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Die Morgenandacht - Ndr

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Die Morgenandacht
Montag bis Freitag, ca. 5.56 Uhr (NDR Info) und 7.50 Uhr (NDR Kultur)
27. Oktober bis 1. November 2014: „Christliche Hoffnung“
von Samuel Elsner, Diakon in Bremerhaven
Was wäre der christliche Glaube ohne die Hoffnung auf das Leben, das Leben mit und in
Gott? Samuel Elsner, Diakon in Bremerhaven, setzt sich mit dieser Hoffnung, aber auch mit
dem Zweifel auseinander - und mit der Frage: Bist du Christ?
Redaktion:
Andreas Brauns
Katholisches Rundfunkreferat
Domhof 24
31134 Hildesheim
Tel: 05121-307865
www.ndr.de/kirche
Der Autor
Dieses Manuskript ist urheberrechtlich
geschützt und darf nur für private Zwecke des
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Genehmigung des NDR.
1
Montag, 27. Oktober - Lebensrhythmus
Die Winterzeit hat begonnen. Heute ist der erste Wochentag, an dem die Zeitumstellung im
unserem Alltag zu spüren ist. Manchen von uns fällt es leichter, anderen schwerer - die neue
Zeit in den Alltag zu integrieren. Wir Menschen sind angewiesen auf einen Rhythmus in
unserem Leben. Und wir wissen: wenn dieser Rhythmus durchbrochen wird, bleibt das nicht
ohne Folgen für uns und unseren Körper: Es kann zu psychosomatische Störungen kommen
oder zu anderen Krankheiten. Dem Leben einen Rhythmus, ja einen Rahmen zu geben, der
dauerhaft trägt, fällt heute immer mehr Mitmenschen schwer. Unser Leben wird von vielen
äußeren Einflüssen geprägt, die oftmals zu viel Flexibilität erfordern.
Dem Leben einen Rhythmus geben, das hat auch Jesus versucht, indem er zu seinen
Jüngern sagte: „Folgt mir nach!“ Lasst euch auf mich und meinen Weg ein. Dieser Weg Jesu
bestimmt den Lebensrhythmus von uns Christen. Allerdings fordert diese Nachfolge
ebenfalls Flexibilität - immer wieder neu zu hören, was Gott mir sagt! Gottes Wort will nicht
überfordern, es macht nicht krank, sondern will das Heil für uns Menschen.
Doch die Suchenden schauen kritisch auf die Kirche und damit wird es für sie nicht
unbedingt leichter, auf Jesu Spuren zu wandeln. Da ist die Institution mit ihren Lehr- und
Glaubenssätzen. Da gibt es Enttäuschungen über eine heilige Kirche, in der es menschelt
wie überall. Trotzdem wollen Frauen und Männer dem Sohn Gottes nachfolgen. Ihre
Sehnsucht ist groß. Doch wie kann der Weg Jesu dem eigenen Leben den Rhythmus oder
den Rahmen geben? In diesen Tagen müssen Sie und ich unseren Lebensrhythmus wieder
umstellen, anpassen. Vielleicht kann das auch eine Gelegenheit sein, Gott eine Zeit
einzuräumen. Es beginnt die Zeit der Kerzen, die Zeit der stilleren Momente. Und genau so
ein Moment kann zur inneren Erfüllung werden:
Wenn ich in das Licht einer Kerze schaue und sage: Du bist da! Du, Gott, bist da!
Das könnte der Anfang sein von einem guten Lebens-Rhythmus in der Winterzeit.
Dienstag, 28. Oktober - Am Grab
In diesen Tagen besuchen viele die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen, um sie
„winterfest“ zu machen. Das Laub wird entfernt und die Gräber werden mit Tannenzweigen
bedeckt. Manche entzünden auch eine Kerze … Ein Grab erinnert daran: Ich werde eines
Tages in die Ewigkeit gerufen. Auch mein Leben hier auf Erden hat dann ein Ende und ein
neues Leben beginnt. Wie das konkret aussieht, weiß niemand. Es bleiben also nur Glaube
und Hoffnung. Zum Glauben und zur Hoffnung gehört aber immer auch der Zweifel. Auch
wenn Sie das überrascht: Der Zweifel ist der Stachel im Ganzen, der unserem
Glaubensleben die Würze gibt. Ich gebe zu: Das kann manchmal auch anstrengend sein.
Vor allem diesen Zweifel auch auszuhalten. Mir hat mal jemand auf dem Friedhof nach einer
Beerdigung gesagt: „Das Stehen an einem Grab kann die Maßstäbe unseres Lebens wieder
gerade rücken.“ Ja, das Stehen an einem Grab relativiert manches. Was groß und wichtig
ist, erscheint plötzlich ganz klein. Und alle Sorgen und Nöte, die mich heute quälen, spielen
eines Tages keine Rolle mehr, weil ich die Welt verlasse und mich dem Himmel zuwenden
darf.
Das hoffe ich, das glaube ich, doch es bleiben Zweifel. Ich kenne Lebenssituationen in
denen ich mir vorgekommen bin wie gelähmt, ja wie tot. Da habe ich mich nach einem
tröstenden Wort gesehnt, nach Veränderung, nach Erlösung, nach Leben! Das tröstende
Wort wurde mir gesagt - und das Leben kam zurück. Ich konnte aufatmen, und dankbar neue
Wege gehen.
Katholisches Rundfunkreferat – www.ndr.de/kirche
2
Solche Erfahrungen könnten gelassener machen, sich mit der Wirklichkeit des Sterbens
auseinanderzusetzen:
Ich
persönlich
versuche
dem
Sterben
hoffnungsvoll
entgegenzusehen, weil es eben das Tor zu einem neuen Leben ist. Deshalb bete ich als
Diakon bei Trauerandachten und Beerdigungsfeiern stets darum, dass Gott auch unsere
persönlichen Leidens-Gräber aufreißen möge und so unser Leben in sein Leben ruft. Denn
Gott ist ein Gott des Lebens. Und dieses Leben beginnt bereits hier auf Erden! Vielleicht
kann in diesen Tagen der Besuch auf einem Friedhof tröstlich sein, weil ich spüre: Es gibt
etwas zwischen Himmel und Erde was ich nicht begreifen kann, aber als Suchender
vertrauensvoll Gott nennen darf.
Mittwoch, 29. Oktober - Aus dem Herzen
„Du sprichst mir aus dem Herzen.“ Das sagt jemand, der sich angesprochen fühlt von einer
Aussage, die ein anderer macht, die er aber selbst so nicht formulieren konnte. In unserem
Alltagsleben haben diese „Herzenssätze“ oft keinen Raum. Wir sprechen oberflächlich
miteinander. Ich erinnere mich an einen Patienten, den ich im Krankenhaus öfter besucht
habe. Er war sterbenskrank. Die Angehörigen wollten nicht, dass man den Patienten mit der
Wahrheit konfrontiert: Seinem nahen Tod. Und so erzählte man oberflächlich von der
nächsten Reise. Die würde man unternehmen, sobald der Kranke aus dem Krankenhaus
entlassen sei.
Der Kranke wiederum hat die Situation erkannt und sagte zu mir: „Sie kommen mit der
Wahrheit nicht zurecht, dass ich bald sterben werde.“ Das hat er in der Tiefe seines Herzens
gespürt. Doch er konnte mit seinen Angehörigen nicht darüber sprechen. Und die
Angehörigen ebenfalls nicht.
Ich kenne aus der Seelsorge viele Situationen, in denen Menschen um den heißen Brei
herumreden: Da ist die Frau, die mir sagt, dass sie dem Ehemann ihre Diagnose nicht
erzählen kann. Und da ist der Ehepartner, der nach dem Tod seiner Frau im Trauergespräch
betroffen zugeben muss: „Darüber haben wir nie gesprochen. Das ging irgendwie nicht“. Ich
habe erfahren: Für das richtige Sprechen ist auch ein richtiges Hinhören notwendig. Oftmals
misslingen Kommunikationsversuche, weil das Gegenüber nicht richtig „hinhört“ und somit
nicht mitbekommt, dass der Gesprächspartner etwas auf dem Herzen hat. Ich bin nicht auf
„Empfang“ eingestellt.
So kann es auch sein, wenn es um Gottes Stimme geht. Menschen sprechen zu Gott, sie
beten permanent, doch sie hören nicht hin. Eine einseitige Kommunikation ist das. Manche
räumen ihm Tag für Tag eine Zeit der Stille ein. In der sie immer tiefer in sich hinein hören.
Sie schweigen, bis sich die Stille füllt mit Gottes Wort. „Du sprichst mir aus dem Herzen.“ Wo
das gesagt wird, da sind sich zwei Menschen ganz nahe im Gespräch. Da sind sie auf
Empfang eingestellt. Sie sprechen miteinander - manchmal ohne viele Worte.
„Du sprichst mit aus dem Herzen“, mehr kann ein Mensch (auch) zu Gott nicht sagen.
Donnerstag, 30. Oktober - Fusion christlich gesehen
Wenn Firmen oder Einrichtungen sich zusammenschließen, dann verfolgen sie damit meist
ein Ziel: Sie wollen Kosten senken. Sie schließen sich zusammen, um ein gemeinsames Ziel
besser zu erreichen. Ein anderes Wort dafür ist Fusion. Auch Kirchengemeinden sind mit
diesem Thema konfrontiert: Sie schließen sich zusammen. Im Bistum Hildesheim werden
zum Monatsende einige Gemeinden in diesen „sauren Apfel“ beißen und fusionieren. Und
unseren evangelischen Geschwistern geht es ähnlich. Manche sehen dem mit Skepsis
entgegen und wehren sich. Warum fusionieren Gemeinden? Manche sagen: Damit es
weniger Sitzungen gibt und weniger bürokratischen Aufwand.
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Da ist was dran. Für mich verbirgt sich hinter einer Gemeindefusion aber etwas anderes: Es
erinnert mich daran, dass wir gemeinsam unterwegs sind im Glauben. „Es ist nicht gut, dass
der Mensch alleine ist“, heißt es im Buch Genesis. Das hat auch Auswirkungen auf unsere
Glaubenspraxis: Gemeinsam Glauben macht einfach mehr Spaß! Gemeinsam über und mit
Gott ins Gespräch kommen, gemeinsam Gottesdienste feiern - und dabei zu spüren: Ich bin
nicht allein als Christ unterwegs. Da wird Gemeinschaft, Gemeinde erfahrbar.
Aber jedes Zusammenschließen birgt auch die Gefahr, andere dadurch „auszuschließen“.
Diese Erfahrung gibt es auch bei Gemeindefusionen. Da fühlt sich eine Gruppe der einen
Gemeinde zurückgesetzt oder nicht mehr beachtet in der neuen Großgemeinde. Eine andere
Gruppe macht vielleicht die Erfahrung, dass sie keine Zukunft mehr hat oder sich mit
anderen zusammentun muss, um weiter bestehen zu können. Andere müssen sich vielleicht
ganz neu orientieren, um Kirche mit gestalten zu können. Dieser Wirklichkeit ins Auge zu
sehen kann wehtun! Aber es birgt auch die Chance, die anderen mit in den Blick zu nehmen,
sozusagen über den eigenen Kirchturm hinaus. Wirtschaftsbetriebe schließen sich
zusammen, um ein gemeinsames Ziel besser zu erreichen. Was ist das gemeinsame Ziel
der christlichen Gemeinde??
Die Gottsuche! Das ist der tiefere Sinn unserer Fusionen: Dass wir uns zusammenschließen, um gemeinsam Gott zu suchen - um so den Glauben im Hören auf Gottes Wort
zu erschließen.
Freitag, 31. Oktober - Bist du Christ?
„Bist Du Christ?“ Diese Frage habe ich oft gehört bei meinen Aufenthalten im Heiligen Land,
wenn ich auf arabische Bewohner traf, zum Beispiel in Bethlehem oder Nazareth. Ich habe
diese Frage als identitätsstiftend erfahren: Bist Du Christ? Die Herkunft ist egal, der Job ist
egal, der Inhalt des Portemonnaies ist egal. Als erstes galt es die Religion abzuklären: Bist
du einer von uns? Dann kam meistens die Frage, ob ich Lateiner bin oder orthodox - das
heißt, ob ich zum Beispiel der katholischen Kirche angehöre oder einer der orientalischen
Kirchen. Jede hat ihren eigenen Ritus. Christen im Heiligen Land stellen eine Minderheit dar,
unter zwei Prozent. Deshalb ist die erste Frage so wichtig: Bist Du einer von uns? Bist du
Christ?
Unsere evangelischen Geschwister feiern heute den Reformationstag. In den Tagen vor
Allerheiligen, im Jahre 1517, soll der Mönch und Theologieprofessor Martin Luther seine 95
Thesen angeschlagen haben - am Portal der Schlosskirche von Wittenberg. Ob es
tatsächlich so war, darüber streiten sich die Fachleute noch heute. Eines lässt sich nicht
bezweifeln: Luther wollte auf Missstände in der Kirche aufmerksam machen und das ist ihm
gelungen! Ausgangspunkt seiner Kritik war der Ablasshandel und der damit verbundene
Disput, ob man sich mit Geld die Reinheit der Seele und des Herzens erkaufen kann. Es war
sicherlich nicht die Intention von Martin Luther, die Kirche zu spalten …
In Jerusalem habe ich gelernt, auf das Verbindende zu sehen und nicht auf das Trennende.
Man könnte in unseren Kirchen vieles beklagen oder beweinen, weil vieles nicht passiert im
Aufeinander Zugehen. Die Herausforderung besteht darin, trotz allem auf das Verbindende
zu sehen: auf Christus und seine Botschaft, die froh machen will.
„Bist du Christ? Bist du einer von uns?“ Was würden Sie antworten, wenn jemand Ihnen
diese Fragen stellt? Würden Sie Ihre Konfession betonen, also die Tradition, in der Sie Ihr
Christsein leben? Oder würden Sie eher auf das Gemeinsame schauen? Auf den Auftrag,
den alle Christen haben: In der Verantwortung vor Gott die Welt zu gestalten, die Not der
Menschen zu sehen, zu handeln und dem Frieden zu dienen.
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Samstag, 1. November - AllerHeiligen
Am heutigen Tag feiert die katholische Kirche das Fest Allerheiligen. Der Name dieses
Festes verrät das Anliegen: Wir gedenken aller Heiligen. Wieder so ein verstaubtes Fest aus
alten Zeiten? Nein, denn das Fest Allerheiligen verbindet zwei Halbkreise, verbindet
Gegenwart und Vergangenheit.
Der eine Halbkreis, in dem leben wir: Die Lebenden, die wir durch die Taufe bereits hier auf
der Erde berufen sind heilig zu werden - oder sogar zu sein. Das haben die meisten
Getauften vergessen. Bei dem Wort heilig denken viele an besonders fromme Menschen.
Und da kommt der zweite Halbkreis ins Spiel. Er wird gebildet von den Heiligen, die vor uns
gelebt haben. Sie sind uns Christen heute vorausgegangen auf dem Weg des Glaubens.
Und zu diesem Weg gehören und gehörten immer Fragen und Unsicherheiten.
Wer heute einen realistischen Blick in die Biographien der Heiligen wirft, wird feststellen,
dass darunter größte Zweifler und Kritiker waren. Auch sie haben erfahren: Zum Glauben
gehören drei Elemente: Die Sehnsucht nach Gott, die Hoffnung auf Gott und der Zweifel.
Vielleicht mag das überraschen. Doch der Zweifel, die vielen Fragen und Unsicherheiten,
sind der Stachel, die Würze, im Leben.
Ich lebe ruhiger, wenn ich den lieben Gott einen guten Mann sein lasse und ihn auf Distanz
halte. Nur: Was ist dann mit meiner Sehnsucht und meiner Hoffnung? Am heutigen Festtag
Allerheiligen geht es vor allem um diese Hoffnung. Darum feiert die Kirche dieses Fest in den
Tagen, an denen besonders der Verstorbenen gedacht wird.
Ihre Hoffnung auf Gott hat eine Antwort gefunden. Sie alle - die Verstorbenen - wissen nun
mehr, als alle Christen zusammen glauben können. Und sie fügen sich ein in den Halbkreis
AllerHeiligen.
Und deswegen feiert die Kirche diese Heiligen. Sie sind in meinen Augen Vorbilder: Sie
spiegeln mir die Sehnsucht Trauer zuzulassen, sie zeigen mir die Hoffnung nicht aufzugeben
und Zweifel zuzulassen, ohne dabei Gott und die Mitmenschen aus den Augen zu verlieren.
Wenn ich so lebe, kann ich vertrauensvoll in die Zukunft schauen und bekomme eine
Ahnung, was mich nach diesem Leben erwartet, in der Schar aller Heiligen.
Katholisches Rundfunkreferat – www.ndr.de/kirche
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