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Kassandra Schmid: Auswirkungen des Mauerfalls auf Europa und

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Der Fall der Berliner Mauer vom 09.11.1989 hatte auf die herrschende
Weltordnung weitgehende Einwirkungen. Worin zeigten sich diese im
Besonderen in Europa und wie beeinflussten diese seither das
Weltgeschehen?
Essay von Kassandra Schmid, Klasse 12 Deutsche Schule Genf
Wie kaum ein anderes Bauwerk symbolisierte die Berliner Mauer die Ost-West Spaltung,
den Kalten Krieg. Während sie im Osten unter dem Vorwand eines Antifaschistischen
Schutzwalles errichtet wurde, symbolisierte sie vor allem in der Bundesrepublik Deutschland
und im Westen in erster Linie die deutsche Trennung und war steinerner Ausdruck des
Eisernen Vorhangs. Diese ablehnende Haltung wurde bei der häufig verwendeten Forderung
„Weg mit der Mauer!“ deutlich. In der DDR verlor die propagandistische Begründung für die
Mauer im Verlauf der 80er Jahre zunehmend ihre Wirkung. Gründe dafür waren die immer
größer werdenden wirtschaftlichen Probleme, die immer deutlicher zu Tage tretenden
Widersprüche des Systems. Die Mauer wurde zur Metapher für die begrenzte
Meinungsfreiheit und die eingeschränkte Reisemöglichkeit, die den Menschen nicht einmal
gestattete, im Westen ihre Familie und Freunde besuchen zu können. Ab dem 4. September
1989 fanden in Leipzig die berühmt gewordenen Montagsdemonstrationen statt. Waren es
am 2. Oktober 20.000 Teilnehmer, die im Sprechchor „Wir-sind-das-Volk!“ riefen, so
versechsfachte sich die Zahl zwei Wochen darauf. Die politische Wende war nicht mehr
aufzuhalten. Am 18. Oktober trat Erich Honecker, Staatschef der DDR, zurück und am 9.
November 1989 fiel die Mauer. Das deutsche Volk war wieder vereint und Willy Brandt,
ehemaliger Bundeskanzler der BRD, sprach die legendären Worte: „Jetzt wächst zusammen,
was zusammen gehört.“
Die Ereignisse in Deutschland waren die direkte Folge der politischen Entwicklungen, welche
in der Sowjetunion unter Staatschef Gorbatschow eingeleitet worden waren. Schon vor dem
Fall der Mauer war der Eiserne Vorhang löchrig geworden. Im Mai 1989 waren in Ungarn die
Grenzanlagen zu Österreich abgebaut worden und in Polen fanden im Juni die ersten
demokratischen Parlamentswahlen statt. Der Fall der Mauer leitete das Ende des Kalten
Krieges ein und markierte das Ende des „kurzen 20. Jahrhunderts“. Die gesamte bi-polare
Weltordnung geriet ins Wanken und die Auswirkungen zeigten sich weltweit.
Für Deutschland bildeten sie die Voraussetzung für die friedliche Wiedervereinigung. Am 18.
Mai 1990 wurde der Staatsvertrag über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und
Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen
Republik geschlossen. Es folgte der am 12. September 1990 abgeschlossene Zwei-plus-VierVertrag zwischen den beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten des Zweiten
Weltkrieges, USA, Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien. Dieser stellte die endgültige
innere und äußere Souveränität des vereinten Deutschlands her. Auch wurde so die Oder-
Neiße-Grenze, die Grenze zwischen Polen und Deutschland, endgültig und friedlich geregelt.
Diese Schritte waren nötig, damit am 3. Oktober 1990 die DDR das bundesrepublikanische
System übernehmen und der BRD beitreten konnte. So wurde Deutschland nach dem Fall
der Mauer innerhalb von 329 Tagen ohne Gewalt und mit Zustimmung aller Nachbarstaaten
wieder vereint. Nach 45 Jahren erhielt Deutschland seine volle Souveränität zurück.
Parallel zu den Ereignissen in Deutschland, veränderte sich auch Schlag auf Schlag die
politische Landschaft in den europäischen Ländern östlich von Deutschland. Am 19.
November 1990 kam es in Paris zu einem letzten Gipfel-Treffen aller 35 Teilnehmerstaaten
der KSZE, an dem sich diese noch in der alten Blockformation unter Führung der USA und
der Sowjetunion gegenüber standen. Die beiden Blöcke gaben eine gemeinsame Erklärung
ab, in der sie ihre frühere Verpflichtung zum Nichtangriffspakt bekräftigten. Das Treffen
endete am 21. November mit der Unterzeichnung der Charta von Paris, ein grundlegendes
internationales Abkommen über die Schaffung einer neuen friedlichen Ordnung in Europa.
Die Spaltung Europas war nun offiziell beendet. Der Warschauer Pakt, der militärische
Beistandspakt des Ostens unter der Führung der Sowjetunion und somit das Gegenstück
zum Nato-Bündnis, wurde am 31. März 1991 auf Drängen der Mitgliedsstaaten friedlich
aufgelöst. Die Sowjetunion teilte sich gewaltlos in 15 souveräne Republiken auf, wobei eine
von ihnen, Russland, rechtlich zum Fortsetzerstaat der Sowjetunion wurde und deren
internationale Verpflichtungen übernahm.
Als Folge dieser Entwicklungen zogen 500.000 ehemals sowjetische Soldaten aus
Mitteleuropa ab und mit ihnen die Ideologie des Marxismus/Leninismus und ihrem globalen
und totalen Machtanspruch. Die Grundsätze einer liberalen Marktwirtschaftsordnung und
der Demokratie bahnten sich ihren Weg in die entferntesten Winkel des ehemaligen
sowjetischen Weltreichs. Wie nie zuvor in der Geschichte wurden auch im Bereich der
Abrüstung und Rüstungskontrolle rasche und weit reichende Ergebnisse erzielt. Innerhalb
weniger Jahre gelang es die Anzahl der nuklearen Sprengköpfe auf der Welt von 70.000 auf
16.000 zu reduzieren. Im Februar 1993 wurde der Chemiewaffenvertrag unterzeichnet, der
die Vernichtung der riesigen Chemiewaffenarsenale der ehemaligen Sowjetunion und der
USA einleitete. Und 1996 einigten sich die Atommächte über ein umfassendes Verbot von
Nuklearversuchen.
Das bipolare Weltsystem mit den beiden Weltmächten und ihren jeweiligen
Bündnissystemen Nato bzw. Warschauer Pakt existierte nicht mehr, der Ost-West-Konflikt
war beendet und die Spaltung Europas überwunden. Demokratie und freie Marktwirtschaft
hatten über Einparteiensystem und Planwirtschaft gesiegt. Noch nie in der Geschichte hatte
es auf dieser Welt mehr Demokratien und Marktwirtschaften gegeben. Das „Ende der
Geschichte“ titelte der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1992 und
meinte damit das Ende der Auseinandersetzung zwischen den Ideologien. Denn nun gab es
nur noch eine einzige Idee, die Gültigkeit hatte: die der liberalen Demokratie. Das letzte
Jahrhundert, das so blutig und brutal in den beiden Weltkriegen über 80 Millionen
Weltkriegstote forderte und die Welt teilte, hatte sich komplett gewandelt. Das Ende der
bipolaren Machtstruktur hinterließ eine globalpolitisch neue Situation, in der nach der
Auflösung des „Reich des Bösen“ wie Reagan, der damalige Präsident der USA, die
Sowjetunion bezeichnete, nun die Vereinigten Staaten von Amerika die einzige Weltmacht
waren. Manche der osteuropäischen Staaten, die zum Warschauer Pakt gehört hatten,
schlossen sich nach und nach der NATO an, die bis heute erhalten geblieben ist und
momentan 28 Mitglieder zählt. Die neuen Demokratien im Osten traten in mehreren
Schüben der Europäischen Union bei, die heute für Europa bestimmend ist und für ihre
Mitglieder ein Garant für Friede und Freiheit ist. Was für eine Leistung!
Aber hält diese positive Bilanz einer kritischen Betrachtung stand? Im Osten Europas harren
viele Konflikte seit dem Untergang der Sowjetunion weiterhin einer Lösung. In Georgien
verhinderten zwei von Russland unterstützte Sezessionen die Annäherung dieses Landes an
NATO und EU. Und in der Ukraine droht Europa in eine direkte kriegerische Konfrontation
mit Russland hineingezogen zu werden. Im Nahen Osten, unweit der Haustüre Europas, tobt
eine Auseinandersetzung der Ideologien, die blutiger nicht sein könnte und die Fukuyamas
„Ende der Geschichte“ alt aussehen lässt.
Auch der Glaube an den unaufhaltsamen Fortschritt der Marktwirtschaft hat tiefe Risse
erfahren. Die 2008 ausgebrochene Finanzkrise löste eine Wirtschaftskrise aus, von der sich
insbesondere die Länder Westeuropas bis heute nicht erholt haben. Die Krise hat sich in
einer hohen Arbeitslosigkeit ausgedrückt, von der besonders die jungen Arbeitssuchenden
betroffen sind, und die dazu geführt hat, dass man insbesondere in einigen Ländern von
Südeuropa von einer „verlorenen Generation“ spricht. Während sich viele Menschen in
Arabien, Afrika und Asien nichts sehnlicher als demokratische und freiheitliche Verhältnisse
erhoffen, so sind in den etablierten und entwickelten Demokratien Europas die Hochgefühle
verschwunden und ist die Politikverdrossenheit zur Alltagskultur geworden.
Wir kommen nicht umhin, uns zu fragen, ob wir nach dem Fall der Mauer, in der Euphorie
über das Ende des Kalten Krieges und in der Überheblichkeit über den Sieg des westlichen
Wertesystems, nicht eine grosse Chance verpasst haben. Statt zu versuchen, eine
europäische Friedensarchitektur gemeinsam mit Russland zu errichten, haben wir es
vorgezogen unsere eigenen, kurzfristigen Sicherheitsbedürfnisse zu verfolgen. Mit guten
Gründen wurde der Einflußbereich der EU und der NATO nach Osten ausgeweitet. Es fiel
Europa und dem Westen dabei nicht schwer, ein schwaches und wirtschaftlich gebeuteltes
Russland und dessen Sicherheitsempfinden zu ignorieren. In seiner wirtschaftlichen und
militärischen Allmacht fiel es dem Westen auch nicht schwer in Afghanistan, in Irak und im
Nahen Osten in eigener Verantwortung Konflikte zu lösen und zu versuchen, das eigene
Gesellschaftsmodell zu etablieren. Aber vielleicht wäre es besser gewesen, wenn es der
Westen nötig gehabt hätte oder es als nötig erachtet hätte, bei solchen Vorhaben noch
stärker im Verbund mit anderen Staaten oder mit dem Segen der UNO zu handeln. Dies
rächt sich heute, indem ein wieder erstarktes Russland es nicht scheut den europäischen
Träumen Grenzen zu setzen und die Ideologie des Islamischen Staates eine Faszination
ausübt, der sich auch desillusionierte Jugendliche in Europa nicht entziehen können.
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Seele and Geist
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