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Königsmord − ein Drama wie bei Shakespeare - Archiv - Hamburger

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REPORTAGE
Dienstag, 5. Juni 2001
!
Hamburger Abendblatt
3
Königsmord − ein Drama wie bei Shakespeare
War es unerfüllte
Liebe, die den
Thronfolger von Nepal
Amok laufen ließ? Die
Menschen auf den
Straßen des Landes
mögen nicht daran
glauben. Sie trauern
um ihren toten König,
der beliebt war, und
misstrauen ihrem
neuen Monarchen.
Der kleine HimalayaStaat ist in Angst und
Aufruhr.
Devyani Rana (22) war die Freundin und vermutliche
Wunschpartnerin des Thronfolgers Dipendra.
Krönungszeremonie für einen neuen König. Gyanendra ging in eine katholische Schule in Indien und studierte später in Cambridge. Wie sein Bruder wurde er
1970 mit einer Tochter des Rana-Clans verheiratet, um die beiden bis dahin rivalisierenden Dynastien zu verflechten. Der neue Monarch hat zwei Kinder.
W
Kronprinz Dipendra (29), hier in einer Waffenfabrik in Pakistan, war
bei den Menschen in Nepal beliebt. Die genauen Umstände seines Todes sind ungeklärt. Hatte er
eine Kugel im Rücken?
König Birendra (55) galt in Nepal
als Reformer. Er schaffte 1990 die
absolute Monarchie ab und installierte ein Parlament. Rufe, die
Macht im Land wieder allein zu
übernehmen, wies er stets zurück.
as sich am Freitagabend
im Königspalast von
Kathmandu genau abgespielt hat, kann bislang niemand
sagen. Doch ist es eine Geschichte
von wahrhaft shakespeareschen
Ausmaßen. Ein Königssohn,
Kronprinz zudem, erschießt beim
gemeinsamen Abendessen seinen Vater, den König, seine Mutter, die Königin, zwei Geschwister, vier Verwandte und richtet
schließlich die Waffe gegen sich
selbst. Er stirbt zwei Tage später,
nachdem er zunächst für wenige
Stunden König war − im Koma liegend. Und das Motiv? Unbekannt!
Die einen sprechen von Liebeskummer. Der Kronprinz sollte
seine Traumfrau nicht bekommen und lief Amok. Romeo und
Julia also? Oder doch Macbeth?
Denn der neue König − Bruder
des Ermordeten − gilt als machtbewusst und Reformgegner.
Nepal jedenfalls schwebt seit
Freitag am Rande der Staatskrise. Das Volk ist auf den Straßen
und auf den Zinnen, denn zum
neuen König wurde gestern Gyanendra gekrönt, der 53 Jahre alte
Bruder des ermordeten Königs
Birendra. Gyanendra ist unbeliebt. Er gilt als Gegner der konstitutionellen Monarchie, die sein
Bruder 1990 vollzog − und die
sich Nepal mit Protesten und
Straßenkämpfen hart erstritten
hatte. Die Menschen glauben
nicht an die offizielle Version vom
Amoklauf des Thronfolgers Dipendra. „Dipendra ist unschuldig“, rufen sie und: „Wir wollen
Gyanendra nicht! Der neue König
taugt nichts.“
Von der Bluttat im Königspalast gibt es bislang diese Version:
Der Kronprinz bekannte seinen
Eltern, dass er der 22-jährigen
Tochter des ehemaligen nepalesischen Außenministers Pashupati
Shumshere Rana und einer indischen Adligen bereits heimlich
die ewige Treue schwor. Als der
König ihm daraufhin drohte, ihn
bei der Thronfolge zu übergehen,
rastete der 29-jährige Prinz aus:
Er stürmte aus dem Raum, besorgte sich zwei halbautomatische Waffen und löschte seine gesamte Familie aus. Anschließend
richtete er die Waffe gegen sich
selbst. Gestern erlag er seinen
schweren Verletzungen. Doch obwohl er nach seiner Tat im Koma
lag, wurde er zum neuen Monarchen ernannt − für zwei Tage.
Die Geschichte wird umso mysteriöser, als das Königshaus zunächst versuchte, die Tragödie zu
vertuschen. Das Massaker sei ein
„Unfall“ gewesen, gab Gyanendra, der neue König, zu Protokoll.
Eine automatische Waffe sei
„plötzlich explodiert“, verlas der
jüngere Bruder des erschossenen
Königs im Fernsehen.
Mit derlei nebulösen Erklärungen für einen der spektakulärsten Königsmorde will sich die nepalesische Öffentlichkeit nicht
abfinden. „Sollen wir im Ernst
glauben, eine halbautomatische
Waffe löst sich selbst mehrmals
aus und bringt dabei die gesamte
Königsfamilie um?“, fragt sich
ein Gelehrter in Kathmandu.
Dass das Blutbad erst einen Tag
später publik wurde, facht die
Spekulationen zusätzlich an.
Bei der Trauerzeremonie für
die tote Königsfamilie versprach
Regierungschef Girija Prasad
Koirala am Sonnabend zwar, die
Wahrheit über das Massaker ans
Licht zu bringen. Dass sich die
Nepalesen mit Absichtserklärungen nicht zufrieden geben, zeigten sie ihrem Premier: Sie bewarfen sein Auto mit Steinen. Seit
dem Wochenende herrscht nun
der Ausnahmezustand in Nepal.
Die Bevölkerung konnte wegen
einer Ausgangssperre nicht am
Begräbnis ihres Königs teilnehmen, immer wieder kam es zu
Unruhen und Ausschreitungen.
Dabei wurden zwei Menschen getötet und mindestens 19 verletzt.
König Gyanendra wird es
schwer haben in Nepal. Im Gegensatz zu seinem ermordeten
Bruder genießt der neue Monarch wenig Vertrauen. Er soll dagegen gewesen sein, als König Birendra 1990 den Übergang von
der absoluten zur konstitutionellen Monarchie vollzog. Doch auch
seine jüngste Informationspolitik
hat die Nepalesen empört. Dass
er die Familientragödie mit insgesamt zehn Toten überleben
konnte, verdankt Gyanendra einem Zufall: Er machte gerade im
Winterpalast der Königsfamilie in
Pokhara Urlaub.
Schon einmal war der 53-jährige Monarch König: als fünfjähriger Junge. Rivalen des damaligen
Königs hatten ihm die Krone aufgesetzt, um so an die Macht zu
kommen. Der rechtmäßige König, der sich in Indien aufhielt,
kehrte aber zurück und blieb an
der Macht. Die neuerliche Krönung Gyanendras hat nun den
Glauben in die Astrologie in Nepal gefestigt. Sie war von Sternendeutern vorausgesagt worden.
HA/il
Die Prophezeiung
Trekking und Kultur
Alte Legende sagt Ende der Königsdynastie voraus
Fremdenverkehr − Fluch und Segen zugleich
as Blutbad im Königshaus von
Kathmandu weckt ErinneD
rungen an eine traditionelle nepalesische Legende. Danach traf
der Gründer der regierenden
Shah-Dynastie, König Prithivi Narayan Shah, vor mehr als 200
Jahren auf einer Wanderung einen Hindu-Gott, der als weiser
Mann verkleidet war. Dieser habe
ihm prophezeit, dass die Herrschaft seiner Dynastie nach zehn
Generationen beendet sei.
Laut Legende bot der König
dem Weisen Quark an. Der Weise
aß den Quark, spie ihn wieder aus
und bot ihn nun dem König als
Geschenk an. Der jedoch schüttete den Quark angewidert auf den
Boden und versehentlich auch
auf seine Füße. Der Weise sagte
erbost, der Quark auf seinen zehn
Zehen bedeute, dass die Herrschaft seiner Dynastie nach zehn
Generationen beendet sei.
Der am Freitag getötete König
Birendra war der elfte Herrscher
der Shah-Dynastie. In Nepal wird
diese Prophezeiung sehr ernst
genommen.
HA
ehr als 400 000 Touristen
besuchen Nepal jedes Jahr,
M
ein Land das erst 1951 für Fremde geöffnet wurde. Sie kommen
vor allem zu Trekking- und Bergsteigertouren. Doch auch die historischen Königsstädte im Kathmandu-Tal sind als Reiseziele beliebt. Nach Jahren der Abschottung hat die nepalesische Regierung den Fremdenverkehr als
Devisenquelle entdeckt und fördert den Tourismus. Das Land
kann Jahr für Jahr Millioneneinnahmen aus dem Fremdenver-
kehr verbuchen. Die Kritiker dieses Trends werden immer lauter.
Zuvorderst ist es Reinhold Messner, der vor allem den ausufernden Gipfeltourismus beklagt.
Der Mount Everest verkomme
zum Disneyland, sagte Messner,
zu einem Rummelplatz für Touristen, zum Müllberg und zur Todeszone für Adrenalin-Freaks.
Wurde noch vor 25 Jahren nur eine Expedition pro Saison zum
Everest genehmigt, sind es jetzt
bis zu 15. Eine Besteigung kostet
pro Gruppe 150 000 Mark.
il
Das Armenhaus am Himalaya
LL
M
I
nicht nur ein politischer, sondern
auch ein religiöser und kultureller Schock. Im Hindustaat galt
König Birenda als Wiedergeburt
des Gottes Vishnu. 23 Millionen
Menschen leben in Nepal, 90 Prozent von ihnen sind Hindus, allerdings hat ihr Glaube starke buddhistische Elemente.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung muss mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen.
Mit einem Bruttoinlandsprodukt
von 500 Mark pro Jahr und Kopf
ist Nepal eines der ärmsten Länder der Welt. Neun von zehn Nepalesen leben auf dem Land. Vor
allem die abgelegenen westlichen
Regionen sind stark benachteiligt.
Nepal exportiert Teppiche und
Textilien, kann mit dem Erlös
aber die Einfuhren von Maschi-
CHINA
H
ür die Menschen im extrem
armen Himalayareich Nepal
F
ist das Massaker im Königspalast
A
L
Delhi
N E PA L
A Y
A
Kathmandu
MountEverest
Patan
INDIEN
500 km
Gange
s
Kalkutta
mi
Nepal liegt in den Bergregionen
des Himalaya.
Karte: MICHAELIS
nen und Industriegütern nicht
bezahlen. Das Land ist stark auf
ausländische Hilfe angewiesen.
Außer der Wasserkraft gibt es
kaum natürliche Ressourcen.
Mit einer Fläche von 147 181
Quadratkilometern ist Nepal
knapp halb so groß wie Deutsch-
land. Der tief gelegene Terai im
Süden geht nach Norden in den
Vor- und den Hochhimalaya
über. Dort liegt auch der höchste
Berg der Erde, der 8848 Meter
hohe Mount Everest.
Bis zu Beginn der 50er-Jahre
war das kleine Land − ehemals
unter dem Einfluss von BritischIndien − ein abgeschotteter, mittelalterlicher Staat. Noch heute
sind 70 Prozent der Bevölkerung
Analphabeten.
Gegen die nach wie vor feudalen und korrupten Strukturen in
Nepal führen maoistische Rebellen seit 1996 einen erbitterten
„Volkskrieg“, bei dem bisher
mindestens 1600 Menschen starben. Die Maoisten haben vor allem im Westen des Landes starken Zulauf. Die mittlerweile bis
zu 25 000 bewaffneten Untergrundkämpfer kontrollieren inzwischen fast die Hälfte des
Landes.
HA
<>
Nr. 128
Seite 3
2
Schwarz
E-Blau
E-Rot
E-gelb
L
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Seele and Geist
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