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Die Morgenandacht - Ndr

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Die Morgenandacht
Montag bis Samstag, 5.55 Uhr (NDR Info) und 7.50 Uhr (NDR Kultur)
20. bis 25. Oktober 2014: „Hoffnung auf eine friedvollere Welt“
Henning Kiene, Hannover
Aus dem Ersten Weltkrieg wurde in seiner Familie nur bruchstückhaft erzählt - Henning Kiene macht sich trotzdem auf die Suche nach den Geschichten und nach Spuren der Hoffnung auf eine friedvollere Welt.
Redaktion: Claudia Aue
Evangelische Kirche im NDR
Redaktion Kiel
Gartenstr. 20
24103 Kiel
Tel: 0431 – 55 77 96 10
www.ndr.de/kirche
Dieses Manuskript ist urheberrechtlich
geschützt und darf nur für private Zwecke des Empfängers benutzt werden.
Jede andere Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung in der
Öffentlichkeit, Vervielfältigung, Bearbeitung, Übersetzung) ist nur mit Zustimmung der Ev. Kirche im NDR zulässig.
Die Verwendung für Rundfunkzwecke
bedarf der Genehmigung des NDR.
Der Autor
1
Montag, 20. Oktober 2014
Am Bahnhof pfeift eine Lokomotive, die ganze Stadt ist auf den Beinen. Soldaten in
grauen Uniformen verschwinden im dunklen Bahnhofsportal. Auf dem Platz davor:
Frauen, Kinder. Sie verabschieden sich. Von Musik wird berichtet, die habe gespielt
und von einer ersten Ahnung ist die Rede: Der Bahnhof verschluckt jetzt diese Männer und wird sie nicht wieder hergeben.
Von dieser Szene wurde in unserer Familie manchmal gesprochen. Sie spielt im
Herbst 1914: „Es war nicht richtig laut auf dem Platz“, hieß es, „Jubel?“, „Nein, eher
nicht!“, „Alle bewegten sich nur schemenhaft“. Auch die Großmutter meines Urgroßvaters ist gekommen. Sie umarmt ihren Enkel und steckt ihm eine Packung Zigaretten zu, die erste seines Lebens. „Das ist gut für die Nerven“, sagt sie. Das ist im Gedächtnis unserer Familie der einzige Originalton aus dem Ersten Weltkrieg. Was der
Urgroßvater während des Krieges wirklich erlebt hat, hat niemand von ihm erfahren.
Einige Fotos zeigen feldgraue Uniformen, er mit der Zigarette in der Hand. Von Verdun war die Rede. Urgroßvater: Vage sehe ich seine grauen, kurzen Haare, die trockene, faltige Haut, eine blaue Rauchwolke hüllt ihn ein. „Das ist gut für die Nerven!“,
der Satz wird zum Symbol: Hinter jedem Wort ein Irrtum, aber er vertraute diesem
Satz.
In vielen Familien redete niemand über die beiden Weltkriege. Dieses Schweigen
wurde vielen von uns zur Last. In der Bibel heißt es „Denn tausend Jahre sind vor dir
wie der Tag, der gestern vergangen ist“, einhundert Jahre sind aus dieser Perspektive keine Zeit. Die Spuren lassen sich auch heute noch lesen. Der alte Kristallaschenbecher steht im Schrank, einige Fotos, Feldpostkarten und die alte Taschenuhr. Und: „Das ist gut für die Nerven“- dieser Satz, dem mein Urgroßvater damals
Glauben schenkte.
Dienstag, 21. Oktober 2014
An langen Sonntagnachmittagen holte jemand den flachen, roten Karton aus dem
Wohnzimmerschrank. „Mensch ärgere Dich nicht“. Wir spielten am großen Tisch,
würfelten reihum, setzten unsere Figuren, alle wollten zuerst fertig sein. Aber es kam
oft ganz anders, kurz vorm Ziel, jemand wirft einen raus, die Spielfigur muss noch
einmal ganz von vorne beginnen. Auf dem Karton steht zwar: „Mensch ärgere dich
nicht“. Wir haben uns natürlich sehr geärgert.
Vor rund hundert Jahren hat der Erfinder des Spieles 3.000 dieser roten Kartons in
die Kriegslazarette liefern lassen. Dort wurde, so wird berichtet, dieses „Mensch ärgere Dich nicht“ begeistert angenommen. Schon um sieben Uhr haben sie, so
schreibt ein Soldat aus dem Lazarett, mit dem Spiel begonnen. Auch an der Front:
Die Männer spielten leidenschaftlich auf dem quadratischen Brett. Der Krieg geriet
während des Spielens wohl in Vergessenheit - wenigstens für einige Zeit. So banal
„Mensch ärgere Dich nicht“ ist, aus der Enge und Tiefe des Schützengrabens wirkte
die Vogelperspektive auf das Spielbrett vermutlich befreiend.
Es entstand ein Gegenbild zum Krieg: Das Spiel imaginierte verlässliche Wege und
gültige Regeln. Es kommt ohne den Tod aus: Selbst wer kurz vor dem Ziel heraus
geworfen wird, spielt mit allen seinen Figuren weiter. Das Ende des Todes ist das
Herzstück christlicher Hoffnung - fast könnte man sagen, diese Prämisse gehört auch
zum Regelwerk dieses Spieles.
Evangelische Kirche im NDR – www.ndr.de/kirche
2
Es gab im Krieg nur wenige Orte für echte, christliche Hoffnung. Dass solche Erinnerungen mit dem flachen, roten Karton aufbewahrt werden, wussten wir als Kinder
natürlich nicht. Manchmal flossen sogar große Kindertränen, wenn wir raus geworfen
wurden und wieder von vorne beginnen mussten. Anders die Männer im Krieg, die
genau das hofften: Irgendwie überleben dürfen und in echtem Frieden neu anfangen
können.
Mittwoch, 22. Oktober 2014
In einem Winkel unseres Kellers wurde ein Bündel mit Briefen meines Urgroßvaters
aufbewahrt. Mit einem roten Band waren sie liebevoll verschnürt. Über diesem Päckchen lag etwas Geheimnisvolles. Vor lauter Ehrfurcht haben wir Kinder es nicht einmal angefasst. Später sind uns die Briefe abhanden gekommen. Andere haben ihre
Brief- und Tagebuchbündel aus den Kriegszeiten aufgeschnürt. Auf einer Internetplattform1 kann man sie jetzt lesen. Hier kommen die Soldaten zu Wort. Ihr Zwiespalt
wird überdeutlich: In der Heimat waren sie Helden, dabei sind viele nur ganz verschreckte Menschen. „Das Held sein soll man dann lieber anderen Großen überlassen“, schreibt Fritz Niebergall2.
Ich lese seine Feldpost. Fritz ist Theologiestudent. Auf einem Foto sehe ich einen
hoch gewachsenen jungen Mann, ein nachdenkliches, schmales Gesicht. Aus der
Kaserne in Karlsruhe schrieb er während der Ausbildung: „der Dienst dauert nur von
sieben bis elf und von 12 bis sieben aber man ist dauernd in Anspannung“. Dann an
der Front, er im Schützengraben „drei Meter unter der Erde“, schreibt er: „Ihr macht
Euch keine Vorstellung von dem Schmutz, in dem wir leben.“ Später stellt er fest:
„Das rein geistige Lebe leidet Not. Dafür tritt das Empfinden und unmittelbare Erleben in den Vordergrund.“
Er erklärt den Krieg „als Reinigungsmittel für die Menschheit“ und scheint zu spüren,
wie falsch das ist. Denn reinigen kann nur Gott durch seine Gnade, dass muss der
Theologe doch auch gewusst haben. Fritz schreibt „wenn die Granaten sausen, hört
das Denken einfach auf.“ Am 18. Juli 1918 trifft ihn ein Schuss in den Kopf. Ein Kamerad informiert die Familie. Er schreibt etwas vom „Heldentod“. Gerne hätte ich den
roten Knoten doch noch gelöst, gelesen, was in unserer Feldpost stand. Vom Heldentod meines Urgroßvaters wurde vermutlich nichts berichtet. Er war dankbar und
ist sehr alt geworden. Für mich ist es Gnade, dass wir nach all der Schuld in Europa
im Frieden leben.
Donnerstag, 23. Oktober 2014
Im Spiegelschränkchen lag eine kleine gelbe Metalldose. Darin enthalten: klebrige,
rosa, in Watte gewickelte Kügelchen. Unser Vater erklärte „das ist: Ohropax“ und
demonstrierte, wie das funktioniert. Am Ende zitierte er: „Hast Du Ohropax im Ohr,
kommt Dir Lärm wie Stille vor.“3 Das war der Werbeslogan des Herstellers. „Pax
heißt“ sagte er weiter, „Frieden. Ohropax bedeutet also „Frieden für die Ohren“. Dieser Gehörschutz wurde während des Ersten Weltkrieges an die Soldaten verteilt.
1
siehe: http://europeana1914-1918.eu/de
siehe: http://europeana19141918.eu/de/collection/search?q=Niebergall&qf%5Bindex%5D%5B%5D=a&utf8=%E2%9C%93 (Stand:
01.09.2014)
3
siehe: Ein bisschen Frieden, BRAND EINS 10/05, S. 22f
Evangelische Kirche im NDR – www.ndr.de/kirche
2
3
Das Grollen der Front, das Krachen der Granaten, die verstörenden Schreie der
Verwundeten machten die Männer krank. Viele Soldaten fürchteten den Lärm des
Krieges mehr als den Tod.
„Gegen die Schallwirkung des Kanonendonners“, stand auf dem Beipackzettel der
Ohrenstöpsel. Natürlich wurde der Kriegslärm nicht zur Stille. Aber als Filter linderte
Ohropax und sorgte für etwas Abstand zum Wahnsinn. Wenn die Waffen auch nur
kurze Zeit schwiegen, behaupteten manche, sei der Gesang der Vögel sofort zurückgekehrt. Das Lied der aufsteigenden Nachtigall, die zwischen den Schützengräben
am Himmel stand, weckte überall Erinnerungen an den Frieden. In der Sehnsucht
nach Stille findet die Sehnsucht nach Frieden eine Heimat. Nicht der von Menschen
erfundene Gott, „der Eisen wachsen ließ“4 ist den Menschen nahe, sondern: Gott
gebietet dem Sturm Einhalt und bringt ihn zum Schweigen5. Um Gott zu hören
braucht es die Stille.
Diese gelbe Packung Ohropax erinnert mich daran: Frieden widerspricht dem großen
Lärm des Krieges. Die feinen, leisen Töne gehen unter im Krach der Waffen und den
zackigen Kriegsreden. „Bestes Nervenberuhigungsmittel“ stand auf der OhropaxPackung. Vielleicht war es nur die Illusion des kurzen Seelenfriedens und eine bescheidene Sehnsucht nach Gott.
Freitag, 24. Oktober 2014
Meine Großmutter lebt schon lange nicht mehr, aber ich habe sie noch immer deutlich vor Augen: Sie steht am Herd, kocht das Essen, konzentriert ist sie, ganz bei der
Sache, rührt kraftvoll. Der Löffel schabt hörbar über den rauen Boden des eisernen
Kochtopfs. Anbrennen geht ja schnell, und wenn bei all der Sorgfalt etwas schief
ging, kam das Essen trotzdem auf dem Tisch.
Jahrzehnte lang benutzte sie ihren Kochlöffel. Sie hat das Löffelholz nach und nach
ganz schräg gerührt. „Wisst ihr wie viele Kinder hungern?“, fragte Sie uns. Die Antwort stand fest: „Zu viele Kinder hungern, das ist furchtbar schlimm.“ Sie sprach von
den Wintern, von der „schlechten Zeit“, sie meinte die Hungerwinter nach den beiden
großen Kriegen. Sie hatte beide miterlebt. Damals schabte der Löffel in fast leeren
Töpfen, sie konnte kaum was Gutes auf den Tisch bringen. Oft war sie mit vor Hunger knurrendem Magen aufgewacht. Wie sich Hunger anfühlt, konnte sie nicht genau
erklären. Details behielt sie für sich, dass es eine furchtbare Zeit war, jedoch nicht.
Kein Essen kam in den Müll, auch kein altes Schulbrot landete im Papierkorb, das
war ein eisernes Gesetz.
Ich habe noch im Ohr, wie sie den Satz „Unser tägliches Brot gib uns heute“ im Gebet sprach. Da war eine Bestimmtheit in ihrer Stimme, die mir Respekt einflößte. So
innig und unmissverständlich betete sie, genauso wie sie kochte: kraftvoll, konzentriert sprach sie zu Gott. Hunger kenne ich persönlich nicht, aber diese besondere
Sorgfalt mit dem Essen und dem Beten ist so etwas wie ein Erbe, das meine Großmutter mir mitgegeben hat. Es hat seine Wurzeln im Krieg und noch in Friedenszeiten höre ich ihre Stimme: „Unser tägliches Brot gib uns heute“.
4
5
Ernst Moritz Arndt, 1812 (siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Vaterlandslied_(Arndt) am 24.09.2014)
siehe: 1.Könige 19,12 - Lukasevangelium 8,24
Evangelische Kirche im NDR – www.ndr.de/kirche
4
Samstag, 25. Oktober 2014
Mein Urgroßvater trug eine Taschenuhr. An einer langen Silberkette war sie vom
Knopfloch aus mit seiner Westentasche verbunden. Ab und an zog er sie bedächtig
heraus, ließ den Deckel aufspringen, las die Urzeit ab, schwieg. Das alles wirkte auf
mich so wunderbar gelassen. Gerne wäre ich zu ihm auf den Schoß geklettert, hätte
den Deckel mal auf- und zuklappen lassen, die Uhr ans Ohr gehalten.
Seine Bewegungen erzählten, so habe ich es später verstanden, ein Bibelwort nach:
„Meine Zeit steht in deinen Händen“6. Gemeint ist Gott und niemand anders. Mein
Urgroßvater war der einzige Taschenuhrträger meiner Kinderzeit. Alle anderen Erwachsenen trugen schicke Armbanduhren. Auf meinem Wunschzettel stand „Armbanduhr“. Geerbt habe ich seine Taschenuhr und die Geschichte, die sie erzählt.
Im Krieg vor hundert Jahren verschwanden die Taschenuhren. Sie waren in ihrer
Handhabung an der Front viel zu umständlich. Armbanduhren erwiesen sich als
zweckmäßiger. Zuerst tauschten nur die Offiziere ihre Taschenuhren, dann kam die
so genannte „Schützengrabenuhr“ für alle. Deren Glas war durch ein Gitter vorm
Zersplittern geschützt.
Auch mein Urgroßvater wird im Ersten Weltkrieg so eine Armbanduhr getragen haben. Doch später ist er zu seiner Taschenuhr zurückgekehrt. Seine Kriegserlebnisse
- die Rede war von Verdun, der Rest war meist Schweigen - legte er nie wirklich ab.
Aber die Armbanduhr legte er bei Seite. Fortan zog er wieder an der Kette, ließ den
Deckel aufklappen, las, schwieg.
Es war wie eine Demonstration: Mit wenigen Bewegungen protestierte der alte Mann
gegen den Krieg: „Meine Zeit steht in deinen Händen“, ich höre den Trotz der Bibel.
Diese Geschichte hat mein Urgroßvater mir vererbt. Zwischen Knopfloch und Westentasche, an einer silbernen Kette spielt sich eine kleine Friedensdemonstration ab.
6
Psalm 31,16
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