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Aktuelles Was Norberts Eltern erlebten Wie wird es ohne - Haus Hall

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Ausgabe 71
Wie wird es ohne Zivis?
Was Norberts
Eltern erlebten
Aktuelles
Vorwort
Liebe Leserin, lieber Leser,
mit dem Ende des Zivildienstes geht in der Stiftung Haus Hall, wie in vielen anderen sozialen Einrichtungen, eine Ära zu Ende. Wir können in dieser Ausgabe
der LUPE nur einige von den aktuellen und von den vielen hundert ehemaligen
Zivis in Haus Hall vorstellen. Diese stehen exemplarisch für die große menschliche Bereicherung und die zusätzliche Tatkraft, die die Einrichtung in all den
Jahren durch die jungen Männer erfahren durfte. Bei allem Verständnis für das
Aussetzen der Wehrdienstpflicht: Es ist so unendlich schade, dass es in Zukunft
keine Zivis mehr gibt.
Am Horizont gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer. Ein neuer Bundesfreiwilligendienst soll zumindest einen Teil der Lücke schließen, den die wegfallenden Zivis hinterlassen. Werden sich genug Freiwillige finden, die auf Zeit
und in etwa zu den Bedingungen des Zivildienstes bei uns tätig sein wollen?
Können wir junge und auch ältere Menschen glaubhaft davon überzeugen, dass
es sich lohnt, eine Zeit mit und für Menschen mit Behinderung tätig zu sein?
Unsere Aufgabe wird es sein, die Tätigkeitsfelder attraktiv zu gestalten und die
neuen Freiwilligen so aufzunehmen, dass sie nach ihrer Zeit sagen: Das war
eine gute und für mich sehr wertvolle Zeit in Haus Hall!
Weil uns das über Jahrzehnte mit dem Zivildienst auch gut gelungen ist, werden erste Freiwillige kommen und ihre Berichte werden dafür sorgen, dass auch
in Zukunft viele junge Menschen weiter den Weg in die Einrichtung finden.
Mit dieser Hoffnung grüßt Sie
Dr. Thomas Bröcheler, Direktor
Inhaltsübersicht
Wie wird es ohne Zivis? Jetzt kommt der große Zapfenstreich S. 3
Rückblick: Was Norberts Eltern vor 50 Jahren erlebten S.10
Aktuelles: Wohnstätten, Stars und Gartenzäune S.13
Impressum
Die LUPE – Zeitschrift der Stiftung Haus Hall, Nr. 71, 11.04.11
Herausgeber:Bischöfliche Stiftung Haus Hall, Dr. Thomas Bröcheler, Direktor
Tungerloh-Capellen 4, 48712 Gescher
Redaktion:
Michel Hülskemper, Öffentlichkeitsreferent (MH)
Tel. 02542-703-1006, Fax: 703-1908, michel.huelskemper@haushall.de
Bilder:
Sven Betz, Maik Büger, Sandra Dluhosch, Rainer Hippers, Michel Hülskemper,
Johann Hubert Schumacher; die weiteren Bilder aus Privatbeständen sowie
von Wohn- und Arbeitsgruppen der Stiftung Haus Hall
Layout: antek Werbekontor GmbH, Gescher
Auflage: 2.600 Expl.
Vertrieb:
Kostenlose Ausgabe in allen Einrichtungen von Haus Hall an jeden Interessierten
Postbezug: Mechthild Belker, Tel. 02542–703-1001
Konto:
Nr. 53 000 329 Sparkasse Westmünsterland BLZ 401 545 30
© Haus Hall, 2011
www.haushall.de
2
Lupe 71 – 2011
Abschied von den Zivis
Volker Eink aus Ahaus wird von seinen Kollegen der „goldene
Zivi“ genannt, weil er der letzte in der Werkstatt in Ahaus ist.
Fährt jeden Tag mit dem Landschaftspflegetrupp raus. Seine
Meinung: Zivildienst bringt Sozialkompetenz. Er selbst bringt
jedem Glück. Von Beruf ist er nämlich Schornsteinfegermeister.
Steffen Lippert aus Coesfeld versteht sich auf Alkoholproben.
Das bringt der Einsatz in der Mosterei so mit sich. Kann aber
auch abfüllen, etikettieren und ausliefern. Will nach dem Zivildienst vielleicht ein Ingenieurstudium machen und auf jeden
Fall weiter Handball spielen.
Jetzt kommt der große Zapfenstreich
Mit dem Zivildienst geht eine Ära zu
Ende. In ganz Deutschland und auch
in Haus Hall. Irgendwann im Laufe des
Jahres wird der letzte Zivi hinter sich
die Tür zumachen. Anfang 2011 gab
es in der gesamten Stiftung und ihren
Einrichtungen noch über 40 Exemplare
der bedrohten Art, Ende März nur noch
20 und spätestens Mitte Dezember wird
der letzte Zivi nach Verlängerung verschwunden sein. Aus und vorbei. Denn
mit der Aussetzung der Wehrpflicht
endet praktisch auch der zivile Ersatzdienst, wie er ursprünglich hieß. So hat
es die Regierung in Berlin beschlossen.
Das wird für unsere Stiftung und viele ihrer Einrichtungen weit reichende
Folgen haben. Als Zivi wurde man nicht
geboren, sondern man brauchte dafür
eine staatliche Anerkennung. Die war
in früheren Zeiten nicht ohne Weiteres
zu kriegen.
Zuerst Kriegsdienstverweigerer…
„Hiermit verweigere ich nach Artikel
4 Absatz 3 Grundgesetz den Kriegsdienst mit der Waffe.“, so lautete der
Kernsatz. Ausführlich musste jeder
Antragsteller schriftlich begründen,
warum. Und anschließend damit in
der mündlichen Verhandlung vor dem
Prüfungsausschuss bestehen. Für viele
waren es politische Motive aus dem
damaligen Zeitgeist heraus; ausschlaggebend musste aber die persönliche
Gewissensentscheidung sein. Wer Glück
hatte, kam in der ersten Instanz durch,
wer Pech hatte, erst in der zweiten
oder dritten. Dieses Verfahren war
für viele junge Männer nicht nur aufregend, sondern oft auch aufreibend.
Und eine prägende Erfahrung mit dem
Staat, in dem sie lebten.
Später wurde das Anerkennungsverfahren vereinfacht. Vorübergehend gab es
eine „Postkartenregelung“, das heißt:
Es genügte die einfache Erklärung,
dass man nicht Wehrpflicht, sondern
Zivildienst leisten will. Seit 1983 gilt
ein schriftlicher Antrag mit einer persönlichen ausführlichen Begründung
beim Bundesamt für den Zivildienst.
…dann Zivi
Der erste „Verweigerer“, wie man ihn
damals nannte, trat 1969 seinen Dienst
in Haus Hall an. Er wie auch seine
Nachfolger waren zuerst ausschließlich
in Wohngruppen eingesetzt, später
Lupe 71 – 2010
3
Abschied von den Zivis
dann auch in der Schule, noch später
in den Handwerks- und Versorgungsbetrieben und schließlich auch in den
Werkstätten. Anfangs wurden sie oft
misstrauisch als „Revoluzzer“ beargwöhnt. Später waren „Ersatzdienstler“
und „ZDLer“ die gängigen Bezeichnungen, bis sich schließlich der etwas
liebevoll-schmusig klingende „Zivi“
endgültig einbürgerte. „Unser Zivi“
übernahm Betreuungsaufgaben im
Gruppendienst, begleitete Schüler zum
und im Unterricht, fuhr Essen und Wäsche aus, mähte den Rasen, reparierte
alles Mögliche und machte sich praktisch unentbehrlich.
Allein die Elektrowerkstatt verzeichnet
an die 50 Zivildienstleistende. Die Zahl
der Stellen insgesamt lag in den 70-er
Jahren etwa bei 15, in den 90-er Jahren bei über 50 und meist waren alle
besetzt. Die Dienstzeit variierte im Lauf
der Zeit, je nach Ansage der Bundesregierung: Einige hatten 16, andere 18,
24, 20, 12 oder zum Schluss nur noch 6
Monate abzuleisten. Insgesamt haben
in den 42 Jahren seit 1969 annähernd
1.000 junge Männer in Einrichtungen
der Stiftung Haus Hall ihren Dienst absolviert, schätzt Norbert Langkamp als
Beauftragter für den Zivildienst.
Erfahrungen fürs Leben
„Die Erlebnisse mit den Bewohnern
gehören zu den eindrücklichsten Erfahrungen, die ich machen durfte“,
resümiert ein Ex-Zivi viele Jahre
später. Handwerker, Büroleute, Schüler,
Studenten und manchmal auch ausgebildete Erziehungskräfte trafen und
treffen in Haus Hall auf Menschen mit
Behinderung. Für viele von ihnen ist
das eine Erfahrung, die sie vorher nie
machen konnten. Sie lernen Teamarbeit und das Zusammenspiel in einer
großen sozialen Organisation kennen
und übernehmen Verantwortung. Und
schlagen danach nicht selten eine
neue berufliche Richtung ein. Niemand
hat gezählt, wie viele junge Männer als
Tischler kamen und später Heilerziehungspfleger, Sozialarbeiter oder Sonderschullehrer wurden. Und es weiß
auch niemand, wie viele Zivis unter
den Kolleginnen in Haus Hall die erste
Freundin oder die Partnerin fürs Leben
fanden.
4
Lupe 71 – 2011
Lukas Schröer aus Rhede verteilt im
Guten Hirten Pflegemittel und holt und
bringt auch sonst alles, was die Stationen im Alltag brauchen. Dazu kommen
viele Aufgaben, für die der Hausmeister
keine Zeit hat. Will anschließend Wirtschaftsingenieur werden.
Patrick Hübinger aus Velen fährt jeden Tag zur Werkstatt in Stadtlohn. Der
gelernte Maurer war von Familie und
Freunden auf die Idee gebracht worden,
sich in Haus Hall zu bewerben. Jetzt
hilft er in Montage- und Verpackungsgruppen.
Christoph Pischke aus Schöppingen hatte bei seiner Bewerbung angegeben, er
wollte am liebsten im Versorgungsdienst
Bulli fahren. Jetzt ist er Zivi in der Schule
und damit ganz zufrieden. Will später
vielleicht studieren.
Markus ven der Buß aus Gescher-Hochmoor ist vor allem vormittags in seinem
Element. Dann arbeitet der gelernte
Koch nämlich in der Großküche. Nachmittags regelmäßig zwei Stockwerke höher in der Wäscherei. Hat erst im Januar
2011 angefangen.
Simon Koppers aus Gescher wusste
noch nicht, was er nach seiner Schulzeit
machen wollte. Findet die Arbeitszeiten
an der Förderschule gut (Wochenende
frei) und will nach seinem Zivildienst
einen sozialen Beruf ergreifen.
Max Steinmeier aus Gescher arbeitet in
einer Verpackungsgruppe der Werkstatt.
Eigentlich wäre er an Sylvester schon damit fertig gewesen, verlängert aber freiwillig und überbrückt so die Zeit bis zum
Praktikum und dem Studium danach.
Abschied von den Zivis
Christoph Barenborg fährt aus Vreden
zur Werkstatt in Stadtlohn. Will lieber
soziale Arbeit machen als Wehrdienst
leisten, danach eine Ausbildung als
Tischler und Kaufmann. Sieht auf Haus
Hall Probleme zukommen, wenn es keine
Zivis mehr gibt.
Matthias Höing aus Gescher hatte seine
Entscheidung schnell gefällt: kurzer Weg
zur Arbeit, Mutter langjährige Mitarbeiterin und überhaupt alles naheliegend.
In der Klasse 6 der Förderschule betreut
er die 13- bis 14-jährigen Schüler hauptsächlich einzeln.
Mats Schürmann aus Gescher wollte
eigentlich Elektrotechnik studieren. Hat
es sich aber anders überlegt und orientiert sich nach seiner Zeit in der InHandWerkstatt in Coesfeld neu. Was er in
Haus Hall besonders mag? „Die freundlichen Kollegen.“
Dominic Brands in der Werkstatt in Coesfeld gibt Unterstützung bei Montageund Buchbindearbeiten. Hat durch seine
Familie in Gescher schon Verbindungen
zu sozialen Berufen und will später vielleicht Heilerziehungspfleger werden.
Lennart Gerdelmann aus Coesfeld unterstützt eine Mittelstufenklasse der
Förderschule. Will später Sozialarbeit
studieren und findet es gut, dass ihm
der Zivildienst dafür als Praktikumszeit
angerechnet wird.
Lukas Thies aus Coesfeld hat schon als
Junge vom Baakenesch auf der Wiese der
Marienburg Fußball gespielt. Jetzt ist er
Zivi in der Christophorus-Gruppe. Will
anschließend eine Ausbildung bei der
Justizverwaltung machen.
Mythos Hochstraße
„Meine erste WG“, erinnern sich die einen. „Eine saumäßige Unordnung“, sagen die anderen. Gemeint ist das Dachgeschoss des früheren Hauptgebäudes
mit seinen Zimmern für Zivildienstleistende und Praktikanten. Zahllose Legenden und Anekdoten ranken sich um
die „heiße Zeit“ in den 70-er Jahren
mit ihren Partys und ihren politischen
Diskussionen und der ewigen Frage:
„Wer spült?“
Dort zu wohnen, war begehrt, sogar
bei ZDL aus Gescher. Für viele war die
Hochstraße die erste große Freiheit
nach dem Auszug aus dem Elternhaus.
Das galt später auch für das ehemalige Mitarbeiterwohnheim direkt an der
Berkel und noch später für die WGs im
Hochhaus an der Stadtlohner Straße.
Mancher bekommt heute noch glänzende Augen, wenn er von den damaligen Zeiten spricht.
Alles hat ein Ende
Ende 2010 hat das Bundeskabinett beschlossen, den Grundwehrdienst und
somit auch den Zivildienst auszusetzen, mit Wirkung zum 1. Juli 2011.
Das entsprechende Gesetz ist erst Ende
März vom Bundestag verabschiedet
worden. In der Praxis hat das alles aber
bereits zur Folge, dass 2011 kaum noch
Zivildienstleistende einberufen wurden. Höchstwahrscheinlich endet der
Regel-Zivildienst am 30.6.2011. Nach
diesem Termin wird es nur noch einzelne Zivis in Haus Hall geben, die sich
noch für wenige Monate in der freiwilligen Verlängerung befinden.
„Für die Einrichtung wird das problematisch“, sagt ein Zivi in der Werkstatt
voraus; „ich weiß nicht, wie man das
alles hier bewältigen soll, wenn keine Zivis mehr da sind“. Ähnlich diplomatisch
äußert sich sein Kollege in einer Wohngruppe der Marienburg: „Ich will nicht
sagen, dass die Einrichtung von den
Zivis abhängig ist, aber sie ist doch auf
sie angewiesen“. MH
Lupe 71 – 2011
5
Abschied von den Zivis
Marc Bienbeck
1998/99
Erich Prinz
1980
Ralf Bönning
2003
Michael Dowe
1997/98
Dirk Walfort
1990/91
Dr. Christoph Exener
2000
Achim Strotmann
1990/91
Tim Gonska
2004/05
Prof. Dr. Heinrich Greiving
1984/85
Jens Nienhaus
1995/96
Peter Hagemann
1979/80
Wolfgang Hardt
1978/79
Theo Heenen
1980/81
Ludger Stork
1984/85
Rainer Huster
2002/03
Georg Sommer
1988/89
Dirk Rölver
1996/97
Frank Twyhues
1992/93
Vom Zivi zum HEP
Als 1995 mein Zivildienst in der ViktorGruppe begann, hätte ich nicht gedacht, dass ich 2011 immer noch in
Haus Hall sein würde. Die Arbeit mit
den Menschen hier in Haus Hall war
für mich als gelernter Industriemechaniker Neuland. Nach einer Eingewöhnungszeit machte mir die Arbeit soviel
Spaß, dass ich mich zum Ende meiner
Zivildienstzeit für eine berufsbegleitende Ausbildung zum Heilerziehungspfleger (HEP) entschied. Diese absolvierte ich in der Benedikt-Gruppe, in
der ich dann bis 2006 arbeitete. Dann
ging es durch Zufall wieder zurück
zur Viktor-Gruppe.
Ich finde es schade, dass es den Zivildienst demnächst nicht mehr geben
wird, weil dann vielen jungen Menschen der Einblick auf die andere Seite
des Lebens verwehrt wird. Jens Nienhaus
Der fünfte Zivi
Ich war von 1969 an als Gruppenhelfer in Haus Hall tätig und habe
1970 den Kriegsdienst verweigert. Die
Anhörung vor dem Prüfungsausschuss
6
Lupe 71 – 2011
dauerte nur eine halbe Stunde, da ich
glaubhaft versichern konnte, dass ich
es nicht fertig bringen würde, einen
Feind mit dem Klappspaten umzubringen. Und dass ich das nicht damit vereinbaren könnte, Schwerstbehinderte
zu pflegen (was nicht so ganz richtig
war, denn ich war in der Zeit auf der
Thomas-Gruppe eingesetzt). Für die
gründliche schriftliche Begründung
hatte ich über eine Woche intensiver
Vorbereitung benötigt. Andere Verweigerer, die politische Begründungen
anführten (Vietnam, Kalter Krieg etc.)
wurden oft erst nach mehrstündigen
Anhörungen oder sogar erst nach mehreren Anläufen vor Gerichten anerkannt.
Zu der Zeit wohnte ich im Bungalow
der Thomas-Gruppe. Die Feier meiner
staatlichen Anerkennung war auch den
Jugendlichen der Gruppe noch lange in
Erinnerung.
1971 bis 1972 war ich dann der fünfte Zivi von Haus Hall. Hochachtung
hatte ich vor den Zivi-Kollegen, die
als sehr politisch denkende Linke mit
großer Ernsthaftigkeit darauf bestanden, möglichst mit schwerstmehrfach
behinderten Menschen zu arbeiten,
als Ausdruck ihrer Solidarität und als
Zeichen gegen den von ihnen stark
Gregor Schmidt
kritisierten Staat.
Beginn einer Reise
Michael, Wolfgang, Karl-Heinz, Josef,
Robert, Heinz, Theo, Hermann, Berthold, Erich: Die Erlebnisse mit diesen
Menschen gehörten zwischen 1984
und 1985 zu den eindrücklichsten
und prägendsten Erfahrungen, die ich
machen durfte. Als schon ausgebildeter
Erzieher leistete ich meinen Zivildienst
in der Viktor-Gruppe. Nach den Ausbildungserlebnissen in der Jugendhilfe
wollte ich meinen Zivildienst in einem
völlig anderen Arbeitsfeld leisten. Ich
wählte hierfür die Behindertenhilfe
und ich blieb bis heute dabei.
Die Zeit in der Viktor-Gruppe ließ mich
die Entscheidung treffen, Heilpädagogik zu studieren und dieses war der
Beginn einer immer noch andauernden
spannenden Reise und Auseinandersetzung mit all den Themen, welche
sich um diese Profession ranken. Es
war aber auch der Beginn eines nahezu ununterbrochenen Kontaktes zu
Abschied von den Zivis
Frank Nienhaus
1990/91
Stefan Kauling
1981/82
Johannes Nondorf
1973/74
Albrecht Polhuis
1983/84
Thomas Bolwin
1983/84
Gernot Kaup
1991/92
Gregor Schmidt
1971/72
Martin Sicking
1993/94
Willi Sommer
1973/74
Ingo Emmelmann
1985/87
Thomas Höing
1990/91
Dirk Füchtmann
1996/97
Guido Thiering
1998/99
Markus Lütkebohmert
1990/91
Günther Effkemann
1980/81
Bernhard Wegmann
1981/82
Martin Woltering
1980/81
Stefan Große Banholt
2002/03
der Einrichtung Haus Hall. Ich finde es
bedauerlich, dass der Zivildienst entfällt. Junge Männer an der Schwelle
zwischen Jugend und Erwachsensein
werden nicht mehr die Chance haben,
in dieser Form aus den vertrauten Bahnen auszubrechen und sich in neuen
Handlungsfeldern zu erleben. Vielleicht bietet der künftige Freiwilligendienst eine Alternative; gerade dem
Sozial- und Gesundheitswesen wäre
dieses sehr zu wünschen.Heinrich Greving
Prägend bis heute
Die Zeit meines Zivildienstes war sehr
prägend für mich. Das lag in erster
Linie an den Menschen, denen ich damals begegnet bin. Bis heute, nach
mehr als 25 Jahren, habe ich beruflich
noch nichts anderes gemacht, als im
weiten Feld der Arbeit mit Menschen
mit Behinderung aktiv zu sein. Ich bedaure es außerordentlich, dass durch
den Wegfall des Zivildienstes jungen
Männern eine Gelegenheit genommen
wird, in dieses spannende Arbeitsfeld
zu gelangen. Ingo Emmelmann
Unbekümmert mit Elan Danke Zivildienst!
Durch die Arbeit meines Vaters in der
WfbM kam ich 1998 in Berührung mit
dem Zivildienst in Haus Hall. Ansonsten hätte ich keinen Bezug zu behinderten Menschen gehabt. Danach bin
ich wie viele andere auch „hängen
geblieben“ und habe die Ausbildung
zum Heilerziehungspfleger gemacht.
In der relativ kurzen Zeitspanne seitdem hat sich im gesamten Umfeld
enorm was getan, sehr viel verändert.
Nicht immer zum Positiven.
Sehr schade, dass der Zivildienst ausgesetzt wird. Das wird sich auf Dauer
bestimmt negativ auf die Zahl des
beruflichen Nachwuchses auswirken.
Und den Bewohnern werden die jungen Kerle fehlen, die mit viel Elan und
unbekümmert für Lebendigkeit und
Abwechslung sorgen, die keinen professionellen Anspruch haben, sondern
einfach „nur“ sich selbst einbringen.
Für die Benedikt-Gruppe waren sie immer eine Bereicherung. Guido Thiering
Nach dem Berufsabschluss als Tischler
und dem Fachabitur entschied ich mich,
den Wehrdienst zu verweigern und Zivildienstleistender zu werden. Die Idee
entstand durch einen Nachbarn, der zu
der Zeit seinen Zivildienst in Haus Hall
verrichtete. Für die Zeit danach hatte
ich ein Bauingenieurstudium geplant.
Irgendwie kam aber alles ganz anders.
Im Zivildienst in der Benedikt-Gruppe
entdeckte ich ein völlig neues Tätigkeitsfeld, was mir sehr viel Freude und
Spaß bescherte.
Gegen Ende des Zivildienstes kam ich
zu dem Entschluss, eine berufsbegleitende Ausbildung zum Heilerziehungspfleger zu machen. Danach folgte noch
ein Studium in Sozialpädagogik. Zurzeit arbeite ich als stellvertretender
Wohnbereichsleiter im Bereich Nordplatz. Abschließend kann ich sagen,
dass ich ohne den Zivildienst nie auf
die Idee gekommen wäre, einen pädagogischen Beruf auszuüben, der mir
bis heute noch immer viel Freude bereitet. Danke Zivildienst! Frank Twyhues
Lupe 71 – 2011
7
Abschied von den Zivis
Schlecht geträumt
Nachts wache ich auf und ich sehe
alles ganz genau vor mir: Der große, runde Festplatz in Haus Hall ist
gerammelt voll mit Menschen. Nur
Männer. In der ersten Reihe sind sie
angetreten mit Besen, Rasenmähern,
Windelpackungen und Schraubenziehern, fürs Erinnerungsfoto. Dahinter
stehen sie bis zum Horizont. „Heute
geht eine Ära zu Ende“, schallt eine
Stimme über den Platz. Der Direktor.
Er winkt mit einer Deutschlandfahne
und sieht ganz feierlich aus. „Sie alle
haben in den letzten Jahrzehnten
dem Vaterland gedient und waren als
Zivildienstleistende Haus Hall treu
ergeben. Heute verabschieden wir
den allerletzten von Ihnen.“
Man sieht so viele bekannte Gesichter in der Menge. Nicht alle stehen
in Reih und Glied. Einige drehen sich
eine Zigarette, spielen mit ihrem
i-Pod oder begrüßen ihre Kollegen
von früher. Ein paar wischen sich
eine Träne aus dem Auge. Das sind
die, die im grünen Parka gekommen
sind und sich die guten alten Sticker
der Friedensbewegung angesteckt
haben, ja genau, die Friedenstauben
und das Peace-Zeichen. Alles sieht
so schön nostalgisch aus.
Eine klagende Stimme ruft aus der
Menge: „Wer soll in Zukunft den armen Bettler spielen bei der Martinsfeier in der Schule?“ Ein anderer:
„Und wer außer uns fährt die nächste
Simon Sandbaumhüter aus Hamminkeln fährt die Bewohner zum Arzt und
macht Besorgungsfahrten aller Art. Außerdem kümmert er sich jeden Tag um
den Müll und die schmutzige Wäsche.
Sechs Monate dauert sein Zivildienst im
Guten Hirten in Bocholt.
8
Lupe 71 – 2011
Beule in den Hubwagen?“ Einer fragt
laut: „Wer soll den alten Haus Haller
Mitarbeitern Nachhilfe am PC geben?“ Und noch einer: „Was ist mit
den Praktikantinnen: Wird überhaupt
noch eine nach Haus Hall kommen
wollen, wenn keine sexy Zivis mehr
da sind?“
Die Lehrerband intoniert „Nehmt
Abschied, Brüder, ungewiss ist alle
Wiederkehr…“ und wechselt dann
geschmeidig über zum Großen Zapfenstreich. Es macht Tschingdarassabumm. Jetzt steht der allerletzte
Zivildienstleistende oben auf der
Treppe. Eine große goldene Medaille
hängt ihm um den Hals und in der
Hand hat er die übliche Haus Haller
Geschenkpackung mit zwei Marmeladen und einem Fläschchen Likör.
Einige unten schluchzen.
„Wie soll es jetzt weitergehen?“ rufen
erregte Stimmen von weiter hinten.
Da wird das große Verwaltungsgebäude plötzlich ganz durchsichtig,
gläsern, und alle können sehen, wie
ein Bus die Allee hereinkommt, ein
Bus mit der Aufschrift: „Ersatzdienstersatzverkehr“. Er hält an der Pforte.
Viele Menschen steigen aus, ältere
und jüngere. Sie stehen in einer Reihe und warten. Einige haben schon
Besen oder Rasenmäher in der Hand
oder Windelpakete oder Schraubenzieher - als der Wecker neben mir
klingelt. Ein Glück. Michel Hülskemper
Lukas Möllers aus Holtwick hat in der
Sebastian-Gruppe angefangen. Die ist
inzwischen aufgelöst und in die neue
Anna-Katharina-Gruppe übergegangen.
Viele Veränderungen also in kurzer Zeit.
Ein Grund, warum Lukas sechs Monate
Zivildienst eigentlich zu kurz findet.
Marvin Markowiak aus Gescher brachte
seinen Abschluss als Heilerziehungspfleger schon mit. Macht Zivildienst in
der Förderschule. Hatte als gewählter
Sprecher („Vertrauensmann“) aller ZDL
in Haus Hall nichts zu tun. Geht anschließend als Betreuer zur Nikolaus-Gruppe.
Danny Schulz aus Gescher ist in der
Berufspraxisstufe der Förderschule eingesetzt. Hilft dort den Schülern dabei,
Kaminanzünder anzufertigen und was
sonst noch alles im Unterricht anfällt.
Verlängert bis zum Schuljahresende und
will später Wirtschaftsingenieur werden.
Simon Terwort aus Gescher kennt Haus
Hall schon seit seinen Kindertagen und
hat sich hier früher schon oft engagiert.
Nach dem Zivildienst in der Förderschule
will er vielleicht Realschullehrer werden.
Abschied von den Zivis
Was kommt nach dem Zivildienst?
Die LUPE sprach mit dem Direktor der
Stiftung Haus Hall, Dr. Thomas Bröcheler.
LUPE: Die Bundesregierung will ab dem
Sommer den Wehrdienst aussetzen.
Welche Folgen hat das für Haus Hall?
Thomas Bröcheler: Die Medien berichten
ja schon seit einiger Zeit, dass auch der
Zivildienst ausgesetzt werden soll. Das
trifft unsere Einrichtungen schon längst
ganz praktisch, denn es werden keine
neuen Zivis mehr einberufen. Diejenigen,
die momentan noch im Dienst sind, verlassen nach und nach das Haus. Daran
ändert es auch nichts, dass einzelne von
ihnen auf eigenen Wunsch noch ein paar
Monate verlängern. Bald werden wir ganz
ohne Zivis da stehen.
Und dann?
Man muss es ganz ehrlich sagen: Das wird
richtige Lücken hinterlassen. Wir haben
seit Jahren stiftungsweit regelmäßig um
die 50 Zivis hier gehabt; das entspricht
rund 65.000 Jahresarbeitsstunden. Den
Wegfall können wir nicht einfach kompensieren, indem wir Neuanstellungen
vornehmen. Dafür fehlt das Geld. Derzeit prüfen alle Leitungsverantwortlichen, welche Aufgaben am dringendsten
sind. Der Fahrdienst für das Essen muss
zum Beispiel zwingend aufrecht erhalten
werden. An anderen Stellen werden wir
Abstriche machen müssen. Um es offen
zu sagen: Das wird auch zu Qualitätseinbußen in der Betreuung führen. In den
Werkstattgruppen beispielsweise wird
man die Zivildienstleistenden sicherlich
schmerzlich vermissen, denn sie haben
auf ihre Weise viel, viel Unterstützung bei
der Begleitung der Beschäftigten geleistet. Wie wir diese Lücke schließen können, ist noch nicht klar.
Die Regierung verspricht Abhilfe durch
den neuen Bundesfreiwilligendienst.
Ja, er soll im Sommer starten, aber er ist
noch nicht gesetzlich beschlossen. Deshalb fehlen uns noch viele Informationen,
um genauer planen zu können. Fest steht:
Die Stiftung Haus Hall wird dafür Plätze
schaffen. Wir sind davon überzeugt, dass
wir in den verschiedenen Diensten und
Einrichtungen der Stiftung interessierten
Menschen sehr gute Möglichkeiten für
einen Freiwilligendienst bieten können.
Noch mehr als beim Zivildienst wird es
beim Freiwilligendienst darauf ankommen, die Wünsche und Vorstellungen der
Freiwilligen zu berücksichtigen. Übrigens:
Zum Freiwilligendienst können sich auch
Ältere melden, so dass auch Personen in
der Phase einer beruflichen oder persönlichen Neuorientierung bei uns überaus
sinnvoll tätig werden können und das gesetzlich abgesichert.
Dann ist das der Ersatz für die Zivildienstleistenden?
Experten gehen davon aus, dass auf drei
wegfallende Zivis vielleicht ein Freiwilliger kommen wird. Trotz aller Unklarheiten, die noch bestehen, wollen wir so
früh wie möglich mit dem Bundesfreiwilligendienst starten. Deshalb freuen wir
uns jetzt schon über Bewerbungen.
Was ist mit dem Sozialpraktikum?
Das werden wir in Haus Hall weiterhin anbieten. Viele junge Leute kommen jedes
Jahr hierher, um Erfahrungen zu sammeln in der Begleitung von Menschen mit
Behinderung. Die meisten entscheiden
sich anschließend für die Ausbildung in
einem sozialen Beruf. Außerdem werden
wir die Zahl der Plätze für das Freiwillige
Soziale Jahr erheblich ausweiten.
Mit dem Zivildienst geht also eine Ära
zu Ende.
Ja, das ist wahr. Es besteht nun auch
Grund zu der Sorge, dass wir künftig viel
weniger Männer für soziale Berufe gewinnen könnten. Fakt ist, dass bisher sehr
viele über ihren Zivildienst zu ihrem Beruf
gekommen sind, häufig sogar verbunden
mit einer beruflichen Umorientierung.
In einigen Jahren wird es uns deutlich
an männlichem Nachwuchs fehlen. Und
ohne die Männer in den Teams wird es
insbesondere den jungen männlichen
Bewohnern dann an männlichen Orientierungspersonen fehlen.
Man muss jetzt einfach dankbar sein gegenüber den vielen, vielen jungen Männern, die in den vergangenen 42 Jahren
in Haus Hall ihren Zivildienst geleistet
haben. Sie haben ein Riesenlob verdient.
Ohne ihr Engagement wäre heute vieles in
Haus Hall nicht so, wie es ist. Sie haben
das Leben bereichert, für die Menschen
mit Behinderung wie auch für die MitarMH
beiter. Sozialpraktikum
Junge Leute ab 18 arbeiten ein
Jahr lang oder kürzer in der
Stiftung Haus Hall und begleiten Kinder, Jugendliche oder
Erwachsene mit Behinderung in
ihrem Lebensumfeld. Sie treffen
sich mehrmals zur internen Fortbildung. Viele wählen anschließend einen sozialen Beruf. Das
Sozialpraktikum wird dafür als
Vorpraktikum anerkannt.
FSJ
Das Freiwillge Soziale Jahr ist
ähnlich wie das Sozialpraktikum,
allerdings auf ein Jahr terminlich festgelegt. Hinzu kommen
mehrere einwöchige Kurse extern mit Kollegen aus anderen
Einrichtungen, organisiert vom
Bischöflichen Jugendamt (www.
fsj-muenster.de). Ein Bundesgesetz bestimmt die Rahmenbedingungen. Die Altersgrenze liegt
zwischen 16 und 27. Die Stiftung
Haus Hall wird ihre FSJ-Stellen
erheblich ausbauen.
Bundesfreiwilligendienst
Der BFD ist vom Bundestag beschlossen und gilt ab 01.07.11.
Mitmachen können nicht nur
Männer, sondern auch Frauen
und das in allen Altersgruppen.
Die Dienstzeit soll ein Jahr sein,
kann aber auch sechs Monate
oder maximal 24 betragen. Ab
dem 27. Lebensjahr sind Teilzeitstellen möglich. Haus Hall ist als
Dienststelle anerkannt. Mehr Informationen auf www.haushall.de
unter „BFD“.
Es gibt viele Möglichkeiten!
Welcher Dienst ist für mich der
Richtige? Wie soll ich mich entscheiden? Wie kann ich mich
bewerben? Ansprechpartner in
Haus Hall ist:
Norbert Langkamp, Abt. Personal,
Tel. 02542 703 2410
Lupe 71 – 2011
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Blick in die Vergangenheit
10
Lupe 71 – 2011
Blick in die Vergangenheit
Was Norberts Eltern vor 50 Jahren erlebten
N
orbert Schumacher wurde am 18.
April 1958 in Haus Hall aufgenommen.
Seine Mutter erinnert sich an die voraus gegangene Zeit im Gespräch mit der
LUPE: Ich war fix und fertig. Ich konnte
einfach nicht mehr. Der Junge hatte nur
Dummheiten im Kopf. Sie holte sich
Rat bei einem Priester. Der riet den Eltern, den Siebenjährigen in ein Heim
zu geben und empfahl Haus Hall, denn
er kannte den damaligen Direktor Ferdinand Kolbe. Es folgen Untersuchungen und Anträge, Gutachten und viel
Schriftverkehr. Der Caritasverband Celle
bestätigte, dass wir hier in der Nähe
kein geeignetes Heim zur Verfügung haben. Und ein zuständiger Psychologe
bescheinigte den Eltern eine auffallend positive erzieherische Einstellung.
Sie hätten das Kind so gut gefördert,
dass man es sich bei einem mongoloiden Kind nicht besser wünschen kann.
Schließlich kam die Nachricht aus
Gescher: Wir wollen ihn versuchsweise
aufnehmen.
Es war ein weiter Weg von Celle in Niedersachsen, wo die Familie lebte, bis
nach Haus Hall im westlichen Münster-
land. Der Vater brachte ihn dorthin,
machte Erinnerungsfotos und verabschiedete sich. Es war fürchterlich, zu
gehen, sagt er im Rückblick, aber wir
hofften, dass es so am besten wäre.
Die Hoffnungen der Eltern richteten
sich insbesondere auf die Heimhilfsschule. Norbert sollte die Chance bekommen, etwas zu lernen – in seiner
Heimat gab es seinerzeit keine entsprechenden Möglichkeiten. Diese
Hoffnung war gleichzeitig eine Belastung, denn Direktor Kolbe eröffnete
den Eltern, dass sie den Jungen nach
Hause zurück nehmen müssten, wenn
sich nach einigen Monaten zeigt, dass
Norbert nicht zur Schule gehen kann.
Wenige Tage nach seiner Heimaufnahme begann für Norbert zunächst
die Vorschule.
Die Ludger-Gruppe wurde sein neues
Zuhause. Die Eltern schrieben regelmäßig Postkarten und Briefe, erkundigten
sich besorgt nach ihrem Sohn, schickten kleine Päckchen (die Bonbons sind
auch für seine Spielgefährten) und äußerten immer wieder ihre Dankbarkeit
für die Betreuung in Haus Hall. Seine
Stationsschwester hat uns einen Stein
vom Herzen genommen, schrieben sie
im Juni 1958, denn sie ist wirklich für
Norbert mütterlich nahe.
So oft wie möglich holte die Familie
Norbert in den Ferien zu sich nach
Hause. Dabei musste sie feststellen,
dass die Besuchs- und Ferienregelungen von Haus Hall sehr streng waren.
Mit höflichen Worten und diplomatischem Geschick versuchten die Eltern,
Norbert auch mal ein oder zwei Tage
früher abholen zu können oder andere
Gelegenheiten zu nutzen, wenn ein
Familienmitglied gerade im Münsterland unterwegs war. Doch sie scheiterten regelmäßig an der Haltung
der Anstaltsleitung: Mit Rücksicht auf
die Vielzahl unserer Pfleglinge und die
schwierige Aufgabe unseres Hauses können wir es leider unter keinen Umständen gestatten, dass Sie Norbert schon
am 22.12.59 abholen, so stand es in
einem ablehnenden Brief aus Haus
Hall. Der Vater schrieb zurück: Ich
kann Ihr Einwendungen voll und ganz
verstehen, doch müssen Sie sich auch
in unsere Lage versetzen. Vergebens.
Lupe 71 – 2011
11
Blick in die Vergangenheit
Die nächste Ablehnung fiel noch deutlicher aus: Wie wir Ihnen schon wiederholt bedeuteten, sind Ausnahmen jeglicher Art für unsere schwierige Arbeit hier
im Haus äußerst belastend und daher
durchaus unerwünscht. Wir sind sehr
erstaunt, dass Sie uns mit besonderen
Wünschen immer wieder zur Last fallen.
Natürlich lehnen wir den Besuch an dem
von Ihnen gewünschten Sonntag ab.
Die damalige Gruppenerzieherin sah
das anders. Soviel ich von ihr erfahren
habe, ist die Angelegenheit wirklich
Norbert Schumacher im Jahr 2010.
nicht so tragisch, versuchte Mutter
Schumacher geltend zu machen.
Doch war es den Gruppenbetreuerinnen verboten, erinnert sie sich, mit Eltern und Angehörigen der Bewohner zu
telefonieren oder zu schreiben. Sämtliche Elternkontakte mussten über die
Hausleitung laufen.
Irgendwann fügten sich die Eltern.
1961 hieß es nur noch kurz: Bitte um
Genehmigung, unseren Jungen Norbert
zu Weihnachten in Urlaub zu bekommen. Bitte schreiben Sie uns, wann wir
ihn abholen dürfen.
Zutritt zu den Gruppenräumen bekamen
die Eltern nur zwei Mal: ganz am Anfang bei der Aufnahme und später bei
Norberts Kommunionfest. Ansonsten
traf man sich im Besuchszimmer, einem
nüchternen Raum im Verwaltungstrakt.
1964 wurde in Celle die Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe fertig gestellt.
Die Eltern entschlossen sich, ihren Sohn
wieder nach Hause zu nehmen und hol
12
Lupe 71 – 2011
ten ihn im Sommer an seinem 14. Geburtstag ab. Wir werden Ihnen immer
zu tiefem Dank verpflichtet sein, schrieben sie nach Gescher.
Für Norbert Schumacher begann das
Leben neu. Er bekam ein eigenes Zimmer im Elternhaus und einen Platz in
der Tagesbildungsstätte. Seitdem er
erwachsen ist, besucht er die Werkstätten der Lebenshilfe. Jetzt ist er 60.
Weil ihm das Arbeiten schwerer fällt,
geht er in eine neu geschaffene Seniorengruppe. Dort sind die Leistungsanforderungen niedriger und es gibt
Ruhemöglichkeiten. In seiner Freizeit
geht er immer noch gern tanzen.
Im Februar 2011 schreibt er an die
LUPE: Wenn ich zurückdenke an die Jahre 1958 bis 64 bleibt manche schlechte
Erinnerung wach. Aber die Hauptsache
war doch, dass ich beim Lehrer Schneider gelernt habe lesen und schreiben. Aus heutiger Sicht ist vieles, was
Norbert erlebt hat, schwer zu verstehen.
Die Lebensumstände waren damals
ganz anders – für die meisten Menschen im Deutschland der Nachkriegszeit. Sehr viele Familien lebten in
armen, beengten Verhältnissen, manchmal drei Generationen in einem Raum.
In den Einrichtungen für Menschen mit
Behinderung sah es entsprechend aus.
Schlafsäle waren die Regel, Einzelzimmer unbekannt. In Haus Hall hatte
häufig eine Schwester allein Dienst
und sie war dann für eine ganze Gruppe
von 20 oder 25 Bewohnern allein verantwortlich.
Die Leiterin von Norberts Wohngruppe war Schwester Scholastika. In
ihrem Nachlass fanden sich die alten
Fotos. Sie hatte offensichtlich einen
persönlichen Kontakt zu den SchumaMichel Hülskemper
chers.
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Hier in Tungerloh regnet es nur
nur im
im Schuppen
Schuppen rein
rein
Zwei Klassen der Förderschule Haus
Hall sind kürzlich ausgezogen. Ihr neues „Zuhause“ ist jetzt der ehemalige
Kindergarten in Tungerloh-Capellen.
Grund für den Umzug: Die Förderschule
platzt jetzt schon aus allen Nähten und
außerdem muss sie teilweise abgerissen und neu gebaut werden. Wenn der
Neubau fertig ist, werden alle Klassen
wieder wie gewohnt an der Haus Haller
Allee Unterricht haben.
„Wie gefällt es euch in der Schule in
Tungerloh?“ Das ist die Frage der LUPE
an die Schüler, aber auch an die Lehrerinnen und Integrationshelfer. „Gemischt“, ist die häufigste Antwort von
allen Seiten. Und dann werden Vorteile
und Nachteile aufgezählt: „Ich kann
hier besser Pause machen“, sagt Niklas. Rutschen, klettern, wippen kann
man hier besser als auf dem Schulhof
in Haus Hall. „Und hier ist der Sandkasten größer“, vergleicht Lisa. Auch die
großen, hellen Räume und die Spielmöglichkeiten in den breiten Fluren
würden den Kindern gut tun, meinen
die Lehrerinnen.
„Für einige war die Umstellung
schwer“, fasst Marie-Theres Kräbber
zusammen. Neue Wege, neue Gewohnheiten zu erlernen sei für einige Schüler eine große Herausforderung. Jetzt
aber kämen alle gut zurecht und man
könne deutlich spüren, dass die Schüler hier „fröhlich lernen können.“ Sie
vermisst den täglichen Kontakt zu den
Kollegen an der Förderschule und die
Möglichkeit, auf kurzem Weg Informationen auszutauschen.
Kerstin Heßling ist froh über die
Turnhalle, die hier jederzeit zur Verfügung steht. Andererseits stört es, dass
die Heizung im Klassenzimmer kaum zu
regulieren ist; „hier ist es oft viel zu
warm“.
Josef Bücker, Pastoralreferent, muss
jetzt ins Auto steigen, wenn er die
Klasse zum Religionsunterricht besuchen will. Und der Weg zum Haus Haller
Schwimmbad ist jetzt auch nicht mehr
zu Fuß zu machen. Zum Glück übernimmt Hausmeister Matthias Homann
regelmäßig den Transport der Schüler
im Bulli.
Marie-Theres Kräbber findet es gut,
dass direkt neben den Klassenräumen
eine Küche zur Verfügung steht. „Und
das Essen ist hier auch gut“, urteilt
Cäcilia. Bleibt noch die Sache mit dem
undichten Dach. „In unserer Klasse
in Haus Hall hatte es reingeregnet“,
berichtet Dana, „aber hier tropft es nur
MH
im Fahrradschuppen.“ Planungen für neue Förderschule
Förderschule kommen voran
Die Kreise Borken und Coesfeld befürworten ausdrücklich den Teilneubau
der Förderschule und den Neubau einer
Turnhalle. Das haben beide Kreistage
kürzlich beschlossen. Die verantwortlichen Politiker hatten sich vorher vor
Ort sachkundig gemacht. Ihre beiden
Ausschüsse für Bildung und Schule kamen kreisübergreifend – ein seltenes
Ereignis – in Haus Hall zusammen und
informierten sich gemeinsam über den
Zustand der Gebäude und die Sanierungs- und Neubauplanungen. Thema
war auch die voraussichtliche Entwicklung der Schullandschaft in der Region.
Anschließend gab es große Zustimmung für die Haus Haller Pläne.
Demzufolge werden die Kreise Borken
und Coesfeld rund 60 % der Baukosten
tragen. Diese belaufen sich insgesamt
auf rund 10,9 Mio. Euro. An der Finanzierung beteiligen sich außerdem der
Landschaftsverband Westfalen-Lippe,
das Land Nordrhein-Westfalen, das
Bistum Münster und voraussichtlich
die Stiftung Wohlfahrtspflege sowie
die Aktion Mensch.
Nun laufen die konkreten Planungen auf Hochtouren. Derzeit werden
der Abrissantrag sowie die Bauanträ-
ge vorbereitet. Im Januar 2012 sollen
die abgängigen Klassengebäude 7 bis
16 abgerissen werden. Auch müssen
die markanten Betonpilze nach und
nach weichen, weil sie marode sind.
Im Frühsommer 2013 sollen die neuen
Schulgebäude und die neue Turnhalle
fertig sein. Wie es mit der Sanierung
der Altgebäude weitergehen soll, ist
danach Schritt für Schritt zu entscheiden.
JN / MH
Ausführliche Informationen
zum Thema in der LUPE Nr. 68 und 70.
Lupe 71 – 2011
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Richtfest in
Richtfest
in der
der Wohnstätte
WohnstätteininAhaus
Ahaus
24 Menschen mit Behinderung werden
im Herbst hier einziehen, die Hälfte
von ihnen aus Ahaus. Innenstadtnah
wird das Haus zur weiteren Normalisierung der Lebensverhältnisse beitragen
und auch schwer behinderte Menschen
näher in die Mitte der Gesellschaft rücken. Gleichzeitig bietet sich dadurch
die Chance, die Wohnsituation in den
Zentraleinrichtungen der Stiftung in
Gescher und Coesfeld zu entzerren,
denn dort können nun Mehrbettzimmer
in Einzelzimmer umgewandelt werden.
Künftige Bewohner, Eltern und Angehörige sowie Mitarbeiter, Nachbarn und
Handwerker feierten gemeinsam den
Rohbau. In Ahaus ist das Baugelände
als die alte Zündholzfabrik bekannt. Die
Werkstatt von Haus Hall befindet sich
nur ein paar Hundert Meter Luftlinie
entfernt
Red.
Die neue Wohnstätte an der Parallelstraße ist aus dem Boden gewachsen. Sie wird
noch in diesem Jahr neuen Wohnraum auch für schwer behinderte Menschen bieten.
Die Wohnstätte in Bocholt heißt Magdalena
In der Wohnstätte Magdalena in Bocholt
leben 24 Menschen mit Behinderung.
Marc Lichte, der Leiter, beantwortete
die Fragen der LUPE.
LUPE: Wie war das Einweihungsfest?
Marc Lichte: Schön! Die Bewohner waren total begeistert und stolz und am
Ende ganz schön k.o. Die Mitarbeiter
haben sich gefreut über die vielen positiven Rückmeldungen der Eltern und
Angehörigen. Nachmittags ab halb fünf
war Tag der Offenen Tür und dazu sind
mehrere Hundert Menschen gekommen. Es war überwältigend. Besonders
gefreut haben wir uns über die vielen
Nachbarn, die da waren.
Wie ist das Haus aufgebaut?
Das Haus ist behindertengerecht gebaut. Es bietet auch Menschen mit
schweren körperlichen Behinderungen
einen Wohnplatz. Insgesamt verfügt
das Haus über drei Etagen. Im Erdgeschoss und im 1. Obergeschoss leben
jeweils zwei Wohngruppen mit jeweils
sechs Bewohnern. Die Küchen sind in
den Wohnraum integriert, so dass alle
Bewohner bei der Zubereitung von
Lebensmitteln mit einbezogen werden können. Die Wohnzimmer können
durch Schiebetüren miteinander verbunden werden. So gibt es diverse Mög14
Lupe 71 – 2011
lichkeiten für gemeinsame Aktivitäten.
In jeder Etage gibt es ein Pflegebad.
Und dann haben wir noch einen großen Gemeinschaftsraum, der bereits
für Geburtstage, Feiern und Aktivitäten
genutzt wurde.
Und der große Raum unter dem Dach?
Den nennen wir Atelier und er soll auch
eines sein. Im Herbst beginnt hier ein
Kunstprojekt für Menschen mit und
ohne Behinderung; eine Nachbarin ist
Künstlerin und sie wird es hier mit uns
durchführen.
Wie sind die ersten Erfahrungen in der
Nachbarschaft?
Wir fühlen uns in der Nachbarschaft
aufgenommen und es bestehen bereits
erste positive Kontakte. Darüber sind
wir sehr froh. Wir fühlen uns hier sehr
gut aufgenommen. Einige Nachbarn
kennen unsere Bewohner schon und
sprechen sie an, wenn sie beispielsweise
im EDEKA einkaufen. Der Laden ist
gleich um die Ecke. Er zeigt sich sehr
offen und hat uns darin unterstützt,
dass unsere Einladung zum Tag der offenen Tür in Bocholt und Biemenhorst
bekannt gemacht wurde.
Wie ist die ärztliche Versorgung?
Auf einem guten Weg. Wir haben ja das
Ärztezentrum von Biemenhorst gleich
nebenan. Die Ärzte dort kennen unsere
Bewohner natürlich nicht so gut wie die
Ärzte in Haus Hall ihre Bewohner kennen, aber sie bemühen sich sehr und
kommen auch zu uns ins Haus, wenn es
nötig ist.
Warum steht auf jedem Flur ein Computer?
Wir haben einen kleinen Arbeitsplatz im
Eingangsbereich jeder Gruppe. Die Betreuungsdokumentation machen wir
mit dem Bewohner zusammen, das
heißt: Wir sagen ihm oder besprechen
mit ihm, was wir eintragen. So herrscht
Offenheit. Des Weiteren nutzen wir diesen Platz, um Informationen auszutauschen, die wichtig sind um den Dienst
so leisten zu können, dass alle Aufgaben und Termine durchgeführt werden
können
Werden die Bewohner auch ein Persönliches Budget bekommen?
Es heißt jetzt individuelles Teilhabebudget und es soll noch in diesem Jahr
in unserer Wohnstätte eingeführt werden. Wir sind dabei, mit den Bewohnern
zu erarbeiten, wie es praktisch umgeMH
setzt wird. +
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Neues Zuhause
Zuhause im
im Hof
HofSchürmann
Schürmann
Im April feierte die Wohnstätte am Rotdornweg in Coesfeld ihr Einweihungsfest. Einige Bewohner sprachen mit
der LUPE darüber, wie es ihnen in der
neuen Umgebung gefällt und was sie in
ihrer Freizeit gern machen.
Für Ute Plarr (44) war von Anfang
an klar: Sie wollte vom Altbau in den
neuen Anbau ziehen, „um einen neuen
Anfang zu machen“, wie sie sagt. Hier
kann sie jetzt besser zur Ruhe kommen. Gern sitzt sie in ihrem Sessel und
strickt oder häkelt Pullover.
Uli Schulze-Wermeling (42) ist froh
über sein neues Zimmer; „das alte
war zu klein“. In seiner Freizeit geht
er gern zur Tanzsportgruppe des DJK
Coesfeld.
Joachim Reichelt (63) ist stolz auf
seinen Computer. Damit schreibt er
zum Beispiel Lieder ab. Er würde gern
mehr lernen, zum Beispiel, wie man
das Internet nutzen kann. Und gleich
daneben steht seine Heimorgel. Damit
hat er an Weihnachten Lieder gespielt,
„aber nur in C-Dur, weil man dann mit
den weißen Tasten auskommt“. Er würde aber gern auch in anderen Tonarten
spielen können und hofft darauf, dass
ihm das mal jemand zeigen kann.
Donald Eichstädt (59) hat viele Jahre
in der Sebastian-Gruppe gelebt. Jetzt
ist er glücklich in seiner neuen Wohngruppe. In seinem Zimmer sind ihm
seine CDs das Wichtigste. Neulich hat
er eine Andrea-Berg-Party im Haus mit
Musik versorgt.
Annette Iding (43) spricht nicht mit
Worten, sondern sie zeigt, was sie
meint. Dabei hilft ihr auch ihr Pictogenda-Buch mit vielen Bildern und
Symbolen. Sie hatte lange in der Martin-
Dieter Thiemann (links) und Ulrich
Schulze-Wermeling in ihrem Badezimmer.
Gruppe gewohnt. Jetzt hat sie endlich
ein eigenes Zimmer. Ihre Schätze bewahrt sie in einem Glasschrank auf.
Singen ist ein Hobby, das viele teilen.
Hof Schürmann
20 Menschen mit Behinderung
leben in der Wohnstätte Hof
Schürmann. Der Hof lag ursprünglich weit außerhalb der
Stadt Coesfeld und befindet
sich nun längst mitten in einem gewachsenen Wohngebiet.
1996 zog eine 12-köpfige Außenwohngruppe ein. Durch den
neuen Anbau wurde sie 2010 zur
Wohnstätte erweitert.
Red.
Joachim Reichelt spielt in seiner Freizeit gern Orgel. Außerdem interessiert er sich
für Computer.
Die neue Anna-Katharina-Gruppe
Ursprünglich gab es in der Marienburg Coesfeld die Lucia- und die
Christophorus-Gruppe. Wir haben
das neue Jahr als neue Gemeinschaft begonnen. Um den nun gemeinsamen Weg als zusammengeführte Gruppe für Bewohner und
Mitarbeiter anzustoßen haben wir
uns einen neuen Gruppennamen
gegeben. Wir sind jetzt die Anna-
Katharina-Gruppe. Im Februar haben wir unseren ersten Gruppennamenstag gefeiert. Der Zeitpunkt
hätte nicht besser sein können,
denn nach all dem Trubel, den die
Zusammenlegung von zwei Gruppen
mit sich bringt, kehrt langsam Ruhe
ein und eine neue Gruppe beginnt
sich zu finden.
Eva-Maria Bönning
„Musikalisch weiterkommen, das wäre
so ein Jahreswunsch“, fasst Betreuer
Heiner Althoff zusammen. Er kann sich
gut vorstellen, dass ehrenamtliche Besucher hier für sich eine Aufgabe sehen
und mit den interessierten Bewohnern
singen oder instrumental Hausmusik
machen. Überhaupt äußern sich einige
durchaus tatendurstig: „abends mal in
die Stadt gehen“, „Rad fahren“, „wandern“, „ins Kino gehen“ – all das sind
Wunsch-Aktivitäten, die die Betreuuer
im Gruppendienst nur begrenzt begleiten können. Heiner Althoffs spezieller
Wunsch ist es, dass beim nächsten
Coesfelder Citylauf im Oktober wieder
einige Bewohner mitlaufen, „aber dafür bräuchten wir jemanden, der sie
MH
trainiert und begleitet.“
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Alle zwanzig Minuten
Minuten fährt
fährt ein
ein Zug
Zug vorbei
vorbei
„Schön groß“, „richtig hell“: Das sind
die ersten Kommentare für den Neubau
der Werkstatt in Ahaus. Irene Kisfeld
ist die gewählte Sprecherin der Beschäftigten; Nadine Segbert schreibt
als Chronistin regelmäßig Berichte
über den Fortgang der Bauarbeiten.
Beide erzählen für die LUPE von ihren
Erfahrungen in den letzten Monaten.
„Erst mal: Rummel gehört dazu“,
stellt Irene Kisfeld von vornherein klar.
Sie findet die neue Halle schön, vor allem, weil hier viel mehr Platz ist als in
ihrer Arbeitsgruppe vorher. „Da musste
man immer den Stuhl vorrücken, wenn
einer vorbei wollte; es war viel zu eng.“
Der Umzug wäre kein großes Problem
gewesen. „Da hatte ich Urlaub“, sagt
Nadine Segbert und grinst. Sie findet es gut, dass jetzt alle Türen einen
Schalter haben, „für die, die nicht gut
zu Fuß sind“. Sie selbst benutzt einen
Rollator und ist froh, dass die neuen
Toiletten groß genug sind. Auch die
neue Turnhalle findet sie gut. Dort
macht sie in der Gruppe Spiele und
das mehr oder weniger bei laufendem
Betrieb, denn die Produktion sollte ja
weitergehen. Die neuen Räume musste
man sich dann noch wochenlang mit
den Handwerkern teilen, denn es waren noch viele Ausbauarbeiten zu Ende
zu führen, verbunden mit Lärm und
Dreck. Gleichzeitig begann im Altbau
schon die Entkernung und damit die
groß angelegte Sanierung.
Besonders die Hauswirtschaftsgruppe
hatte vieles zu leisten. Alles hat einen
neuen Platz gefunden, den man sich
merken muss. Neue Abläufe müssen
sich einspielen und das in einem Provisorium, denn der neue Speiseraum
wird erst später fertig.
Mit der Zusammenarbeit in der Abteilung ist ihr Leiter Manfred Kerkering
zufrieden: „Es war ein sehr positives
Miteinander“, sagt er anerkennend.
Jetzt würden alle von dem direkten
Zugang zum neuen Lager, von den
freundlichen Innenhöfen und von dem
Blick nach draußen profitieren.
Den genießt vielleicht Sebastian Küss
sind in Ahaus dafür neu eingerichtet
worden. Michael Rosing ist einer der
Gruppenleiter. Sein Fazit: „Wir waren
überrascht, wie leicht den Beschäftigten die Umstellung gefallen ist.“
Die gut geplanten Räume würden offensichtlich zur entspannten Situation
beitragen.
Während der Zweite Lebensraum
bleiben kann, wo er ist, werden die
Arbeitsgruppen in der neuen Halle
wieder umziehen müssen, wenn der
Altbau saniert ist. Erst dann wird in
der Werkstatt an der Fabrikstraße
5-7 wirklich Ruhe einkehren. Aber
dann geht es ein paar Hundert Meter
weiter mit den nächsten Bauarbeiten los: Hinter der Hausnummer 17
befindet sich die InHand-Werkstatt
und die bekommt eine neue „IstaStraße“. Das Zerlegen der Wasseruhren und Wärmemessgeräte braucht
mehr Platz und macht etliche Veränderungen am Gebäude erforderlich.
MH
WfbM Ahaus
In der Werkstatt in Ahaus verpackt Irene Kisfeld Hundefutter. Die Kartons werden
anschließend auf Paletten transportfertig verpackt.
Gymnastik mit. Den Fußboden hält sie
allerdings für zu glatt.
Für die Beschäftigten wie auch für die
Mitarbeiter waren die ersten Wochen in
der neuen Halle eine echte Herausforderung und auch eine Belastung. Der
Umzug Anfang Januar musste vorbereitet und durchgeführt werden und
16
Lupe 71 – 2011
am meisten. Er interessiert sich nämlich leidenschaftlich für Züge. Auf dem
Gleis vor dem Fenster fährt leise die
Bahn nach Enschede vorbei, wenige Meter entfernt und alle zwanzig Minuten.
Sebastian Küss ist schwer behindert
und sitzt im Rollstuhl. Er ist im Zweiten
Lebensraum beschäftigt. Zwei Gruppen
Der Neubau an der Industriestraße 5-7 bietet Platz für sechs
Arbeitsgruppen. Davon sind zwei
Gruppen als „Zweiter Lebensraum“ für Menschen mit schwerer
Behinderung eingerichtet. Gleichzeitig sind Küche und Lager nach
den modernen Erfordernissen neu
gebaut. Die neuen Gebäude gruppieren sich um zwei Innenhöfe,
die auch als Pausenräume geeignet sind.
Jetzt wird das alte Werkstattgebäude kernsaniert. Das Haus
bekommt eine neue Energieversorgung und neu gestaltete
Arbeitsräume. Eine Gruppe wird
besonders für älter werdende Beschäftigte eingerichtet, die intensive Betreuung benötigen.
Die InHand-Werkstatt im Gebäude 200 Meter weiter mit der
Hausnummer 17 bleibt bestehen.
Künftig werden dort ausschließlich Arbeitsplätze für Menschen
mit psychischer Behinderung
sein. Red.
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Markus trifft
trifft Daniel,
Daniel, den
den Superstar
Superstar
„Es war am 11.11.2010 im Logo in
Ahaus; da habe ich Daniel Schumacher
getroffen. Das ist der Sieger der Fernsehshow Deutschland sucht den Superstar von 2008“, erzählte mir Markus
Büter. Er ist 21 Jahre alt und arbeitet
in Ahaus in der Werkstatt für Menschen
mit Behinderung.
Die Sendung mit Dieter Bohlen kennen ganz viele junge Leute unter der
Abkürzung DSDS. Und so einen Superstar live zu erleben ist schon ein ganz
besonderes Erlebnis. „Es war ein super
cooler Abend.“ verriet mir Markus, der
in Ahaus wohnt und erzählte weiter:
„Ganz alleine wäre ich da bestimmt
nicht hingekommen, aber ich habe ja
meinen Freizeitassistenten, den Rainer
Hippers; der ist mit mir dahingegangen. Wir sind schon um 18:30 Uhr zum
Logo gefahren, denn es war ja klar,
dass wir erst mal anstehen und warten mussten, auch wenn wir die Karten
schon hatten. Alle waren total aufgeregt und endlich kam Daniel, unser
Superstar. Er hatte seine Band dabei und
Markus Büter (links) hatte großes Glück und traf Daniel Schumacher, den DSDSSuperstar 2008.
sang viele von seinen neuen Songs und
alle fanden es toll. Die Stimmung war
super und wir haben mitgesungen und
getanzt - ganz egal ob junge oder ältere
Die neuen Angehörigen- und Betreuervertreter der Werkstätten Haus Hall
(v.l.:) Norbert Schlüter (Stellv. Vorsitzender), Birgit Sieber, Heinz Telger,
Marie-Luise Melis, Antonius Winter, Dieter Horstmann und Hans-Peter Birkelbach (1. Vorsitzender). Nicht im Bild: Andreas Langer. Sie vertreten die Eltern, Angehörigen und Gesetzlichen Vertreter der Werkstattbeschäftigten und
sind für vier Jahre gewählt.
Der Vorsitzende Birkelbach engagiert sich darüber hinaus auch auf Landesund Bundesebene in den entsprechenden Angehörigenvertretungen. Kontakt:
02566-969 00, pebile@t-online.de Red.
Fans - und auch Rainer fand es echt
toll. Während des Konzerts hab ich mir
gedacht, dass es echt cool wäre, wenn
ich Daniel auch mal selber treffen
könnte und hab das Rainer erzählt. Der
hat dann eine Kellnerin gefragt, ob das
geht, weil man ja nicht einfach so zu
Daniel hingehen kann. Und es hat echt
geklappt. Nach dem Konzert durften
wir zu Daniel auf die Bühne und Rainer
hat dieses coole Foto von uns beiden
gemacht. Daniel war echt nett und ich
hab ihm erzählt, dass ich ein großer
Fan von ihm und seiner Musik bin und
das fand er echt klasse. Nachher kamen auch noch andere Fans. Für mich
war das absolut das Größte und Rainer
und ich haben noch bis Mitternacht gefeiert und Spaß gehabt. Das war wirklich ein unvergessliches Erlebnis.“
Das konnte ich Markus ansehen, denn
er strahlte immer noch vor Begeisterung. Jetzt war ich aber auch neugierig geworden, wer denn Rainer war und
was überhaupt ein Freizeitassistent ist
und so macht. Das konnte mir Markus
auch sagen.
„Der Freizeitassistent kommt vom Familien unterstützenden Dienst (FuD).
Meine Mutter hatte die Idee, dass ich
auch mal mit jemandem anderem in
meinem Alter außer den Geschwistern
oder Freunden was unternehmen sollte.
Sie hat sich beim FuD erkundigt. Das
geht über Haus Hall in Gescher oder
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über die Caritas in Ahaus. Dann habe
ich mich erstmal mit Rainer getroffen,
damit wir uns kennen lernen konnten.
Wir haben uns zum Frühstück verabredet und sofort gemerkt, dass wir uns
gut verstehen. Die Chemie passte einfach, kann man sagen. Wir haben uns
dann öfter getroffen und gemeinsam
was unternommen - Eis essen z.B. oder
ins Kino gehen.
Ich unternehme natürlich nicht nur
was mit Rainer. Ich habe noch zwei
jüngere Brüder und unternehme auch
viel mit denen und der Familie, aber
mit Rainer ist das einfach anders und
wir haben viel Spaß zusammen. Mein
bester Freund heißt Sebastian und der
hat eine Freizeitassistentin, mit der
er sich ganz prima versteht. Da haben
wir auch schon mal alle zusammen was
unternommen: Sebastian mit seiner
Freizeitassistentin, Rainer und ich. Wir
haben z.B. Harry Potter im Kino angesehen und nachher auch noch was
unternommen und das war echt cool.
Vielleicht ist das ja auch was für andere, die das jetzt lesen. Die können
dann auch bestimmt ganz tolle und
coole Sache unternehmen und was erleben, so wie ich.“ Michael Waldeyer, Werkstatt Ahaus
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Die Aktion Mensch bringt vieles in Rollen: So steht es auf dem Fahrzeug der Wohnstätte Magdalena in Bocholt. Der nagelneue Kleinbus ist auch für Fahrgäste im
Rollstuhl geeignet. Das ist von großer Bedeutung, denn 8 von 24 Bewohnern der
Wohnstätte sind Rollstuhlfahrer. Genutzt wird der Ford Transit für täglich anfallende
Fahrten wie Arztbesuche, zum Einkaufen oder für Behördengänge, aber auch für die
Teilnahme an Freizeitaktivitäten. Somit sind die Bewohner nicht allein auf den öffentlichen Personennahverkehr angewiesen. Die Aktion Mensch hat die Anschaffung
maßgeblich unterstützt, denn, so heißt es in der Begründung, „das Fahrzeug trägt
zu einer verbesserten Teilhabe am gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben
der zu betreuenden Menschen bei.“
Haushaltsführerschein
Im Appartementhaus an der Konrad-Adenauer-Straße in Gescher
fand ein Kurs zur Vermittlung
von hauswirtschaftlichen Alltagskompetenzen statt, an dem sechs
ABW-Betreute teilnahmen. Sie erwarben unterschiedlichste Kenntnisse wie z.B. Hygiene, Arbeitssicherheit, Arbeitsplanung und
-organisation. In Gruppen von je
zwei Betreuten wurden individuelle Themen bearbeitet. Monatlich
fanden zudem gemeinschaftliche
Koch- und Theorieeinheiten statt.
Am Ende konnten alle Teilnehmer
stolz ihren Haushaltsführerschein
in Empfang nehmen. Begleitend
zum Kurs hat Margret Barenbrock,
die Kursleiterin, unter Verwendung der Unterstützenden Kommunikation ein Kochbuch mit den
ausgewählten Rezepten in Textund Piktogrammform erstellt. MB
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In einer Gastfamilie leben, das bedeutet: Ein Zuhause haben, aber nicht allein
sein. Selbständig wohnen, aber mit anderen Menschen unter einem Dach. Gast
sein und doch dazu gehören. Eine vertraute Person im Haus haben, wenn man sie
braucht. Und: sich gegenseitig helfen. Immer mehr Menschen mit Behinderung wollen in einer Gastfamilie wohnen. Die Mitarbeiterinnen vom Team „Betreutes Wohnen
in Gastfamilien“ (BFW) kennen solche Gastfamilien und sie können nähere Informationen geben. Es sind (von links): Ria Große Ahlert, Kirsten Schneider, Heike
Rensing und Susanne Mester. Telefonnummer: 02542-703 4531. Red.
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Begleiter gesucht
Tanz-Workshop mit TOBIZ. „Ich kann es immer noch nicht glauben!“ Völlig hingerissen klingt dieser Satz, den sich die Besucher zuflüstern. Was sie damit meinen,
steht oben auf der Bühne im Festsaal: TOBIZ! Der Tänzer und DJ ist tatsächlich nach
Gescher gekommen und gibt in Haus Hall einen Hip-Hop-Kurs. Die meisten Jugendlichen kennen ihn von der RTL-Casting-Show „Supertalent“.
Jeder kann kommen. Voll ist an diesem Nachmittag der Festsaal, so voll, dass man
kaum genug Platz findet, um mitzutanzen. Denn sofort geht es los: TOBIZ macht vor
und alle machen mit, so gut sie es können. Und das mit aller Disziplin und Konzentration. 130 Mädchen und Jungen, Jugendliche und junge Erwachsene, mit und ohne
Behinderung, probieren aus, was ihnen ihr Idol vormacht. TOBIZ erklärt übrigens
alles mit Gesten und Gebärden, denn er ist gehörlos. Zwischendurch zeigt er mit ein
paar Break Dance-Einlagen, was er drauf hat. In den Pausen gibt’s Autogramme und
Gelegenheiten, Fotos mit dem „Supertalent“ zu machen. Am Ende sind alle ganz
schön geschafft. Waltraud Ekrod, die den Workshop zusammen mit der Tanzschule
Falk organisiert hat, kündigt an: „Im Herbst gibt es einen zehnteiligen Tanzkurs,
wieder mit TOBIZ.“ MH
Der Treffpunkt Mensch Haus Hall beinhaltet den Familienunterstützenden
Dienst und Freizeitangebote. Kinder,
Jugendliche und Erwachsene werden
dort begleitet, wo sie zu Hause sind.
Für stundenweise Begleitung im Alltag,
in der Freizeit, bei Aktivitäten suchen
wir engagierte und verantwortungsvolle Menschen aus sozialen, aber auch
aus fachfremden Berufen. Ihr Einsatz
ist je nach Bedarf kürzer oder länger,
einmalig oder regelmäßig und wird mit
Ihren Möglichkeiten abgestimmt. Wir
bieten Ihnen ein interessantes Betätigungsfeld, Schulung und Begleitung
sowie eine Aufwandsentschädigung.
Melden Sie sich einfach bei einer der
Regionalleiterinnen:
Waltraud Ekrod, Gescher,
Tel. 0 25 42 / 7 03 44 52
Elvira Hageleit, Stadtlohn, Reken,
Velen und angrenzende Regionen,
Tel. 0 25 42 / 7 03 44 55
Gerlinde Burghardt, Coesfeld und Lette,
Tel. 0 25 41 / 92 27 29
Andrea Scharfenberg, Rosendahl und
Kreis Coesfeld,
Tel. 0 25 41 / 92 27 85
Simone Grage, Marienburg Coesfeld,
SK/Red.
Tel. 0 25 41 / 806 44 32
15.05.11
Gartenzeit Marienburg
11:00 bis 18:00 Uhr
13.07.11
Schulentlassungsfeier
Förderschule
Treffpunkt Mensch ist der gemeinsame Name für den Familien unterstützenden
Dienst (FuD) und Freizeit. Neuerdings gibt es ein Info-Foyer gleich vor der Kapelle
gegenüber der Pforte. Hier kann sich jeder über das gesamte Freizeitprogramm und
viele weitere Veranstaltungen informieren und ein aktuelles Programmheft mitnehmen. Die MitarbeiterInnen auf dem Bild (von links): Andrea Scharfenberg, Stephan
Kallaus, Elvira Hageleit und Waltraud Ekrod.
21.07.11
Sommerfest in Haus Hall
11:00 bis 17:00 Uhr
Lupe 71 – 2011
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ÖKOPROFIT
Paulus-Gruppe macht ÖKOPROFIT
An der Aktion „Gescher wird sauber“
hat sich die Paulus-Gruppe schon
längst beteiligt. Engagiert haben Bewohner und Mitarbeiter den Müll an
den Straßenrändern und Grünflächen
der Stadt aufgesammelt, gemeinsam
mit vielen anderen Bürgern. Jetzt gibt
es ein größeres Vorhaben: ÖKOPROFIT.
„Wir wollen, dass unsere Idee Kreise
zieht“, hofft Andreas Waning. Der
Gruppenleiter hat schon die Bewohner
und Kollegen der Paulus-Gruppe zum
Mitmachen gewonnen. Es geht in erster Linie darum, mit dem Energieverbrauch bewusster umzugehen. Damit
alle wissen, was überhaupt verbraucht
wird, wurden extra Zähler installiert.
Sie zeigen an, wie viel Warmwasser und
wie viel Strom in der Paulus-Gruppe
„durchgehen“. Außerdem sortieren
jetzt alle sorgfältiger als bisher ihren
Müll und versuchen, ihn möglichst zu
vermeiden.
Sebastian Westermann kontrolliert den
Stromzähler im Keller.
Bei der Aktion ÖKOPROFIT haben schon
viele Einrichtungen und Kommunen
in NRW und in ganz Deutschland mitgemacht. Es geht darum, den Umweltschutz zu verbessern, Rohstoffe
und Energie besser einzusetzen und
dadurch Geld zu sparen. Das betrifft
Investitionen und Maßnahmen der Leitungsverantwortlichen, aber auch das
Verhalten aller im Alltag.
Nun kommt das Projekt auch in der
Stiftung Haus Hall zum Einsatz. Die
Paulus-Gruppe sieht sich dabei als Vorreiter. „Wir glauben, dass auch andere
Wohngruppen von unseren Erfahrungen profitieren können“, so das Zwischenfazit von Andreas Waning nach
den ersten Wochen.
Auch an anderen Stellen sind bereits
Schwerpunkte gesetzt. Die Fachleute
arbeiten daran, wie die insgesamt
sechs Druckluftanlagen in der Küche
und in den Werkstätten – allesamt
bedeutende Stromverbraucher – optimiert werden können. Und auch daran,
wie im Küchengebäude eine intelligente Lichtsteuerung den Energieverbrauch senken kann, bei vertretbaren
Umrüstungskosten.
„ÖKOPROFIT bietet viele Chancen, Ressourcen zu sparen“, davon ist Projektleiter Albrecht Polhuis überzeugt. Er ist
für weitere Ideen und Hinweise dankbar.
Telefon: 02542-703 2610,
albrecht.polhuis@haushall.de Red.
Europa-Besuch in Brüssel
Ulrich Hostnick war mit der Evangelischen Jugendbildungsstätte Nordwalde
zu einer Bildungsreise in Brüssel. Dort
geht es um Politik, genauer gesagt: um
Europa-Politik. Hier ist sein Bericht:
Wir haben mit Dr. Markus Pieper gesprochen. Er ist Europa-Abgeordneter und
hat zuerst erklärt, was er alles zu tun
hat. Er will sich dafür einsetzen, dass
in Zukunft Förderschüler und alle anderen Schüler in eine gemeinsame Schule
gehen. Dann wurde darüber diskutiert,
welche Rechte Menschen mit Behinderung haben. Herr Pieper sagte, dass der
Europarat sich darum kümmert, dass es
den Behinderten gut geht, aber dass es
in Europa vielen Menschen schlechter
gehen würde als den Menschen mit Be20
Lupe 71 – 2011
hinderung in Deutschland. Wir haben
auch über einen Mindestlohn in Europa
gesprochen. Wenn der kommt, wäre er
auch für uns was in der WfbM.
Außerdem haben wir über Klimawandel
gesprochen. Es ist wichtig, dass viele
Leute sich in der Politik einsetzen, auch
wenn sie selbst keine Abgeordneten
sind; vielleicht können sie mit ihrer
Meinung das Steuer herumreißen, wie
zum Bespiel Greenpeace in Sachen Umwelt. Oder auch in der Kirche.
Angesprochen wurden auch die vielen Wahlen, die es in diesem Jahr in
Deutschland gibt. Auch Menschen mit
Behinderung haben ein Wahlrecht und
sollten auch wirklich wählen gehen.
UH / Red.
Das Tipi im Garten
Es ist groß, weiß und sieht ein
bisschen aus wie ein richtiges Indianerzelt: das Tipi im Garten der
Paulus-Gruppe. Phillipp Meyermann ist 19 Jahre alt und er hat
alles selbst gebaut. Und er erklärt
gern, wie er das gemacht hat:
„Die Stämme und die dicken Äste
konnte ich mir im Wald besorgen.“
Die wurden dann miteinander verstrebt, genagelt und geschraubt.
Drumherum kam dann die Außenverkleidung: zuerst eine große
Folie, damit es innen wasserdicht
ist und darüber noch ein weißes
Tuch, „weil das besser ist“. Alles
sieht solide aus und sorgfältig
verarbeitet. Mehrere Stürme hat
das Tipi schon gut überstanden.
Vorn ist ein schmaler Eingangsbereich; dann erweitert sich alles zu einem runden Raum, in
dem man locker aufrecht stehen
kann. Es gibt selbstgebaute Regale und eine gemütliche Sitzbank;
von dort aus sieht man den Sonnenuntergang. An den Wänden
hängen jede Menge ausrangierte
Autokennzeichen; die sammelt
Phillip nämlich. Der Fußboden ist
mit sauberem Sand ausgestreut.
Den hat der Bauherr selbst von
einer Sandgrube in Coesfeld abgeholt, mit Fahrrad und Anhänger.
Zehn Mal ist er dafür hin und her
gefahren.
Man könnte in dem Tipi sogar
übernachten, meint Phillipp. Das
wird bestimmt noch passieren.
Und Partys? „Gab es hier auch
schon, noch letzten Samstag mit
Getränken und Chips“, antwortet
MH
der junge Mann zufrieden.
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Zäune von Hand
Hand
Dekoratives für drinnen und draußen
und jede Menge Pflanzen stehen im
Mittelpunkt der Gartenzeit Marienburg. „In diesem Jahr haben wir bereits 70 Anmeldungen von Ausstellern“, berichtet Annette Hövelbrinks
vom Vorbereitungsteam. Hinzu kommen noch die eigenen Stände der
Werkstätten Haus Hall, so dass das Angebot wieder sehr vielseitig sein wird.
Die Abteilungsleiterin Marketing und
Vertrieb zählt auf, welche Produkte auf
der grünen Wiese der Marienburg erstmals zum Verkauf kommen: „Neu sind
die Rankgitter mit Schmuckelementen
und eine freistehende Rankhilfe in drei
Größen zur Auswahl.“ Das Metallgitter
mit Weide war im letzten Jahr erstmals
präsentiert und gut verkauft worden.
Ganz neu sind die Fotokerzen. Die
Besucher der Gartenzeit können dort
ein Foto von sich oder ihren Familienangehörigen aufnehmen lassen und
die Kerze direkt bestellen. Diese kann
dann wenige Tage später in einem der
Werkstattläden abgeholt werden.
Wie immer gibt es ein Rahmenprogramm auf der Wiese, frischen Rhabarber und viele leckere Speisen und
Getränke zu bezahlbaren Preisen. Der
Eintritt ist frei. AH/Red.
Förderverein
Dr. Nicole Theisen ist die neue stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins
Haus Hall, Norbert Langkamp ist der
neue Geschäftsführer. Neben diesen
Vorstandswahlen beschäftigte sich die
Mitgliederversammlung mit dem neuen
Jahresprojekt für 2011/2012. 50.000
Euro will der Förderverein aufbringen
für die Ausstattung der neuen Turnhalle, so lautet der Beschluss. Nach
dem Motto: Integration durch Sport.
Ein ausführlicher Bericht folgt in der
nächsten LUPE. Red.
Oranienburg
Ein besonderes Jubiläum feierte der
St. Johannesberg in Oranienburg:
Vor 111 Jahren wurde gegründet, was
heute einen ganzen Verbund von Einrichtungen für Menschen mit Behinderung darstellt. Der Wohnheimverbund,
die Werkstatt und die vielen weiteren Dienste in der Nähe von Berlin
haben sich tatsächlich zu blühenden
Landschaften entwickelt. Dem waren
schwierige Verhältnisse zu DDR-Zeiten
vorausgegangen. Vor und nach der
Wende von 1989 bestanden recht intensive Kontakte zwischen „Oranienburg“ und Haus Hall. Einige Wohngruppen und etliche Kollegen aus unserer
Stiftung waren schon zu Besuch dort,
wie auch umgekehrt. Beide Seiten haben viel voneinander gelernt. Wer sich
über die Gegenwart informieren möchte: www.st-johannesberg.com MH
Lydia Jost ist die Koordinatorin für das
Ehrenamt in der Stiftung Haus Hall. Sie
informiert, vermittelt und ist auf der
Suche nach Menschen, die mitmachen
möchten. Einfach mal einen Besuch verabreden, etwas vorlesen, ein Lied singen,
ein Spiel machen: All das kann schon
ein großes Geschenk sein. Oder auch:
gemeinsam walken, zur Kirche oder mal
in die Stadt gehen. Oder mit dem Fahrrad oder dem Rollfiets mal rausfahren ins
Grüne. Aktuell gesucht sind Menschen,
die beim „Treffpunkt Café“ mitmachen
wollen. Kontakt: Lydia Jost, Tel. 02542703 1007, lydia.jost@haushall.de
Lupe 71 – 2011
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Baum und Bank in Biemenhorst
„Komm, bau ein Haus, das uns beschützt, pflanz einen Baum, der Schatten wirft und beschreibe den Himmel,
der uns blüht...“ Ein Lied, das in der
Stiftung Haus Hall oft gesungen wird.
Und nun auch in der Wohnstätte Magdalena in Bocholt zur Einsegnungsfeier. Bewohner und Mitarbeiter hatten
das Einweihungsfest intensiv vorbereitet. Gemeinsam mit Pfarrer Hans Hasken von der örtlichen Ewaldi-Gemeinde
ging es ihnen darum, Wege zu finden
für eine zeitgemäße Form, die die Menschen mit Behinderung und ihre Gäste
wirklich anspricht.
„Eine Fürbitte sprechen? Nein, ist
doch uncool.“ So war zunächst die
Reaktion von einigen jüngeren Bewohnern im Vorfeld. Andere meldeten sich
spontan und beteiligten sich auf ihre
Weise bei der Vorbereitung des Wortgottesdienstes. Auf der Suche nach
einem passenden Symbol war schnell
die Bank im Mittelpunkt der Ideen.
Die Bank, das ist ein solides, schweres Möbelstück aus massiver Eiche, ein
Geschenk zum Einzug. Alle Bewohner
verewigten sich mit einem farbigen
Handabdruck auf der Bank und machten sie damit endgültig zu einem Gemeinschaftsstück. Was bedeutet ihnen
dieses Symbol? „Ich fühle mich hier
wohl“, sagte Christine Lütkemeyer.
„Einladen und Besuch bekommen“,
fiel Ursula Bruns dazu ein. Und für Maria Wilhelm bedeutet die Bank in der
Wohnstätte: „Hier bin ich zuhause.“
Diese Gedanken brachten sie später
auch in den Wortgottesdienst ein –
und saßen dabei vorn auf der Bank.
Manuela Felberg und ihre Kolleginnen legen Wert darauf, dass die Bewohner sich in möglichst vielen Dingen
des Zusammenlebens aktiv beteiligen
können. Für das Vorbereitungsteam
hieß das beispielsweise konkret: die
Lieder gemeinsam aussuchen, die Fürbitten selbst aussprechen, auch wenn
es etwas länger dauert, bis die Worte
heraus sind. Und: sich darüber austauschen, was „Segen“ bedeutet.
„Dieses Haus soll ein Segen sein für
alle, die hier leben und arbeiten“,
wünschte Pfarrer Hasken in seiner Predigt. In Anlehnung an das MatthäusEvangelium sagte er, dass die Wohnstätte Magdalena weder auf Sand noch
auf Fels gebaut sei, sondern auf Beton
und Steine und damit ein solides, zeitgemäßes Zuhause bietet.
Nach dem gemeinschaftlichen Wortgottesdienst wurden die Räume gesegnet. Pfarrer Karl Wensink von der
Stiftung Haus Hall nahm sich Zeit und
begrüßte jeden, der es wünschte, in
dessen neuen Zimmer mit persönlichen
Worten, bevor er Segensworte sprach
und sie mit Weihwasser bekräftigte.
Und der Baum, der in dem Lied besungen wird? Der steht schon längst
mitten im Garten. Eine Säulenbuche,
noch nicht sehr groß, aber sie wird
wachsen, so, wie die Hausgemeinschaft. Die Bewohner legten großen
Wert darauf, beim Einpflanzen dabei
zu sein und selbst mit Hand anzulegen.
Auf dass der Himmel über ihnen blühe!
MH
In diesem Raum soll der Segen Gottes sein: Sehr persönlich war der Rundgang mit
dem Weihwasser in der Wohnstätte Magdalena.
22
Lupe 71 – 2011
Schwester Livia †
Am 22.02.2011 verstarb Schwester Livia im Alter von 86 Jahren.
Im Januar 2010 war sie zusammen mit Schwester Scholastika
feierlich in Haus Hall verabschiedet worden. Seitdem lebte sie
im Herz-Jesu-Kloster in Vreden.
Beerdigt wurde sie auf ihren eigenen Wunsch hin auf dem Friedhof in Haus Hall. Damit kommt
ihre große Verbundenheit mit
der Stiftung zum Ausdruck. Jahrzehntelang hatte sie hier gewirkt.
Schwester Livia gehörte den Clemens-Schwestern an. Nach dem
Zweiten Weltkrieg waren bis zu
30 dieser Ordensfrauen in Haus
Hall tätig. Unterstützt von zehn
Canisianerbrüdern und einigen
wenigen Angestellten waren sie
für die Betreuung und Versorgung der damals 400 Bewohner
von Haus Hall zuständig.
Schwester Livia arbeitete in verschiedenen Wohngruppen und
schließlich bis ins hohe Alter als
Küsterin in der Kapelle von Haus
Hall. Unauffällig und bescheiden
war ihr Auftreten. Sie war völlig
überrascht, als ihr das Bundesverdienstkreuz
zugesprochen
wurde. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizäcker
sagte bei der Verleihung, er wolle
damit „nicht nur ihr Lebenswerk
auszeichnen, sondern es soll eine
Ermutigung sein für alle, die in
diesem Bereich durch ihre Tatkraft und Barmherzigkeit Leben
unter menschenwürdigen BedinMH
gungen möglich machen.“
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Wir trauern um die Verstorbenen:
Elisabeth Lahrmann,
geb. 27.12.1937, lebte seit
1952 in Haus Hall, zuletzt
in der Sebastian-Gruppe
der Marienburg. Sie starb
am 21.10.2010 und wurde
auf dem Friedhof „An der
Marienburg“ in Coesfeld
beerdigt
Monika Sicking,
geb. 26.08.1956, lebte seit
1966 in Haus Hall, zunächst
im Marienheim in Nottuln
und später dann bis zuletzt in
der Irmgard-Gruppe. Sie starb
am 24.02.2011 und wurde auf
dem Friedhof in RosendahlHoltwick beerdigt.
Carolin Ruhe,
geb. 29.04.1983, wurde am
20.01.2009 ins Ambulant
Betreute Wohnen aufgenommen und arbeitete seit dem
01.07.2009 in der Werkstatt
von Haus Hall. Sie starb am
18.03.2011 und wurde auf
dem Friedhof in Hofgeismar
beerdigt.
Lupe 71 – 2011
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15. Mai 2011
11.00 - 18.00 Uhr
Eintritt frei
Marienburg • Borkener Straße 74 • Coesfeld
Markt, Ausstellung, Zirkus Fassungslos
aus Havixbeck, Gastronomie ...
Für jeden Gartenfan und für
die ganze Familie!
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