close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

283,Technik und Verantwortung In Zeiten großer Katastrophen wie

EinbettenHerunterladen
283
283, Zeitschrift der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten
Oktober 2011, www.daskonstruktiv.at, Euro 9,– | GZ 10Z038458 M | VPA 1070 Wien
283,
In Zeiten großer Katastrophen
wie Fukushima und großer Unsicherheit wie
in der derzeitigen Finanzkrise fragen sich
viele: „Welche Auswirkungen haben neue Technologien
auf unser Leben?“ oder „Was kann, darf, soll Technik?“ Es
bedarf aber nicht nur großer, die Sicherheit von Menschen
und die Umwelt bedrohender Katastrophen, um sich
diese Fragen zu stellen. Eine Vielzahl neuer Technologien
beeinflusst unser Leben, macht es bequemer, leichter,
manchmal aber auch komplizierter und unsicherer. Der
verantwortungsbewusste Umgang mit neuen Technologien setzt voraus zu wissen, wer wofür Verantwortung
übernehmen soll …
Technik und Verantwortung
11.10.11 09:00
Inhalt
3 Editorial
4 – 6 Journal der Pläne und Planungen
7 Technik und Verantwortung
8 – 11 Der Ingenieur als Kulturtechniker | Der Wegbereiter für unsere moderne
Zivilisation Wolfgang Pircher
12 – 14 Technikfolgenabschätzung | Wissen zum verantwortungsbewussten Umgang
mit neuen Technologien Walter Peissl
15 Technologie als Chance – Verantwortung für die Zukunft | Eine reflexive Betrachtung
der Alpbacher Technologiegespräche 2011 Erich Gornik
16 – 19 Selten und begehrt | Seltene Erden und andere Rohstoffe als Motor
der Technologisierung der Welt Mathias Rittgerott
20 – 24 Umweltschutz auf Chinesisch | Bauen in Asien Sabine Oppolzer
25 – 27 Die Fitnessmaschine | Sowohl die Technik als auch der Mensch sind sich selbst
zum Gegenstand der Bearbeitung geworden Wolfgang Pauser
28 – 31 Utopien und Technik | Eine Chronik Gerrit Herlyn
35 Übernehmen die Ziviltechnikerinnen mehr Verantwortung? |
Lautes Nachdenken Cora Stöger
36 – 37 Pragmatisch bauen | Otto Kollisch, ein vergessener
Architekt aus Wien Ursula Seeber
38 – 40 Starkes Rauchzeichen | Stadtentwicklungspotenzial
im Linzer Osten Norbert Mayr
41 Jüngste Entscheidung
41 Lektüren
42 Porträt Ivona Brandic Julia Ortner
43 Fehlanzeige
43 Das nächste Heft
44 Von oben
Impressum konstruktiv 283
Medieninhaber und Herausgeber Bundeskammer der Architekten
und Ingenieurkonsulenten (bAIK)
1040 Wien, Karlsgasse 9
T: 01-505 58 07/0, F: 01-505 32 11
www.daskonstruktiv.at
Erscheinungsweise
Auflage
Einzelpreis
Abopreis pro Jahr
vier Mal jährlich
13.300 Stück
9,00 Euro
24,00 Euro
Redaktion, Anzeigen & Aboverwaltung art:phalanx Kunst- und Kommunikationsbüro
Redaktionsteam Susanne Haider, Sebastian Jobst, Heide Linzer
1070 Wien, Neubaugasse 25 /1 /11
T: 01-524 98 03-0, F: 01-524 98 03-4
redaktion@daskonstruktiv.at, anzeigen@
daskonstruktiv.at, abo@daskonstruktiv.at
Redaktionsbeirat ARGE Walter Bohatsch / Reinhard Gassner, Gerald
Fuxjäger (Präsident der Kammer der Architekten
und Ingenieurkonsulenten für Steiermark und
Kärnten), Georg Pendl (Präsident der bAIK), Rudolf
Kolbe (Vizepräsident der bAIK und Präsident der
Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Oberösterreich und Salzburg), Sabine
Oppolzer (Kulturjournalistin), Wolfgang Pauser
(Konsumforscher & Berater), Walter Stelzhammer
(Präsident der Kammer der Architekten und
Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich
und Burgenland)
Lektorat Dorrit Korger
2|3
283
11479200_Konstruktiv_283_Cover_EB.indd 2
Gestaltung Gassner Redolfi, Schlins
Bohatsch und Partner, Wien
Druck EBERL PRINT GmbH, Immenstadt
Gedruckt auf Druckfein von Römerturm
Abbildungen Seite 3: Felice Varini | Seite 4: Andrea Maria Dusl |
F. = Fotograf Seite 5: www.manufactum.at, www.arthousecoop.
A. = Architekt com, www.netvibes.com | Seite 7: Filmstill OVER
YOUR CITIES GRASS WILL GROW – Sophie Fiennes /
Anselm Kiefer | Seite 9: © Vesting Bourtange |
Seite 11: oben: Christopher Biggs, unten CHELYS srl |
Seite 14: Jochen Tack | Seite 17: Toby Smith | Seite
18 – 19: Illustration Arge Gassner Redolfi / Bohatsch
und Partner | Seite 21 – 22: Eduard Hueber / Baumschlager Eberle | Seite 24: COOP HIMMELB(L)AU | Seite
25: Illustration Mechanics Magazine, London 1824 |
Seite 27: Stelarc | Seite 28: De Montaut (links), Albert
Robida (rechts) | Seite 29:Urheber unbekannt (links),
Peter Behrens 1931 | Seite 30: F.: Jelle Brandt
Corstius / A.: Matti Suuronen, ASIMO by Honda | Seite
31: Ford Motor Company, www.atomium.be - SABAM
2009 - AGR-AR | Seite 36 – 37: Österreichische
Exilbibliothek im Literaturhaus, Wien | Seite 38 – 39:
F.: Hermann Steindl / A.: Peter Behrens & Alexander
Popp | Seite 39 (oben): F.: Archiv Austria Tabakwerke / A.: Peter Behrens & Alexander Popp | Seite
40: F.: Robert Aarts / A .: Wessel de Jonge | Seite 42:
Ivona Brandic | Seite 44: NASA
Die Redaktion ersucht diejenigen Urheber,
Rechtsnachfolger und Werknutzungsberechtigten,
die nicht kontaktiert werden konnten, im Falle
des fehlenden Einverständnisses zur Vervielfältigung, Veröffentlichung und Verwertung von
Werkabbildungen bzw. Fotografien im Rahmen
dieser Publikation um Kontaktaufnahme.
Das Gestaltungskonzept dieser Zeitschrift ist
urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung
außerhalb der Grenzen des Urheberrechts ist
unzulässig. Die Texte, Fotos, Plandarstellungen
sind urheberrechtlich geschützt.
Offenlegung gemäß §25 Mediengesetz ist auf
www.daskonstruktiv.at veröffentlicht.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben
ausschließlich die Meinung des Autors wieder,
die sich nicht mit der des Herausgebers oder
der Redaktion decken muss. Für unverlangte
Beiträge liegt das Risiko beim Einsender. Sinngemäße textliche Überarbeitung behält sich
die Redaktion vor.
Die Zeitschrift sowie alle in ihr enthaltenen
Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich
geschützt.
Zugunsten der Lesbarkeit wird, wenn von den
Autorinnen und Autoren nicht anders vorgesehen,
auf geschlechtsspezifische Endungen verzichtet.
Das Zitat auf dem Titel wurde dem Text
„Technikfolgenabschätzung . Wissen zum
verantwortungsbewussten Umgang
mit neuen Technologien“ von Walter Peissl
entnommen.
Editorial
Felice Varini
Intervention im
öffentlichen Raum
Vercorin, 2009
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 3
Von der Ambivalenz neuer Technologien wusste bereits
Ovid in seiner Erzählung von Dädalus und Ikarus zu
berichten. Nicht die Technik selbst wird Ikarus bei seiner
volatilen Flucht von Kreta zum Verhängnis, sondern ihre
Anwendung. Den Warnungen seines Vaters zum Trotz
wagte er sich zu weit in zölestische Höhen und musste
diese Maßlosigkeit prompt mit dem Leben bezahlen.
Relativ einfach war in diesem Fall abzuschätzen, welche
Risiken die falsche Anwendung der Technik barg, doch
wie verhält es sich heute angesichts einer sich immer
schneller wandelnden komplexen Technikwelt? Wie
können die Risiken und Chancen neuer Technologien abgeschätzt werden, ohne in der praktischen Anwendung
eine Bruchlandung zu riskieren?
Katastrophen wie in Fukushima oder der Unfall
im AKW Marcoule Anfang September führen vor Augen,
dass selbst hoch entwickelte Technologien schwer
kalkulierbare Sicherheitsrisiken bergen. Doch nicht nur
in Bereichen wie der Nukleartechnologie bedarf es entsprechender Umsicht, denn auch bei konventionelleren
Planungsaufgaben wirken sich Fahrlässigkeit oder
Fehlkalkulationen unmittelbar aus. In ihrer Funktion als
Prüfer, Gutachter und Überwachungsorgane tragen
Ziviltechniker in ganz besonderer Form Verantwortung
für die Gestaltung unserer Umwelt.
Wie es dazu kam, dass Techniker derart großen
Einfluss auf die Gesellschaft haben, erklärt Wolfgang
Pircher, Ingenieur und spätberufener Philosoph, in seinem
Text. Komplexe Gesellschaftsstrukturen beziehungsweise die ersten Zivilisationen seien ohne den Techniker als
Wegbereiter gar nicht denkbar gewesen. Damit einher
ging selbstverständlich auch sehr früh die Verstrickung
des Ingenieurs in die Sphären der Ökonomie und Politik.
In einem Text zur Methode der Technikfolgenabschätzung erklärt Wolfgang Peissl vom Institut für Technikfolgenabschätzung der Akademie der Wissenschaften,
was TA leisten kann, welchen Einfluss solche Entscheidungsprozesse auf die Gesellschaft haben und dass prinzipiell positiv zu bewertende Technologien nur in den
richtigen Rahmenbedingungen die erhofften positiven
Effekte zeigen.
Erich Gornik, Vizepräsident des Österreichischen
Forum Alpbach, das sich dieses Jahr mit „Gerechtigkeit – Verantwortung für die Zukunft“ beschäftigt, lässt
für das KONstruktiv das Technologieforum unter dem
Leitthema „Technologie als Chance – Verantwortung für
die Zukunft“ Revue passieren und gibt einen kurzen
Überblick, vor welchen Herausforderungen Techniker
und die Politik in Österreich stehen.
Stellt die Fitnessmaschine einen Wendepunkt in
der Geschichte technischer Innovationen dar? Wolfgang
Pauser fragt sich, ob wir nicht mehr länger am längeren
Hebel der Maschine sitzen, sondern vielmehr ohnmächtige Benutzer geworden sind.
Mathias Rittgerott beleuchtet in seinem Artikel,
welche Rohstoffe die Technologisierung der Welt vorantreiben und wie zwiegespalten das Verhältnis der industrialisierten Länder zu ihren Rohstofflieferanten ist.
Schlüsselrohstoffe wie etwa Coltan sind auf internationalen Rohstoffmärkten heiß begehrt, werden aber in
Regionen wie dem Kongo unter inakzeptablen Bedingungen gefördert. Auf einer Weltkarte zeichnen wir außerdem die Thematik geografisch nach.
Wie in jedem Heft wagen wir auch in dieser Ausgabe einen Blick in die Vergangenheit, der uns diesmal
paradoxerweise gleichzeitig in die Zukunft führt. Gerrit
Herlyn zeichnet für uns den Weg der Technikutopien und
Dystopien von Thomas Morus bis in die Gegenwart nach
und fragt sich, was eigentlich aus so mancher Vision in
der praktischen Anwendung geworden ist. So viel sei bereits zuvor verraten, das Mittelmeer wird auch in absehbarer Zukunft nicht um 100 Meter abgesenkt, wie Herman
Sörgel dies über mehrere Jahrzehnte relativ erfolgreich
propagierte.
Während vielerorts „Die großen Erzählungen“ in
einer nachhaltigen Krise zu sein scheinen, wird in der
Volksrepublik China fleißig an der Umsetzung von Visionen
gebaut. Sabine Oppolzer fand in Gesprächen mit Stefan
Beck von Baumschlager/Eberle und Wolf Prix heraus, ob
Architekten und Techniker mit jedem Bauherren zusammenarbeiten sollten und wie es sich mit Verantwortung
und Haftungsfragen bei Megaprojekten des roten Riesen
verhält, was passiert wenn Ziviltechniker ihr Know-how
zu leichtfertig aus der Hand geben und wie man sich dagegen schützen kann.
Einen Ausblick auf die nächste Ausgabe gibt Norbert
Mayrs Artikel über das stadtplanerische Potenzial der
ehemaligen Tabakfabrik in Linz, denn im Dezember wird
das KONstruktiv ganz im Zeichen der Stadt stehen.
Ihre Redaktion N
10.10.11 11:48
Kalt / Warm:
ZiviltechnikerInnen tragen große gesellschaftliche Verantwortung. Sie stehen höchstpersönlich für ihre Leistungen – und Fehler –
ein. Wer diesen Beruf ergreift, tut dies wohl
nicht in erster Linie aus wirtschaftlichen
Gründen, sondern weil er /sie Sinnvolles leisten will.
Die Bundeskammer der Architekten und
Ingenieurkonsulenten – zu deren Generalsekretär ich vor Kurzem bestellt wurde – bemüht sich – nicht zuletzt durch die Publikation der Zeitschrift KONstruktiv – diese ideellen
Interessen zu fördern.
Die Kammer vertritt aber auch die wirtschaftlichen Interessen der ArchitektInnen
und IngenieurkonsulentInnen. Das ist auch
notwendiger denn je. Denn anders als noch
vor einigen Jahrzehnten ist die Ausübung des
Berufs einer Ziviltechnikerin /eines Ziviltechnikers kein automatischer Garant mehr für
eine auskömmliche wirtschaftliche Existenz.
Die neoliberale Durchformierung unserer Gesellschaft unterwirft nämlich auch kreative,
hoch spezialisierte Dienstleistungen einem
wirtschaftlichen Kalkül. Diese Durchformierung scheint naturgegeben, „alternativlos“,
um ein gern verwendetes Wort zu zitieren. In
Wirklichkeit ist sie politisch gewollt, und
zwar von Interessengruppen, für die gesellschaftliche Verantwortung ein Fremdwort
und die Verfolgung persönlicher Interessen
zur einzigen Maxime geworden ist.
ZiviltechnikerInnen tragen individuell Verantwortung. Es geht ihnen um die Sache, sie
wollen gestalten. Die berufliche „Sozialisation“ einer Ziviltechnikerin /eines Ziviltechnikers beinhaltet keine Aushandlungsprozesse
in einer großen Organisation und auch nicht
das Hinaufdienen in einer Hierarchie. ArchitektInnen und IngenieurkonsulentInnen fällt
es dadurch oft schwerer, innerhalb der Berufsgruppe Kompromisse zu schließen und
gemeinsam für ihre wirtschaftlichen Interessen einzutreten. Andere Interessensvertretungen, die größer und /oder wirtschaftlich
mächtiger sind, sind uns diesbezüglich oft
mehrere Schritte voraus. In meiner neuen
Funktion möchte ich gemeinsam mit den gewählten Vertretern der Kammer dazu beitragen, dass sich das ändert. Felix Ehrnhöfer N
Dr. Felix Ehrnhöfer
ist Generalsekretär der Bundeskammer
der Architekten und Ingenieurkonsulenten.
Dusls Schwerpunkt
4|5
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 4
283
Journal der Pläne und Planungen
10.10.11 11:48
Wegwerfempfehlung
Die Welt ist voll von Mist. Doch die Redewendung vom „Müllhaufen der Geschichte“, auf
dem wertlose Hervorbringungen des menschlichen Geistes gefälligst „landen“ sollten, entbehrt immer mehr ihrer anschaulichen Grundlage. Materieller Abfall endet nicht mehr auf
einem Haufen, sondern wird dem Recycling
zugeführt. Ausgemustertes Design aus der
Ära der „Wegwerfgesellschaft“ wird heute als
„Klassiker der Moderne“ dem modischen
Konsum wieder eingespeist. Als „Retro“ werden neue Designprodukte bezeichnet, die Vergangenes in der Gegenwart wieder aufleben
lassen.
Ein geradezu sinnbildliches Beispiel für
geistiges und technisches Recycling ist das
allerneueste Produkt des Nostalgie-Spezialisten Manufactum: „Der Klassiker. Mistkübel
aus Stahl, feuerverzinkt. Die Jahrzehnte im
Gebrauch auf deutschen Gehsteigen perfek-
Linkempfehlung
www.arthousecoop.com
Wozu tragen so viele Menschen noch ein
„analoges“ Notizbuch mit sich? Möchte man
nicht meinen, dass durch allerlei elektronische Gadgets kein Bedarf mehr an Papier und
Stift bestünde. Ein Sprachmemo hier, eine
kurze Notiz mit Terminerinnerung da, besonders im Geschäftsbereich bieten sich Lösungen in Form von Apps, eigenen Geräten und
Zubehör für jeden erdenklichen Aufgabenbereich. Dennoch, das Notizbuch, zumeist in
schwarz beschichtetem Kartoneinband und
den charakteristisch abgerundeten Ecken eines weniger traditionsreichen als -bewussten Produzenten, ist ständiger Begleiter der
Kreativen, Planenden und wohl auch Melancholischen.
tionierte Konstruktion ist über jeden Zweifel
erhaben.” In der detailverliebten Prosa des
Katalogs wird deutlich, dass materialverarbeitende Technik in digitalen Zeiten an sich
schon mit nostalgischen Sehnsüchten behaftet ist.
Doch welche Zweifel sind es, über die wir
mit dem recycelten Recycler „erhaben“ sind?
Tatsächlich ist der Gesellschaft seit den
1980er-Jahren die Gewissheit abhanden gekommen, dass der technische Fortschritt uns
allemal Gutes bringt. Und dass daher ein neu
designtes Produkt uns einer besseren Welt
garantiert ein Stückchen näher rückt. Doch
während die Zukunftsperspektiven schwinden, ruft die Ökonomie immer vehementer
nach Innovation. In dieser Zwickmühle bietet
es sich an, alte Techniken zu recyceln. Im Nostalgie-Eimer west vor sich hin das glückliche
Gedenken an jene Zeit, in der Verantwortung
für den Abfall noch kein Thema war.
www.manufactum.at N
Doch auch praktische Überlegungen sprechen für dieses vielseitige Notiztool mit integriertem Materialkollektor, picking belt und
packing feature, außerdem äußerst robust.
Allen Vorzügen voran steht selbstverständlich die haptische Qualität.
Natürlich steckt wohl noch etwas anderes hinter dieser Affinität zum gebundenen
Papier. „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Was
Joseph Beuys vor rund 40 Jahren zu einem seiner Wahlsprüche machte, scheint sich heute
wohl auch in anderer als der intendierten
Form durchgesetzt zu haben. Bevorzugte am
Ende des 19. Jahrhunderts noch die künstlerische Avantgarde das kleine Buch, um im Freien spontanen Eindrücken Form verleihen zu
können, sind es mittlerweile Heerscharen
von Amateuren, die es ihnen gleichtun. Das
Team von www.arthousecoop.com hat sich
Linkempfehlung
www.netvibes.com
Permanente Updates zu aktuellen Ereignissen sind in der digitalen Medienberichterstattung bereits Normalität. Damit einher
geht für den interessierten Leser allerdings
eine schier unüberschaubare Menge an Informationen. netvibes.com bietet eine Lösung,
um aus der daraus resultierenden Flut an Informationen so bequem wie möglich relevante Inhalte im Überblick zu behalten. Facebook, Twitter, verschiedene Onlinezeitungen
des persönlichen Vertrauens, der aktuelle
Wetterbericht, ein Podcast-Player oder On-
zum Ziel gemacht, ebendiese ansonsten privat unter Verschluss gehaltene Kreativität in
einer Onlinegalerie sichtbar zu machen. Nicht
weniger als 10.000 Einsendungen zählte das
Sketchbook Project 2011. Sebastian Jobst N
lineradio lassen sich in sogenannten Widgets
übersichtlich nebeneinander arrangieren.
Besonders intensive Webuser können thematisch gegliederte Registerkarten anlegen.
Beispielsweise finden sich dann allerhand
Nachrichtenquellen zu internationaler Politik in der einen Registerkarte und Medien Musik betreffend in einer anderen. netvibes.com
erfindet das Internet nicht neu, macht es
jedoch sehr viel einfacher, die favorisierten
Webinhalte zu verwalten. Komfortabel ist vor
allem, dass einmaliges Anmelden zum personalisierten Profil ausreicht, um automatisch
bei allen abonnierten Widgets angemeldet
zu sein. Redaktion N
Journal der Pläne und Planungen
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 5
10.10.11 15:58
Güssing, ein Modell mit Licht- und Schattenseiten
Wer die burgenländische Gemeinde Güssing
als Österreichs Aushängeschild für grüne
Technologien bezeichnet, der gibt sich schon
fast einer kleinen Untertreibung hin: Kaum
eine Diskussion über die Zukunft der Energieversorgung kommt hierzulande ohne die Erwähnung einer einst im Ödland nahe der ungarischen Grenze dahindämmernden Gemeinde
aus. Zuletzt war es Arnold Schwarzenegger,
der bei einer Energie-Konferenz der UN-Organisation für industrielle Entwicklung im Juni
in Wien enthusiastisch vorschlug, „alle“ sollten so wie Güssing werden.
6|7
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 6
283
Wenn alle so wie Güssing werden, dann
ist das zunächst vor allem ein Kostenproblem.
Denn der bloße Wille einer Gemeinde, sich
selbst mit Energie zu versorgen, hat noch selten Baukräne bewegt. In Güssing sind nach
Schätzungen des ortsansässigen Zentrums
für erneuerbare Energie über hundert Millionen Euro von Bund, Land und der EU in die Errichtung mehrerer Biomasseanlagen und des
Forschungszentrums geflossen. Damit ist die
Güssinger Entwicklungsgeschichte auch eine
Geschichte von einzigartiger Bereitschaft der
öffentlichen Hand, Gelder für grüne Technologien lockerzumachen. Vorerst einzigartig,
könnte man einwerfen. Doch von politischer
Seite gibt es derzeit wenig Anzeichen, dass in
absehbarer Zeit irgendwo in Österreich ein
zweites Güssing entstehen wird. Nicht einmal
die regierenden Wiener Grünen konnten bisher große Investitionen im Bereich der erneuerbaren Energien durchsetzen. Und der KlimaEnergiefonds, der mit Förderungen heimische
Investitionen in erneuerbare Energien vorantreiben soll, stellt für „Neue Energien 2020“ insgesamt 30 Millionen Euro zur Verfügung – Güssing alleine hat dreimal so viel gekostet.
Aber zurück nach Güssing: Man muss dem
Modell auch zugutehalten, dass all das Geld
sich in einem hohen Gegenwert manifestiert
hat: Den Technikern ist mit der Wirbelschichtdampfvergasung von Holzhackgut tatsächlich
eine Innovation geglückt, die Interessenten
aus Ländern rund um den Erdball nach Güssing lockt. Dabei wird aus Holz ein Gas erzeugt,
verbrannt und so viel Strom erzeugt, dass die
Gemeinde ihn gar nicht selbst verbrauchen
kann. Der Nachschub für die Stromerzeugung
wächst um die Ecke nach – in den Wäldern, die
Güssing umgeben.
Doch in Güssing zählt nicht nur Handfestes, sondern auch die Atmosphäre: Das Projekt
hat zu einem innovationsfreundlichen Klima
in der Region beigetragen, das offenbar zu
weiteren Investitionen motiviert: Während in
Güssing an Biotreibstoffen geforscht wird,
soll im Bezirk in den kommenden fünf Jahren
ein Netz zum Transport von Biogas entstehen,
inklusive Tankstellen für Autos. Die Bereitschaft von 15 Gemeinden, an dem Projekt mitzuarbeiten, ist ein Zeichen dafür, wie sehr sich
der Begriff „erneuerbar“ dort zur Marke entwickelt hat. Erneuerbare Energie nicht als
mühsame Hausaufgabe zur Reduktion von
Emissionen, sondern als Markenzeichen nach
außen – dieses Verständnis ist ein Verdienst
der Güssinger Entwicklung.
Trotzdem hat Güssing auch Schattenseiten. Zuallererst beim Außenbild: Die extreme
Konzentration von Ressourcen auf eine Gemeinde (auch das Geld für die erwähnten Bio-
gastankstellen kommt übrigens wieder aus
öffentlicher Hand, vom Klima- und Energiefonds) vermittelt den Eindruck, dass sich Orte
fundamental verändern müssen, um zum Klimaschutz beizutragen. Doch nicht überall, wo
Emissionen eingespart werden, muss gleich
ein Forschungszentrum samt Industriepark
entstehen. Klimaschutz ist auch eine Konsequenz vieler kleiner Schritte, die nicht gleich
das ganze Gemeindeleben umkrempeln müssen: Ein paar Fotovoltaikanlagen hier, ein
Dutzend Windräder da, eine Förderung für
thermische Sanierung dort – und vor allem viel
Vorsicht bei der Planung neuer Wohn- und Industrieanlagen, um keine alten Fehler zu begehen.
Doch nicht nur auf überregionaler Ebene,
auch direkt auf Güssinger Boden sind die Makel des Projekts erkennbar: Probleme mit dem
Lärm, Staub und den Abwässern der durch die
Biomasseanlagen angezogenen Technologiefirmen riefen sogar eine Bürgerinitiative auf
den Plan. Hinzu kommt, dass das Bemühen um
erneuerbare Technologien deren wirtschaftlichen Erfolg noch lange nicht garantiert: Im
vergangenen Juni meldete ein ortsansässiger
Solarzellenproduzent, das Aushängeschild des
Industrieparks, Insolvenz an. Das zeigt auch
die Grenzen des Einflusses öffentlicher Investitionen: Egal wie sehr man die Ansiedlung solcher Firmen auch fördert, irgendwer muss ihre
Produkte kaufen – und den internationalen
Solarzellenmarkt kann auch das „Energiemekka“ Güssing nicht beeinflussen.
Und noch ein kleines Defizit muss man zumindest der öffentlichen Debatte rund um
Güssing anlasten, weil sie sich sehr auf den
Begriff „Energieautarkie“ konzentriert: Natürlich ist es gut, wenn Gemeinden wie Güssing
ihren Strom selbst und damit nahe am Verbraucher erzeugen, da so Verluste beim Stromtransport vermieden werden. Trotzdem hat
der Begriff Energieautarkie (also in Summe
so viel Energie zu schaffen, wie man verbraucht) das Potenzial, missverstanden zu
werden: Nur weil eine Stadt etwa mit Windkraft- und Fotovoltaikanlagen in Summe ihren Energieverbrauch deckt, ist sie noch lange nicht vom öffentlichen Stromnetz unabhängig, weil ja Strom aus Wind und Sonne
zeitlich stark fluktuiert. Wenn also Österreich
und Europa insgesamt ihre Energie vermehrt
aus erneuerbaren Quellen beziehen sollen,
dann wird man sowohl um den Ausbau des Leitungsnetzes als auch um mehr Speicherkraftwerke nicht herumkommen. Da kann man die
Güssinger Energieautarkie noch so sehr loben.
Magdalena Klemun N
Journal der Pläne und Planungen
10.10.11 11:48
Technik und Verantwortung
Der Drang, die Welt zu verändern, d. h. sie technisch zu verbessern,
steht unter dem dauernden Appell zur Innovation. Dies ist die
Ethik des Ingenieurs, sein kategorischer Imperativ, wenn er hierbei
auch selten autonom handelt, zumeist verändert er die Welt im
Auftrag anderer. Die Aufgabe des Ingenieurs ist es, etwas zu realisieren, was nicht vorfindbar war. Die Welt, mit den Augen des
Ingenieurs gesehen, ist unvollkommen hinsichtlich der menschlichen Bedürfnisse, gleichzeitig aber ein Reservoir an Mitteln
und Kräften, aus dem zu schöpfen ist. Im mentalen Prozess des
Konstruierens wird nicht nur ein technisches Objekt antizipiert,
es wird auch seine Wirkung in der Welt vorweggenommen. Wolfgang Pircher N
(Objekt)Installation
von Anselm Kiefer in
La Ribaute, Filmstill aus
„OVER YOUR CITIES GRASS
WILL GROW“, 2010
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 7
10.10.11 11:48
Der Ingenieur als Kulturtechniker | Der Wegbereiter für unsere moderne Zivilisation
Wolfgang Pircher
Ausbildung in elektrischer
Nachrichtentechnik und
Elektronik, Studium der
Volkswirtschaftslehre und
Philosophie an der Universität Wien. Pircher ist Assistenzprofessor am Institut
für Philosophie der Universität Wien mit u. a. dem
Forschungsschwerpunkt
Technologiegeschichte und
-philosophie, insbesondere
die Genealogie des Ingenieurs.
„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden
interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.“1
Diese bekannten Worte könnte man auch aus dem
Munde eines umfassend gebildeten Ingenieurs
hören, der seinen Berufsstand gegenüber Philosophen verteidigen und rühmen möchte. Wenn der
junge Marx, der dies im Frühjahr 1845 als sogenannte 11. Feuerbachthese notierte, auch mehr soziale
Veränderungen im Kopf haben mochte, in seiner
weiteren Karriere schenkte er sehr wohl Veränderungen technischen Ursprungs große Aufmerksamkeit und knüpfte auch gewisse Hoffnungen daran.
Schließlich lässt sich der für ihn wichtige Gegensatz
von Produktionsverhältnissen und Produktivkräften
leicht dergestalt auffassen, dass Erstere umgewälzt
werden müssen, um Letzteren freie Bahn zu schaffen.
Produktivkräfte aber äußern sich wesentlich technisch, sodass der Technik für die Höherentwicklung
und Befreiung der menschlichen Gattung entscheidende Bedeutung zukommt. In diesem besagten Gegensatz versteckt sich jener zwischen Technik und Ökonomie, auf den der spätere ideologische
Kontrahent von Marx, Friedrich August v. Hayek,
hinwies, um die Technik in die ökonomischen
Schranken zu weisen.2 Hayek mag dabei nicht nur
Marx vor Augen gehabt haben, sondern auch die
Bewegung der Technokraten, wie sie in den usa am
Beginn des 20. Jahrhunderts auftrat und ihr ideologisches Manifest in Thorsten Veblens Schrift „The
Engineers and the Price System“ (1921) fand. 3 Darin
drückt sich nicht nur der Hass von Veblen auf das
Finanzkapital aus, sondern er fordert darüber
hinaus einen „Soviet of Engineers“, der die Lenkung
der Gesellschaft übernehmen sollte. Der Herrschaftsanspruch der Ingenieure gründete sich auf
die angeblich neutrale technische Rationalität gegen
die ökonomische Irrationalität, die, wie es der
Ingenieur Frederik Winslow Taylor formulierte, nur
einen besten Weg kenne, über den nicht diskutiert
und über den nicht abzustimmen sei. Es wundert
somit wenig, dass die Bewegung der Technokraten
deutlich despotische Züge aufwies.
Der Drang, die Welt zu verändern, d. h. sie technisch
zu verbessern, steht unter dem dauernden Appell zur
Innovation. Dies ist die Ethik des Ingenieurs, sein
kategorischer Imperativ, wenn er hierbei auch selten
autonom handelt, zumeist verändert er die Welt
im Auftrag anderer. Die Aufgabe des Ingenieurs ist
es, etwas zu realisieren, was nicht vorfindbar war.
Die Welt, mit den Augen des Ingenieurs gesehen,
ist unvollkommen hinsichtlich der menschlichen
Bedürfnisse, gleichzeitig aber ein Reservoir an
Mitteln und Kräften, aus dem zu schöpfen ist. Im
mentalen Prozess des Konstruierens wird nicht
nur ein technisches Objekt antizipiert, es wird auch
seine Wirkung in der Welt vorweggenommen.
8|9
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 8
283
Jedes technische Objekt entfaltet sich in einer
Welt anderer technischer Objekte, die es in seinem
Funktionieren unterstützen oder erst möglich
machen. Die sich ausbreitenden technischen Netzwerke (wie z. B. Stromnetze, Straßen, Schienenwege, Informationsnetze mit all ihren notwendigen
Gerätschaften) legen gleichsam über die geografische Welt eine neue Schicht, die man als technisch bestimmte Lebenswelt bezeichnen kann. Wir
oszillieren zwischen diesen Schichten, denn einerseits lässt sich die dynamische Expansion der technisierten Welt schwerlich zu einem Halt bringen,
andererseits wollen wir nach Tunlichkeit die andere, die „natürliche“ Welt erhalten. Der daraus entstehende Konflikt ist alt und wird wiederum unter
technischen Gesichtspunkten behandelbar, nämlich unter ökologischen. Es sei daran erinnert, dass
schon Anfang des 20. Jahrhunderts Ingenieure
Kongresse über Luftverschmutzung abgehalten
haben. Was sie allerdings nicht daran gehindert hat
vorzuschlagen, Wasserfälle für Kraftwerke zu nutzen und dementsprechend versiegen zu lassen.
Der große Pionier des Wechselstroms in den usa,
Charles Proteus Steinmetz, schlug 1922 vor, die
Niagarafälle für den Betrieb eines Kraftwerks zu
nutzen und nur sonntags zur Erbauung der amerikanischen Hochzeitsreisenden die alten Fälle
wieder „in Betrieb“ zu nehmen.
Wasser ist ein gutes Stichwort, um das respektable Alter des technischen Weltveränderungswillens
hervorzuheben. Die Nutzbarmachung des Feuers
wird bekanntlich mythologisch als Raub überhöht,
den der Titan Prometheus an den Göttern beging,
um den Menschen als Kulturstifter dienlich zu sein.
Die nicht minder wichtige Kulturtechnik der Bewässerung hat nicht diese Aufmerksamkeit erfahren.
Und doch stellt sie eine Innovation dar, die schwerlich überschätzt werden kann. Als in sehr fernen
Zeiten die Bewohner von den Bergen im Norden des
heutigen Irak in die Alluvialebene zwischen Euphrat
und Tigris herabstiegen, brachten sie zwei wesentliche Kulturpflanzen mit, Gerste und Weizen, die
in der Ebene nicht heimisch waren, deren Weiterzüchtung aber mithilfe einer Bewässerungstechnik
die Ernteerträge beträchtlich steigen ließ. Die hortikulturellen und wassertechnischen Kenntnisse
schufen damit die materielle Grundlage einer Zivilisation, von deren Errungenschaften wir heute noch
zehren.
Die frühesten Anzeichen für eine Bewässerung
in Mesopotamien, die nicht nur auf der Nutzung
der natürlichen Überflutung, sondern auch auf künstlichen Kanälen beruhte, finden sich zwischen 5500
und 5000 v. Chr. Da die Herstellung der Kanäle eine
beträchtliche Arbeitszeit erforderte, finden sie sich
in der Nähe größerer Ansiedlungen, die wiederum
auf ein egalitäres Dorf/Sippe-Mischsystem schließen
Der Ingenieur als Kulturtechniker
10.10.11 11:48
1 Karl Marx: Thesen über
Feuerbach, Marx Engels
Werke, Band 3, Berlin:
Dietz 1969, S. 7.
2 Vor allem in: Mißbrauch
und Verfall der Vernunft,
1959.
3 Vgl. Stefan Willeke: Die
Technokratiebewegung
in Nordamerika und
Deutschland zwischen
den Weltkriegen. Eine vergleichende Analyse, Frankfurt am Main: Lang 1995.
4 Für das Folgende vgl.
Michael Mann: Geschichte der Macht. Von den Anfängen bis zur Griechischen Antike, Frankfurt:
Campus 1994, S. 135 ff.
5 Karl Wittfogel: Die
orientalische Despotie.
Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht,
Frankfurt: Ullstein 1977,
S. 25.
6 Für das Folgende vgl.
T. J. Wilkinson, Jason Ur,
Eleanor Barbanes
Wilkinson, Mark Altaweel:
Landscape and Settlement
in the Neo-Assyrian
Empire, Bulletin of the
American Schools of
Oriental Research,
No. 340 (2005), S. 23 – 56.
lassen, d. h. der Schritt zu künstlicher Bewässerung
erfolgte von einer weitgehend egalitären Basis aus.4
Diese materielle Kulturtechnik ist also zunächst
weitgehend eine Erfindung der Gemeinschaft selbst,
wobei sich aber eine zentrale Autorität bei der
Durchführung solcher Bewässerungsvorhaben zunehmend als nützlich erwies.
Die akkumulierten Überschüsse machten
größere Ansiedlungen möglich, die schließlich zur
Urbanisierung zwischen 3900 und 3400 v. u. Z. führten. In diesen Städten entstanden Institutionen, die
einerseits von den agrarischen Überschüssen lebten,
andererseits die weitere Steigerung der Produktivität organisierten. Es entstanden Wasserbaubürokratien, die nunmehr auch wegen der Größe
der Vorhaben zu neuen Organisationsformen übergingen, die die Planung und Leitung der Bauvorhaben aus den Händen der früheren, wohl irgendwie gemeinschaftlich organisierten Arbeiter
nahmen und sie Leuten überantwortete, die man
als frühe Ingenieure bezeichnen könnte. Diese
übernahmen nun im Dienste der zentralen Autoritäten Planung und Kontrolle der Ausführung der
Bewässerungsbauten. Die Flüsse wurden leichter
schiffbar, nachdem Bewässerungskanäle ihren
Verlauf regulierten, und schufen somit Kommunikationskanäle für die weitere Umgebung.
Mit ihren verschiedenen
Wehranlagen spiegeln sich
in der niederländischen
Vesting Bourtange technologische Neuerungen
mehrerer Jahrhunderte.
Die Bewässerungskultur erlaubte die Freisetzung
von Arbeitskräften auch für andere Tätigkeiten,
so für die Produktion von Textilien, die im Fernhandel gegen Rohstoffe eingetauscht werden konnten,
die man im Schwemmland zwischen Euphrat
und Tigris nicht vorfand. Der Fernhandel wiederum
beförderte die Staatenbildung.
Der wachsende Überschuss machte es möglich,
dass sich die begüterten Familien ganz oder teilweise aus der unmittelbaren Produktion zurückzogen und im Handwerk, im Handel oder offiziellen
Positionen tätig wurden. Auf ihren ursprünglichen
Platz rückten „abhängige Arbeiter“ nach und in
viel geringerer Anzahl Sklaven. Das hatte naturgemäß eine soziale Schichtenbildung und die Ausprägung von Besitzunterschieden zur Folge. Soziale
Schichtungen und zahlreichere Bevölkerung verlangen nach reglementierten Beziehungen, die eine
zentrale Autorität einrichtet und aufrechterhält.
Im Falle Mesopotamiens war das eine starke Priesterschaft, die sich in der Organisationsform des
Tempels ausprägte. Die Priesterschaft, über den
lokalen Interessen stehend, übernahm die Organisation der Bewässerung, d. h. Ausbau und Aufrechterhaltung der materiellen Infrastruktur und Verteilung des Wassers. In der sich darüber hinaus
ausbildenden redistributiven Gesellschaft zog der
Tempel materielle Mittel an sich, die er in ausgeklügelter Weise wieder verteilte, um seine eigenen
und die Bedürfnisse der Gesellschaft zu bedienen.
Er figurierte damit als Haushalt und wurde zum
Vorbild auch für private Haushalte. Diese Funktion
verlangte nach einem Aufzeichnungssystem, das
auch kalkulative Aufgaben übernehmen konnte,
also für die Planung von Unternehmen die grundlegende Verteilung der Ressourcen zu steuern und
zu kontrollieren.
Mit dem Übergang zur Verstädterung geht auch
ein Wandel von einer hydroagrarischen zu einer
hydraulischen Kultur einher, eine Unterscheidung,
die Karl Wittfogel in seinem berühmten und umstrittenen Buch über die orientalische Despotie
getroffen hatte. Er nennt eine Landwirtschaft,
die auf lokal begrenzter Bewässerung beruht, eine
„Hydroagrikultur“, während eine Landwirtschaft,
die auf großen, staatlich geregelten Wasserbauten
beruht, eine „hydraulische“ Agrikultur ist, die
eine entscheidende Rolle der institutionellen Herrschaft impliziert und den agrarmanagerialen
und agrarbürokratischen Charakter dieser Kulturen
andeutet.5 Hand in Hand mit diesen Bürokratien
arbeiteten die technischen Experten für die
Wasserbauten.
In der neoassyrischen Periode erreichten die Städte
eine bis dahin nicht gekannte Größe, die genutzten landwirtschaftlichen Flächen dehnten sich aus,
das Straßennetz wurde verbessert und Bewässerungssysteme wurden sowohl für die Landwirtschaft als auch für die Bewässerung von Gärten und
Parks errichtet.6 Das neoassyrische Reich hatte am
Gipfel seiner Macht im 8. und 7. Jahrhundert v. u. Z.
eine Ausdehnung und Stärke erreicht, die bis dahin
unbekannt war. Die Ausdehnung des Herrschaftsbereichs über weite Gebiete erfordert den Einsatz
beträchtlicher Kräfte, um das Gebiet tatsächlich
effektiv kontrollieren zu können. Dafür wurden
respektable Anstrengungen unternommen, welche
die soziale Landschaft durch die Anpassung alter
ökonomischer Infrastrukturen und die Schaffung
gänzlich neuer umgestalteten, um einerseits die
Kontrolle zu erhalten und gleichzeitig die agrikulturelle Produktivität zu sichern. Das Anlegen von
Wasserkanälen spielte hierbei eine entscheidende
Rolle, sie dienten sowohl der Bewässerung, dem
Schutz vor Überflutungen bei Hochwasser und dem
Schiffstransport. Oft, wie im Fall von Ninive und
Nimrud sowie anderen provinziellen Zentren,
wurden sie um die Städte herum angelegt. Ninive
war die letzte Hauptstadt des Assyrerreichs vor
seinem Zusammenbruch. Sie wurde vom Herrscher
Sennacherib (704 – 681 v. u. Z.) zur Hauptstadt
Der Ingenieur als Kulturtechniker
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 9
10.10.11 11:48
bestimmt und von ihm von 150 ha auf 750 ha
erweitert, eine bis zu ihrer Zerstörung 612 v. u. Z.
unerhörte Größe für eine Stadt. Insofern das Land
von der Stadt aus und bezogen auf die Stadt umgestaltet wurde, schuf man eine Kulturlandschaft,
verwandelte die geografischen Gegebenheiten
mittels Ingenieurtätigkeit in eine Landschaft, die
zugleich herrschaftliche Zeichen trug. Gerade
das Netzwerk der Kanäle wurde von den Königen
selbst als große Ingenieurleistung betrachtet,
die sie eifrig in Inschriften für ihre Propaganda
nutzten. In diesen Inschriften reklamieren die
Könige auch diese Leistungen für sich.
Die ausgedehntesten Kanäle wurden in enger
Verbindung mit der Schaffung neuer Hauptstädte
geschaffen. Das gilt für König Ashurnasirpal II. und
seine neue Hauptstadt Nimrud, für Kohorsabad,
der folgenden Hauptstadt des Königs Sargon. Der
ambitionierteste Kanalbauer war Sennacherib.
Er erklärte Ninive zur neuen Hauptstadt und unternahm enorme Anstrengungen, die Stadt zu vergrößern und prachtvoll auszugestalten. Sein Kanalbauprogramm lief in vier sich steigernden Etappen
ab, die über 15 Jahre in Anspruch nahmen. Den
Beginn machte der 13,4 km lange Kisiri-Kanal hinter
Ninive und das Programm kulminierte im KhinisKanalsystem, das sich über 100 km ausdehnte.
Die Kanäle wurden von Flusswasser, aber auch
von Quellen gespeist, deren Öffnung oft zu Reservoirs erweitert wurden. Die Größe der Kanäle war
abhängig von der Wassermenge, die sie aufnehmen
sollten, wie von der Beschaffenheit des Terrains.
So war etwa der Kanal an seinem Anfang in Khinis
6 m breit und 2 m tief. Auf seinem Weg nach Ninive
nahm er Wasser von Quellen und kleineren Zuflüssen
auf und seine Breite dehnte sich auf 19 bis 22 m aus,
während seine Tiefe gleichblieb. Die Verläufe der
kleineren assyrischen Kanäle wurden fast ausschließlich von der Topografie bestimmt, indem sie sich
den Erhebungen eher anpassten als durch sie hindurch oder mit Aquädukten über sie hinweg geführt
wurden. Soweit es die archäologischen Befunde
zulassen, lässt sich meistens ein Gefälle von 1 m auf
1 km Kanallänge annehmen.
Die solche Kanalnetzwerke entwerfenden
Ingenieure mussten über ein gediegenes Wissen
in Topografie und Hydrografie verfügen sowie
das lokale und regionale Klima kennen. Darüber
hinaus mussten Kalkulationen über den Einsatz
der Arbeitskräfte und der Menge der zur Verfügung
gestellten Nahrungsmittel angestellt werden, Fertigkeiten, über die man in den mesopotamischen
Tempelverwaltungen seit Langem verfügte. Solche
Kalkulationen haben wiederum gewisse buchhalterische Aufzeichnungstechniken zur Voraussetzung, aus denen um 3100 v. u. Z. die Schrift entstanden ist. Rechenmethoden entwickelten sich notgedrungen parallel. Man hat die Bürokratien, die
diese Fertigkeiten, allesamt intellektuelle Kulturtechniken, die unsere technische Zivilisation
geformt haben, in eine enge Nähe zu den Bewässerungsbauten gebracht und sie darum auch Wasser-
10 | 11
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 10
283
baubürokratien genannt. Sie entstehen mit dem
Aufkommen zentraler Mächte, die sich in den Institutionen des Tempels und des Palastes ausprägten und die zum Großinvestor für solche Bauvorhaben aufstiegen, die von den Dorfgemeinschaften
nicht mehr bewältigbar waren. In diesem Milieu
können wir auch die Geburt des technischen
Experten ansiedeln, der nicht mehr dem handwerklichen Bereich, sondern dem der Planung und
Aufsicht verpflichtet ist.
Dieser technische Experte wird von den Königen zu Arbeiten verpflichtet, die diese als Schöpfer
künstlicher Landschaften ideologisch verklären.
Königliche Gärten in und um die Hauptstädte,
bewässert von den Kanälen und bepflanzt mit für
diese Gegenden exotischen Pflanzen, sollten
die Macht der Könige, Landschaften nach ihrem Belieben zu formen, unter Beweis stellen. So wird
berichtet, dass jener König, dem die größten technischen Ambitionen nachgesagt werden, Sennareachib, in Ninive einen Park hinter den Stadtmauern
einrichtete, der die Wälder Anatoliens simulierte.
Die Wasser des Khosr-Flusses verwendete er, um
ein babylonisches Marschland mit Schilf und Schweinen zu schaffen. Auch hat man behauptet, dass
seine durch Kanäle bewässerten Gärten die eigentlichen Hängenden Gärten gewesen seien, die Herodot irrtümlicherweise nach Babylon verlegt hatte.
Babylon war das Vorbild für das Assyrerreich, und
dessen Könige suchten es offensichtlich noch zu
übertreffen, indem sie größere Städte gründeten
und diese mit gut bewässerten Feldern und Gärten
umgaben.
Die ideologische Funktion der ausgedehnten
Kanalbauten wird auch mit der assyrischen Siedlungspolitik erklärbar, die viele ländliche Bewohner
Assyriens von ganz anderen Gegenden hierher brachte, und für diese mehrheitlichen Bauern mochten
die Kanäle ein weithin sichtbares Symbol für die
Macht des Herrschers darstellen, der damit bewies,
dass er Landschaften durch die Bewegung von
Flüssen neu schaffen konnte. Die wesentliche Funktion der Kanäle war aber nach wie vor ökonomischer
Natur. Von den damit erhöhten agrarischen Erträgen
lebten schließlich das Reich und seine Elite. Was
allerdings die geschickten Ingenieure dieser Zeit
nicht verhindern konnten, war die zunehmende Versalzung des Bodens, verursacht durch die Bewässerungskanäle.
Wittfogel bemerkte, dass die Fertigkeiten der
Wasserbauingenieure auch für den Bau der Stadtbefestigungen anwendbar waren. Babylon hatte
eine in der Antike berühmte Befestigung und auch
andere mesopotamische Städte verfügten über
schützende Mauern. Die Städte als Zentren der Macht
und des Reichtums fühlten sich bis in die Neuzeit
nur hinter starken Mauern geborgen. Im Zeitalter
des europäischen Absolutismus wird man, vorzüglich in Frankreich, aus der Befestigungskunst eine
„Wissenschaft“ machen, die auch das regelrechte
Belagern solcher befestigter Städte umfasst. Beide
Aufgaben übernimmt der Ingenieur als Militär-
Der Ingenieur als Kulturtechniker
10.10.11 11:48
Der Suezkanal – eine
beeindruckende Ingenieurleistung – verbindet
seit der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts das Mittelmeer mit dem Roten
Meer und brachte damit
eine maßgebliche Verkürzung von Handelswegen.
architekt, und beide Aufgaben verlangen Kenntnisse und Fertigkeiten, wie sie beim mesopotamischen
Kanalbau gefragt waren. In Friedenszeiten legten
die Ingenieure für ihre fürstlichen Auftraggeber
gelegentlich barocke Gärten an, auch hier handelt
es sich schließlich um die Zurichtung des Erdbodens in durchaus künstlicher Manier. Lange vor
dem eigentlichen Maschinenbau hatte der Ingenieur die Verantwortung übernommen oder wurde
dafür verantwortlich gemacht, die Welt neu nach
gewissen menschlichen Bedürfnissen zu formen.
Damit wurde er zum Beförderer eines Prozesses,
der sich als irreversibel erweist. Man kann das ein
zivilisatorisches Verhängnis nennen, für das der
Ingenieur zu verdammen wäre – wäre er doch nicht
wesentlich immer nur dienstbarer Geist gewesen.
Oder dafür gehalten worden, was nicht ganz dasselbe ist. Und natürlich lässt sich das interpretieren,
man sollte hierbei aber so verständnisvoll wie
möglich verfahren. N
Der Ingenieur als Kulturtechniker
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 11
10.10.11 15:58
Technikfolgenabschätzung | Wissen zum verantwortungsbewussten Umgang
mit neuen Technologien
Walter Peissl
Studium der Betriebswirtschaftslehre und Soziologie
an der Universität Graz.
Seit 1988 am Institut für
Technikfolgen-Abschätzung
(ITA) der Österreichischen
Akademie der Wissenschaften. Stv. Direktor des ITA.
12 | 13
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 12
283
In Zeiten großer Katastrophen wie Fukushima und
großer Unsicherheit wie in der derzeitigen Finanzkrise fragen sich viele: „Welche Auswirkungen haben
neue Technologien auf unser Leben?“ oder „Was
kann, darf, soll Technik?“ Es bedarf aber nicht nur
großer, die Sicherheit von Menschen und die Umwelt bedrohender Katastrophen, um sich diese
Fragen zu stellen. Eine Vielzahl neuer Technologien
beeinflusst unser Leben, macht es bequemer,
leichter, manchmal aber auch komplizierter und
unsicherer. Der verantwortungsbewusste Umgang
mit neuen Technologien setzt voraus zu wissen,
wer wofür Verantwortung übernehmen soll; wer die
Akteure im Spiel technischer und sozialer Innovation sind, und dann zu fragen, um welche Folgen es
denn konkret geht.
Gesamtgesellschaftlich betrachtet entsteht Innovation im Zusammenspiel von Wissenschaft
und Technik auf einer Seite, wirtschaftlicher Realisierung und politisch rechtlicher Regulierung an
den anderen Eckpunkten. Die Rollen und damit die
Verantwortlichkeiten sind natürlich nicht in jedem
Innovationsprozess gleich verteilt. Aus dem Bereich
Wissenschaft und Technik kommen in der Regel
Ideen und Ansätze für neue, größere Innovationsschübe. Die Wirtschaft wiederum hat meist einen
gewichtigen Anteil an der inkrementellen Weiterentwicklung von Prozessen, Produkten und Dienstleistungen sowie an deren marktmäßiger Verbreitung. Die politisch-rechtliche Regulierung wiederum setzt den Rahmen für Innovationen.
Welche Folgen?
Im Bereich der Folgen begibt man sich auf unsicheres Terrain. Einerseits betreffen Einschätzungen
und Voraussagen über mögliche Folgen des Einsatzes neuer Technologien die Zukunft und sind demnach unsicher, andererseits sind auch die Dimensionen, in denen Folgen auftreten können, sehr
breit gestreut und in ihrer Interaktion sehr komplex.
Dennoch wird im Rahmen der Technikfolgenabschätzung (ta) versucht, genau dazu einen Beitrag zu
leisten. Technology Assessment, so die englische
Bezeichnung für ta, ist ein interdisziplinärer wissenschaftlicher Ansatz, der Interdependenzen von
Technik und Gesellschaft analysieren, Abhängigkeiten und vor allem auch Gestaltungsmöglichkeiten
aufzeigen und so zu einer wissenschaftlich basierten,
rationalen Entscheidungsfindung beitragen kann.
Das Konzept der Technikfolgenabschätzung geht
auf Entwicklungen in den frühen Siebzigerjahren in
den usa zurück und hat sich im Laufe der letzten
vier Dezennien zu einem ausdifferenzierten Konzept
der wissenschaftlichen Politikberatung entwickelt.
In Europa und den usa gibt es derzeit 18 parlamentarische ta-Einrichtungen oder wissenschaftliche
Einrichtungen, die für die jeweiligen regionalen
oder nationalen Parlamente und auch für das Europaparlament arbeiten.1 In einem großen, von der
eu geförderten Forschungsprojekt namens pacita
(Parliaments and Civil Society in Technology
Assessment),2 an dem auch das Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ita)3 beteiligt ist, wird gerade
daran gearbeitet, in weiteren europäischen Staaten
die Rahmenbedingungen zur Etablierung derartiger Institutionen auszuloten und deren Gründung
zu befördern.
In Österreich besteht seit 1988 eine eigenständige Forschungseinheit für Technikfolgenabschätzung an der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften. Das Institut für TechnikfolgenAbschätzung (ita) beschäftigt sich in vier Arbeitsschwerpunkten unter anderem mit Entwicklungen
im Bereich „Informationsgesellschaft“, hier insbesonders mit Fragen der Gestaltung von e-Governance. Damit ist vor allem die elektronische Unterstützung hoheitlicher Aufgaben im Front- und Backofficebereich sowie die elektronisch unterstützte
Partizipation (e-democracy und e-participation)
gemeint. Ein weiteres Untersuchungsfeld betrifft
Fragen der Privatsphäre. Hier werden grundsätzliche
Fragen nach dem Wert des Privaten gestellt und
Gestaltungsoptionen erarbeitet, wie wir das Grundrecht auf Privatsphäre auch in hoch vernetzten
Gesellschaften bewahren können. Stichworte dazu
sind etwa Privacy by Design und Privacy Enhancing
Technologies. In einem dritten Bereich wird der
Frage nachgegangen, wie sich wissenschaftliches
Arbeiten durch Technologien des Web 2.0 verändert
hat. Im Arbeitsschwerpunkt „Technik und Nachhaltigkeit“ werden nicht nur die möglichen Folgen von
Technik in Bezug auf Nachhaltigkeitskriterien, wie
etwa Generationengerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit, Risikovermeidung (Vorsorgeprinzip), Ressourcenschonung und die umfassende Einbeziehung
der Bevölkerung in politische Entscheidungsprozesse, erforscht, sondern auch nach den Bedingungen,
unter denen Technik einen Beitrag zu nachhaltiger
Entwicklung leisten kann, gefragt. Der Arbeitsschwerpunkt „Governance von Technikkontroversen“
setzt sich analytisch mit Fragen der Entstehung und
Dynamik von gesellschaftlichen Technikkontroversen auseinander und stellt Erfahrungen aus der Biotechnologiedebatte in Beziehung zu neuen Wissenschaftsbereichen wie System-Biologie, synthetische
Biologie und Nanotechnologie. Neben diesen inhaltlichen Arbeitsschwerpunkten beschäftigt sich
das ita auch mit der methodischen Weiterentwicklung im Bereich der Technikfolgenabschätzung.
Smart Grid, Smart Meter – wirklich alle so smart?
Im Folgenden soll an einem konkreten Beispiel
erläutert werden, wie Technikfolgenabschätzung
gemacht wird, was etwaige Ergebnisse sein können
Technikfolgenabschätzung
10.10.11 11:48
1 Diese sind in epta
(www.eptanetwork.org)
zusammengeschlossen.
2 www.pacitaproject.eu
3 www.oeaw.ac.at/ita
4 Europäisches Parlament,
2006, Richtlinie 2006/32/
EG des Europäischen
Parlaments und des Rates
vom 5. April 2006 über
Endenergieeffizienz und
Energiedienstleistungen
und zur Aufhebung der
Richtlinie 93/76/ewg
des Rates: Amtsblatt der
Europäischen Union
und nicht zuletzt welche Folgen die Folgenabschätzung haben kann.
Im Zuge der Diskussionen um Klimawandel,
co2-Reduktion und nachhaltige Energienutzung
wurde von der Europäischen Kommission unter
anderem die Energieeffizienz-Richtlinie 2006/32/eg
erlassen, die Energieeinsparungsziele für die
einzelnen Mitgliedsstaaten definiert und auch die
Haushalte zu einer sparsamen Energienutzung
befähigen und anleiten soll. In dieser Richtlinie
wird in Artikel 13 über die „Erfassung und informative Abrechnung des Energieverbrauchs“ festgelegt, „dass, soweit es technisch machbar, finanziell
vertretbar und im Vergleich zu den potenziellen
Energieeinsparungen angemessen ist, ... die
Mitgliedsstaaten sicher(stellen), dass alle Endkunden in den Bereichen Strom, Erdgas, Fernheizung
und/oder -kühlung und Warmbrauchwasser individuelle Zähler zu wettbewerbsorientierten Preisen
erhalten, die den tatsächlichen Energieverbrauch
des Endkunden und die tatsächliche Nutzungszeit
widerspiegeln“.4 Damit wird der Einsatz sogenannter Smart Meter vorgeschrieben. Dabei handelt es
sich um einen Technologieschub größter Ordnung
– werden doch jahrzehntelang genutzte und bewährte analoge sogenannte Ferraris-Zähler durch
digitale Smart Meter ersetzt.
Das ita beschäftigt sich derzeit in zwei Projekten mit verschiedenen Aspekten dieser Technologie.
Auf der Systemebene des zukünftigen Smart Grid
hat automatisiertes Lastmanagement das Potenzial,
sich zu einer Schlüsseltechnologie für das Einhalten
der Leistungsbalance von Verbrauch und Erzeugung
in Energiesystemen mit einer hohen Dichte an
erneuerbarer Erzeugung zu entwickeln. Im Projekt
„Smart Response – Demand Response for Austrian
Smart Grids“ wird das Problem fehlender Umsetzungen in Österreich durch eine interdisziplinäre
Betrachtung des Phänomens „Lastmanagement“
hinsichtlich technischer, sozialer, ökonomischer
und ökologischer Aspekte analysiert. Denn nur wenn
alle entscheidenden Dimensionen von Demand
Response (Technik, Ökonomie, Ökologie und Nutzerperspektive) beachtet werden, ist eine Gesamtbeurteilung möglich. Das Projekt hat daher zum Ziel, eine
umfassende und interdisziplinäre Wissensbasis in
diesem Bereich zu erarbeiten. Die Untersuchung
technischer Anwendungen, der Benutzerakzeptanz,
des Datenschutzes und der co2-Reduktion stehen
im Zentrum. Das Projekt soll eine strategische Entscheidungshilfe bieten, in welcher Weise verbraucherseitiges Energiemanagement im Zeithorizont
2020 sinnvoll einsetzbar ist. Methodisch wird dabei
die Szenario-Methode angewandt, mit deren Hilfe
unterschiedliche Energiemanagement-Szenarien
für Österreich quantifiziert und verglichen werden,
um auf diese Weise zu einer Entscheidungsgrundlage zu gelangen, in welche Richtung verbraucherseitiges Energiemanagement weiterentwickelt
werden soll.
Im zweiten Projekt „Smart New World? – Schlüsselfaktoren für einen gerechtfertigten und akzeptablen Einsatz von intelligenten Stromzählern“ wird
vor allem der Nutzerperspektive Raum gegeben.
Smart Metering wird oft als geeignetes Instrument
gesehen, um einen nachhaltigen Umgang mit
Energie zu forcieren, indem es Konsumenten dazu
befähigt, ihren Verbrauch besser zu beurteilen und
dadurch co2-Einsparungen erzielen zu können.
Bislang wurde vor allem die Frage der technischen
und wirtschaftlichen Machbarkeit diskutiert,
während die Sicht der Konsumenten vernachlässigt
wurde. Nach wie vor gibt es eine Reihe ungeklärter
Fragen, wie etwa die Verteilung der Investitionskosten, einheitliche Standards, unüberschaubare
individualisierte Tarife oder mögliche soziale Ungerechtigkeiten, falls beispielsweise billige Tarife nur
zu bestimmten Zeiten verfügbar sind. Vor allem aber
die Frage des Datenschutzes und der Privatsphäre
sind von besonderem Interesse, weil mit Smart
Metering die Möglichkeit der Überwachung unseres
Verhaltens zu Hause besteht. Eine flächendeckende
Einführung von Smart Metering bedeutet auch
nicht automatisch eine erfolgreiche Diffusion von
Effizienztechnologie in Haushalten. Erst die sozialverträgliche Gestaltung der Smart-Meter-Technologie, orientiert an den Bedürfnissen der Nutzer, wird
zu einer entsprechenden Akzeptanz und Annahme
in der Bevölkerung führen. Smart Metering könnte in
dieser Form einen nachhaltigen Energiekonsum
fördern. Ziel des Projekts ist es, Szenarien für eine
im Sinne der diesbezüglichen EU-Richtlinie gerechtfertigte, erfolgreiche und akzeptable Einführung
von intelligenten Stromzählern in einem partizipativen Prozess unter Einbindung verschiedener
Stakeholdergruppen zu entwickeln. Methodisch
wird hier neben der Literatur- und Dokumentenanalyse, Experteninterviews vor allem auf Laienbeteiligung in Fokusgruppen und Beteiligung von
Interessenvertretungen in Stakeholderworkshops
gesetzt. Ergebnisse des Projekts werden konkrete
Anforderungen an Netzbetreiber, Energieversorger
und Regulierungsstellen in Bezug auf die Einführung und Änderungen des Designs von intelligenten
Stromzählern und Politikempfehlungen sein.
Die Diskussionen um die Wirkungen von Smart
Meter kreisen um verschiedene Themenbereiche:
_ die ökologische Wirkung: Können Energieeinsparungen durch bewussten Energiekonsum aufgrund
tagesaktueller Darstellung des Energieverbrauchs
tatsächlich erzielt werden? Und, wenn ja, wie hoch
können diese sein?
_ gesamtwirtschaftliche Auswirkungen: Wie hoch
sind die Kosten der Implementierung, wer trägt diese
und was ergibt sich aus der Gegenüberstellung zu
erzielbaren Einsparungen?
_ datenschutzrechtliche Aspekte: Durch die engmaschigen Aufzeichnungen des Energieverbrauchs
wird die Überwachung von Privathaushalten und
deren Verhalten möglich.
_ und nicht zuletzt Fragen der it-Security: Durch die
Ersetzung analoger durch digitale Messgeräte eröffnet sich nicht nur ein, sondern Millionen Einfallstore für Cyberkriminelle, die über die Smart Meter
auf Netze der Energieversorgung und damit auf
kritische Infrastrukturen zugreifen können.
Technikfolgenabschätzung
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 13
10.10.11 11:48
Infrastrukturnetze
durchdringen den Alltag
und spannen eine artifizielle Ebene über die
natürliche Landschaft.
14 | 15
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 14
283
Besondere Aufmerksamkeit widmet die ta den
sogenannten nichtintendierten Nebenfolgen. Aufgabe der Technikfolgenabschätzung in diesem
Zusammenhang ist es zum Beispiel aufzuzeigen,
dass neben den mehr oder minder öffentlich geführten Diskursen über ökologische Sinnhaftigkeit
und ökonomische Leistbarkeit noch andere Felder
eine Reihe offener Fragen bereithalten. So ist insbesondere die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre nicht nur rein datenschutzrechtlich abzuhandeln, was mit Freiwilligkeit der Nutzung, entsprechenden Zustimmungserklärungen oder einer
gesetzlichen Regelung relativ leicht möglich wäre.
Vielmehr ist weitergehend zu fragen, inwieweit
übergeordnete Ziele wie Energieeinsparungen,
co2-Reduktion et cetera die grundrechtlich abgesicherte und sowohl demokratiepolitisch wie auch
psychologisch notwendige Privatsphäre beschränken dürfen. Technikfolgenabschätzung kann
hier einerseits mit der Diskussion grundsätzlicher
Fragen, andererseits aber auch mit konkreten
Gestaltungsvorschlägen, wie etwa konkreten Anleitungen zur maximalen Frequenz der Ablesungen,
der Anonymisierung von Daten oder noch besser
der Nutzung von nichtindividuellen Daten (Nutzungsdaten auf Transformatoren- statt Haushaltsebene), einen Beitrag zu einer sozialverträglichen
Gestaltung dieser neuen Technologie leisten.
Auch das Thema „it-Security und kritische Infrastrukturen“ wurde in der Debatte um Smart Meter
bisher zu wenig berücksichtigt. Angesichts der möglichen Bedrohung erscheint es hier angebracht, eine
breite gesellschaftliche Diskussion anzuregen und
die letztendlichen Entscheidungen über den Einsatz
derartiger neuer Technologien nicht ausschließlich
den involvierten Interessenvertretern der erzeugenden Industrie und der anwendenden Energieversorgungsunternehmen zu überlassen. Die Einbeziehung von Laienperspektive und Nutzerinteressen
kann im Rahmen von partizipativen Technikfolgenabschätzungen erfolgen und den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik hilfreiche Hinweise
zur sozialverträglichen Systemgestaltung liefern.
An diesen konkreten Projekten werden allerdings
auch einige Schwachpunkte der ta deutlich. Wissenschaft und Politik haben oft unterschiedlich lange
Zeithorizonte. Während die Politik meist relativ kurzfristig Lösungen zur Hand haben will, benötigt
die wissenschaftliche Analyse tendenziell mehr Zeit.
Dazu kommt, dass politische Agenda und wissenschaftliches Förderwesen selten koordiniert sind.
Dieses Dilemma kann besser gelöst werden, je näher
die ta-Institution den politischen Entscheidungsträgern ist. Ist, wie etwa im Deutschen Bundestag, das
Entscheidungsgremium selbst der Auftraggeber,
vereinfacht sich nicht nur das Timing, es erhöht sich
auch die politische Verbindlichkeit der Nutzung
und gegebenenfalls Umsetzung der Ergebnisse von
Studien. Ein Zustand, der in Österreich noch nicht
erreicht ist. Eine wesentliche Aufgabe der ta in
Österreich wird sein, nähere Kontakte zur nationalen Politik zu etablieren, ohne jedoch wissenschaftliche Freiheit einzubüßen. N
Technikfolgenabschätzung
10.10.11 11:48
Technologie als Chance – Verantwortung für die Zukunft |
Eine reflexive Betrachtung der Alpbacher Technologiegespräche 2011
Erich Gornik
Geboren 1944 in Krumau,
Tschechische Republik.
Studium der Technischen
Physik an der TU Wien,
Vizepräsident des Europäischen Forum Alpbach
und Institut für Festkörperelektronik der TU Wien
Die Wissenschaft ist seit 50 Jahren globalisiert, die
Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung stehen
damit der gesamten Menschheit zur Verfügung. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht patentierbar
und damit zu einem wesentlichen Teil vor direkter
kommerzieller Auswertung geschützt. Allerdings
sind die Innovationen, die aus neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen folgen, in Patente umsetzbar,
und diese sind dann individuell verwertbar.
Daraus lässt sich vordergründig folgern, dass die
Wissenschaft Wegbereiter einer gerechteren Welt
sein sollte. Jede Gesellschaft kann aus dem Wissenspool schöpfen und durch Innovation seine Volkswirtschaft stärken. Wir leben heute in der sogenannten Wissensgesellschaft. In den hoch entwickelten
Ländern wird bereits ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung von neuen Erkenntnissen aus Forschung
und Wissenschaft bestimmt. Neue Technologien
werden mit immer höherer Geschwindigkeit in Produkte umgesetzt. Die breiten Massen nehmen die
Segnungen dieser Entwicklung weltweit gerne an.
Gleichzeitig steigen die Skepsis und die Ablehnung
gegenüber dieser Technologie stark an, auch bei
jenen Gruppen, die sie ausgiebig verwenden.
Diese Entwicklungen führen allerdings auch zu
starken Verwerfungen: Die durch Forschung und
Technologie erzeugten Produktivitätssteigerungen
kommen leider nur der entwickelten Welt zugute.
Der Unterschied zwischen Arm und Reich wird nicht
nur zwischen Staaten größer, sondern auch innerhalb der entwickelten Gesellschaften. Eine neue Dynamik ist im letzten Jahrzehnt durch den Aufstieg
von China und Indien dazugekommen, die aber
keine Anzeichen aufweist, eine gerechtere Verteilung
der Produktivität hervorzurufen. Natürlich, wir wissen, dass der Schlüssel dazu in der Verbesserung der
weltweiten Bildungssysteme liegt.
Eine der wichtigsten Aufgaben, die es insbesondere in Österreich in den nächsten Jahren zu lösen
gilt, wird es sein, den Unterschied durch die strukturelle Änderung der Forschungs- und Entwicklungsleistungen in der Industrie mithilfe der Universitäten auszugleichen und die Universität und die
Forschungseinrichtungen so aufzustellen, dass sie
jene Innovationskraft entwickeln können, die für
eine gedeihliche Weiterentwicklung der Industrie
notwendig sein wird. Dabei ist es so, dass die Ausbildung der jungen Menschen in den wissenschaftlichen Fächern im Rahmen von Master- und PhDProgrammen sehr gut entwickelt ist. Wo es speziell
in Europa noch Nachholbedarf gibt, sind Programme für die Ausbildungen im Bereich der Innovation.
Als Empfehlung kann hier abgegeben werden, dass
staatlich geförderte außeruniversitäre Einrichtungen sich dann am besten entwickeln, wenn sie sowohl
organisatorisch, aber auch ortsmäßig an Universitäten angebunden sind. Weiters sind rund um die
universitären und außeruniversitären Einrichtungen entsprechende Technologieparks zu entwickeln.
Zukunftsorientierte Strukturen stellen die Universitäten als Global Player auf, die von zu starken
rein ökonomischen Vorgaben verschont werden. Auf
der anderen Seite sollten an die Universitäten Forschungsinstitute mit sehr angewandter Ausrichtung
angelagert werden, die für die Umsetzung von Innovationen in den lokalen Informationssystemen
und für die Übertragung der Innovationen in die Industrie und Wirtschaft verantwortlich sind. Erfolgreiche Beispiele stellen Silicon Valley, aber auch
die Regionen San Diego und Boston dar. Entwicklungen in diese Richtung haben fast alle europäischen
Länder begonnen: So hat Dänemark außeruniversitäre Einrichtungen und Universitäten organisatorisch verknüpft. In Deutschland wird das
Forschungszentrum Karlsruhe mit der Universität
Karlsruhe organisatorisch verbunden. Das Forschungszentrum Jülich ist eine organisatorische
Verflechtung mit der Technischen Hochschule
Aachen eingegangen.
Von diesem Ansatz gehen die diesjährigen Technologiegespräche aus: Unter dem etwas abgewandelten Motto „Technologie als Chance für eine
gerechte Welt“ sind die Technologiegespräche nach
dem Generalthema des Forums „Gerechtigkeit“
ausgerichtet.
Als roter Faden, der sich durch die ganze Veranstaltung zog, kann die Sorge um die Erhaltung
der Wettbewerbsfähigkeit genannt werden. Sowohl
Dr. Androsch vom ait als auch Wissenschaftsminister Töchterle haben eindringlich davor gewarnt,
die Investitionen in Bildung und Forschung zu reduzieren und damit der Jugend die Zukunft zu
nehmen. Reformen in den Bereichen Bildung, Pensionen, Gesundheit und Finanzen wurden dringend
angemahnt. Der Andrang an die Universitäten wird
immer größer, die Politik ist säumig, Maßnahmen
zu setzen, die eine effiziente Ausbildung an Schulen
und Universitäten ermöglichen.
Eines der Kernprobleme Europas ist die Schere
zwischen Forschung und Innovation, die es gilt zu
schließen. Europa ist der Kontinent, der in der
Forschung zunehmend führend wird. Bei der Umsetzung der Forschungsergebnisse hinkt Europa
hinter den usa, aber auch den fernöstlichen Ländern
deutlich nach. Es sind aber nicht die Mittel, die
für Innovationsförderung ausgegeben werden, die
zu niedrig sind, sondern es ist in erster Linie das
innovationsfeindliche Klima samt zugehörigen
Gesetzen und der krasse Mangel an Risikokapital.
In den Arbeitskreisen wurden weiters Themen
wie die Zukunft der Hightech-Produktion in Europa, die urbane Mobilität im Angesicht der Energiekrise, wissenschaftsbasierte Stadtplanung, die
prognostizierten Effekte der Überalterung der Bevölkerung, Frontier Technologies, Lebensmittelsicherheit und Verteilungsgerechtigkeit und Probleme
der nachhaltigen Forschungsförderung diskutiert. N
Technologie als Chance – Verantwortung für die Zukunft
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 15
10.10.11 11:48
Selten und begehrt | Seltene Erden und andere Rohstoffe
als Motor der Technologisierung der Welt
Die Welten scheinen nicht zusammenzupassen.
Da ist die glitzernde Welt der Smartphones, die das
Leben einfacher machen, die Welt der Solarzellen,
welche die Energieversorgung grün machen. Und
da ist die Welt des knallharten Kampfes um Claims
und Kilo, die Welt der finsteren Arbeitsbedingungen. Beim Thema Seltene Erden kollidieren beide
Welten. Die schöne, neue Welt des Hightech und die
Welt der zuweilen Menschen verschlingenden Rohstoffexploration. Besonders im Fokus stehen die
Seltenen Erden, Metalle mit so klangvollen Namen
wie Yttriumoxid, Samarskit, Dysprosium und Promethium. Das Wort Erden hat dabei nichts mit der
Bedeutung Mutterboden zu tun. Es handelt sich
vielmehr um das vergessene Wort für Oxide. Wirklich selten sind diese Metalle nicht, man findet sie
häufiger als Blei und Arsen, sie kommen in Erzen
allerdings nur in winzigen Spuren vor.
Seltene Erden stecken in vielen Hightechgeräten, deren Benutzung für uns selbstverständlich
geworden ist. So verbergen sich bis zu 50 verschiedene Rohstoffe in jedem der 1,2 Milliarden Handys
und Smartphones, die 2009 weltweit verkauft wurden. Und nicht nur dort. Neodym beispielsweise
wird in Elektro- und Hybridautos, Servolenkungen
und Dauermagneten für Windkraftanlagen eingesetzt. Bei Letzteren gilt die Faustformel: pro Megawatt Windenergie 200 Kilogramm Neodym. Seltene
Erden finden Verwendung in Flachbildfernsehern,
lcd-Displays, Katalysatoren, Röntgengeräten,
Lasern, Kopfhörern, Energiesparlampen, Polituren
und Brennelementen für Kernkraftwerke. Für die
Akkus zukünftiger Autogenerationen gieren die
Hersteller nach Lanthan, Dysprosium, Terbium und
eben Neodym. Ohne die Metalle Indium und
Gallium, die zwar nicht zum Kreis der Seltenen Erden
gehören, aber ebenfalls nur in geringen Mengen
vorhanden sind, sind Dünnschicht-Solarmodule undenkbar. Lithium und Kobalt sind für den Bau von
Batterien nötig, Germanium für Glasfaserkabel.
400 Milligramm des exquisiten Metalls Tantal wirken in jedem Mobiltelefon. Dank des grauen Pulvers
entwickeln Ingenieure immer kleinere und leistungsfähigere Geräte. Das Material ist zu einiger
Berühmtheit gelangt, weil das Erz Coltan unter so
zweifelhaften Bedingungen gewonnen wird, dass
darüber noch zu reden sein wird.
Woher stammen die so wichtigen Rohstoffe
wie die Seltenen Erden? Bereits ein kurzer Blick in
Statistiken offenbart das zentrale Problem der
Versorgung: die Dominanz Chinas. Nach Angaben
des US Geological Survey aus dem Jahr 2010 wurden
weltweit 124.000 Tonnen Seltene Erden gefördert.
Sage und schreibe 120.000 Tonnen davon stammen
aus China. Das ist ein Weltmarktanteil von 97 Prozent. Die Mine Bayan-Obo allein belieferte 40
Prozent des Weltmarktes. Indien, die Nummer zwei
der Produzenten, kam gerade mal auf mickrige
Mathias Rittgerott
Journalist und DiplomGeograf. Er schreibt als
freier Autor für den
Stern und ist Mitarbeiter
der Reportageagentur
Zeitenspiegel. Er lebt in
Stuttgart.
16 | 17
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 16
283
2,1 Prozent der weltweiten Förderung. Brasilien
und Malaysia blieben zusammengenommen
unter einem Prozent. Auch bei den Reserven steht
das Reich der Mitte unangefochten an der Spitze.
36 Millionen Tonnen sind dort zu holen, was einem
Anteil an den globalen Reserven von 38 Prozent
entspricht. In der früheren Sowjetunion lagern
19 Millionen Tonnen, in den usa 13 Millionen.
2010 kamen 90 Prozent der Importe Seltener
Erden in die 27 eu-Staaten aus China, in den
usa und Japan lag die Quote leicht darüber bei
91 Prozent. Europas größten Rohstoffhunger
hat Frankreich (38 Prozent der eu-Importe) – gefolgt
von Österreich. Fast jede vierte Tonne Seltene
Erden, die in die eu eingeführt werden, landet hier.
Allerdings selten zur Verarbeitung. Zumeist werden
die Rohstoffe weiterverkauft. China lieferte seit
Jahren, was der Markt verlangte. Das Land versorgte
die Welt günstig mit Rohstoffen, was damit zusammenhing, dass die Umweltauflagen lax und die
Arbeitslöhne niedrig waren. Davor verschloss man
hierzulande freilich gern die Augen.
Vor zwei Jahren kam der Schock: Die Machthaber in Peking drosselten die Exporte radikal um
40 Prozent. In den Chefetagen europäischer Firmen
geht seither die Angst um, die Rohstoffversorgung
gerate ins Stocken, das wirtschaftliche Wohlergehen
gerate in Gefahr. Chinas Exportpolitik zielt freilich weniger darauf ab, die Industrieländer in den
Schwitzkasten zu nehmen, von der Versorgung
abzuschneiden oder den Preis der Seltenen Erden
in die Höhe zu treiben. Hintergrund ist vielmehr
der chinesische Wirtschaftsboom. Das Land ist
nicht mehr die billige Werkbank der Industrienationen und baut stattdessen eine eigenständige Hightechproduktion auf, beispielsweise für Windturbinen und Smartphones. Zeitgleich mit der neuen
chinesischen Export-Zurückhaltung wuchs weltweit
die Nachfrage. Immer neue Produkte wie die oben
genannten aus Informationstechnologie, Elektromobilität und Energieerzeugung verlassen die
Entwicklungsabteilungen. Immer mehr Menschen
in China, Indien und Brasilien erreichen einen
Lebensstandard, um sich diese Produkte leisten zu
können. In der Folge explodieren die Rohstoffpreise. Für manche Seltenen Erden wie Lanthan und
Cer waren die Preise seit der Jahrtausendwende
leicht gefallen. Seit 2007 stiegen sie und schnellten
2010 schwindelerregend in die Höhe. Sechs- bis
achtmal so viel als vor wenigen Jahren müssen Importeure heutzutage für Neodym, Cer und Lanthan
ausgeben.
Kopfzerbrechen bereitet Wirtschaftsbossen die
Konzentration von Minengesellschaften (nicht nur
für Seltene Erden) in wenigen Ländern. So haben
neun der 40 größten Firmen ihren Sitz in Kanada.
Drei Unternehmen beherrschen den Weltmarkt bei
Eisenerz und können die Preise nach Belieben
Selten und begehrt
10.10.11 11:48
Allein in der Bayan-OboMine in der inneren
Mongolei werden 40 Prozent der am Weltmarkt
verfügbaren Seltenen
Erden gefördert.
diktieren. Experten befürchten zudem eine dauerhafte Angebotslücke zwischen Nachfrage und Produktion. Der Jahresproduktion von 120.000 Tonnen
Seltene Erden steht ein Bedarf von 189.000 Tonnen
gegenüber. Allerdings schätzen us-Experten die
wirtschaftlich nutzbaren Reserven der 14 wichtigsten Seltenmetalle auf 99 Millionen Tonnen. Die
Geologen erwarten, dass riesige Mengen noch nicht
entdeckt worden sind beziehungsweise die Gewinnung unrentabel ist – bisher zumindest. Es gibt
aus Geologensicht somit kein geologisches Problem
mit der Reichweite, sondern ein wirtschaftliches.
Anders als beim Erdöl, bei dem der „Peak Oil“, der
Zenit der Gewinnung, bald erreicht sein wird. Auch
bei Rohstoffen wie Kupfer, Nickel und Zinn ist
fraglich, wie lange sie noch zur Verfügung stehen.
Kompliziert wird die Sache dadurch, dass es
keine reinen Minen für Seltene Erden gibt, da die
Stoffe weit verstreut in anderen Mineralien vorkommen. Seltenerdmetalle sind somit quasi der Beifang
bei der Extraktion anderer Stoffe. Weil China den
Weltmarkt lange mit billigen Rohstoffen überflutet
hat, wurde in vielen Ländern die dort teurere Produktion eingestellt, Minen wurden geschlossen,
Know-how ging verloren. Es galt das Motto: Wer ein
Glas Milch haben will, muss keine Kuh halten. Um
den Rohstoffhunger zu stillen, setzen die Industrienationen nun auf einen Dreiklang von Strategien:
die Suche nach neuen Quellen beziehungsweise die
Wiederbelebung geschlossener Minen, die Suche
nach Ersatzstoffen und Recycling. Weltweit werden
stillgelegte Minen wieder in Betrieb genommen.
Mit den steigenden Preisen lohnt sich die Förderung
selbst aus Schächten wieder, die vor Kurzem noch
als wirtschaftlich ausgebeutet galten. Weit vorangekommen sind die Experten in Australien, wo
am Mount Weld gearbeitet wird. Die Seltenen Erden
sollen in Malaysia weiterverarbeitet werden. In
Kalifornien wurde die Mine Mountain Pass wiederbelebt. Zugleich sind weltweit Geologen auf der
Suche nach bislang unbekannten Vorkommen. In
Europa gibt es kaum Chancen, fündig zu werden.
In Sachsen soll es – nach alter ddr-Expertise – Vorkommen von Molybdän, Wolfram und Germanium geben. Das ist alles. Ansonsten existieren kaum
erfolgversprechende geologische Schichten.
Global gesehen lockt der Run auf Rohstoffe
Scharen von Glücksrittern an. Viele von ihnen
ziehen nicht mit Hacke und Schaufel los, sondern
tragen feinen Zwirn. Investoren stecken Wagniskapital in die Suche nach bislang unbekannten
Vorkommen. Die Aktivitäten kleiner Minenunternehmen hat solche Ausmaße angenommen, dass an
der Toronto Stock Exchange in Kanada ein eigener
Index geführt wird, der tsxv – v wie Venture. Viele
Investoren werden jedoch ihr Geld verlieren. Selten
werden die Geologen fündig. Selbst wenn sie auf
eine Ader stoßen, garantiert das längst keinen
Gewinn, denn der Aufbau einer Mine ist kostspielig.
Nur jede zwanzigste Firma schafft es nach Schätzungen zur Produktionsreife. Und das trotz üppiger
Subventionen und steigender Rohstoffpreise.
Gesucht wird nicht allein im kanadischen Norden,
in der arktischen Provinz Yukon, sondern auch in
Australien, Vietnam, Kasachstan, Südafrika.
Chinas Geologen durchstreifen derzeit die Länder
Afrikas, um sich neue Rohstoffquellen zu sichern.
Staaten, die bislang nicht im Fokus der Minenge-
Selten und begehrt
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 17
10.10.11 11:48
Geschätztes Vorkommen Seltener Erden in Tonnen
Total 113.778.000 Tonnen
(Jänner, 2011)
Abbau Seltener Erden in Tonnen
Total 133.600 Tonnen
(Jänner, 2011)
Brasilien 0,41 %
550
Indien 2,02 %
2.700
Andere Länder 19,34 %
22.000.000
Malaysia 0,26 %
350
Malaysia 0,03%
30.000
USA 11,43 %
13.000.000
Brasilien 0,04 %
48.000
Australien 1,41 %
1.600.000
Indien 2,72 %
3.100.000
China 97,31 %
130.000
China 48,32 %
55.000.000
GUS 16,7 %
19.000.000
U.S. Geological Survey,
Mineral Commodity
Summaries, January 2011
sellschaft liegen, sitzen auf riesigen Vorkommen.
Allen voran Afghanistan. An eine Exploration ist aus
naheliegenden Gründen nicht zu denken. Rund um
den Nordpol versuchen die Anrainerstaaten Claims
abzustecken. Dank Klimawandel taut das Eis
beziehungsweise frieren weite Teile der Arktis im
Winter nicht mehr zu. Ein Plus für Minengesellschaften. Zugleich treibt die Gier die Rohstoffjäger
immer tiefer in die Meere. Auf dem Grund der
Ozeane lagern schier unerschöpfliche Reserven, an
die man mit der heutigen Fördertechnik nur mit
erheblichem Aufwand oder gar nicht herankommt.
Das wird sich ändern.
Zunehmend gerät eine Rohstoffquelle ins Visier,
die bisher sträflich vernachlässigt wurde: Müll.
Noch wird viel zu wenig Edelmetall beispielsweise
aus Elektroschrott zurückgewonnen. Welch
zentrale Rolle Recycling spielen kann, zeigt dieser
Vergleich: In einer Tonne Althandys ist mehr Gold
zu finden als in einer Tonne Gestein einer Goldmine. Im gleichen Maße, wie der Bedarf nach
seltenen Metallen steigt, weil in immer kürzeren
Zyklen etwa neue Smartphones auf den Markt gebracht werden, steigen auch die Mengen an Elektroschrott – die Rohstoffquelle Müll wird folglich
immer ergiebiger. Ein Vorteil des Recyclings ist, dass
dieses in Europa geschehen kann, anders als die
Extraktion aus Minen. Dies senkt die Importabhängigkeit. Auch die Umwelt profitiert von Recycling.
Doch die Realität sieht ernüchternd aus: Laut un
liegt die Recyclingrate bei 32 der 37 wichtigsten
Spezialmetalle bei nahezu null Prozent. So gesehen
verdeutlicht dies ein enormes Potenzial, Abfall wird
eine gesuchte Ressource werden.
Bislang gab es keinen Druck, sich in puncto
Recycling zu engagieren. China lieferte ja günstig
18 | 19
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 18
283
und zuverlässig. Noch immer ist Recycling aufwendiger und aufgrund der Energiekosten teurer als der
Erzabbau in Minen. Besonders unrentabel ist Recycling derzeit für Seltene Erden. Weil man Elektroschrott noch so wenig Wert beimisst, wird er in
großem Stil nach Afrika exportiert, häufig deklariert
als „reparierbare Altgeräte“. Auf Müllhalden verbrennen dann arme Gestalten – häufig Kinder – Kabel aus Fernsehern und Computern. Die Kunststoffummantelung verbrennt, Kupfer bleibt zurück. Die
Arbeiter atmen giftige Dämpfe ein. Dass Wiederverwertung Gewinn abwerfen kann, zeigt die Firma
Umicore bei Antwerpen. In der weltgrößten Recyclinganlage für edle Metalle werden mehr als 15
dieser Stoffe gewonnen. Die Produktion an Rhodium liegt bei etwa vier Tonnen im Jahr. Das klingt
nach wenig, deckt jedoch ein Fünftel des weltweiten
Bedarfs. Eines der zentralen Probleme der Kreislaufwirtschaft ist hausgemacht und somit behebbar.
Es gibt weder Strukturen, Altgeräte einzusammeln,
noch eine Strategie, wertvolle Materialien aus
geschlossenen Müllhalden zu extrahieren. In den
Kinderschuhen steckt die Entwicklung von Ersatzrohstoffen. So wird beispielweise an der Universität
Wien an Verfahren geforscht, Zellulose für Computerbildschirme und Solarzellen nutzbar zu machen.
Nachwachsende Rohstoffe würden somit nicht
allein zur energetischen Nutzung angepflanzt, sondern auch zur stofflichen. Naheliegend ist hier
allerdings, Erdöl in der Chemieindustrie und der
Pharmazie zu ersetzen.
Nur bedingt greift die Strategie, Stoffe gänzlich
verzichtbar zu machen, wie bei der Telekommunikation Kupferdrähte durch Glasfaserkabel ersetzt
wurden und die Übertragung nur über Funktechnik
quasi stofflos funktioniert – wobei die Herstellung
Selten und begehrt
10.10.11 15:58
Weltweite Minenproduktion und Reserven
Länder mit
Minenproduktion 2010
Länder mit Reserven
Seltener Erden
der Geräte wie gesehen eine Vielzahl anderer,
seltenerer Metalle benötigt. Um der sich abzeichnenden Rohstoffknappheit zu begegnen, legen
Staaten Rohstoffpläne auf und gründen Agenturen,
wie beispielsweise die „Deutsche Rohstoffagentur“.
Diese hat die Aufgabe, die heimischen Industrien
bei der Versorgung zu unterstützen. Die eu hat
eine Rohstoffinitiative für 14 besonders kritische
Metalle aufgelegt. Ein Acht-Punkte-Plan, den
das Öko-Institut Darmstadt zitiert, beinhaltet die
Analyse, welche Rohstoffe Europa in welchen
Mengen benötigt. Zudem müsse Grundlagenforschung für die Raffinierung und Verarbeitung
Seltener Erden betrieben werden und Know-how
aufgebaut werden, das aufgrund der Dominanz
Chinas verloren ging.
Wie wichtig es ist, dass sich Europas Hightechindustrien mit der Rohstoffversorgung beschäftigen,
zeigen in besonderem Maße die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen, beispielsweise beim
Coltan für die Handyherstellung. Kritiker sprechen
sogar von „Blut-Handys“, wenn das Erz aus dem
Kongo stammt. Im Osten des Landes werden Männer
und Jugendliche in enge Schächte getrieben, bis zu
70 Meter tief und teils mit Waffengewalt. Mit Pickel
und Schaufel schlagen sie das Gestein aus den
Wänden und schleppen es säckeweise ans Tageslicht. Immer wieder brechen Stollen ein und begraben Bergmänner unter sich. Die Toten zählt niemand, die Zahl geht in die Hunderte. Milizen, die
an der Grenze zu Ruanda einen mörderischen
Bürgerkrieg führen, finanzieren sich durch den
Verkauf von Coltan. Seit der Zusammenhang
zwischen Krieg und Coltan bekannt ist, versuchen
Handyhersteller sicherzustellen, dass an ihren
Rohstoffen kein Blut klebt. Doch dies ist wegen der
verzweigten Lieferwege nur schwer möglich. Als
Ausweg wird versucht, Minerale wie Coltan zu
zertifizieren und gleichsam mit einem Herkunftsund Gütesiegel für ökologische und soziale Mindeststandards zu versehen. In den USA müssen
börsennotierte Firmen im Zweifelsfall einen Bericht
über „Konfliktmineralien“ veröffentlichen. Geologen der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (bgr) sammeln in Zentralafrika Gesteinsproben, um mittels Massenspektrometer eine Art „geochemischen Fingerabdruck“
jeder einzelnen Mine zu gewinnen. Doch die
Experten sind weit von ihrem Ziel entfernt: Die Zahl
der Minen wird auf über 3000 geschätzt und erst
50 Proben wurden analysiert. Viele wurden einst von
belgischen Kolonialherren gesammelt – und jetzt
aus dem Afrikamuseum geholt. N
Selten und begehrt
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 19
10.10.11 11:48
Umweltschutz auf Chinesisch |
Ja, das war meiner Meinung nach der Auslöser für
den Brand. Die öffentliche Meinung führt ihn aber
Bauen in Asien
auf die Isolierung zurück. Man diskutiert jetzt, ob es
nicht besser wäre, statt der Dämmung den Sonnenschutz zu forcieren. Man tariert jetzt aus, welche
Österreichische Architekten feiern Erfolge mit ihren Bauprojekten in
Maßnahmen wirklich zu einer signifikanten EnergieChina. Heuer fand die Grundsteinlegung des 200 Meter hohen sbf
einsparung führen. In Europa setzt man auf alle
Towers von Hans Hollein in Shenzen statt. Coop Himmelb(l)au wurde
Punkte: Isolierung, Fenster, Sonnenschutz usw. Die
vom Architekturmagazin Wallpaper für sein Kultur- und KonferenzChinesen suchen noch nach dem für sie richtigen
zentrum in Dalian preisgekrönt und Baumschlager/Eberle eröffnete
Rezept. Nicht zu unterschätzen ist ja auch der Zunach acht Jahren Bautätigkeit in China heuer eine Dependance in
gang zu Ressourcen. z. b. haben sie als WärmedämVietnam. Weitere Büros in Asien sind in Planung.
mung nur eps und keine Mineralwolle, die nicht
Sabine Oppolzer hat mit Stefan Beck von Baumschlager/Eberle,
brennen würde. (Anm: In Europa verlangt der Brandder seit acht Jahren für die Asiengeschäfte zuständig ist, und mit Wolf
schutz, dass bei eps-Dämmungen unbrennbare
Prix von Coop Himmelb(l)au, der zwei Bauten in China realisiert hat,
Mineralwollestreifen verhindern, dass die Flammen
über das Bauen in China gesprochen.
sich über die gesamte Fassade ausbreiten können.)
Jeder ausländische Architekt ist in China verSabine Oppolzer im Gespräch mit Stefan Beck
Sabine Oppolzer,
Kulturjournalistin
pflichtet, mit einem heimischen Büro zusammen
Im Oktober 2010 wurde vom Zentralkomitee in
zuarbeiten. Das sind die Local Design Institutes,
China ein in Sachen Umweltschutz sehr ambitionierter Fünf-Jahres-Plan verabschiedet. Er sieht unter die oft 3000 Mitarbeiter haben. Ist das ein Vorteil für
internationale Architekten oder muss man befürchanderem vor, dass der co2-Ausstoß um 45 Prozent
gesenkt werden soll (im Vergleich zu 2005): in einem ten, dass das ldi alles Know-how kopiert?
Das ist definitiv ein Vorteil. Weil die lokalen
1,3-Mrd.-Volk, dessen Energiebedarf derzeit noch
Partner ein viel besseres Wissen über den lokalen
zu 70 Prozent aus Kohle gewonnen wird. Für die
Markt haben. Wir arbeiten auch in Belgien oder
Baubranche ist das sicher eine große HerausfordeDeutschland mit lokalen Partnern zusammen, um
rung: Gebäude wurden bisher so gut wie nicht isoliert, war man es doch gewöhnt, dass weder Schulen Know-how austauschen zu können. Hier in China
besteht natürlich die Gefahr, dass die Information
noch Werkstätten beheizt sind. Ist die Umsetzung
kopiert wird. Vor allem, weil einem das ldi vom Baudieses Fünf-Jahres-Plans schon spürbar?
herrn aufoktroyiert wird und sich dadurch keine
Nicht direkt. Es heißt nicht, dass so ein Fünflängerfristigen Kooperationen ergeben können. Man
Jahres-Plan von Anfang an zu Änderungen führt.
hat jedes Mal mit einem anderen ldi zu tun. Das
Meist verwendet man die ersten vier Jahre zu
heißt, wir wiederholen uns und müssen unser KnowForschungszwecken, um herauszufinden, wie man
how mehrmals verteilen. Ich muss aber sagen: Man
diese Zeile am besten umsetzt. Erst im letzten
kann das Know-how nicht von heute auf morgen koJahr erfolgen die konkreten Schritte. Um am Ende
pieren. Man muss das Wissen nicht nur haben, man
dann Ergebnisse vorzeigen zu können.
muss es auch anwenden können. Kurz: Kopien im
Ist eine Reduktion des Energieverbrauchs bei
Designbereich sind einfach, im Technikbereich nicht.
einem Volk, das gerade den Konsum entdeckt hat,
Das Schlagwort „Chinafalle“ hat vor einigen Jahnicht ohnehin eine Illusion? Gehören Kühlung und
Heizung nicht schon bald zum Lebensstandard? Und ren die Runde gemacht. Ist es noch immer so, dass
die Chinesen schamlos kopieren? Oder gibt es
werden entsprechend mehr Energie verbrauchen?
da schon so etwas wie ein Unrechtsbewusstsein?
Der Energieverbrauch steigt kontinuierlich.
Wir haben einen großen städtebaulichen WettEs gibt aber noch andere Rückschläge: Kurz nach der bewerb in Foshan gewonnen, der dann von einem
Verkündung des ökologisch wirklich sehr ambitiolokalen Büro abgewickelt wurde. Es wurde nämlich
nierten Fünf-Jahres-Plans ist die Wärmedämmung
durch einen Brand in Shanghai in Verruf gekommen. das Foshan-Projekt zu einem großen staatlichen
Prestigeprojekt im Pearl River Delta aufgeblasen.
Das Hochhaus wurde nachträglich isoliert. Bei den
Das musste dann ein Chinese machen! Wir konnten
Bauarbeiten hat man auf einem Gerüst geschweißt,
wodurch die Staubschutzmatten, in die das Gebäude es nicht verhindern, wahrscheinlich werden wir jetzt
kopiert. Schade ist es, aber bis zu einem gewissen
gehüllt war, Feuer fingen. Dann ging die Isolierung
Grad normal. Wir haben auch unser Moma-Konzept
in Flammen auf. Es gab eine verheerende Rauchent(Moma Megahall, Shangdi Moma und Pop Moma,
wicklung. 45 Tote. Daraufhin haben viele Developer
drei große Wohnanlagen in Peking) etwas außerhalb
zurückgeschreckt und gesagt: „Seht ihr, die Isolievon Peking als Kopie wiedergefunden. Um es positiv
rung ist gefährlich.“ Die öffentliche Meinung hält
zu sehen: Das bedeutet doch nur, dass das Know-how,
Isolierungen jetzt für gefährlich, weil sie brennen
das wir nach China geliefert haben, wertgeschätzt
können. Das wissen wir in Europa schon lange und
haben die entsprechenden Brandschutzvorschriften. wird. Irgendwie sehe ich das auch als Werbung. Bei
Luis Vuitton etwa ist es ja auch so, dass die kopierten
Es heißt, dass die Bauarbeiter in China meist
Taschen die Marke in die Welt hinaustragen. Außerschlecht ausgebildet sind und etwa mit den Füßen
dem ist mir lieber, es wird etwas Gutes kopiert, als dass
im Wasser stehend mit einer Kreissäge schneiden.
man etwas Schlechtes selber baut. Tatsache ist, dass
Hat so ein Fehlverhalten bei dem Brand auch eine
China seriöser wird und der Druck auf das Land, nicht
Rolle gespielt?
zu kopieren, wächst.
20 | 21
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 20
283
Umweltschutz auf Chinesisch
10.10.11 11:48
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 21
10.10.11 11:48
22 | 23
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 22
283
10.10.11 11:49
Abbildung S. 21/22:
Den chinesischen
Planungsvorgaben verpflichtet, entwickelte
Baumschlager/Eberle das
energieeffiziente Wohnbauprojekt Pop Moma
in Beijing.
Wie sieht es mit Haftungsfragen aus? Ist da die
Zusammenarbeit mit einem chinesischen Partner
von Vorteil?
Die Ausführungspläne müssen im Detail den
chinesischen Standards entsprechen. Darüber
hinaus versuchen wir im Vorfeld, den chinesischen
Partner noch zu überzeugen, einige Details zu verbessern. Wir machen das, indem wir Musterwohnungen bauen. Das gibt allen Seiten größere Sicherheit, dass das, was wir uns ausgedacht haben, auch
realisierbar ist: dem ldi, dem Bauherrn und auch
uns. Das Risiko der Realisierung liegt dann aber
ganz in der Hand der Baufirma und in der Hand des
lokalen Partners.
Wir können gerne 20 cm Dämmung zeichnen
oder hoch isolierte, hoch eingedämmte Fenster
oder luftdicht abgeklebte Fenster. Oft ist das auf der
Baustelle nicht realisierbar. So sind diese Muster,
die wir bauen, die beste Möglichkeit, das zu testen.
Damit werden auch die chinesischen Lösungen, die
unsere Partner einbringen, überprüfbar. Es heißt
ja nicht immer, dass unser Denken das richtige ist.
Das asiatische Denken hat viele positive Aspekte.
Was haben Sie von der asiatischen Lebensweise
für die Architektur gelernt?
Ich habe gelernt, dass wir oft zu vorgefertigt
denken und unsere hoch präzisen Details vorsehen.
Das passt nicht zu dem Umstand, dass in Asien viel
mehr mit Handarbeit gemacht wird. Wir müssen
teilweise den Bau des Gebäudes darauf abstimmen,
dass viele Hände ein Gebäude herstellen und nicht
ganze Fassaden vorgefertigt aus einer Fabrik kommen. So lange die Arbeitskraft in China so billig ist,
wird sich daran auch nicht viel ändern. Wir überlegen gerade, mit einem Bauunternehmer in Shanghai ein Betonfertigteilwerk zu errichten. Durch die
niedrigen Löhne scheint das aber noch nicht wirklich rentabel zu sein. Die Tatsache, dass Ressourcen
wie Holz (für Verschalungen) auch in China immer
teurer werden, erzeugt einen Kostendruck, der
früher oder später in stärkere Fertigteilproduktion
münden wird.
Gibt es schon Werke dieser Art in Shanghai?
Wir sind nicht die Ersten. Aber unter den Ersten.
Es gibt schon ein deutsches Unternehmen in der Nähe von Shanghai, die Firma Quick Mix aus Deutschland. Übrigens in einem Werk made in Austria.
Wir wollen durch verstärkte Fertigteilproduktion sicherstellen, dass innovative Technologien
gezielter in die Planung mit einfließen können und
verhindern, dass die Diskussion um das angeblich
zu teure energiesparende Bauen ausufert. Man
könnte viele Prozesse rationaler und industrialisierter gestalten, um dadurch Kosten im Rohbau einzusparen. Die eingesparten Mittel können wir dann
in die Isolierung investieren. Ein gigantischer
Vorteil ist auch: Wenn vorgefertigte Teile verwendet
werden, muss die Planung bei Baubeginn abgeschlossen sein! Das sind lauter Schritte, die man in
Europa schon vor einigen Jahrzehnten gemacht hat.
Der Vizeminister für Wissenschaft und Technologie, Tsao Tschen Lin, hat letzten Herbst bei der
Verkündung des Fünf-Jahres-Planes das Know-how
der deutschen und österreichischen Architekten
gelobt. Merkt man diese Anerkennung von ganz
oben als Architekt im Alltag?
Wir spüren, dass man gezielt auf uns zukommt
und uns als Experten und Fachplaner involviert. Oft
sollen wir vorerst als Berater fungieren, also Knowhow transferieren und nicht gleich Projekte realisieren. Da werden gerne Projekte suggeriert, von denen
man nie weiß, ob sie dann wirklich kommen. Jetzt
sind wir eingeladen vom „Green Building Council“
in Peking, als Berater. Da das Regierungsinstitutionen sind, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass
man dafür sein Geld bekommt, als wenn das mit
privaten Developern stattfindet.
Ist es Ihnen schon passiert, dass Sie kein Geld
für Ihre Arbeit bekommen haben?
Ja, das ist schon passiert. Aber man muss immer sehen: in welchem Rahmen und warum? Ist
der Auftrag nicht so erfüllt worden oder die Beziehung zum Bauherrn oder Developer gestört? Man
kann nicht sagen, dass wir Arbeit geleistet und
grundsätzlich kein Geld bekommen haben. Manchmal wird ein gewisser Prozentsatz zurückgehalten.
Passiert es noch immer, dass man beim Bauen
in China alles rasch umplanen muss, weil einfach
die richtige Fenstergröße nicht erhältlich ist?
Das versuchen wir schon im Vorfeld zu verhindern, indem wir abklären, was auf dem chinesischen
Markt zur Verfügung steht. Wir stimmen unsere
Planung darauf ab. Rasche Änderungen passieren
Firmen, die keine Erfahrungen mit Asien haben
und nicht darauf vorbereitet sind. Mit Routine lernt
man rechtzeitig zu prüfen: Wo sind die Grenzen des
Marktes in China, wo liegt die Maximalgröße einer
Glasscheibe? Oder eines Fensters? Das kann man
dann schon in der Designphase mit einkalkulieren.
Als wir 2003 nach China gekommen sind, dachten wir, dass es viel leichter sein würde, Produkte
aus Europa zu importieren. Mittlerweile zeigt es
sich, dass der Markt in China selber immer stärker
wird. Es sind immer mehr Produkte vorhanden,
gerade im Bereich des nachhaltigen Bauens.
Wie schwierig ist es, in China anspruchsvolle
Umwelttechnologien anzuwenden?
Vor acht Jahren gab es hier noch keine Standards.
Daher haben wir die europäischen Standards als
Maßstab genommen. Inzwischen gibt es Standards,
die auch realistisch sind. Ob der Bauherr das nach
der Genehmigung auch wirklich umsetzt, ist eine
andere Frage. Meist sagen sie, dass sie den chinesischen Standards folgen, es wird dann aber hinterher oft nicht gebaut. Ich selbst hatte solche Projekte
noch nicht, aber von Kollegen dergleichen gehört.
Wie sieht die Zukunft von Baumschlager/Eberle
in Asien aus?
Heuer haben wir ein Büro in Vietnam eröffnet.
Ein weiteres Asienbüro ist angedacht. Aber: Diese
Länder sind sehr unterschiedlich. In Korea wird
anders diskutiert als in China. Man kann nicht die
Erfahrungen von China auf Vietnam übertragen,
nur weil es auch ein kommunistisches Land ist.
Eine Referenz aus China ist nicht unbedingt eine
positive Referenz für Vietnam. Man muss da stets
im Auge behalten, wie die Länder zueinander
stehen. Und immer neue Erfahrungen sammeln.
Umweltschutz auf Chinesisch
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 23
10.10.11 11:49
Dalian International
Conference Center
Coop Himmelb(l)au
2008 – 2011
24 | 25
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 24
Sabine Oppolzer im Gespräch mit Wolf Prix
Das Kultur- und Konferenzzentrum in Dalian,
in der Provinz Lianoning, ist ein riesiger Komplex,
der sich über 100.000 Quadratmeter erstreckt. Es
soll demnächst 6000 Menschen beherbergen. Es soll
ein Drittel mehr Energie erzeugen, als es verbraucht.
Wurden mit dem Wallpaper-Preis diese energetischen Qualitäten ausgezeichnet?
Ich denke schon. Das Besondere an dem Gebäude ist aber die Ästhetik, die wir aus diesen Energiefragen kreiert haben. Stellen Sie sich vor: dreieckige
Sonnenlamellen zur Abschattung, in Form von
Haifischflossen. Sonnenlamellen, die mit Solarzellen beschichtet sind. Durch die Sonnenlamellen
wird auch der Wind zu Kühlungszwecken ins Innere
geleitet. Außerdem wird Meerwasser zur Kühlung
des Gebäudes verwendet. Wichtig ist auch, dass
es im Inneren keine Blackbox gibt. Es ist natürlich
belichtet. Daher wird viel Energie für die Beleuchtung eingespart.
Wir beschäftigen uns schon seit 1990 mit innovativen Ökoprojekten. 1991, der seg-Turm an der
Alten Donau, war der erste Schritt in diese Richtung.
Dann kam der energieproduzierende Turm Town
Town in Erdberg, der 2010 mit einem internationalen Nachhaltigkeitspreis (mipim Architectural
Review Future Projects Award, Category: Sustainability, ausgezeichnet, aber nie gebaut wurde. In das
Projekt in Dalian haben wir diese Erfahrungen alle
einfließen lassen.
Was geschieht mit der überschüssigen Energie?
Die Frage ist, wie die Stadtverwaltung mit dem
Einfüttern der überschüssigen Energie in das Versorgungsnetz umgehen wird. Da gibt es massive
Probleme, weil die überschüssige Energie den Verbundgesellschaften nicht so willkommen ist. Das
ist aber kein Problem der Architektur. Das ist ein
politisches Problem.
283
Chinesische Bauarbeiter sind oft schlecht ausgebildet. Es heißt, es sei schwierig, dort eine Lampe
mittig aufzuhängen oder einen rechten Winkel zu
bekommen. Stimmt das noch so?
Wenn es keine rechten Winkel gibt, ist das kein
Schaden! (lacht)
Nein, bei Prestigebauten, wie wir sie machen,
haben wir sehr gute Baufirmen mit guten Leuten.
Das ist kein Problem. Außerdem ist China eines der
am schnellsten lernenden Länder. Wir sind seit
2000 dort. Es war schwierig am Anfang: Wir haben
Wettbewerbe gewonnen, es wurde aber nichts
gebaut. Weil unsere Bedingungen nicht verstanden
und anerkannt wurden.
Heute, zehn Jahre später, haben wir es plötzlich
mit einer neuen Generation von Entscheidungsträgern zu tun. Es ist eine kosmopolitisch ausgebildete
Elite. Die Kollegen, die uns jetzt in den Stadtbauämtern gegenübersitzen, haben in Harvard studiert
und sind dann zurück in ihre Heimat gegangen.
Sie haben das Verständnis der westlichen Kulturen
mitgenommen. Man trifft sich jetzt auf einer
anderen Ebene.
Macht es Ihnen kein Kopfzerbrechen, für einen
autoritären Staat wie China zu bauen?
Ich war anfangs sehr skeptisch. Vor allem die
deutschen Kollegen diskutieren ja immer gerne, ob
man dort bauen soll und darf. Ich sehe das so:
Wenn Brunelleschi so gedacht hätte, gäbe es heute
die Kuppel des Florentiner Doms nicht.
Meiner Meinung nach kommt es darauf an, was
man in China baut. Wir – progressive Architekten
wie Herzog&De Meuron, Rem Kohlhaas, Steven Holl
oder Zaha Hadid – gehen keinesfalls konform mit
den Wünschen der Auftraggeber in China. Im Unterschied zu vielen anderen Architekten, die dort
bauen. Wir konnten sie aber immer davon überzeugen, dass neue Formen und Inhalte genauso wichtig
sind wie die alten. Mein Vorwurf an so manchen
deutschen Architekten lautet daher: Sie bauen chinesisch-konform. Oft schlechter als die alte Architektur. Zum Beispiel die Stadt von Meinhard von
Gerkan ist verheerend. Fast autoritär konform. Das
lehne ich ab.
Rems Hochhaus in Peking, das Vogelnest von
Herzog&DeMeuron oder unser Konferenzzentrum
in Dalian sprechen aber eine ganz andere Sprache.
Diese Bauten eröffnen andere Räume und provozieren andere Dinge. Obgleich ich nicht so vermessen
bin zu sagen, dass die Architektur eine Revolution
auslösen wird.
In China werden Millionenstädte aus dem
Boden gestampft. Eine große Herausforderung für
die Stadtplanung. Wie sehen Sie die Entwicklungen
in diesem Bereich?
In ganz China sind viele mittelmäßige Büros
aus den usa und gb unterwegs. Sie haben großes Akquisitionspotenzial und verteilen Pläne, die auf
chinesisch-hübsch gemacht sind. In bunten Farben.
Diese Stadtplaner sorgen dafür, dass sämtliche
Fehler der us-Städte in China nahtlos wiederholt
werden. Offensichtlich scheint die chinesische
Kultur die amerikanische zu lieben. Man möchte es
kaum glauben. N
Umweltschutz auf Chinesisch
10.10.11 11:49
Die Fitnessmaschine |
Sowohl die Technik als auch der Mensch
sind selbst zum Gegenstand der Bearbeitung geworden
Wolfgang Pauser
beschäftigt sich als Kulturwissenschaftler, Autor
und Berater mit Konsum,
Produkten, Marken und
Märkten. In den 90er-Jahren
schrieb er Kolumnen über
Konsumwelten für DIE ZEIT
und unterrichtete Architekturtheorie am Institut
für Wohnbau und Entwerfen an der TU Wien.
Wenige Orte eignen sich für das Nachdenken über
Technik besser als das Fitnesscenter. Nicht nur, weil
man hier Muße zum Sinnieren findet, während man
wartend zwischen Maschinen umherschlendert,
von denen keinerlei gedankliche Inanspruchnahme
ausgeht. Im Fitnesscenter tritt der Mensch in ein
Verhältnis zur Maschine, das nur zu einem Teil als
technisch, zum größeren Teil jedoch als inszenierend
und symptomatisch imponiert. Symptom meint hier
nicht etwa abwertend ein Anzeichen gesellschaftlicher Erkrankung, sondern die nicht beabsichtigte
kollektive Hervorbringung einer Konfiguration von
Zeichen, die im kulturellen Kontext ihrer Zeit als
sinnhaft erfahren und gelesen werden. Was aber
ist es, das sich hier so aufwendig – und weltweit seit
Jahrzehnten erfolgreich – in Szene setzt?
Betrachtet man das Fitnesscenter als Bühne, so
sind es vor allem alte technikgeschichtliche Bilder
und Mythen, die hier dramatisiert werden. Alle
Stadien der Technikentwicklung sind reihum vertreten. Die Hantel repräsentiert das einfache, von
Hand zu bedienende Werkzeug. BodybuildingGeräte demonstrieren Rad und Hebel als archaische
Urahnen der Technisierung. Davon unterscheiden
sich Fitnessmaschinen, die ihre komplexere Mechanik bereits hinter Verkleidungen verstecken,
um Projektionen fantastischer Wirksamkeit zu ermöglichen. Die höchst entwickelten unter ihnen,
vor allem Fahrradtrainer, beinhalten auch Elektronik, Computer und Touchscreens zur Selbstrepräsentation und Simulation des „Fahrers“ in einem
fiktiven Gelände.
Insgesamt scheint diese Szenerie auf den ersten
Blick gut geeignet, in einem Technikmuseum die
Stufenleiter der Entwicklung zu illustrieren. Und
doch gibt es einen entscheidenden Unterschied:
Alle hier versammelten Gerätschaften sind in ihrer
Funktion spiegelbildliche Umkehrungen jener tradierten Techniken, die in ihnen anschaulich werden.
Der Hebel etwa war bisher Inbegriff des Prinzips,
den menschlichen Körper von Anstrengung zu
entlasten. Und mit geringerer Kraft, klug umgelenkt,
Archimedes bereitete mit
den von ihm formulierten
Hebelgesetzen den Weg
für die moderne Mechanik.
Schwereres zu bewegen. Bis heute ist der Hebel das
einfachste Modell, das unser Verständnis von
Technik gleichsam auf den archimedischen Punkt
bringt: Die saubere Trennung von Mittel und Zweck.
Das ökonomisierende Verhältnis von Aufwand
und Ergebnis. Wirksamkeit, von der man sich noch
vorstellen kann, dass sie nur in eine Richtung
geht, und nicht zurückwirkt. Vollständige rationale
Nachvollziehbarkeit und Durchschaubarkeit. Fehlen von Verselbstständigung und Eigendynamik.
Dienend, ohne den Herrn zu versklaven oder auch
nur zu verwandeln. Weder Ressourcen vernichtend
noch Abfall erzeugend. An die Natur adressiert,
um diese zu beherrschen. Der Hebel, das unschuldig neutrale Stück Idealität dessen, was wir mit
Technik meinen.
Im Fitnesscenter wird der Hebel so zur Anwendung gebracht, dass sich die Hebelwirkung umkehrt. Schließlich geht es hier nicht um die Entlastung des Körpers, sondern, im Gegenteil, um seine
optimale Belastung. Zu dieser leistet ein funktional gewendeter Hebel ebenso gute Dienste wie ein
Fahrrad, mit dem man auf der Stelle tritt.
Nun kann man Fitnessgeräte in ihrem eigenen
Kontext, in welchem Körperbelastung als Zweck
vorgegeben ist, durchaus als technisch beschreiben.
Erweitert man jedoch den Kontext und blickt auf
die Technik als Gesamtphänomen, wirken Fitnessmaschinen darin paradox. Die traditionelle Erklärung, der Mensch habe die Technik entwickelt,
um sich von körperlicher Mühe zu entlasten und die
Natur in eine ihm bequemere Kulturwelt umzuformen, stößt an eine Grenze, sobald Maschinen nötig
sind, um die allzu entlastenden Wirkungen der
Technik auf den Körper durch „effiziente“ Belastung zu kompensieren. Die Fitnessmaschine ist eine
Anti-Maschinen-Maschine, genau deshalb ist ihre
Bauart die präzise Umstülpung der klassischen
Maschine. Nur strukturell ähnelt das Fitnesscenter
der Maschinenhalle einer Fabrik – die Umkehrung
der Verhältnisse von Mittel und Zweck, Arbeiter
und Bearbeitetem lässt es als deren szenische Parodie erscheinen. Die Parodie aber ist eine Form, die
gegenüber Verunsicherndem die Ausflucht in harmlose Heiterkeit anbietet. Wenn nicht die Technik
selbst, so ist zumindest ihre bisherige Begründung
und Erklärung in eine Krise geraten. Die Fragen nach
Sinn und Zweck der Technisierung sind nicht nur
doppelt komplex, sondern auch paradox geworden,
seit Technikkompensationstechnik notwendig ist.
Gäbe es Letztere nur im Fitnesscenter, wäre sie
kaum der Rede wert. Doch die Anzahl technischer
Innovationen, die noch dem alten Programm der
Naturbeherrschung dienen, sinkt. Was zunimmt,
sind Techniken zur Bewältigung von Technikfolgen. Nachhaltigkeit wurde zum primären Technik-
Die Fitnessmaschine
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 25
10.10.11 11:49
ziel. Die Rekonstruktion oder zumindest Belassung
nicht verwendeter Natur gilt als höherer Wert als
die Befriedigung menschlicher Wünsche. Damit hat
Technik ihre Richtung, ihre Entwicklungslogik
und ihr Programm ins Gegenteil verkehrt. Hat ihren
Scheitelpunkt überschritten und ist in eine Rückabwicklungsphase eingetreten. Anstatt weiter die
Welt zu erobern, zielt sie auf die Verzögerung jener
Aufzehrung, die sie ermöglicht und verwirklicht
hat. Zu diesem Zweck sucht sie den Aktionsradius,
die Bequemlichkeit und Lustgewinnung des
Menschen Schritt für Schritt wieder zu schmälern.
„Weniger ist das neue Mehr“, lautet der aktuelle
Slogan einer Automobil-Werbekampagne.
Auch wo es neuen Erfindungen nicht um die
Kompensation der bisherigen geht, sind diese großteils nicht auf die Verwandlung der ersten, sondern
der „Zweiten Natur“, worunter die gesamte technisch hervorgebrachte Lebenswelt verstanden wird,
gerichtet. Neue Technik kann in einer bereits technisierten Welt nur den Bestand modifizieren. Sie
hilft dem Menschen, mit seiner technischen Umwelt
besser zurechtzukommen, wie etwa das Navigationsgerät, das nicht nur Automobile und Straßen
voraussetzt, sondern auch den Stau, den es im selben
Maße zu umfahren hilft, wie es im Auto unterwegs
selbst zu ihm beiträgt. Mittlerweile haben sich
so viele Schichten von Technikkorrekturtechniken
übereinandergelegt, dass die Nachvollziehbarkeit
ihres Zusammenhangs zur anfänglichen Aufgabenstellung immer seltener gelingt. Je mehr neue
Techniken „verbessernd“ an die Technosphäre adressiert sind, umso stärker wird der Eindruck einer
Entwicklung, die sich verselbstständigt hat.
Als Werkzeug des Menschen wird Technik insgesamt immer weniger empfunden. Ermächtigung und
Ohnmacht als Technikerfahrungen treten gleichzeitig auf und machen das Verhältnis zur Technisierung zumindest ambivalent. Um noch als dienlich
und rational erscheinen zu können, bedarf modernes Gerät der Verengung des Kontexts auf einen
privaten kleinen Ausschnitt der Welt. Nur situativ
und unter Ausblendung aller Systemzusammenhänge können Maschinen noch Werkzeugcharakter
glaubhaft machen, wenn auch nur scheinhaft, sofern
das Phantasma der Isolierbarkeit noch intakt ist.
Doch die isolierte Betrachtung eines einzelnen
Geräts gelingt immer schwerer und nur noch auf der
Ebene der Form, die ein Ding als in sich abgeschlossene Entität präsentiert. Die Entwicklungsrichtung
neuer Technologien tendiert jedoch zur immer
stärkeren und engmaschigeren Konnektivität und
Interdependenz. Bald werden nicht nur Medienund Informationsmaschinen permanent mit dem
Web verbunden sein. Das „Internet der Dinge“
wird mittels rfid-Chips auch Datenaustausch und
systemübergreifende Selbstorganisation aller
Geräte untereinander realisieren. Bald wird es keine
Maschine mehr geben, die nicht sowohl an externe
Energiezufuhr als auch ans Weltnetz der automatisierten Informationsverarbeitung angeschlossen
26 | 27
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 26
283
ist. Nur noch die vom Design unterstützte Dingform des einzelnen Geräts rettet die angenehmen
traditionellen Vorstellungen, man habe es mit
einem Mittel zu tun, sei Herr seiner Zwecke und
gewinne damit ein Stück Macht über die Welt. Nur
noch innerhalb des Geräts selbst ist Rationalität
auszumachen, als Binnenrationalität des privatisierten Ausschnitts aus dem technischen und
gesellschaftlichen Systemzusammenhang. Funktional gesehen sind die Ölplattform, mein Benzinrasenmäher und alles dazwischen eine einzige
Maschine. Daran nicht zu denken, macht Rasenmähen vergnüglicher.
Während man sich im Einzelfall am Gerät noch
als Nutzer fühlt, ist man gegenüber der Technik im
Ganzen nur noch staunender Zuschauer. Nicht
nur aufgrund der gestiegenen Komplexität. Schon
das alltäglichste Haushaltsgerät ist heute undurchschaubare Blackbox – umso mehr fehlt die Zuversicht, dass die Verkettungen und Verzahnungen
von „Sachsystemen“ noch irgendjemand verstehen
könnte, geschweige denn zu steuern vermöchte.
Nicht nur die einzelnen Maschinen hängen aneinander und voneinander ab, sie sind auch in einem
Maße verwachsen mit Institutionen, Kulturen und
Ökonomien, das eine davon losgelöste Betrachtung
gar nicht mehr zulässt. Vermarktbarkeit ist schließlich das häufigste Ziel, dem heute Entwicklungsabteilungen zustreben.
Für das Design von Elektrogeräten war bisher
charakteristisch, dass die Stelle, an der das Kabel
austritt, nicht sichtbar gestaltet, sondern auf die
Rück- oder Unterseite verbannt war. Diese Geste des
Verleugnens (parallel zum Türchen, das beim Auto
den Benzin-Einfüllstutzen schamvoll verdeckt)
dient zur Aufrechterhaltung des Interpretationsrahmens werkzeughafter Technik, die Freiheit eröffnet
– zumindest die Freiheit zu ihrem subjektiv selbstbestimmten Gebrauch. Diese Ausblendung des
Angeschlossenseins an eine große Gesamtmaschine, deren kleinsten Teil man als „Produkt“ in Händen hält, wird neuerdings überboten durch drahtlose Verbindungen, die derzeit nur die Informationsübertragung leisten, bald jedoch auch für die
Zufuhr elektrischer Energie sorgen werden (auf
einem Flughafen glückte kürzlich der Feldversuch,
Notebooks und Handys ohne Kabel aufzuladen).
Während die einzelnen Maschinen funktional
immer enger zu einer einzigen zusammenwachsen,
isolieren sie sich formal, um vorzugaukeln, sie seien
verstehbar und nutzbar wie Werkzeuge. Das iPad
kehrt eine Einfachheit hervor, die nahe der Einfachheit eines Hebels erscheint. Leiblich-sinnliche
Erlebbarkeit und Geschicklichkeit, zwei beinahe verlorene Dimensionen der Technik, werden vom
Touchscreen rückerstattet. Dem Zauberspiegel, in
dem sich das universale Gedächtnis der Menschheit
zeigen kann, sieht man freilich nicht an, dass er
gemäß der amerikanisch-puritanischen Firmenpolitik von Apple alles Erotische ausfiltert. Das omnipotente Weltwerkzeug verkürzt das Menschenbild
um jene Dimension, die hinterrücks nicht wenig
Die Fitnessmaschine
10.10.11 11:49
Der zypriotische Künstler
Stelarc (Stelios Arcadiou)
behandelt in seinen
Performances das Verhältnis zwischen Mensch und
Technologie.
zum Begehren nach derlei „Gadgets“ beisteuert. Die
Handlichkeit verdeckt, wie Ermächtigung und
Entmächtigung in moderner Technik Hand in Hand
gehen.
Die Ohnmacht des Einzelnen, aber auch seiner
kollektiven politischen Vertreter, gegenüber der wuchernden Eigendynamik technischer Entwicklung
schließt Verantwortung aus – zumindest, soweit
sie den Rahmen von Sonntagsreden übersteigt. Was
immer mehr Geräte jedoch leisten, ist Beantwortung, ist Reaktionsfreude auf spontane Impulse und
Fingerzeige, ist Dialog mit Programmen. Metaphorisch gesprochen ist die technische Matrix nun
eine „overprotective mother“, eine Supermutter, die
wunderkräftige Spiegelchen und Babyrasseln dem
narzisstischen Begehren nach Beantwortet werden
ins Körbchen wirft. Man streichelt sein iPad, und
siehe: Es reagiert! Psychoanalytisch gesprochen ist
die Technik aus Impulsen der „phallischen Phase“
erwachsen – gegenwärtig lässt sie den Menschen
in ein Stadium des „frühkindlichen Narzissmus“
regredieren.
Die Wände der Kraftkammern sind von Spiegeln bedeckt. In ihnen erblickt sich der Trainierende bei einem rituellen Kräftemessen mit der Maschine, aus dem er noch als Sieger hervorgeht.
Wenn im Laufe der Technikgeschichte immer mehr
Organfunktionen aus dem Körper ausgewandert
sind, um sich in Maschinen zu manifestieren, so
kehrt sich diese Bewegung im Fitnesscenter um: Die
Maschine wandert zurück in den Körper ein, indem
sie dessen Form so verwandelt, dass das Mechanische an ihm, die Muskelstränge, Sehnen und Venen,
möglichst deutlich unter der Haut hervortritt. Der
Körper wird der Maschine ähnlicher, er wird zum
Werkstück, schließlich zum Produkt. Das Drama der
Historie technischer Produktion, bis hin zu ihrer
absurden Kehrtwendung gegen sich selbst, wird
nicht nur in der räumlichen Inszenierung der chromblitzenden Maschinenhallen nachgestellt – auch
der Selbstbearbeiter schickt sich an, den Widerspruch einer Gestaltung, die sich auf den Gestalter
zurückschlägt, in sich zu verkörpern. Wenigstens
szenisch lässt sich die Differenz zwischen dem
Menschen und der Maschine überwinden, sobald
man den Körper nach ihrem Ebenbilde formt. N
Die Fitnessmaschine
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 27
10.10.11 11:49
Utopien und Technik| Eine Chronik
Technische Utopien – welcher Art auch immer – gehören zum modernen Denken. Sie sind Spiegel gesellschaftlicher
Wandlungsprozesse und Auseinandersetzungen mit jeweils aktuellen Technikentwicklungen.
Gerrit Herlyn
Studium der Volkskunde,
Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Betriebswirtschaftslehre, wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Institut für Volkskunde/
Kulturanthropologie der
Universität Hamburg. Mitglied im Kolleg Kulturwissenschaftliche Technikforschung
Dabei gibt es ganz unterschiedliche Akteure,
die auf diese rhetorische Projektionsfläche
zugreifen und verschiedenste denkbare
Intentionen. Die bekanntesten Beispiele
kommen sicherlich aus dem Bereich der
Literatur und der populären Medien; nicht
zuletzt ist mit der Science-Fiction ein ganz
auf das Zusammenspiel von Technik, Wissenschaft und Zukunft gerichtetes Genre
entstanden. Für den Historiker Georges
Minois ist die Vorhersage eine besondere
Quelle, da sie „niemals neutral oder passiv
ist. Immer entspricht sie einer Absicht,
einem Wunsch oder einer Befürchtung [...].
Die Vorhersage klärt uns nicht über die
Zukunft auf, sondern spiegelt die Gegenwart wider. Insofern gibt sie Aufschluss
über Mentalitäten, die Kultur einer Gesellschaft und einer Zivilisation.“ Wichtig für
den kulturhistorischen Blick auf das Zusammenspiel von Technik und Zukunftsvision ist es, die soziale oder politische
Stoßrichtung der jeweiligen Vision zu
berücksichtigen und so Technikeuphorie
oder Technikphobie einzuordnen. Der
Zusammenhang zwischen Utopischem
und Technik ist gut beschreibbar, wenn
man sich vergegenwärtigt, dass die
technische Ausformung von Zukunftsvorstellungen häufig Medium und Methode
sind, konkrete Formen eines zukünftigen
Zustands auszudrücken und zugleich
den Blick auf die eigene Kultur und Gesellschaftsform zu richten. Visionen, die sich
am Technischen entzünden oder sich an
Zivilisation und ihren Fortschritt knüpfen,
implizieren immer auch gesellschaftliche
Utopie, eine Social-Fiction. Mit solcher
Art Vision ist eine Vernunftsposition verbunden, nämlich das Bild einer verbesserten Gesellschaft, eines realen Utopia – als
Zukunft bewerkstelligbar. Der bisweilen
rasante technische Wandel geht häufig
mit schwierigen Anpassungsprozessen
einher, und es sind gerade die Leitfossilien
und technischen Innovationen eines bestimmten Zeitabschnitts, die zu Zukunftsvorstellungen anregen. Also jene technischen Artefakte, die für einen kulturellgesellschaftlichen (Fortschritts) Zeitraum
zu stehen scheinen und denen sowohl
eine besonders prägende Technologie als
auch ein hoher Verbreitungsgrad sowie
ein dramatisches Entwicklungspotenzial
zugeschrieben wird.
Der Beginn des utopischen Denkens und der technische Optimismus in der Industriemoderne
Die frühen Utopien in Folge von Thomas Morus’ Utopia entstehen seit dem 16. Jahrhundert als Auseinandersetzung mit den
gesellschaftlichen Missständen der Feudalgesellschaft, aber auch im neuen Glauben an die Veränderbarkeit des Menschen
und an eine vernünftige und ideale Gesellschaft.
In den frühen Utopien ist – dies lässt sich als
Spiegel des beginnenden Kolonialzeitalters
lesen – noch nicht die Zukunft das utopische
Ziel, sondern weit entfernte Inseln. Der erste
Zukunftsroman – Louis Sebastian Merciers
„Das Jahr 2440, dem kühnsten aller Träume“
– entsteht allerdings erst 1770 unter dem Eindruck der einsetzenden Industrialisierung.
Es ist sicherlich kein Zufall, dass sich
im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung
und einer Vielzahl wichtiger Erfindungen
auch das Zukunftsdenken industrialisierte
und technisierte: Optischer und elektrischer
Telegraf, das Telefon (1876), der Phonograph
(1877), das Auto mit Verbrennungsmotor
(1883), Beton (1887), der elektrische Ofen
(1889) oder die Filmkamera (1891) machten
für die Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts
die Überwindung von Raum und Zeit in einer
Art und Weise erfahrbar, die wenige Jahrzehnte zuvor noch unvorstellbar gewesen
war. Gewissermaßen als Agenturen der
Zukunft lassen sich die seit der Mitte des
19. Jahrhunderts in den Metropolen entstehenden Weltausstellungen verstehen, in
denen sich der technische Fortschritt feiert
und die als Ausdruck eines den technischen
Entwicklungen geschuldeten Optimismus
verstanden werden können. Spektakuläre
technische Innovationen wie die Filmkamera oder elektrische Beleuchtung konnten
hier von vielen Menschen erstmals bestaunt
und erfahren werden. Aber auch wenn man
populäre Medien der Zeit betrachtet, fällt
auf, dass das Thema Technik und Zukunft
sehr präsent war. So gab es um 1900 eine
Vielzahl von Sammelbildern und Postkarten,
in denen die technische Welt der Zukunft
imaginiert wurde.
28 | 29
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 28
283
1516 Utopia
Der Begriff und die literarische
Gattung der Utopie beginnen mit Thomas
Morus gleichnamigem, 1516 veröffentlichtem Roman Utopia. Utopia ist ein Kunstwort, das zusammengesetzt aus den griechischen Vorsilben „ou“ für „nicht“, bzw.„eu“
für ideal bis perfekt, sowie „Topos“ mit der
Bedeutung „Ort“ zusammengesetzt ist.
Es stand sowohl für „Nirgendort“ als auch
für „idealer, guter Ort“. Der Roman selbst ist
die Schilderung einer idealen Gesellschaft
mit demokratischen und rationalen Grundzügen. In der Darstellung der idealen Gesellschaft der Utopier ist unschwer die
Kritik an der englischen Gesellschaft des
16. Jahrhunderts erkennbar.
Télephonoscope
Grafik, 1883
von Albert Robida
1869
Jules Verne: 20.000 Meilen
unter dem Meer
An den literarischen Beginn des
Zusammenspiels von Technikbegeisterung
und Gesellschaftsentwürfen lassen sich
die auch in seiner Zeit ausgesprochen
populären Bücher von Jules Verne setzen.
Verne griff viele der technischen Neuerungen seiner Zeit auf, um sie in seinen
populären Büchern weiterzudenken. Auch
das Unterseeboot Nautilus, mit dem
Kapitän Nemo in „20.000 Meilen unter dem
Meer“ die Unterseewelt bereist, hatte
ein konkretes Vorbild: nämlich die bereits
1797 entwickelte Nautilus. Diese war ein
kleines, für die französische Marine
entwickeltes Unterseeboot, das wenige
Meter tief tauchen konnte. Auch wenn
manches bei Verne sehr fantastisch
anmutet, waren Basis seiner Bücher oft
die technischen Entwicklungen seiner Zeit,
mit denen er sich beschäftigte. In einem
anderen Werk, „Die Reise zum Mond“,
ist Verne viel dichter an der späteren Realität und auch an den naturwissenschaft-
lich-technischen Bedingungen, indem
er bereits darauf verweist, dass es
eine Frage der Geschwindigkeit ist, die
Erdanziehungskraft zu überwinden.
1883
A lbert Robida:
Télephonoscope
Zu den aus heutiger Sicht spektakulären technikeuphorischen Visionen
zählen sicherlich die Werke Albert Robidas.
Ausgehend vom noch jungen Telefon
erdachte er sich in „Le Vingtième Siècle“ für
das 20. Jahrhundert eine Art Fernsehen mit
Großprojektionen, mit dem live Theatervorführungen übertragen werden sollten:
„Das Gerät besteht aus einer einfachen
Kristallscheibe, die entweder in eine Zwischenwand der Wohnung eingelassen ist
oder die wie ein Spiegel auf dem Kamin
aufgestellt werden kann. Der Theaterliebhaber setzt sich ohne große Umstände vor
diese Scheibe, wählt sein Theater aus,
stellt die Verbindung her und augenblicklich beginnt die Vorstellung.“
Chronik
10.10.11 11:49
Die literarische Erfindung des Roboters
Fotografie, 1922
1900 Die Welt in 100 Jahren
Der Journalist Arthur Bremer bat
namhafte Zeitgenossen um ihre Visionen
der Welt im Jahre 2000. Der Beitrag des
Amerikaners Robert Sloss, der sich mit dem
drahtlosen Jahrhundert beschäftigt, ist
eine bemerkenswerte Vorhersage des
heute allgegenwärtigen Mobiltelefons, von
dem er der Meinung war, „dass auch der
gewöhnlich Sterbliche sich seiner wird bedienen können“. Von ihm als „Westentaschentelefon“ bezeichnet, verfügt es in
seiner Vorstellung bereits über einen Vibrationsalarm: „Die Bürger jener Zeit werden
überall mit ihrem drahtlosen Empfänger
herumgehen, der irgendwo, im Hut oder anderswo, angebracht und auf Myriaden
von Vibrationen eingestellt sein wird, mit
denen er gerade Verbindung sucht.“
Die meisten der Vorhersagen
blieben jedoch unverwirklicht. Der Künstler
Wenzel Hablik etwa äußerte sich in diesem
Buch so: „Ich sehe im Geiste massige Luftvillen, in der Erde verankert – eine Flügelschraubenmaschinerie hält sie in der
1927 Atlantropa
Ein Beispiel für eine als realistisch
gedachte Zukunftsvision und für den zeittypischen Machbarkeitsglauben ist Atlantropa. Der deutsche Architekt Hermann
Sörgel entwickelte die Idee, mithilfe eines
Großstaudamms die Meerenge von Gibraltar zu schließen. Durch den so abgesenkten Meeresspiegel des Mittelmeeres sollten
zusätzliche Landflächen entstehen, durch
gigantische Wasserkraftwerke Stromversorgungsprobleme gelöst werden und mittels umgelenkter Wasserströme die
Wüsten Nordafrikas fruchtbar gemacht
werden. Nicht zuletzt sollte so auch
eine Eisenbahnverbindung über die nun
schmalere Meerenge von Messina von
Berlin nach Kapstadt gebaut werden.
Auch wenn Sörgels Idee aus heutiger Sicht
kurios und absurd erscheint, war sie in
seiner Zeit durchaus populär: Namhafte
Architekten beteiligten sich an den Plänen
und das viel gezeigte Projekt erregte auf
Messen und Ausstellungen große Aufmerksamkeit. Der reale Hintergrund war ein
geglücktes technisches Großprojekt, nämlich die holländische Landgewinnung mithilfe des Zuiderdammes.
Schwebe – und nur so zu Zeiten wird – um
die Maschine zu untersuchen – das Haus
heruntergelassen, oder bei einem drohenden Wetter.“ Dass die Technikutopie hier
nicht in eine Sozialutopie überführt wurde,
zeigt, dass Wenzel annimmt, dass „die
reicheren Familien über ganz Afrika hin, Tag
und Nacht 1000 bis 2000 Meter hoch in
verankerten Lufthäusern“ wohnten.
1922 Karel Capek: wur
Das Theaterstück „WUR“ des tschechischen Science-Fiction-Autor Karel Capek
ist bemerkenswert, da in ihm der Begriff der
Roboter literarisch erfunden wurde. WUR
steht für „Werstands Universal Robots“,
die Fabrik, in der die Roboter hergestellt
wurden. Capeks Roboter selbst sind – anders als die tatsächlichen – allerdings keine
mechanischen, sondern künstliche Menschen, die als billige Arbeitskräfte gezüchtet werden. Wenn auch inhaltlich anders
gefüllt, ist der Begriff Roboter schnell in den
allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.
Skizze von Peter Behrens, 1931
Chronik
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 29
10.10.11 11:49
Utopie und Dystopie
Wenn es auch vorher technikkritische Utopien und Zukunftsvisionen gab, ist für die
Zeit nach den beiden Weltkriegen eine Vielzahl an negativen Utopien – Dystopien – festzuhalten, in denen die gesellschaftliche Entwicklung ausgesprochen pessimistisch
gesehen wird.
In diesen steht zumeist der Freiheitsverlust des Individuums in einer totalitären Gesellschaft im Mittelpunkt. Oft spielt dabei
der in die Zukunft projizierte Medien- und
Technikmissbrauch eine wichtige Rolle wie
in Fahrenheit 451 von Ray Bradbury, wo die
letzten Bücher verbrannt und durch überdimensionale Bildwände ersetzt werden.
Auf der anderen Seite finden sich in
der Nachkriegszeit auch ausgesprochen
optimistische Technikvisionen. Dieser technische Optimismus war nicht zuletzt in den
naturwissenschaftlich-technischen Erfolgen begründet, wie etwa der bemannten
Raumfahrt. Aber auch die Erfahrung des
massenhaften Konsums in den 1950er- und
1960er-Jahren begünstigte diese optimistische Haltung. Autos wurden in kurzer Zeit
vom exklusiven Fortbewegungsmittel
zum normalen Verkehrsmittel, die schnelle
Verbreitung des Fernsehens im Alltag, aber
auch die Ausstattung des Haushalts etwa
mit anderen schnell zum Standard gewordenen technischen Geräten wie Waschmaschinen sind hier zu nennen. Diesen Zukunftsgeist scheint auch das Futuro-Haus
Futuro-Haus des finnischen Architekten und
Designers Matti Suuronen
des finnischen Architekten und Designers
Matti Suuronen aus den 1960er-Jahren zu
atmen. Die dahinter stehende Vision war,
ein mobiles Haus mit einem spekatkulären
– der Gedanke an ein Ufo wurde auch von
den zeitgenössischen Kritikern formuliert
– und einfachen Design zu schaffen, das
dem Besitzer ermöglichen sollte, die Natur
zu erschließen, ohne auf den gewohnten
Komfort verzichten zu müssen. Dieses wurde tatsächlich gebaut, kam aber entgegen
der ursprünglichen Planungen nicht über
den Status eines in wenigen Exemplaren –
letztlich nur 24 – gebauten Prototyps
hinaus.
des hypertextuellen Arbeitens im Internet
realisiert wurde, stellte sich Bush als Kernstück seiner Idee vor: eine „assoziative
Indizierung“, die es erlaubte, von jeder beliebigen Information, wie etwa einem Buch
oder einer Fotografie, sofort und automatisch auf eine andere zu verweisen.
1949 1984
Vor dem Hintergrund der Nazidiktatur und der gescheiterten Verwirklichung
der Utopie des Sozialismus der Stalin-Zeit
entwarf George Orwell mit 1984 die düstere
Vision eines allgegenwärtigen Überwachungsstaates. Die perfektionierte Überwachung des Big Brother funktioniert auch
1945 As we may think
Ein aus heutiger Sicht bemerkenswertes Beispiel für eine Realität gewordene
Vision ist Vannevar Bushs Artikel „As we
may think“, in dem er die Idee eines multifunktionalen Schreibtischs, des Memex
(Memory Extender), vorstellte. Bush war
Leiter des Büros für wissenschaftliche
Forschung und Entwicklung der amerikanischen Regierung und seine Idee war es, mithilfe der bestehenden Mikrofilmtechnik ein
„mechanisiertes, privates Archiv bzw. Bibliothek“ herzustellen und so das immense
in Büchern vorhandene Wissen schnell
abrufbar zu machen. Was später in der Idee
Nach der Utopie?
Spätestens seit den 1970er-Jahren gibt es
zunehmende gesellschaftliche Zweifel
am unbegrenzten technischen Fortschritt.
Erfahrungen wie die Ölkrise und die AntiAKW- und Umweltbewegung sind auch als
Gegenentwürfe zum uneingeschränkten
Weiterdenken technischer Entwicklungen zu sehen. Globale Problemstellungen
wie schnelles Bevölkerungswachstum,
Nahrungsmittel- und Wasserversorgung
führten dazu, Zukunftsentwürfe zu entideologisieren, kurzfristiger und realistischer
zu denken und Verfahren wissenschaftlicher
Prognostik zu entwickeln. Dies bedeutet
auch, sich vom utopischen Denken zu entfernen, indem nicht mehr neue Menschen in
neuen Gesellschaften Ziel dieses zukunftsbezogenen Denkens sind. In diesem Sinne
entsteht eine wissenschaftliche Prognostik, die die Gestaltbarkeit und Machbarkeit
von Zukunft als Ziel verfolgt. Bücher wie
„Mensch – Technik – Zukunft. Basiswissen für
Probleme von morgen“ (1971) oder „Ihr
werdet es erleben. Voraussagen der Wissenschaft bis zum Jahr 2000“, ebenfalls 1971
erschienen, machen dies deutlich. Diese
Programmatik wird in der Einleitung des
letzteren Buches wie folgt formuliert:
„Zukunftsuntersuchungen, die sich auf
lange Zeiträume beziehen, sind unter den
Gelehrten nach einigen Jahren der Verfemung erst jetzt wieder zu Ehren gekommen, ja sogar zu einer extravaganten Mode
geworden. (…) Im Gegensatz zu früheren
Studien wird heute das Schwergewicht auf
Ausdauer, Koordination und Systematik
gelegt.“ Weiter wichtig für diese Verwissenschaftlichung der Prognose ist schließlich
der 1972 veröffentlichte Bericht „Die
30 | 31
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 30
283
Grenzen des Wachstums“ des Club
of Rome, in dem ein Zusammenschluss
internationaler Wissenschaftler die
damaligen Entwicklungen (Industrialisierung, Bevölkerungswachstum,
Unterernährung, Rohstoffreserven und
Lebensraum) in unterschiedlichen Szenarien weiterdachte und ein zwangsläufiges Ende des Wachstums innerhalb
des nächsten Jahrhunderts prognostizierte.
1982 Cyberspace
Der Begriff des Cyberspace geht auf
die Kurzgeschichte „Burning Chrome“ des
amerikanischen Science-Fiction-Autors
William Gibson zurück. Dieser kennzeichnete damit einen virtuellen, aber realen Raum,
mit dem sich Menschen mit sogenannten
Decks oder Konsolen verbinden: „Er hatte
Decks benutzt, Spielzeuge, die einen durch
die unendlichen Weiten des Raums transportieren, der kein Raum war: den unvorstellbar komplexen, reflektorischen Halluzinationen des Menschen, die Matrix, den
Cyberspace.“ Hier gibt es virtuelle Figuren
und Avatare, die computergeneriert existieren und auf die reale Welt zurückwirken.
Gibson griff seine Vorstellung in dem Buch
„Mona Lisa Overdrive“ 1988 wieder auf und
hier fühlt man sich in seinem visionären
Roman tatsächlich an den virtuellen Raum
des Internets erinnert. „Sie zog das elastische Stirnband zurecht und setzte sich
die Troden an die Schläfen – eine weltweit typische Handbewegung der Menschheit, die sie jedoch nur selten ausführte.
Sie schaltete ein und das Schlafzimmer
verschwand hinter einer farblosen Wand
aus sensorischem Scheegestöber. Ein
Sturzbach weißen Rauschens ergoss sich in
ihren Kopf. Ihre Finger fanden aufs Geratewohl eine zweite Taste und schon wurde
sie durch die Schneewand in die ungeheure,
aber keineswegs leere Weite katapultiert,
in das fiktive Weltall des Cyberspace, und
das Leuchtgitter der Matrix umgab sie wie
ein unendlicher Käfig.“
Idee verknüpfen sich Technik- und Sozialutopie, indem Cyborgs herkömmliche Werte
und Vorstellungen infrage stellen und den
Blick schärfen, um gesellschaftliche Zuund Festschreibungen aufzubrechen. Diese
kritische Dimension ist in den berühmten
Science-Fiction-Beispielen der Cyborgs wie
dem Terminator oder Star Wars allerdings
nur schwer auszumachen.
1985 Manifest für Cyborgs
In ihrem berühmten Essay „Manifest
für Cyborgs“ der amerikanischen Feministin und Technikwissenschaftlerin Donna
Haraway lässt sie die polaren Grenzen
zwischen Mensch und Maschine, zwischen
Subjekt und Objekt, zwischen Mann und
Frau verschwimmen und im kybernetischen
Organismus des Cyborg aufgehen. In ihrer
1996
Unabhängigkeitserklärung des
Cyberspace
John Perry Barlows Proklamation
(1996) einer „Unabhängigkeit des Cyberspace“ auf dem Weltwirtschaftsforum in
Davos kann als Beispiel für die Utopien am
Beginn der Veralltäglichung des Internets
gelten. Deutlich wird das Selbstverständnis
der Nutzer des neuen Mediumss im Cyber-
Chronik
10.10.11 11:49
mithilfe von umfassenden Teleschirmen,
denen sich die Menschen nicht entziehen
können – sie sind Sende- und Empfangsgeräte in einem und registrieren jedes Geräusch und jede Bewegung. Gleichzeitig
liefern sie ein verpflichtendes Programm,
in dem Propagandasendungen übertragen werden. 1984 ist auch als Reflexion der
technischen Neuerungen seiner Zeit und
der Instrumentalisierung der Massenmedien für die Propaganda zu sehen.
Hundert Pfund Uranium und Thorium
würden ausreichen, die Sahara und die
Wüste Gobi verschwinden zu lassen,
Sibirien und Nordamerika, Grönland und
die Antarktis zur Riviera zu verwandeln.“
Ford Nucleon
Konzeptfahrzeug, 1958
1955 Wir werden
durch Atome leben
„Wir werden durch Atome leben“ war der
Titel eines Buches, das zur Genfer Atomkonferenz 1955 erschien – herausgegeben vom
Physiker Otto Hahn und dem damaligen
deutschen Minister für Atomfragen Franz
Josef Strauß – und das für den aus späterer
Sicht schwer nachvollziehbaren Glauben
an die friedliche Nutzung der Atomenergie
stand. Wie übergreifend diese Zuversicht
war, zeigt die Einschätzung des Philosophen Ernst Bloch aus „Das Prinzip Hoffnung“: „Wie die Kettenreaktionen auf der
Sonne uns Wärme, Licht und Leben bringen, so schafft die Atomenergie, in anderer
Maschinerie als der der Bombe, in der
blauen Atmosphäre des Friedens aus
Wüste Fruchtland, aus Eis Frühling. Einige
space einen weltumspannenden Kommunikationsraum zu schaffen, der nicht hierarchisch ist und der einen individuellen
Freiheitsraum jenseits körperlicher
Beschränkungen ermöglicht.
„Wir werden im Cyberspace eine
Zivilisation des Geistes erschaffen. Möge
sie humaner und gerechter sein als die
Welt, die Eure Regierungen bislang
errichteten. Der Cyberspace besteht aus
Beziehungen, Transaktionen und dem
Denken selbst, positioniert wie eine
stehende Welle im Netz der Kommunikation. Unsere Welt ist überall und nirgends,
und sie ist nicht dort, wo Körper leben.
Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten
können ohne Bevorzugung oder Vorurteil
bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer
Macht und Herkunft. Wir erschaffen
eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem
Ort seine oder ihre Überzeugungen
ausdrücken darf, wie individuell sie auch
sind, ohne Angst davor, im Schweigen der
Konformität aufgehen zu müssen.“
1999
Homo S@piens: Leben im
21. Jahrhundert
Das Weiterdenken aktueller
Entwicklungen der Computertechnik
findet sich in dem Buch des Computerwissenschaftlers Ray Kurzweil beschrieben:
Ausgehend von einer exponentiell wachsenden Leistung von Computerrechenleistungen beschreibt er in „Homo S@piens.
Leben im 21. Jahrhundert. Was bleibt vom
Menschen?“ für das Jahr 2019, dass für 1000
Dollar ein Computer erhältlich sein wird,
der ebenso viele Rechenleistungen wie das
menschliche Gehirn bewältigen könne.
Zehn Jahre später bestünden für Computer
sogenannte Turing-Tests, Tests also, in
denen Computer Leistungen erbringen, die
von menschlichen nicht mehr zu unterscheiden sind. Durch Implantate von
Mikrochips in Körpern, die immer stärker
fähig seien, „menschliche“ Leistungen zu
erbringen, verschwänden die bekannten
Grenzen zwischen Mensch und Maschine
zunehmend. Kurzweils Buch ist ein
Beispiel für eine technikeuphorische Sicht,
entsteht doch bei ihm eine Art digitales
Schlaraffenland, in dem der Computerchip
als elektronischer Helfer zum natürlichen
Glied der Evolution wird.
2002 Das Ende des Menschen
Ganz andere Folgen für die Zukunft
sieht die Auseinandersetzung mit der Biound Gentechnologie des amerikanischen
Politologen Francis Fukuyama: „Wir werden“, meint er, „dank dem Wissen und
den Technologien der nächsten Generation
das Ende der menschlichen Geschichte
tatsächlich herbeigeführt haben, weil wir
dem Menschen, wie wir ihn kennen, ein
Ende bereitet haben.“ Als Ausgangspunkt
dieser unheilvollen Eroberung der Natur
bezeichnet Fukuyama die Entdeckung der
DNS-Struktur durch Watson und Crick. Sie
steht am Anfang der Aufschlüsselung
biochemischer Prozesse im menschlichen
Organismus, was ermöglicht, gezielt in die
Natur des Menschen einzugreifen. Was
beim Designerbaby enden kann, hat laut
Fukuyama bereits heute Anklänge im
Alltag, führt doch seines Erachtens ein
direkter Weg von den aktuellen Entwicklungen der Neuropharmakologie zur
1965 Hotels unter Wasser
Das „Hotel unter Wasser“ ist eine
Technikvision aus dem Jahr 1974. Es schien
nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der
Meeresboden dem menschlichen Kolonisationsdrang unterworfen sein würde.
Ganz nach dem Vorbild der touristischen
Erschließung über Wasser bzw. an den
Stränden sollten Hotelbauten unter Wasser neue Vorposten der Zivilisation und der
Erlebnisgesellschaft werden. Die in der
Zeit berühmt gewordene Tauchfahrt der
„Trieste“, die Jaques Piccard und Don Walsh
1960 bis auf 10.000 Meter Meerestiefe
führte, wirkte wie ein Auftakt für die Erschließung des Meeresbodens. Wie futuristisch die Entwürfe einer Tiefseearchitektur, die dem Menschen neue Wohnmöglichkeiten in einer fremden Welt eröffnen
wollte, auch anmuten, der Zukunftsglaube
hieran wird in Äußerungen des Vorsitzenden des Verbandes der Seetaucher deutlich, der sich zeitgleich in der angesehenen
Zeitschrift New Scientist so äußerte: „1985
wird es für den Menschen ganz normal
Gentherapie. Der Konsum von Antidepressiva wie Prozac oder die massenhafte Behandlung von Kindern mit Ritalin
lasse kritische Schlüsse zu: „Wir haben
Nietzsches Übermenschen sozusagen
in der Flasche. Diese Missachtung, unter
der wir leiden, die Unzufriedenheit mit
unserer momentanen Lage verschwinden, und zwar nicht als Folge der liberalen
Demokratie, sondern weil wir entdeckt
haben, wie wir jenes Element der Gehirnchemie ändern können.“ Der Weg zum
programmierten Unmenschen, geklont,
optimiert, und der von Fukuyama visionierte Weg zur posthumanen Geschichte
bleibt als Schreckensvision ein Ausdruck
der Angst, die sich beim Auftreten neuer
Technologien auch einstellen kann.
Zukunft der Zukunft?
„Denn bei dem Tempo, mit dem sich die
Dinge entwickeln, darf man nicht einmal
mehr auf die Zukunft hoffen!“ Jules Vernes
pessimistische Einschätzung aus seinem
Werk „Paris im 20. Jahrhundert“, das er 1863
verfasste, findet sich auch als typische
gegenwärtige Denkfigur, wenn es um den
Zusammenhang von Utopie und Technik
geht. Für die Philosophin Helga Nowotny
ist die rasante Generierung technischer
Neuerungen ein zentrales Merkmal unseres Umgangs mit Zukunft, gleichsam ein
kulturelles Merkmal unserer Zeit: „Wir
leben in einer Zeit, in der Innovation – die
soziale Seite der individuellen Kreativität
– vom individuell kreativen Akt übergesprungen ist auf ein gesellschaftliches
System, das sich historisch ebenso einmalig wie radikal der ständigen Hervor-
sein, sich in diese oder noch größere Tiefen
zu begeben. Um die nötigen Anlagen zu
errichten, wird der Mensch oft monatelang
unter Wasser leben müssen und zwar in
festen oder beweglichen aufblasbaren
Bauten.“ Angemerkt sei, dass es immerhin
seit 1986 ein Unterwasserhotel in Florida
gibt.
1968 2001 – Odyssee im Weltraum
Stanley Kubricks berühmter
Science-Fiction-Film „2001 – Odyssee im
Weltraum“ ist ein Spiegel der technologischen Entwicklung seiner Zeit, steht er
doch am Ende zweier Jahrzehnte, in denen
die Eroberung des Weltraums erfolgte.
Aber auch der Beginn des Siegeszugs der
Großrechner fällt in die Zeit. Zentrale
Figur ist HAL 9000, ein hoch entwickelter,
mit menschlichen Zügen ausgestatteter
Computer, der sich im Verlauf seiner
filmischen Existenz nach einer Fehlberechnung gegen seine Abschaltung wehrt.
Mit seinem eigenmächtigen Handeln versinnbildlicht er die Verselbstständigung
der Technik und den Kontrollverlust der
Menschen gegenüber der Technik.
bringung von Neuem verschrieben hat.“
Tatsächlich lassen die dynamischen
technischen Entwicklungen mitunter den
Eindruck entstehen, dass der zeitliche
Abstand zwischen Zukunftsvision und
Verwirklichung immer kürzer wird. Immer
kürzer werdende Produktlebenszyklen
und immer schneller wechselnde Technologien lassen die Frage auftreten, ob es
überhaupt noch Raum und Zeit für Utopien
gibt.
Parallel zum postmodernen „Ende
der Geschichte“ konstatiert der bereits
eingangs zitierte Historiker Georges Minois
auch eine gegenwärtige Krise der Voraussagen. Zwar gibt es ein Instrumentarium,
das in vielen Bereichen in der Lage ist, kurzfristig relativ exakte Prognosen zu erstellen,
gleichzeitig fehlen aber allgemein akzeptierte Voraussagen, die Halt vermitteln und
gesellschaftlich verbindliche Handlungsmuster suggerieren. Minois setzt den erkennbaren Hang unserer Zeit, eine Vielfalt
sowohl an historisierenden Bildern als
auch an Zukunftsbildern zu produzieren,
in engen Zusammenhang und führt als Beispiel für seine These an: „Eine solche Gesellschaft, die sowohl in der Vergangenheit
wie in der Zukunft leben will, mit Holzfeuerkaminen und falschen Balken aus Polystyrol, einer Ernährung nach alter Art in
einer Hightech-Welt, ähnelt stark jenen
utopischen Welten, aus denen man die Zeit
entfernt hat. Die Gegenwart hat die Vergangenheit und die Zukunft in sich aufgenommen.“
Chronik
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 31
10.10.11 11:49
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 32
10.10.11 11:49
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 33
10.10.11 11:49
Photo: Schneider /pos architekten
Beratung, Planung und Realisierung von Gastronomieprojekten: Wir haben das Know-how!
Nachhaltiges Planen und Bauen
– ohne Kreislaufwirtschaft?
dérive – Zeitschrift für Stadtforschung
Heft 45: Urbane Vergnügungen
Aufgrund jahrzehntelanger Erfahrung als Gastronomieausstatter sind wir mit allen Herausforderungen,
die sich bei der Planung und Baustellenbegleitung
von Gastronomieprojekten ergeben, bestens vertraut und kennen die Arbeitsabläufe in modernen
Großküchen. Deshalb freuen wir uns, diese Kompetenz in Zusammenarbeit mit ArchitektInnen unseren KundInnen bei der Umsetzung auch hoch komplexer Projekte zur Verfügung stellen zu können.
Wann?
Podiumsdiskussion am Do., 17. 11. 2011, 19 Uhr
Wo?
Erste Bank Event Center, Petersplatz 7, 1010 Wien
Urbanes Vergnügen, räumlich fixiert in Form von
Freizeit-, Vergnügungs- und Lunaparks, ist seit jeher
als Gegenwelt zum Alltag beschrieben worden und
erweist sich im Ablauf von Arbeit und Freizeit doch
als immanenter Teil desselben. Die klassischen Vergnügungsorte gehören am Übergang vom 19. zum
20. Jhdt. zur Modernisierung des Urbanen und sind
auch eine Reaktion auf die extreme Verdichtung der
Städte. Das dérive-Schwerpunkt-Heft untersucht die
facettenreiche Rolle des Vergnügens für die Stadt:
von der Eventisierung urbaner Alltagsräume über
seine Rolle als Mittel der Politik und seine Funktion
als Projektionsraum der Imagination bis zu den Auswirkungen auf Städtebau und urbane Entwicklung.
Außerdem: zwei Beiträge zu Jane Jacobs, Aktuelles zum Wegweiserecht in der Schweiz und ein Porträt der Imbissbude als kommunikatives urbanes
Element.
Kunstinsert: Karl Heinz Klopf / Plan (Videostills)
Beratung, Planung und Realisierung, alles aus einer
Hand, und das von jemandem, der genau weiß, was
gebraucht wird: Das können wir Ihnen anbieten.
Nur wenige Produkte werden heute in geschlossenen
Kreisläufen geführt, die meisten landen später auf der
Deponie oder in der thermischen Verwertung. Verglichen mit der Menge aller Stoffe, die heute jährlich ins
Bauwesen gehen, kommen nur ca. 10 % im Jahr wieder
zurück, nur ein Bruchteil davon wird recycliert.
„Unser Umgang mit Ressourcen muss sich generell ändern“, meint Dr. Michael Braungart, der Begründer von Cradle to Cradle. „Schon in der Herstellung
muss ein Produzent wissen, wie sein Produkt später
in einem biologischen oder technischen Kreislauf weitergeführt werden kann.“
Wie sieht der aktuelle Stand der Kreislaufwirtschaft
im Bauwesen in Österreich aus? Welche neuen Ansätze und Möglichkeiten gibt es und was bedeutet dies
volkswirtschaftlich? Wie sieht die Datenlage und wie
die rezente Praxis in der Entsorgung aus?
Diesen Fragen werden ExpertInnen in der Diskussion nachgehen.
Wir freuen uns auf die Einschätzungen der Expertenrunde am 17. 11. 2011!
dérive – Zeitschrift für Stadtforschung
Heft 45: Urbane Vergnügungen
Oktober bis Dezember 2011
Stölner GmbH
Herzogenburgerstraße 9, 3100 St. Pölten
T + 43 (0) 27 42 36 22 20-0
Burggasse 120, 1070 Wien
T + 43 (0) 1 52 24 674
office@stoelner.at
www.stoelner.at
34 | 35
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 34
283
Anmeldung an:
Bundeskammer der Architekten
und Ingenieurkonsulenten, Rosa Frey
T + 43 (0) 1 505 58 07 - 73 | rosa.frey@arching.at
Erhältlich im gut sortierten Buchhandel oder unter
www.derive.at
Anzeige
10.10.11 11:49
Übernehmen die Ziviltechnikerinnen
mehr Verantwortung? |
Lautes Nachdenken
Cora Stöger
Geboren 1973. Studium
Vermessungswesen an der
TU Graz, Ingenieurkonsulentin für Vermessungswesen in Linz (seit 2002),
Vorsitzende des Ausschusses ZTInnen „mitte“
(seit 2010) und Obfrau der
Fachgruppe Vermessungswesen (seit 2006) der
Kammer der Architekten
und Ingenieurkonsulenten
für Oberösterreich und
Salzburg, Vorsitzende des
Ausschusses Ziviltechnikerinnen Österreich
(seit 2011) der bAIK.
Es gibt Fragen, die zunächst den Anschein erwecken, als
ob ihre Antworten eigentlich völlig klar auf der Hand
liegen. Und trotzdem beißt man sich daran die Zähne aus.
Unter uns Ziviltechnikerinnen – und speziell unter den
Ingenieurkonsulentinnen – ist eine solche Frage, warum
nicht mehr Frauen mit Werdegang im technischen Bereich
letztlich selbstständig, sprich Ziviltechnikerin, werden.
Nach langer und anspruchsvoller Ausbildung müsste
man meinen, dass sie sich die Selbstständigkeit verdient
hätten und die Früchte ihrer Arbeit auch für sich selbst
ernten möchten. Viele ziehen jedoch ein Angestelltenverhältnis vor, das zugegebenermaßen manches einfacher
macht. Männer scheuen viel weniger davor zurück, den
Chefsessel im ZT-Büro einzunehmen.
Ein Wort, das mir bei dieser Problematik in den Sinn
kommt, ist Verantwortung. Sind Frauen vor allem in technischen Berufen noch immer gehemmt, Verantwortung
zu übernehmen? Womöglich weil es einfach mehr Verantwortung ist, die sie im Vergleich zu ihren männlichen
Kollegen tragen müssen? Eine Überlegung, die uns Frauen,
die als Ziviltechnikerinnen bereits selbstständig sind,
Kopfzerbrechen bereitet. Für uns käme eine andere
Berufssituation nämlich gar nicht infrage. Schließlich ist
es genau das, wofür wir eine jahrelange Ausbildung auf
uns genommen haben. Wir lieben unsere Arbeit und auch
die dazugehörige Verantwortung. Letztere macht unseren Job herausfordernd und stärkt in vielen Fällen unser
Selbstbewusstsein. Zur selben Zeit verstehen wir aber
auch andere Frauen und Mädchen, die uns Gründe nennen, warum sie sich gerade nicht in einen technischen
Beruf und schon gar nicht in die Selbstständigkeit wagen.
Aber ist es denn so ein Wagnis? Ist es nicht vielmehr so,
dass wir alle hoch qualifiziert, kompetent, organisiert
und zuverlässig arbeiten? Dass sich Frauen die Arbeit als
Ingenieurin zutrauen, sollte in Zeiten wie diesen außer
Frage stehen.
Um aber bei der Realität zu bleiben: Ziviltechnikerinnen
sind natürlich in vielerlei Hinsicht mehr gefordert als so
mancher männliche Kollege (ohne hier gleich als Emanze
dazustehen). Das lässt sich auch plausibel erklären: Kompetenz wird in jedem Beruf vorausgesetzt, egal ob Mann
oder Frau. Das ist auch gut so, denn eine „Extrawurst“
für das „schwache Geschlecht“ ist nicht angebracht, wenn
wir nach Gleichberechtigung streben. Ziviltechnikerinnen
sind durch Studium und Praxiszeit bestens ausgebildet
und haben nicht zuletzt bei der Ziviltechnikerinnenprüfung gezeigt, dass sie das Rüstzeug für die Selbstständigkeit besitzen. Tatsache ist jedoch, dass wir Frauen
schon während des Technikstudiums immer ein bisschen
mehr gefordert wurden als unsere männlichen Kommilitonen. Als fast schon exotische Wesen in einer Männerwelt sind wir allein durch unser Geschlecht immer irgendwie aufgefallen. Nicht zu Vorlesungen zu erscheinen, sich
etwa bei einer Prüfung die Blöße einer schlechten Note
zu geben, war fast mit Selbstmord zu vergleichen. Na ja, es
fiel zumindest auf und die Lehrenden erinnerten sich
lange daran zurück. Wir waren gefordert zumindest
gleiche, wenn nicht bessere Leistungen als unsere männlichen Kollegen zu zeigen. Das war zwar nicht immer
angenehm, prägte uns aber für die Berufswelt und gab
uns das nötige Selbstbewusstsein.
Gefordert sind wir zudem jedes Mal, wenn wir gefragt werden, wie es denn eine Frau überhaupt in so einen
Beruf verschlagen konnte (wir schreiben wohlgemerkt
das Jahr 2011). Die Antwort ist ganz klar: Aus dem Grund,
der auch für Männer ausschlaggebend sein sollte – weil es
Spaß macht, selbstständig Entscheidungen zu treffen
und auf eigene Verantwortung zu arbeiten.
Um aber nochmals auf die vielfältige Bedeutung
von Verantwortung zurückzukommen. Als Ziviltechnikerinnen tragen wir in erster Linie große berufliche Verantwortung. Für unser Büro, unsere Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter und natürlich für unsere Projekte, Auftraggeberinnen und Auftraggeber. Hier lassen sich noch
keinerlei Unterschiede zu männlichen Kollegen ablesen.
Ins Gewicht fällt in Wahrheit eine ganz andere Art der
Verantwortung: die familiäre. Selbstständige Frauen müssen Organisationstalente sein, denn meist bleibt neben
dem eigenen Büro ein Großteil des Haushalts an uns
hängen. Wir sind es auch, die die Kinder bekommen und –
um hier einen in der Gesellschaft gut verankerten Spruch
zu verwenden – für die Vereinbarkeit von Familie und
(unserem) Beruf sorgen. Es ist also davon auszugehen, dass
der Knackpunkt die Kinderbetreuung ist. Dieser Aspekt
ist nicht neu, aber ganz alleine daran liegt es auch wieder
nicht. Viel zu oft erleben wir es, dass schon kleinen Mädchen, bewusst oder unbewusst, beigebracht wird, dass
Frauen für technische Berufe einfach nicht geeignet sind.
Das bekommen viele Mädchen so vorgelebt. Wahrscheinlich unterscheiden wir uns dadurch von unseren Geschlechtsgenossinnen, dass unsere Eltern ihre Vorbildfunktion anders gelebt haben.
Es liegt demnach in der Verantwortung von uns
Ziviltechnikerinnen, hier Vorbild zu sein. Wir leben es
Mädchen vor, wie eine Frau in einem technischen Beruf
erfolgreich sein kann. Das ist die nächste Art von Verantwortung, die Ziviltechnikerinnen (zusätzlich) tragen:
eine gesellschaftliche Verantwortung. Die Voraussetzungen, die wir mitbringen, sind ganz einfache. Wir sind
selbstbewusst und kompetent bei der Lösung von Aufgaben. Wir sollten uns viel mehr dessen bewusst sein, dass
wir Vorbilder sind. Mädchen und Frauen vergleichen
sich mit uns, und das ist auch gut so. Der Bekanntheitsgrad unseres Berufsstandes in der Bevölkerung steht uns
aber immer wieder im Weg. Wenn niemand weiß, dass
es uns gibt, kann sich niemand mit uns vergleichen
oder uns gar nacheifern. Es liegt demnach noch mehr in
der Verantwortung der Ziviltechnikerinnen, sich in
der Öffentlichkeit darzustellen, auf die Leistungen und
die Chancen hinzuweisen, die sich für jede Einzelne
ergeben können, wenn sie bereit ist, Verantwortung zu
übernehmen. N
Übernehmen die Ziviltechnikerinnen mehr Verantwortung?
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 35
10.10.11 11:49
Pragmatisch bauen |
Otto Kollisch, ein vergessener Architekt aus Wien
Otto Kollisch, 1944
Wohnhaus Johnstraße, 1912
Wohnhaus Einwanggasse, 1912
„Anstelle von Gedichten verfasste meine schreibende Mutter nun Reklametexte,
um ihre Fähigkeiten als Masseuse anzupreisen; anstatt die Dienstmädchen
herumzukommandieren, hielt mein eleganter, reizbarer Vater unsere Wohnung
selbst in Schuss und erzielte kleine Einsparungen, indem er zum Beispiel Brot
vom Vortag kaufte, wofür er von allen gelobt werden wollte.“
Ursula Seeber
Geboren 1956 in Innsbruck.
Leiterin der Österreichischen
Exilbibliothek im Literaturhaus in Wien
Quellen:
Friedrich Achleitner:
Österreichische Architektur
im 20. Jahrhundert. Bd. 3.
Salzburg, Wien 1995
Dagmar Herzner-Kaiser:
Eintrag zu Otto Kollisch,
Architektenlexikon Wien
1770 – 1945, AzW
http://www.architektenlexikon.at/de/310.htm
Eva Kollisch: Mädchen in
Bewegung. Wien 2003
36 | 37
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 36
283
Was Eva Kollisch von ihrer Jugend in Staten Island, New
York, erzählt, beschreibt einen „ganz normalen“ Alltag
im Exil um 1940. Ohne Selbstmitleid und frei von Nostalgie
für das bürgerliche Leben, das sie in Österreich geführt
hatten, bauen sich der frühere Stadtbaumeister und die
Philologin in der Fremde eine Existenz am Rande der
Überlebensmöglichkeit auf. „Mein Vater rechnete damit,
früher oder später seine Zulassung als Architekt zu bekommen. Bis es soweit war, ging er von Tür zu Tür, verkaufte Markenbürsten der Firma Fuller und besuchte die
Abendschule, um sein Englisch zu verbessern.“
Pragmatik ist für Otto Kollisch nicht nur Überlebensstrategie im Exil, sondern begleitet auch sein professionelles Leben. 1881 in Wien als Sohn eines Goldschmieds
geboren, besucht er die Oberrealschule 6 in der Marchettigasse und studiert von 1899 bis 1905 an der Technischen
Hochschule in Wien, Lehrkanzel für Hochbau, absolviert
1907 die 2. Staatsprüfung. Bis 1912 vertieft er seine technische Ausbildung in Betrieben, wo solides bautechnisches
Können und Funktionsorientierung einen hohen Stellenwert haben: bei Ernst Epstein, als Bauleiter des LoosHauses bekannt, beim Bautechniker Franz Sobotka und
im Büro des renommierten späthistoristischen Architekten und Baumeisters Heinz Gerl.
1907 reicht Otto Kollisch gemeinsam mit Oskar Klaar
beim Wettbewerb für die „Kaiser-Jubiläums-Ausstellung“
(Fassadenentwurf Halle) anlässlich des 60-jährigen Regierungsjubiläums 1908 von Franz Joseph I. ein und wird
mit dem zweiten Preis ausgezeichnet. 1908 tritt er dem
Österreichischen Ingenieurs- und Architektenverein bei
und erlangt 1912 die Baumeisterkonzession.
Das heute bekannte Œuvre von Otto Kollisch ist
vergleichsweise schmal, die Jahre 1912 und 1913 gehören
zu den produktivsten seiner Karriere. Kollisch eröffnet
Wohnhaus Kernstraße, Detail, 1930
ein eigenes Atelier und realisiert kleinere Aufgaben wie
den Umbau von Kassensaal und Zentralwechselstube
der Anglo-Österreichischen Bank. Im Auftrag der Österreichischen Aktiengesellschaft für Bauunternehmungen
plant er 1912 drei Wohnhäuser: in Wien 14, Einwanggasse 27, und Wien 15, Johnstraße 71 und 73. Sie verweisen
auf ein Konzept, das von der frühen Moderne wenig
beeinflusst wirkt und seine historische Bezugsebene im
19. Jahrhundert sucht. Während sich die Architektur des
Hauses Einwanggasse, so Friedrich Achleitner, „die Waage
zwischen vorstädtischer Biedermeierlichkeit und
städtischem Anspruch“ hält, repräsentiert das Ensemble
Johnstraße einen „wienerischen Neoklassizismus“. Der
neuen Zeit geschuldet ist die strukturelle Behandlung der
Fassade mit ihrer rhythmischen Reihung der einzeln
herausgearbeiteten Elemente. Eine strenge secessionistische Fassade mit breitem Mittelerker kennzeichnet das
1913 entstandene vierstöckige Wohn- und Geschäftshaus
in Wien 18, Semperstraße 58, den „Semperhof“, den Otto
Kollisch später erwirbt.
1914 gewinnt er die Ausschreibung für einen Zubau
zur Synagoge Turnergasse in Wien 15 (ein Werk seines
Lehrers Carl König) und für einen Zubau zur Technischen
Militärakademie Mödling. Beides kann durch den Kriegsausbruch nicht mehr realisiert werden.
Von 1. August 1914 an ist Otto Kollisch Soldat, der
k. k. Militärbauabteilung der Festung Krakau und ab 1916
als bautechnischer Referent an der italienischen Front
zugeteilt. Ihm obliegt die Projektierung von und Bauaufsicht bei militärischen Zweckbauten wie Soldatenunterkünften und Flugzeughangars.
1919 ist wieder an den Aufbau einer zivilen Existenz
zu denken, Kollisch baut eine Lackfabrik in Liesing und
eine Lederfabrik in der Rothmühle bei Schwechat um,
ein Bankhaus in der Wiener Innenstadt und einige Privatvillen in den Außenbezirken. 1928 erwirbt er ein altes
Hauerhaus in Baden bei Wien und zieht mit seiner Frau,
der Anglistin und Lyrikerin Margarethe Kollisch, und
drei Kindern aufs Land. Als Architekt tritt Kollisch in den
Folgejahren nur noch einmal hervor, mit einem Gemein-
Pragmatisch bauen
10.10.11 11:49
Gemeindebau Kernstraße, 1930
Dank an Eva und Peter
Kollisch, New York,
für Informationen und
Hilfestellungen und
für die Überlassung von
Dokumenten und Fotos
OKA-Katalog, Wien 1935
debau in Wien-Meidling, Ecke Münchenstraße 24 / Kernstraße 11, 1930 /31 errichtet. Das schlichte Volkswohnhaus
mit knapp 30 Wohnungen ist als L-förmige Eckverbauung
mit vier bzw. drei Geschoßen ausgeführt, die zu beiden
Seiten an Altbauten anschließt. Auch an diesem Gebäude
überwiegt der Minimalismus: Ein Sockel aus Klinkerziegeln, einfache Metallstäbe als Balkongitter und das
Motiv der doppelten Nasszellenöffnungen in der Fassadengliederung sind die unaufwendigen Gestaltungselemente. Ein weiteres Verbauungsprojekt der Gemeinde
in Wien-Margareten im Bereich Einsiedlergasse / Brandmayergasse aus dem Jahr 1931 bleibt unausgeführt.
Von der schlechten Auftragslage für Architekten in den
Nachkriegsjahren ist auch Otto Kollisch betroffen, also
sucht er einen zweiten Job und wird 1923 Bauunternehmer. Bis 1924 ist er Geschäftsführer der dann liquidierten
„Burgenländischen Hoch- und Tiefbau Ges.m.b.H., vorm.
E. Diernberger“ mit Sitz in Eisenstadt. Bereits 1920 hatte
er mit zwei seiner Mitarbeiter die „OKA, Gesellschaft für
Bau- und Industriebedarf“ mit Sitz in Wien-Neubau
gegründet, die er nach dem Ausscheiden von Hermann
Kubacsek 1922 zusammen mit Ing. Franz Sonnenschein
weiterführt.
Kernstück der Firma, die Kollisch als „eine günstige
und verläßliche Bezugsquelle“ für technische Baustoffe
und Konstruktionen aufzieht, ist der OKA-Sammelkatalog.
Dieses 1935 erschienene Loseblattwerk konnte durch
Nachträge laufend aktualisiert werden, ein „ewiger Katalog“, aus dem u. a. die beiden Spitzenprodukte der Firma,
der „OKA-Zwischenwandstein“ und die „OKA-Rippenplatte“ zur Trockenlegung feuchter Mauern, zu beziehen
waren.
1937 zieht sich Kollisch, der auch als Gutachter für
eine Versicherung tätig ist, aus gesundheitlichen Gründen
aus der Geschäftsführung der OKA zurück und versucht
weiter als freier Architekt zu arbeiten. Sein Büro hat er in
der Neubaugasse 64 – 66, im „Neubau-Hof“.
1938 trifft Otto Kollisch und seine Familie die Wucht
der nationalsozialistischen Rassenpolitik, als Juden werden sie gezwungen, Österreich zu verlassen. Otto Kollisch
Wohnhaus Davis Avenue, Staten Island, NY 1940
hofft vergeblich auf einen Schutz als dekorierter Teilnehmer des Ersten Weltkriegs. Im September 1939 kommen
Otto und Margarethe Kollisch via Amsterdam in New York
an. Ein Cousin, der ein Möbelgeschäft in Staten Island
betreibt, hatte ein Affidavit gestellt. 1940 können die mit
einem Kindertransport nach England geretteten Kinder
nachgeholt werden. Die Kollischs wohnen in 76 Corson
Avenue im italienischen Einwandererviertel, in einem
zweistöckigen Holzhaus mit Feuerleiter und Vorderveranda. Das Leben in der Mietwohnung ist viel beengter und
ärmer, aber „demokratischer und entspannter als in
unserem Badener Haus“, erinnert sich Eva Kollisch. „Hier
kamen wir einander ständig in die Quere, wie vor dem
Badezimmer, wo wir uns um halb sieben in der Früh anstellten (mein Vater wartete wie alle anderen, bis er an die
Reihe kam). … Unter der Anleitung meiner Mutter lernten
alle amerikanisch zu kochen, auch mein Vater. Wir machten Hamburger, Frankfurter und Jello, wir öffneten Dosen
mit Thunfisch, eingelegten Pfirsichen und Apfelmus.“
Otto Kollisch, inzwischen über sechzig, muss sich
im Exil nicht nur in der Ernährung auf das amerikanische
Modell umstellen, sondern auch in der Arbeit. Am 29. März
1940 erhält er seine Lizenz als Architekt. Die Bauten, die
er 1940/41 realisieren kann, fordern in ihm nicht den
Visionär, sondern den Praktiker. Es sind Einfamilienhäuser
in seinem Wohnbezirk Staten Island, die mit den ästhetischen Traditionen und Lebensgewohnheiten der Bewohner eines amerikanischen Vororts kompatibel zu sein
haben: klassische Neuengland-Häuser mit Ziegel- oder
Steinfassade, Giebelfenstern und Vorgarten. In der Folge
sucht er unübersehbar verzweifelt einen Job, schreibt
Briefe an die School of Architecture der Columbia University, an den Bürgermeister von New York, an Finanzminister Henry Morgenthau und First Lady Eleanor Roosevelt. Mit emigrierten Kollegen, so scheint es, hat er keine
Verbindung, an eine Rückkehr nach Österreich denkt
die Familie 1945 nicht. Erst in seinen letzten Lebensjahren wird er bei Baumaßnahmen für die New York City
Subway so etwas wie einen beruflichen Anschluss finden.
Anfang 1951 stirbt Otto Kollisch in New York. N
Pragmatisch bauen
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 37
10.10.11 11:49
Starkes Rauchzeichen |
Stadtentwicklungspotenzial im Linzer Osten
Die Linzer Tabakfabrik steht leer. Die Stadt Linz, die das österreichische Industriedenkmal von internationalem Rang 2009 gekauft hat, will Anfang 2012
die künftige Nutzung für die 80.000 Quadratmeter auf den Weg gebracht haben.
Sensibel nachgenutzt könnte das Ensemble Freiräume schaffen und einen
zweifachen Dialog eröffnen: Zum einen mit einer ebenso qualitätsvollen, zeitgemäßen Architektur in den Neubaubereichen, zum anderen als öffentlicher
Ort und Nukleus, der – gemeinsam mit der benachbarten Fleischmarkthalle –
ordnend und verbindend in die Stadtentwicklung im Osten von Linz eingreift.
Norbert Mayr
Studium der Kunstgeschichte und Archäologie. Freier
Architekturhistoriker, -publizist und Stadtforscher
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 38
Acht Jahre nach der turbulenten Privatisierung der Austria
Tabakwerke schloss 2009 der Tabakkonzern JT-International den geschichtsträchtigen Produktionsstandort
Linz. Die Stadt reagierte prompt und kaufte die Liegenschaft, obwohl kein direkter Bedarf an den beachtlichen
80.000 Quadratmetern bestand. Nun bietet sich die
große Chance, das hohe Potenzial des Ensembles für die
Stadtentwicklung zu nutzen. Dafür infrastrukturell
wichtig ist die überfällige Beschleunigung der Mühlkreisbahn zur RegioTram, die innerstädtisch mit einer Haltestelle bei der Tabakfabrik verlängert werden soll. Die Fabrik
soll künftig – wie auch PAUHOF Architekten zu Recht fordern
– „eine neue Wirkung auf die Gesamtstadt generieren“.
Die Tabakfabrik ist nicht nur Endpunkt der Uferzone
Kunstmuseum Lentos, Brucknerhaus und Parkbad, sondern bildet einen hoch potenten Nukleus gemeinsam mit
der direkt benachbarten ehemaligen Fleischmarkthalle.
Diese besitzt einen spektakulären wie flexiblen Großraum
und wurde 1928/29 nach Plänen von Curt Kühne realisiert.
Als Stadtbaudirektor hat er in der Zwischenkriegszeit –
heute leider fast vergessen – Linz äußerst umsichtig weiterentwickelt und u. a. auch die Planer der Tabakfabrik Peter
Behrens und Alexander Popp mit städtebaulichen Studien
beauftragt.
Das künftige Quartierzentrum aus Tabakfabrik und
Fleischhalle (heute Reifenlager) könnte Brücken in den
Osten und an die Donau, hin zum attraktiven Winter- und
Stadthafen schlagen. Die Absiedelung eines benachbarten Gewerbebetriebs, der das Quartier stark (geruchs)belastet, wäre ein wichtiger erster Schritt. Vielleicht kann
gar ein Teil der jetzigen Barriere Mühlkreisautobahn eingehaust werden und ihr Dach einen verbindenden Landschaftspark aufnehmen, wie dies beim „Bindermichl“
wenige Kilometer südlich beeindruckend gelungen ist.
Hier im Osten eröffnet sich eines der großen Potenziale
für die Innenentwicklung von Linz, insbesonders für
leistbaren Wohnraum als Alternative zum Schlafgürtel
in der Region. Daher muss das Land Oberösterreich
deutlich mehr geförderte Wohnungen in Linz als jährlich
rund 600 zurzeit ermöglichen. Vielfältige Wohnmilieus
sollten durch attraktive, öffentliche und vernetzte
Freiräume an den urbanen Qualitäten der Tabakfabrik
andocken.
Die Fabrik bildet die besten Voraussetzungen für
ein Stadtteilzentrum. Sie besitzt einen attraktiven Innenhof und eine hochkarätige Architektur von 1929 /1935,
diese zwei Drittel des Gebäudebestands sind denkmalgeschützt. Das Bauensemble gehört – so Friedrich
Achleitner – „zu den großen internationalen Leistungen
des Industriebaus der Dreißigerjahre“. Nicht nur die
230 Meter langen Zigarettenfabrik, Österreichs erster
großer Stahlskelettbau, mit ihrem von eleganten Fensterbändern betonten Schwung, sondern auch zwei Lagerbauten, die Pfeifentabakfabrik sowie die beeindruckende
Kraftzentrale entstanden nach Plänen der Architekten
Peter Behrens und Alexander Popp. Dieser war Schüler
des berühmten deutschen Architekten an der Akademie
der bildenden Künste in Wien. Obwohl das Gesamtkonzept
des Duos nur zu drei Viertel realisiert wurde, blieb bei
späteren Bauaktivitäten die besondere Qualität des Hofs
erhalten.
Der Gestaltungsleitsatz der Moderne, „form follows
function“, prägte auch die Struktur der Tabakfabrik. Nun
muss sich seine Logik umdrehen, damit das nachgenutzte
Baudenkmal seine Qualitäten erhalten und ausspielen
kann. Die Funktion hat jetzt der Form zu folgen: Möglichst
viele Stockwerke sollten Charakter und Großzügigkeit
der dreischiffigen, hellen Produktionshallen bewahren.
10.10.11 11:49
Ebenfalls Kastenfenster aus Stahl bietet die bauphysikalisch wohl vergleichbare, „sehr werthaltige“ Bausubstanz
der meisten Gebäude in der „Spinnerei“ in Leipzig. Mit
dieser Außenhaut konnten private Immobilienentwickler
in den letzten zehn Jahren die einstige Fabrik Schritt für
Schritt schonend wiederbeleben. Oft ging es ihnen
„sogar mehr ums Konservieren als ums Sanieren“. Aus den
beschränkten finanziellen Mitteln der Developer entwickelten sie die Prämisse, „möglichst viel zu bewahren
und trotzdem gute Bedingungen für die neuen Mieter zu
schaffen“.
Die Tabakfabrik Linz trägt
unverkennbar die
Handschrift des Pioniers
der Industriearchitektur
Peter Behrens.
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 39
Die engagierte, 2004 fertiggestellte Revitalisierung der
Tabakfabrik Van Nelle von 1925/1931 in Rotterdam zeigt
u. a. Möglichkeiten auf, wie mit gläsernen Zwischenwänden Büroeinheiten substanzschonend integrierbar
sind. Falsche Nutzungsszenarien hingegen generieren
kostspielige, die Bausubstanz malträtierende Kraftakte,
statt mit ihren Potenzialen zu arbeiten. So wäre in Linz
ein Einbau von Wohnungen oder Hotelzimmern in die
Hallen des Baudenkmals höchst problematisch. Solche
kleinteiligen Nutzungen könnte aber der im Westen
des Areals mögliche Neubau aufnehmen. Dieser muss –
architektonisch zeitgemäß gestaltet – den Dialog mit dem
Fabrikensemble aufnehmen und dazu beitragen, den
einst introvertierten Hof als öffentlichen, kommunikativen Raum zu entwickeln.
Das räumliche Potenzial der denkmalgeschützten
Bausubstanz und ihr ideeller wie konkreter Wert bedarf
einer gründlich Analyse, um sie adäquat zu nutzen und
weiterzuentwickeln. Ein zu hoher Nutzungsdruck, absolut
gesetzte Energiekennzahlen oder starre Förderbedingungen würden die Denkmalqualitäten und damit den
besonderen Reiz vieler Details gefährden. Die Substanz
ist noch bauphysikalisch zu untersuchen. Bekannt ist
aber die hohe Bau- und Detailqualität des 230 Meter langen Zigarettenfabrikationsgebäudes. Seine dreischiffigen Hallen wurden für die Produktion bei feuchtwarmer
Klimatisierung gut gedämmt. Faszinierend einfach und
perfekt umgesetzt ist das System aus sonderangefertigten Kastenfenstern, detailliert bis hin zur Kunststeinrinne
für das Kondenswasser. Diese Fensterbänder tragen zur
besonderen Aura dieser Hallen viel bei.
Bei der Revitalisierung der Linzer Tabakfabrik könnte die
öffentliche Hand dieses sparsam-ressourcenschonende
Leitmotiv vorbildhaft vorleben. „Repair. Sind wir noch
zu retten?“ war übrigens das Motto der Ars Electronica
2010, bei der eine niederländische Designplattform kreative Reparaturmethoden in der Zigarettenfabrik zeigte.
Vor knapp 20 Jahren prägte Wilfried Lipp, der insgesamt
40 Jahre als Denkmalpfleger die Tabakfabrik begleitet
hat, den Begriff der Reparaturgesellschaft. Die Kultur der
Reparatur ist Teil denkmalpflegerischen Handelns. Konservieren, restaurieren, reparieren statt entsorgen und
energie- und materialintensiv ersetzen bildet eine
zeitgemäße Alternative zur Ideologie des permanenten
Wachstums.
Jahrzehntelange Nachhaltigkeit bewiesen Gebäude
und Ausstattung der Tabakfabrik bis hin zur speziell designten Türschnalle. Der ausgebildete Maler Peter Behrens
(1868 – 1940) gab u. a. mit der Behrens-Antiqua einen Impuls
zur modernen Schriftkultur, als Architekt-Autodidakt
leitete er 1909 mit der bahnbrechenden AEG-Turbinenhalle
in Berlin-Moabit die Erneuerung der Industriekultur ein.
Er gestaltete auch Briefpapier, Leuchten, Ventilatoren etc.
und gilt als „Vater“ der „Corporate Identity“.
Die Linzer Kunstuniversität nutzte 1995 bis 2005
Teile der Tabakfabrik als „Peter Behrens Haus“, den Namen
erhielt es auf Anregung von Wilfried Posch. Auch die Tabakfabrik Linz Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft m.b.H.
will das künftige Branding der einstigen Produktionsstätte eng mit Peter Behrens verknüpfen. An einer kleinen
Teilnutzung der Fabrik interessiert ist die engagierte,
international vernetzte Initiative NANK: „Neue Arbeit Neue
Kultur“ entwickelt mit neuen Formen der Arbeit und Green
Technologies ein brauchbares, ergänzendes Wirtschaftsmodell. NANK will „zu deutlich geringeren Kosten als
bisher angedacht“ die Behrens’sche „Corporate Identity“
zur „Social Identity“ weiterentwickeln: „Die ‚demokrati-
10.10.11 11:49
Die 2004 revitalisierte
ehemalige Tabak-, Kaffeeund Teefabrik Van Nelle
Ontwerpfabriek bietet
heute überwiegend Unternehmen aus den Creative
Industries Raum für Büros
und Ateliers.
40 | 41
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 40
283
sche Fabrik der Arbeit‘ mit dem via Algenkraft und LED
illuminierten Schlot des alten Kraftwerks.“ Die Protagonisten können sich z. B. Food-Häuser als lokale Nahversorgung
oder „Public Science Spaces“ als Lernorte und Brücken
zwischen Technik, Forschung und Öffentlichkeit vorstellen.
NANK will bei der Renaissance der kleinen Werkstätten
mithelfen – z. B. Reparaturwerkstätten, Open-SourceAteliers, Gemeinschaftslabors mit gemeinsamen Geräten
wie 3D-Drucker, CNC-Fräse etc.
Solche kollaborativen Unternehmen benötigen
relativ geringe Adaptierungsmaßnahmen. Da die Stadt
Linz den Quadratmeter Nutzfläche inklusive Grundanteil
für rund 250 Euro gekauft hat, kann bei geringen baulichen Investitionen auch der künftige Mietpreis moderat
bleiben. Voraussetzung dafür bildet die großteils robuste
und gut erhaltene Substanz. Hoher Investitionsaufwand
– z. B. für Hotel- oder Wohnnutzung – würde hingegen viele
relevante Nutzergruppen ausgrenzen sowie Spielraum
und Großräumigkeit massiv beeinträchtigen.
Produzierende Kreativwirtschaftsunternehmen
– die Nutzungs-Vorstudie 2009 beinhaltet das Szenario
„Kreativstadt“ – und kollaborative Wirtschaftsformen
könnten bereits in der kommenden Zwischennutzungsphase in den Bestand einziehen. Eine solch wachsende,
sich entwickelnde „Besiedlung“ müsste aber in einer
Gesamtstrategie eingebettet sein. Die Städtebauwettbewerbsinitiative EUROPAN 11 wird Ende 2011 rund 50
internationale Perspektiven zur Zukunft der Fabrik anbieten, die mit den Zwischenergebnissen der Entwicklungsgesellschaft Tabakfabrik verschränkt werden sollen.
Es gibt die Befürchtung, dass die Verantwortlichen in der
Stadtpolitik 2012 die in langen Prozessen erarbeiteten
Erkenntnisse wegwischen, beispielsweise kontraproduktiv-zerstörerisch den Einbau von Wohnungen in die
Hallenstruktur forcieren wollen.
2010 schwärmte ein Stadtpolitiker vom eleganten
Türschnallendetail, ein anderer sprach vom „Problem Denkmalschutz“. Dieses „Problem“ gibt es auf einer abgeräumten oder unverbauten Parzelle nicht. Dort gibt es aber
weder den wertvollen Mehrwert eines Baudenkmals und
Brandings Behrens noch das große Stadtentwicklungspotenzial. Die Konsequenz ist klar: Mit dieser baulichräumlichen Ressource gilt es sorgsam umzugehen sowie
öffentliche Räume, öffentliche Einrichtungen und einen
intelligent abgestimmten Nutzungsmix zu etablieren.
Dies alles muss (und kann nur) die Stadt – frei von kurzfristigen kommerziellen Interessen – programmieren. N
Starkes Rauchzeichen
10.10.11 11:49
Klarer Wortlaut?
(VwGH 12.5.2011, 2008/04/0087)
Zu einem bemerkenswerten Ergebnis kam
der VwGH in seiner jüngeren Entscheidung
betreffend der Auslegung von Ausschreibungsunterlagen.
Der Sachverhalt: Die Bieter ließen folgende Bestimmung der Ausschreibungsunterlagen unbekämpft (Die Bestimmung wurde somit bestandfest [präkludiert]): „Ein Prüfbericht einer unabhängigen staatlichen Prüfungsanstalt […] muss im Angebot enthalten
sein (fehlt dieser Prüfbericht, wird das Angebot ausgeschlossen).“ Entgegen dieser Festlegung legte eine Bieterin diesen Prüfbericht
erst nach entsprechender Verbesserungsaufforderung der Auftraggeberin vor. Die NichtAusscheidung dieser Bieterin wurde angefochten.
Sowohl der VKS Wien als auch der VwGH
kamen zu dem Ergebnis, dass die Auftraggeberin die Bieterin zu Recht nicht ausgeschie-
Der kontrollierte Größenwahn
Über die Ambivalenz beim
Entwerfen
Herausgegeben von Hilde Léon,
Marc-Philip Reichwald
und Peter-Karsten Schultz,
Hatje Cantz Verlag 2011
„Der Wechsel von Kraft, Ausdauer,
Fleiß, Erfahrung, Verharren und
Warten hin zu Leichtigkeit, Sinnfreiheit, Ahnungslosigkeit, Experimentierfreude und Neugierde“:
So charakterisieren die Herausgeber des Bandes „Der kontrollierte Größenwahn – Über die Ambivalenz beim Entwerfen“ den
Prozess des kreativen Schaffens.
Das eigens erdachte Konzept des
den hat! VwGH und VKS Wien begründen dies
gleichermaßen damit, dass die betreffenden
Ausschreibungsbestimmungen uneindeutig
waren. Beide Gerichte legen den Begriff „Angebot“ in der entsprechenden Klausel der
Ausschreibungsbestimmungen nicht als Erstangebot aus. Mit anderen Worten: Unter „Angebot“ verstehen VwGH und VKS Wien das
Angebot nach Durchführung eines ordnungsgemäßen Verbesserungsverfahrens durch
den Auftraggeber.
VwGH und VKS Wien weisen in ihrer Begründung weiters darauf hin, dass im Zweifel
Ausschreibungsbestimmungen vergaberechtskonform auszulegen sind. Damit meinten beide Gerichte offenbar: Es wäre unzulässig
gewesen die Vorlage des Prüfberichts mit
dem Erstangebot zu verlangen, weil damit
ein nach BVergG behebbarer Mangel zu einem unbehebbaren Mangel gemacht worden
wäre. Die Formulierung war jedoch nicht eindeutig. Deswegen interpretierte sie der
VwGH im Zweifel vergaberechtskonform und
entschied, dass der fehlende Prüfbericht im
„kontrollierten Größenwahns“ steht
für radikale Denkweise und hochfahrende Ideen, die durch Selbstreflexion und Selbstdisziplin im
Zaum gehalten werden. Um diese
Grundidee kreisen die gesammelten Texte, Zeichnungen und Fotos
in zum Teil sehr fernen und exzentrischen Umlaufbahnen. Zeitgenössische Autoren aus den Bereichen Kunst, Musik und Literatur
haben ebenso beigetragen wie
Edgar Allen Poe, dessen packende Story „Ein Sturz in den Malstrom“ als Darstellung angewandter Kreativität gedeutet
wird. Als Illustration dienen Entwürfe von Architekturstudenten
der Leibniz Universität Hannover
aus zehn Jahren, Fotos architektonischer Interventionen in der
niedersächsischen Hauptstadt
und Fotodokumente der Ausstellung im deutschen Pavillon auf
der Biennale Venedig 2002, die
von Herausgeberin Hilde Léon
als Kommissarin verantwortet
wurde (und an der auch die beiden Mitherausgeber beteiligt
waren). In Summe ein nettes Panoptikum – aber zu glauben, das
Thema sei auf den rund 250 Seiten
mehr als nur angerissen, wäre
nichts anderes als ungebremster
Größenwahn. Michael Krassnitzer. N
Erstangebot ein behebbarer Mangel ist. Hätte der Bieter dagegen etwa: „Eine Nachreichung als Behebung dieses Mangels ist ausgeschlossen“, geschrieben, so wäre eine entsprechende Interpretation dem VwGH abgeschnitten gewesen.
In der Begründung der Entscheidung verweisen der VwGH und der VKS Wien weiters
auf den Umstand, dass der Prüfbericht vor
dem Zeitpunkt der Angebotsöffnung von der
Prüfungsanstalt ausgestellt worden war. Im
konkreten Fall hat die Bieterin lediglich einen
Nachweis nachgereicht, der zur Zeit der Angebotsöffnung bereits vorhanden war. Insofern
hat die Bieterin inhaltlich ihr Angebot nicht
geändert und ihre Wettbewerbsstellung nicht
verbessert. Johannes Schramm /Christian Gruber
Asterios Polyp
David Mazzucchelli
Übersetzt von Thomas Pletzinger
Eichborn Verlag 2011
Mazzucchelli arbeitet einem Architekten nicht unähnlich, in der
grafischen Gestaltung bedient er
sich der Linie und Füllfarbe, das
zu planende Gebäude ist allerdings ein Lebensentwurf oder genauer gesagt seine Analyse. Bei
Asterios Polyp handelt es sich
aber um eine graphic novel, also
einen Roman grafischer Natur.
Am Beginn der Erzählung steht
der Protagonist Asterios Polyp
(Schramm Öhler Rechtsanwälte) N
ohne seine Frau, ohne Wohnung
und ohne Lehrauftrag als Architekturtheoretiker vor dem nichts.
Wie er all das gewann, um es am
Ende doch zu verlieren, ist der
Leitfaden durch eine Welt der
Metaphern, gewitzter Anspielungen auf Architektur und Kunst
und Fragen nach dem Sinn des Lebens. Diese Themen unaufgeregt,
jedoch sehr sensibel zu bearbeiten gelingt Mazzucchelli mithilfe
der wunderbar gezeichneten visuellen Ebene. Der Mythologie
seiner Vorfahren entsprechend
findet Asterios nach seinem tiefen Fall, der Suche nach sich
selbst in der Ferne und einer langen strapaziösen Reise zu seinem Glück.
Wie viel sich im Genre des
Comics in den letzten Jahren getan hat, zeigt Asterios Polyp in
sehr beeindruckender Weise. Äußerst gelungen verwebt Mazzucchelli die wunderbar gezeichnete
grafische und sprachliche Ebene
des Comics miteinander. Ein Buch
also, das nicht nur hartgesottenen Comicfans zu empfehlen ist.
Sebastian Jobst. N
Jüngste Entscheidung | Lektüren
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 41
10.10.11 11:49
„Ich hatte immer ein weibliches
Role Model, das mir gezeigt hat:
Du kannst es schaffen“
| Ivona Brandic im Porträt
Julia Ortner
Innenpolitik-Redakteurin
der Zeit im Bild 2. Zuvor war
sie für Die Presse und den
Falter tätig.
42 | 43
11479200_Kern_Gesamt_EB.indd 42
283
Ein Leben wie ein postmoderner Kitschroman – das würde
wohl herauskommen, wenn einer der üblichen Fernsehregisseure das Leben von Ivona Brandic fürs Hauptabendprogramm verfilmen würde. Das Flüchtlingsmädchen,
vertrieben aus der Heimat, fremd im neuen Land, ohne
ein Wort der neuen Sprache, kämpft sich allen Widernissen zum Trotz durch und wird Wissenschaftlerin, eine
Frau mit Universitätskarriere.
Aber das echte Leben ist kein Kitschroman und
Ivona Brandic hat auch nichts Kitschiges an sich. Die 33Jährige ist eher der pragmatische, unprätentiöse Typ. Eine
junge Frau, die sich nicht für die Heldinnenrolle eignet,
die ihr manche vielleicht umhängen wollen. Sind Sie denn
sehr ehrgeizig, Frau Brandic? „Ich bin halt irrsinnig realistisch. Und deswegen wusste ich als Mädchen, wenn ich
mich hier in Österreich nicht bemühe, dann erreiche ich
meine Ziele nicht, schaffe keine höhere Schule und werde
eben eine Lehre machen. Daraus resultiert eine gewisse
Zielstrebigkeit“, sagt Brandic und klingt dabei doch ein
wenig ehrgeizig.
Ohne jede Ambition wäre sie heute auch nicht Wirt-­
schaftsinformatikerin an der Technischen Universität,
als aufstrebende Assistentin am Institut für Informationssysteme. Sie beschäftigt sich mit Systemen, die aus verschiedenen Rechnern bestehen. Die Grundaufgabenstellung ihrer Arbeit: „Wie kann man eine Vielzahl von Computern sinnvoll organisieren, damit die Systeme ökonomisch arbeiten und die User trotzdem bekommen, was
sie brauchen?“ Erst kürzlich erhielt die Informatikerin den
mit 500.000 Euro dotierten Wissenschaftspreis für Nachwuchswissenschafterinnen der TU Wien. Nicht ihre erste
Auszeichnung.
Durchhalten, sich durchkämpfen, das bestimmt
überhaupt die Biografie von Ivona Brandic. Als Mädchen
erlebt sie den Krieg in Bosnien-Herzegowina, die Bomben,
die Granaten. Die Eltern wollen nicht weg, doch die Heimatstadt wird immer mehr zur Falle. Dann kommt der
Tag, als nur mehr eine von vier Straßen, die aus der Stadt
führen, offen ist. Die 14-jährige Ivona verlässt mit ihrer
Familie auf dieser Straße die Stadt, flieht nach Wien. Heute
erinnert sie sich noch an die Ankunft: „Der Südbahnhof
war für mich richtig schön, die normalen Menschen, es
war so ruhig.“ Die Familie hat Bekannte in Wien, die sie
aufnehmen – die Stimmung gegenüber Flüchtlingen ist
vor 20 Jahren in Österreich noch entspannter als heute.
Technik findet Brandic schon immer faszinierend, sie
kommt aus einer Technikerfamilie, beide Eltern sind
Maschinenbauingenieure. In Mödling sitzt das Mädchen
dann in der Hauptschule und muss die vierte Klasse
noch einmal machen, in den meisten Fächern landet sie in ​
der dritten Leistungsgruppe – sie spricht ja kein Wort
Deutsch. Die fremde Sprache bringt sie sich quasi selbst
bei. In der Schule schnappt sie Wörter auf, die sie nicht
versteht und übersetzt sie dann am Nachmittag zu Hause.
Sie muss dieses Jahr unbedingt mit einem Zeugnis
abschließen, damit sie ihr Ziel erreicht: die HTL. Um später
studieren zu können. „Ich wollte kein Leben im kleinen
Kreis, nur in meiner Community“, sagt Brandic. Vielleicht
auch, weil sie erlebt hat, dass ihre Eltern es nicht mehr
geschafft haben, in Österreich in ihrem Beruf zu arbeiten.
Also schafft sie es. An der Universität lässt sie die
Geschichte des Flüchtlingsmädchens hinter sich. Brandic
mag diesen Ort auch deshalb, die unterschiedlichen
Sprachen, Nationalitäten der Kollegen und Kolleginnen.
Hier ist Herkunft kein Thema mehr, zumindest hier ist die
multikulturelle Gesellschaft Realität.
Ihren Weg als Frau in der noch immer männlich
dominierten Welt der Technik hat sie nicht nur mit Leistung, sondern auch mit der Hilfe glücklicher Zufälle
gemacht, sagt Brandic. „Ich hatte immer ein weibliches
Role Model, das mir gezeigt hat: Du kannst es schaffen.
Meine Mama, eine Lehrerin, eine Uni-Assistentin.“
Deshalb engagiert sich Brandic dann an der TU auch in
den Kursen, die Mädchen fördern sollen – denn gerade
in den ersten Semestern gibt es hier hohe Drop-out-Raten.
„Da sitzen dann an der Informatik 70 Prozent Buben aus
der HTL, die fachsimpeln, und manche Mädchen fühlen
sich davon einfach erschlagen“, sagt Brandic. In den
Kursen können die jungen Frauen neugierig sein, da gibt
es keine blöden Fragen und keine blöden Kommentare,
da kann man einmal selbst einen Computer auseinanderbauen – so lerne man verstehen und verliere die Scheu
vor der Technik, meint Brandic.
Auch für dieses Engagement wurde sie Anfang
des Jahres mit dem MiA-Award 2011 für Wissenschaft und
Forschung ausgezeichnet – der Preis wird jährlich „an
Frauen mit Migrationshintergrund für hervorragende
Leistungen und Erfolge in und für Österreich vergeben“.
Hin und wieder entkommt Ivona Brandic der Heldinnenrolle dann doch nicht. N
Porträt Ivona Brandic
10.10.11 11:49
Fehlanzeige Kreuzfahren
in der City Der Donaukanal ist ein bedeutender Bewegungs-,
Verweil- und Verbindungsraum für nicht motorisierte StadtnutzerInnen. Die neue Schiffstation am
Schwedenplatz besetzt einen wichtigen Stadtraum an der Schnittstelle zwischen linearem Leerraum und
der Stadt. Mehr elitärer Luxusdampfer als populärer Stadthafen, entfaltet das blank polierte Gebäude
vertikal gestapelte Raumebenen, die von kommerziellen Programmen – Restaurant, Café, Shops – dominiert werden. Das Promenadendeck auf Stadtebene ist ein der Konsumzone vorgelagerter Transitraum. Auch der überdachte Kanalraum unter dem elegant schwebenden Bauwerk kommt ohne Stadtmobiliar aus. Wer hier verweilen will, muss konsumieren oder ein Schiffsticket lösen! Öffentlicher Raum
tritt einmal mehr als Begleitmusik in Erscheinung, in dienender Funktion und seiner Autonomie beraubt.
Die Schmuckschatulle am Schmuddelkanal kann einen globalen Trend nur oberflächlich kaschieren.
Die fortschreitende Privatisierung des Stadtraums macht auch vor dem Wiener Innenstadtufer nicht halt.
André Krammer N
Das nächste Heft Städtebau /-entwicklung: In der Stadt
spiegeln sich mehr oder weniger öffentlich alle Aspekte
einer Gesellschaft. Im nächsten Heft unternehmen wir
den Versuch, den akutesten Symptomen der Stadt nachzuspüren. Wie lässt sich etwa dem wachsenden social gap
durch Stadtplanung und social design entgegenwirken?
Wie verhalten sich „Instant Cities“, wie die in Bau befindliche Seestadt Aspern in Wien, zu gewachsenem urbanem
Kontext? Informatiker und Mathematiker erarbeiten
digitale Modelle zur Berechenbarkeit der Städte und ihrer
Bewohner. Was können diese virtual realities tatsächlich
über die reale Welt aussagen? Das Heft erscheint Mitte
Dezember.
Amy Casey, Satellites
Acryl auf Papier, 2008
Courtesy: Zg Gallery,
Chicago / © Amy Casey
10.10.11 11:52
11479200_Konstruktiv_283_Cover_EB.indd 1
In der Technikgeschichte markiert Blue Marbel
einen bedeutsamen Wendepunkt. Das Abenteuer
Weltraumfahrt, immerhin das größte Technikprojekt des 20. Jahrhunderts, war noch ganz aus
dem Geist der Überschreitung von Begrenzungen
und der Eroberung des Unendlichen gestartet worden. Doch das Ergebnis dieser vermessenen Geste
war ein Bild, das wie kein anderes die Endlichkeit
und Begrenztheit der irdischen Ressourcen und
damit der Lebensmöglichkeiten des Menschen ins
Bewusstsein brachte. Seit dem Blick von außen
ist insbesondere die Technik in ihr selbstreflexives
Stadium eingetreten und hat begonnen, sich
selbstkritisch der Beseitigung ihrer Folgeprobleme
zu widmen. Technik will heute nicht mehr den Himmel erstürmen, sondern jene schwindende Erde
rationieren, deren Bild sie am Scheitelpunkt ihrer
Entwicklung ansichtig wurde. Wolfgang Pauser N
283
Von oben betrachtet sieht die Welt immer schöner
aus: Die Fotos des Erdballs waren anfangs noch
schwarz-weiß. Das erste Farbfoto lieferte 1968 die
Apollo-8-Mission. Man nannte es „blue marvel“
(blaue Murmel), rasch wurde es zur Ikone. Bis heute
zählt es zu den häufigst verwendeten Bildern auf
der Erde – welche aus eben diesem Grunde nun auch
als „der blaue Planet“ bezeichnet wird. Der nächste
Schritt zur Verschönerung unseres Welt-Bilds
verdankt sich dem Fortschritt der Computertechnologie. Die aktuell kursierenden, digital gepimpten
Versionen sind aus Hunderten Einzelbildern
zusammenmontiert. Das Google-Earth-Prinzip gilt
nun auch für jenen außerirdischen Blick, mit dem
die Menschheit sich selbst aus göttlicher Perspektive zu betrachten wünscht. Für jenes Sinnbild
narzisstischer Ganzheit, dessen glanzvoller Spiegel
alle Probleme irdischer Zersplitterung gnädig
überstrahlt. Dabei muss man nur hinsehen, um zu
erkennen, dass auf dem Mythenbild der Ganzheitlichkeit nur die halbe Erdkugel zu sehen ist.
„Wir sind alle Astronauten und unser Raumschiff ist die Erde“, sagte Buckminster Fuller, der
heute als Visionär ökologischer Architektur gefeiert
wird – freilich nur von jenem Flügel der Grünbewegung, der von technologischer Innovation die
Rettung des Planeten erhofft. Bücher, die dazu
aufrufen, Verantwortung für das Schicksal der Erde
zu übernehmen, kommen um die Verwendung des
Whole-Earth-Fotos am Cover offenbar kaum herum.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
177
Dateigröße
7 408 KB
Tags
1/--Seiten
melden