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1999-48 Die Innere Medizin in akademischen Zentren: Wie weiter

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Schweiz Med Wochenschr 1999;129:1857–63
F. Follath
Departement für Innere Medizin,
Universitätsspital Zürich
Kongressbeitrag
Die Innere Medizin
in akademischen Zentren:
Wie weiter?1
Summary
The rapid increase in medical knowledge and
the introduction of new diagnostic and therapeutic techniques has also led to increasing specialisation in the field of internal medicine. For
this reason controversy has arisen, particularly
in university centres, about the importance and
role of “general” internal medicine compared
to the medical specialties. In this paper the
most important tasks of internal medicine in
patient care, in graduate and postgraduate
training and in clinical research are analysed.
The prime task of internal medicine is comprehensive care for the increasing number of
elderly patients with multiple co-existing diseases. In this respect generalists cannot be adequately replaced by specialists. Mutual critical co-operation between internists and specialists also reduces the risk of overuse of medical technology and leads to a corresponding
reduction in hospital costs. In medical schools
internists have a major task in teaching bedside
clinical examination and a general approach
in the diagnosis and treatment of the most
relevant medical disorders, while specialised
knowledge becomes more important during
the postgraduate training period. Hospitalbased internal medicine remains an essential
basis for clinical training not only for general
internists and family physicians but also for all
medical sub-specialties. In continuous medical
education internists have the task of synthesising and transmitting new knowledge from the
various special fields, including their application in a non-selected broad patient population. Also in clinical research several tasks remain for internists, such as clinical epidemiology, cost-benefit analysis and critical evidencebased assessment of diagnostic and therapeutic methods. Discontinuance or drastic reduction of internal medicine in university centres
would not be justified and could lead to a negative balance between general internists and
specialists, with negative consequences for
health care, as experienced in the USA. Instead
of fragmentation and rivalry for positions and
resources, better co-ordination and co-operation between internists and specialists is needed
in university centres, if possible in integrated
medical departments.
Keywords: internal medicine; generalists; specialisation
Die rasche Vermehrung der medizinischen
Kenntnisse und die Einführung neuer diagnostischer und therapeutischer Techniken führte
auch in der Inneren Medizin zu einer zunehmenden Spezialisierung. Aus diesem Grund
entstanden in der letzten Zeit vor allem in universitären Zentren kontroverse Diskussionen
über die Bedeutung und Rolle der klassischen,
breiten Inneren Medizin gegenüber den spezialisierten Fachbereichen. In diesem Beitrag
werden die Aufgaben der Inneren Medizin in
der heutigen Patientenbetreuung, in der Ausund Weiterbildung und in der klinischen Forschung analysiert. Die wichtigste patientenbe-
Internal medicine in academic centres:
what future?
Zusammenfassung
1 Hauptreferat an der Jahresversammlung
der Schweizerischen Gesellschaft für Innere Medizin
(Basel, 15.–17. April 1999).
Korrespondenz:
Prof. Dr. med. F. Follath
Departement für Innere Medizin
Universitätsspital Zürich
CH-8091 Zürich
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Kongressbeitrag
Schweiz Med Wochenschr 1999;129: Nr 48
zogene Aufgabe der Inneren Medizin besteht in
der Betreuung der zunehmenden Zahl von älteren, meist mehrfach kranken (polymorbiden)
Patienten, die eine ganzheitliche, umfassende
Diagnostik und Therapie benötigen. Diese
Aufgabe kann nicht durch die Spezialisten der
engeren Fachgebiete übernommen werden.
Eine kritische, aber partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Generalisten und Spezialisten führt auch zur Vermeidung der übermässigen Technisierung und so auch zu niedrigeren
Hospitalisationskosten. In der Ausbildung von
Medizinstudenten vermitteln die internistischen Dozenten die wichtigsten Grundlagen
bei der Erkennung und Behandlung der häufigsten Krankheiten, während die Spezialkenntnisse eher in die fachärztliche Weiterbildungsphase gehören. Die «allgemeine» Innere
Medizin im Spital bildet weiterhin eine unerlässliche Basis der ärztlichen Weiterbildung,
nicht nur für angehende Internisten und Allgemeinmediziner, sondern auch für die internistischen Spezialisten. In der kontinuierlichen
ärztlichen Fortbildung gehört die Synthese der
Spezialkenntnisse und die Überprüfung ihrer
allgemeinen Anwendbarkeit im breiten medizinischen Krankengut zu den Aufgaben der Inneren Medizin. Auch in der modernen Forschung bleiben wesentliche Gebiete wie klinische Epidemiologie, Kosten-Nutzen-Analysen,
Evaluation von neuen diagnostischen und therapeutischen Verfahren als Bereiche für die Innere Medizin. Die Aufhebung oder drastische
Verkleinerung der internmedizinischen Kliniken in universitären Zentren wäre fachlich
nicht vertretbar und würde eine äusserst
ungünstige Entwicklung einleiten, deren negative Folgen sich in den USA gezeigt haben. Statt
Fragmentierung und Positionskämpfen sollte
in universitären Zentren eine Kooperation und
Koordination zwischen Internisten und Spezialisten, am besten in Form von integrierten
Schwerpunktkliniken, angestrebt werden.
Keywords: Innere Medizin; Spezialisierung;
Generalisten
In den letzten Jahren fanden in der klinischen
Medizin wichtige Entwicklungen statt, und
auch im gesundheitspolitischen Umfeld hat
sich einiges verändert. Die rasche Zunahme der
Kenntnisse über einzelne Krankheiten sowie
die Einführung neuer diagnostischer und therapeutischer Methoden bewirkten eine immer
weiter gehende Spezialisierung, nicht nur in
den operativen, sondern auch in den internistischen Fachgebieten. Dementsprechend nahm
auch die Zahl der Ärzte stark zu, die ihre spezialistische Weiterbildung auf ein engeres Fachgebiet – oft verbunden mit dem Erlernen spezieller instrumenteller Techniken – ausrichten.
Die Attraktivität der Spezialgebiete, einschliesslich besserer Verdienstmöglichkeiten, führte
vor allem in den USA [1], aber auch in mehreren europäischen Ländern [2] zu einer Überproduktion von Spezialisten und zu einem Überangebot an technischen Einrichtungen in den
Krankenhäusern. Die Folge davon sind Verteilungskämpfe um Patienten und Ressourcen mit
Versuchen zur Monopolisierung der verschiedenen diagnostischen und therapeutischen
Methoden.
Die ökonomischen und gesundheitspolitischen
Aspekte der ärztlichen Tätigkeit erhalten eine
zunehmende Bedeutung. In erster Linie sorgen
die steigenden finanziellen Aufwendungen für
breite öffentliche Diskussionen. Reorganisation der Spitäler, Qualitätskontrollen, KostenNutzen-Analyse und Leistungslimitationen
wie HMO und Managed Care sind die populären Themen. Nicht überraschend kommt
es in diesem Umfeld auch vermehrt zu Kontroversen zwischen Ärzten mit hitzigen Diskussionen über die Rolle und Bedeutung von «Generalisten» und «Spezialisten». Die Notwendigkeit einer medizinischen Grundversorgung
durch Allgemeinärzte, Internisten und Pädiater
wird zwar anerkannt, aber die Berechtigung
einer breiten «allgemeinen» Inneren Medizin
wird in den universitären Zentren teilweise in
Frage gestellt. Einige Meinungsbildner vertreten sogar die Auffassung, dass die universitäre
Tätigkeit ganz den Spezialisten überlassen werden sollte. Aus diesen Gründen drängt sich eine
Standortbestimmung mit Überprüfung der
Aufgaben der Inneren Medizin als traditionelles Fachgebiet auf. In diesem Beitrag möchte
ich als Internist und Kardiologe folgende
Fragekomplexe analysieren:
1. Welche Bedeutung hat die Innere Medizin
für die Patientenbetreuung?
2. Welche Aufgaben sollen in der Ausbildung
von Medizinstudenten und in der Weiterbildung von zukünftigen Fachärzten durch die
Innere Medizin wahrgenommen werden?
3. Kann die Innere Medizin zur modernen klinischen Forschung beitragen?
4. Wie soll die Zuständigkeit der Inneren Medizin und der spezialisierten internistischen
Fachgebiete in den Spitälern zukünftig organisatorisch geregelt werden?
Einleitung
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Kongressbeitrag
Rolle der Inneren Medizin in der Patientenbetreuung
Im Unterschied zu den engeren organ- und
krankheitsbezogenen Spezialdisziplinen bleibt
die Innere Medizin ein ärztliches Fachgebiet,
dessen Aufgabe die Erkennung, Abklärung,
Behandlung und umfassende Betreuung von
erwachsenen Patienten mit verschiedensten
Krankheiten und Gesundheitsstörungen ist.
Die Internisten integrieren idealerweise die Erkenntnisse der Spezialfächer in ganzheitliche
diagnostische und therapeutische Konzepte für
die einzelnen Patienten. Besteht aber heute
noch ein Bedarf an solchen medizinischen
«Mehrkämpfern» in einem modernen universitären Zentrum? Sollten die Ressourcen nicht
einfach nach Häufigkeit der Hauptdiagnosen
in Einheiten für Herz-Kreislauf-, MagenDarm-, Lungen-, Tumor-, Blut-, Nieren- und
Stoffwechselkrankheiten aufgeteilt werden?
Eine solche Aufsplitterung der Inneren Medizin würde der Mehrzahl der Patienten mit ihren
vielfältigen gesundheitlichen Problemen nicht
gerecht. Eine Analyse des Krankenguts der
Medizinischen Kliniken im Universitätsspital
Zürich ergab, dass nur 16% der Patienten eine
einzige relevante Diagnose aufweisen, mehr als
80% hatten hingegen gleichzeitig zwei oder
mehrere Erkrankungen (Abb. 1), die zusätzliche gezielte diagnostische und therapeutische
Massnahmen erforderten [3]. Eine ähnliche Erhebung im Universitätsspital Basel zeigte ebenfalls, dass etwa 2⁄3 der Patienten mehrere Erkrankungen aus verschiedenen Fachgebieten
und Diagnosekategorien hatten [4]. Zudem
werden etwa 1⁄3 aller internistischen Patienten
notfallmässig, oft mit unklaren Diagnosen,
hospitalisiert. Die typischen Unterschiede im
Krankengut von «allgemein-internistischen»
und spezialisierten Kliniken wurden auch in
einer Studie in einem akademischen Zentrum
in Belgien klar aufgezeigt: Ältere Patienten mit
dringenden Problemen und höherer Fallkomplexität (mehrfache Erkrankungen) waren in
der internistischen Klinik signifikant häufiger
als in den Spezialkliniken [5]. Dennoch war
die Mortalität an diesen verschiedenen Kliniktypen unter Berücksichtigung der Ausgangssituation statistisch nicht verschieden. Nach
allen epidemiologischen Voraussagen wird die
Zahl der polymorbiden, mehrheitlich älteren
Patienten in der Zukunft weiter ansteigen. Die
Notwendigkeit einer umfassenden, ganzheitlichen ärztlichen Betreuung wird nicht ab-,
sondern eher zunehmen!
Neben der Polymorbidität sollten bei der ärztlichen Betreuung von hospitalisierten Patienten
auch die Behandlungsergebnisse, die entstehenden Kosten und die subjektiven Aspekte der
Patientenzufriedenheit betrachtet werden. Die
kranken Menschen erwarten mit Recht eine
bestmögliche fachliche Behandlung ihrer gesundheitlichen Probleme, legen aber auch
besonderen Wert auf eine einfühlsame menschliche Betreuung mit Berücksichtigung sowohl
aller körperlichen Beschwerden als auch ihrer
seelischen und sozialen Probleme. Interessanterweise zeigte kürzlich eine Erhebung in den
USA eine grössere Patientenzufriedenheit in
den weniger spezialisierten Zentren [6]. Dies
Abbildung 1
Polymorbidität bei internmedizinischen Patienten.
Diagnosehäufigkeit bei 565
Patienten der Medizinischen
Universitätskliniken Zürich
im Jahre 1997. 62% der
Patienten wiesen Diagnosen
aus verschiedenen Gebieten
(ICD-Gruppen) auf.
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Tabelle 1
Innere Medizin
Spezialitäten
Hauptaufgabe der Inneren
Medizin und der Fachgebiete in der Patientenbetreuung.
Notfälle
apparative/interventionelle Diagnostik
(gezielte Abklärungen)
unklare Diagnosen
interventionelle Therapien
polymorbide Patienten
häufige Krankheiten ohne besondere Probleme
spezielle und schwierige Probleme
seltene Erkrankungen
Langzeitbehandlung
Akutbehandlungen
Prävention
Beratung und periodische Kontrollen
bei Langzeitbehandlung
wird dadurch erklärbar, dass in vielen hochspezialisierten Kliniken meist die gezielten,
technisch ausgerichteten Abklärungsuntersuchungen und Behandlungen während der kurzen Hospitalisation im Vordergrund stehen.
Auch im ambulanten Krankengut zeigten sich
unterschiedliche Tendenzen zwischen Internisten und Spezialisten hinsichtlich einer umfassenden gegenüber einer eher auf einzelne
Krankheiten fokussierten Patientenbetreuung
[7].
Eines der wiederholt geäusserten Argumente
für hochspezialisierte Spitaleinheiten ist die
Gewährleistung eines besseren Behandlungserfolgs mit höheren Überlebensraten. Einige Studien ergaben tatsächlich, dass die Behandlungsergebnisse nach Myokardinfarkt durch
Kardiologen besser waren als durch Internisten
und Allgemeinärzte [8, 9]. Der Unterschied
schien in erster Linie auf der häufigeren Anwendung von interventionellen Prozeduren
und dem vermehrten Einsatz von Thrombolytika und Betablockern zu beruhen. Andere Arbeiten haben jedoch gezeigt, dass die Behandlung von Infarktpatienten durch Generalisten
ebenso erfolgreich ist, wenn statt der direkten
kardiologischen Betreuung nur eine konsultative Beratung stattfindet [10]. Die postulierten
Vorteile der aggressiveren spezialisierten Behandlung von Patienten mit akuter koronarer
Herzkrankheit sind aber keineswegs überzeugend belegt. Mehrere Vergleiche demonstrierten, dass die Überlebenschancen in den USA
trotz wesentlich höherer Frequenz von Koronarographien und Koronardilatationen gegenüber Kanada [11] oder in Spitälern mit Einrichtungen für akute Katheterinterventionen
verglichen mit Spitälern ohne Herzkatheterlaboratorien nicht besser waren [12]. Bei instabiler Angina pectoris zeigte sich sogar ein erhöhtes Risiko in Zentren mit einer häufigeren
Anwendung von Akutinterventionen [13]. Zudem waren die Behandlungskosten in den interventionell aktiven Zentren eindeutig höher.
1860
Eine kritische Indikationsstellung und Zurückhaltung bei interventionellen Prozeduren ist
zweifellos besser gewährleistet, wenn in einem
universitären Zentrum Spezialisten und Internisten zusammenarbeiten und die Patienten
gemeinsam betreuen. Aus diesem Grund wird
durch die international bekannte Arbeitsgruppe von Brook ein interdisziplinär zusammengesetztes Gremium als optimale Lösung
für die beste Form der Qualitätskontrolle empfohlen [14].
Bei einer zukunftsgerichteten Spitalplanung
wäre die Aufhebung von internistischen Kliniken nicht nur medizinisch, sondern auch ökonomisch ein Fehler. In der Regel ist der krankheitsbezogene Kostenaufwand durch Internisten niedriger als in den internistischen Spezialgebieten [15]. Nicht zufällig hat die stationäre Innere Medizin, als das sogenannte
«Hospitalist Movement», in den USA einen beträchtlichen Aufschwung erlebt [16]. Die neueren Erhebungen sprechen dafür, dass die Hospitalisationskosten, die Hospitalisationsdauer
und die Hospitalisationshäufigkeit durch gut
ausgebildete «full-time»-Spitalinternisten reduziert werden [17].
Die aufgezählten, durch entsprechende Daten
belegten Argumente sprechen klar für die weitere Berechtigung von internmedizinischen Kliniken auch in den universitären Zentren. In
einer Zeit, in der die grossen Spitäler oft als
Organreparaturstätten und Technologietempel
kritisiert werden, muss die ganzheitliche Patientenbetreuung eine zentrale Aufgabe bleiben. Selbstverständlich können und sollen die
Internisten keineswegs die Spezialisten ersetzen, sondern durch ihren Beitrag die patientenbezogene Tätigkeit komplettieren. Die Lösung ist nicht «entweder – oder», sondern «sowohl – als auch». Eine sich ergänzende Arbeitsteilung erscheint sinnvoll, wobei jedem Gebiet
bestimmte Aufgabenbereiche zugeteilt werden
können (Tab. 1).
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Kongressbeitrag
Die Innere Medizin in der Aus- und Weiterbildung
Tabelle 2 fasst die internistischen Lehraufgaben zusammen.
Die anstehenden Reformen bei der Ausbildung
von Medizinalpersonen (Kommission Fleiner)
werden auch eine Neuorientierung des Medizinstudiums mit sich bringen. Das sogenannte
«Kernstudium» wird Wissen, Fähigkeiten und
Haltungen vermitteln, die für eine spätere ärztliche Tätigkeit unerlässlich sind. Dieses Kernstudium soll insbesondere auch die praktischen
Aspekte der zukünftigen ärztlichen Tätigkeit
betonen. Spezialwissen wäre vorwiegend in die
spätere Weiterbildungsphase zu verschieben.
Bei einem so ausgerichteten Unterricht der klinisch-medizinischen Grundlagen muss die Innere Medizin weiterhin eine zentrale Rolle
spielen.
Die internmedizinische Weiterbildung bleibt
die Basis für die klinische Tätigkeit nicht nur
für die angehenden Internisten/Internistinnen,
sondern auch für Fachärzte für Allgemeinmedizin und für alle internistischen Spezialgebiete
unerlässlich. Die Weiterbildungsordnungen
der einzelnen Fachgesellschaften beinhalten
eine mindestens 2–3jährige Ausbildung in Innerer Medizin. Die Aufhebung der internistischen Kliniken in universitären Zentren würde
die Grundlagen des ärztlichen Ausbildungssystems in der Schweiz in hohem Masse gefährden, da die Mehrzahl der Ärzte auch zukünftig
in der Praxis als Grundversorger bzw. Internisten im Spital tätig sein werden. Im Jahr 1998
betrug die Zahl der Fachärzte für Innere Me-
dizin 3944, davon hatten 1708 auch eine zusätzliche Spezialität (FMH-Ärzte-Statistik). Bei
einer weiter zunehmenden Zahl der Spezialisten werden viele dieser Fachärzte auch grundversorgerisch als Internisten tätig sein müssen.
Neue Erhebungen in den USA haben gezeigt,
dass Allgemeininternisten in Spitälern zu den
populärsten Ausbildern gehören und signifikant häufiger als Spezialisten als die besten
«Rollenmodelle» betrachtet werden [18]. Es ist
deshalb kaum verständlich, dass in einigen
akademischen Zentren die grundlegende Bedeutung der «allgemeinen» Inneren Medizin
als Fundament der Aus- und Weiterbildung ignoriert wird. Die Erfahrungsjahre in Spitälern
können nicht durch Ausbildungsperioden in
ambulanten Praxen ersetzt werden.
Bei der neu eingeführten obligatorischen Fortbildung erhalten die internistischen Kliniken
der Zentrumsspitäler eine weitere wichtige
Aufgabe. Sie sind für die Synthese und Vermittlung der etablierten medizinischen Fortschritte im Sinne des «State of the art» verantwortlich. Diagnostische und therapeutische
Empfehlungen müssen auch die Probleme von
Alter und Polymorbidität berücksichtigen. Wie
bei der Patientenbetreuung ist aber auch auf
diesem Gebiet ein Zusammengehen zwischen
Internisten und spezialisierten Fachgebieten
notwendig, um einheitliche, generell akzeptable und anwendbare Standards («Guidelines»)
festzulegen.
Tabelle 2
Ausbildung
Aufgaben der
Inneren Medizin
in der Lehre.
patientenbezogene, praktisch orientierte «Kernausbildung» –
Grundlagen der ärztlichen Kunst
Weiterbildung
klinische Grundkenntnisse und Fertigkeiten (Spital und ambulant),
«Tronc commun» für Generalisten und Spezialisten
Spezialkenntnisse als internistische Fachärzte für Praxis und Spital
Fortbildung
Vermittlung der medizinischen Fortschritte: «State of the art»
Grundlagen für Qualitätssicherung
Aufgaben der Inneren Medizin in der klinischen Forschung
Es ist unbestritten, dass die meisten diagnostischen und therapeutischen Innovationen und
neuen Kenntnisse über Krankheitsursachen
von den Spezialgebieten herkommen, da ein
Spezialistenteam – ergänzt durch Grundlagenwissenschaftler – erfolgreich und effizient forschen kann, während den vielbeschäftigten klinisch tätigen «Generalisten» nur eine limitierte
Zeit für Forschungsaufgaben zur Verfügung
steht. Dennoch wird in universitären Zentren
weiterhin durch die internistischen Chefärzte,
Leitenden Ärzte, Oberärzte und akademischen
Mitarbeiter der internistischen Kliniken auf
verschiedenen Gebieten eine bemerkenswerte
Forschungsarbeit geleistet. Gewisse Gebiete,
die von spezialisierten Fachrichtungen weniger
abgedeckt werden, wie die klinische Epidemiologie, Kosten-Nutzen-Analysen und kritische Evaluation von Neuentwicklungen (Tab.
3), gehören zu den speziellen Forschungsaufgaben der Inneren Medizin [19]. An vielen Orten in der Schweiz ist auf wissenschaftlichem
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Kongressbeitrag
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Tabelle 3
Innere Medizin
Forschungsschwerpunkte
in der Inneren Medizin
und den internistischen
Fachgebieten.
klinische Epidemiologie
Krankheitsmechanismen / Pathophysiologie
Evaluation von Neuentwicklungen
im klinischen Alltag
Neuentwicklungen in Diagnostik und
Therapie (initiale Studien)
vergleichende Kosten-Nutzen-Analyse
klinische Grundlagenforschung
spezielle Fachgebiete
Entscheidungsanalysen
gemeinsame Projekte je nach lokalen Gegebenheiten
Gebiet trotz der aktuellen Kontroverse eine
enge und gute Zusammenarbeit zwischen Internisten und Spezialisten möglich. Es ist meine
Überzeugung, dass in den zukünftigen akademischen Zentren die breiteren, klinisch ausge-
richteten Forschungsmöglichkeiten erhalten
bleiben werden und sich die Internisten nicht
schamvoll hinter ihren Bergen von Krankengeschichten als «Dienstleistungsprofis» verstecken müssen.
Organisatorische Möglichkeiten für die Innere Medizin in akademischen Zentren
Für die zukünftige organisatorische Gestaltung
der universitären Zentren bestehen selbstverständlich verschiedene Möglichkeiten:
1. Schaffung von interdisziplinären organbezogenen, fokussierten Fachkliniken/Departementen mit einer Inneren Medizin als
«Alibieinheit». Ob solche Strukturen eindeutige oder überhaupt irgendwelche Vorteile bringen, ist zurzeit völlig offen und
fragwürdig. In den meisten ausländischen
Zentren fand bisher keine echte Integration
zwischen internistischen und chirurgischen
Spezialisten statt. Eine umfassende Patientenbetreuung und eine fachärztliche Weiterbildung ausserhalb des engeren Fachgebiets
kann in solchen Zentren kaum stattfinden.
2. Eine weitere Möglichkeit ist die Fragmentierung der Inneren Medizin in mehrere,
voneinander unabhängig funktionierende
Spezialkliniken mit einer redimensionierten
«allgemeinen» Inneren Medizin. Ein solches
System ist in grossen Millionenstädten als
tertiäres Zentrum durchaus berechtigt, da
die Anzahl der zugewiesenen Patienten mit
besonderen Krankheitsbildern gross genug
ist, um die hochspezialisierten Kliniken voll
auszulasten. Diese Voraussetzungen sind in
der Schweiz wegen der kleineren Population
nicht gegeben. In einer fragmentierten Organisation der internistischen Fachgebiete
wäre die ärztliche Weiterbildung ebenfalls
sehr erschwert und würde zahlreiche zeitaufwendige Rotationen ohne Möglichkeit
der Synthese erfordern.
1862
3. Ein integriertes System mit geeigneten Gruppierungen zwischen Innerer Medizin und
verschiedenen Spezialitätengruppen mit verwandten Interessen als Schwerpunkte. Ein
solches integriertes System hätte folgende
Vorteile:
a) Optimierte bedarfsgerechte Patientenbetreuung sowohl bei Polymorbidität als auch
bei speziellen Erkrankungen.
b) Ökonomischer Einsatz der personellen und
finanziellen Ressourcen.
c) Gesicherte Möglichkeiten sowohl einer breiten internistischen als auch spezialistischen
Ausbildung je nach Bedarf der Ärztedemographie.
Jüngere Ärzte/Ärztinnen hätten auch hinsichtlich ihrer Zukunftschancen eine breitere Basis entweder als Internisten und/oder
als Fachspezialisten.
d) Nicht zuletzt wären derartig integrierte internistische Kliniken mit Schwerpunkten
leichter wandelbar und könnten sich ohne
grundsätzliche reorganisatorische Erschütterungen den auftretenden neuen Bedürfnissen anpassen. «Offene Parkanlagen statt
Schrebergärten» wäre ein geeigneter Vergleich. Voraussetzung für ein solches integriertes System wäre allerdings die grundsätzliche Bereitschaft zu einer respektvollen
und kollegialen Zusammenarbeit mit gegenseitiger Anerkennung. Das zukunftsgerichtete Losungswort für die Innere Medizin und
für die internistischen Spezialgebiete in den
nächsten Jahren sollte «Integration statt
Fragmentation» heissen.
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Kongressbeitrag
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1863
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