close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Dein Alter sei (fast) wie deine Jugend - Gesundheit

EinbettenHerunterladen
Dein Alter sei (nicht ganz) wie deine Jugend
Ethische und theologische Überlegungen zur Kreativität im Alter
1 Erläuterungen zur Themaformulierung
Der etwas merkwürdig klingende Titel meines Vortrags ist Zweierlei: erstens (fast) ein Bibelzitat und zweitens ein Re-Import in die Schweiz. Letzteres sei zuerst erläutert. Ich habe mich
vor knapp 40 Jahren über den großen Schweizer Theologen Karl Barth (1886-1968) habilitiert, genauer gesagt: über die Ontologie in seiner voluminösen, aber gleichwohl Torso gebliebenen Kirchlichen Dogmatik (1932-1968). Dabei war der Band III/2 über die Anthropologie als Zentrum seiner Schöpfungslehre einer meiner wichtigsten Quellentexte. Und diesen
Band hat Karl Barth im Erscheinungsjahr 1948 seinem guten alten Freund Eduard Thurneysen
(1888-1974), ebenfalls einem Schweizer evangelischen Theologen zu dessen 60. Geburtstag
mit dem Satz gewidmet: „Dein Alter sei wie deine Jugend!“ Ich bin dieser Widmung begreiflicherweise oft begegnet, und so hat sie sich mir dauerhaft eingeprägt. Dass es sich dabei nicht
um ein Schweizer Sprichwort sondern um einen Bibelvers handeln könnte, habe ich lange
Zeit vermutet, aber nicht überprüft. Als ich das endlich tat, fand ich meine Vermutung bestätigt. Allerdings ist es nicht ein Vers aus der Weisheitsliteratur, wo ich ihn gesucht hätte, sondern überraschenderweise einer aus dem 5. Buch Mose (33,25), also aus dem Deuteronomium, und zwar aus den Segensworten, die Mose, der Führer des Volkes Israel aus der Ägyptischen Knechtschaft in das Gelobte Land, am Ende seines Lebens den einzelnen Stämmen
Israels zuspricht. Und dieser Segenswunsch gilt dem Stamm Asser, der in der Reihenfolge als
letzter aufgezählt wird (obwohl er unter den Söhnen Jakobs der achte von insgesamt zwölf
Söhnen ist). Der ihm zuteilwerdende Segensspruch heißt im vollen Wortlaut: „Asser ist gesegnet unter den Söhnen. Er sei der Liebling seiner Brüder und tauche seinen Fuß in Öl. Von
Eisen und Erz sei der Riegel deiner Tore; dein Alter sei wie deine Jugend!“
Ich würde diesen Segen, vor allem seinen Schluss, einem Menschen nicht unbesehen zusprechen wollen, sondern erst dann, wenn ich mich davon überzeugt habe, wie denn seine Jugend
war, und ob man ihm etwas Gutes wünscht, wenn man ihm wünscht, dass sein Alter so sei,
wie seine Jugend war.
Dass ich diesen Bibelvers als Thema gewählt habe, hat vor allem damit zu tun, dass man, dass
ich jedenfalls bei „Kreativität des Alters“ an so etwas wie jung und lebendig bleiben, an
Energie und Vitalität gedacht habe, wie wir sie gerne der Jugend zuschreiben. Aber durch die
Einfügung der Worte „nicht ganz“ wollte ich doch auch eine gewisse Distanz zu diesem
Wunsch signalisieren, die ich so zum Ausdruck bringen kann: Wenn das Alter eines Mensch
genau so wäre wie seine Jugend, und wenn er es im Alter nicht weitergebracht hätte, als er in
seiner Jugend war, oder wenn man gar den Eindruck bekommt, dass er nicht alt werden will
oder kann, sondern krampfhaft jugendlich-jung bleiben oder zumindest wirken muss, dann ist
vermutlich etwas in einem solchen Leben schiefgelaufen oder jedenfalls nicht zur Reifung
gekommen.
2 Formales und inhaltliches Kreativitätsverständnis
Was mich – und vermutlich nicht nur mich – bei „Kreativität“ aber eher an Jugend als an Alter denken lässt, das ist mit meinem schwäbischen Landsmann Hermann Hesse gesprochen,
der „Zauber“ des Anfangs, der zwar laut Hesses „Stufen“ nicht einmal im Tode enden muss,
aber nun doch auf ganz spezifische Weise mit dem Anfang des Lebens, mit Kindheit und Jugend verbunden ist, wo es noch so viel zu finden, zu entdecken und zu wagen gibt.
Bei alledem setzen wir meist stillschweigend voraus, dass „Kreativität“ jedenfalls etwas Positives, eine Tugend, ein Wert, vielleicht sogar ein hoher Wert ist, und ich entnehme das auch
den Unterlagen und Themenformulierungen für diese Sommerakademie. Allein, hier stock ich
1
schon. Stimmt das denn? Das diesbezügliche positive Vorurteil ist weit verbreitet. Aber man
muss ja nur fragen, ob es denn nicht auch eine Kreativität bei sadistischen Quälereien, beim
trickreichen Mobbing, beim Erfinden und Ausstreuen von Gerüchten, beim Anzetteln von
Intrigen und Konflikten gibt oder zumindest geben kann. Und ich sehe nicht, wie man auch
nur eine dieser Fragen verneinen könnte, jedenfalls solange man „Kreativität“ ganz formal mit
dem Hervorbringen von Neuem in Verbindung bringt oder gar daraus ableitet. Oder würden
wir das alles eben nicht unter den Begriff „Kreativität“ subsumieren, sondern dafür ein anderes Wort (wie z. B. „Erfindungsreichtum“ oder „Einfallsreichtum“) wählen? Ich vermute, dass
die rein formal verstandene Kreativität ebenso ambivalent ist, wie es viele Tugenden sind, die
wir als Sekundärtugenden bezeichnen, weil ihre ethische Qualität davon abhängt, welchen
Zielen sie dienen und in welche Dienste sie gestellt werden. Dabei würde ich keineswegs bestreiten wollen, dass „Kreativität“ eine Tugend, also eine positiv zu bewertende Verhaltensdisposition und kein Laster ist aber eben eine Verhaltensdisposition, die auch negativen, zerstörerischen Zielen dienstbar gemacht werden kann und darum eben nur den Charakter einer
Sekundärtugend hat. 1 Die Zeit, in der Tugenden, sofern sie Sekundärtugenden sind und missbraucht werden können, grundsätzlich in Misskredit kamen oder abgelehnt wurden, scheint
mir vorbei zu sein, und darüber bin ich froh. Aber das sollte nicht dazu führen, das Wahrheitsmoment, das sich mit dieser Einsicht verbindet, zu vergessen, zu verdrängen oder zu bestreiten.
Aber diese Beobachtung macht es nur noch dringlicher zu fragen bzw. darüber nachzudenken,
was denn „Kreativität“ in einem inhaltlich gefüllten, nicht bloß formalen Sinn sei, ob und wie
sie sich fassen, beschreiben, vielleicht sogar terminologisch definieren, also eindeutig gegen
andere Begriffe abgrenzen lasse. Das Historische Wörterbuch der Philosophie äußerte sich in
seinem Kreativitätsartikel, der vor ca. 35 Jahren veröffentlicht wurde, zu dieser Frage eher
skeptisch und erkennt dem Kreativitätsbegriffs nur den Status eines programmatischen Signals zu, das sich „noch nicht zu einem wissenschaftlichen Begriff [hat] präzisieren lassen“,
wiewohl der Begriff in der Zeit zwischen 1955 und 1975 durchaus „forschungsstimulierend
und integrierend gewirkt“ habe. 2 Ich habe den Eindruck, dass sich daran zwischenzeitlich
nichts Grundsätzliches geändert hat, dass das auch nicht zu erwarten ist und dass der Begriff
„Kreativität“ seine stimulierende und integrierende Wirkung durchaus auch der Tatsache verdankt, dass er terminologisch nicht eindeutig festgelegt und festzulegen ist. Möglicherweise
verleiht ja gerade dies dem Kreativitätsbegriff selbst eine gewisse „kreative“ Kraft und Potenz.
Das entbindet uns aber nicht davon, zum Zwecke der Verständigung danach zu fragen, was
wir denn meinen, wenn wir von „Kreativität“ sprechen. Bei meinem diesbezüglichen Nachdenken bin ich schon vor Längerem zu dem Ergebnis gekommen, dass der naheliegende Begriff des „Neuen“ (und auch die Gleichsetzung von „Kreativität“ mit „Innovation“) keinen
ausreichenden Zugang zum Kreativitätsbegriff bietet, 3 sondern dass man das damit Gemeinte
1
In diese Richtung weisen auch die Beobachtungen und Überlegungen von K. Lüscher (Ambivalenz und Kreativität im Alter, in: Bäurle, P. u.a. [Hg.], Spiritualität und Kreativität in der Psychotherapie mit älteren Menschen,
Bern u. a. 2005, S. 64-76). Mir geht es hier jedoch nicht nur um Ambivalenz und Kreativität, sondern um die
Ambivalenz der Kreativität.
2
W. Matthäus, Art. „Kreativität“, in: HWBPh IV/1976, Sp. 1194.
3
Diese Aussage richtet sich kritisch gegen H. Rohracher, der Kreativität als die Fähgkeit des Menschen definiert, jweils neue Lösungsversuche mit neuen Mitteln ausfindig zu machen (H. Rohracher, Einführung in die
Psychologie, Wien/München 1953). Weiter führt hingegen der Ansatz von J. Joas (Die Kreativität des Handelns,
Frankfurt am Main 1992), der Kreativität als Ausdruck der „Selbst-Artikulation“ versteht und damit das kreativ
handelnde Subjekt ausdrücklich mit in den Blick nimmt. Noch einen wichtigen Schritt weiter geht A. Kruse mit
seinem Konzept von „Selbstverantwortung“ (A. Kruse, Das letzte Lebensjahr, Stuttgart 2007, S. 201ff.), das mit
dem Begriff der (Selbst-)Verantwortung auch die Art und Weise der Beteiligung des personalen Subjekts auf
angemessene Weise mit einbezieht.
2
in besser erfasst, wenn man das Kreative mit der Person 4 in Verbindung bringt, die kreativ,
also schöpferisch tätig ist. Damit kommt dann nämlich in den Blick, dass das Kreative seinen
Ursprung in einer Person hat und durch Neuigkeit oder Innovation noch längst nicht hinreichend erfasst ist. Ein Zufallsgenerator ist ebenso wenig kreativ wie es der Akt ist, in dem ich
eine zufällig Handvoll Münzen auf den Tisch werfe, die dann eine noch nie dagewesene
Konstellation bilden. Etwa anderes wäre es schon, wenn das Werfen der Münzen Teil einer
künstlerischen Performance wäre. Dann könnte man zumindest fragen, ob das den Charakter
einer kreativen Handlung haben könnte.
In diese Richtung geht W. Matthäus noch einen entscheidenden Schritt weiter, wenn er
schreibt: „Man müsste, genau betrachtet, ‚K[reativität].’als mindestens sechsstellige Relation
verwenden: K[reativität]. (H, I, R. P, B, S); das bedeutet: Die im Rahmen R zum Produkt P
führende Handlung H des Individuums I wird vom Beurteiler B im Hinblick auf ein System S
von Erwartungen und Zwecken als kreativ eingestuft“. 5
Terminologisch erscheint mir der Vorschlag von Matthäus an drei Stellen als verbesserungsbedürftig, allerdings auch als verbesserungsfähig:
-
Statt vom „Rahmen“ würde ich lieber vom „Kontext“ sprechen, um den Eindruck zu
vermeiden, das kreative Subjekt würde von einer bestimmten lebensweltlichen Situation nur von außen umgeben, während es doch immer schon an ihr teilhat und durch
sie mitbestimmt wird.6
-
Statt vom „Produkt“ würde ich lieber vom „Resultat“ oder „Ergebnis“ sprechen, um
den Eindruck zu vermeiden, Kreativität beziehe sich ausschließlich auf die Herstellung
von Dingen, die außerhalb des handelnden Subjekts existierten, und bezöge nicht häufig Verhaltensformen des Subjekts selbst mit ein.
-
Statt von „Individuum“ würde ich lieber von „Person“ sprechen, da der Begriff „Individuum“ auf ein einzelnes, möglicherweise vereinzeltes Wesen verweist, das nicht
immer schon in einem sozialen – insbesondere interpersonalen – Lebenszusammenhang steht, während der Personbegriff diese Relationalität immer schon mit einbezieht. 7
Relationale Darstellung von „Kreativität“ nach Matthäus
Person
Handlung
Resultat
Beurteilende
Kriterien
4
Damit bestreite ich nicht, dass es zumindest Vorformen von Kreativität auch bei hochentwickelten Säugetieren
wie z. B. den Menschenaffen gibt oder geben könnte. Aber das ist m. E. deswegen so, weil es eben hier auch
zumindest Vorformen von Personalität gibt. Also auch da korrespondieren Kreativität und Personalität einander.
5
W. Matthäus (s. o. Anm. 2) Sp. 1200.
6
Zu dem dabei verwendeten Kontextbegriff siehe W. Härle, Dogmatik, Berlin/New York 20073, S. 176f.
7
Siehe dazu W. Härle, Alle Menschen sind Personen, in: P. Dabrock u. a. 2010 (Veröffentlichung in Vorbereitung).
3
Kontext
Die Sechsstelligkeit des Kreativitätsbegriffs scheint mir hingegen von Matthäus im Prinzip
richtig erkannt und zutreffend beschrieben zu sein. Und daran ist m. E. auch wegweisend die
Fassung des Kreativitätsbegriffs nicht als eine bloße Fähigkeit im Sinne einer bloßen Handlungsdisposition, sondern als eine Handlung, die freilich als solche Fähigkeiten voraussetzt
und Resultate bzw. Ergebnisse hervorruft.
Aber wie ist der Bezug der handelnden Person zur kreativen Handlung genauer zu denken?
Sollte man nur dort von Kreativität sprechen, wo ein schöpferischer Akt intendiert, bewusst
geplant und gewollt ist? Das halte ich für einen Schritt in eine falsche – um nicht zusagen: in
eine ganz falsche – Richtung. Denn zur Kreativität gehört häufig gerade das Absichtlose,
Spielerische, vielleicht sogar Selbstvergessene. 8 Und einen kreativen Akt zustande bringen zu
wollen, kann geradezu verhindern, dass er zustande kommt, weil durch das Wollen ein Druck,
eine Nötigung, vielleicht sogar ein Zwang in die Handlung kommt, der ganz kreativitätsfeindlich ist.
Das Kreative hat es demgegenüber mit dem Eigenständigen, für eine Person Charakteristischen zu tun, in dem sie sich äußert und zum Ausdruck kommt. Dabei kann man mit dem Begriff „Kreativität“ auf unterschiedlichen Ebenen
-
die Fähigkeit zum eigenständigen Gestalten („jemand verfügt über große Kreativität“),
-
die eigenständigen schöpferischen Prozesse („jemand ist kreativ tätig“) oder auch
-
deren Resultate bezeichnen („jemand hat etwas Kreatives hervorgebracht“).
Das Zentrum des Kreativitätsbegriffs bildet dabei m. E. der kreative Akt der Person, der ihre
kreative Fähigkeit voraussetzt und in dem kreativen Resultat Gestalt gewinnt.
Dabei lebt das Kreative nicht von der Differenz zu dem, was auch andere können, tun oder
geschaffen haben, sondern es lebt in positiver Hinsicht von dem, was zu einer Person gehört
und was etwas für sie Wesentliches zum Ausdruck bringt. Es ist dem Authentischen verwandt
und benachbart. Und wenn man nach dem fragt, wovon sich das Kreative unterscheidet und
abgrenzt, dann kommen dafür m. E. Ausdrücke wie Übernommenes, Nachgeahmtes, Wiederholtes am ehesten in Betracht.
Würde man Kreativität strukturalistisch darstellen, ergäbe sich folgendes Bild:
Schöpferischer
Lebensgeist
Experimentierfreude/Gaube/Mut
zum
Sein/Gelassenheit
Kreativer
Mensch
Erweiterung
Alter
Erstarrung
Angst
Forderung
Mensch
8
von LebensMöglichkeiten
Das spielt in der traditionellen Kreativitätsforschung eine Rolle z. B. in Form von „Inkubation“, „Inspiration“
und „Illumination“, die jedenfalls nicht auf bewusst planbare und herbeiführbare Akte, sondern eher auf sich
einstellende Widerfahrnisse verweisen. Siehe dazu H. Poincaré, Mathematical creation (1913), in: B. Ghiselin
(Hg.), The creative process, Berkeley 1952.
4
(Akantenschema nach Greimas und Nethöfel 9)
In die Opponentenrolle rücken hier Begriffe wie, „Erstarrung“ und „Angst“, aber u. U. auch
„Bequemlichkeit“ ein, während in der Adjuvantenrolle Begriffe wie „Experimentierfreude“
(A. Kruse 10), „Vertrauen“ und „Gelassenheit“, aber u. U. auch „Neugier“, „Offenheit“ und
„Freiheit“ erscheinen könnten. Den Begriff „Leistungsdruck“ würde ich übrigens eindeutig
den Opponenten zuordnen, den Begriff „Lust“ hingegen den Adjuvanten.
Ich erwähne das ausdrücklich, weil ich es für eine – gerade im Blick auf unser Thema – wichtige Einsicht halte, dass Kreativität unter den Bedingungen von Forderung und Leistungsdruck nicht gedeihen kann, also gerade nicht aufblüht, weil diese Bedingungen eher zu Verkrampfungen und Blockaden führen als zu einem kreativen Strömen. Hingegen sind Freude
und eine Lust, die anderen und sich selbst nichts mehr beweisen muss, äußerst günstige Voraussetzungen für Kreativität. (Und allmählich spricht sich auch im Bereich der Wirtschaft
herum, dass nur der wirklich gut arbeitet, der gern arbeitet.)
3 Ethische Aspekte von Kreativität
Mit diesen Überlegungen habe ich bereits ausgegriffen auf den ethischen Aspekt, der sich mit
einem inhaltlich reflektierten Verständnis von „Kreativität“ verbindet und der für die Beschäftigung mit Kreativität sehr relevant ist. Dabei beginne ich mit der Erinnerung an eine Erfahrung, die innerhalb der reformatorischen Theologie des 16. Jahrhunderts eine ganz wichtige
Rolle gespielt hat. Luther reformatorische Entdeckung 11 bestand ja in der Erkenntnis, dass
„Gerechtigkeit“ in der Bibel etwas ganz anderes bedeutet als bei Aristoteles, nämlich nicht die
Tugend oder die Verhaltensweise, die jedem gibt, was ihm zusteht, was er also verdient, sondern die Zuwendung und Barmherzigkeit, die auch und gerade dem das Lebensnotwendige
zuteilwerden lässt, der seinerseits nicht den vorgeschriebenen Verhaltensnormen entspricht, ja
der möglicherweise sogar in seinem Leben gescheitert ist. Von daher konnte Luther den Satz
aus Röm 1,17 (richtig) verstehen, der sagt, dass im Evangelium „die Gerechtigkeit Gottes“
offenbart wird, und dass diese Gerechtigkeit, also die dem Menschen zugewandte Treue Gottes, dort ihr Ziel erreicht, wo sie in einem Menschen Vertrauen auf Gott weckt, d. h. wo er
glaubt.
Damit holt Luther die Einsicht des Apostels Paulus ein, dass nicht das Gesetz Gottes, das uns
sagt, was wir tun sollen, der Weg zum Heil ist, sondern das Evangelium, das uns sagt, was
Gott für den Menschen tut. Aber woher kommt dann die für das menschliche Leben und Zusammenleben doch auch grundlegend wichtige Motivation zum Tun des Guten? Luthers Antwort lautet (mit dem Apostel Paulus): Die Motivation zum Tun des Guten kommt aus dem
Evangelium, das dem Menschen eine grundlegende und umfassende Bejahung zuspricht und
9
Siehe dazu A. J. Greimas, Strukturale Semantik, Braunschweig 1971, S. 165 sowie W. Nethöfel, Strukturen
existentialer Interpretation, Göttingen 1983, bes. S. 57-82.
10
Dazu passt sehr gut der terminologische Vorschlag, den Andreas Kruse, angeleitet durch Johann Sebastian
Bachs „Kunst der Fuge“, gemacht hat, indem er „Kreativität“ interpretiert als „Experimentierkunst und Experimentierfreude“ (s. o. Anm. 3, S. 17). Ich werde darauf am Ende des Vortrags noch einmal etwas genauer eingehen.
11
Sie findet sich in ähnlicher Form bereits mehr als tausend Jahre früher bei Augustin. Das wurde Luther durchaus bewusst, und er hat es ausdrücklich erwähnt (Weimarer Ausgabe Bd. 54, S. 186, Z. 16-20), wobei er allerdings auch auf eine entscheidende Differenz zwischen Augustin und ihm verweist
5
ihn gerade dadurch, wenn diese Botschaft Glauben findet, zum Tun des Guten befreit. In kurzer Form heißt das: Wer von Herzen auf das Evangelium von Jesus Christus vertraut, tut das
Gute mit „Lust und Liebe“. 12 Deswegen braucht er dafür kein Gesetz, das ihn erst zum Tun
motiviert, ja das würde geradezu die Bedeutung des Evangeliums einschränken, in Frage stellen und verderben.
Ich empfinde diese Gedanken immer wieder als ein Loblied auf die ethische Kreativität, wie
es nur selten zu finden ist, aber z. B. in Augustins berühmtem „Liebe, und dann tu, was du
willst“ 13 ein kongeniales Vorbild hat.
Ich habe diesen ethischen Aspekt von Kreativität einbezogen und kurz dargestellt, weil man
dadurch m. E. ein besseres Verständnis für das bekommen kann, was Kreativität (und was
Ethik) ist, und weil sich von daher verstehen lässt, warum Kreativität ganz unterbestimmt
wäre, wenn man sie nur (oder vorzugsweise) auf den technischen oder künstlerischen Bereich
beschränken würde. Das Ethische lässt sich m. E. am besten verstehen und erfassen, wenn
man es nicht ableitet aus der Befolgung vorgegebener Gebote, auch nicht aus der Aneignung
geforderter Tugenden, sondern aus der Entdeckung faszinierender Ziele. In der Ethik, wie ich
sie verstehe, geht es um die „gewinnende Kraft des Guten“ 14, die nicht fordert oder nötigt,
sondern lockt, einlädt und Menschen zu gewinnen sucht, genauer gesagt: die nicht anders fordert und nötigt als so, dass sie Menschen gewinnt. Hierin zeigt sich das kreative, schöpferische Potential der Ethik und zugleich die ethische Dimension des Kreativen; denn es ist ein
Charakteristikum jeder Ethik (seit Aristoteles, dem Vater und Begründer der wissenschaftlichen Ethik), dass sie nach dem Guten, ja nach dem höchsten Gut strebt, das sie aber nicht in
irgendeinem Ist-Zustand erfassen und beschreiben kann, sondern auf das hin der Mensch in
einem unabschließbaren, offenen Prozess unterwegs sein kann und soll. Wenn irgendwo, dann
gilt im Blick auf den ethischen Weg zum Guten, dass er selbst auch schon das Ziel ist.
Von der in dieser Weise ethisch qualifizierten Kreativität gilt dann nicht (mehr), dass sie (nur)
eine ambivalente Sekundärtugend ist, sondern sie ist ein uneingeschränkt positiver Wert. Das
ist so, weil durch die ethische Qualifizierung Kreativität so geweitet wird, dass sie sich am
Gemeinwohl und am guten Leben für alle (Menschen und die übrigen Geschöpfe) ausrichtet
und ihm dient. Damit tritt zu den Merkmalen des Neuen und des Authentischen (Eigenständigen) als drittes Merkmal von Kreativität das des Lebensdienlichen 15 hinzu.
4 Kreativität als theologischer Begriff
Damit nähern wir uns dem schon gelegentlich aufgeblitzten Kern und ursprünglichen Wortsinn von „Kreativität“, nämlich dem Schöpferischen. Und damit wird es nun definitiv theologisch. „Schaffen“ (nicht „schöpfen“, wie man heute oft hört) ist seinem Grundsinn nach ein
göttliches Wort. [Im Schwäbischen, wo das Wort „schaffen“ dasselbe bedeutet wie „arbeiten“, gilt das (leider) auch. Aber das ist kein Ausdruck von Glauben, sondern von – typisch
schwäbischem – Aberglauben, der aber möglicherweise nicht auf Württemberg begrenzt ist.]
Dass „schaffen“ seinem Grundsinn nach ein göttliches Wort ist, geht am deutlichsten aus der
hebräischen Sprache hervor, in der es ein eigenes, nur in Verbindung mit Gott, in Anwendung
auf Gott gebrauchtes Wort für „schaffen“ gibt: „bara“, das schon im ersten Satz der Bibel
12
So z. B. in Luthers Großem Katechismus (Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, Göttingen (1930) 19635, S. 661, Z. 36.
13
„Dilige, et quod vis fac“/”Liebe, und dann tu, was du willst” (In Joannis epistulam ad Parthos tractatus decem,
in: Migne, Patologia Latina Bd.35, Sp. 2033).
14
Siehe dazu W. Härle, Die gewinnende Kraft des Guten. Ansatz einer evangelischen Ethik, in ders.: Menschsein in Beziehungen. Studien zur Rechtfertigungslehre und Anthropologie, Tübingen 2005, S. 347-361.
15
Diesen Begriff hat ebenfalls ein Schweizer Theologe, nämlich Emil Brunner (Das Gebot und die Ordnungen.
Entwurf einer protestantisch-theologischen Ethik, Zürich [1932] 19393, S. 387) in die ethische Diskussion eingeführt.
6
vorkommt. Von ihm schreibt Gerhard von Rad, der überragende Heidelberger Alttestamentler
in seinem Genesis-Kommentar aus dem Jahr 1949:
„Für den Begriff des göttlichen Schaffens hat die hebräische Sprache ein Zeitwort bereit
gestellt, das … ausschließlich zur Bezeichnung des göttlichen Schaffens aufbehalten
[ist]… Es ist die Rede von einem Schaffen grundsätzlich analogieloser Art. Man sagt
mit Recht, dass das Zeitwort bara … einerseits die vollendete Mühelosigkeit, andererseits, da es nie mit einer Angabe des Stoffes verbunden wird, den Gedanken der creatio
ex nihilo enthalte.“ 16
Ich finde, das klingt wunderbar, auch wenn es mit jedem Wort zeigt, dass das Verbum „schaffen“ und der Begriff des „Schöpferischen“, „Kreativen“ in diesem Sinne nun gerade nicht
univok, sondern allenfalls analog auf uns Menschen angewandt werden kann, seien wir nun
alt oder jung,. Mag es auch gelegentlich den Glücksfall der „vollendeten Mühelosigkeit“ geben – vielleicht am ehesten in der Kreativität von Kindern, so gilt doch für uns Menschen,
dass die Rede vom Schaffen stets verbunden ist oder jedenfalls verbunden werden kann „mit
einer Angabe des Stoffes“, aus dem wir schaffen, den wir bei unseren kreativen Akten und
Prozessen voraussetzen und in Anspruch nehmen. Das gilt in aller Regel im wörtlichen Sinn –
bezogen auf das Material und die anderen Vorgaben, mit denen wir kreativ umgehen und arbeiten. Es gilt aber auch im übertragenen Sinn im Blick auf den Erfahrungsschatz, die gewonnenen Einsichten, die Fehlversuche und die gelungenen Versuche, die wir immer schon mitbringen, wenn wir kreativ tätig werden und ohne die es gar keine kreative Praxis gäbe.
„Creatio ex nihilo“, Schöpfung aus dem Nichts, wie die theologische Lehre von der Schöpfung das nennt, ist jedenfalls nicht unsere menschliche Form von Kreativität. 17 Insofern stoßen wir gerade dann, wenn wir uns auf den Grundsinn von „Kreativität“ besinnen, auf eine
Differenz, die sich nicht ohne Schaden ignorieren oder bestreiten lässt. „Creatio ex aliquo“,
das wäre eine mögliche Formel zur Beschreibung der menschlichen, irdischen Form von Kreativität, die uns als solche nicht nur zur Treue gegenüber und zum respektvollen, schonenden
Umgang mit den natürlichen Ressourcen und den kulturellen Quellen unserer Kreativität anhält, sondern mit beidem an eine biblische Einsicht erinnert, die der Apostel Paulus am treffendsten formuliert hat: „Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich dann, als hättest du es nicht empfangen?“ (1 Kor 4,7) In diesen beiden rhetorischen Fragen ist auf denkbar knappe Weise das zusammengefasst, was man
als Kern des religiösen Selbstverständnisses eines Menschen bezeichnen kann. Der ehemalige Marburger Religionsphilosoph Rudolf Otto (bekannt vor allem durch sein auflagenstarkes
Buch „Das Heilige“ von 1917 18) hat hierfür den passenden Begriff „Kreaturgefühl“ geprägt 19,
wobei dieser Begriff bei ihm vor allem den Aspekt des Abstandes von der Gottheit betont und
insofern einseitig interpretiert wird, als das ebenfalls im Kreaturbegriff enthaltene Moment
des Bejahtseins bei Otto nicht mit gleicher Deutlichkeit hervortritt. Nimmt man aber beides
zusammen, so hat man damit einen Begriff, der in theologischer Hinsicht dem Kreativitätsbegriff nicht nur sprachgeschichtlich-zufällig, sondern sachlich nahe verwandt ist. Denn beides,
das nicht-göttliche, sondern durch und durch irdische, stets auf Vorgaben angewiesene
menschliche Schaffen, wie auch das aus einer grundsätzlichen Daseinsbejahung resultierende
Schaffen ist für „Kreativität“ in dem von mir beschriebenen Sinn charakteristisch, ja notwendig.
5 Die Kreativität des alten Menschen
16
G. von Rad, Das erste Buch Mose. Genesis, Göttingen 19616, S. 37.
W. Trillhaas (Dogmatik, Berlin/New York 19723, S. 182) bringt das trefflich zum Ausdruck in dem Satz: „Der
homo faber ist artifex, autor, aber er ist nicht creator“.
18
Dieser 1917 bei Beck in München erschienene und weiterhin erscheinende religionsphilosophische Klassiker
trägt den Untertitel: „Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen“.
19
A.a.O., S. 8ff.
17
7
Und was besagt das alles nun für das kreative Altern und für die Kreativität im Alter(n)? Ich
denke, von dem bisher skizzierten Ansatz aus lassen sich relativ gut die spezifischen Hindernisse aber auch die spezifischen Chancen für die Kreativität des alternden und des alten Menschen erkennen.
Indem ich von den spezifischen Hindernissen und Chancen spreche, richte ich meine und Ihre
Aufmerksamkeit auf dasjenige, was nicht mehr die Kreativität aller Menschen miteinander
verbindet, sondern was das Alter und seine Charakteristika von anderen Lebensphasen – von
der Kindheit, der Jugend, dem jungen Erwachsenenalter und der Lebensmitte – unterscheidet.
Dabei bin ich mir natürlich dessen bewusst, dass es zwischen den Menschen ein und derselben Altersstufe so viele und so große Unterschiede geben kann, dass man in jeder Altersstufe
auf Individuen stoßen kann, die mehr Typisches mit den Angehörigen anderer Altersstufen
gemeinsam haben als mit den eigenen Altersgenossen. Im Volksmund sagt man dann: „Es
gibt zwanzigjährige Greise und achtzigjährige Jugendliche“. Aber das ist ja in fast allen Bereichen so, in denen wir allgemeine Aussagen über bestimmte Populationen oder Kohorten
treffen. Sie gelten nicht ausnahmslos, sondern nur „im Allgemeinen“, „mehr oder weniger“,
oder „typischerweise“.
Fragt man nun, was im Hinblick auf kreatives Wirken alterstypisch ist oder sein könnte, so
denke ich zuerst an den Erfahrungsvorsprung, der alte Menschen den jüngeren gegenüber
auszeichnet. Gehört er zu den spezifischen Hindernissen oder zu den spezifischen Chancen?
Mir fielen zuerst die Hindernisse ein: vor allem in Form von erlebten Enttäuschungen, von
Scheitern und Nicht-Gelingen. Ich erlebe es auch an mir selbst, dass die Hoffnungen auf Veränderung, die Pläne zur Neugestaltung, die Ziele, die ich noch erreichen möchte, im Laufe der
letzten Jahre bescheidener, realistischer, erreichbarer geworden sind. Ich empfinde das persönlich nicht als Verlust, sondern eher als Realitätsgewinn, aber ich würde es als Verlust empfinden, wenn ich Jugendlichen begegnete, die ihre kreativen Hoffnungen, Potentiale und Ziele
schon jetzt so realitätskonform anlegten, wie das altersbedingt bei mir der Fall ist.
Ich habe mich aber bei der Ausarbeitung dieses Vortrags gefragt, ob ich damit in Sachen Kreativität nicht einem Klischee aufsitze. Ist dieser Realitätsbezug und ist diese Erfahrungsorientierung nicht doch ein großer Gewinn oder zumindest eine Chance auch in Sachen Kreativität? Und ich neige dazu, diese Frage nun positiv(er) zu beantworten. Denn damit verbindet
sich ja ein Zugewinn an Möglichkeiten: die Ausrichtung auf und die Freude an kleinen Schritten, die Achtsamkeit und Behutsamkeit im Blick auf das nicht Spektakuläre, das aber gleichwohl dem Leben dient und es für andere oder für einen selbst erfreulicher und erfüllter macht.
Ich denke dabei an die Kreativität, die ein Mensch in die Gestaltung eines Tages, einer Mahlzeit, eines Besuches, eines Spazierganges investiert. Damit eröffnen sich doch neue, bescheidene, aber reale und realistische Kreativitätsspielräume, gegen deren Geringschätzung oder
Verkennung ich hier, falls das überhaupt nötig ist, gerne eine Lanze brechen möchte.
Ein weitaus größeres, echtes Kreativitätshindernis sehe ich dagegen in Erscheinungsformen
der Erstarrung, des Festgelegtseins, des Sich-Abschließens gegenüber anderem, Ungewohntem, Neuem. Ich vermute, dass bei vielen jungen Menschen die Freude am Kontakt zu ihren
alt gewordenen Eltern oder Großeltern dadurch nicht erhöht sondern deutlich gedämpft und
gemindert wird, dass sie spüren und erleben, dass sie bei der Begegnung mit ihnen in eine
abgeschlossene, fertige, starre, vielleicht sogar tote Welt kommen, in der alles so sein und
bleiben muss, wie es schon immer war. Mehr noch, dass das, was sie allenfalls aus ihrer Lebenswelt dorthin mitbringen nur daran gemessen wird, ob und in welchem Maße es mit diesen
Vorgaben eines weitgehend gelebten Lebens übereinstimmt oder von ihnen abweicht. Ich
verfüge nicht über die Ergebnisse empirischer Untersuchungen, wie häufig solche Formen
von – ich nenne es einmal – Kreativitätsverweigerung oder Kreativitätsblockade – die Ursache für tiefgreifende, lang anhaltende, vielleicht schließlich unüberwindliche Kommunikationsstörungen sind. Meine erfahrungsgestützte Vermutung sagt mir, dass das wohl ganz erheb-
8
lich ist. Aber wichtiger ist mir die Frage: Wie kann man damit sinnvoll umgehen? Kann man
gegen solche Situationen überhaupt etwas machen? Oder muss man einfach abwarten, bis sie
sich – irgendwann endlich – biologisch von selbst lösen? Eine solche leicht zynische Vorstellung wäre aus meiner Sicht die vorletzte Haltung, die ich mir und anderen im Blick auf solche
Situationen wünschte. Die letzte wäre der Appell oder die Forderung an solche erstarrte Menschen, sie möchten sich gefälligst endlich von ihren ängstlich gehüteten, anderen übergestülpten, zwanghaften Vorstellungen lösen. Davon könnte ich mir nun gar nichts Gutes versprechen. Einen konstruktiven Ansatz sehe ich jedoch darin, dass diejenigen, die (noch) über
weitaus größere Kreativitätspotentiale verfügen, zu erfassen und zu verstehen versuchen, welche tiefsitzenden Lebensängste in einer solchen Kreativitätsverweigerung oder Kreativitätsblockade zum Ausdruck kommen. Da wird sich oft genug zeigen, dass es sich um ein mühsam
aufgebautes und aufrechterhaltenes Gerüst handelt, ohne das der betreffende Mensch psychisch gar nicht überleben könnte – oder dies zumindest subjektiv meint. In eine solche erstarrte Situation kann jedenfalls Bewegung nur dann kommen, wenn man diesen Menschen
überzeugend signalisiert: Wir wollen dir dieses Gerüst nicht wegnehmen. Gegen alle von außen kommenden Abbauversuche wird der betreffende Mensch nur umso heftiger versuchen,
sein Lebensgerüst zu verteidigen. Wenn es da überhaupt zu einem behutsamen Abbau und
einer behutsamen Öffnung kommen soll, dann nur von innen – aus dem Zutrauen heraus, mir
wird nichts weggenommen oder kaputtgemacht, was ich zum Leben brauche. Es könnte übrigens sein, dass die nahen Angehörigen in einem solchen Veränderungsprozess nicht die idealen oder auch nur geeigneten Partner sind, weil sie möglicherweise ein Leben lang unter solchen – von ihnen selbst als zwanghaft und einengend erlebten – Vorstellungen, Forderungen
und Ritualen gelitten haben. Hier tut sich möglicherweise ein wichtiges Handlungsfeld für
Seelsorger(innen) oder für die psychologische Begleitung alter Menschen auf.
Dass Menschen im Alter mit Angst zu kämpfen haben oder sogar von Angst bestimmt werden, ist übrigens nicht ganz verwunderlich. Da gibt es einerseits die (relativ konkreten) Ängste vor Altersdemenz und damit verbundener Hilflosigkeit und Angewiesensein auf andere;
oder die Angst vor einem Sterben mit Schmerzen oder in Einsamkeit. Und es gibt die (relativ
diffuse und vage) Angst vor der Endlichkeit, die sich – im Unterschied zu früheren Zeiten –
nicht so sehr auf den Tod und ein mögliches Leben danach richtet, sondern sich eher mit der
Angst vor einem schlimmen Sterben verbündet oder darin zum Ausdruck kommt. Paul Tillich
(1886-1965), der große deutsch-amerikanische Theologe schreibt in seiner Systematischen
Theologie: „Angst ist das Gewahrwerden der eigenen Endlichkeit“ 20. Mir scheint, dass diese
Definition zwar in die richtige Richtung weist, aber nicht genau genug ist; denn es gibt auch –
insbesondere am Lebensende – ein Gewahrwerden der eigenen Endlichkeit, das nicht den
Charakter von Angst, sondern von Erleichterung hat. Aber mit einem kleinen Zusatz würde
ich Tillichs Definition doch gerne übernehmen und sagen: „Angst ist das Gewahrwerden der
als bedrohlich empfundenen eigenen Endlichkeit“. Dem setzt Tillich als Hoffnungsfaktor das
entgegen, was er den „Mut zum Sein“ oder den „absoluten Glauben“ nennt und von dem er
sagt: „Er ist das Bejahen des Bejahtseins ohne jemanden oder etwas, das uns bejaht. Es ist die
Macht des Seins-Selbst, die bejaht und den Mut zum Sein verleiht“. 21 Dass man damit an eine
Grenze des Sagbaren gekommen ist, sieht und sagt Tillich selbst. Ich erwähne diesen Gedankengang Tillichs aber deswegen, weil ich davon überzeugt bin, dass das von Tillich angesprochene Bejahen des Bejahtseins eine der wichtigsten Voraussetzungen für gelingende, frei
strömende Kreativität ist – auch und gerade im Alter.
Ich nehme dabei abschließend noch einmal einen Begriff auf, den Andreas Kruse – ausgehend
von Johann Sebastian Bach – in das Nachdenken über Kreativität im Alter eingebracht hat
und den ich zu Beginn bereits kurz gestreift habe. Kruse schreibt, bezogen auf Bachs „Kunst
20
21
P. Tillich, Systematische Theologie, Bd. 1, Berlin/New York (1951) 19848, S. 225.
P.Tillich, Der Mut zum Sein, in: ders., Gesammelte Werke Bd. XI, Stuttgart19762, S. 136f.
9
der Fuge“: „dieses Werk zeugt von hoher Experimentierkunst und Experimentierfreude, psychologisch gesprochen, von Kreativität“.22 Ich finde diesen Ansatz für das Verständnis von
Kreativität sehr überzeugend, würde aber die beiden Worte „Experimentierkunst“ und „Experimentierfreude“ in ihrer Reihenfolge umstellen. Ich bestreite zwar nicht, dass die „Kunst“ die
„Freude“ in der Regel erhöht, und ich bestreite schon gar nicht, dass es zwischen beidem
Wechselwirkungen gibt, aber ich glaube doch, dass die Experimentierfreude die psychisch
grundlegendere Größe ist, nämlich der Affekt bzw. das Gefühl, das zum Erlernen und Erwerben der Kunst motiviert. In dem Verständnis von Kreativität als Experimentierfreude und Experimentierkunst kommt etwas von dem Tillich’schen Mut zum Sein zum Ausdruck, der sich
darin zeigt, dass der kreative, experimentierende Mensch nicht nur fähig ist, loszulassen, noch
nicht begangene Wege zu gehen, Möglichkeiten zu erproben, die auch scheitern können, sondern dass er daran sogar Freude und Lust empfindet. Das ist wohl nur dann möglich, wenn
einem Menschen die Angst genommen wurde, sich bei alledem selbst zu verlieren, sich zu
blamieren oder in aller Öffentlichkeit zu scheitern. Es ist eine solche vertrauensvolle Gelassenheit, aus der die Freude am Experimentieren, aus der also Kreativität entsteht.
Solche vertrauensvolle Gelassenheit ist eines von den „Dingen“, die man nicht machen oder
herstellen kann, weil man darüber nicht verfügt. Sie gehört aber zugleich zu den „Dingen“,
die man sich wünschen, auf die man hoffen, für die man sich offen halten und die man in seinem Leben zulassen kann, wenn sie sich einstellen. Und das gilt meiner Einsicht nach ebenso
für die Kreativität. Dass man dann damit nicht leichtfertig, sondern aufmerksam, behutsam
und pfleglich umgehen sollte, ist freilich ebenso wahr.
Gewissermaßen als PS noch eine Anmerkung: Zwar bin ich der Auffassung, dass „vertrauensvolle Gelassenheit“ etwas ist, was sehr gut zum Alter passt, ihm sozusagen gut zu Gesicht
steht, aber ich würde keinen Augenblick bestreiten wollen, dass man sie auch schon bei Jugendlichen und – vor allem – bei Kindern antreffen kann. Ja, gerade in dieser Hinsicht könnte
das schöne Wort Jesu aus Mt 18,3 gelten: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in Himmelreich kommen“. Und das wäre doch schrecklich.
Prof. Dr. Wilfried Härle, Heidelberg
Literatur:
Arieti, S. Creativity. The Magic Synthesis, New York 1976
Augustinus, A. In Joannis epistulam ad Parthos tractatus decem, in: Migne, Patologia Latina
Bd.35, Tractatus VII/8
Fuchs, Th./Kruse, A./Schwarzkopf, G. (Hg.), Menschenbild und Menschenwürde am Ende
des Lebens, Heidelberg 2010
Bäurle, P. u. a. (Hg.), Spiritualität und Kreativität in der Psychotherapie mit älteren Menschen, Bern u. a. 2005 (Lit! S. 313-327)
Ghiselin, B. (Hg.), The creative process, Berkeley 1952
Goleman, D. u. a. Kreativität entdecken, München 1997
Härle, W. Kreativität. Theologische Überlegungen zum Thema, in: Wege zum Menschen
30/1978, S. 288-299
Ders., Dogmatik, Berlin/New York (1995) 20073
22
S. o. Anm. 4.
10
Ders., Menschsein in Beziehungen. Studien zur Rechtfertigungslehre und Anthropologie, Tübingen 2005
Joas, H. Die Kreativität des Handelns, Frankfurt am Main 1992
Kamlah, W. Philosophische Anthropologie – Sprachkritische Grundlegung und Ethik, Mannheim/ein/Zürich 1973
Kruse, A. Das letzte Lebensjahr, Stuttgart 2007
Landau, E. Kreatives Erleben, München/Basel 1984
Luther, M. Disputatio Heidelbergae habita/Heidelberger Disputation (1518), in: M. Luther,
Lateinisch-deutsche Studienausausgabe (=LDSTA) Bd. 1, Leipzig 2006, S. 35-69
Ders., Disputatio de fide (1535), in: LDStA Bd. 2, Leipzig 2006, S. 402-411
Matthäus, W. Art. „Kreativität“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. IV, Darmstadt 1976, Sp. 1194-1204
Matussek, P. Kreativität als Chance. Der schöpferische Mensch in psychodynamischer Sicht,
(Zürich 1974) München 1979
Neumann E. Der schöpferische Mensch, Frankfurt am Main 1992
Pfenninger, K. H./Shubik, V. R. (Hg.) The Origins of Creativity, Oxford 2001
Pohlmann, S. (Hg.) Facing an Ageing World, Regensburg 2002
Rad, G. v., Das erste Buch Mose. Genesis, Göttingen (1949) 19616
Rohracher, H. Einführung in die Psychologie, Wien/München 19535
Sternberg, R. J. The Nature of Creativity, Cambridge 1988
Sternberg, R. J./Kaufman, J. C./Pretz, J. E. (Hg.) The Creativity Conundrum. A Propulsion
Model of Creative Contributions, Philadelphia, PA 2002
Ulmann, G. Kreativität, Weinheim/Berlin/Basel (1968) 19702
11
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
2
Dateigröße
80 KB
Tags
1/--Seiten
melden