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1
Prof. Dr. Reiner Marquard - Freiburg
Vertrauensbasierte Hilfe beim Sterben
Zur Debatte um den assistierten Suizid1
Katholische Akademie Freiburg, 7. November 2014
Der Artikel referiert die momentane Debatte um den ärztlich assistierten Suizid, die vermutlich in drei Gruppenanträgen zur Entscheidung im Deutschen Bundestag münden wird. Der
Autor kritisiert die Absicht, dass Ärztinnen und Ärzten künftig den assistierten Suizid gesetzlich vollziehen können sollen. Eine solche Regelung wäre lediglich ein Durchgangsstadium
zur Tötung auf Verlangen (Niederlande, Belgien), weil es nicht um die Art des Suizids oder
der Tötung geht, sondern um die Abtretung eines Freiheitsrechts an einen Dritten, bzw. um
die Ansicht, dass aus einem Freiheitsrecht das Anspruchsrecht auf eine Rechtspflicht zur
Beihilfe oder zur Tötung erwächst. Der Autor fordert die Ärztekammern auf, ihrerseits aktiv
zu werden und den Handlungs- und Entscheidungsspielraum von Ärztinnen und Ärzten am
Lebensende angesichts neuer palliativmedizinischer Erkenntnisse (palliative Sedierung)
nicht restriktiv auszulegen, sondern Gewissensentscheidungen in einer unverwechselbaren
auf Vertrauen basierenden Beziehung zwischen Ärztin/Arzt und Patientin/Patient zu ermöglichen. Geschieht das, sind gesetzliche Regelungen nicht erforderlich!
2012 hatte die damalige Bundesregierung mit einem Gesetzentwurf zur Regelung der gewerbsmäßigen Suizidbeihilfe sich auch zum assistierten Suizid durch Ärztinnen und Ärzte
und Angehörige geäußert. Der Entwurf war im Kabinett und in einer ersten Lesung im Bundestag beraten, dann aber auf Eis gelegt worden, weil die CDU-Fraktion noch Beratungsbedarf sah. Die neue Regierung nahm das Thema wieder auf. Nach internen Abstimmungen in
den Regierungsfraktionen einigten sich die Fraktionsvorstände Ende April 2014 darauf, die
anstehenden Fragen im Parlament zu debattieren, um dann unter Umgehung des Fraktionszwangs auf dem Wege von Gruppenanträgen im Herbst 2015 zu einer Beschlussfassung zu
gelangen.
In einer Pressemitteilung zur Klausurtagung der Geschäftsführenden Fraktionsvorstände am
28./29. April 2014 heißt es: „Seit einigen Jahren sind in Deutschland Vereinigungen aktiv, die
Hilfeleistungen zur Selbsttötung anbieten. Wir müssen als Gesellschaft daher die Entscheidung treffen, ob wir diese Art von Sterbehilfe wollen.“2 Der Bedeutungsschwerpunkt der Debatte hat sich jedoch mittlerweile verschoben. Nicht die Frage nach den Sterbehilfeorganisationen bestimmt die Debatte, sondern die Frage nach der ärztlich erlaubten Suizidbeihilfe.
Seit Oktober liegt eine erste fraktionsübergreifende Stellungnahme von Peter Hintze, Dr.
Carola Reimann, Prof. Dr. Karl Lauterbach, Burkhard Lischka, Katherina Reiche und Dagmar
1
Vgl. Reiner Marquard, Menschenwürdig sterben. Vertrauensbasierte Palliativmedizin verus Tötung auf Verlangen, Leipzig 2014
2
Zit. nach Joachim Ochel, „Alles wird gut“? Theologische Anmerkungen zur Debatte um die Beihilfe zum Suizid.
– In: DtPfrBl 9/2014, (492-497) 493.
2
Wöhrl vor. „Wir halten es für ein Gebot der Menschenwürde, leidenden Menschen an ihrem
Lebensende zu helfen. Daher wollen wir das Selbstbestimmungsrecht der Patienten stärken
und es ihnen ermöglichen, den Wunsch nach einer ärztlichen Hilfe bei der selbst vollzogenen
Lebensbeendigung in Fällen irreversibel zum Tode führender Erkrankungen und schweren
Leidens zu äußern.“3 Überraschend hat Peter Hintze Anfang November sein EckpunktePapier modifiziert. Anstelle einer von ihm vorgeschlagenen gesetzlichen Regelung des ärztlichen Handelns könnte die Ärzteschaft selbst ihr Standesrecht neu definieren. „Wenn die Ärztekammern vorher tätig werden und sagen: Doch, in bestimmten extremen Ausnahmesituationen, die wir auch kennen, wollen wir dieser Gewissensentscheidung des Arztes Raum geben - dann brauchten wir keine staatliche Regelung.“4
Im zu erwartenden Verlauf ist mit zwei weiteren Positionsbestimmungen zu rechnen, die jeweils in Gruppenanträgen münden: Der weitest gehende Antrag würde die drei Gestattungen
regeln: Suizidbeihilfe durch Angehörige, Ärzte und Organisationen. Der aus dem Eckpunkte
Papier Hintze u.a. resultierende Antrag würde die persönliche und ärztliche Assistenz regeln,
die organisierte Hilfe aber untersagen. Das Eckpunkte-Papier deckt sich in seinen Grundaussagen mit den Forderungen des Palliativmediziners Gian Domenico Borasio, des Medizinjuristen Jochen Taupitz und der Medizinethiker Ralf J. Jox und Urban Wiesing, die am 26.
August 2014 in München ihren - in Anlehnung an die im US-Bundesstaat Oregon geltenden
Regelungen - Gesetzesvorschlag zur Regelung des assistierten Suizids vorgestellt hatten.5
Ein dritter Vorstoß würde keinerlei Änderungsbedarf sehen und damit sowohl den ärztlichen
wie die organisierte Beihilfe nach wie vor untersagen.
Die Diskussion zu grenzgängigen Formen der Sterbehilfe wurde seit nahezu 20 Jahren prominent von Hans Küng - und bis zu dessen Demenzerkrankung auch von Walter Jens – geführt.6 Im dritten Band seiner 2013 veröffentlichten Lebenserinnerungen teilt Hans Küng der
Leserschaft seine Entscheidung mit, angesichts einer „unbefriedigende(n) Rechtslage in
Deutschland“ sich gezwungen zu sehen, „einer Sterbehilfeorganisation in der Schweiz beizutreten.“7 Das Erleben der Demenzerkrankung seines Freundes Walter Jens und das Erleben
der Parkinsonerkrankung eines Freuendes festigen seinen Entschluss: „Mir soll Ähnliches
nicht geschehen. … Ich will nicht als Schatten meiner selbst weiter existieren.“8 Als Schatten
seiner selbst definiert er „eine Reduktion des menschlichen Lebens auf ein rein biologisch3
16. Oktober 2014: Eckpunkte zur Regelung der Sterbehilfe. Manuskript 4 S.: Sterben in Würde – Rechtssicherheit für Patienten und Ärzte, S. 1.
4
Zit. Nach F.A.Z. Nr. 261 vom 10. November 2014, S.1.
5
Gian Domenico Borasio, Ralf J. Jox, Jochen Taupitz, Urban Wiesing, Selbstbestimmung im Sterben – Fürsorge
zum Leben. Ein Gesetzesentwurf zur Regelung des assistierten Suizids, Stuttgart 2014.
6
Vgl. dazu Marquard, Menschenwürdig sterben, 18-20.23.30-33.40-46.48f.67f.
7
Hans Küng, Erlebte Menschlichkeit. Erinnerungen, München/Zürich 2013, 652.
8
A.a.O., 649 (ebenso a.a.O., 646).
3
vegetatives Leben.“9 Küng verbindet sein Schicksal mit dem Besitz bestimmter Eigenschaften. „Ein Gelehrter, der nicht mehr schreiben und lesen kann? Was dann?“10 Verortet sind
diese Eigenschaften als „kristalline“ Intelligenz11 anatomisch im Gehirn, das durch seine
funktionierende Existenz geradezu als Sinnzentrum seines Lebens verstanden werden
muss. „Auf keinen Fall möchte ich, wie manche andere, den Zeitpunkt meines rechtzeitigen
Abschieds verpassen.“12 Das Recht auf (Weiter-)Leben begründet keine Pflicht zum (Weiter-)
Leben, vielmehr „(hat) der Mensch … ein Recht zu Sterben, wenn es keine Hoffnung mehr
gibt auf ein humanes Weiterleben.“13.
Der Öffentlichkeit geht das nicht weit genug. Wenn Selbstbestimmung einen Weihestatus in
der augenblicklich geführten Debatte genießt, dann ist nicht einzusehen, dass die Selbstbestimmung am Ende des Lebens abhängig gemacht werden soll von ärztlichen Begutachtungen etc. Selbstbestimmt wird gefordert, dass die Tatherrschaft vom Suizidenten auf den Arzt
wechseln soll. Laut einer Emnid-Umfrage ist „die Mehrheit der Deutschen … offenbar dafür,
dass Mediziner sterbewillige Schwerstkranke auf deren Wunsch hin töten dürfen. … Danach
liegt die Zustimmung in den östlichen Bundesländern sogar bei 71 % gegenüber 51 % im
Westen. Dass Ärzte ein tödliches Medikament bereitstellen, mit dem sich aussichtslos Erkrankte ihren Todeswunsch selbst erfüllen, hielten mit 57 % fast gleich viele Befragte richtig.
Eine strikte Ablehnung der Sterbehilfe … wurde … nur von 17 % unterstützt.“14
Es ist nicht davon auszugehen, dass wir jetzt in diesem Moment sozusagen als Gruppe aus
den 17 % versammelt sind, sondern wir werden jetzt auch hier – vermutlich in Brechungen –
die unterschiedlichen und womöglich widerstreitenden Optionen mehr oder weniger betroffen
und engagiert unterstützen. Mir begegnen im Rahmen öffentlich geführter Debatten mehr
9
A.a.O., 614 (ebenso a.a.O., 651). Die Einschätzungen Hans Küngs von Krankheitserleben sind ganz und gar
abhängig von dem 1993 in Amerika erschienen Buch „Wie wir sterben“ von Sherwin B. Nuland (vgl. H.Küng,
Erlebte Menschlichkeit, 613.617.724). Neuere Erkenntnisse zur Demenz-Forschung wurden nicht berücksichtigt.
10
A.a.O., 645.
11
A.a.O., 649.
12
A.a.O.,701. Küng (a.a.O.,616f) zitiert Inge Jens, die nach der Veröffentlichung der Demenzerkrankung ihres
Mannes 2008 in einer ersten Reaktion festgestellt hatte: „Den Zeitpunkt, seinem Leben ein Ende zu machen,
den hat er im wahrsten Sinne des Wortes verpasst“ (epd-Wochenspiegel 15/2008, 22). Leider referiert Küng
nicht ihr sehr viel differenzierteres „Nachwort in eigener Sache “: „Aber ich erfahre, dass es – im Augenblick –
nicht meine wichtigste Aufgabe ist, meinen Mann zu einem humanen – das heißt ihn nicht von sich selbst entfremdeten – Sterben zu verhelfen, sondern zu einem Leben, dass, allen Einschränkungen und Schrecknissen, ja,
allem Sich-selbst-abhanden-gekommen-Sein zum Trotz, menschenwürdig – das heißt Verzweiflung und Freude,
Demütigung und Anerkennung bergend – genannt werden darf. Ich versuche, das alte deutsche Wort ‚anheimstellen‘ neu zu buchstabieren, ohne die Instanz, der ich ‚anheimstelle‘, benennen zu können und zu wollen“
(210).
13
Hans Küng, Sterbehilfe? Thesen zur Klärung. – In: Walter Jens und Hans Küng, Menschenwürdig sterben. Ein
Plädoyer für Selbstbestimmung. Mit Beiträgen von Inge Jens, Albin Eser und Dietrich Niethammer, München/Zürich 2009, (213-235) 232.
14
epd-Wochenspiegel. Deutschlandausgabe Nr. 39_2014,S. 17.
4
und mehr verzweifelte, verbitterte und bisweilen regelrecht aufgebrachte Disputanten, die
ungeduldig auf die ihnen gemäße Regelung setzen. Die Debatten verlaufen mitunter kontraproduktiv und die Diskurslinien erscheinen wir Frontlinien. Offensichtlich spüren wir alle, dass
es an der Zeit ist, Entscheidungen zu fällen und wir alle spüren, dass diese Entscheidungen
nicht folgenlos bleiben werden. Je unterschiedlicher die Auffassungen sind, desto größer ist
das Potential in diesem oder jenem Fall der Entscheidung verletzt und enttäuscht zurückzubleiben.
Die Sorgen und Ängste so vieler Menschen, die an der Schwelle zur letzten Lebensphase
stehen, sind verständlich und nachvollziehbar. Viele, die allein leben, sind zwar nicht einsam,
aber die sozialen Bezüge wollen oder können nicht beansprucht werden für eine „Sicherung
der Teilhabe am biographisch relevanten Leben“ auch und gerade am Lebensende.15 Solange das Altsein (Krankheit und Pflege) sozialpolitisch defizitorientiert angeschaut und geregelt
wird, haben die Appelle von der Fürsorge am Lebensende einen zynischen Beigeschmack.
Umgekehrt gilt aber wohl auch: „Der Wunsch nach der Landschaft / diesseits der Tränengrenze / taugt nicht, der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten, / der Wunsch, verschont zu
bleiben, / taugt nicht“ (Hilde Domin).16 Es geht um Freiheit. Der Mensch ist zur Freiheit bestimmt. Das unterscheidet die Kultur von der Natur. Der Mensch hat die Wahl, wie er seine
Freiheit lebt. Er muss sich entscheiden. Delegieren kann er diese Freiheit nicht, sie verbleibt
ihm als ‚innerer Wert‘ unter allen Bedingungen. Er kann nicht einen anderen bitten, für ihn
frei zu sein. Deshalb ist das Freiheitsrecht, sich suizidieren zu können, seiner Bestimmung
nach auch kein Anspruchsrecht, aus dem für den Staat eine Rechtspflicht zur Organisierung
von Beistand durch Dritte hervorgehen könnte.17
Von der Individual- zur Sozialethik: Eine Medizin, die uns immer älter werden lässt, aber allein lassen würde, wenn wir alt und lebenssatt geworden sind, wäre eine inhumane Medizin.
Sie wäre vernarrt in den Augenblick, der bekanntermaßen schön ist - jedoch nicht verweilt.
Eine Medizin darf nicht zum Erfüllungsgehilfen einer Tyrannei des immerwährenden gelingenden Lebens werden! Wo Gesundheit und Selbstbestimmung zu Götzen werden, bricht
die „Apotheose der Stärke“18 in sich zusammen, weil Krankheit, Schwäche und Fürsorge lediglich als Negativfolien für einen andauernden Fortschrittsprozess verdrängt - doch nicht
15
Thomas Klie, Wen kümmern die Alten? Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft, München 2014, 33.
2
Hilde Domin, Bitte. – In: Dies., Gesammelte Gedichte, Frankfurt am Main, 1987 , 117.
17
Vgl. auch Frank Mathwig, Zwischen Leben und Tod. Die Suizidhilfediskussion in der Schweiz aus theologischethischer Sicht. Beiträge zu Theologie, Ethik und Kirche. Hrsg. v. Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund
SEK, Band 5, Zürich 2010, 152-169.
18
Gunda Schneider-Flume, Leben ist kostbar. Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens, Göttingen 2002, 93.
16
5
vermieden werden können.19 Vielmehr darf das Selbstbestimmungskonzept sein durch die
Aufklärung erstrittenes Niveau nicht dadurch unterlaufen, dass es sich unter keinen Umständen vorstellen kann, auch und gerade unter der Perspektive der eigenen Souveränität in eine
Abhängigkeit selbstbestimmt einwilligen zu können. Selbstbestimmung hat keinen Weihestatus an sich, sondern erweist sich immer auch in ihrer sozialen Einbindung. Dann aber kann
die ‚Weihe‘ zur Selbstbestimmung nicht automatisch die Entsakralisierung beistehender Hilfeleistungen bedingen. Der Begriff der Würde ist nicht teilbar. Auch Ärztinnen und Ärzte haben Würde und dürfen nicht durch ein zweifelhaftes Ethos der Assistenz beim Suizid in ihrem
Ethos instrumentalisiert werden.
Sollte der Bundestag sich für eine gesetzliche Regelung des assistierten Suizids durch Ärztinnen und Ärzte entscheiden, wird dies unabweisbar einen sozialen Druck auf Demenz- und
Schwerkranke auslösen. Schon jetzt sind Angehörige in der Begleitung von Demenz- und
Schwerkranken in vielfacher Hinsicht überfordert. Der Umgang mit Leid kann auch dazu führen, nicht mehr hinschauen zu können und gar zu wollen. Sollte der assistierte Suizid der
Ausweg sein? Ein Suizid hinterlässt 5-7 traumatisierte Personen. Auf Evidenz basierende
Medizin könnte geradezu zynisch kostengünstigere Versionen eines ökonomisch sozialverträglichen Ablebens im Angebotskatalog bereithalten. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt?
Den Erkrankten könnte dann –gesellschaftlich sanktioniert – geraten werden, nicht unbedingt
nach anderen (palliativmedizinischen) Lösungen suchen zu sollen. Was man auf der einen
Seite nicht mehr begehren soll, muss man auf der anderen Seite nicht mehr unbedingt vorhalten. Der Einstieg in den assistierten Suizid könnte der Palliativmedizin und Hospizarbeit
das Leben unnötig schwer machen.
Von der ärztlich assistierten Suizidbegleitung wird ein direkter Weg zur aktiven Sterbehilfe
führen, zur Tötung auf Verlangen. Beim Suizid liegt die Tatherrschaft beim Suizidenten, bei
der Tötung auf Verlangen liegt sie beim Arzt. Die Pointe der Selbstbestimmung liegt aber
m.E. genau darin, dass der, der sich das Ende seines Lebens herbeiwünscht, nicht nur die
Mittel dazu in die Hand gegeben bekommen will, um dann regelrecht allein gelassen zu werden, sondern er möchte, dass man ihm dieses Mittel auch indiziert! Und was ist eine Selbstbestimmung wert, die am Ende abhängig ist von der Begutachtung und Gestattung ärztlicher
Expertisen und schlussendlich den Leidenden (also den Passiven) doch wieder im Sinne der
Tatherrschaft zum Akteur macht?! Nichts anderes sehen aber die Entwürfe von Hintze u.a.
sowie Borasio u.a. vor. Selbstbestimmt ist nur der Wunsch - ob er sich erfüllen lässt, entscheiden andere. Deshalb wird die mögliche gesetzliche Regelung zum assistierten Suizid
19
Vgl. hingegen zum Gedanken der medical futility Marquard, Menschenwürdig sterben, 48f.133f.
6
nur ein Durchgangsstadium sein zur Forderung auf Tötung auf Verlangen. Belgien und die
Niederlande haben diesen Weg konsequent beschritten.
Wir sind auf einer abschüssigen Bahn, die die Bedeutung des Arztes immer mehr zum
Dienstleister herunterspielt und den Patienten zum Kunden deklariert. Die Medizin ist aber
weder iatrogen noch auf Patientenwunsch hin dazu bestellt, Gesundheit und Krankheit zu
medikalisieren. Viktor von Weizsäcker prägte im Verhältnis Arzt-Patient 1926 den Begriff der
Gegenseitigkeit.20 Es geht um ein basales Vertrauen zueinander, das keine gesetzlichen
Regelungen verträgt, die die Freiheit dieser Verhältnisbestimmung trüben. Dann aber muss
von Ärztinnen und Ärzten erwartet werden, dass sie bereit sind im Gespräch mit ihren Patientinnen und Patienten gewissensgebundene Entscheidungen zu treffen, die beiden etwas
geben und beide etwas kosten. Vertrauende Gegenseitigkeit (Simon Peng-Keller spricht im
Hinblick auf das Grundvertrauen von „akzeptierter Verletzlichkeit“21) kann dann auch zu Entscheidungen führen, die in der Tat einen tödlichen Ausgang nehmen kann. Im Einzelfall kann
und darf nicht ausgeschlossen sein, dass eine unabwendbare ausweglose Situation als ultima ratio einen ärztlichen Beistand unumgänglich macht. Dazu aber bedarf es keiner rechtlichen Absicherungen, sondern persönliche Verantwortungsübernahme auf beiden Seiten.
„Um den Arzt zu stärken, müsste die Ärzteschaft aber die ärztliche Gewissensentscheidung
unter bestimmten Voraussetzungen anerkennen“.22 Der augenblickliche Rekurs auf standesrechtliche Regelungen der ärzteschaftlich organisierten Vereinigungen ist nicht wirklich hilfreich, sondern provoziert geradezu auf der anderen Seite die Forderung nach gesetzliche
Regelungen.23
Die Kenntnisse in weiten Teilen unserer Gesellschaft über Aufgabe und Erfolge der Palliativmedizin sind mangelhaft. Was passive oder indirekte Sterbehilfe bedeuten, was palliative
Sedierung im Grenzfall ermöglicht, das ist zu wenig bekannt und muss doch bekannt gemacht werden. Vor allem wissen wir zu wenig über die Möglichkeiten der palliativen Sedierung als legale und legitime Therapie am unmittelbaren Lebensende.
In der Badischen Zeitung24 erschien eine Rezension des neuen Buches von Hans Küng. Der
Rezensent (Gerhard Kiefer) hat ein Buch rezensiert, das er nicht zu Ende gelesen hat. In
seinem Buch Glücklich sterben?25 wiederholt Küng, was er zuvor in zahlreichen Publikationen bereits veröffentlicht hatte. Gerhard Kiefer referiert das Plädoyer Küngs für das Recht,
20
Vgl. Marquard, Menschenwürdig sterben, 36-39.
Vgl. A.a.O., 82.140.
22
Christiane Woppen in: Der Spiegel, 6/2014, S. 36f.
23
Zur palliativen Sedierung vgl. Marquard, Menschenwürdig sterben, 61-67.
24
BZ vom 4.11.2014, S. 4.
25
Hans Küng, Glücklich sterben? Mit dem Gespräch mit Anne Will, Zürich 2014.
21
7
Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Die letzten beiden Seiten sind dem Rezensenten entgangen.26 Küng berichtet, dass er während der letzten Vorbereitungen zur Drucklegung des
Buches eine schwere gesundheitliche Krise durchlebt habe. „Buchstäblich über Nacht schien
mir die Kontrolle über (m)ein Leben aus den Händen zu gleiten – ein Zustand, der sich erst
nach Wochen intensiver medizinischer Betreuung allmählich besserte. Es war genau jene
Erfahrung, die ich unbedingt vermeiden wollte: womöglich nicht mehr selbstbestimmt über
Leben und Sterben entscheiden zu können, den Zeitpunkt womöglich ‚verpasst‘ zu haben. …
Die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen und Wochen gemacht habe, haben mich darin bestärkt, dass jeder Mensch zunächst einmal auch in einer gesundheitlich schweren Krise alles
medizinisch Mögliche zur Wiederherstellung seiner Gesundheit und seiner Heilung unternehmen sollte.“ Man reibt sich die Augen und erkennt seinen Küng nicht mehr, den man seit
20 Jahren gelesen hat. Das Eingeständnis Hans Küngs bedeutet ja doch auch, dass mit der
Wiederherstellung des Kranken auch die vorrübergehende und im guten Fall mit dem Arzt
abgestimmte Preisgabe der Selbstbestimmung einhergeht. In einem anderen Kontext (Walter Jens‘ Demenzerkrankung) schrieb Küng vom „Anheimstellen“. 27 Gleichwohl. Hans Küng
bleibt bei seinen Überzeugungen: „Nach durchlebter Krise ist diese existenzielle Betroffenheit stärker denn je, meine Überzeugung unverändert.“
Jedweder Unmenschlichkeit am Lebensende ist zu widerstehen. Aber es ist ihr nur so wirksam zu widerstehen, indem die Menschlichkeit unserer Gesellschaft insgesamt keinen
Schaden leidet.28 Nicht das Sterben durch eine andere Hand, sondern das Sterben an einer
Hand sollte die gedankliche Regie in der Debatte um den assistierten Suizid und der Tötung
auf Verlangen führen.29
Prof. Dr. Reiner Marquard ist Rektor der Evangelischen Hochschule (EH) Freiburg. Er lehrt
als Sozialethiker an der EH Freiburg im Kontaktstudiengang Palliative Care sowie im Masterstudiengang Pallative Care der Albert-Ludwigs Universität Freiburg und arbeitet mit im
Freiburger Arbeitskreis Palliativmedizin. 2014 erschien sein Buch: Menschenwürdig sterben.
Vertrauensbasierte Palliativmedizin versus Suizidbeihilfe und Tötung auf Verlangen, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 150 S., ISBN 978-3-374-03901-2.
26
Postscriptum aus aktuellem Anlass. – A.a.O., 158f.
Vgl. Marquard, Menschenwürdig sterben, 68; s. o. Anm. 12.
28
Vgl. auch Ochel, „Alles wird gut“? 496.
29
Vgl. Marquard, Menschenwürdig sterben, 19.
27
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