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Manuskript: Grube Messel (PDF) - SWR

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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Wissen
Grube Messel
Wie aus einem Müll-Loch ein UNESCO-Welterbe wurde
Von Nicola Wettmarshausen
Sendung: Montag, 13. Oktober 2014, 8.30 Uhr
Redaktion: Detlef Clas
Regie: Andrea Leclerque
Produktion: SWR 2014
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede
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MANUSKRIPT
Sprecherin:
Es gibt Namen, da fällt einem sofort etwas ein. Namen wie „Gorleben“ oder
„Brokdorf“. Aber „Messel“? Bei dem Wort fiel mir überhaupt nichts ein.
Dabei wurde auch hier hart gekämpft. Doch ging es hier nicht um Brennstäbe. Es
ging um Müll. Es ging um einen hartnäckigen Pragmatismus. Und um einen
seltsamen Kompromiss.
Ich fing an zu recherchieren. Als erstes fand ich heraus, dass Messel ein kleiner Ort
bei Darmstadt ist, umgeben von Wald. Eine beschauliche Gegend, wie es schien.
Doch je mehr ich über das Thema recherchierte, desto mehr erstaunte mich die
Grube Messel.
Ansage:
Grube Messel –
Wie aus einer Mülldeponie ein UNESCO-Welterbe wurde
Eine Sendung von Nicola Wettmarshausen
Cut 1: Regenwald
Sprecherin:
50 Millionen Jahre ist es her, dass dieser Teil Hessens mit dichtem Regenwald
bedeckt war. Riesige Farne und Lorbeerbäume wuchsen hier. Es war das Zeitalter
des Eozän, benannt nach Eos, der griechischen Göttin der Morgenröte. Das Klima in
dieser Zeit war sehr warm und für die Entstehung neuer Tier- und Pflanzenarten so
günstig, dass die Evolution quasi explodierte. Die Säugetiere entwickelten sich.
Fledermäuse ebenso wie Ameisenbären und Ur-Pferde, die durch das dichte
Unterholz der Wälder pirschten.
Im Messeler Wald gab es einen Vulkansee. Mehr als 200 Meter war er tief. In seinen
oberen Wasserschichten lebten Fische. Auch Alligatoren tummelten sich hier und
Schildkröten. Doch an manchen Stellen war der See eine regelrechte Todesfalle.
Fledermäuse fielen vom Himmel herab, Fische schnappten im Todeskampf nach
Luft. Schuld waren tödliche Gase, die aus den Tiefen des Sees aufstiegen:
Schwefelwasserstoffgase, aber auch Methan und Kohlendioxid blubberten an die
Oberfläche.
Cut 2: Blubbern
Sprecherin:
Und so sanken die Tiere langsam herab, und mit ihnen Algen und winzige
Tonpartikel. Zusammen bildeten sie eine Schicht, die jedes Jahr um nur wenige
Millimeter wuchs. Viele Hunderttausend Jahre lang.
Ich möchte mir die Grube Messel mit eigenen Augen ansehen und melde mich für
eine Grabung an. Eine Grabung, organisiert vom Landesmuseum Darmstadt. Mit
einem kleinen Bus fahren wir in die Grube Messel hinein, bis wir an einem BauContainer halten. Hier sind die Werkzeuge untergebracht, die wir für die Grabung
brauchen werden.
Cut 3: Vorbereitung Grabung
2
Sprecherin:
Norbert Micklich, Grabungsleiter, sucht Schaufel, Messer und Lupen zusammen –
und dann kann es losgehen.
[Cut 4: Norbert Micklich
Wir gehen zum Schildkröten-Hügel, der heißt so, weil er die Form, angeblich, einer
Schildkröte hat und zum anderen auch deshalb, weil wir da regelmäßig Schildkröten
finden oder eine Schildkröte finden, sagen wir es mal so. Pro vier Wochen vielleicht
eine.]
Sprecherin:
Die Tiere liegen hier begraben in einer Schicht aus Ölschiefer, eine Art von
Tongestein. In ihr haben sie sich perfekt erhalten. So perfekt, dass man in Messel
nicht nur einzelne Knochen finden kann, sondern ganze Tiere, mit Häuten, Fell und
dem Inhalt ihrer Mägen.
Cut 5: Norbert Micklich
Wir finden eine ganze Menge Schlammfische, es gibt da kleine Barsche, die heißen
Rhenanoperca minuta. Die sind da massenhaft in bestimmten Schichten da, und wir
haben da ganz gute andere Sachen schon gefunden. Wir haben da ein
Scheinraubtier schon gefunden, wir haben Rallen gefunden, Fledermäuse. Aber
sagen wir es mal so, das ist sehr fischreich. Da gibt es auch eine andere
Barschsorte, Paläoperca proxima, die ist relativ selten an anderen Stellen, und die
kommt da auch regelmäßig raus.
Sprecherin:
Norbert Micklich hat sich auf Fische spezialisiert. Der Paläontologe vom
Landesmuseum Darmstadt arbeitet mit Hobbygräbern vom Verein „Paleo-Geo“
zusammen. Seitdem unterstützen André Boland und andere Vereinsmitglieder die
Darmstädter Forscher:
Cut 6: André Boland
Das Ganze begrenzt sich aber nur auf wenige Quadratmeter im Jahr, wo die
Studenten dann mit den Wissenschaftlern gemeinsam graben, es gibt aber die
Auflage vom Bergbauamt, dass man nicht tiefer als ein Meter fünfzig graben darf,
ansonsten müsste man die Seitenwände abstützen. Das ist unsere Aufgabe, dass wir
hier die eigentliche Grabungsfläche terrassenmäßig anlegen, um so diese ein Meter
fünfzig Tiefe dann zu umgehen. Und dabei finden wir dann natürlich auch jede
Menge Fossilien.
Cut 7: Ölschiefer schaufeln in Schubkarre
Cut 8: André Boland
Es ist halt etwas Besonderes, dass man hier bei einem Weltnaturerbe von der
UNESCO so graben darf, und was es auch viel ausmachen tut, ist einfach diese
Gemeinschaft, die wir hier haben: Einmal die Zusammenarbeit mit dem Museum, den
Wissenschaftlern, und auch hier im Verein, dass man dort, aufgrund dessen vielleicht
auch, dass man wirklich nichts behalten darf, keinen Fressneid gibt. Das jeder das
Fossil, was er gefunden hat, auch in wissenschaftlichen Hände weiß. Und: Die
Gemeinschaft und die Natur, das macht es einfach aus hier.
3
Sprecherin:
Das klingt idyllisch. Und in der Tat ist die Atmosphäre sehr entspannt. Es wird
gescherzt, gelacht. Und immer wieder gibt es den einen oder anderen Fund:
entweder einzelne Fisch-Schuppen – oder vollständige Schlammfische.
Viele Jahrtausende war diese Landschaft unberührt. Bis zu dem Zeitpunkt, als
Menschen in diesem Wald erst die Braunkohle und dann den wertvollen Ölschiefer
entdecken, der sich darunter verbarg.
Aus dem verträumten Waldstück entsteht ein Industriegebiet. 1885 werden die ersten
Fabrikanlagen gebaut, um aus dem Ölschiefer Rohöl zu gewinnen. In den 1920erJahren wird die Grube Messel der bedeutendste Rohölproduzent des Deutschen
Reiches. Beginnende Ölimporte aus Nahost machen den Abbau in Messel später
unrentabel. 1962 wird die Fabrik stillgelegt und die gesamte Anlage wird demontiert.
Ende der 1960er-Jahre sieht Messel – die siebzig Meter tiefe und 800 Meter breite
Grube – wie ein alter Tagebau aus: An einem Hang lagert Bauschutt, in der Talsohle
sammelt sich Wasser. Doch Messels wahre Schätze sieht man nicht. Sie liegen seit
Millionen von Jahren tief in den Ölschieferschichten verborgen. Jetzt werden sie nach
und nach entdeckt.
Cut 9: Graben / Schaufeln
Cut 10: Norbert Micklich
Oh, das ist ein Schlammfisch, und den hat es sogar ziemlich gebeutelt, da ist der
Kopf zusammengeschoben hier. Und ja, was typisch ist, die haben hier diese Wirbel,
die sind so wie geldrollenartig und dicht gedrängt, und das ist ein sehr ursprünglicher
Fisch. Das sieht man daran, dass die Wirbelsäule im Schwanzbereich noch nach
oben abknickt. Das passiert heute noch bei Knochenhechten und bei
Schlammfischen, ist nur der letzte Wirbel – hier der – ist ein bisschen nach oben
orientiert, sonst ist alles gerade.
Sprecherin:
Anhand einer einzelnen Schuppe kann der Paläontologe jeden Fisch in der Grube
identifizieren: Acht verschiedene Arten hat er in Messel bisher gefunden. Norbert
Micklich sammelt sie, er will damit die Lebensbedingungen der Fische im See
rekonstruieren.
Der Forscher ist nicht der erste, der hier etwas findet: Schon 1875 wird im Ölschiefer
ein fossiles Krokodil entdeckt. Doch das Material trocknet an der Luft schnell aus, es
zerbröselt und zerbricht. Damit ist aber belegt: Es gibt Fossilien in Messel!
1972 tritt das erste Abfallbeseitigungsgesetz der Bundesrepublik Deutschland in
Kraft. Anstelle wilder Müllplätze sollen künftig einzelne Großdeponien entstehen.
Alleine im südhessischen Raum betrifft es mehr als hundert Plätze, die nun
geschlossen und zusammengelegt werden sollen. Eine Entscheidung mit Folgen.
Etwa zur selben Zeit arbeitet Jens Franzen als wissenschaftlicher Assistent am
Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt. Als Paläontologe erforscht er die
Evolution von Wirbeltieren. Er erinnert sich gut an den Besuch, den er im November
1973 bekommt:
Cut 11: Jens Franzen
Und da erschienen bei mir im Senckenberg Museum zwei Studenten der Universität
Frankfurt und sagten zu mir: Wissen Sie, was mit der Grube Messel geschehen soll?
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Und ich sagte: was soll da geschehen? Ja, das soll ein gigantischer Mülleimer
werden, da soll der ganze Müll Südhessens hinein usw. usw.
Sprecherin:
Ein Schock für den Wissenschaftler!
Doch die Planungen beginnen schon viel früher: Bereits 1968 wird in einer Studie
untersucht, wie man den regionalen Müll im Landkreis Dieburg entsorgen kann. Die
Studie empfiehlt den Bau einer Müll-Verbrennungsanlage. Doch im Hessischen
Ministerium wird diskutiert, dass Verbrennungsanlagen teurer sind als Deponien.
Darum wird nun nach einem Platz für eine Deponie gesucht.
Cut 12: Edwin Christl
Die Idee mit der Grube Messel kam durch das Land Hessen. Das Land Hessen hat
eine Machbarkeitsstudie über mögliche Deponien in Auftrag gegeben, das waren,
glaube ich, 40 Standorte, die damals untersucht wurden. Und für das Land Hessen
schien die geeignetste die Grube Messel zu sein.
Sprecherin:
So erinnert sich Edwin Christl. Er war damals Geschäftsführer eines neu
gegründeten Zweckverbands, der die Pläne mit dem Müll in die Tat umsetzen soll.
Und weil die Grube Messel ein riesiges Loch ist und ein Fassungsvermögen von
nahezu 30 Millionen Tonnen hat, soll sie nicht nur Bauschutt aufnehmen, sondern
auch Schlacke aus der Müllverbrennung und sogar stinkigen Hausmüll. Für die
Deponieplaner klingt das nach einer kostengünstigen Lösung. Praktisch, billig – und
rentabel.
Cut 13: Jens Franzen
Ich nehme wirklich an, dass es ursprünglich die Idee eines einzelnen war. Die Idee
bestand einfach darin, dass ein aufgelassenes Bergwerk, in diesem Fall ein
Tagebau, laut Berggesetzen rekultiviert werden muss. Das heißt, normalerweise,
wieder verfüllt werden muss. Das heißt, die ursprüngliche Erdoberfläche muss wieder
hergestellt werden. Das war auf der einen Seite, und auf der anderen Seite war
tatsächlich die Müllablagerung, Müllbeseitigung damals ein öffentliches und heiß
diskutiertes Thema. Die Hochdeponien, die es gab, vor allem bei Buchschlag,
drohten also voll zu werden, es brannte offenbar auf den Nägeln, da jetzt einen
Ersatz zu finden. Und dann ist jemand auf diese unglückselige Idee gekommen und
hat gesagt: Wunderbar, da lösen wir gleich zwei Probleme auf einmal, auf der einen
Seite die Rekultivierung des Bergwerkes und auf der anderen Seite die MüllBeseitigung, zumindest für die nächsten 30 Jahre. So ungefähr war der Horizont
dabei.
Sprecherin:
Die Anwohner der Grube Messel sind entsetzt. Sie laden alle Beteiligten zu ihrer
ersten Bürgerversammlung ein. Das Thema: Die Zukunft der Grube Messel.
Cut 14: Jens Franzen
Und dann entspannen sich eine heiße Diskussion, vor allen Dingen, ausgehend von
der Bürgerinitiative, gegen die Einrichtung einer Mülldeponie in der Grube Messel,
die mit allen möglichen Argumenten kamen, weshalb das also ein ungeeigneter
Standort war, und dann bin ich aufgestanden und hab zum ersten Mal auf die
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wissenschaftliche Bedeutung dieser Stelle hingewiesen. Und das schlug ganz gut
ein, muss ich sagen. Und nach der Veranstaltung kamen dann die Herren Landräte,
Vertreter vom Zweckverband, kamen dann auf mich zu und klopften mir
freundschaftlich auf die Schulter und sagten: Ah, das ist ja hochinteressant, aber Sie
werden verstehen, die Müllproblematik im Rhein-Main-Gebiet und so. Wir hoffen,
dass sie im nächsten Jahr noch mal graben können, aber dann wird es vorbei sein.
(60 sec)
Sprecherin:
1974 wird in Messel das erste vollständige Skelett eines Urpferds gefunden. Von
einem Privatmann. Die Grube entwickelt sich zu einem Eldorado für Schwarzgräber,
der Handel mit Messel-Fossilien blüht. Doch der Wissenschaftler Jens Franzen
bekommt zunächst keine Grabungserlaubnis. Erst später. Es sind Notgrabungen:
Cut 15: Jens Franzen
Und dann haben wir mit den Grabungen begonnen, und es dauerte gar nicht lange,
da haben wir dann die ersten großen Funde gemacht. Wir haben wirklich Glück
gehabt mit unserer Grabungskampagne. Es war so als wenn sich die Fossilien hätten
wehren wollen gegen diese Pläne, die da auf sie zukamen. Wir fanden also ein
vollständiges Skelett eines Urpferdchens, und dazu auch das vollständige Skelett
eines Alligators und einen wunderschönen Vogel mit erhaltener Befiederung und
eine kleine Echse, also insgesamt acht Funde.
Sprecherin:
Vögel mit Befiederung, Tiere mit Haut und Fell – das ist das Besondere an der Grube
Messel, das findet man fast nur hier. Und während Forscher sonst nur
Einzelknochen, mal ein Gebiss oder einen Schädel finden, können sie in Messel
komplette Skelettfunde machen. So ist es möglich, das Aussehen der Tiere aus dem
Eozän zu rekonstruieren und genauere wissenschaftliche Aussagen zu treffen. Die
Notgrabungen fördern Erstaunliches zutage: neben Urpferden findet man auch
Ameisenbären, Sumpf- und Wasserschildkröten, Fledermäuse, Schlangen und eine
Fülle von Insekten.
Cut 16: Jens Franzen
Die Landesregierungen, mit denen wir zu meiner Zeit zu tun hatten, waren also alle
ganz klar für die Mülldeponie. Und der damalige Ministerpräsident Holger Börner hat
mir dann zum Beispiel gesagt: Also, ich bin sehr für Ihre Arbeiten, ich finde das ganz
toll, aber die gesamte Erhaltung der Grube Messel, die kostet mindestens 25
Millionen DM damals, die 25 Millionen hab ich nicht, und wenn ich sie hätte, muss
Ihnen ehrlich sagen, würde ich sie lieber für den Bau eines neuen Krankenhauses
einsetzen. – Das war eigentlich so eine typische SPD-Position. [So war die Situation
damals.]
Sprecherin:
Jens Franzen befürchtet, dort bald gar nicht mehr graben zu dürfen. Darum schlägt
er einen Kompromiss vor: Die westliche Hälfte der Grube soll für eine gewisse Zeit
für die Grabungen frei gehalten werden. Außerdem sollen zehn Prozent des
Tagebaus ganz vom Müll verschont bleiben.
Während die Wissenschaftler immer mehr Fossilien finden, stellt der Zweckverband
einen Bauantrag für die zentrale Mülldeponie. Edwin Christl, ehemaliger
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Geschäftsführer des Zweckverbands, greift den Kompromissvorschlag der
Wissenschaftler für den Bauantrag auf:
Cut 17: Edwin Christl
Im Planfeststellungs-Beschluss von 1981 steht unter Punkt 5.7: „Zur Abstimmung der
Forderungen des Denkmalschutzes und der wissenschaftlichen Forderungen mit den
Erfordernissen des Deponiebetreibers wird ein Ausschuss gebildet, dessen Aufgabe
es ist, einen auf den Deponie-Plan abgestimmten Grabungsplan zu entwickeln, mit
dem sich die Einzelgrabungen sinnvoll koordinieren lassen.“
Sprecherin:
Einen auf den Deponie-Plan abgestimmten Grabungsplan, das heißt einerseits:
Während die Grube Messel mit Müll verfüllt wird, sollen wissenschaftliche Grabungen
möglich sein. Es heißt auch: Grabungen sollen nur dort möglich sein, wo sie den
Deponiebetrieb nicht stören. Und zunächst auch nur für 20 Jahre.
Cut 18: Edwin Christl
Wir waren in sehr gutem Kontakt mit den Paläontologen, und wir glauben, das hätte
auch eine gute, gedeihliche Zusammenarbeit gegeben. Über eine Verlängerung
wären wir jederzeit bereit gewesen zu verhandeln.
Cut 19: Jens Franzen
Dieser Kompromiss, das haben wir immer betont, war für uns natürlich nur eine
Notlösung, also angesichts dieser Situation der drohenden Mülldeponie. Und die
Aussicht, dass man da etwas erreichen könnte, im Sinne einer Gesamt-Erhaltung,
die erschien also außerordentlich gering. Und in dieser Situation haben wir, und das
haben wir immer betont, gesagt: Die ideale Lösung ist natürlich die Freihaltung der
gesamten Grube Messel, aber falls das, aus welchen Gründen auch immer, nicht
möglich sein sollte, dann bestehen wir auch darauf, dass wenigstens ein größerer
Teil langfristig ausgeklammert wird. Ja, und ich denke, man hat dann einfach auch
versucht, uns auf diesem Wege aus der Grube Messel herauszudrängen. Und
unsere Hoffnung, dass man wenigstens eine sinnvolle Kompromisslösung erzielen
könnte, kam darin also nicht zum Ausdruck, ja.
Sprecherin:
1981 beschließt das Hessische Oberbergamt den sofortigen Bau der Deponie, weil
der Müllnotstand droht.
Widerstand formiert sich. Die Bürgerinitiative reagiert mit Demos und
Versammlungen. Jens Franzen versucht es auf andere Weise. Er holt sich
Stellungnahmen seiner Forscherkollegen aus dem Ausland ein. Die Antwort-Briefe
gehen ans Ministerium und an deutsche Zeitungen. Vor Gericht ist das Thema
Fossilien-Grabung allerdings kein Verhandlungs-Thema mehr. Warum auch? Der
Kompromiss ist ja schon da!
[Drei Jahre später verzichtet die hessische Regierung plötzlich auf den sofortigen
Ausbau der Deponie. Die Abfallmengen könnten in den kommenden Jahren durch
Recycling-Verfahren reduziert werden, heißt es. Doch dagegen klagt wiederum der
Zweckverband – und gewinnt. In der Urteilsbegründung heißt es:
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Zitator:
„Es liegt auf der Hand, dass das Leben und die Gesundheit zahlreicher Menschen
gefährdet sind, wenn kein ausreichender Deponieraum zur Verfügung steht.
Seuchengefahren, Gefährdung durch Ungeziefer und Ratten, Luft- und
Wasserverschmutzungen wären die unvermeidliche Folge. Zur Wahrung des Wohles
der Allgemeinheit ist daher die Schaffung ausreichenden Deponierraumes
unabdingbar.“]
Sprecherin:
Das Land schafft Fakten. Eine Zufahrtstraße und eine Kläranlage werden gebaut.
Der Boden der Grube wird mit Kies verfüllt.
Im April 1987 gibt es einen Regierungswechsel in Hessen. Bei den Müllgegnern
keimt neue Hoffnung. Das Forschungsinstitut Senckenberg schreibt an die neue
Landesregierung:
Zitator:
„Es ist unfassbar, dass ein solches Naturerbe unwiederbringlich zerstört werden soll,
weil für wenige Jahre lokale Müllprobleme beseitigt werden sollen. Hiermit bitte ich
erneut, diese einmalige Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis nicht in eine Müllgrube
zu verwandeln!“
Sprecherin:
Doch in der neuen Regierung setzt kein Umdenken ein. Sie argumentiert, dass die
Verfüllung der Grube mit Müll überhaupt erst die finanziellen Voraussetzungen
schafft, um dort zu graben. Die Hänge der Grube müssen vor Gesteinsrutschungen
gesichert werden – mit Müll. In einem Brief formuliert das Ministerium es so:
Zitator:
„Nur eine zunächst eingeschränkte und dann stufenweise erweiterte
Abfalldeponierung ermöglicht eine wirkungsvolle und zugleich kostengünstige
Grubensicherung, die Voraussetzung ist für die gleichzeitige bestmögliche
paläontologische Nutzung der Grube.“
Sprecherin:
Wie soll man noch in einer Grube nach Fossilien graben, deren Hänge mit Müll
zugeschüttet sind? In der Diskussion um die Grube hat die Absurdität ihren
Höhepunkt erreicht. Darum schwellen die Proteste weiter an. Briefe aus aller Welt
gehen waschkörbeweise beim Ministerium ein.
Mittlerweile ist die Deponie in Messel fertig gebaut – für mehr als 40 Millionen DM.
Sie könnte jetzt in Betrieb gehen. Dagegen klagt die Gemeinde Messel erneut, sie
will die Inbetriebnahme verhindern.
Es kommt zur Gerichtsverhandlung im September 1987. Hier drängen die Richter auf
einen Vergleich. Sie bieten der Gemeinde im Gegenzug sogar ein schickes
Schwimmbad an, wenn sie dem Vergleich zustimmt. Doch die Kläger sind diesmal
besser aufgestellt. Sie haben das Anwaltsbüro gewechselt.
Die Idee kommt von Wolfgang Martin. Der Jurist hat schon früh gegen die
Deponiepläne agiert, doch bisher ohne Erfolg. Diesmal ist es anders. Wolfgang
Martin kennt eine Stuttgarter Wirtschafts-Kanzlei. Die ist auf Großprojekte
spezialisiert und vertritt die Spitze der deutschen Industrie. Die Kanzlei zögert und
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berät sich. Soll sie jetzt ein Anliegen der Gegenseite übernehmen? Doch dann sagt
sie zu. Wolfgang Martin:
Cut 20: Wolfgang Martin
Das führte also regelrecht zu einem Donnerschlag beim Verwaltungsgerichtshof, ich
war selbst bei der ersten entscheidenden Verhandlung dabei. Der vorsitzende
Richter zeigte sich regelrecht vom Donner gerührt, und blaffte dann noch den
Wortführer der Bürgerinitiative, Herrn Willi Mößle, regelrecht an, er müsse wohl ein
sehr betuchter Rentner sein, dass er sich so viele Anwälte leisten könne. (24)
Sprecherin:
Der vorsitzende Richter ärgert sich. Er sieht, dass es schwer werden wird mit seinem
Vergleich.
Cut 21: Wolfgang Martin
Und dieses Büro hat eben auf über 90 Seiten Schritt für Schritt diesen ganzen, über
180 Seiten langen Planfeststellungsbeschluss auseinandergenommen und Punkt für
Punkt aufgezeigt, wo die Mängel liegen und ist insgesamt zu dem Urteil gekommen,
der ist nicht nur schlicht fehlerhaft und damit rechtswidrig, sondern der ist so
fehlerhaft, dass er null und nichtig ist. Das ist also das schlimmste Verdikt, was man
einem staatlichen Einzel-Akt attestieren kann. (36)
Sprecherin:
Das Stuttgarter Büro bringt die Wende im jahrelangen Rechtsstreit. Doch Messels
Zukunft als Fossilienfundstätte ist damit trotzdem nicht gesichert.
Mit dem Regierungswechsel 1987 tritt im Umweltministerium ein neuer
Staatssekretär seinen Dienst an. Es ist der Physiker Manfred Popp. Eigentlich wurde
er gerufen, um das Hanauer Nuklearproblem zu lösen. Doch es gibt noch mehr
Probleme. Eines ist der Fall Messel.
Cut 22: Manfred Popp:
Der Planfeststellungsbeschluss war als nicht rechtskonform eingestuft worden,
allerdings hatten die Verwaltungsrichter etwas Ungewöhnliches gemacht, sie hatten
in einem Begleitbrief der Landesregierung quasi ein Handwerkszeug an die Hand
gegeben, wie man den hätte reparieren können und daran wurde nun fleißig
gearbeitet, als ich kam. Ja, ich hab mich dann gewundert, dass man einen so
problematischen Standort, und vor allen Dingen an so einem Standort, der solche
ungeheuren Schätze birgt, unbedingt eine Deponie einrichten müsste. Das kann man
ja auch woanders machen, wobei ich sagen muss: Ich bin sowieso kein Freund von
Deponien, damals nicht und heute nicht, weil das eigentlich eine ziemlich eklige
Sache ist, Hausmüll mit seinen sehr problematischen Inhaltsstoffen da einfach
abzulagern.
Sprecherin:
Doch was kann Manfred Popp als Staatssekretär tun? Das Projekt einfach zu
stoppen wäre keine gute Lösung, zumal dies einen Rattenschwanz von
Schadensersatzforderungen auslösen könnte.
Manfred Popp hat eine andere Idee. Er gibt eine Studie in Auftrag und fragt: Was
würde es kosten, die Deponie auf den technisch aktuellen Stand zu bringen? Die
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Frage ist berechtigt, ist doch der Planfeststellungsbeschluss zu diesem Zeitpunkt
mehr als 15 Jahre alt.
Cut 23: Manfred Popp:
Trotzdem war das nicht so einfach, das zu machen, weil natürlich meine Beamten
das nicht so gut fanden, diese Idee, und die günstigen Umstände bestanden darin,
dass ich dann die Sommerferien genutzt habe, um diesen Auftrag zu erteilen. Weil
dann gerade die eifrigen Verfechter der Grube Messel in den Ferien waren. (18)
Sprecherin:
Am Ende des Sommers ist das Gutachten da und damit ein Faktum geschaffen.
Cut 24: Manfred Popp:
Das Gutachten hat ausgesagt, dass man sehr viel Geld bräuchte, irgendwelche
höheren zweistelligen Millionenbeträge, um diese Deponie einigermaßen auf den
Stand der Dinge zu bringen, aber auch, das damit es nicht wirklich möglich sei, und
man immer irgendwelche Kompromisse machen müsste. Und das gab nun
sozusagen den Ausschlag dafür, dass das Land gesagt hat: Na dann, verzichten wir
eben auf die Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht und lassen diesen
negativen Gerichtsentscheid rechtskräftig werden. (29)
Sprecherin:
Im Februar 1990 verzichtet die Hessische Landesregierung auf die Nutzung der
Grube Messel als Mülldeponie. Doch einige Politiker halten immer noch an der Idee
fest, die rutschenden Hänge der Grube Messel zu sichern. Nicht mit Abfall, nein, mit
„Wertstoffen“ wie Schlacke und Bauschutt.
Fünf Jahre später sind auch diese Ideen Geschichte. Nach fast zwanzig Jahren
Tauziehen ist die Grube jetzt endgültig für die Wissenschaft gerettet. Das Land
Hessen kauft das Gelände auf. 1995 wird Messel als erstes deutsches Naturdenkmal
in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen, weil seine Artenvielfalt und
Qualität der Funde so groß ist, wie es bisher von keiner anderen Fundstelle belegt
ist. Außerdem sind die Funde nicht nur für Paläontologen interessant. Auf der
Homepage der deutschen UNESCO-Seite heißt es:
Zitator:
„Die Fossillagerstätte gibt Aufschluss über Kontinentaldrift und Sedimentation, über
Ozeanbildung und Landbrücken zwischen verschiebenden Kontinenten, über Tiefe
und Erstreckung der Biosphäre und über Klima- und Lebenszyklen.“
Sprecherin:
Heute ist vom erbitterten Kampf um die Grube Messel keine Rede mehr. Nur eine
Tafel am Eingang der Grube und eine kleine Vitrine im Infozentrum erzählen vom
zähen Ringen um diesen einzigartigen Fossilienfundort.
Ich finde, dass die verhaltenen Versuche längst nicht das widerspiegeln, was sich an
diesem Ort ereignet hat. Auch eine angemessene Würdigung der wahren MesselRetter müsste her!
Cut 25: Leute reden, Grabungsgeräusche
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Sprecherin:
An der Grabungsstelle hat Daniel Belzer – vierzehn Jahre alt – gerade sein erstes
Fossil gefunden:
Cut 26: Daniel Belzer / Autorin
Daniel Belzer: Ein Kothaufen! (lacht).
Autorin: Ist das jetzt der allererste Fund?
Daniel Belzer: Ja. Ja, bisher hatte ich noch nichts anderes. Ich war mir auch hier
eben nicht sicher, ob das was ist, habe es erst mal zur Seite gelegt, und ja,
hoffentlich kommt noch ein bisschen mehr.
Autorin: Aber so ein alter Kothaufen ist doch auch was Tolles, oder?
Daniel Belzer: Ja, also ich muss sagen, in meiner Sammlung zu Hause habe ich
auch noch keinen Kothaufen. Aber, yo.
Autorin: Vielleicht riecht er ja doch?
Daniel Belzer: Nee, riecht nicht, würde mich auch überraschen. So alt, wie der ist...
(38)
Sprecherin:
Messel: Der Ölschiefer aus dem Eozän birgt noch einige Rätsel. Denn viele Funde
werden erst in den kommenden Jahren erst noch erwartet. Vergleicht man Messel
mit anderen eozänen Fundstellen – etwa mit dem Geiseltal bei Halle oder mit Gruben
in den USA – dann weiß man, welche Tiere hier vorkommen müssten. Sie zu finden
ist die große Hoffnung der Forscher. Mit jeder neuen Grabung.
*****
11
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