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20141027 Wanjiku wa Ngugi Die Scheinheiligen - WDR 3

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Mosaik / Passagen
Sendedatum: 27.10.2014
Wanjiku wa Ngugi: „Die Scheinheiligen“
Rezensentin: Dina Netz
Redaktion: Terry Albrecht
Wanjiku wa Ngugi: Die Scheinheiligen
Aus dem Englischen von Wanda Jakob
A1 Verlag, München 2014
272 Seiten, 19,80 Euro
Internettext
Wanjiku wa Ngugis Debütroman hat Krimi- und Thriller-Elemente: Ihre Hauptfigur
Mugure deckt darin einen weltumspannenden Kinderhändlerring auf, der Frauen in
Kenia zu Gebärmaschinen macht. Ein aufrüttelndes Buch.
Anmoderation
Wanjiku wa Ngugi ist die älteste Tochter des berühmten kenianischen Autors Ngugi wa
Thiong'o. Sie wurde in Nairobi geboren, lebte lange in den USA und wohnt heute in
Finnland, wo sie das „Helsinki African Film Festival“ leitet. Außerdem arbeitet sie als
Journalistin für finnische und afrikanische Medien. Auch ihr Bruder Mukoma wa Ngugi
hat kürzlich sein Debüt auf Deutsch veröffentlicht, den Krimi „Nairobi Heat“.
In „Die Scheinheiligen“ verarbeitet Wanjiku wa Ngugi allerlei brisante Themen:
Kinderhandel, afroamerikanische Identitätsprobleme, Klonen – ein bisschen viel für
knapp 300 Seiten. Trotzdem ist es ein spannender und zum Teil sogar witziger Roman.
Beitrag
Mugure ist eine dieser vielen Migrantinnen ohne Heimat: Sie stammt aus Kenia, hat
dort aber keine Familie mehr und keine Perspektive, hat deshalb in den USA studiert.
Nach meinem Abschluss am City College in New York hatte ich eine Zeitlang mit der
Idee gespielt, nach Kenia zurückzukehren, doch laut meiner Freundin, der Anwältin
Jane Kagendo, tummelten sich die arbeitslosen Hochschulabsolventen nur so auf den
Straßen Nairobis. Also blieb ich in Amerika, in der Hoffnung, meinen Doktor zu
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
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Mosaik / Passagen
Sendedatum: 27.10.2014
Wanjiku wa Ngugi: „Die Scheinheiligen“
machen, obwohl ich das Geld dafür nicht hatte. Mein Studentenvisum lief ab, und ich
geriet in den Teufelskreis vom ewigen Verstecken und darauf Hoffen, nicht als Illegale
aufzufliegen. Ein Leben im Untergrund, in dem man jeden Job annimmt, jedes Gehalt
akzeptiert, den anderen Einwanderern gegenüber seinen eigenen Status verhehlt und
bei jedem Türklopfen oder Anblick von Polizisten den Körper anspannt, ständig auf der
Hut, ob nun daheim oder auf der Straße.
Bei einem Mädchen-für-alles-Job in einer Kanzlei läuft Mugure der Lösung ihrer
Probleme über den Weg: Ihrem späteren Mann Zack, einem erfolgreichen Anwalt, der
ihr ein Luxusleben finanzieren kann. Ein bisschen langweilt sich Mugure, allein in den
New Yorker Shopping Malls mit Zacks Kreditkarte. Dem wollen sie abhelfen, indem sie
eine Familie gründen. Allerdings stellt sich heraus, dass Mugure keine Kinder
bekommen
kann.
Sie
adoptieren
eins.
Aber
irgendwann
entdeckt
Mugure
Unregelmäßigkeiten bei den Papieren des Kindes und forscht nach. Damit tritt sie eine
Lawine von Ereignissen los, die sie überrollen: Sie kommt nach und nach einem
brutalen internationalen Kinderhändlerring auf die Spur, in den ihr gesamtes Umfeld,
Kirchenvertreter und hochrangige kenianische Politiker verwickelt sind.
Von diesem Punkt an ist Wanjiku wa Ngugis Roman ein Thriller: Mugures Leben gerät
immer mehr aus seiner ruhigen Bahn, es gibt anonyme Briefe mit Drohungen,
Anschläge auf die Ich-Erzählerin, am Schluss eine atemberaubende und gefährliche
Verbrecherjagd in Kenia.
Die Verbrechen, die Mugure aufdeckt, sind abscheulich: Reiche weiße Männer lassen
mittellose kenianische Frauen einen Vertrag unterschreiben, in dem sie sich
verpflichten, für amerikanische Paare Kinder auszutragen. Betty, eine der betroffenen
Frauen, erzählt Mugure davon:
„Sie verstehen das nicht. Es geht nicht um die Angst, ein Kind zu verlieren, nicht
einmal die Angst vor dem Tod. Es geht darum, das restliche Leben lang eine Sklavin
zu sein. Wir kommen aus dem Vertrag nicht mehr raus, wir haben ihn freiwillig
unterzeichnet. Wir müssen so lange Säuglinge hervorbringen, wie unsere Körper es
erlauben – ein Leben lang. Wir stillen unsere Kinder nicht einmal. Sie werden uns
weggenommen, sobald wir sie geboren haben. Anschließend haben wir drei Monate
Pause, dann ein neues Kind, manchmal Mehrlingsgeburten. Unsere Gebärmütter sind
lebenslang verpflichtet“.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
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Sendedatum: 27.10.2014
Wanjiku wa Ngugi: „Die Scheinheiligen“
Arme schwarze Frauen versus reiche weiße Männer – so simpel sind die Feindbilder
zum Glück nicht in Wanjiku wa Ngugis Roman. Insgesamt liegen die Sympathien der
Autorin aber ganz eindeutig auf der Seite der Frauen, vor allem derer, von denen man
sonst nichts erfährt und denen sie mit ihrem Buch eine Stimme geben will.
Wanjiku wa Ngugi ist die Tochter des berühmten kenianischen Autors Ngugi wa
Thiong'o. Wie ihren Vater und auch ihren Schriftsteller-Bruder Mukoma wa Ngugi lässt
sie ihre afrikanische Heimat offenbar nicht los, obwohl sie schon lange im Ausland lebt,
erst in den USA, heute in Finnland. Das Bild, das sie von Kenia zeichnet, ist düster: ein
korruptes Land, in dem es ganz gleich ist, wen man wählt, weil die Politiker ohnehin
alle gemeinsame Geschäfte machen. Ein armes Land, in dem Frauen sogar ihre
Körper verkaufen müssen. Und ein Land fest im Griff der Religion, unter deren
Deckmantel die schlimmsten Verbrechen begangen werden – deshalb der Titel des
Romans.
Aber die „Scheinheiligen“ ist weit mehr als ein Thriller, der einen frustrierten Blick auf
Afrika wirft. Wanjiku wa Ngugi handelt nebenbei noch allerlei andere harte Themen ab
– ein bisschen zu viele Themen vielleicht, die sie hier in kaum 300 Seiten presst. Sie
setzt sich mit den Identitätsproblemen von Afroamerikanern auseinander, mit der
Situation lateinamerikanischer Migranten in den USA, am Schluss geht es sogar ums
Klonen.
Auch literarisch kann man den einen oder anderen Einwand gegen „Die
Scheinheiligen“ erheben: Die Entwicklung der Hauptfigur, die innerhalb kürzester Zeit
vom naiven Luxusweibchen zur wild entschlossenen Verbrecherjägerin wird, ist nicht
ganz glaubhaft.
Auch die Sprache holpert manchmal ein wenig, vor allem die Dialoge über das Thema
Mann/Frau sind etwas holzschnittartig. Die Übersetzerin Wanda Jakob trägt ihren Teil
dazu bei – niemand fragt zum Beispiel auf Deutsch: „Was ließ dir ein Licht aufgehen?“
Trotzdem: In „Die Scheinheiligen“ erfährt man viel über die USA und Kenia und über
die Menschen, die sich dazwischen bewegen. Aber Wanjiku wa Ngugi hat keine
Sozialstudie, sondern einen spannenden Roman mit Krimi- und Thriller-Elementen
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
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Mosaik / Passagen
Sendedatum: 27.10.2014
Wanjiku wa Ngugi: „Die Scheinheiligen“
geschrieben. Und zum Glück hat sie ihre Erzählerin Mugure mit schwarzem Humor
und Selbstironie ausgestattet, was die beschriebenen Schrecklichkeiten etwas leichter
erträglich macht.
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Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
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Seele and Geist
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