sich, zu kooperieren. Im Vergleich zur Dackel-
89
Diese Voraussetzung expliziert Latour nie und kann sie auch nur schlecht erklären.
106
Episode ist die Würde der Katze kein Resultat einer Praxis der ÄrztInnen, sondern des
Hybridstatus der Katze. Wie ein Hybrid aber überhaupt zustande kommt, ist bis anhin
ungeklärt. Wenn Michael vom MeLeiHu spricht, so ist der MeLeiHu durch technische
Vermittlung definiert: die Hundeleine ist das Objekt, das aus einem Menschen und
einem Hund einen MeLeiHu macht. Bei jedem MeLeiHu, der auf der Strasse spaziert,
ist dieser Status unmittelbar sichtbar. Es entsteht eine schwankende Bewegung durch
den Zug, der einmal vom einen, einmal vom anderen Ende der Leine ausgeht. Beim
MeKa haben wir es nicht mit einem technisch zusammengehaltenen Hybrid zu tun. Es
ist ein altmodischer, aber deswegen nicht weniger kraftvoller Hybrid. Er besteht
einzig und allein aus einer Beziehung, einem Verhältnis, oder einer Bindung. Es ist
ein sozialer Hybrid und genau weil er ein sozialer Hybrid ist, ist er so stabil. Der
MeKa-Hybrid zeigt, dass in einem Kontext, dessen Spielregeln ungenau definiert
sind, soziale Hybride sehr starke Akteure sein können. Stärker als die Netzwerke, die
ein Veterinärmediziner aufzubauen imstande ist. Die einfache Hybridisierung macht
das ganze Arsenal an Aktanten von D. unbrauchbar. Seine Maulkörbe und
Sedationsmittel sind wirkungslos geworden.
Wenn wir nun die drei Erzählungen vergleichen, wo liegen die Unterschiede?
Meiner Meinung nach ist die ANT-Beschreibung am 'realistischsten', im Sinne davon,
dass die Rekonstruktion des Geschehens auf eine sehr präzise und elaborierte Art und
Weise möglich ist. Aber dazu musste ANT relativ stark modifiziert werden: In der
Katzenepisode musste ein sozialer Hybrid zugelassen werden, der sehr stabil ist. ANT
funktioniert in der Latour-Variante nur, wenn die Tiere nicht als Hybride auftreten.
Sobald sie jedoch auf solch komplexe Art mit ihren BesitzerInnen verschweisst sind,
muss ANT so modifiziert werden, dass die Definition von 'Stärke' eines Netzwerkes
im Sinne einer langen Kette nicht mehr haltbar ist. Der Vorteil der ANT Position
bleibt jedoch, dass dem unklaren Status der Tiere sehr gut Rechnung getragen werden
kann. Wir können zusehen, wie Eigenschaften von BesitzerInnen und Tieren auf- und
abgebaut werden und dabei ihre Wirkung entfalten. Dies ist genau der Realismus: Ich
kann als Erzähler daran glauben, dass die Eigenschaften kommen und gehen, ohne die
Abweichungen von meiner Ontologie andauernd protokollieren zu müssen.
Aber dies hat einen Preis, den die AmplifikationistInnen nicht zu zahlen bereit sind:
Es kann keine Aussage gemacht werden über die Legitimität der Handlungen von
ÄrztInnen und BesitzerInnen.
107
Indem die amplifikationistische Variante genau auf die Legitimität der Handlungen
zugespitzt ist, zeigt sie , wie schwierig es ist, eine amplifikationistische ethische
Position zu finden. Je empathischer die Beschreibung ausfällt, desto mehr erscheint
der Hund als in seiner Würde verletzt. Noch schwieriger wird es, wenn man mit
Haraway 'natürliche' Vertreter vorziehen will. Denn in meinen Beispielen haben sich
die 'natürlichen' VertreterInnen als schlechte Fürsprecher ihrer Tiere erwiesen. Das
resultierende Dilemma besteht nun darin, dass ich, als der 'unnatürlichste' Vertreter
überhaupt, das Selbstbestimmungsrecht der Tiere sowohl gegen einen professionellen,
wie einen 'natürlichen' Vertreter durchsetzen sollte.
Die humankonstruktivistische Position produziert dagegen eine extrem 'ethnologische'
Episode, einem magischen Ritual gleich. Die menschlichen Akteure werden
verfremdet, indem ihre Handlungen nicht mehr aus den Eigenschaften ihrer
Bezugsobjekte, sondern aus ihren Berufsrollen und -Auffassungen erläutert werden.
Die Beschreibung der Situation gestaltete sich schwierig. Dies ist vor allem zwei
Umständen geschuldet: Erstens wird in der Situation kaum geredet. Sprache, das
Hauptmittel mit dem die Welt im Humankonstruktivismus hergestellt wird, spielt eine
untergeordnete Rolle in der Episode. Zweitens steht sich der Humankonstruktivismus
selbst im Weg, denn auf alle sprachlichen Zuweisungen an Tiere muss er immer mit
dem Nebensatz antworten: stimmt nicht, ist illegitim, ist anthropomorphisierend. Das
ist ein Hauptdilemma der ganzen Geschichte, denn eigentlich sollte ich soweit es geht
"aus der Perspektive des Eingeborenen" schreiben. Aber das Schwierige dabei ist,
dass es sich um drei verschiedene Eingeborene handelt, mit drei vollkommen
verschiedenen Perspektiven. Des einen Perspektive darf ich nicht einnehmen, weil er
ein Hund ist; die des zweiten kann ich nicht einnehmen, weil jener nichts tut, nur
einen einzigen Satz sagt und ich ihn noch nie vorher gesehen habe; und der dritte ist
Anthropomorphist: ein Gesichtspunkt, den ich qua Theorie nicht einnehmen darf.
Anstatt wie üblicherweise in konstruktivistischen Studien keine Aussage über den
Referenten zu machen und sich damit zu begnügen, nachzuvollziehen, wie etwas
konstruiert und beschrieben wird, und wie Eigenschaften verliehen werden, müssen
diese Konstruktionen immer sofort als illegitime Konstruktionen entwertet werden.
Um hier nicht die LeserInnen mit einer endlosen Folge solcher Dementis zu
verärgern,
werde
ich
im
folgenden
auf
solche
Nebensätze
in
humankonstruktivistischen Abschnitten verzichten. Auf diese Weise entschlackt,
erfüllt der Humankonstruktivismus jedoch eine Vielzahl von Aufgaben.
108
5.1.4. Kooperation statt Widerstand
Bevor ich darauf am Thema der Rasse eingehe, will ich zu der allerersten Episode der
Kooperation zurückkehren. Ich verglich meine Theorien anhand der
Widerstandsepisode, wobei ich implizit davon ausging, Widerstand hätte
Handlungsqualität, Kooperation oder Stillhalten hingegen eher nicht. Wie ich schon
vorher andeutete, ist dies aber nicht offensichtlich, sondern ebenfalls theorieabhängig.
Eine Beschreibung der Kooperationsepisode mit den drei Theorien ist aus einem ganz
bestimmten Grund, der eine Aporie aller Beobachtungen enthüllt, relativ schwierig:
Es lassen sich nur soziale Interaktionen beobachten, aber manchmal sind soziale
Interaktionen nicht sichtbar. Das ist bei einfachen menschlichen Handlungen schon
offensichtlich, wie 'sich schlafend-stellen', ganz zu schweigen von Unterlassungen.
Wenn wir nun anerkennen, dass das Stillhalten der Tiere genauso eine soziale
Interaktion darstellt und sei es nur als eine Alternative zum sich-wehren, so ist damit
Collins Sozialfähigkeitskriterium unhaltbar, und zwar nach seinen eigenen Vorgaben.
Denn die Tatsache, dass die Tiere offensichtlich im selben sozialen Kontext
verschieden reagieren und meistens diesen Regeln auch folgen können, setzt voraus,
dass sie ein Bewusstsein für die Regeln des sozialen Kontextes haben und das ist
genau Collins' Sozialfähigkeitskriterium.
Die AmplifikationistInnen, die schon von der Interaktionsfähigkeit der Tiere
ausgehen, haben keinen Anhaltspunkt für eine Interaktion, ausser in ihrer Negation:
dem Widerstand. Deshalb ist es schwierig, mit dem Tier zu empathieren. Was denkt
es sich, wenn es hinhält? Ist es ein Zeichen des Einverständnisses? Wenn man noch
davon ausgehen konnte, dass das Sich-wehren Ausdruck von Widerspruch ist, auch
ohne, dass das Tier versteht, was die wirklichen Intentionen der ÄrztInnen sind, so ist
es doch schwieriger, sich vorzustellen, dass Hinhalten ein Ausdruck von Zustimmung
sein soll. Die Schwierigkeit für den Amplifikationismus besteht also darin, dass
einerseits das Stillhalten als ein Ausdruck der Kooperation und damit Interaktion
gesehen werden kann, dies andererseits im Handlungsvollzug nicht nachvollziehbar
ist.
In ANT schliesslich ist die Episode bedeutungslos, denn kooperierende Tiere spielen
keine Rolle in ANT-Erzählungen. ANT erzählt immer Geschichten des Widerstandes
und nicht der Kooperation, geschuldet der Definition der Aktanten als Antworten auf
'trials'. Kooperation ist keine Antwort auf ein 'trial', denn man kann nicht von einem
109
'trial' reden, wenn Kooperation die implizite Vorannahme einer jeden Untersuchung
ist. So könnten ANT-'trials' als eine Form von ethnomethodologischen
Krisenexperimenten für Dinge beschrieben werden: Die Produktion von
Eigenschaften von Entitäten ist ein Resultat der Demonstration ihrer
Abwesenheitsbedingungen (Garfinkel 1967a). Genau so, wie Menschen nicht merken,
wie sie in ihren Alltagshandlungen andauernd soziale Reparaturleistungen erbringen,
merken sie auch nicht, wie Tiere oder Dinge dasselbe tun. Erst wenn die Interaktionen
misslingen oder absichtlich gestört werden – sei es von Menschen oder Tieren –,
bemerken wir die Arbeit, die dahinter steckt.
5.2. Rasse und Erziehung
5.2.1. Die Begriffe 'Rasse' und 'Erziehung' und ihre Anwendung auf Tiere und
Menschen
In diesem Kapitel untersuche ich, was zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt
über Menschen und Tiere gesagt werden kann. Ich zeige das an den beiden Begriffen
'Rasse' und Erziehung', die eine wichtige Rolle im Vokabular der ÄrztInnen spielen.
Dabei geht es darum, welche Erklärungen für das Verhalten von Entitäten als gültig
angesehen werden und welche nicht. Die Begriffe 'Rasse ' und 'Erziehung' eignen sich
besonders gut dafür, weil sie eine sehr belastete Geschichte haben und beide an den
umkämpften Rändern von Natur/Kultur spielen. Ihre Geschichte zeichnet sich
dadurch aus, dass sie ein Reinigungsverfahren hinter sich haben, bei dem die
Verknüpfung von Natur und Kultur in diesen zwei Begriffen aufgelöst wurde. Im
Falle der Rasse wurde u.a. von der Boas'schen Kulturanthropologie angesichts des
Unfugs, der in diesem Jahrhundert mit dem Rassebegriff angestellt wurde, erreicht,
dass der Begriff in Bezug auf kulturelle oder psychologische Leistungen menschlicher
Gesellschaften nicht mehr gebraucht werden kann und darf. 'Rasse' kann höchstens
noch in der biologischen Anthropologie als deskriptiver Begriff gebraucht werden,
um biologische Verwandtschaft auszudrücken, wobei er auch dort umstritten ist. Ohne
der Geschichte im Detail nachzugehen, lässt sich sagen, dass der Begriff durch eine
grosse Anzahl dekonstruierender Bewegungen unbrauchbar gemacht wurde. Er ist
wohl einer der Begriffe, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts am meisten
110
Dekonstruktionsarbeit erfahren hat (Hannaford 1996). Heute haben Tiere eine 'Rasse',
Menschen keine, höchstens eine 'Ethnie'. Wobei der Ethniebegriff auch schon wieder
unter Verdacht steht, einfach den Rassebegriff abgelöst zu haben. Zentral für die
Dekonstruktion der beiden Begriffe ist die Behauptung, dass soziale, psychologische
oder kulturelle Züge von Menschen nicht von dieser biologischen Ausstattung
definiert werden und dass es schwierig oder unmöglich ist, die Menschheit nach
kohärenten biologischen Kriterien zu unterscheiden.
'Erziehung' dagegen wurde zu einem Begriff, der komplementär zum Rassebegriff nur
kulturell gebraucht werden kann. Das Menschengeschlecht muss nicht mehr aus
seinem Naturzustand heraus zur Kultur oder Zivilisation erzogen werden; heute
kommt der Mensch als Kulturwesen zur Welt. 'Erziehung' ist ein Begriff der für
Menschen nur noch gebraucht werden kann im Sinne einer elterlichen oder
gesellschaftlichen Formungsleistung auf dem Boden der Kultur. Auch
Erziehungsvorschläge, die das oder ein 'Volk' erziehen sollen, werden nicht mehr
aufgrund eines zu ändernden 'Naturzustandes' gemacht, sie beziehen sich auf
kollektive, kulturelle Verhaltensmuster, die geändert werden sollen.
5.2.2. Die unwichtige Kategorie Geschlecht
Geschlecht, als diejenige Kategorie, die für die Erklärung soziopsychologischer
Unterschiede bei Menschen allgegenwärtig und heute viel wichtiger als Rasse und
Erziehung ist, ist für das Klinikpersonal bedeutungslos. Wenn in der Veterinärmedizin
ÄrztInnen oder GehilfInnen Gründe für das 'Fehlverhalten' von Hunden angeben, so
ist es immer 'Rasse' und 'Erziehung', von 'Geschlecht' hingegen ist nie die Rede. Nie,
weder in Interviews, noch im Klinikalltag wurde auf Geschlecht als erklärende
Kategorie Bezug genommen. Hunde und Katzen haben kaum je ein soziales
Geschlecht.90 Alle Alltagstheorien über Aggressivität und Gewalt, über Täter und
Opfer, die den Diskurs über Menschen strukturieren, samt deren komplexe
Verbindungen von Biologie und Sozialem, 'sex' und 'gender', sind bei Tieren
bedeutungslos und werden durch 'Rasse' und 'Erziehung' ersetzt.
90
In ganz ausgewählten Momenten haben sie ein soziales Geschlecht, aber das ist mit Sexualität und
nicht mit Aggression verbunden. Siehe dazu Kapitel 5.4.1 zur körperlichen Integrität der Tiere.
111
Überhaupt wird vor allem über Hunde in nicht-individuellen Kategorien geredet, und
ihr Verhalten wird viel eher mit ihren BesitzerInnen in Verbindung gebracht. Katzen
hingegen werden fast nie bezüglich 'Rasse' oder 'Erziehung' kommentiert. Die
BesitzerInnen werden auch seltener danach gefragt, ob die Katzen 'böse' seien. Katzen
werden selten als Vertreter eines Kollektivs wahrgenommen, als soziale Wesen im
Sinne einer Verhaltensdeterminierung durch spezifische Umstände. Hunde hingegen
schon, und das will ich im Folgenden zeigen. Die Zuschreibung von Rasse und
Erziehung als Grund für Widerständigkeit lässt sich nur sinnvoll in einer
humankonstruktivistischen Erzählung bewältigen, denn man 'sieht' sie nie in Aktion.
Es gibt keine Hunde, die sagen: Ich bin ein schlecht erzogener Schäfer und deshalb
beisse ich die Ärztin.
5.2.3. Widerstandserklärungen
Nach der zu Beginn des vorherigen Kapitels erwähnten Rauferei zwischen einem
Hovawart und dem Arzt Z. kam der Arzt zu mir und sagte folgendes:
Hunde sind Rudeltiere, sie stammen von Wölfen ab. Sie brauchen eine stabile
Rangordnung. Die Verhaltensstörungen haben wir, weil Hunde in ihren
Halterfamilien zu Alphatieren werden, weil die Familien den Hunden alles
erlauben. Das sind dann auch die Hunde, die beissen. {B16}
Als der Hund ein zweites Mal untersucht wurde, begrüsste Z. den Hund mit
"Komm du Stinker", einer Begrüssung, die er oft für eher unfolgsame Hunde
gebrauchte, um an mich gewendet zu sagen: "So, der ist jetzt gezähmt. Dem musste
einfach einmal gezeigt werden, wer im Rudel über ihm ist, und dann akzeptiert er
das. Zu Hause wurde ihm das halt nie gezeigt." {B18}
Ein anderes Mal wehrte sich ein Cockerspaniel. Arzt Y. sagte danach zu mir:
"Eigentlich sind Cockerspaniels eine ganz liebe Rasse, ausser die Besitzer haben sie
verzogen, dann können sie sehr eklig sein." {92/1}
Ich interpretiere die obigen Aussagen unabhängig von ihren Bezügen zur
entsprechenden Fachliteratur oder faktischem Gehalt als eine spezifische Form von
Alltagswissen. Dabei interessiert mich, wie hier mit den Begriffen von Rasse und
Erziehung umgegangen wird. Ich gehe davon aus, das die beiden Begriffe auf
Menschen und Tier mit gleichem 'faktischen' Recht angewendet werden könnten.
Damit will ich nicht den Rassebegriff in den Humanwissenschaften rehabilitieren,
sondern zeigen, dass der Rassebegriff bei Tieren genau gleich dekonstruiert werden
112
könnte. Nur wegen der mangelnden politischen Brisanz wird er nicht genauso
dekonstruiert.
Die ÄrztInnen haben keine Scheu, die Hunde nach Rassen zu klassifizieren und den
verschiedenen Rassen ein bestimmtes Verhalten zugrunde zu legen. Dies sind
sozusagen die Hunde im Naturzustand. Hunde sind aber nicht einfach nur durch ihre
Rasse im Verhalten determiniert, sie sind auch Kulturwesen. Denn jeder Hund muss
erzogen werden, und das heisst in diesem Fall ein Bestandteil der menschlichen
Sozialwelt werden. Er soll nicht 'Alphatier' sein, und zwar nicht in Bezug auf andere
Hunde, sondern in Bezug auf andere Menschen. Hunde und Menschen haben eine
soziale Ordnung, die hierarchisch aus Alphatieren und Gammatieren aufgebaut ist.
Aber egal, welchen Platz ein Hund unter Hunden – von Natur aus – einnimmt,
Menschen gegenüber darf er kein Alphatier sein. Homo cani canis. Aber es ist nicht
wirklich klar, welches Verhältnis Natur und Rasse haben.
Im Fall des Hovawart ist es so, dass die Besitzer es nicht geschafft haben, den Hund
aus seinem Naturzustand herauszuholen. Der Hund tut etwas, was in seiner Natur
angelegt ist, und weil die Besitzer ihn nicht gezwungen haben, seine Natur abzulegen,
wird der Arzt jetzt gebissen. Das heisst, Hovawarte sind in der Darstellung von Z. von
Natur aus ungezogene, gefährliche, nicht-sozialisierte Tiere. Erst durch Erziehung
werden sie kulturalisert.
Genau umgekehrt verhält es sich im Fall des Cockerspaniel: Nach Aussage von Y.
sind sie 'eigentlich ganz lieb'. Erst die falsche Erziehung, der Einfluss der Besitzer,
macht aus ihnen 'eklige' Tiere.
Was in beiden Fällen gleich bleibt, ist die Schuldzuweisung an die BesitzerInnen:
Egal ob eine Hunderasse 'von Natur aus' oder 'an sich' gut oder schlecht, lieb und
harmlos oder eklig und beissend ist: Der Besitzer ist aus der Sicht der ÄrztInnen dazu
verpflichtet, den Hund dazu zu bringen, alle 'schlechten' Eigenschaften abzulegen und
alle 'guten' beizubehalten oder zu erwerben. Wobei es nicht nur so ist, dass Hunde
schlecht erzogen sein können, sie können auch zu gut erzogen sein:
Der Besitzer eines Schäfers klatscht nach der Untersuchung leicht in die Hände, der
Schäfer steht ruckartig auf. R., der behandelnde Arzt und G., der danebenstehende
Pfleger erschrecken. Der Besitzer grinst und entschuldigt sich, er hätte nicht
absichtlich geklatscht, dies sei das Zeichen zum Aufstehen gewesen. R. antwortet
darauf: "Aha, ein richtiger kleiner Roboter." {10}
113
In jedem Fall ist es ausserdem so, dass die Erklärungsmuster 'Erziehung' und 'Rasse'
immer dann zur Verwendung kommen, wenn sich die Hunde nicht so benehmen, wie
sie sollten. Das heisst, die Zuhilfenahme von 'Rasse' und 'Erziehung' ist ein Mittel, um
ein von den ÄrztInnen definiertes Fehlverhalten zu erklären und zwar unter Absehung
der Schuldfähigkeit der Hunde. 'Etwas' ist schuld daran, dass der Hund beisst, aber
nicht der Hund selbst. Dieses 'etwas' ist eine verborgene, im Hintergrund agierende
Variable, die eine Mischung aus 'Natur' und Einfluss der Besitzer darstellt. 'Kultur',
'Gesellschaft' oder enger gefasst, 'soziale Herkunft' und 'Schicht', die
Lieblingsvariablen der SozialwissenschaftlerInnen zur Erklärung solcher
Verhaltensweisen bei Menschen, kommen nicht vor.
Es gibt nur ganz spezielle Fälle, in denen Hunde plötzlich soziale Eigenschaften
erhalten, und zwar menschlich soziale. Im folgenden Beispiel lässt sich dies auf
verschlungene Weise verfolgen:
Eine kleine, dünne, sehr ungesund aussehende und schrill angezogene Frau,
vielleicht dreissig Jahre alt, kommt mit einem Rottweiler zur Behandlung einer
Leishmaniose-Erkrankung. Als die Untersuchung zu Ende ist und sie gehen kann,
bittet sie den behandelnden Arzt F., ihr den Hund aus der Klinik herauszuführen,
denn sie könne ihn kaum festhalten, wenn er an so vielen anderen Hunden im
Wartezimmer vorbeigehen müsse.
Danach erläutert mir F. das "Rottweiler-Problem", wie er es nennt. Seiner Meinung
nach sind es vor allem kleine, feine Personen, die Rottweiler besitzen. Am Anfang
geht es gut, aber nach ca. 3 Jahren kommen die Besitzer dann mit ihren Rottweilern
zum Tierarzt, weil sie nicht mehr weiter wissen, und dann muss der Rottweiler
euthanasiert oder in ein Tierheim gegeben werden.
Ich erwähne, dass die Besitzerin sagte, es sei ein Polizeihund. F. glaubt das nicht.
Vielleicht ist der Hund von der Wache AG (einem privaten Sicherheitsunternehmen
mit eher zweifelhaftem Ruf) oder so gewesen, aber es ist sicher kein Polizeihund,
meint er. Vielleicht sei ja ihr Freund bei einem Sicherheitsdienst, beendet er die
Diskussion. Dies scheint mir unwahrscheinlich, denn die Besitzerin sieht aus wie
ein Junkie, und eine der Hauptbeschäftigungen von Wache AG-Angestellten ist es,
Junkies von semi-privatem Grund, wie etwa dem Bahnhof, zu vertreiben, aber dies
sage ich nicht. {63 und 63b}
Im Gegensatz zu den einfachen Beispielen von vorhin sind hier viel kompliziertere
Beziehungen zwischen Natur und Kultur, Rasse und Erziehung im Spiel. Zu Beginn
sieht alles noch bekannt aus, mit Ausnahme des Zeitfaktors. Rottweiler sind ein
114
Problem, weil sie als Kind lieb sind, aber mit dem Alter böse und gefährlich werden.
Sie ändern ihren Naturzustand, aber Erziehung macht es möglich, den Rottweiler zu
bändigen. Dann verknüpft F. Persönlichkeitsmerkmale der Rottweilerbesitzer mit der
Rasse.91 Indem ich den Begriff 'Polizeihund' einbringe, verknüpfe ich den Beruf von
möglichen vorhergehenden BesitzerInnen mit bestimmten Eigenschaften des Hundes
und der Glaubwürdigkeit der Besitzerin. F. hält die Angaben der Besitzerin für
unglaubwürdig, weil er meint, einem Hund anzusehen, was sein Beruf war! Diese
Beobachtung entspricht genau dem, was Bourdieu 'Habitus' nennt (Bourdieu 1993b,
97 ff.). Im Körper des Hundes wären demnach dauerhaft soziale Strukturen
eingelagert. Sie verraten die soziale Herkunft des Hundes ununterbrochen und ohne
sein Zutun. Wie bei Bourdieus Habitus handelt sich dabei um eine
Darstellungsleistung des Körpers, eine "aktive Präsenz", und nicht bloss um ein
Zeichen, wie etwa bei Kleidungsstücken, mit denen der Träger auf seine soziale
Zugehörigkeit verweist (Ebd., 101). Und vor allem ist der ursprüngliche Habitus
stabiler als nachträgliche soziale Auf- oder Abstiege des Hundes; diese verändern
zwar seinen Habitus erneut, aber der ursprüngliche bleibt immer sichtbar. Weil F.
bestimmte Vorstellungen davon hat, wie sich ein Polizeihund verhält, korrigiert er die
Aussagen der Besitzerin so, dass der Hund sozusagen die nächst tiefere soziale
Herkunft erhält. Statt Polizei privater Sicherheitsdienst. Aus irgendeinem Grund ist er
der Meinung, die Besitzerin müsse den Hund durch private Kanäle erhalten haben,
zum Beispiel durch ihren Freund. Das heisst, die Einschätzung der sozialen Herkunft
des Hundes determiniert jetzt indirekt diejenige ihrer Halterin. Weil ich mich
wiederum unfähig sehe, zu beurteilen, ob es sich nun um einen Polizei- oder einen
Wache AG-Rottweiler handelt, notiere ich mir die Unglaubwürdigkeit der
Klassifizierung der Besitzerin durch den Arzt, die nach Aussage von F. einen Freund
bei der Wache AG haben soll.
91
Die Verbindung von bestimmten Besitzertypen zu bestimmten Hunderassen ist ein altes Thema, das
insbesondere im 19 Jh. karikaturistisch verwertet wurde. Siehe dazu Buchner (1996, 123 ff.). Im hier
beschriebenen Fall ist es so, dass die Hunderasse sozusagen komplementär zu den Merkmalen der
BesitzerInnen angesehen wird. Häufig, und gerade bei Rottweilern ist es aber auch gerade umgekehrt.
Rottweilerbesitzer werden häufig, auch im Klinikalltag, als rücksichtslos auftretende Männer mit
Geltungsdrang beschrieben. Eine neue Studie stellte einen Zusammenhang zwischen hoher
Aggressivität von Cockerspaniels und 'emotionaler Unstabilität" und Scheuheit der BesitzerInnen fest
(Podberscek und Serpell 1997). Ein interessantes methodisches Detail ist die Tatsache, dass die
Fragebogen über Hund und Besitzer beide von den BesitzerInnnen ausgefüllt wurden.
115
Diese Beschreibungen sind insofern humankonstruktivistisch, als es sich um
Zuschreibungen an Hunde und Besitzer von Seiten der ÄrztInnen handelt, die ich
nicht weiter beurteile. Ich mache keine Aussagen darüber, ob Cockerspaniels
tatsächlich erst durch fehlerhafte Erziehung 'eklig' werden, oder ob sie nicht etwa
schon 'eklig' zur Welt kommen und erst durch Erziehung liebe Hunde werden, oder ob
sie als unbeschriebene Blätter zur Welt kommen und nur durch die frühe Trennung
von den Eltern, oder durch ein bestimmtes Milieu, in dem sie aufwachsen, zum
Beispiel Platzmangel o.ä. oder gar durch ein bestimmtes, fehlerhaftes Gen vom
rechten Weg abkommen.
Aber in jedem Fall bleibt festzuhalten, dass der Zusammenhang ebenso einfach wie
bei Menschen dekonstruierbar wäre, indem etwa argumentiert würde, 'Rasse' sei kein
haltbares Kriterium, weil sie sich nicht sauber abgrenzen lasse oder deren
Definitionskriterien meist unpassend seien, da sie sich hauptsächlich auf Phänotypen
und nicht Genotypen stützen und die Rassen ohnehin nie rein auftreten würden. Oder
es könnte behauptet werden, dass der Zusammenhang zwischen Rasse und Verhalten
unklar sei, da man nie Rasse in Aktion sehen könne, sondern immer nur schon im
Zusammenhang mit bestimmten 'kulturellen' Eigenschaften, da Hunde als
domestizierte Tiere ohnehin keine 'natürlichen' Eigenschaften aufweisen; oder dass
der Zusammenhang von Rasse und Erziehung bedinge, dass Erziehung bestimmte
Effekte habe, die empirisch aber nicht nachweisbar sind.92 Kurzum: Bezüglich Tieren
ist ein Diskurs möglich, der in der imperialistischen Ethnologie des 19. Jahrhunderts
seine Ursprünge hat und von dort mit eben diesen dekonstruierenden Argumenten
vertrieben wurde. In einer neueren Auflage des Lehrbuchs von Niemand fand diese
Dekonstruktion auch schon statt. Zur Erinnerung: Ich zitierte im Kapitel 4 über die
Lehrbücher Niemand folgendermassen: "Bissigkeit aus Misstrauen besonders häufig
bei Chow-Chow und Skye-Terrier, aus Ängstlichkeit (Angstbeisser) bei
wesensschwachen Schäferhunden, aus Schärfe bei Rottweiler und Dobermann"
(Niemand 1984, 60). In einer neueren Auflage heisst es dann: "Chow-Chows sind für
Fremde im Durchschnitt unzugänglicher als andere Rassen. Schwierig sind scheue,
92
Die Argumente finden sich zum Beispiel auch als Antwort auf Herrnstein/Murray's "Bell Curve", das
einmal mehr den Zusammenhang von Ausbildung, Intelligenz und 'Race' zu verankern suchte
(Herrnstein und Murray 1994, Jacoby und Glaubermann 1995) oder im Eintrag 'race' der International
Encyclopedia of the Social Sciences (Harris 1968).
116
zur Panik neigende Hunde und nicht untergeordnete Hunde aller Rassen, die auch
ihren Besitzer dominieren" (Niemand und Suter 1994, 38, fett im Original).
Wenn man die Argumente in einem amplifikationistischen Zusammenhang einordnen
will, so müsste man wohl entscheiden, ob man die Zuschreibung einer Verknüpfung
von Rasse und Erziehung bei Tieren genauso verwerflich finden soll wie bei
Menschen. Der Amplifikationismus würde dies rechtfertigen, insofern die
Verknüpfung von Rasse und Erziehung die sozialen Fähigkeiten eines Tiers auf ein
Produkt der Leistungen seiner BesitzerInnen und seiner Natur reduziert. Aber ein für
AmplifikationistInnen wichtigerer Punkt ist der Umgang mit Tieren, und es ist
durchaus unklar, ob die Tatsache, dass die Tiere auf ihre Rasse und Erziehung
reduziert werden, zu einem schlechteren Umgang mit ihnen führt.93 Zwar wird immer
nur dann auf Rasse und Erziehung als Erklärungsmuster zurückgegriffen, wenn sich
Hunde wehren und dann deswegen ohnehin eher unsanft mit ihnen umgegangen wird,
aber im Gespräch und meinen Beobachtungen zufolge hängt dies kaum mit einer
sonstigen Entpersonalisierung der Hunde zusammen. In der Frage, ob Hunde
geschlagen werden sollen, herrschen offensichtlich verschiedene Auffassungen, aber
sie sind nicht daran gebunden, inwiefern die Hunde als fühlende oder denkende
Gegenüber wahrgenommen werden, wie aus folgendem Interviewausschnitt deutlich
wird:
N: Ich glaube, es gibt, es gibt auch, wie bei Menschen, es gibt Choleriker, es gibt
total kaltblütige, also, es ist auch bei den Tieren so, äh, die meisten Tiere haben
Angst, aber Tiere gehen total unterschiedlich um mit der Angst. Es gibt Tiere, die
vor Angst total aggressiv werden, es gibt Tiere, die sich vor Angst einfach
zurückziehen und zittern… (…)Wir trösten natürlich die Tiere. Du versuchst ja
Kontakt zu gewinnen. Und den Kontakt kannst du nur bei Tieren gewinnen, die
sowieso vernünftig sind, die lassen auch den Kontakt zu. Aber die Tiere, die
einfach aus dem Häuschen sind, die greifen alles an und beissen und knurren
herum, auch den Besitzer anknurren. Mit dem kannst du keinen Kontakt gewinnen,
93
Einzig beim 'Rottweiler-Problem' ist es so, dass Hunde wegen ihrer 'rassebedingten' Aggressivität
sogar euthanasiert werden. Weil ich nur in einem Fall eine Euthanasie aus solchen Gründen miterlebte,
diskutiere ich dies hier nicht weiter. Einer Studie zufolge sollen zwischen 35 und 50 % aller
Euthanasien von Haustieren in den USA wegen aggressivem oder destruktivem Verhalten erfolgen
(Tannenbaum 1993, 150). Entweder ist diese Zahl enorm übertrieben, oder es gibt enorme kulturelle
Differenzen zwischen den USA in den 80er Jahren und der Situation in der Deutschschweiz 15 Jahre
später.
117
indem, dass du ihn tröstest, also der braucht einen Maulkorb und eins hinter die
Ohren. Dass er einfach, jetzt musst du einfach gehören (anstatt "gehorchen", Anm.
d. A.) Es lässt sich, lässt sich einfach kein Kontakt aufbauen. Und solch ein Tier tu
ich nicht trösten, so ein Tier kann ich gar nicht, kann ich gar nicht in der Situation
steuern. Das ist nicht mein Problem. Das ist Problem des Besitzers. Der soll die
Situation handeln (er meint das englische 'to handle', Anm. d. A.). Ich nicht, ich bin
kein Besitzer von dem Tier, ich bin kein Herr. Mir wird es nie zuhören oder
gehorchen, das wird es nicht. Also wir sind da total an die Hilfe vom Besitzer
angewiesen, dass die die Situation verstehen und dass die uns helfen. Und leider ist
es so, dass man nicht sagen kann, sie sollen das und das machen. Weil das
empfinden die Besitzer als persönlichen Angriff und das ist häufig, eben, ein
Problem.
Bemerkenswert an diesen Aussagen ist vor allem, dass eindeutig der Besitzer als der
Schuldige und als 'Problem' dargestellt wird, aber er ist zu autonom, er hat in den
Augen von N. zu viel Spielraum, als dass er wirklich zur Verantwortung gezogen
werden könnte. Die Tiere hingegen werden bestraft, geschlagen, für ein Verhalten, für
das sie eigentlich nichts können.
5.3. Sozialer, papierener und physischer Kitt: Verbundenes trennen und
umverteilen
Wie schon am Beispiel des Widerstands deutlich wurde, ist es oft unklar, wer weshalb
welche Eigenschaften annimmt. In diesem Kapitel gehe ich den verschiedenen
Mechanismen nach, wie die Tiere von ihren BesitzerInnen getrennt und wieder mit
ihnen zusammengebracht werden und wie Tiere und BesitzerInnen Eigenschaften
erhalten oder verlieren. Für das reibungslose Funktionieren der Konsultationen ist es
nämlich wichtig, dass BesitzerInnen und Tiere nur die ihnen zugedachten
Eigenschaften und Verhaltensweisen zeigen. Dies ist im wesentlichen durch die
118
bürokratischen Strukturen94 bedingt, die vor allem durch zeitliche und
organisatorische Beschränkungen von Tieren und BesitzerInnen ein ganz spezifisches
Verhalten verlangen. Ein einfacher Grund dafür liegt im Zeitraster, das die Arbeit der
Klinik überzieht. Konsultationen folgen sich im Halbstundenrhythmus bis zur
Mittagszeit. So bleibt nicht viel Spielraum, um einmal ein wenig mehr Zeit mit einem
Besitzer und Tier zu verbringen. In der von mir besuchten Praxis stand gar nur eine
Viertelstunde pro Patient zur Verfügung, wobei die in diesem Zeitraum
durchgeführten Abklärungen wesentlich weniger aufwendig als in der Klinik waren.
Meistens handelte es sich um Impfungen, die nicht von Untersuchungen begleitet
waren. Nur in Fällen, bei denen bekannt war, dass es sich um eine aufwendigere
Untersuchung handelte, wurde eine halbe Stunde eingeräumt.
Aus dieser Situation ergibt sich keine persönlichen Beziehungen zwischen
BesitzerInnen bzw. Tieren und den ÄrztInnen, und diese wissen kaum etwas über die
Lebensumstände ihrer Klienten. Dadurch wird mit einem Standarderwartungsrahmen
an alle BesitzerInnen und Tiere herangetreten, der entsprechend wenig individuelle
Abweichung duldet. Dies war in der Praxis eindeutig anders. Dort gab es vereinzelt
BesitzerInnen, die der Arzt persönlich kannte, und manchmal erkundigte er sich auch
bei ihm unbekannten BesitzerInnen nach ihren weiteren Lebensumständen.
5.3.1. Protokoll: die Ablösung auf dem Papier
In der Klinik, nicht jedoch in der Praxis, gibt es ein ausgeklügeltes Set an Papieren,
auf denen die Personalien von Besitzer und Tier, sowie die Krankengeschichte
festgehalten wird. Diese Protokolle könnten als eine blosse Erinnerungsstütze für die
ÄrztInnen und die Klinikadministration angesehen werden, was sie auch sind. Aber
sie sind mehr. Denn es werden nicht einfach Merkmale der Welt auf dem Papier
94
Ich verstehe 'bürokratische Strukturen' hier vollkommen wertfrei. Ich will damit bloss andeuten, dass
durch die Grösse der Kleintierklinik und den hohen Grad an Arbeitsteilung relativ wenig
Abweichungen von einem eingespielten, durch die Grösse vorgegebenen Handlungsrepertoire möglich
sind. Ich verdanke diesbezüglich viele Ideen einer Untersuchung von Strong über ArztPatientenkonsultationen in der Pädiatrie (Strong 1979). Strong arbeitet allerdings mit Goffman'scher
Rahmenanalyse und geht nicht davon aus, dass die Strukturen selbst Eigenschaften verleihen. Er
unterscheidet im wesentlichen einen 'bureaucratic frame' von drei anderen Frames. Der 'bureaucratic
frame' bezeichnet den reibungslosen Ablauf der strukturell vorgegebenen Interaktionsrituale.
119
festgehalten, diese Merkmale werden so erst in der Welt relevant.95 Dabei sind es
nicht einzelne Merkmale, die mich hier interessieren, sondern der Ablauf der
Protokolle und die daran gebundene Verschiebung von Merkmalen.
Wenn ein Besitzer und sein Tier die Klinik betreten, so müssen sie als erstes ein
"Patienten-Aufnahme"-Blatt ausfüllen. Wer taucht nun alles auf diesem Blatt auf, wer
ist mit 'Patient' gemeint? Von der Besitzerin werden zuerst Vorname, Adresse und
Telefonnummer erfasst. Alles sind Angaben, die der Identifikation der Besitzerin
dienen, mehr nicht. Dann folgen die Angaben zum Tier: Es wird gefragt, ob es sich
um einen Hund, eine Katze oder ein "anderes Kleintier" handle, welche Rasse und
Farbe es hat. Dann erst werden Name, Geburtsdatum, sowie Geschlecht abgefragt.
Zuletzt muss angegeben werden, ob das Tier kastriert ist und weshalb es eingeliefert
wurde. Bevor ich den Rest des Blattes bespreche, will ich es mit dem entsprechenden
Protokoll der Praxis vergleichen. Dort finden sich deutlich unterschieden "Angaben
zu ihrer Person" und "Angaben zu ihrem Tierfreund". Zur Person wird dasselbe
gefragt wie in der Klinik. Zum "Tierfreund" wird erstens zuerst und fett gedruckt nach
dem Namen gefragt und neben allen in der Klinik abgefragten Kategorien wird
ausserdem nach der "ID-/Tätow.Nr.", vorherigen Krankheiten und Unfällen, sowie
nach der Fütterung – "Mein Freund bekommt folgendes Futter:" – gefragt. Im
Vergleich fällt auf, dass in der Praxis das Tier viel stärker zu einem individuellen
Patienten gemacht wird. Das Tier ist "mein Tierfreund" und sein Name wird vor
seiner Rasse und Farbe abgefragt. In beiden Bogen werden identifizierende
Kategorien (Farbe, ID-Tätow. Nr.) abgefragt, die in keinem Zusammenhang mit
medizinisch relevanten Kategorien stehen, die aber das Tier erkennbar machen. Tiere
sind in der Veterinärmedizin einzelne, individualisierte Patienten, aber sie lassen sich
nur ungenau identifizieren. Denn der Name des Tieres hat in der Veterinärmedizin nur
Bedeutung, wenn ein Tier schon identifiziert ist. Ohne Besitzerin oder Klinikpersonal,
das den Namen schon kennt, 'hat' das Tier keinen Namen. Aber wie erhält ein Tier
seinen Namen? Und was bewirkt er?
95
Zu Klassifikationssystemen im Allgemeinen und wie sie wirksam werden siehe Douglas (1992), zum
Funktionieren von Protokollen in der Medizin siehe Berg (1998).
120
5.3.2. Exkurs: Caramel und Miles, Nuscheli, Schätzimeiti und Sean – Namen
und Biographien
Namen machen aus einem Menschen oder einem Tier ein Individuum mit einer
Biographie. Sie machen die Person einzigartig, stellen sie aus dem Kollektiv heraus,
sie machen es möglich, dass über sie eine Geschichte erzählt wird. Es ist ein Merkmal
der westlichen Gesellschaften, dass eine starre Grenze zwischen Personen und Dingen
gezogen wird. Dinge sind tauschbar, über sie kann frei verfügt werden und sie haben
keine Biographien, Menschen hingegen haben Biographien und können nicht
kommodifiziert werden (Kopytoff 1986). Tiere stellen für das westliche Denken eine
Herausforderung dar, denn sie besetzen einen Zwischenraum, in dem sie manchmal
als Dinge und manchmal als Person erscheinen. Die Namensgebung ist ein
Hauptinstrument, mit dem Tiere Dingen oder Personen zugeordnet werden.
Dies zeigt sich deutlich beim Umgang mit Labortieren. Im Labor erhalten Tiere
Nummern und keine Namen. Nur Anfänger, die noch nicht fähig sind, die Tiere nicht
zu personalisieren, geben ihnen Namen und bauen so eine persönliche Beziehung zum
Tier auf (Phillips 1994). HAM, einer der berühmtesten Affen, der von den USA ins
All geschossen wurde, hiess vor seinem Flug offiziell # 65, nur seine Pfleger hiessen
ihn Chop Chop Chang. Erst als # 65 heil zu Erde zurückkehrte, erhielt er seinen
Namen, HAM, für Holloman Aero-Medical (Haraway 1989, 138). Der Name wird
erst dann verliehen, wenn es nicht vergeblich ist, jemandem einen Namen zu geben.
Menschen oder Dinge, die nie eine Biographie erhalten können oder sollen, erhalten
keine Namen. Amerikanische Pioniere gaben ihren Kindern keine Namen, bis sie
genügend alt waren, um der hohen Kindersterblichkeit zu entgehen (Phillips 1994).
Namen verleihen nicht nur eine Biographie, sie sind auch Ausdruck gesellschaftlicher
oder verwandtschaftlicher Beziehungen. Es existieren in jeder Gesellschaft Regeln,
wer wie angesprochen werden darf. Nicht jeder darf mich Michael nennen, manche
dürfen sogar Kosenamen oder ganz bestimmte Abkürzungen verwenden, andere
sprechen mich mit meinem Nachnamen an.96
96
Zur Geschichte des Namengebrauchs in England siehe Strathern (1995, 15 ff.). Strathern vertritt die
unorthodoxe These, dass Namen nicht notwendigerweise individuierender seien als andere
Klassifikationen wie zum Beispiel Verwandtschaftsbezeichnungen. "There is no inherent reason why
calling a person Ann is more or less individuating than calling that person Mother. The number of
Anns in the world no doubt run in hundreds of thousands, while each person has only one mother."
(Ebd., 19f.)
121
In den westlichen Gesellschaften sind wir es gewöhnt, dass Haustiere Vornamen
haben. Die Patienten in der Klinik oder in der Praxis heissen Sarah, Susanne, Pedro,
Miles, Florian, Bettina, Herby oder Amigo, Desirée, Caesar, Godwin, Piruschka,
Chrösi, Büffeli, Monty, Odessa, Schätzimeiti, Kaia, Dandy, Azul, Chicco. Manche
Namen sind Menschennamen, manche sind aber Charakterbezeichnungen oder
eigentliche Tierkosenamen. Es scheint heute keine Regel mehr zu geben, wie
Tiernamen gewählt werden. Die einzige Regel besteht darin, dass Tiere nur einen
Namen haben und nur einen Vornamen, der unabhängig von sozialen Beziehungen
benutzt wird.97 Der Name des Tieres ist demzufolge auch kein Ausdruck sozialer
Distanz oder Nähe mehr. Aber die Tiernamen zeichnen sich unabhängig von ihrer
personalisierenden Funktion durch eine sehr lose Beziehung zum bezeichneten Tier
aus. Sie sind viel variabler als Menschennamen. Wie ich im Kapitel über die
Protokolle gezeigt habe, besteht ein Identifikationsproblem in der Veterinärmedizin,
weshalb auf dem Anmeldebogen verschiedene identifizierende Kategorien abgefragt
werden. Das Tier 'hat' keinen Namen ohne dass die Besitzerin oder das Klinikpersonal
ihm diesen Namen gibt. Ich möchte im Folgenden zeigen, dass die eher schwache
Personalisierung des Tieres nichts damit zu tun hat, ob das Tier weiss, wer es ist und
wie es heisst. Es hängt damit zusammen, dass das Tier der Namensverleihung nicht
widersprechen und selbst nicht auf einem bestimmten Namen beharren kann.
Wenn ein Tier in die Klinik eintritt, so ist es ohne sein Protokoll nur ein Tier, es wird
weiter nicht identifiziert. Das beginnt schon beim Geschlecht. In einem Fall
untersuchte M. einen Labrador-Mischling und redete dabei immer von einem "er" bis
er den Hund umdrehte, um seinen Bauch zu untersuchen, wobei er feststellte, dass es
sich um ein Weibchen handelte. Dann wechselte er, ohne weiteres dazu zu bemerken
zu "sie" {84}. Dies ist eine Ausnahme, normalerweise waren die
Geschlechtszuschreibungen immer korrekt, aber es zeigt, dass die
Geschlechtszuschreibung auf Grund von biologischen Geschlechtsmerkmalen
97
In der Klinik, in der Sanders seine Ethnographie durchführte, wurden die Tiere vom Personal mit
Rufnamen und Nachnamen ihrer Besitzer benannt. Eine Katze hiess dann zum Beispiel "Midnight
Monroe", weil ihre Besitzer mit Nachnamen Monroe hiessen (Sanders 1994, 54). Sanders erläutert
diese Praxis nicht, aber sie scheint mir sehr bemerkenswert, denn sie macht deutlich, dass Tiere
normalerweise nicht als Bestandteil von Verwandtschaftsbeziehungen angesehen werden, sondern als
Individuen in einem beziehungslosen Raum. Indem sie einen Nachnamen erhalten, werden sie in
menschliche Verwandtschaftsbeziehungen eingefügt. Der hier beschriebenen Benennungspraxis bin ich
bei meinen Untersuchungen nie begegnet.
122
keineswegs einfacher ist als auf Grund von kulturellen Geschlechtsmerkmalen.
Geschlechtsmerkmale werden am Körper des Tieres verifiziert, nicht an Protokollen,
nicht durch Nachfrage bei BesitzerInnen und auch nicht an kulturellen
Geschlechtszeichen. Bei Namen besteht aber keine Einigkeit, wie und woran sie
verifiziert werden sollen. Ich möchte dazu drei verschiedene Arten von Problemen
anführen.
Das erste Problem rührt daher, dass unklar ist, welcher Name des Tieres Gültigkeit
hat. Damit ist auch schon angetönt, dass Tiere mehr als nur einen Namen haben
können. Es gibt den Namen auf dem Protokoll, den Namen, den die BesitzerInnen
verwenden sowie den Namen, der in einer zentralen Datenbank gespeichert ist.
Im folgenden Beispiel divergiert der Name des Protokolls von demjenigen, den die
Besitzerin gebraucht:
D. will Katze untersuchen und sagt zur Katze: "Tiger!"
Die Besitzerin wendet ein: "Nein, Confetti heisst er jetzt."
D. schaut auf die Klebeetiketten. Auf dem alten Protokoll steht "Tiger", auf dem
neuen "Confetti". {77}
Die Besitzerin benannte ihre Katze zwischen zwei Konsultationen um. D., die sich
wie alle anderen ÄrztInnen darum bemühte, das Tier mit seinem Namen
anzusprechen, bezog sich dazu auf das Protokoll. Wie immer warf sie vor der
Untersuchung einen Blick darauf, um das Tier mit seinem korrekten Namen
anzusprechen. Der Blick aufs Protokoll und die darauffolgende Anrede machen das
Tier von seinem Besitzer autonom, indem das Tier unabhängig vom Besitzer einen
Namen hat. Die ÄrztInnen fragen genau deswegen nicht, wie das Tier heisst. Im
beschriebenen Fall verlor das Tier diesen scheinbar autonomen Status plötzlich, weil
die Besitzerin ihm einen neuen Namen gab.
Aber der Name des Tieres ist nicht für alle Besitzer ihrer eigenen Willkür
unterworfen, wie im vorhergehenden Fall. Die Identifikationstechnologien für Tiere
haben sich rapide entwickelt, und so sind Tiere heute zugleich loser wie auch enger
mit ihrem Namen verknüpft als Menschen. Menschen haben Pässe oder
Identitätskarten. Diese stellen sicher, dass ein bestimmter Mensch als Bürger eines
Staates identifizierbar ist. Allerdings funktioniert diese Identifikation nur, wenn eine
Person die entsprechenden Dokumente mit sich führt. Ohne diese Dokumente kann
die Person beliebige Identitäten annehmen. Versuche, diese lose Verbindung durch
implantierbare Chips zu stärken, stossen auf erheblichen politischen Widerstand. Wir
123
halten es für einen Eingriff in die Privatsphäre des Bürgers, wenn der Staat direkten
Zugriff auf den Körper zu seiner Identifizierung hat. Bei Tieren stösst sich kaum
jemand daran, und so gibt es mittlerweile nicht nur für Schlachtvieh, sondern ebenso
für Haustiere implantierbare Chips, die eine eindeutige Identifikation ermöglichen.
Das System funktioniert so, dass der Chip nur eine Nummer enthält, die auf eine
'Karteikarte' in einer zentralen europäischen Datenbank verweist. Die
VeterinärmedizinerInnen können mit einem Scanner diese Nummern ablesen und sich
dann in die Datenbank einwählen, wo sie die entsprechenden Informationen zum Tier
abrufen können. Die Datenbank dient vor allem dazu, den Tierverkehr zwischen
Staaten zu regeln, indem damit die Einhaltung der Impf- und Quarantänevorschriften
überprüft wird.
In einem Fall wurde die Datenbank jedoch als Referenz für den Tiernamen gebraucht.
Die Hundebesitzer erscheinen mit einem Chihuahua, den sie erst kürzlich von
einem Züchter erhielten. Sie fragen den Arzt F., ob ihr Hund tatsächlich derjenige
sei, den sie beim Züchter ausgesucht hatten. Sie sind der Meinung, der Hund, den
sie erstanden hätten, heisse Feina, jetzt seien sie aber nicht mehr sicher, ob es sich
bei dem Hund, den sie erhalten haben, tatsächlich um Feina handle. Der Arzt solle
dies bitte überprüfen. F. überprüft den Chip und es bestätigt sich, dass der Hund
Feina heisst. {B 21}
Im Gegensatz zum ersten Beispiel hat der Hund hier einen Namen, den nicht einmal
die BesitzerInnen kennen. Der Name des Hundes wird durch die Einführung der
Chiptechnologie zu einem verborgenen Merkmal, zu dem die Ärzte jetzt
privilegierten Zugang haben. Ein weiterer Effekt der Technologie ist, wie man sieht,
dass der Name mit dem Tier jetzt ein für alle Mal verbunden ist. Die BesitzerInnen
können nicht mehr so verfahren wie die Besitzerin im ersten Beispiel und ihren Hund
einfach neu "Feina" nennen. Damit wird auch die Verbindung von Hund und Besitzer
neu geordnet. War es vor der Chiptechnologie noch möglich, dass jede neue
Besitzerin sich zur Namensgeberin eines Tieres machte, indem es jedesmal neu
benannt werden konnte, hat das Tier jetzt sein ganzes Leben lang einen einzigen
Namen.
Die dritte Unsicherheit besteht darin, dass sich die ÄrztInnen nicht verpflichtet fühlen,
die Tiere mit ihrem richtigen Namen anzusprechen. Ein Tiername wird nicht als
verbindlich angesehen. Ein Arzt nannte fast alle Tiere nicht bei ihrem Namen,
sondern "Schnägg" (Schnecke) oder "Schnäggli" (Schneckchen). Ebenso wurden die
124
Tiere oft auch in Anwesenheit der BesitzerInnen mit Koseformen ihrer Namen
angesprochen. Die Ärztin D. nannte einen Hund einmal in Anwesenheit der Besitzerin
"Kollege Essig" und einen Hund, der eigentlich "Ringo" hiess, nannte sie "Ringo
Starr". In Abwesenheit der BesitzerInnen wurde die Namensgebung noch ungenauer
genommen. Einmal nahm D. einem Hund Blut und sagte fortlaufend "Pepe, Pepe" zu
ihm. Dann kam E. vorüber und fragte beiläufig: "Ja wer ist denn das?", worauf D.
antwortete: "Pepe oder Pipo oder sowas" {B 14}.
Den Namen haftet in allen diesen Fällen etwas Beliebiges an. Die Beliebigkeit ist nur
möglich, weil Tiernamen relativ wenig über die Beziehung der benennenden Person
zum Tier aussagen. Wenn jemand die oben genannten Namen einem Patienten in
einem Krankenhaus sagen würde, so würde er damit zweifellos die Privatsphäre des
Patienten verletzen. Bei Tieren wird aber vielmehr Freiheit und damit auch vielmehr
Unverbindlichkeit zugestanden. Ob ein Hund Pepe oder Pipo heisst, ist nicht so
wichtig. Er braucht ein Namen, damit man ihn ansprechen kann. Ob es der korrekte
Name ist, spielt dabei keine Rolle, D. sieht deswegen auch nicht im Protokoll nach, ob
der Name korrekt ist. Man kann ein Tier auch Schnägg nennen und die Besitzer sind
nicht beleidigt, denn man drückt damit nicht eine besonders nahe Beziehung aus.
Die Probleme der Benennung der Tiere greifen aber auch auf die Benennung der
Besitzer über, und das ist meine letzte Anmerkung zum Thema. Im Verlauf des
Protokolles wird das Tier zum Patienten gemacht und der Besitzer zum Verschwinden
gebracht. Mit dem Verschwinden des Besitzers als relevanter Informationsquelle
verschwindet nun auch der Name des Besitzers aus dem Fall. So äusserte der Arzt R.
in der Privatpraxis mir gegenüber, er treffe manchmal BesitzerInnen auf der Strasse
an und könne sich dann nur noch an den Namen des Tieres, nicht mehr aber an den
Namen des Besitzers erinnern, sogar wenn die BesitzerInnen die Tiere gar nicht mit
dabei haben.
Ich kehre zurück zum Ablauf der Protokolle. Nach dem Namen wird in der Praxis das
Geburtsdatum des Tieres mit Monat und Jahr abgefragt, in der Klinik nicht, und
dieser kleine Unterschied ist von Bedeutung, denn er fragt etwas ab, das die
BesitzerInnen häufig nicht wissen, das Tier aber weiter personifiziert. In der Klinik
wird die Datumseingabe dennoch immer nach Tag, Monat und Jahr verarbeitet, so
dass in allen weiteren Einträgen oftmals etwa "00.00.89" angegeben ist, was bedeutet,
dass die BesitzerInnen nur wussten, dass das Tier im Jahre 1989 auf die Welt kam.
125
Im zweiten Teil des Klinikfragebogens wird dann folgende Frage gestellt: "Sind sie
der Besitzer des Tieres", gefolgt von folgenden Erläuterungen:
"Falls nein, geben sie uns bitte nachfolgend die Adresse des Besitzers an. Wir
machen sie jedoch darauf aufmerksam, dass sie als Einlieferer für die entstehenden
Behandlungskosten haftbar sind, bis wir im Besitze einer schriftlichen Vollmacht
des Tierbesitzers sind, worin dieser sich zur Übernahme der Kosten verpflichtet."
Damit ist ein zentraler Punkt in den Besitzer-Tier Verhältnissen angesprochen:
Obwohl das Verhältnis von Tieren und BesitzerInnen häufig sehr eng ist und einer
Eltern-Kind Beziehung ähnelt, ist keineswegs gesagt, dass sie tatsächlich eng ist. Und
'eng' heisst hier, dass moralische Verpflichtungen des Besitzers dem Tier gegenüber
bestehen, schon auf der allereinfachsten Ebene der Kostenübernahme. Es besteht
potentiell immer die Gefahr, dass der Einlieferer das Tier gepflegt haben, aber nicht
für die Kosten aufkommen und möglicherweise das Tier gar nicht zurück haben will.
Weil die Kostenabgeltung so geregelt ist, dass der Einlieferer, und nicht etwa an das
Tier gebundene Versicherungen oder das veterinärmedizinische System selbst für die
Kosten aufkommen muss, ist die Identifikation des Einlieferers zentral. Deswegen
wird der 'Einlieferer' als Besitzer behandelt, solange der wirkliche Besitzer keine
Vollmacht erteilt. Diese Tatsache eröffnet ein noch komplizierteres Verhältnis von
Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, als ohnehin schon gegeben.
In der Klinik werden nicht-'nahe' VertreterInnen als moralisch dem Tier weniger
verpflichtete und inkompetente Einlieferer betrachtet. Die Kategorie der nicht-'nahen'
VertreterInnen besteht in der Klinik aus FreundInnen oder Verwandten der
BesitzerInnen, aus ZüchterInnen, die die BesitzerInnen begleiten und aus
TierschützerInnen, wie ich weiter unten zeige. Im Unterschied zur Pädiatrie ist der
Kreis der VertreterInnen weiter gesteckt. In den von Strong in den siebziger Jahren
untersuchten Kinderkliniken bestand der Kreis der nicht 'nahen' VertreterInnen nur
126
aus Vätern und Grossmüttern, denen mit einer ähnlichen Erwartungshaltung begegnet
wurde (Strong 1979, 60 ff.).98
Die Daten des Patientenaufnahmeprotokolls werden EDV-verarbeitet und erscheinen
in Form von Klebeetiketten auf allen weiteren Akten eines Falles. Zu Beginn einer
Behandlung wird dann ein Anamneseprotokoll verwendet, auf dem ein solcher Kleber
angebracht ist. Dort finden sich keine weiteren Fragen zu BesitzerInnen mehr. Der
Fall ist nun reduziert auf das Tier. Der Besitzer erscheint nur noch als
Auskunftsquelle. Unter dem Titel "Anamnese" findet sich freier Raum, in dem
handschriftlich stichwortartig die Krankengeschichte, wie sie der Besitzer – oder jetzt
genauer – der Einlieferer erzählt, eingetragen wird. Dieser Teil ist nicht standardisiert
und bildet somit, verändert durch die Auslassungen und Verkürzungen des Arztes, die
Sicht der Besitzerin ab.
Dann wird der Beitrag der Besitzerin zur Anamnese weiter vermindert, indem eine
Checkliste abgefragt wird, wobei die Besitzerin Angaben zu "Aktuellem" wie
Allgemeinempfinden, Nahrungsaufnahme und Abgabe und etwa Lahmheit machen
soll. Es folgen Fragen unter dem Titel "Futter/Haltung/Verwendungszweck". Diese
Kategorien fragen nun nicht nach dem Zustand des Tieres, sondern nach dem
Umgang mit dem Tier, wie und wo es gehalten wird, ob es schon einmal im Ausland
war, ob der Besitzer noch andere Haustiere besitzt. Sie erlauben damit einzuschätzen,
wie gefährdet das Tier für bestimmte Krankheiten ist, da bestimmte Krankheiten zum
Beispiel futterabhängig sind oder nur in bestimmten Ländern vorkommen. Damit ist
schon auf dem Papier ein erstaunlicher Befund erbracht: Die Anfforderung zur
Disziplinierung des Körpers ist bei Tieren vor allem eine Fremddisziplin in Form der
Selbstdisziplinierung des Besitzers: Die Disziplinierung zur Diät etwa ist eine
Aufgabe des Besitzers und nicht des Tieres. Wenn ein Tier Diät halten oder nicht
mehr ins Freie gehen soll, so muss der Besitzer für die Einhaltung dieser Regeln
98
In den 1120 Konsultationen, die Strong beobachtete, traten nur gerade 13 Väter in 18 Konsultationen
und 18 Grossmütter in 30 Konsultationen auf (einzelne Einlieferer erschienen zu mehreren
Konsultationen); das sind gerade einmal ein Prozent der Fälle. Ich vermute, dass sich das Verhältnis
seit den siebziger Jahren im Zuge der Auflösung der typischen Kleinfamilie und der Aufweichung
elterlicher Rollenteilung ein wenig zugunsten der Väter verändert und auf weitere Personengruppen
erweitert hat. Eine genaue Betrachtung dieser Entwicklungen könnte zeigen, wie 'nahe' Vertreter
überhaupt konstituiert werden. Denn ich vermute, dass im Gegensatz zu Haraways Annahme, die
'nahen' VertreterInnen selbst historischen Konstruktionsbedingungen unterliegen. Die Entstehung des
Vaters als 'naher' Vertreter wäre ein solcher Fall.
127
sorgen. Aber im Protokoll wird dies nicht mehr gekennzeichnet. Das Futter wird
demjenigen zugeschrieben, der es isst und nicht demjenigen, der es auftischt.
Auf der zweiten Seite des Protokolls verschwindet die Besitzerin dann vollständig.
Die sehr detaillierten Informationen, die hier eingetragen werden, beruhen auf der
Untersuchung, die die Ärztin nun vornimmt. Sie basieren auf technisch unmediierten
Daten, die durch Beobachtung, Temperaturmessung und Auskultation, Palpation,
Perkussion gewonnen werden. Die Fragen sind so aufgebaut, dass immer links ein
Kreuz für "normal", d.h. gute oder unauffällige Werte, rechts davon für speziell
qualifizierte Abweichungen gemacht werden kann. So ist auf einen Blick erkennbar,
welche Krankheitserscheinungen bei einem Tier festgestellt wurden, sofern sie als
Kategorie im Fragebogen vorhanden sind.
Der Aufbau des Fragebogens zeigt folgendes: Zu Beginn ist das Wissen der Ärztin
das Wissen des Besitzers. Dies korrespondiert mit der Aufmerksamkeit der Ärztin im
Behandlungsraum. Sie hört dem Besitzer zu, ohne sich dabei um das Tier zu
kümmern. Die Erzählung des Besitzers ist wichtig, auch wenn sie unglaubwürdig oder
schlicht falsch ist, denn sie gibt den ÄrztInnen Hinweise darauf, was das Problem sein
könnte. Das verfügbare Wissen über das Tier ist zu diesem Zeitpunkt 'subjektiv' und
'laienhaft'. 'Subjektiv', weil es auf den Erfahrungen des Besitzers und nicht denjenigen
der Ärztin beruht und 'laienhaft', weil es weder in medizinischer Terminologie noch
mit medizinisch anerkannten Methoden erhoben wurde. Dann wird der Zustand der
Tieres zunehmend vom Besitzer unabhängig gemacht, das Tier wird isoliert und auf
die Untersuchungskriterien reduziert. Es ist jetzt nichts anderes mehr, als eine Reihe
von Kreuzen, die zuerst noch Auskunft geben über das soziale Gespann Mensch-Tier,
dann nur noch über den Körper des Tieres. Am Schluss finden sich nur noch Daten
über das Tier als eine Ansammlung von potentiellen Krankheitszeichen, die
unabhängig von seinen sozialen Relationen sind. Dies korrespondiert wiederum mit
der Untersuchungssituation, denn an diesem Punkt der Konsultation haben sich die
ÄrztInnen dem Tier zugewandt und sprechen kaum mehr mit dem Besitzer.
Bevor ich auf den Umgang mit diesem Protokoll eingehe, um zu zeigen, welche
Abweichungen und Probleme im Gebrauch solcher Handlungsleitfäden entstehen
können, will ich den Zusammenhang von Protokollen und Eigenschaften von
Entitäten untersuchen. Wie ich gezeigt habe, reduziert die Abfolge des Protokolls die
Merkmale der Situation von 'subjektiven' Besitzereindrücken zu 'objektiven'
Krankheitszeichen. Dabei werden alle subjektiven Zeichen der Tiere übergangen und
128
alle subjektiven Eindrücke des Besitzers entwertet, insofern sie gegen 'objektivere'
Eindrücke der ÄrztInnen abgewogen werden. Wenn nun alles Subjektive vom
Protokoll getilgt ist, verschwindet es dann auch aus der Welt? Eine naheliegende
Antwort darauf ist: Nein, es verschwindet nicht, aber es ist medizinisch nicht relevant,
und auf dem Protokoll stehen nur medizinisch relevante Angaben. Dabei kann
'medizinisch relevant' offen so definiert werden, dass alles, was auf dem Protokoll
steht, medizinisch relevant ist. Die Tiere und die Besitzer verlieren deshalb allerlei
Merkmale, damit überhaupt eine Diagnose stattfinden kann, aber sie behalten ihre
Merkmale für die Interaktion mit den Klinikangehörigen immer noch.99
Die Produktion des Laienstatus des Besitzers ist nicht eine blosse Folge des
Protokolls, sondern baut auf der Mitarbeit der BesitzerInnen auf. Die Anforderung,
die an die BesitzerInnen gestellt wird, verlangt von ihnen nicht Unwissenheit, sondern
eine schrittweise Abgabe ihrer Kompetenzen. Die Besitzer sollten über die reichlich
komplexe Fähigkeit verfügen, ihr eigenes Wissen zu Beginn als solches preiszugeben
und es erst langsam in die Hände der ÄrztInnen zu legen. Diese Anforderung wird
dann offensichtlich, wenn die Besitzer gegen diese Regel verstossen und sich zu
schnell zum Laien machen:
Ein Paar wurde mit einem riesigen Mastiff überwiesen. V. eröffnet das Gespräch
mit: "Ja, was ist los?" Die Frau antwortet: "Ja, hat ihnen das Herr Doktor X. nicht
gesagt!" und schaut ihn sehr vorwurfsvoll an. V.: "Doch, aber ich will, dass SIE mir
erzählen, was los ist." Die Besitzerin versteht immer noch nicht und antwortet
darauf: "Das sieht man doch auf dem Röntgenbild, Herzflimmern!" V. wiederholt
seine Frage erneut, und als die Besitzerin nicht antwortet, beginnt er den Hund zu
untersuchen. {79}
Die zu schnelle Selbstlaiifizierung der Besitzer wird von den ÄrztInnen als ein
Zeichen der Nichtkooperation und nicht als Respekt vor dem medizinischen Wissen
verstanden und scharf verurteilt:
E: …, oder heute habe ich so einen Fall gehabt, hätte ich gefragt wie der Typ heisst,
vielleicht, hätte ich es am Schluss nicht gewusst. Also der hat keine Information
99
Im Falle von menschlichen Unfall-Patienten, die wiederbelebt werden, ist dem nicht so: Die
'wirklichen' Eigenschaften der Patienten entsprechen genau denjenigen der Wiederbelebungsprotokolle.
Insbesondere geht es dort darum, ob der Patient eine Identität als Toter oder als Überlebender hat. Weil
einem Unfallopfer ohne Referenz auf das Protokoll - und den darin enthaltenen medizinischen Daten dies nicht ohne weiteres anzusehen ist, konvergieren die 'wirklichen' und die 'papierenen'
Eigenschaften. Siehe dazu Timmermans (1996).
129
von sich aus gegeben. Nichts. Wenn ich ihn gefragt hätte, 'wie heissen Sie?',
vielleicht hätte er gesagt, "jaa, sie sind der Doktor". Der hat so gesagt heute: "Ja, sie
sind Doktor". 'Ja O.K., aber warum sind sie da?' "Ja, es geht ihm nicht so gut". 'Ja,
aber was hat er?' "Ja, aber sie sind Doktor!" 'Ja, aber was sehen sie an dem Hund?'
Also, extrem mühsam. Und dann weiss ich, der Typ bringt wenig, und du weisst
nicht, wo suchen.100
Aber, und jetzt komme ich zum Umgang mit den Protokollen, manchmal schlagen
sich Ereignisse, die ausserhalb der Reichweite des Protokolls stattfinden, auf dem
Protokoll nieder. Als ich die Lehrbücher analysierte, zeigte sich, dass der Umgang mit
den BesitzerInnen für eine gute Anamnese als wesentlich angesehen wird. In einem
gewissen Mass bestimmt also der Verlauf der Anamnese die Qualität des Protokolls.
Wenn eine Besitzerin nichts sagt, steht nichts auf dem Protokoll, und wenn sie aus
Unwissenheit oder Absicht etwas Unzutreffendes sagt, steht etwas 'Falsches' auf dem
Protokoll, das aber nicht gekennzeichnet werden kann. Weil die Protokolle das
gesammelte Wissen über den Fall über zeitliche und räumliche Distanzen verfügbar
machen, so dass verschiedene ÄrztInnen und GehilfInnen einen Fall bearbeiten
können, stellt dies ein Problem dar.
Deshalb besteht die Möglichkeit, dass die Besitzerin als zu berücksichtigende soziale
Variable wieder auf dem Protokoll erscheint, oder dass das Tier Eigenschaften erhält,
die von ihm im Verlauf der Untersuchung entfernt wurden.
In einem Fall stand auf dem Protokoll: "Besitzer kommt Katze besuchen", in einem
anderen Fall:
"Besitzerin ist sehr panisch. Bes. wünscht genaue Abklärung."
Dabei handelte es sich um einen Notfall, der über Nacht eingeliefert wurde. Der
behandelnde Arzt M. war nicht derjenige, der das Tier in Empfang nahm. Die
Information, die er nun durch den Zettel erhalten hat, führt bei ihm dazu, dass er
sich nun fortlaufend über diese Sätze lustig macht und er dem Pfleger R. eine lange
Liste von Untersuchungen (Röntgen, sowie eine ganze Reihe von Bluttests)
herunterleiert, die er nun vornehmen wolle, damit eine gepfefferte Rechnung
entstehe. {B22}
100
E. imitiert in dem Interviewausschnitt den Dialog mit dem Klienten. Dabei wechselt er immer
zwischen seiner Arztrolle und der des Klienten hin und her. Um dies kenntlich zu machen habe ich die
Stimme des Arztes in einfache, diejenige des Klienten in doppelte Anführungszeichen gesetzt.
130
Dadurch, dass der Besitzerin auf dem Protokoll eine unvorteilhafte soziale Identität
zugeschrieben wird, ändert sich die Behandlung des Tieres. Dies äussert sich im
vorliegenden Fall nun nicht darin, dass das Tier etwa schlechter oder unzuverlässiger
behandelt wird, sondern dass die Behandlung nicht mehr auf finanzielle
Beschränkungen oder medizinische Dringlichkeiten Rücksicht nimmt.
Als Überleitung zum nächsten Kapitel will ich ein Beispiel diskutieren, bei dem die
Verbindung der 'Einliefererin' und das Ausfüllen des Protokolls in einem prekären
Verhältnis stehen.
Eine ältere Frau bringt einen Terrier in einem riesigen Käfig. Der Hund ist
abgemagert und stinkt, und die Besitzerin ist sehr aufgebracht. Sie erzählt die
Biographie des Hundes, als wäre es die Biographie eines Menschen, mit
leidenschaftsloser Eindringlichkeit und sehr routiniert. Der Hund kam mit 27
anderen herrenlosen, verwahrlosten Hunden aus Spanien in einem Auto
eingepfercht. Die Besitzerin wurde dann von einer Tierschutzorganisation
kontaktiert und schaltete einen Anwalt ein. Sie ist empört über das Schicksal dieser
Hunde, die in Spanien ausgesetzt werden, hungern müssen und an möglicherweise
lebensbedrohlichen Krankheiten leiden. Auf Nachfrage des Arztes E., der nicht
versteht, in welchem Verhältnis sie zum Hund steht, bezeichnet sie sich als
"freiarbeitende Tierschützerin". Sie hat den Hund in die Obhut einer dritten Person
gegeben, weil sie zu Hause schon zu viele Tiere hat, aber sie sorgt für das Tier und
wird die Rechnung übernehmen. Da der Hund in einem sehr schlechten Zusand ist
und aus der Nase blutet, meint E., man müsse umfassende Abklärungen
vornehmen, was teuer sei. (Er erwähnt keinen Preis. Es handelt sich dabei um
Beträge, die im Bereich von mehreren hundert Franken allein für die
diagnostischen Aufwendungen liegen). Die Besitzerin antwortet darauf, dies sei ihr
egal, sie hätte den Hund nicht gerettet, um ihn einschläfern zu lassen. "Ich habe
Freude an ihm, der ist mir das schon wert", erklärt sie. Weil der Hund nichts isst,
bietet sie sogar an, den Hund in die Klinik füttern zu kommen. E. antwortet darauf
verächtlich: "Es gibt da auch andere Methoden." Die Besitzerin lächelt
unverstanden zurück. E. macht während der ganzen Konsultation keine
Eintragungen im Protokoll. Er fragt auch die vorgegeben Kategorien nicht ab.
Was geschah hier? Die Einliefererin stellt eine spezielle Kategorie von "Besitzerin"
dar, und diese Kategorie disqualifiziert sie, denn sie ist nicht Besitzerin des Tieres,
sondern eine selbstermächtigte Stellvertreterin, die sich um ein Tier kümmert, das
eigentlich in Spanien vor sich hingestorben wäre. Sie nimmt Kosten auf sich, die
131
manchmal nicht einmal 'wirkliche' Besitzer auf sich nehmen würden – aber sie
spezifiziert ihre Aufopferung: "Ich habe Freude an ihm, der ist mir das schon wert".
Damit bringt sie zum Ausdruck, dass nicht jeder Hund es verdienen würde, gerettet zu
werden. Weil sie zu viel über den Hund erzählt, das E. nicht interessiert – die
ausführliche Biographie des Hundes, ihre Aufopferungsfähigkeit – und zu wenig, das
für ihn medizinisch relevant ist, verliert das Protokoll seinen Sinn und Nutzen. Und
ausserdem setzt das Protokoll voraus, dass es sich um 'sozialisierte' Tiere, um
'Haustiere' im Wortsinn handelt, Tiere, die einen permanenten Besitzer haben, der sie
beobachtet und pflegt. Was soll E. unter "Futter" und "Gewichtsverlust", "Freilauf"
oder "Auslandaufenthalt" ankreuzen, wenn der Hund in Spanien herumstreunte, erst
seit wenigen Tagen in der Obhut der Einliefererin ist und beinahe verhungert?
Eine amplifikationistische Betrachtung stellt einen vor das Problem – und das ist das
Thema des nächsten Kapitels – , dass hier zwei verschiedene Sichtweisen auf ein Tier
aufeinandertreffen, die sich nicht darin unterscheiden, ob und wie dem Tier geholfen
werden soll, sondern welcher Zugang zu einem Tier passend ist. Auf der einen Seite
steht die Besitzerin, für die das Tier eine 'Person' darstellt, deren Lebensrecht
verhandelt wird, auf der anderen Seite ein Arzt, der seinem Selbstverständnis nach in
der Ausübung der Arbeit behindert wird durch die Personalisierung der Tiere. Beide
'empathieren' mit dem Tier, auf eine je spezifische Art, und als Beobachter ist man
vor das Problem gestellt, weder die eine noch die andere Form der Empathie
nachvollziehen zu können.
5.3.3. Ablösung: MeLeiHus in Aktion
Bei der Episode im vorherigen Kapitel entstand die paradoxe Situation, dass eine
'Einliefererin', die keine Besitzerin war, so stark an ihrem Hund hing, dass sie ihm
sogar das Futter in die Klinik bringen wollte. E. wehrte dieses Angebot ab. Weshalb
wird auf das gut gemeinte Angebot der Besitzerin nicht eingegangen?
Um dies zu untersuchen, will ich noch einmal zum MeLeiHu zurückkommen und
dieses Konzept dazu gebrauchen, den Trennvorgang von Besitzer und Hund zu
beschreiben. Bei Eintritt in die Klinik wird relativ selbstverständlich von einem
MeLeiHu- oder MeHu- Hybrid ausgegangen. Im Verlauf der Untersuchung wird nun,
entlang dem Verlauf des Protokolls, diese Verbindung immer weiter aufgetrennt auf
die mögliche Folge hin, dass das Tier über Nacht in der Klinik gelassen werden muss.
132
Der häufigste Grund dafür ist, dass der Zustand des Hundes dies erfordert. Aber
manchmal kommen die BesitzerInnen aus einem entfernten Ort, so dass die
mehrmalige Hin- und Rückfahrt zu aufwendig wäre.101 Unabhängig davon, ob das
Tier für kürzere oder längere Zeit in der Klinik gelassen werden muss, setzt die
Veterinärmedizin voraus, dass es sich bei Tier und Besitzer schon während der
Untersuchung um zwei voneinander unabhängige Entitäten handelt, wovon die eine
'krank' und objektiviert und die andere 'gesund' und 'verantwortungsfähig' ist. Im
Normalfall ist dies nicht sichtbar, denn es offenbart sich erst bei Nichteinhaltung.
Die einfachste Form des Trennungsproblems findet ohne technische Vermittlung statt.
Sie äussert sich darin, wie unabhängig sich Tier und Besitzer bewegen können. Im
Normalfall wird insbesondere bei Hunden erwartet, dass sich während der
Untersuchung Hunde und Besitzer trennen, die Hunde ruhig bleiben und die
BesitzerInnen bei der Untersuchung nur zuschauen. Dabei kann entweder der Hund
oder der Besitzer die Trennung fehlschlagen lassen. Der erste Fall ist unsichtbar und
tritt überraschenderweise dann auf, wenn sich die Tiere wehren. Diese Variante
beruht jedoch nur auf der Interpretation der ÄrztInnen: Arzt F. sagte einmal zu einem
Katzenbesitzer: "Es ist schon IHRE Katze, wir können sie kaum anfassen." {71}
Im anderen, häufigeren Fall ist es die Besitzerin, die die Trennung nicht zulässt:
Eine Besitzerin kommt mit einem Hund in die Klinik, um ihm die Nägel schneiden
zu lassen und ihn zu impfen. Sie ist sehr aufgeregt, ihr Hund auch. Noch bevor die
Prozeduren begonnen haben, kniet sie sich neben den Hund, spricht mit ihm und
versucht, ihn auf die kommende Behandlung vorzubereiten. Dann kriecht sie mit
dem Hund unter den Schreibtisch, der die ganze Stirnseite des Behandlungsraumes
ausfüllt und bewegt sich dort in eine Ecke, wo der Schreibtisch von der
Küchenkombination geschnitten wird. Sie ist jetzt kaum mehr sichtbar. Die
Gehilfin O., der Arzt Z. und ich lachen uns zu. {80}
Wir lachen, weil sich das MeHu-Gespann nicht auflösen lässt. Die Autonomie der
Besitzerin geht in diesem Fall verloren, sie erscheint nicht mehr als Besitzerin,
sondern als Quasihund, denn sie übernimmt die Körperhaltung und die Angst des
Hundes vor der Untersuchung. Damit disqualifiziert sie sich als ernstzunehmende
Besitzerin, denn sie zeigt nun nicht mehr die Kompetenzen, die eine Besitzerin
101
Die Klinik gilt als so spezialisiert, dass KlientInnen aus der ganzen Schweiz und sogar aus
Norditalien und Süddeutschland angereist kamen.
133
eigentlich haben sollte. Der MeHu ist hier ein emotionaler MeHu, der sich durch so
etwas subtiles wie seine Körperhaltung und seine Positionierung im Raum
auszeichnet. An BesitzerInnen wird die Anforderung gestellt, sich aufrecht im
Zentrum des Raumes aufzuhalten. Diese Regel kann zwar durchbrochen werden, etwa
wenn ein Hund sich nicht auf dem Untersuchungstisch untersuchen lässt, aber auch
dann sind es eher die ÄrztInnen und GehilfInnen, die sich auf den Boden
niederlassen.
Dieses Verhalten hat ein Geschlecht: Es sind immer Frauen, die ihre aufrechte und
distanzierte Position verlassen und die Position der Hunde einnehmen. Die
Disqualifikation der überfürsorglichen Frauen verweist auf eine seltsame Kopplung
von Fürsorglichkeit, Krankenhausstruktur und Geschlecht. Denn es zeigt sich, dass
das, was Haraway mit 'nahe' und 'Praxis' meint, in der Klinik dazu führt, dass eine
Besitzerin vollkommen unglaubwürdig wird, gerade weil sie aus der Sicht der
Klinikangestellten das eigentliche Ziel der Konsultation erschwert. Denn wenn sich
die Besitzerin mit ihrem Hund unter dem Tisch verkriecht, kann kein Hund untersucht
werden.
Im Gegensatz dazu stehen Männer, ich nenne sie 'Bastler', die ihr Tier unter einem
pragmatischen Blickwinkel betrachten. Anstatt dass sie, wie die überfürsorglichen
Frauen, die Emotionen des Tiers übernehmen und inkorporieren, reagieren sie darauf
mit einer 'Objektivierung' des Tieres. Diese 'Objektivierung' zeigt sich zum Beispiel
darin, dass sie mit viel Sorgfalt technische Apparate zur Hilfe oder Schmerzlinderung
bauen. Manche brachten ihre Tiere mit relativ kunstvoll gefertigten Verbänden oder
Schienen. Ein Besitzer baute aus einem PVC-Kloablaufrohr einen Kragen für seine
Katze, damit sie sich nicht mehr kratzen kann. In allen diesen Fällen wurden die
Besitzer für ihren 'Mut' oder die gute technische Ausführung gelobt, nie wurde die
technische Bauweise belächelt oder die Besitzer für ihren Eingriff in die medizinische
Oberhoheit über den Tierkörper kritisiert.
5.3.4. TierarztgehilfInnen als Trennhilfen
Bis jetzt war fast immer von ÄrztInnen die Rede. Aber bei fast allen Konsultationen
sind TierarztgehilfInnen dabei. Die Aufgabe der GehilfInnen ist es, der Ärztin zur
Hand zu gehen, ihr beim Blutnehmen oder Injizieren von Spritzen zu helfen und vor
allem: das Tier zu halten. Das Tier zu halten, hat nicht nur die Funktion, das Tier
134
behandelbar zu machen, sondern es dient vor allem der Aufspaltung des
einkommenden Mensch-Tier-Gespannes. Denn ein zu enges Mensch-Tier-Gespann ist
für den reibungslosen Betrieb der Klinik, wie ich vorher gezeigt habe, problematisch.
Das ist nicht nur in Extremfällen so, sondern wird von den ÄrztInnen ganz generell
als unangenehm angesehen, denn nach Meinung der ÄrztInnen sind Tiere aufgeregter,
wenn die Besitzer dabei sind, als wenn sie abwesend sind. Deshalb wird immer
versucht, mit Blut- und Urinentnahmen zu warten, bis die Besitzer wieder gegangen
sind.
In dieser Trennfunktion zeichnen sich die GehilfInnen durch eine Reihe spezifischer
Eigenschaften aus. Erstens sind GehilfInnen nicht unabdinglich. Sie sind je einer
Ärztin zugeordnet, aber sie müssen parallel zur ihrer Aufgabe bei Konsultationen
noch eine Vielzahl anderer Aufgaben erfüllen, so dass sie oft während der
Konsultationen verschwinden, um später wieder aufzutauchen. Sie sind für die
BesitzerInnen keine Ansprechspersonen. Sie werden den BesitzerInnen nicht mit
Namen vorgestellt und besitzen keine Namensschilder. So sind sie die einzigen, die
beim Ablauf der Konsultation keine persönliche Identität besitzen. Und vor allem
bleiben sie stumm. Sie sprechen nicht mit den BesitzerInnen, insbesondere solange
die ÄrztInnen mit der Aufnahme der Krankengeschichte beschäftigt sind. Wenn sie
einmal mit den BesitzerInnen sprechen, sind die ÄrztInnen meist abwesend, etwa um
Termine nachzufragen oder sich mit anderen ÄrztInnen zu besprechen. Dann entsteht
eine Pause im Ablauf der Konsultation, die mit Gesprächen über die Tiere gefüllt
werden; in jedem Fall aber einem Gesprächsinhalt, der aus der Sicht der
BesitzerInnen nicht medizinisch relevant ist. Ausserdem verfügen die GehilfInnen
nicht über die Insignien des Ärztestandes: Sie tragen keine weissen Mäntel, sondern
individuell verschiedene Arbeits- oder Alltagskleidung.102
Im zeitlichen Ablauf der Konsultation wird die Besitzerin zunehmend zum Zuschauer
gemacht, deren Emotionen sich möglichst wenig äussern. Sie soll das Tier loslassen
und eine Körperposition einnehmen, die sie vom Tier unabhängig erscheinen lässt.
Ihre nonverbalen Äusserungen werden minimiert, und sie soll statt mit dem Tier mit
dem Arzt reden. An die Stelle der Besitzerin als tiernahe Person und als
'Emotionsarbeiterin' schiebt sich sodann der Pfleger. Er hält das Tier mit fest,
102
Siehe dazu auch Kapitel 5.5.3 über den weissen-Mantel-Effekt.
135
während es untersucht wird, und zwar oft in extremer körperlicher Nähe. Dabei ist es
nicht ungewöhnlich, dass er sich auf den Boden kauern muss, wenn sich ein Hund
nicht auf dem Untersuchungstisch untersuchen lassen will. Um sich wehrende,
grössere Hunde festzuhalten, drückt sich der Pfleger manchmal mit dem ganzen
Oberkörper an den Hund, während er seine Beine festhält. Dazu äussert er
routinemässig onomatopoietische Laute und Diminutive, die er manchmal von der
Besitzerin übernimmt. Für die BesitzerInnen ist dies irritierend, denn jetzt erfüllen die
GehilfInnen, ihnen fremde Personen, die Funktion als 'natürliche' Vertreter.103 Ein
Resultat dieser Übernahme der Vertreterrolle durch die GehilfInnen ist, dass sie nun
auch zu den VertreterInnen werden für die Pflege der Tiere. Parallel zum
'medizinischen' Wissen über den Hund, das vom Besitzer auf die Ärztin übergeht,
wird der Besitzer auch zum Laien gemacht, was das richtige Pflegewissen angeht.
Diese starren Rollenformate gelten jedoch nur für die medizinische Abteilung in der
Klinik. Im Vergleich dazu sind die Rollen bei der Radio-Onkologie viel unpräziser
definiert. Weil die Ärztin L., die die meisten Konsultationen durchführt, nur Englisch
spricht, führt die Gehilfin F die meisten Aufnahmen der Krankengeschichte
selbstständig durch. L steht meistens daneben oder spielt währenddessen mit dem
Hund. Dann fasst die Gehilfin für die Onkologin das Gespräch kurz zusammen und
die Ärztin stellt weitere Fragen. Die Gehilfin verhält sich dabei fast immer wie eine
Ärztin und nimmt seltener als die Ärztin selbst eine hundenahe Position ein. Da F
ausserdem einen weissen Mantel trägt, ist für die BesitzerInnen die Hierarchie der
Abteilung oft unklar und sie begrüssen F. mit "Frau Doktor".
In der Privatpraxis hingegen ist selten überhaupt eine Gehilfin anwesend. Die
GehilfInnen werden über Telefon gerufen, wenn sie gebraucht werden; in den meisten
Fällen finden Konsultationen nur zwischen Tieren, BesitzerInnen und dem Arzt statt.
Ein Grund dafür ist, dass in den Meisten Fällen bloss geimpft wird und im
allgemeinen auch Routineuntersuchungen viel weniger aufwendig sind, so dass die
Tiere kaum über längere Zeit ruhig gehalten werden müssen. Ausserdem finden kaum
Tier-Besitzer Trennungen statt, weil die Tiere nur in den seltensten Fällen über
längere Zeit in der Praxis bleiben müssen. Da keine Trennungen vorkommen, stellt es
103
In Sanders Studie wurden BesitzerInnen, die sich wehrende Tiere nicht festhalten konnten oder
wollten, als 'schlechte' BesitzerInnen angesehen (Sanders 1994). In der Klinik ist dies nicht unbedingt
der Fall, da die GehilfInnen wie gesagt die BesitzerInnen ablösen.
136
kein Problem dar, wenn die BesitzerInnen sich nicht aus ihrer MeHu-Hybridposition
lösen können. Ihre Hybridposition wird im Gegensatz zur Klinik vielmehr dazu
ausgenützt, das Tier still zu halten.
5.3.5. Raum: Die räumliche und zeitliche Ordnung der Klinik als Mensch-Tier
Trenninstanz
Neben den GehilfInnen als Trennungsinstanzen erfüllt die räumliche Gestaltung der
Klinik eine wichtige Funktion.
Die räumliche Gestaltung von Gebäuden ist nicht bloss eine Frage ästhetischer
Gestaltung, sondern auch eine Organisationstechnologie, die die in ihr stattfindenden
Interaktionen reguliert.104 Durch die räumliche Gestaltung werden nicht nur
Arbeitsabläufe geordnet, sondern es werden auch Eigenschaften der Patienten dadurch
hervorgebracht
oder
verunmöglicht.
Anhand
der
Geschichte
von
Kinderkrankenhäusern zu Beginn dieses Jahrhunderts zeigt zum Beispiel Lindsay
Prior, dass die Abschaffung von Einzelzimmern und die Errichtung von Spielzimmern
in einem Zusammenhang mit der 'Erfindung' der Kinderpsychologie und spezifisch
kindlichen Bedürfnissen steht (Prior 1992). Solange Kinder als relativ bedürfnislose
Wesen angesehen wurden, die nur medizinisch versorgt werden mussten, gab es keine
Spielzimmer. Durch die Einrichtung der Spielzimmer entstand dann plötzlich die
Möglichkeit zu spielen und damit der Nachweis, dass Spielen für Kinder eine den
Heilungsprozess fördernde Tätigkeit ist.
Im Falle der Tierklinik will ich zeigen, wie die Ablösung vom Besitzer durch den
Raum und andere symbolisch-technische Hilfsmittel geregelt wird. Ich behaupte dabei
nicht, der Raum determiniere die Interaktionen in einem starken Sinne; es sind
durchaus Abweichungen möglich, aber diese bedingen einer Legitimation. Die Räume
der Klinik sind so angeordnet, dass ein Gang die Behandlungsräume von den Ställen
abtrennt. Die Ställe sind mit Türen geschlossen, ebenso die Behandlungsräume in
Richtung Gang. Die Behandlungsräume sind mit einer Falttür gegen den Warteraum
abgegrenzt. Trotz den Türen hört man in Behandlungsräumen das Gebell der Hunde
aus den Ställen wie aus den Warteräumen. Die Untersuchungsräume sind
untereinander nur durch Trennwände abgegrenzt, die keine Türen haben. Im einen
137
Untersuchungsraum sind sogar zwei Untersuchungstische angebracht. Durch diese
räumliche Anordnung sehen die BesitzerInnen immer nur die Untersuchungsräume.
Ställe
Empfang
Wartezimmer
Untersuchungstische
Kundeneingang
Abbildung: Skizze der medizinischen Abteilung der Kleintierklinik
Der Rest des Klinikbetriebs bleibt ihnen verborgen, sie hören ihn nur. Ganz im
Gegensatz zur Abgrenzung zum rückseitigen, stationären Betrieb finden die
gleichzeitig stattfindenden Konsultationen vor aller Augen, Nasen und Ohren statt; sie
sind halböffentlich. Die Klinikarchitektur kreiert keine Privatsphäre, keinen
geschlossenen Raum für die Privatheit einer medizinischen Untersuchung. Da die
Schubladen mit den Medikamenten sich an der Wand, die entlang den
Untersuchungstischen verläuft, befinden, laufen ÄrztInnen und GehilfInnen
andauernd durch die Untersuchungsräume. Bei dieser Gelegenheit werden sie oft von
anderen GehilfInnen und ÄrztInnen um Rat gefragt. Manchmal sprechen sie von sich
aus BesitzerInnen und besonders auffällige oder schöne Tiere an. Wenn kurze
Unterbrüche in den Konsultationen entstehen, während derer die BesitzerInnen warten
104
Die klassischen Studien zu diesem Thema sind Foucault (1994, und 1996).
138
müssen, sprechen sie andere BesitzerInnen oder Tiere an. Durch diese Offenheit
entsteht ein dauerndes Kommen und Gehen, das die BesitzerInnen manchmal irritiert.
Diese Abfolge von offenem Raum, der keine Privatsphäre herstellt und einem
verborgenen, aber hörbaren stationären Teil, ermöglicht dem Personal ein sehr freies,
unbehindertes Agieren, aber es bedingt, dass sich die BesitzerInnen und Tiere mit
dieser Position abfinden. Wenn die BesitzerInnen ihre Tiere für einen Tag oder länger
in der Klinik lassen müssen, wird der verborgene Teil des Gebäudes plötzlich
bedeutsam. Die Trennung vom Besitzer bedeutet nicht nur, dass das Tier in diesem
Teil verschwindet, sondern der Trennungseffekt wird zusätzlich durch eine
Uniformierung der Tiere verstärkt. Wie in einem Krankenhaus müssen sich Hunde
und Katzen symbolisch eines Teils ihrer persönlichen Identität entledigen. Bei
Hunden wird die Leine ausgetauscht, bei Katzen müssen die BesitzerInnen den
Transportbehälter und alle persönlichen Effekten wie Spielzeug oder Liegedecken
wieder mit nach Hause nehmen. Die GehilfInnen erklären dies routinemässig damit,
dass Leine und Behälter in der Klinik verlorengingen oder miteinander verwechselt
würden. Ein Arzt sagte einmal bei einem Halsbandwechsel: "Es ist wie im Spital,
wenn man das Nachthemd kriegt." {62}
Der Wechsel der Leine ist nicht unproblematisch, denn er enthüllt den Aufbau des
Hybrides MeLeiHu. Die Leine ist nicht nur Verbindung von Mensch und Hund,
sondern sie demonstriert Relationen, die einem MeLeiHu nicht angesehen werden
können.
V. nimmt dem Hund die Leine ab und sagt dem Einlieferer, den er für den Besitzer
hält, er könne die Leine wieder mitnehmen, die gehöre ja ihm. Worauf der
Einlieferer antwortet: "Nein, der Hund gehört nicht mir, die Leine gehört zum
Hund." {8}
Erst durch die Entfernung der Leine werden hier die Eigentumsverhältnisse deutlich.
Und weil der Besitzer nicht anwesend ist, offenbaren sich die Eigentumsverhältnisse.
Die Leine gehört nicht dem Besitzer, auch nicht dem Einlieferer, sondern 'zum Hund'.
Hunde besitzen ihre Leine mehr als ihre Besitzer, denn Hundeleinen machen nur in
Verbindung mit einem Hund und nicht einem Besitzer Sinn. Deshalb ist auch der
Vergleich mit einem Nachthemd stimmig.
Die Tiere sind in Stahlkäfigen, die über- und nebeneinander gestapelt sind,
untergebracht. An jedem Käfig ist ein Blatt angebracht, auf dem die Patientendaten,
139
sowie Medikations- und Fütterungshinweise stehen. So befinden sich eine grosse
Anzahl Tiere sichtgetrennt in einem Raum; die Mitpatienten können nur gehört und
gerochen werden. Es ist das räumliche Organisationsprinzip eines Gefängnisses. Dies
ist wohl mit ein Grund, weshalb die Trennung der Besitzer von den Tieren im
Behandlungsraum und nicht in den Ställen vollzogen wird.
Normalerweise verläuft die schrittweise Trennung von Besitzer und Tier
komplikationslos. Allerdings gibt es verschiedene Grade der emotionalen Stabilität
von Mensch-Tier Hybriden. Häufig verabschieden sich die BesitzerInnen von den
Tieren. In einem Fall schüttelte eine Besitzerin zuerst ihrer Katze, dann dem die Katze
haltenden Arzt die Hand {48}. In anderen Fällen wird eine adäquate Versorgung
angezweifelt. Dann wird nachgefragt, ob das Tier optimal versorgt wird, ob es ja nicht
mit anderen Tieren zusammen in einem Käfig sei, oder der Gehilfin die Hand auf den
Arm gelegt, mit einem Blick, der eine tiefe Verpflichtung signalisiert: Passen sie aber
ja auf! In einem Fall war es so, dass ein älteres Ehepaar mit einem epileptischen Pudel
drei Stunden Anfahrtsweg hinter sich hatte und der Arzt E. das Tier für ein
Computertomogramm über Nacht in der Klinik behalten wollte. Darauf reagierten die
Besitzer so empört, dass der Oberarzt V. sich in die Diskussion einmischte und
befand, es sei nicht nötig, ein Tier für ein CT über Nacht in der Klinik zu behalten,
worauf E. ihm sogleich beipflichtete, es sei alles kein Problem und sie könnten ihren
Pudel noch am selben Nachmittag nach Hause nehmen {11}.
Bevor davon abgesehen wird, das Tier in der Klinik zu behalten, werden den
BesitzerInnen Zugeständnisse gemacht. Verbal wird ihnen die Qualität der
Versorgung durch Adressierung der Tiere als zu umsorgende Kindergartenkinder
zugesichert:
Besitzerin (zum Hund): "Tschüss Böngeli"
Arzt (zum Hund): "S'Mami chunnt wieder" {70}
Oder es werden Zugeständnisse an die Uniformierung der Tiere gemacht und den
BesitzerInnen erlaubt, Wolldecken oder Spielzeug mitzugeben (das aber nicht in die
Käfige gelegt wird). Im Extremfall wird den BesitzerInnen erlaubt, die Ställe zu
inspizieren und die Tiere selbst zu den Käfigen zu begleiten. In schweren Notfällen,
bei denen die Hunde nur knapp am Leben gehalten werden konnten, wurden sie gar
nicht erst in die Ställe gebracht, sondern in den Behandlungsräumen am Boden
versorgt. Bei einem dieser Fälle wurde dem Hund ein Wolldecke als Unterlage, sowie
Kinderpuppen zurückgelassen. In solchen Momenten fokussiert sich die ganze
140
Aufmerksamkeit im Raum auf die am Boden liegenden Patienten, weil die Aufteilung
von privaten Stallräumen und öffentlichen Untersuchungsräumen durchbrochen wird.
Das Misstrauen und die Angst der BesitzerInnen um eine adäquate Versorgung
spiegelt sich im Umgang des Personals mit den Tieren. In Anwesenheit der Besitzer
wird mit Tieren im allgemeinen vorsichtiger umgegangen als in Abwesenheit der
BesitzerInnen. Solange ein MeHu anwesend ist, ist die körperliche Integrität dieses
Gespannes höher, als wenn nur noch ein Tier anwesend ist. Dann entsteht Raum, um
das Tier für seine Unfolgsamkeit – oder je nachdem, diejenige des Besitzers – zu
bestrafen. In allen vier Fällen, in denen Tiere geschlagen wurden, waren die
BesitzerInnen abwesend.105 Dass der Handlungsspielraum durch die BesitzerInnen
vermindert wird, ist den ÄrztInnen durchaus bewusst:
E: Und bei einer Katze, wenn die Leute nicht da sind, dann wird sie vielleicht ein
bisschen härter gepackt, muss man sagen, und wenn man sie beruhigen will, dann
kann man sie irgendwo im Käfig einsperren, wo man sie spritzen kann, oder in
einem Tuch, also etwas, was für die Besitzer vielleicht nicht schön wäre zu sehen.
Die kann man besser managen, die Tiere, also managen. Jaa, man kann weiter
gehen mit der Arbeit, aber mit dem Besitzer dabei und so kannst du natürlich nicht
alles machen, was du dir erlaubst sonst. Aber ich meine immer mit Respekt zum
Tier. Von mir aus, wenn es Leute gibt, die anders machen, weiss ich und ich meine,
also von mir aus, also ich schlage nie einen Hund, nur weil er nicht ruhig bleibt,
weil ich niemandem eine Spritze machen will. Ich verliere nur dabei dann, die
werden nervös, die verlieren Vertrauen, also, das gibt's bei mir nicht.
Dabei wird klar, dass sich der Anspruch auf körperliche Unversehrtheit aus zwei
Quellen speist: Einer Grundwürde, die der Katze zugeschrieben wird – "immer mit
Respekt zum Tier" – und einer zusätzlichen Barriere, die durch die BesitzerInnen
aufgebaut wird, bei der Behandlung störend wirkt und als überflüssig beurteilt wird.
Dabei ist schon mitbedacht, dass die Grundwürde durchaus unterschiedlich beurteilt
wird: "Wenn es Leute gibt, die anders machen, von mir aus."
Wenn wir die Trennungsmechanismen unter amplifikationistischen Gesichtspunkten
anschauen wollen, so entdecken wir etwas Überraschendes. Im Gegensatz zur
141
Widerstandsleistung gegen die Untersuchung, die von den Tieren ausgeht, geht
diejenige gegen die Trennungen nur von den BesitzerInnen aus. Der blosse Aufenthalt
in der Klinik scheint die Tiere nicht zu stören. Diese Beobachtung machte nicht nur
ich:
E: Aber ich glaube die Leute, manchmal, sie übertreiben, sie glauben die Katze
oder der Hund fühlt viel zu viel, also die meisten Hunde kommen als erste rein als
der Besitzer, sie gehen vorne, die muss man nicht reinziehen. Und diejenigen, die
bei uns als Patienten waren, zum Teil, ziehen noch rein und die möchten noch in
den Stall gehen, also, das heisst, ihnen gings nicht so schlecht, das ist die beste
Werbung.
Wenn diese empathierende Betrachtung stimmt, und ich teile sie, dann wird das
Konzept des 'nahen' Vertreters noch problematischer. Die Tiere wollen in der Klinik
bleiben, sie mögen den Ort und fühlen sich offensichtlich wohl. Weshalb sollen sie
dann nicht von ihren VertreterInnen getrennt werden?
5.4. Eigenschaften
5.4.1. Die körperliche Integrität der Tiere
Haben Tiere einen Anspruch auf körperliche Integrität? Ohne auf lange
philosophische Diskussionen dieses unscharfen Begriffes einzugehen, lässt sich
körperliche Integrität als Resultat des Umgangs mit Körpern definieren.106 Eine
Entität verfügte dann über körperliche Integrität, wenn bestimmte Manipulationen an
ihr selbst kulturellen Restriktionen unterliegen. Daraus geht schon hervor, dass
körperliche Integrität nichts Sichtbares darstellt, sondern nur als ein Resultat von
Handlungen konzipiert werden kann. Wenn ein Hund einen Menschen beisst, so hat er
105
Dabei geht es mir nicht um eine Verurteilung derjenigen, die die Tiere schlagen. Tiere wurden auch
nie so geschlagen, dass sie nachher verletzt waren, es waren immer kurze Schläge mit der Hand, meist
auf den Hinterkopf. Es geht mir um die Situationen, die solches ermöglichen. Interessant an diesen
Situationen ist ja, dass sie dennoch in der Öffentlichkeit stattfanden, dass also fremde BesitzerInnen,
anderes Personal, sowie ein protokollierender Sozialwissenschaftler anwesend waren.
142
offensichtlich die körperliche Integrität des Menschen verletzt und deshalb wird diese
Handlung bestraft (und sei es indirekt, indem der Besitzer beschuldigt wird). Daran
sieht man auch, dass es darauf ankommt, wer die körperliche Integrität verletzt. Denn
wenn mir ein Stein auf den Kopf fällt, wird der Stein nicht für seine Tat bestraft, weil
meine körperliche Integrität gegenüber hinabfallenden Steinen inexistent ist.107 Damit
ist der Zirkel zum Handlungsbegriff wieder geschlossen, denn körperliche Integrität
ist ein Resultat von Handlungen, nicht Geschehnissen.
Wie ich vorher gezeigt habe, ist die körperliche Integrität der Tiere eine Mischung aus
einer ihnen zugeschriebenen, inhärenten Integrität und einer zusätzlichen, durch die
Anwesenheit der BesitzerInnen situativ gewährleisteten. Die Grundintegrität ist ein
Produkt komplexer sozialer Konstruktionen, die auf juristischen und ethischen
Erwägungen sowie einem kulturellen Alltagsverstand aufbauen.
Im vorher beschriebenen Fall ging es im weitesten Sinn um die körperliche
Unversehrtheit gegenüber Gewaltakten. Dies ist sicher die augenfälligste Form, wie
die körperliche Unversehrtheit beeinträchtigt werden kann. Aber die körperliche
Integrität kann durch viel komplexere Praktiken beeinträchtigt werden, gerade im
medizinischen Umfeld. Während meines Aufenthalts wurde in der Klinik ein
Merkblatt "zur Vermeidung sexueller Belästigung" verteilt und aufgehängt. Unter
anderem wurden darin "Bemerkungen über körperliche Vorzüge oder Schwächen",
"aufdringliche, taxierende Blicke" und "Körperkontakte – auch zufällige" als
unstatthaft erklärt. Das Personal, insbesondere die ÄrztInnen, die sich gegenseitig
relativ oft anfassten und sich mit Anzüglichkeiten eindeckten, machte in der Folge
häufig Anspielungen und Witze über diese Richtlinien, indem sie sie offen
kommentierend durchbrachen. Diese Vorschriften bezogen sich explizit nur auf
Interaktionen zwischen MitarbeiterInnen. Ähnliche Richtlinien wurden, soweit ich
106
Ich verwende hier absichtlich nicht den Begriff der 'Würde', da dieser Begriff noch unklarer als
'körperliche Integrität' ist. Im Moment sind in der Schweiz Bestrebungen im Gange die Würde der
Tiere rechtlich neu festzusetzen. Der Würdebegriff bleibt dabei aber so unscharf wie ein
Metzgermesser im Film, weil er an der disparaten Realität des Umgangs mit Tieren scheitert. Es ist
unmöglich, einen einheitlichen Würdebegriff für Tiere in Schlachthöfen, Labors, auf Bauernhöfen und
in Tierspitälern einzuführen.
107
Allerdings besteht die Tendenz, zunehmend mit Schadenersatzprozessen die BesitzerInnen von
Objekten für die Verletzung der Würde anderer verantwortlich zu machen. Dies ist ein Resultat einer
ANT- Analyse, die solange den Netzwerken folgt, bis sie auf die Netzwerkbauer trifft, um diese dann
nach humankonstruktivistischer Manier zu bestrafen. Die hier diskutierten Ideen verdanke ich der sehr
originellen Diskussion von Schadenersatzprozessen und der damit einhergehenden Verschiebungen
und Zirkulation von Schuld zwischen Objekten und Menschen bei Elaine Scarry (Scarry 1992, 425 ff.).
143
informiert wurde, weder gegenüber den BesitzerInnen noch gegenüber den Tieren
vorgelegt. Wenn es nun schon absurd erscheinen mag, so etwas zu überlegen, so ist
damit ein erster Befund erbracht: Im Gegensatz zur Humanmedizin, die in den letzten
Jahren von Belästigungsvorwürfen von KlientInnen gegen das Personal geradezu
überschwemmt wurde, scheint dies in der Veterinärmedizin kein Problem zu sein.
Dies hat zwei Gründe: Weder ist der Körper eines Tiere sexuiert, noch besitzt ein Tier
eine sexuell konnotierte Intimsphäre.108 Aber dies trifft nicht immer zu: im folgenden
will ich betrachten, welche Formen von Intimsphäre und sexueller Aufladung möglich
sind.
Wenn die Tiere in der Klinik untersucht werden, dann müssen sie sich normalerweise
nicht wie Menschen zuerst ausziehen. Das Tier ist nackt und die Nacktheit wird im
Prinzip nicht thematisiert. Sobald die Untersuchung beginnt, wird das Tier
festgehalten und von den ÄrztInnen am ganzen Körper abgetastet. Nicht einmal diese
Handlung bedingt eine Entschuldigung oder Vorwarnung. Die einzige problematische
Handlung stellt die Untersuchung des Anus mit einem Finger dar. Die ÄrztInnen
stossen dabei meist ohne Vorwarnung den Tieren einen Finger in den Hintern. Nur in
wenigen Fällen wurde dies kommentiert, etwa mit: "So, jetzt kommt der
unangenehmste Teil" {58}. Dieser Kommentar wurde an die BesitzerInnen gerichtet.
Auch wenn es für den Hund unangenehm ist, ist es die Intimsphäre der BesitzerInnen,
die verletzt wird.
Gegenüber den ÄrztInnen in der Klinik bildete der Arzt in der Praxis eine Ausnahme,
insofern er eine ritualisierte Handlung vollzog, bevor er die Tiere untersuchte: Er liess
die Tiere an allen Instrumenten, insbesondere dem Stethoskop, zuerst riechen, bevor
sie zum Einsatz kamen. Das einzige Ritual, mit dem die Durchbrechung der
körperlichen Integrität symbolisiert wird, vollzieht sich somit auf einer dem
Menschen nicht zugänglichen Ebene. Es ist für Menschen 'sinnlos' im Wortsinne, weil
es eine 'Intimsphäre' voraussetzt, die wir empathisch nicht nachvollziehen können.
Die Intimsphäre in der Klinik hingegen wird nur durch die BesitzerInnen konstituiert,
was sich auch daran zeigt, dass mit den Tieren viel weniger herumgeschmust wurde,
wenn die BesitzerInnen anwesend waren. Im Gegensatz zur Verletzung der
108
Die Bemerkung gilt nicht für SodomistInnen. Es kamen aber nie Momente in der Klinik vor, die auf
sodomitische Neigungen irgendwelcher Anwesenden hinwiesen.
144
Intimsphäre durch Untersuchungen sind Verletzungen der Intimsphäre durch
körperliche Nähe oder Liebkosungen problematischer, und die Tiere wurden jeweils
nur mit den Händen gestreichelt. Nur in Abwesenheit der Besitzer legte das Personal
zum Beispiel den Kopf auf den Rücken der Tiere oder küsste sie.
Die sexuelle Aufladung der Tiere geschah in sehr seltenen Fällen. Normalerweise
wurde versucht, möglichst sachlich und mit technischen Ausdrücken über sexuelle
Organe zu sprechen, ähnlich wie es in der Humanmedizin geschieht.109 Das Gespräch
kann sowohl von den BesitzerInnen wie von den ÄrztInnen auf eine sexuell explizite
Ebene gebracht werden – und zwar in einer ernsten, wie in einer ironischen Art und
Weise.
Das erste Beispiel, das ich diskutiere, besticht durch seinen tragisch-komischen
Charakter:
Ein Paar, beide bestimmt achtzig Jahre alt, bringt einen Pudel zur Impfung. Der
Mann hat starken Parkinson und schiebt immerfort seinen Unterkiefer vor und
zurück und sagt dabei kein Wort. Seine Frau redet ununterbrochen und beschwert
sich immer wieder über die Verhältnisse in der Klinik. Ärztin D. will die Prostata
und den Geschlechtsapparat genauer untersuchen, weil die Hoden unterschiedlich
gross sind. Die Besitzerin reagiert darauf empört und meint, es sei unnötig, die
Prostata zu untersuchen, denn der Hund könne "so hoch spritzen". (Dabei hält sie
die Hand ca. einen Meter über dem Pudel in die Luft). Der Pudel sei ein
"wahnsinniger Mann", alte Männer seien neidisch auf seine Fähigkeiten. {11b}
Wie im Falle des ernsten Gebrauchs werden Geschlechterverhältnisse bei Tieren und
Menschen auch im ironischen Gebrauch parallelisiert. Die ernsthafte wie die ironische
Parallelsetzung von Sexualität und Geschlecht unterliegt dabei nicht den
Restriktionen wie beim Gebrauch des Rassebegriffs. Die andauernde Verwendung des
Rassebegriffs ist möglich, weil 'Rasse' für Tiere relativ gefahrlos verwendet werden
kann und eben im Sprachgebrauch nicht mehr auf den Rassebegriff bei Menschen
verweist. Geschlecht hingegen schon, und deshalb wird es häufig ironisiert, wie im
folgenden Beispiel:
109
Man kann sich nun fragen, ob es denn naheliegend wäre, für Tiere eine weniger
anthropomorphistische Sprache zu gebrauchen, ähnlich etwa dem Gebrauch der Begriffe 'fressen' und
'essen', einem Wortpaar, das die Natur/Kultur-Grenze für eine andere Form von Primärbedürfnissen
regelt.
145
M. wird von der Ärztin E. zu Hilfe gerufen. Eine Hundebesitzerin, eine Rentnerin,
erzählt, ihr Rüde schäume aus dem Mund und sei extrem aufgeregt, seit eine neue
Pensionärin im Heim sei, die eine Hündin halte. Ihre Bekannten seien allerdings der
Meinung, es könnten keine psychologischen Gründe dafür verantwortlich sein. M.
meint, er könne das als Mann verstehen, E. als Frau halt nicht, aber wenn man eine
schöne Frau sehe, dann sei man aufgeregt.
M. weiss, weil er ein Mann ist, wie ein Rüde fühlt. Er schäumt zwar nicht aus dem
Mund, aber er impliziert eine Analogie der psychophysischen Prozesse bei Mann und
Rüde. Männer können Rüden "verstehen", weil sie dasselbe fühlen. Empathie
funktioniert
hier
auf
dem
kleinsten
gemeinsamen
Nenner,
den
Geschlechterverhältnissen, ganz einfach: qua leibliche Regungen. Mit dieser
Ironisierung hält er auch das Verhältnis zwischen psychischen und physischen
Prozessen in Schwebe: Er braucht nicht zu erläutern, ob der Schaum vor dem Mund
dasselbe wie "aufgeregt" sein sei.
5.4.2. Psychos und Somas
Je nach Theorie verfügen Tiere über menschenähnliche Attribute wie Psyche oder
Seele etc., die erkranken können. Falls die Tiere über eine Psyche verfügen und diese
irgendwie menschenähnlich sein soll, dann kann sie auch erkranken. Im
Zusammenhang mit den von mir verwendeten Theorien ist klar, dass es darauf
ankommt, wie man Psyche definiert, um beurteilen zu können, ob sie nach den
verschiedene Theorien darüber verfügen. Im Falle des Humankonstruktivismus ist es
so, dass 'Psyche' bei Tieren nur verhaltenspsychologisch verstanden werden darf. Alle
weniger reduktionistischen Konzepte werden Tieren abgesprochen. Beim
Amplifikationismus verhält es sich anders: Für AmplifikationistInnen stellt der
Zugang zum Psychischen allenfalls ein methodisches Problem dar, aber es besteht
kein Zweifel daran, dass Tiere über einen komplexen emotionalen Haushalt verfügen,
der in ihrer spezifischen sozialen Umwelt eingebettet ist. AkteurNetzwerktheoretikerInnen würden wohl sagen, die 'Psyche' eines Tieres sei ein
Resultat eines Netzwerks und nur als solches entdeckbar. Weil 'Psyche' wiederum in
der Klinik nicht dargestellt wird – dabei verhält es sich nicht anders als bei Menschen
– , ist es Verhandlungssache, inwiefern 'Psyche' hier auf- oder abtauchen kann.
Im folgenden will ich nicht klären, was 'psychische' Erkrankung in Bezug auf Tiere
sinnvollerweise bedeuten könnte, sondern untersuchen, wann und wie über
146
'psychische' Erkrankungen geredet wird, was mit diesen Begriffen in den
Konsultationen angefangen wird und schliesslich auf den Umgang mit dem
Medikament Clomicalm eingehen.
Es gibt ein Grundmuster der Psychisierung110 in der Klinik. Das Muster folgt einer
Umverteilung von Krankheitsbegriffen und Krankheitsträgern und einer impliziten
Auseinandersetzung über die Definition des Psychischen zwischen ExpertInnen und
Laien. Es funktioniert so, dass ein Besitzer in die Klinik kommt und behauptet, die
Krankheit seines Tieres sei eine psychische Krankheit oder psychisch bedingt. Dabei
handelt es sich manchmal um undefinierte "psychische Probleme" {41}, manchmal
um sehr komplexe Symptomverkettungen, wie im Fall einer Besitzerin, die meinte,
die allergische Reaktion ihrer Katze sei eine psychosomatische Folge ihrer eigenen
Trennung von ihrem Freund {3}. In einem weiteren Fall war das Besitzerehepaar
überzeugt, dass die Ekzeme ihres Goldenretrievers "psychisch bedingt" seien, weil sie
jeweils dann auftraten, wenn die Besitzer schlafen gingen {75}.
In solchen Fällen werden die Anmerkungen der BesitzerInnen weder kommentiert
noch beachtet. Es wird vom Personal sorgfältigst vermieden, auf solche Diskussionen
überhaupt einzutreten. Auch wenn die BesitzerInnen ihren Tieren Medikamente der
Alternativmedizin, wie etwa Bachblüten geben, wird dies nie kommentiert. Indem auf
die Frage der psychischen oder psychosomatischen Krankheiten nicht eingegangen
wird, erklären die ÄrztInnen diese für implizit ungültig, was ihnen erlaubt, im
medizinischen Rahmen weiterzuarbeiten. Dies tun sie jeweils, indem sie die Tiere
strikte im medizinischen Rahmen behandeln, auch wenn sie der Meinung waren, der
Hund sei eigentlich gesund. An diesem Punkt fand dann jeweils die Umverteilung der
Krankheit statt, wie der folgende Dialog in der gebotenen Kürze zeigt:
Pflegerin Z.: Der (Hund, Anm. d. A.) ist doch gesund!
Ärztin E: Ja, und die Besitzerin ist krank. {49}
Die Zuschreibung der psychischen Krankheit auf die BesitzerInnen findet allerdings
nicht nur dann statt, wenn die BesitzerInnen behaupten, ihre Tiere seien psychisch
krank, sondern ganz generell in Fällen, in denen die BesitzerInnen nach Meinung der
ÄrztInnen nicht fähig sind, den Gesundheitszustand der Tiere korrekt einzuschätzen,
110
Mit Psychisierung meine ich den ganzen Prozess der Umverteilung von psychischen und
somatischen Begriffen zwischen Tier und Mensch. Die Begriffe 'Psychologisierung' oder
'Psychiatrisierung' sind mir zu stark mit Bildern des jeweiligen Gebrauchs unter Menschen belegt.
147
d.h. entweder Krankheiten sehen, die nach den Kriterien der ÄrztInnen nicht
vorhanden sind, oder Krankheiten, die vorhanden sind, mit unpassenden Ursachen
erklären wollen, oder aber den Gesundheitszustand ihrer Tiere als gut einschätzen,
obwohl sie nach Fachmeinung schwer krank sind. Die ÄrztInnen machten
entsprechend oft an mich gerichtete Bemerkungen. E. war in dieser Hinsicht am
explizitesten: Einmal sagte sie zu mir: "Ich werde Psychiater, dann werde ich
wenigstens dafür bezahlt, dass ich mit solchen Leuten rede."111 (Dies sagte sie,
nachdem Klienten nach einer dreistündigen Untersuchung meinten, sie würden nun
doch eher zu ihrem Privattierarzt gehen, dem sie mehr vertrauen) und ein weiteres
Mal bemerkte sie: "Es wäre gut, wenn man im Vorraum (dem Wartezimmer, Anm. d.
A.) einen Zettel auflegen würde, wo die BesitzerInnen ihre psychologischen Probleme
ankreuzen können."{B17}
Dies ist eine erleuchtende Fussnote zur vorherigen Diskussion der Protokolle. E.
schlägt vor, die Psycho/Soma-Asymmetrie in den Protokollen festzuschreiben, um die
zeitliche Ordnung des Konsultationsverlaufes besser zu beherrschen: Wenn die
BesitzerInnen schon im Wartezimmer ankreuzen würden, dass sie ein psychisches und
nicht die Tiere ein physisches Problem haben, dann müsste die Konsultation gar nicht
mehr durchgeführt werden! Denn der Subtext der Aussage ist, dass es Aufgabe der
Veterinärmedizin sei, Tiere und nicht etwa Menschen zu behandeln.
'Psychisch krank' in der Verwendung des Personals bedeutet nicht, dass sie
diejenigen, die sie damit bezeichnen, notwendigerweise in einem medizinischpsychiatrischen Sinne für psychisch krank hielten. Der Begriff wurde eher in einem
umgangsgssprachlichen Sinn gebraucht. Dies ist nicht zufällig, denn alle anderen
medizinischen Begriffe wurden nie ausserhalb ihres medizinischen Kontextes
verwendet, und es wurden nie spezifischere Krankheitsbezeichnungen für "psychisch
krank" verwendet. Neben der eher ironischen, zynischen oder gar verächtlichen
Bezugnahme auf solche Themen wurden sie nie angeschnitten und meine
diesbezüglichen Fragen eher irritiert zur Kenntnis genommen. Psychologie als eine zu
berücksichtigende Grösse wurde negiert, obwohl andauernd psychologisierende
111
Dabei handelt es sich um eine sehr hintergründige Formulierung, denn bezahlt wird sie ja ohnehin,
auch dafür, dass sie mit den BesitzerInnen redet. Sie macht damit kenntlich, dass sie es nur bis zu
einem gewissen Mass für ihre Aufgabe hält, mit BesitzerInnen zu reden, ihre 'eigentliche' Arbeit aber
darin bestehe, Tiere zu behandeln.
148
Erklärungen für das Verhalten von Tieren und BesitzerInnen zu Hilfe genommen
wurden. Im folgenden Abschnitt wird diese Minimierungsstrategie deutlich:
M: Noch etwas ganz ganz anderes. Sobald die Besitzer, sagen wir, Bachblüten
geben oder das sie ein psychisches Problem (schwer verständlich), dass ihr dann
überhaupt nicht reagiert. (unverständl.)
D: Dass der Hund jetzt ein psychisches Problem hat?
M: Ja.
D: Dass die Besitzer sagen, der Hund hat ein psychisches Problem.
M: Ja, genau, oder auch wenn sie sagen, ja, sie wären beim Arzt vorher gewesen
oder sie selbst hätten auch Bachblüten geben.
D: Ich hab keine Erfahrung damit.
(…)
M: Und was psychologische Probleme angeht?
D: Vom Hund?
M: Mhm.
D: Hab ich eigentlich jetzt (1), wenig, wenig Besitzer gehabt, die gemeint haben,
dass es ein psychologisches Problem wär. Wenn, denk ich immer, der Besitzer hat
ein psychologisches Problem und der projiziert es auf den Hund, dass der ein
psychologisches Problem hat. Denn was ist psychologisches Problem für den
Hund? (2)
M: Ich würde nicht sagen, dass ich das jetzt weiss. Aber es ist bestimmt fünfmal
der Fall gewesen, während der Zeit in der ich hier war, mhm. Dass das eingetroffen
ist.
D: Dass die, die gesagt haben, der hat ein psychologisches, dass die gesagt haben,
der hat kein medizinisches Problem, der hat ein psychologisches Problem?
M: Ja, ja, ja. Und einmal war's der Fall, da hat der Hund Clomicalm gekriegt
D: Mhm. Mhm.
M: Deswegen.
D: Ja.
M: Also das ist auch ein Präparat, das ihr habt. Ich weiss nicht mehr, wer das war,
aber die Person meinte, ihr würdet das nicht verwenden, aber das ist (unverständl.)
das, das hier ist.
D: Ja, das. Ich mein, wenn er sagt, der Hund hat ein psychologisches Problem,
wenn ich rausgehe aus dem Haus und kann nicht rein, oder hat Probleme, was
weiss ich, wenn's knallt oder mit irgendwelchen Situationen umzugehen, das ist
ganz klar, dann gibt's halt die Verhaltenspsychologie, was, da muss ich auch sagen,
149
da muss sie halt dafür zum Spezialisten. Ich meine jedenfalls die Grundformen, die
hast du, ungefähr das Basiswissen, aber das spezifische Wissen, das dann eher
verhaltenstherapeutisch ist, dass wir auch nicht so gut kennen, bis auf die Basis
halt.
Zuerst stellt D. psychische Faktoren als schlicht inexistent dar, indem sie mit
Unverständnis und Verwunderung auf meine Fragen reagiert. Dann überträgt sie das
Problem auf den Besitzer und stellt die Idee, ein psychisches Problem eines Hundes
könne existieren, überhaupt in Frage und zum Schluss, als ich sie auf die
verhaltenstherapeutischen Medikamente (Clomicalm) hinweise, delegiert sie die
Zuständigkeit an VerhaltenstherapeutInnen.
Die Sichtweise der ÄrztInnen ist interessanterweise exakt humankonstruktivistisch.
Die Tiere sind black-boxes, die keinen psychischen Faktoren unterliegen, oder, falls
sie es im Zweifelsfall dennoch tun, ist dies in keiner Art und Weise feststellbar, und
wenn es dann doch feststellbar ist, dann ist es ein Fall für die Verhaltenstherapeutin.
Die implizite Annahme dahinter ist, dass Verhaltenstherapie auf einem
behavioristischen Modell aufbaut und somit keine anthropomorphisierenden
Annahmen über die Tiere gemacht werden. Am Beispiel von Clomicalm, dem ersten
zugelassenen Verhaltenstherapeutikum zur Behandlung von "Trennungsbedingten
Verhaltensstörungen bei Hunden … (und) Stereotypien (Zwangsstörungen) wie z. B.
Leckdermatitis" will ich nun kurz demonstrieren, wie schwierig es ist, eine
behavioristische Sprache einzuhalten, und wie die Hersteller dieses Medikaments
durch die Erfindung des Medikaments genau diese psychischen Eigenschaften
voraussetzen. Ich stütze mich dabei auf die Angaben zu Clomicalm auf der NovartisHomepage sowie auf ein Gespräch mit einer Verhaltenstherapeutin, die in
Zusammenarbeit mit R., dem Arzt in der Praxis, gelegentlich Clomicalm gestützte
Verhaltenstherapien durchführt.
In der Medienmitteilung zur Zulassung des Medikaments heisst es:
"Trennungsangst ist eine stressbedingte Krankheit, die Hunde befallen kann, wenn
sie von ihrem Besitzer allein gelassen werden. Symptome sind unter anderem
exzessives Bellen sowie Zerstörung und Verunreinigung der häuslichen
Umgebung. Meist wird dieses Verhalten als 'schlechtes Benehmen' missdeutet.
Wird das Tier daraufhin bestraft oder isoliert, verschlimmern sich die Symptome.
Der neuen Medikation liegen spezielle Verhaltensregeln bei, welche die normalen
Beziehungen zwischen Tier und Besitzer wiederherstellen helfen." (Novartis 1998)
150
Auf der "Product-Info"-Homepage zum Medikament heisst es dann:
It's their way of asking for help. Millions of dogs across Canada miss their Owners
every day when they go off to work or leave the house for any reason. Only a few
get into trouble. Finally, there's a drug available to help those dogs that suffer from
separation anxiety and other stereotypies." (Novartis 1999)
Was ist Trennungsangst nun für eine 'Krankheit'? Der Novartis-Text etabliert hierzu
eine wundersame Kette: Die Hunde werden von der Krankheit 'befallen', weil sie
alleine gelassen werden. Novartis sagt damit, dass es 'normal' sei, die Hunde alleine
zu lassen, und dass es 'anormal' sei, wenn die Hunde darauf mit bestimmten
'Symptomen' reagieren. Aber es wäre genauso naheliegend, die 'Krankheit' beim
Besitzer anzusetzen: Denn er lässt den Hund alleine, und wir würden heute nicht
Kaspar Hauser, sondern seine Eltern in die psychiatrische Klinik einliefern. Weshalb
nicht ein Medikament gegen menschliche Absetzungsbedürfnisse entwickeln? Oder,
um das Problem in die ANT-Sprache zu übersetzen: weshalb ist so offensichtlich,
dass Hunde als autonome Aktanten in der Welt auftreten und ihr Normalzustand nicht
derjenige eines MeHu-Hybrides ist. Novartis gibt dann ja selbst eine
dementsprechende Erklärung, indem Trennungsangst nicht als ein neuronales
Geschehen wie im "Product Monograph" – "neuronal re-uptake of both noradrenaline
and serotonin (5-HT)"112, sondern von den Symptomen, "Zerstörung der häuslichen
Umgebung", her beurteilt werden, die nichts anderes als soziale Devianz sind; und
zwar in Bezug auf Menschen, nicht Hunde. Aber die Erklärung, dass es sich
tatsächlich um soziale Devianz handle, wird umgehend mit dem Hinweis entkräftet,
dass Bestrafung oder Isolation, was als übliche Reaktion auf solche Symptome
hypostasiert wird, die Symptome bloss verschlimmere. Deshalb muss die Medikation
mit speziellen "Verhaltensregeln" kombiniert werden. Das Verhalten, das hier
gemeint ist, bezieht sich ebensosehr auf den Besitzer wie auf den Hund. Denn bei der
nun durchzuführenden Verhaltenstherapie wird zwar scheinbar der Hund therapiert,
aber
dem
geht
eine
Verhaltensregelung
der
Besitzer
voraus.
Die
Verhaltenstherapeutin regelt das Verhalten des Besitzers, der das Verhalten des
Hundes regelt. Ich verwende hier den Regelbegriff absichtlich, weil die Definition der
112
Das bezeichnet nicht die Trennungsangst, sondern die Wirkung von Clomicalm gegen die
Trennungsangst. Wie man sich Trennungsangst als neuronales Geschehen vorzustellen hat, sagt
Novartis nicht.
151
Regel, die hier impliziert ist, für Menschen und Hunde dieselbe ist. Sie folgt genau
der Collins'schen Diskussion des Aufzählens. Der Besitzer wird dazu gebracht, in
immer längeren Abständen von zu Hause fortzugehen. Er beginnt mit sehr kurzen
Intervallen von ein paar Minuten, die er sukzessive verlängert. Weil Novartis, anders
als Collins, davon ausgeht, dass Hunde Regeln folgen können, wird das Intervall nicht
irgendeiner einfachen Regel folgend verlängert, sondern sprunghaft und mit
Verkürzungen. (Merke: Dies ist auch für den Besitzer nicht einfach, denn er muss
einmal drei, einmal fünf, dann, acht, zwölf, siebzehn, dann wieder acht etc. Minuten
wegbleiben. Die Regeln sind so komplex, dass es dazu einen speziellen, von Novartis
für die VerhaltenstherapeutInnen entwickelten Plan braucht. Das ist auch der Grund,
weshalb auf der Novartis-Homepage keine genaueren Angaben zu den "speziellen
Verhaltensregeln" gemacht werden.) Wenn der Besitzer nach Hause kommt, ignoriert
er den Hund und tut so, als sei nichts gewesen. Der Hund lernt dabei, dass der
Besitzer nach drei, fünf, dann, acht, zwölf, siebzehn, dann wieder acht etc. Minuten
nicht von der Welt verschwindet und überwindet so seine Trennungsangst.
Es ist dabei nicht wichtig, und dies steht im Einklang mit einer ANT-Interpretation,
welche Eigenschaften Hund und Besitzer haben. Sie erhalten diese Eigenschaften
durch Zuschreibungen, und diese Zuschreibungen halten sich in diesem Fall in keiner
Art
und
Weise
an
diejenigen,
die
AmplifikationistInnen
und
HumankonstruktivistInnen gerne vornehmen würden. Interessant dabei ist, dass, wenn
auch aus werbetechnischen Gründen, der Hund zuerst einmal soweit zu einem
sozialen Akteur gemacht werden muss ("It's their Way of Asking for Help"), dass wir
uns
fragen,
weshalb
Novartis
statt
Verhaltenstherapeuten
keine
PsychoanalytikerInnen empfiehlt.113 Den BefürworterInnen von Psychopharmaka in
der Humanmedizin wird gerne eine reduktionistische Auffassung psychischer
Krankheiten vorgeworfen, weil aus einem humankonstruktivistischen Verständnis
davon ausgegangen wird, die relevanten Kategorien für psychiatrische Krankheiten
152
seien soziale Kategorien. Im Gegensatz dazu müssen Hunde erst mit einem scheinbar
anthropomorphistischen Trick amplifikationiert werden, damit nachher ein
reduktionistisches
Prozedere
einsetzen
kann.
Reduktionismus
ohne
Amplifikationismus existiert nicht.
5.4.3. Wege zum Tierarzt: Wer hat ein Problem?
Ärztin D: Was für ein Problem haben sie?
Besitzer eines Bobtails: Durchfall!
D: Beziehungsweise ihr Hund.
B: Durchfall! {17}
Abgesehen davon, dass das Klinikpersonal unter bestimmten Umständen die
BesitzerInnen und nicht die Tiere für krank erklärt, stellt sich die Frage, wie ein Tier
für krank erklärt werden kann. In der Klinik oder in der Praxis erscheinen ja nur
Tiere, deren BesitzerInnen aus irgendeinem Grund der Meinung sind, ihr Tier sei
krank.
In der Humanmedizin ist dies ein bekanntes Problem, denn bei Reihenuntersuchungen
von 'Gesunden' stellt sich heraus, dass ein Grossteil der Untersuchten irgendwelche
Symptome zeigt, aber nur der kleinste Teil der Untersuchten sich tatsächlich krank
fühlt. Wie Irving Zola gezeigt hat, geht man zum Arzt, weil man sozial nicht mehr so
funktioniert, wie man es vorher konnte (Zola 1973). Da Tiere wie gesagt nicht selbst
in die Klinik gehen können, sind sie darauf angewiesen, dass ihre VertreterInnen sie
dorthin bringen. Dazu möchte ich kurz ein paar Fälle diskutieren, in denen es um
soziale Auffälligkeiten der Tiere geht.
Für den Moment lasse ich die Frage aus, wie die BesitzerInnen sehen oder eben nicht
sehen, ob ein Tier Schmerzen hat. Es interessiert mich auch nicht, ob ein Tier
tatsächlich krank ist, denn dazu müssten zuerst veterinärmedizinische
Krankheitskonzepte untersucht werden. Es geht um die viel grundlegendere Frage,
113
Dieser Effekt ist bei einem anderen Medikament, Anipryl, noch extremer. Anipryl wird gegen CDS
(Cognitive Dysfunction Syndrome), einer Art Alzheimer von Tieren eingesetzt. "Researchers believe
CDS is caused by physical and chemical changes that affect the brain function in older dogs. Dogs with
CDS may show signs of confusion … that are not a normal part of aging." (Pfitzer 1999, Kursiv d. A.)
Auf der Homepage steht u. a. ein Fragebogen für TierbesitzerInnen bereit, wo z.B. Folgendes gefragt
wird: "Does your Dog: Fail to recognize familiar people? Seek attention less often? Show less
enthusiasm upon greeting you? No longer greet family members?" Ein Werbeplakat für Anipryl
153
weshalb ein Tier in die Klinik gebracht wird und ob diese Gründe vom Personal als
legitim betrachtet werden. Dazu muss gesagt werden, dass es Fälle gibt, bei denen
'gesunde' Tiere eingeliefert wurden, ohne dass dies von den ÄrztInnen beanstandet
wurde, etwa wenn jemand sein Tier scheren lassen wollte und dazu keine andere
Gelegenheit wusste, oder wenn, um ein besonders ausgefallenes Beispiel zu nehmen,
nicht einmal am Tier selbst etwas beobachtbar war: Ein Paar brachte einen Hund in
die Klinik, an dem sie selbst keine Symptome feststellen konnten. Ein paar Tage
vorher war ihr Kellerschlüssel verschwunden und der einzige Reim, den sie sich
darauf machen konnten, war, dass der Hund ihn verschluckt habe, weshalb sie nun zur
Abklärung erschienen {60}.
Häufig brachten die BesitzerInnen ihr Tier aus ästhetischen Gründen – sie bemerkten
Veränderungen im Aussehen der Tiere – zum Tierarzt. Zu der Zeit, als ich in der
Praxis war, kamen jeden Tag BesitzerInnen, die Haarausfall an ihren Hunden
bemerkten. Für R., den Arzt, war dies eindeutig jahreszeitenbedingt und so wurde es
zum running gag unter dem Personal. Obwohl üblicherweise die ÄrztInnen viel Wert
darauf legten, dass die BesitzerInnen ihre Tiere genau beobachteten, wurde das
Bemerken von Haarausfall als mangelnde Kompetenz ausgelegt. Manchmal ergaben
sich Diskussionen darüber, weil die BesitzerInnen meinten, im Jahr vorher sei es
weniger stark gewesen, aber R. liess sich nie auf eine dermatologische Untersuchung
ein.
Dann gab es umgekehrt Fälle, bei denen die BesitzerInnen medizinisch als 'krank'
definierte Tiere aus bloss ästhetischen Gründen behandeln lassen wollten. So bei
einem Paar, das seinem Terrier einen walnussgrossen Knoten an der Flanke entfernen
lassen wollte mit der Begründung: "Ja, das stört eben auch, wenn man ihn streichelt."
{52}
Die meisten Krankheiten wurden aus ästhetischen Gründen bemerkt, und dann wurde
der Spiess umgedreht: Die Besitzer wurden wegen ihrer mangelnden Aufmerksamkeit
gering geschätzt. So zum Beispiel bei einer Frau, die ihren viel zu dicken Hasen an
einem Sonntag in den Notfall einlieferte, weil sie bemerkte, dass er in der Analregion
von Maden zerfressen wurde. Der Madenbefall war so weit fortgeschritten, dass sich
schliesslich zeigt ein treuherzig blickendes Hundegesicht, übertitelt mit dem Slogan: "I'm not ignoring
you. I just can't remember you." (Ebd.)
154
die Würmer schon tief in den Darm und in die Haut eingefressen hatten. Die
behandelnde Ärztin E. schimpfte über die Frau, weil es ihrer Meinung nach von
mangelnder Aufmerksamkeit dem Tier gegenüber zeuge, so lange mit dem Gang ins
Tierspital zuzuwarten. Ihrer Meinung nach mussten die Maden schon vor mehreren
Tagen geschlüpft sein und vorher nochmals einige Tage im Larvenstadium am Hasen
verbracht haben. 114
In einem weiteren Fall musste ein Hund aus 'ästhetischen' Gründen euthanasiert
werden, denn er hatte solche Hautwunden, dass sich die Besitzer nicht mehr mit ihm
an die Öffentlichkeit getrauten. Der behandelnde Arzt V. war der Meinung, dass der
Hund überlebt hätte, aber es sei eine zu grosse Belastung für die Ehe der Besitzer
gewesen, denn sie hätten über das Wochenende nicht mehr aus dem Haus gehen
können. Die andere Möglichkeit hätte darin bestanden, den Hund in der Klinik zu
behalten, aber dann wäre die Besitzerin jeden Tag in die Klinik gekommen um den
Hund zu besuchen, was für sie wie für das Personal eine unzumutbare Belastung
dargestellt hätte. {B 5}
Neben ästhetischen wurden jedoch viele Tiere aus sozialen Gründen eingeliefert. Es
hiess dann jeweils, es handle sich um ein "soziales Problem". Das "Soziale" des
Problems bezog sich wie in anderen Fällen auf das Leben der BesitzerInnen.
Besonders bei Durchfall oder Inkontinenz wurde sowohl von den BesitzerInnen wie
den ÄrztInnen die Notwendigkeit einer Behandlung mit Rücksicht auf das soziale
Leben der Besitzer und weniger das Wohlbefinden des Tiers begründet. Insbesondere
ging es dabei um ein Peinlichkeitsgefühl der BesitzerInnen. Sie getrauten sich nicht
mehr Bekannte einzuladen, weil sie sich für die Inkontinenz ihrer Tiere schämten. Als
eine Katze einmal auf dem Untersuchungstisch Durchfall bekam, wurde sie von ihrem
114
Die Angabe des Wochentags hat eine spezielle Bedeutung. Da die Belastung für den Notfall an den
Wochenenden und am Abend besonders hoch ist, gelten auch strengere Kriterien für legitime
Einlieferungsgründe. Zu regulären Arbeitszeiten wird weniger scharf zwischen legitimen und nicht
legitimen Gründen unterschieden, da pro Fall ein Zeitfenster zur Verfügung steht, in dem ohnehin
gearbeitet wird. Im Notfall hingegen bedeutet jeder Fall zusätzliche Arbeit, was zur Folge hat, dass
auch jeder Fall auf seine Legitimität hin beurteilt wird. Nach Ansicht des Personals ist es ausserdem so,
dass die am wenigsten legitimierten Fälle immer im Notfall kommen. So wird versucht möglichst viele
'Notfälle' an andere TierärztInnen zu delegieren oder von PraktikantInnen im Wartesaal 'behandeln' zu
lassen. Im vorliegenden Fall hat sich die Besitzerin doppelt falsch verhalten, denn wenn sie ihren
Hasen zwei Tage vorher eingeliefert hätte, wäre der Madenbefall erstens weniger weit fortgeschritten
gewesen und zweitens hätte die Behandlung zu den regulären Arbeitszeiten stattfinden können.
155
Besitzer sogar dafür beschimpft: "Dass du das gerade hier tun musst! Scheisst in die
Hosen. Zu Hause machst du doch immer ins Körbchen." {68}
Norbert Elias schrieb eine Geschichte des Zivilisationsprozesses als Geschichte
menschlicher Triebbeherrschung und Kanalisierung (Elias 1989). Der
Zivilisationsprozess bedeutet eine Inkorporierung von Verhaltensstandards. Einer der
Regulationsmechanismen für die Einhaltung der Verhaltensstandards liegt in der
Erhöhung der Peinlichkeitsschwelle. Im Verlauf des Zivilisationsprozesses begannen
die Menschen immer mehr für ihre noch nicht, nicht mehr oder schon wieder nicht
kontrollierbaren körperlichen Äusserungen ein Peinlichkeitsgefühl zu spüren.
Die obigen Beobachtungen weisen aber darauf hin, dass nicht nur Menschen, sondern
auch Tiere dem Zivilisationsprozess unterliegen.115 Dazu gehören zum Beispiel die
Ausscheidungsfunktionen, die jedes Haustier beherrschen muss. Die Inkorporierung
der Verhaltensstandards verläuft bei Tieren demnach auf ähnlichen Wegen wie bei
Menschen; nur die Regulationsmechanismen unterscheiden sich. Denn die Tiere
empfinden kein Peinlichkeitsgefühl für ihren Verstoss gegen die Verhaltensstandards,
oder genauer gesagt: ob sie ein Peinlichkeitsgefühl empfinden, ist von Menschen
kaum festzustellen und deshalb nicht relevant. Die Tatsache, dass nicht überprüft
werden kann, ob Tiere peinliche Situationen als peinlich empfinden können, führt
aber dazu, dass die ganze Last der Peinlichkeit von ihren BesitzerInnen getragen
werden muss. Situationen der Inkontinenz sind nicht für die Tiere peinlich, sondern
für ihre BesitzerInnen. Der Regulationsprozess nimmt einen Umweg über den Körper
des Besitzers, indem der Besitzer in eine peinliche Situation gerät, darauf mit allen
Verhaltensattributen der Peinlichkeit reagiert und sein Leben, sein Verhalten in der
Öffentlichkeit neu arrangieren muss.
Am Beispiel der Inkontinenz zeigt sich also folgendes: Tiere unterliegen einem
Zivilisationsprozess, der eine Eigenleistung der Tiere verlangt, die ja immer
mitbeinhaltet, dass sie ausbleiben kann. Die Inkontinenz ist eine Nichterfüllung
sozialer Anforderungen, die nur innerhalb einer relevanten menschlichen Kultur Sinn
macht. Nur als Fehlverhalten in einer menschlichen Kultur kann die Inkontinenz als
156
eine Krankheit definiert werden, und zwar nur mit Rückgriff auf die Lebensumstände
des Besitzers. Dies spricht alles gegen den Humankonstruktivismus. Der Besitzer
empfindet ein Peinlichkeitsgefühl gegenüber anderen Menschen für sein Tier. Dies
funktioniert wiederum nur, wenn er sich selbst – und seine Umwelt ihn – mit seinem
Tier zu einem Hybriden zusammenschliesst. Hybrid bedeutet in diesem Fall, dass
unwillkürliche körperliche Regungen, wie das Peinlichkeitsgefühl, vom Tier zum
Menschen verschoben werden und der Besitzer zu einem Verstärker für die
gesellschaftlichen Ansprüche an das Tier wird, wie sich am Beispiel des Besitzers
zeigt, der mit seiner Katze schimpft, nachdem sie auf den Untersuchungstisch
gemacht hat.
Eine ähnliche Diskussion liesse sich anhand von Kleinkindern führen, aber das
Interessante an Haustieren ist, dass ihr Status lebenslang und weniger eindeutig ist.
Die Haustiere befinden sich nicht wie Kleinkinder vorübergehend im Hybridstatus,
sondern sie bleiben dauernd dort gefangen und vor allem können sie ihn wieder
verlieren oder gar nie annnehmen. Wenn sich Tiere draussen aufhalten, davonlaufen
oder sich nie in bewohnten Räumen aufhalten, dann sind sie von zivilisatorischen
Anforderungen freigestellt.
5.5. Semiotik von Sinnen
In meiner kurzen Geschichte der Akteur-Netzwerk-Theorie schrieb ich, die
semiotischen Grundlagen der ANT seien umstritten. Timothy Lenoir wendet gegen
die ANT ein, sie würde, indem sie semiotische und materielle bzw. 'wirkliche'
Aktanten in eins setze, einen neuen Realismus anpeilen und dabei vergessen, dass es
in wissenschaftlichen Analysen immer nur um Repräsentationen gehe. "At issue is
always the construction of a representation." (Lenoir 1994, 127). Dabei geht Lenoir
implizit davon aus, dass nur Menschen Zeichen interpretieren, d.h. Repräsentationen
fabrizieren können. Latours und Haraways Position demgegenüber besteht darin, die
Produktion einer Repräsentation als ein Gemengelage verschiedenster
115
Ich behaupte nicht, dass der Zivilisationsprozess der Tiere denselben Konjunkturen wie derjenige
der Menschen unterworfen ist. Es wäre interessant einmal zu untersuchen, welche Essensregeln für
Haustiere gelten und wie diese Regeln sich zu denjenigen für Menschen verhalten, oder eine
vergleichende Untersuchung zur Ratgeberliteratur über die Erziehung von Haustieren und Kindern
durchzuführen.
157
Zeichenproduzenten aufzufassen, wobei 'Zeichen' wie Produzent in einem "materialsemiotic actor" ineinander aufgehen (Haraway 1995b). Wohlverstanden geht es
hierbei nicht darum, dass jeder (sozialwissenschaftliche) Text eine Interpretation des
Autors der Welt darstellt. Es geht darum, ob SozialwissenschaftlerInnen davon
ausgehen müssen, dass das, was sie beobachten, nur menschlich generierte Zeichen
oder auch nicht menschlich generierte Zeichen sein sollen.
Meiner Meinung nach ist dieses Problem aber nicht in der Latour'schen Interpretation
der Greimas'schen Semiotik, sondern in der Semiotik überhaupt angelegt. Als
Kronzeuge dient mir hier Peirce, der 'Zeichen' einmal folgendermassen definiert hat:
Sign: (...) Anything which determines something else (its interpretant) to refer to
an object to which itself refers (its object) in the same way, the interpretant
becoming in turn a sign, and so on ad infinitum. (Peirce 1991, 239, kursiv im
Original)
Die Frage, die hier interessiert ist, wer oder was ein 'Interpretant' sein kann. In dieser
Definition bleibt es offen und deckt sich somit mit Latours Konzeption. Aber Peirce
schiebt einen Satz nach: "No doubt, intelligent consciousness must enter into the
series." (Ebd., 239) Damit ist die Grundlage für den Streit zwischen
AmplifikationistInnen und HumankonstruktivistInnen gelegt – denn nun muss darüber
gestritten werden, was 'intelligent consciousness' bedeutet. Verfügen darüber nur
Menschen oder auch Hunde und Katzen? Aber innerhalb der Semiotik ist nicht einmal
entschieden, ob dieser Zusatz überhaupt Sinn macht und ein Teil der semiotischen
Community will den Interpretanten-Begriff ganz offen halten. Dies nennt sich dann
Zoo- oder Biosemiotik (Sebeok und Umiker-Sebeok 1992). Sebeok definiert die
Interpretanten so:
Any source (Zeichengeber, Anm. d. A.) and any destination (Interpretant, Anm. d.
A.) is a living entity or the product of a living entity, such as a computer, a robot,
automata in general, or a postulated supernatural being" (Sebeok 1991, 12).
In den folgenden drei Kapiteln will ich diesen divergierenden InterpretantenDefinitionen im Lichte meiner drei Theorien nachspüren und sie insbesondere
dahingehend überprüfen, welche Zeichen für welche Interpretanten welche Bedeutung
haben und wie dies überprüft werden kann. Denn vorausgesetzt, dass zum Beispiel
Hunde Interpretanten sein können, bleibt immer noch die Frage offen, wie sie
bestimmte Zeichen interpretieren und wie ein Mensch (ich, oder aber die
158
BesitzerInnen und das Personal) herausfinden kann, dass sie die Zeichen
dementsprechend interpretieren.
5.5.1. Wie ein Sinn aus Laien Experten macht und umgekehrt
In einem ersten Teil verbleibe ich noch bei der menschlichen Interpretation tierischer
Zeichen. Der Geruch eines Tieres kann wertvolle Hinweise auf mögliche Krankheiten
geben. Allerdings ist das Vokabular zur Geruchsbeschreibung in indogermanischen
Sprachen sehr beschränkt und daraus entsteht ein Problem für eine intersubjektive
Überprüfung der Gerüche. Im Lehrbuch von Niemand steht folgendes:
"Starker Zahnsteinbefall, eine Stomatitis ulcerosa, Fremdkörper im Fang oder
Rachen, zerfallende Tumoren und Nekrosen, eitrige Otitiden, austretendes Sekret
entzündeter Analbeutel verursachen einen starken, üblen und typischen (sic!)
Geruch. (…) Mit Seborrhö verbundene Hauterkrankungen, auch schwere
Demodikose haben einen typischen (sic!) Geruch. Ungepflegtes und verfilztes Fell
riecht besonders bei Nässe übel."(Niemand und Suter 1994, 42)
Im Vergleich zur Beschreibung von sichtbaren Zeichen ist die Beschreibung von
Gerüchen redundant bis zur Sinnlosigkeit. Die mangelnde Möglichkeit Gerüche zu
objektivieren stellt einen Unsicherheitsfaktor in der Unterscheidung von Experten und
Laien in der Veterinärmedizin dar.
Die Wissenschaftsforschung hat die strikte Trennung zwischen Laien und Experten
für ungültig erklärt und die Mechanismen für die Produktion von Laien und Experten
herausgearbeitet. Das Wissen der Experten ist demnach nicht einfach 'objektiv',
sondern es wird durch Mechanismen der Wissenschaftsproduktion dazu gemacht,
indem
es
in
eine
Fachsprache
gekleidet
wird
und
indem
seine
Produktionsbedingungen, Geräte und Datenblätter und methodische Anweisungen
zum Verschwinden gebracht werden, so dass das Wissen gereinigt und neutral in der
Welt steht.116 So funktioniert auch die veterinärmedizinische Diagnostik, und ihre
rasante Technifizierung unterstützt diesen Prozess. Die ÄrztInnen 'sehen' durch ihr
hochkomplexes Kategoriensystem hindurch und beschreiben die Symptome in einer
den BesitzerInnen schwer verständlichen Fachsprache. Sie interpretieren immer mehr,
116
Die Literatur dazu ist sehr umfangreich. Für neuere Diskussionen der Laienrolle in der Medizin
siehe z. B. Epstein (1995), Lambert (1996) und Willems (1992). Zur Reinigung wissenschaftlicher
Daten von ihren Produktionsbedingungen siehe zum Beispiel Latour (1979).
159
von Laboratorien in ihrer Abwesenheit produzierte Daten, die für Laien nicht
nachvollziehbar sind. Aber dies sind alles visuelle Zeichen und Repräsentationen. Die
Objektivierungsprozeduren der westlichen (Veterinär-) Medizin basieren auf visuellen
Repräsentationen. Für olfaktorische fehlen Apparate und Sprachen. Natürlich
verfügen VeterinärmedizinerInnen über ein implizites Wissen, das den Geruch von
Demodikose genauer spezifiziert, als es bloss tautologisch mit 'typisch' zu
beschreiben. Aber Wahrnehmung von Gerüchen ist dennoch so wenig elaboriert, dass
das Deutungsmonopol ÄrztInnen zusammenbricht.
Normalerweise stand ich bei den Untersuchungen daneben, sprach nicht und wurde
nie um Rat gefragt. Nach ein paar Monaten wurde ich manchmal als Ersatzpfleger
eingespannt und musste oder durfte Tiere festhalten oder den ÄrztInnen benötigtes
Gerät geben. Wenn ich Kommentare zu medizinischen oder diagnostischen Themen
machte, so wurden diese erst skeptisch – je länger ich in der Klinik war – bewundernd
für meine Fortschritte im Fachwissen kommentiert. Aber nie wurde ich um Rat
gefragt, wenn es um medizinische Fragen galt.
Ausser in zwei Fällen und beide Male ging es um Geruch. Beim ersten Mal handelte
es sich um eine Katze von der die Besitzerin sagte, sie "stinke" und sei ängstlich. Der
behandelnde Arzt konnte nichts Genaues feststellen und beschloss aufwendige
Untersuchungen (Bluttests, Röntgen, Ultraschall) durchzuführen. Als die Besitzerin
gegangen war, wandte er sich an mich. Ich konnte genausowenig etwas riechen wie
er, obwohl ich mich extra näher zur Katze bewegte. {22}
Im zweiten Fall,117 wurde M. von E. zu Rate gezogen. Eine Besitzerin behauptete
ebenfalls, ihr Hund rieche schlecht. M. roch daraufhin den Hund ab, mit seiner Nase
vielleicht 10 cm vom Hund entfernt. Danach bat er mich, es ihm gleich zu tun. Ich
roch, aber ich fand, der Hund rieche nicht speziell schlecht.{B28}
Neben der Tatsache, dass "stinken' offensichtlich von den ÄrztInnen nur ungenügend
festgestellt werden kann, so dass sogar ein nicht trainierter Beobachter um Rat gefragt
wird, fällt noch etwas weiteres auf. Es existiert keine Technik, wie man riechen soll.
Die Intensität eines Geruchs nimmt zum Beispiel mit der Distanz ab, und deshalb ist
es relevant, wie weit man von einem Tier entfernt stehen muss, um zu beurteilen, ob
117
Dabei handelt es sich um denjenigen Fall, bei dem die Sexuierung des Hundekörper durch des
Hundes Schäumen beim Anblick einer Hündin in Gang gesetzt wurde.
160
es schlecht riecht. Die BesitzerInnen wurden auch nie danach gefragt, wie stark das
Tier rieche. Es existierten immer nur die Angaben, "es stinkt", und diese wurden vom
Personal als gültig angesehen. Weil es keine Möglichkeiten gab, den BesitzerInnen zu
demonstrieren, dass ihr Tier nicht stinke, waren solche Aussagen nie Gegenstand von
Kontroversen. Ohne 'skills' und Wissen, ohne Fachsprache und vor allem ohne
Technologien zur Objektivierung sind auch Experten Laien.
Damit ist dies ein gutes Beispiel für die ANT. Wo die Netzwerke kurz sind, herrscht
die wahre Demokratie. Alle riechen etwas und niemand verfügt über Mittel, dem
Anderen seine Interpretation zu beweisen, denn beweisen heisst Netzwerke bauen und
Netzwerke bauen heisst eigene Geräte, Techniken und Terminologien gegen die
konkurrenzierenden durchzusetzen.
5.5.2. Ich riech was, was du nicht riechst
Im vorherigen Kapitel habe ich gezeigt, wie schlecht wir technowissenschaftlichen
Menschen ausgerüstet sind, olfaktorische Zeichen zu interpretieren und intersubjektiv
verhandelbar zu machen. So schlecht der Mensch Gerüche wahrnehmen kann, so gut
können es Hunde. Was bedeutet dies für den Umgang mit Hunden?
Die Klinikräume sind offen, so dass Gerüche von einem Untersuchungsraum in den
nächsten zirkulieren können. Tiere riechen118 oft nicht besonders gut, kranke Tiere
noch weniger und viele kranke Tiere zusammen produzieren eine schwere süsslichdumpfe Geruchswolke, die in den Räumen hängt. Als ich das erste mal die Klinik
betrat, musste ich mich beinahe übergeben, weil ich so unerwartet von dieser Wolke
angefallen wurde. Je länger ich mich dort aufhielt, desto mehr verschwanden die
Gerüche in meinem Gedächtnis und nur bei Analbeutelentleerungen musste ich einen
Schritt zurücktreten.
Die Untersuchungsräume verfügen über Fenster sowie eine sehr leistungsfähige
Klimaanlage, aber insbesondere bei kühlem Wetter waren weder die Fenster offen,
noch lief die Klimaanlage. Im Allgemeinen wurde wesentlich weniger Wert auf
olfaktorische als auf optische Sauberkeit gelegt. Die Räume waren immer
vollkommen staubfrei, nirgends lagen gebrauchte Utensilien herum und wenn einmal
118
Die deutsche Sprache erweist sich für dieses Kapitel als vollkommen ungeeignet, da sie nicht einmal
zwischen dem Wahrnehmen und dem Aussenden eines Geruchs unterscheiden kann.
161
Blut oder Urin die Arbeitsflächen verschmutzte, wurde es unverzüglich beseitigt. Oft
aber roch es durchdringend nach Tier oder dessen Bestandteilen, und weil das
Personal, das sich länger im selben Raum aufhielt, nichts mehr roch, wurde es
manchmal von Angehörigen anderer Abteilungen auf den unangenehmen Geruch
aufmerksam gemacht. Interessant daran ist, dass nach Meinung des Personals Hunde
und Katzen über einen viel differenzierteren Geruchssinn verfügen als Menschen, und
dass Hunde und Katzen durch den Geruch von "500 Hunden" verwirrt, aggressiv oder
scheu würden {70/2}. Nun weiss weder das Personal, noch die BesitzerInnen, noch
ich, was oder wie ein Hund riecht. Aber wir vermuten, dass es für die Tiere
unangenehm sein könnte. Dies zeigt aber nur, wie menschenzentriert der Betrieb der
Klinik funktioniert, sogar wenn das Bewusstsein vorherrscht, der Geruch könnte für
die Tiere störend sein. Es geht hier nicht einmal um Empathie, denn Empathie ist
ausgeschlossen durch unsere Überzeugung, dass Hunde etwas Anderes riechen. Ob es
tatsächlich für die Hunde unangenehm riecht, ist schwer zu überprüfen und wird auch
nicht gemacht. Die Bemerkung, dass Hunde sich am Geruch stören, wird nicht
relevant – und dies ist unabhängig von semiotischen Konzepten, denn wir sind hier
alle ZoosemiotikerInnen – solange kein Mensch etwas dagegen unternimmt. Und
Lüftungsaktionen werden immer deshalb durchgeführt, weil es das Personal stört.
Hier zeigt sich, dass eine humankonstruktivistische Interpretation einzig deswegen
erfolgt, weil alle amplifikationistischen Konzepte versagen, auch wenn alle sich darin
einig sind, dass die Tiere sich daran stören. Den Tieren fehlen die Vertreter in diesem
Fall zur Gänze.
5.5.3. Der Weisse-Mantel-Effekt: Sozio- und Biosemiotik
Im Falle unangenehmer Gerüche wird immerhin davon ausgegangen, dass die
Gerüche für Mensch und Hund ungefähr dasselbe bedeuten. Sie sind unangenehm.
Aber abgesehen davon, dass Hunde besser riechen als Menschen, riechen sie
möglicherweise auch anders. Und sie sehen und hören anders.
119
Auch wenn wir
nicht wissen können, wie es ist, wie ein Hund zu riechen oder zu sehen, so kann es
dennoch von Vorteil sein, die sensorische Welt der Tiere für seine eigenen
119
Die Implikationen dieses Gedankens diskutiert Nagel in seinem bekannten Aufsatz "What is it like
to be a bat?" (Nagel 1979).
162
Handlungen mitzuberücksichtigen. Hier möchte ich den Weissen-Mantel-Effekt (im
Folgenden: WM-Effekt) diskutieren, der auf einer solchen möglichen
Mitberücksichtigung basiert.
Kleidung erfüllt für Menschen eine Vielzahl von Funktionen. Sie symbolisiert
gesellschaftlichen Status oder Funktion, sie gibt warm, dient als Schutz vor widrigen
Umwelteinflüssen oder als Aufbewahrungsort für persönliche Gegenstände. Und sie
bietet Gelegenheit für Gespräche.
An allen drei untersuchten Orten, in der Medizin, der Radio-Onkologie und in der
Praxis wurde über die Arbeitskleidung diskutiert. In der Klinik sollten die
TierarztgehilfInnen endlich Arbeitskleidung erhalten. Bis anhin kleideten sie sich, wie
sie wollten; manche erschienen mit Strassenkleidung, andere in dunklen groben
Übergewändern. Jetzt sollten sie wie die ÄrztInnen, einheitlich gekleidet werden, und
es gab Diskussionen, welche Farbe wohl geeignet sei. In der Praxis wurde
beschlossen, für die GehilfInnen neue Schürzen anzuschaffen, und es wurden
Kataloge durchgeblättert und das Angebot für ungenügend befunden. Und in der
Radio-Onkologie wies mich die Gehilfin selbst darauf hin, dass sie die einzige
Gehilfin im ganzen Haus sei, die einen weissen Mantel trage. In der Praxis trug der
Arzt anders als in der Klinik keinen weissen Mantel, sondern einen blassgrünen
Überzieher zu Jeans. An beiden Orten wurde ich darauf hingewiesen, dass es in der
Praxis halt möglich sei, sich ungezwungener zu kleiden, während man sich in der
Klinik an die Vorschrift zu halten habe, einen weissen Mantel zu tragen. {70/2}{P7}
In der Humanmedizin existiert ein wohlbekanntes Phänomen, der 'white coat effect'.
Der WM-Effekt bedeutet, dass PatientInnen im Krankenhaus oder in einer Praxis
einen höheren Blutdruck als in einer anderen Umgebung haben, wobei der weisse
Mantel selbst nur einen Teil des Effekts darstellt (Bloch 1997).120 In der Literatur
wird der WM-Effekt als zu berücksichtigende Grösse für Blutdruckmessungen
betrachtet, und man weiss, dass er von Geschlechtskonstellationen und Altersfaktoren
mitbestimmt wird (Millar und Accioly 1996). Dieser Effekt tritt auch bei Tieren auf
(Belew, Barlett et al. 1999).
120
Die medizinische Datenbank 'medline' führt über 130 Einträge zum 'white coat effect' auf. Ich
begnüge mich hier mit einer Angabe.
163
Aber im veterinärmedizinischen Selbstbild wird der WM-Effekt aus einer
statistischen Grösse, die es bei Blutdruckmessungen zu berücksichtigen gilt, zu einem
Angelpunkt um die Widersprüchlichkeiten von Sozio- und Biosemiotik zu
diskutieren.
Dabei geht es nicht darum, die Inkonsistenz im folgenden Interviewausschnitt mit D.
anzuprangern, sondern zu zeigen, dass es in diesem Fall unmöglich ist, die
verschiedenen Funktionen und symbolischen Ebenen des weissen Mantels
miteinander zu vereinbaren.
M: Ich möchte noch etwas Letztes ansprechen in Bezug auf die Tiere, und das ist
die Geschichte mit den weissen Mänteln. Ihr trägt alle weisse Mäntel, und es ist
verschiedentlich geäussert worden, es wäre nicht gut.
D: Mhm. Es gibt ne Untersuchung darüber, ähm ne Untersuchung, ich glaub bei
Katzen war das, wo sie die Katzen untersucht haben, Herzfrequenz, Blutdruck,
einmal mit weissem Mantel und einmal ohne weissem Mantel. Und da ist
scheinbar, also es gibt das Weisse-Mantel-Syndrom, einfach. Das heisst, wenn sie
den weissen Mantel sehen und der weisse Mantel ihm vorher schon was Böses
zugefügt hat oder Untersuchung gemacht hat, irgendwas, was die halt nicht als
angenehm empfunden haben, sagen wir's mal so, dass sie dann drauf reagieren,
oder mehr reagieren. Und mehr kann ich jetzt nicht dazu sagen.
M: Und du kannst nicht aus deiner eigenen Erfahrung bestätigen.
D: Glaub ich nicht. Weil ich denk ich nicht, Weil ich denk schon auch, dass es
personengebunden ist, kann das nicht sagen. (2). Ich, ich hab halt die Untersuchung
einmal gelesen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es für den Hund etwas
anderes ist, weil ich ihn in meinem T-Shirt untersuche oder in meinem weissen
Mantel untersuche, das glaub ich nicht. Es kommt darauf an, wie ich den
untersuche und wie ich mit dem Tier umgehe, ich glaube das ist der Punkt dabei. Es
ist halt, ja, es kommt auch drauf an, wie ich mit dem speziellen Tier, wenn
natürlich immer da mit meinem weissen Mantel da reinhusche und das Tier schnell
aus dem Käfig ziehe und schnell schnell mach, dann denk ich, ist es für das Tier
natürlich immer unangenehm. Aber das wird genauso unangenehm sein, wenn ich
das mit dem T-Shirt das mach. Also von dem her ist für mich das
Ausschlaggebende der Umgang mit dem Tier.
M: Aber du würdest jetzt nicht diese Untersuchung anzweifeln, du würdest einfach
sagen, es kommt nicht so drauf an?
164
D: Ich will nicht die Untersuchung anzweifeln, weil ich im Detail auch gar nicht,
also ich kann sie jetzt auch gar nicht reproduzieren, muss ich sagen, ich weiss grad
noch, dass das so
(…)
M: Weshalb trägt ihr dann weisse Mäntel?
D: Ich meine es ist...
M: Also
D: Ich denke es ist, zum einen macht's natürlich mehr her, weil du in Weiss
irgendwo dastehst, aber es hat auch einen praktischen Gesichtspunkt, dass du da dir
alles reinstecken kannst, so weit ist es natürlich auch angenehm, und es ist einfach
eine Arbeitskleidung. Und ich find schon, dass du eine Arbeitskleidung haben
musst. Einfach weil du, wird ja auch kontaminiert und, von dem ganzen, und ich
würd ja nicht in irgendeiner Strassenkleidung da reinkommen und arbeiten, also nur
ausnahmsweise, von dem her find ich's schon angemessen, dass es Arbeitskleidung
gibt. Weiss ist nun mal die Farbe der Medizin, von dem wird's halt weiss sein,
denke ich einfach und nicht. Es mag natürlich schon auch immer, relativ, denk ich
für den Aussenstehenden, ob's n guten Eindruck macht, aber es macht n, auf jeden
Fall denk ich schon n besseren Eindruck. Wenn da jemand dasteht, der n weissen
Kittel anhat, einigermassen gepflegt, gebügelt und so weiter, also wenn er da steht
in irgendeinem T-Shirt, verwaschenem T-Shirt und, und Blue Jeans, dass denk ich
schon, dass es was ausmacht. Also jetzt vom ersten Erscheinungsbild her, ob's dann
so ist, weiss ich nicht, ich meine da müsst man mal die Patientenbesitzer fragen.
Vielleicht findet's einer legerer, als wenn er nicht im weissen Kittel da…, kann
auch sein. Gibt bestimmt einige.
M: Aber U. (ein anderer Arzt, Anm. d. A.) macht das ja nicht.
D: Ja okay, aber
M: Das ist etwas, das mich immer so erstaunt hat, dass er so, er ist zwar weiss
angezogen, aber er hat keinen Kittel an (er trägt weisse Jeans und ein weisses PoloShirt, Anm. d. A.).
D: Ja der Kittel, muss ich zum Teil ehrlich sagen, echt, also für mich auch zum Teil
störend. Du hast halt immer so'n langen Schurz an und dann wenn du dich hinsetzt
bleibst du irgendwo hängen und, ist schon angenehmer ohne zu arbeiten,
prinzipiell.
Ist der Arztkittel nun praktisch oder nicht? Schüchtert er das Tier ein oder die
Besitzerin? Tragen ÄrztInnen einen weissen Kittel aus praktischen Gründen, um die
hierarchische Ordnung der Klinik sichtbar zu machen oder weil es einen besseren
165
Eindruck macht? Sollen die ÄrztInnen sich deswegen weiss kleiden, sich in einen
weissen Mantel werfen oder einfach einheitlich und gepflegt aussehen? Äussert sich
die Angst der Tiere nur in einem erhöhten Blutdruck, – und wenn ja, weshalb ist dies
weiter wichtig ausser für Blutdruckmessungen – oder äussert sich die Angst in ihrem
Verhalten? Und falls sie Angst haben, haben sie Angst, weil es sich um einen weissen
Mantel handelt oder weil sie eine Situation, einen Ort und Personen wiederkennen,
die ihnen einmal etwas böses zugefügt haben? Aber fügt das Personal den Tieren
überhaupt etwas böses zu?
Ich weiss es nicht. Alle waren sich einig darin, dass es den WM-Effekt gibt, auch
wenn sie nicht daran glaubten oder ihn für irrelevant hielten, und zwar nicht als
'Messfehler' für Blutdruck, sondern als Angstmoment. Er dient so offensichtlich als
Binnenunterscheidung zwischen Klinik und Praxen. In Praxen wird ohne weissem
Mantel gearbeitet, mit der Begründung des WM-Effekts. Aber sowohl nach meinen
Beobachtungen, wie nach Aussagen der ÄrztInnen in der Klinik ist der WM-Effekt
gar kein WM-Effekt. Unsere unstandardisierten Beobachtungen weisen darauf hin,
dass die Angst der Tiere – so sie überhaupt existiert – viele Gründe hat, wovon der
weisse Mantel der am wenigsten wahrscheinliche und am schwierigsten zu
beobachtende ist. Neben der Art und Weise, wie individuell mit Tieren umgegangen
wird, der Zuschreibung von Rasse und Erziehung als Erklärungsfaktor fällt im
Vergleich mit der Praxis, wo der WM-Effekt ja scheinbar weniger auftritt, vor allem
auf, dass dort die Atmosphäre ruhiger und privater ist, die Tiere weniger lang
behandelt und weniger oft angefasst werden.
Wie immer man es dreht und wendet: Die Tiere assoziieren die weissen Mäntel mit
Gefahr, und die Menschen gebrauchen sie zur Symbolisierung einer Standesordnung
oder eines Standesbewusstseins. Der weisse Mantel bedeutet biosemiotisch etwas
anderes als soziosemiotisch. In der Praxis, wo die soziosemiotische Interpretation
vernachlässigt werden kann, werden keine weissen Mäntel getragen. Man trägt sie in
der Klinik, wo sichtbare Kennzeichnungen von Hierarchien und Funktionen wichtiger
sind. In der Humanmedizin mag dasselbe Problem mit denselben Lösungen bestehen,
aber dort zeigt sich eine andere Verteilung: Blutdruck, Angst und Erkennung von
Standeszeichen befinden sich bei derselben Person. In der Veterinärmedizin gehen
Blutdruck und Angst auf das Tier über. Entschieden wird nun nicht mehr, ob man
eher auf die Blutdruckwerte oder die Darstellung von Funktionen und Hierarchien
166
Rücksicht nehmen will, sondern ob die (imaginierte) Interpretation des Tieres
wichtiger ist, als die der Menschen.
167
6. Schluss
Bevor ich noch einmal zu den Theorien zurückkehre und versuche in einem
Überblick zu zeigen, was sie zu leisten vermochten, will ich Auslassungen aufführen.
Aus verschiedenen Gründen blieb in der Themenauswahl eine Gruppe von Themen
unberücksichtigt. Insbesondere die Verknüpfung von Geld, bzw. Zahlungsfähigkeit
und -willigkeit der BesitzerInnen und Behandlung diskutierte ich nicht. Dadurch, dass
die BesitzerInnen selbst für die Behandlungskosten aufkommen müssen, entsteht ein
Konfliktfeld zwischen dem einen Extrem, dass die BesitzerInnen ihr Tier behandeln
lassen wollen, obwohl es nach Meinung der ÄrztInnen keinen Sinn (mehr) macht und
dem anderen Extrem, dass die BesitzerInnen eine Behandlung nicht mehr bezahlen
können oder wollen, obwohl es nach Meinung der ÄrztInnen sinnvoll wäre. Dazu
gehört auch die Frage der Euthanasie, denn die Frage, ob ein Tier eingeschläfert
werden kann oder soll, ist von der Einschätzung des Gesundheitszustandes durch
Ärzte und BesitzerInnen abhängig. In einem weiteren Sinn gehört dazu auch die Frage
der Schmerz- und Leidenszuschreibung. Denn Fragen über Fortführung oder Abbruch
von Behandlungen sind nicht zuletzt von Einschätzungen über das zugemutete Leiden
abhängig.
Alle diese Fragen habe ich ausgelassen, um die Arbeit nicht allzu lang werden zu
lassen. Diese Fragen würden sich aber genauso gut für eine Anwendung auf meine
drei Theorien eignen, wie diejenigen Themen, denen ich meine Theorien ausgesetzt
habe. Es würde sich allerdings eine leichte Gewichtsverlagerung in Richtung
ethischer Konflikte ergeben. Im Gegensatz zu den von mir hier diskutierten
Problemfeldern, die bis anhin kaum diskutiert wurden, liegen aber auch schon kurze,
präzise Ethnographien über den Zusammenhang von Euthanasie und Geld (Sanders
1995) sowie über die Zuschreibung von Schmerzzuständen (allerdings bei
Labortieren) vor (Phillips 1993).
Zuletzt will ich die drei Theorien nochmals miteinander vergleichen. Damit will ich
den Kreis wieder schliessen zwischen ihrer Anwendbarkeit, dem Resultat ihrer
Anwendbarkeit
und
ihrer
Bestimmung
innerhalb
akademischer
Auseinandersetzungen. Denn mein Ausgangspunkt war ja, dass Theorien nicht nur auf
Grund ihrer Korrespondenz mit der Welt beurteilt werden sollten, sondern vielmehr
als Hilfsmittel in der Produktion von Geschichten über die Welt.
168
Der Humankonstruktivismus ist meiner Meinung nach die Position, die theoretisch
am wenigsten Sinn macht, aber als Beschreibungsart relativ unproblematisch ist. Das
Hauptproblem des Humankonstruktivismus ist ja, dass er Tieren kategorisch etwas
absprechen will (Sozialfähigkeit, Kultur, Handlungsfähigkeit), was er aber nur
schlecht beweisen kann. Ich glaube, die Argumentation des Humankonstruktivismus
beruht vor allem auf einem Abgrenzungskampf zwischen verschiedenen Disziplinen.
Dabei wird versucht, sich innerhalb der Sozialwissenschaft gegen Ansätze
abzugrenzen, die nicht interpretativ-verstehend verfahren, um dann aber Übergriffen
einer Reihe disparater naturwissenschaftlicher Subdisziplinen, wie einer starken Form
der künstlichen Intelligenz oder Weiterentwicklungen der Soziobiologie,
entgegenzutreten. Ich teile das Anliegen, dass ein sozialwissenschaftlicher Zugriff auf
die Welt vor neuen und alten ‚natürlichen‘ Evolutionsgeschichten verteidigt werden
soll. Aber ich halte es für sinnlos, dies über den Umweg anthropologischer
Konstanten (die dann doch wieder auf biologische Unterschiede, wie Speziesgrenzen,
zurückgreifen müssen!) zu tun. Es geht nicht darum, dass Tiere nicht die Fähigkeiten
besitzen, die Welt zu gestalten, sondern darum, dass de facto die Welt kaum von
Tieren gestaltet wird und dass, wenn sie es würden, wir mit ihnen die Gestaltung der
Welt nur schlecht verhandeln könnten. Dies gilt gleichermassen für Gehirntote und
Babys. Das ist kein Zynismus sondern zeigt bloss, wo die Grenzen der
Sozialwissenschaft liegen, wenn sie daran festhält, dass die Welt, die – politisch? oder
nur für Sozialwissenschaftler? – relevant ist, die von einem kleinen Teil der
Menschheit gestaltete Welt ist. Der Humankonstruktivismus lenkt damit unseren
Blick auf diejenigen Aspekte der Welt, die uns in einer gegebenen Situation sinnvoll
interpretierbar erscheinen. Innerhalb meiner Untersuchung sind dies vor allem die
Handlungen des Personals. Dort lässt sich zeigen, wie unterschiedlich das Personal
handelt und welche Effekte diese Unterschiede innerhalb des Personals haben. Ich
erinnere zum Beispiel daran, dass ersichtlich wird, wie Tiere verschieden eingeschätzt
und klassifiziert werden, sei es nach Rasse oder nach Gefährlichkeit, und wie diese
Einschätzungen dazu führen, ob man eher vorsichtig oder unvorsichtig mit Tieren
umgeht und wem dann die Schuld für allfälliges Fehlverhalten zugewiesen wird.
Diese Sicht hat zu einer Überbetonung der Leistungen des Personals geführt. Nicht
nur die Tiere, auch die BesitzerInnen bleiben relativ blass in meinen Erzählungen. Die
deskriptive Armseligkeit der BesitzerInnen wie der Tiere beruht jedoch auf
methodischen Problemen und hat nichts mit ihren Eigenschaften zu tun. Dadurch,
169
dass ich immer in der Klinik blieb, wurde mir der Raum der Klinik und das Personal
in allen Details bekannt. Ich erkannte Routinen und Rituale; die BesitzerInnen und die
Tiere waren immer neu und vorübergehend und blieben nur als statistische Menge
oder als Einzelfälle ohne Kontext hängen. Die BesitzerInnen haben kaum ein Gesicht,
ihre Routinen und Rituale sind mir nicht bekannt. Ich kann sie nur auf Grund ihrer
Konformität mit oder der Abweichung von den Regeln, die die Institution voraussetzt,
bewerten. Was ich untersuche, ist von Strukturen der Interpretierbarkeit durchzogen
und diese sind vor allem durch meine Untersuchungsanlage bestimmt. Die
Auswirkungen der räumlichen Gestaltung als ein soziales Ordnungsinstrument
aufzuzeigen, war wesentlich einfacher, als die Auswirkungen der Handlungen der
Tiere, obwohl, oder gerade weil Raum überhaupt keine Sozialfähigkeit aufweist.121
Damit komme ich zum Amplifikationismus. Dort verhält es sich genau umgekehrt wie
beim
Humankonstruktivismus.
So
plausibel
die
Argumentation
des
Amplifikationismus ist, so schwierig ist sie umzusetzen. Der Amplifikationismus lässt
einen relativ unbefriedigt zurück, aber er öffnet die Augen dafür, wie
sozialwissenschaftliche Interpretationen funktionieren. Sie sind fast immer
Zuschreibungen, 'Anthropomorphismen', die weniger mit den Untersuchungsobjekten
selbst als mit der Untersuchungsanlage zu tun haben. Die wenigen Momente, in denen
eine amplifikationistische Beschreibung sich als sinnvoll aufdrängte, sind diejenigen,
in denen die Tiere sich wehren. Wenn Tiere sich wehren, ist es schwierig, dies anders
zu interpretieren als in einer amplifikationistischen Sprache, aber dabei zeigt sich,
dass die Stimme der Tiere in der Veterinärmedizin wenig gilt. Tiere unterliegen einem
Behandlungszwang. Aber schon wenn es darum ging, die Kooperation von Tieren bei
Behandlungen zu interpretieren, zeigten sich Schwierigkeiten. Die Kooperation der
Tiere ist keine sichtbare Handlung und es obliegt meiner Willkür, wie ich das
einschätze.
Ansonsten ist der Amplifikationismus nicht vielmehr als eine Hypothese, die für die
menschlichen Akteure handlungsleitend ist. Besitzer und Personal handeln so 'als ob'
Hunde Patienten wären, denen erklärt werden soll, was mit ihnen getan wird, oder die
eine Intimsphäre haben, die nicht einfach ohne weiteres durchbrochen werden kann.
121
Eine Frage, die ich überhaupt nicht diskutiert habe, ist das Verhältnis eines Collins’schen
Humankonstruktivismus zu einer Analyse von Räumen Foucault’schen Zuschnitts. Eine genauer
Vergleich könnte wohl für beide Programme erhellend sein.
170
Auf einer grundsätzlichen Ebene äussert es sich darin, dass Tiere so behandelt
werden, als ob sie es verdienten, überhaupt behandelt zu werden, je nachdem ohne
Rücksicht auf Kosten. Aber diese Tatsachen sind nicht so begründbar, wie die
AmplifikationistInnen es gerne hätten. In den meisten Fällen bleiben die Äusserungen
der Tiere uninterpretierbar oder sie werden nicht zur Kenntnis genommen. Deutlich
ist das beim so genannten Weissen-Mantel-Effekt. Der weisse Mantel gilt als
Angstmoment für Tiere, aber dies führt bei den ÄrztInnen nicht zu praktischen
Folgen, weil der Mantel eben zugleich ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Praxis
und Klinik ist. Der Amplifikationismus bleibt damit nicht mehr als eine
Idealvorstellung der Kommunikation über Speziesgrenzen hinweg, die, solange sie
nicht möglich ist, als Erinnerung an menschliche Verpflichtungen wirksam wird, in
ihrer Ausführung jedoch nichts anderes als Projektion ist; eine Projektion, der jedoch
die Besitzer genauso unterliegen, wie das Personal und ich selbst. Die Beschränkung,
die mir (und dem Personal) durch die Situation auferlegt wird, zeigt, dass die
Vorannahmen des Amplifikationismus in den meisten Situationen nicht
aufrechterhalten werden können. Ich projiziere andauernd mögliche Intentionen und
Gründe für das Verhalten auf BesitzerInnen wie Tiere, und sie können sich nicht
wehren. Das Verdienst des Amplifikationismus wäre es demnach vielmehr, die
Funktionsweise der Sozialwissenschaften zu beleuchten, als die Tiere zu
SprecherInnen zu machen. Beschreibungen aus der Ich-Perspektive – oder einer
vermittelten Ich-Perspektive mittels Interviews – stehen nur einem sehr
eingeschränkten Teil der Menschen und Tiere auf der Welt offen, daran kann auch der
Amplifikationismus nichts ändern. Und eine ethische Position, die die Rechte der
Tiere vertritt, kann auch abseits vom Amplifikationismus vertreten werden, dazu
braucht es nicht einmal eine ‚als ob‘ Perspektive.
Die Akteur-Netzwerk-Theorie, die dritte Theorie, mit der ich arbeitete, umschifft die
obigen Probleme elegant, aber sie schafft neue. In der Latour/Callon-Version verweist
sie auf Netzwerke, die in der Veterinärmedizin nicht in der Form bestehen, wie sie
Latour und Callon beschrieben haben. Eine Konsultation funktioniert nicht so, dass
techno-wissenschaftliche Netzwerke gegeneinander aufgeboten würden.
Konsultationen sind zu einem guten Teil einfache Interaktionen zwischen Menschen
und Tieren. Es ist zwar möglich, ein sozialwissenschaftliches Vokabular in ANT
rückzuübersetzen, aber das macht nicht viel Sinn. ANT zeichnet sich ja nicht dadurch
aus, dass sie verschiedene disziplinäre Vokabulare nebeneinander bestehen lässt,
171
sondern dass sie ein eigenes Vokabular auf beliebige Gegenstände anwendet. Dieses
Vokabular ist jedoch ungeeignet, um komplexe soziale Beziehungen wie emotionale
Beziehungen abzubilden.122 Ich habe deshalb Mike Michaels Konzept des MenschLeine-Hund Hybrides (MeLeiHu) ausgeweitet, so dass emotionale Verbindungen
genauso netzwerkbildend werden, wie dies technowissenschaftliche sind. Damit
konnte ich zeigen, dass Tiere und BesitzerInnen bei Eintritt in die Klinik meistens als
eine Einheit auftreten, die zur weiteren Behandlung mit Hilfe der räumlichen
Gestaltung und der TierarztgehilfInnen aufgetrennt werden. Das MeLeiHu-Konzept
erwies sich als ebenso hilfreich, um zu demonstrieren, wie die ÄrztInnen von den
BesitzerInnen den Tieren zugesprochene, vermeintliche psychische oder somatische
Krankheiten als psychische Krankheiten auf die BesitzerInnen rückverschoben.
Die Verwendung des MeLeiHu erwies sich als sinnvoll, aber es zeigte auch zwei
Schwächen:
Das erste Problem hat mit der Stärke oder genauer der Schwäche
technowissenschaftlicher Netzwerke zu tun. Latour baut darauf auf, dass
technowissenschaftliche Bindungen in Netzwerken stabiler als alle anderen
Bindungen sind. Damit erklärt er z.B. den Erfolg der westlichen Kultur und der
westlichen
Wissenschaft
im
Speziellen.
Er
behauptet
damit,
dass
technowissenschaftliche Netzwerke unabhängig vom Kontext stabiler sind als andere
Netzwerke. Aber wie ich gezeigt habe, sind im spezifischen Umfeld der
Veterinärmedizin ganz einfache Bindungen zwischen Menschen und Hunden so stark,
dass einzelne Konsultationen nur nach einem enormen Trennungsaufwand oder gar
nicht durchgeführt werden können. Die blosse Anwesenheit der BesitzerInnen
erschwert schon die Durchführung von Blutentnahmen, und wenn sich eine Besitzerin
mit ihrem Hund unter einem Tisch verkriecht, dann fällt die Untersuchung ins
Wasser. ANT hat zu Recht die Widerständigkeit der Natur wieder in die
Wissenschaftsforschung eingeführt, aber hier begegnen wir einer Widerständigkeit,
die nicht den Regeln der ANT folgt. Denn die Undurchführbarkeit von
Konsultationen beruht in diesen Fällen darauf, dass die ÄrztInnen zwar konform mit
ANT-Regeln handeln, diese von den BesitzerInnen jedoch schlicht ignoriert und
122
Freilich steht ANT hier nicht allein auf weiter Flur. Die Sozialwissenschaften wissen mit Emotionen
im allgemeinen relativ wenig anzufangen.
172
ausser Kraft gesetzt werden. Die Handlungen und das Verhalten der BesitzerInnen in
Verbindung mit dem Tier resultiert in einer Unberührbarkeit, die eigene und neue
Regeln setzt, die denjenigen der ANT zuwiderlaufen.
Das zweite Problem ist die Bestimmung des Zustandes des Hybrids MeLeiHu. Unter
Umständen ist nur auf Grund seiner Reaktionen sichtbar, ob es sich um einen
Menschen und einen Hund oder um einen MeHu handelt. ANT ermöglicht es zwar,
ein Auseinanderfallen und Zusammensetzen von Hybriden zu denken, aber es erklärt
nicht, wann ein Hybrid in seine Einzelteile zerfällt und wann nicht.
Die Ergebnisse im Lichte der Theorie betrachtet, bleiben disparat. Ich sehe nicht, wie
man diese drei integrieren könnte. Ein Ideal wäre eine Theorie, die
humankonstruktivistisch verfährt, aber die theoretischen Prämissen des
Humankonstruktivismus aufgibt und durch diejenigen des Amplifikationismus ersetzt.
Diese Form des Humankonstruktivismus würde erkennen, dass die Welt, die von
SozialwissenschaftlerInnen analysiert wird, nicht diejenige ist, die von Menschen als
unbestimmtem Kollektiv konstruiert wird, sondern einen grossen Teil der Menschen
nicht berücksichtigen kann, weil sie die Eintrittsbedingungen in die
humankonstruktivistische Theorie nicht, noch nicht oder nicht mehr erfüllen.
Umgekehrt müsste diese Theorie den Platz all derjenigen Menschen (zusammen mit
einigen Tieren) in sozialwissenschaftlichen Theorien neu bestimmen, die ihre
Eintrittsbedingungen nicht erfüllen. Idealerweise würde sie dann, statt nur von
denjenigen zu sprechen, die als Konstrukteure auftreten, zeigen, wie diese zusammen
mit denjenigen, die die Eintrittsbedingungen nicht erfüllen, Kollektive bilden und
versuchen diese Kollektive oder Hybriden neu zu beschreiben.
173
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