close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

20141024 Juli Zeh Nachts sind das Tiere - WDR 3

EinbettenHerunterladen
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 24.10.2014
Juli Zeh: Nachts sind das Tiere
Rezensentin: Dana Buchzik
Redaktion: Adrian Winkler
Juli Zeh: „Nachts sind das Tiere“,
Schöffling Verlag 2014
360 Seiten, 22,95 €.
Internettext
Manchmal verstellt der scharfe Ton die brillante Analyse – ein neuer Essayband
versammelt publizistische Interventionen von Juli Zeh
Anmoderation
Die Schriftstellerin Juli Zeh hat im vergangenen Jahr mit ihrem politischen Engagement
für Furore gesorgt. Nachdem ihr offener Brief an Angela Merkel, der eine Aufklärung
der NSA-Spähaffäre forderte, trotz 78.000 solidarischer Unterzeichner ignoriert worden
war, startete sie mit 560 hochkarätigen Autoren die globale Initiative „Writers Against
Mass Surveillance“. Der globale Aufruf zur „Rettung der Demokratie im digitalen
Zeitalter“ fand über 220.000 Unterstützer. In Juli Zehs aktuellem Buch „Nachts sind das
Tiere“ sind Essays versammelt, die das Thema der menschlichen Freiheit aus
unterschiedlichsten Gesichtspunkten beleuchten.
Beitrag
Knapp 8.400 Fans hat Juli Zeh bei Facebook – mehr als so mancher etablierter Verlag.
Hier ruft sie zum Engagement gegen Überwachung auf, wirbt für Demonstrationen und
Initiativen, diskutiert mit den Usern über Artikel und Aufsätze. Die 39jährige ist nicht
erst seit Gründung einer globalen Schriftstellerinitiative gegen Massenüberwachung
eine
Galionsfigur
politischen
Handelns.
2008
etwa
reichte
sie
beim
Bundesverfassungsgericht eine Beschwerde gegen den biometrischen Reisepass ein,
2009
veröffentlichte
sie
mit
Ilija
Trojanow
eine
scharfe
Kritik
moderner
Bürgerüberwachung. Zudem schreibt sie regelmäßig politische Essays und fürs
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
1
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 24.10.2014
Juli Zeh: Nachts sind das Tiere
Theater: Ihr aktuelles Stück
„Mutti“ schickt eine bockige Kanzlerin wegen
Schweigsamkeit und Tatenlosigkeit in Therapie.
Auch in Juli Zehs neuem Essayband „Nachts sind das Tiere“, der 39 Texte aus fast
zehn Jahren publizistischen Schaffens umfasst, ist von Angela Merkel häufig die Rede.
Die deutsche Kanzlerin sei eine Mischung aus Außenhandelsvertreterin, Moderatorin
und Pressesprecherin, ihr politisches Profil habe das Zeug zur Quizfrage und ihre
Leistungen nach Amtsantritt hätten vornehmlich darin bestanden, nicht vom roten
Teppich zu fallen. Auch jenseits dessen fällt Zehs Ton reichlich knurrig aus:
„Stellt euch vor, es ist Staat, und keiner geht hin. Solange in einer Gemeinde mit,
sagen wir, 3000 Einwohnern genau zwei etwa 75jährige Rentner regelmäßig die
Sitzungen des Gemeinderats besuchen, während alle anderen noch nie etwas von
einem Gemeinderat gehört haben, kann der Ruf „Mehr Demokratie!“ eigentlich nicht als
Forderung gemeint sein. Es muss sich eher um einen guten Vorsatz handeln, zu
Silvester etwa, so ähnlich wie „Mehr Bewegung“ oder „Weniger Bier“.
Juli Zeh schimpft auf die Dummheit von Bürgern, denen die Fußball-WM wichtiger sei
als Hartz-IV-Debatten, fordert, dass man sich Zeit zum Lesen und Denken erkämpfen
müsse und schlägt vor, dass jeder Bürger Teile seiner Lohn- oder Einkommenssteuer
selbstständig auf politische Ressorts verteilen solle, auf Sachgebiete, die ihm am
Herzen liegen und in denen seiner Meinung nach gute Arbeit geleistet wird. Sie setzt
damit voraus, dass jeder Bürger neben seinem Broterwerb sehr viel Zeit darauf
verwenden kann, die nationale Politik in all ihren Facetten zu verfolgen. Und sie nutzt
Worte, die bei Gleichgesinnten offene Türen einrennen, andere jedoch weniger
überzeugen denn vor den Kopf stoßen können. Wenn sie Frauenrechtlerinnen
beschreibt, nutzt sie Attribute wie Igelfrisur, unlackierte Fingernägel und Aggressivität,
wenn es um Hacker geht, riecht es im Zimmer „verdächtig nach Randgruppe“, und wer
nicht Zehs Meinung vertritt, hat, Zitat, „überhaupt nichts verstanden“ und war
„offensichtlich während des kompletten 20. Jahrhunderts auf einen anderen Planeten
verreist.“
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
2
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 24.10.2014
Juli Zeh: Nachts sind das Tiere
Manchmal droht dieser scharfe Grundton die Brillanz von Zehs politischen Analysen in
den Hintergrund zu rücken. In 39 Texten beleuchtet sie aus unterschiedlichen
Perspektiven, wie Demokratie im digitalen Zeitalter umgedeutet wird und sich das Bild
vom Individuum verändert. Laut Zeh richten sich Hass und Ablehnung heute verstärkt
auf Einzelwesen: Topmanager beispielsweise, Steuersünder oder Terroristen. Letztere
sollen aus der Masse – und damit auch einer Masse von Daten – herausgefiltert und
präventiv handlungsunfähig gemacht werden. Die Autorin zeigt auf, wie Politiker und
Medien den Glauben befeuern, Kriminalität sei mithilfe von exzessiver Datenerhebung
vorhersagbar. So drohten Freiheitsrechte zum Luxusgut zu werden. Durch die Angst
vor Terrorismus, so Zeh, lässt sich für die Staatsgewalt das Notwehrprinzip beliebig
ausdehnen und umdefinieren – mit globalem Denken hat das wenig zu tun.
„Stattdessen wirken politische Kräfte in die entgegengesetzte Richtung, indem sie die
leicht zu bedienenden Ordnungsmechanismen aus Zeiten der Blockkonfrontation durch
einen neuen public enemy zu ersetzen versuchen. „Islamist“ statt „Iwan“, „Gottesstaat“
statt „Kommunismus“ – und die gegenseitigen Dämonisierungen, die kollektiv
geschlürften Cocktails aus Pauschalisierungen, Propaganda und Polemik bleiben die
gleichen.“
Mit eindringlichen Worten betont Juli Zeh, dass weder die Pflege von Vorurteilen noch
das Sammeln von Informationen gegen die Unberechenbarkeiten des Lebens
wappnen können. Sie erteilt hysterischen Medienberichten ebenso eine Absage wie
dem Glauben an nationale Politikverdrossenheit: Nicht die Bürger trauen der Politik
nicht mehr, vermutet sie, sondern umgekehrt.
Der von Zeh gestartete internationale Aufruf zur „Rettung der Demokratie im digitalen
Zeitalter“ hätte beispielhaft für die Macht einer neuen Bürgerbeteiligung sein können.
2013 sollten mit den gesammelten Unterschriften die Vereinten Nationen von einer
internationalen Konvention der digitalen Rechte überzeugt werden. Es stand im Raum,
dass der Schriftstelleraufruf in der UN-Generalversammlung vorgelesen oder auch ein
erneuter Aufruf gestartet würde. Seither gab es lediglich ein Treffen mit Martin Schulz,
dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, im April dieses Jahres. Diese
Begegnung findet jedoch im Essayband keine Erwähnung. Auch, ob und wie es mit der
Initiative gegen Massenüberwachung weitergeht, wird nicht weiter ausgeführt. So muss
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
3
Mosaik / Passagen
Sendedatum: 24.10.2014
Juli Zeh: Nachts sind das Tiere
am Ende der Leser zum Bürger werden, der sich selbstständig informiert und für seine
Rechte eintritt.
© Westdeutscher Rundfunk Köln 2014
Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript weder vervielfältigt,
noch verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich
gemacht ) werden.
4
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
10
Dateigröße
116 KB
Tags
1/--Seiten
melden